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1948-1954

| E N D L I C H W I E D E R W E I H N A C H T E N |

W I E D E R A U F B A U , W Ä H R U N G S R E F O R M , W I R T S C H A F T S W U N D E R

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„Die Werbung wird wichtiger als die Bekanntschaft.

Seien wir wirkliche Kaufleute, gehen wir mit der Zeit!“

REWE-Echo | 50er Jahre

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R E W E - H a u s f r a u e n n a c h m i t t a g


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W I E D E R A U F B A U , W Ä H R U N G S R E F O R M , W I R T S C H A F T S W U N D E R

A

m 21. Juni 1948 erwacht der deutsche Handel wieder zum

Leben. „24 Stunden nach der Währungsreform vollzieht

sich das Wunder der Freigabe von Waren, die der deutsche

Käufer jahrelang nicht mehr gesehen hat“, schreibt

die Zeitung „Die Welt“. Das Lebenselixier heißt D-Mark. Jeder

Bundesbürger kann 60 Reichsmark im Verhältnis 1:1 umtauschen.

Auch regelmäßige Leistungen wie Löhne, Renten und Mieten

bleiben gleich, werden aber jetzt in D-Mark berechnet. Guthaben

dagegen werden 10:1 abgewertet. Wohl dem, der jetzt

Sachwerte wie Häuser besitzt, denn die behalten ihren Wert.

Es ist gleichzeitig ein weiterer Schritt zur deutschen Teilung.

Die Sowjetunion reagiert zwei Tage später mit einer eigenen

Währungsreform in ihrer Zone – und mit der Blockade Berlins:

Alle Land- und Wasserverbindungen nach Berlin werden unterbrochen.

Mehr als zwei Millionen West-Berliner müssen mit Hilfe

einer Luftbrücke versorgt werden. Die DC-3-Transportflugzeuge

der US-Armee gehen als „Rosinenbomber“ in die Geschichte

ein. Die Blockade ist ein erster Höhepunkt des Kalten

Krieges, aber sie zeigt auch, dass die Westmächte für die

Deutschen nicht mehr Besatzer sind, sondern Beschützer.

Gesundes neues Geld

„Denken Sie daran, dass die

neue Deutsche Mark knapp

sein wird und mit harter Arbeit

verdient werden muss.

Jeder wird haushalten müssen

und jeder sollte sich bei

seinen Einkäufen ernstlich

überlegen, ob die Ware den

geforderten Preis auch wirklich

wert ist. In gesundem

neuem Gelde werden die

Spekulanten nicht mehr ihre

Wucherpreise erzielen können.

Ich glaube, sie werden

sich bald nach ehrlicher Arbeit

umsehen müssen. Die

Zeit des wirtschaftlichen

Chaos muss für Deutschland

zu Ende sein.“

Umtausch der Geldscheine während der Währungsreform | 1948 „Rosinenbomber“ der US-Armee über Berlin | 1948

Rundfunkrede von Jack

Bennett, Finanzberater

des Militärgouverneurs

der amerikanischen Besatzungszone,

General

Lucius D. Clay

| 18. Juni 1948

Die neue D-Mark | 1948

Im Westen sind die Schaufenster schlagartig wieder voll. „Die Kühe

geben wieder Milch, die Hühner legen wieder Eier, und die Kartoffeln

wachsen wieder“, sagen Zyniker. Gegen gutes Geld tun sich die geheimen

Lager auf, in denen Fabrikanten, Großhändler und Einzelhändler

ihre Waren deponiert hatten, weil die alte Reichsmark längst wertlos

geworden war. Eine Stichprobe bei einem Kölner Lebensmittelgroßhändler

ergibt, dass er 427.000 Kilo Weißzucker, 287.000 Kilo Mehl

und 208.000 Kilo Nährmittel nicht an die Einzelhändler ausgeliefert,

sondern gehortet hat, um sie nun für neues Geld zu verkaufen.

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Schlagzeile einer amerikanischen Zeitung für die deutsche Bevölkerung erschienen am 20.06.1948

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Preisvergleich nach der Währungsreform | 1948

Schwieriger Neuanfang

S

chon vier Tage nach der Währungsreform wird die Bewirtschaftung

vieler wichtiger Güter aufgehoben. Preise und

Löhne bleiben allerdings noch bis September 1948 eingefroren.

Entsprechend gering ist die Kaufkraft. Für die Einzelhändler

ist der Neuanfang deshalb schwierig. Auch sie haben nur

wenig Geld, um ihr Geschäft wieder ans Laufen zu bringen.

