Andrzej Stasiuk - Polish Book Institute

bookinstitute.pl

Andrzej Stasiuk - Polish Book Institute

Das Buchinstitut (Instytut Książki) ist eine staatliche Kultureinrichtung,

die vom Kulturminister der Republik Polen ins Leben

gerufen wurde. Seit Januar 2004 ist das Institut in Krakau angesiedelt,

2006 entstand auch ein Büro in Warschau. Die Hauptdas

Buch als Medium und die Leselust in Polen zu verbreiten so-

ziele des Institutes liegen darin, die Lesebereitschaft zu fördern,

wie weltweit für die polnische Literatur zu werben. Diese Ziele

werden umgesetzt durch:

» Vorstellung und Werbung für die besten polnischen Bücher

und ihre Autoren

» ÜBERSETZUNGSPROGRAMM © POLAND

» Bildungsmaßnahmen, die die Vorteile aus einem vertrauten

Umgang mit dem Buch als Medium verdeutlichen

» Informationszentrum für Kinderbücher

» Programm zur Leseförderung

Tu Czytamy!

/Hier wird gelesen!

» jährlicher Literaturfestival-Zyklus

4 Pory

Książki / Die vier Jahreszeiten

des Buches

» Informationsportal zur

polnischen Literatur

www.bookinstitute.pl

» Übersetzerkolleg

» Seminare für Verleger

» Präsentation der polnischen Literatur im Ausland

» einen leichteren Zugang für ausländische Interessenten

zu Informationen über das polnische Buch und den Buchmarkt.

Das Buchinstitut stellt die Literaturprogramme bei polnischen

Auftritten auf in- und ausländischen Buchmessen, bereitet Le-sungen

polnischer Schriftsteller bei Literaturfestivals oder im

Rahmen seiner PR-Maßnahmen für die internationale Verbreitung

polnischer Kultur vor, gibt regelmäßig den Katalog „NEUE

BÜCHER AUS POLEN“ heraus, in dem literarische Neuerscheinungen

präsentiert werden, organisiert Studien- und Fortbildungsmaßnahmen

sowie Treffen und Seminare für Übersetzer

polnischer Literatur, zu denen es ständigen Kontakt pflegt, und

verleiht auch den PREIS TRANSATLANTYK für den besten Vermittler

polnischer Literatur im Ausland.

DAS PROGRAMM TU CZYTAMY! besteht aus einer Reihe

von Maßnahmen, die sich an Schulen, Bibliotheken und NGOs

richten. Dazu gehören u.a.: Bildungsprogramme, Vermittlung der

zeitgenössischen polnischen Literatur für Jugendliche, Vorbereitung

und Publikation eines polnischen Literaturatlas, Organisation

von Buchdiskussionsklubs. Ein Teil des Programms ist auch

der jährliche Literaturfestival-Zyklus 4 Pory Książki.

FESTIVAL 4 PORY KSIĄŻKI ist das größte Literaturfestival in

Polen. Es findet parallel in mehreren Städten statt. Das Festival

besteht aus vier Events: Pora poezji / Lyrikzeit (Februar), POPLIT

(April), Pora prozy / Prosazeit (Oktober), Festiwal kryminału /

Krimifestival (November). Gäste des Festivals waren bisher u.a.:

Jonathan Caroll, Eduardo Mendoza, Boris Akunin, Alexandra Marinina,

Michael Faber, Paulo Lins, Pedro Juan Gutierrez.

www.bookinstitute.pl bietet Informationen zu aktuellen literarischen

Erscheinungen und Events in Polen und im Ausland,

präsentiert Neuerscheinungen und Verlagsprogramme, betreibt

auch ein regelmäßiges Rezensions-Service. Man findet dort außerdem

über 100 Biogramme zeitgenössischer polnischer Autoren,

die Vorstellung von über 500 Publikationen, Fragmente,

Essays, Anschriften der Verleger. Alles über polnische Bücher

– auf Polnisch, Englisch und Deutsch.

Direktorin des Buchinstituts: Dr. Magdalena Ślusarska


2

Olga Tokarczuk

Läufer

6

Andrzej Stasiuk

Dojczland

10

Włodzimierz Kowalewski

Die Exzentriker

14

Henryk Waniek

Der Fall Hermes

18

Eustachy Rylski

Die Insel

22

Andrzej Bobkowski

Dämmerung

26

Jerzy Pilch

Der Zug ins ewige Leben

30

Janusz Rudnicki

Kommt, wir gehen

34

Agata Tuszyńska

Vorübungen zum Verlust

38

Joanna Rudniańska

Brygidas Kätzchen

42

Mariusz Sieniewicz

Die Rebellion

46

Hubert Klimko-Dobrzaniecki

Wiegenlied für einen Galgenvogel

50

Michał Witkowski

Barbara Radziwiłłówna aus Jaworzno-Szczakowa

54

Grzegorz Kopaczewski

Huta

58

62

66

Marek Kochan

Hanna Kowalewska

Wacław Holewiński

Spielplatz

Die Maske des Harlekins

Der Weg nach Putte

Inhalt

1

70

Lidia Amejko

Viten der Heiligen der Siedlung

74

Adam Zagajewski

Der Dichter spricht mit dem Philosophen

78

Marek Bieńczyk

Durchsichtigkeit

82

Agnieszka Taborska

Verschwörer der Phantasie. Der Surrealismus

86

Bianka Rolando

Italienische Gesprächsbücher

90

Ignacy Karpowicz

Die Neue Blume des Kaisers (und die Bienen)

94

Jerzy Jarzębski

Alles über Lem

98

Julia Hartwig

Dank für die Gastfreundschaft

100

Jacek Antczak

Die Reporterin. Gespräche mit Hanna Krall

102

Ryszard Legutko

Traktat über die Freiheit

104

Piotr Matywiecki

Tuwims Gesicht

106

Krzysztof Kłosiński

Die geisteswissenschaftlichen Neuerscheinungen des letzten Jahres

110

Adressen der Verlage und Agenten


Olga Tokarczuk Läufer

2

Photo: Danuta Węgiel

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Auf den ersten Blick wirkt Olga Tokarczuks neues Buch wie

eine Sammlung längerer, kürzerer und ganz kurzer Erzählungen,

doch in Wirklichkeit bildet es ein durchdachtes, sehr kunstvoll

konstruiertes Ganzes. Thema dieser Geschichten ist eine Form

des menschlichen Seins auf der Welt, die im unablässigen Reisen

besteht. Der Reisende findet sich damit ab, daß die von ihm

wahrgenommene Welt in eine Fülle nicht unbedingt logisch verbundener

Fragmente zerfällt. Diese Fragmentarisierung spiegelt

sich dementsprechend in der Konstruktion des Buchs, das aus

einer Vielzahl scheinbar unzusammenhängender Fabeln besteht.

Doch allen sind bestimmte Eigenschaften gemein. Zum einen

kreisen sie alle um Situationen von Verlust, Defekt, körperlicher

Behinderung, zum anderen geht es immer wieder um die Erforschung

der Geheimnisse des menschlichen Körpers, die Technik

der Kategorisierung und Aufbewahrung anatomischer Präparate

oder ganzer Leichen.

Das Buch geht auf die persönliche

Geschichte der Autorin ein, auf ihr

privates „ich bin“, wie zwei Fragmente,

jeweils am Anfang und am Ende der Sammlung, lauten.

Gleichzeitig jedoch ist es eine tiefgehende Auseinandersetzung

mit der Menschheitsgeschichte und Mythologie – in erster Linie

der griechischen – sowie eine eindringliche Betrachtung

des Phänomens von Leben und Tod. Zwei Vorstellungen von

Zeit treffen hier aufeinander: auf der einen Seite die zyklische

Sicht der ewigen Wiederkehr, wie sie Mythen und Religionen

eigen ist, auf der anderen die linear-progressive Sicht, wie

sie dem menschlichen Leben in seinem Hinstreben zu Geheimnis

und Tod eigen ist, eine Sicht, der es am Glauben an

den Kreislauf der ewigen Wiederkehr und an der damit verbundenen

Linderung existentieller Ängste mangelt. Es gibt in

diesem Buch keine leichten Antworten auf schwierige Fragen,

auf Schritt und Tritt stoßen wir auf Rätsel, die sich nicht lösen

lassen. Anstelle solcher Antworten können wir überraschende

Spiegelungen und Entsprechungen zwischen unterschiedlichen

Erscheinungen beobachten. Das ist jene uns zugängliche Versi-

on der Wiederholbarkeit der Welt, die eine schwache Hoffnung

auf einen Sinn und eine Ordnung in der Welt aufkeimen läßt.

Es ist ein kluges Werk einer reifen Schriftstellerin, vielleicht sogar

das beste Buch, das Olga Tokarczuk bisher geschrieben hat.

Jerzy Jarzębski

Olga Tokarczuk (geb. 1962), Romanschriftstellerin

und Essayistin, ihre Bücher wurden bereits

in 18 Sprachen übersetzt.

Olga Tokarczuk Läufer

3

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Olga Tokarczuk Läufer

4

Meine

Eltern waren nicht von einem

ganz und gar seßhaften Stamm.

Sie zogen viele Male um, von einem

Ort zum anderen, bis sie sich schließlich für längere

Zeit in einer Provinzschule niederließen, weitab von jeder

richtigen Straße und Eisenbahnstation. Jedes Überschreiten

der Gartengrenze, jeder Ausflug in die kleine Stadt war schon

eine Reise. Einkäufe, Papiere, die im Gemeindeamt eingereicht

werden mußten, immer derselbe Friseur am Markt vor

dem Rathaus, der immer denselben erfolglos gewaschenen

und gebleichten Kittel trug, auf dem die Färbemittel für die

Haare seiner Kundinnen kalligraphische Flecken hinterlassen

hatten, chinesische Schriftzeichen. Mama ließ sich die

Haare färben, der Vater wartete an einem der beiden Tische

draußen vor dem Café Nowa auf sie. Er las die Lokalzeitung,

in der die Rubrik „Kriminalfälle“ mit Berichten über

Marmeladen- und Gewürzgurkenraub aus irgendwelchen

Kellern immer das interessanteste war.

Und dann ihre touristischen Ferienausflüge, schüchtern,

mit einem bis unters Dach vollgepackten Skoda. Lange vorbereitet,

an Vorfrühlingsabenden geplant, wenn der Schnee

gerade getaut, die Erde aber noch nicht wieder zu sich gekommen

war, noch länger nicht ihren Körper den Pflügen

und Hacken hingeben, sich befruchten lassen und ab dann

die Zeit der Menschen vom Morgen bis zum Abend in Anspruch

nehmen würde.

Sie gehörten zu einer Generation, die mit Wohnwagen

unterwegs war, einen Hausersatz hinter sich herzog. Einen

kleinen Gasherd, Klappstühle, einen Klapptisch. Eine Plastikschnur

zum Aufhängen der Wäsche, wo man Halt machte,

hölzerne Wäscheklammern. Wasserfestes Wachstuch für

den Tisch. Ein Picknick-Set für Touristen bestehend aus

bunten Tellern, aus Besteck, Salzfäßchen und Gläser – alles

aus Plastik.

Irgendwo unterwegs, auf einem Flohmarkt, wie ihn er

und meine Mutter besonders gerne besuchten (wenn sie sich

nicht zufällig gerade gegenseitig vor Kirchen und Denkmälern

fotografierten) hatte mein Vater einen Teekocher aus der

Armee erstanden, ein Gerät aus Kupfer, ein Gefäß mit einem

Rohr in der Mitte, in das man eine Handvoll kleingebroche-

nes Reisig legen und es anzünden konnte. Obwohl es auf den

Campingplätzen Stromanschlüsse gab, kochte er das Wasser

immer in diesem qualmenden langsamen Teekessel. Er kniete

über dem heißen Gefäß und lauschte stolz auf das Bullern

des kochenden Wassers, das er dann auf die Teebeutel goß

– ein echter Nomade.

Sie hielten an den dafür bestimmten Orten, auf Campingplätzen,

immer in Gesellschaft anderer Leute ihres Schlags,

und hielten Schwätzchen mit den Nachbarn über die Socken

hinweg, die an den Zeltschnüren trockneten. Mit Hilfe des

Reiseführers wurden Reiserouten festgelegt, wobei die Sehenswürdigkeiten

sorgfältig aufgelistet wurden. Bis Mittag

Baden im Meer oder einem See, am Nachmittag ein Ausflug

zu den Ruinen und Überresten von Städten, zum Abschluß

das Abendessen, meistens aus Eingewecktem bestehend: Gulasch.

Frikadellen, Klopse in Tomatensauce. Dazu brauchte

man nur noch Reis oder Nudeln zu kochen. Ewiges Sparen,

der Zloty steht schlecht, das ist der rote Heller der Welt.

Orte suchen, wo es Stromanschluß gibt, dann wieder unwillig

packen um weiterzureisen, jedoch immer im metaphysischen

Bereich des eigenen Hauses. Sie waren keine echten

Reisenden, denn sie reisten, um zurückzukehren. Und sie

kehrten immer erleichtert heim, mit dem Gefühl eine Pflicht

gut erfüllt zu haben. Sie kamen zurück, um einen großen

Stapel Briefe und Rechnungen von der Kommode zu nehmen.

Um große Wäsche zu machen. Die heimlich gähnenden

Freunde mit ihren Fotos zu Tode zu langweilen. Das

sind wir in Carcassone. Und hier ist meine Frau, vor dem

Hintergrund der Akropolis.

Dann führten sie das ganze Jahr ein seßhaftes Leben, ein

Leben, in dem man morgens da weitermacht, wo man am

Abend aufgehört hat, in dem die Kleidung ganz vom Geruch

der eigenen Wohnung durchdrungen ist und die Füße rastlos

ihren Pfad auf dem Teppich austreten.

Das ist nichts für mich. Offenbar fehlt mir irgendein Gen,

das beim Menschen Wurzelbildung bewirkt, sobald dieser

einige Zeit an einem Ort ist. Ich habe es oft versucht, aber

meine Wurzeln waren flach, jeder beliebige Windstoß konnte

mich ausreißen. Ich konnte nicht sprießen, diese Pflanzenfähigkeit

fehlt mir. Ich ziehe keine Säfte aus der Erde, ich

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in ein Anti-Anteus. Meine Energie schöpft sich aus der Bewegung

– aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Dröhnen

von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen.

Ich bin handlich, klein und kompakt. Mein Magen ist anspruchslos,

meine Lungen kräftig, mein Bauch fest, meine

Armmuskeln stark. Ich nehme weder Medikamente noch

Hormone und trage keine Brille. Alle drei Monate einmal

rasiere ich mir die Haare mit dem Apparat, ich benutze so

gut wie keine Schminke. Ich habe gesunde Zähne, vielleicht

nicht ebenmäßig doch ganz, nur eine alte Plombe ist da, ich

glaube im Sechser links unten. Leberwerte normal. Bauchspeicheldrüsenwerte

normal. Die Nierenfunktion rechts und

links hervorragend. Meine Bauchschlagader in der Norm.

Meine Harnblase genau richtig. Hämoglobin:12.7; Leukozyten:

4.5; Hematokrit: 41.6; Thrombozyten: 228; Cholesterol:

204; Kreatinin: 1,0; Bilirubin: 4,2; und so weiter. Mein

IQ – wenn man an so etwas glaubt – ist 121, das reicht. Ich

habe eine außergewöhnlich gut entwickelte räumliche Vorstellungskraft,

die fast eidetisch ist, dafür eine schlechte Lateralisierung.

