PDF runterladen - Digital-Therapie

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PDF runterladen - Digital-Therapie

Ohne Internet und Smartphone ist die berufliche und private Selbstorganisation

für viele nicht mehr denkbar. Die permanente Verfügbarkeit verursacht

aber auch Stress. Ein gesunder Umgang mit den digitalen Segnungen

will gelernt sein. Selbstversuche und Tipps für die digitale Entgiftung.

Endlich offline!

Digitale Stress-Zahlen

61%

der Erwachsenen geben an, auf die eine oder

andere Weise vom Internet abhängig zu sein.

pro Tag verbringen wir mit digitalem

Medien-Konsum.

11.000 €

pro Mitarbeiter und Jahr beträgt der Schaden

durch die digitale Ablenkung vom eigentlichen Job.

40 Websites

besucht der durchschnittliche Computer-Nutzer

pro Tag, wechselt 36-mal pro Stunde

das Programm.

11 Minuten

Das ist der Takt, in dem sich

Büroarbeiter von E-Mails

ablenken lassen.

Always on mit dem Smartphone

infotech cover

das sagt die statistik. Die Stoßzeit beim mobilen Datenverkehr ist dann,

wenn Österreich vom Büro in den Abend wechselt.

Der mobile Datenverbrauch ist heute 25-mal so hoch wie im Jahr 2005.

fotos: Getty Images, Beigestellt (3)

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Der neugierige Pragmatiker

thomas höhne, 59,

anwalt mit kanzlei

In der Kanzlei ist er stets der

Erste mit den neuen Gadgets,

geht aber sehr bewusst damit

um und lässt sich von ständig

neuen Features nicht beeindrucken.

„Aus Facebook bin

ich raus, bei Xing bin ich noch

drin.“ Den BlackBerry verwendet

er nur beruflich, und die Nummer

bekommen Klienten nur,

wenn es etwas Brenzliges geben

könnte. Er verwendet nur zwei

Apps (ÖBB-Fahrplan und Wetter):

„Alles andere frisst nur

Zeit.“ Im Büro telefoniert er viel,

dazwischen werden 60 bis 100

E-Mails bearbeitet.

Die Pausenfüllerin

Ulli Brezovich, 38,

beraterin & Trainerin

Die E-Mail-Hauptarbeitszeit für

die selbständige Trainerin ist,

wenn der zweijährige Sohn im

Kindergarten ist oder schläft.

Bei Trainings nutzt sie zwischendurch

auch die Pausen. Auf

Facebook und Twitter verzichtet

sie: „Zeitfresser“. Xing nutzt sie

eingeschränkt. Kleiner Knackpunkt

im digitalen Leben war

das erste Smartphone, das sie

animierte, auch die noch kürzeren

Pausen mit einem schnellen

E-Mail-Check zu füllen. Das hat

sie sich wieder abgewöhnt und

will berufliche und private Mails

noch konsequenter trennen.

Selten kommt es vor, dass Markus Murtinger

Monate später noch Details von

Bewerbungsgesprächen im Kopf hat.

An einen Scherz dachte er, als ihn der

Aspirant fragte, wie es die Firma Usecon

mit den Schlafsäcken halte und wie

das mit den Anwesenheitspflichten im

Büro sei. Der Amerikaner hatte die letzten Jahre in

einer IT-Firma in Tokio gearbeitet. Die europäischen

Arbeitsbedingungen erschienen ihm als jungem Familienvater

paradiesisch, immerhin könne man hier auch

unter der Woche zuhause bei der Familie schlafen.

Derart extreme Tribute werden in unseren Breitengraden

nicht gefordert, die mobilen Arbeitsweisen

haben die Grenzen zwischen Büro und Heim für viele

aufgehoben – nicht nur physisch. So erleben das auch

die von FORMAT befragten Menschen (siehe Kästen).

Für sie ist Organisation von Privat- und Berufsleben

ohne digitale Nabelschnur undenkbar geworden, der

Kampf um digitale Autonomie einer, der täglich geführt

werden muss.

