100 JAHRE ERSTER WELTKRIEG - Tourismus Flandern-Brüssel

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100 JAHRE ERSTER WELTKRIEG - Tourismus Flandern-Brüssel

100 Jahre Erster Weltkrieg

in Flandern

100 Jahre Erster Weltkrieg


100 Jahre Erster Weltkrieg in Flandern

Mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert Flandern an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100

Jahren im August 1914. Auf Grundlage der „Flanders Fields Erklärung“ vom 11. November 2008

wurde ein bei der Flämischen Regierung angesiedeltes Projektbüro ins Leben gerufen, das die

Gedenkaktivitäten koordiniert. Ihr einendes Band ist der Friedensgedanke über alle Gräber und

Schuldzuweisungen hinweg. Nur die dauerhafte und gemeinsame Erinnerung vermag das

wechselseitige Verständnis für ethnische, religiöse oder politische Grenzen zu fördern. Eine in diesem

Sinn formulierte Deklaration ist außerdem Grundlage der flämischen Initiative vom November 2012,

wonach alle 50 damals auf belgischem Boden kämpfenden Staaten ermuntert werden, das Gedenken

an den Ersten Weltkrieg übernational anzulegen, also bei der historischen Bewertung wie bei der

„Friedenserziehung“ eine globale Perspektive einzunehmen. Die Unterzeichnung eines

entsprechenden Abkommens ist für 2014 geplant. In den pazifistischen Kanon gehört nicht zuletzt ein

für den 4. November 2013 vorgesehenes Symposium mit mehreren Friedensnobelpreisträgern. Im

Verbund mit nordfranzösischen Gemeinden beabsichtigt Flandern zudem, die Schlacht- und

Memorialorte von der Unesco als Welterbe anerkennen zu lassen.

Flandern als Kriegs- und Gedenkort

Das Gedenken folgt zeitlich in etwa dem Kriegsverlauf seit dem Einfall deutscher Truppen in Belgien

am 4. August 1914, beginnend mit Musikdarbietungen und Lichtshows in den niedergebrannten

„Märtyrerstädten“ Aarschot, Dendermonde und Löwen. Die nachfolgende Belagerung Antwerpens und

die Fluchtaktion mittels Pontonbrücken wird dort Anfang Oktober im Rahmen verschiedener

Kunstprojekte nachgestellt, ehe in der Westhoek, der westlichsten Region Flanderns, das Gedenken

beginnt. Unter den landesweit 44 „strategischen“ Erinnerungsorten liegen fünf in jener Region, die

über vier Jahre die Hauptlast der Kämpfe trug: Das „In Flanders Fields Museum“ von Ypern; der

Museumsgarten am „Memorial Museum Passchendaele 1917“ in Zonnebeke; die Erholungsstätte

„Talbot House“ mit Feldhospital der britischen Truppen in Poperinge; die Neuausrichtung des

Yserturm-Museums in Diksmuide sowie der Bau eines Besucherzentrums am Schleusenkomplex

„Ganzepoot“ in Nieuwport an der Nordsee.

Darüber hinaus werden im Westhoek zahlreiche Restaurierungs- und Infrastrukturmaßnahmen zum

Erhalt der in die hunderte gehenden Memorialstätten ergriffen. Stellvertretend ist hier der deutsche

Soldatenfriedhof von Vladslo mit der Steinskulptur „Trauernde Eltern“ von Käthe Kollwitz.

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Die Westhoek als Erinnerungs- und Erholungsort

Die Feierlichkeiten in der Westhoek werden am 14. Oktober 2014 in Brügge eröffnet. Ihr folgt drei

Tage später eine menschliche Lichterkette von Nieuwport über 75 Kilometer bis ins Leietal zur

Erinnerung an die Ysertal-Flutung auf Befehl von König Albert I. Der damit zum Stillstand gebrachte

deutsche Vormarsch zog umso heftigere Kämpfe südlich davon nach sich und zerstörte

jahrhundertealte Städte wie Ypern und Diksmuide. Dem Schrecken sucht man mit einem Konzert der

Berliner Neutöner „Einstürzende Neubauten“ am 8. November 2014 in der originalgetreu „gotisch“

wiederaufgebauten Sankt-Niklaas-Kirche von Diksmuide eine musikalische Entsprechung zu geben.

Das Gesamtprogramm der Sonderausstellungen, Konzerte und symbolträchtigen Aktionen steht in der

Westhoek unter dem Motto „GoneWest“. Die englische Redewendung für Sterben und den Heimgang

nach Westen versteht die Region aber auch als Einladung, zu den Feierlichkeiten in das westliche

Flandern zu kommen und es als Reiseland wahrzunehmen. Über den Besuch von

Gedenkveranstaltungen und Gedenkstätten ist eine weite Kulturlandschaft zu entdecken, die für

Touren mit dem Auto, per Rad oder zu Fuß vollständig erschlossen ist. Ein engmaschiges Netz

ausgeschilderter Wege lässt natürlich keine der zahllosen Kriegszeugen, die Militärfriedhöfe, Bunker,

Schützengräben, Minentrichter, die Mahnmale, Museen oder Informationszentren aus. Aber eben

nicht nur. Sie wissen auch zu versteckten Naturschutzgebieten, durch aufgeräumte Kleinstädte mit

ihren hohen Kirchtürmen zu führen, kennen jede Käserei und Brauerei am Wegesrand und zeigen

zielsicher Gasthöfe an, wo man die regionale Küche hochhält. Der Erste Weltkrieg prägt bis heute die

Landschaft in der Westhoek.