Persönlichkeitsprofil instabil, wahrscheinlich

wenig vertrauenswürdig. Alter: psychologisch. Geschlecht:

grammatisch. Bücher kaufe ich lieber im Taschenbuch, um

sie ohne Bedauern auf Bahnsteigen liegenzulassen, für die

Augen anderer. Ich sammle nichts.

Ich habe mein Studium abgeschlossen, aber im Grunde

habe ich keinen Beruf erlernt, was ich sehr bedauere: Mein

Großvater war Weber, er bleichte die gewebte Leinwand, indem

er sie auf einem Hang ausbreitete und dem hellen Sonnenlicht

aussetzte. Es würde mir Spaß machen, Kette und

Schuß mit einander zu verweben, aber es gibt keine transportablen

Webrahmen, die Weberei ist eine Kunst für seßhafte

Menschen. Unterwegs stricke ich. Leider ist es neuerdings

bei manchen Fluggesellschaften verboten, Strick- oder Häkelnadeln

mit an Bord zu nehmen. Ich habe wie gesagt kein

Fach gelernt, dennoch habe ich, ungeachtet der Warnungen

meiner Eltern, überleben können, indem ich auf Reisen alle

möglichen Arbeiten ausgeübt habe und keineswegs unter die

Räder gekommen bin.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky

Wydawnictwo Literackie

Cracow 2007

123 × 197 • 364 pages

paperback

ISBN: 978-83-08-03986-1

Translations rights: De Geus

Olga Tokarczuk Läufer

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Andrzej Stasiuk Dojczland

6

Photo: Piotr Janowski AG

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Die Handlung dieses – amüsanten und zugleich melancholischen

– Büchleins ist einfach gestrickt: seit gut zehn Jahren absolviert

Andrzej Stasiuk als Autor Lesereisen durch die deutschsprachigen

Länder. Er liest, beantwortet Fragen, kehrt ins Hotel zurück,

steigt morgens in den Zug, geht zur Lesung, liest, beantwortet

Fragen, kehrt ins Hotel zurück...

Mit Hilfe dieser Reflexionen ordnet Stasiuk die kulturelle Landkarte

Europas, richtet Europa nach seinem eigenen Zentrum aus.

Doch setzt er alles daran, dass trotz der vieljährigen Vergleiche

zwischen Ost und West seine Heimat immer noch das vertraute

Kuhdorf bleibt. Er idealisiert Polen nicht – na ja, vielleicht ein

biss-chen. Sein Buch ist eine Art Überlebensratgeber für alle,

die in ein ähnliches Abenteuer geraten sollten – das heißt, die

radikale Konfrontation der heimischen Rückständigkeit mit der

fremden Moderne. Es ist eher eine

Erfahrung der Persönlichkeitspsychologie

als der Geografie. Wie

der Autor sagt: „Nach Deutschland

fahren, das ist Psychoanalyse.“

Um sich nicht „zum Deutschen“ machen zu lassen, also zu einem

Anhänger der Höherwertigkeit westlicher über die östliche

Kultur, muss man, erstens, Deutschland als ein Land behandeln,

in das man zum Geldverdienen fährt. Dort gibt es Geld, Arbeit

und gute Verhältnisse; hier, in Polen, das heißt in Rumänien

– Menschen, mit denen man sich unterhalten, zusammen sein,

gemeinsam etwas erleben kann. Zweitens muss man die Armut

als die wahre Beziehung zwischen Mensch und Ding betrachten.

Wenn uns das gelingt, werden wir sehen, dass in der Welt des

Überflusses die Menschen zu Sklaven der Gegenstände werden

– die ihren Status symbolisieren und die alte Ahnenherrlichkeit

ersetzen. In der Welt der Armut ist es anders: hier landen die abgenutzten

Autos des Westens, hier können die Menschen Dinge

verwenden, die nicht mehr zu gebrauchen sind, und sie beurteilen

sich nicht nach ihrem Besitz, denn sie wissen, dass alle Dinge

nur geliehen und vergänglich sind. Außerdem muss man Sehnsucht

haben, und wenn wir uns nach Polen, also nach Rumänien,

sehnen, dann kann kein Bayern oder sonstiges Westfalen unsere

Sehnsucht stillen, soviel ist klar. Stasiuk zwinkert uns aber bisweilen

zu und sagt, dieser Text über die „Zigeuner des vereinten

Europa“ sei nur ein Gag für das westliche Publikum.

Przemysław Czapliński

Andrzej Stasiuk (geb. 1960), Prosaist,

Dichter, Essayist, Literaturkritiker. Seine Bücher

wurden in fast alle europäischen Sprachen

übersetzt.

Andrzej Stasiuk Dojczland

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Andrzej Stasiuk Dojczland

8

Na

ja. Da sind wir wieder bei der Politik gelandet,

das wollte ich eigentlich vermeiden. In der letzten

Zeit hat sich der politische Druck in Polen

ein bisschen verstärkt. Die Leute, die da regieren, glauben

nicht an ein Leben jenseits der Politik. Auf sie selbst mag das

sogar zutreffen. Die tun ganz pfiffig und mutig, aber kaum

sollten sie einmal nach Deutschland fahren, haben sie sich

vor Angst in die Hosen gemacht. Ich glaube, der Präsident

war’s. „Magen-Darm-Beschwerden“, so erklärte man das dem

Volk in Fernsehen und Zeitungen. Zum Glück verschwinden

die von der Politik meist bald irgendwo in der Versenkung,

wir aber, das Volk, wir bleiben, denn das Volk kriegt nicht

einfach so Dünnschiss. Jedenfalls wollte ich sagen, dass zu

meinen Lesungen, auch wenn ich Pole bin, vermutlich andere

Leute kommen als die aus den Meinungsumfragen. Nur

ein paarmal war es so, dass jemand aufstand und dramatisch

fragte: „Wann werden eure Homosexuellen endlich gleichberechtigt

sein?“. Ich antwortete ebenso dramatisch: „Der Tag

ist nah.“ Oder es wurde gefragt: „Wann hört ihr endlich auf,

unsere Autos zu klauen?“ Ich erwiderte nach bestem Wissen

und Gewissen: „Das wird wohl noch eine Weile dauern.“ Ja,

sollen wir vielleicht die russischen klauen? Aber das waren

Einzelfälle. Meist ging es meinem Publikum um die Literatur.

Die Menschen kamen zum Zuhören und fragten danach

nicht mehr nach Homosexualität, Feminismus und all

dem. Sie fragten nicht einmal nach Jedwabne. Sie lauschten

wirklich auf den Text. Sie hörten, wie die Gedanken eines

Fremden in ihrer eigenen Sprache klangen, und ich überlegte,

wie weit diese Gedanken auch ihre eigenen sein konnten.

Ich fragte mich, ob mich das Deutsche ihnen näherbringt

oder von ihnen entfernt, ob meine Worte und Gedanken auf

Deutsch ebenso seltsam und unbekannt sind wie mein Land,

oder gerade umgekehrt. Da saßen sie fast eine Stunde ruhig

und reglos. Ihr Zuhören hatte etwas Unnachgiebiges, etwas

Endgültiges. Damit war nicht zu spaßen. Hier hatte Luther

die Bibel übersetzt. In Deutschland hat das Wort Gewicht.

Vielleicht hat dieser Ernst sogar auf mich abgefärbt? Vielleicht

nahm ich selbst das, was ich geschrieben hatte, ernster,

zumal es in der deutschen Übersetzung ein Viertel länger

war. In Freiburg durfte keine slawische Unbeschwertheit an

den Tag gelegt, in Friedrichshafen musste die Selbstironie gezügelt

werden. An manchen Orten wurde Eintritt verlangt.

Sie alle, diese Menschen aus Städten, Kleinstädten, manchmal

sogar vom Land, Frauen und Männer, Alte und Junge,

kamen her, um etwas zu lernen, etwas zu erfahren, sich eine

Meinung zu bilden. Nicht ausgeschlossen, dass sie nachsehen

wollten, ob ich lüge. Oder prüfen, ob mein Menschsein

ihrem Menschsein ähnlich ist. Oder sie wollten ihr Bedürfnis

nach Umgang mit dem Andersartigen befriedigen. Wir

musterten uns interessiert, doch auch verunsichert. Für viele

von ihnen, vielleicht die meisten, war ich der erste Pole im

Leben. Dazu war ich weder Landarbeiter noch Bauarbeiter

noch der mythische Autodieb, der ihre BMWs und Mercedes

in den Osten verschob. Auch sie waren die ersten Deutschen

für mich. Schließlich sind meine Leser die einzigen

Deutschen, die ich kenne. Außer meinen Lesern habe ich

niemand kennengelernt. Abgesehen natürlich von den Zugreisenden,

den Passagieren auf Bahnhöfen und Flughäfen.

Davon habe ich mehr gesehen als Leser, und häufiger, aber

wir wussten nicht viel voneinander. Ich hatte den Vorteil,

dass ich wusste, wer sie sind. Wer ich bin, wussten sie dagegen

nicht. Sie mochten ahnen, dass ich keiner von ihnen

war, sie mochten sich vorstellen, ich sei ein großgewachsener

Türke, aber sie konnten nicht herausfinden, wer ich wirklich

war. Ich dagegen sah sie an und wusste: ihr seid Deutsche.

Alle, fast alle in den Zügen und auf den Bahnhöfen. Ich hatte

dieses elementare, grundsätzliche Wissen über sie, das sie

von mir nicht haben konnten. Ich fühlte mich wie ein Spion.

Ich beobachtete sie, dachte über sie nach und machte

mir – wenn mir danach war – sogar Notizen. Ich drang in

ihr Deutschsein ein. Ich fuhr mit dem silbernen ICE von

Dortmund nach Berlin, schlückelte meinen Jim Beam, kritzelte

etwas ins Notizbuch, sah die grünen Ebenen, die waldigen

Höhen des Harz und konnte nach Belieben über das

Deutsche sinnieren. […] Auf der Fahrt von Heilbronn nach

Frankfurt kann ich im kosmischen ICE-Waggon darüber

nachdenken und gleichzeitig zusehen, wie die Passagiere ihre

Rollkoffer hinter sich herziehen und konzentriert die elektronischen

Reservierungsanzeigen mustern. Sie bewegen sich

vorsichtig, mit drollig gereckten Köpfen. Manchmal schließe

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ich die Augen halb, dann verschwimmen ihre Silhouetten.

Auf dem Platz neben mir lege ich, wenn er nicht reserviert

ist, Sachen ab, denn ich will nicht, dass jemand sich dorthin

setzt. Ihre Nähe ersehne ich keinesfalls. Ich will, dass ihre

Gestalten sich mit meinen Gedanken vermischen, mit den

Erinnerungen an die Autos des Onkels und die Erzählungen

meiner Großmutter: Sie sollte schon sterben, stand schon

an der Wand, da hat der Offizier es sich aus irgendeinem

Grunde anders überlegt, die Pistole eingesteckt und ist weitergegangen.

Ich will, dass sich die vom Tempo verschmierte

Landschaft mit den pfeilgeraden Türmen am Horizont und

die undeutlichen Bilder alter Städtchen mit roten Dächern

darüber legen, will, dass sich das alles vermischt und am

Ende ein verständliches Bild ergibt: Meine Großmutter an

der Wand des eigenen Hauses, der silberne ICE, Axel mit

der Thermoskanne am Dresdner Bahnhof, Klaus Kinski in

Fitzcarraldo, Bruno S. in Stroszek, Brot für warme, frisch

gemolkene Milch, fünfhunderttausend gebrauchte Golf auf

polnischen Straßen, die Schlacht bei Grunwald, alte Leute

in Polen, die mechanisch wiederholen: „Wissen Sie, unter

den Deutschen war Ordnung“, die Graffiti auf den Mauern

meiner Kreisstadt: „Wenn Hitler lebte, hätten wir Arbeit“,

und dazu noch „Mein lieber Augustin“ und „Der Tod ist ein

Meister aus Deutschland“...

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl

Czarne

Wołowiec 2007

125 × 195 • 112 pages

paperback

ISBN: 978-83-7536-005-9

Translation rights: Czarne

Andrzej Stasiuk Dojczland

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Włodzimierz Kowalewski Die Exzentriker

10

Photo: Privatarchiv

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Ciechocinek, ein verfallener polnischer Kurort im Jahre 1957.

Die Zahnärztin Wanda erhält zwei Nachrichten: eine schlechte

und eine gute. Sie erfährt, dass sie unheilbar krank ist, aber

auch, dass ihr geliebter Bruder Fabian aus Großbritannien zurückkehrt,

wohin er als Soldat der Anders-Armee kam. Fabian

kehrt im Zuge des „Tauwetters“ nach Polen zurück, der politischen

Entspannung, die in Polen nach Stalins Tod einsetzte. Die

Heimreise ist für ihn keine leichte, frohgemute Entscheidung,

denn die Begegnung mit der Schwester bedeutet die Konfrontation

mit der noch nahen Kriegsvergangenheit und dem Verlust

seiner Lieben. Nur das Geschwisterpaar hat überlebt. Wanda

verharrt immer noch in Trauer, Fabian jedoch scheut vor ihr

zurück. Der König des Lebens und Meister des Swings sucht

in dem Trost, was er immer liebte.

In der Musik. Die vor Jahren auch

Wanda viel bedeutete, als sie in der

Jazzband ihres Bruders brillierte. Es

mag den Anschein haben, dass es in

dem in Hoffnungslosigkeit versunkenen Städtchen keine Chance

gibt, eine Band zu gründen. Dennoch geschieht das Wunder,

und bei Fabian melden sich mehr und mehr Musiker. Zu

ihnen gehört der Stadtmiliziant Stypa, der Sanatoriumsarzt Vogt

und die schöne Englischlehrerin Modesta. Als auch Wanda ihre

Skepsis überwindet, ist schon sicher, dass das Wunder wahr

werden kann. Und währen, solang die Staatsmacht es zulässt.

Die Erzählung über das Entstehen einer Jazzband bietet Kowalewski

die Gelegenheit, nicht nur die polnische Wirklichkeit der

späten fünfziger Jahre nachzubilden, sondern auch die Atmosphäre

der Vorkriegszeit aufleben zu lassen. Zu deren Leitfigur

der letzteren wird Reichmann, einstiger Kurgast in Ciechocinek

und Autor bekannter Liedtexte. Er erscheint im Roman dank eines

Tagebuchs, dass Fabian auffindet. Aber auch die lebenden

Protagonisten zitieren den Geist ihrer Jugend. Diese „Exorzismen“

lassen sie vergessen, was sie durchgemacht haben, und

sie ihre Lebensfreude wiederfinden.

Marta Mizuro

Włodzimierz Kowalewski (geb. 1956),

Schriftsteller, Essayist, mit etlichen Literaturpreisen

ausgezeichnet. Die Exzentriker ist bereits sein fünfter

Prosaband.

