Leseprobe Die letzten Soehne des Nordens - Hierophant-Verlag

hierophant.verlag.de

Leseprobe Die letzten Soehne des Nordens - Hierophant-Verlag

Leseprobe


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://www.dnb.dbb.de abrufbar.

Ole Gerlach – Die letzten Söhne des Nordens

ISBN 978-3-940868-32-9

© copyright 2009 Ole Gerlch

© Illustration: Ole Gerlach

© copyright 2009 Hierophant-Verlag

© Cover: Torsten Peters

Grafik und Satz: Hierophant-Werbeagentur

Druck: DIP Witten

1. Auflage Juni 2009

Hierophant-Verlag

Im Bollerts 4 - 64646 Heppenheim

http://www.hierophant-verlag.de

Alle Rechte, auch der fotomechanischen Vervielfältigung und des

auszugsweisen Abdrucks, vorbehalten.


Ole Gerlach

Die letzten Söhne des Nordens


Danksagung

Ich danke meinen Eltern für ihre tatkräftige Unterstützung, vor allem

meiner Mutter für ihre Mühe, auch wenn sie mit dem Thema überhaupt

nichts anfangen kann.

Meinen guten Freunden Jan, der neben der Korrektur auch am Feinschliff

der Optik gearbeitet hat und Florian, ohne den ich gar nicht angefangen

hätte das Buch zu schreiben.

Besonderer Dank geht natürlich an Nicole, der wunderbarsten Frau

auf der ganzen Welt.

Viel Spaß beim Lesen


Inhalt

Prolog

Kapitel 1:

Kapitel 2:

Kapitel 3:

Kapitel 4:

Kapitel 5:

Kapitel 6:

Kapitel 7:

Kapitel 8:

Kapitel 9:

Kapitel 10:

Wie alles begann

Der Fremde

Der Fluch erfüllt sich

Marius

Hetman

Aufbruch

Die Schlacht

Neue Pläne

Island

Der Fluch endet

Epilog


Prolog

Erschöpft lehnte sich der alte Mönch auf seinem Holzstuhl zurück

und streckte seinen schmerzenden Rücken. Er betrachtete die

feuchte, schimmelige Steinmauer, eine Mauer, die Teil seiner muffigen

kleinen Zelle in einem Kloster war.

Mit Entsetzen hörte er, wie knöcherne Finger nach den Gittern griffen,

die das kleine Loch, das sich Fenster nannte, verschlossen.

Faulige Nägel kratzen mit einem widerlichen, hohen Klang über die

Steine, stöhnende Körper warfen sich unermüdlich gegen die

schwere Holztür des Klosters und drohten, sie zu durchbrechen. Verzweifelt

stemmten sich einige Ritter dagegen und versuchten, sie

geschlossen zu halten.

Er schreckte hoch und stellte fest, dass er das alles nur geträumt

hatte. Er war über dem Buch zusammen gebrochen, das er gerade

schrieb und hatte dabei das kleine Fässchen mit der Tinte umgestoßen.

Zum Glück war die Tinte nicht auf das Buch gelaufen, er hätte

es von vorne beginnen müssen. Es fiel ihm jetzt schon so schwer,

alles nieder zu schreiben. Mit jedem Wort kam die Erinnerung an die

Grauen, die ihm widerfahren waren, an den Terror, den er erfahren

musste, wieder. Doch er hatte Order vom Papst persönlich bekommen,

alles nieder zu schreiben und an ihn nach Rom zu schicken

und wer war er, dass er dem Papst widersprechen würde?

Seufzend streckte er sich erneut und dehnte seine Gicht geplagten

Finger. Mit zitternden Fingern griff er nach der Schreibfeder und versuchte,

sich an die Ereignisse und die Erzählungen zu erinnern.

9


Kapitel 1: Wie alles begann

Schnell schoss das Schiff über die See, angehoben durch gelegentliche

höhere Wellen. Im Westen färbte die untergehende Sonne den

Horizont ein weiteres Mal in ein dunkles Rot. Das Meer änderte

seine Farbe langsam von einem klaren Blau über rot und violett hin

zu schwarz.

