Von anderen lernen - Kirche für morgen

kfm.ev.de

Von anderen lernen - Kirche für morgen

2.2009

Was Kirche für morgen heute bewegt

Von anderen

lernen

Ökumenische Weite –

Interview mit Frère Alois

aus Taizé

Heimat für Grenzgänger –

Ein spirituelles Zentrum auf

evangelischer Grundlage

www.kirchefuermorgen.de

Pro und Contra –

Ist Kirche lernfähig?


Editorial & Inhaltsverzeichnis

Von anderen lernen

Liebe Leserinnen und Leser,

„Wir können alles

außer Hochdeutsch“

… das ist die etwas ironisch gemeinte

Selbsteinschätzung in

einer Werbekampagne für das

Land Baden-Württemberg. Wie ist

das mit unserer Kirche? – besonders

unserer württembergischen

evangelischen Landeskirche?

Manchmal gewinnt man den Eindruck,

dass die württembergisch-schwäbische Bescheidenheit

in der Kirche besonders oft gepaart mit

einer Form von Selbstgenügsamkeit auftritt. „Mir

brauchet nix“.

Wir können alles – zumindest besser als die anderen:

• Da ist das Papier „Kirche der Freiheit“ eigentlich

nur für die nördlichen und östlichen Landeskirchen

geschrieben. Im Süden – da ist alles besser.

• Da erlebt man Aufbrüche in und außerhalb unserer

Landeskirche – aber wir wissen sehr schnell, wie

theologisch fragwürdig manche Positionen sind,

und deshalb können wir auch gleich das Kind mit

dem Bade ausschütten.

• Da erleben wir, wie immer mehr Menschen – gerade

auch junge! – nach Gott fragen, aber in unserer

Landeskirche keine Heimat finden – und dennoch

ist das für uns kein Grund zu fragen: Was müssen

wir an unserer Kirche verändern? „Von anderen lernen

– das ist die einzige Chance den eigenen Horizont

zu erweitern! Fremdes sich zu Eigen machen:

genau so geschieht lernen. Indem wir Fremdes

kategorisch ablehnen – bleiben wir bei dem,

was wir schon immer waren.

• Wir nehmen wahr, wie es in anderen Ländern Aufbrüche

innerhalb von Kirchen gibt – auch in der

guten alten anglikanischen Kirche. Aber wie schnell

sind wir dabei, das dann wieder abzutun mit den

berühmten sechs Worten: „Das geht bei uns so

nicht.“

Heftthema: Von anderen Lernen

Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 2

Lernen im Spannungsfeld von

Anpassung und Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 3

Taizé –

ökumenischer Ort der Begegnung . . . . . . . . . Seite 5

Heimat für Grenzgänger -

das „Spirituelle Zentrum St.Martin“

in München . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 8

Pro + Contra

Ist Kirche lernfähig? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 10

Bausteine

Auf der Suche

nach dem Übernatürlichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 12

Von den Simpsons lernen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 13

Gemeindeporträt

Landeskirchl. Gemeinschaft

Verden / Aller –Gemeinde als

Lebensraum und Hoffnungsort . . . . . . . . . . . . . . Seite 14

Bausteine

Von Migrationsgemeinden lernen . . . . . . . . . . . Seite 17

Kfm intern

Aus der Landessynode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 18

Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 19

Zu guter Letzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 20

Lernen im Spannungsfeld von

Anpassung und Widerstand

Von anderen zu lernen ist notwendig und weiterführend. Dennoch

bleiben wir oft gerne beim Alten und Bekannten. Wie Lernen voneinander

sinnvoll funktionieren kann, zeigt Christoph Th. Scheilke.

Leicht ist es und schwer zugleich, von

anderen zu lernen. Kinder brauchen andere

Menschen um lernen zu können, zuerst

Eltern und Geschwister. Dann als Jugendliche

benötigen sie Ideale und Vorbilder

– moderne Heilige à la Bonhoeffer,

Martin Luther King, Mutter Teresa oder

„local heroes“. Kinder wachsen am anderen.

Sie müssen von anderen lernen.

Menschenbildung geschieht dabei in

einem ständigen Wechsel von Anpassung

und Widerstand. Dieser Wechsel ist wichtig.

Nachahmen allein bringt auf Dauer

nichts – wir müssen auch eigene Handlungsmöglichkeiten

entwickeln, durch die

wir uns abgrenzen.

Andersheit annehmen fällt schwer

Vom anderen zu lernen ist aber auch

schwer. Man muss ihn nämlich anders

sein lassen. Mein Gegenüber immer nur

an mich angleichen zu wollen, verringert

die eigenen Lernmöglichkeiten. „Erst

wenn der Einzelne den Anderen, in all

seiner Anderheit, als sich, als den Menschen

erkennt und von da aus zum Anderen

durchbricht, wird er, in seiner

strengen und verwandelnden Begegnung,

seine Einsamkeit durchbrochen

haben.“(Martin Buber, Das Problem des

Menschen, Heidelberg 1954, 163 f.)

Wie schwer es fällt, von anderen zu lernen,

zeigen die letztjährigen Entwicklungen

im deutschen Schulwesen. Da

gibt es schon seit langem hervorragend

arbeitende Schulen. Durch den seit 2006

verliehenen Deutschen Schulpreis hat

sich ein Netzwerk exzellenter Schulen gebildet.

Trotzdem arbeitet die große Mehrheit

der Schulen meist vor sich hin. Das

in der Vergangenheit gültige „Schema F“

macht’s leicht – da kann man ja angeblich

nichts falsch machen. Man macht es eben

wie die anderen. Das Problem jedoch ist:

Keine Schule gleicht wirklich der anderen,

jede ist einzigartig.

Schulen lernen voneinander, indem sie

auf die Unterschiede Acht geben. Gleichmacherei

auf der Ebene von Zielen oder

Verfahren funktioniert hier nicht. Es gibt

z.B. Best-practice-Beispiele dafür, dass

individuellere Lernmethoden an Schulen

gut funktionieren können. Unter althergebrachten

Bedingungen damit anzufangen

ist aber nicht sehr sinnvoll. Wie genau es

in der eigenen Einrichtung gehen könnte,

muss jede Schule für sich herausfinden.

Man muss den entscheidenden Grund,

warum etwas woanders funktioniert, begriffen

haben und dann nach ähnlich Erfolg

versprechenden Maßnahmen für die

Mein Gegenüber

immer nur an

mich angleichen

zu wollen,

verringert die

eigenen Lernmöglichkeiten

Christsein besteht wesentlich darin, unterwegs zu

sein, unterwegs sein wie das Volk Israel, unterwegs

sein wie Jesus selbst mit seinen Jüngern – und dabei

genau das zu tun, was man nur dann kann, wenn

man unterwegs ist: Von anderen lernen.

Dieses Heft des Zitronenfalters will uns einladen,

den Blick über unseren Horizont zu wagen und uns

darauf einzulassen, dass wir – auch und gerade in

Württemberg – von anderen lernen können.

Vielleicht gibt es dann bald in unserer Kirche eine

neue Formulierung:

„Wir können alles … nämlich auch von anderen lernen!

– So geht das auch bei uns!“

Friedemann Stöffler

2

Besuchen Sie unsere Homepage

Es gibt sie noch, die regelmäßig erscheinenden

Zitronenspritzer auf unserer

Homepage. Michael Josupeit macht sich

dort Gedanken über Gott und die Welt.

Aktuell schreibt er über den Sinn und

Unsinn kirchlicher Feste und lässt, quasi

als Sahnehäubchen, Hanns Dieter Hüsch

zu Wort kommen mit originellen Segenswünschen

zum Pfingstfest und für die

Zeit danach. Die Zitronenspritzer findet

man unter:

www.kirchefuermorgen.de/330 und ...315.

Fotolia (Monika Adamczyk)

3


Von anderen lernen

eigene Situation suchen. Eine charismatische

Schulleiterin wie beispielsweise

Enja Riegel kann man nicht kopieren,

aber Elemente ihrer Wiesbadener Schule

gleichwohl in die eigene Situation übertragen.

Auch Schultypen wie die Jenaplan-Schulen

unterscheiden sich wesentlich

voneinander, weil örtliche Bedingungen,

Einzugsgebiet, Kollegium,

bildungspolitische Rahmensetzungen je

verschieden sind.

Wahrnehmen, nachdenken,

aneignen

Was kann man also tun? Von anderen lernen

beginnt mit dem Wahrnehmen. Im Blick

auf verbesserten Schulunterricht empfiehlt

sich ein Besuch im Unterricht der Kollegin,

des Kollegen. Man kann sich aber auch

besuchen lassen. „Critical friends“ können

Das Pädagogisch-Theologische Zentrum

Stuttgart (ptz) arbeitet im Auftrag

der Evangelischen Landeskirche

in Württemberg.

Es berät LehrerInnen und PfarrerInnen,

die Religions- und Konfirmandenunterricht

erteilen und bietet

religionspädagogische Fortbildungen

für LehrerInnen sowie für Haupt- und

Ehrenamtliche im Konfirmandenunterricht

an. Das ptz verantwortet

außerdem die Ausbildung von VikarInnen

im Bereich Religionspädagogik,

wirkt mit an der Entwicklung

von Lehrplänen und erstellt Unterrichtshilfen

und Lehrmittel für evangelischen

Religionsunterricht und

den Konfirmandenunterricht.

