Märchendichtung von Grimm bis Grass vom 05 ... - Heinrich Detering

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Märchendichtung von Grimm bis Grass vom 05 ... - Heinrich Detering

Märchendichtung

von Grimm bis

Grass (XII)


Unsere Zeit ist die

Zeit des Märchens.

H.C. Andersen, 1868

Eventyr, fortalte for Børn

(1835, ein Heft mit vier Märchen)

erste Buchausgabe 1849

Eventyr

Historier

Eventyr og Historier (ab 1852)


Das blaue Licht vs. Das Feuerzeug (I):

• persönlich greifbare Erzählerfigur

• durchgängige Leseranreden („Du“)

• Parataxe, einfache Anschlüsse („denn – denn – und“), syntaktische

Inkongruenzen

• unverhoffte und wiederholte Tempuswechsel

• mündlich zugelassene, schriftlich ungewohnte Wendungen („det var så

fornøieligt!“), Interjektionen („jo!“, „ja“, „nå“, „nu“ usw.)

• Dialogreichtum

• Sprichwörter und Sentenzen

• Ironie (bes. ironisch gebrochene Sentenzen)


Das blaue Licht vs. Das Feuerzeug:

Narration:

• fingierte Mündlichkeit, Medien-Spiel

Diegese:

• Spiel mit Figurenkonzeptionen

• mit Raum-Konzeptionen

• mit Zeit-Konzeptionen

Das Feuerzeug, Hans Tolpatsch

und die par--odistische Erneuerung des „Volksmärchens“:

• Der Außenseiter wird zum Rebell.

• Die Rebellion ist bestimmt durch infantile Regression

• und als solche zugleich ‚dionysisch„ konnotiert.

• Als Rebell wird der Außenseiter zum Herrscher – weil er die

Königstochter rebellisch macht.

• Der Text solidarisiert sich mit dem Außenseiter: kompositorisch, in

expliziten Erzählerkommentaren, in der narrativen Gestalt.


Karl Friedrich Hensler (Musik von Ferdinand Kauer):

Das Donauweibchen (Märchen-Singspiel, 1798)

Friedrich de la Motte-Fouqué: Undine (Erzählung 1811, danach die

Oper von E.T.A. Hoffmann mit Fouqués Libretto)

Eduard Mörike: Historie von der schönen Lau (1853)


H.C. Andersen: Den lille Havfrue

(Die kleine Meerfrau, 1837)

Oscar Wilde:

The Fisherman

and His Soul

(1891)


Den lille Havfrue: HCAs

Umdeutung des Biedermeier-

Schemas

Außenseitertum

der seelischen Beschaffenheit

der ‚Rasse„

des ‚Geschlechts„

des Geschlechts („Männerkleidung“)

markiert als Stigmatisierung

Rebellion

Ausbruch aus der Herkunftswelt

Opfer

der Stimme

der körperlichen Unversehrtheit

der Selbstverwirklichung

Resignation als unterlassene Rebellion

und Selbstopfer am Ende – umgedeutet

zur Bedingung künftiger Erlösung


H.C. Andersens späte

Experimental-

Märchen – zum

Beispiel

Dryaden.

Et Eventyr

fra Udstillingstiden

i Paris 1867.

(Die Dryade.

Ein Märchen aus der

Ausstellungszeit in

Paris 1867.)

Signierte Erstausgabe,

1868.


Storms Andersen-Fortschreibung: Der kleine Häwelmann (1849)

• bekanntestes Märchen des

Realismus

• Schema des Kinder- und Hausmärchens;

Adoleszenz im Zeitraffer

• Verschränkung von Epochen- und

Individualerfahrung

• ‚realistische„ psychologische Studie

über den frühkindlichen Narzissmus;

beschreibbar mit Narzissmustheorie

(Freud, Kohut, Kernberg)

• Selbstreflexion: Erzählung als

Analyse und als Therapie


Oscar Wildes Märchen –

Fort- und Umschreibungen Andersens

August Strindbergs Märchen –

Fort- und Umschreibungen Andersens

Peter Rühmkorfs Märchen…

Produktiver Sonderfall: Märchen und moderner Roman!


Kafka zwischen Grimms und Andersen:

Schneewittchen in Die Verwandlung (1912),

Die Schneekönigin in Das Schloss (postum 1926)


H. C. Andersen (Zeichnung von Grass)

TM –

von TM


„Ihr Lieblingsbuch?“

„Ich könnte Die Welt als Wille

und Vorstellung sagen oder

Nietzsche oder Tolstoi.

