Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

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Das Münchner Abkommen und die Intellektuellen. Literatur ... - Narr

Zwischen Krise und Krieg 17

Sehr vereinfacht gilt für die Periode von 1933–1939 in Europa, daß wesentlich

drei Kräfte mit dem Anspruch auftreten, stellvertretend für den Kontinent

zu sprechen:

die liberalen Demokratien, vor allem Frankreich und Großbritannien;

die faschistischen Staaten unter Führung von Italien und dem Deutschen

Reich;

die Sowjetunion, als einziges Land, in dem der Kommunismus an der

Macht ist, auf das sich jedoch zahlreiche kommunistische Parteien in der

Mehrheit der europäischen Länder stützen.

Diese drei politischen Kräfte operieren mit einer ähnlichen Strategie hinsichtlich

ihrer Selbstdarstellung und ihrer Propaganda: bei dem mehr oder

weniger affirmierten Ziel, ihre Hegemonie auf ganz Europa auszudehnen,

suchen sie sich der Loyalität der je eigenen Bevölkerung zu versichern, indem

sie ein negatives Amalgam der je anderen beiden Kräfte präsentieren.

Aus Sicht der bürgerlichen Demokratie sind Faschismus und Kommunismus

beide Erscheinungsformen des Totalitarismus: die rote Diktatur und

die braune gleichen sich. Die eine wie die andere wetteifern im Kult um den

charismatischen Führer (Mussolini, Stalin, Hitler), die Macht liegt bei einer

staatlichen Einheitspartei; die Politik der Beeinflussung, so wie sie die

Machtzentrale definiert, ist feindlich gegenüber jedem Pluralismus und

führt zu Kollektivismus und Militarisierung der Gesellschaft.

Aus faschistischer und nationalsozialistischer Perspektive sind Liberalismus

und Marxismus Zwillingsbrüder, auch wenn sie in unterschiedlichen

historischen Epochen in die Welt traten. Gemeinsam ist ihnen der abstrakte

Materialismus (das Geld, die Massen). Die Quelle allen Übels sind die Ideen

von 1789 und ihre unheilvollen Folgen: die Emanzipation der Juden, der

Frauen und der Arbeiter.

Die Juden spielen folgerichtig die entscheidende Rolle in beiden Lagern

(Plutokratie, Bolschewismus), die einander korrespondieren. Die organische

Einheit, das harmonische Wachstum, Blut und Boden, Volk und Nation stehen

unter der Bedrohung unmittelbarer Entartung, geraten sie unter ihren

Einfluß.

Von marxistischer Warte aus erscheint der Faschismus als extreme und

äußerste Form des Liberalismus, der in seine Endkrise geraten ist und sich

zuvor nur pseudodemokratisch verhüllt hatte. Beide Ideologien sind der

Arbeiterklasse und dem Volk feindlich. Sie verteidigen das Privateigentum,

einen Überrest der bürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts, eine Welt, von

der man weiß, daß sie – zumindest seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 –

zum Untergang verurteilt ist. Der Faschismus wird (laut Dimitrow 1935)

definiert „als offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten

chauvinistischen, am meisten imperialistischten Elemente des Finanzkapitals“

11 .

11 Sachwörterbuch der Geschichte Deutschlands, Berlin: Dietz 1969, S. 978.

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