Untitled - Schalhorn.de

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Einband © Christopher Breu

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© Christof Schalhorn


NUR DA SEIN

Kammerspiel in 27 Szenen

von Christof Schalhorn

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© Christof Schalhorn


PERSONEN

Stephan

Vater (Ernst)

Mutter (Miriam)

Tante (Klara)

Schwester (Melanie)

Mädchen (Thelia)

Herr Daxner

Wärter

Kellner

Hausmeister

Mann im Kittel

Alte Frau

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Szene 1

Das Innere eines Museums: Gemäldegalerie, alte Meister. Zwei niedrige Polster-

Sitzgelegenheiten, in Raummitte links und rechts. Stephan vor einem seitlich

hängenden Bild; ein Wärter, der einherschreitet. So zu sehen, bis der Wärter

Stephan gemessen anpeilt, um sich einige Schritte hinter ihm aufzustellen.

WÄRTER Schönes Bild.

STEPHAN Sich umwendend. Ja.

WÄRTER Ziemlich groß.

STEPHAN Das macht nichts.

WÄRTER Nein. Ein Bild ist schließlich ein Bild. Pause.

STEPHAN Aber ein großes Format bietet besondere Schwierigkeiten. Für den

Maler.

WÄRTER Glauben Sie?

STEPHAN Ja. Die Arbeitsweise ist schwieriger. Das Maler kann während der

Arbeit nur schlecht kontrollieren, was er macht. Weil er das Ganze schlechter

überblickt. Er muss immer wieder zurücktreten, sich eine Vorstellung machen,

und dann heran, um sie auszuführen. Ich glaube, es ist schwieriger, einen guten

Zusammenhang zustande zu bringen. Pause.

WÄRTER Einen guten Zusammenhang -

STEPHAN Zusammenhang zwischen den Dingen, die gemalt werden. Die

müssen ja zusammenpassen, in der Malweise. Lächelt. Es muss ja stimmen.

WÄRTER Das ist klar. Wenn Sie das so sagen. Pause. Und Sie meinen, der hier

hat das hingekriegt?

STEPHAN Glaube schon. Es wirkt doch alles ganz überzeugend - eine Einheit.

WÄRTER Allerdings. Nur der Himmel, der gefällt mir nicht.

STEPHAN Warum nicht?

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WÄRTER Sieht aus wie Spinnweben. So komisch flimmernd, schmutzig.

STEPHAN Vielleicht haben Sie recht. Der ist ein bisschen sonderbar.

WÄRTER Ziemlich sonderbar.

STEPHAN Lächelt. Aber auch nicht ungeschickt. Der Ton passt zu allen übrigen

Farben. Er findet sich eigentlich in allen wieder.

WÄRTER Ich weiß nicht. Aber gut. Pause. Er sieht Stephan an. Sie sind

ziemlich oft hier. Ich habe Sie schon lange bemerkt. Sie gucken sich alles lange

an, ob’s Ihnen gefällt. Nicht wie die meisten, die alles nur abhaken, sich aber

gar nicht freuen. Pause. Ich habe Sie schon lange bemerkt.

STEPHAN Ja. Ich bin viel hier.

WÄRTER Sehen Sie! Also dann: Viel Vergnügen! Wenn Sie weiterhin kommen:

Ich habe die nächste Zeit Frühschicht.

STEPHAN Ja. Lächelt. Der Wärter nimmt seinen Rundgang auf. Stephan tritt

vor ein anderes Bild.

Szene 2

Ein öffentlicher Kinderspielplatz, noch ohne Kinder. Im Hintergrund Spielgeräte:

Wippe, Schaukel, Rutsche. Vorne, dem Publikum zugekehrt, drei Bänke. Auf einer

sitzt Stephan, lesend. Dann tritt auf, mit einem Hund an der Leine: Herr Daxner,

in der Absicht vorbeizugehen, dann Stephan erkennend, stehen bleibend.

DAXNER Ah! Tag! Hallo, guten Tag! Stephan sieht auf, lächelt. Erkennst du

mich nicht? Tu mir das nicht an! Lacht. Bin ich schon so alt geworden! Ich bin

der Vater von Leo, deinem alten Schulfreund. Ich darf doch ‘du’ sagen?

Meinen Sohn sieze ich ja auch nicht! Lacht.

STEPHAN Guten Tag. Leo - wie geht es ihm?

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DAXNER Sich neben Stephan setzend. Klasse! Seit wann habt ihr euch nicht

mehr gesehen? Seit der Schule wahrscheinlich, der Leo hat seither nie was von

dir erzählt. Um den Dienst am Vaterland ist er herumgekommen - muss man ja

auch, wenn der Onkel Orthopäde ist! Lacht. The attest for the best! Also gleich

nach der Schule eine Banklehre: Kann man immer brauchen und bringt das

erste Geld. Hat die drei Jahre durchgemacht, in allen Abteilungen gewesen,

auch im Ausland. Und danach mit dem Wirtschaftsstudium angefangen -

irgendeine spezielle Richtung. Er macht das total super! Macht ihm alles riesig

Spaß und fällt ihm auch total leicht. Und damit wird er was! Nicht so ein armer

Schlucker wie ich! Lacht. Steht ihm ja alles offen, wo es was zu holen gibt!

STEPHAN Schön!

DAXNER Aber er ist auch fleißig. Da kann keiner was sagen. Wenn man ihn

anruft, sitzt er immer da und lernt. Da ist nichts mit lustigem Studentenleben:

jeden Abend weg und eine Freundin nach der anderen! Ab und zu vielleicht,

aber pausenlos geht das nicht. Die Anforderungen sind heute dermaßen hoch -

gerade im Wirtschaftsstudium. Weil die in den Ferien auch keine Ferien haben,

sondern in den Firmen arbeiten. Einer war sogar in Japan! Wer sich da nicht

dahinterklemmt und vollen Einsatz gibt, der geht sang- und klanglos unter.

Pause. Das ist eben der Wettbewerb, sag ich immer: Gnadenlos - aber gerecht,

hart - aber gesund. Die Besten kommen durch und kommen hoch. Der Rest

bleibt auf der Strecke - Sieht erschöpft und irgendwie leer vor sich hin.

STEPHAN Ja. Pause; Stephan lächelnd; Herr Daxner tätschelt den Hund.

DAXNER Und du?

STEPHAN Ich?

DAXNER Du hattest doch so ein super Abitur. Warst du nicht einer der Besten?

STEPHAN Das weiß ich gar nicht mehr. Das ist schon so lange her.

DAXNER Ach so. Irritiert. Und was machst du jetzt? Dir stand ja praktisch alles

offen.

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STEPHAN Möglicherweise.

DAXNER Wie? Was machst du jetzt?

STEPHAN Lächelt. Sitze hier und lese.

DAXNER Lacht gezwungen. Nicht schlecht! Und ich führe mitten am Tag den

Hund aus! Wer kann, der kann. Pause. Und sonst? Studierst du?

STEPHAN Nein.

DAXNER Also dann: gleich ins Wirtschaftsleben?

STEPHAN Nein, nicht.

DAXNER Wie? Versteh ich nicht. Was bleibt denn dann? Du musst doch

irgendwas machen? Pause.

STEPHAN Ich war bei der Bundeswehr.

DAXNER Aber das ist doch lange her.

STEPHAN Seit sechs Monaten bin ich entlassen.

DAXNER Und vorher? Nach der Schule?

STEPHAN Bin ich gereist.

DAXNER Ah, zum Sprachen lernen!

STEPHAN Nein, nur so.

DAXNER Versteh ich nicht: ‘nur so’? Du kannst doch die Zeit nicht nur

vertrödelt haben?

STEPHAN Lächelt. Warum nicht? Pause.

DAXNER Und, was hast du jetzt vor?

STEPHAN Wie?

DAXNER Was willst du jetzt machen?

STEPHAN Ich weiß es nicht.

DAXNER Was?

STEPHAN Was ich mache.

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DAXNER So!? Dann wird’s aber Zeit. Man muss zügig machen! Die wollen

heute überall junge Leute. Vier Jahre Zeitverlust - das ist nicht wenig!

STEPHAN Wahrscheinlich. Pause.

DAXNER Und welche Richtung willst du machen?

STEPHAN Richtung?

