ein junges

landesbuerotanz.de

ein junges

das Tanzbein

schwingen

Tanzbär... Tanzmaus... auf mehreren Hochzeiten tanzen...

auf der Nase herumtanzen... Gedankensprünge...

das Herz hüpft... springlebendig... sprungbereit... sprunghaft...

auf dem Sprung sein... wie man sich auch dreht und wendet...

eine Last auf den Schultern tragen... die Haare stehen zu Berge...

Nackenhaare sträuben sich... die Nase voll haben...

die Hand reichen... per Handschlag besiegeln...

das hat Hand und Fuß... laß den Kopf nicht hängen...

die Nase im Wind... Hand anlegen... aus der Hand fressen...

mit Füßen treten... Schmetterlinge im Bauch...

den kleinen Finger reichen und gleich die ganze Hand wollen...

es kribbelt mir in den Fingern... Hummeln im Hintern...

Fingerspitzengefühl... Wadenbeißer...

von hinten durch die Brust ins Auge... kalte Füße kriegen...

wieder auf die Beine kommen... ich zieh dir die Hammelbeine lang...

von der Hand in den Mund...

da sind mir die Augen aus dem Kopf gefallen...

die Beine in die Hand nehmen... ein feines Näschen haben...

so einen Hals haben... willst du mit mir gehen?...

ein dickes Fell haben... dünnhäutig sein... bewegt sein...

unter die Haut gehen... außer sich sein... Schlag ins Gesicht...

geknickt sein... wackelige Knie haben...

in die Knie gehen... kein Rückrat haben... die Nase hoch tragen...

Haare auf den Zähnen... die Zähne zeigen...

auf dem Zahnfleisch gehen... die Muskeln spielen lassen...

Pudding in den Beinen... Schlag in den Magen... Nackenschlag...

Ellenbogengesellschaft... Fingerspitzengefühl...

handgreiflich werden... zupacken können...

was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben...

sich verkriechen... Arschkriecher... den Mund voll nehmen...

an den Haaren herbeigezogen... beinhart...

die Augen vor etwas verschließen... zwei linke Hände haben...

Faust in der Tasche... viel um die Ohren haben...

mit beiden Beinen fest im Leben stehen...

in der Sache bewegt sich gar nix... Bewegung in eine Sache bringen...

Tanz für ein junges Publikum GZT NRW / NRW Landesbüro Tanz

Tanz für

ein junges

Publikum


Dokumentation des ersten internationalen

TanzTheaterTreffens TRANSIT

Veranstalter: MONTEURE, Köln und

ASSITEJ Deutschland

Tanz für

ein junges

Publikum

und Dokumentation der Fachkonferenz

“Tanz für das junge Publikum von heute –

die Zuschauer von morgen”

Veranstalter: NRW Landesbüro Tanz

in Zusammenarbeit mit dem Land Nordrhein-Westfalen

und der Stadt Köln


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Berry Doddema:

Die Brille des Publikums -

was erwarten Zuschauer vom Tanz? S. 27

Angela Rannow:

Inseln der Unordnung S. 37

Wir danken / FestivalTeam S. 4

Vorwort des NRW Landesbüro Tanz S. 5

Andi Lucas:

Warum überhaupt tanzen? S. 6

Andi Lucas:

Bewegtes und Bewegendes S. 9

Wolfgang Schneider:

Choreographie des Alltags –

TanzTheater als Kindertheater S. 13

Thèrése Boshoven:

Tanzproduktionen für die Jugend –

Tanzpädagogik in den Niederlanden

nach 1945 S. 19

MONTEURE:

TanzTheaterKunst für junges Publikum S. 45

mind the gap:

Eine Tanzkompanie leistet Breitenarbeit S. 51

daCi:

Eine starke Lobby für den Kindertanz S. 57

Nationales Zentrum für Amateurtanz

in den Niederlanden, Amsterdam S. 60

Zur ASSITEJ Deutschland S. 62

Impressum S. 65

2 3


WIR DANKEN. . .

FESTIVALTEAM

Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-

Westfalen

Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung,

Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen

Stadtsparkasse Köln

Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen

und Jugend

Svenska Institut Stockholm

Fonds Darstellende Künste e.V.

Kulturamt der Stadt Köln

Svenska Kulturradet

Kultursekretariat Nordrhein-Westfalen, Wuppertal

Niederländisches Generalkonsulat

Belgisches Generalkonsulat

Gesellschaft für Zeitgenössischen Tanz NRW

Hotels Park Plaza International

Hotel Regent International

Spielstätten und Veranstaltungsorte

Alte Feuerwache

Studiobühne Köln

Arkadas-Theater Köln

Bürgerhaus Stollwerck

Freies Werkstatt Theater

Christuskirche

Mammut-Tanzstudio

Kölner Tanzagentur

KOMED-Saal SK-Stiftung Kultur

Künstlerische Leitung: Andi Lucas

Auswahlkommission: Aat Hougee, Christine Post,

Andi Lucas

Organisationsleitung: Cathrin Blöss

Assistenz: Marika Südbeck

Technische Leitung: Jan Steinfatt

Fotodokumentation: Frank Domahs

Best boys: Joachim von der Heiden, Thomas Marey

Dansgroep DE

MEEKERS

„OPBLAASHELDEN“,

Foto © Lutgerink

VORWORT

VORWORT

DES NRW LANDESBÜROS TANZ

In den Niederlanden ist es seit Jahrzehnten üblich, Tanzproduktionen

für Kinder und Jugendliche zu erarbeiten. Ensembles wie

„Scapino” und „Introdans” haben dabei wichtige Entwicklungsarbeit

geleistet.Renommierte Choreographen wie Hans van Manen

und Jiří Kylián schufen Stücke auch für ein junges Publikum.

In Großbritannien ist jedes Ensemble, das Subventionen erhält,

verpflichtet, Programme für Kinder zu entwickeln. In Deutschland

ist dies noch kein großes Thema. Vielen Tanzkompanien widerstrebt

es, sich auf diese spezielle Zielgruppe einzulassen. Dabei

ist es eine besonders wichtige Aufgabe, Kinder und Jugendliche

an diese Kunstsparte heranzuführen.

Tanz ist die körperlichste, sinnlichste und flüchtigste aller Künste.

Bei Kindern ist das Bedürfnis nach Bewegung und Tanz groß.

Leider wird dieses kreative Tun in unserem Bildungssystem viel

zu wenig gepflegt. Über die Kunstsparte Tanz erfährt man in

der Schule nichts, und auch in der Freizeit begegnet man ihr

nur zufällig. Andere Länder bemühen sich schon seit langem

um eine Verbesserung der Situation.

Auch in Deutschland ist es jetzt an der Zeit, vielfältige Initiativen

zu entwickeln.

Wir möchten dies befördern. Deshalb veröffentlichen wir die

Vorträge, die während des Festivals und der Fachtagung gehalten

wurden.

Anne Neumann-Schultheis

Geschäftsführerin

4

5


WARUM ÜBERHAUPT TANZEN ?

WARUM ÜBERHAUPT TANZEN ?

Tanz ist ein elementares Gegengewicht zur Körperfeindlichkeit

unserer Zeit.

Wir tanzen gegen die tradierte Minderwertigkeit des Physischen an,tanzen gegen

das Versteckspiel des Selbst an, mit dem wir unsere Kinder zum Stillsitzen in der

Ellenbogengesellschaft erziehen,

wir tanzen gegen die Funkstille zwischen Körper und Seele

an. Tanzsprache ist Körpersprache.

Wir versuchen, die Weisheit des Körpers spürbar werden zu lassen. Das bedeutet

eben nicht nur, unser artistisches Können vorzustellen, sondern den lebendigen,

atmenden Körper als Wohnstatt der Gefühle und damit als Ausdrucksmedium der

Seele, des Herzens zu zeigen, als Kommunikationsmittel zwischen Menschen.Wir

versuchen, die jedem Menschen innewohnende Intelligenz des Körpers zu stimulieren.

Schließlich genügt die Beobachtung einer Bewegung, um sie potentiell

nachahmen zu können. Unser zentrales Nervensystem schlägt die Brücke vom

visuellen zum motorischen System, übersetzt Sehinformation in Aktivierungsmuster

von Muskeln.

Stell dir vor, wie du dich fühlst, wenn du dich so bewegen würdest.

Deshalb „funktioniert” Tanz auf der Bühne.

Egal also, ob Sie ein Bewegungsmuffel sind oder regelmäßig Sport treiben –

Ihr Körper spricht zu Ihnen:

Wenn Ihnen was auf den Magen schlägt, Sie einen Nackenschlag hinnehmen

müssen, wenn Sie Herzklopfen haben, wenn Sie sich verkriechen möchten, auf

mehreren Hochzeiten gleichzeitig tanzen oder Sie sich springlebendig fühlen…

Ihr Körper spricht also. Die Frage ist nur: können Sie zuhören? Und: ob Sie ein

dickes Fell haben oder dünnhäutig sind – Tanzstücke versuchen, unter die Haut

zu gehen. Sie schlagen die Brücke vom Sehen zum Fühlen – machen Beschreibungen

vom Innenleben, von den inneren Landschaften des Menschens –

Zeigen Zustände,Atmosphären, Stimmungen, Gefühle,... – beschreiben jenes oftmals

Namenlose, das man mit Worten nur unzureichend ausdrücken kann –

zeigen, daß die Sprache des Tanzes das bessere Ausdrucksmittel sein kann, wenn

es um unkonkrete, also nicht faßbare oder verbalisierbare Zustände geht.

Tanz lotet eine Befindlichkeit in ihren physischen Dimensionen aus und überläßt das

Woher und Wohin der Phantasie des Betrachters und seinen eigenen Deutungen.

Dabei sind die Bewegungsqualitäten, die der Tanz veröffentlicht, die traditionellerweise

„unerlaubten”: der fühlende Körper, der zuckende oder fallende Körper, der

rasende, der leidenschaftliche Körper, dessen animalisches Potential so spürbar wird.

Die Sehnsucht nach Entäußerung, nach Extase.

Aber auch die Sehnsucht nach dem Gehaltenwerden, der bedürftige Körper mit

seinem Wunsch nach physischem Kontakt.

Die Sehnsucht, die Seele fliegen oder baumeln zu lassen...

- es sind die Sehnsüchte, die der tanzende Körper erzählt.

Die Sprache des Tanzes, in der Vielzahl seiner „Dialekte” ist eine internationale

Sprache. In unserem Globalen Dorf, das immerhin schon im Klassenzimmer beginnt,

erlaubt sie uns eine weitere Art der Verständigung. Vielleicht gelingt es uns ja mit

Hilfe des Tanzes wieder, die Wurzeln künstlerischer und kultureller Ausdrucksformen

zu spüren und große gemeinschaftliche Rituale zu feiern, in denen weder die Künste

streng voneinander getrennt sind,noch Akteure und Betrachter voneinander getrennt

sind. Das Theater kehrt in die Körper zurück.

All diese schönen Eigenschaften der Tanzkunst wollen und dürfen wir unseren

Kindern nicht vorenthalten, sondern im Gegenteil gerade ihnen

schenken und ihnen damit weitere Möglichkeit an die Hand geben, ihr

Leben zu gestalten. Ihren Spielraum zu erweitern. Ihre Ausdrucksfähigkeit

zu bereichern. Ihr Selbstbewußtsein zu stärken.

Kunst ist ein Wegweiser zur Lebenskunst. Tanz gehört dazu.

Er zeigt Menschen auf der Bühne, die bewegt sind -im doppelten Sinn des

Wortes.

Und möchte seine Betrachterinnen und Betrachter bewegen -im doppelten

Sinn des Wortes.

Tanz ist, auch mit seiner Nähe zu den anderen Kunstformen, die Kunstform

im neuen Jahrhundert.

Andi Lucas, MONTEURE

6 7


Andi Lucas, MONTEURE

BEWEGTES UND BEWEGENDES

BEWEGTES UND BEWEGENDES

Andi Lukas

Im September 1999 fand das erste internationale

TanzTheaterTreffen für junges

Publikum TRANSIT statt. Ein kleiner Blick

zurück: Für eine Woche waren zwölf Ensembles

aus Belgien, den Niederlanden,

der Schweiz, Schweden, Rußland, Frankreich

und Deutschland zu Gast in Köln,präsentierten Vorstellungen

für Kinder und Jugendliche, Familien- und Fachpublikum, begegneten

in Workshops KollegInnen, diskutierten mit den heimischen

Tanz- und Theaterschaffenden.

Der Beginn eines Austausches. Eine bewegte und bewegende Zeit:

das Konzept mit seinen drei Säulen Aufführungen, Workshops

und Gespräche setzte dabei eine Mischung aus kritischen Nachfragen

und Neugier frei, die Lust auf mehr macht. Erstaunen und

Überraschung über die Vielfältigkeit der künstlerischen Formen

- Tanz ist nicht gleich Tanz! - pragmatische Erkenntnisse im Selbstversuch

während der Workshops und wacher und engagierter

Austausch über die Strukturen in den verschiedenen Ländern.