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Das Programm von „GoneWest“ in der Westhoek

2014

14. Oktober: Eröffnungsfeier in Brügge.

17. Oktober: Die Rettung Flanderns. Menschliche Lichterkette von Nieuwport bis

ins Leietal zur Erinnerung an das Fluten der Yser-Ebene.

18. Oktober: Kampf um Ypern. Zum Gedenken an die erste von vier großen

Schlachten im westlichen Flandern werden verschiedene Konzerte

in Nieuwport veranstaltet.

8. November: Der Fall von Diksmuide: Die Berliner Neutöner „Einstürzende

Neubauten“ verleihen der Stadtzerstörung klanglichen Ausdruck.

20. Dezember: Das Weihnachtswunder. Mehrere Konzerte in der Westhoek sind

von der spontanen Verbrüderung deutscher und britischer Truppen

inspiriert.

2015

17. April: Das Gas. Eine menschliche Lichterkette von Tielt bis Ypern,

Poperinge und Kortrijk gibt dem erstmaligen Einsatz von Giftgas

einen sichtbaren Begriff.

24. bis 26. April: ANZAC DAY. Eine musikalische Gedächtnisfeier würdigt den

Einsatz von Kanadiern, Neuseeländern und Australiern auf alliierter

Seite.

23. bis 24. Mai: Tanzveranstaltung in Ypern.

9. Juli: Der Last Post. Zum 30 000. Mal seit 1928 erklingt der Zapfenstreich

für die vermissten Commonwealth-Soldaten unter dem Menem-Tor

in Ypern.

11. bis Hinter der Front. Ein Klavierfestival erinnert an das

13. Dezember: hundertjährige Bestehen der britischen Erholungsstätte „Talbot

House“ in Poperinge.

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Ausstellungen und Veranstaltungen in Flanderns Kunststädten

Antwerpen

In das festungsgesicherte Antwerpen hatte sich die belgische Regierung vor dem deutschen

Vormarsch zurückgezogen. Nach erst partieller, dann schwerer Bombardierung ab Ende September

1914 durch großkalibrige Artillerie fiel jedoch der insgesamt 95 Kilometer lange Festungsgürtel

sukzessive. Es blieb aber Zeit, große Teile der belgischen Armee in Sicherheit zu bringen, einige

Truppen sogar mittels Pontons über die Schelde. Diese vom 3. bis 5. Oktober 2014 nachgestellte

Aktion –, bei der die Brücken auch zur Bühne für Tanz und Musik werden - steht im Mittelpunkt

verschiedener, weit über das Erinnerungswochenende hinausreichender Programme.

Historische Spaziergänge, Fotopaneele und die Ausstellung „Help the Belgians" im neuen „Museum

am Strom“ (MAS) lassen die dramatischen Ereignisse vor 100 Jahren aufleben. Darüber hinaus

möchte Antwerpen seinen Ruf als Kunststadt durch mehrere Ausstellungen unterstreichen. Unter

anderen werden Werke von Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, George Kolbe, Eugeen Van Mieghem oder

Paul Van Ostaijen gezeigt; außerdem Arbeiten zeitgenössischer Künstler aus Antwerpen.

www.vredescentrum.be

Brüssel

Drei Ausstellungen sind in der belgischen Hauptstadt geplant. Während das Europäische Museum mit

„14-18: die Geburt des 20. Jahrhunderts“ den Ersten Weltkrieg als Ganzes und seinen

weiterwirkenden Konfliktlinien und letztlich das Werden des heutigen Europas betrachtet, schaut man

im „BELvue“ auf die Ereignisse in Belgien, die eine ganze Generation prägten. Dort werden

einzigartige Schriftstücke und Fotos sowie viele persönliche Gegenstände aus dem Krieg gezeigt: das

Leben in den Schützengräben, die Entsendung von Kindern in die Nachbarländer und vor allem den

unvergessenen Einsatz von König Albert I. und seiner Gemahlin Elisabeth für die Bevölkerung.

www.expo-europe.be; www.belvue.be

Im Frühling 2015 beleuchtet die Ausstellung „Avantgarde im Krieg“ die Avantgarde-Kunst in

verschiedenen europäischen Ländern in der Zeit um den Ersten Weltkrieg. Der anfängliche Glaube an

eine neue Welt und einen neuen Menschen und die darauf folgende Ernüchterung hinterließen in der

Kunstwelt tiefe Spuren. Die Ausstellung konzentriert sich in diesem Zusammenhang auf die

Erwartungen, die verwirrten Gefühle, die Illusionen und die Enttäuschungen der Künstler. Um sich

weiterhin ihrem Metier widmen zu können, ließen sich einige Künstler als offizielle Kriegskünstler

anerkennen, wodurch der Einfluss des Krieges in ihren Werken noch stärker zum Ausdruck kam.