Der große Paradigmenwechsel passierte mit den

E-Mail-Maschinen für Manager, die schnell „Crack-

Berries“ hießen, und entwickelte sich mit dem durchschlagenden

Erfolg des iPhone zu einer Volkskrankheit,

die sich heute durch alle Gesellschaftsschichten

und Altersgruppen zieht. Mitte der Nullerjahre kam

der Boom der mobilen Netzwerke hinzu, was die Interaktion

mit dem Netz weiter erhöhte. Das digitale

Crack ist heute hellblau, nach der Kombination

„Facebook und Sucht“ wird auf Google heute öfter

gesucht als nach Sex, Alkohol oder Zigaretten. Die

letzten analogen Pausen werden von den Digital-Junkies

mit dem Befummeln ihrer Smartphones gefüllt,

beim Sport lassen sie sich von Fitness-Apps messen,

beim Autofahren pilotieren, und dazwischen checken

sie ihren Facebook-Status.

Noch gibt es keine wissenschaftlichen Studien zu

den Social-Media-Auswirkungen, übertriebene Nutzung

könne „aufgrund von Erfahrungen“ aber sehr

wohl zu Erschöpfungssyndromen führen, sagt der

deutsche Psychologe Heiko Schulz. Doch der Fachbegriff

des „Social Media Burnout“ ist unter Experten

noch umstritten. Sicher ist, die Grenze vom nützlichen

Werkzeug zum Suchtmittel ist fließend. „Der Computer

ist so sehr unser Diener, dass es fast schon

kleinlich erschiene, ihn nicht auch unseren Herrn zu

nennen“, schreibt US-Technologieexperte Nicholas

Carr im Buch „Wer bin ich, wenn ich online bin“.

Besonders Jugendliche finden sich intuitiv zurecht

und konsumieren im Übermaß. Laut einer Studie der

kalifornischen Kaiser Family Foundation verbringen

8- bis 18-Jährige täglich bis zu elf Stunden mit digitalen

Medien. Die Forscher haben dabei die oft doppelte

digitale „Beschallung“ aufgerechnet – für die

Hausübung im Web recherchieren und gleichzeitig

chatten. Die Generation Facebook in Österreich steht

dem um nichts nach. 87 Prozent der 14- bis 24-Jährigen

sind „drin“, und das pro Tag im Schnitt zwei

Stunden, erhob eine Umfrage im April.

Der wilde und unkontrollierte digitale Genuss hat

Konsequenzen. Carr beschreibt in seinem Buch die

Auswirkungen von ein paar Jahren intensiver Webnutzung.

Er beobachtete, dass sein Gehirn Infor- >>

fotos: Ian Ehm (2), Jakob Polarsek

test

Haben Sie die digitale Kommunikation noch im Griff?

30 Fragen, die – bei ehrlichem Antwort-Verhalten – einen ersten Aufschluss darüber

geben, ob Ihr Umgang mit den digitalen Werkzeugen noch normal ist.

Sie rufen E-Mails ab, auch wenn Sie gar

keine Zeit haben, zu antworten.

❑ Ja ❑ Nein

Was Sie zu tun haben, entscheidet zu

50 Prozent Ihr Posteingang. ❑ Ja ❑ Nein

Sie kommunizieren mehr per E-Mail als

persönlich.

❑ Ja ❑ Nein

Sie mailen nach Feierabend, am

Wochenende und im Urlaub. ❑ Ja ❑ Nein

Sie verbringen mehr Zeit mit E-Mails als

mit Ihrer Familie. ❑ Ja ❑ Nein

Sie kommunizieren vermeintlich Unangenehmes

lieber per E-Mail als persönlich.

❑ Ja ❑ Nein

Sie werden nervös bis aggressiv, wenn

Sie keinen E-Mail-Zugang haben.

❑ Ja ❑ Nein

Sie haben mehr als sechs Stunden pro

Tag einen Bildschirm vor sich? Rechnen

Sie das Smartphone-Display und den

Fernseher dazu.

❑ Ja ❑ Nein

Sie schalten

Ihr Handy

niemals aus,

nachts liegt es

neben Ihrem Bett.

❑ Ja ❑ Nein

Sie verbringen mehr

als eine Stunde täglich

in sozialen

Netzwerken.

❑ Ja

❑ Nein

Sie stalken Ex-Lover Ihrer neuen und

potenziellen Partner auf Facebook.