Włodzimierz Kowalewski Die Exzentriker

11

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Włodzimierz Kowalewski Die Exzentriker

12

Je

tiefer es ins Landesinnere ging, desto mehr Schnee

gab es. Sie jagten die schmale, fast völlig leere Straße

zwischen den Spalieren nackter Bäume entlang,

passierten nur dann und wann einen Fuhrwagen mit in Pelze

geschlagenen Kutschern, kümmerliche Lastwagen und himmelblaue,

durch den trüben Tag gräuliche PKS-Autobusse

des Typs „Krasula“, die lange Rauchschleier von Abgasen

hinter sich her zogen. Der Vauxhall preschte vor, ringsum

entrollte sich eine ungesäuerte und groblinnene Landschaft.

Die sumpfigen Tümpel waren noch nicht gefroren, ringsum

Büschel von Gestrüpp, Felder unter einer dünnen Schneeschicht,

einsame Katen. In den Dörfern Schweine auf Leiterwagen,

Kinder, die unterwegs in große Brotlaibe bissen,

in den Städtchen Schlamm und Kopfsteinpflaster, Schlangen

vor den Läden mit Fleisch und Wurst. Das Radio spielte,

zwischen den Nachrichten und „Wissenswertem für die

Landwirtschaft“ Kujawiaks und Obereks, dann das Mandolinenensemble

Ciukszas, Wicharys Tanzorchester, Gesang

– Hanna Rek, Kurtycz, Koterbska.

„Sie müssen gestern Geld wie Heu rausgeworfen haben.

Vor allem, als sie später unbedingt diesen französischen

Champagner trinken mussten. Sauer wie Gurkensaft.“ Modesta

verzog das Gesicht.

„Was heißt hier Champagner. Schaumwein, nichts anderes.

Von der Marke habe ich noch nie gehört.“

„Tausend haben sie verpulvert. Ganz sicher.“

„Gleich kann es mehr werden, schauen Sie nur genau zu.“

In der völlig menschenleeren Gegend standen zwei Milizianten

mit einem Motorrad mit Beifahreranhänger, der in

einer Schneewehe versank. Einer sah aus wie ein Luftlöscher

eines Küsters – lang, mit Hakennase, der andere hatte den

Hals bandagiert. Beide fuchtelten mit ihren Lutschern. Fabian

fuhr an den Straßenrand. Der mit der Sperbernase ging

um das Auto herum und klopfte auf Modestas Seite gegen

die Scheibe.

„Führerschein, Ausweis, Fahrzeugpapiere, Benzinkarte,

Reiseerlaubnis“, rezitierte er, als sie das Fenster herunterdrehte,

dann verbog er sich bis zur Hälfte und versuchte,

den Schädel ins Innere zu pressen, und blieb dabei mit dem

Helm am Dach hängen. Es verschlug ihm die Sprache, seine

Züge längten sich vor Staunen.

„Ahhh... wo ist denn hier das Lenkrad? Womit lenken Sie

denn den Wagen, Genossin?“

„Zyggy! Das ist doch ein englischer Wagen, alles für die

linke Linke!“, röchelte der Bandagierte, bevor Modesta überhaupt

irgendetwas antworten konnte.

„Englisch? Englisch? In dem Fall wird ausgestiegen, sofort!“,

kommandierte er und rückte seine Berichttasche

zurecht. Er umkreiste das Auto nochmal in den winzigen

Schritten einer Geisha, stand vor Fabian, deutete irgendwas,

begann deutlich Silben zu artikulieren, ganz laut, fast schon

brüllend:

„Bit-te stei-gen Sie ...“

Fabian stieg aus.

„Sie sprechen Polnisch?“, freute sich der Miliziant.

„Sehr gut.“ Es wäre nämlich dumm, gleich in einer Fremdsprache

seiner Tätigkeit nachzugehen...

Jetzt hatte er auch die Papiere vergessen, der Vauxhall nahm

seine Aufmerksamkeit stärker in Anspruch, er sah sich im

Fahrzeug um, machte sich an den Schaltknöpfen zu schaffen,

prüfte, ob die Polster weich war, pfiff anerkennend.

„Schau doch mal, Winiek“, sagte er erregt zu seinem bandagierten

Kollegen, rupfte an der Lenkradschaltung „sogar

den Schaltknüppel hat er links! Genosse Fahrer, wie fährt es

sich damit auf polnischen Straßen? Unbequem, was?“

„Aber das ist doch kinderleicht“, erwiderte Fabian. „Man

muss sich nur daran gewöhnen, links ist rechts, und rechts

ist links.“

„Rechts ist links, links ist rechts. Kinderleicht“, sprach der

Miliziant verständig nach.

Sie kontrollierten gar nichts mehr, rissen Witzchen, fragten

nach dem Motor, den PS, der Höchstgeschwindigkeit,

dem Autofahren in England, den gefahrenen Strecken. Sie

rieten noch, wegen des Wetters mit Licht zu reisen, gaben

die Papiere zurück und salutierten höflich.

Als die Rücklichter des Vauxhalls an der Linie zwischen

Straße und Himmel verschwammen, hoben die beiden ihre

Helme, wischten sich den Schweiß von den Stirnen, warfen

die Lutscher, die Berichttaschen und die Gürtel mit den

Halftern in den Motorradanhänger.

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„Schluss mit der Vorstellung. Jetzt schreibt ihr mir alles

genau auf. Den Bericht morgen früh, vor der Lagebesprechung,

8 Uhr fünfzehn“, befahl der Bandagierte trocken.

Sie fuhren direkt zur Villa „Konstancja“, wo Modesta ein

Zimmer mietete. Das war eine Pension mit einer sonderbaren

Glaspyramide mitten auf dem Flachdach, gegenüber dem

Kiefernpark, den jetzt Schneeflocken wie Watte bedeckten.

Sie ließ ihn jedoch etwas weiter entfernt anhalten, erlaubte

ihm nicht auszusteigen, rang selbst mit dem Koffer.

„Ich gebe Ihnen die Hälfte für gestern zurück!“, rief sie

zum Abschied.

Aus dem Bayer-Schuppen, in dem einst die Britschka für

Ausfahrten der Gäste in die Umgebung stand, rollte er ein

Wägelchen auf quietschenden Rädchen heraus, fuhr zwei

rostige Fahrräder ins Freie, warf die verschlissenen Gartenschläuche,

eine Heugabel, Spaten und Harken zur Seite. Er

fuhr hinein, und dann hob er mit dem Wagenheber das Vorderteil

des Vauxhall an. Schnaufend und schnaubend robbte

er unter dem Wagen hervor, zündete eine Taschenlampe

an. Der Aufsatz auf der Ölwanne, die er beim Blechschmied

Callender in Willersley in Auftrag gegeben hatte, war an Ort

und Stelle, die darangelötete, von unten unsichtbare ehemalige

Kakaodose auch, was er heute morgen noch hatte

überprüfen können, blind tastend, vor dem Grand Hotel.

Er drehte sechs Schrauben ab, danach den Blechdeckel, verschmierte

sich die Hände mit Graphitöl, das er zur Tarnung

drübergestrichen hatte. Dann stand er auf, mit einem Knäuel

Lumpen polierte er das Blech, das einem Schildkrötenpanzer

ähnelte, und endlich ließ sich die Dose öffnen. Er atmete

auf. Es war nichts passiert. Der in mehrere Plastiktüten gewickelte

und mit einem Band verklebte Inhalt hatte die Reise

unbeschadet überstanden.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

W.A.B.

Warsaw 2007

123 × 195 • 324 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7414-036-2

Translation rights: W.A.B.

Włodzimierz Kowalewski Die Exzentriker

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Henryk Waniek Der Fall Hermes

14

Photo: Elżbieta Lempp

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Der Vorsitzende des Großen Konsistoriums Hermann Daniel

Hermes wird eines Tages unvermittelt seines Amtes enthoben.

Ohne Begründung und ohne die Möglichkeit Einspruch zu erheben,

auch wenn er dies für den Rest seines Lebens versuchen

wird. Seine Vergehen kommen erst nach seinem Tode ans Licht,

als die höchsten Richter sich seines Falles annehmen: die Engel.

Mithilfe von Unterlagen, die bis zur Geburt des Angeklagten zurückreichen,

aber auch dank modernster Überwachungs- und

Archivierungsmethoden sind sie in der Lage, jede einzelne seiner

Handlungen genau zu durchleuchten. Doch das Urteil der

Engel ist von einer starken Antipathie gegen den Angeklagten

geprägt, die Dokumente sind unvollständig und erlauben keine

eindeutige Interpretation. Die Richter sehen sich gezwungen,

neue Zeugen aufzuspüren, die Lücken zu schließen und sich für

die einzig richtige Version der Wahrheit über Hermes zu entscheiden.

Die Untersuchungen im Fall Hermes haben den Charakter eines

Lustrationsverfahrens und der gesamte

Roman kann als eine Reaktion

auf das heutige Lustrationsmodell,

eine zeitgenössische Variante der

mittelalterlichen Hexenjagd, verstanden werden. Mit all ihren

Verdrehungen der Wahrheit und ihrem Mangel an Objektivität,

der jegliche Zweifel an der Schuld eines Angeklagten einfach

wegwischt. Die scherzhafte Darstellung ändert nichts am Wesen

ihres Sachverhalts: In der eindeutigen Beurteilung menschlicher

Handlungen – so suggeriert Waniek – wird es immer auch

Missbräuche geben.

Die Geschichte spielt in der Zeit vor der französischen Revolution

und dem Aufkommen der antimonarchistischen Bewegung,

die zu tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen führte.

Hermes ist Freimaurer, Antimonarchist und ein Befürworter der

sich anbahnenden Veränderungen, auch wenn er eher im Verborgenen

wirkt. In seinen Ansichten und seinen Handlungen

spiegelt sich die Einstellung zahlreicher „Verschwörer“ jener

Zeit wieder. Darüber hinaus dienen sie dem Autor als Anlass zur

Darstellung der verschiedenen Oppositionsgruppen und ihres

Einflusses auf die Politik – in diesem Falle der preußischen.

Henryk Wanieks Roman verbindet die Vorzüge des historischen

Romans mit denen des politischen Traktats und der metaphysi-

schen Abhandlung. Seine größte Stärke sind die Porträts seiner

Protagonisten, sowohl der irdischen als auch der himmlischen,

die in ihren Schwächen oft überaus „menschlich“ erscheinen.

Auch die Balance zwischen Realismus und Fantastik gelingt ausgezeichnet.

Marta Mizuro

Henryk Waniek (geb. 1942), Maler, Prosaist,

Essayist, Kunstkritiker, Übersetzer und Experte auf

dem Gebiet der Esoterik.

Henryk Waniek Der Fall Hermes

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Henryk Waniek Der Fall Hermes

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ENGEL:

Ich möchte Ihnen allen eine

langatmige Einleitung ersparen

und sie gleich darauf

hinweisen, dass ich mit Ihnen über die Bibliothek sprechen

werde. Und da es sich hierbei um eine vertrauliche Angelegenheit

handelt, bitte ich sie, nichts von dem, was hier gesagt

werden wird, nach außen zu tragen. Ich danke Ihnen

für ihr Kommen und zähle auf Ihre Unterstützung. Über

Bibliotheken weiß ich so gut wie nichts. Selbstverständlich

meine ich damit nicht die Regale, Kataloge und die ganze

tote Ordnung der Bestände. Wie das aussieht, kann ich mir

schon selbst vorstellen. Von Ihnen möchte ich etwas über

die Geheimnisse hören, die sonst nicht in die Öffentlichkeit

dringen, über die nur Eingeweihten vorbehaltene, tiefere

Philosophie dieser bibliografischen Schatzkammern. Und da

Herr Graf bereits die Augen geöffnet haben, frage ich Sie einfach

zuerst. Über die Bedeutung der Bibliothek müssen Sie

mir nichts erzählen. Es ist allgemein bekannt, dass sich dort

die weltweit größte Sammlung von Hymnen befand. Warum

eigentlich gerade Hymnen?

GRAF:

Entschuldigen Sie, dass ich so undeutlich spreche. Die Kälte

macht meinem Unterkiefer irgendwie zu schaffen. Sehen

Sie nur, wie er zittert. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen

soll. Das alles ist schon so lange her und so verworren. Vor

allem weil es mit so großen Kosten, Anstrengungen und Befürchtungen

verbunden war. Eine Bibliothek bedeutet eine

große Verantwortung. Des Nachts träumte ich von Feuersbrünsten;

von Holzwürmern, monströsen Nagekäfern, die

als Anobium punctatum bekannt sind und die sich durch

die Seiten von Büchern fressen; von gemeinen Diebstählen

der wertvollen Exemplare; von dreisten Fälschungen.

Ich denke nur ungern daran zurück, aber für Sie, Herr Rat,

mache ich selbstverständlich eine Ausnahme. Das Sammeln

von Gesangbüchern – und anderen Büchern, über die ich

später noch sprechen werde – ist eine Familientradition, die

auf meinen Großvater zurückgeht. Heutzutage denkt jeder,

Hymnen seien nichts weiter als Lieder für den gemeinen Pöbel.

Vergessen sind die seligen Zeiten, als man in den Salons

und den Gotteshäusern, auf den Exerzierplätzen und den

Schlachtfeldern sang, im reinen Bestreben, die Herzen der

Menschen und mit ihnen die ganze Welt zu läutern. Bereits

zu Lebzeiten meines Vaters nahm das Unheil seinen Lauf.

Der Kitsch griff um sich, eine Flut von Fälschungen raubte

der Hymne ihre ursprüngliche Reinheit. Zuvor hätte niemand

etwas Derartiges gewagt. Eine Hymne war etwas Heiliges!

Ein römischer Soldat wäre lieber gestorben, als auch

nur ein Wort seines Legionsliedes zu verändern. Der Gesang

entschied über den Ausgang der Schlacht – über Sieg oder

Niederlage. Zahlreiche entsprechende Hinweise finden sich

bei Thukydides, noch mehr bei Sueton. Hätten die Klöster

nicht damit begonnen, ihre Possen mit den Hymnen zu treiben,

lägen nicht so viele von ihnen heute in Trümmern. Das

Gleiche gilt für die so schmählich untergegangenen Staatswesen.

Und je mehr Zeit verging, desto schlimmer wurde

es. Die Hymne wurde in den Schmutz billiger Tanzbuden

herabgezogen. Jeder erstbeste Zirkus brauchte seine Hymne.

Und zur Zeit der Aufklärung erreichte der Skandal seinen

Höhepunkt. Zu den traditionellen Melodien wurden jetzt

moderne, rationalistische Texte verfasst. Irgendwo in Böhmen

entstand eine geheime Hymenwerkstatt. Schleichhändler

verkauften ihre Erzeugnisse zum halben Preis. Natürlich

waren sie ohne jeden Wert. Die Leute sangen sich die Lunge

aus dem Hals, doch es half nichts. Kein Heldenmut, keine

göttliche Gnade und noch nicht einmal ein wenig Hoffnung.

In dieser Welt sollte meine Bibliothek zu einer Arche Noah

werden, einer Festung gegen den Ansturm der Barbarei.

ENGEL:

Und alle Falschheit sollte an Ihrer Bibliothek zerschellen!

GRAF:

Bereits in jungen Jahren betrachtete ich die Rettung der

Hymne als meine Lebensaufgabe. Als ich mit zehn Jahren in

die Schule kam, verfügte ich auf diesem Gebiet bereits über

ein beträchtliches Wissen. Mit Entsetzen musste ich feststellen,

dass alle meine Mitschüler und auch die meisten meiner

Lehrer Gesangbücher von zweifelhaftem Wert verwendeten,

sodass alles Lernen im Grunde für die Katz war. Als ich meinem

Vater davon berichtete, nahm er mich aus der Schule

und vertraute meine weitere Ausbildung dem Kaplan Mayer

an. Dieser Mann besaß das außergewöhnliche Talent, in

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Sekundenschnelle zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden.