DAXNER Mehr Wirtschaft oder Ingenieur, oder was?

STEPHAN Nichts.

DAXNER Was?

STEPHAN Keine Richtung.

DAXNER Was soll denn das heißen? Das geht ja nicht! So ein Quatsch!

Herausfordernd, auf Widerspruch wartend. So ein Quatsch! Verarschen kann

ich mich selbst! Springt auf und davon. Im Hintergrund stellt sich eine Mutter

mit zwei Kindern ein. Ein Spielgerät setzt sich in Bewegung. Stephan besieht

kurz den Deckel seines Buches und liest weiter.

Szene 3

Ein Wohnraum, inmitten ein Sofa. Darauf die Schwester, mit einem Zeichenblock,

auf dem sie malt. Dann tritt von hinten lautlos Stephan heran und stupst sie.

SCHWESTER Aufschreiend, -lachend. Du bist gemein! Wirft den Block fort und

sich herum gegen Stephan. Sie rangeln miteinander. Wenn ich mich jetzt

vermalt hätte!

STEPHAN Hast du doch nicht.

SCHWESTER Das ist egal! Wenn ich’s aber hätte?

STEPHAN Was wäre dann?

SCHWESTER Dann musst du alles neu malen! So wie es vorher war!

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STEPHAN Bitte nicht! Ich kann’s ja nicht so gut wie du. Zeig mir einen, der so

gut Schildkröten malen kann wie du!

SCHWESTER Schildkröten!? Das sind keine Schildkröten, du Blödmann, großer

Blödmann!

STEPHAN Was dann?

SCHWESTER Dreht sich zurück, nimmt den Block auf, malt weiter. Das sag ich

nicht - blöder Mensch!

STEPHAN Das ist nicht lieb von dir.

SCHWESTER Kokettierend. Warum soll ich lieb zu dir sein. Bist du es zu mir?

STEPHAN Meistens doch.

SCHWESTER Packt Block und Stifte zusammen. Kann sein. Läuft aus dem

Raum.

STEPHAN Wo gehst du hin?

SCHWESTER Sag ich nicht! Stephan setzt sich auf das Sofa. Nimmt einen

zurückgelassenen Filzstift und bepunktelt sich beiläufig den Handrücken.

Lehnt sich dann zurück und schließt die Augen. Eintritt des Vaters, der seine

Jacke auszieht und Stephan kurz von der Seite betrachtet.

STEPHAN Die Augen öffnend. Hallo. Du kommst spät.

VATER Sich die Augen reibend. Spät, ja. Pause. Ich war noch auf der Bank.

STEPHAN Und?

VATER ‘Und’?

STEPHAN Wie - wie war es im Labor?

VATER Was fragst du danach?

STEPHAN Lächelnd. So. Warum nicht?

VATER Sich den Rücken reibend. ‘Warum nicht’? Es war dort, wie es immer ist:

Man steht rum und macht was.

STEPHAN Macht was -

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VATER Etwas - irgendetwas. Das kannst du dir schwer vorstellen, wie?

STEPHAN Ich kann mir das sehr gut vorstellen.

VATER Und dann und wann kommt ein Mensch und will Ergebnisse sehen. Und

gibt Anweisungen. Anweisungen. Die führst du dann aus.

STEPHAN Und?

VATER Was ‘und’?

STEPHAN Ist das - schlecht?

VATER Schlecht? O ja, das ist schlecht!

STEPHAN Wieso?

VATER Weil es Handlangerei ist. Wir verwandeln uns alle in Handlanger! Und

ich will kein Handlanger sein. Pause. Herr Doktor sind sich sogar zu schade,

mich in das Ziel der Forschung einzuweihen. Dabei weiß er, dass ich dieselbe

Ausbildung habe wie er, nur den scheiß Titel nicht. Ein paar Worte nur, worauf

es hinausläuft - und man wäre zumindest mit Interesse dabei. Aber dafür ist

angeblich keine Zeit. Statt dessen kriegst du was hingeknallt, und es heißt nur:

„Analysieren Sie das mal!“ - „Strecken Sie das mal!“ - „Versetzen Sie das

mal!“ Das ist Handlangerei. Pause. Aber man muss ja froh sein, zumindest den

Job noch gekriegt zu haben. Pause. Ist die Mama noch nicht da?

STEPHAN Nein, aber sie muss bald kommen.

VATER Stimmt. Pause. Und du?

STEPHAN Was?

VATER Wann fängst du endlich an?

STEPHAN Lächelnd. Womit?

VATER Mit etwas, mit irgend etwas! Das kann so nicht weitergehen. Jetzt bist

du raus aus dieser Kaserne und hängst schon wieder rum.

STEPHAN Ich hänge nicht rum -

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VATER Ach ja, du gehst ins Museum! Ich weiß. Das ist ja sehr schön, nur nicht

gerade aussichtsreich. Oder wird da fleißiger Besuch honoriert? Zuerst

brauchtest du Abstand von der Schule, jetzt Abstand vom Militär - na schön,

wir haben’s geduldet. Was sollten wir machen? Aber jetzt muss ein Ende damit

sein. Ich brauche dir nicht zu erklären warum. Eigentlich sollte ich dir gar

nichts erklären müssen. Das scheint irgendein Spiel zu sein. Aber dass das kein

gutes Spiel ist, darüber sind wir uns ja wohl einig.

SCHWESTER Von draußen. Papa! Papa!

VATER Ja?

SCHWESTER Schau mal, was ich gemalt habe!

VATER Ja, gleich! Ich komme gleich! Zu Stephan. Ich gehe davon aus, dass du

dich sofort um etwas bemühst: dich vorstellst, einschreibst, anmeldest,

bewirbst - was du willst. Mehr will ich dazu nicht mehr sagen. Pause. Wir

haben noch andere Sorgen, wie du weißt. Lauter. Ich komme! Verlässt den

Raum. Pause. Stephan spielt mit dem Stift, steht auf. Dann Eintritt der Mutter.

MUTTER Geschwächt. Ach, du bist da. Setzt sich auf das Sofa, bedeckt ihre

Augen mit der Hand.

STEPHAN Wie geht es?

MUTTER Wir wollen die Augen davor verschließen.

STEPHAN Mama! Nimmt ihr die Hand von den Augen.

MUTTER Nein, es ist nicht schlimmer geworden. Gleichbleibend. Sogar „mit

hoffnungsvoller Tendenz“.

STEPHAN Hat das der Arzt gesagt?

MUTTER Das hat er gesagt. „Richtung positiv“. Steht auf. Es ist ja nicht die

Welt. Es ist nur diese Klinik-Rennerei. Und das Geld.

STEPHAN Ja. Pause.

MUTTER Papa ist da? Du?

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STEPHAN Was?

MUTTER Ist Papa da?

STEPHAN Ja. Eben erst gekommen.

MUTTER Erst?

STEPHAN Er war noch auf der Bank. Pause.

MUTTER Hat er was gesagt?

STEPHAN Nein. Nichts von der Bank.

MUTTER Nickt, geht hinaus.

Szene 4

Das Innere eines Cafés. An einem Tischchen, allein, Stephan, in einem Buch

lesend.

KELLNER Herbeispringend, mit scherzhafter Verbeugung. Der junge Herr -

womit kann ich dienen?

STEPHAN Sie sind es! Es gibt Sie also doch noch.

KELLNER Ich bitte Sie! Dachten Sie vielleicht, ein schwerfälliger Mensch wie

ich könnte seiner Anstellung untreu werden? Mein Freund, Sie kennen mich:

Ich bin eine schwache Seele, ertrage keine Veränderung. Es zieht mich in

meine kleine Welt, zurück zu meinen Tischchen und Kaffeetassen. Es war

nichts weiter, als dass ich im Urlaub war. Besser gesagt: Ich habe es versucht,

versucht, dies hier für einen kleinen Moment zu vergessen. Meine Schwester in

Südtirol hatte mich eingeladen. Sie wusste irgendwoher, dass ich Urlaub habe.

Ich hätte den gar nicht nehmen sollen. Aber ich quäle Sie sicher mit meinem

Geschwätz!

STEPHAN Aber nein. Ich höre Ihnen gerne zu.