TRANSIT hat Kunstforen und Publikum einen Ball zugeworfen,

der im Spiel bleibt. Als künstlerisches Genre, als kontroverses

diskutiertes Thema, macht es sich breit. Die Gesellschaft für Zeitgenössischen

Tanz NRW hat die Rubrik Familienvorstellung in

ihren Kalender eingeführt; die schwedische Choreographin

Brigitta Egebladh ist für das Arbeitstreffen Spurensuche der

ASSITEJ eingeladen; das Tanzhaus NRW bemüht sich mit der Programmschiene

„Tanzmaxx” um den Tanz für Kinder und Jugendliche:

die ersten Anfragen junger Choreographen aus NRW, die

ein Stück für Kinder produzieren wollen, sind eingegangen...

Contemporary Dance School, Ekaterinenburg Russland,

8 Foto © Kaufmann

9


Danstheater

Arena

„Duet Zagreb“,

Foto ©

Brinkgreve

TRANSIT wollte und will weiterhin Öffentlichkeit für

den Tanz und das TanzTheater für junges Publikum

schaffen. Es wird ein zweites TRANSIT geben, wenn

auch - aus finanziellen Gründen - erst 2003.

Über die Unterschiedlichkeit der nationalen Produktionserfahrungen

und -bedingungen hinweg tauchten ähnliche Fragen,

Forderungen, Wünsche auf:

1.

2.

TanzTheater muß sich als selbstverständlicher Bestandteil

der ästhetischen,kulturellen Bildung für junge

Menschen etablieren können.

Kinder und Jugendliche sind nicht morgen Abonnenten,

sondern heute ganze Menschen, die auch heute die

ganze Kunst brauchen.

7.

8.

9.

10 .

11 .

Kinder und Jugendliche brauchen TänzerInnen nicht

nur auf der Bühne, sondern auch, um Erfahrungen am

eigenen Leib zu sammeln.

Ohne ihre Eigenständigkeit zu leugnen, sind die Tanzschaffenden

interessiert am Austausch mit den

KollegInnen der Kinder- und Jugendtheater, um ihre

Erfahrungen mit dem jungen Publikum zu teilen.

Die Kunst der Dramaturgie braucht mehr Beachtung.

Es braucht „Autorenförderung” auch für TanzTheater.

Tanz ist eine internationale Sprache und braucht auch

den internationalen Fachaustausch und die vermehrten

Aktivitäten durch Arbeitstreffen, Kooperationen

und Koproduktionen.

Tanzsprache ist Körpersprache und gewinnt in einer zunehmend

körperfeindlichen Welt enormen Stellenwert.

Mit dem TanzTheater schaffen die darstellenden Künste

den Sprung ins 21. Jahrhundert.

Compagnie

du Sillage,

Foto © Fleuroux

3.

4.

5.

6.

Der junge Mensch mit seinen Fragen an die Welt steht

im Mittelpunkt und nicht die formale Frage,ob denn nun

Ballett, Modern Dance oder TanzTheater „besser” sei.

Der Tanz für Erwachsene kann beim Tanz für junges

Publikum lernen und sich von den dort zu erfahrenden

Kommunikationsansätzen zwischen Bühne und Zuschauerraum

inspirieren lassen.

Es gilt, Strukturen zu entwickeln, die Multiplikatoren

bilden, damit sie Kindern Tanzkunst nicht vorenthalten,

sondern mit ihnen zuschauen lernen.

Kinder und Jugendliche müssen in den Tanzausbildungsstätten

als potentielles Publikum vorkommen.

10 11


Wolfgang Schneider

Vorsitzender der ASSITEJ Deutschland

CHOREOGRAPHIE

DES ALLTAGS – –

TANZTHEATER ALS

KINDERTHEATER

Wenn die Geschichte des Märchens zu kurz war für eine Aufführung

auf der Bühne, dann wurde schon einmal ein Ballett

dazwischengeschoben - ob es zur Handlung paßte oder nicht.

Das meine ich gewiß nicht.

Dr. Wolfgang

Schneider

Foto © Zouari

Als das Publikum knapp wurde, erfand man die Weihnachtsrevue

mit Spitzentanz und Tüll und Nußknacker, Schwäne und

anderes Getier tümelten zur klassischen Musik. Nein, auch das

meine ich nicht! Am besten sei - sagen nicht wenige - man lasse

Kinder für Kinder tanzen; denn die Ballettschulen haben nach

Carambole Tanz & Theater „1/8 mm man“

12 Foto © Mattis

13


wie vor Hochkonjunktur und einmal im Jahr müssen sie sich ja

präsentieren dürfen! Das ist nicht von mir gemeint, nein. Ich meine

TanzTheater, wie ich es seit einigen Jahrzehnten beobachten durfte.

Zum Beispiel in Köln. Bei dem Theater MONTEURE. Wo 1992 ein

Regenwald gegeben wurde. Andi Lucas und Joachim von der

Heiden trollten durch die Imagination, die Ralf Werner am Cello

akustisch begleitete. Auf der Bühne waren Röhren, kurze, lange,

stehend, liegend, durch das Anspielen der Tänzer sah man aber die

bunte Vielfalt von Flora und Fauna subtropischer Gegenden, erlebte

den Zauber der Wildnis, aber auch den Raubbau an der Natur,

wurde gewahr, was uns fehlen wird, bekam den Überlebenskampf

vermittelt, spielerisch, unmittelbar.

Er sollte aber vielmehr die inhaltliche und ästhetische Debatte

herausfordern. Welches Theater brauchen wir? Und wie soll es

gemacht sein, damit Kinder es brauchen?

Viel Kindertheater scheint noch lange nicht künstlerisch wertvolles

Kindertheater zu bedeuten. Es regiert mehr Masse als

Klasse, mehr Einfalt als Vielfalt. Und viele Zuschauer sagen noch

lange nichts über die Qualität der Theaterkunst aus. Auf der

Strecke bleibt die Idee eines Kindertheaters, das sein Publikum

ernst nimmt. Wenn vierjährige in Reihe 12 im 2. Rang sitzen,

können sie von der Bühne aus nicht gemeint sein. Probleme der

Disziplin sind die Folge. Laut und rauh die Aufführungen.

TanzTheater für Kinder, wie ich es meine, wie ich es

aus Frankreich kenne, in Dänemark anschaulich vorgeführt

bekommen habe, in Italien im Repertoire

der Kinder- und Jugendtheater erleben konnte, wie

es sich in den Niederlanden zu einer künstlerischen

Gattung entwickelt hat.

Ein Anfang. Denn ansonsten ist die deutsche Theaterszene zwar

reich an Ballettensembles, aber arm dran, wenn es um Aufführungen

für ein junges Publikum geht. Ausnahmen bestätigen da wie immer

die Regel. Zum Beispiel Sascha Waltz` „Travelogue”, die in Kooperation

mit der Schauburg München entstand, das Ballett Schindowski

in Gelsenkirchen, das abwechselnd auch für Kinder und Jugendliche

produziert, oder das Theater MONTEURE in Köln. Ansonsten begeistern

wir uns für Pina Bausch und William Forsythe, für die

Schlömers, Kresniks und Ivos exclusiv für Erwachsene. Das ist - wie

gesagt - woanders anders.

Introdans „Ajakaboembie“

Ch: Hans van Manen,

Foto © Gerritsen

Deshalb ein Forum. TRANSIT. Eine Bewegung mit

Gastspielen und Gesprächen. Ein europäischer Austausch.

Zur Propagierung eines Desiderats. Eine

jugendpolitische Forderung. Für eine kulturpolitische

Förderung.

Theater für Kinder bedarf der besonderen Pflege. Was Produktion

und Rezeption betrifft. Es ist höchste Zeit, dem Alltagsgeschäft die

Konzeption eines Kindertheaters gegenüberzustellen, das frei ist

von Zwängen und Zufällen, das durch soziale und künstlerische

Ansprüche geprägt ist, das sich besinnt auf seine kulturellen Möglichkeiten,

Schule des Sehens zu sein, Kommunikation in Gang zu

setzen und Mut zum Leben zu machen. Der Slogan „Kinder machen

Theater“ klingt zwar ganz gut. Kulturpolitisch muß er immer wieder

wiederholt werden.

Introdans,

Foto © Kaufmann

Dem gegenüber versuchen die rund 300 Mitglieder der ASSITEJ,

der Deutschen Sektion des internationalen Kinder- und Jugendtheaterverbands,Stoffe

und Stile zu etablieren,die das junge

Publikum ernst nehmen und vielseitig anregen.Von Flensburg bis

Konstanz und von Bedburg Hau bis Senftenberg engagieren sich

14

15


Birgitta Egerbladt „Geheime Räume“,

Foto © Kaufmann

Theaterkünstler in freien Gruppen, privaten und städtischen Häusern,pflegen

eine Spielpraxis der unterschiedlichen Gattungen und

mit den verschiedensten Mitteln. Um das Theater für ein junges

Publikum muß aber immer kuturpolitisch gekämpft werden. Und

es muß sich künstlerisch weiterentwickeln. Auch als TanzTheater.

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

TanzTheater für Kinder ist eine eigene künstlerische

Gattung,neben dem Schauspiel und dem Puppenspiel.

Standbein ist das Geschichtenerzählen, Spielbein das

assoziative Bildertheater.

TanzTheater für Kinder ist einzig und allein unterhaltsame

ästhetische Bildung und hat keine Funktion,weder

inhaltliche noch didaktische.

Und gerade deswegen hat TanzTheater für Kinder ganz

viel mit den jungen Rezipienten von heute zu tun. Ihr

Alltag und ihre Geschichten sind Gegenstand der Choreographien.

Was sie bewegt, bewegt auch die Tänzer.

TanzTheater für Kinder reformiert das Kindertheater.

Neben die Dramaturgie tritt die Choreographie, neben

die Literatur die Bewegung. Die Bühnensprache wird

vielfältiger, die Körperlichkeit noch mehr betont.

Die Rolle der Musik in Zeiten von Hiphop,Techno,House

and more gewinnt an Bedeutung. Diese zeitgenössische

Entwicklug von junger Musik dient der Modernisierung

des Theaters. Das Kindertheater sollte deshalb

dem TanzTheater nicht nur zusehen, sondern auch gut

zuhören.

Und daß auch niemand falsch versteht, was ich meine.

Dies hier ist nicht die Aufforderung an die Kindertheater

in Deutschland, sich nun allesamt dem TanzTheater

zu widmen. Meine Überlegungen mögen eher als Plädoyer verstanden

werden, die „Dritte Sparte” an den „Großen Häusern”

auch für Kinder zu öffnen. Mit eigenen Produktionen, mit neuen

Geschichten für ein dankbares Publikum der Gegenwart – vielleicht

auch der Zukunft. Auch die öffentlichen und privaten

Förderer der darstellenden Kunst mögen angeregt werden, neue

Kompanien in die Lage zu versezen, TanzTheater für Kinder

agil und mobil anzubieten. Wir brauchen mehr Kindertheater.

Eine Bereicherung wäre das TanzTheater.

Ballett Schindowski

Gelsenkirchen

„Die Erschaffung

der Erde“,

Foto © Meyer-Finkes

16

17


Thèrése Boshoven

Tanzproduktionen für die die Jugend Jugend – –

Tanzpädagogik in den

Niedeerlanden Niederlanden nach nach 1945 1945

1.

Schüler gehen zum Tanz ins Theater (1945 bis

ca. 1970)

Unmittelbar nach der Befreiung von der deutschen Besatzung im

Jahr 1945 gründete Hans (Johanna) Snoek in den Niederlanden

das Scapino Ballett – ein Tanzensemble, das sich zum Ziel setzte,

das jugendliche Publikum mit der Tanzkunst in Kontakt zu

bringen. Dieser Ansatz war damals weltweit einmalig. Das

Repertoire bestand vor allem aus pantomimischen Werken und

Handlungsballetten, die von niederländischen Choreographen,

Bühnenbildnern und Musikern eigens für die Tanzkompanie

entwickelt wurden. Hunderte von Schulkindern und ihre Eltern

besuchten die Theater,in denen die Ballette von der Scapino-Figur

(dem Bruder vonColombine in der Commedia dell’arte) erläutert

wurden. Die Rolle des Scapino-Balletts in der Geschichte der

„Tanzvermittlung” sollte nicht unterschätzt werden.

Das Ensemble, das über keinerlei finanzielle Absicherung

verfügte, wurde in den Anfangsjahren

aus verschiedenen spärlichen Quellen finanziert,

unter anderem dem Privatvermögen von Hans

Snoek selbst. Seit den 60er Jahren erhielt Scapino

als erste und einzige pädagogische Gesellschaft

eine institutionelle staatliche Unterstützung.

Die Leitlinien von Hans Snoek blieben bis zu ihrem Abschied 1970

in Kraft. Der neue künstlerische Leiter Armando Navarro wandte

sich an ein breites Publikum von „8 bis 80”. Die Scapino-Figur

verschwand von der Bühne. Neben Handlungsballetten wurden

auch Klassiker wie Nußknacker und Coppélia sowie abstrakte

Ballette in das Repertoire aufgenommen. Äußerst erfolgreich in

diesem Genre waren Stücke von Hans van Manen, wie etwa

„Snipers” und „Ajakaboembie”.