❑ Ja ❑ Nein

Bei allem, was Ihnen passiert, denken

Sie sofort an ein Posting? ❑ Ja ❑ Nein

Noch bevor Sie einen schönen Moment

genossen haben, fotografieren Sie ihn

und posten ihn via Smartphone. Dann

warten Sie ungeduldig auf Likes und

Retweets.

❑ Ja ❑ Nein

Bei Vorträgen verhalten Sie sich wie

ein Newsticker und posten alles, was

Zustimmung verspricht. ❑ Ja ❑ Nein

Sie fotografieren Folien, um Sie später

nie wieder anzusehen. ❑ Ja ❑ Nein

Sie pflegen ihre Kontakte über mehr als

zwei Netzwerke? Xing, LinkedIn,

Twitter, Facebook, Google+ ❑ Ja ❑ Nein

Sie pflegen die beruflichen und privaten

Kontakte über ein Netzwerk / ein

E-Mail-Postfach. ❑ Ja ❑ Nein

Sie nutzen Auto-/Zugfahrten ganz gezielt

für Telefonate und Besprechungen.

❑ Ja ❑ Nein

Sie können nicht sagen, welche drei

Webseiten gestern zu Ihrem Arbeitserfolg

beigetragen haben. ❑ Ja ❑ Nein

Wenn Sie am Computer arbeiten, müssen

Sie binnen einer Stunde mehrfach

„kurz mal was googeln“. ❑ Ja ❑ Nein

Sie sind jeden Tag in der Woche online.

❑ Ja ❑ Nein

Auswertung: 15 bis 20 Ja = Typ A; 10 bis 14 Ja = Typ B; unter 10 Ja = Typ C

Typ A – schnell entgiften.

Sie verbringen mehr Lebenszeit im Netz als in der

echten Welt. Das ist ungesund, schadet Ihrer Beziehung,

macht unproduktiv und abhängig. Hören Sie

auf, sich freiwillig zu versklaven, und schalten Sie

ab! Mail-Postfach nur dreimal am Tag öffnen. Entwickeln

Sie eine gesunde Ausbeuter-Mentalität bei der

digitalen Kommunikation: Tun Sie nur, was Ihnen

wirklich was bringt. Verbannen Sie digitale Zeitfresser,

und legen Sie computerfreie Tage ein.

Typ B – sie haben es noch halbwegs im Griff.

Sie leben zwar noch nicht im Internet, aber ein

Fuß ist schon drin. Wenn Sie jetzt nicht kritisch

infotech cover

Bevor Sie im Büro ankommen, haben Sie

auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn

schon Ihre E-Mails gecheckt und Ihre

Agenda aktualisiert. ❑ Ja ❑ Nein

Sie können sich nicht mehr erinnern,

wann Sie Ihr letztes Buch gelesen

haben, das nicht der beruflichen

Fortbildung dient. ❑ Ja ❑ Nein

Wenn Sie ein Buch lesen, fällt es Ihnen

die ersten 15 Minuten sehr schwer, sich

ganz darauf zu konzentrieren.

❑ Ja ❑ Nein

Sie können sich ein Leben

ohne Smartphone nicht mehr

vorstellen.

❑ Ja ❑ Nein

Sie schicken Job-E-Mails oft bewusst

außerhalb der Bürozeiten, um den

Kollegen zu zeigen, dass Sie aktiv sind.

❑ Ja ❑ Nein

Im Restaurant greifen Sie sofort

zum Smartphone, sobald Ihr

Gesprächspartner Richtung Toilette

verschwindet.

❑ Ja ❑ Nein

Sie checken Ihr Smartphone auch im

Theater, am Strand und im Bett.

❑ Ja ❑ Nein

Sie haben kein Problem damit,

nach zwanzig Uhr in beruflichen

Angelegenheiten anzurufen.

❑ Ja ❑ Nein

Sie können aus dem Stand nicht

angeben, wie viele Stunden Sie pro

Woche arbeiten. ❑ Ja ❑ Nein

hinterfragen, wie Sie aus dem Netz das rausholen, was Ihr

Leben und Arbeiten einfacher und produktiver macht, ist

bald der zweite Fuß drin. Nehmen Sie sich einen Tag Zeit,

und konfigurieren Sie Mail-Programm, Browser, Suchmaschinen

und soziale Netzwerke so, dass sie für Ihren

Erfolg arbeiten und Ihnen Zeit bringen, statt stehlen.