Und eben diese Fähigkeit lehrte er mich, bis ich

ein gewisses Alter erreichte. Dann öffnete er einen Schrank,

den er bis dahin immer vor mir verschlossen gehalten hatte.

Der Schlüssel allein reichte nicht, man musste auch die Zauberformel

kennen: Makbenak. Er sprach sie, die Scharniere

knarrten und was gab es dort nicht alles zu sehen! Und alles

in tadellosem Zustand! Das Beste, was der menschliche Geist

seit Entstehung der Welt hervorgebracht hatte. Die größten

Schätze der Hymnologie. Mit der Zeit wies mich mein Lehrer

in ihre Geheimnisse ein. Nach und nach erschlossen sich

mir die Arkana des göttlichen Klangs.

ENGEL:

Ich habe gehört, dass sich dem Singenden manchmal die

ganze unermessliche Macht der Hymne offenbart, die seinen

Geist erleuchtet und ihn die Geheimnisse des Lebens schauen

lässt. Ich habe auch gehört, dass der Hymne eine Kraft

innewohnt, die, richtig angewandt, die Mauern belagerter

Städte zum Einsturz bringt und die Herzen der Menschen

entflammt. Sie haben vorhin von der Entstehung der Welt

gesprochen, Herr Graf. Ich würde gerne wissen, was sie von

der Legende halten, der Schöpfer habe weiter nichts getan,

als nacheinander sieben Hymnen zu singen. Halten Sie es für

möglich, dass, wie die Hymnologen behaupten, das Universum

allein durch Gesang entstanden sein könnte?

GRAF:

Indem Sie diese alte Überlieferung als Legende bezeichnen,

schmälern Sie eine wichtige Wahrheit und treffen doch

gleichzeitig auch den Kern der Sache. Ganze vier dieser sieben

Legenden befanden sich im Besitz unserer Bibliothek.

Mein Vater hatte sie von einem levantinischen Händler erworben.

Dieser wiederum hatte sie ebenjenem Kloster abgekauft,

in dem Salomon selbst sie einst niedergelegt hatte.

ENGEL:

Genau das wollte ich von Ihnen hören. Nichts anderes habe

ich erwartet.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau

Wydawnictwo Literackie

Cracow 2007

123 × 197 • 334 pages

paperback

ISBN: 978-83-08-04090-4

Translation rights:

Wydawnictwo Literackie

Henryk Waniek Der Fall Hermes

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Eustachy Rylski Die Insel

18

Photo: Świat Książki

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Die Stärke und die Zierde von Rylskis Schaffen liegt bekanntlich

in der Gestaltung der Haupthelden (wenngleich es auch

den Nebenfiguren an nichts mangelt). In allen vier Erzählungen

des Bandes Die Insel finden wir untadelige Beispiele dafür. Wir

begegnen gewöhnlichen wie außergewöhnlichen Gestalten: einem

unglücklichen Buchhalter, einem sterbenden Großschriftsteller

in der Emigration, der entfernt an Gombrowicz erinnert,

einem Provinz-Gänschen, sowie einem Opfer einer Urlaubsromanze,

einem herausragendem, rebellischem Geistlichen und

Playboy, dem – zumindest bis zu einem bestimmten Augenblick

– eine Karriere in Vatikan winkt (in der titelgebenden Erzählung).

Jeder dieser Helden ist ungeachtet seiner sozialen Herkunft

oder seiner geistig-moralischen Qualitäten ein, um den Titel

eines Romans von Rylski zu benutzen, „Mensch im Schatten“,

eine gebrochene Gestalt, düster, aller Illusionen beraubt, ein

definitiver Verlierer. Das soll aber

nicht heißen, daß Rylski bei der Gestaltung

der Personen schematisch

verfährt; so ist es nicht.

Man beachte den sorgfältig durchdachten

Aufbau des Bandes. Alle

vier Erzählungen spielen am Meer: die erste und dritte an der

Ostsee, die zweite und vierte am Mittelmeer (im Süden Frankreichs

und auf der titelgebenden Insel vor der Nordküste Afrikas).

In der ersten und dritten Erzählung ringen die Helden mit

Gebilden ihrer eigenen Einbildung, in der zweiten und vierten

haben wir es mit dem klassischen Verhältnis zu tun, das heißt

mit einem Duell der Antagonisten. Die Helden von zwei Erzählungen

sterben unter hochbedeutsamen, metaphorisch ausgedrückten

Umständen, in den beiden anderen kommt es zu einem

geheimnisvollen Rollentausch.

Rylski verführt einerseits durch deftige Handlungsmotive voller

Überraschungen, mit fein dosierter Spannung und meisterhaft

eingesetzten Täuschungsmanövern, und andererseits arrangiert

er fesselnde Debatten, in denen es hart auf hart geht. Er möchte,

daß wir sowohl seinen Einfallsreichtum beim Erfinden der

Fabel als auch sein – wenn man so sagen darf – dramaturgisches

Talent. Daß in den Erzählungen, die sich auf den Dialog

stützen, die Handlung nicht zu kurz kommt, versteht sich von

selbst. Das jüngste Buch von Eustachy Rylski ist in jeder Hinsicht

gelungen.

Dariusz Nowacki

Eustachy Rylski (geb. 1944), Schriftsteller,

Theater- und Drehbuchautor. Nach langem

Schweigen veröffentlichte er 2004 wieder einen

Roman.

Eustachy Rylski Die Insel

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Eustachy Rylski Die Insel

20

Vom

Leben eingeschüchtert, beschloß die

Friseurpraktikantin aus Wągrowiec, etwas

träge vom Schlaf, von der Süße und

der ersten Jugend, gemeinsam mit ihrer Freundin, übrigens

auf deren Zureden, den Urlaub in einem der modischen

Orte am Meer zu verbringen.

Der Kurort entsprach ihren Vorstellungen von der großen

Welt, und als ein Mann von Welt erwies sich auch Sylwek,

ein gut aussehender Mann von dreißig, der den Duft von

Erfolg, Geld, Selbstsicherheit und Eau de Cologne Paco Rabanne

um sich verbreitete.

Sylwek und sein Kumpel Kapiszon waren Könige des Lebens.

Markenklamotten, gute Zigaretten, teure alkoholische

Getränke, Armbänder an den Handgelenken und das jeweils

passende Dope.

Monika war beeindruckt von den Jungs und der Welt, die

sie vor ihr ausbreiteten, so daß sie sich, irgendwo am Strand

angesprochen, ohne spezielle Absicht, ja sogar ohne Überzeugung,

sehr wahrscheinlich in einem Augenblick der Langeweile

oder des gedankenlosen Übermuts voll Leidenschaft

der Urlaubsromanze hingab.

Sie war allzu begierig aufs Glück, als daß die ostentative

Straflosigkeit, mit der die jungen Männer und ihre Kumpane

das Leben genossen, sie auch nur im geringsten verlockt

hätte. Kneipenschlägereien, bravouröse Pirouetten auf den

Waverunnern, ein riskantes Hasardspiel vor der Eröffnung

des Kasinos, das schon verfaulte, ehe es reif war, nächtliche

Fahrten durch die engen Straßen der erschrockenen Stadt,

schließlich die zotige Vorstadtsprache, die wie eine vergiftete

Quelle durch die dünne Oberfläche vorgetäuschter Korrektheit

drang – das alles hielt das Mädchen nicht davon ab, sich

verzaubern zu lassen.

Im Gegenteil: Je ungestümer dieses Leben verlief – und das

war von Tag zu Tag mehr der Fall –, desto größer wurde Monikas

Appetit darauf. Es ließ sich nicht verhehlen: Das Mädchen

war zu jung, dumm und unempfindlich, um in ihrer

Faszination durch einen Hauch Nachdenklichkeit stören zu

lassen. Umso mehr als sie selbst an Glanz gewann und sich

aus einer grauen Maus in eine verliebte Frau verwandelte, die

sich ihrer Reize bewußt wurde.

An Glanz gewann auch der Kurort, der in den Augen des

Mädchens zu Hollywood, Monaco, San Remo wurde, Orten,

die sie bisher nur aus den Klatschspalten von Illustrierten

kannte.

Als deren Heldin fühlte sie sich ein wenig.

Doch der Urlaub ging zu Ende, ehe er richtig auf Touren

gekommen war, wie es einem mit allen Annehmlichkeiten

ergeht.

Die Verliebten gingen auseinander. Monika fuhr nach

Wągrowiec, Sylwek natürlich nach Warschau.

Sie versprachen einander, sich regelmäßig zu schreiben

und so oft wie möglich zu besuchen. Monika kehrte nicht

mehr an ihre Arbeitsstätte zurück, denn man kehrt nicht aus

dem Paradies in einen provinziellen Friseursalon und von

einem Märchenprinzen zu langweiligen Kundinnen zurück,

die nicht wußten, was Lust ist. Worüber hätte sie auch mit

ihnen sprechen sollen? Und Gespräche waren doch das Wesen

und der Kern ihrer Arbeit.

Sie hatte vor, sich nach etwas Passenderem umzusehen.

Derweil verflog ihr die Zeit mit Träumen und Briefen. Von

Chips und Coca-Cola wurde sie mächtig dick, und vom

Zanken mit den Eltern nahm sie Schaden.

Bisher nach außen hin unsicher, vorsichtig und zurückgezogen,

kompensierte sie dies durch ein größeres Maß

häuslicher Unabhängigkeit, als es dem Status eines unselbständigen

Kindes entsprach. Jetzt vertieften sich die Abhängigkeiten,

schon aus Mangel an Arbeit, doch die Autonomie,

die sich sich willkürlich zuerkannt hatte, entartete durch ihre

Dreistigkeit.

Damit verletzte sie die Eltern, ohne Rücksicht auf die Umstände.

Die Eltern, bisher stets offen und von nicht nachlassender

Geduld, verschlossen sich in einem Schweigen, das Monika

bald aus Langeweile, bald aus einer sich selbst steigernden

Wut brutal brach. Nicht ohne Erfolg, wenn Roheit auf die

Wehrlosigkeit einfacher, fleißiger, verantwortungsbewußter

Leute trifft, die, über die Zeiten verwundert und von ihnen

unabhängig, zu Gefühlen bereit sind.

Was nun die Korrespondenz betraf, so war sie ganz einseitig.

Auf ihre immer ungeduldiger werdenden Briefe erhielt

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Monika keine Antwort.

An manchen Tagen dachte sie an Selbstmord, an anderen

heiterten die Urlaubserinnerungen ihre Seele auf, aber das

eine wie das andere ergoß sich durch denselben Bach fieberhafter

Euphorie, so als führten Gedanken an den Tod wie

solche an das Leben zu demselben Ziel.

Hin und wieder – meistens am Telefon – sprach sie über

ihren Zustand mit ihrer Freundin Ewa, die in ihren Hoffnungen

mehr Mäßigung bewies, nicht ihre Arbeit aufgab,

ihre Urlaubsromanze mit Kapiszon gegen ein intimes Verhältnis

mit einem wohlhabenden verheirateten Mann vertauschte

und es sich gut gehen ließ.

Zwei Monate gingen dahin. Die Tage wurden grau und

kurz. Schlimmere Gedanken häuften sich, bessere wurden

rar. Die Freundin redete Monika zu, etwas zu unternehmen.

Sie sollte der Ungewißheit ein Ende machen. Sie schadet

dem Leben. Entweder kann sie sich sagen, es ist aus und

vorbei, oder sie soll, wenn sie das nicht kann, Konsequenzen

daraus ziehen.

Auf Monikas Frage hin, worin diese Konsequenzen bestehen

sollten, wurde Ewa von sich aus aktiv. Mit einiger Mühe

machte sie den Freund von Sylwek ausfindig, und nachdem

sie Monika ein bißchen im ungewissen gelassen hatte, teilte

sie ihr die Adresse ihres schon vergessenen sommerlichen

Liebhabers mit.

Es fiel Monika nicht leicht, aber nach Allerseelen machte

sie sich zurecht, hob die Ersparnisse vom Konto der Eltern

ab, stieg in den Zug und fuhr nach Warschau.

Kapiszon traf sich mit ihr in einem Klub, der an ein Rattenloch

erinnerte und im übrigen auch nicht viel größer war,

erfüllt von den Spasmen psychedelischer Musik.

Dort hing ein Haufen schrecklicher junger Leute herum,

die in einer schrecklichen Sprache über schreckliche Dinge

sprachen, aber am allerschrecklichsten fand Monika Kapiszon

mit seiner unverhohlenen Hoffnung, sie zu ficken, irgendwo,

an der Bar, in der Toilette, im Auto, auf der Straße.

Er hielt sie hin, beschwindelte sie, machte sich über sie

lustig, bestellte immer wieder ein neues Bier, antwortete

nicht auf ihre Fragen oder teilte ihr ungebeten etwas mit,

aber nach zwei Stunden dieser Quälerei, die Monika wie eine

Ewigkeit vorkamen, ließ er nach, wurde weich, setzte aus,

diktierte ihr eine Adresse und verschwand.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese

Świat Książki

Warsaw 2007

130 × 210 • 240 pages

hardcover

ISBN: 978-83-247-0558-0

Translation rights:

Bertelsmann Media

Eustachy Rylski Die Insel

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Andrzej Bobkowski Dämmerung

22

Photo: Institut Littéraire

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Andrzej Bobkowski nimmt als Schüler von Joseph Conrad

in der polnischen Literatur eine Sonderstellung ein. Józef Czapski

schrieb in der „Kultura“ nach dem verfrühten Tod des Autors

von Wehmut? Wonach zum Teufel?: „Dieser Sohn Conrads könnte

sich als unentbehrlicher Begleiter für so manchen Polen erweisen,

der von Abenteuern träumt, von einem Leben ohne Zensur

und ohne Verrenkungen auf Geheiß einer morschen Ideologie,

von einem Leben nach eigener Wahl, selbstverantwortlich und

erfüllt“.

So kam es auch, und man kann höchstens bedauern, daß die

Entdeckung Bobkowskis durch die jungen Polen so spät erfolgte

(an der Wende der achtziger und neunziger Jahre des vorigen

Jahrhunderts) und daß eigentlich nur eine Generation daran

teilhatte. Die soeben erschienene Ausgabe gesammelter Prosa

mit dem Titel Dämmerung könnte eine gute Einführung in das

literarische Werk Bobkowskis darstellen, dessen wichtigste

Errungenschaft natürlich Wehmut? Wonach, zum Teufel? bleibt.

In Dämmerung finden wir jedoch

Erzählungen, die direkt mit diesem

Werk korrespondieren: ein kollektives

Porträt der Bewohner eines

Pariser Wohnhauses, das die französischen

nationalen Veränderungen

in den Kriegsjahren zeigt, und natürlich eine Radtour durch

Südfrankreich gleich nach dem Krieg.

