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Überlegungen zur Taufe unmündiger Kinder

Überlegungen zur Taufe unmündiger Kinder

von Matthias Trick, Vikar in Steinhaldenfeld (Bad Cannstatt)

Die Taufe gehörte von Anfang an zur Praxis der christlichen Gemeinde. Sie wurde in Verbindung

mit dem missionarischen Wirken durch die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus

bereits von den Aposteln und der christlichen Urgemeinde geübt, wie etwa aus Apg 2,38-41;

8,12.36-38; 9,17-18 hervorgeht. Auch Mt 28,19-20 bestätigt den engen Zusammenhang von Taufe

und Mission und führt beide auf den Auftrag des auferstandenen Jesus zurück. Die Taufe ist also

auf Engste mit dem Urdatum des christlichen Glaubens, der Erkenntnis des gekreuzigten Jesus als

des Auferstandenen, verbunden.

Die Taufe von Unmündigen, also von Kleinkindern und Säuglingen, ist im Neuen Testament nicht

erwähnt und lässt sich mit einzelnen Textstellen weder belegen - etwa durch Stellen wie Apg 10,44-

48; 16,30-34, 1Kor 1,16, wo es jeweils um die Taufe einer ganzen Großfamilie geht 1 -, noch

bestreiten - etwa anhand von 1Kor 7,14. Allerdings lässt der enge Zusammenhang von

Missionspredigt und Taufe gegenüber der Annahme, es habe eine Taufe von Unmündigen gegeben,

eher skeptisch sein. Auch findet sich bei der im Neuen Testament bezeugten Taufpraxis eigentlich

immer die Abfolge: zuerst der Glaube, dann die Taufe (vgl. z.B. Mt 28,19-20; Mk 16,15-16; Apg

2,38; 8,4ff; 16,33-34). 2 Allerdings wird diese Reihenfolge an keiner Stelle vorgeschrieben, sie wird

lediglich festgestellt. 3 Die neutestamentlichen Schriften schweigen also zum Thema der Kinder- und

Säuglingstaufe, und für die nachneutestamentliche Zeit scheint vieles dafür zu sprechen, dass diese

erst ab dem dritten Jahrhundert in Gebrauch gekommen sind.

Fragt man nach der Möglichkeit oder Berechtigung der Kinder- und Säuglingstaufe, so kann man

deshalb nur theologisch argumentieren. Dabei kann die rein historische Fragestellung „auch

durchaus offen bleiben, weil mit der Faktizität der Kindertaufe im Neuen Testament noch lange

nicht deren Normativität für uns heute gegeben wäre.“ 4 Es muss vielmehr vom grundsätzlichen

Verständnis der Taufe und somit vom Verhältnis von Glaube und Taufe, wie es sich vom Neuen

Testament her darstellt, ausgegangen werden. Nur auf diesem Weg kann die Frage geklärt werden,

ob Kinder- und Säuglingstaufe erlaubt oder gar geboten seien, oder nicht.

1 So auch Peter Stuhlmacher, Biblische Theologie des Neuen Testaments. Band I. Grundlegung. Von Jesus zu Paulus,

2. durchges. Aufl., Göttingen 1997, 218.

2 Vgl. Otfried Hofius, Glaube und Taufe nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, in: Ders., Neutestamentliche

Studien, Tübingen 2000, WUNT 132, 253-275, 254-275.

3 Ebd.

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Überlegungen zur Taufe unmündiger Kinder

1. Zum Verhältnis von Glaube und Taufe

Um das Verhältnis von Glaube und Taufe erhellen zu können, ist zunächst die Klärung des Begriffs

Glaube notwendig, was hier allerdings nur anhand einer äußerst knappen Skizzierung geschehen

kann. Der biblische Glaubensbegriff basiert auf dem hebräischen Wort !ymia/h, (vgl. dazu v.a. Jes

7,9 5 ) und meint nicht nur 6 ein bloßes Fürwahrhalten 7 . Vielmehr geht es beim Glauben zuerst und

vor allem um ein Grundvertrauen, um das, was dem Leben Sinn gibt, um eine Gewissheit, aufgrund

derer es sich leben lässt.