Tipp: Tutorials ansehen und Gelerntes sofort umsetzen!

Typ C – sie sind noch im grünen Bereich.

Wow, leben Sie in einem Kloster? Die digitalen Versuchungen

haben Sie besser im Griff als eine Domina ihr Folterarsenal.

Beneidenswert! Machen Sie weiter so und infizieren

Sie Freunde, Bekannte und Kollegen mit Ihrem gesunden

Mix aus Echtwelt und Digitalien!

anitra eggler, digital-therapeutin. Hat den Test zusammengestellt.

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infotech cover

>>

mationen anders aufzunehmen schien. Zwar fühlte er

sich nach dem Aufsaugen zahlloser Info-Schnipsel

gescheit und kreativ inspiriert. Gleichzeitig konnte er

sich nur noch ein paar Minuten lang auf ein Thema

konzentrieren. „So wie mich Microsoft zu einer Textverarbeitungsmaschine

aus Fleisch und Blut gemacht

hatte, so verwandelte mich das Internet in eine Art

Hochgeschwindigkeits-Datenprozessor, einen menschlichen

HAL“, den Computer aus „2001: Odyssee im

Weltraum“.

Ein Hirn, zu viele Programme. Den vorläufigen Höhepunkt

der Entwicklung erläutert John Freeman in

„The Tyranny of E-Mail“: „Die Grenzen zwischen

Arbeit und Privatem wurden noch nie so radikal eingerissen

wie in den letzten beiden Jahrzehnten. Diese

Umstellungen stressen unser Hirn gewaltig.“ Digitale

und analoge Informationen werden in unterschiedlichen

Hirnregionen verarbeitet, Websites anders konsumiert

als Bücher. In Studien zum Leseverhalten auf

Websites zeigt sich, dass der unruhige, rastlose Blick

in einer Art F-Form über den Bildschirm schweift.

Behalten wird dabei bestenfalls ein Fünftel – und das

nur im Kurzzeitgedächtnis.

Das menschliche Hirn im Jahr

2012 ist (noch) nicht bereit für

das digitale Multitasking.

Das Bedürfnis nach digitaler

Entgiftung ist groß. In

den USA, wo die Technologie-

Gläubigkeit traditionell besonders

ausgeprägt ist, läuft der

Gegentrend seit einigen Jahren

unter dem Schlagwort „Digital

Detox“ und hat bereits eine

kleine Industrie entstehen lassen.

Von Selbsthilfegruppen

bis hin zum begleiteten Entschlackungsurlaub gibt es

kaum etwas, das es nicht gibt. Es entbehrt nicht einer

gewissen Ironie, dass sogar Apps beim professionellen

„Unpluggen“ helfen sollen. Auch in Österreich

bedient der Tourismus das Bedürfnis nach digitalem

Eskapismus mit Angeboten (siehe Kasten rechts).

Die schmerzhaften und mitunter kuriosen Selbstversuche

mit digitalen Fastenkuren füllen die Bücherregale.

Alex Rühle, Autor der „Süddeutschen“, hat

den Stecker gleich für ein halbes Jahr gezogen und

beschreibt den Moment seiner Rückkehr: „Es ist, als

hätte ich über Monate eine Sandburg gebaut, und dann

fegt der Ozean über mich.“ 5.644 ungelesene Mails

warteten. „Die Befürchtung, in der Zeit kolossale Umbrüche

verpasst zu haben, war unberechtigt.“ Eine

wichtige Erkenntnis, die viele fürchten.

Ebenfalls sechs Monate hielt es Susan Maushart

aus. In „The Winter Of Our Disconnect“ beschreibt

sie, welche Auswirkungen das Offline-Experiment auf

ihren Haushalt mit drei Teenagern hatte. „Dieser digitale

Entzug hat unser Leben auf den Kopf gestellt,

unser Denken und Handeln total verändert.“ Die Journalistin,

die nächtens ihr Smartphone in Griffweite

hat, erinnert sich selbstironisch an den Tiefpunkt ihrer

Sucht, ein auf der Toilette geführtes Radio-Interview:

