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SÜDKURIER

13.02.2013 01:48 | TILMANN P. GANGLOFF

Filmkritik zu „Ende der Schonzeit“

Kultur - Das im Schwarzwald entstandene Drama "Ende der Schonzeit" erzählt von einer

ungewöhnlichen Dreiecksgeschichte.

Der Schwarzwälder Landwirt Fritz (Hans-Jochen Wagner, li) hat den jüdischen Flüchtling

Albert (Christian Friedel) aufgenommen, versteckt ihn vor den Nazis und gibt ihm auf seinem

Hof Arbeit. Aber jetzt will er etwas von ihm. Albert soll mit seiner Frau ein Kind zeugen…

Bild:

Film und Fernsehen haben wahrlich schon viele Dreiecksgeschichten erzählt, aber dieses

Spielfilmdebüt von Franziska Schlotterer ist eine der ungewöhnlichsten. Neudeutsch würde

man das Abkommen der Beteiligten einen Deal nennen.

Aber zur Sache: Damals, 1942, sagte man „Eine Hand wäscht die andere“: Der Bauer Fritz

gewährt dem Juden Albert, der in die Schweiz flüchten will, Unterschlupf. Der Hof liegt

irgendwo im Schwarzwald weit außerhalb des nächsten Dorfes, Besuch bekommen Fritz und

seine Frau Emma nur selten. Das Ehepaar ist kinderlos, allerdings ungewollt, und weil

Landwirtschaft ohne Stammhalter sinnlos ist, hat Fritz eine abenteuerlich anmutende Idee:

Albert soll Emma schwängern.

Das klingt grotesk, wirkt aber dank Schlotterers Inszenierung wie selbstverständlich. Die

mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilmerin schildert die Ereignisse ihres Spielfilmdebüts

zwar aus Sicht Alberts (Christian Friedel), doch die faszinierendere Figur ist der wortkarge

Fritz. Auch wenn Brigitte Hobmeier (Emma) bei der internationalen Premiere des Films in

Montreal als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde: Herausragend ist vor allem

Hans-Jochen Wagner. Seine Verkörperung des Bauern verhilft „Ende der Schonzeit“

erst zu jener Plausibilität, der die Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verdankt; und das

ist nicht bloß eine Frage der Dialoge.

Fritz mag ein einfacher und auch etwas vierschrötiger Zeitgenosse sein, ist aber kein

schlechter Mensch. Im Gegensatz zu Emma hat er keinerlei Vorbehalte gegen Albert, bloß

weil der Jude ist. Ob es ihm wirklich um den Erben geht oder ob er nur den Hänseleien der

anderen Männer ein Ende setzen will, lässt das Drehbuch von Gwendolyn Bellmann und


Franziska Schlotterer offen. Den Vorgang als solchen betrachtet Fritz leidenschaftslos: Wenn

eine Kuh kalben soll, wird ihr ein Stier zugeführt. Was die Kuh davon hält, ist dem Bauern

egal.

Diese Haltung spiegelt sich auch in Wagners Gesichtszügen. Allein seine Körpersprache

deutet an, dass Fritz tief im Innern Empfindungen verbirgt, die niemanden etwas angehen;

schon gar nicht seine Frau. Brigitte Hobmeier hat die interessanteste Rolle des Trios, denn

Emma entdeckt die Wonnen der körperlichen Liebe.

In den entsprechenden Szenen bleibt Schlotterer allerdings jenem Stil treu, der den gesamten

Film prägt. Die langen, unaufgeregten Einstellungen verraten die Dokumentaristin und mögen

auch mit dem Budget zu tun haben, passen aber perfekt zur Geschichte und bieten zudem die

Möglichkeit, den Schauspielern in aller Ruhe bei ihrer formidablen Arbeit zuzuschauen.

Diskret zieht sich die Kamera (Bernd Fischer) gemeinsam mit Fritz aus dem Schlafgemach

zurück, als Albert erstmals zur Tat schreitet; winzige Momente genügen, um später zu

verdeutlichen, dass er den Vorgang im Gegensatz zum grobschlächtigen Fritz nicht bloß als

Zeugungsakt betrachtet. Prompt will Emma mehr.

Das Drehbuch bettet den überwiegend in der Nähe von St. Blasien und zum Teil auch in

Menzenschwand entstandenen Hauptstrang in eine lange Rückblende. Der Film beginnt 1970

in Israel: Ein junger Mann (Max Mauff) sucht seinen Vater. Geschickt zögern die Autorinnen

hinaus, was sich erst spät als eigentliches Motiv entpuppt: Gleich zwei der Hauptfiguren

nutzen die historischen Rahmenbedingungen, um Rache zu nehmen. Für Schlotterer erzählt

„Ende der Schonzeit“ ohnehin das System des „Dritten Reichs“ im Kleinen. Sie will am

Beispiel der Dreiecksgeschichte „die verheerenden Auswirkungen beschreiben, die die NS-

Dikatur auf die zwischenmenschlichen Beziehungen hatte.“

Aus ihrer Sicht sind die drei Hauptfiguren „Gefangene ihrer Situation“. Darin liegt vermutlich

auch der Reiz des Films: dass alle Beteiligten wie Opfer wirken, sich aber jeder auf seine

Weise doch schuldig macht.

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