Weisse Elefanten - Technikgeschichte der ETH Zürich

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Weisse Elefanten - Technikgeschichte der ETH Zürich

deutsche Architekt Hermann Sörgel wollte

an der Strasse von Gibraltar einen Damm

errichten. Damit sollte verhindert werden,

dass die natürliche Verdunstung des

Mittelmeers vom Atlantik her kompensiert

werden konnte. Mit dem Bau des Gibraltar-

Dammes und mit ein paar „kleineren“

Dammbauten beispielsweise an der Nilund

an der Rhonemündung hätten

einerseits (dank des ständig sinkenden

Mittelmeerspiegels) riesige Kraftwerke für

die Stromversorgung Europas gebaut

werden können, andererseits wären auf

dem afrikanischen Kontinent neue

Binnenmeere im Tschad- und Kongobecken

entstanden, welche die verkehrstechnische

Erschliessung Afrikas mit Schiffen

erleichtert und offenbar das afrikanische

Klima europäischen Ansprüchen angepasst

hätte.

Natürlich gibt es unzählige weisse

Elefanten, die nie realisiert wurden. Wir

tragen heute gewissermassen nur den

Bruchteil der möglichen Kosten all jener

Projekte, die irgendwann einmal geplant

worden sind. Einige davon wurden jedoch

wenigstens angefangen, gelangten ins

Entwicklungsstadium oder erlebten gar

einen mutigen Baubeginn, bevor sie an

ihrer eigenen Grösse zerbrachen. In solchen

Fällen stellt sich im Nachhinein und

angesichts der Verrücktheit der Vorhaben

jeweils die Frage, warum es immer wieder

dazu kommen kann, dass

überdimensionale technische Projekte

hinreichende kollektive Unterstützung

erhalten. Warum kann der Schaden

bisweilen nicht schon auf dem Papier

gemessen werden?

Vielleicht liefert dazu die Spieltheorie eine

befriedigende Antwort, und zwar sowohl

für die Planungsphase als auch für die

Anfangsphase der Realisierung, die ja beide

ihre eigenen Euphorien hervorbringen.

Weisse Elefanten können als das kollektiv

irrationale Ergebnis eines Spiels mit von

ihrer Absicht her rationalen Spielern

beschrieben. Wie Otto Keck behauptet, ist

im Fall von weissen Elefanten der

Spielverlauf als soziale Interaktion dadurch

gekennzeichnet, dass das Feedback über

Irrtümer grundsätzlich gestört sei und dass

diese Störung des Feedbacks sich deshalb

über längere Zeiträume stabilisieren lasse,

weil alle Spieler einen Abbruch des Spiels

befürchten müssten. Deshalb dürfen weisse

Elefanten nicht sterben, wenigstens in der

Öffentlichkeit nicht, oder sie dürfen es nur

dann, wenn sich aufgrund eines

strukturellen Wandels im politischen

System der desaströse Spielverlauf

propagandistisch ausschlachten lässt.

Daher ziehen sich die meisten weissen

Elefanten zum Sterben zurück.

Dirk van Laak hat in seinem Elefantenbuch

eine kunterbunte Sammlung von

grosstechnischen Projekten untergebracht

und sich vorgenommen, sie hinsichtlich

ihrer Ansprüche und hinsichtlich der

Gründe für ihr Scheitern zu untersuchen.

Der Absicht nach handelt sich hier also

schon fast um ein historiographisches

Grossprojekt. Der Umstand, dass van Laak

ausschliesslich assoziativ vorgeht – nach

dem Motto „ein Beispiel führt zum

nächsten“–, hat seine Realisierung gleich

doppelt verhindert.

Erstens bewegt sich van Laak auf lockeren

300 Seiten zum Beispiel von der

chinesischen Mauer über den Atlantikwall

zum Suezkanal, führt uns zur Bagdad-Bahn

und über verschiedene Brücken (aus Stahl

und Metaphern) in die

Elektrifizierungsgeschichte (Lenin, Tenesee

Valley Authority, Assuan-Staudamm,

Atomenergie mit schnellen Brütern und

Tschernobyl), wonach wir das Vergnügen

haben, nach Atlantropa geführt zu werden

und an der Nord-Südachse Germanias, der

Hauptstadt des „Tausendjährigen Reiches

zu enden.

Der Duktus wird auch im Kleinen aufrecht

erhalten: Im Kapitel „Korrekturen an der

Erdgeschichte“ erhalten wir auf knappen

acht Seiten Einblick in die anthropologische

Begründung für die Notwendigkeit der

Menschheit, Technik in ihren Dienst zu

nehmen, werden mit dem Snowy

Mountains Projekt in Australien vertraut

gemacht, lesen über das kalifornische

Central Valley Projekt (Hinweise auf

Goldrush und Hollywood werden

mitgeliefert), springen dann in den

kaspisch-mittelasiatischen Raum und

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