„Ich war auf dem besten Weg dazu, eine betagtere

Lindsay Lohan des App Stores zu werden.“

„Die Befürchtung,

in der Offline-Zeit

kolossale Umbrüche

verpasst

zu haben, war

unberechtigt.“

Alex Rühle

Nach 6 Monaten offline

Der mobile Chef

gerhard steger, 52,

geschäftsführer cafe+Co

Mit 45 Niederlassungen zwischen

dem Bodensee und Moskau

ist die Führung der Firma

ohne mobile Werkzeuge nicht

mehr möglich. „Das erlaubt uns

mehr Präsenz beim Kunden,

weil wir das Büro mithaben.“

Outlook wird auch als Protokoll-

Werkzeug verwendet, und gelegentlich

wird geskypt. Trotz der

regen Reisetätigkeit bleibt das

persönliche Gespräch Stegers

wichtiges Führungsinstrument.

Stegers Werkzeuge: Notebook,

iPad und BlackBerry. Stegers

Mailaufkommen: 150 bis 400

Stück pro Woche.

Die Generation Facebook

eva kreisberger, 28,

pädagogik-studentin

Das Mail-Aufkommen ist extrem

gering, die Kommunikation mit

ihren 185 Facebook-Freunden

hat sich fast ausschließlich dorthin

verlagert. „Das ist unkomplizierter.“

Aber: „Man bleibt leicht

hängen, schaut sich Fotos oder

Videos an.“ Wenn sie arbeiten

muss, versucht sie Facebook

und Websites bewusst zu meiden.

Am Smartphone gibt es

für sie kein Facebook, aber Zeitunglesen

unterwegs im Bus.

Die wichtigsten Funktionen am

Handy sind Telefonie und SMS.

„Manche Anliegen sind im Gespräch

am schnellsten geklärt“.

fotos: Ian Ehm (3), Mario Rabensteiner

Problematisch an temporären Aktionen ist die

Rückkehr in den beruflichen Alltag, wo die allerwenigsten

die digitale Drehzahl autonom bestimmen

können. Die Erkenntnis, dass die digitalen Werkzeuge

bei missbräuchlicher Verwendung die größten Produktivitätskiller

sind, setzt sich in immer mehr Chefetagen

durch. Unternehmen experimentieren mit E-

Mail-freien Zeiten oder Tagen, oft mit überschaubarem

Erfolg. Kommunikationsexpertin Anitra Eggler kennt

die Ursachen: „Wenn die IT-Abteilung die Firmen-

Accounts sperrt, weichen die Mitarbeiter auf ihre privaten

Zugänge aus. Solche Projekte sind von vornherein

zum Scheitern verurteilt, wenn das nicht als

langfristiger Lernprozess gelebt wird.“ Die Sinnhaftigkeit

von Entgiftung muss kommunziert und die

Regeln in allen Hierarchie-Ebenen gelebt werden.

Wer die Kreativität seiner Mitarbeiter schützen

will, sollte sich – zynisch, aber wahr – von den digitalen

Drogendealern inspirieren lassen. Führende

Technologiefirmen wissen, wie sie die Produktivität

ihrer Leute gezielt fördern. Bei Google stellt man den

Leuten 20 Prozent der Arbeitszeit komplett frei. Selbst

Mark Zuckerberg zieht seine Leute weg vom Schirm

und lässt sie, wie die kleinen Kinder, die Wände mit

Ideen beschmieren. Kommunikationsexpertin Eggler

hört in Seminaren oft Stöhnen über das digitale Hamsterrad.

Sie sieht die schnellen Produktionszyklen mit

als Teil des Problems. „Kein Mensch liest mehr die

Bedienungsanleitungen, und die Mitarbeiter bekommen

keine guten Technologieschulungen mehr, weil

ja eh bald die nächste Version herauskommt.“

Rufbereitschaft. Die permanente Erreichbarkeit

landet nun auf der politischen Agenda. Mitte Juni versuchte

die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der

Leyen die Debatte um die mobile Arbeit nach Büroschluss

loszutreten und forderte „glasklare Regeln

und einen Strafenkatalog für Chefs, damit sie Körper

und Geist ihrer Mitarbeiter schützen“. Mit willkürlich

ausgedehnten Bürozeiten ist auch die Arbeiterkammer

konfrontiert. „Immer mehr Arbeitnehmer berichten

davon“, sagt Irene Holzbauer von der AK-Abteilung

Arbeitsrecht, „und manche empfinden das leider als

Selbstverständlichkeit“.

