Die Automatisierung des ärztlichen Blicks - Technikgeschichte der ...

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Die Automatisierung des ärztlichen Blicks - Technikgeschichte der ...

dann neue Fragestellungen und neue Blickrichtungen für weitere Forschungsarbeiten

angeschlossen werden.

Nun also zur Tafel selber (siehe unten). Zunächst verweise ich Sie auf die Zeitachse mit

ihren elektrotechnischen Dynastien. Sie reicht links von der Dynastie der Vakuum-Elektronik

über jene der diskreten und dann integrierten Halbleiter-Elektronik in der Mitte bis zur

gegenwärtig herrschenden Dynastie der digitalen Vernetzung am rechten Rand der Tafel.

Quer zu den Dynastien ist die Ahnen-Tafel in fünf Stämme oder Häuser aufgeteilt:

Röntgendiagnostik, Nuklearmedizin, Ultraschall, Computertomographie und Magnetresonanz.

Ihre klare Ordnung scheint sich gegen Ende der 1980er Jahre aufzulösen oder so zu

vervielfältigen, dass nur noch ein Glossar (links unten) die Übersicht garantieren kann.

Gleichzeitig löst sich in dieser Enkel- oder Urenkelgeneration die Verbindung zwischen

den einzelnen Techniken und ihren Erfinderfiguren auf, während in der Gründungsphase

noch jedes Haus einem Stammvater zugeordnet werden konnte. Deutlich geht aus der Tafel

auch hervor, dass sich seit den 1950er Jahren ein grosses kompetitives Feld von neuen

visuellen Lokalisierungstechniken ausdifferenziert hat, ein Feld, welches seit der Entwicklung

integrierter Halbleiterelektronik noch stärker aufgefächert worden ist.

Dieses tabellarische Darstellungsmuster ist weder ein vollkommen willkürliches noch ein

aussergewöhnliches. Es entspricht ganz einfach dem Stand und dem Standard eines grossen

Teils technikhistorischer Darstellungen, unabhängig davon, ob sie nun in visueller oder in

erzählter Form präsentiert werden. Unterschiede zu andern Tabellen ergeben sich höchstens

bei der Bestimmung von Stammvätern. Die Geschichte der Magnetresonanz zum Beispiel,

wie sie von Raymond Damadian vor einem Jahr auf dem Internationalen High Care Kongress

in Bochum erzählt wurde und wie sie nun auf dem Webserver von Fonar, einer MR-Scanner

Herstellerfirma, figuriert, folgt demselben Strickmuster, wenn auch nur für einen einzelnen

Stamm auf der genealogischen Tafel: Forscher und Erfinder werden in Siegerpose

bestimmten Artefakten zugewiesen und in die Annalen einer Technik eingeschrieben.

R. Damadian in Siegerpose vor

seinem MR-Scanner

(Dauerexponat in der Hall of

medical Science, Smithsonian

Institution)

Wenn wir uns nun die Frage stellen, was uns die Tabelle von Siemens bzw. Damadians

Webseite bei Fonar nicht sagen, dann stellen wir unschwer fest, dass es sich dabei um die

Hauptsache handelt. Technik wird in diesen Darstellungen von ihren Kontexten getrennt. Die

gesellschaftlichen, das heisst wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kontexte werden,

nur am Rand und als externe Faktoren angetönt – als Historiker überrascht mich aber die

Vorstellung, dass sich irgendeine Geschichte ohne Gesellschaft überhaupt denken lässt. Dies

kann wohl nur dann geschehen, wenn gesellschaftliche Bedürfnisse als Konstanten verstanden

werden, während historischer Wandel nur auf der Seite einer sich stets verbessernden Technik

angesiedelt wird. Erst wenn wir diese klare Fortschrittslinie auflösen und sie sowohl im

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