Motor-Columbus von 1895 bis 2006

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Motor-Columbus von 1895 bis 2006

RUBRIKTITEL RUBRIKTITEL RUBRIKTITEL 1234–1567

VON 1895 BIS 20 06

111 Jahre Motor-Columbus

MOTOR-COLUMBUS 18952006 00


MOTOR-COLUMBUS

VON 1895 BIS 2006


VON 1895 BIS 20 06


Text:

Gestaltung:

Druck:

Patrick Kupper und Tobias Wildi

Fabienne Marcolin, coray com ag, Baden

buag Grafisches Unternehmen AG, Baden-Dättwil

© 2006, Motor-Columbus, Baden


«ENERGIE GEHT NICHT VERLOREN.»

HERMANN VON HELMHOLTZ, DEUTSCHER PHYSIKER UND PHYSIOLOGE


INHALTSVERZEICHNIS

FÜR DIE CHRONIK DER MOTOR-COLUMBUS

Die Gründung der Motor AG 1895 2

Erste Projekte in der Schweiz und in Italien 4

Das Verwaltungsgebäude an der Parkstrasse in Baden 6

Die Gründung der Columbus AG 1913 10

Der Erste Weltkrieg und die Fusion

zur Motor-Columbus AG 1923 12

Die Motor-Columbus in der Zwischenkriegszeit 14

Nord-Süd-Leitungen und die Gründung der Atel 1936 16

Die Motor-Columbus während des Zweiten Weltkriegs 20

Der Bau der grossen Partnerwerke in den Alpen 22

Das gescheiterte KKW-Projekt Kaiseraugst 24

Von den technischen Abteilungen

zur Motor-Columbus Ingenieurunternehmung 28

Als Akteur der Schweizer Elektrizitätswirtschaft

und Energiepolitik 32

Das Mobag-Abenteuer im Iran 34

Umbau zur «technologieorientierten Unternehmensgruppe» 36

Motor-Columbus wird zur Finanzholding 38

Nach 111 Jahren verschwindet Motor-Columbus 40

Nachwort 43

Die Verwaltungsratspräsidenten von 1895 bis 2006 45


1895–1900

DIE GRÜNDUNG DER MOTOR AG 1895

EINE RISIKOBEHAFTETE NEUE TECHNOLOGIE

DIE GRÜNDUNG DER MOTOR AG 1895

Die Fachleute waren ebenso fasziniert wie

das breite Publikum: Die neuen Möglichkeiten,

Elektrizität technisch zu erzeugen,

zogen Ende des 19. Jahrhunderts alle in den

Bann. Die Erwartungen in die Elektrotechnik

waren hoch, allerdings konnte niemand auch

nur annähernd voraussagen, wie sich die noch

in den Kinderschuhen steckende Technologie

entwickeln würde. Investitionen in diesen Bereich

wurden als eine risikoreiche Finanzanlage

betrachtet. Die Beschaffung von Kapital

zählte daher zu den Hauptproblemen der aufstrebenden

Branche.

Wie bereits der Eisenbahnbau der 1850erund

1870er-Jahre stellte auch der Ausbau der

Elektrizitätswirtschaft ganz neue Anforderungen

an den Kapitalmarkt. Für den Aufbau

von Kraftwerken und Übertragungsleitungen

waren sehr hohe Investitionen erforderlich.

Diese Gelder waren zudem langfristig gebunden

und warfen oft erst nach Jahrzehnten

Rendite ab. Die Banken hielten sich bei der

Kreditvergabe zurück, nahmen jede Anlage

genau unter die Lupe und liessen oft mehrere

Gutachten erstellen, bevor sie sich allenfalls

für ein Engagement entschieden.

Kraftwerk

Ruppoldingen,

1894–1896

2

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DIE GRÜNDUNG DER MOTOR AG 1895 1895–1900

Diese zögerliche Haltung der Banken

machte der jungen Elektroindustrie zu schaffen.

1894 trat die Brown Boveri & Cie (BBC)

erstmals als Mitgründerin einer Kraftwerksgesellschaft

auf. Die Elektrizitätswerk Olten-

Aarburg AG, aus der die Aare-Tessin AG für

Elektrizität (Atel) hervorgehen sollte, plante

den Bau des Kraftwerks Ruppoldingen. Walter

Boveri, der die BBC drei Jahre zuvor mit

Charles Brown gegründet hatte, gelangte

hierbei zur Überzeugung, dass für die Finanzierung,

die Projektierung und den Bau von

Kraftwerksanlagen ein eigenes Instrument

geschaffen werden müsse. Es gelang ihm aber

nicht, die grossen Schweizer Banken von seiner

Idee zu überzeugen. Als Boveri 1895 die

Motor AG gründete, wurde das Aktienkapital

zu zwei Dritteln durch deutsche Finanzinstitute

gezeichnet und zu knapp einem Drittel

durch BBC selbst. Einzig die Zürcher Bank

Plakat zur

internationalen

elektrotechnischen

Ausstellung in

Frankfurt am Main,

1891.

Leu & Cie. beteiligte sich namhaft an der neuen

Gesellschaft. Bei einer ersten Kapitalerhöhung

stiess 1896 auch die Bank in Winterthur

zu den Aktionären, eine Vorläuferin der UBS.

Investitionen in diesen Bereich

wurden als eine risikoreiche

Finanzanlage betrachtet.

Mit der Gründung der Motor AG befand

sich die BBC in guter Gesellschaft. Nahezu

gleichzeitig hob die deutsche Elektroindustrie

ebenfalls Finanzgesellschaften aus der

Taufe. Zwei deutsche Kraftwerksbauer, die

Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft und die

Siemens & Halske AG, siedelten ihre Neugründungen

Bank für elektrische Unternehmungen

(Elektrobank, die spätere Elektrowatt)

und Schweizerische Gesellschaft für Elektrische

Industrie (Indelec) in der Schweiz an.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 3


1900–1908

ERSTE PROJEKTE IN DER SCHWEIZ UND IN ITALIEN

ERFOLGREICHE ANFANGSJAHRE

ERSTE PROJEKTE IN DER SCHWEIZ UND IN ITALIEN

ihren ersten Jahren erarbeitete sich

IN die Motor ein umfassendes Tätigkeitsfeld.

So erkundete sie mögliche Standorte für

Kraftwerke, erwarb die nötigen Konzessionen,

stellte die Finanzierung sicher und überwachte

den Bau. Ihr Mutterhaus BBC produzierte

für diese Anlagen die elektrischen

Maschinen und Apparate.

Von ihren kapitalkräftigeren Konkurrentinnen

Elektobank und Indelec unterschied

sich die Motor in zweierlei Hinsicht. Während

sich jene auf Finanzierungsfragen konzentrierten,

begleitete die Motor ihre Projekte von der

Idee bis zur Inbetriebnahme. Investierten jene

fast ausschliesslich im Ausland, so trieb die Motor

die Elektrizitätsversorgung in der Schweiz

voran. 1897, zwei Jahre nach ihrer Gründung,

nahm das erste von ihr projektierte Kraftwerk

in Grindelwald den Betrieb auf. Diesem folgten

rasch weitere: 1899 Kander bei Spiez, 1900 Hagneck

am Bielersee, 1902 Beznau an der Aare,

Die zukunftsweisende Lösung

dieses Problems lag darin,

Niederdruck-Laufkraftwerke und

Hochdruck-Speicherkraftwerke

im Verbund zu betreiben.

1906 Ticinetto am Fluss gleichen Namens,

1908 Löntsch am Klöntalersee. Einige Anlagen

betrieb die Motor auf eigene Rechnung, während

sie andere teils oder ganz veräusserte, um

Mittel für neue Projekte freizubekommen.

In der Frühzeit des Elektrizitätsgeschäftes

war es schwer, die Anlagen optimal auszulasten.

Die Nachfrage nach Strom schwankte

im Tagesverlauf, die produzierte Elektrizität

liess sich hingegen nicht speichern. Die

zukunftsweisende Lösung dieses Problems

lag darin, Niederdruck-Laufkraftwerke und

Hochdruck-Speicherkraftwerke im Verbund

zu betreiben. 1903 realisierte die Motor den

Kraftwerk

Festi-Rasini

in Mailand

Schalttafel

im Kanderwerk

Spiez, 1899

4

MOTOR-COLUMBUS 18952006


ERSTE PROJEKTE IN DER SCHWEIZ UND IN ITALIEN 1900–1908

ersten solchen Verbund in der Schweiz, indem

sie die Kraftwerke Kander und Hagneck

durch eine 65 km lange 16-kV-Hochspannungsleitung

miteinander verband. 1908 folgte

der Verbund von Beznau und Löntsch. Der

erste Verbund bildete den Grundstein für die

Bernischen Kraftwerke (BKW), der zweite

für die Nordostschweizerischen Kraftwerke

(NOK, heute Axpo).