Rufbereitschaft heißt das im Arbeitszeitgesetz,

wenn sich der Dienstnehmer verpflichtet, außerhalb

der Normalarbeitszeit erreichbar zu sein. Für maximal

zehn Tage pro Monat darf diese vereinbart werden,

und sie muss abgegolten werden. Konkrete Bestimmungen

dazu gibt es erst in ein paar Kollektivverträgen,

etwa im IT-KV, im grafischen Gewerbe oder

beim Versicherungs-Innendienst. Die Gewerkschaft

der Privatangestellten kündigte vor wenigen Tagen an,

sich dem Phänomen verstärkt zu widmen. „Es kann

nicht sein, dass Arbeitnehmer 38 Stunden bezahlt

bekommen, aber 130 Stunden auf Standby bleiben

sollen“, macht GPA-Chef Wolfgang Katzian schon

einmal Stimmung für den Herbst.

Smartphones und Teamarbeits-Software sind die

Stechuhren des digitalen Zeitalters. Viele Mitarbeiter

haben vergessen, wo der Ausschaltknopf ist. Exemplarisch

dokumentiert hat das Leslie Perlow in „Sleeping

With Your Smartphone“. Innerhalb eines Teams

beim Beratungsunternehmen The Boston Consulting

>>

service

ab in den wald. Das Hotel Forsthofgut bietet digitale Entgiftung an.

Digital entgiften: viele Wege, ein Ziel

Wellness-Urlaub ohne Computer, Einführung von Offline-

Zeiten und Profi-Hilfe für die psychische Unterstützung.

W

er sich eine digitale Fastenkur verordnen will, kann sich in

heimischen Klöstern in Klausur begeben. Die Stifte Göttweig,

Seitenstetten, St. Florian, aber auch Zisterzienserinnen oder

die Linzer Marienschwestern bieten das an: www.kloesterreich.at

In der heimischen Wellness-Branche reagieren die ersten Betriebe mit

maßgeschneiderten Angeboten. Im Hotel Forsthofgut in Leogang gibt

es seit dem Frühjahr Zimmer ohne TV, Telefon und WLAN und mit

Elektrosmog hemmenden Matten und Matratzen. Die Gadgets werden

auf Wunsch weggesperrt, und ein Sekretariats-Service (um € 49 / Tag

zubuchbar) kümmert sich derweil um den digitalen Bürokram.

Fachliteratur zur besseren digitalen Selbstorganisation gibt es en masse.

Das meiste ist den Technologie-Entwicklungen hinterhergeschrieben

oder sperrig zu lesen. Ein praktischer Klassiker ist Lothar Seiwert

(„Simplify your time“). Das bewährteste Mittel zur digitalen Entschleunigung

ist das Einhalten von „Frei-Zeiten“, der tage- oder stunden weise

Verzicht auf jegliche Kommunikation. Diese Offline-Zeiten in den

Kalender eintragen wie jede andere Aktivität. E-Mail-Verhalten

kritisch hinterfragen, auf Blindkopien (cc) weitgehend verzichten.

30 Prozent aller Mails fallen in die Kategorie „unnötig“.

Fragen Sie Ihre E-Mails nur zu fixen Zeiten ab (dreimal am Tag).

Treiben Sie den Teufel durchaus mit dem Beelzebub aus. Mit

Software-Programmen wie Freedom (Tipp!) oder Cold Turkey

lassen sich Offline-Zeiten fix festlegen. Wie man Büro-Software

besser nutzt und damit schneller weg vom Rechner ist, erklären

Tausende Kurzclips (natürlich in unterschiedlicher Qualität)

auf YouTube. Gezielt nach „Programm“ und „Tutorial“

suchen. Videos führen oft schneller zum Ziel als Bücher.

Professionelle Hilfe. Schwerere Fälle sollten die Hilfe von

Therapeuten, Coaches oder Ärzten suchen. Die Behandlungen

erfolgen in der Regel ambulant. Wichtig: Machen

Sie sich keinen Druck. Therapeutin Lisa Tomaschek

sagt: „Den gesunden Umgang mit der Technik kann man

relativ schnell lernen. Oft muss man aber an den dahinter

liegenden Mustern arbeiten. Das kann dauern.“

lisa tomaschek vom institut für burnout und stressmanagement.