Aber ich glaube, einer der

frühesten literarischen

Eindrücke, deren ich teilhaftig

wurde, war auch der tiefste und

nachhaltigste –

- Andersens

Märchen!“

(1928)


Thomas Manns Märchen-Romane I: Königliche Hoheit (1909)

„Thomas Mann: Königliche Hoheit. Roman.

… ihre Subjektivität macht sie [die Satire] beinahe zum Gegenteil einer

Satire, nämlich zu einem Bekenntnis, und wo sie dennoch satirisiert, da

tut sie es nur soweit, als es ein Märchen kann und mag. Denn diese

Geschichte von dem kleinen populären und doch so einsamen Prinzen,

der nach gewissen mißglückten Ausflügen in den „Bürgergarten“ seine

Prinzessin – eine besondere Art von Prinzessin – fand und zugleich

seinem bedürftigen Lande zur Wohlfahrt verhalf, dieser epische Scherz

voller musikalischer Beziehungen und symbolischer Zweideutigkeiten ist

ein Märchen: das Märchen von der Form und von der Sehnsucht, von der

Repräsentation und vom Leben, von der Hoheit und vom Glück.”

Thomas Mann 1955:

„Immer habe ich eine Vorliebe gehabt für Andersens Märchen vom

‚Standhaften Zinnsoldaten‟. Es ist im Grunde das Symbol meines

Lebens.“


Im Eisschloss (I)

Es war Winter und kalt, seine kleinen Schuhe

spiegelten sich in dem glasig hellen, durch

gelbliche Einlagen in große Vierecke geteilten

Parkett, das sich wie eine Eisfläche vor ihm ausbreitete

… Breite, versilberte, mit weißer, zerschlissener

Seide bespannte Armstühle umgaben

dort hinten die kalte Feuerstelle. …

Strenger und leerer Prunk herrschte hier und ein förmliches Gleichmaß

der Anordnung, das rein von Zweck und Bequemlichkeit sich selbstgenügsam

darstellte… ein hoher und angespannter Dienst, ohne Zweifel,

der weit entfernt schien, leicht und behaglich zu sein, der dich auf

Haltung und Zucht und beherrschte Entsagung verpflichtete, doch dessen

Gegenstand ohne Namen war. Und es war kalt in dem silbernen

Kerzensaal, wie in dem der Schneekönigin, wo die Herzen der Kinder

erstarren.


Im Eisschloss (II)

Des Schlosses Wände waren gebildet von treibendem Schnee, und

Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; es waren über

hundert Säle darin, alle, wie sie der Schnee zusammenwehte; der größte

erstreckte sich mehrere Meilen lang; das starke Nordlicht beleuchtete sie

alle, und wie groß und leer, wie eisig kalt und glänzend waren sie! …

Mitten in diesem unendlichen leeren Schneesaale war ein zugefrorner

See, der war in tausend Stücke zersprungen; aber jedes Stück war dem

andern gleich, daß es ein vollkommenes Kunstwerk war … Der kleine

Kay war blau vor Kälte … und sein Herz glich einem Eisklumpen.

H.C. Andersen, „Snee-Dronningen“ („Die Schneekönigin“)


Die Erlösung vom Stigma (I)

„… die sechseckige Platte eines Ebenholztisches …

obwohl er, seiner Übung nach, ein wenig schräg vor ihr stand und ihr die

rechte Schulter zuwandte, konnte er nicht verhindern, daß ihre Augen

sich mit stillem Forschen auf seinen linken Arm, auf die Hand hefteten,

die er weit rückwärts in die Hüfte gestemmt hatte. ‚Haben Sie das da seit

Ihrer Geburt?„ fragte sie. Er erbleichte. Aber mit einem Laut, der wie ein

Laut der Erlösung klang, sank er vor ihr nieder … ‚Kleine Schwester…„,

sagte er. ‚Kleine Schwester.„ Sie antwortete mit vorgeschobenen Lippen:

‚Haltung, Prinz. Ich bin der Meinung, daß es nicht erlaubt ist, sich gehen

zu lassen, sondern daß man unter allen Umständen Haltung bewahren

muß.„ Aber hingegeben und mit blinden Augen das Gesicht zu ihr

emporgewandt, sagte er nichts als: ‚Imma… kleine Imma…„

Da nahm sie seine Hand, die linke, verkümmerte, das Gebrechen, die

Hemmung bei seinem hohen Beruf, die er von Jugend an mit Kunst und

Wachsinn zu verbergen gewöhnt war, – nahm sie und küßte sie.“


Die Erlösung vom Stigma (II)