In dieser Zeit wurde viel Kritik an der Ausrichtung Scapinos laut:

Die erzählenden Ballette seien zu kindlich, bei den eher abstrakten

Stücken bestehe eine zu große Diskrepanz zwischen

Scapino „Pulcinella“ CH: Nils Christe,

18 Foto © Gerritsen

19


Scapino Ballett, Picolo Mondo

CH: Jiri Kylian, Foto: © Fatauros

2.

20

Inhalt und Auffassungsvermögen jugendlicher Zuschauer. In

den klassischen Stücken blieb das tanztechnische Niveau hinter

dem zurück, was man inzwischen von Het Nationale Ballett

(HNB) und dem Nederlands Danstheater (NDT) gewohnt war.

Für die Tänzer selbst war Scapino lediglich der Einstieg in eine

echte Tanzlaufbahn. Zudem führte Navarro eine Trennung zwischen

rein pädagogischen und künstlerischen Aktivitäten ein:

Eine eigenständige pädagogische Sparte, Scapino 10, trat in

Schulen auf, gab Einführungen zu den Inhalten der Vorstellungen

und führte Tanzprojekte

an Schulen

durch. Damit

zog das Theater

in die Schule um.

Der

Introdans Ch: Jirí Kylián

Foto © Kaufmann

Tanz sucht die Jugend in den Schulen auf (ca.

1970 bis ca. 1990)

Mit dieser Verselbständigung der erzieherischen Aktivitäten folgte

Scapino dem neuen Trend in der Tanz- und Kunstwelt. In den 70er

Jahren entstanden weitere edukative Tanzensembles, wie zum

Beispiel Studio LP (das spätere Introdans) in Arnheim, das Werk-

3.

zentrum Dans in Rotterdam (die spätere Rotterdamse Dansgroep)

und die Noord Nederlandse Dansgroep (das spätere Reflex) in

Groningen. All diese kleinen und nur minimal subventionierten

Gesellschaften waren sowohl pädagogisch als auch als darstellende

Ensembles aktiv. Die pädagogischen Zielsetzungen in den

70er Jahren lagen vor allem auf den Gebieten der Kreativität

und der Bildung: Die Künste (Tanz, Theater, Literatur, bildende

Kunst, Musik) standen im Dienst der Persönlichkeitsbildung von

Schülern und deren kreativer Entwicklung. Durch die Künste

erhielten die Schüler Gelegenheit, sich mit politischen und gesellschaftskritischen

Themen auseinanderzusetzen. Die Möglichkeit,

sich selbst auszudrücken, befähigte die Kinder zu einer bewußten

und kritischen Haltung gegenüber der Welt. Die Künste kamen

in die Schulen. In Mittanzstunden machten die Schüler aktive

Tanzerfahrungen.

Die Tänzer dieser Gesellschaften waren oft

ausgebildete Tanzpädagogen. Es entstanden

Gruppen, die ausschließlich aus Tanzpädagogen

bestanden, die ihre Choreographien selbst erarbeiteten

und auch die Vor- und Nachbereitung

in der Schule übernahmen (DIN, D3, Fel Pastel).

Choreographien als Kunstform an sich mußten

den pädagogischen Zielen weichen.

In den 80er Jahren vernachlässigten die edukativen Ensembles

(Introdans, Werkzentrum Dans und Reflex) ihre pädagogische

Aufgabe und konzentrierten sich auf Aufführungen und auf das

Erwachsenen-Repertoire. Introdans entwickelte sich zur vierten

Repertoiregesellschaft in den Niederlanden (neben HNB, NDT

und Scapino). Das Werkzentrum Dans übertrug die erzieherische

Aufgabe der Stiftung Kunstzinnige Vorming Rotterdam, und Reflex

trat nur noch selten vor Schulkindern auf.

Von der künstlerischen Bildung zur Kunsterziehung:

Tanzerziehung auf dem Kunstmarkt

(Die 90er Jahre)

Nach rund vierzigjährigem Bestehen beendete Scapino 1988 als

erstes und ältestes Mitglied die tanzpädagogische Tätigkeit. Die

pädagogische Abteilung Scapino 10 wurde aufgelöst. Ihre Arbeit

wurde von der gemeinnützigen Gruppe „Scapino in der Schule”

übernommen.„Scapino in der Schule”veranstaltete eigene Tanzprojekte

innerhalb des regulären Unterrichts und wurde 1997

vom LOKV, den Nederlands Institut voor Kunsteducatie, weiter-

21


geführt. Die Tanzcompany Scapino heißt seit 1990 „Scapino

Ballett Rotterdam”, das sich unter der Leitung von Nils Christe

und danach unter Ed Wubbe zu einem ausschließlich darstellenden

Ensemble entwickelte, das allerdings immer noch ein eher

junges Publikum anspricht. Introdans hauchte mit der Gründung

von Introdans Education 1989 der pädagogischen Abteilung nach

Jahren der Vernachlässigung wieder neues Leben ein. Damit

entstand neben der Repertoiregesellschaft Introdans eine neue

Gesellschaft, die nicht nur in den Schulen wirkte, sondern auch

in Theatern Jugendvorstellungen gab. Nach einer weiteren Namensänderung

heißt diese Jugendgesellschaft heute „Introdans,

Ensemble für die Jugend”. Das alte Attribut „edukativ” empfand

man als zu „bevormundend”.

Reflex in Groningen ist inzwischen aufgelöst worden. Die

Rotterdamse Dansgroep ist Namensnachfolgerin des Werkzentrum

Dans. Die Gruppe ist ausschließlich darstellerisch tätig und

besitzt keine spezifisch pädagogische Zielsetzung mehr. Allerdings

wurden neue Gesellschaften gegründet, wie z.B. Dansend

Hart, De Stilte, Unieke Zaken, De Meekers, Danstheater Arena,

Opus One usw., die in das Vermittlungsangebot des LOKV aufgenommen

wurden. Schulen und unterstützende Einrichtungen

können die Datenbank des LOKV in Anspruch nehmen, wenn sie

ein innerschulisches Tanzangebot auswählen wollen.

(www.lokv.nl) (www.dansbewegtje.nl)

Aktuelle Entwicklungen


Läßt man die Ereignisse der 90er Jahre Revue passieren,

dann wird deutlich, daß sich auf erzieherischem

Gebiet eine starke Neuorientierung

vollzieht. Diese Neuorientierung hängt mit zwei

Bewegungen zusammen:

Zum einen verändert sich die Auffassung vom Verhältnis zwischen

den Künsten und Erziehung/Unterricht. Das Konzept „künstlerische

Bildung” wurde fallengelassen. Pädagogische Zielsetzungen

sollen nicht mehr durch die künstlerische Tätigkeit angestrebt

werden. Kunst wird nicht mehr als Transportmittel für außerhalb

der Kunst gelegene Leitziele gesehen.Die künstlerische Ausbildung

selbst rückt in den Vordergrund – nicht mehr als Mittel, sondern

als Ziel an sich. Diese neue Sichtweise der Kunsterziehung begreift

„Kunsteducatie”als breitgefächerte Schulung in den Künsten – sowohl

in aktiver und rezeptiver als auch in reflektiver Hinsicht.

Tanzerziehung betrifft also nicht nur das aktive, selbsterfahrende

Lernen, sondern auch das rezeptive Zuschauen-Lernen.

De Stilte

Ch. und Foto © Timmermans

Beide Arbeitsformen werden durch Hintergrundmaterial und

Faktenwissen (reflektiv) ergänzt. Diese konzeptionell neue Sichtweise

trifft sowohl für die außerschulische als auch für die

schulische Kunsterziehung zu.


Die zweite Bewegung hängt mit der Bewegung

des Unterrichts zusammen, wie sie seit den 90er

Jahren in den Niederlanden stattfindet. Der Einfluß

dieser Unterrichtsreform auf die Tanzwelt

bewegt sich auf verschiedenen Ebenen.

1993 wurde für alle Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und

16 Jahren die sogenannte Mittelstufenreform eingeführt. Diese

Mittelstufenreform bietet Schulen erstmals die gesetzliche

Möglichkeit, Tanz als ordentliches Schulfach anzubieten. Genau

wie alle anderen regulären Schulfächer hat das Unterrichtsfach

Tanz festgelegte Leitziele und einen Lehrplan, an denen die Tanzpädagogen

ihren Unterricht orientieren können. Zur Zeit gibt es

in den Niederlanden etwa zehn Schulen der weiterführenden

Unterrichtsstufe, in denen Tanz regulär auf dem Lehrplan steht.

Damit besitzen die an den Kunsthochschulen (Amsterdam, Tilburg,

Arnheim, Rotterdam) ausgebildeten Tanzpädagogen zum

erstenmal eine erweiterte Berufsperspektive:

22

23


Neben Tanzunterricht im außerschulischen Bereich kann jetzt

auch an staatlichen Schulen Tanzunterricht erteilt werden.

Obwohl der Abschluß als Tanzpädagoge eine Unterrichtserlaubnis

an staatlichen Schulen bereits beinhaltete, war die tatsächliche

Vorbereitung auf den Lehrerberuf im (weiterführenden)

Unterricht an den meisten Hochschulen gleich null, nicht nur

hinsichtlich des aktiven Tanzunterrichts, sondern vor allem hinsichtlich

der rezeptiven und reflektiven Komponenten der

Tanzerziehung. Die Tanzakademien, die den Hochschulen angeschlossen

sind, mußten ihre Ausbildungsprogramme vor allem in

v.l.n.r. Marc Jonkers, Anne Neumann-Schultheis,

Gisela Peters-Rohse, Hans (Johanna) Snoek,

Thèrése Boshoven; Foto © Zouari

Introdans Ch: Jirí Kylián

Foto © Kaufmann

den Bereichen Tanzmethodik und -pädagogik sowie Tanztheorie

und Tanzgeschichte an die Erfordernisse des Unterrichtens

anpassen. An vielen Hochschulen wurde die Entwicklung und

Durchführung von Tanzproduktionen für Kinder als Teil der

Ausbildung mit aufgenommen.

Seit August 1998 haben weiterführende Schulen

die Möglichkeit, die reformierte „zweite Phase”

einzuführen. Ab August 1999 sind sie dazu verpflichtet.

Die reformierte zweite Phase des weiterführenden

Unterrichts (16 bis 18 Jahre) ziehlt

vor allem darauf ab, Schüler besser auf das Studium

vorzubereiten. Sie läßt sich im Konzept des

„Studiehuis” (Haus des Lernens) zusammenfassen,

wonach die Schüler selbstverantwortlich

lernen. Lehrer sind eher Trainer und Mentoren

und nicht mehr diejenigen, die ausschließlich die

Inhalte und den Verlauf des Lernprozesses bestimmen.

Hans (Johanna) Snoek,

Foto © Zouari

Neben den allgemeinen lerntheoretischen Konsequenzen

beinhaltet die Erneuerung in der zweiten Phase eine Reihe weitgreifender

Konsequenzen auch für die Tanzpädagogen.

24 25


Berry Doddema

Die Die Brille des des Publikums Publikums

was was erwarten junge

Zuschauer vom Tanz?

?

Auch wenn spezielle Tanzvorstellungen für ein junges Publikum

kein Novum mehr in Europa sind, können wir in Bezug auf

Deutschland, abgesehen von einigen Pionieren wie Bernd

Schindowski, von einem tanzhistorischen Wendepunkt sprechen.

Alle Produktionen, die wir beim Festival TRANSIT anschauen

konnten, sind für Kinder und Jugendliche gedacht, also für eine

ganz bestimmte Zielgruppe. Für die Tanzwelt ist das, meine ich,

fast revolutionär. Warum?

Bis jetzt gab es in Deutschland eine recht einseitige

Fokussierung des Tanzangebots. Potenzielle Zuschauer

haben lediglich die Möglichkeit, das Angebot zu akzep

tieren:entweder sie gehen ins Theater - oder bleiben weg,

wie die meisten Kinder und Jugendlichen. Bei Tanzproduktionen,

die sich speziell an Kinder und Jugendliche

richten, müssen sich Choreographen fast zwangsläufig

im Vorfeld mit ihrem Publikum auseinandersetzen.Diese

Annäherung zwischen dem Produkt Tanz einerseits und

Wünschen und Erwartungen des Publikums andererseits

kann sich nur positiv auf die Zuschauerresonanz

auswirken.

Eine Zielgruppenorientierung, wie man so schön sagt, muß nicht

zu einem Qualitätsverlust des Produktes führen. Das läßt sich am

Beispiel Holland sehr leicht nachweisen.

26 27

Compagnie Irene K.

Foto © Marks


Choreographisches Theater

Bonn, CH: Mikulas˘tik,

Foto © Thilo Beu

Tanzen ist für viele Kinder und Jugendliche - quer durch alle

sozialen Schichten und Nationalitäten - nicht nur eine angenehme

Nebensache, sondern lebensnotwendig. Es ist für sie sowohl eine

Möglichkeit, ihre Emotionen und Gefühle darzustellen und zu

gestalten, als auch Konfliktsituationen zu verarbeiten. Darüber

hinaus bietet der Tanz ausgezeichnete Integrationsmöglichkeiten.