Und manch einer muss verderbliche Waren unter Preis verkaufen,

weil die Haushaltskassen noch leer sind. Ein kleineres

Problem ist der Mangel an Kleingeld: Manche Kaufleute malen

einfach 1- und 2-Pfennig-Münzen selber auf Pappe. Den Neuanfang

nutzen auch die Brüder Karl und Theodor Albrecht.

Sie übernehmen in Essen die Lebensmittelhandlung ihrer

Mutter und bauen sie in den nächsten Jahren rasch zu einer

großen Kette aus. Man wird noch von ihnen hören.

Zeitzeugen erinnern sich

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Harald Birkendahl

Ursula Happe

Heinz Biermann


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Schaufensterwerbung eines Albrecht-Marktes | 50er Jahre Die ersten Albrecht-Märkte waren noch Bedienungsläden | 1948

F

Care-Pakete vom Geschäftsführer

ür die 175 Einzelhändler der REWE DORTMUND beginnt

wieder der Konkurrenzkampf. Doch die Genossenschaft

ist gut vorbereitet. Sie besitzt noch fünf Lkw und zwei Pkw,

und die Belieferung wird wieder streng auf die Mitglieder beschränkt,

um, wie es heißt, „unwirtschaftliches Arbeiten mit

Gelegenheitskunden zu vermeiden.“ Auch die Werbung funktioniert

bereits wieder: Elf Kinos zeigen neue Werbe-Dias, und

die Mitgliedsgeschäfte bekommen neue Glastransparente.

Obwohl viele Waren noch knapp sind, konstatiert der Vorstand

bereits Ende September 1948 „eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung“

der Umsätze. Die Kriegsverluste in sechsstelliger

Höhe werden von freiwilligen Zuschüssen der Mitglieder

gedeckt. So können schon Ende des Jahres zwei

neue Mercedes-Lkw gekauft und der Bau eines neues Lagerhauses

in Auftrag gegeben werden.

„Als es noch Lebensmittelmarken gab, kriegte jedes Belegschaftsmitglied, es gab ja nur 60,

alle 14 Tage oder einmal im Monat ein großes Paket mit Mehl, Zucker und allem, was knapp

war, fertig gepackt und umsonst nach Hause. Da gab es eine Mimi Heuwinkel, die machte

die Pakete fertig. Und dadurch hat Nixdorf natürlich seine Belegschaftsmitglieder voll an sich

gebunden. Wo Nixdorf die Sachen her hatte, weiß ich auch nicht. Aber es war da.“

Harald Birkendahl | ehemaliger Verkaufsleiter der REWE DORTMUND

REWE-Logo

| 50er Jahre

Außenansicht eines REWE-Marktes | 1949

Selbst ist der Kaufmann

Ladenbau und Gemeinschaftswerbung,

aber auch die Ausbildung werden

nun neben der Warenbeschaffung

zu zentralen Aufgaben der Genossenschaft.

Die Mitglieder der REWE DORT-

MUND bekommen eine intensive Verkaufsschulung,

Lehrlingen werden

Kenntnisse in Dekorationsschrift, Schaufensterdekoration

und Verkaufskunde

vermittelt, denn jeder einzelne Laden

muss seine Kunden selbst gewinnen,

mit überraschenden Schaufensterdekorationen

und schön gemalten Angebotsplakaten.

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Die erste Verkaufsausstellung

„Nach dem Krieg kamen die Güter der Welt alle nur

tröpfchenweise wieder nach Deutschland. Mal gab es

dies, mal das. Und dann habe ich gesagt, wenn wir das

an unsere Einzelhändler verkaufen wollen, müssen wir

ihnen das zeigen oder sie sogar probieren lassen, wenn

wir etwas erübrigen können. Also haben wir Regale gezimmert

und haben immer, wenn etwas kam, die Neuheiten

nach und nach ausgestellt. So entstand eine

Verkaufsabteilung, die dann später wieder mit dem Einkauf

zusammengelegt wurde zur Warenabteilung. Es ist

nicht gut, Einkauf und Verkauf zu trennen. Die einen

kaufen etwas, und die anderen sagen, was sollen wir mit

dem Quatsch? Beschafft lieber das und das! Und die Einkäufer

sagen wieder: Wo soll ich das herkriegen? Jetzt

gibt es nur noch Sachgebietsleiter und -angestellte, und

die sind sowohl verantwortlich für das, was sie einkaufen,

als auch für das, was sie verkaufen.“

Rudolf Fiene | ehemaliger Vorstandssprecher

der REWE DORTMUND

Erinnerungen eines Einzelhändler-Sohnes aus den 30er Jahren

Verkaufsausstellung der REWE DORTMUND | um 1950

Weihnachten mit der Familie

| 1949

K

onkurrenten sind vor allem die Konsumvereine. Sie bekommen

nach dem Krieg ihre Selbständigkeit zurück und

gründen in Hamburg 1948 den „Zentralverband deutscher

Konsumgenossenschaften“ mit 5.700 Verteilungsstellen und

750.000 Mitgliedern. Viele Gewerkschafter und Sozialdemokraten

unterstützen die Konsumvereine aus politischer Überzeugung,

die meisten aber schätzen vor allem die günstigen Preise.