Informationen über Fortbildungen

und eine Menge Materialien zum

Download finden sich auf der Homepage

unter www.ptz-stuttgart.de.

Fotolia (endostock)

einen auf Stärken aufmerksam machen, die

noch ausgebaut werden könnten. Konkrete

Schritte muss man dann selbst gehen,

sich etwas Erkanntes „zu eigen“ machen.

Lernen ist ja nur in seltenen Fällen das Resultat

von Belehrung. Sie geschieht durch

Aneignung. Dabei hilft das Gespräch mit

Kolleginnen und Kollegen, mit Freunden

und mit Gegnern. Man kann ja auch durch

Widerspruch des anderen lernen!

Chancen des Glaubenspluralismus

Um noch einen anderen Bereich anzusprechen:

In einer religiös pluralen Gesellschaft

lernt man die eigene Religionsausübung

nicht nur durch Reflexion

und Nachvollzug der eigenen Glaubensgrundlagen.

Gerade durch die Begegnung

mit denen, die eine andere Konfession

oder Religion leben – oder gar

keine! – wird man der eigenen Besonderheiten

bewusst mit ihren Chancen,

aber auch Grenzen. So erfahren wir

durch eine solche Begegnung nicht nur

Neues über andere, sondern auch über

uns selbst. Die Versuche der beiden

großen Kirchen, den Religionsunterricht

in Form einer Konfessionellen Kooperation

zu ermöglichen, in der zwei Lehrkräfte

unterschiedlicher Konfessionen

eine begrenzte Zeit aus je ihren Perspektiven

unterrichten, sind Resultat

solcher Einsichten.

Von Jesus glauben lernen

Glauben zu lernen ist nicht möglich

ohne von anderen zu lernen. Ja, ohne

den ganz Anderen – ohne Gott und sein

Handeln an uns – ist Glauben uns gänzlich

verwehrt. Damit ist glauben lernen

höchst intensives Lernen. Vom anderen,

von Jesus glauben lernen heißt nachfolgen.

Ohne wenn und aber im Vertrauen

auf die Rechtfertigung Gottes und im

Bemühen um unsere Heiligung. „Mein

Joch ist sanft und meine Last sei leicht,“

sagt Jesus. Von ihm zu lernen ist schwer

und leicht zugleich.

Dr. Christoph Th. Scheilke, Pfarrer,

Direktor des Pädagogisch-Theologischen

Zentrums der Evangelischen Landeskirche

in Württemberg, Honorarprofessor

der Uni Münster/Westf. sowie

Lehrbeauftragter der Uni Tübingen.

Taizé – ökumenischer Ort der Begegnung

Taizé inspiriert jedes Jahr tausende Besucher aus aller

Welt, ihren Glauben zu erneuern und zu vertiefen.

Im Gespräch mit dem Prior Frère Alois versucht

Thomas Hoffmann-Dieterich, das Geheimnis von Taizé

näher zu ergründen. Frère Alois ist katholisch und

kommt aus Deutschland.

Frère Alois, in den normalen Gottesdiensten

der etablierten Kirchen spüren

viele Menschen oft nur noch wenig von

Gottes Gegenwart. Anders in Taizé.

Schon nach ein bis zwei Tagen beginnen

entkirchlichte Menschen zu singen

und zu beten. Wie erklären Sie sich solche

Verhaltensänderungen?

Wir sind überrascht, wie sehr sich die

Jugendlichen hier öffnen. Dies hängt

auch damit zusammen, dass Frère Roger

es gewagt hat, die Gebetsform und auch

die Form des Kirchenraumes in Taizé zu

verändern. Ich nenne ein Beispiel: Dreimal

am Tag lesen wir in der Kirche aus

der Bibel. Wir können dazu aber angesichts

der vielen Sprachen nicht dreimal

am Tag eine Auslegung geben. Das machen

wir in den Bibelgruppen, außerhalb

des Gottesdienstes, dort geschieht

die Bibelarbeit mit Auslegung und anschließendem

Gespräch. In der Kirche

hören wir einfach ein Bibelwort, und

dann ist Stille. Damit wollen wir einen

Zugang schaffen zur Mitte des Evangeliums,

Christus selbst, zu seinem Tod und

seiner Auferstehung, und zu seiner Gegenwart

heute. Darauf soll unser Gottesdienst

ausgerichtet sein. Deshalb

konzentrieren wir uns auf kurze Texte

und die Stille vor Gott. Wir sind erstaunt,

wie sehr Jugendliche das annehmen.

Viele Jugendliche sagen mir am

Ende der Woche, die Stille sei für sie

das Wichtigste gewesen. Das ist doch

erstaunlich. Sie haben ein tiefes Bedürfnis

nach Stille und Einfachheit. Die Tatsache,

dass Jugendliche hier unter gleichen

Bedingungen leben – jemand aus

Deutschland nicht anders als jemand

aus Afrika – bewirkt, dass sie anders

aufeinander zugehen. Sie hören ganz

anders aufeinander. Die Einfachheit, die

Stille – das sind ganz tiefe Bedürfnisse,

die hier in Taizé geweckt werden.

Nach dem Abendgottesdienst bleiben

viele Jugendliche in der Kirche, singen

weiter oder suchen das Gespräch mit

den Brüdern.

4 5

Die Stille

war das

Wichtigste


Wir ermutigen

die Jugendlichen,

in ihren

Herkunftskirchen

Gebet und

gemeinsames

Teilen zu

praktizieren

Ja, danach geschieht noch viel. Manche

sagen: Da fängt das eigentliche

Gebet erst an. Damit haben jedoch die

Jugendlichen begonnen, das war nicht

unsere Idee. Wir beteten und sangen

dreimal täglich eine dreiviertel Stunde

und wandten uns dann wieder unserem

Tagwerk zu. Die Jugendlichen aber sind

einfach dageblieben. Daraufhin meinte

Frère Roger, einige Brüder müssten

ebenfalls bleiben und die Jugendlichen

begleiten. Die Jugendlichen kommen zu

uns zu persönlichen Gesprächen. Sie

wollen mitteilen, was sie hier erleben,

eine Sorge loswerden, eine Frage stellen

oder einfach sagen, was sie freut. Nach

dem Abendgebet können sie immer jemanden

von uns ansprechen oder auch

einen Augenblick lang mit jemandem

beten. Darüber hinaus gibt es auch Gelegenheit

zur Beichte.

Das Abendmahl in Taizé

Ist das Abendmahl, das die Jugendlichen

empfangen, eigentlich ein katholisches

oder ein evangelisches, oder ist

es ein „Taizé-Abendmahl“?

Sicher kein „Taizé-Abendmahl“, denn

dann wären wir ja eine neue Kirche. Das

ist eine ganz schwierige Frage, für die

wir im Grunde genommen keine Antwort

haben. Wir wollen keine „Taizé-Lösung“.

Wir ermutigen die Jugendlichen vielmehr,

in ihre Herkunftskirchen zurückzukehren

und dort Gebet und gemeinsames

Teilen zu praktizieren. Wir ermutigen

sie, ihre Wurzeln zu erkennen und

von dort her die Ökumene zu entdecken.

Anfang der siebziger Jahre, als die

ersten katholischen Brüder in die Communauté

eintreten konnten, hat Frère

Roger gesagt: „Wenn wir zusammen

sind, wollen wir an einen Tisch gehen.“

Es tat sich mit Einverständnis der Bischofskonferenz

in Frankreich die Möglichkeit

auf, dass alle Brüder an einen

Tisch gehen können. Deshalb wird am

Ende jedes Morgengebets die Kommunion

ausgeteilt. Es gibt außerdem jede

Woche am Samstag eine oder mehrere

Abendmahlsfeiern in den Heimatsprachen

anwesender evangelischer Gruppen.

So oft orthodoxe Christen unter

den Besuchern sind, halten sie Eucharistie

nach ihrer Ordnung. Es ist wichtig,

dass hier jeder verantwortlich handelt.

Es kann nichts Zwangsläufiges geben.

Deshalb teilen wir auch jeden Morgen

gesegnetes Brot aus, ein Brauch, der

aus den Ostkirchen kommt. Jugendliche

stehen mit Brotkörben bereit. Auch ganz

kleine Kinder und die mitunter beträchtliche

Zahl von Jugendlichen, die nicht

getauft sind, können dieses gesegnete

Brot nehmen. Aber auch alle anderen.

Dies ist ein Zeichen der Gemeinschaft in

Christus für alle, ein Zeichen, das die

Trennung ein bisschen entschärft.

Ihr Vorgänger, Frère Roger, war ja ein

Brückenbauer hin zur katholischen

Kirche. Er konnte sogar die Türen zum

Vatikan weit öffnen. Brüder von Taizé

leben jedoch auch in Afrika oder Lateinamerika.

Wäre es denkbar, dass die

Brüder, die dort leben, die Türen auch

zu den charismatischen und evangelikalen

Pfingstgemeinden hin öffnen,

etwa mit gemeinsamen Gottesdiensten

und sozialen Projekten?

Diese Frage ist wichtig und stellt sich

uns ganz konkret, zum Beispiel bei den

Brüdern, die im Nord-Osten Brasiliens

leben, in Bahia, in einem sehr armen

Stadtviertel, wo die evangelikalen Gemeinden

sehr stark anwachsen. Die Brüder

suchen dort einen Dialog.

Bibeln für China

Da wir gerade bei der weltweiten Kirche

sind: Ich habe gelesen, dass Sie

gerade eine Million Bibeln für China

drucken lassen. Können Sie dazu noch

einen Satz sagen?

In China ermutigen die Kirchenverantwortlichen

dazu, mehr in der Bibel zu

lesen, insbesondere ermutigen sie die

Jugendlichen und die Menschen, die

sich auf die Taufe vorbereiten oder erst

kürzlich getauft worden sind. Dieses Bemühen

wollen wir unterstützen und haben

deshalb die Initiative ergriffen, vor Ort,

in Nanjing, eine Million Bibeln drucken

zu lassen, genauer gesagt 800.000 Neue

Testamente und 200.000 Bibeln. Die Bibeln

dürfen nicht importiert werden,

sondern müssen in China gedruckt werden.

Die ersten 100.000 Exemplare wurden

nach Ostern ausgeliefert. Der Weltbund

der Bibelgesellschaften stellt das

benötigte Papier zur Verfügung. Die

Christen in diesem großen Land sind für

diese Unterstützung dankbar. So ein

Projekt kann freilich nur gelingen, wenn

uns viele Menschen, die dazu in der

Lage sind, unterstützen. Der Druck eines

Exemplars des Neuen Testaments kostet

etwa 1,50 Euro, eine Bibelausgabe etwa

3 Euro. Leser des Zitronenfalters, die

diese Aktion unterstützen möchten,

können auf das unten genannte Konto

einen Geldbetrag überweisen 1 .

Frère Alois, Sie haben während ihres

Noviziats auch in Lyon Theologie studiert.

Gab es eine Denkschule oder

einen Theologen, der sie damals besonders

fasziniert hat?

Unser Studium machen wir in Taizé

selbst. Wir haben damals auch einige

Vorlesungen in Lyon gehört. Vor allem die

Geschichte der alten Kirche und die Kirchenväter

habe ich dort entdeckt. Es freute

mich, als ich las, dass Bonhoeffer in

Tegel ebenfalls die Kirchenväter studiert

hat. Ich hatte immer großes Interesse an

Dietrich Bonhoeffer. Die Parallelen zu

Frère Roger, auch was die Suche nach

einem gemeinsamen Leben angeht, sind

erstaunlich. Obwohl sie völlig verschieden

waren und sich nie getroffen haben.

Wollten Sie eigentlich einmal Priester

werden?

Nein, Priester gehören in die Kirchengemeinden,

wir sind eine Laiengemeinschaft.

Stuttgarter Wurzeln

Sie sind im Stuttgarter Osten aufgewachsen.

Was verbindet sie mit Stuttgart?

Vor allem meine Familie. Die Geschwister

leben immer noch in Stuttgart, und

ich bin dort aufgewachsen. Ich habe unzählige

Kindheits- und Jugenderinnerungen,

die mich mit Stuttgart verbinden.

Deshalb freue ich mich ganz besonders,

dass ich im Oktober dieses Jahres

wieder nach Stuttgart kommen kann.

Am 10. Oktober halten wir in der Stiftskirche

und der Kathedrale St. Eberhard

gleichzeitig ein Abendgebet,an dem auch

Landesbischof Frank O. July und Diözesanbischof

Gebhard Fürst gemeinsam

teilnehmen.

Was ist das Anliegen bei dem Besuch

in Stuttgart?

Wir haben zwei Anliegen: Dass wir uns

mit allen, die an diesem Tag teilnehmen,

die Frage stellen, was Glauben in unserer

Welt heute bedeutet. Was bedeutet Vertrauen

auf Gott? Wie kann das unser

Leben prägen? Der Glaube sollte ja nicht

einfach eine Theorie sein, sondern soll

unser Leben prägen, und da ist das Stichwort

Vertrauen für uns hier in Taizé sehr

wichtig. Unser anderes Anliegen ist: Wie

können wir aus diesem Vertrauen auf

Gott heraus auch in unserer Gesellschaft

Vertrauen schaffen? Das ist etwas ganz

Dringendes: Vertrauen in die Zukunft, in

einer Situation, in der die Zukunft nicht

rosig aussieht. In der sich viele Jugendliche

fragen: Wie soll mein Leben weitergehen?

Wir freuen uns darüber, dass schon

viele ihre Bereitschaft bekundet haben,

diesen Abend mit vorzubereiten!

Infos zu Taizé

Homepage: www.taizé.fr

Erfahrungen von Jugendlichen:

www.jugendtreffen.info

Fahrtmöglichkeiten nach Taizé:

www.regenbogen-tourservice.de

(wöchentlicher Pendelbusverkehr von

März bis November ab Karlsruhe)

Taizé – Jugendtreffen in Stuttgart am Samstag, 10. Oktober 2009:

Auf Einladung der beiden württembergischen Bischöfe kommen Frère Alois

und einige andere Brüder nach Stuttgart.

12.30 Uhr: Mittagsgebet in der Stiftskirche, anschl. Mittagessen

Nachmittags: Verschiedene Angebote für Jugendliche ab 14 Jahren

19.30 Uhr: Abendgebet in der Stiftskirche und in St. Eberhard

Aktuelle Infos: www.ejus-online.de/termine/taize2009.html

1. Aus den Ländern der Eurozone: Opération Espérance, IBAN: FR76 30003 01212 00037260029 02, BIC–SWIFT:

SOGEFRPP bei der Société Générale, CLUNY, Frankreich (Kosten lediglich in Höhe einer Inlands-Überweisung)

Wie können

wir aus dem

Vertrauen auf

Gott heraus

auch in unserer

Gesellschaft

6 7

Vertrauen

schaffen?


Heimat für Grenzgänger

Martin Schmid hat das „Spirituelle Zentrum St. Martin“ in München

besucht. Dort will man auf unkonventionellen Wegen Brücken

zum christlichen Glauben bauen, ohne die eigene Identität aufzugeben.

Der Leiter, Pfarrer Andreas Ebert, berichtet von seinen Erfahrungen.

Vor fünf Jahren hat die evangelisch-lutherische

Landeskirche in Bayern das

Hinterhof-Gemeindezentrum St. Martin,

eine Dépendance der großen St. Lukaskirche

im angesagten Münchner Glockenbachviertel,

in ein „Spirituelles Zentrum“

umgewidmet. Der Anlass dafür war der

Rückzug der Landeskirche aus dem „Haus

der Stille – Schloss Altenburg“, einer Meditationsstätte

außerhalb von München.

Die Gründe dafür waren finanzielle und

„ideologische“. Die Spiritualität Schloss

Altenburgs erschien vielen kirchlichen Insidern

als zu synkretistisch: Bogenschießen,

Yoga, Tai Chi, Zen-Meditation, schamanische

Riten neben ignatianischen Exerzitien

und christlicher Kontemplation –

der Mix kam manchen Kritikern zu beliebig

vor. Die christliche oder gar lutherische

Identität schien in Gefahr.

dort nur mit Wasser gekocht

wird – oder sie hatten irgendwann

Sehnsucht nach den eigenen

abendländischen und christlichen

Wurzeln. Das freilich bedeutet

in der Regel nicht, dass sie einfach zu

den traditionellen christlichen Formen

und Formeln zurückkehren wollen. Solche

Menschen bringen Erfahrungen mit.

Die Frage ist, ob wir solche Erfahrungen

wertschätzen oder abweisen.

Alte Gebetsformen neu entdecken

Obwohl die Bibel ein

durch und durch lebensbejahendes

Buch ist, mit

vielen Hinweisen auf die

Körpersprache (Psalm 84,3:

„Mein Leib und Seele freuen

sich in Gott“), hat sich das gestische

Beten wenig entwickelt.

Die Begegnung mit östlichen

Religionen hat bei uns als Protestanten

das Bewusstsein verändert

und uns Mut gemacht, beim

Beten auch einmal zu knien oder

die Hände zu öffnen, anstatt sie

vor dem Bauch zu falten.

Man kann das am Beispiel der Meditation

festmachen: In den westlichen christlichen

Kirchen waren die Mystik und die

sogenannten kontemplativen Formen des

Evangelische Freiheit

Gebets (schweigende Versenkung) weitgehend

In St. Martin erleben wir, dass es

in Vergessenheit geraten. Vor

Menschen gut tut, sich mit Leib und

allem Missionare und katholische Ordensleute

Seele auf Gott einzulassen. Medita-

Brückenbauer

waren es, die im ausgehenden 20.

tiver Tanz, kontemplatives Sitzen in

Jahrhundert in Fernost die dortigen Praktiken

der Stille, Tai Chi, die Wiederbelebung

St. Martin ist der Versuch, aus einer

der Meditation und der spirituellen

alter Rituale wie das Aschenkreuz am

klaren christlichen Mitte heraus suchende Körperarbeit – insbesondere Zen-Meditation

Aschermittwoch, oder auch Segnung

Menschen innerhalb und außerhalb der

und Yoga – kennen und schätzen

und Salbung unterstützen einen ganz-

Kirche anzusprechen, ohne sich dabei lernten. Manche von ihnen begannen zu

heitlichen Glauben, der nicht im Kopf

ständig abzugrenzen. Wer eine eigene forschen, ob es im Christentum nicht Ähnliches

bleibt. Wir sind dankbar für die Begeg-

Unseren

Wer eine

gibt – und sie wurden fündig. Vor

nung mit anderen Konfessionen und Re-

Identität hat, muss die Begegnung oder

Überfremdung nicht fürchten, kann ökumenisch

und sogar interreligiös lernen christlichen Ostens gibt es einen spiriturituellen

Horizont zu erweitern, ohne

allem in den orthodoxen Kirchen des

ligionen, die uns einladen, unseren spi-

spirituellen

und anderen Traditionen und Wegen mit ellen Traditionsstrom, der bis ins frühe

unsere Identität aufzugeben. Wir als Horizont

hat, muss die

Respekt begegnen. Das freilich ist eine Mönchtum zurückreicht. Er nennt sich

Evangelische haben zu diesem Dialog

Gratwanderung, die dazu führt, dass den „Hesychasmus“ (von griechisch hesychia=

Herzensruhe) und basiert auf der

zur Bibel, unser Bemühen, Glaubensin-

eine Menge beizutragen: unsere Liebe erweitern,

einen St. Martin zu christlich ist, den anderen

zu offen. Aber wir sind der Meinung:

mantrischen Wiederholung des Jesusnahalte

auch dem Verstand zugänglich zu ohne unsere

Solange es Kritik von beiden Seiten mens bzw. des Zöllnergebets „Herr Jesus

machen, die Wertschätzung des Einzel-

gibt, müssen wir irgendetwas richtig machen.

Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über

nen und seines Weges und all das, was Identität

Wer Brücken baut, muss damit mich“. Ein solches mantrisches Gebet ge-

– richtig verstanden – „evangelische

rechnen, dass man von beiden Seiten auf schieht in Verbindung mit Atmung, Herzschlag,

Freiheit“ heißt. Sie befähigt uns aus der aufzugeben

diesen Brücken herumtrampelt.

und manchmal auch unter Zuhilfe-

Mitte heraus, die Jesus Christus heißt,

nahme einer Gebetsschnur, wie es sie in

alles zu prüfen und das Gute zu behalten.

Die Rückkehr der Suchenden

den großen Religionen gibt – im westlichen

Christentum der „Rosenkranz“,

„Alles ist euer – ihr aber seid Christi“.

Oder wie Paulus an anderer Stelle sagt:

Viel erfreulicher ist aber die Tatsache, neuerdings auch die lutherischen „Perlen

dass diese zugleich klare und dennoch des Glau bens“. Die vorurteilslose Begegnung

offene Haltung auch anziehend wirkt.

mit dieser dem westlichen Christen-

Zum typischen Klientel des Spirituellen tum fremden Praxis führte in vielen Fällen

Zentrums zählen Menschen, die von der

dazu, dass die spirituell Suchenden

Andreas Ebert, Pfarrer und Leiter

Kirche entfremdet waren, aber dennoch ihre eigene Tradition neu und vertieft

des Spirituellen Zentrums St.Martin

am Glockenbach in München

spirituell gesucht haben, z.B. im Buddhismus

oder in indischen Aschrams. rituelle Quellen wieder freilegten.

Weitere Hinweise unter

kennen lernten und dort verschüttete spi-

(Autor, u.a. „Das Enneagramm“)

Sie haben jedoch gemerkt, dass auch Ähnliches gilt auch für das Körpergebet.

www.stmartin-muenchen.de

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eigene Identität

Begegnung oder

Überfremdung

nicht fürchten

Von anderen lernen

Fotolia (Bartlomiej Nowak)

Solange es

Kritik von

beiden Seiten

gibt, müssen

wir irgendetwas

richtig

machen


&

PRO CONTRA

Pro & Contra

Ist Kirche lernfähig?

Nicht nur die Menschen in der Kirche, sondern die Evangelische Kirche als Organisation?

Wir haben zwei Insider gefragt, die es wissen müssen. Ihre Einschätzung

hätte nicht unterschiedlicher ausfallen können. Ulrich Mack, Prälat in Stuttgart,

und Reinhold Krebs, Landesreferent im ejw, beziehen eindeutig Position im Blick

auf die Lernfähigkeit der Evangelischen Kirche.

„Was Lernfähigkeit angeht,

„Was Lernfähigkeit angeht, ist die

ist die Evangelische Kirche auf einem guten Weg.“

Evangelische Kirche auf keinem guten Weg.“

Hoffentlich! Zumindest ist sie auf einem Weg,

ich meine: in vieler Hinsicht auch auf einem

guten – und das schon seit 500 Jahren. Die Reformation

zeugt von ihrer Fähigkeit, auf das

Evangelium zu hören und immer neu zu fragen,

wie Gemeinde heute leben und Verkündigung

aussehen soll.

Was hat sich allein in den letzten fünfzig Jahren

verändert? Neue Gottesdienstformen sind

entstanden, ungezählt viele neue Lieder wurden

gedichtet und komponiert, Musikstile

haben sich verändert, die Zahl der Gruppen,

Kreise, Projekte und Aktionen (und auch die der

Gemeindehäuser!) hat sich massiv vermehrt, Ehrenamtliche

und gewählte Gremien wirken an

der Leitung der Kirche viel stärker mit als früher.

Auch die Entstehung von Kirche für morgen ist

ein lebendiger Erweis kirchlicher Lernfähigkeit.

Wobei ein qualifiziertes Lernen immer auch den

Blick dafür schärft, was noch alles zu lernen

wäre.

Im Projekt „Wachsende Kirche“ wollen wir das

Finden neuer Wege unterstützen und Modelle

multiplizieren. Aktionen wie „ChurchNight“ werden

gefördert. Neue Gemeindeformen werden

zurzeit initiiert, diskutiert und probiert. Und

trotzdem: Es bleibt weiter viel zu lernen und zu

tun. Warum? Einfach deshalb, weil sich Menschen

verändern und Gesellschaft wandelt. Und

als Kirche müssen und wollen wir darauf reagieren.

Ich komme aus einer aktiven Jugend arbeit.

Da haben wir gelernt, dass jede Generation neu

fragen muss: Was ist jetzt dran? Wie erreichen

wir Jugendliche in ihren Lebenswelten?

„Ecclesia semper reformanda“ – Kirche muss

immer wieder reformiert, erneuert und gestaltet

werden. Erst in der Ewigkeit hat sie ausgelernt.

Wobei ich verstehe, dass manches heute nötige

Lernen vielen Christen viel zu langsam geschieht

oder wegen zu viel Verkrustungen gar

nicht. Viel wichtiger ist für mich aber die Frage:

Was und vor allem von wem lernen wir? „Lernt

von mir“, sagt Jesus (Mt 11,29). Lernfähig bleibt

unsere Kirche dann, wenn wir hörbereit auf sein

Wort, offen für seinen Heiligen Geist und sensibel

für die Situation der Menschen sind. Klar –

es gibt in unserer Kirche viele Gründe zu jammern.

Aber es gibt einen Grund, mutig zu glauben,

gelassen zu vertrauen, intelligent das

Evangelium weiterzugeben und fröhlich mit anzupacken:

Jesus Christus selbst. Mit ihm sind

wir auf einem guten Weg.

Ulrich Mack,

Prälat in Stuttgart

„Gib mir ein bisschen Sicherheit in einer Welt,

in der nichts sicher scheint“ singt die Band Silbermond

– selbst in der jungen Generation

wächst das Bedürfnis nach dem „Fels in der

Brandung“. Kommt das nicht wie gerufen für die

Evangelische Kirche? „Unsere Evangelische Kirche:

gestern, heute – und dieselbe auch in Ewigkeit.“

Genau hier lauert der Sündenfall, das

„Sein wollen wie Gott“. Eine solche Kirche mag

neue Bedürfnisse moderner Gesellschaften erfüllen,

aber nicht ihre Berufung.

„Wenn unser Herr Jesus Christus sagt ‚Tut

Buße’, will er, dass unser ganzes Leben Buße

ist.“ Die erste These Luthers gilt auch der Kirche.

Buße meint ja: Umdenken, herausgerufen

sein aus den Sachzwängen der Welt, Neuorientierung

auf das Reich Gottes hin. Ist die Evangelische

Kirche eine „Veränderungs-Agentur“,

die sich immer neu auf Gott und die Menschen

ausrichtet – flexibel, visionsorientiert, dynamisch?

Kirche, so wie sie ist, als konsistoriales System

mit Beamten, gleicht am ehesten der Schule

und der öffentlichen Verwaltung. Wer dort in

den 1990er Jahren „neue Steuerung“ erlebte,

wer Schulrektoren heute stöhnen hört über Veränderungsdruck,

kann bei Kirchens nur Gemächlichkeit

und Dornröschen-Schlaf diagnostizieren.

Projekte wie „Notwendiger Wandel“ zeigen

schon im Namen, wie Wandel gesehen

wird.

Auch die deutsche Bildung hielt sich für spitze,

bis sie lernte – PISA sei Dank – wirklich in

den Spiegel zu sehen. Der PISA-Schock steht

der Kirche erst noch bevor. Zu gern lebt man

noch in Illusionen. So zählt man an vier Sonntagen

die Gottesdienst-Besucher, darunter Heiligabend

und Erntedank. Und Bischöfe weisen

gern darauf hin, dass in den deutschen Gottesdiensten

sonntags mehr Menschen seien als

samstags in den Bundesliga-Stadien. Ist es intelligent

zu beteuern: In unseren 16.000 Veranstaltungen

sind mehr als in euren neun? Dagegen

müsste man mal die Realität sonntäglicher

Innenstadtkirchen in einer Fotoserie dokumentieren.

Als Kirche für morgen 2003 Zahlen über

die Altersstruktur der Besucher veröffentlichte,

wurde uns „Alters-Rassismus“ vorgeworfen.

Lieber nicht so genau hinschauen.

Hesekiel 37 erzählt, wie der Prophet auf ein

Feld voller Knochen geführt wird. Erst dort, in

der Stunde schonungsloser Wahrnehmung, in

der eigenen Hilflosigkeit, empfängt er das Verheißungswort,

dass der Geist des Lebens neu

wehen wird. Anders wird es mit unserer Kirche

auch nicht sein.

Reinhold Krebs,

Landesreferent im ejw

und Vorstandsmitglied

von Kirche für morgen

ABENTEUER AUSLAND

1˚¸Jî%ª)=Ò@≠9

Neulich führten die Vereinten Nationen eine Umfrage bei ihren Mitgliedstaaten durch. Die Frage

200 Organisationen bieten 12monatige Praktika als „Freiwilligendienste“

an. Junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren können

lautete: „Bitte sagen Sie uns Ihre ehrliche Meinung zu einer Lösung der Nahrungsmittelknappheit

entwicklungspolitische Erfahrungen sammeln und vielseitig neue

im Rest der Welt.“ Das Ergebnis war ein kompletter Reinfall. In Afrika wussten die Menschen nicht,

Perspektiven gewinnen.

was „Nahrungsmittel“ bedeutet. In Westeuropa wussten sie nicht, was „Knappheit“ bedeutet. In

Nähere Infos unter www.weltwaerts.de.

Osteuropa wussten sie nicht, was „Meinung“ bedeutet. Im Nahen Osten wussten sie nicht, was

Eine Zusammenstellung kirchlicher Angebote findet sich unter

„Lösung“ bedeutet. In Südamerika

¸˚@Ò_´˘›¯<

wussten sie nicht, was „Bitte“ bedeutet. Und in den Vereinigten

www.kirchefuermorgen.de/zitronenfalter.

Staaten wusste keiner, was „Rest der Welt“ bedeutet.

10 11


Bausteine

Auf der Suche nach dem Übernatürlichen

Spirituell Suchende samt ihren Erfahrungen ernst nehmen und dabei die eigene

Glaubenserfahrung ins Spiel bringen – geht das? Christoph Schneider startete

dazu die Projektgruppe „Natürlich Übernatürlich“.

Bausteine

Von den Simpsons lernen

Kennen Sie Familie Simpson? Homer Simpson, der Vater, ist ein Vielfraß, der seine

Arbeitszeit als Kontrolleur in einem Kernkraftwerk verträumt. Seine zupackende

Ehefrau Marge versorgt die Kinder: Maggie, das Baby, Lisa, die hochbegabte Tochter,

und Bart, den hyperaktiven Strolch.

Literatur:

Brudereck, Christina

(2007):

Weht denn

auch der Zeitgeist,

wo Gott will?,

S. 25-31, in

Faix, Tobias und

Weißenborn, Thomas

[Hg.] (2007):

Zeitgeist, Kultur und

Evangelium in der Postmoderne,

Verlag der Francke

Buchhandlung GmbH,

Marburg.

12

„Jede Suche, jede heilige Frage ist als

leises Gottesahnen zu würdigen!“ (Brudereck,

2007, S. 28). Unter diesem Motto

stand unser Experiment „Natürlich Übernatürlich“.

Wir wollten als überzeugte

Christen andere einladen zur Suche nach

dem Übernatürlichen, voneinander und

miteinander aus den Erfahrungen lernen.

Gemeinsame Übungen wie z.B. Meditationen

halfen uns dabei, auf natürliche

Weise dem Übernatürlichen Raum

zu geben und Gott zu begegnen.

Lässt sich jemand darauf ein?

Unser Leben besteht aus mehr als natürlichen,

also rational erklärbaren Dingen.

Eine Freundin, Katharina, und ich

hatten das Gefühl, dass andere Menschen

in unserem studentischen Umfeld

das ähnlich sahen. Warum also nicht zusammen

mit anderen nach dem Übernatürlichen,

nach Gott suchen?

Wir verfassten Einladungen und luden

Menschen aus unserem Bekanntenkreis

ein, von denen wir hofften, dass sie

auch Lust auf die Suche nach dem Übernatürlichen

hätten. Tatsächlich, eine

Hand voll Leute ließ sich auf unser Experiment

ein. Wichtig war uns, eine lockere

und entkrampfte Atmosphäre bei

den Treffen zu schaffen. Sich einander

ohne Vorurteile zu begegnen, ehrlich

miteinander umzugehen, so dass niemand

verletzt wird, das waren wichtige

Elemente von „Natürlich Übernatürlich“.

Drei mal sechs Treffen

Zwischen Dezember 2007 und Januar

2009 fanden innerhalb von „Natürlich

Übernatürlich“ drei so genannte Seasons

statt. Jede war auf sechs Treffen

ausgelegt. Zu jeder Season wurde neu

eingeladen, allerdings blieben viele, sofern

sie dies wollten, bei der nächsten

Runde dabei.

Beim ersten Treffen tauschten wir uns

über Spiritualität und das Übernatürliche

aus. Wer glaubt was? Wer praktiziert

welche Übungen? Katharina und ich

erzählten von der christlichen Spiritualität

– von unseren Gebeten und unserem

Leben mit Gott.

Natürlich waren wir besonders gespannt,

ob wir als Gruppe zueinander

finden würden. Im Nachhinein stellten

wir fest, dass wir so etwas wie eine „gesegnete

Atmosphäre“ erlebten.

Bei den folgenden Treffen sammelten

wir Erfahrungen auf der Suche nach Gott

durch verschiedene Übungen und reflektierten

unsere Erlebnisse.

Wir trafen uns zum Beispiel, um gemeinsame

Zeiten der Ruhe zu haben,

um in der Stille Gott zu erleben. Die Exerzitien

des Ignatius von Loyola begleiteten

uns dabei auf unserer Suche.

Durch Meditations- und Wahrnehmungsspaziergänge

wollten wir Gott in der

Schöpfung erkennen. Ein besonderes

Highlight für mich war das gemeinsame

Abendmahl in einem Park in Mannheim,

wo wir das Brot miteinander teilten.

Statements von Teilnehmenden

„Natürlich Übernatürlich“ war für jeden

ein bisschen anders, wie diese Zitate

zeigen:

„Natürlich Übernatürlich“ war für mich ...

• eine tolle Möglichkeit, Menschen unterschiedlichen

religiösen Hintergrunds

kennen zu lernen und mich mit

ihnen über den Glauben auszutauschen.

• eine Oase im Alltag, in der ich einfach

zur Ruhe kommen konnte, meine Seele

baumeln lassen konnte und dabei noch

ehrliche und gute Gemeinschaft leben

konnte.

• eine Brücke aus dem stressigen und

hektischen Alltag in eine tiefere Welt

einer spirituellen Zufriedenheit.

• ein Geschenk, ein Ausgleich für den

Alltag, eine Oase. Hier konnte ich mich

und die anderen noch mal ganz neu

kennen lernen, zum Beispiel „ohne

Worte".

• eine Kraftquelle im Alltag und das Erleben

von Gottes Wirklichkeit.

Christoph Schneider, Calw,

Dipl. Sozialpädagoge/Sozialarbeiter

(FH), Referent beim Evang. Jugendwerk

in Württemberg und der

Jugendkirche Choy in Althengstett

(www.churchofyouth.de)

In Deutschland verfolgen ein bis zwei

Millionen Zuschauer täglich das Leben

der Simpsons, die Mehrheit der Zuschauer

ist zwischen 14 und 49 Jahre

alt. In England hat sich sogar der Primas

der anglikanischen Kirche, Erzbischof

Rowan Williams, als Fan der Serie geoutet

– auch deshalb, weil die Simpsons

regelmäßig in die Kirche gehen. Marge

ist die praktizierende Christin in der Familie,

wogegen ihr Ehemann Homer dem

Glauben gegenüber völlig gleichgültig

ist – er kann sich nicht einmal den

Namen seiner Ortsgemeinde merken.

Bekannter als Billy Graham

Der Pfarrer der Simpsons, Lovejoy, ist

ein nüchterner Realist. Trotz seines klingenden

Namens strahlt er meist wenig

Freude oder Liebe aus. Seine Predigten

sind langweilig, und das weiß er auch.

In Krisensituationen der Familie erweist

er sich jedoch als geduldiger Seelsorger.

Nur selten ist seine Geduld erschöpft,

meist dann, wenn der Nachbar der Simpsons

anruft, der überreligiöse Ned

Flanders. Ned: „Herr Pfarrer, ich glaube,

ich begehre meine Frau!“ Trotz seines

kleinen religiösen Schadens wird

Flanders als vorbildlicher Nachbar und

treu sorgender Vater dargestellt.