Das Schiff war eines der berüchtigten Drachenschiffe, schlank und

schnell, welches man normalerweise sowohl rudern als auch segeln

konnte. Diesmal jedoch arbeitete allein der Wind, denn die Kämpfe

der letzten Zeit hatten nicht nur reiche Beute, sondern auch große

Verluste gefordert, und auch das Schiff selbst hatte einige Spuren

abbekommen. Einige der am Rumpf befestigen Schilde waren geborsten

oder abgerissen, lange Schrammen und Kerben zierten das

Holz der Planken und der eine oder andere dunkle Fleck zeugte von

eingetrocknetem Blut.

Ulfgard stand am Bug des Schiffes und blickte sehnsüchtig Richtung

Norden, in Richtung seiner Heimat. Er war ein groß gewachsener

Nordmann mit blondem Haar und heller Haut. Seine blauen Augen

zeugten sowohl von Intelligenz als auch von Kühnheit, sie ließen ihn

wesentlich älter aussehen, als er es mit seinen knapp fünfundzwanzig

Sommern war. Schon früh war er als einer der ausgewählten

Krieger Odins auserkoren worden, als Berserker, und wurde von harten

Lehrmeistern sowohl im Kampf als auch im Umgang mit Kraft

und Tapferkeit steigernden Drogen geschult.

Sie hatten gerade einen Raubzug in die christlichen Länder des Südens

durchgeführt, fast bis nach Rom waren sie vorgedrungen. Nun

quoll das Schiff beinahe über von Gold, Silber und feinen Stoffen.

Weit hinten konnte man auch das leise Wimmern der gefangenen

Frauen hören. Viele vergingen sich an diesen Frauen, doch Ulfgard

hatte dies immer abgelehnt; nicht unbedingt aus moralischen Gründen,

die Jahre des Kampfes hatten jedes Mitleid in ihm sterben lassen,

sondern mehr aus der einfachen Überlegung heraus, dass

Jungfrauen einen besseren Preis einbrachten als geschändete oder

gar noch schwangere Frauen.

„Was meist du, wann wir unser Dorf endlich wieder sehen?“

Ulfgard war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt

hatte, wie Oski, sein etwa zwanzig Jahre älterer Kampfgefährte und

11


einstiger Lehrmeister bei den Berserkern, neben ihn getreten war.

Oski war, wie er selbst, hoch gewachsen und von kräftiger Statur,

jedoch war sein Haar schwarz, mit leichtem grauen Schimmer und

sein bärtiges Gesicht war schon von vielen Falten durchzogen.

„Spätestens morgen Mittag, frühestens schon heute Nacht“, meinte

Ulfgard.

Schweigend blickten sie in die untergehende Sonne und die langsam

steigende Schwärze, die bald alles außer dem Licht der Sterne

verschlungen hatte. Sie hatten sich nicht viel zu sagen als Mitglieder

eines Ordens, dessen Kämpfer geschworen hatten, Odin zu Ehren

einen heldenhaften Tod im Kampf zu finden.

Erst als der Mond in einem blutigen Rot aufging, fingen sie an, sich

Geschichten über ihre Kämpfe und grausamen Heldentaten zu erzählen.

Ihr raues Gelächter jagte sogar ihren Gefährten einen eisigen

Schauer über den Rücken und sorgte dafür, dass die

gefangenen Frauen in Tränen ausbrachen.

Wenige Stunden später, die Nacht hatte schon einen schwarzen

Schleier über die Welt gelegt, tauchten die ersten Lichter am Horizont

auf. Diese stammten von großen Leuchtfeuern, die von den

Dorfbewohnern errichtet wurden, um Heimkehrenden und Reisenden

einen sicheren Weg ins Dorf zu weisen.