Auch die Filialbetriebe erholen sich schnell. Die Mieten sind

niedrig, und der Wiederaufbau eröffnet die Möglichkeit,

neue Lagen zu erschließen. Die britische Militärbehörde

schafft die Vorschriften der Nationalsozialisten zur Schwächung

der Konsumgenossenschaften, Warenhäuser und Filialbetriebe

ab und sorgt damit wieder für einen verschärften

Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel. Die Einkaufsgenossenschaften

Edeka und REWE sind groß genug, um ebenfalls

Mengenrabatte von den Lebensmittelproduzenten zu bekommen.

Die noch selbständigen, nicht organisierten Lebensmitteleinzelhändler

dagegen merken schon bald, dass sie

kaum noch mithalten können. Ihre Läden sind oft ebenso überaltert

wie ihre Verkaufsmethoden. Die meisten können nur

überleben, weil die ganze Familie mithilft und nicht fragt,

wann Feierabend ist. Wer langfristig bestehen will, muss das tun,

was die Kaufleute der „Krone“ schon 1913 taten: sich einer Organisation

anschließen, die einen preiswerteren Warenbezug sichert.

Es fehlt an Kapital

S

o nimmt auch die REWE DORTMUND neue Mitglieder

auf – aber nur, wenn sie moderne Läden oder gute Standorte

mitbringen. Nixdorf hat bereits erkannt, dass die Genossenschaft

sich ihre Einzelhändler auswählen muss, wenn sie

konkurrenzfähig bleiben will. Zumal auch viele der alten Mitglieder

unter extremem Kapitalmangel leiden. Manch einer

kann nur mühsam seine Schulden bei der Genossenschaft

begleichen. Geld für Modernisierungen der Läden fehlt völlig.

Die meisten Einzelhändler richten sich zunächst mit dem

wieder ein, was sie selbst zusammenzimmern oder aus den

Trümmern retten konnten.

Immerhin: Der Umsatz der Genossenschaft legt kräftig zu.

1948 steigt er dank der Währungsreform um 137 Prozent auf

rund 7,5 Millionen DM. Besonders stark wächst das Weihnachtsgeschäft.

Zum ersten Mal nach dem Krieg feiern viele

Deutsche wieder ein Fest mit Schokolade und Lebkuchen. Damit

die Mitglieder die große Nachfrage nutzen können, gewährt

die Genossenschaft ihnen extra lange Zahlungsfristen.

Weihnachten

„Weihnachten war schön. Dann habe ich alles Mögliche mit Kugeln

und Tannengrün und so ausgeschmückt. Die eke bekam

so Gold drum, und an der Seite waren die ganzen Paketchen mit

Süßigkeiten, das vergesse ich nie. Da oben drauf waren die

Plätzchen und auf der linken Seite die Süßigkeiten. Und Schokolade

lag an dieser Seite, und an der anderen Seite waren die

Weihnachtssachen, die hatten wir alle ausgestellt. Das war

schön. Alles gab es da: Nikoläuschen, die schönsten Sachen.“

Erinnerungen einer Einzelhändlerin | aus: Heike Lützenkirchen,

Lebensmittelhändler im Bergischen Land

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D

Wirtschaftswunder in Deutschland

F

ür die noch immer in Trümmern liegenden Städte und ihre

Bewohner sind die Rückkehr der Kriegsgefangenen und

die Eingliederung von Millionen Flüchtlingen allerdings Aufgaben,

die sie kaum bewältigen können. Noch immer leisten

tausende Trümmerfrauen Schwerstarbeit, noch immer gibt es

kaum intakten Wohnraum. Doch fließen inzwischen die ersten

Millionen aus dem Marshallplan. In Westdeutschland werden

die Demontagen verringert, und die Wirtschaft kommt langsam

wieder in Fahrt. Von nun an steigt das Bruttosozialprodukt

in der BRD ununterbrochen bis zur Wirtschaftskrise 1966.

Die deutsche Teilung manifestiert

sich. Seit September 1948 tagt in

Bonn der Parlamentarische Rat, der

für die drei Westzonen ein Grundgesetz

ausarbeiten soll. Am 23. Mai

1949 tritt es in Kraft. Die Bundesrepublik

Deutschland ist gegründet.

