Der Mann am Berg - Motonaut

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treten und sich den frischen Aufgaben eines Frühlings zu stellen. Denn schon bald

wird wieder ein Herbst von Norden über den Rücken des Hällchöpflis schreiten

und mit bereits wieder frostiger Stimme fragen nach dem Tun im Sommer, und die

Menschen werden in ihren Korn- und Heuspeichern die Antwort haben und getrost

und trotzig mit gutem Gewissen dem Winter entgegensehen können.

Für mich, der ja keine Aufgabe in den Feldern und Ställen hat, hiess diese

Sturmnacht doch auch einen Beginn für neues. Es werden für mich wieder diese

Tage kommen an denen mein einziges Ziel die Höhen der Jurkreten sein werden,

an denen ich auf langen Wanderungen durch die Natur zum Menschen finden

werde.

So war es auch eine innere Unruhe die mich ungeduldig werden liessen auf

diesen neuen Tag. Die Stunden wurden lang bis sich endlich das Licht im Osten

zeigte und sich unter einem immernoch stürmischen Himmel seinen Weg

erkämpfte.

Das nächtliche Wachehalten der erleuchteten Fenster ergab sich in einem tauben,

bleichen neuen Licht.

So war der neue Tag nur ein paar Stunden alt geworden, als ich mir die schweren,

den Winter hindurch gut gewichsten Schuhe schnürte und mir für eine erste

Frühlingswanderung den Rucksack packte.

Fast träumend blickte ich hinter dem Haus an den noch toten, grauen Jurahöhen

hoch und freute mich von meinem Innersten heraus auf den ersten Gang der

Krete nach um mit frischem, wachem Blick nach den Veränderungen des Winters

zu suchen und die neuen Spuren des heranziehenden Frühlings zu finden.

Der Föhn war, als ich das Haus verliess und am noch schlafenden Wirtshaus

vorbeischritt, zusammengebrochen, hatte seine Kraft in der Nacht verloren und

liess einem wieder eisigeren Westwind den Tag. Auf dem Feldweg zwischen

meinem Dorf und unserem Nachbarn am Jura wehte mir der morgendliche Strom

ins Gesicht, schnitt in die Haut und liess den Winter nicht vergessen. Doch mit

schnellem Schritt tauchte ich in die erste Senke und so bald schon nahm mich das

erste Wegstück im geschützten Wald auf. Wieder auf freiem Feld, nur noch ein

paar Schritte vor Farnern war der Blick wieder frei um linkerhand weit über das

Mittelland hinaus das hastige Treiben der Wolkenfetzen sehen zu können, die der

Wind vor sich hin trieb und ihnen keine Zeit liess ihre Ladung zu verlieren. So

schienen sie ihre Aufgabe nur darin zu erfüllen, den morgendlichen, kalten Himmel

wieder zu verdunkeln und keine Zeichen des nahenden Frühlings erkennen zu

lassen.

Für mich waren diese Fetzen am Himmel Zeichen dafür dass wir wieder mit Kälte

zu rechnen hatten und dass mein früher Aufbruch zu dieser ersten Wanderung

wohl doch noch überstürzt war. Dennoch! Es war die Zeit um den Berg für einen

neuen Frühling zu erkunden. Was sollten mich also die paar Wolken, die sich ja so

hastig treiben liessen aufhalten, was sollte mich der kalte Westwind aufhalten,

wenn ich etwas schneller gehen konnte und dadurch warm blieb? Ich fühlte den

Drang des Entdeckers, der den rechten Moment zum Aufbruch spüren muss wie

man ein Fieberschütteln früh spüren muss.

Durch Farnern; geduckte Winterhäuser am Jura. In sich zusammen gesunkene, in

sich verschlungene Zellen von Wärme und Leben.

Dichte Schneewähen liessen die gewundene Dorfstrasse zu einem schmalen Pfad

werden. Der Asphalt glänzte nass und schwarz, ein ständiges Wassergurgeln,

tropfen und murmeln vom abfliessenden Schneewasser hallte fein zwischen den

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