Hilft beim Wegkommen der Zeit-Nutzungs-Panik.

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infotech cover

>>

„Ich war auf dem

besten Weg dazu,

eine betagtere

Lindsay Lohan

des App Stores

zu werden.“

Susan Maushart beschreibt

Sucht-Tiefpunkt

Group sollte jeder einen Abend (!) pro Woche arbeitsfrei

bekommen. Perlow gibt einen aufschlussreichen

Einblick in das Arbeitsklima bei BCG: Mitarbeiter,

die für den Job beim Prestigeunternehmen bereit sind,

alles zu geben, niemals Privates am Arbeitsplatz besprechen

und, im oft selbst auferlegten Strudel ständiger

Bereitschaft gefangen, glauben, für Kunden

jederzeit erreichbar sein zu müssen.

Fast schon kindlich wirken die ersten Reaktionen

auf das Experiment: Ein Manager, der erstmals das

Laufband in seinem Hotel benutzt und anschließend

mit seiner Frau länger als nur ein paar Minuten telefoniert:

„Es war herrlich und ein bisschen seltsam.

Wie dieses lebendige, leicht schuldbewusste Glücksgefühl,

wenn man eine Uni-Vorlesung spritzt.“ Das

Projekt wird zum durchschlagenden

Erfolg. Die Teamarbeit wird

besser, Mitarbeiter zufriedener

und motivierter. Inzwischen ist

das Konzept auf weltweit rund

900 BCG-Teams ausgeweitet.

Eindrucksvoll dokumentiert

dieser Tage Filmemacherin Carmen

Losmann in ihrem preisgekrönten

Film „Work hard, play

hard“ (läuft seit 22. Juni) die Arbeitsbedingungen

der hochgradig

vernetzten Wissensarbeiter.

Der Super-Produktive

damian izdebski, 36,

selbständiger computer-händler

Er ist ungeduldig, hasst es, im Stau zu stehen.

Wenn der Abstandsregeltempomat das Auto

selbst pilotiert, „steuert“ er mit seinem aktuellen

Lieblings-Spielzeug HTC One X die Firma. Ein

Offline-Leben gibt es für ihn nicht. Als Selbständiger

kann er nicht alle Entscheidungen zu Bürozeiten

fällen. Permanente Erreichbarkeit fordert

er nur vom engsten Kreis seiner Mitarbeiter. Dass

er die abends anruft, kommt nur in Ausnahmefällen

vor. Sein tägliches E-Mail-Aufkommen liegt

bei 150: „Es wird besser, ich lerne delegieren.“

Losmann zeigt unpolemisch, wie diese Human Resources

noch produktiver gemacht werden sollen. Die

„Humans“ erinnern dabei oft an die Fabriksarbeiter

zu Beginn der Industrialisierung – die individuelle

Zufriedenheit, die Work-Life-Balance als Produktivitätsstimulans

müssen viele erst (wieder) entdecken.

Lisa Tomaschek vom ibos-Gesundheitszentrum ist

eine, die Abstinenz-Willigen Wege zurück in ein erholsameres

Offline-Leben aufzeigt. Hilfesuchende

kommen aus vielen Branchen. „Die Werbe- und PR-

Branche ist eine häufige Stätte für Erschöpfte“, sagt

sie. Dazu kommen viele aus dem mittleren Management,

Selbständige und viele Künstler und Menschen

aus Sozialberufen. Eine ihrer ersten Interventionen ist

das Verordnen von Handy- und Laptop-freien Zeiten.

Haben ihre Klienten die befreiende Wirkung des Off-

Buttons entdeckt, wird als zweite Maßnahme die

Technik aus dem Schlafzimmer verbannt. „In global

organisierten Unternehmen gibt es keine Zeitzonen

mehr. Die Leute wundern sich dann, wenn sie Schlafstörungen

haben“, sagt sie.

Europäische Unternehmer geben ihren Mitarbeitern

zwar keine Schlafsäcke aus, die Leute kommen

aber auch im eigenen Bett oft nicht zur Ruhe. Die finden

viele dann erst wieder im Urlaub, die beste Zeit

für Selbstversuche mit dem digitalen Entzug. Endlich

einmal – nicht erreichbar ;-)

– T. Martinek, B. Mayerl, A. Riegler

service

Dem Nachwuchs den Stecker ziehen

Eltern sollten die verantwortungsbewussten IT-Chefs

in der Familie sein: Ihr Job sind vor allem fixe Regeln.