Die erste Wahl zum Bundestag im

August gewinnt die CDU knapp vor

der SPD. Konrad Adenauer wird

von CDU, CSU, FDP und DDP zum

ersten Bundeskanzler gewählt, mit

einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen.

Im Osten beauftragt die

European Recovery Program | 1949

provisorische Volkskammer Otto Grotewohl mit der Regierungsbildung

in der DDR. Von nun an gibt es zwei deutsche Staaten.

as Jahr 1949 beginnt für die REWE DORTMUND mit einer

guten Nachricht, die sie in diesen Tagen mit vielen Familien

teilt. Das Protokoll der Aufsichtsratssitzung vermerkt am

19. Januar: „An diesem Tage erschien zum ersten Male nach

vielen Jahren und nach Rückkehr aus der russischen Kriegsgefangenschaft

das langjährige Mitglied des Aufsichtsrates,

Herr Josef Rempe. Es war für alle Teilnehmer eine große

Freude, Herrn Rempe nach so langer Zeit wieder im Kreise

der Verwaltung zu sehen.“

Wahlplakat der CDU zur ersten Bundestagswahl | 1949

Wiederaufbau nach dem Krieg: Der Alte Markt, Dortmund | 1946

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Neue Anforderungen an den Kaufmann

W

ährenddessen trimmt Max Nixdorf die Dortmunder

REWE-Genossenschaft weiter auf ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Als einer der ersten erkennt er, dass sie nur erfolgreich

sein kann, wenn sie sich zwar weiter als Dienstleister

ihrer Mitglieder versteht, gleichzeitig aber am Markt agiert

wie ein eigenständiger Großhändler, der auf kaufmännische

Notwendigkeiten Rücksicht nimmt.

Weihnachten ist ein Reinfall

U

nd es wartet schon das nächste Problem: Das Weihnachtsgeschäft

1949 wird ein Reinfall. Zum ersten Mal nach dem

Krieg ruft die Genossenschaft ihre Mitglieder wieder zu einer

großen Weihnachtsausstellung. Auf der Hohensyburg wird

ein Festsaal gemietet, um Gebäck, Nüsse und Schokolade

anzupreisen. Alle Waren muss die Genossenschaft im Voraus

bezahlen – doch niemand will sie haben.

Weihnachtsausstellung 1949

„1949 war die erste Weihnachtsausstellung nach dem Krieg

auf der Hohensyburg. Da gab es zum ersten Mal wieder Kostbarkeiten

in Hülle und Fülle, von denen wir bis dahin nur geträumt

hatten, und das gab es alles ohne Bezugsscheine. Wir

müssen in einen wahren Kaufrausch verfallen sein. Jedenfalls

hatten wir viel zu viel eingekauft und die Absatzmöglichkeiten

unserer Kaufleute erheblich überschätzt. Was tun? Wir wurden

auf die umliegenden Weihnachtsmärkte geschickt, mit

dem Auftrag, die Reste an die Verbraucher direkt zu verhökern.

Ich war mit überschaubarem Erfolg in Münster. So was machen

Sie mal heute mit den Mitarbeitern.“

Rudolf Fiene | ehemaliger Vorstandssprecher

der REWE DORTMUND

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REWE-Kaffee ist der Renner

|50er Jahre

Die meisten Mitglieder haben sich bereits eingedeckt, aus

Sorge, dass nicht genügend Waren zur Verfügung stehen

könnten. Außerdem ist durch die Liberalisierung des Handels

mit den Niederlanden plötzlich Schokolade in großen Mengen

und zu niedrigen Preisen zu haben. Die Dortmunder Genossenschaft

bleibt auf ihrem sonst so beliebten Weihnachtsgebäck

sitzen. Einige Artikel können noch zu Sonderpreisen

verkauft werden, andere müssen die Einkäufer der

REWE DORTMUND selbst auf Weihnachtsmärkten an die Kunden

bringen. Am Ende bleiben große Verluste und die Erkenntnis

im Vorstand, „künftig von allen Versorgungskäufen

Abstand zu nehmen, da aus der Mangellage jederzeit eine

totale Sättigung und Zurückhaltung entstehen kann.“

„Damals gab es viele Geschäfte,

die mehrere Lie-

Großhandelspraktiken

feranten hatten. Manche Einzelhändler waren ja nur in der Genossenschaft,

um die Preise ihrer konventionellen Lieferanten zu

drücken. Um uns herum im Hafengebiet waren ja jede Menge Großhändler.

Hülskötter & Poos zum Beispiel, die vergesse ich nie. Die

waren kleiner als wir und kauften besser ein als wir. Durch einen

Rechnungsirrläufer habe ich festgestellt, dass dieser Großhändler

von einem großen Essig-Lieferanten fünf Prozent mehr Rabatt

bekam als wir. Von diesem Lieferanten haben wir uns gleich getrennt.