Im Neuen Testament kommt dann dem Begriff des Glaubens allein schon aufgrund seines

quantitativen Umfangs ein besonderes Gewicht zu. Trotz aller Nuancen, durch die sich der

Glaubensbegriff bei den verschiedenen neutestamentlichen Autoren unterscheidet, spielt aber auch

hier die Dimension des existentiellen Vertrauens eine gewichtige Rolle, 8 wobei entscheidend ist,

dass sich dieses Vertrauen auf Jesus Christus gründet. Spezifisch christlicher Glaube ist inhaltlich

durch Wesen und Werk Jesu Christi bestimmter Glaube.

In der Person Jesu von Nazareth hat der Glaube seinen konkreten geschichtlichen Bezug. Und weil

er auf diese konkrete geschichtliche Person bezogen ist, deshalb ist er auch nicht von der

Bezeugung dessen, was es mit dieser Person auf sich hat, zu trennen. Christlicher Glaube ist folglich

nicht möglich ohne das Zeugenwort von Menschen (vgl. Röm 10,14-17), und er ist deshalb auch

nicht möglich ohne die Zeugnistradition, die bis zum Ursprung des Zeugnisses von Jesus Christus

zurückreicht, wie er in den neutestamentlichen Erzählungen von der Erscheinung des

auferstandenen Jesus vor seinen Jüngern (vgl. v.a. Lk 24,34) dokumentiert ist. Um eindeutig

christlicher Glaube zu sein, braucht der Glaube die Überlieferungstradition, die Kette der Zeugen,

und die Einordnung in diesen Traditionszusammenhang muss 9 auch in einem öffentlichen Akt ihren

Ausdruck finden.

4 So zurecht Walter Kasper, Glaube und Taufe, in: Ders. (Hg), Christsein ohne Entscheidung oder Soll die Kirche

Kinder taufen?, Mainz 1970, 131.

5 Vgl. dazu und zum Folgenden Gunda Schneider-Flume, Grundkurs Dogmatik. Nachdenken über Gottes Geschichte,

Göttingen 2004, UTB 2564, 98-106; dies., Glaubenserfahrung in den Psalmen. Leben in der Geschichte mit Gott,

Göttingen 1998, BTSP 15, 9-24; Walter Kasper, Glaube und Taufe, in: Ders. (Hg), Christsein ohne Entscheidung oder

Soll die Kirche Kinder taufen?, Mainz 1970, 135-140.

6 Natürlich gehört Fürwahrhalten, "Wissen", zum Glauben dazu, er erschöpft sich aber keinesfalls darin.

7 Und Fürwahrhalten meint eben negativ ausgedrückt: nicht wissen.

8 Vgl.auch hierzu die kurzen Ausführungen bei Gunda Schneider-Flume, Grundkurs Dogmatik. Nachdenken über

Gottes Geschichte, Göttingen 2004, UTB 2564, 101-105.

9 Zur Frage nach der Möglichkeit einer anonymen - von den verfaßten Kirchen unabhängigen - Gestalt des Glaubens

vgl. Walter Kasper, Glaube und Taufe, in: Ders. (Hg), Christsein ohne Entscheidung oder Soll die Kirche Kinder

taufen?, Mainz 1970, 138-140.

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Dass der Glaube gerade in der Wassertaufe eine öffentliche Gestalt erhält, ergibt sich dabei aus der

Geschichte der christlichen Kirche. Schon im Neuen Testament wird die Taufe auf den Auftrag des

auferstandenen Jesus zurückgeführt (vgl. Mt 28,19-20; Mk 16,16), und sie wurde von Anfang an

geübt. "Wir kennen nach Ostern keine tauflose Anfangszeit" 10 . Darum kann nur durch die

Wassertaufe eindeutig in die durch Jesu Wesen und Werk eröffnete Geschichte stellen.