Da geschah es, daß die kleine Gerda durch das große Thor in das Schloß

trat. Hier herrschten schneidende Winde […]; und sie trat in die großen,

leeren, kalten Säle hinein – da erblickte sie Kay […] Aber er saß still,

steif und kalt; – da weinte die kleine Gerda heiße Tränen, die fielen auf

seine Brust; sie drangen in sein Herz, sie tauten den Eisklumpen auf und

verzehrten das kleine Spiegelstück darin […] Da brach Kay in Tränen

aus: er weinte so, daß das Spiegelkörnchen aus den Augen schwamm;

nun erkannte er sie und jubelte: ‚Gerda! Liebe kleine Gerda!‟ […] Und

Gerda küßte seine Wangen, und sie wurden blühend; sie küßte seine

Augen, und sie leuchteten gleich den ihrigen; sie küßte seine Hände und

Füße, und er

war gesund.


Imma Spoelmann in

Königliche Hoheit

„Die Haut ihrer Arme und ihres

Halses erschien bräunlich wie

angerauchter Meerschaum gegen

die Weiße des Kleides;

ihre übergroßen und glänzend

ernsten Augen in dem seltsamen

Kindergesichtchen redeten eine

fließende und unaufhaltsame

Sprache,

und eine glatte Strähne ihres

blauschwarzen Haares fiel seitwärts

in ihre Stirn.“


• dunkel fließende Sprache

• das blauschwarze Haar, das glänzend […] zu beiden Seiten

von ihrem Scheitel hinabfloß

• Blässe der Perlen

• ihr Kleid aus seegrüner, glänzender Seide

• Delphinenort

• das gläserne Gewölbe, dessen Boden mit […] spiegelnden

Marmorfliesen belegt war

• das sanfte Plätschern fallenden Wassers

• silberne Quellen

• durchleuchtete Wasserfläche


Die kleine Meerfrau (Ill. von Grass)

H.C.Andersen

Die kleine Meerfrau


Thomas Manns Märchen-

Romane II:

Der Zauberberg (1924)

Aber ist der Vergangenheitscharakter

einer Geschichte

nicht desto tiefer, vollkommener

und märchenhafter, je

dichter ‚vorher‟ sie spielt?

Zuletzt könnte es sein, dass die

unsrige mit dem Märchen auch

sonst, ihrer inneren Natur nach,

das eine und andre zu schaffen

hat.

(Der Zauberberg: Vorsatz)


Hans Castorp und seine

Mit-Patientin aus

Odense


„eine Saaltocher in

Schwarz und Weiß …

klein wie ein Kind, mit

einem langen und alten

Gesicht, – eine Zwergin,

wie [Hans] mit Schrecken

erkannte …

die Gästeschaft an den

sieben Tischen, Joachims

Kollegen und Schicksalsgenossen“


Der Zauberberg als

„Märchen-Roman“:

durchgängig doppelte Codierung

der erzählten Welt

(„doppelte Welten“)

zwischen realistischem

und mythischem Erzählen –

• Figuren-Konzeption

• Schauplatz-Konzeption

• Zeit-Konzeption

• Geschehensmotivation


Der Zauberberg als

„Märchen-Roman“:

die Märchenzahl –

7 Kapitel

7 Monate

7 Jahre

Zimmer Nr. 7

Zimmer Nr. 43 (34)

7 Tische

Settem-brini

usf.


Thomas Manns Märchen-Romane II: Doktor Faustus (1947)

Leitmotiv: „Andersens Seejungfrau“ als Adrian Leverkühns „Schwester“


„Bei Andersen habe ich

sozusagen Kraft

geschöpft.“

Günter Grass


Die Blechtrommel / Die Rättin / Grimms Wörter / Der Butt:

„Ich wollte das Buch sogar ausdrücklich als ein „Märchen“ bezeichnen!

Aber dummerweise hab ich dem Verlag nachgegeben. Die sagten: nein,

das können wir nicht machen, das hindert den Verkauf. Es muss also

bitte „Roman“ heißen. Ich wollte es aber wirklich ein Märchen nennen.

… Übrigens tauchen ja die Grimms selber bei mir schon früh auf. Im

„Butt“ schon, und in der „Rättin“ in Grimms Wäldern, wo sie als

Staatssekretäre den zerstörten Wald retten wollen. Und nun, in

Grimms Wörter“, sind sie zu Hauptfiguren geworden. “


Once upon a time

You dressed so fine…

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