Die Wellen klatschten gegen den Bug und ließen das Schiff langsam

auf und ab tanzen. Slegir, ein kleiner, braunhaariger Seemann, hatte

die Fackeln an Bug und Heck entzündet, um die Dorfbewohner auf

sich aufmerksam zu machen. Gleichzeitig spendeten sie ihm das

nötige Licht bei seiner Wacht nach plötzlich aus der Dunkelheit auftauchenden

Untiefen und Riffen.

Ulfgard ging nervös auf und ab. So sehr er den Kampf und das Abenteuer

liebte, er konnte es jedes Mal kaum erwarten, wieder in seine

Heimat zurückzukehren. Er hatte als Berserker geschworen, einen

heldenhaften Tod im Kampf gegen einen Feind zu finden, um in

Odins ewige Hallen aufgenommen zu werden. Aber er hoffte doch inständig,

dass ihn dieser Tod in seiner rauen Heimat ereilen würde,

wo man ihm ein anständiges Kriegerbegräbnis geben und nicht in

diesen heidnischen Ritualen der Christen entweihen würde und

damit, so befürchtete er, eventuell sogar den Einzug in Odins Hallen

verhinderte.

12


Vielleicht hatte seine Sehnsucht auch etwas mit Hilde, seiner Angebeteten,

zu tun. Zwar würde sein Leben wohl nicht all zu lange währen,

doch trotzdem hatten Hildes Eltern, ein Bauernpaar aus den

Bergen, indirekt zu verstehen gegeben, dass sie nichts gegen eine

Vermählung einwenden würden. Sie hofften wohl, dadurch ihrem

Sohn einen Aufstieg in den Kriegerstand zu ermöglichen – ein Held

Odins in der Familie war ein guter Einstieg.

Ulfgard hörte rechts von sich ein Knarren.

Er drehte sich um und sah Oski ebenfalls nervös umherwandern und

gebannt Richtung Küste starren. Es beruhigte ihn ein wenig, wenn

sogar sein Kampf erfahrener alter Weggefährte sich danach sehnte,

nach Hause zurückzukehren.

Eine Stunde später hob Slegir sein Nebelhorn an die Lippen und ließ

ein schauriges, langes, dunkles Heulen ertönen.

Er wartete ein paar Augenblicke, dann blies er wieder in sein Horn.

Als er das Horn zum vierten Mal an die Lippen heben wollte, wurde

das Signal durch einen Hornstoß und lautes Jubelgeschrei beantwortet.

Überall im Dorf leuchteten jetzt Lichter auf, als Feuer in allen

Häusern im Dorf und auf den Plätzen entzündet wurden.

Obwohl es schon weit nach Mitternacht war, als sie im Hafen einliefen,

war das ganze Dorf auf den Beinen, um sie zu begrüßen. Junge

Frauen liefen dem Schiff entgegen, um ihre Männer in die Arme zu

schließen, Kinder riefen nach ihren Vätern und alte Leute hielten

nach ihren Söhnen Ausschau.

In die Freude über die Ankunft mischte sich bald die Trauer um die

Gefallenen und der Jubel verebbte einen Moment, doch als die

reichhaltige Beute an Gold, Silber, Geschmeide, Besteck und Sklaven

verteilt wurde, hob sich die Laune wieder.

Auch die Hinterbliebenen der verschiedenen Abenteurer schlossen

sich der Feier an. Der Tod war allgegenwärtig dieser Tage. Jeder

hatte ihn schon eher zu oft als zu wenig in der eigenen Verwandtschaft

erlebt und im Augenblick galt es die Heimkehrer zu ehren,

zum Trauern war auch am nächsten Tag noch Zeit genug.

„Schön euch wieder hier zu haben!“ Lasse Olufson, Jarl des Dorfes,

kam auf sie zugeschritten, umarmte sie und klopfte ihnen kräftig auf

die Schultern. „Die Christen machen uns immer mehr Schwierigkeiten.