Die nach der Jahrtausendwende Geborenen, die Digital Natives,

kennen das analoge Leben nur aus Erzählungen. Der

Umgang mit Handy, Spielkonsole und Internet ist intuitiv,

auch intensiv. Kinder-Psychologen und Pädagogen sagen: Die

Dosis macht das Gift. „Eltern sollten sich überlegen, wie sie

den Kids einen intelligenten Zugang zu dieser Erwachsenenwelt

geben“, sagt Psychologin Beatrix Höfinger, „gänzlich verwehren

lässt er sich nicht.“ Ein paar Offline-Tricks.

Fixzeiten. Vereinbaren Sie mit Ihrem Kind fixe Zeiten für die

Mediennutzung. Das kann eine bestimmte Tageszeit sein oder

ein bestimmter Tag in der Woche. Viele Eltern lassen die Kinder

nur am Wochenende ins Netz. Diese Zeit kann auf Facebook,

YouTube, Spielen und Fernsehen verteilt werden. Wichtig: Seien

Sie nicht nachlässig beim Einhalten dieser Regeln.

Spiele. „Das haben alle in meiner Klasse“ ist ein oft gebrauchtes

Totschlagargument, das Sie aber nicht daran hindern sollte,

auf der Website des Spielerverbandes nachzusehen (www.pegi.

info), welche Altersbeschränkung für das Game gilt.

Kindersicherungen. Sie können alle Online-Zugänge kindersicher

machen. Das gilt für den Fernseher ebenso wie für den

Internet-Browser. 100%ige Sicherheit geben die Browser-Plugins

nicht, also ab und zu die Surf-Historie kontrollieren.

Software. Es gibt zwar dezidierte „Kinder-Browser“, die Zugang

nur zu bestimmten Websites erlauben. Damit wird den Kids

aber rasch fad, weil sie wenig bieten. Eine gute Übersicht zu

adäquaten Kinder-Websites bietet www.blinde-kuh.de

Facebook. Ist für viele Schüler der nachhause verlängerte

Schulhof. Hier wird getratscht, kommentiert und abgelästert.

Sie müssen nicht mit Ihrem Kind befreundet sein (das kommt

selten gut an), sollten aber die Sicherheitseinstellungen mit

ihm durchgehen und Verhaltensregeln definieren (welche Familienfotos

dürfen drauf, welche nicht etc.). Wichtig: Der Facebook-Konzern

ändert dauernd etwas an seinen Privacy-Einstellungen,

also müssen Sie sich laufend informieren.

Handy. Das Ende der Volksschulzeit ist noch immer früh genug

für das erste Handy. Wichtig für die Größeren: Zeigen Sie Ihrem

Kind die Handyrechnung. Kommunikation ist nicht gratis.

Vorbild. Eltern, die dauernd am Handy und PC hängen, sind ein

schlechtes Vorbild. Schaffen Sie analoge Alternativ-Angebote.

szene aus work hard, play hard. Preisgekrönte Dokumentation

über die absurden Auswüchse einer hochtechnologisierten Gesellschaft,

die die Optimierung ihrer „Human Resources“ über alles stellt.

fotos: Ian Ehm, Beigestellt (4), Corbis

Ohne Netz Alex

Rühle (Klett Cotta,

€ 17,95) Journalist

Rühle beschreibt ein

halbes Jahr offline in

allen Facetten. Schonungslos,

witzig und

extrem lehrreich.

Anitra Eggler E-

Mail macht, dumm,

krank und arm (orell

füssli, € 19,95) Eines

der besten Ratgeber-Bücher

zur digitalen

Selbstorganisation.

Demnächst 2. Auflage.

Christoph Koch

Ich bin dann mal

offline (blanvalet,

€ 8,99) Koch hinterfragt

mit Experten die

Technologie-Abhängigkeit

und gibt konkrete

Befreiungs-Tipps.

digital

natives.

Kinder lernen

den Umgang

mit Computer

und Handy

intuitiv. Über

die Nachteile

müssen sie

die Eltern

aufklären.

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