Taufe und Glaube gehören für das Neue Testament also grundsätzlich zusammen. Der zentrale

Punkt beim Verhältnis von Glaube und Taufe ist dabei nicht die zeitliche Reihenfolge, sondern die

sachliche Beziehung. Das Verhältnis von Glaube und Taufe ist nämlich in den neutestamentlichen

Texten in zwei Aspekte aufgeteilt: Einmal ist dieses Verhältnis so bestimmt, dass der Glaube der

Taufe vorausgeht und zu ihr hinführt, so etwa nach Apg 8,12-13. Dann aber gibt es auch Texte wie

Röm 6,3-23 und 1Kor 6,11, in denen Paulus von der vollzogenen Taufe ausgehend in das neue

Leben aus dem Glauben einführt. Hier wird "die Taufe als Anfang eines neuen, im Glauben zu

beschreitenden Weges verstanden." 11 Im zweiten Fall geht die Taufe dem Glauben sachlich 12

voraus, und zwar insofern, als sie sozusagen sein Fundament darstellt, das diesen trägt, indem es die

"Getauften an das erinnert und bei dem behaftet, was Gott bzw. Christus für sie und an ihnen getan

hat" 13 .

2. Die Legitimität der Säuglingstaufe

Wie ist nun aber von diesem allgemeinen Verständnis der Taufe aus die Kinder- und

Säuglingstaufe, also die Taufe von Unmündigen zu beurteilen? Ist sie theologisch abzulehnen, ist

sie erlaubt oder gar geboten?

Nach Wilfried Härle 14 werden gegen die Kinder- und Säuglingstaufe vor allem vier theologisch zu

bedenkende Einwände vorgebracht, die aber alle einen gemeinsamen Kern haben: Im Grunde geht

es immer um die Frage, ob es sinnvoll sei, dass Unmündige im Zusammenhang mit der Taufe

vertreten würden, und zwar von Eltern und Paten, wie es üblicherweise der Fall ist.

Härle nennt folgende Einwände:

10 A. a. O., 142.

11 A. a. O., 149.

12 Das gilt auch, wenn - wovon für diese und ähnliche Stellen auszugehen ist (vgl. Otfried Hofius, Glaube und Taufe

nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, in: Ders., Neutestamentliche Studien, Tübingen 2000, WUNT 132, 255) - die

Taufe zeitlich gesehen erst dem Bekenntnis des Glaubens gefolgt ist.

13 Otfried Hofius, Glaube und Taufe nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, in: Ders., Neutestamentliche Studien,

Tübingen 2000, WUNT 132, 253-275, 269.

14 Vgl. zum Folgenden Wilfried Härle, Dogmatik, 2. überarb. Aufl., Berlin u. New York 2000, 552-555.

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Überlegungen zur Taufe unmündiger Kinder

Erstens: Säuglinge und Kleinstkinder können die Taufe nicht selbst für sich begehren. Da aber -

wenn es sich nicht um eine Zwangstaufe handeln soll - das Taufbegehren Voraussetzung für den

Taufvollzug ist, ist zu fragen, mit welchem Recht diese Voraussetzung bei Säuglingen und

Kleinstkindern entfallen oder auf die Eltern übergehen kann.

Der zweite Einwand lautet: Wenn Eltern ihre unmündigen Kinder taufen lassen, verfügen sie über

ihre Kinder ohne deren Einverständniserklärung und lassen an ihnen eine Handlung vollziehen, die

nicht wieder aufgehoben werden kann. Auch machen sie sie ohne ihre Einwilligung zu

Kirchenmitgliedern.