Sie schicken immer mehr Missionare und das mit Erfolg. Schon

13


drei unserer Nachbardörfer haben dem Glauben abgeschworen und

lauschen nun diesen Einflüsterungen Lokis! Vier Angriffe mussten

wir in dem letzten halben Jahr abwehren. Nur gut, dass Thorson hier

geblieben ist, ohne ihn stünde es wesentlich schlechter um uns!“

Thorson war eine Legende in der Gegend. Sein Name bedeutete

„Sohn des Thor“ und das war er, zumindest wenn man den Geschichten

glaubte, auch tatsächlich. Sein Vater starb noch vor seiner

Geburt bei einem Angriff der Christen. Die hochschwangere Frau

musste sich von da an alleine um die Feldarbeit kümmern, die Zeiten

waren hart. Und so kam es, dass sie auch bei Gewitter raus ging, um

von der Ernte zu retten, was zu retten war. Als man nach dem Gewitter

nach ihr schauen ging, fand man ihre vom Blitz erschlagene

Leiche und daneben … ein unverletztes Neugeborenes. Swidur, der

Odinpriester des Dorfes, taufte den Jungen daraufhin Thorson, war

er doch von dem Donnerer besonders gesegnet worden.

Der Junge wurde wie ein Heiliger behandelt, er wuchs abwechselnd

bei Swidur oder Lasse auf und immer wieder stellte er den Segen

Thors unter Beweis.

Ungefähr im selben Alter wie Ulfgard unternahmen die beiden vieles

gemeinsam, so oft es nur ging. Als sie einmal zu zweit auf der Jagd

waren, wurde Ulfgard von einem Braunbären angegriffen. Es war

ein junges Tier, gerade erst geschlechtsreif geworden. Von der Mutter

verstoßen, hatte es noch viel zu lernen, doch es überraschte Ulfgard

und schlug ihn nieder. Gerade als er dachte, es wäre aus mit

ihm, sprang Thorson von hinten heran, umfasste den Bären und begann,

ihn langsam zu erwürgen.

Es war ein fürchterlicher Kampf. Der Bär wälzte sich auf dem Boden,

versuchte Thorson gegen Bäume zu drücken, ihn mit seinen Tatzen

oder Fängen zu erreichen, die Erde wurde aufgewühlt, Büsche entwurzelt.

Doch Thorson blieb stark, aus zahlreichen Wunden blutend

und mit mehreren gebrochenen Rippen zwang er den Bären schließlich

in die Knie und brach ihm mit einer letzten Anstrengung das Genick.

Doch nicht nur seine Kraft war überwältigend, er war auch ein grundehrlicher

Mensch, verschonte im Kampf Frauen und Kinder, selbst

die von Christen. Als er sich aus diesem Grund weigerte, bei den

Beutezügen mitzumachen und lieber zu Hause blieb, um in einer

Schmiede den Hammer zu schwingen, akzeptierte das jeder; nie-

14


mand lachte ihn deswegen aus, niemand sprach schlecht über ihn.

„Da kommt man nach Hause und erhofft sich etwas Ruhe von den

Kämpfen, freut sich darauf einfach nur zu saufen und zu fressen, in

den Armen einer hübschen Frau zu liegen und unser Jarl zerstört

einem auch noch diesen letzten Traum!“ Lachend trat Oski vor. Er

schenkte jedoch den Worten des Jarl nicht wirklich Aufmerksamkeit,

sondern ließ seinen Blick über die Menschenmenge schweifen auf

der Suche nach seiner Frau und seinen Söhnen. Als er sie erblickte,

stieß er einen freudigen Ruf aus und rannte zu ihnen.

„Sieht so aus, als müsste wir die Christen alleine heute Nacht besiegen“,

wandte sich Ulfgard lachend an Lasse.

„Sieht so aus, als müsse ich es ganz alleine machen, denn es wartet

eine Überraschung auf dich“, erwiderte Lasse trocken.

Fragend blickte Ulfgard ihn an. Lasse dreht sich um und führte ihn

zu seinem Haus.

