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von Bastian obermayer und

Philipp Schwenke

Günter Baum will, kann, darf nicht schwul

sein. Er ist in einer streng christlichen Gemeinde

und tief religiös. Es gibt einen Ausweg,

sagen ihm andere Gläubige. Baum

unterzieht sich einem Exorzismus, bei

dem der »Dämon Homosexualität« durch

Gebete aus seinem Körper verjagt werden

soll. Als er hustet, jubeln die anderen: »Der

Dämon verlässt ihn!« Günter Baum verlobt

sich mit einer Frau: »Gott

stellt dir diese Frau zur Seite,

damit du geheilt wirst«, sagt

sein Priester. Baum geht sogar

für ein Jahr nach Kalifornien,

um sich von der

evangelikalen Sekte »Desert

Stream« therapieren zu lassen.

Dort vergibt er in endlosen

Sitzungen seinem Vater

und seiner Mutter, weil man

ihm sagt, sie seien schuld.

Irgendwann, nach zehn Jahren

Therapie, sagt Günter

Baum: »Ich bin nicht mehr

schwul.«

Ein weiterer Erfolg für die

sogenannte Ex-Gay-Bewegung,

die im Amerika des evangelikalen

George W. Bush eine

Menge Einfluss und Geld hat.

Und wieder der scheinbare

Beweis, dass Homosexualität

heilbar ist, wie Alkoholsucht.

Zurück in Deutschland versucht

Günter Baum, andere

Schwule auf den rechten Weg

zu führen. »Irgendwann habe

ich gemerkt, dass ich mir kein

Wort glaube. Und dass ich

draufgehe, wenn ich so weitermache«,

sagt Baum heute.

Als ihn dann in einer Schöneberger

Kneipe Frank anspricht,

bricht Günter Baums Fassade endgültig

in sich zusammen. Aus der Galionsfigur

der Ex-Gay-Bewegung wird ein Ex-Ex-

Gay. Ein ganz normaler Schwuler.

Homo-Ehe hin, Christopher-Street-Day

her: Normal ist, wer hetero ist. Homosexuelle

Handlungen seien »in sich nicht in Ordnung«,

sagt die katholische Kirche und befiehlt

Keuschheit. »Schwul« ist immer noch

ein Schimpfwort, »schwul« gilt immer noch

als unnatürlich, anders, pervers. Man weiß

ja nicht, wo das herkommt. Wieso die schwul

sind. Die Deutschen wählen zwar schwule

Bürgermeister, tragen schwule Mode und

hätten mehrheitlich nichts gegen einen

schwulen Kanzler. Aber mehr als ein Drittel

der Deutschen sagt: »Es ist ekelhaft, wenn

Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit

küssen.« Spätestens beim eigenen Kind wäre

eine Hetero-Pille ganz recht. Oder eine

Therapie. Besorgte Eltern, die mit ihren

schwulen Söhnen zur Sexualberatung laufen,

stellen meist zwei Fragen. »Haben wir

Vielleicht hat es sogar einen evolutionsbiologischen Sinn, dass ein

schöner Männerrücken manchmal auch Männer entzückt.

etwas falsch gemacht?«, lautet die eine. »Kann

man da was gegen machen?«, die andere.

Beide Fragen haben über viele Jahrzehnte

auch die Wissenschaft beschäftigt. Seit Kurzem

ist diese Diskussion beendet, mit eindeutigem

Ergebnis. »Niemand kann zur

Homosexualität oder zur Heterosexualität

erzogen oder verführt werden und man

kann auch niemanden davon befreien«, sagt

Hartmut Bosinski, Professor für Sexualmedizin

an der Universität Kiel. Denn: Die

sexuelle Orientierung hat biologische Ursachen.

Inzwischen glaubt man zu wissen,

dass ein kompliziertes Zusammenspiel von

Genen und Sexualhormonen die sexuelle

Orientierung in unserem Gehirn verankert.

Wahrscheinlich schon im Mutterleib, wahrscheinlich

bei Männern und Frauen etwas

unterschiedlich und in jedem Fall unumkehrbar.

Man wird schwul geboren. Oder

lesbisch. Oder hetero.