Ein besonderer Leckerbissen für Literaturfreunde ist auch das

Gespräch Boris Pasternaks mit einem KGB-Beamten, der ihn

zwingt, den Nobelpreis abzulehnen. Über einen solchen Pakt

mit dem Teufel erzählt Bobkowski auch an anderer Stelle, wenn

er sich direkt an die Schriftsteller von jenseits des Eisernen Vorhanges

wendet: „Ihr habt in Ruhe gelebt, ihr hattet ein Heim,

einen gut gefüllten Kühlschrank, einen Garten; ihr hattet euer

eigenes Klima und eure Landschaft, euren Boden, eure Bäume

und euren Himmel und gleichzeitig euren eigenen Kontinent im

Inneren, in den ihr emigrieren konntet, wenn euch danach war.“

In diesem Band finden wir auch ein Fragment des Romans Die

Dämmerung, der darin, mehr noch als sonst, seinen ganzen Individualismus,

seine schöpferische Andersartigkeit und Ausnahmestellung

unter Beweis stellte.

Krzysztof Masłoń

Andrzej Bobkowski (1917-1961), Autor

von Wehmut? Wonach zum Teufel?, das als „Hymne

an die Freiheit und das Individuum“ gilt.

Andrzej Bobkowski Dämmerung

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Andrzej Bobkowski Dämmerung

24

Man

gelangt von einem großen Hof über eine

Seitentreppe hierher. Dort, geradeaus, sind

diese breiten Steine mit dem himmelblauen

Teppich, der wie eine Kaskade vom fünften Stock herabfällt.

Unsere Treppe ist ein hölzerner sechsstöckiger Korkenzieher.

Jene führt zu den großen, soliden Wohnungen richtiger Mieter.

Unsere windet sich steil empor, bis unters Dach, wo sie

zum Labyrinth der Korridore und Kammern „derjenigen von

oben“ führt, wie die Concierge sich abfällig ausdrückt.

Jacques, ein lebhafter Mitarbeiter der Metro, sagte ihr einmal,

wenn er von oben hinunterspucke, überflute das ihre

Schwelle. Das kann sie ihm nicht verzeihen. Und wenn sie

am Morgen den mit Kacheln ausgelegten Hof abspritzt, fragt

M. de Saint-Esprit, ein Staatsbeamter, stets mit freundlichem

Lächeln: Ca pousse bien? Das polnische Zimmermädchen

des Grafen de Farges ist zu vornehm, um sich mit der Hausmeisterin

zu unterhalten; das schickt sich für Magda nicht,

die sie Mademoissele Madeleine nennen. Nicht zu reden davon,

daß Magda die Comtesse de Farge, wenn diese verreist,

in allem vertritt und mit M. le Comte angeblich nicht nur

am selben Tisch ißt... Das weiße Hündchen mit verschiedenfarbigen

Flecken von M. Guillou, von Beruf Färber von

Heidekraut, Immortellen und anderen ewigen Blumen für

haltbare Kränze und Kaminsimse, macht vor das Tor immer

das, was es auf der Straße machen sollte. Die Concierge verdächtigt

die beiden einer Verschwörung, doch M. Guillou

lächelt bloß und sagt gedehnt unter seinem bretonischen

Schnurrbart: Quelle méchante bête. Wenn er das sagt, denkt

er gewiß nicht an seinen „Friquet“. Mit Eliane, einem Modell

vom Modehaus „Ardanse“, sind die Beziehungen seit Jahren

abgebrochen; Eliane unternahm einen Staatsstreich: sie holt

keine Briefe mehr ab. Um der Zensur ihrer Korrespondenz

zu entgehen, der man entnehmen könnte, daß das Vorführen

von Kleidern bei Modeschauen bei „Ardanse“ nicht die

einzige Quelle ihrer Einkünfte darstellt, holt sie ihre Briefe

poste-restante ab. Daher kann man oft hören, wie die wachsame

Madame la concierge im Bistro an der Ecke quäkt: „Sie

ist heute nachmittag nach Hause gekommen, ohne daß sie

am Morgen weggegangen wäre“, oder: „Solche erheben sich

vom Bett, wenn sie sich ausruhen wollen.“ Es ist ein ewiger

Krieg. Doch die Angriffe begegnen bloß Elianes Lächeln,

unserem Lächeln von oben.

Dort oben gibt es kein Gas, keine Elektrizität. Es gibt

den Wind, die Sonne, den Mond und die Sterne. Der Blick

schweift über das endlose Meer der Dächer. Wenn schönes

Wetter herrscht, sind sie blau und ruhig; wenn Wolken aufziehen

und der Wind mit gewaltigen Schlägen auf sie einzuhämmern

beginnt, werden sie grau und kalt. Der Regen

runzelt ihre glatte Oberfläche, und der Sturm treibt von

ihren Kämmen, wie von Wellenkämmen, Wasserwolken,

um sie mit Krachen gegen die verglasten Luken über uns

zu schleudern. Das Spinnennetz des fernen Eiffelturms reißt

in Stücke, Sacre-Cœur, weiß wie ein Zuckerhut, verschwindet

im Nebel. Der Wind rüttelt an den Türen, tappt durch

die Korridore; die reglosen, schwarzen Abdeckbleche der

Schornsteine recken ihm in ruckartigen Drehungen ihre eiserne

Brüste entgegen. Wenn dann wieder die Sonne scheint,

wenn die blauen Flecken des Himmels sich in den glänzenden

Flächen spiegeln, entsteht eine tiefe, gute Stille.

Auch das Frühjahr kommt hierher oben rascher. Ehe noch

die Schaufenster von Vilmorin auf dem Quai de Mégisserie

in farbigen Samensäckchen erblühen und das „Samaritaine“

sich in ein riesiges Arsenal von Gießkannen, Rechen und Käfigen

mit Geflügel verwandelt; ehe auf dem Pont au Change

zweimal die Woche Baumschulen ausschlagen und auf den

Gehsteigen eine grüne Bürste von Gemüse- und Blumensetzlingen

aufgeht, spüren wir schon sein Nahen. Von Tag

zu Tag krümmt sich der Bogen der Sonne stärker, eine verschlafene

Fliege rutscht in ersten Ausflügen über die Scheibe.

Das Tschilpen der Spatzen klingt anders, wenn sie in den

Dachrinnen baden, im Wasser geschmolzenen Raureifs.

Hier vergingen helle Tage und ruhige Nächte; hier vergingen

Winter und kurze Frühlinge. Die Sommersonne walzte

das Blech der Dächer heiß und kühlte es im Herbst wieder

ab. Die Neonlichter vom Montmartre, von den Boulevards

und vom Montparnasse färbten die Dächer lange Zeit rosa.

Jahr für Jahr zerstoben einundzwanzig Salven künstlichen

Feuers über ihnen, in Vierzehnter-Juli-Buketts, von jenem

Krieg. Dann brach neuerlich Finsternis herein, erleuchtet

von den Fackeln von Bränden, von fernen Explosionen, vom

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Sternenhagel von Leuchtspurgeschoßen. Das einst gutmütige

Lächeln von oben wurde bösartig und konspirativ.

An den langen Abenden las M. Guillou das Evangelium auf

Lateinisch noch lauter, wobei er die unverständlichen Worte

schlecht aussprach. Bei den Prozessionen seiner Kongregation

bewunderten seine Glaubensgenossen sein Latein noch

mehr als die schöne Fahne, auf die er immer so stolz war.

Er lief nun in irgendwelche geheimnisvolle Versammlungen

und beriet sich lange mit Jacques. M. de Saint-Esprit wurde

wortkarg und ging oft mit einer Aktentasche, vollgestopft

mit allerlei Papieren, zur Arbeit. Bei Jacques versammelten

sich junge Leute in Windjacken, die mit schweren Stiefeln

über die Treppe polterten. Eliane las die uferlosen Werke

Vom Winde verweht und Der große Regen, und wenn die Sirenen

zu heulen begannen, lief sie mit Magda nach unten.

Im tiefen Hof der Metrostation „Pigalle“ ging es oft fröhlich

zu. Manchmal sah man dort spät abends die schlanke

Silhouette eines großgewachsenen Jünglings in brandneuer,

schlecht sitzender Kleidung über die große Treppe huschen.

Magda sagte, sie habe einmal gehört, wie sich jemand mit einem

von ihnen englisch unterhielt. Wir lächelten und Jacques

sagte: „Dort unten gibt es auch anständige Leute.“ Die

Sprache war die gleiche, der gleiche der Sinn der verbotenen

Worte.

Und dann wurde das Lächeln wieder gutmütig wie zuvor,

als nach einigen Tagen des Schießens eines Augustabends

die Motoren von GMCs durch alle Straßen heulten. M. de

Saint-Esprit sah verächtlich auf seine Plantage paketierten

Tabaks auf dem Balkon und rauchte, über die Trikolore gebeugt,

eine „Lucky“, Eliane und Magda kauten Kaugummi,

so wie Hunderttausende langer, grüner Burschen mit schweren

Helmen, und sagten „ok“. Jacques erzählte mit dem

Pathos eines Cyrano von seinen Kämpfen im Viertel Batignolles,

und M. Guillou färbte konzentriert viele Blumen

für viele Kränze. Ein gutes Lächeln aber hatten alle, sogar

die Concierge.

Aus dem Polnischen von Martin Pollack

Biblioteka Więzi

Warsaw 2007

125 × 199 • 111 pages

paperback

ISBN: 978-83-603-5630-2

Translation rights:

Institut Littéraire Kultura

Andrzej Bobkowski Dämmerung

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Jerzy Pilch Der Zug ins ewige Leben

26

Photo: Olga Majrowska

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Seit dem Jahr 1994 publiziert Jerzy Pilch in etwa zweijährigen

Abständen in Buchform seine ausgewählten Kolumnen und

Feuilletons, die ursprünglich in Tageszeitungen und Magazinen

erschienen waren. Der neueste Band Der Zug ins ewige Leben

versammelt Texte, die in den Jahren 2002 bis 2006 erschienen

sind. In der Verlagsinformation wurde angemerkt, dass der

Autor absichtlich die Kolumnen über Fußball und Literatur ausgelassen

hatte – zwei Phänomene, die für ihn von besonderer

Wichtigkeit sind. Diese Texte sollen in einem extra Band publiziert

werden.

Im Zug ins ewige Leben kann man zwei dominierende Themen

ausmachen. Das erste sind, sehr weit verstandene, gesellschaftliche

Angelegenheiten; in diesen Texten geht es um die

gegenwärtige polnische Politik und vor allem um die Parteienlandschaft

– hier zeigt sich Pilch als

ironischer Betrachter und bissiger

Kommentator. Diese Art seiner feuilletonistischen

Leidenschaft könnte

man unelegant als ein schamloses

Ausweiden der Fauxpas, Fehltritte und schlichter Dummheiten

der politischen Klasse bezeichnen.

Der zweite — und wohl wichtigere — dominierende Gegenstand

sind im gewissen Sinne private Angelegenheiten, meist in

einem erinnernd-nostalgischen Duktus wiedergegeben.

Hier spricht Pilch am meisten über sein Befinden, über seine

Lektüre, über kulturelle Ereignisse, die ihn beeindruckt hatten,

über Begegnungen mit faszinierenden Menschen, die wichtig für

ihn waren, über Dinge, die ihn als Privatmenschen bewegen.

Jerzy Pilch gilt als ein unerreichter Meister der gegenwärtigen

polnischen Feuilletonistik, ein scharfsinniger Autor, der mit

feinem, raffinierten Witz von den Begebenheiten unserer Zeit

berichtet. Die Texte, die im Band Der Zug ins ewige Leben versammelt

sind, beweisen wieder einmal, dass dieser Autor den

Meistertitel uneingeschränkt verdient.

Dariusz Nowacki

Jerzy Pilch (geb. 1952), Prosaiker und

Publizist, Träger des Literaturpreises Nike (2001);

veröffentlichte mehrere Bände mit erzählender

und diskursiver Prosa.

Jerzy Pilch Der Zug ins ewige Leben

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Jerzy Pilch Der Zug ins ewige Leben

28

Ein

weiteres Anzeichen des sich im polnischen Lande

verbreitenden Gesundheits-Faschismus ist

– das sich mit riesigen Schritten nähernde und

mit Triumph in den Medien angekündigte – völlige Rauchverbot

in den InterCity-Zügen. Aus den diesbezüglichen

Fahrgast-Umfragen der polnischen Bahn PKP geht hervor,

dass sich achtzig Prozent der Reisegäste für ein solches Verbot

aussprechen.

Für die Raucher ist es eine enorme Ehre, dass sie in dieser

erbärmlichen Epoche des gesunden, und folglich ewigen

Lebens, eine zwanzigprozentige Unterstützung erhalten haben.

Nichtdestotrotz hat die gesunde Mehrheit einen niederschmetternden

Vorsprung über der kranken Minderheit

gewonnen. Die Nikotinsucht ist, wie allgemein bekannt,

eine Krankheit, jedoch eine zweideutige, eine selbstverschuldete,

eine exzentrische Krankheit; eine zwar im traditionellen

Sinne des Wortes nicht ansteckende, und dennoch im

wesentlichen Sinne viel schlimmere Krankheit! Der Qualm

und der Gestank, die vom Raucher in die Umgebung entweichen,

vergiften höchst effektiv alle in seiner Nähe. Mit

einem Wort: es ist keine Krankheit, derer Opfer irgendeine

Chance hätten, die Vorteile beziehungsweise den Status von

Behinderten zu genießen. Im Gegenteil: der natürliche Raum

des Rauchers wird überall immer mehr begrenzt, und in der

Folge zerstört. Raucherzimmer nach alter Tradition wurden

schon vor langer Zeit dem Erdboden gleich gemacht; und

auch das, was es noch gibt, diese demütigenden „Raucherecken“,

auch diese Orte, irgendwo in der Nähe der Aborte

angesiedelt, verschwinden nach und nach.

Wenn aus den InterCitys die Raucherabteile verschwunden

sind, wird bei uns endlich die gelobte Gesundheits-

Gleichschaltung Einzug halten. Ich werde mich in den Zug,

von, sagen wir mal, Warschau nach Breslau setzen, und über

fünf Stunden lang werde ich nicht qualmen, werde meinen

mitfahrenden Nächsten nicht dem passiven Rauchen aussetzen

– diesen gut gebauten netten Mann neben mir, der

sich während der langen Reise mit gesundem Schmalzbrot

und einem nach kräftigender ländlicher Wurst riechenden

Brötchen stärken wird, der den Boden mit Schalen seiner

hart gekochten Eier vollsauen wird, der mit der Glasur seiner

Berliner Pfannkuchen die Sitzbezüge voll schmieren wird.

Ich werde angesichts all dessen still und ruhig sitzen und mir

sagen: Es ist ja nichts, passives Essen schadet doch niemandem,

bisher haben ja die amerikanischen Wissenschaftler

nichts darüber gesagt, und der psychische Druck, der zählt

ja nicht, es ist alles gut, alles in Ordnung.

Vielleicht werde ich aus Sehnsucht nach einer Kippe die

Nase hochziehen, und mein nichtrauchender, vor Gesundheit

strotzender, vor Empathie geradezu explodierender Mitreisender

wird mir eine Knoblauchzehe anbieten, „Das ist

doch das Beste gegen Schnupfen!“, wird er freundlich sagen,

und wenn ich ablehne, wird er sich, „rein vorbeugend“, zwei

davon genehmigen.

