Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

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Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

Zwischen Krise und Krieg 15

Risiken einzugehen beim eigenen, möglichst radikalen Engagement – in

Frontstellung zu einer sich mehr und mehr in ihren Widersprüchen verkrampfenden

Gesellschaft – sei an der Tagesordnung. „Ich glaube“, resümiert

Benda, „die ganze jüngere Generation (und sie bekennt sich ja, rechts

wie links, fast ausnahmslos zu Nietzsches Gedankenwelt: von Thierry-

Maulnier über Guéhenno bis zu André Malraux) würde sich solidarisch

erklären mit dem Wort aus der Götzendämmerung: ‚Den freien Mann ekelt es

vor jenem erbärmlichen Behagen, das ein Traum ist der Krämer, der Christen,

der Kühe, Weiber, Engländer und sämtlicher Demokraten‘.“ 5

Für die jungen mit dem Faschismus sympathisierenden Intellektuellen

erwähnt Benda, außer Thierry-Maulnier, Robert Brasillach; er hätte auch

Lucien Rebatet und Bertrand de Jouvenel nennen können sowie die wenig

älteren Céline und Drieu La Rochelle, die sich zu Stars der Collaboration

mausern werden. Für die jungen Linken erwähnt er Jean Guéhenno: er hätte

Aragon sowie Sartres Freund Paul Nizan hinzufügen können, der soeben für

seinen marxistisch inspirierten Roman La Conspiration (Die Verschwörung)

mit dem Prix Interallié ausgezeichnet worden war.

Für die Vorkriegsgeneration, die inzwischen über 60jährigen, nennt

Benda stellvertretend Romain Rolland und Giraudoux; er hätte ebenso

Valéry, Gide und Claudel anführen können; und dann jene (aber sie hätten

in seine Gegenüberstellung nicht gepaßt), die sich bei den jüngeren außerhalb

seiner Kategorien bewegten: angefangen bei den Sürrealisten um Breton,

dann den Gründern des Collège de Sociologie wie Roger Caillois und

Georges Bataille, den jungen ‚Personalisten‘ um Emmanuel Mounier und

Denis de Rougemont und die Zeitschrift Esprit.

Fast scheint es, als hätte die politisch fiebrige Vorkriegsatmosphäre,

einem giftigen Aphrodisiakum gleich, die literarische Produktivität gesteigert

die natürlich jene selbst in Frankreich seltene Akkumulation von Talenten

voraussetzte, von Benda beschrieben als Gleichzeitigkeit der ungleichzeitigen

Generationen. Die literarisch keinesfalls arme Periode der

Okkupation, in die hinein diese Phase sich verlängert, kann vielleicht ebenso

sehr unter dem Aspekt der Kontinuität wie dem des Bruchs gesehen werden.

*

„Alle Gedankengänge“, schreibt Alfred Kantorowicz in seinen Erinnerungen

Exil in Frankreich, „führten zurück zu jenem Tiefpunkt der Geschichte am

30. September 1938, als von Chamberlain und Daladier im Namen Großbritanniens

und Frankreichs in München die Tschechoslowakei ausgeliefert

wurde“ 6 . Und er zitiert aus Thomas Manns damals entstandenem Essay

5

Ebd., S. 1006.

6

Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich. Merkwürdigkeiten und Denkwürdigkeiten, Bremen:

C. Schünemann 1971, S. 26–27.

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