Den vorläufig letzten Beweis dafür lieferte

kürzlich der kanadische Sozialpsychologe

Anthony Bogaert. Er hatte

schon vor zehn Jahren entdeckt,

dass bei einem Mann

mit jedem älteren Bruder die

Wahrscheinlichkeit, homosexuell

zu sein, um fast ein

Drittel ansteigt. »Ohne Bruder

liegt die Chance, schwul

zu sein, bei etwa drei Prozent,

mit drei Brüdern schon bei

mehr als sieben Prozent«, sagt

Bogaert. Psychologen erklärten

den »fraternal birth effect«

damals mit der Nesthäkchen-Rolle

des jüngeren

Bruders, also der sozialen

Umgebung.

Das konnte Bogaert nun

widerlegen und erregte damit

weltweit Aufsehen. Er wies

nach, dass der Effekt nur bei

leiblichen Brüdern auftritt.

Männer, die mit älteren Stiefbrüdern

oder älteren adoptierten

Brüdern aufwuchsen,

waren nicht öfter schwul als

Männer ohne Brüder. »Es

muss also eine biologische

Erklärung dafür geben«, erklärt

Bogaert sein Ergebnis.

Schon länger weiß man,

dass die Gene unsere sexuelle

Entwicklung beeinflussen.

Der amerikanische Forscher

Dean Hamer verkündete 1993 sogar, auf

dem X-Chromosom die Anlage zur Homosexualität

gefunden zu haben: das »schwule«

Gen. Aber seither konnte kein anderer

Wissenschaftler Hamers Fund bestätigen,

obwohl es unzählige Male versucht wurde.

Dafür offenbarten mehrere groß angelegte

Zwillingsstudien die Beteiligung der

Gene. Eineiige Zwillinge, egal ob getrennt

oder gemeinsam aufgewachsen, entwickeln

erstaunlich oft die gleiche sexuelle Orientie-

rung. Wenn ein Zwilling schwul ist, liegt die

Wahrscheinlichkeit bei fast 50 Prozent, dass

der andere ebenfalls Männer bevorzugt. Bei

weiblichen eineiigen Zwillingen sind es 20

bis 30 Prozent, die einen Partner des gleichen

Geschlechts wählen. Zum Vergleich:

Man geht von etwa drei bis fünf Prozent

schwuler Männer und zwei bis vier Prozent

lesbischer Frauen in der Bevölkerung aus.

Zwei Dinge gehen aus der Zwillingsforschung

klar hervor. Die Gene allein können

es nicht sein, sonst müssten eineiige

Zwillinge zu hundert Prozent

gleich empfinden. Und zugleich:

Die Gene spielen eine

wichtige Rolle, sonst läge die

Übereinstimmung bei männlichen

eineiigen Zwillingen

nicht bei immerhin 50 Prozent.

»Das kann man nicht

ignorieren«, meint Hartmut

Bosinski.

Die Medizinerin Christl

Vonholdt leitet das »Deutsche

Institut für Jugend und Gesellschaft«,

den deutschen

Arm der Ex-Gay-Bewegung.

»Menschen mit unerwünschten

homosexuellen Neigungen«,

sagt sie, Menschen wie

Günter Baum also, könne und

solle man heilen. Sie sagt, dass

»der ungestillte Vaterhunger

des Kindes von älteren Männern

missbraucht« werde, was

geradewegs in das Unglück

der Homosexualität führe.

Mit ihren Thesen erwarb Vonholdt

zwar keine wissenschaftlichen

Meriten, wurde aber im

Oktober 2004 von der CDU/

CSU-Fraktion als Sachverständige

zu den Beratungen um

die Homo-Ehe in den Bundestag geladen.