Die belgische Diaspora, die sich in diesem Zeitraum entwickelte, brachte neue Impulse und Kontakte

mit sich, wie beispielsweise Franz Masereel in der Schweiz, Rik Wouters und Jules Schmalzigaug in

den Niederlanden und Constant Permeke in England. Diese Ausstellung präsentiert Ihnen erstmalig

die belgische Avantgarde in einem internationalen Kontext. www.bozar.be

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Löwen

Im Ersten Weltkrieg wurden nicht nur Millionen Soldaten und Zivilisten getötet und unzählige

Bauwerke zerstört. Auch unschätzbare Kunst- und Kulturgüter fielen den gewalttätigen

Auseinandersetzungen zum Opfer. Die traditionsreiche Universitätsstadt Löwen hat es selbst leidvoll

erfahren. Wegen angeblicher Freischärler-Übergriffe wurde die Stadt am 29. August 1914 von

deutschen Truppen niedergebrannt. Bis auf das gotische Rathaus gingen fast alle historischen

Gebäude und Einrichtungen in Flammen auf, darunter die Universitätsbibliothek mit ihren 1000

mittelalterliche Handschriften und 300 000 Büchern.

Die Ausstellung „Trümmer – Kunst und Kultur in unruhigen Zeiten“ vom 19. März bis 24. August 2014

im Museum „M“ von Löwen betrachtet Verbrechen gegen die Kultur aus ungewöhnlicher Perspektive –

aus Sicht der Künstler. Beginnend mit dem 16. Jahrhundert, werden Werke von Malern wie Peter Paul

Rubens, William Turner oder Thomas Cole gezeigt, in denen sie als direkt oder als mittelbar

Betroffene die Vernichtung von Kunst und Kultur verarbeiteten. Außerdem hat das Museum

Gegenwartskünstler eingeladen, sich mit der Problematik zu beschäftigen, darunter Mona Hatoum,

Lamia Joreige, Maja Bajevic, und Fernando Bryce.

www.mleuven.be

Mechelen

Stellvertretend für die Schaffenskraft von Künstlern unter Kriegsbedingungen verfolgt Mechelen mit

einer entsprechenden Ausstellung im Herbst 2014 das Werk von drei einheimischen Malern und

Graphikern: Rik Wouters, der als Soldat diente und später interniert war; Rik Verheyen, der in seiner

halbzerstörten, von den Deutschen besetzten Heimatstadt blieb, sowie Alfred Ost, dem die Flucht

nach Amsterdam ins neutrale Holland gelang. Auch im Gefangenenlager zeichnet Wouters, Verheyen

hielt die Zerstörungen auf Leinwand fest und Ost unterstützte mit Postkarten-Motiven die belgische

Bevölkerung. Anhand dieser Bilder werden Militär, Gewalt, Flucht und Hilfsaktionen für die zivilen

Opfer thematisiert. www.stedelijkemuseamechelen.be

Gent

Auch die traditionsreichen „Genter Floralien“ werden sich mit einer Sonderschau vom 24. April bis 3.

Mai 2015 am Gedenkreigen zum Ersten Weltkrieg beteiligen. Unter anderen wird mit „historischen“

Beeten daran erinnert, wie die Bevölkerung durch versteckten Gemüseanbau das Überleben sicherte.

www.floralien.be

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Museen und Gedenkstätten in der Region Westhoek

Ypern: In Flandern Fields Museum

Das im Vorfeld der Gedenkfeierlichkeiten 2012 grundlegend neu gestaltete „In Flandern Fields

Museum“ (IFFM) bildet die zentrale Erinnerungsstätte der Region. Schon seine Lokalität in der

historischen Tuchhalle der einst stolzen Handelsstadt prädestiniert es hierzu. Der größte Profanbau

der mittelalterlichen Gotik Europas ist wie der gesamte Ort ein Symbol für den Willen zum Weiterleben

nach 1918. Entgegen vielerlei Vorschlägen, etwa von Winston Churchill, die Trümmer der vollkommen

zerstörten Stadt in ein Mahnmal umzuwidmen, bauten die Bewohner fast den gesamten historischen

Kern in einem jahrzehntelangen Kraftakt originalgetrau wieder auf.

Diese optimistische, vorwärtsgewandte Seite des menschlichen Charakters setzt das Museum in

Korrelation zu der dunklen, destruktiven, die letztlich nur Opfer gebiert. Unterlegt von einer

monotonen, fast düsteren Tonschleife nimmt der Besucher seinen Weg von Brandschatzungen der

ersten Kriegstage über den Einsatz von Giftgas zu den jeder Menschlichkeit entkleideten Schlachten

eines jahrelangen Abnutzungskrieges. Rekonstruktionen und Modelle verdeutlichen, wie man sich mit

Betonbunkern und tiefreichenden Stollen vor dem Dauerbombardement schützte.

Im Sog der hypnotischen Musik der englischen Band Tindersticks stellt sich das konzeptionelle

Anliegen unweigerlich ein - den Besucher durch das Einzelschicksal emotional zu berühren. Erst die

Personalisierung gibt dem anonymen Massensterben eine fassbare Dimension. Hierzu tragen

Schauspieler an Medienstationen authentische Aufzeichnungen von Soldaten und Feldärzten vor,

außerdem können die Besucher den Werdegang eines am Zugang auszuwählenden Frontkämpfers

durch die Szenerie mitverfolgen. Sinnfällig wird dies nicht zuletzt durch eines der ambitioniertesten

Projekte des Museums. In der bereits laufenden Aktion „Namensliste“ werden vom angeschlossenen

Wissenszentrum alle auf flandrischem Boden namentlich bekannten 600 000 Gefallenen und

Vermissten in einem einzigen, öffentlich nutzbaren Verzeichnis zusammengeführt (weitere über

200 000 Opfer blieben „unbekannt“).