Freude übermannte Ulfgard, als er sah, wer vor dem Eingang auf

ihn wartete – Hilde, seine Angebetete. Sie war schön wie immer, ihr

goldenes Haar glänzte im Schein der Fackeln, ihre Augen erstrahlten

in dem ihnen eigenen Grün, wie das helle Grün des klaren Meeres

an manchen Tagen. Sie lächelte ihr bezauberndes Lächeln, das sein

Herz gleich in den ersten Sekunden ihrer ersten Begegnung erobert

hatte. Und auch diesmal verfehlte es seine Wirkung nicht. Er spürte,

wie sein Herz auszusetzen drohte und sich seine Eingeweide verkrampften.

Hatte er jetzt schon das Gefühl, sein Verstand hatte sich ausgeschaltet,

so verabschiedete er sich endgültig, als Swidur zusammen mit

Hildes Eltern aus Lasses Hütte trat. Dies konnte nur bedeuten, dass

sie sich entschlossen hatten, einer Hochzeit zwischen ihm und Hilde

zuzustimmen. Ein Lächeln und Augenzwinkern aus dem weißbärtigen

Gesicht des Priesters bestätigte seine Hoffnung.

„Ulfgard“, begann Hulgir, der Vater von Hilde, „Hilde ist letzten Monat

zwanzig geworden und hat damit ein Alter erreicht, in dem es ihr erlaubt

ist zu heiraten. Wir haben dein Werben um sie aufmerksam

verfolgt und auch, wenn dein Besitz nicht der größte ist, wird dein

Ruf und Ruhm nur von dem Thorsons übertroffen, deine Ahnen müssen

mächtig sein. Aus diesem Grund haben wir einer Heirat zwischen

euch zugestimmt. Und ich bin sogar bereit, euch einen Teil

15


meines Landes abzugeben, im Tausch gegen einige der Sklaven,

die du mitgebracht hast.“

Ulfgard konnte es kaum fassen, dies schien der schönste Tag seines

Lebens zu sein.

„Nimm dir, welche Sklaven dir auch immer gefallen … und so viele

wie dir gefallen! Ja, ich freue mich, eure Zustimmung zu einer Hochzeit

mit Hilde bekommen zu haben!“

„Dann lasst uns nicht länger warten, ihr werdet erst wieder als Paar

zu den Feierlichkeiten zurückkehren!“ Swidur, der bisher geschwiegen

hatte, ergriff Hilde und Ulfgard an den Armen und führte sie zum

Heiligtum, um die Hochzeitszeremonie durchzuführen.

Später am Abend saßen sie alle mit den anderen Dorfbewohnern

zusammen und feierten, sowohl die Heimkehr der Helden, als auch

die Hochzeit.

Ulfgard konnte sich gar nicht mehr genau an sie erinnern. Er wunderte

sich sowieso, dass er, der schon hunderte von Kämpfen ausgetragen

hatte, vor Aufregung gezittert hatte. Hilde blieb dagegen

ganz ruhig, das leicht spöttische Lächeln eines Siegers um die Lippen,

was ihn ein wenig in seiner Ehre kränkte.

Doch nun wurde gefeiert. Er konnte deutlich das laute Grölen und die

rote Mähne Thorsons ausmachen. Er würde heute Abend wieder

einmal alle unter den Tisch trinken und dennoch morgen ausgeruht

und ohne auch nur den geringsten Kater aufwachen. Manchmal war

ein Sohn Thors schon zu beneiden.

Die Heimkehrer wurden nun gebeten, von ihren Abenteuern zu erzählen.

Und obwohl Ulfgard sich nicht daran erinnern und lieber um

seine neue Frau kümmern wollte, konnte er nicht verhindern, dass

die Erinnerungen ihn übermannten.