Zu der Zeit waren wir noch so konsequent. Einen Kosmetik-

Hersteller haben wir auch ausgelistet, weil er Einzelhändlern höhere

Rabatte gegeben hat als uns. Den Kündigungsbrief an diesen Lieferanten

habe ich als Kopie – ohne Anschrift – ins Vertreterzimmer gehängt,

damit den alle lesen konnten. Das hat seinerzeit Furore

gemacht. Heute ist das kaum noch vorstellbar.“

Bernhard Hellmann | ehemaliger Vorstandssprecher der REWE DORTMUND

Die Finanzen der Genossenschaft sind weiter angespannt.

Für die Großeinkäufe vor Weihnachten müssen Kredite aufgenommen

werden, die die Bilanz zusätzlich belasten. Für

Investitionen ist kein Geld da. Einige Mitglieder würden gerne

wieder Käse über die Genossenschaft beziehen, andere

wünschen sich Vertragslieferanten für Brot oder gar eine eigene

Bäckerei. Doch die Zeiten sind noch zu unsicher.

Kühne-Inserat in der Nord-Berliner Lokalzeitung | 1953

Die Führung der Genossenschaft beklagt außerdem, dass

viele Mitglieder auch direkt bei der Industrie oder bei anderen

Großhändlern einkaufen. Um sie wieder an sich zu binden, gewährt

die REWE DORMUND für einige Markenartikel Sonderrabatte.

Und sie weitet das Angebot an Eigenmarken aus:

Unter anderem kommen jetzt auch Kaffeeersatz, Kernseife

und Teigwaren unter dem Namen REWE auf den Markt.

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Das Lager wird zu klein

D

er wachsende Erfolg bringt die REWE DORTMUND an

die Grenzen ihrer Kapazitäten. Büros und Lager platzen

aus allen Nähten. „Im Verkaufsraum kann von Ordnung der

Arbeit unter den augenblicklich gegebenen Verhältnissen

nicht gesprochen werden“, berichtet die Geschäftsführung.

Es gibt keinen Raum für die Werbeabteilung, die Handelsvertreter

müssen im Vorraum empfangen werden, und

die Kaffeerösterei braucht mehr Lagerfläche. Der Verwaltungsrat

beschließt einstimmig, in der Schäferstraße ein

neues Bürogebäude zu errichten.

Das REWE-Haus in der Schäferstraße, Dortmund

| Mitte 50er Jahre

Der Mut wird belohnt. 1950 werden allein in den ersten vier

Monaten 22 neue Mitglieder aufgenommen, von denen

die meisten sofort gute Umsätze bringen. Und dann sorgt

ausgerechnet ein neuer Krieg, weit weg in Asien, für neues

Wachstum. Am 25. Juni 1950 beginnt der Koreakrieg, der

sich durch das Eingreifen der USA und Chinas schnell zu

einem globalen Konflikt ausweitet. Im November eskaliert

die Situation so weit, dass selbst der eher besonnene Präsident

der USA, Harry S. Truman, öffentlich über den Einsatz

der Atombombe in Korea nachdenkt.

Verkaufsraum eines REWE-Bedienungsladens | 1956

Koreakrieg fördert die Konjunktur

D

eutschland aber und insbesondere das Ruhrgebiet profitieren

von der verstärkten Nachfrage nach Rüstungsgütern.

Die Industrieproduktion erreicht 1950 wieder den Stand von

1936, die Löhne tun dies erst 1953. Die niedrigen Löhne helfen,

den Aufschwung zu ermöglichen, der in den nächsten Jahren als

Wirtschaftswunder bestaunt wird. Die REWE-Zentrale steigert

ihre Lieferungen an die Mitglieds-Genossenschaften im Juli

1950 um 1.000 Prozent im Vergleich zu den Vormonaten. Für

viele Bürger ist der Aufschwung allerdings zunächst schmerzhaft,

denn die Preise steigen zum Teil beträchtlich an. Es kommt

zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften

und Regierung.

Währenddessen schreitet die Westintegration der Bundesrepublik

voran. Im Mai 1950 legt der französische Außenminister

Robert Schuman seinen Plan über die Bildung einer

Montanunion in Westeuropa vor – mit Westdeutschland. Die

BRD wird Mitglied im Europarat und unterzeichnet auch das

Abkommen über eine Europäische Zahlungsunion. Die DDR

wiederum wird Mitglied im Wirtschaftsbündnis des Ostens,

dem COMECON. Die deutsche Teilung ist zementiert.