Da die persönliche Zeugenschaft nicht mehr möglich ist, bildet die „Landschaft“ den

Darstellungsschwerpunkt im neukonzeptionierten IFFM. Aus tausenden historischen wie aktuellen

Fotografien und Filmen bereitete man den gesamten Kriegsschauplatz zu einer noch nicht

dagewesenen Szenographie auf, einschließlich abrufbarer GPS-Daten zur Erkundung von 350

Memorialstätten vor Ort. Für einen ersten Blick über die „Landschaft der Erinnerung“ kann nun auch

wieder aus dem Museum heraus der Belfried mit seinen 230 Stufen bestiegen werden.

In Flanders Fields-Museum Ieper, Grote Markt 34, 8900 Ieper; geöffnet täglich 10 bis 17 Uhr.

www.inflandersfields.be

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Memorial Museum Passchendaele 1917

Mit Schwerpunkt auf der militärischen und strategischen Seite, verfolgt das „Memorial Museum

Passchendaele 1917” (MMP) einen ergänzenden Ausstellungsansatz gegenüber dem „In Flanders

Fields Museum“ von Ypern. Das in einem Herrenhaus aus normannischem Fachwerk inmitten eines

Parks gelegene Museum signalisiert Friedfertigkeit und Idylle, wurde aber als Standort gewählt, um

ortsnah mit der Schlacht von Passchendaele im Sommer und Herbst 1917 die Erinnerung an einen

der verlustreichsten Waffengänge des gesamten Krieges wachzuhalten.

Der nach zwei Jahren relativer Ruhe an der Flandernfront von den Briten veranlasste Großangriff

besitzt für das Kollektivgedächtnis der Commonwealth-Staaten einen vergleichbaren Stellenwert wie

Verdun für das deutsche. Die Opferzahlen erreichten mit 300 000 auf alliierter und über 200 000 auf

deutscher Seite ein ähnliches Niveau, außerdem gilt der Ansturm als ebenso sinnlos, da er frontal

gegen gut befestigte Stellungen geführt wurde. Wenige Kilometer Geländegewinn einer von Regen

und Granaten aufgewühlten Schlammwüste gingen bei der deutschen Gegenoffensive einige Monate

später bereits wieder verloren.

Das MMP dokumentiert über das Schlachtgeschehen hinaus, wie sich die Armeen gegen die

fortschreitende Zerstörungskraft der Waffen zu wappnen suchten. Stahlhelme ersetzten Pickelhaube

oder bunte Kappen, Eisenplatten schob man unter die Uniform, und der permanente Gaseinsatz

erzwang das Tragen immer grotesker wirkender, aber effizienterer Masken. Wo ohnehin nur durch tief

gestaffelte Laufgräben und Bunkersysteme ein Überleben möglich war, musste man sich selbst zum

Atmen schützen. Als die Front endgültig erstarrte und zu leichten Zielen der Artillerie wurde, fanden

die Schutzbauten ihre Fortsetzung unter der Erde. Selbst medizinische Eingriffe führte man dort durch.

Im MMP ist einer dieser bergmännisch ausgebauten Stollen mit Behandlungstisch nachgestellt.

Im Freigelände kamen jetzt rekonstruierte Schützengraben beider Machart, der deutschen und der

britischen, hinzu, die ebenfalls eine aus der fortschreitenden Kriegserfahrung gespeiste Evolution

erkennen lassen. Die provisorischen, fast gerade geführten Gräben der Anfangszeit erhielten gegen

die Druckwellen von Granaten eine komplexe Linienführung in Zick-Zack-Form. Für alle beteiligten

Staaten der Schlacht von Passchendaele wird im Parkbereich jeweils ein Pflanzenbeet angelegt.

Memorial Museum Passchendaele 1917, Ieperstraat 7 A (Kasteelpark), 8980 Zonnebeke; geöffnet

täglich 9 bis 17 Uhr (Dezember und Januar geschlossen). www.passchendaele.be

Yserturm-Museum Diksmuide:

Das 84 Meter hohe Mahnmal ist ein Museum und eine Dokumentationsstätte der Kämpfe im

nördlichen Westhoek. Nach der Neukonzeptionierung bis 2014 steht auch im Yserturm-Museum das

„Nie wieder Krieg“ im Vordergrund, das sich schon beim Gedanken an die widrigen, hier besonders

drastisch dargestellten äußeren Bedingungen durch den „Modder“ (Schlamm) von selbst einstellt. Es

war die belgische, mehrheitlich flandrische Armee, die durch ihren hinhaltenden Widerstand einen

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Durchbruch der deutschen Truppen im Nordwesten verhinderte, wobei man freilich mit Flutung der

Yser-Ebene zum letztmöglichen Mittel griff. Bis Kriegsende stand das einst mühsam der sumpfigen

Ebene abgewonnene Ackerland unter Wasser. Vor, hinter und auch in der brackigen Brühe verlief die

Frontlinie. Im Museum-Freigelände nachgestellt und etwas nördlich am Yser-Ufer über mehrere

hundert Meter an Originalstätte rekonstruiert (mit Besucherzentrum), bezeugen diese „Totengänge“

(Schützengräben) den Durchhaltewillen der Verteidiger.