Etwas anderes ist es, Tanz auf der Bühne richtig einordnen und

verstehen zu können. Das junge Publikum braucht Hilfestellung,

damit sein Interesse am Tanz geweckt und erhalten bleibt. Kinder

und Jugendliche dürfen dabei nicht überfordert werden,sonst

besteht die Gefahr, daß ihre erste Vorstellung möglicherweise

auch die letzte war.

Es ist ein großes Mißverständnis zu denken, daß

eine vorsichtige, kindgerechte Herangehensweise

nur beim Sprechtheater, im Musiktheater

oder im Museum notwendig wäre. Gerade beim

Tanz mit seiner mehr als komplexen Sprache ist

ein schrittweises Hineinwachsen wichtig.

Tanz ist für viele wie eine unbekannte Fremdsprache. Damit Kinder

und Jugendliche am Gespräch teilhaben können, müssen sie

die Möglichkeit bekommen, die Sprache des Tanzes zu begreifen.

Die Behauptung: „Kinder können doch auch Vorstellungen für

Erwachsene besuchen”, trifft schon gar nicht zu. Vielleicht sind mit

dieser Äußerung romantische oder klassische Handlungsballette

gemeint. Da besteht gewiß die Möglichkeit, die Bewegungsfolgen

pur, die Technik als solche, eingebettet in eine leicht verständliche

Handlung,zu genießen und zu bewundern.Der Bühnentanz in seinen

jetzigen Erscheinungsformen ist jedoch nicht so einfach zu

entschlüsseln.

Es geht immer mehr darum, die Bedeutung, die Sinngebung des

Tanzes,mit ihrer Überfülle an Zeichen,herauszufinden.Und gerade

hier sind unsere Heranwachsenden dann hoffnungslos überfordert.

In zeitgenössischen Balletten wird fast immer eine verschlüsselte

Bildsprache benutzt: Metaphern, Vergleiche und eine Symbolik,

die nur von Erwachsenen verstanden werden kann. Seelische

Schäden werden Kinder nicht davon tragen, wenn sie dennoch

zu einer Vorstellung für Erwachsene mitgenommen werden. Ob

sie jedoch emotional angesprochen werden, ob sie innerlich

berührt werden, ist fraglich.

Wenn der Tanz als Kommunikation verstanden

sein will und wir die Phantasie der jungen Zuschauer

ansprechen wollen, müssen wir bedenken,

daß sie über keine nennenswerten Seherfahrungen

im Theater verfügen.

Im Tanz wie im Theater möchten wir eine neue Sichtweise oder

Interpretation, Originalität in Musik und Bewegung, Innovationen

im Bühnenbild und dergleichen kennenlernen. Ohne Anleitung

können unsere Heranwachsenden dieses Neuland, das

Ungewöhnliche, das Besondere gar nicht erkennen. Ebenso

entgehen einem jungen Publikum Verweise zu Tagesereignissen

kultureller oder politischer Art. Die eigentliche Botschaft geht

verloren, wenn ihre Aufmerksamkeit nicht gezielt auf den Kern

gelenkt wird. Ihre persönlichen Lebenserfahrungen sind dafür

noch zu gering, sie haben keine Anknüpfungspunkte. Das gilt

auch für die bereits vorher erwähnte Bildsprache.

Damit die Zuschauer den roten Faden erkennen,

erstellen niederländische Tanzensembles Lehrbriefe

und schriftliches Begleitmaterial. Es ist

bedauerlich und grenzt an Ignoranz, wenn ein

junges Publikum kein Programmheft oder lediglich

eine Fotokopie mit nur einigen Namen der

Tänzer in die Hand bekommt.

Wichtig erscheint es, Kindern ästhetische Erfahrungen in einem

überschaubaren Kontext zu ermöglichen.Unter Ästhetik verstehe

ich in diesem Zusammenhang, wie einer Bedeutung Form gegeben

wird.Die Herausforderung besteht darin,eine Harmonie,eine

Einheit zwischen Formgebung, Sinngebung und tanztechnischen

Elementen zu erreichen.

28

29


Gelungene Choreographien vermitteln den Zuschauern das

Gefühl, daß alles stimmt. Zuschauer haben die Möglichkeit,

ästhetisch oder auch nicht ästhetisch zu schauen.Wenn nicht-ästhetisch

zugeschaut wird, werden eher Fehler oder tanztechnische

Kunststückchen als wichtig empfunden. Erstaunlicherweise sind

das oft die Kriterien, die wir uns von erwachsenen Zuschauern

anhören dürfen. Kinder hingegen betrachten alles Geschehen auf

der Bühne mit der gleichen Aufmerksamkeit. Selbst die unauffälligsten

Nebensachen finden plötzlich ihr Interesse.

Für Kinder ist die emotionale Ebene sehr wichtig. Auf dieser

Ebene versuchen wir, die Gefühle und Emotionen der Kinder zu

sensibilisieren. Hier sind Identifikation und Distanz Schlüsselbegriffe.

Die TänzerInnen bringen ihre Persönlichkeit, ihre Präsenz

und Ausstrahlung, ihre Körpergröße, Hautfarbe und Geschlecht

mit ein.

Im folgenden möchte ich am Beispiel des Scapino Balletts

kurz schildern,wie diese Erkenntnis konkret in der

Praxis umgesetzt wurde.

daß SchülerInnen erwünschte persönliche Eigenschaften entwickeln,

wenn sie mit den notwendigen Bildungsinhalten konfrontiert

werden.

Der Schwerpunkt lag nicht mehr auf künstlerischen, sondern auf

pädagogischen Zielsetzungen und somit außerhalb des Mediums

Tanz. Diese Periode war von einer sozialkritischen Sichtweise

geprägt. Die Kunst wurde als Mittel, als Bildungsmittel eingesetzt.

Der Tanz stand im Dienst der Persönlichkeitsentwicklung

oder der Kreativitätsentwicklung.

Junge Zuschauer sollten

wehrhaft gemacht werden.

Raus aus der Zuckerdose des

Märchens, und rein in die

harte Wirklichkeit. Manchmal

wurde dabei sogar eine

richtige Anti-Moral gepredigt,

besonders gegen absolute

Gehorsamkeit und

Ordnung.

Dansend Hart

„Kein Aschenputtel,

Foto © Kaufmann

Damit jedes Kind in den

Genuß dieser Erziehung

kommen konnte, wurden

diese Produktionen oft direkt in der Schule, vor Ort, aufgeführt.

Rückblickend war dieser Ansatz, auch wenn ich

das immer gerne ein wenig zynisch schildere, sehr wichtig

und bahnbrechend. Er führte dazu, daß in den Niederlanden

Tanz als reguläres Schulfach eingeführt wurde.

Scapino Ballett,

„Greetings“

CH: Nils Christe

Foto: ©

Fatauros

Kurz nach dem Krieg bestand das Anliegen des Amsterdamer

Scapino Balletts, ein junges Publikum mit Tanzkunst in Kontakt

zu bringen. Als leitende Idee behielt dieses Ziel über 20 Jahre

Gültigkeit, bis etwa 1970. Und selbst heute hat dieses Ziel offensichtlich

nicht an Aktualität eingebüßt. Das Repertoire des

Scapino Ballett bestand damals vor allem aus Handlungsballetten,

aus Märchen.

In den 70er Jahren wurde diese Anfangsperiode in Holland von bildungsorientierten

Theaterformen abgelöst. Das Kind sollte sich

emanzipieren. Dieser bildungstheoretische Ansatz ging davon aus,

Das letzte Jahrzehnt wird durch eine geänderte, eher artifizielle

Sichtweise geprägt. Weg vom Belehren, hin zu mehr sinngebenden

und assoziativen Aspekten, werden Kindern ästhetische

Erfahrungen ermöglicht. Tanz auf der Bühne darf wieder Spaß

machen und unterhaltsam sein.

Die formgebenden Aspekte erhalten verstärkt Aufmerksamkeit.

Da, wo früher bereits eine gehörige Portion Moral oder Gesellschaftskritik

ausreichte, um Kinderproduktionen zu legitimieren,

sind jetzt künstlerische Schwerpunkte und Ansätze zentral. Die

Kunst ist nicht mehr Mittel, sondern Ziel.

30

31


Der Zeigefinger soll draußen bleiben. Das

suggestive Theater, in dem das Denken und die

Vorstellungsfähigkeit der Kinder stimuliert

werden, befindet sich seitdem stark im Aufwind.

Parallel dazu ist eine antipädagogische

Haltung zu erkennen, bei der die Beteiligten

- die erwachsenen Künstler und die jungen

Zuschauer - gleichberechtigt sind.

Variationen und Veränderungen im Stil, bei Lichtdesign, Kostümierung,

Bühnenbild sowie beim Veranstaltungsraum erhalten

seitdem einen höheren Stellenwert. Auch werden bestehende

Mauern zwischen den einzelnen Sparten abgebaut. Es wird getanzt,

gesungen und gespielt. Damit diese Aufgabenbereiche

bewältigt werden können, gehört zu den Angeboten der niederländischen

Tanzhochschulen neben Tanz auch Schauspiel- und

Gesangsunterricht.

Zuschauer möchten unterhalten werden: das ist für die meisten,

ob jung oder alt, die entscheidende Motivation, um ins Theater zu

gehen. Es dürfte klar sein, daß die Unterhaltung beim bildungsorientierten

Ansatz mit ihrer sozialkritischen Sichtweise etwas zu kurz

gekommen ist.Mit Unterhaltung meine ich nicht Gefälligkeitskunst,

sondern die Gesamtheit von Faktoren, die eine Vorstellung spannend

und sehenswert machen: wie ChoreographInnen es schaffen,

einen Spannungsbogen zwischen Bewegungsmaterial, Bedeutung

und Formgebung herzustellen - wie auf Emotionen angespielt

wird, wie Informationen übertragen und dabei auch noch die Phantasie

und Kreativität stimuliert werden.

Ballett Detmold

Ch: Sabine Seume

„Aus einer anderen Welt“,

Foto © Kaufmann

Fast zwangsläufig hat sich mit dieser Entwicklung

auch die Thematik verändert. Kinder und

Jugendliche werden tagtäglich mit einer Überdosis

an Konflikten, Trennungen im Elternhaus,

Leistungsproblemen in der Schule, Kriminalität,

Arbeitslosigkeit, Rassenkonflikten, u.s.w. konfrontiert.

Es gibt eine Verschiebung hin zu anderen Themen, die sich indirekt

oder direkt mit ihrer Lebenswelt beschäftigen. Die Jüngsten

erwärmen sich für Themen aus bekannten Kinderbüchern, für

Sport und Spiele und eine Rückbesinnung auf Märchen. Themen

wie Liebe, Angst und Sexualität sind bei den Teenies und Twens

aktuell.

Ob wir in Deutschland den gleichen Weg

a.

b.

c.

in Kontakt bringen mit Tanz als Kunstform

den bildungsorientierten Ansatz

den artifiziellen Ansatz

in einer ähnlichen Form durchlaufen müssen, ist fraglich. Ich vermute,es

gibt hier keinen Königsweg.Wir sollen nicht über ein „entweder

-oder”,sondern eher über ein „sowohl- als- auch”sprechen.

Noch einige Überlegungen zum Humor. Humor

stimuliert Kreativität und Phantasie. Er befreit

uns aus dem Korsett des logischen, geradlinigen

Denkens und Handelns. Es hilft uns, Tabus

zu durchbrechen. Populäre Helden in der Kinderliteratur

wie Pippi Langstrumpf oder Harry

Potter sind oft witzige und lustige Anarchisten.

Damit wir das Denken überwinden, daß Kinder, oder noch schlimmer,

Jugendliche, primär erzogen werden müssen, bitte ich alle

ChoreographInnen:Zeigt Euch bitte von Eurer witzigen Seite.Seid

nicht so ernst.

Das Gefühl für Humor bei Kindern und Jugendlichen unterscheidet

sich erheblich von dem der Erwachsenen. Slapstick, Tabuwörter

und überzogene Situationskomik, für die sich Kinder grenzenlos

begeistern können, werden von Erwachsenen schnell als Effekthascherei

abgetan. Dafür sind Ironie und Doppeldeutigkeit (z.B. bei

Metaphern) bei Kindern bis etwa 9 Jahren verschwendete Energie.

32

33


Carambole Tanz

&Theater

„1/8 mm man“,

Foto © Kaufmann

Jugendliche dagegen lieben es eher skurril. Absurdes Verhalten

ist gefragt. Später kommt das Gefühl für Parodie, Satire und

schwarzen Humor hinzu.

Wer schon mal mit Kindern gearbeitet hat, kennt

die Notwendigkeit, Humor zu besitzen. Habt

Mut, Humor einzusetzen. Das befreiende Lachen

tut gut. Das Publikum wird dankbar sein.

Qualitativ hochwertige Produktionen für diese Zielgruppe zu

erstellen, ist sehr schwierig. Jeder Künstler beschäftigt sich am

liebsten mit dem, was ihn selbst bewegt. Jetzt soll er sich auch

noch in andere hineinversetzen - das ist nicht einfach.

Darum müssen die Voraussetzungen hierfür in der Ausbildung

erworben werden. Die Tanzhochschulen sind gefordert, ihr Studienprogramm

so zu gestalten, daß Studierende Gelegenheit

bekommen,choreographisch für ein junges Publikum tätig zu sein.