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KELLNER Es ist eigentlich gar nicht viel zu sagen: Ich habe es nicht

ausgehalten in diesem Glurns, Glorenza. Trotz historischer Stadtmauer und

Vinschgauer. Und dabei waren es gar nicht die Berge, die Leute, das Klima - es

war einfach nur, dass es nicht wie hier war!

STEPHAN Das ist doch ganz verständlich. Sie sind schon so lange Jahre hier -

KELLNER Es ist lieb, dass Sie das sagen, denn Sie haben recht. Na, kurz und

gut: Das ist der Grund meiner plötzlichen Abwesenheit und warum ich wieder

hier bin. Pause. Und Sie, Sie exklusiver Mensch?

STEPHAN Lächelnd. Was meinen Sie?

KELLNER Sie scheinen mir doch auch ein recht beschauliches Leben zu führen!

Aber verzeihen Sie einem Dummkopf seine Geschwätzigkeit. Sie gehen mich

nichts weiter an, als dass Sie unser treuer Besucher sind und ein freundlicher

Mensch. Und ein freundlicher Mensch zu sein - das ist doch das Wichtigste!

Was meinen Sie: Geht etwas über einen freundlichen Menschen? Stephan

lächelt nur. Nun lassen Sie mich aber Ihre Bestellung entgegennehmen. Oder

möchten Sie nur so dasitzen?

STEPHAN Nein. Einen Kaffee, bitte. Der Kellner verschwindet. Stephan liest.

Szene 5

Ein Schlafzimmer: ein Bett, ein Sekretär und weiteres. Alles geschmack- und

wertvoll. Das Bett zerwühlt. Davor stehend, in noch offenem Hemd und mit

soeben heraufgezogener Hose: der Vater. An dem Sekretär in einer Art

Morgenmantel: die Tante, die etwas notiert. Auf dem Sekretär neben einem

normalen mindestens ein weiteres mobiles Telefongerät.

VATER Spöttisch. Sofort wieder an die Arbeit?

TANTE Ja. Du entschuldigst. Aber meine Zeit ist kostbar.

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VATER Die Hose zuknöpfend. Danke!

TANTE Stöhnend. Jetzt hör bloß auf! Wir haben bekommen, was wir wollen -

und jetzt lass mich meine Arbeit weitermachen.

VATER Lässt sich auf das Bett fallen. Du bist so herrlich rational, reflektiert.

Geradezu intellektuell.

TANTE Was?

VATER Du bist eine Intellektuelle. Eine Hetäre gewissermaßen.

TANTE Auch egal. Pause. Der Vater setzt sich auf und schüttelt den Kopf über

sie. Die Tante nimmt den Telefonhörer ab und wählt. Übrigens: Könntest du

nicht in Zukunft, bevor du aus dem Labor zu mir kommst, noch eine längere

Runde an der frischen Luft machen? Ich will ja nichts sagen; aber manchmal

fürchte ich um mein Leben. Du trägst eine halbe Chemiefabrik mit dir herum.

VATER Sei doch still!

TANTE Horcht. Tom? Hier Klara. Ich habe mir das Hotel angesehen. Da lässt

sich garantiert was machen. Sag das doch dem Fritzen, wenn er zu dir kommt.

Okay - Tschüss. Legt auf.

VATER Das ist ja wie im Film.

TANTE Was?

VATER Wie im Film machst du das: Das Geld spricht.

TANTE Um so besser, wenn es sprechen kann. Pause. Was ist eigentlich los mit

dir? Du bist ziemlich negativ heute.

VATER Familie -

TANTE Hör bloß auf, ich will davon nichts hören. Wir haben abgemacht, dass

die draußen bleibt. ‘Kein Geld, keine Liebe, keine Familie.’ Bleiben wir uns

treu.

VATER Bleiben wir uns treu. Zieht sich fertig an. Ich muss gehen.

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Szene 6

Ein Altbauzimmer, nicht renoviert: chaotisch, irgendwo eine Matratze. Auf dieser

sind das Mädchen und Stephan, der ihren in seinen Schoß gebetteten Kopf

streichelt.

MÄDCHEN Schön.

STEPHAN Ist es schön?

MÄDCHEN Total. Machst du gut. Echt wahr. Pause. Du bist wirklich ein

zärtlicher Typ, echt wahr. Hätt’ ich nicht gedacht.

STEPHAN Wieso?

MÄDCHEN Gibt’s nicht so oft, denk ich. Die Männer, die ich bis jetzt gekannt

habe, waren alle nicht so. Auch nett, aber eben nicht so wie du. Verstehst du?

STEPHAN Ich glaube.

MÄDCHEN Ist ja auch egal. Jedenfalls echt gut mit dir. - Wie find’ste eigentlich

die Wohnung? Springt auf.

STEPHAN Liebst du mich?

MÄDCHEN Die Wohnung - Was?

STEPHAN Liebst du mich?

MÄDCHEN Klar! Flüchtiger Kuss. Wieso frag’ste?

STEPHAN Nur so.

MÄDCHEN Bist’n komischer Mensch. Ziemlich komisch abgefahren. Find ich

gut. Aber die Wohnung ist vollkommen Klasse, oder?

STEPHAN Sich umsehend. Ja.

MÄDCHEN Und total billig. Bei den Wuchermieten überall. Das reine Glück.

Wir wohnen ja auch fast schwarz hier drin! Ist ja eigentlich auch ne

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Bruchbude. Wohnt kaum noch einer drin. Außer uns ein paar Alte und zwei

andere WGs, vom selben Schlag. Grinst.

STEPHAN Ja.

MÄDCHEN Skeptisch. Interessiert dich nicht besonders.

STEPHAN Was?

MÄDCHEN Die Schweinerei mit den Mieten - Wohnraumvernichtung - das

ganze Elend?

STEPHAN Ich weiß nicht -

MÄDCHEN Also nein! Sollte dich aber interessieren. Der globale Kapitalismus

macht uns alle fertig. Konsequent gnadenlos! Zug um Zug -

Ellbogengesellschaft: Der Schwache geht kaputt!

STEPHAN Ich weiß.

MÄDCHEN Warum tust du dann nichts dagegen? Stephan lächelt. Du bist gut!

Man muss was tun! Widerstand! Jede Bastion muss gehalten werden. Jeder

Fleck, wo noch Menschlichkeit ist, verteidigt! Die zwingen uns auf, wie wir

leben sollen. So wollen wir aber nicht leben, weil nur Schweine so leben! Die

schlagen sich um den Futtertrog: Wer ist als erster da - wer behauptet seinen

Platz - wer kriegt am meisten ins Maul! Und so das ganze Leben. Nein, ohne

mich. Pause. Stephan versucht, sie auf die Matratze zu ziehen. Warum machst

du nichts?

STEPHAN Ich mach ja nichts -

MÄDCHEN Sie mustert ihn. Verweigerungshaltung, verstehe. Das ist ganz gut,

so kann man anfangen: Einfach nicht mitmachen bei dem Schweinesystem.

Kein Schwein sein wollen. Ist ganz gut. Aber dabei kann es nicht bleiben. Man

darf sich nicht abschlachten lassen, wenn sie kommen, nicht diese Gandhi-

Scheiße. Und die kommen, da kannst du Gift drauf nehmen. Die kommen auch

zu dir. Deswegen muss man ihnen aktiv entgegentreten, kämpfen, verändern

wollen. Man muss die zur Einsicht zwingen!

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STEPHAN Lächelnd. Ich weiß nicht.

MÄDCHEN O Mann, du bist lahm! Völlig lahm! Das gibt’s ja nicht. Was willst

du eigentlich?

STEPHAN Ich weiß nicht -

MÄDCHEN Das musst du doch wissen!

STEPHAN Lässt sich rückwärts fallen. Da sein will ich. Einfach nur da sein.

MÄDCHEN Versteh ich nicht. Sich niederlassend zu ihm. Aber verrückt,

verrückter Mensch! Küsst ihn. Sie umarmen einander.

Szene 7

Das Innere des Museums. Stephan vor einem Gemälde. Dann Wechsel zu einem

anderen. Der Wärter im Hintergrund.

Szene 8

Der Wohnraum der Familie Stephans. Stephan auf dem Sofa. Der Vater vor ihm.

VATER Du hast nichts getan?

STEPHAN Nein.