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Das Osterkaninchen

„1950 war die erste Osterausstellung,

und ich sagte,

ich lass mir was Besonderes

einfallen. Der Herr Krepps,

der Schreiner von der REWE,

der züchtete Kaninchen. Ich

sage also, Herr Krepps, ich

brauche Ihr schönstes Kaninchen.

Ich will das nicht

schlachten, ich schreibe den

Kunden: Leute kommt, der

Osterhase ist persönlich anwesend.

Und dann hat der

ein Gehege gebaut, da saß

der Hase drin, und jeder

wollte den sehen, und die

haben sich tot gelacht.“

Harald Birkendahl,

ehemaliger Verkaufsleiter

der REWE DORTMUND

Titelbild des REWE-Echos, Köln | 15.05.1957

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Der erste Selbstbedienungsladen

W

estdeutschland profitiert von der neuen Situation. Die Arbeitslosigkeit

sinkt, die Nachfrage steigt und mit ihr auch

das Angebot. Im herkömmlichen Bedienungsladen findet kaum

noch Platz, was die Markenartikelindustrie auf den Markt wirft.

Größere Geschäfte müssen her und neue Verkaufskonzepte.

Die Hamburger Konsumgenossenschaft „Produktion“ eröffnet

1949 den ersten Selbstbedienungsladen nach dem Krieg, mit

für damalige Verhältnisse sagenhaften 170 qm Verkaufsfläche.

Der erste SB-Laden in

Nordrhein-Westfalen

„Düsseldorfer Hausfrauen

standen wieder Schlange.

Diesmal freiwillig. Das Lebensmittelgeschäft

Otto

Mess, eine der 180 Filialen

der Viktualien-Dynastie Frowein

& Nolden, präsentierte

sich als erster Selbstbedienungsladen

im Lande Nordrhein-Westfalen.

'Kaufen Sie

gemütlich, langsam oder so

schnell, wie es Ihnen paßt',

stand auf den vierseitig bedruckten

BDS (Bediene Dich

selbst) -Anleitungen, die am

Laden-Eingang verteilt wurden.

Die Kunden kauften gemütlich,

angeregt durch

Samba-Rhythmen aus der

Gemüseecke.

Einer der ersten Selbstbedienungsläden in Deutschland, Augsburg | 1949

„Die Entwicklung wurde von Vertretern großer amerikanischer

Unternehmen vorangetrieben, vor allem

Tempo-Läden

den Herstellern von Registrierkassen. Sie witterten mit Recht das große Geschäft

im zerbombten Deutschland. Sie machten uns vertraut mit dem „Tempo-Laden“,

dem Vorläufer der Selbstbedienung: Der Verkäufer nahm ein Körbchen, und die

vor der Theke stehende Kundin sagte, was sie wollte. Der Verkäufer ging an die

Regale und packte das Gewünschte ein. Dies war inzwischen schon vom Groß-

Der Spiegel

| August 1950

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erbunden mit der Selbstbedienung ist der Einsatz moderner

Registrierkassen. Es sind kleine Wunderwerke, die auf einem

Bon nicht nur den Gesamtpreis ausdrucken, sondern auch alle Einzelpreise

der gekauften Waren. So kann der Kunde seine Einkäufe

nachträglich kontrollieren, und der Händler bekommt einen Überblick

über seine täglichen Umsätze. Größter Nachteil ist der hohe

Anschaffungspreis. Dadurch ist es erheblich teurer einen SB-

Laden einzurichten, als einen herkömmlichen Bedienungsladen.

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Tempo-Laden der REWE | um 1950

Das Wohnzimmer wird zum Laden

V

Außenansicht REWE Fahle, Dortmund | um 1950

händler gepackt angeliefert worden; immer weniger musste noch ausgewogen

werden. War der Kauf abgeschlossen, wurde der Korb an die Kasse gebracht,

und nur dort wurde kassiert. Das war der erste Schritt hin zur Selbstbedienung,

und die Amerikaner, das muss man wirklich sagen, haben uns das gebracht.

Nicht aus Altruismus, sondern aus reinem Egoismus, denn die wollten ihre modernen

Registrierkassen verkaufen. Alles, was aus den USA kam, war damals in

unseren Augen gut und fortschrittlich.“

Rudolf Fiene | ehemaliger Vorstandssprecher der REWE DORTMUND

iele stellen ihr Geschäft zunächst auf das Konzept des so

genannten Tempo-Ladens um. Hier wird vorgepackte Ware

von der Verkäuferin zusammengetragen und zur Kasse gebracht.