Noch vor der Jahrhundertwende weitete

die Motor ihr Geschäftsfeld ins benachbarte

Ausland aus, wobei Italien in den Mittelpunkt

der Aktivitäten rückte. Das südliche Nachbarland

war ein interessanter Wachstumsmarkt

für elektrotechnische Güter. Die einheimische

Konkurrenz war deutlich schwächer

als etwa in Deutschland. Zudem konnte die

Motor beim Aufbau ihrer Geschäftsverbindungen

von den kulturellen Kompetenzen ihres

ersten technischen Direktors profitieren,

des Tessiners Agostino Nizzola (1869–1961).

Im Gespann mit der BBC engagierte sich die

Motor sowohl im Kraftwerkbau in Italien als

auch in der Eisenbahnelektrifizierung.

Kraftwerk Beznau,

1898–1902,

Maschinensaal

Kraftwerk Beznau,

Wehranlage

Kraftwerk Beznau,

Unterwasserseite

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1904–1913

DAS VERWALTUNGSGEBÄUDE AN DER PARKSTRASSE IN BADEN

ARBEITEN MIT MODERNSTER TECHNIK

DAS VERWALTUNGSGEBÄUDE AN DER PARKSTRASSE IN BADEN

Die Büros der Motor waren in den ersten

Jahren in Mieträumen an der Bruggerstrasse

in Baden untergebracht. Mit dem

raschen Wachstum des Unternehmens wurde

bald das Bedürfnis nach mehr Platz und

einem eigenen Gebäude wach. Der Badener

Architekt Arthur Betschon erarbeitete

ein Projekt für ein Verwaltungsgebäude an

der Ecke Römerstrasse/Parkstrasse. Das gewählte

Gelände bot auch genügend Platz für

allfällige Erweiterungsbauten. Das Projekt

wurde im März 1904 präsentiert und 1904–

1905 verwirklicht. Im April 1905 konnte

das Hauptgebäude bezogen werden. Bereits

im darauf folgenden Jahr wurde der Platz

knapp, sodass 1906–1907 ein Flügel angebaut

wurde. 1913 liess die Motor das Gebäude

dann wesentlich erweitern zu einem

Geviert mit Innenhof, so, wie es sich heute

noch präsentiert.

6

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DAS VERWALTUNGSGEBÄUDE AN DER PARKSTRASSE IN BADEN 1904–1913

Ausschnitt des

geplanten

Eingangsportals

Eingangsportal

nach der

Gebäudesanierung

Das Verwaltungsgebäude

auf einer

Postkarte,

aufgenommen kurz

nach dem Bau.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 7


1904–1913 DAS VERWALTUNGSGEBÄUDE AN DER PARKSTRASSE IN BADEN

«Über den Dächern»

Blick von einem

der fünf Balkone

Richtung Osten.

Planungsdetail

an der

Ostfassade

Die Verzierung

wurde ohne

«M» realisiert.

Bildausschnitt

Ostfassade

DETAILANSICHT HAUS

Über das Gebäude erschien 1908 ein

ausführlicher Artikel in der «Schweizerischen

Bauzeitung»: «Für die architektonische

Ausgestaltung der äusseren Ansichten

war der Ausdruck von Ernst und Gediegenheit

wegleitend. Ohne auffallenden Zierat

und ohne lebhafte Ausschmückungen sollten

die Fassaden doch keine unangebrachte

Sparsamkeit zur Schau stellen.» Beeindruckt

zeigte sich der Kritiker der «Bauzeitung»

vor allem von der modernen Haustechnik.

So verfügte das Gebäude über eine damals

noch unübliche Zentralheizung und Warmwasserversorgung,

zudem wurde die Luft

8

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DAS VERWALTUNGSGEBÄUDE AN DER PARKSTRASSE IN BADEN 1904–1913

Querschnitt 1:500

(«Schweizerische

Bauzeitung»)

Grundriss vom

Erdgeschoss, 1:500

(«Schweizerische

Bauzeitung»)

Detailaufnahme

Treppenhaus

mit verzierten

Fenstern

Im Keller stand eine eigene

Transformatorenstation.

über eine Ventilationsanlage ausgetauscht.

Im Keller stand eine eigene Transformatorenstation,

welche den Strom vom eigenen

Flusskraftwerk in der Beznau auf die richtige

Spannung für die elektrische Beleuchtung

des Hauses umwandelte. Die Büros waren

über Telefone miteinander verbunden,

und auf dem Dach stand ein Glasaufbau mit

Apparaten zum Heliografieren, einem Foto-

Positivverfahren zum Kopieren von Akten.

Die Büroräume waren je nach Zweckbestimmung

unterschiedlich ausgestattet. Die

Konstrukteure, Zeichner und kaufmännischen

Angestellten mussten mit Linoleum-

Bodenbelägen und Wänden mit Ölfarbenanstrich

Vorlieb nehmen. Die Direktions- und

Sitzungszimmer waren tapeziert und parkettiert.

Das repräsentative Konferenzzimmer

im Erdgeschoss wies Deckenornamente

und besonders gestaltete Beleuchtungskörper

auf. Die Motor, welche die Elektrizität

als neue Technologie propagierte, zeigte im

eigenen Verwaltungsgebäude, was sich alles

damit machen liess.

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1913–1923

DIE GRÜNDUNG DER COLUMBUS AG 1913

AMERIKA!

DIE GRÜNDUNG DER COLUMBUS AG 1913

Rahmen ihres Italiengeschäfts beteiligte

sich die Motor 1912 an der

IM

Compañía Italo-Argentina de Electricidad

(CIAE), die im selben Jahr die äusserst lukrative

Konzession erhielt, die Elektrizitätsversorgung

der argentinischen Metropole Buenos

Aires aufzubauen. Um ihre Beteiligung an

der CIAE zu erhöhen, gründete die Motor zusammen

mit schweizerischen, italienischen

und argentinischen Banken und Industriellen

1913 die Columbus AG für elektrische Unternehmungen.

Firmensitz war zunächst Glarus,

ab 1920 dann Baden. Der Zweckartikel ihrer

Statuten lautete fast wortgleich wie jener der

Motor: «Finanzgeschäfte aller Art, soweit sie

die Konzessionierung, den Bau, den Betrieb,

die Umwandlung, auch den Erwerb oder die

Veräusserung von Unternehmen oder Verfahren

im Gebiet der angewandten Elektrotechnik

oder Elektrochemie betreffen». Auch der

Präsident war derselbe: Walter Boveri. Ein

zentrales Geschäftsinteresse der Firma war

denn auch, für die Produkte der BBC neue

Märkte in Übersee zu erschliessen.

Die Stromproduktion für

die Region Buenos Aires konnte

rasch ausgebaut werden.

Die Stromproduktion für die Region Buenos

Aires konnte rasch ausgebaut werden.

Um den Kapitalbedarf der florierenden CIAE

zu decken, verdoppelte die Columbus ihr Aktienkapital

innerhalb der ersten fünf Jahre

auf 30 Mio. Franken. Die jährliche Dividende

stieg bis auf 8 %. In den 1920er-Jahren weite-

Dampfkraftwerk

Pedro Mendoza,

Argentinien

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MOTOR-COLUMBUS 18952006


DIE GRÜNDUNG DER COLUMBUS AG 1913 1913–1923

te die inzwischen mit der Motor fusionierte

Columbus ihr Südamerikageschäft aus. Sie

beteiligte sich an den Gründungen der Südamerikanischen

Elektrizitätsgesellschaft (Südelektra,

1926) und der Schweizerisch-Amerikanischen

Elektrizitäts-Gesellschaft (SAEG,

1928). Neben Argentinien wurde Peru zu einem

Schwerpunktland.

Die Erfolge der Anfangsjahre liessen

sich allerdings nicht wiederholen. Vielmehr

litten die Geschäfte stark unter den wirtschaftlichen

und politischen Instabilitäten,

welche die Entwicklung des Subkontinents

im 20. Jahrhundert prägten. Die Motor-Columbus

musste auf ihren südamerikanischen

Beteiligungen ab den 1930er-Jahren mehrere

Kapitalabstriche und jahrelange Ertraglosigkeit

hinnehmen. Ende der 1970er-Jahre war

sie im Zuge staatlicher Nationalisierungsprogramme

in Argentinien und Peru schliesslich

gezwungen, diese Engagements an einheimische

Institutionen abzutreten.