Von der Aussichtskanzel des Yser-Turms ist fast das gesamte Gefechtsfeld von der Nordsee bis zum

Heuvell-, dem Hügelland im Süden zu überschauen. Ein über den Fenstern verlaufender Gemäldefries

zerstörter Ortschaften und Bauernhöfe in der gefluteten, von Granattrichtern übersäten Landschaft

vermittelt im direkten Vergleich die Wiederaufbauleistung der Bevölkerung.

Yserturm, Ijzerdijk 49, 8600 Diksmuide; geöffnet täglich 9 bis 17 Uhr. www.ijzertoren.org

Totengang (Schützengräben mit Besucherzentrum), Ijzerdijk 65, 8600 Diksmuide; geöffnet Dienstag

und Donnerstag 9 bis 17 Uhr.

Friedhöfe und Totengedenken

Grundsätzlich unterliegen Anlage und Pflege der Militärfriedhöfe den jeweiligen Ländern.

Insbesondere die britische Commonwealth War Graves Commission (CWGC) und der Volksbund

Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) haben in den vergangenen Jahrzehnten durch

Zusammenlegung der ursprünglich in die hunderte gehenden Totenfelder sowie mit angemessener

Architektur und eine gleichartige Ausrichtung der Gräber viel für die Würde dieser Orte getan. Rund

300 000 Militärangehörige sind in flandrischer Erde bestattet.

Deutsche Soldatenfriedhöfe Langemarck und Vladslo

Von den vier verbliebenen deutschen Friedhöfen mit insgesamt rund 135 000 Toten errangen zwei

aus völlig entgegengesetzten Motiven weitreichende Berühmtheit: Langemarck und Vladslo. Während

der eine durch die Falschinformation im Heeresbericht, die Regimenter freiwillig an die Waffen geeilter

Schüler und Studenten seien am 10. November 1914 mit dem Deutschlandlied auf den Lippen in die

Schlacht bei Langemarck gezogen, rasch zum Mythos vom „Opfertod“ einer ganzen Generation

kondensierte, und damit vor und nach 1918 von nationalkonservativen Kreisen und schließlich von

den Nazis propagandistisch missbraucht wurden, war es eben dieses als sinnlos empfundene

Sterben, dass eine Käthe Kollwitz in ihrer pazifistischen Haltung bestärkte.

Bereits drei Wochen vor dem Gemetzel von Langemarck, als in Wahrheit schlecht ausgebildete, aus

allen Bevölkerungskreisen rekrutiere Verbände ins MG-Feuer geschickt wurden, hatte die Künstlerin

ihren Sohn Peter bei einem Gefecht mit belgischen Truppen verloren. Er war tatsächlich jung, nämlich

gerade 18 Jahre, und hatte sich freiwillig gemeldet. Die zutiefst erschütterte Kollwitz benötigte Jahre,

ehe sie mit einer Steinplastik ihrer Trauer Ausdruck verleihen konnte. Die beiden getrennt voneinander

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stehenden Figuren – die Mutter gramgebeugt, der Vater durch seine eng um den Körper

geschlungenen Arme hilflos wirkend - ließ sie 1932 am Totenfeld ihres Sohnes, in Esen, aufstellen.

Bei der Umbettung dieses Friedhofs nach Vladslo zwischen Diksmuide und Koekelare – wo es im

Käthe-Kollwitz-Turm eine Sammlung mit Graphiken der Künstlerin gibt – wurden auch die beiden

Granitplastiken versetzt. Ihren endgültigen Platz fanden sie am Kopfende der langen, in den Boden

eingelassenen Grabplatten.

Besucher aus Deutschland sind meist allein, wenn sie stumme Zwiesprache mit dem ergreifenden

Elternpaar halten. Nur noch selten finden Deutsche den Weg zu ihren Kriegsgräberstätten, keine

Blumen schmücken die kleinen Grabsteine; fast vergessen ruhen sie unter mächtig

herangewachsenen Eichen. Selbst in Langemarck legen überwiegend belgische und britische

Besucher die Symbolblume des Gedenkens, den Klatschmohn (poppy), auf die namentlich

gezeichneten Gräber oder das riesige Massengrab im Zentrum nieder, wo gut die Hälfte der hier

erfassten 44 000 Toten liegt. Der Spruch über dem 1932 von deutschen, auf 52 Steinsarkophagen

verzeichneten Studentenverbindungen angelegten Friedhof – „Sie starben, damit Deutschland lebt“ –

wirkt auf Gesellschaften mit ungebrochener Traditionslinie weniger anachronistisch. Auch auf

Einzelgräbern des britischen Empire steht er mit entsprechendem Länderverweis zu lesen.

Tyne Cot und Lijssenthoek

Der größte Kriegsgräberfriedhof des Commonwealth auf dem europäischen Kontinent, Tyne Cot, liegt

bei Zonnebeke östlich von Ypern. Rund 12 000 namentlich benannte Gefallene stehen auf den

weißen, kniehohen Grabplatten, ganz vorne die Träger der höchsten britischen Tapferkeitsmedaille,

dem Viktoria-Kreuz. Ausgerichtet sind die halbkreisförmig angelegten Gräberreihen auf ein großes,

über einem deutschen Bunker errichtetes Steinkreuz. Dahinter öffnet sich der Blick zu Gehöften und

Dörfchenn inmitten grünen Weidelandes. Dort tobte 1917 die Schlacht von Passchendaele, wo die

britischen Truppen nach der Somme-Schlacht ihre größten Verluste im Ersten Weltkrieg erlitten. Die

meisten der auf Tyne Cot Bestatteten ließen damals ihr Leben, und doch ist es nur ein Bruchteil der in

den monatelangen Kämpfen Gefallenen. Viele von ihnen waren Freiwillige aus allen Teilen des

britischen Weltreichs. Unter den 35 000 an der oberen Begrenzungsmauer in langen Namensreihen

aufgeführten Vermissten sind als Herkunftsländer Australien, Neuseeland, Indien oder Kanada

angegeben. Noch späte Dankbarkeit bezeugend, reiste die englische Königin Elisabeth II. zum 90.