Das bringt nicht die gleichen Kostenvorteile wie die Selbstbedienung,

funktioniert aber auch auf kleineren Flächen, und

die meisten Geschäfte haben damals nur 40-50 qm. Doch wer

genügend Kapital zur Verfügung hat, baut nun größere Läden.

1951 gibt es bundesweit 39 SB-Läden, Mitte 1955 sind es schon

mehr als 500. Viele kleine Einzelhändler stellen Regale in die Schaufenster

und reißen Wände ein, um mehr Fläche zu gewinnen.

Manche nehmen das Wohnzimmer hinzu, andere das Treppenhaus.

„Da wurden zum Teil wilde Anbauten gemacht“, erzählt der

damalige Ladenbauer der REWE DORTMUND, Bernhard Gottesbühren.

„So konnte man von 30 auch mal auf 150 qm kommen.“

Kundeninformation zur Umstellung auf Selbstbedienung | um 1950

N

icht alle Kunden sind von der neuen Verkaufsform begeistert.

Manche reagieren verunsichert. Die Einzelhändler hören Sätze

wie: „Selbst nehmen, das ist was Unehrliches.“ Andere vermissen

die nette Verkäuferin, die die Kundenwünsche von den Lippen

abliest, und viele scheuen sich, die Lebensmittel anzufassen.

Einige Geschäfte informieren mit Handzetteln über die neue Verkaufsmethode:

„Willst Du etwas näher ansehen, dann nimm es

ruhig in die Hand. Gefällt es Dir, dann leg es in den Einkaufswagen.“

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as Ende der kleinen Bedienungsläden ist auch das Ende vieler

liebgewonnener Rituale. Es wird nicht mehr angeschrieben

und es bleibt weniger Zeit für ein Schwätzchen. Die

Kundenbindung nimmt ab. Den Stammkunden, der jeden Tag

zu seinem Händler an der Ecke kommt, gibt es ohnehin nur

noch selten. Viele sind nach dem Krieg umgezogen, weil sie

ausgebombt waren, viel mehr Frauen gehen arbeiten und kaufen

häufig irgendwo unterwegs ein, und immer mehr Verbraucher

folgen den Sonderangeboten und der größeren Auswahl.

„Die Werbung wird wichtiger als die Bekanntschaft“, heißt es

im REWE-Echo, „aber deswegen brauchen wir der guten alten

Zeit nicht nachzutrauern. Seien wir wirkliche Kaufleute, gehen

wir mit der Zeit!“ Gute Werbung, große Auswahl und niedrige

Preise werden zu den entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.

Von nun an beginnt ein langer Ausleseprozess. Nur die wirtschaftlich

lohnenden, großen Läden setzen sich durch.

Der Trick mit der Selbstbedienung

„Als das los ging, haben wir einen kleinen Trick gemacht: Wir

sind mit diesen kritischen Leuten ein paar Meter mitgegangen

und haben ihnen geholfen. Aber dann haben wir uns ans Telefon

rufen lassen und haben gesagt: „Das müssen Sie mal eben

festhalten.“ Dann blieben wir aber so lange am Telefon, bis es

es ihnen leid wurde, und sie sich die Ware selbst nahmen. Beim

zweiten oder dritten Mal war’s gut. Wir mussten wirklich die

Leute erst dazu kriegen.“

Erinnerungen eines Einzelhändlers | aus: Heike Lützenkirchen,

Lebensmittelhändler im Bergischen Land

REWE-Markt mit Sitzplatz für die Kunden | 1956

Anschreiben lohnt sich nicht

„Als ich 1949 den Laden meiner Mutter übernahm, stellte ich fest,

dass unsere Kunden insgesamt 7.000 Mark angeschrieben hatten.

Es war ganz schwierig, auch nur einen Teil davon wieder einzutreiben,

aber ich brauchte ja das Geld, um den Laden wieder aufzubauen.

Das war ein ganz großer Fehler, den ich auch gemacht

habe. Da könnte ich Ihnen heute noch ein Heft zeigen, wo die

Außenstände drin stehen, die ich nie bekommen habe. Das Anschreiben

hörte dann aber auf, weil Sie das Geld ja nicht bekamen

von den Leuten. Es gab immer mehr zu kaufen, und die Leute

wollten immer mehr und konnten es dann doch nicht bezahlen.“

Erinnerungen einer Einzelhändlerin | aus: Heike Lützenkirchen,

Lebensmittelhändler im Bergischen Land

Bedienungstheke eines REWE-Marktes

| 50er Jahre

S e i t e 0 9 4 | E n d l i c h w i e d e r We i h n a c h te n |

| K A P I T E L I I I |

| 19 4 8 - 19 5 4


1 0 0 J a h r e R E W E D O R T M U N D | 19 13 - 2 0 13

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Ursula Happe

geboren 1926

O L Y M P I A S I E G E R I N | M E L B O U R N E 1 9 5 6

200-Meter-Brus tschwimmen

Ich wurde 1926 in Danzig geboren und wuchs dort mit

meinen drei jüngeren Geschwistern auf. Mit Beginn des

Krieges, im September 1939, veränderte sich für unsere

Familie alles. Von diesem Zeitpunkt an musste sich unsere

Mutter alleine um die Familie kümmern, denn unser Vater

wurde mit Kriegsbeginn eingezogen

und fiel 1943 in Stalingrad.