In Holland erfreuen wir uns an einem vielseitigen

Studienangebot. Die meisten Initiativen im

Bereich des Tanzes für Kinder entstanden nicht

an der Fakultät für Bühnentanz, sondern an den

tanzpädagogischen Fakultäten, die ein sehr

hohes tänzerisches Leistungsniveau besitzen.

Um den Prozeß zu beschleunigen, sollen verstärkt Workshops

angeboten werden und weitere Choreographenwettbewerbe

ausgeschrieben werden. Hier leistet das Choreographische Zentrum

NRW in Essen bereits wichtige Vorarbeit. Es ist zu hoffen,

daß die Arbeit strukturell gefestigt wird.

Parallel dazu ist es wichtig, daß Kinder und Jugendliche Gelegenheit

bekommen, selbst aktiv zu werden und rezeptive

Erfahrungen in Tanz umsetzen können.Die Landesarbeitsgemeinschaften

Tanz (LAG Tanz) und der Deutsche Bundesverband Tanz

können hier in die Pflicht genommen werden. Das Ganze kann

nur gut funktionieren, sinnvoll weiterentwickelt werden, wenn

die Organisation stimmt. Eine Agentur - nur für Kinder und

Jugendproduktionen und Projektarbeit - wie die LOKV in den

Niederlanden, könnte wichtige Arbeit leisten. Die LOKV in

Utrecht hat mehr als 20 Tanzgesellschaften - mit „Gütesiegel” -

im Programm, die von Veranstaltern gebucht werden können.

Auch regelmäßige Tanzfestivals wie TRANSIT,

kombiniert mit Musik oder Sprechtheater,

können dazu beitragen, daß der Zug nicht zum

Stehen kommt. Ich glaube, es liegt an uns. Bei den

Politikern spüre ich den Willen, Kinder und

Jugendliche zu unterstützen und finanzielle Mittel

zur Verfügung zu stellen.

Packen wir es an, damit dieser Zug, „der Kölner Tanzexpress”,

bald in einen Tanzrapid verwandelt werden kann!

www.moderndancecenter.de

34

35


Angela Rannow

INSELN DER UNORDNUNG

Betrachtungen zum Tanz für ein

junges Publikum anhand von Beispielen

aus der Tradition des Kinder- und

Jugendtheaters der DDR

In einem Text zu Althusser denkt Heiner Müller über

Geschichtsverlust und Perspektivlosigkeit nach und

zieht dabei das Bild trickfilmsüchtiger Kinder heran.

Nachdem er das Ausbleiben analytischer Impulse konstatiert,

sagt er:

„In gewisser Weise ist ja Kunst eine blinde Praxis. Ich sehe darin

eine Möglichkeit: das Theater für ganz kleine Gruppen (für

Massen existiert es ja schon lange nicht mehr) zu benutzen, um

Phantasieräume zu produzieren, Freiräume für Phantasie -

gegen diesen Imperialismus der Besetzung von Phantasie und

der Abtötung von Phantasie durch die vorfabrizierten Klischees

und Standards der Medien. Ich meine, das ist eine primäre politische

Aufgabe, auch wenn die Inhalte überhaupt nichts mit

politischen Gegebenheiten zu tun haben....

Es ist zunächst ziemlich gleichgültig, wie oder woraus diese

Freiräume für Phantasie gemacht werden,ob die Inhalte nun böse

sind oder gutartig, das ist ziemlich gleichgültig.”

Theater stellt - in welcher Form auch immer -

modellhaft Leben dar. Es ist eine unmittelbar körperbezogene

Kommunikationsform, die in geordneter

Form „Inseln der Unordnung“ inszenieren

kann, wie Heiner Müller sie nennt, und damit auf

andere mögliche Ordnungen verweist.

36

Ballett der Staatsoper Berlin „Peter und der Wolf“,

37

Foto © Radley


Welche Chancen der Begegnung mit Tanz im und als Theater

haben Kinder und Jugendliche? Wie erleben sie die künstlerische

Kommunikationsform Tanz?

Da raffinierte visuelle Inszenierungen mit Bewegung und Tanz

auch im alltäglich-medialen Leben ihre spektakuläre Rolle spielen,

sind Kindern und Jugendlichen vielfältige Formen von Tanz

aus und in aller Welt gegenwärtig. Darüber hinaus können sie

zwischen einer Vielzahl tänzerischer Freizeitangebote wählen.

Tanz ist kein eigenständiges Unterrichtsfach, sondern bestenfalls

sporadisch Bestandteil des Sportunterrichts. Er wird von Sportlehrern

unterrichtet, nicht jedoch von speziell ausgebildeten

Tanzpädagogen.

Während sich Kinder und Jugendliche in

Fächern wie Literatur, Kunst, darstellendes

Spiel und Musik produktive und rezeptive

Fähigkeiten aneignen, wird weder tänzerisches

Tun noch die Wahrnehmung von Tanz auf

annähernd vergleichbare Weise „geschult“.

Deutsche

Tanzkompanie

„Hänsel &

Gretel“,

Foto © Radley

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Wie intensiv und prägend solche Begegnungen mit und im Tanz

auch sein mögen, bleibt Tanz im und als Theater noch immer ein

außer-alltägliches Ereignis.

Es bedarf bewußter Entscheidung, ins Theater

zu gehen. Tanz verlangt intensive Wahrnehmung,

ist im wahrsten Sinne des Wortes interaktiv.

Die Einstiegshürden, tänzerische „Inseln der Unordnung“ im

Theater überhaupt entdecken zu dürfen, wenn sie denn inszeniert

werden, sind also hoch...

Für Kinder und Jugendliche in diesem Deutschland sind sie sogar

besonders hoch. Nach wie vor existiert eine erhebliche Diskrepanz

zwischen der Allgegenwart tänzerischer Phänomene im

täglichen Leben und der geringen Bedeutung, die Tanz in Bildung

und Erziehung beigemessen wird.

Auch in der DDR war Tanz kein eigenständiges Lehrfach, blieb die

über Jahrzehnte beharrlich wiederholte Forderung nach einer

stärkeren Präsenz von Tanz in Erziehung und Bildung unerfüllt.

Jedoch wurde nicht nur die außerschulische tänzerische Tätigkeit,

sondern auch die Begegnung von Kindern und Jugendlichen

mit Tanz im und als Theater großzügig gefördert.

So gehörten Kinderballette bzw. Tanzprogramme für Kinder und

Jugendliche in der DDR selbstverständlich zum Repertoire aller

großen professionellen Ensembles, sowohl der Opernhäuser als

auch der Staatlichen Tanzensembles.

Auch wenn die staatlichen Kinder- und

Jugendtheater eher relativ literatur- bzw.

sprechtheaterorientiert inszenierten, standen

Tanzaufführungen als Gastspiele durchaus auf

ihren Spielplänen.

Es gab eine Vielfalt von Ballett- und Tanzwerken der DDR-Bühnen

für Kinder und Jugendliche ,deren Spektrum von Kinderballetten mit

märchenhaften oder „realistischen“ Sujets bis zu Ballettklassikern,

von Folkloreballetten mit märchenhafter oder direkt gegenwartsbezogener

Thematik bis zu TanzTheaterproduktionen reichte.

Darüber hinaus wurden Traditionen entwickelt,

um Kindern und Jugendlichen die Welt des

Tanzes als und im Theater zu eröffnen. Sie konnten

punktuell bis in die Gegenwart fortgeführt

werden.

Eine solche Form der „organisierten Begegnung“ eines jungen

Publikums mit Tanz sind die Leipziger und Dresdner Schulkonzerte.

Es ist an dieser Stelle unmöglich, auf die Entwicklung

des Tanzes für ein junges Publikum in 40 Jahren DDR

einzugehen. Dennoch läßt sich durchaus behaupten, daß die

Schulkonzerte beispielhaft für den Anspruch stehen,der das Tanzgeschehen

für Kinder und Jugendliche in der DDR prägte.

39


Die Tradition der Schulkonzerte für Leipziger Kinder und Jugendliche,

in deren Mittelpunkt Musik in allen nur denkbaren Facetten musikalischer

Aufführungspraxis steht, geht auf das Jahr 1950 zurück.

Die Reihe umfaßt etwa 180 Angebote mit etwa 60 verschiedenen

Programmen pro Spielzeit und wird vom Schulamt betreut.

Während das konzertante Erleben von Musik von der sogenannten

E-Musik über Pop, Rock bis Jazz im Vordergrund steht,

schließen die Programme andere Genres ein, in denen Musik eine

Rolle spielt - selbstverständlich auch den Tanz.

Zu den Akteuren gehören das Gewandhausorchester Leipzig,

das Forum Zeitgenössische Musik Leipzig, die Oper Leipzig,

die Ballettschule der Oper Leipzig, die Hochschule für Musik

und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, der Fachbereich

Tanz der Musikschule „J. S. Bach“, sowie verschiedene

Bands, Künstler und Künstlergruppen. Der musikalischen Dimension

von Tanz widmete sich das MDR-Sinfonieorchester mit

seinem Konzertprogramm „Der Tanz im Wandel der Zeiten“.

An den Dresdner Schulkonzerten, die schon vor 100 Jahren begründet

wurden, beteiligen sich die Dresdner Philharmonie, die

Sächsische Staatskapelle, die Hochschule für Musik „Carl Maria

von Weber“, das Sorbische Nationalensemble Bautzen, sowie

Bands, Chöre, Künstler und Künstlergruppierungen.Wie in Leipzig

stehen in Dresden viele Tanzprogramme auf dem Konzertplan des

Schul- und Kulturamts.

So betreten Kinder und Jugendliche jene geheimnisvollen

Stätten, die normalerweise Erwachsenen

vorbehalten sind. Sie sitzen in Sitzen,

in die sie nicht hineinpassen, ob es sich nun um

die harten Sitzbänke einer umfunktionierten

Fabrik oder die Samtsessel eines Opernhauses

handelt. Sie erleben den Zauber all dessen, was

Tanz als und im Theater von professionell ausgebildeten

Künstlern für Kinder und Jugendliche

bis zu Tanz von Kindern für Kinder bedeutet.

Sie sehen Programme, die sich auf ihre spezielle Erlebniswelt

beziehen, oder sogar Aufführungen, die normalerweise für

Erwachsene gedacht sind. Als spätere Erwachsene werden sie

sich vielleicht mit einer gewissen Nostalgie an diese ersten aufregenden

Begegnungen mit Tanz und Musik erinnern. Die Auswahl

der Schulkonzerte erfolgt in Hinblick auf die Musiklehrpläne der

jeweiligen Klassenstufen. Sie werden von Schulklassen, besondere

Angebote auch von Familien besucht. Der Bezug auf die Lehrpläne

ermöglicht, daß sich Kinder und Jugendliche im Unterricht

über Tanz austauschen, z. B. über verschiedene Tanztechniken,

außergewöhnliche Bewegungsfindungen oder inszenatorische Besonderheiten.Sie

können sich im Sprechen über Tanz erproben, den

sie als Theatergattung mit ganz eigenen Traditionen erleben.

Unabhängig davon, ob die Schulkonzerte in der Schule tatsächlich

„pädagogisch ausgewertet“ werden, sind Kinder und Jugendliche

herausgefordert, sich als ein ganz spezielles Publikum zu

begreifen.Allein durch den Vergleich unterschiedlicher Angebote

können sie Kriterien für die Wahrnehmung von Tanz entwickeln.

Ähnlich wie vergleichbare Modelle des Kinder- und Jugendtheaters,

etwa das „Theater der Schulen“, erleichtern die

Schulkonzerte die Begegnung mit Tanz, wobei die Besonderheit

darin besteht, daß hier der Zusammenhang von Tanz und Musik

im Vordergrund steht.

Es handelt sich also um eine „konzertierte Aktion”, Kindern und

Jugendlichen organisierte Einbrüche in die Welt der Erwachsenen,

in die Welt des Tanzes als Kunst zu gestatten. Sie beruht auf dem

gemeinsamen Engagement von Kunstkommune und Öffentlichkeit,

ohne deren Bekenntnis sich die Schulkonzerte unter den

gegenwärtigen Bedingungen nicht aufrechterhalten ließen.Da sich

sehr unterschiedliche Partner zusammen präsentieren und eine

Vielfalt bieten, die einzelne Ballett-Ensembles oder TanzTheater

nicht zu leisten imstande wären, „profitieren“ alle.

In vielen Stücken erleben Kinder Tanz als hochspezialisierte

und extrem aufwendige Kunst mit

allem, was ihn als traditionsreiche europäische

Theatergattung ausmacht. Sie werden mit Fragen

nach Gut und Böse, mit der Macht von Witz

und Vernunft konfrontiert. Wenn auch in einem

Rahmen, der das Bühnengeschehen nicht

sprengt, werden sie bewußt herausgefordert,

verbal und nonverbal zu reagieren.

40

41


...

So scheint doch punktuell möglich zu sein, was als besondere

Qualität des elisabethanischen Theaters gilt. Es wagte Enthüllung

und Auseinandersetzung, und führte zu Analyse und

Verständnis für Vorgänge der äußeren Welten und innerer

menschlicher Befindlichkeiten. Das schloß handfeste Publikumsreaktionen

in theatralen Größenordnungen ein.

Theater als Ort zu begreifen, in dem “Inseln der Unordnung“,

Freiräume für Phantasie produziert werden,mag ein kühner Anspruch

sein. Doch müßte nicht angesichts der ungebrochenen

Faszination, die Tanz, Bewegung und Körperinszenierung auch

im 21. Jahrhundert ausüben, dem Tanz für Kinder und Jugendliche

dabei eine herausragende Rolle zukommen?

Vollständiger Text: http://www.tanzwissenschaft-ev.de

Ballett der Staatsoper

Berlin „Max & Moritz“,

Foto © Radley

Deutsche Tanzkompanie

„Der verschwundene Traumsand“

Ch: Aenne Goldschmidt, Foto © Kunstmann

42 43


MONTEURE

TanzTheaterKunst für jungesPublikum

Ein Ein Name ist ist Programm

Knochenbau

MONTEURE ist ein freies Ensemble, künstlerisch geleitet von

Joachim von der Heiden und Andi Lucas.

Seit ihrer Gründung 1988 bringen MONTEURE im Schnitt jährlich

mindestens eine Uraufführung auf die Bühne - Eigenproduktionen,

die über Improvisationen entwickelt wurden, über die Begegnung

verschiedener KünstlerInnen aller Kunstsparten entstanden sind.

DarstellerInnen - egal,welche “Sprache”sie nutzen - sind so immer

auch MitautorInnen der Stücke. Zahlreiche nationale und internationale

Preise und Festivaleinladungen im In- und Ausland begleiten

ihre oftmals kontrovers diskutierte Arbeit von Anfang an.

Zu den MONTEUREN gehören neben den beiden

Köpfen “feste freie” und “freie freie”

KünstlerInnen sowie MitarbeiterInnen in den

Bereichen Technik und Organisation.

Organisiert sind sie als Tourneebetrieb - d. h., sie verfügen nicht

über eine eigene Spielstätte, erhalten auch keine festen Subventionen,

sondern organisieren ihr Theater in einem kleinen Büro,

haben Lager und wechselnde Produktionsräume in Köln. Hier ist

der Standort, an dem die Stücke entstehen und an verschiedenen

Spielstätten zur Uraufführung kommen. Von hier aus fahren sie

auf ihre Gastspielreisen - mit ca. 130 Vorstellungen im Jahr sind

sie in Schulen, Theatern, Bürgerhäusern, Kulturzentren usw. in

ganz Deutschland und im Ausland zu Gast. Darüberhinaus werden

Projekte konzipiert, die mit Kindern oder Jugendlichen in

unterschiedlichen Städten durchgeführt werden und die immer

in Aufführungen der jungen Menschen münden.

Am Standort Köln haben sie auch TRANSIT,TanzTheater für junges

Publikum, erfunden und im September 1999 dieses erste

internationale Treffen durchgeführt, bei dem acht internationale

und drei Produktionen aus NRW zu erleben waren.Weil es an der

Zeit war: endlich mehr Öffentlichkeit für diese junge Kunstsparte

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Tanzkompanie Running Out „Die Kiste“,

Foto © Hügli

45


Monteure

„Glück gehabt“,

Foto © Domahs

zu schaffen, endlich mehr Austausch über ein Genre, das zwar in

Deutschland nahezu unbekannt ist, aber in den europäischen

Nachbarländern, wenn nicht üppig, aber immerhin vorkommt

und mit beeindruckenden Stücken dokumentiert, was Tanzschaffende

einem jungen Publikum zu “sagen” haben.

Hirnstrom

Allerdings:MONTEURE sind kein Tanzensemble.Sie kreieren nicht

nur Tanzstücke, es sind nicht nur TänzerInnen auf der Bühne zu

sehen. Und sie sind aber auch kein Theaterbetrieb. Sie inszenieren

keine “klassischen” Vorlagen neu und selbst Schauspieler

kommen manchmal ohne Sprache aus.

Sie sind sowohl-als-auch.

Sie sind ja-aber-nicht-nur.

Wenn MONTEURE von sich als Theater sprechen - dann ist Theater

immer im Sinne von Bühnenereignis gemeint, nie als Begriff

für die reine Schauspielkunst. Deshalb: der Name ist Programm.

Die Montage-Ästhetik ist der rote Faden,der sich durch alle Stücke

zieht - unabhängig von den jeweiligen Stilmitteln oder Formen,

die genutzt werden. Egal, ob mit TänzerInnen, MusikerInnen oder

SpielerInnen gearbeitet wird - ihre Stücke lassen immer das

“dritte Bild” im Kopf/im Herz der ZuschauerInnen entstehen.

Jenes Bild also, das durch eigene Deutung und durch Assoziation

zum Bühnengeschehen entsteht.

MONTEURE erzählen von den Geheimnissen des

Mensch-Seins, von den Geheimnissen dieser

Welt. Sie machen Mut zu Individualität und

Sinnlichkeit, Mut für persönliche, soziale und

gesellschaftliche Verantwortung.

Und dies mit der ganzen Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen

für Kinder und Jugendliche. Keine Kinderteller-Kunst,

sondern inhaltliches und formales Ernstnehmen der jungen Menschen

mit ihren Fragen an die Welt, an ihre Welt.

MONTEURE sitzen mit ihren konzeptionell grenz- und genreüberschreitenden

Arbeiten zwischen den Stühlen:

Dieses Profil ergibt sich zwangsläufig aus der Kombination, der

Zusammenarbeit von Joachim von der Heiden (Regie und

Schauspiel) und Andi Lucas (Choreographie und Tanz). Aus unterschiedlichen

Künsten kommend, sind beide interessiert am

Überschreiten allzu enger Begrenzungen und lassen vorsichtig

den Begriff “Gesamtkunstwerk”anklingen. Sie glauben an die

Gleichberechtigung der verschiedenen Kunstsprachen, die reibend

und harmonisch, ritual- und rauschhaft das ihre zur Geschichte

beitragen. In Stücken, die kommuniziert werden wollen. Die mitgeteilt

sein wollen. Gerade Kindern und Jugendlichen: denn die

brauchen verdammt viel Phantasie, um in dieser immer komplexer

werdenden Welt klarzukommen. Sie brauchen Spielräume und

Freiräume, um emotionale und soziale Kompetenz zu erlernen.

Herzschlag

Kinder und Jugendliche seien ein so tolles Publikum, so direkt

und so unmittelbar, heißt es immer wieder. Höflichkeit ist ihnen

(noch) fremd, sie sind gnadenlos oder bezaubernd - in jedem Fall

ehrlich in ihren Kommentaren auf das Bühnengeschehen.Sie sind

so offen,so kommunikativ und sie hätten ja auch überhaupt keine

Probleme mit Tanz auf der Bühne, eben weil sie ja so offen sind...

Zwölf Jahre Tourneerfahrung mit TanzTheaterstücken

können aber auch so kommentiert werden:

“Seien wir mal ehrlich - ist es nicht doch auch so, daß Jugendliche

finden, selber denken ist anstrengend und erinnert im

Zweifelsfall eher an den Deutschunterricht mit der letzten Literaturinterpretation,

Theater & Kunst ist ganz allgemein nicht besonders

hip, prima dagegen, wenn wenigstens die Techno-Bässe

über ein Stück dröhnen? Und Kinder? Die wollen den Lilalaune

Bär, stehen auf Märchen und bekannte Geschichten mit hüpfenden

Fröschenstreichen usw, die machen “O!O!”, weil sie von den

Teletubbies schwärmen, die finden nackte Füsse auf der Bühne

iiihhh!, und fragen 20 min. nach Stückanfang Wann fängt der

Film an? oder Warum sprecht ihr denn gar nicht?“

46 47


Natürlich ist auch den MONTEUREN diese Frage ein wenig

befremdlich. Für sie ist die Sprache des Tanzes eine Selbstverständlichkeit,

aber sie tanzen eben auch gegen die Sehgewohnheiten

des jungen Publikums an. Gewohnheiten, in denen die

Vorstellung von Tanz in der Regel eher von MTV u. ä. geprägt ist,

als vom Tanz und von der Körpersprache als Ausdrucksmittel der

Seele.

Deshalb legen MONTEURE in Bühnenereignissen ein besonderes

Augenmerk auf die Beantwortung der Frage nach dem Warum

eigentlich? Schließlich sind ihre Stücke keine folkloristische

oder artistische Darstellung von verschiedenen Tänzen oder Tanzstilen,

sondern:

Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare.

(Christian Morgenstern)

Dramaturgische Begründungen jedweder Bewegung versuchen

MONTEURE daher sehr sorgfältig und transparent zu machen. So

ist es für sie immer wieder eine besondere Herausforderung, sich

den Fragen nach dem Publikum zu stellen: Für wen tanzen wir,

warum, was wollen wir teilen, was wollen wir mitteilen?

Bauchweh

Kinder und Jugendliche haben teilweise mit schweren Irritationen

zu kämpfen aufgrund ihrer Seherfahrungen, oder besser:

SehUN-erfahrungen. Aber auch für die begleitenden Erwachsenen

mit ihren mehr oder weniger nebulösen Vorstellungen von

Tanz = Ballett o. ä. sind Tanz - /TanzTheatervorstellungen oft

eine große Herausforderung: Die erwachsene Frage

Verstehen Kinder das überhaupt?

ist noch der harmloseste Ausdruck davon. Allzuviele Klischees

oder altmodische Erwartungen an bunte Unverfänglichkeit und

leichtverdauliche Beliebigkeit nisten scheinbar in “großen” Köpfen.

Das gilt natürlich auch für das Kinder- und Jugendtheater.

Aber mit jeder Kinder- und Jugendtanzvorstellung muß der Beweis

angetreten werden, daß junge Menschen auch ein Recht auf

TanzKunst haben. Und zwar gerade weil Kunst, egal, welcher

Formensprache sie sich bedient, “wehtun” kann. “Wehtun”

im Sinne von: mit Realität konfrontiert werden. Und real ist nun

mal die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen - und dazu

gehören eben auch die sogenannten großen Gefühle:

Liebe und Wut, Geburt und Tod, Schmerz und

Freude... eben Lachen UND Weinen...

Das sind die Themen, die Erwachsene auf der Bühne interessieren

- und das sind natürlich auch die Themen, die junge Menschen

interessieren - gerade, weil diese Themen, diese Gefühle

so groß und so neu sind. Vor dieser Größe nicht zu erschrecken,

und vor all der Neuheit nicht die Neugierde zu verlieren -, das

möchten MONTEURE mit ihren Stücken vermitteln.

Auch wenn der “Exotenstuhl” des sowohl-als-auch manchmal

unbequem ist, da die von außen angelegten Definitionen zu eng

sind:

Ach, ja, MONTEURE-das sind die, die für Kinder

tanzen... Ja-aber-nicht-nur... MONTEURE als

Schmelztiegel, als Labor. Ohne Schubladen. Freiheit

des Geistes.

Mit dieser Unberechenbarkeit werden Genre-Puristen auf

beiden Seiten der Theater-Tanzgrenze verstört und Schubladendenker

gekitzelt.

Fußweg

Ihr unbedingtes Mit-Teilungsbedürfnis teilen MONTEURE mit den

meisten Ensembles, die sich der Herausforderung stellen, für junges

Publikum zu tanzen/zu spielen.Ein Publikum aus Kindern und

Jugendlichen macht deutlich, daß Bühnenkunst ein Kommunikationsprozeß

ist.Sie erinnern auf teilweise lautstarke Art und Weise

daran, daß dazu eben immer zwei Partner gehören. Und: sie

erfordern eine inhaltliche Genauigkeit in der Darstellung von

Welt- und Seelenleben, die über die moderne Ratlosigkeit mancher

Abendproduktion für Erwachsene weit hinausgeht.

Obwohl MONTEURE weit davon entfernt sind,

ihre Theater oder Bühnenkunst im allgemeinen

als didaktisch-moralische Instanz, als Ersatz sozusagen

für fehlende Wertevermittlung in Elternhaus

und Schule zu sehen, so haben sie doch den

Wunsch, dem Publikum etwas mit auf den Weg

zu geben.

Damit Kinder und Jugendliche Fragen stellen, Lebensentwürfe

durchspielen und individuelle Lebenswege finden und immer

wieder neu erfinden. Um ihren Weg gehen zu können. Oder besser:

den eigenen Weg zu tanzen.

www.theater-monteure.de

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mind the gap

Eine Eine Tanzkompanie leistet

Breitenarbeit

Wer ist mind the gap - und warum arbeiten wir mit Kindern

und Jugendlichen?- Ein grundsätzlicher Text



Kultur muß allen Menschen zugänglich sein

Tanz ist ein vernachlässigter Bestandteil unserer

Theaterkultur.


Eine lebendige Tanzkultur bedarf vieler, aus unterschiedlichen

Schichten kommender junger Menschen.


Deshalb gehört Tanz als Kulturform an die Schule.

Unterricht von Tänzerinnen und Tänzern.

Hinter diesen Projekten steht die Idee, jungen Menschen mit sehr

unterschiedlichen Vorraussetzungen durch Tanz die Möglichkeit

zu geben, ihr eigenes kreatives Potential, ihre Sensibilität, ihre

körperlichen Fähigkeiten, ihre Lebensfreude und ihre Persönlichkeit

zu entdecken und zu entwickeln.