Jahrestag der Schlacht 2007 an, um mit der belgischen Königin Paola ein Besucherzentrum für Tyne

Cot zu eröffnen.

Vielmehr als Name, Rang, Einheit, Geburts- und Sterbetag ist auf den Epitaphien der Militärfriedhöfe

üblicherweise nicht zu lesen. Um einen persönlichen Zugang zu den Menschen hinter den dürren

Daten zu finden, setzt man im neuen Besucherzentrum des britischen Lijssenthoek-Friedhofs bei

Poperinge auf ein ähnliches Konzept wie im „In Flandern Fields Museum“ zu Ypern. Den Gedanken,

über die Individualisierung anonymer Opfer Betroffenheit herzustellen, führt man hier gewissermaßen

zu seinem traurigen Ende. Es sind nicht die selben Namen wie in Ypern, aber hier wie dort erhalten

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sie eine Biographie. In Lijssenthoek können aus einer Mediathek Angaben zum Lebenslauf und,

soweit bekannt, persönliche Charakteristika fast aller der 11 000 dort Beerdigten aufgerufen werden.

Mit dem ergänzenden Hinweis des Beerdigungsplatzes sucht man dann „seinen“ Verstorbenen

zwischen den langen Reihen weißer Grabplatten auf, um ihm einen stillen Gruß zu entbieten.

Wie die unterschiedlichen Todestage andeuten, sind die meisten Bestatteten aus verschiedenen

Friedhöfen zusammengelegt, oder es sind an schweren Verwundungen Gestorbene, die man im

nahen Feldhospital mit seinen bis zu 4000 Betten vergebens zu behandeln suchte. Die Medizin war zu

Beginn des Krieges noch völlig überfordert, lernte aber schnell und rettete alleine hier Tausenden das

Leben oder schuf durch gute Erstversorgung für die heimatliche Weiterbehandlung die Voraussetzung

dazu. Anfangs, steht im Besucherzentrum zu lesen, hatte die medizinische Abteilung der britischen

Armee 9000 Mitarbeiter – am Ende des Krieges 160 000. Auch an die aufopferungsvolle Arbeit der

Ärzte und Pflegepersonen erinnert man in Lijssenthoek. Diagramme verdeutlichen, wie sich die

Kämpfe auf die Belegungsdichte niederschlug. Der Balken für die Verwundeten nach der Schlacht von

Passchendaele 1917 reicht bis zur Decke.

Ob mit oder ohne Verletzung, das „Talbot House“ in Poperinge bildete einen wichtigen Ruhepol für die

britischen Soldaten aller Mannschaftsgrade. Das von einem Privatmann zur Verfügung gestellte, durch

zwei unkonventionelle Pfarrer geleitete Erholungsheim ist einschließlich Kapelle und Bibliothek original

erhalten und kann wie das renovierte „Badehaus“ – in dem man auch übernachten darf - besichtigt

werden.

Last Post in Ypern

Den hohen Stellenwert, den der Erste Weltkrieg mit seinen immensen, weit über dem Zweiten

Weltkrieg liegenden Opferzahlen für Großbritannien und die damaligen Commonwealth-Staaten

einnimmt, zeigte nicht erst der Besuch von Königin Elisabeth II. in Tyne Cot 2007. Bereits 80 Jahre

zuvor schuf die angelsächsische Völkerfamilie mit dem Menemtor in Ypern eine einzigartige

Gedenkstätte. Der gewaltige, von Kolonial-Architektur inspirierte Bau verzeichnet an den

Innenwänden die Namen von rund 55 000 Gefallenen und Vermissten, die kein Grab gefunden haben.

Jeden Abend wird ihnen nun seit 85 Jahren mit einem getragenen Trompetensignal gedacht. Den

„Last Post“ blasen in der Regel fünf Feuerwehrleute aus Ypern, während die Totenehrung von

wechselnden Personen oder einer Gruppe vorgenommen wird. Nach Worten des Dankes an die „jung

Verstorbenen“ werden vor den langen Namensreihen Kränze mit (Plastik-)Mohnblumen niedergelegt.

Inmitten der Gedenkfeierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs erklingt der „Last Post“

am 9. Juli 2015 zum 30 000. Mal. Nur während der zweiten deutschen Besetzung Belgiens war das

Totengedenken für vier Jahre bis 1944 unterbrochen, weil verboten.

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Der politisch-militärische Hintergrund

Ein Meter rettete Belgien

In einer Zeit, die den Krieg als Option des Politischen sah, war es ungeachtet hochkarätiger

Friedenskonferenzen und der Lokalisierung zahlreicher Spannungen für die Menschen um 1900 nur

eine Frage des Anlasses, bis die Konfliktlinien in einen Krieg der Großmächte münden würden.