Den vielen Enttäuschungen, welche die

Motor-Columbus in Südamerika erlebte, standen

Phasen gegenüber, in denen das dortige

Engagement entscheidend mithalf, Krisen im

schweizerischen und europäischen Geschäft

zu überwinden. So sollte sich die breitere geografische

Verteilung der Investitionen nach

1913 bald schon auszahlen.

Montage der Druckleitung

des

Moyopampa-Kraftwerks

in Peru,

Inbetriebnahme 1952

MOTOR-COLUMBUS 18952006 11


1914–1923

DER ERSTE WELTKRIEG UND DIE FUSION ZUR MOTOR-COLUMBUS AG 1923

KAPITALVERLUSTE UND NEUANFANG

DER ERSTE WELTKRIEG UND DIE FUSION ZUR MOTOR-COLUMBUS AG 1923

Als in Europa der Erste Weltkrieg entfesselt

wurde, war die Motor eine kleinere,

aber im Elektrizitätsgeschäft sehr aktive Projektierungs-

und Finanzierungsgesellschaft.

Neben eigenen Anlagen im Buchwert von gut

10 Mio. Franken wies ihre Bilanz 1914 Beteiligungen

von gut 25 Mio. Franken aus. Knapp

60 Prozent dieser Gelder waren im Ausland

angelegt, der Löwenanteil davon in Italien,

das restliche Viertel vorwiegend im damals

deutschen Elsass-Lothringen.

Der Kriegsausbruch wirkte sich bald

schon auf die Geschäfte der Motor aus. Zwar

blieben ihre Anlagen von Zerstörungen weitgehend

verschont, steigende Betriebs- und

Unterhaltskosten, Lieferprobleme bei Maschinen

und Materialien sowie Arbeitskräftemangel

erschwerten aber die Unternehmenstätigkeit.

Mehr Sorgen bereitete in Baden jedoch

der zunehmende Zerfall der ausländischen

In dieser Situation entschlossen

sich die Verantwortlichen, den

unumgänglichen Kapitalschnitt mit

einer Firmenfusion zu verbinden.

Währungen, der auch durch das Kriegsende

1918 nicht aufgehalten wurde. 1920 notierte

die italienische Lira nur noch bei knapp einem

Drittel ihres Vorkriegskurses, während

die deutsche Mark nicht einmal mehr den

zehnten Teil von 1914 wert war. Diese Ent-

Schwimmbagger

zum Bau des

Unterwasserkanals

des Kraftwerks

Gösgen, 1916

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MOTOR-COLUMBUS 18952006


DER ERSTE WELTKRIEG UND DIE FUSION ZUR MOTOR-COLUMBUS AG 1923 1914–1923

wicklung stürzte die Motor wie auch andere

Schweizer Firmen, die namhafte Kapitalien

im benachbarten Ausland investiert hatten,

in eine schwere Finanzkrise. Schon während

des Kriegs und unmittelbar danach schichtete

sie die Beteiligungen in Italien um und

verkaufte jene im nunmehr französischen

Elsass.

Die Verluste waren erheblich. Ende 1922

wies die Bilanz der Motor «zu amortisierende

Währungsausfälle» von über 11 Mio. Franken

aus, dies bei einem Aktienkapital von 36 Mio.

Franken. Weiter bestand ein Abschreibungsbedarf

auf vornehmlich ausländischen Beteiligungen

von 21 Mio. Franken. Eine Sanierung

der Bilanz konnte nicht länger aufgeschoben

werden. In dieser Situation entschlossen sich

die Verantwortlichen, den unumgänglichen

Kapitalschnitt mit einer Firmenfusion zu verbinden:

Durch die Aufnahme der Motor in

ihre prosperierende jüngere Schwesterfirma

Columbus entstand die Motor-Columbus AG

für elektrische Unternehmungen. Ausserordentliche

Generalversammlungen beider Unternehmen

billigten am 20. November 1923

dieses Vorgehen. Das Grundkapital wurde

auf 60 Mio. Franken festgesetzt, zu denen die

Columbus ihr Kapital von 40 Mio. Franken

beisteuerte, während dasjenige der Motor

zur Hälfte auf 18 Mio. Franken abgeschrieben

wurde. Aktien im Nennwert von 2 Mio. Franken

wurden neu ausgegeben.

Kraftwerk Gösgen,

1913–1917,

Stauwehr und

Kanaleinlauf

Kraftwerk Gösgen,

Aussenansicht

Kraftwerk Gösgen,

Maschinensaal

MOTOR-COLUMBUS 18952006 13


1923–1937

DIE MOTOR-COLUMBUS IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT

AUFSCHWUNG UND KRISE

DIE MOTOR-COLUMBUS IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT

Kraftwerk Ryburg-

Schwörstadt:

Vertikalschnitt durch

einen der vier

Generatoren mit

Kaplanturbine,

1927–1931

14

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DIE MOTOR-COLUMBUS IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT 1923–1937

Die neu organisierte Motor-Columbus

hatte zwei Standbeine: den Schweizer

Heimmarkt und den südamerikanischen

Markt. In beiden Regionen konnte sie vom

wirtschaftlichen Aufschwung der 1920er-

Jahre profitieren und ihre Aktivitäten rasch

Anlagen der Elektrizitätswirtschaft

mussten stets «ahead

of demand» gebaut werden.

ausbauen. In der Schweiz beteiligte sie sich

an der Sanierung der Bündner Kraftwerke

und übernahm Projektierung und Bauleitung

des Grenzkraftwerks Ryburg-Schwörstadt am

Hochrhein, das bei seiner Fertigstellung 1931

mit einer Leistung von 108 MW zu den grössten

Laufkraftwerken Europas zählte. Im gleichen

Zeitraum erstellte die Motor-Columbus

im Tessin das Pumpspeicherwerk Tremorgio

und das Speicherwerk Piottino. Daneben beteiligte

sie sich von neuem an Unternehmen

in Europa: in Frankreich, Polen und Rumänien.

Allerdings gewann das Europageschäft

bei weitem nicht mehr den Stellenwert, den

es vor dem Ersten Weltkrieg erlangt hatte.

Das wirtschaftliche Wachstum erwies

sich aber als wenig nachhaltig. Der New

Yorker Börsencrash von 1929 bildete den

Auftakt zur Weltwirtschaftskrise der 1930er-

Jahre. Diesmal traf es das Südamerikageschäft

der Motor-Columbus hart. Nachdem die Investitionsfirmen

Südelektra und SAEG bereits

mehrfach saniert worden waren, musste 1937

auch die Motor-Columbus eine Sanierung über

sich ergehen lassen. Um Verluste decken und

Wertberichtigungen vornehmen zu können,

wurde das Aktienkapital, das 1929 noch auf

93,5 Mio. Franken aufgestockt worden war,

um fast 40 % auf nunmehr 55,25 Mio. Franken

herabgesetzt.

Auch das Schweizer Geschäft erhielt

einen Dämpfer. In aller Deutlichkeit manifestierte

sich, wie die Stromnachfrage von

der Wirtschaftskonjunktur abhängig ist. Die

Auftragsbücher blieben leer, die Belegschaft

nahm zwischen 1930 und 1935 von 130 auf

100 ab. Aber auch die grundlegenden Schwierigkeiten,

Produktionskapazitäten zu planen,

wurden evident. Anlagen der Elektrizitätswirtschaft

mussten stets ahead of demand

gebaut werden. Bei Projektierungs- und Bauzeiten

von mehreren Jahren hiess dies, auf

einen Bedarf hin zu planen, der Jahre später

erreicht werden sollte. In wirtschaftlichen

Krisenlagen konnte sich dieser Bedarf aber

deutlich rascher nach unten verschieben,

als sich die Investitionstätigkeit anpassen

liess. So begann der Bau an den Kraftwerken

Ryburg-Schwörstadt und Piottino in der Hochkonjunktur

der ausgehenden 1920er-Jahre,

ihre Fertigstellung 1931 fiel hingegen in die

Zeit, als die Wirtschaftskrise die europäischen

Länder voll erfasste und die Nachfrage

nach Elektrizität weit hinter den Prognosen

zurückblieb.