Tanz als elementare Kulturform überschreitet

alle Sprachbarrieren und läßt Kommunikation,

Verständnis und Respekt zwischen den Menschen

unterschiedlichster Herkunft und Kultur

entstehen.

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Birgitta Egerbladh „Geheime Räume“,

Foto © Kaufmann

51


In einer Zeit, in der soziale und politische Gefüge auseinanderbrechen

und ein gesellschaftlicher Umorientierungsprozeß es

jungen Menschen ungeheuer erschwert, ihren Weg zu finden,

fühlen wir uns als darstellende Künstler aufgerufen, mit unseren

Mitteln, Werte und Möglichkeiten aufzuzeigen, die jungen

Menschen als Orientierungshilfen dienen können.

Künstler treffen Kinder. Was dabei herauskommt, ist nicht vorherzusehen,

für beide Seiten ist es ein Prozeß, der Überraschungen

birgt und Phantasie freilegt,die Unkonventionelles plötzlich machbar

erscheinen läßt. Die Arbeit von Tänzern, sei es passiv, als

Zuschauer, die mit frühzeitig geschultem Blick die künstlerische

Arbeit zu genießen gelernt haben. Denn neben der unmittelbaren

Erfahrung im Unterricht geht es darum, Kunst und Kultur in unserer

Gesellschaft weiterhin zu ermöglichen und fortzuentwickeln.

Wir verstehen Kultur nicht als freiwillige und damit

- im Bedarfsfall - überflüssige Leistung. Kultur

braucht Räume, in denen Kunstvermittlung möglich

ist, und Kultur braucht den kritischen Blick

sowohl von innen als auch von außen. Dafür ist die

Tanzarbeit in den Schulen eine wichtige Grundlage.

Mind the gap gründete sich Mitte der achtziger Jahre in London.

Initiatorin, Ideengeberin und Choreographin ist eine junge Tänzerin

aus Deutschland, die gerade ihre Ausbildung beendet hat.

Kristine Sommerlade, die mit dem Ziel, Performing arts zu studieren,

nach Großbritannien gekommen ist und über Umwege

Tanz als passende theatrale Ausdrucksform für sich entdeckte.

Ende der achtziger Jahre siedelte mind the gap

nach Wuppertal über. Als kleines, kontinuierlich

zusammenarbeitendes Ensemble lebt und arbeitet

die Company in einem alten Fabrikgelände im

Rotlichtviertel. In dieser Zeit entstehen neben

Literaturbearbeitungen, zum Beispiel von Samuel

Beckett und Elfriede Jelinek, auch Bewegungsexperimente

mit hohem Unterhaltungswert.

1993 erhält Kristine Sommerlade ein choreographisches Stipendium

des Landes NRW, das sie für einen einjährigen Aufenthalt

in England nutzt, um mit zeitgenössischen Choreographen wie

z. B. Lea Anderson, Victoria Marks und Ian Spink zu arbeiten.

Währenddessen zieht die Company nach Köln in das Kulturzentrum

Wachsfabrik. Hier in der Kölner Tanz Agentur hat mind the

gap ihren heutigen Produktionsort.

Mind the gap

„Achtung!!!

Vampire“,

Foto © Weimer

Seit 1994 tourt mind the gap erfolgreich im In- und Ausland.

Zwischen 1997 und 2000 gastierte die Company in Estland, Bolivien,

Frankreich, Dänemark, den Niederlanden, Österreich und

Venezuela.

Mit ihrer spröden Bewegungssprache findet die Company

spezielle Beobachtung. Die Choreographien von Kristine

Sommerlade sind oft bitterböse, schräge Kommentare zum

menschlichen Miteinander, aber immer wieder auch vergnügliche

und unterhaltsame Betrachtungen alltäglicher Ungereimtheiten.

Seit 1989 betreiben wir im Rahmen unserer künstlerischen

Arbeiten - zusätzlich zu Produktion und Tourneebetrieb - ein „dance

in education”- Programm. Wir verstehen „dance in education”

weniger als ein tanzpädagogisches Projekt, sondern vielmehr als

eine künstlerische motivierte Breitenarbeit,die darauf angelegt ist,

Kinder und Jugendliche mit allen Aspekten des künstlerischen

Bühnentanzes bekannt zu machen. Aus der anfänglichen naiven

Überlegung, daß es doch ganz toll sein müsse, wenn man Kinder

und Jugendliche verschiedenster Herkunft, Nationalität, verschiedenen

Alters und Bildungsgrades durch praktische Arbeit für den

Tanz gewinnen und es nur sinnvoll sein könnte, das an einem Ort

zu tun, der ein umfassendes Spektrum unserer Gesellschaft

repräsentiert, nämlich in der Schule, haben wir ein vielschichtig

motiviertes Anliegen entwickelt:

grundsätzlich

Wir möchten möglichst viele Kinder und Jugendliche mit der

Kunstform Tanz bekannt machen.Wir möchten ihnen zeigen, daß

es Theater gibt und ihnen Theater als eine Ergänzung ihrer

sonstigen Beschäftigungen vorstellen.

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strukturell

Wir legen Wert darauf , daß die TänzerInnen, die mit Kindern

und Jugendlichen arbeiten, selbst am künstlerischen Prozeß in

der Company beteiligt sind. Die Kombination aus Company und

Dance in education-Abteilung ist sinnvoll, da sie eine unmittelbare

Verbindung zwischen Kunstproduktion und Kunstrezeption

erleichtert, wenn nicht sogar bedingt: Die Tänzer der Company

gehen in die Schulen. Die Kinder und Jugendliche besuchen uns

bei der Arbeit - im Studio oder im Theater. Wollte man das

zwischen Theaterarbeit und Breitenarbeit auf eine Spielzeit

umrechnen, käme man zu einen Verhältnis von zwei Drittel

Theaterarbeit zu ein Drittel Breitenarbeit. Die Anforderung an

die TänzerInnen der Company sind vielschichtig: Für die künstlerische

Arbeit müssen sie tanztechnisch und darstellerisch auf

einem hohen Niveau arbeiten. Für die dance in education-Arbeit

fordern wir eine ausgeprägte Kommunikationsbegabung und

hohe soziale Kompetenz. Hier haben unsere Kollegen in Großbritannien

einen sehr schönen Begriff geprägt: „a dancer plus”. Die

Kombination dieser Aspekte prägen die Company. Nach unserer

Erfahrung ist ein/e TänzerIn nach drei Jahren Vorbereitungszeit in

der Comapny und in dance in education-Projekten soweit, daß

er/sie sinnvoll in der Breitenarbeit eingesetzt werden kann.

sozial-psychologisch-gesellschaftlich...

Wir glauben, daß KünstlerInnen die Aufgabe haben, mit und

durch ihre Kunst an gesellschaftlichen Prozessen mitzuwirken,und

daß wir mit unseren Mitteln und unserem Handwerkszeug Werte

und Perspektiven formulieren können,die sich für junge Menschen

als Orientierungshilfe eignen. Kinder und Jugendliche erhalten

durch Tanz die Möglichkeit, ihre eigene Kreativität, ihe Sensibilität,

ihre körperlichen Fähigkeiten, ihre Lebensfreude und ihre

Persönlichkeit zu entdecken und zu entwickeln. Sie lernen Gruppengefüge

kennen und respektieren. Sie lernen sich zu entscheiden.

Sie lernen, daß ihr Handeln Konsequenzen hat. Sie erfahren

innerhalb eines Projektes den Moment der Selbstachtung und

Selbstbestätigung. In der Zusammenarbeit mit „ihrem” Tänzer,

„ihrer” Tänzerin werden Gefüge, die im Schulalltag kaum noch

aufzulösen sind, aufgebrochen, und es wird Raum geschaffen für

Integration, neue Rollenverteilungen, das Entdecken neuer Stärken.

LehrerInnen berichten immer wieder von den positiven Veränderungen

ihrer SchülerInnen nach einem Projekt.

Zum anderen fördert die Arbeit mit den TänzerInnen die Bereitschaft

der SchülerInnen, aktiv am Kulturleben teilzunehmen: So

schaffen wir Nachwuchs auf beiden Seiten der Theaterrampe.

kulturpolitisch

Ohne Publikum kein Theater.

Ohne Breitenarbeit ist Spitzenförderung unökonomisch und

elitär. Ohne Verständnis für - oder Vertrautheit mit einer Kunstsparte

keine Bereitschaft sie zu fördern - sie zu nutzen - sie zu

erhalten. Insofern ist künstlerische Breitenarbeit ein kulturpolitisch

relevantes Förderinstrument zum Erhalt und der Entwicklung

eines zukünftigen Theater-/Tanzpublikums, gegen den Trend

zur kulturellen Verwahrlosung.Wir finden, daß von Künstlern organisierte

und durchgeführte Breitenarbeit ein nicht wegzudenkender

Bestandteil kulturpolitischer Überlegungen sein muß.

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich dieses Projekt immer

wieder gewandelt und konzeptionell entwickelt. Seit fünf Jahren

ist der „dance in education”-Bereich von mind the gap in dem

Bonner Kulturzentrum Brotfabrik angesiedelt. Durch diese feste

Partnerschaft konnten zahlreiche Projektprototypen entwickelt

und erprobt werden. Wie zum Beispiel: spezielle Programme für

LehrerInnen, Linkprojekte zu anderen Organisationen, Lectures

zu eigenen und fremden Tanzproduktionen, Publikumspflege und

noch vieles mehr. So erhalten zum Beispiel LehrerInnen die

Möglichkeit, sich umfassend praktisch und theoretisch mit Tanz

zu beschäftigen und ihre Klassen best möglich zu begleiten. Im

Laufe der vergangenen fünf Jahre haben sich die LehrerInnen zu

zuverläßigen Multiplikatoren entwickelt, die in den Schulen Projektarbeit

kompetent mitbetreuen können. Ohne diese Anbindung

wären solche Erprobungsphasen schwer umsetzbar. Durch

die strukturelle Unterstützung der regionalen Kulturförderung

war es uns möglich, Projekte auf ihre Kompatibilität hin in verschiedenen

Städten zu testen und dadurch für jede Stadt auf sie

speziell abgestimmte Programme zu entwickeln. Durch die unterschiedlichen

Anforderungen in den verschiedenen Städten

hat sich unser Projektangebot weiter differenziert.

„Dance in education” darf also als ein sehr erfolgreiches

Kulturprojekt bezeichnet werden.

Wir würden uns wünschen, daß das Projekt wissenschaftlich

begleitet und ausgewertet würde. Mit dem Ziel, verbindliche

Aussagen zu formulieren, wie die Zukunft künstlerischer Breitenarbeit

in diesem Bundesland aussehen könnte.

www.mindthegap-tanztheater.de

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Andrea Marton

daCi daCi Dance – Dance and and the the – – Child International

Deutschland e. V.

Eine starke Lobby für den Kindertanz

Eine starke Lobby für den Kindertanz

daCi ist ein Netzwerk von Menschen, die lehrend und forschend

mit Kindern tanzen, und inzwischen viele hundert Mitglieder in

30 Ländern verbindet - gegründet 1978 in Kanada.

Die vier Buchstaben stehen für einen Verband ohne permanente

Adresse und ohne festen Etat, doch mit einem wertvollen Schatz:

Einer Liste von Adressen rund um den Erdball.So knüpft die Kunstform

TANZ auf internationalen Kongressen im 3-Jahresrhythmus

mühelos Kontakte zu fremden Kulturen. Das nächste Treffen findet

im Jahr 2003 in Brasilien statt, wo Kinder, PädagogInnen und

TänzerInnen aus der ganzen Welt zusammentreffen, um gemeinsam

zu proben, zu performen und zu tanzen. Für das Jahr

2006 steht Deutschland als Veranstalter zur Diskussion.

Gestützt von den Grundsätzen der UNESCO, hat sich daCi als Mitglied

des „Conseil international de la danse, UNESCO Paris” die

Verbreitung und Entwicklung des Kindertanzes zur Aufgabe gemacht.

Mit dem Zielen:

auf der ganzen Welt Möglichkeiten zu schaffen,


dem Tanz als Schöpfer, Darsteller und Zuschauer

zu begegnen




darauf zu achten, daß die Anschauungen und

Interessen der Kinder in Hinblick auf den Tanz

dargelegt und respektiert werden

Tanzforschung zu allen Aspekten der kindlichen

Bewegung zu unterstützen

in allen Ländern der Welt Tanzerziehung im

Schulwesen und im Freizeitbereich einzuführen

oder zu stärken

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Ballett des Theaters Dortmund „Das Dschungelbuch“

Ch: Eva Reinthaler, Foto © Kremper

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Compagnie

du Sillage,

Foto © Fleuroux

Vorreiter dieser Idee war Großbritannien mit seinem kulturell weit

ausgreifenden Einfluß auf die Länder des Commonwealth. Tanz

gehört dort als Schulfach sozusagen zum Allgemeingut und damit

selbstverständlich zum Leben. Unterrichtet werden die

Schüler selten von Tänzern, wie es in den USA längst üblich ist,

sondern von Schullehrern mit einer tänzerischen Zusatzausbildung.