Allerdings musste ein die gesamte Staatenwelt Europas verschlingender Waffengang keine

Zwangsläufigkeit sein, aber spätestens als Großbritannien 1904 und 1907 nicht zuletzt als Reaktion

auf die deutsche Hochrüstung zur See seine Unabhängigkeit („Splendid isolation“) zugunsten einer

Annäherung an seine früheren Intimfeinde Frankreich und Russland – die bereits seit 1894 eine

Allianz bildeten - aufgegeben hatte, existierten zwei große Machtblöcke mit wechselseitigen

Beistandsgarantieren. Beide, diese „Tripel Entente“ wie das deutsch-österreichische Bündnis

(„Mittelmächte“), unternahmen keine ernsthaften Versuche mehr (oder blockierten sie), die

Konstellationen diplomatisch zu durchbrechen.

Insbesondere das Deutsche Kaiserreich sah sich durch seine Lage zwischen Frankreich und

Russland bedroht. Forderungen nach einem Präventivkrieg gegen einen oder beide gehörten zur

Rhetorik von Militärs und nationalkonservativen Kreisen, und entsprechend war die Strategie

ausgerichtet. Nicht durch Verteidigung und Defensive, sondern mit der Flucht nach vorne sollte auf die

vermeintliche Einkesselung reagiert werden: In einem raschen Waffengang Frankreich schlagen, dann

gegen Russland marschieren. Dieses als „Schlieffen-Plan“ in die Annalen eingegangene Denken, war

dann auch die einzige Militäroption Deutschlands, als nach dem an sich singulären Ereignis der

Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 in Sarajewo durch

bosnisch-serbische Nationalisten sowie der nachfolgenden Ultimaten und Drohungen tatsächlich am

1. August der von vielen gleichermaßen gefürchtete wie herbeigesehnte große Krieg eintrat, der sich

rasch zum Weltenbrand ausweiten sollte.

Unbesehen der bis heute diskutierten Schuldfrage - etwa ob die deutsche Führung den Verbündeten

Österreich zum Losschlagen gegen Serbien ermunterte und damit dessen „Schutzmacht“ Russland

auf den Plan rief - war es Berlin, das nach der erwartbaren Kampfansage Russlands an Österreich,

diesem und Frankreich den Krieg erklärte und auf breiter Front angriff. Dass Deutschland

völkerrechtswidrig zunächst das neutrale Belgien überfiel, war der Logik des Schlieffen-Plans

geschuldet, der ein nördliches Umfassen von Armee und Festungsgürtel der Franzosen vorsah. Pro

forma ersuchte man um kampflosen Durchzug, was König Albert I. aber entschieden ablehnte.

Ernsthafte militärische Gegenwehr durch Belgien war in den deutschen Aufmarschplänen nicht

vorgesehen. Wochen benötigte man, um die Festungen Lüttich und Antwerpen zu nehmen, und auch

der wallonische Landesteil musste erst niedergekämpft werden, ehe Frankreich erreicht war.

Entsprechend nervös agierten deutsche Truppen. Gegen angebliche Freischärler wurden drastische

Maßnahmen ergriffen. Zur Abschreckung exekutiere man mehrere tausend, zumeist unschuldige

Zivilisten, Dörfer und Städte gingen bei vorsätzlich gelegten Bränden in Flammen auf, darunter die

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unschätzbare Universitäts-Bibliothek von Löwen. Als „Märtyrerstädte“ haben sich diese Orte

buchstäblich in die belgische Seele eingebrannt.

Der hinhaltende Widerstand gab den Alliierten Zeit, im Westen des Landes Stellung zu beziehen:

Frankreich im Süden, britische Verbände im Großraum Ypern. Allerdings bewahrte erst eine

Verzweiflungstat das Land. Auf Befehl von König Albert öffnete man die Schleusen „Ganzepoot“ in

Nieuwport an der Nordsee und flutete die tieferliegende Yser-Ebene bis zum 15 Kilometer entfernten

Diksmuide. Nach Westen begrenzte eine Eisenbahnlinie das Riesenbassin. Ein Meter, nämlich der

des Gleisdamms, rettete das Land. Dort, davor und auch inmitten des Brackwasssers verlief im

nördlichen Westhoek, dem westlichen Teil Flanderns, bis zum Kriegsende die Front, ohne dass

deshalb Ruhe herrschte. Ständige Scharmützel zermürbten die in den häufig nur wenige Dutzend

Meter auseinanderliegenden Gräben liegenden Soldaten; Feuergefechte zerstörten das

mittelalterliche Diksmuide und viele kleinere Orte.

Den Deutschen gelang zwar die Eroberung der nördlichen Küstenlinie – Ostende nutzte man dann als

Stützpunkt für U-Boote -, durch die unüberwindliche Wasserbarriere im Yser-Tal konzentrierten sich

die Kämpfe nun aber auf die südlichere Westhoek, zumal nach der schweren Niederlage

Deutschlands in der Marne-Schlacht Anfang September, wodurch die unmittelbare Gefahr für Paris

abgewehrt war. Nun suchte man hier den Durchbruch, ohne entscheidend voranzukommen. Die aus

mehreren, schlecht vorbereiteten Angriffswellen bestehenden Vorstöße im Herbst 1914 gingen als 1.

von drei weiteren Flandernschlachten in die Geschichtsbücher ein. Zu diesem Komplex gehört auch

das Gefecht von Langemarck, das wegen junger Freiwilliger, die angeblich mit dem Deutschland-Lied

auf den Lippen starben, propagandistisch weit über den Krieg hinaus missbraucht wurde. Dabei

verschwieg man, dass die Attacken verantwortunglos geführt und die Soldaten schlecht ausgebildet

waren.