VATER Dich nicht mal nach irgendwas erkundigt?

STEPHAN Lächelnd. Nein.

VATER Gebärde durch die Luft, fasst sich aber wieder. Jetzt mal in Ruhe. Ich

verstehe dich nämlich nicht. Was hast du eigentlich vor? Pause. Stephan

lächelt nur. Antworte!

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STEPHAN Nichts.

VATER Wie?

STEPHAN Nichts habe ich vor. Blickt dem Vater ruhig ins Gesicht.

VATER Keine Ausbildung?

STEPHAN Nein.

VATER In die Knie sinkend. Kein Studium?

STEPHAN Nein. Ich will nichts machen, Papa. Gar nichts. Kein Beruf.

VATER Und wovon willst du leben?

STEPHAN Ich weiß es nicht. Irgendwie -

VATER Packt ihn an den Schultern. Das sagst du im Spaß!

STEPHAN Nein, Papa. Tut mir leid - Den Vater reißt es: Er schlägt ihn. Fährt

danach sofort zurück. Pause. Es tut mir leid. Lächelt. Besieht seine

Handflächen. Pause.

VATER Und? Was siehst du da? Rosige Zukunft? Stephan lässt die bepunktelten

Flächen sehen. Pause. Dann sag mir halt: Hast du Angst, Angst vor dem

Leben?

STEPHAN Lächelnd. Nein. Pause.

VATER Du wirst Sozialhilfeempfänger sein. Oder du gehst auf den Strich. Da

musst du nur lächeln und den Arsch hinhalten. Willst du das? Stephan

schweigt. Du musst es wissen. Du musst wissen, was du machst. Du bist

erwachsen. Laut. Oder willst du, dass wir ein Leben lang für dich bezahlen?

Willst du das? Deine Mutter ist krank, wir stecken bis an den Hals in

Schulden! Und du willst nichts tun? Pause. Dann steht Stephan auf.

STEPHAN Kann ich gehen?

VATER Wohin?

STEPHAN Ins Café.

VATER Womit bezahlst du das?

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STEPHAN Ich habe Geld.

VATER Und wenn das weg ist! Stephan lächelt und geht. Der Vater setzt sich

auf das Sofa. Und wenn das weg ist? Die Schwester kommt herein, den

Malblock in Händen.

SCHWESTER Ich bin fertig geworden! Hält dem Vater das Bild hin, der es

abwesend betrachtet. Ich habe unsere ganze Familie gemalt: Das bin ich, das

du, das ist Mama und das Stephan - im Auto, wie wir einen Ausflug machen.

Du sitzt am Lenkrad, Mama schaut hinaus und Stephan hat mich auf den Schoß

genommen, wie er es immer gemacht hat. O Papa, wann kriegen wir wieder ein

Auto! Warum haben wir unseres nicht mehr? Es war so schön, wenn wir alle

drin saßen! Und wir müssen noch einmal einen Ausflug zusammen machen,

bitte! Aber schau, wie ich dich gemalt habe: Du bist gut zu erkennen mit deiner

Nase. Fasst ihn an der Nase. Und Stephan, wie er mich kitzeln will -

VATER Sehr schön, Melanie, sehr schön gemalt.

Szene 9

Auf der Straße die Mutter. Es tritt hinzu die Tante, ein gefülltes Einkaufsnetz und

ihr Handy in der Hand.

MUTTER Klara!?

TANTE Perplex. Miriam! Hallo! Pause.

MUTTER Trocken. So eine Überraschung. Wir hätten uns ja fast nicht erkannt -

TANTE Aufgesetzt harmlos. Wir haben uns ja auch ziemlich lange nicht gesehen!

Auch Schwestern werden älter. Pause.

MUTTER Auf das Einkaufsnetz deutend. Du wohnst hier?

TANTE Ach so, ja -

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MUTTER Schon lange?

TANTE Nicht so lange. Aber das wechselt bei mir ständig. Ich habe mich vor

einiger Zeit auf Immobilien spezialisiert. Bin aber selbst nur allzu mobil. Ich

brauche immer neue Räume um mich. Lacht. Mein einziger Festpunkt ist mein

Telefon! Deutet darauf.

MUTTER Aha. Pause.

TANTE Entschuldige, dass ich mich nie mehr gemeldet habe. Aber ich hatte

absolut keine Zeit - ewig im Stress: Telefonate, Meetings, Ortstermine -

ständig auf Draht. Pause. Und du? Du siehst blass aus - Immer noch diese

Krankheit?

MUTTER Ja.

TANTE Kranksein kann ich mir nicht erlauben! Die Konkurrenz ist nicht krank.

Da muss sie schon tot sein. Peinliche Pause. Aber es wird besser?

MUTTER Etwas. Man soll wohl nicht davon reden.

TANTE Doch, bitte! Ich habe jetzt Zeit.

MUTTER Nein, lassen wir das. Es sind auch eher die Behandlungen. Und jetzt

noch Stephan -

TANTE Dein Ältester?

MUTTER Lassen wir das. Es interessiert dich sowieso nicht. Ich muss weiter.

Schön, dich mal wieder getroffen zu haben. Melde dich, wenn du Lust hast. Du

weißt ja, wie wir heißen -

MUTTER Werd ich machen! Die Mutter geht weiter. Die Tante sieht ihr noch

kurz nach.

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Szene 10

Das Café. Stephan an einem Tischchen, lesend. Dann der Kellner, mit einem

Tablett.

KELLNER Eine Tasse abstellend. Und einen Kaffee für den jungen Herrn, den

einsam sich Bildenden, unseren nichts schaffenden Künstler. Ich kann Ihnen

sagen: Es geht heute schon den ganzen Tag so zu. Hat die Stadt eine besondere

Attraktion zu bieten? Wenn das anhält, müssen wir uns etwas einfallen lassen

wegen Ihres Tischchens hier. Sie können von Glück sagen, dass Sie es heute

noch haben ergattern können. Aber für die Zukunft müssen wir uns etwas

ausdenken. Lacht. Passen Sie auf: Sie bringen zwar kaum Umsatz, aber wir

beide sind Freunde. Ich werde Ihnen Ihr Plätzchen von Morgen an immer für

Punkt drei Uhr reservieren. Was halten Sie davon?

STEPHAN Das wäre sehr nett!

KELLNER Aber ich bitte Sie - auch ich habe mich an Sie gewöhnt. Glauben Sie,

ich könnte meinen Dienst hier noch überstehen ohne Ihre liebe Anwesenheit

wenigstens für zwei Stunden am Tag? Weit gefehlt! Wir schwachen Seelen

müssen zusammenhalten. Bis später. Er enteilt. Stephan sieht ihm kurz nach

und nimmt dann sein Buch auf.

Szene 11

Das Schlafzimmer der Tante. Sie sitzt an dem Sekretär und starrt untätig vor sich

hin. Der Vater im Aufbruch.

VATER Was ist los?

TANTE Nichts.

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VATER Du glotzt vor dich hin wie dein Telefon, wenn du es auf den

Schreibtisch legst und kein Mensch anruft.

TANTE Idiot. Pause. Aber vielleicht glotze ich ja tatsächlich so.

VATER Sag ich doch. Sich ihr gespielt lüstern nähernd. Also müsste dich

jemand an sein Ohr legen, um zu hören, was du zu sagen hast!

TANTE Ihn wegschiebend. Lass das.

VATER Motto: „Erst aufs Kreuz, dann ans Ohr“.

TANTE Schwein.

VATER So? Pause.

TANTE Ich habe Miriam getroffen. Pause.

VATER Finster. Aha. Und?

TANTE Sie sieht schlecht aus.

VATER Was denkst du? Pause. Was fängst du damit an!

TANTE Und was ist mit deinem Sohn?

VATER Hat sie von ihm gesprochen?

TANTE Nur dass er ihr Sorgen macht.

VATER Uns macht er Sorgen: uns!

TANTE Ja, euch. Und was ist mit ihm?

VATER Nichts ist mit ihm und das ist es, was mit ihm ist. Er will nichts tun:

keinen Beruf, keine Arbeit. Nichts.

TANTE Das kann doch nicht sein!

VATER Seine Tasche aufnehmend. Lassen wir das. Ich verstehe es auch nicht.