1987 hatte die in Berlin beheimatete Amerikanerin Leonore

Ickstatt von einem internationalen daCi-Kongress in London

gelesen, nahm dort teil - selbst Choreographin, Schauspielerin,

Tanzpädagogin und Ausbilderin zum kreativen Kindertanzlehrer

- und führte schließlich 1989 die verschlafene daCi-Mitgliedschaft

Deutschlands zu einer wachsenden Zahl von Interessierten und

aktiven Mitgliedern (seit 1997 ist sie stellvertretende Präsidentin

von daCi international). Seither treffen sich Mitglieder und

Interessierte einmal jährlich, um Erfahrungen auszutauschen und

Arbeitskreise zu gründen, sowie Workshops während des Jahres

an verschiedenen Orten in Deutschland zu planen.

Seit 1989 ist daCi ein eingetragener, gemeinnütziger

Verein, was den finanziellen und damit

Handlungsrahmen von daCi langfristig erweitern

wird.

Wunsch und Ziel aller Beteiligten: Fachlicher Austausch, darüber

hinaus Diskussion zur Anhebung des Lernniveaus, Erweiterung

des Wissens im Umgang mit immer schwieriger werdenden

Kindern. (Mangelnde Perspektive, negative Erwartungshaltung,

Depression, Angst und Gewaltbereitschaft spiegeln sich schon

früh in den Körpern der Kinder wieder.)

So kam in jüngster Vergangenheit die Diskussion über (bisher

nicht existierende) Ausbildungsrichtlinien hinzu. Lehrerinnen

haben sich daCi angeschlossen, die Tanz als eine Bereicherung des

Schulunterrichts erfahren haben,und ihn als Gegengewicht zu dem

intellektuellen, leistungsbetonten und streßauslösenden Schullernen

sehen. Ferner sollen Möglichkeiten geschaffen werden,

SchülerInnen jeden Alters als Zuschauer in Theater zu holen.

Während in England schon seit langem LehrerInnen Tanz als Schulfach

unterrichten, ist das in Deutschland noch ein Zukunftstraum.

Im Januar 1999 begann nun erstmals in Baden-Württemberg eine

zweijährige Lehrerfortbildung (in 14 Wochenendeinheiten) mit

kultusministraler Anerkennung,den Richtlinien daCi´s folgend,mit

dem Ziel, LehrerInnen ein “Handwerkszeug” zu vermitteln, Tanz

als Kunst in den Schulalltag zu integrieren.

Während seit Jahren vor allen Dingen Pädagoginnen eine

Mitgliedschaft daCi´s anstrebten, gibt es in Deutschland kaum

Tänzerinnen oder Choreographinnen bei daCi. So ist ein Nahziel

des Vereins, künftig auch die Arbeit von professionellen Tänzerinnen

für Kinder zu fördern und zu unterstützen. Es müssen Möglichkeiten

geschaffen werden, das junge Publikum nicht nur als

Darsteller an den Tanz heranzuführen,sondern auch als Zuschauer;

Künstler an Schulen zu holen oder Schulen ins Theater.

Aktuell möchte daCi allen für Kinder und Jugendlichen produzierenden

Gruppen anbieten, ihre Termine von Aufführungen und

Festivals in ihrer Homepage (www.PUK.de/daCi) anzukündigen.

Ferner wäre es sicherlich hilfreich, z.B mit Organisationen wie der

ASSITEJ eine Zusammenarbeit anzustreben, um künftig “an

einem gemeinsamen Strang zu ziehen”. Eine Mitgliedschaft wird

derzeit erwogen.

Informationen zu daCi-D:

Andrea Marton (geb. Stöger),

Nationale Vertretung Deutschland

Hartmannweg 9, 73431 Aalen,

Tel./Fax: 07361-931885

E-Mail: Au M.Marton t-online.de

ferner unter: www.Puk.de/daCi.

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Strootman Wiggers

Nationales Nationales Zentrum für für Amateurtanz Amateurtanz

in in den Niederlanden

Amsterdam

Beide Zeitschriften erscheinen monatlich. Die

eine beschäftigt sich mit Tanz im weitesten

Sinne, die andere speziell mit Volkstanz. Beide

informieren ihre Leser über neue Entwicklungen,

Choreographen, Produktionen, Workshops und

Auftritte.

In den Niederlanden tanzen schätzungsweise

800.000 Menschen. Die Mehrzahl betreibt Tanz

als Hobby, eine Minderheit kann zu den Profis

gezählt werden. Das Landelij Zentrum Amateurdans

(LCA) ist eine Dienstleistungsorganisation

für die große Gruppe der Amateurtänzer. Das

LCA hilft jedem, der mit Amateurtänzern arbeitet,

auf den richtigen Weg. Das LCA bietet Unterstützung

bei allen Tanzdisziplinen: klassisches

Ballett, Jazzballett, Showtanz, Volkstanz, moderner

Tanz, Tanzexpression, Welttanz sowie allen

anderen Tanzformen.

Landelijk Centrum Amateurdans

Postbus 452 / 3500 AL UTRECHT / Niederlande

Tel.: 0031-30-2334255

Fax: 0031-30-2332721

Email: dans_Ica@knoware.nl

www.dansweb.nl

Das LCA entwickelt Projekte, mit Hilfe derer die Qualität des

Amateurtanzes der Podiumskunst gefördert wird. Qualität

bedeutet in diesem Zusammenhang, die Möglichkeiten und physischen

Eigenschaften der Amateurtänzer zu respektieren und in

die Formgebung einfließen zu lassen. Jedes Jahr beauftragt das

LCA einen professionellen Choreographen, ein Stück für Amateurtänzer

zu schaffen. So zeigt das LCA, daß Amateure qualitativ

hochrangige Produktionen tanzen können. Dies hat zur Folge,

daß Amateuren mehr Aufführungsmöglichkeiten zur Verfügung

gestellt werden, weil Programm-Macher sehen, daß auch Amateurtanzproduktionen

sehenswert sind.

Tansit Festival-

Besucher

Außerdem hat das LCA eine Funktion als Informations- und

Beratungszentrum sowohl für Amateure, die sich mit Theatertanz

beschäftigten, als auch für Amateure, die zur Erholung tanzen.

Das LCA ist über Trends und neue Entwicklungen gut informiert

und spielt daher die Rolle des Vorläufers im Amateurtanz. Ihre

Zielgruppe, die Amateurtänzer, erreicht das LCA hauptsächlich

durch Vermittler: Amateurkunst- oder Tanzberater, die bei Unterstützungsorganisationen

der Provinzen arbeiten; Tanzdozenten

und Tanzakademien ebenso wie Berufstänzer, die als Dozenten

oder Choreographen arbeiten.Außerdem gibt es Angebote direkt

für Tänzer, zum Beispiel große Tanzfestspiele, finanzielle Unterstützung

und einen Beratungsservice. Ferner gibt das LCA zwei

Zeitschriften heraus.

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Zur ASSITEJ Deutschland

Zur ASSITEJ Deutschland

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Die ASSITEJ (Association Internationale du Théâtre pour

l` Enfance et la Jeunesse), die “Internationale Vereinigung des

Theaters für Kinder und Jugendliche” ist eine der UNESCO assoziierte

Organisation. Gegründet wurde sie 1965. Gegenwärtig

sind 65 nationale Sektionen aus allen Kontinenten in ihr vertreten.

Sitz des Generalsekretariats ist derzeit Stockholm. Zweck der

ASSITEJ ist die Erhaltung, Entwicklung und Förderung des Kinder-

und Jugendtheaters innerhalb der einzelnen Nationen sowie

die Zusammenarbeit auf internationaler Ebene.

Gegründet 1966 in der DDR und in der BRD, ist die ASSITEJ

Deutschland seit 1991 der Zusammenschluß der ehemaligen

Sektionen Bundesrepublik Deutschland und DDR der ASSITEJ.

Geleitet wird die ASSITEJ als gemeinnütziger eingetragener

Verein von einem neunköpfigen ehrenamtlichen Vorstand.Die Geschäftsstelle

in Frankfurt am Main ist mit einem hauptamtlichen

Geschäftsführer besetzt. Unter den derzeit 325 Mitgliedern sind

125 professionelle Kinder- und Judendtheater (Kinder- und Jugendtheater-Sparten

an Stadt-, und Staatstheatern. Zu den Mitgliedern

zählen Verlage, Verbände und Organisationen, die

für das Kinder- und Jugendtheater arbeiten und sich für seine

Interessen einsetzen. Außerdem unterstützen Theaterleute,

Wissenschaftler, Journalisten und andere am Kinder- und Jugendtheater

Interessierte die ASSITEJ durch ihre persönliche

Mitgliedschaft.

Die kulturpolitische Gewichtung des Theaters

für Kinder und Jugendliche zu stärken und die

künstlerischen Entwicklungen und Tendenzen

auf nationaler und internationaler Ebene zu beobachten,

zu reflektieren und durch Tagungen,

Seminare, Theatertreffen und Symposien zu

fördern, ist das grundlegende Ziel der ASSITEJ

Deutschland.

Die folgenden Veranstaltungen finden im zweijährigem

Turnus statt:




Werkstatt-Tage des Kinder- und Jugendtheaters in Halle an

der Saale

Internationales Regieseminar an regelmäßig wechselnden

Orten

Spurensuche. Arbeitstreffen freier Kindertheater an regelmäßig

wechselnden Orten


Anläßlich des Deutschen Kinder- und Jugendtheater-Treffens

in Berlin wird der ASSITEJ-Preis an Persönlichkeiten verliehen,

die sich um das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland verdient

gemacht haben.

Werkstatt-Tage und Internationales Regieseminar

führen die Tradition der DDR-Sektion der

ASSITEJ fort, wobei die notwendige Neukonzeption

von den politischen Veränderungen in

Deutschland und Europa beeinflußt ist.

Publikationen

Zudem bringt die ASSITEJ vierteljährlich die Beilage Grimm &

Grips heraus. Jährlich erscheint außerdem das vorliegende Jahrbuch

für Kinder- und Jugendtheater Grimm & Grips. Das AS-

SITEJ-Fax informiert die Mitglieder regelmäßig über Aktuelles

aus der nationalen und internationalen Szene.

Zu den Aufgaben der ASSITEJ Deutschland gehört

neben der Vermittlung und Pflege von nationalen

und internationalen Kontakten auch die Kooperation

mit internationalen Festivals, sowie die

Durchführung von Austauschprojekten auf bilateraler

und multilateraler Ebene.

Kulturpolitik

Die Vertretung von kulturpolitischen Interessen der professionellen

Kinder- und Jugendtheater bei den politisch verantwortlichen

Stellen auf allen Ebenen ist ein weiteres wichtiges Betätigungsfeld

der ASSITEJ Deutschland. So werden an unterschiedlichen

Orten der gesamten Bundesrepublik Podiumsdiskussionen und

kulturpolitische Gespräche für das Kinder- und Jugendtheater von

oder mit Beteiligung der ASSITEJ Deutschland veranstaltet.

Der Verband vertritt darüber hinaus die Interessen des professionellen

Kinder- und Jugendtheaters im Deutschen Kulturrat, im

Rat für darstellende Künste und in der BKL (Bundesvereinigung

Kulturelle Jugendbildung).

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Um das Kinder- und Jugendtheater in den Regionen zu stärken,

arbeitet die ASSITEJ Deutschland eng mit den Arbeitsgemeinschaften

für Kinder- und Jugendtheater in den Bundesländern

zusammen.

Ballett des

Theaters Detmold,

Ch: Jaccard/

Schelling,

Foto © Kaufmann

Die ASSITEJ ist anerkannter Träger der Jugendhilfe

und wird aus Mitteln des Bundeskinder- und Jugendplanes

durch das Bundesministerium für

Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

IMPRESSUM

HERAUSGEBER

GZT NRW /

NRW Landesbüro Tanz

in Zusammenarbeit mit MONTEURE Köln

und Tanzwissenschaft e.V., Dresden

IDEE / KONZEPTION

Anne Neumann-Schultheis

REDAKTION / LEKTORAT

Angela Rannow

DESIGN / GESTALTUNG

Both Grafik, Köln

DRUCK

Agence Zwo, Köln

Seit der Gründung des “Kinder- und Jugendzentrums in der Bundesrepublik

Deutschland” 1989 ist die ASSITEJ Deutschland

zudem Rechtsträger des “Zentrums”und gewährleistet damit die

fachlich selbständige Arbeit des “Zentrums”, dessen Aufgabe die

Förderung aller Bereiche des Kinder- und Jugendtheaters ist.

ASSITEJ e.V. der Bundesrepublik Deutschland

Eckhard Mittelstädt

Schützenstr. 12

60311 Frankfurt

Tel: 069-29 15 39

Fax: 069-29 23 54

zentrum@kjtz.de

www.kjtz.de

KONTAKT

TITELFOTO

Ursula Kaufmann

„Kein Aschenputtel“ von Dansend Hart

Das Copyright der Artikel liegt bei den

Autoren

ISBN 3-9803626-3-7

H 2001 Tanzwissenschaft e.V., Dresden

www.tanznrw.de

www.theater-monteure.de

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