Nachdem sie schon zwei Städte und mehrere Dörfer erfolgreich

überfallen und ausgeplündert hatten, kamen sie zu einem Dorf in

der Nähe von Neapel. Als sie schreiend und Waffen schwingend in

es eindrangen, fanden sie es jedoch verlassen vor.

„Eine Falle! Zurück! Eine Falle!“, schrie Oski sofort.

Doch es war bereits zu spät, auf den Kämmen der umliegenden

Hügel erschienen bereits Reiter und Fußvolk des Gegners. Es blieb

ihnen nichts Anderes übrig, als sich dem Kampf zu stellen. Zum

16


Glück griffen ihre Feinde nicht die verwundbaren Schiffe an, sondern

strebten zu den Kämpfern im Dorf.

Sie hatten den Vorteil, zwischen den Häusern in Deckung gehen zu

können. Auf dem offenen Gelände zwischen Dorf und Schiffen wären

sie den Reitern und Bogenschützen hoffnungslos ausgeliefert gewesen,

doch nun hatten sie eine Chance. Hruthgar, der dritte,

schwarzhaarige Berserker im Bunde, trat zu seinen beiden Gefährten.

Er kramte einige Fliegenpilze aus einem Beutel an seinem Gürtel.

„Nun, dann wollen wir ihnen mal zeigen, wie ein Nordmann zu sterben

pflegt: umgeben von hundert gefällten Feinden!“

Lachend holten auch die anderen ihre Drogen aus ihren Beuteln und

nahmen sie ein. Schon bald würden sie in einen Rausch verfallen,

der sie keine Schmerzen spüren lassen und ihre Kräfte ins Unermessliche

steigern würde.

Als einzige standen sie nun noch auf dem Dorfplatz. Ihre Mitkämpfer

hatten zwischen den Häusern Deckung gesucht. Da kam auch

schon der erste Pfeilhagel herein. Die Geschosse prasselten um sie

herum nieder. Ein Pfeil streifte Oski am Oberarm, doch dieser zuckte

noch nicht einmal mit den Wimpern. Die Drogen begannen ihre Wirkung

zu entfalten und nichts konnte die Berserker mehr aus ihrem

Rausch befreien, als das Blut ihrer Feinde.

Die feindlichen Reiter preschten die Dorfstraße entlang auf sie zu.

Als sie nur noch wenige Meter entfernt waren, stießen die drei Männer

gleichzeitig ihren Kriegsschrei aus. Sie stürmten vorwärts. Ulfgard

tauchte unter der Lanze des ersten Reiters hindurch. Seine Axt,

die er normalerweise mit zwei Händen nur mühsam heben konnte,

führte er nun, als würde sie nichts wiegen – mit einer Hand. Er führte

einen halbkreisförmigen Hieb durch und durchschlug die Vorderbeine

des Pferdes. Es brach vor Pein wiehernd zusammen und

schleuderte seinen Reiter in hohem Bogen davon. Ein Lied erklang

aus Ulfgards Kehle. Weiter entfernt konnte er seine Gefährten ebenfalls

singen hören. Es war ihr Schlachtenlied. Es erzählte von ihren

Heldentaten und sollte die Walküren ihren Leichnam finden helfen,

damit sie die Seele des gefallenen Kriegers sicher nach Walhalla leiten

konnten.

Ulfgard warf seine Axt nach einem weiteren Reiter. Ohne darauf zu

achten, ob er traf oder nicht, ergriff er die Lanze eines zweiten Rei-

17


ters mit beiden Händen und riss diesen von seinem Pferd. Schnell

drehte er die Lanze um und spießte ihren ehemaligen Besitzer auf.

Er riss sie brutal wieder heraus, Gedärme baumelten von ihrer

Spitze. Die qualvollen Schreie seines Opfers ignorierend, richtete er

sie auf die Brust eines weiteren anstürmenden Pferdes. Die Lanze

brach, das Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor es zusammenbrach.

