Ungarisches Lexikon - Christian Reder

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Washington) ist als einer der führenden Mathematiker des Jahrhunderts ebenfalls

involviert gewesen.

Zionismus: Theodor Herzl hat von Wien aus, wo er Redakteur und Feuilletonchef der

Neuen Freien Presse gewesen ist, den Kampf für einen eigenen jüdischen Staat

aufgenommen ("Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage.

1896). Gestorben ist er - der gebürtige Budapester - 1904 in Edlach an der Rax. Auch

sein Nachfolger als Führer des politischen Zionismus, Max Nordau (eigentlich Max

Simon Südfeld) stammte aus Budapest; mit seinem 1892/93 entstandenen Buch

"Entartung" und der dort enthaltenen Begriffsprägung "Entartete Kunst“ hat er in extrem

mißverständlicher Weise spätere Ideologiekämpfe vorweggenommen. Ein anderer

früher Zionist aus Budapest, Arthur Koestler, ist zuerst nach Palästina ausgewandert,

war dann in der UdSSR und hat in „Sonnenfinsternis", einem der wichtigsten Bücher

über den Spanischen Bürgerkrieg, seine desillusionisierenden dortigen Erlebnisse

verarbeitet. 1983 hat er in London sein Leben durch Selbstmord beendet.

Aufstände: 1919 ist Budapest zugleich mit München Experimentierfeld für

radikaldemokratische Versuche gewesen. Ihr ungarischer Organisator, Bela Kun, hat

schließlich vor Admiral Horthys Gegenbewegung nach Wien flüchten müssen. Er ist

kurz in der psychiatrischen Anstalt Am Steinhof interniert gewesen, bevor er in die

Sowjetunion ausreisen durfte. Über sein Ende im Frühjahr 1937 berichtet Arvo

Tuominen, finnischer Altkommunist und Spitzenfunktionär der Komintern: "Die Sitzung

war zu Ende. Bela Kun durfte abtreten, aber als er durch die Tür ging, wurde er von

zwei GPU-Männern festgenommen ( ... ) Es verlautete nur gerüchteweise, man habe ihn

erschossen." Jenö (Eugen) Varga, ein anderer Ungar, der zum bedeutendsten

Wirtschaftstheoretiker der UdSSR und zum persönlichen Berater Stalins aufgestiegen

war, ist bei diesem letzten Auftritt ebenfalls Zeuge gewesen. 1956 hat er Gelegenheit

bekommen, in der Prawda Bela Kun zu rehabilitieren. In der Vorphase der kurzlebigen

Räterepublik war der Soziologe Karl Mannheim (geh. 1893 in Budapest) als Leiter der

sozialistischen "Freien Schule der Geisteswissenschaften“ ein anderes Symbol der

Aufbruchstimmung; er ist schließlich nach Deutschland und später nach England

emigriert. Auch László Moholy-Nagy verließ, wie viele andere, nach dem Ende dieser

Erneuerungsversuche das Land, war am Bauhaus tätig und schließlich in den USA. Von

den prägenden Künstlern geblieben ist z.B. Lajos Kassák, allerdings ohne viel

öffentliche Wirkungsmöglichkeit. Der einflußreichste ungarische Intellektuelle des

Jahrhunderts, György (Georg) Lukács, hat schon in der Räterepublik von 1919 als

Volkskommissar für das Unterrichtswesen seine politische Handlungsbereitschaft

bewiesen. Und 1956, nach Jahren der Emigration, ist er wieder intellektueller

Wegbereiter des Aufstandes und sogar für wenige Tage Kulturminister der Regierung

Nagy gewesen. Repressalien ausgesetzt und mit Publikationsverbot belegt starb er

1971 in Budapest.

Realität: Hans Magnus Enzensberger, der in seiner "Anderen Bibliothek" wichtige

Bücher ungarischer Autoren wie "Die Puszta" von Gyula Illyés, von dem schon die Rede

war, oder "Freiwillige für den Galgen. Die Geschichte eines Schauprozesses" von Bela

Szäsz, neu herausgegeben hat, sieht die aktuelle Lage (in "Ach Europa!“, 1987) so:

"Genau genommen, gibt es in Ungarn zwei Oppositionen: die der Mitteleuropäer und die

der Volkstümler." Die Leistung der Samizdat-Literattir liegt ihm zufolge darin, "daß sie

den moralischen Lebensstandard des Landes verteidigt, um nicht zu sagen spürbar

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