Drittens wird kritisiert, die unmündig Getauften könnten sich in der Regel nicht selbst an ihre Taufe

erinnern, so dass gerade die sinnenhafte Bedeutung der Taufe - ihr Sakramentscharakter - in den

Hintergrund gedrängt werde. 15

Schließlich wird eingewandt, dass, auch wenn der Glaube nicht die Taufe begründe, Glaube und

Taufe doch unmittelbar zusammen gehörten. Dieser Zusammenhang sei aber bei der Säuglingstaufe

nicht gegeben, weil ein Säugling zum Glauben noch nicht fähig zu sein scheine.

Auf diese Einwände kann in Anlehnung an Härle geantwortet werden: Unmüdige, vor allem

Säuglinge und kleine Kinder, sind grundsätzlich angewiesen auf Vorgaben und Entscheidungen

ihrer Eltern. Es ist ja gerade ein entscheidendes Merkmal der Beziehung zwischen Eltern und

Kindern, dass Eltern für ihre Kinder entscheiden müssen. So ist es etwa auch ein Verfügen über die

Kinder, wenn Eltern ganz auf deren religiöse Erziehung verzichten. Eltern können mit ihren

Entscheidungen für die und anstelle der Kinder nur versuchen, ihren Kindern das zu vermitteln, was

das Beste ist, um ihnen so später eine eigene Lebensentscheidung zu ermöglichen. Wenn deshalb

Eltern den Wunsch haben, ihre Kinder in der Taufe an dem teilhaben zu lassen, was für ihr eigenes

Leben wichtig ist, dann ist die Taufe eine spezielle, wegen ihres sinnlichen und symbolischen

Charakters allerdings sehr gewichtige Form, in der der eigene Glaube weitergegeben und bezeugt

wird. Es ist deshalb nicht unangemessen, wenn Eltern für ihre Kinder die Taufe begehren.

Bezüglich des vierten oben genannten Einwands ist festzuhalten, dass Glaube nie - auch nicht bei

erwachsenen und mündigen Menschen - so zum Ausdruck kommt, dass er von anderen Menschen

festgestellt werden kann; Glauben oder Nichtglauben zu beurteilen ist allein Gott vorbehalten (vgl.

1Kor 4,1-5). Taufe geschieht deshalb aufgrund des Bekenntnisses des Glaubens. Außerdem dürfte

es sehr schwierig sein, eine Alters- oder Entwicklungsgrenze anzugeben 16 , unterhalb derer Kinder

15 Vgl. dazu auch Walter Kasper, Glaube und Taufe, in: Ders. (Hg), Christsein ohne Entscheidung oder Soll die

Kirche Kinder taufen?, Mainz 1970, 156.

16 Damit ist freilich noch nicht gesagt, dass es eine solche Grenze nicht gäbe. Auf die Frage nach der fides infantium

kann aber an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

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von Glaubenserfahrungen ausgeschlossen sind. Auch stehen Kinder religiösen und geistlichen

Dingen oft näher als Erwachsene. Nach Mk 10,13-16 konnte Jesus gegenüber seinen Jüngern

Kinder sogar als Vorbilder im Glaubens hinstellen.

Am schwierigsten zu entkräften bleibt der Einwand, es stelle einen unerträglichen Mangel bei der

Säuglings- und Kleinstkindertaufe dar, wenn die Getauften keine eigene Erinnerung an ihre Taufe

haben. Denn durch das Fehlen der persönlichen Erinnerung scheint ja der Sakramentscharakter der

Taufe - also ihre leiblich-sinnliche Wirksamkeit an denjenigen, die sie empfangen - hinfällig zu

sein. Welches Gewicht diesem Einwand zukommt, hängt vom Verständnis des Erinnerungsbegriffs

ab. Dieser kann enger oder weiter gefasst werden. In der engeren Fassung meint der Begriff

Erinnerung, dass man sich ein in der Vergangenheit liegendes Geschehen, das man selbst mehr oder

weniger bewusst erlebt hat, erneut vor Augen führt, sich in Gedanken dahin zurückversetzt. Hier

kommt es entscheidend auf das eigene, individuelle oder bewusste Erleben eines Geschehens an.