Sofort war Ulfgard neben dem Leichnam und dreht dem

noch halb benommenen Reiter, einem jungen, blonden Burschen

von nicht mal zwanzig Sommern, mit einem schnellen Ruck den Hals

um. Dann rannte er zu der Stelle, wo seine Axt aus einem Leichnam

herausragte, riss sie empor und stürmte weiter.

Und plötzlich war alles vorbei. Die letzten überlebenden Feinde flohen

in panischer Hast. Ulfgard fühlte sich auf einmal schwach, wie

jedes Mal nach dem Kampfrausch.

Nun merkte er jede Wunde, spürte den Pfeil in seinem Oberschenkel,

die Schnitte auf Brust und Arme, die Prellungen, den Blutverlust.

Kraftlos fiel ihm seine Axt aus den Händen und er ging in die Knie.

Sie hatten einen glorreichen Sieg gegen eine dreifache Übermacht

errungen, doch er war nicht umsonst gewesen. Gut die Hälfte ihrer

Krieger würde auf dem Schlachtfeld zurückbleiben.

Oski trat neben ihn. Auch er atmete schwer. Auf seine Axt gestützt,

stemmte sich Ulfgard langsam in die Höhe.

„Wo ist Hruthgar?“

Schweigend deutete Oski auf eine Stelle, an der besonders viele

Leichen lagen.

Die hundert hat er nicht geschafft“, meinte Ulfgard nach einer Weile

des gemeinsamen Schweigens.

Böse blickte Oski ihn an.

„Viel weniger werden es schon nicht sein, verdirb ihm nicht den Einzug

nach Walhalla!“

Beide blickten sich an, dann brachen sie in Lachen aus, das bei Ulfgard

in einem blutigem Husten endete.

„Verdammt“, murmelte er, bevor alles schwarz um ihn wurde.

„Ohne Oskis geschickten Hände hätte ich die folgende Nacht nicht

überlebt“, sprach Ulfgard einen Tost auf seinen Freund aus.

„Ein Schwerthieb hatte ihn fürchterlich an der Lunge verletzt und ich

dachte, nun würde auch noch mein letzter Schüler vor mir in Odins

18


Hallen einziehen; vor Schande hätte ich mich nirgendwo mehr sehen

lassen können!“

Lautes Gelächter antwortete Oskis Worten.

„Dann bin ich euch wohl ewig zu Dank verpflichtet“, mit diesen Worten

drückte Hilde Oski einen Kuss auf die Stirn.

Errötend blickte dieser zu seiner Frau.

„Nun … dann ... ich werde bestimmt darauf zurückkommen … wenn

du dich mal einsam fühlst“, fügt er mit einem Zwinkern Richtung Ulfgard

hinzu.

19


Kapitel 2: Der Fremde

Am nächsten Morgen erwachte Ulfgard mit dem erwarteten Kater.

Als er aber die wunderschöne Gestalt neben sich im Bett sah und an

die vergangene Nacht zurückdachte, fühlte er sich schon viel besser.

Es war in ihrem Kulturkreis üblich, dass Jungen und Mädchen erst

mit zwanzig verheiratet wurden. Die Hochzeit wurde von den Eltern

häufig schon bei der Geburt verabredet. Sexuelle Erfahrungen vor

der Ehe zu sammeln war verpönt. Schließlich legten seine Landsleute

viel Wert auf Ehre. Sie waren nicht so wie die schändlichen

Christen, die ihre Söhne mit spätestens sechzehn und die Töchter oft

schon mit zwölf verheirateten. Eine verabscheuungswürdige Sitte,

die Ulfgard auf seinen Reisen mehr als genug erlebt hatte. Allerdings

musste er zugeben, dass er selbst schon Erfahrungen mit Huren gesammelt

hatte, schließlich war er auch schon fünfundzwanzig.

In der Nacht mir Hilde jedoch, hatte er sich gefühlt wie eine Jungfrau.

Es war ein einmaliges Erlebnis gewesen und er dankte den Göttern

dafür, seine Frau selbst erwählen zu dürfen. Es war wahrlich ein Geschenk

der Götter. Thorson mag seine Stärke haben, er jedoch war

mit etwas viel Wertvollerem bedacht worden.