Pause. Was soll man da machen?

TANTE Das ist sicherlich nur eine Laune.

VATER Was weißt denn du von solchen Launen? Pause. Was soll überhaupt die

plötzliche Anteilnahme? Du brichst deine Grundsätze.

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TANTE Halt die Klappe! Nur noch eins: Verschon mich bitte mit euren

Geldangelegenheiten!

VATER Habe ich einen Ton gesagt?

TANTE Ich sage es nur zur Vorsicht, falls du es versuchen wolltest. Sich

umdrehend, Papiere aufnehmend. Ich will davon nichts hören! Greift zum

Telefon, wählt.

Szene 12

Das Wohnzimmer der Familie Stephans: Auf dem Sofa die Mutter, mit

hochgelegten Beinen. Sie strickt. Auf dem Boden die Schwester, malend über

ihren Block gebeugt.

MUTTER Warum malst du auf dem Boden? Willst du dich nicht lieber an den

Tisch setzen?

SCHWESTER Warum?

MUTTER Du ruinierst den Teppich. Außerdem ist es bequemer.

SCHWESTER Aber ich ruiniere den Teppich nicht.

MUTTER Na!

SCHWESTER Aufblickend. Mama, wirklich nicht! Pause. Außerdem ist es sehr

bequem auf dem Boden.

MUTTER Lächelnd. Sehr bequem? Na, dann kann man nichts machen. Pause.

Aber ich glaube nicht, dass es auch nur einen großen Maler gab, der auf dem

Boden gemalt hat.

SCHWESTER Innehaltend. Glaubst du wirklich? Überlegt. Dann bin ich eben

der erste. Die Mutter lacht. Pause. Mama?

MUTTER Ja?

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SCHWESTER Weißt du, was ich werden will?

MUTTER Na?

SCHWESTER Ich werde Malerin!

MUTTER Das ist doch wenigstens etwas. Ein schöner Beruf -

Szene 13

Das Zimmer des Mädchens. Sie ist allein, an eine Wand gelehnt. Nach kurzem

Klopfen tritt Stephan ein.

STEPHAN Liebe! Pause. Was ist los? Kommt zu ihr. Was machst du für ein

Gesicht?

MÄDCHEN Ohne ihn anzusehen. Ich bin schwanger. Schon lange. Pause.

STEPHAN Wie - was? Wieso das?

MÄDCHEN Das fragst du?

STEPHAN Sie berührend. Komm -

MÄDCHEN Wirft sich herum, gegen ihn. Du bist schuld! Du bist schuld! Du

hast nicht aufgepasst! Hast es falsch gemacht! Du Idiot, du blöder Idiot! Nicht

einmal das kriegst du hin, nicht einmal das auf die Reihe - du Scheißkerl, du

Scheißer! Ich hatt’ es dir eingeschärft, hundertmal eingeschärft! Aber es war

dir egal! Egal, egal: egal! Den Kopf gegen seine Brust, ruhiger. Einfach egal -

STEPHAN Streichelt ihr Haar. Was nun? Das Mädchen sieht ihn fassungslos

an. Was willst du tun?

MÄDCHEN Stößt ihn von sich. Ich? Ich? Ich? - Ja, natürlich ich: An mir bleibt

es hängen! Gegen die Wand. O, das ist Scheiße -

STEPHAN Aber was hast du denn? Was ist denn schlimm dabei?

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MÄDCHEN Schlimm? Schlimm. Auf ihn zu. Was willst denn du machen?! Du,

du! Was willst du machen!?! Stephan lächelt und streichelt ihren Kopf.

Szene 14

Einer der Museumssäle. Stephan sitzt beinahe lässig auf einem der Polstersessel:

in Betrachtung eines Bildes. Dann steht er auf und tritt vor es hin.

Szene 15

Das Wohnzimmer der Familie Stephans. Auf die Lehne des Sofas gestützt, der

Vater. Auf einem Stuhl beiseite, die Mutter. Stephan dazwischen stehend,

lächelnd.

VATER Was machst du jetzt? Kannst du uns das sagen? Was hast du vor?

Pause.

STEPHAN Ich weiß nicht. Pause.

MUTTER Wollt - wollt ihr es - behalten?

STEPHAN Das weiß ich nicht.

VATER Laut. Aber du weißt, dass du der Vater bist?

STEPHAN Wenn sie es sagt. Pause.

MUTTER Geh zu ihr. Frag, ob - ihr es überhaupt bekommen wollt. Pause.

Stephan geht hinaus. Pause. Es ist - so hart, aber genau das hat uns noch

gefehlt.

VATER Ihm, Miriam: Ihm hat es noch gefehlt! Was geht es uns an? Was haben

wir damit zu tun? Pause.

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MUTTER Was ist das überhaupt für ein Mädchen? Hat er was gesagt?

VATER Nur dass sie Thelia heißt.

MUTTER Sonst weiß er von ihr nichts?

VATER Offenbar nicht. Aber er liebt sie, hat er gesagt.

MUTTER Wenigstens das.

Szene 16

Das Wohnzimmer, darin die Mutter. Dann tritt der Vater ein, im Mantel.

MUTTER Du bist schon da? Warum bist du nicht im Labor?

VATER Ich war auf der Bank.

MUTTER Die Bank?

VATER Sie sind mit ihrer Freundlichkeit am Ende. Heute kam die erste

deutliche Aufforderung.

MUTTER Und dann?

VATER Beginnen die Mahnungen. Pause. Er steht auf.

MUTTER Und dann?

VATER Pfändung. Glaube ich.

MUTTER Pfändung.

VATER Sag mir, wo wir das Geld hernehmen sollen! Kannst du mir das sagen?

Lange Pause.

MUTTER Spontan. Klara! Meine Schwester! Sie muss uns helfen. Das ist die

Lösung. -

VATER Wieso?

MUTTER Ich habe sie vor ein paar Wochen getroffen.

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VATER Das hast du mir nicht gesagt.

MUTTER Sie muss es tun.

VATER Sie tut es aber nicht.

MUTTER Woher weißt du das? Wie kannst du das wissen?

VATER Ich weiß es.

MUTTER Wieso!

VATER Ich glaube nicht, dass sie uns hilft.

MUTTER Du kannst das doch gar nicht sagen, du kennst sie doch kaum!

Unsinn! Sie ist meine Schwester! Wir müssen sie anrufen.

Szene 17

Das Zimmer der Tante. Sie sitzt an einem Schreibtisch, ein Telefon am Ohr.

TANTE Aber ich hatte dir doch gesagt, du sollst sie zappeln lassen! Ich weiß,

dass das Grundstück schon zu haben war. Aber die Schillingsreuther GmbH

war auch interessiert. Wir hätten Druck machen können, die hätten garantiert

noch mehr geboten, die lechzten doch danach. Das war wirklich saudumm!

Übervorsichtig wie du immer bist. Du bist einfach zu feige, lässt die Katze

immer zu früh aus dem Sack! Wann, frag ich dich, ist uns jemals ein

Interessent durch die Lappen gegangen? Du bist ein Idiot! Ja, ich bin sauer, das

kannst du mir glauben! Horcht und lacht dann. Ach was, Blödmann! Ich

bringe mich nicht um! Der Preis ist ja auch so nicht schlecht. Ist gut -

vergessen. Aber das nächste Mal mehr Courage, mein Freund, verstanden? Sei

halt mal ein Mann! Lacht. Ja, das geht. Bis dann. Legt auf, schreibt etwas. Will

wieder wählen, lässt es aber. Da klingelt das Telefon. Hallo? Ach, Miriam -

schön, dass du anrufst. Was ist los mit dir? Du bist ja ganz außer Atem. Bitte?

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Ach - Horcht. Geld? - Nein, das kann ich nicht! Denk, was du willst, aber das

kommt nicht infrage - unmöglich! Ja, das kann schon sein, glaub ich gerne,

glaube ich wirklich alles, und ich weiß, dass wir Schwestern sind - Was? Ja:

Ich habe Geld! Mehr als genug. Aber es ist mein Geld, verstehst du? Ich

rackere mich dafür ab! - Ich bin aber nicht verheiratet mit euch! Es geht mich

nichts an! Es geht mich nichts an! Tut mir leid! Hängt ein. Springt auf.

Schnorrerei! Wer bin ich denn! Sollen halt selbst arbeiten! Pause. Wehe, wenn

er dahintersteckt! Dann kann er sich eine andere suchen oder dafür noch mehr

Schulden machen! Nimmt Handy, Handtasche, Schlüsselbund und verlässt den

Raum.

Szene 18

In dem Café. Stephan lesend an seinem Tischchen. Dann tritt die Tante auf, einen

Platz suchend. Sie wendet sich schließlich zu Stephan.

TANTE Ist bei Ihnen was frei?

STEPHAN Sieht auf. Ja, bitte. Die Tante legt ihr Handy auf den Tisch und

deponiert ihre Handtasche unter dem Stuhl. Geht es?

TANTE Nervös. Ja, danke. Der Kellner kommt.

KELLNER Verzeihung, meine Dame - aber war dieser Platz nicht reserviert?

Blick auf Stephan.

TANTE Nicht dass ich wüsste! Sieht zu Stephan. Sie haben nichts gesagt!

STEPHAN Bitte?

KELLNER Zu ihm. Der Platz war doch reserviert?

STEPHAN Lächelnd. Nein - aber nein. Es ist schon gut.

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KELLNER Na, dann eben nicht. Verzeihen Sie, meine Dame: Ich hatte mich

getäuscht. Was darf ich Ihnen bringen?

TANTE Mit Blick auf Stephans Tasse. Dasselbe halt.

KELLNER Sehr wohl. Geht. Die Tante lehnt sich nach einem Blick auf Stephan

zurück und sieht müde in den Raum. Stephan lesend.

KELLNER Bitte schön, die Dame!

TANTE Trinkt hastig; dann glasig vor sich hinsehend, bis sie ein

(elektronisches) Notizbuch hervorzieht, um darin zu arbeiten. Stößt es dann

angeekelt zurück, trinkt, sieht vor sich hin etc.

STEPHAN Hat kurz aufgeblickt. Ist Ihnen nicht gut?

TANTE Wie kommen Sie darauf?

STEPHAN Sie machen kein glückliches Gesicht.

TANTE Perplex. So eine plumpe Anmache! Spöttisch. Mein Glück steht hier ja

wohl nicht zur Debatte.

STEPHAN Wenn Sie meinen. Lächelt, liest weiter. Pause.

TANTE Weiter unruhig; dann ärgerlich. Na?

STEPHAN Bitte?

TANTE Das muss doch weitergehen. Sie müssen nachsetzen! Stephan lächelt,

ohne etwas zu erwidern; liest weiter. Die Tante, deswegen irritiert, sucht sich

anderweitig zu beruhigen, kehrt aber zu Stephan zurück. Jetzt müssen Sie sich

schon weiter mit mir befassen! Nervös grinsend. Wo Sie mich schon geärgert

haben -

STEPHAN Womit habe ich Sie geärgert?

TANTE Sich eine Zigarette anzündend. Das wissen Sie nicht?

STEPHAN Nein.

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TANTE Ironisch. Vom Glück spricht man nicht. Erster Verstoß! Vom Unglück

eines andere spricht man noch weniger. Zweiter Verstoß - Und da soll ich mich

nicht ärgern?

STEPHAN Ich verstehe nicht -

TANTE Nein? Rauch ausstoßend. Das ist schade. Stephan betrachtet sie. Pause.

Und jetzt fixieren Sie mich noch mit Ihrer Unschuldsmiene! Sieht ihn feixend

an. Stephan lässt die Augen auf ihr, die nervös einen Zug nimmt. Und setzen

auch darin noch einen drauf und zwingen mich auf die Knie! Das ist Sadismus,

was Sie da betreiben. Anonymer Sadismus -

STEPHAN Hören Sie auf! Pause.

TANTE Zerstößt die Zigarette im Aschenbecher. Sie haben recht. Pause.

STEPHAN Sie fühlen sich nicht gut?

TANTE Das kommt vor. Pause. Aber lesen Sie nur weiter.

STEPHAN Legt das Buch auf den Tisch. Was machen Sie? Beruflich -

TANTE Immobilien, ich makle, kaufe und verkaufe. Gebäude und Grundstücke.

Große, allergrößte Objekte. Sie erkennen mich an meinem heimatlosen Blick

und an meinen Babys hier. Holt ein weiteres Handy hervor. Jederzeit

erreichbar, immer auf Trab! Schlimmer als bei einem Banker, denn die Börse

kennt doch so was wie Feierabend. Schlimmer als bei einem Berater, denn die

arbeiten ja auch mal was. Aber ich arbeite ja nichts - ich muss nur entscheiden.

Ein bisschen zuhören und entscheiden. Ja sagen oder nein sagen. Können Sie

sich ein Leben vorstellen, in dem man nur ja oder nein sagen muss? Entzündet

sich eine Zigarette. Das eigentlich Schlimme ist, dass ich nicht irgendwo fest

sitze. Ich brauche kein Büro, nicht mal einen Schreibtisch. Ich könnte den

ganzen Tag mit Durchfall auf irgendwelchen öffentlichen Toiletten hocken, so

flexibel ist meine Existenz. Ich bräuchte nicht mal einen Körper. Man könnte

mich reduzieren auf eine Entscheidungsmaschine. Können Sie sich vorstellen,

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wie man sich als Maschine fühlt? Lange Pause. So ist das mit mir. Pause. Und

Sie?

STEPHAN Lächelnd. Was?

TANTE Was machen Sie?

STEPHAN Vater.

TANTE Wie?

STEPHAN Ich bin Vater.

TANTE Aha. Damit hatten Sie es wohl eilig?

STEPHAN Das weiß ich nicht - Pause.

TANTE Und sonst?

STEPHAN Was?

TANTE Was machen Sie sonst? Sie werden doch Geld verdienen müssen? Oder

macht das die glückliche Mutter?

STEPHAN Nein -

TANTE Wie?

STEPHAN Nichts.

TANTE Sie machen nichts? Stephan lächelt. Dann haben Sie reiche Eltern - oder

Sie sind arbeitslos?

STEPHAN Nein.

TANTE Dann wollen Sie nicht arbeiten?

STEPHAN Ja.

TANTE Aber das ist doch unmöglich! Wie stellen Sie sich das vor? Das ist ja

Wahnsinn!

STEPHAN Auf Wiedersehen. Wendet sich zum Gehen.

TANTE Aufspringend. Warten Sie mal! Sie heißen nicht etwa Stephan? Pause.

STEPHAN Doch. Pause.

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TANTE Dann sind wir verwandt. Ich bin Ihre Tante Klara. Stephan sieht sie an

und geht.

Szene 19

Das Wohnzimmer der Familie. Stephan auf dem Sofa, ein Neugeborenes auf dem

Arm. Der Vater und die Mutter betrachten ihn schweigend. Die Schwester mit auf

dem Sofa.

SCHWESTER Ist das deins, ist das deins, ist das wirklich deins! Ganz klein, so

klein - man sieht es kaum! Hat sich auf den Knien hochgestreckt. Wie niedlich!

Ganz klein: das Köpfchen! Darf ich es anfassen, darf ich es anfassen?

STEPHAN Lächelnd. Hält den Säugling etwas tiefer. Aber vorsichtig -

SCHWESTER Wie niedlich! Ist es ein Mädchen oder ein Junge?

STEPHAN Ein Mädchen. Leise: Nicht dass sie erschrickt. Pause.

MUTTER Sie hat es nur abgeliefert. Warum ist sie nicht hereingekommen?

STEPHAN Wer?

MUTTER Die Mutter. Thelia oder wie sie heißt.

STEPHAN Sie musste noch etwas besorgen.

MUTTER Sie hätte sich ja mal vorstellen können.

VATER Wir werden doch wohl aufkommen müssen für euer Kind! Hast du

endlich mit ihren Eltern gesprochen?

STEPHAN Nein.

MUTTER Du hast die immer noch nicht gesehen?

STEPHAN Nein.

VATER Wie heißt die Familie denn eigentlich?

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STEPHAN Ich weiß nicht. Pause.

MUTTER Du gehst jetzt sofort zu dieser Thelia hin und fragst, wie sie eigentlich

heißt und wo ihre Eltern wohnen.

VATER Wir müssen uns mit denen in Verbindung setzen. Wenn, dann müssen

beide Familien beitragen. Allein schaffen wir das unmöglich. Hast du

verstanden?

STEPHAN Ja.

SCHWESTER Jetzt hat es gegähnt! Ganz doll gegähnt! Wie niedlich!

Szene 20

Das Zimmer des Mädchens: völlig leer bis auf die an die Wand gelehnte

Matratze. Stephan tritt ein, in Begleitung des Hausmeisters.

STEPHAN Hallo? Bleibt stehen. Thelia?

HAUSMEISTER Ich habe Ihnen doch gesagt, da wohnt keiner mehr. Die sind

alle ausgezogen, die ganze Bande. Das Haus wird sowieso abgerissen. Aber die

sind vorher schon raus.

STEPHAN Seit wann?

HAUSMEISTER Knappe Woche ungefähr. Wendet sich um. Aber jetzt kommen

Sie bitte raus hier. Ich hab Ihnen ja gesagt, da wohnt keiner mehr. Aber Sie

mussten’s ja selber sehen. Jetzt haben Sie’s gesehen - also bitte!

STEPHAN Lächelnd. Ja. Betrachtet die Matratze. Der Hausmeister dreht sich

um.

HAUSMEISTER Die ist übrig geblieben. Können Sie haben, wenn Sie wollen.

Kommt sowieso auf den Müll. Das ganze Haus kommt ja auf den Müll.

STEPHAN Ja. Folgt dem Hausmeister hinaus.

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Szene 21

Der Kinderspielplatz. Stephan, mit einem altmodischen Kinderwagen, auf einer

Bank, lesend. Auf einer Nachbarbank eine alte Frau. Nach einer Weile schließt

Stephan das Buch und beugt sich über den Wagen, um darin umsichtig zu

hantieren.

ALTE FRAU Das ist aber mal ein liebevoller junger Vater! Das hat es zu meiner

Zeit nicht gegeben: Aber warum auch nicht anders herum? Wenn die Mutter

arbeiten geht, kann sich ja wirklich der Vater um die Kinder kümmern. Warum

denn nicht? Stephan lächelt, ohne sie anzusehen.

Szene 22

Das Zimmer von der Tante.

TANTE Unruhig. Wo bleibt er nur? Blick auf die Uhr. Schon wieder halb sechs!

Er kommt heute wieder nicht! Ich werde noch wahnsinnig. Was fällt ihm ein!

Wenn er wenigstens anrufen würde. Aber so sitze ich da und warte! Nichts

schlimmer als warten! Pause. Warum warte ich eigentlich? Was will ich denn

von ihm? Soll er doch kommen oder nicht! Hach, es ist entsetzlich - Begibt

sich an den Sekretär, entzündet eine Zigarette, die gleich darauf zerstampft

wird. Dann greift sie zum Telefon, wählt und wartet. Ich bin es! Du bist zu

Hause? Was soll das? Sag nichts - ich komme vorbei! Bist du allein? Ob du

allein bist? Das ist mir egal - ich komme jetzt vorbei! Legt auf. Ich bin ja

verrückt, völlig verrückt! Warum tu ich das? Was will ich eigentlich!? Verlässt

den Raum.

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Szene 23

Das Wohnzimmer der Familie. Die Tante, im Mantel, und der Vater stehen sich

gegenüber.

VATER Warum musstest du kommen! Hätte das Telefon nicht gereicht? Du

machst doch sonst alles per Telefon! Warum musst du jetzt unbedingt

kommen?

TANTE Ich weiß es nicht - vielleicht wollte ich dich sehen. Außerdem hättest du

nur zu sagen brauchen, dass du nicht allein bist. Es ist dir also selber nicht

unrecht, dass ich komme. Pause.

VATER Das versteht ja wohl keiner. Warum hast du dich überhaupt gemeldet?

TANTE Wieso?

VATER Hast du mich etwa vermisst? Grinsend. Du hängst doch nicht etwa an

mir? „Kein Geld, keine Familie, keine Liebe“. Deine Grundsätze. Pause. Was

uns verbindet, findest du bei jedem anderen auch! Oder hast du dich an mich

gewöhnt? „Der Mann, der regelmäßig kommt“ - Pause. Er kommt nicht mehr.

TANTE Warum nicht?

VATER Ich habe andere Sorgen. Pause. Aber du hast meine Frage nicht

beantwortet: Warum hast du dich gemeldet? Liegt dir etwa an mir?

TANTE Es ist das Geld?

VATER Was?

TANTE Eure Schulden?

VATER Unsere Schulden, ja! Zieht ein Papier hervor. Weißt du, was das ist?

Ein Mahnbescheid! Frank und frei vom Amtsgericht. Und zwar die letzte

Mahnung. Du weißt natürlich, was das zu bedeuten hat. Binnen zwei Wochen

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ist zu zahlen. Ansonsten folgt: Vollstreckung, Pfändung! Du wirst es bestens

wissen von deinen Immobiliengeschäften, wenn du zahlungsunfähige Mieter

vor die Tür setzt. Pause. Wenn ich nicht Widerspruch einlege, einen Prozess

anstrenge. Das kann ich machen, aber wozu? Es ist aussichtslos. Die Sache

liegt klar. Was kommen muss, komme. Pause. Sie sollen nur kommen und

„Kuckuck“ rufen oder was die sonst machen. Du wirst es wissen: Rufen sie

„Kuckuck“? Imitiert. Kuckuck! Pause. Das sind meine Sorgen. Pause.

TANTE Du willst also, dass ich zahle? Aber ich bezahle nicht! Pause. Soll ich

dich etwa dafür bezahlen!?

VATER Dafür? Herr im Himmel! Du zahlst doch nicht dafür, wenn du es tust!

TANTE Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, was ich denke. Ich brauche dich

nicht, bilde dir das nicht ein! Ich liebe dich nicht und habe dich nie geliebt.

Und ich schäme mich auch nicht - Ihr Blick fällt aus der Zimmertür, in

welcher, nur für sie, Stephan zu sehen ist. Er stand schon länger dort und zieht

sich jetzt zurück. Die Tante, den Schreck meisternd, bricht auf.

VATER Du gehst?

TANTE Ja. Sie geht.

Szene 24

Das Innere des Museums. Stephan in Betrachtung eines Bildes. Vor den Bauch

gebunden das Kind, dem er sich von Zeit zu Zeit zuwendet. Der Wärter kommt

bisweilen vorbei und schüttelt irgendwie den Kopf über ihn. Dann Auftritt der

Tante: suchend. Entdeckt Stephan, betrachtet ihn und tritt dann heran.

TANTE Guten Tag.

STEPHAN Sich umwendend. Guten Tag. Betrachtet sie lächelnd, bis die Tante

das unwirsch beendet.

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TANTE Was ist das für ein Bild! Sie sieht hartnäckig darauf. Stephan dreht sich

dem Bild zu.

STEPHAN Ein unbekannter Edelmann.

TANTE Wie auch im Folgenden leicht gereizt. Unbekannt? Wieso unbekannt?

STEPHAN Lächelnd. Man kennt seinen Namen nicht.

TANTE Ein Namenloser also!

STEPHAN Ja.

TANTE Und noch jung!

STEPHAN Ja.

TANTE Aber ein Edelmann?

STEPHAN Sie ansehend. Ja. Pause.

TANTE Ein Edelmann also - Was, glauben Sie, ist das Edle an ihm?

STEPHAN Lächelnd. Sehen Sie es nicht?

TANTE Nach kurzer Überlegung. Die Haltung. Sie ist stolz, selbstbewusst. Die

linke Hand auf den Degen gestützt, die rechte in die Hüfte gestemmt. Pause.

Ihre Augen wandern weiter über das Bild. Ein gewisser Ehrgeiz packt sie. Und

er steht schräg, wie zufällig dem Betrachter zugewandt - gnädig, so als hätte er

ihn nicht nötig, erwiese ihm eine Gunst durch seine Zuwendung. Pause. Das ist

doch edel, oder?

STEPHAN Lächelnd. Sie sehen das Falsche.

TANTE Wieso?

STEPHAN Sie übersehen sein Gesicht. Das haben Sie nicht beachtet. Und doch

ist es bei jedem Menschenbildnis das Wichtigste.