Nachdem er dann seine Stärkung mit lebensspendender

Fanta hinunter gespült, herzlich gerülpst, sich in den Zähnen

gepolkt hat, wird er sich zur Ruhe betten wollen; er wird

seine Schuhe ausziehen und seine Beine zur Entspannungszwecken

auf den gegenüber liegenden Sitz legen – und dann

könnte es geschehen (ich will niemandem etwas vormachen),

dass ich einen Nervenzusammenbruch bekomme. Ich

werde abwarten, bis er die Augen geschlossen hat, und mich

dann verstohlen davon schleichen, in den Toilettenraum,

und dort werde ich mein Zigarettenpäckchen hervorholen

und mir eine anstecken – im vollkommenen Bewusstsein der

Tatsache, dass ich ein Gesetz breche. Ich werde mit voller

Verzweiflung qualmen, als wenn es um mein Leben ginge.

Ich mache mir dabei keine Illusionen: kaum, dass der blaue

Dunst aus meiner Zigarette seine feinen Nüstern reizen

wird, wird mein vom Krebs bedrohter Abteilnachbar erwachen,

den Zugführer rufen, und dann werden sie kommen.

Sie werden kommen und an die Klotür trommeln und mich

da heraus schleifen. Und meine Tabakorgie wird mich fünf

Hundert Złoty kosten.

Nein, es ist kein billiges groteskes Bild, das ich hier vor

euch entstehen lasse – jeder von euch hat schon eine solche

Reise hinter sich, alle seid ihr schon quer durch Polen gefahren

mit einem Monster im Abteil. Wenn es kein monströser

Fresssack war, dann ein niedliches Kindchen mit drei Stück

Magnum-Eis und einer riesigen Tüte Chips in der Hand,

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wenn es kein Psycho war, der Schweine totquatschen konnte,

dann eine nach überaus sinnlichem „Masumi“-Wässerchen

duftende Schönheit, die mit ihrem Stil und der Wahl der

Kosmetik in den Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts

hängen geblieben war.

Die Raucher-Abteile, vor allem die in der Ersten Klasse,

waren keine verkommenen Ghettos. Nein, es waren Paradiese,

Oasen der Ruhe und der Freiheit! Und wie oft hatten

die Nichtraucher, um anderen Gefahren zu entkommen, an

diesen angeblich verseuchten Orten um Asyl gebeten? Wie

oft hatten wir, Raucher, die Panik (Todesangst gar!) in den

Augen eines nach stundenlanger Qual vollkommen erschöpften

Mitreisenden gesehen und hatten ihn zu uns geholt, uns

seiner angenommen – und verzichteten, solange er brauchte,

um zu sich zu kommen, auf das Rauchen? Und dann reisten

wir in Harmonie und Frieden weiter.

Vor über zehn Jahren hielt ich mich im Herzen eines amerikanischen

Staates auf, der aus einem einzigen riesigen Maisfeld

bestand. Mitten in dem Maisfeld gab es einen mehrere

Hektar großen Park, in den ich mich öfters des Abends begab,

um, auf einer Bank sitzend, in Ruhe eine zu rauchen;

aus dem am Horizont sichtbaren Wald tauchten Jogger auf,

blieben bei meinem Anblick wie angewurzelt stehen, dann

änderten sie ihre Route, um kilometerweit an mir vorbei zu

laufen, um mir bloß nicht zu nahe zu kommen; ich konnte

sie gar nicht mehr sehen, da hörte ich noch ihre panischen

Rufe: „Smoke! Smoke! Smoke!“ Ich will nicht verraten, welche

englische Formulierung sich mir als Antwort aufdrängte.

Doch ich wusste Eines: ich vermisste mein Vaterland. Heutzutage

allerdings ist es hier auch nicht besser; und man kann

sein Vaterland zu Raucherzwecken nicht verlassen, es wäre

sinnlos, da der Gesundheits-Faschismus mittlerweile in der

ganzen Welt verbreitet ist.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz

Świat Książki

Warsaw 2007

124 × 200 • 320 pages

paperback

ISBN: 978-83-247-0720-1

Translation rights:

Bertelsmann Media

Jerzy Pilch Der Zug ins ewige Leben

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Janusz Rudnicki Kommt, wir gehen

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Photo: Krystof Kriz

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Der Protagonist von Janusz Rudnickis neuer Prosa kehrt aus

Deutschland in seine Vaterstadt Koźle zurück, weiß nicht wirklich,

was er mit sich anfangen soll, schmiert sich aus Langeweile

das Gesicht mit schwarzer Schuhcreme ein, die Briefträgerin

veranlasst ihn, ins Treppenhaus hinauszugehen, die Wohnungstür

schlägt hinter ihm zu, eine Gasexplosion zerstört seinen

Wohnblock, im übrigen steht es in ganz Polen nicht zum besten,

denn immer wieder explodiert an den verschiedensten Orten

Gas; der Held zieht mit anderen, die ebenfalls ihr Dach über

dem Kopf verloren haben, durch Polen und Deutschland, erlebt

die wunderlichsten Abenteuer… Rudnicki erfand eine Geschichte,

die aus einer langen Reihe grotesker und absurder

Situationen besteht, die mal lustig, mal furchterregend sind. Im

Grunde handelt das Buch jedoch von zutiefst ernsthaften Dingen.

Ein weiteres Mal greift der Autor

von „Meine Wehrmacht“ das Problem

der – ich gebrauche hier eine

Bezeichnung Zbigniew Kruszyńskis

– „verschobenen Menschen“, die ihr Land auf der Suche nach

ihrem Ort auf Erden verließen und immer noch – wie Rudnicki

behauptet – „im Spagat leben“, die ihrer Wurzeln und Gewissheiten

verlustig gegangen sich mit einer ins Wanken geratenen

Identität herumschlagen. „Kommt, wir gehen“ ist auch eine Erzählung

über polnisch-deutsche Traumata, die Geschichte, die

der Gegenwart immer noch ihren Stempel aufdrückt, Henker,

die zu Opfern werden, Opfer, die zu Henkern werden. Rudnicki

verfasste eine traurig-lustige, mitreißende und zudem stilistisch

virtuose Prosa. Was gäbe es hier zu leugnen, kaum jemand vermag

den Satzbau so kunstvoll zu verdrehen wie der Autor von

„Kommt, wir gehen“.

Robert Ostaszewski

Janusz Rudnicki (geb. 1956) Prosaschriftsteller

und politischer Emigrant. Lebt in Hamburg.

Janusz Rudnicki Kommt, wir gehen

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Janusz Rudnicki Kommt, wir gehen

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Einkaufen

gehen – oder nicht?

Und wenn mich jemand

erkennt? Aber

wer? Wer sollte mich schon erkennen? Ich bin gerademal zurück

und hab die Fenster ausgepackt, damit mir das Gesindel

aus dem Nachbarblock nicht durch die Koffer glotzt, in

die Gardinen. Und außerdem bin ich allein – wie jetzt meine

weißen Zähne im Spiegel, die plötzlich zum ersten Mal den

Kontext des Gesichts verloren haben, meines Gesichts.

Deshalb wundere ich mich beim Türklingeln, zum Teufel.

Ich öffne die Tür. Die Briefträgerin. Gebückt sucht sie etwas

in der Tasche, mit dem Mund hält sie eine Blume fest.

Und sagt schnaufend durch die Blume:

„der Scheißaufzug ist schon wieder kaputt, gude!“

„Gude“

antworte ich, und sie steht plötzlich wie gebannt still, ihre

Augen auch. Und die Blume plumpst runter, weil sich ihre

Ober- und Unterlippe immer weiter voneinander entfernen.

Was denn? Ich betrachte ihre Zähne voller Plomben und

Drähte, denke erst an Türen, dann an Stacheldrahtsperren,

dann an Güterwaggons, in denen ich gleich auf die bewusste

Rampe gebracht werde, mit anderen Worten, ich gebe mich

meinen Assoziationen hin wie ein willenloser Lump, und so

kriege ich die Zeit irgendwie rum. Ich langweile mich nicht,

wenigstens das nicht. Bis sie schließlich sagt:

„Sind das Sie?!“

Sie fragt, weil wir uns gestern schon gesehen haben, im

Treppenhaus, ich habe mich vorgestellt, weil ich zurückgekommen

bin und alleine lebe, meine Dame, ein einsames

weißes Segel auf dreißig Quadratmeter Fläche. Ich sage,

„Das bin ich, erkennen Sie mich denn nicht? Das weiße Segel...“

Darauf sie:

„Das nenne ich weiß“,

und ich erinnere mich gleich an das, was ich vergessen hatte.

„Ach, Sie meinen mein Gesicht? Das kommt vom Gas im

Bad, ich wollte mir eine Zigarette am Boiler anstecken, und

meine Frau hat gleichzeitig in der Küche das warme Wasser

aufgedreht.“

Darauf sie:

„Sie sind verheiratet?“,

und wie erstaunt sie war!

Darauf ich:

„Nein“,

und erstaune über meine Worte noch mehr. Was für eine

meine Frau?

„Nein, nein“,

sage ich wieder und wieder.

„das ist natürlich ein Witz, ich habe das Wasser in der Küche

selbst aufgedreht und mir in der Zeit im Bad am Boiler

eine Zigarette angesteckt...“

Die Sätze in die eine Richtung, ich in die andere. Kehlkopfverschluss,

ein Stau, ein Wall. Ihre Augen starren mich

staunend an und meine sie, weil ich mich genauso über mich

wundere wie sie. Und so stehen wir da. Die Türschwelle trennt

uns. Und die Blume, die heruntergefallen ist.

Bis sie plötzlich das Gewicht von einem Bein auf das andere

verlagert. Sie muss schließlich ganz schön laufen, sie tun ihr

weh. Die Bewegung der Beine versetzt auch den übrigen Teil

des Körpers in Bewegung, sie kommt wieder zu sich und sagt,

„es riecht hier auch irgendwie nach Gas. Ich habe ein Paket

für Ihren Nachbarn, aber er ist nicht zu Hause, könnten Sie

als Nachbar das Paket Ihres Nachbarn annehmen, für Ihren

Nachbarn?“

„Könnte ich. Könnte ich gern. Ich nehme es an.“

Ich soll unterschreiben, dass ich es angenommen habe,

aber:

„Wo? Worauf?“

Darauf sie:

„Vielleicht an der Wand?“

Ich versuche es einmal, zweimal an der Wand, der Kugelschreiber

will nicht.

„Die Minenflüssigkeit läuft so weg. Sie müssen es senkrecht

machen, schreiben, wissen Sie? Nicht waagrecht.“

Ich komme ins Grübeln. Eine märchenhafte Einteilung

des Schreibens. Ich komme so tief ins Grübeln, dass mir die

Briefträgerin vor den Augen herumfuchteln muss, um mich

wieder an die Oberfläche zurückzubringen.

„Hallo! Guten Tag! Hier bin ich.“

„Senkrecht, sagen Sie?“

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„Klar.“

„Dann kommen Sie vielleicht kurz rein, denn hier gibt es

nichts, wo ich den Kugelschreiber senkrecht halten kann.“

„Nein, nein, ich finde hier gleich...“

Sie sieht sich um, ich sehe mich um, bis sie schließlich sagt

„Unterschreiben Sie schnell, ich bücke mich“,

sagt sie und bückt sich schon, worauf ich sage

„Lieber bücke ich mich, dann bereite ich Ihnen keine

Mühe.“

Ihre Augen werden schon wieder groß.

„Soll ich das Paket annehmen oder Sie? Wollen Sie auf Ihrem

eigenen Rücken unterschreiben?“,

sagt sie langsam zu mir, unsicher und starrt mich so an, dass

ich mich fühle, als stünde ein anderer vor ihr. Und nicht ich.

„Na, dann bücken eben Sie sich“,

sage ich, also bückt sie sich, irgendwie mit dem Rücken zu

mir, und der Nachbar zu meiner Linken – als wir uns vorher

begrüßt haben, hatte er mir erzählt, er erinnere sich noch an

mich, wie ich in den Sandkasten pinkelte – dieser Nachbar

verließ also dann auch seine Wohnung, ich machte dann eine

so wollüstige Miene, als würde ich bis zum Hals in dieser

Briefträgerin stecken, hic et nunc, daraufhin verwandelte sich

der Nachbar in ein Fragezeichen, woraufhin die Briefträgerin

mir den Kopf zudrehte, dann fauchte sie wild, als sie mich so

wollüstig sah, war beleidigt, worauf sie sich aufrichtete, aber

von der Stelle weg! Und dem Nachbarn fiel die Einkaufstasche

aus der Hand, und aus der Tasche fielen Pfandflaschen,

direkt auf den Boden, und zerbrachen. Und der Nachbar bekam

keine Luft mehr, bis er endlich welche bekam, und fragt:

„Wer sind Sie?“

Dann erinnere ich mich wieder an das, was ich vergessen

habe, dass ich mir das Gesicht mit Schuhcreme vollgeschmiert

habe, den Hals auch, und die Ohren, und ich sage:

„Ach, Sie meinen mein Gesicht?“

Ich sage:

„Das kommt vom Gas im Bad, ich wollte mir am Boiler

eine Zigarette anstecken, und meine Frau hat in der Zeit das

warme Wasser in der Küche aufgedreht.

Darauf er:

„Sie sind verheiratet?“,

und wie erstaunt er war!

„Nein, nein, das ist natürlich ein Witz, ich habe das Wasser

in der Küche selbst aufgedreht...“

Daraufhin die Briefträgerin, dass sie genug hat, sie jetzt

geht und dem Nachbarn eine Benachrichtigung wegen des

Pakets an der Tür hinterlässt, und sie ging, und der Nachbar?

Nichts, er steht nur mit vor Staunen offenem Mund da, und

Plomben hypnotisieren mich doch, also trägt es mich wieder

weg zu den Waggons... Ach, was für eine Unordnung, hier!

Das Glas liegt da, er steht da, ich stehe da, vielleicht gehe ich

einen Besen holen?

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

W.A.B.

Warsaw 2007

123 × 195 • 192 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7414-332-5

Translation rights: W.A.B.

Janusz Rudnicki Kommt, wir gehen

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Agata Tuszyńska Vorübungen zum Verlust

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Photo: Agnieszka Herman

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Diese Geschichte hat wirklich stattgefunden: das Buch von Agata

Tuszyńska ist ein tief bewegendes Dokument von Krankheit

und Tod ihres Mannes. Texte wie diese schreibt man widerstrebend:

Soll man schon jetzt, frisch, vor der literarischen Öffentlichkeit

etwas enthüllen, das ein hochgradig intimes Erlebnis ist,

das für keinen Außenstehenden in seinem Schrecken zugänglich

ist? Die Antwort auf diese Frage gibt die Autorin selbst wie ihre

Vorgänger und sie klingt scheinbar banal: Schreib darüber, denn

du bist Schrifstellerin! Daraus spricht die Überzeugung, dass

der Schriftsteller jemand sei, dessen Pflicht es gerade dies ist:

Das Enthüllen und in Worte Kleiden von Extrem- und Grenzerfahrungen.