Er saß halb aufgerichtet auf seiner Lagerstätte und blickte nach

unten auf Hilde. Sie hatte mittlerweile die Augen aufgeschlagen und

sah ihn glücklich an.

„Guten Morgen, meine kleine Walküre“, meinte er lächelnd.

„Pass nur auf, dass ich dir nicht deine Seele raube“, erwiderte sie

scherzhaft. Dann schlang sie ihre Arme um ihn und zog ihn wieder

zu sich herab.

Als sie so etwa gegen Mittag aufstanden und aus dem Haus traten,

trafen sie auf Swidur, der sich auf den Weg in den Wald machte, um

Kräuter und Pilze zu sammeln. Er brauchte diese, um Wunden und

Krankheiten zu heilen, aber auch, um bei Festen die Menschen in

einen religiösen Rausch zu versetzen, der sie den Göttern näher

brachte.

Sie grüßten sich, dann ging Ulfgard weiter Richtung Dorfbrunnen,

um seine morgendliche Wäsche hinter sich zu bringen. Als er bemerkte,

dass Hilde stehen geblieben war, drehte er sich zu ihr um.

„Was hast du?“, fragte er das schüchtern dreinblickende Mädchen.

20


Sie zierte sich eine Weile, dann meinte sie: „Ich muss dich noch für

eine Weile verlassen, mein Gemahl. Natürlich nur, wenn du erlaubst!“

Verdutzt sah er sie an. „Wohin willst du denn gehen? Und frag mich

nicht um Erlaubnis, du weißt, ich könnte dir sowieso nichts ausschlagen.“

Mit einem großen unschuldigen Augenaufschlag sah sie ihn an.

„Wenn mein Gemahl es so wünscht.“ Als seine Schultern hilflos nach

unten sackten, brach sie in schallendes Gelächter aus.

„Ich muss noch meine Sachen aus dem Haus meiner Eltern holen,

jetzt wo ich bei dir einziehe. Ich meine, natürlich hast du reiche Beute

von deinen Zügen mitgebracht, aber mir deswegen gleich alles neu

zu besorgen wäre dennoch eine unnötige Verschwendung.“

Er musste zugeben, dass sie Recht hatte. Vor lauter Glück hatte er

nicht darüber nachgedacht, dass sie ja auch eigene Sachen hatte,

die noch in seinem Haus gebracht werden mussten.

„Es ist ein weiter Weg bis zu dem Hof deiner Eltern.“

„Mehrere Tage“, seufzte sie.

Der Hof ihrer Eltern lag fast einen Dreitagemarsch außerhalb des

Dorfes in einem sehr fruchtbaren Tal. Obwohl nicht adelig, waren

ihre Eltern sehr reich und besaßen so viele Diener und Sklaven,

dass sie schon fast ein eigenes Dorf bildeten.

„Soll ich dich begleiten?“

„Ich würde mich freuen, doch ich glaube, Lasse hat andere Pläne

mit dir. Denkt daran, dass die Christen immer kühner vorgehen.“

„Umso wichtiger ist es, dich zu schützen!“

„Mach dich nicht lächerlich! Mein Vater unterhält gute Beziehungen,

auch zu den Christen. Außerdem liegt sein Hof in der anderen Richtung.“

„Trotzdem werde ich dich nicht alleine ziehen lassen! Utman wird

dich begleiten. Er ist noch jung, aber er hat sich auf unserer Fahrt bewährt.

Er verehrt mich und wird dich mit seinem Leben beschützen.“

Zustimmend neigte sie ihren Kopf. Sie wuschen sich gemeinsam am

Brunnen und bereiteten anschließend die Abreise Hildes vor.

Ulfgard nahm seine Frau in den Arm. „Ich liebe dich!“, sagte er und

küsste sie.

„Ich liebe dich auch!“

21

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine