Ein Apfelmärchen von Karin Braun Es war einmal ein junger Mann ...

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Ein Apfelmärchen von Karin Braun Es war einmal ein junger Mann ...

Ein Apfelmärchen

von Karin Braun

Es war einmal ein junger Mann, der sich seit seiner frühsten Jugend

weigerte, Obst zu essen. Seine Mutter konnte versuchen, was sie wollte. Da

sie eine sehr fanatsievolle Frau war, waren ihre Versuche, ihren Sohn mit

den nötigen Vitaminen zu versorgen vielfältig. Mal rieb sie Äpfel sehr fein

und mischte sie unters Kartoffelpürree, mal presste sie Orangen aus und

rührte den Saft ins Müsli. Ja, sie überzog sogar Obststücke mit Schokolade,

die der Junge liebte, aber auch diese verweigerte er. Egal, wie gut die

Früchte versteckt waren, er erkannte es sofort. Schließlich verzweifelte sie

und gab es auf. Vielleicht brauchte ihr Kind einfach keine frischen Früchte.

Man hörte ja mehr und mehr von diversen Nahrungsmittelunverträglichkeiten

und Allergien. Eines Tages sagte sie also zu ihrem Mann: Ich habe alles

versucht. Nun kann ich nicht mehr. Bitte sprich du mit unserem Sohn,

vielleicht hört er auf dich. Der Vater des Jungen nun, bei weitem nicht so

fantasiebegabt wie seine Frau und auch nicht sehr geübt in ernsten

Gesprächen mit seinem Kinde, ermannte sich, nahm seinen Sprössling zur Seite

und sprach: Sohn! Obst ist gesund! Der Mensch braucht Vitamine, also esse,

was der Garten dir bietet! Doch auch dieser „flammende“ Appel zeigte keine

Wirkung. Letztendlich akzeptierten einfach alle, dass er kein Obst aß, zumal

ihm dies auch nicht zu schaden schien.

Das Kind wuchs heran und wurde zu einem jungen Mann, der nach seinem Abitur

ein Informatikstudium begann. Da seine Eltern arm waren, musste er mit wenig

Geld auskommen, was ihm auch nichts ausmachte. Bis zu jenem Tag, an dem er

sich einen Computer wünschte. Nicht irgendeinen, sondern das neuste Modell

mit unbegrenzten Möglichkeiten und Neuerungen, war es, dass das Verlangen in

seinem Herzen schürte. Sogar der Apfel, das Markenzeichen der

Herstellerfirma, störte ihn hier nicht. Jeden Tag ging er an dem

Computergeschäft vorbei und sah sich das Objekt seiner Begierde im

Schaufenster an. Noch nie hatte er sich etwas so aus tiefster Seele

gewünscht wie diesen Wunderkasten. Da ihm aber das Geld für eine Anschaffung

in dieser Größenordnung fehlte, blieb es vorerst beim Träumen. So überlegte

er, wie er seine Ausgaben einschränken konnte, um die nötige Summe

anzusparen. Zuerst gab er den wöchentlichen Kneipenbesuch mit seinen

Freunden auf. Dann schränkte er mehr und mehr seine Ausgaben für

Lebensmittel ein, bis er schließlich nur noch von Toastbrot und Schmelzkäse

lebte. Eine Zeitlang sah es so aus, als würde er auf diese Weise in einigen

Monaten die nötige Summer zusammen haben. Schwierig wurde es, als durch

seine einseitige Ernährung seine Energie und Konzentrationsfähigkeit mehr

und mehr abnahm. Es gab ernste Gespräche mit seinen Professoren, und auch

seine Eltern ermahnten ihn, sich zusammen zu reissen. An diesem Punkt


überlegte er ernsthaft, seinen Plan aufzugeben. Doch als er das nächste Mal

an dem Schaufenster mit dem Objekt seiner Begierde vorbei kam, wurde ihm

klar: Er musste den eingeschlagenen Weg weitergehen. Dieser Computer mit dem

stahlenden weißem Gehäuse auf dem ein silberner, angebissener Apfel prangte,

musste seiner werden. Also sparte er weiter.

Schließlich hatte er die nötige Summe fast zusammen, und sah das Ende seiner

Entbehrungen vor sich. Da kam der nächste Schlag. Eine Stromnachzahlung in

Höhe von fast 300 € warf ihn um weitere Wochen zurück. Er war verzweifelt.

Verdammte das Schicksal, die Armut seiner Eltern, die Preispolitik der

Stromkonzerne und nicht zuletzt sich selber. Erneut spielte er mit dem

Gedanken aufzugeben, verwarf diesen jedoch wieder. Er musste diesen Computer

haben, koste es, was es wolle. Um in seinem Entschluss stark zu bleiben ging

er jeden Tag zum Schaufenster und sah gierig auf das Gerät. Er stellte sich

vor, wie es sein würde, wenn er es endlich in Händen hielt, es aus der

Verpackung befreite, und ihn in Betrieb nahm. Das gab ihm Kraft auch

weiterhin von Schmelzkäse und Toastbrot zu leben.

Eines Tages nun, als er wieder einmal vor dem Schaufenster stand, bemerkte

er eine junge Frau neben sich. Sie war wunderschön. Lange blonde Haare,

umrahmten ein schmal geschnittenes Gesicht aus dem ihn kornblumenblaue Augen

ansahen. Ihre Schönheit verschlug ihm schier den Atem, und gerade, als er

überlegte, sie anzusprechen, öffneten sich ihre kirschroten Lippen und sie

sagte:

-Hallo mein Guter, ich bin deine gute Fee und weiß von deinem innigsten

Wunsch. Ich bin hier, um ihn dir zu erfüllen.

Nachdem der junge Mann monatelang nur von Schmelzkäse und Toastbrot gelebt

hatte, war er sogar bereit an die Existent von Feen zu glauben, und dachte:

Nun hat meine Not ein Ende. Die Leiden haben sich gelohnt.

Er sprang vor Begeisterung in die Luft, dankte ihr und fragte, wie es dann

weiter ginge? Würde sie den Computer einfach in seine Wohnung zaubern? Oder

würde das Geld auf sein Konto überwiesen werden?

Sie lächelte leicht und sagte: Das wirst du gleich erfahren. Aber bevor ich

dir die weitere Vorgehensweise erkläre musst du drei von diesen Äpfeln

essen.

Erst jetzt bemerkte er den Korb an ihrem Arm, der voller grün, roter,

glänzender Äpfel war, den sie ihm einladend entgegen streckte.

Der alte Widerwillen gegen Früchte stieg in ihm auf. Aber nach einem

sehnsüchtigen Blick auf seinen Traumcomputer und auf ihr einladendes

Lächeln, griff er zögernd zu. Schlimmer wie Toastbrot mit Schmelzkäse konnte

das schließlich auch nicht sein. Zögernd biss er in den ersten Apfel, und

verschlang ihn in Windeseile. Gleich griff er nach dem zweiten, denn: je

eher daran, je eher davon. Er biss hinein, und diesmal kaute er langsamer.


Schmeckte den süßen Saft und roch den zarten Duft der Frucht. Den dritten

Apfel nahm er schon völlig ohne Widerwillen. Während er ihn verzehrte,

beobachtete die Fee ihn mit einem zufriedenen Lächeln.

Kaum hatte der junge Mann den letzten Bissen in den Mund geschoben und

zerkaut, noch im Schlucken, drängte er: Und nun? Was ist nun mit dem

Computer?“

Die Fee, die nun statt des Apfelkorbes, ein Klemmbrett in ihren Händen

hielt, lächelte boshaft, während sie einige Notizen machte: „Sorry Junge,

für Kommunikationsmedien bin ich nicht zuständig. Das ist eine andere

Abteilung. Mein Gebiet ist „Gesunde Ernährung“ und seit dreiundzwanzig

Jahren versaust du mir meine Erfolgsbilanz, durch deine blödsinnige

Weigerung, Obst zu essen. Aber nachdem ich auch diesen Fall als erledigt

abhaken kann, sollte ich endlich meine Beförderung bekommen.“ Bevor er ein

weiteres Wort sagen konnte, verschwand sie vor seinen Augen und ließ ihn

wütend und frustriert zurück.

Den ganzen Heimweg schimpfte er vor sich hin. Über die Ungerechtigkeit des

Schicksals, über die Gemeinheit der Feen heutzu Tage – schienen nur auf die

eigene Karriere fixiert zu sein – und auf sich selber und seine

Gutgläubigkeit.

Wieder in seiner kleinen Wohnung warf er seinen alten Computer an, und rief

seine E-mails ab. Zwischen den üblichen Nachrichten von Kommilitonen und

Freunden stach ihm eine besonders ins Auge. Eine Nachricht von Adalbert

Richter, seinem Patenonkel, wie er sich dunkel erinnerte. Überrascht von

einem Mann zu hören, den er seit seiner Taufe nicht mehr gesehen hatte,

öffnete er sie und las:

Lieber Neffe! Mit ist aufgefallen, dass ich es die letzten 23 Jahre versäumt

habe, an deinen Geburtstag zu denken. Da mir dieses Versäumnis doch sehr auf

der Seele liegt, möchte ich die vergessenen Geschenke nachholen. Da ich

nicht weiß, was junge Leute so brauchen, habe ich mir von deiner Mutter

deine Bankverbindung geben lassen und 2500 € auf dein Konto überwiesen.

Entschuldige noch einmal meine Nachlässigkeit, aber diese Familiendinge sind

mir immer schwergefallen. Liebe Grüße, Onkel Adalbert.

Der junge Mann las die Mail zweimal. Erst voller Freude und Hoffnung, und

dann mit leisen Zweifel. Vielleicht war das ja wieder so eine linke Sache

von dieser Fee. Er wechselte von seinem E-mail Account ins Onlinebanking und

schrie vor Freude. Tatsächlich! Der Betrag war eingegangen.

Er sprang auf und lief los in das Geschäft, vor dessen Schaufenster er so

viel Zeit verbracht hatte. Dort konnte er endlich seinen Traumcomputer in

die Arme schließen. Und sie lebten glücklich und zufrieden bis die

Apfelfirma das nächste, noch bessere, noch schnellere Fabrikat auf den Markt

brachte.

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