Ryburg-Schwörstadt,

1927–1931,

Maschinensaal

Ryburg-Schwörstadt,

1927–1931,

Aussenansicht

MOTOR-COLUMBUS 18952006 15


1931–1936

NORD-SÜD-LEITUNGEN UND DIE GRÜNDUNG DER ATEL 1936

DIE GOTTHARD-CONNECTION

NORD-SÜD-LEITUNGEN UND DIE GRÜNDUNG DER ATEL 1936

Das bei Rodi, 30 km nordwestlich von

Bellinzona, gelegene Kraftwerk Piottino

wurde unter Leitung der Motor-Columbus

für eine Leistung von 45 MW gebaut und sollte

die elektrochemische Industrie der Leventina

mit Strom versorgen. Doch als die Anlage 1931

fertig gestellt wurde, hatte die Wirtschaftskrise

auch das Tessin erfasst; der prognostizierte

Mehrbedarf an Elektrizität war nicht eingetroffen.

Da sich auch die Stromexporte nach

Norditalien nicht ausweiten liessen, drohte

die Anlage auf ihren Produktionskapazitäten

sitzen zu bleiben.

Wie schon zu Beginn des Jahrhunderts

bei der Einführung des Verbundsbetriebs

hiess die Antwort auf das Absatzproblem: Leitungsbau.

Allerdings galt es diesmal, den Gotthard

zu überwinden, um das noch aufnahmefähige

Absatzgebiet der nördlichen Schweiz,

Süddeutschlands und des Elsass zu erreichen.

1932 bewerkstelligte die Motor-Columbus diese

Aufgabe in weniger als einem halben Jahr,

ab 1933 führte die 55 km lange Hochspannungsleitung

Strom über die Alpen.

Für den Stahl sparenden

ausbetonierten Rohrleitungsmast

wurden Lizenzen

bis nach Japan vergeben.

Die Pionierleistung der Motor-Columbus

stiess auf hohe Beachtung. Die Firma

wurde zur Marktführerin im Schweizer

Hochspannungsleitungsbau und die Leitungsbauabteilung

zu einem internationalen

Aushängeschild der Firma. Sie tat sich zudem

mit einigen technischen Neuerungen

hervor, von denen ein aus Porzellan

Lukmanierleitung,

Monteure für Unterhaltsarbeiten

Leitungsmasten

restrukturieren

die Berglandschaft

16

MOTOR-COLUMBUS 18952006


NORD-SÜD-LEITUNGEN UND DIE GRÜNDUNG DER ATEL 1936 1931–1936

Montage von Signalkugeln

an der

Gotthardleitung,

Blick hinunter nach

Göschenen, 1953.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 17


1931–1936

NORD-SÜD-LEITUNGEN UND DIE GRÜNDUNG DER ATEL 1936

gefertigter Isolator, der «Motorisolator», und

ein Stahl sparender ausbetonierter Rohrleitungsmast

erfolgreich patentiert wurden.

Von letzterem wurden Lizenzen bis nach Japan

vergeben.

Eine besondere Bedeutung erlangte derweilen

die aus der Not geborene Gotthardleitung.

Sie wurde zum organisatorischen und

technischen Rückgrat in der Zusammenarbeit

zwischen dem Elektrizitätswerk Olten-

Aarburg und den Officine Elettrice Ticinese,

die 1936 zur Aare Tessin AG für Elektrizität

(Atel) fusionierten. Die Gotthardleitung

wurde zunächst mit einer Spannung von

120 kV betrieben, war aber von Anfang an

weitsichtig für eine Höchstspannung bis zu

380 kV ausgerüstet. Sie wurde 1949 durch

eine Leitung über den Lukmanier ergänzt.

Die Atel wusste ihre Nord-Süd-Verbindungen

in der Folge zu nutzen, zunächst, um

eine Schlüsselrolle im innerschweizerischen

Stromaustausch einzunehmen. Mit der Liberalisierung

des europäischen Strommarktes

erhöhte sich die Bedeutung der Übertragungsnetze

seit den 1990er-Jahren weiter.

Als Hauptaktionärin der Atel profitierte auch

die Motor-Columbus von dieser Wertsteigerung.

Kraftwerk Piottino,

Inbetriebnahme 1931

Gotthardleitung

nahe beim

Hospiz, 1968

18

MOTOR-COLUMBUS 18952006


NORD-SÜD-LEITUNGEN UND DIE GRÜNDUNG DER ATEL 1936 1931–1936

Maschinensaal des

Kraftwerks Biaschina,

1906–1911

Zentrale Bodio

des Kraftwerks

Biaschina, 1906–1911

MOTOR-COLUMBUS 18952006 19


1938–1945

DIE MOTOR-COLUMBUS WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGS

KRIEG, KAPITAL UND KRAFTWERKE

DIE MOTOR-COLUMBUS WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGS

Nachdem die Motor-Columbus Anfang

1938 erfolgreich saniert worden war,

zahlte sie Ende dieses Jahres erstmals seit

1931 wieder eine Dividende aus. Diese konnte

in den folgenden Jahren von 4 % auf 6 %

erhöht werden, während gleichzeitig die Obligationenschulden

kontinuierlich abgebaut

wurden. Während der Zweite Weltkrieg immer

weiter um sich griff, entwickelte sich der

Geschäftsgang der Motor-Columbus erstaunlich

ruhig und erspriesslich.

Dies war einerseits auf die geografische

Verteilung der Kapitalanlagen zurückzuführen,

die viel günstiger war als im Ersten Welt-

krieg. Bei Kriegsausbruch 1939 waren gut 45 %

der Aktiven im Inland und 42 % in Südamerika

angelegt, das von Kriegshandlungen verschont

bleiben sollte, und nur knapp 13 % im europäischen

Ausland, überwiegend in Italien. Andererseits

stieg während der Kriegsjahre der

An der Landesausstellung 1939

war die Elektrizität als nationales

Symbol zelebriert worden.

Inlandverbrauch an Elektrizität um fast 70 %.

Der Export, der in den Vorkriegsjahren rund

20 % der Produktion ausmachte, wurde auch

Schulwandbild

«Hochdruckkraftwerk»

von

Hans Erni, 1936

Bau der Staumauer

Lucendro,

1942–1945

20

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DIE MOTOR-COLUMBUS WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGS 1938–1945

während des Kriegs aufrecht erhalten. Stromlieferungen

an das Dritte Reich waren integraler

Bestanteil der deutsch-schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen

dieser Jahre und wurden

von den Schweizer Behörden gegenüber anderen

Exportbegehren privilegiert behandelt.

Bereits an der Landesausstellung 1939 war

die Elektrizität als nationales Symbol zelebriert

worden. Im Rahmen der Anstrengungen für

eine autarke Landesversorgung nahm diese

Wertschätzung weiter zu. Der Motor-Columbus-

Direktor Henri Niesz amtete als Bundesdelegierter

für die Bewirtschaftung der Elektrizität.

Nach einem trockenen Herbst und entsprechend

niedriger Wasserführung der Flüsse

ordneten die Behörden im Winter 1941/42 Einschränkungen

des Stromverbrauchs an.

Die steigende Nachfrage kurbelte das

Kraftwerkgeschäft an. In den ersten Kriegsjahren

leitete die Motor-Columbus im Auftrag

der Lonza den Bau des Rheinkraftwerks

Reckingen sowie kleinerer Anlagen im Wallis.

Ein gigantisches Stauseeprojekt am Hinterrhein,

für das die Motor-Columbus 1942 ein

Projekt vorlegte, blieb im Bewilligungsverfahren

hängen. Hingegen konnte im gleichen

Jahr mit dem Bau des Speicherkraftwerks

Lucendro der Atel begonnen werden. Die

Bedingungen der Kriegswirtschaft, insbesondere

der Mangel an Arbeitskräften und

Materialien, führten zu Verzögerungen und

Kostenüberschreitungen. Um Zement zu

sparen, wurde die 73 Meter hohe Talsperre

als Pfeilerstaumauer gebaut. Die Schweizer

Armee erachtete diese Bauweise nach dem

Krieg allerdings als nicht bombensicher, weshalb

die Mauer mit Querbalken nachgerüstet

werden musste.

Seilbahnsystem

für den Bau

der Staumauer

Lucendro,

1942 – 1945

MOTOR-COLUMBUS 18952006 21


1945–1975

DER BAU DER GROSSEN PARTNERWERKE IN DEN ALPEN

«WEISSE KOHLE»

DER BAU DER GROSSEN PARTNERWERKE IN DEN ALPEN

Betonierarbeiten

an der Bogenstaumauer

Emosson,

1967–1974

Für die Motor-Columbus waren die Nachkriegsjahrzehnte

eine Zeit kontinuierlichen

Wachstums. Firmen, die sich in Projektierung

und Bau von Wasserkraftwerken

auskannten, waren gefragt wie seit Jahrzehnten

nicht mehr. Die Schweizer Wirtschaft

boomte, und die Nachfrage nach Elektrizität

stieg stark und kontinuierlich, ein Ende

dieser Entwicklung war nicht abzusehen. Investitionen

in die Wasserkraft wurden daher

nicht nur zu einer lohnenswerten, sondern

zugleich zu einer sicheren Kapitalanlage.

Die Erschliessung der «Weissen Kohle»,

wie die Wasserkraft gern genannt wurde,

schritt rasch voran. Zwischen 1945 und 1975

entstanden in den Alpen die grossen Stau-

mauern. Die installierte Leistung aller Wasserkraftwerke

wurde von knapp 3 000 auf über

12 000 MW mehr als vervierfacht.

Maggia, Gougra, Zervreila,

Kraftwerke Hinterrhein, Engadiner

Kraftwerke und schliesslich

Emosson hiessen die grossen

Partnerwerke.

Die nationale Elektrizitätswirtschaft

blieb indessen heterogen und kleinräumig.

Über tausend Elektrizitätswerke erzeugten

und verteilten Strom, von lokalen Genossenschaften

über regionale Werke bis zu national

und international operierenden Grossunter-

22

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DER BAU DER GROSSEN PARTNERWERKE IN DEN ALPEN 1945–1975

nehmen. Der Bau von Kraftwerken von über

100 MW Leistung stellte aber selbst letztere

vor betriebswirtschaftliche Probleme. Die

Anlagen erforderten hohe Investitionen und

stellten bei ihrer Inbetriebnahme auf einen

Schlag eine grosse Menge zusätzlicher Elektrizität

bereit. Die Nachfrage hingegen wuchs

kontinuierlich, nicht sprunghaft.

Die Elektrizitätswirtschaft begegnete

dieser Herausforderung, indem sie die Werke

in wechselnden partnerschaftlichen Zusammenschlüssen

baute. So konnte sie sowohl die

Investitionsrisiken wie auch die neu gewonnene

Elektrizität auf die einzelnen Partner

verteilen. Die Motor-Columbus übernahm

bei solchen Kooperationen meist die Rolle

der Projektinitiantin und Bauleiterin, wobei

sie stets in engem Verbund mit ihrer Tochterfirma

Atel auftrat, die sich um die künftige

Produktion und den Vertrieb der Elektrizität

kümmerte. Maggia, Gougra, Zervreila, Kraftwerke

Hinterrhein, Engadiner Kraftwerke

und schliesslich Emosson hiessen die grossen

Partnerwerke, die unter Federführung

der Motor-Columbus seit 1949 entstanden.

Die 1975 fertig gestellte Speicheranlage

Emosson war das letzte Grosskraftwerk

in den Schweizer Alpen. Es wurde an der

schweizerisch-französischen Grenze von

der Motor-Columbus und der Atel in enger

Zusammenarbeit mit der Electricité de

France geplant und gebaut.

Neue Landschaften in

bisher unzugänglicher

Alpenwelt:

französisch-schweizerisches

Speicherkraftwerk

Emosson

im Wallis.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 23


1963–1989

DAS GESCHEITERTE KKW-PROJEKT KAISERAUGST

KERNENERGIE STATT WASSERKRAFT

DAS GESCHEITERTE KKW-PROJEKT KAISERAUGST

Anfang der 1960er-Jahre begann man

vom absehbaren Ende der «ausbauwürdigen»

Wasserkräfte zu sprechen. Die günstigsten

Räume waren reserviert, während die

Hochkonjunktur Bau- und Kapitalkosten in

die Höhe trieb und Anliegen des Gewässerund

Landschaftsschutzes an Gewicht gewannen.

Zu einem teuren Lehrstück wurden in

dieser Hinsicht die Engadiner Kraftwerke,

deren Fertigstellung Zusatzinvestitionen von

mehreren hundert Millionen Franken erforderte.

Für die Motor-Columbus, die damals

an jedem dritten Wasserkraftwerkprojekt

beteiligt war, stellte sich die Frage des «Wie

weiter?». Zur Diskussion stand der Bau thermischer

Kraftwerke, die mit fossilen Brennstoffen

oder aber mit Atomspaltung Strom

produzierten. Alternative Technologien, etwa

die Solarenergie, wurden kaum erwogen.

Anfänglich noch begrüsst,

geriet das Projekt mehr und mehr

in den Fokus der Kontroverse

um die Kernenergie.

Zunächst setzte die Motor-Columbus auf

die konventionelle Karte. Ihre Pläne für kohle-

oder erdölbefeuerte Kraftwerke stiessen

aber sowohl im aargauischen Rietheim

Bau des Kernkraftwerks

Gösgen,

1973–1979

24

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DAS GESCHEITERTE KKW-PROJEKT KAISERAUGST 1963–1989

Blicke auf das Modell

des Kernkraftwerks

Kaiseraugst

MOTOR-COLUMBUS 18952006 25


1963–1989

DAS GESCHEITERTE KKW-PROJEKT KAISERAUGST

Seite 27:

Projektpläne für

das Kernkraftwerk

Kaiseraugst

vom Juni 1971

Demonstration gegen

das Kernkraftwerk

Gösgen, 1977

Im Februar 1979

wird der Informationspavillon

in Kaiseraugst

von KKW-

Gegnern gesprengt.

als auch im nahe von Basel gelegenen Kaiseraugst

auf massiven lokalen Widerstand.

Exakt zu dieser Zeit gelang in den USA der

Durchbruch im kommerziellen Betrieb von

Kernkraftwerken. Nun entschied sich die

Motor-Columbus, rasch eine eigene Nuklearabteilung

aufzubauen.

1966 präsentierte sie dann ihre Pläne für

ein AKW in Kaiseraugst. Das Projekt am Standort

des aufgegebenen Öl-/Kohle-Kraftwerks

wurde von einem Studienkonsortium aus Motor-Columbus,

Atel und Electricité de France

getragen. Um 1970 wurde das Konsortium um

mehrere Partner erweitert und 1974 in die

Bau- und Betriebsgesellschaft Kernkraftwerk

Kaiseraugst AG überführt. Die Gesellschaft

kam aber nicht zum Bauen, geschweige denn

zum Betreiben des Werkes. Anfänglich noch

begrüsst, erfolgte mit der Umstellung des zunächst

mit direkter Flusswasserkühlung projektierten

Werkes auf Kühlturmkühlung ein

grundlegender Wandel der öffentlichen Meinung.

Das Projekt geriet mehr und mehr in

den Fokus der Kontroverse um die Kernenergie,

die ihren Höhepunkt mit der im Frühling

1975 elf Wochen dauernden Besetzung des

Baugeländes durch Kernkraftgegner erlebte.

Damit wurde «Kaiseraugst» endgültig zum nationalen

Politikum.

1989, 25 Jahre nach Projektstart und drei

Jahre nach dem schwerwiegenden Unfall im

Kernkraftwerk Tschernobyl, wurde die Unternehmung

abgebrochen. Rund 1,3 Mia. Franken

mussten die Projektanten abschreiben,

eine Entschädigung von 350 Mio. Franken

erhielten sie vom Bund. Das bei Kaiseraugst

erworbene Know-how hatte die Motor-Columbus

unterdessen andernorts einsetzen

können, unter anderem bei der Realisierung

des KKW Gösgen.

26

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DAS GESCHEITERTE KKW-PROJEKT KAISERAUGST 1963–1989

MOTOR-COLUMBUS 18952006 27


1969–1988

VON DEN TECHNISCHEN ABTEILUNGEN ZUR MOTOR-COLUMBUS INGENIEURUNTERNEHMUNG

ENTWERFEN, PLANEN, LEITEN, BERATEN

VON DEN TECHNISCHEN ABTEILUNGEN ZUR MOTOR-CO

wurden die technischen Abteilungen

der Motor-Colum-

1969

bus in der Motor-Columbus Ingenieurunternehmung

(MC ING) verselbständigt. Damit

sollte einerseits der unternehmerische Geist

der Ingenieure gefördert werden. Andererseits

wurde damit der Handlungsspielraum

der technischen Abteilungen erhöht, und

zwar in einer Zeit, in der sich deren Geschäft

mehr und mehr diversifizierte. Nicht zu über-

sehen ist aber auch, dass die Motor-Columbus

dem betriebswirtschaftlichen Trend der

1960er-Jahre folgte, Unternehmensbereiche

zu entflechten und getrennt zu führen.

Die MC ING konnte 1969 bereits auf eine

reiche Tradition zurückblicken, waren die

technischen Abteilungen doch parallel zur

Muttergesellschaft aufgebaut worden. In den

1920er-Jahren stieg ihre Belegschaft erstmals

auf über 100 an. Nach einem Abbau in der Kri-

28

MOTOR-COLUMBUS 18952006


VON DEN TECHNISCHEN ABTEILUNGEN ZUR MOTOR-COLUMBUS INGENIEURUNTERNEHMUNG 1969–1988

LUMBUS INGENIEURUNTERNEHMUNG

se der 1930er-Jahre wurde das Personal bereits

während des Zweiten Weltkriegs wieder

aufgestockt. Im Jahr ihrer Verselbständigung

zählten die technischen Abteilungen dann

rund 400 Mitarbeitende.

Die MC ING expandierte anfänglich

rasch. In den 1970er-Jahren wuchs ihr Umsatz

jährlich zweistellig, und die Zahl der

Festangestellten verdoppelte sich bis zum

Höhepunkt 1982 auf rund 800. Die Tätigkeit

umfasste Ingenieuraufgaben in den verschiedensten

technischen Gebieten, vor allem die

Planung und Bauleitung von Elektrizitätsanlagen

– mit steigender Bedeutung des Nuklearbereichs

–, den Wasserbau, den Untertagebau

sowie die Entwicklungsplanung und -beratung.

Der Geschäftsschwerpunkt verlagerte

sich vom Inland ins Ausland, wobei die 1974

einsetzende Rezession diesen Prozess stark

beschleunigte. 1982 betrug der Anteil

Kraftwerk Nam Ngum

im Mekonggebiet

von Laos.

Ingenieure von

Motor-Columbus

projektierten den

Ausbau dieses Wasserkraftwerks

von

30 auf 150 MW.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 29


1969–1988

VON DEN TECHNISCHEN ABTEILUNGEN ZUR MOTOR-COLUMBUS INGENIEURUNTERNEHMUNG

30

MOTOR-COLUMBUS 18952006


VON DEN TECHNISCHEN ABTEILUNGEN ZUR MOTOR-COLUMBUS INGENIEURUNTERNEHMUNG 1969–1988

der Auslandmandate rund 90 %, die Belegschaft

rekrutierte sich aus über 30 Ländern.

Neben Europa und Südamerika war die MC

ING nun auch im Nahen Osten, in Südostasien

und Afrika tätig.

Im Zuge der internationalen Schuldenkrise

brach das Auslandgeschäft in den

1980er-Jahren aber massiv ein. Der Geldhahn

für Infrastrukturbauten in der Dritten Welt

wurde zugedreht. Gleichzeitig sah sich die

Firma einer verstärkten Konkurrenz aus Billiglohnländern

ausgesetzt. Bis 1987 sank der

Unternehmensumsatz um mehr als ein Drittel

auf 90 Mio. Franken. Fast drei Viertel entfielen

auf Industrieländer, das restliche Viertel

vorwiegend auf Schwellenländer Südostasiens.

1988 baute die Motor-Columbus ihre

Die MC ING konnte 1969

auf eine reiche Tradition zurückblicken,

waren die technischen

Abteilungen doch parallel

zur Muttergesellschaft aufgebaut

worden.

Ingenieurfirma tief greifend um, der Name

Motor-Columbus-Ingenieurunternehmung

verschwand vom Markt.

Bau der Staumauer

von El Cajon,

Honduras, 1979–1985.

Neubau der Eisenbahnlinie

von Zürich

nach Kloten, Projektierung

und Bauleitung

für den Tiefbau

des Abschnitts

Oerlikon-Glattbrugg

durch Motor-

Columbus.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 31


1963–1974

ALS AKTEUR DER SCHWEIZER ELEKTRIZITÄTSWIRTSCHAFT UND ENERGIEPOLITIK

KOOPERATION UND KONKURRENZ

ALS AKTEUR DER SCHWEIZER ELEKTRIZITÄTSWIRTSCHAFT UND ENERGIEPOLITIK

Monteure

an der

Gotthardleitung

Das Schweizer Geschäft der Motor-Columbus

spielte sich in einem stark regulierten

nationalen Elektrizitätsmarkt und

einer sehr heterogenen Landschaft privater,

öffentlicher und gemischtwirtschaftlicher

Unternehmen jeder Grössenordnung ab. Diese

Strukturen hatten sich bereits in den ersten

Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ausgebildet.

Waren die ersten Elektrifizierungsinitiativen

meist noch von privater Seite ausgegangen,

wurden Unterhalt und Ausbau der Stromversorgung

bald einmal zu einer öffentlichen

Aufgabe gemacht. Elektrische Infrastrukturen

wurden kommunalisiert und kantonalisiert,

der Anteil der öffentlichen Hand an der

Stromerzeugung nahm beständig zu.

In der Expansionsphase nach dem Zweiten

Weltkrieg erlangten die «grossen Zehn» der

Schweizer Elektrizitätswirtschaft (die sechs

Überlandwerke Nordostschweizerische Kraftwerke,

Bernische Kraftwerke, Elektrizitäts-

Gesellschaft Laufenburg, Energie de l’Ouest-

Suisse, Centralschweizerische Kraftwerke

und Atel, die drei Stadtwerke Basel, Bern und

32

MOTOR-COLUMBUS 18952006


ALS AKTEUR DER SCHWEIZER ELEKTRIZITÄTSWIRTSCHAFT UND ENERGIEPOLITIK 1963–1974

Zürich und die Schweizerischen Bundesbahnen)

eine branchenbeherrschende Stellung. In

gemeinsamen Berichten legten sie regelmässig

den künftigen «Ausbau der schweizerischen

Elektrizitätsversorgung» fest.

Die Motor-Columbus befand sich am

Rand dieses Machtzirkels. Immerhin übte sie

als Hauptaktionärin massgebenden Einfluss

auf die Atel aus. Zudem ergaben sich aus ihrer

Tätigkeit bei der Planung und Bauleitung der

grossen, nach 1945 errichteten Partnerwerke

intensive Geschäftsbeziehungen zu weiteren

«Grossen». Zur anderen bedeutenden privaten

Schweizer Finanzierungs- und Projektierungsgesellschaft,

der Elektrowatt, pflegte

Als Präsident der Expertenkommission

für die Gesamtenergiekonzeption

prägte

Kohn die Ausrichtung der

schweizerischen Energiepolitik

der folgenden Jahrzehnte.

die Motor-Columbus ein Wettbewerbsverhältnis.

Mit der Projektierung von Kernkraftwerken

wurde die Nachkriegsordnung der

Schweizer Elektrizitätsbranche in der zweiten

Hälfte der 1960er-Jahre aufgemischt. Indem

sie ihre KKW-Projekte Kaiseraugst und

Leibstadt in die Waagschale warfen, erkämpften

Motor-Columbus und Elektrowatt erfolgreich

eine bessere politische Stellung. 1974

fand dieser Prozess seinen Höhepunkt, als der

Bundesrat den Delegierten des Verwaltungsrats

der Motor-Columbus, Michael Kohn, zum

Präsidenten der Expertenkommission für die

Gesamtenergiekonzeption ernannte. In dieser

Rolle prägte Kohn die Ausrichtung der

schweizerischen Energiepolitik der folgenden

Jahrzehnte. Seine Omnipräsenz brachte

ihm das Etikett «Energiepapst» beziehungsweise

«Atompapst» ein.

Michael Kohn,

1986

Projekt für das

Kernkraftwerk

Kaiseraugst

nach der Umplanung

von Flusskühlung

auf Kühltürme, 1971.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 33


1974–1984

DAS MOBAG-ABENTEUER IM IRAN

DAS GENERALUNTERNEHMERGESCHÄFT

DAS MOBAG-ABENTEUER IM IRAN

Im Sommer 1976 erhielt die

Mobag einen viel versprechenden

Auftrag im Iran:

In Teheran sollte sie insgesamt

6 000 Wohnungen erstellen.

Bürohochhaus

«City West» in Bern.

Ausführung durch

Mobag Generalunternehmung.

Ende der 1960er-Jahre begann für Motor-Columbus

eine Phase der Diversifizierung.

Nach dem Ausbau der grossen

Wasserkraftwerke in der Schweiz suchte das

Unternehmen nach neuen Tätigkeitsfeldern.

Im Frühjahr 1974 erwarb die Motor-Columbus

eine Mehrheitsbeteiligung an der Mobag,

damals eine der grössten Generalunternehmungen

der Schweiz.

Bereits zu diesem Zeitpunkt war eine

Abkühlung auf dem Baumarkt deutlich spürbar.

Die kurz darauf eintretende gesamtwirtschaftliche

Rezession traf die Baubranche

dann ausserordentlich hart und plötzlich.

Die Nachfrage auf dem schweizerischen Baumarkt

verringerte sich in den folgenden Jahren

um fast 40%. Bei der Mobag halbierte sich

der Umsatz. Um das eigene Personal weiterzubeschäftigen

und das in Landreserven gebundene

Kapital freizubekommen, begann die

Mobag mit neuen Eigenbauten. Der Bestand

an unverkauften und unvermieteten Wohnungen

stieg stark an, Ende 1975 verzeichnete die

Mobag einen Leerbestand von 1 090 Einheiten.

Die Zinsen für diese weitgehend mit Fremdkapital

finanzierten Immobilien frassen das

ohnehin schon magere Betriebsergebnis auf.

Ende 1978 erreichte der kumulierte Verlust aus

dem Schweizer Geschäft 42 Mio. Franken.

Um das schlechte Geschäft in der

Schweiz zu kompensieren, begann sich die

Mobag nach Projekten in erdölproduzierenden

Ländern umzusehen. Im Sommer 1976

erhielt die Gesellschaft einen viel versprechenden

Auftrag im Iran: In Teheran sollte

sie insgesamt 6 000 Wohnungen erstellen. Die

Auftragssumme belief sich auf über 900 Mio.

Franken, die vorgesehene Bauzeit betrug 24

Monate. Zwei Jahre später, im Herbst 1978,

begann im Iran die islamische Revolution,

34

MOTOR-COLUMBUS 18952006


DAS MOBAG-ABENTEUER IM IRAN 1974–1984

Baustelle der Mobag

in Teheran, 1977/78

die schliesslich zum Sturz des Schah-Regimes

führte. Im Februar 1979 musste die Mobag die

Bauarbeiten einstellen. Durch den Stillstand

des Projekts geriet die Generalunternehmung

in einen Liquiditätsengpass und stand vor

dem finanziellen Zusammenbruch.

Das Schweizer Geschäft der Mobag war

in der Zwischenzeit auf eine neue Basis gestellt

worden. Die internationalen Aktivitäten

waren aber nicht nur im Iran, sondern auch

in Nigeria und Saudi-Arabien mit enormen

Problemen verbunden. Die Mobag verlor

zwischen 1974 und 1984 insgesamt rund 300

Mio. Franken, davon zwei Drittel mit internationalen

Projekten. Um die erlittenen Verluste

zu decken, musste die Motor-Columbus

beträchtliche Reserven auflösen, die in den

vorausgegangenen Jahrzehnten vor allem im

Elektrizitätsbereich gebildet worden waren.

Im Geschäftsjahr 1982/83 wurde eine umfassende

finanzielle Restrukturierung durchgeführt

und die Beteiligung an der Mobag

in der Höhe von 71 Mio. Franken vollständig

abgeschrieben.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 35


1983–1991

UMBAU ZUR «TECHNOLOGIEORIENTIERTEN UNTERNEHMENSGRUPPE»

DIVERSIFIZIERUNG IN NEUE TECHNOLOGIEN

UMBAU ZUR «TECHNOLOGIEORIENTIERTEN UNTERNEHMENSGRUPPE»

1990 wurde Studer-

Revox Teil der Motor-

Columbus-Gruppe.

übernahm der ETH-Professor

1983 Angelo Pozzi die operative

Leitung der Motor-Columbus, 1985 wurde er

zudem zum Verwaltungsratspräsidenten und

Delegierten ernannt. Unter Pozzi begann sich

die Motor-Columbus als Unternehmensgruppe

neu zu positionieren. Die Strategie der

1980er-Jahre lautete: weg von der einseitigen

Abhängigkeit vom Energiegeschäft, hin zu einem

diversifizierten Technologiekonzern.

1986 akquirierte die Motor-Columbus

erstmals Kommunikationsanlagen, wo sie

insbesondere bei Breitbandnetzen und Informationsdiensten

ein grosses Entwicklungspotenzial

sah. Sie kaufte unter anderem die

Teleholding, eine Firma, die Kabelfernsehnetze

betrieb. Aus ihr ging die TeleColumbus

hervor, welche durch Zukäufe rasch wuchs

und bis 1990 über 60 Gesellschaften umfasste.

Ähnlich wie das Elektrizitätsgeschäft war

die Telekommunikationsbranche sehr anlagen-

und kapitalintensiv.

Neben der «Energie» und der «Kommunikation»

baute die Motor-Columbus noch

zwei weitere Unternehmensbereiche auf:

«Systeme» und «Kapitalanlagen». Der Sektor

Systeme setzte sich zusammen aus den Geschäftsfeldern

Energietechnik, Umwelttechnik,

Biotechnik und Automation. Und bei den

Kapitalanlagen stand mit der Motor-Columbus

Tecinvest eine eigene Gesellschaft für

das Venture-Capital-Geschäft zur Verfügung,

die sich in den USA einen zusätzlichen Stützpunkt

aufbaute. Hier ging es nicht nur um

finanziellen Gewinn, sondern auch um Einblick

in neue Technologien und Märkte. Im

Frühjahr 1990 erwarb die Motor-Columbus

zudem das Schweizer Traditionsunternehmen

Studer-Revox, das hochqualitative Audiogeräte

herstellte.

Die Motor-Columbus war nicht das

einzige Schweizer Unternehmen,

das sich vom traditionellen Industrieunternehmen

zur dienstleistungsorientierten

Firma wandelte.

Die Motor-Columbus war nicht das einzige

Schweizer Unternehmen, das sich vom

traditionellen Industrie- oder Ingenieurunternehmen

zur dienstleistungsorientierten

Firma mit Kompetenzen im Bereich der Informations-

und Telekommunikationstechnologien

wandelte. Die Motor-Columbus tat

dies im Vergleich zu anderen aber früh und

36

MOTOR-COLUMBUS 18952006


UMBAU ZUR «TECHNOLOGIEORIENTIERTEN UNTERNEHMENSGRUPPE» 1983–1991

Das Telekommunikationsgeschäft

bildete in den 1980er

Jahren einen neuen

Schwerpunkt von

Motor-Columbus.

äusserst gründlich. Dies ging so weit, dass

bewährte Geschäftsbereiche aufgelöst oder

in die Selbständigkeit entlassen wurden. So

etwa der Untertagebau (Gähler & Partner

ab 1988) oder die gesamte Motor-Columbus

Ingenieurunternehmung (Colenco ab 1990).

Die Geschäftsleitung war überzeugt, die

schwierige Aufgabe der Neupositionierung

innerhalb weniger Jahre bewältigen zu können.

Der Erfolg der neuen Strategie liess aber

auf sich warten, wie der Geschäftsbericht

von 1991 unmissverständlich festhielt: «Ein

solches Konzept verlangt Ausdauer und Geduld,

denn es braucht seine Zeit, bis es Früchte

trägt und im Gesamtergebnis eine positive

Wirkung zeigt.»

MOTOR-COLUMBUS 18952006 37


1991–1995

MOTOR-COLUMBUS WIRD ZUR FINANZHOLDING

SANIERUNG, ABBAU UND KONZENTRATION

MOTOR-COLUMBUS WIRD ZUR FINANZHOLDING

Jahr 1991 wurde offensichtlich,

IM dass die Diversifikationsstrategie

der 1980er-Jahre nicht griff. Zu unterschiedlich

ausgerichtet waren die vier Unternehmensbereiche,

zu wenig Zeit hatte man sich

gegeben, um die vielen neuen Gesellschaften

richtig in den Konzern einzubinden. Die

breit ausgerichtete Strategie hatte bereits

ausgedient, als 1992 der in der Öffentlichkeit

als «Sanierer» bekannt gewordene Ernst

Thomke zur Motor-Columbus stiess. Anfang

Juni 1992 wurde er zum operativen Leiter des

Unternehmens ernannt, einen Monat später

auch zum Delegierten des Verwaltungsrats.

Unter Thomke begann der Verkauf vieler

zum Teil erst kurz zuvor eingegliederter Unternehmen

und eine Rückbesinnung auf alte

Stärken der Motor-Columbus. Das neue Ziel

lautete nun Aufbau einer international tätigen

Elektrizitätsholding, an der sich die europäischen

Stromriesen Electricité de France

und Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk

zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls

beteiligen sollten.

In einem ersten Schritt wurde der Unternehmensbereich

Kapitalanlagen aufgelöst

und das Venture-Capital-Geschäft direkt auf

Gruppenebene weitergeführt. Zudem wurde

die komplizierte Subholdingstruktur im

Bereich Kommunikation aufgegeben und

die entsprechenden Gesellschaften wieder

direkt dem Bereich unterstellt. Ende 1992

bestanden somit noch drei Unternehmensbereiche.

Im Jahr darauf restrukturierte,

verkaufte oder liquidierte Motor-Columbus

zahlreiche weitere Gesellschaften. Parallel

dazu entwickelte sie den nach wie vor ertrags-

und wachstumsstarken Energiebereich

weiter. Ein Jahr später waren praktisch alle

Gesellschaften verkauft, die nicht zum Energiegeschäft

gehörten.

Erstmals seit dem Ende der

1960er-Jahre wurde wieder eine

auf das Kerngeschäft Energie

fokussierte Strategie verfolgt.

Die erste Hälfte der 1990er-Jahre war

für die Motor-Columbus sehr schmerzhaft.

Der Personalbestand der Gruppe schrumpfte

zwischen 1991 und 1993 praktisch auf die

Hälfte. Alle noch bestehenden Aktivitäten

im Bereich der elektrischen Energie und des

Ingenieurwesens wurden an die Atel übergeben,

die Motor-Columbus wurde zu einer

reinen Finanzholding. Der Geschäftsbericht

1993 konstatierte: «In kurzer Zeit konnte der

Umbau der Motor-Columbus in einen reinen

Energie- und Engineeringkonzern weitgehend

realisiert werden.» Die Motor-Columbus

hatte mit der Mobag und dem versuchten

Umbau zum Technologiekonzern zwei

Phasen der Diversifizierung hinter sich. Nun

wurde erstmals seit dem Ende der 1960er-

Jahre wieder eine auf das Kerngeschäft Energie

fokussierte Strategie verfolgt; das Unternehmen

kehrte gewissermassen zu seinen

Wurzeln zurück. Damit war Thomkes Werk

getan, er verliess das Unternehmen auf Mitte

1995.

38

MOTOR-COLUMBUS 18952006


MOTOR-COLUMBUS WIRD ZUR FINANZHOLDING 1991–1995

Die Funktion des scheidenden Delegierten

wurde dem Präsidenten Dr. h.c. Heinrich

Steinmann übertragen, der im nachfolgenden

Jahrzehnt den systematischen Aufbau des

europäischen Energiegeschäfts der Gruppe

nachhaltig förderte.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 39


1996–2006

NACH 111 JAHREN VERSCHWINDET MOTOR-COLUMBUS

DAS PROJEKT «ENERGIE WEST»

NACH 111 JAHREN VERSCHWINDET MOTOR-COLUMBUS

Der letzte

Motor-Columbus-

Verwaltungsrat,

von links:

Urs B. Rinderknecht,

Jean-Philippe Rochon,

Vizepräsident,

Dr. h.c. Heinrich

Steinmann, Präsident

und Delegierter,

Dr. Walter Bürgi,

Ulrich Fischer

Während der Restrukturierungsphase

zwischen 1992 und 1994 war die

Schweizerische Bankgesellschaft (seit 1998

UBS) zur Hauptaktionärin der Motor-Columbus

geworden mit einer Beteiligung von

77 %. Im Jahr 1996 schloss die Bankgesellschaft

mit der Electricité de France (EDF)

und dem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk

(RWE) Kooperationsverträge ab,

welche den langfristigen Aufbau einer europäischen

Elektrizitätsholding im Rahmen der

Motor-Columbus zum Ziel hatten. Die zwei

ausländischen Partner erwarben je 20 %

der Aktien, UBS verfügte damit noch über

37 % des Aktienkapitals.

Auf den 1. Januar 1997 trat die EU-Richtlinie

zur Liberalisierung des Elektrizitätsmarktes

in Kraft. Durch die Öffnung der Strommärkte

wurden die Elektrizitätsriesen EDF

und RWE zu Konkurrenten und der geplante

Ausbau der Motor-Columbus als Elektrizitätsholding

konnte nicht mehr realisiert werden.

40

MOTOR-COLUMBUS 18952006


NACH 111 JAHREN VERSCHWINDET MOTOR-COLUMBUS 1996–2006

Die Motor-Columbus blieb damit eine reine

Finanzgesellschaft mit der Atel als einziger

operativer Gesellschaft.

Diese Situation führte dazu, dass sich

der Verwaltungsrat der Motor-Columbus,

unter der Leitung von Dr. h.c. Heinrich Steinmann,

auf die Entwicklung der Atel konzentrierte.

Da er mit seinen Mitgliedern einen bestimmenden

Einfluss im Verwaltungsrat der

Atel ausüben konnte, sorgte er für Rahmenbedingungen

die es der Gesellschaft erlaubten,

sich als unabhängiges Unternehmen in

der Schweiz und insbesondere in Europa

erfolgreich zu positionieren. So konnte Atel

den Umsatz von 1 609 Mio. Franken im Jahr

1996 auf über 8 580 Mio. Franken im Jahre

2005 (+533 %) und der Gruppengewinn

von 167 Mio. Franken auf 413 Mio. (+247 %)

Franken gesteigert werden. Der Stromabsatz

erhöhte sich im gleichen Zeitraum auf 98

TWh.

Dennoch waren sich UBS und Verwaltungsrat

bewusst, dass der Konzentrationsprozess

in der europäischen Elektrizitätswirtschaft

dazu führen würde, dass

Motor-Columbus resp. Atel früher oder später

einen starken Partner benötigten. Mit

dem Verkauf des 20 %-Anteils der RWE an

die UBS am 1. Juli 2004 wurde die UBS erneut

Mehrheitsaktionärin. Damit war die Voraussetzung

geschaffen, dass der Verwaltungsrat

aktiv Lösungen für Motor-Columbus prüfen

konnte. Am 30. September 2005 konnte bekannt

gegeben werden, dass die UBS ihre

Beteiligung an der Motor-Columbus an ein

Konsortium mit schweizerischer Mehrheit

verkauft hat. Unter dem vorläufigen Namen

«Energie West» sollen schrittweise die Atel

und die EOS (Energie Ouest Suisse) sowie

möglichst auch die schweizerischen Aktivitäten

der EDF zusammengeführt werden.

Dadurch entsteht eine Gesellschaft, welche

die anderen Schweizer Energieunternehmen,

insbesondere die Axpo und die BKW, deutlich

überragt.

Das Erbe der

langen Ent wicklung

geht auf die

Nachfolgegesellschaft über.

Die Fusion von Motor-Columbus und

Atel bildet einen ersten Schritt der geplanten

neuen Energie-Gruppe. Nach 111 Jahren verschwindet

somit der Name Motor-Columbus.

Das Erbe ihrer langen Entwicklung geht auf

die Nachfolgegesellschaft über.

MOTOR-COLUMBUS 18952006 41


42

MOTOR-COLUMBUS 18952006


NACHWORT

ZUR CHRONIK DER MOTOR-COLUMBUS

Die vorliegende Schrift zur 111-jährigen

Vergangenheit der Motor-Columbus AG

wurde aus Anlass der beschlossenen Fusion

mit ihrer Tochter Aare-Tessin AG für Elektrizität

Atel geschaffen. Patrick Kupper und Tobias

Wildi haben die wechselvolle Geschichte an

Hand von Schwerpunktthemen beispielhaft

zur Darstellung gebracht.

Der Geist des Gründers der vormaligen Motor AG Baden, Walter Boveri,

beflügelte seine Nachfolger in der Führung der Gesellschaft immer

wieder dazu, den Schwung zu wahren, den Erfolg zu suchen, finanzielle

und technologische Risiken einzugehen. Sie konnten sich auf

erstklassige und fachkundige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verlassen.

Alle können auf das in einem Jahrhundert Erreichte stolz sein.

Auch wenn der Name Motor-Columbus verschwindet, Verdienste und

Marksteine einer pionierhaften unternehmerischen Tätigkeit bleiben

erhalten.

Baden, im März 2006

Dr. h.c. Heinrich Steinmann

Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates

Motor-Columbus AG

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MOTOR-COLUMBUS 18952006


DIE VERWALTUNGSRATSPRÄSIDENTEN

VON 1895 BIS 2006

Motor AG für angewandte Elektrizität

Walter Boveri 1895–1923

Columbus AG für elektrische Unternehmungen

Walter Boveri 1913–1923

Motor-Columbus AG

Walter Boveri 1923–1924

Agostino Nizzola 1924–1942

Hans von Schulthess Rechberg 1942–1951

Theodor Boveri 1951–1970

Guido Hunziker 1970–1976

Michael Kohn 1976–1986

Angelo Pozzi 1986–1993

Heinrich Steinmann 1993–2006

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