Thomas Hoffmann-Dieterich

lacht gerne über die Witze der Simpsons,

der erfolgreichsten

Animationsserie der Welt.

Ned Flanders, der nette evangelikale

Nachbar von nebenan, versäumt keinen

Gottesdienst. Er hat sogar immer eine

Notfallpredigt dabei, falls Lovejoy verhindert

sein sollte. Bei Umfragen nach

der bekanntesten und populärsten

christlichen Persönlichkeit der Gegenwart

wird Ned Flanders regelmäßig auf

einem der ersten Plätze genannt. Wurden

bisher die Frommen von Comedy-

Autoren als Heuchler dargestellt, trifft

dies auf Flanders keineswegs zu. Müsste

man zwischen Ned und Homer als Nachbar

wählen, würde sich jeder normal

denkende Mensch für den freundlichen

Flanders entscheiden.

Kann man von den Simpsons

lernen?

Die Antwort lautet: Ja – und das sogar

in zweifacher Weise:

Zum Einen ganz praktisch. Die anglikanische

Kirche hat einen Glaubenskurs

für Jugendliche entwickelt, der auf einzelnen

Folgen der Serie aufbaut, in

denen religiöse Themen vorkommen.

Ähnliche Kurse gibt es auch in den USA.

In den Kursen treffen sich gläubige und

ungläubige Fans der Serie, um über religiöse

Themen – wie etwa die Gebetspraxis

der Familie Simpson – ins Gespräch

zu kommen.

Man kann aber auch von den Simpsons

lernen, indem man Anteile von

Homer, Flanders oder Lovejoy

bei sich selber entdeckt.

Die real existierende

Gemeinde

Jesu Christi ist

eben noch keine

perfekte Gemeinde.

Humor lockert

auf, und Humor erhellt

auch manches.

Es kann unheimlich

erheiternd wirken,

wenn man sich nicht

immer allzu ernst nehmen

muss.

13


Gerd Voß (3)

Gemeinde – Lebensraum und Hoffnungsort

Gemeinde ist

ein Zuhause,

in dem

Menschen

Hoffnung

finden und

das Le ben,

für das sie

von Gott

geschaffen

Gemeindeporträt

Ein doppelter Blick über den Tellerrand: Nach Norden und in eine

Gemeinde, die aus der Gemeinschaftstradition kommt. Gerd Voß

berichtet, wie bei ihnen Räume entstanden sind, in denen Menschen

Freundschaft erleben, Hilfe erfahren und schrittweise Gott näher

kommen können.

Es gibt kein Konzept oder Rezept, das

einfach nur befolgt werden müsste, damit

Menschen heute zum Glauben finden.

Aber es gibt Wege zu ihnen und mit

ihnen. Beziehungen spielen dabei eine

zentrale Rolle. Bei uns strömen nicht

Massen, aber es kommen durchaus jedes

Jahr Menschen zum Glauben und finden

bleibend Heimat in unserer Landeskirchlichen

Gemeinschaft (LKG) in Verden an

der Aller. Wie und wodurch das bei uns

ge schieht, wird verständlich von unserem

Konzept her. Es ist von ein paar Grundentscheidungen

geprägt, die alle Bereiche

der Gemeindearbeit durchziehen.

Wir verstehen uns als Gemeinde

Wir sind integraler Bestandteil der

Evangelischen Kirche, und unsere Mitglieder

sind auch Kirchenmitglieder. Kasualien

werden von der Landeskirche

oder gemeinsam mit uns durchgeführt.

Soziologisch und theologisch gesehen

sind wir eine Gemeinde. Die lokale Kirche

betrachtet dies mit großem Wohlwollen.

Dreischritt: Sein, Bewirken, Tun

Sein: Wir fragen nicht zuerst nach dem,

was man so alles machen kann und welche

Ideen uns begeistern. In einem Leitbildprozess

haben wir geklärt, was wir

als Gemeinde nach biblischen Maßstäben

sind. Was bedeutet es seinsmäßig, eine

Gemeinschaft von Christen zu sein?

Daraus erwuchs unser Leitsatz:

Unsere Gemeinde ist ein Zuhause, in

dem Menschen Hoffnung finden und das

Le ben, für das sie von Gott geschaffen

sind.

digen strahlen. Das Leben in dieser Zeit

soll als gottgeschenkte einmalige Chance

entdeckt und gelebt werden können.

Tun: Erst jetzt kommt die Frage nach der

konkreten Umsetzung. In entsprechend

gestalteten Gottesdiensten, Gruppen

und Angeboten sollen Sein und Bewirken

konkretisiert werden.

Focus Alltag

Alle Gruppen und Veranstaltungen

sollen so sein, dass jederzeit jeder dazu

kommen kann. Darum feiern wir keine

Gästegottesdienste. Jeder Gottesdienst

ist gästetauglich. Darum halten wir keine

missionarischen Sammelveranstaltungen,

sondern Glaubenskurse, die nah an

der Gemeindewirklichkeit sind nach dem

Prinzip: „What you see is what you get“

(„Was du hier siehst, ist auch das, was

du hier später vorfindest“). Den immensen

Kraftaufwand für Sonderveranstaltungen

sparen wir uns. Alle Kraft fließt

bei uns in die Alltagsqualität. Wir bauen

kontinuierlich an einem stehenden Konzept

von Gemeinde, das nicht von Projekten

und Einzelaktionen lebt.

Beziehungen bauen,

Heimat schaffen

ist Bibelarbeit Bestandteil der Hauskreisabende,

aber es handelt sich nicht

um kleine Bibelstunden. Die Teilnehmerzahl

sollte einstellig bleiben. Durch

diese Struktur ist das Zugehörigkeitsgefühl

nicht von Predigerbesuchen abhängig,

sondern von der Gemeinschaft der

Menschen untereinander. Das „funktioniert“

natürlich unterschiedlich gut, aber

es wird angestrebt und gefördert. Wir

können nur in Kleingruppen ein wirkliches

Zuhause anbieten.

Angebote zwischen Distanz

und Nähe

Das Doppelkonstrukt, in dem Menschen

in der LKG wie in einer Kirchengemeinde

zu Hause sind, ist für die aller-

Jedes Mitglied der LKG und jeder regentlichen

Haupthaus, ein zwangloser

Ein Foyer ist der Vorraum vor dem ei-

Der Ansatz

sind

meisten Menschen unserer Region eine

gelmäßige Besucher soll die Möglichkeit Treffpunkt zum Reinschnuppern. Im zum Glauben

zeitliche und emotionale Überforderung.

haben, zu einer tragfähigen Kleingruppe Großen und Ganzen sehe ich vier Foyers

Vor allem als missionarische Gemeinschaft

erleben wir das, was dem Gänse-

Bewirken: Welche Wirkung soll unser

kleine Gemeinschaft mit knapp 100 Mit-

Essen, Sport/Hobby, Hilfe. Der Alpha-

zu gehören. Darum hat unsere relativ in unserer Gemeinde: Musik/Kultur, ist heute

küken passiert, wenn es aus dem Ei Sosein haben? Das ergibt sich logisch aus

gliedern 14 Hauskreise. Der Schwerpunkt

der Hauskreise liegt nicht auf Bistieg

für Neue. Verschiedene unverbindkurs

ist nicht unbedingt der erste Ein-

nicht mehr

schlüpft: Wen es als erstes sieht, den dem Leitsatz: Das Zuhause ist von Beziehungen

geprägt. Es sollen also tragbelarbeit,

sondern auf dem persönlichen liche Foyers bilden Vertrauen. Zum Bei-

Schuld und

betrachtet es als seine Mutter. Wer bei

uns zum Glauben findet, sieht uns als fähige Beziehungen entstehen. Die Hoffnung

soll aus unserem Sein und Verkün-

der gegenseitigen Begleitung. Natürlich Takte. 2007 ist sie gestartet. Über 140 Vergebung,

Austausch, dem Gebet füreinander und spiel unsere Gemeindemusikschule Conseine

Gemeinde.

SchülerInnen nehmen inzwischen ihre

Angebote wahr. Die Lehrenden unterrichten

nicht nur Musik, sondern haben

sondern Kraft

auch ein Auge auf die Befindlichkeit der

Schüler und Eltern. Gespräche zwischen

Tür und Angel schaffen schon hier Beziehungen.

Als kleiner Zwischenschritt

werden ab Sommer 2009 monatliche

Krabbelgottesdienste für Eltern und

Kleinkinder angeboten. Einmal monatlich

feiern wir unseren Gottesdienst

statt um 18 Uhr um 10:30 Uhr. Die Kinder

haben während dieser Zeit eine

.Sein

Spielstraße und ein Bibelabenteuerland.

.bewirken

Im Anschluss gibt es ein gemeinsames

Mittagessen, bei dem auf ganz unge-

14 15

und Hoffnung


Eine riesige

Gruppe von

Menschen

wächst

geistlich, in

dem sie

etwas tut,

das anderen

hilft und

...Tun

zwungene Weise Kontakte entstehen.

So kommt es irgendwann zu dem Punkt,

an dem eine Einladung zum Glaubenskurs

logisch und folgerichtig erscheint.