Es war für meine

Mutter sehr schwer, mit vier

Kindern durchzukommen.

Ich kann mich erinnern, dass

am Ende der Woche immer

die Pfennige zusammen gezählt

wurden. Damals bekam

man aber auch noch ein

großes Brot für 25 Pfennige.

Heute gibt es dafür nicht

einmal mehr ein Brötchen.

1943 trennten mich die Einsätze

im Arbeits- bzw. Kriegshilfedienst

von der Familie und

führten mich über Mecklenburg

und Berlin schließlich

im Jahr 1945 nach Schleswig-

Holstein. Nach langer, Nerven

aufreibender Suche konnte

ich hier endlich meine Mutter

und meine Geschwister

wieder finden.

Im Jahr 1949 wurde ich als

amtierende Deutsche Meisterin

über 100-Meter-Brustschwimmen

zur Einweihung

des ersten Schwimmbades

in Dortmund, des Dortmunder Nordbads, eingeladen. Ich

startete damals für den Verein „Neptun Kiel“ und hatte eigentlich

nur einen kurzen Aufenthalt in Dortmund geplant, aber

die Stadt und ein Stellenangebot der „Westfälischen Rundschau“

machten mich so neugierig, dass ich das Angebot annahm

und schließlich in Dortmund blieb, bis heute.

In dieser Zeit gab es sicherlich noch keine großen Supermärkte,

sondern nur kleine „Tante Emma Läden“. Sie hatten

aber den Vorteil, dass man auch mit wenig Geld zumindest

einmal 1/4 Pfund Zucker oder auch nur ein Stückchen Butter

kaufen konnte. Man musste nicht immer gleich ein oder zwei

Kilo nehmen. Ich wohnte zu der Zeit mit meinem Mann in

der Märkischen Straße. Dort gab es gegenüber ein Kaffeegeschäft,

in dem man auch ein paar andere Dinge bekam, die

man brauchte. Und nebenan an der Ecke war der Schlachter.

An andere Geschäfte kann ich mich überhaupt nicht mehr

erinnern. Ansonsten musste ich zum Markt gehen, um Gemüse

oder andere Lebensmittel

zu kaufen.

Wenn man sieht, was und vor

allen Dingen, wie man heute

einkaufen kann, dann ist das

schon unglaublich. Das Angebot

ist so groß und verführerisch,

dass man aufpassen

muss, nur die Dinge einzupacken,

die man braucht. Es

gelingt leider nicht immer.

Bei Schokolade und Pralinen

ist die Versuchung ab und an

wirklich sehr groß.

Nun wohne ich seit 1967 in

Dortmund-Wellinghofen.

Früher gab es hier einen „Konsum“

und einen Bäcker. Später

eröffnete REWE an der

Preinstraße die erste Filiale.

Aus dem Konsum wurde

Edeka und mittlerweile ist

aus dem REWE ein moderner

Supermarkt geworden. Hier

finde ich heute alles, was ich

brauche. Betrachtet man das

aktuelle Angebot, ist dies sicherlich

kein Vergleich zur

damaligen Zeit.

Einen großen Auflauf gab es bei mir nie, nur weil ich Olympiasiegerin

war. Damals gab es ja noch kein Fernsehen. Man kannte

mich irgendwie, das war’s. Das fing ja schon an mit unserer

Ankunft nach den Olympischen Spielen 1956. Wir waren mit

dem Flieger aus Melbourne in Frankfurt gelandet und waren

eigentlich froh, fast zu Hause zu sein. Dann mussten wir aber

schon in Duisburg aussteigen und den nächsten Zug abwarten,

weil am Dortmunder Hauptbahnhof gerade die Borussen angekommen

waren. Der BVB war ja Deutscher Meister geworden.

Zwei Stunden haben wir gewartet und dann durften wir

bis nach Dortmund fahren und durch den Hinterausgang hinaus.

Aber, na ja, Borussia ist eben Borussia.

Z e i t z e u g e n e r i n n e r n s i c h

| W i e d e r a u f b a u , W ä h r u n g s re f o r m , W i r t s c h a f t s w u n d e r |

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S e i t e

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