Um den Preis der totalen Zerstörung verteidigten die Briten Ypern und einen vorgelagerten

Geländebogen („Salient“) erfolgreich, woran sich bis Kriegsende nichts änderte. Wäre es nach den

Soldaten gegangen, hätte durch die Patt-Situation an der gesamten Front seit dem Spätherbst 1914

sicherlich der Krieg beendet sein dürfen. Zum Symbol, dass Mannschaften und Offiziere keine

persönliche Feindschaft mit ihren Gegnern hegten, geriet das „Weihnachtswunder“ von Flandern.

Spontan und ohne von Vorgesetzten gehindert zu werden, verließen viele deutsche und britische

Soldaten die Schützengräben und verbrüderten sich bei Gesang und kleinen Geschenken. Angeblich

fanden sogar Fußballspiele statt.

Der Friedensschluss im Niemandsland blieb eine Episode. Mit erbarmungsloser Härte und immer

brachialeren Waffen ging das Schlachten weiter. Gegen alle Landkriegsordnungen, aber auch einen

Rest „soldatischer Ehre“ im Sinne von Mann gegen Mann, setzte Deutschland am 22. April 1915 nahe

Langemarck erstmals im großen Stil Giftgas ein. Über 2000 vornehmlich französische und belgische

Soldaten waren ihm schutzlos ausgeliefert und starben. Den dadurch erzielten Geländegewinn

weniger Kilometer konnten kanadische Truppen bis Ende Mai wieder wettmachen; 3500 fielen hierbei.

Tourismus FlandernBrüssel, www.presseflandern.com

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Fortan gehörten Gasmasken zur Ausrüstung wie Gewehr und Klappspaten. Auch für die Gegenseite

gab es nun kein Halten mehr und verfeuerte bei Angriffsvorbereitungen Kampfstoffe aus dem Arsenal

des Schreckens. Flammenwerfer, Minen, Mörsergranaten. und die jeden Quadratmeter belegende

Artillerie machten die Westhoek zu einem der „gefährlichsten Orte der Erde”. Verbissen kämpfte man

um den kleinsten Hügel. Am legendären „Hill 60” lassen sich noch heute die Granattrichter zählen.

Nach zwei Jahren ohne Entscheidungsschlacht wollte London dann den finalen Schlag gegen die

defensiv eingestellten Deutschen erzwingen. Ihr tief gestaffeltes System an Schützengräben und

Bunkern war wie in Nordfrankreich eher auf Halten als auf Angriff ausgelegt. Entsprechend hohe

Verluste entstanden, als Franzosen, Briten und Freiwillige aus Commonwealth-Staaten wie Australien

und Neuseeland schließlich im Sommer 1917 zum Sturm auf die deutschen Stellungen antraten.

Zuversicht gab ihnen einer der wenigen „erfolgreichen” Aktionen im flandrischen Grabenkrieg: Durch

die Explosion von 19 in monatelanger Arbeit unter den deutschen Stellungen angebrachten Minen mit

einer halben Million Tonnen Sprengkraft, bei der nahe Messines am 7. Juni rund 10 000 bayerische

Soldaten spurlos verschwanden, konnte ausnahmsweise ein Geländegewinn erzielt werden. Im

Rahmen des üblichen: Zwischen Herbst 1914 und Frühjahr 1918 verschob sich die Flandernfront an

keiner Stelle mehr als jene dann bis Passchendaele gewonnenen acht Kilometer.

Statt Minen anzubringen, verschoss man am Hauptangriffspunkt östlich von Ypern mehr als vier

Millionen Granaten. Doch sie zerstörten weniger deutsche MG-Nester als vielmehr

Entwässerungskanäle, und die Granattrichter liefen bei schweren Regenfällen voll. Nicht nur die hier

erstmals eingesetzen Panzer der Allierten blieben stecken. Wochenlang rannten die Angelsachsen

gegen die Bunker unter entsetzlichen Opfern an. Der geringe Geländegewinn bei Passchendaele

wurde mit dem Verlust von über 300 000 Mann erkauft. Bereits durch die nachfolgende

Frühjahrsoffensive der Deutschen ging das Territorium wieder verloren, wobei erstmals auch das

südliche Flandern bis über die französische Grenze hinaus erobert werden konnte. Am Ende war auch

dies ein verlorener „Sieg“. Mit der alliierten Sommeroffensive an allen Fronten mussten die deutschen

Truppen hinter ihre Ausgangsstellungen zurück. Beim Waffenstillstand am 11. November 1918

standen sie auf einer Linie zwischen Gent und Mons.

Verluste:

In Flandern betrug die Zahl der Toten, Verwundeten oder Vermissten auf alliierter Seite rund 582 000;

die deutschen Verluste werden mit 441 500 angegeben. Ingesamt waren Soldaten aus rund 50

Staaten an den Kämpfen beteiligt.

Die Opfer unter der belgischen Zivilbevölkerung betrugen etwa 30 000; 1,5 Millionen Menschen

mussten fliehen.

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