Die Teilnehmenden des Alphakurses

gehen in der Regel große Schritte im

Glauben. Manche beginnen ein Leben

als Christ, andere kommen zwar weiter,

aber sie brauchen noch Zeit. Aber fast

alle sind noch nicht so weit, z.B. ab jetzt

einen Hauskreis zu besuchen. Das wäre

zu schnell zu viel gewollt. Nach dem

neunwöchigen Alphakurs wird darum

ein Betakurs angeboten: „Dem Glauben

weiter auf der Spur“. Die Themen des

Alphakurses werden darin praktischer

vertieft und ergänzt. Danach bilden sich

aus dieser fast halbjährlichen Kursgemeinschaft

Hauskreise. Oder man spricht

sich ab, welchen Kreis man in kleinen

Grüppchen besuchen wird. Dort setzt

sich das geistliche Wachstum dann weiter

fort.

Einander helfen

Gerd Voß

Menschen, die nach außen hin nicht belastet

wirken. Eine offene, freundliche

und menschliche Atmosphäre ist für die

gesamte Gemeinde wichtig. Das Signal:

„Hier darfst du schwach sein, ich bin’s

auch“ ist wichtig für die Öffnung der

Herzen auch für Jesus, dessen Repräsentanten

wir sind, ob wir es wollen

oder nicht. Hier liegt für mich ein wesentlicher

Schlüssel in der gesamten inneren

Einstellung zu Evangelisation und

Gemeindebau. Wenn ich missionarisch

tätig bin, weil mir die leeren Stühle im

Gemeindehaus mehr wehtun als die Not

der Menschen, dann spüren sie das sehr

bald. Ich bin dann gar nicht in der Lage,

mich so auf sie einzulassen, wie sie es

brauchen. Unser Team „Hilfe zum Leben“

ist für Menschen im „Foyer“ ein echtes

Glaubenszeugnis: Ehrenamtliche Hilfe

bei der Autoreparatur, Haushaltshilfe in

familiären Problemphasen, Babysittingdienst,

Beratung in wirtschaftlichen Fragen

usw. Gerade im Zeitalter der Alleinerziehenden

ist Zeit- und Geldnot ein

echtes Thema. Der Ansatz zum Glauben,

die Grundfrage, mit der Menschen an

Gott herantreten, ist heute nicht mehr

Schuld und Vergebung, sondern Kraft

und Hoffnung. Da liegt nach unserer Erfahrung

der Anknüpfungspunkt, darum

braucht missionarischer Gemeindeaufbau

heute mehr als Worte. Er geschieht

durch die Hände und durch die zuwendende

Liebe – dann wird man uns vielleicht

auch zuhören.

Glauben lernen durch Mitmachen

Zuletzt: Ich nehme wahr, dass hier in

Verden mindestens 30% der Menschen

durch Worte kaum erreicht werden. Sie

kommen allein durch Worte nicht zum

Glauben, und sie wachsen nicht geistlich

durch Gespräche und Bibelarbeiten.

Sie brauchen nur ein Minimum an Glaubensinformation

– die so genannten Basics.

Der Rest geschieht, während sie

selbst aktiv werden. Eine riesige Gruppe

von Menschen wächst geistlich, indem

sie etwas tut, das anderen hilft und gut

tut. Menschen wollen etwas bewirken,

sie finden Sinn und Hoffnung nicht in

Gedanken, sondern im Tun. Die Möglichkeiten

dazu wollen wir in Zukunft stärker

eröffnen.

Von Migrationsgemeinden lernen

„Glaube ist ein Fest“ – das ist vielen Gottesdiensten so genannter Gemeinden anderer

Sprache und Herkunft abzuspüren. Markus Häfele hat sich für Sie umgesehen.

Munter klappern die Stöckelschuhe

von Filomena (alle Namen geändert)

über das Kopfsteinpflaster. Die Brasilianerin

geht mit ihrem schwäbischen

Mann Michael etwas zögernd auf die

Stuttgarter Schlosskirche zu, wo es fast

monatlich einen zweisprachigen Gottesdienst

in Deutsch und Portugiesisch

gibt. Die Unsicherheit weicht gleich, als

sie das Gemeindeglied Rosirene an der

Kirchentüre strahlend willkommen heißt.

Beim Eingangslied „Cantai ao Senhor“

weicht der letzte Rest Unsicherheit. „Vor

und nach dem Amen wird hier Gemeinschaft

gefeiert“ schwärmen sie.

Davon ist auch Doris begeistert, die

ursprünglich gar keinen Draht zu Glauben

oder Kirche hatte. Sie kam zunächst

vor allem, um ihre Portugiesischkenntnisse

zu praktizieren. Ganz unkompliziert

kommt man miteinander in Kontakt

und inzwischen merkt sie, dass sie

durch die Gottesdienste auch offen für

den Glauben geworden ist.

Christen, die als Migranten hier leben,

schon mehrfach die Augen geöffnet für

unentdeckte Schätze der Bibel, und so

wird meine „deutsche Bibellesebrille“

etwas zurechtgerückt. Es gibt viel voneinander

und miteinander zu lernen.

Wie wäre es mit einem Kooperationsprojekt?

… mit einer gemeinsamen Altpapiersammlung

der Jugendarbeit oder einem

gemeinsam vorbereiteten Jugendgottesdienst?

Oder ein Mitarbeiter der Migrationsgemeinde

berichtet bei Ihrem Männervesper

darüber, wie er Globalisierung

erlebt hat.

Mit offenen Augen und Ohren dürfte

es auch in Ihrem Umfeld nicht schwer

sein, auf Migranten zu stoßen, die Christen

sind. Bereichernde Begegnungen, in

denen der Geist von Pfingsten weht,

wünscht Ihnen Markus Häfele.

Eine Selbstvorstellung und aktuelle

Adressliste der Gemeinden anderer Sprache

und Herkunft finden Sie unter: www.

elk-wue.de/arbeitsfelder/oekumene-undreligionen/gemeinden-anderer-spracheund-herkunft/

Markus Häfele arbeitet beim Dienst

für Mission, Ökumene und Entwicklung

unserer Landeskirche und koordiniert

die Ökumenisch-internationale

Arbeit des Evangelischen

Jugendwerks in Württemberg. Seit er

mit seiner Familie sieben Jahre im Sudan gelebt

hat, lässt ihn weltweite Kirche nicht mehr los.

Die Seelsorge nimmt breiten Raum

ein. Einerseits durch ein stehendes Seelsorgeteam,

gut tut

andererseits dadurch, dass

wir versuchen, mehr und mehr eine seelsorgerliche

Gemeinde zu werden. Ungefähr

Damit Gemeinschaft wächst

80% aller Menschen, mit denen wir

Zu fast 30 Gemeinden anderer Spra-

es zu tun haben, haben wirkliche Lasten

che und Herkunft pflegt unsere Landeskirche

zu tragen. Beziehungsprobleme und

aktiv Kontakt. Gemeinsam planen

Überlastungssymptome sind sehr häufig.

sie den „Tag der weltweiten Kirche“, der

Im Alphakurs zeigt sich die Bedeu-

seit 2006 am Pfingstmontag in und um

tung von Seelsorge besonders stark.

die Stiftskirche in Stuttgart stattfindet.

Menschen sind es kaum gewohnt, eine

Es sind Anglikaner, Orthodoxe, orientalisch-orthodoxe

Atmosphäre echten Interesses zu erleben.

Christen und Evangeli-

Wenn die ersten Schwellenängste

sche aus anderen Ländern.

dem Vertrauen gewichen sind, kommen

Machen doch auch Sie einmal einen

viele Teilnehmende zu einzelnen Mitarbeitern

Gerd Voß ist Prediger in der Landes-

Besuch in einer Migrationsgemeinde in

mit einem Anliegen oder der

kirchlichen Gemeinschaft in Verden

Ihrer Nähe und lassen Sie sich von ihrer

Bitte um ein Gespräch. Es gab bisher

an der Aller. Bis 2001 war er Jugendreferent

in Reutlingen und

missionarischen Kraft inspirieren. Vielleicht

verunsichern Sie Elemente des

keinen einzigen Kurs, wo nicht mehrfach

bei den ersten Anfängen von Kirche

Tränen geflossen wären – und das bei

für morgen mit dabei.

Gottesdienstes zunächst auch. Mir haben

16 17

Markus Häfele

GüntherHeinzelmann

Bausteine

Bereichernde

Begegnungen,

in denen der

Geist von

Pfingsten

weht


kfm intern

Was die sieben Zitronen beschäftigt ...

Gerüche aus der Landessynode

Kerstin Leuz fasst zusammen.

Hat nicht schon ein

großer Philosoph

festgestellt, dass

Religion das Opium

des Volkes ist?

Kirchliche Präsenz in Schulen

Zur Debatte um die Schulpolitik fordert

Kirche für morgen, dass die Evangelische

Landeskirche verstärkt eigene Modelle

entwickelt und evangelische Schulen

mit eigenem Profil für alle Bildungsgänge

entstehen können. Jugendarbeit

und Kirchengemeinden sollen sich aktiv

in die Gestaltung von Ganztagesschule

einbringen. Schüler/innen aus unterschiedlichen

Milieus müssen wahrgenommen

werden und eine Chance auf

Bildung bekommen.

Evangelische Europa-Synode

Markus Brenner fordert in einer Presseerklärung

die Einführung einer europäischen

Evangelischen Synode. Brenner

hofft dabei auf eine europaweite Bearbeitung

sozialpolitischer Fragestellungen.