TANTE Erst unwillig, dann einlenkend. Na schön, das Gesicht. Sie halten es für

das Wichtigste?

STEPHAN Ja. Vor allem die Augen.

TANTE Das Gemälde ernsthafter betrachtend. Und was sehen sie in denen hier?

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STEPHAN Alles.

TANTE Alles? Das ist etwas viel, oder? Wie kommen Sie darauf? Das ist doch

ein völlig durchschnittlicher Blick.

STEPHAN Ganz und gar nicht. Sehen Sie nur genau hin: Er ist weich, fragend,

verletzlich. Pause.

TANTE Überrascht. Betrachtet erst Stephan, dann das Bild. „Weich, fragend,

verletzlich“. Sie meinen, diese Augen haben Angst vor dem Leben?

STEPHAN Nein. Sie sehen das Leben. Pause.

TANTE Aber sie werden das Leben nicht meistern. Sie werden unterliegen. Sie

sind schwach. Sieht Stephan herausfordernd an.

STEPHAN Lächelnd. Vielleicht. Aber das macht nichts.

TANTE Ist das Ihr Ernst?

STEPHAN Sieht sie gerade an. Ja.

TANTE Das glauben Sie wirklich?

STEPHAN Lächelnd. Ja.

TANTE Dann sind es die Augen eines Schmarotzers! Stephan lächelt nur. Pause.

Und wir sollen wohl alle so ins Leben sehen?

STEPHAN Sie betrachtend. Das weiß ich nicht. Er muss es.

TANTE Er muss es. Sie sehen sich an. Bis Stephan sich wieder dem Bild

zuwendet, wobei er das Kind leicht wiegt. Was meinen Sie: Wenn unser junger

Edelmann ein Kind vor den Bauch gebunden hätte - dürfte er dem Leben dann

genauso entgegensehen?

STEPHAN Warum nicht?

TANTE Aber das verstehe ich nicht! Das kann nicht Ihr Ernst sein. Pause. Dann

tritt sie vor, liest das Schildchen. Übrigens ist das Bild unvollendet! Was

meinen Sie, wie Velazquez es zu Ende gemalt hätte?

STEPHAN Nicht anders. Zumindest nicht im Gesicht.

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© Christof Schalhorn


TANTE Zornig. Sagen Sie mal: Warum siezen wir uns eigentlich? Wir sind doch

verwandt: Sie sind mein Neffe, ich bin Ihre Tante! Pause. Das ist also dein

berühmtes Kind! Ein Junge oder ein Mädchen? Stephan in Beschäftigung mit

dem Kind. Die Tante verfolgt das gereizt. Warum wirfst du mir eigentlich

nichts vor? Pause.

STEPHAN Was soll ich Ihnen vorwerfen?

TANTE Verblüfft. Dein Vater und ich - Stephan lächelt nur. Das kümmert dich

nicht? Du nimmst das hin? Kann man so gleichgültig sein? Oder ist das keine

Gleichgültigkeit! Pause.

STEPHAN Nach einem Blick auf die Uhr. Entschuldigen Sie, aber wir müssen

jetzt gehen. Auf Wiedersehen. Geht. Die Tante bleibt ratlos zurück. Dann tritt

der Wärter zu ihr.

WÄRTER Sind Sie die Mutter? Pause. Ob Sie die Mutter sind?

TANTE Was?

WÄRTER Von seinem Kind - sind Sie da die Mutter?

TANTE Ihn abwesend betrachtend. Das weiß ich nicht. Der Wärter schreckt

perplex zurück und zieht ab. Die Tante sieht im zerstreut nach, dann auf den

Velazquez.

Szene 25

Das Wohnzimmer. Vor dem Sofa, auf dem Boden, die Schwester: malend. Die

Mutter links auf einem Stuhl: vor sich hinsehend.

SCHWESTER Mama? Wo ist Stephan?

MUTTER Hart. Ich weiß es nicht. Pause. Was malst du?

SCHWESTER Unsere Wohnung.

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MUTTER Lass das!

SCHWESTER Warum?

MUTTER Man muss nicht alles malen. Pause. Die Schwester malt weiter. Die

Mutter steht auf, stellt sich gegen das Publikum. Tritt dann zu der Schwester,

betrachtet das entstehende Bild.

SCHWESTER Das da ist euer Schlafzimmer. Und das Stephans Zimmer, mit

seinem Kind - Die Mutter fährt hinab auf das Bild und zerreißt es noch im

Sich-Aufrichten. Die Schwester entgeistert, dann schreiend. Du bist gemein!

So gemein! Läuft hinaus. Pause.

MUTTER Gemein. Pause. Vielleicht sollte sie die Wohnung doch malen. Nimmt

die Fetzen und setzt sie zusammen.

Szene 26

Das Café. Stephan lesend an seinem Tischchen, das Kind neben sich. Dann

Auftritt der Tante: Sie steuert auf Stephan zu, bleibt vor ihm stehen, bis er den

Blick zu ihr hebt. Dann setzt sie sich auf den freien Stuhl und betrachtet Stephan

sehr ruhig. Dann Auftritt des Kellners.

KELLNER Was darf ich der Dame bringen? Die Tante reagiert erst nicht. Sieht

ihn dann nur kurz an. Er zieht sich daraufhin zurück. Längere Pause.

TANTE Glaubst du, dass du mit mir leben kannst? Pause. Glaubst du, wir

könnten das - zusammen leben?

STEPHAN Legt das Buch auf den Tisch und betrachtet sie eingehend.

Zusammen leben?

TANTE Ja. Glaubst du, wir können das? Pause.

STEPHAN Das glaube ich schon. Pause.

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TANTE Dann lass uns gehen.

STEPHAN Lächelnd. Wohin?

TANTE Das ist egal. Nur weg. Pause.

STEPHAN Lächelnd. Gut. Auf das Kind blickend.

TANTE Mit dem Kind natürlich.

STEPHAN Ja. Pause.

TANTE Gehen wir. Steht auf, streckt ihm die Hand hin. Komm! Stephan

betrachtet sie. Dann erhebt er sich und nimmt die Tragetasche auf. Sie gehen.

Der Kellner kommt, um den Tisch abzuräumen. Nimmt, nicht ohne Bedeutung, das

liegen gebliebene Buch auf und steckt es ein.

Szene 27

Das Schlafzimmer der Tante: leer, ausgeräumt. Nur noch eine Kiste, darauf das

Telefon. Auftritt der Vater mit einem Mann im Kittel.

MANN Da sehn Sie: leer, alles leer. Auch dieses Zimmer. Wie ich es Ihnen

gesagt habe. Die Dame ist seit einem Tag weg. So ein urplötzlicher Auszug,

ich sag Ihnen: Das hab ich noch nicht erlebt! Aber es musste unbedingt sein,

gegen alle Widerstände - wie auf der Flucht! Und sie hat ihren Kopf

durchgesetzt, das ging hopp-hopp! So was von energisch. Ich kann Ihnen

sagen.

VATER Sich umblickend. Ja. Bewegt sich herum. Hat sie etwas dagelassen?

MANN Was meinen Sie?

VATER Einen Brief vielleicht, irgendeine Nachricht?

MANN Einen Brief? Nein. Für wen sollte der sein?

VATER Für wen? Pause.

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MANN Ich denke, Sie haben nun alles gesehen, was es - nicht zu sehen gibt.

VATER Ja. Pause. Das Telefon - geht das?

MANN Fragen Sie mich nicht. Aber das ist das Einzige, was sie dagelassen hat.

VATER Hebt den Hörer ab, wählt und horcht. Miriam? Ich bin’s. Klara wohnt

nicht mehr hier. Sie ist weg. Es ist alles weg. - Also war wirklich sie es, die

alles bezahlt hat. Ich bin mir sicher: Sie hat unsere Schulden bezahlt und sich

davon gemacht. - Was? Stephan ist auch weg? Mit dem Kind? Und seinen

Sachen? Das kann nicht sein, wo soll er denn hin? Ja, ich komme sofort. Legt

den Hörer auf, perplex. Pause. Dann geht er Richtung Tür. Ich danke Ihnen.

Verlässt den Raum vor dem Mann im Kittel.

MANN Bittebitte - keine Ursache.

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