»Gegen Ideologie kommt man mit Wissenschaft

nicht an. Nur: Wenn diese Leute

behaupten, man könne oder solle Homosexuelle

therapieren, wird es ethisch bedenklich

und gefährlich«, sagt Bosinski. Erstens

therapiert man nur Krankheiten. Homosexualität

ist aber keine Krankheit. Zweitens

beweisen unzählige seriöse Studien, dass

man Schwule nicht umpolen kann. Heteros

übrigens auch nicht. Dazu kommen die Nebenwirkungen

solcher Therapien: Günter

Baum kämpfte die ganzen zehn Jahre über

gegen Selbstmordgedanken. Der englische

Ex-Gay-Aktivist Jeremy Marks gab seine

Arbeit nach zwölf Jahren auf, weil seine

Klienten die Therapie entweder abbrachen

und ihre Homosexualität akzeptierten –

oder sie schwer depressiv wurden. Ȁhnlich

sinnlose Umerziehungsversuche gab es früher

an Linkshändern, auch da mit fatalen

Folgen«, sagt Bosinski. Solange man Kindern

das »böse Händchen« verbot, waren sie

die reinste Fundgrube für Psychiater: höhere

Raten an Psychosen, an Lernstörungen

und sogar an Kriminalität.

Homos kann man nicht therapieren.

Heteros auch nicht.

Weil die sexuelle Orientierung keine

Krankheit ist, sondern unveränderlicher Teil

der Natur eines Menschen.

»Homosexualität ist ein unveränderlicher,

weil biologisch verankerter Bestandteil der

Natur eines Menschen«, sagt Glenn Wilson,

einer der bekanntesten Psychologen Englands.

Sein Buch Born Gay sorgte im vergangenen

Jahr für Furore. Darin präsentiert er

nicht nur unzählige Hinweise auf genetische

und hormonelle Ursachen, sondern demontiert

gleichzeitig alle gängigen psychosozialen

Erklärungsmuster.

Die Freud’schen Thesen von »starken

Müttern« und »abwesenden Vätern«, die ihre

Söhne angeblich direkt in die Homosexualität

führten? – »Söhne, die ohne Vater aufwachsen,

werden definitiv nicht öfter schwul.

Das wurde durch viele Untersuchungen bewiesen,

die das Sozialisationsumfeld von

Schwulen und Nichtschwulen verglichen.«

Die »Verführung« durch schwule Brüder?

»Meistens erfahren jüngere Brüder erst

nach der Pubertät, dass ihr Bruder schwul

ist, und homosexuelle Bruderspiele sind

höchst selten.«

Die »Ansteckung« bei älteren Männern?

»Unsinn. Bei willentlichen Sexerlebnissen

mit Erwachsenen wussten die meisten Jugendlichen

schon vorher, dass

sie homosexuell empfanden.«

Außerdem: »Wenn das erste

sexuelle Erlebnis richtungsweisend

wäre, müssten alle

Männer des Sambia-Stammes

schwul sein.« Bei dem isoliert

in Neuguinea lebenden Volk

ist es üblich, dass sieben- bis

zehnjährige Knaben ältere

Jugendliche und Männer oral

befriedigen, weil die Sambia

glauben, dass der Samen eine

Art magischer Kraft besitzt.

Trotzdem werden die Männer

dort nicht öfter homosexuell

als anderswo.

Gerade der Vergleich mit

anderen Völkern legt eine

biologische Erklärung nahe.

»Immerhin scheint der Anteil

von Homosexuellen über

die Zeit und alle Kulturen

hinweg konstant«, argumentiert

Bosinski. Auch von

mindestens 450 Tierarten

weiß man, dass sie gleichgeschlechtlichen

Sex haben,

schwule Schwäne gehen sogar

lebenslange Partnerschaften

ein. All das spricht

sehr gegen den Einfluss sozialer Faktoren

wie Erziehung und sehr dafür, dass die

Natur ganz einfach mehrere Variationen im

Repertoire hat.

Noch ist allerdings umstritten, wann die

jeweilige Vorliebe endgültig festgezurrt

wird. Wilsons »Schwul bei Geburt«-These

ist eine Möglichkeit. Die andere besagt,

dass im frühkindlichen Alter auch Umweltfaktoren

noch Einfluss nehmen können.

Beide münden in die Gewissheit, dass

schon im Alter von etwa drei Jahren feststeht,

zu welchem Geschlecht es einen später

hinzieht. >

SÜddeutsche Zeitung Magazin 16

17 SÜddeutsche Zeitung Magazin

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