Bei einem weiter gefassten Erinnerungsbegriff hingegen spielt neben der individuellen auch die

soziale Komponente eine entscheidende Rolle. Ein Mensch ist nie nur das, was er aus sich selbst

macht, woran er sich selbst erinnert oder was er selbst nach außen darstellt, sondern er wird immer

auch geprägt von der ihn umgebenden Welt und den ihn umgebenden Menschen. Ein Mensch ist

immer schon in eine Geschichte hineingestellt, er kommt von einer Geschichte, ja von vielen

Geschichten her. Diese Geschichte hat er nicht selbst gemacht, und er weiß auch nur deshalb von

ihr, weil sie ihm erzählt wurde und wird. Und diese Geschichte prägt ihn und macht ihn mit zu dem,

was er ist. Wird der Erinnerungsbegriff auf diese Weise weiter gefasst, dann bezeichnet er also die

Vergegenwärtigung eines Geschehens aus der Vergangenheit nicht nur durch das Sich-ins-

Gedächtnis-Rufen dessen, was jemand selbst bewusst erlebt hat, sonder auch dadurch, dass andere

ihm erzählen und ihn spüren lassen, wer er ist und was ihn ausmacht.

In gewisser Weise mag also - das ist die eine Seite - das Fehlen des bewussten eigenen Erlebens bei

der Taufe von Säuglingen und Kleinkindern als ein Mangel gelten. Auf der anderen Seite birgt aber

die Überbetonung der bewussten eigenen Beteiligung auch eine Gefahr. Gerhard Ebeling spitzt

diese so zu: "Die biographische Punktualisierung oder psychologische Aufblähung des

Taufgeschehens kann nur zu seiner Abwertung führen [...] Der Taufaufschub bis zur eigenen

Entscheidungsreife droht zu skrupelhafter Selbstreflexion zu führen, wann man zur Taufe reif sei,

und so gerade den eigentlichen Skopus der Taufe zu gefährden." 17 Wenn also bezüglich der

Säuglings- und Kindertaufe von einem Mangel geredet wird, so ist damit allenfalls ein "relativer

17 Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens. Band III. Dritter Teil. Der Glaube an Gott den Vollender der

Welt. Register, Tübingen 1979, 326-327.

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Mangel" 18 bezeichnet. Dieser dürfte um so mehr zu ertragen sein, als es einen guten 19 theologischen

Grund für die Säuglings- und Kindertaufe gibt. 20 Dieser gute Grund besteht darin, dass in der Taufe

von Säuglingen auf nicht zu überbietende Art und Weise die Bedingungslosigkeit der Zusage des

göttlichen Heils zum Ausdruck kommt.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die Säuglings- oder Kindertaufe, die seit der Zeit der Alten

Kirche geübt wird, ist theologisch gut begründet und vertretbar. Sie stellt keineswegs schon an sich

"eine tief unordentliche Taufpraxis" 21 dar.

3. Zur Praxis der Säuglings- und Kindertaufe

"Mit der grundsätzlichen theologischen Möglichkeit der Taufe von Unmündigen ist freilich noch

nicht gegeben, dass die konkrete heutige Praxis der Kindertaufe theologisch berechtigt ist. Leider

werden diese beiden Fragen in der Diskussion sehr oft verwischt; man macht dann aus der

grundsätzlichen dogmatischen Möglichkeit der Kindertaufe einen Freibrief für die bestehende

Praxis, durch welche Glaube und Taufe in vielen Fällen in erschreckendem Ausmaß auseinander

fallen; oder man macht aus der u. U. berechtigten Ablehnung dieser Praxis ein grundsätzliches

Argument gegen die Kindertaufe als solche." 22 Deshalb ist unbedingt darauf zu achten, dass die

dogmatische und die praktische Fragestellung voneinander unterschieden werden.