Themen wie die Verfolgung von

Christen, Abtreibung, das ökumenische

Miteinander, Verlierer der Globalisierung

und Bewahrung der Schöpfung müssen

besprochen werden. Geplant ist eine Begegnung

mit Synodalen der evangelischen

Kirchen in Europa.

Von den Anonymen Christaholikern lernen?

Opium? Nein das ist

nicht wahr. Bei mir in

der charismatischen

Freikirche wirkte

der Glaube eher wie

Kokain.

Geschäftsordnung verändern

Die Gruppierung Offene Kirche fordert

die Einführung eines Fraktionsstatus der

Gesprächskreise, d.h. Anträge sollen

künftig unabhängig von der Zahl der Unterzeichnenden

von Gesprächskreisen

eingebracht werden können. Dafür

spricht, dass gruppierungseigene Anliegen

kompromissloser eingebracht werden

und Debatten profilierter geführt

werden können. Der Gesprächskreis

übergreifende Ausstausch erfolgt dagegen

erst in den Ausschüssen. Außerdem

wurde vorgeschlagen, dass man bereits

mit fünf Synodalen ein Gesprächskreis

sein kann. Der Antrag wurde an den

Rechtsausschuss verwiesen. Grundsätzlich

stellt sich die Frage, ob Synodale

„Vertreter/innen aller Kirchengenossen“

oder „Vertreter/innen eines Gesprächskreises“

sind.

Neulich auf einem

Schulungstreffen

der ACh:

Kerstin Leuz,

Landessynodale, arbeitet als

Bezirksjugendreferentin &

Religionslehrerin in Oedheim

Sag bloß, und bei mir

in der ev. Landeskirche

wirkte er eher wie

Clausthaler alkoholfrei.

Cartoon: Thomas Hoffmann-Dieterich (3)

IMPRESSUM

Der Zitronenfalter wird herausgegeben von

Kirche für morgen e.V.,

Am Auchtberg 1, 72202 Nagold

Fon: 0700-36693669 Fax: 0721-151398429

info@kirchefuermorgen.de

www.kirchefuermorgen.de

Erscheinungsweise

3 x jährlich. Bestellung (auch weitere Exemplare) bei

der Geschäftsstelle. Die Zusendung ist kostenlos.

Bankverbindung

EKK Stuttgart, BLZ 520 604 10, Konto 419 435

Wir danken allen, die durch ihre Spende die

kostenlose Weitergabe des Zitronenfalters

ermöglichen.

Redaktionsteam

Marc Stippich, Grunbach (sti) (ViSdP), Claudia

Bieneck, Malmsheim (cb), Pina Gräber-Haag, Gronau

(pg), Markus Haag, Gronau (mh), Tabea Hieber,

Markgröningen (th), Thomas Hofmann-Dieterich,

Haigerloch (thd), Cornelia Kohler, Ostfildern (ck)

Werner Lindner, Winnenden (wl), Johannes Stahl,

Eschenbach (js).

Layout: AlberDESIGN, Filderstadt

Druck: Druck + Medien Zipperlen GmbH, Dornstadt

Versand: Tobias und Magdalene Zipperlen, Weissach

Redaktionsadresse: redaktion@kirchefuermorgen.de

und über die Geschäftsstelle

Anzeigenpreisliste: lindner-service@gmx.de

FAX: 07195-979759

Bildnachweis Titel: Fotolia (Tony)

Unser Tipp

Kristina Büchle,

Reinhold Krebs,

Marc Nagel (Hg.)

Junge

Gemeinden

Experiment oder

Zukunftsmodell?

ca. 160 Seiten,

kartoniert

14,95 €

neu

Die Entstehung von Jugendgemeinden ist

eine faszinierende Entwicklung. Junge Menschen

fi nden Gelegenheiten, Formen und

Orte, wie sie gemeinsam am Evangelium teilhaben,

Gottesdienst feiern und sich in einer

Gemeinde versammeln können. Erfahrungen

von sechs Jugendgemeinden geben Einblick.

Beiträge von Dr. Hempelmann, Jürgen Baron,

Reinhold Krebs u.a. erläutern die Geschichte

von Jugendgemeinden, theologische Hintergründe,

englische und europäische Einfl üsse.

ejw-service gmbh

Haeberlinstraße 1–3

70563 Stuttgart-Vaihingen

Tel.: 07 11 / 97 81 - 410

Fax: 07 11 / 97 81 - 413

buchhandlung@ejw-buch.de

www.ejw-buch.de

Anonyme Christaholiker(ACh)

sind ein Verein von Menschen

die gemeinsam versuchen

ihre Abhängigkeit vom christlichen

18 Glauben zu überwinden.

19

www.ejw-buch.de


Zu guter Letzt

Lust auf Aktivurlaub mit Horizonterweiterung?

Hier noch zwei Urlaubstipps des ejw für junge Erwachsene mit der

Option, einheimischen Christen zu begegnen und dabei Neues zu

erfahren:

8.08. – 22.08.09: Aufbaulager für junge und junggebliebene

Erwachsene in Polen

Eine gesunde Mischung aus Arbeitseinsatz in einer evang. Gemeinde

in Kattowitz und Urlaub in Schlesien, unweit von Krakau,

Kosten: 333 Euro, Nichtverdienende 265 Euro

Und nach dem Sommer…

22.08. – 5.09.09: Aufbaulager in Portugal am

Atlantikstrand für junge Erwachsene, 18 – 26

Jahre, Morgens Arbeitseinsatz in einem Gemeindezentrum,

nachmittags Badeurlaub

oder Ausflüge u.a. nach Porto und Lissabon,

Kosten: 544 €, Nichtverdienende 449 €, Näheres

unter: www.ejwue.de/urlaub-und-reisen/

urlaub_55.htm bzw. …urlaub_41.htm

… kann man noch mal Kräfte sammeln, sich ausrichten, Ideen austauschen

beim Oasentag von Kirche für morgen: 11./12.9.09 in

Edelweiler. Nähere Infos unter: www.kirchefuermorgen.de/Oase

Tierisch ernst –

was wir von Pinguinen

lernen können

Pinguine wackeln, wanken und watscheln, aber sie fallen

nicht um. Wenn Menschen beim Gehen derart wackelten,

würde das zwangsläufig geschehen. Dennoch laufen Pinguine

weite Strecken bis zu ihren Nestern, z.B. ca. 100

km vom Südpolarmeer in

die innere Antarktis hinein.

Amerikanische Forscher

studieren derzeit ihre Fortbewegungsstrategie,

um gebrechlichen

Menschen oder solchen mit Fußverletzungen

Hilfestellungen

geben zu können.

Für die Wissenschaftler ist

das Thema „Was Menschen

von Tieren lernen

können“ ein weites

Feld. Vielleicht ein

Wink, uns selbst mit

unserer Denk- und

Lebensweise nicht so

tierisch ernst zu

nehmen, sondern

Horizonterweiterndes

auch bei

uns unzulänglich

scheinenden Menschen

(und Tieren!)

zu entdecken. (sti)

Zum Thema „Kirche lebt aus dem Hören“

ist dieses Jahr von W. Bittner erschienen:

Hören in der Stille.

Praxis meditativer Gottesdienste,

Vandenhoeck & Ruprecht, 16.90 €

Wenn Kirche

Feuer fängt ...

Herausfordernde Impulse beim

Forum von Kirche für morgen

Hörenswert!

Dr. Wolfgang Bittner referierte vor

250 Besuchern beim diesjährigen Forum

im Bernhäuser Forst. Der Be auftragte

für Spiritualität in der Kirche

von Berlin-Brandenburg forderte eine

Umorientierung von der Betreuungskirche

zur Beteiligungskirche:

Die lebendige Kirche der Zukunft

lebt von der Heiligkeit Gottes und

nicht von der Aktivität der Menschen.

Gibt es in meiner Gemeinde Orte,

Frei-Räume, wo ich Gott genießen

kann und Impulse für mein Leben

von ihm empfange? Kirche lebt davon,

dass es Fenster gibt, durch

die man hinaussehen kann in die

Welt Gottes.

Die lebendige Kirche der Zukunft

entsteht aus dem Hören und nicht

aus unserem Reden.

Zwingli sagt: Kirche ist die, die sein

Wort hört. Ein Hörereignis ist Ausgangspunkt

des Glaubens: „Der

Glaube kommt aus dem Hören“.

(Römer 10,17) Es geht darum,

Gottesdienste zu feiern, die dem

Hören Raum geben. Kirche muss

Räume eröffnen, wo sich dieses

Hören erleben lässt.

Die lebendige Kirche der Zukunft

lebt von der Beteiligung der Gemeindeglieder

und nicht von ihrer

Betreuung.

Was in der Gemeinde nicht durch

Gemeindeglieder geschieht, geschieht

in Wirklichkeit nicht. Die

Würde und Lebenskompetenz der

Gemeindeglieder muss geachtet

werden.

Begründet ist dies in Christus, der

uns als der Heilige begegnet, als

der Redende und als der Regierende,

der uns die Würde gibt und zugesteht,

uns an der lebendigen Kirche

der Zukunft aktiv zu beteiligen.

Nach einer Mitschrift von

Michael Josupeit. Mehr unter:

www.kirchefuermorgen.de/213.

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