Die Beschreibung der tödlichen Krankheit von Henryk Dasko, ist

also ein Buch das für diejenigen geschrieben worden ist, die an

solchem Geschehen teilnehmen werden – sowohl in der Rolle

der Kranken, so wie in der Rolle

derjenigen, die den Sterbenden am

nächsten sind. Es ist ein Reiseführer

durch die Hölle, und zugleich eine

Aufforderung, nicht die Waffen zu

strecken und nicht aufzugeben, um jede weitere Lebenswoche

oder jeden Lebensmonat zu kämpfen. Man kann fragen, ob das

Sinn hat, wenn doch der Kampf aussichtslos ist und das Durchhalten

in der Krankheit mit Leiden und Erniedrigung verbunden

ist. Auf diese Frage gibt die Autorin keine eindeutige, weil persönliche

Antwort. Es geht hier nicht um die einfache Verlängerung

des Lebens um weitere Tage, sondern darum anzustreben,

dass das Leben in einer möglichst vollen und sinnvollen Form

abschliesst). Nach einem Abschluss verlangt auch die Geschichte

der Liebe, die erst dann erfüllt ist, wenn sie die höchste Prüfung

besteht, wenn sie extreme Aufopferung verlangt.

Und noch eins. Henryk Dasko war polnischer Jude, der nach

der antisemitischen Kampagne vom März 1968 aus Polen verbannt

wurde. Diese Verbannung empfand er — neben der tödlichen

Krankheit als die größte Tragödie seines Lebens. An allen

Stationen seines Leidens können wir beobachten, wie unerhört

nah ihm die polnische Literatur und Kultur war. Das Buch ist also

ein nicht aufdringlicher, aber außerordentlich starker Akt der

Anklage gegen diejenigen, die den letzten großen Exodus der

Juden aus Polen verursacht haben.

Jerzy Jarzębski

Agata Tuszyńska (geb. 1957), Dichterin,

Prosaikerin, Reporterin, Literatur- und Theaterhistorikerin.

Ins Französische und Englische

übersetzt.

Agata Tuszyńska Vorübungen zum Verlust

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Agata Tuszyńska Vorübungen zum Verlust

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Die

Welt der Krankheit, das Imperium der

Krankheit. So sollte ich sie beschreiben. Ein

Planet. Die Krankheit als unbekanntes Land.

Ein Ort zwischendurch. Immer sind wir gesund geworden.

Schwer krank, gestorben waren immer nur andere.

Ich wiederhole. Wir waren gesund und wir konnten und

wollten uns nie den Luxus erlauben, krank zu sein. Jetzt

ist die Krankheit ein Urteil. Ein Aussetzen des vorherigen

Lebens, vielleicht des Lebens überhaupt. Die Krankheit ist

Verlust, Leid. Sie widerspricht UNS, der Willenskraft, der

Kraft zu lieben.

Gleichzeitig gehören wir der Welt der Gesunden und Kranken

an, schrieb Susan Sontag. In unsere irdischen Reisepässe

sind beide Visa eingestempelt. Den einen hat man das Privileg

verliehen, den Planeten der Gesunden zu bewohnen. Für

sie ist das natürlich. So war es mit uns. Von Zeit zu Zeit besuchten

wir das Land der Krankheit, aber selten, notgedrungen

und eilig – um so schnell wie möglich wieder heraus zu

kommen. Jede Heimsuchung durch Krankheit, und sei sie

auch kurz und mit Perspektive auf Heilung, erschien uns als

Demütigung. Die Körper versagten ihren Dienst. Uns quälten

Fieber, Husten, Ausschlag und gebrochene Gliedmaßen.

Wir wollten fliehen. Fliehen zurück zu uns, ins Vaterland der

Gesunden, wo alles möglich ist.

Wir blieben nie für länger im Land der Krankheit, wir

mussten es nicht. Wir wurden dorthin nicht deportiert, vertrieben.

Solch eine Eventualität hatten wir nie in Betracht

gezogen – die Zwangsemigration in die Welt der Kranken.

Das Leben überwuchert vom Gewebe der Krankheit. Ihre

Attacke zerstört alles. Explosion. Dynamit. Kein Platz für

Umwege. Es zerstörte unser unerfülltes Schicksal von Innen.

Und alles was wir hatten, haben, wurde endgültig. Mehr wird

es nicht, und es wird nicht wie es war. Reisen, Kleidung,

Versprechen wiederholen sich nicht in der Form, wie vor

der Diagnose. Der Song von Cohen „I am your Man“, die

Krawatte von Armani, die Porsche-Ledersitze, das Buch von

Konwicki, Rollschuhe am See, gelbe Tulpen, berauschende

Lilien zur Begrüßung, alles andere, anders. Nicht mehr dieser

Geschmack. Der Beigeschmack von Asche.

Das Krankenhaus ist nun zum Lebensmittelpunkt geworden,

nicht wie bisher der Ort schneller, heimlicher Besuche

anderer.

Krankheiten gehen vorbei, so lehrte die Erfahrung. Hier

ist es anders. Noch immer kann (und will) ich die Diagnose

nicht akzeptieren, mich zu diesem Unterschied bekennen.

Wir widersprechen der Krankheit. Wir glauben, sie wäre

heilbar. Willenskraft soll uns Lebenskraft geben.

Die durchschnittliche Größe unseres Gehirns sind 1400

Kubikzentimeter (eineinhalb Liter Milch, genauso viel

Whiskey oder Sauerkrautsuppe?). Das Gehirn eines Mannes

wiegt von 1250 bis 1750 Gramm. Das macht aus dem

raffiniertesten Organ eineinhalb Kilogramm Kartoffeln oder

genau so viel Schweinenacken? Angeblich hatte der Autor

von Rudnin, Iwan Turgenjew das schwerste Gehirn – über

zwei Kilogramm.

Die stark gefaltete Obefläche des Gehirns ermöglicht es,

im Schädel die größte Anzahl von Nervenzellen zu „verpacken“.

Ihre wichtigste Schicht ist die Rinde (Cortex) mit einer

Dicke von nur 2-3 Millimetern, die Hauptzone für Informationsverarbeitung,

besonders der Prozesse, die mit bewusster

Repräsentation verbunden sind. Die Rinde hat eine große

Oberfläche (wie ein riesiges Feld), und damit sie im Schädel

Platz findet, muss sie gepresst werden, daher die Faltung und

die Furchen. Das was in uns am wichtigsten ist, sieht aus

wie ein zerknülltes Stück Papier. Es ist einmalig, sowie die

Papillarlinien in der Hand.

In die Operation gingen wir blind. Wir wollten nicht zu

viel wissen.

Der vordere Teil des Gehirns, also der Stirnlappen nimmt

etwa 40% von der Gesamtheit ein, er ist für die Eigenschaften

zuständig, die uns als Menschen charakterisieren. Hier

also ist der Sitz der Ambitionen von H. und seiner inneren

Kraft, sein Zauber und seine Überzeugungskraft.

Hier wird das Wissen gespeichert – in Gestalt von Begriffen

in Verbindung mit der Sprache. Das alles soll unangetastet

bleiben. So wie alle Arten des Gedächtnisses – das episodische,

semantische, prozedurale und deklarative Gedächtnis.

Die Panik nahm mir die Erinnerung. Über Wochen funktionierte

ich wie betäubt. Wie eine Marionette aus Papier,

bewegt von der Notwendigkeit, dem Kranken zu dienen.

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Ich führte konkrete Tätigkeiten aus, Aufgaben, Bewegungen,

Gespräche, ich handelte, holte, zog ihn um, kaufte

ein, wusch, fütterte. Als die Zeit kam, sprach ich mit dem

Rabbiner über die Bestattung, und vorher mit Onkel Janek

und Martin über Geld und die Trauerfeier. Ob er verbrannt

werden möchte? Juden werden nicht kremiert. Ob ich das

wüsste? Nein, ich wusste es nicht. Ich wusste, dass er einige

Fotografien im Sarg haben wollte. Ein Sarg, wenn ein Sarg,

dann wird es keine Asche geben. Welche Fotos – und wer

macht die Abzüge? Auf den Friedhof, auf dem Esters Eltern

bestattet sind. Ich weiss nicht, wo sie bestattet sind. Fragen.

Im Norden der Stadt. Mit anderen Juden.

Aufschreiben. Aufschreiben, um es nicht zu verlieren. Das

riet Miłosz. Warum nicht verlieren? Vielleicht sollte man vergessen,

vielleicht wäre es besser so? Vielleicht rettet mich das

Vergessen? H. will nicht zu diesem Zustand zurück, er will

nicht wieder die Krankheit durchleben. Er tut alles, um die

Hoffnung zu stärken. Er ist sich sicher. Dass das Schlimmste

schon hinter uns liegt, das nichts endgültiges uns erwartet.

Er spottet über die Diagnosen und Statistiken. Zwei Jahre?

Warum nennen sie nur die schlechtesten Prognosen? Was

für eine außerordentliche Kraft muss man haben, um an

die Überwindung des unüberwindbaren zu glauben? Woher

nimmt H. sie? Von mir jetzt sicher nicht mehr. Aus mir kann

man nur Angst schöpfen.

Aus dem Polnischen von Bernd Karwen

Wydawnictwo Literackie

Cracow 2007

145 × 207 • 240 pages

paperback

ISBN: 978-83-08-04099-7

Translation rights:

Wydawnictwo Literackie

(except English rights)

English rights: Agata Tuszyńska

Contact:

Wydawnictwo Literackie

Agata Tuszyńska Vorübungen zum Verlust

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Joanna Rudniańska Brygidas Kätzchen

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Photo: Elżbieta Lempp

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Warschau im Sommer 1939. Die 6-jährige Helena, ihre Eltern,

Brauereibesitzer, und ein recht leichtsinniges Kindermädchen

führen ein glückliches Leben. Das einzige Problem des Mädchens

ist das Fehlen von Geschwistern, sie freut sich also, als sie

eines Tages ein herrenloses Kätzchen findet. Obwohl ihre neue

Spielgefährtin klug ist und sprechen kann, kommt sie zu einem

anderen Mädchen, Brygida, der Schwester eines Brauereimitarbeiters.

Helenas Vater hat auch deutsche Geschäftspartner,

gleichzeitig unterhält er gute nachbarschaftliche Beziehungen

zu allen, auch zu Juden. So mancher von ihnen arbeitet in seiner

kleinen Fabrik. Der Kriegsausbruch und die antisemitische

Hetze sind nicht imstande, den alten Freundschaften Abbruch

zu tun. Als Freunde der Familie ins Ghetto gesperrt werden, organisieren

Helenas Eltern Hilfe. Die Aktion dauert den ganzen

Krieg und gilt nicht nur Menschen,

die sie kennen.

Helenchen wächst heran und hört

allmählich auf, sich über alles zu

wundern. Mit dem Vater besucht sie

das Ghetto, kommt mit dem Tod und

Todesgefahren unmittelbar in Berührung,

intuitiv spürt sie die Intensität einer Gefahr und lehnt

Erscheinungen eines polnischen Antisemitismus angewidert ab.

Sie berichtet über die Tragödie auf ihre eigene, kindliche Weise:

naiv, aber getreu, ohne ein drastisches Detail auszulassen. In

ihre Erzählung wird jedoch ein magisches Element eingeflochten,

die Katze, die Brygida aus dem Ghetto führt. Die ganze Geschichte

findet ihren Nachkriegsepilog, in dem die Schicksale

der Figuren weitererzählt werden, unter anderem eine Begegnung

Helenas und Brygidas in fortgeschrittenem Alter und der

Tod der Hauptfigur.

Joanna Rudniańska bedient sich einer recht selten verwandten

Technik, indem sie Krieg und Holocaust aus der Perspektive eines

Kindes erzählt, das die Massenvernichtung nicht unmittelbar

betrifft, zu deren Augenzeugen es aber wird. Die kindliche Perspektive

dient vor allem dazu, dieses Heldentum alltäglich zu

machen, es als Reflex natürlicher Menschlichkeit und Treue gegen

sich selbst zu zeigen. Dass sich die Botschaft des Romans an

erwachsene Leser richtet, beweist auch das dramatische Ende

der erzählten Geschichte.

Brygidas Kätzchen ist ein Appell, weder die Tragödie zu vergessen

noch diejenigen, die ihr nicht gleichgültig zusahen.

Marta Mizuro

Joanna Rudniańska (geb. 1948), von der

Ausbildung her Mathematikerin. Sie begann mit

Science-fiction-Erzählungen für Kinder und erhielt

den Internationalen Janusz-Korczak-Preis.

Joanna Rudniańska Brygidas Kätzchen

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Joanna Rudniańska Brygidas Kätzchen

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Helena

wachte mitten in der Nacht

auf. Sie bekam keine Luft,

und ihr war schlecht. Sie hörte

ein fürchterliches Tröten. Dann erinnerte sie sich, dass sie im

Bunker war. Und das Tröten war das Schnarchen von Oma

Istman, die sich nie hinlegte, sondern die Nächte in dem alten

Sessel, der in einer Kellerecke stand, verbrachte. Es war absolut

finster. Helena streckte die Hand aus. Neben ihr hätte auf

dem Strohsack Stańcia liegen müssen. Aber Stańcia war weg.

Helena krabbelte auf allen vieren über Stańcias Strohsack

und gelangte, ohne aufzustehen, zur Tür. Im Dunkeln kam

man wie ein Hund oder eine Katze besser voran, auf Händen

und Füßen, fast wie auf vier Pfoten. Man kann nicht stolpern

und hinfallen, und mit dem Kopf spürt man die Hindernisse

besser. Helena stand erst bei der Tür auf. Langsam drückte sie

die Klinke herunter und verließ den Bunker. Erst dann hörte

sie die Flugzeuge. Das dumpfe Röhren kam näher, entfernte

sich wieder. Hier war es auch dunkel. Helena ließ sich wieder

auf ihre vier Pfoten fallen und kletterte nach oben, zu dem

kleinen Flur, von dem aus man auf den Hof hinauskam. Sie

schloss die Tür fest und trat ins Freie.

Der Morgen musste bald grauen, denn der Himmel war

viel heller als die Finsternis unten. Kein einziges Licht brannte.

Der Mond, der sich hinter die Wolken schob, tauchte

alles in einen fahlen Glanz. Helenas Haus und das Mietshaus

nebenan waren schwarze Felsen. Helena ging zu ihrem

Maulbeerbaum. Auf ihn konnte sie mit geschlossenen Augen

klettern. Und das tat sie auch.. Sie öffnete die Augen erst, als

sie weit oben war. Sie hörte Flugzeuge. Sie flogen von der

Weichselseite heran, vier große, schwere Vögel. Sie warfen

Bomben. Vor den vom Mond durchstrahlten Wolken konnte

man deutlich kleine Päckchen aus den Flugzeugbäuchen

fallen sehen. Helena bekam Angst, dass so ein Päckchen auf

sie oder ihr Haus fallen könnte. Trotzdem sah sie hin. Und

die Flugzeuge kamen immer näher. Irgendwo weit weg, vielleicht

sogar in der Altstadt, war roter Feuerschein zu sehen.

Das waren Brandbomben, hoffentlich fallen sie nur nicht auf

mein Haus, dachte Helena.

„Geht weg! Geht weg!“, schrie sie laut.

Aber vier Flugzeuge kamen langsam genau hierher, zu Helenas

Hof, immer größer und fürchterlicher. Helena sah von

oben auf ihr Haus. Es schien ihr so klein neben dem hohen

Mietshaus. Und plötzlich sah sie jemanden auf dem Dach.