Dass die Kinder- und Säuglingstaufe in der Praxis äußerst problematisch werden kann, lässt sich

kaum bestreiten. 23 Zu einem Problem wird diese Taufe von Kindern und Säuglingen nämlich dann,

"wenn nicht mehr ernst genommen wird, dass sie ihren Ort nur in der Gemeinde hat und haben

kann, und wenn man folglich überhaupt nicht mehr fragt, ob von der Gemeinde her die

Voraussetzungen für ihren Vollzug gegeben sind. Diese notwendigen Voraussetzungen aber sind

dort nicht gegeben, wo in Kirche und Gemeinde - in Verkündigung und Unterweisung - das

Evangelium von Jesus Christus nicht mehr laut wird und die Taufe faktisch so praktiziert wird, als

18 Wilfried Härle, Dogmatik, 2. überarb. Aufl., Berlin u. New York 2000, 554 (Hervorhebung aufgehoben).

19 Gut bedeutet wohlgemerkt nicht: zwingend.

20 Vgl. dazu Wilfried Härle, Dogmatik, 2. überarb. Aufl., Berlin u. New York 2000, 555.

21 Karl Barth, Die kirchliche Dogmatik. 4. Die Lehre von der Versöhnung. 4. Das christliche Leben (Fragment). Die

Taufe als Begründung des christlichen Lebens, Studienausgabe, Bd. 30, Zürich 1991, 213. Mit Recht bezeichnet es

übrigens Walter Kasper, Glaube und Taufe, in: Ders. (Hg), Christsein ohne Entscheidung oder Soll die Kirche Kinder

taufen?, Mainz 1970, 133, als inkosequent, daß Barth die Praxis der Unmündigentaufe nicht völlig verwirft, wie es sich

eigentlich von seinem Taufverständnis her nahelegte, sondern sie lediglich als unordentlich bezeichnet.

22 Walter Kasper, Glaube und Taufe, in: Ders. (Hg), Christsein ohne Entscheidung oder Soll die Kirche Kinder

taufen?, Mainz 1970, 151.

23 Allerdings besteht diese Gefahr genauso auch für die Erwachsenen- oder Mündigentaufe. Diese wird dann

problematisch, wenn sie in der Praxis so verstanden wird, als setze der Vollzug der Taufe notwendigerweise den

Glauben voraus (vgl. dazu Otfried Hofius, Glaube und Taufe nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, in: Ders.,

Neutestamentliche Studien, Tübingen 2000, WUNT 132, 253-275, 271-273. ).

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seien Glaube und Bekenntnis des Getauften im Grunde überflüssig und belanglos." 24 Die Frage nach

der Säuglings- und Kindertaufe ist deshalb in erster Linie eine Frage nach dem Zustand der Kirche.

Wo sie dafür Sorge trägt, dass das getaufte Kind in das bei seiner Taufe gesprochene Bekenntnis

sozusagen hineinwachsen kann, da hat die Taufe von Säuglingen und Kindern ihr gutes

theologisches Recht und ihren guten Sinn.

Ob die Säuglings- und Kindertaufe heute noch die vorherrschende Form der Taufe sein sollte oder

gar als deren Idealform zu gelten hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Jedenfalls kann und sollte

sie als eine wichtige Form der Taufe neben der Erwachsenen- oder Mündigentaufe in guter Übung

bleiben. Widersinniger Weise scheint der Trend heute aber dahin zu gehen, dass oft gerade

diejenigen Eltern, denen der christliche Glaube viel bedeutet, ihre Kinder nicht mehr taufen lassen,

weil ihnen die Taufe in ihrer Bedeutung nicht mehr ernst genommen zu werden scheint. Doch gilt

auch hier der alte Satz: „Der Missbrauch hebt den (rechten) Gebrauch nicht auf.”

24 Otfried Hofius, Glaube und Taufe nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, in: Ders., Neutestamentliche Studien,

Tübingen 2000, WUNT 132, 253-275, 272.

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