Und die Flugzeuge waren schon ganz nah. Dann lief die Gestalt

auf dem Dach zwei Schritte. Es war Stańcia, Helena

erkannte sie. Stańcia hatte einen Besen in der Hand. Auf das

Dach fiel eine Bombe. Stańcia holte aus und fegte die Bombe

mit einem Ruck vom Dach. Dann fiel eine zweite, und

Stańcia fegte sie wieder runter, auf den Hof. Noch eine Bombe

fiel auf das schräge Dach des Mietshauses und kullerte direkt

auf das Dach von Helenas Haus. Die fegte Stańcia auch

runter. Drei Bomben lagen rotglühend im Hof. Die Flugzeuge

flogen weg. Auf dem Hof erschien Stańcia, schaufelte

Sand aus der Truhe, die bei der Brauerei stand, und bedeckte

die Bomben damit. Sie blickte in den Himmel und ging ins

Haus. Helena kam vom Baum runter. Der Hof war leer. Es

war schon fast völlig hell. Helena sah Vater und Herrn Kamil.

Sie standen auf dem Fabrikdach. Herr Kamil rauchte

eine Zigarette. Sie sprachen, stützten sich auf die Stöcke, die

sie in den Händen hielten. Helena lief ins Haus. Ganz leise

ging sie in den ersten Stock, in ihr Zimmer, in ihr Bett. Das

war sehr angenehm – den Kopf an sein Kissen schmiegen

und sich in die eigene Decke kuscheln. Mama hatte Recht,

dass sie nachts nicht in den Bunker ging. Ich würde das auch

gern tun, dachte Helena. Sie schlief sofort ein.

Es war morgen. Helena betrat genau in dem Augenblick

die Küche, als Stańcia die Milch warm machte. Stańcia

schaute angespannt in den Topf, die Milch konnte jeden Augenblick

überkochen.

„Du warst heute nacht auf dem Dach. Ich habe dich gesehen.

Beim nächsten Mal komme ich mit aufs Dach und

werde Bomben wegfegen“, sagte Helena.

Stańcia drehte sich zu Helena um. Und genau da kochte

die Milch über. Zischend lief sie über die heißen Herdringe,

und die Küche durchdrang ein unangenehmer Gestank.

„Jessesmaria!“, schrie Stańcia und schob den Topf zur Seite.

„Das hast du geträumt. Ich auf dem Dach? Was du dir so

ausdenkst.“

Wie war das also, dachte Helena. Habe ich das geträumt

oder nicht? Wie war es wirklich? [...]

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Ein paar Tage später kam Róża, Mamas beste Freundin.

Helena mochte sie sehr. Sie sprach sie mit dem Vornamen

an, weil Róża das so wollte. Róża und Mama waren die

schönsten auf der ganzen Welt. Róża hatte schwarzes Haar,

und Mama goldenes, und zusammen sahen sie aus wie zwei

Märchenprinzessinnen. An diesem Tag schien Róża anders

zu sein als sonst. Sie gab Helena nicht einmal einen Begrüßungskuss.

Sie setzte sich in die Küche und holte Zigaretten

aus der Handtasche.

„Frau Róża! Sie haben doch nie geraucht! Ich habe Dzidzia

immer gesagt, dass sie sich an Ihnen ein Beispiel nehmen

soll!“, rief Stańcia aus.

„Was ist passiert? Warum rauchst du?“, fragte Mama und

nahm sich auch eine Zigarette aus Różas Schachtel.

„Und du, warum rauchst du?“, fragte Róża trübsinnig und

zündete die Zigarette an.

„Seit wann rauchst du?“, fragte Mama weiter.

„Seit letzten Sonnabend. Seit unser Haus niederbrannte.“

„Mein Gott! Wie konnte ich das nicht wissen! Dein Haus?

In der Wilcza?“

„Ich habe immer geschlafen, wenn Luftangriff war“, sagte

Róża. „Ich steckte den Kopf unter die Decke und dachte, es

wäre am besten, wenn ich einschlafe und nach dem Luftangriff

aufwache. Dann würde nichts passieren. Um nichts in

der der Welt wollte ich in den Bunker runter, obwohl Vater

mich deswegen furchtbar anbrüllte.“

„Oh, Gott! Ihr wohnt doch im letzten Stock, direkt unterm

Dach!“

„Wir wohnen nicht mehr. Ich hatte sehr fest geschlafen,

aber sie hatten mich geweckt. Sie zerrten an mir und schrieen,

dass es brannte. Ich warf einen Mantel übers Nachthemd

und lief runter. Stand auf der Straße und sah zu, wie die

Gardine in meinem Zimmer Feuer fing. Weißt du, die rosa

Gardine. Ich weinte. Ein Mann stand neben mir. Beruhigen

Sie sich, sagte er. Ich habe noch eine Zigarette, zünden Sie

sie sich an. Und ich zündete sie an. Die erste in meinem

Leben, obwohl Mama nicht weit weg stand. Schließlich bin

ich erwachsen, dachte ich.“

„Schön erwachsen“, brummte Stańcia.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

Wydawnictwo Pierwsze

Lasek 2007

130 × 180 • 160 pages

hardcover

ISBN: 83-923288-8-9

Translation rights:

Syndykat Autorów

Joanna Rudniańska Brygidas Kätzchen

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Mariusz Sieniewicz Die Rebellion

42

Photo: Grzegorz Czykwin

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Mariusz Sieniewicz hat sich bereits zu erkennen gegeben als ein

Schriftsteller mit einer originellen und ungezügelten Phantasie,

möglicherweise ist er neben Jacek Dukaj der einzige Prosaist

der jüngeren Generation, der imstande ist, in seinen Texten

vollkommen neue Welten zu erschaffen. Im neuesten Roman,

Die Rebellion, hat sich Sieniewicz jedoch selbst übertroffen.

Das Buch ist eine Dystopie, in der in überzeichneter Form die

Ängste und Probleme der Moderne gezeigt werden. Sieniewicz

beschreibt „die Zivilisation des Großen Knirpses“, in der

der Terror der Jugend, Schönheit und Gesundheit herrscht und

das Alter verfolgt und ausgeschlossen wird. Die Handlung des

Romans spielt vor allem auf der imaginären „Insel der Alten“,

wo die Alten unter der Aufsicht von metrosexuellen „Mädgen-

Jungels“ (die Insel funktioniert ein bisschen wie ein Arbeitslager)

die Leichen junger, schöner Menschen einbalsamieren, die

im Mausoleum zur Ehre der Jugend

ausgestellt werden sollen. Aber die

Herrschaft der sich als Gebieter

aufspielenden Jugend ist nicht gottgegeben,

die verzweifelten Alten bereiten

eine „geriatrische Revolution“ vor, an deren Spitze Błażej

Kolumbus steht, der etwas von den Erlösern des Alters, etwas

von Neo aus dem Film Matrix (Sieniewicz mischt im Roman

Bezüge zu „Texten“ verschiedenster kultureller Register) hat…

Sieniewicz hat sich bereits mehrfach mit dem Problem des Ausschlusses

und der Marginalisierung von Menschen und ganzen

Gesellschaftsgruppen beschäftigt, auch häufiger schon hat er mit

seinen Texten bewiesen, dass man über diese Dinge in einer

Sprache schreiben kann, die mit dem Stil von Propaganda wenig

gemein hat. Sieniewicz schreibt nicht nur über die Rebellion der

Alten, die Rebellion findet auch in der Sprache seines Romans

statt, in dem verschiedene Sprachvarianten aufeinanderprallen,

Klischees der Gegenwartssprache wechseln sich mit einer poetischen,

symbolgeladenen Metaphorik ab. Fast jeder Satz von

Die Rebellion wird für den Leser zu einem sprachlichen Abenteuer.

Würde Witkiewicz heute leben, er würde sicherlich wie

Sieniewicz schreiben!

Robert Ostaszewski

Mariusz Sieniewicz (geb. 1972),

Prosaschriftsteller, Feuilletonist, wurde ins

Deutsche, Litauische, Russische, Kroatische

und Slowenische übersetzt.

Mariusz Sieniewicz Die Rebellion

43

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Mariusz Sieniewicz Die Rebellion

44

Das

gigantische Bauwerk erinnerte an ein Gotteshaus

der Neorenaissance, das man in einen

kosmischen Meteoriten gehauen hatte.

Das dem galaktischen Erz innewohnende Sakrale war hier

sicherlich am besten aufgehoben. Risse gleich länglichen

Glasfenstern zersprengten die Steinmauer, während die mit

Ornamenten verzierte Kuppel – die an manchen Stellen von

Moos überwachsen und von jedem Winkel der Insel zu sehen

war – wie der Panzer einer futuristischen Schildkröte

aussah. Vom oberen Teil der Fassade schielte das gigantische

Auge eines Mandalas. Darunter eine anonyme Inschrift:

jugend währt ewig, ist ein ewiger jungbrunnen –

niemand vergisst sie, und jeder bleibt ihr treu.

Zum gusseisernen Eingangstor führte ein über drei Steinstufen

gelegtes Brett, vor dem die Spur der Lastwagen abbrach.

Kaktus sah nach links und rechts und flüsterte,

nachdem er die hoch angebrachte Klinke über seinem Kopf

gedrückt hatte:

„Hilf mir, Błażej, verdammt noch mal! Du solltest größer

sein als ich, da du auf einer höheren Stufe stehst.“

„Mann, du hast aber einen Leiterkomplex“, gab Kolumbus

zurück.

Sie schoben das Tor auf. Es knarrte fürchterlich. Brrr… der

reinste Horror! Eisige Kälte umfing sie – frostiger als in einem

Kühlhaus. Es fehlte nur noch, dass vom fäuligen Friedhof

her ein Wolf heulte und der Schatten einer Hand mit

einem Messer über die Mauern huschte. Kolumbus bereute

seine Neugier. Er hörte Orgelmusik. Jemand war am Spielen,

jedoch die Reinheit und der Fluss der Musik ließen sehr zu

wünschen übrig. Die Töne brachen ab, klangen falsch, waren

flach und unregelmäßig. Passender wäre die Feststellung

gewesen, dass jemand erst dabei war, sich die Geheimnisse

der Noten, Oktaven und Violinschlüssel anzueignen, ohne

jedoch den richtigen Schlüssel zu dieser unzugänglichsten

aller Künste zu finden.

„Ganz ruhig. Der Große Knirps müht sich am Keyboard

mit Bach ab. Matthäuspassion“, antwortete Kaktus sofort,

als sie das Innere des Gotteshauses betraten, das in fluoreszierendes

Licht getaucht war. „Hab keine Angst. Außer seinem

Spiel hört und sieht er nichts. Manchmal glaube ich, dass er

taub und blind ist. Der faschistische Narziss!“

Aber Kolumbus’ Miene war bereits der Beweis für die unter

Philosophen beliebte These, dass allein die Fähigkeit, sich zu

wundern, den denkenden vom gedankenlosen Geist unterscheidet.

Er stand mit offenem Mund da, wie ein Geschöpf,

das sich seiner Erbärmlichkeit bewusst ist, vor dem „etwas“

auftaucht, was menschliches Maß und Verstehen übersteigt...

Sich die verschiedensten Wachsfigurenkabinette der

Welt zugleich vorzustellen, hieße, sich nichts vorzustellen.

Gedanklich alle nur möglichen Magazine und Garderoben

auf der Erdkugel mit ihren unzähligen Puppen, Marionetten

und Mannequins zu erfassen, hieße, nur den Schatten des eigenen

Gedankens zu erfassen. Mit enormer Willensanstrengung

sämtliche Geheimlabors, in denen mithilfe chemischer

Formeln der fortgeschrittenen Wissenschaft die Zucht des

modernen Homunkulus betrieben wird, an einem Ort zu

versammeln, hieße, den Willen eines Hohltiers zu haben.

Denn auf Sockeln und Podesten, Untersätzen und Postamenten

standen hier mumifizierte Körper, die man auf Stangen

aufgespießt hatte. Nicht enden wollende Legionen von

Körpern! Von nackten und jungen Körpern. Körpern, die

man zu Paaren verbunden hatte oder die in ihrer Einsamkeit

über die Monaden grübelten.

„Wir haben das Beste aus der Geschichte des vergangenen

Hundertgartens und aus der heutigen Zeit gesammelt“, teilte

Kaktus mit, wobei eine kleine dichte Dampfwolke aus seinem

Mund entwich. „Natürlich ist es das Beste gemäß dem

Großen Knirps und den Jungels. Wenn ich etwas zu sagen

hätte, würde ich ganz andere verewigen“, schränkte er ein.

„Wenn du willst, schau dich um. Obwohl das Museum noch

nicht fertig ist und erst für die zukünftigen Generationen

vorbereitet wird.“

Kolumbus war etwas eingeschüchtert, wie sollte man hier

auch nicht eingeschüchtert sein, wenn die angeblich berühmtesten

Exponate der Vergangenheit, die schließlich, wäre

nicht Kolumbus’ Gedächtnisschwund gewesen, ein Dokument

seiner Vergangenheit sein könnten, von ihren Sockeln

auf einen heruntersahen. Mut machte ihm Juanita Loslobos.

Sie stand, als hätte jemand die Tänzerin während eines Walzers

verzaubert. Worobiow hat das gut wiedergegeben, ur-

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teilte er und ging weiter. Diese ersten menschlichen Götter,

von der Tür aus gezählt, schienen ihm recht gewöhnlich und

durchschnittlich zu sein, selbst auf den Kärtchen stand nicht

viel. Irgendein „Max Coldwey. DJ. US“ mit einem Plattenspieler

in der Hand, ein „Otto Schmidt. Designer. D“ mit

erhobenem Haupt oder ein „James Peadlow. Snowboarder.

GB“, der ein gekrümmtes Stück Brett unter dem Arm hatte.

Je weiter er aber in die mumifizierte Welt der Körper, Köpfe

und Hände eintauchte, die in den raffiniertesten Posen

erstarrt war, desto größer wurde seine Neugier und Begeisterung,

und das Pantheon der Unsterblichen schien kein Ende

zu haben. Zunächst blickte er verstohlen auf das Kärtchen,

um zu wissen, mit wem er die Ehre hatte, dann bewunderte

er die fachmännische Arbeit der Juvenilarbeiter. Bei allen

Mumien fielen die meisterhaft vollendete Haut, das atemberaubende

Spiel der Muskeln sowie das ideale Verhältnis

von Gliedern und Oberkörper ins Auge. Körper ohne Makel

und Falten lockten mit ihrer polierten Glätte. Die Perfektion

rühmte sich ihrer selbst – von Fuß bis Kopf, von einem Gott

zum nächsten. Die Betagtesten waren nicht älter als dreißig

Gärten. Der vergangene, obwohl noch nicht abgeschlossene

Hundertgarten musste eine fürchterlich jugendliche Zeit gewesen

sein.

Oh, wer war denn der Junge mit dem apollinischen,

schokoladenbraunen Körper und den schalkhaften Fransen

anstelle von Haaren? Das Täfelchen lieferte sogleich die

Antwort: „Bob Marley. Musiker“. In der Hand hielt er eine

Gitarre, die Kolumbus an die Worte eines alten Liedes erinnerten:

ein Junge mit ‘ner Gitarr, wäre für mich ein Paar, ein

Pararar-rara-ra... Nach ihm eine Mumie mit großen Rehaugen

– „Kurt Cobain. Musiker.“ Und die Blondine, die Gold

und Rouge aufgelegt hatte, das war sicherlich Miss Mausoleum

– „Barbara Handler. Barbie.“ Daneben, die schlanken

Hände ihr entgegengestreckt: „Ken Handler. Ken“. Ein

merkwürdiger Beruf, „Barbie“ oder „Ken“ zu sein.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk

W.A.B.

Warsaw 2007

123 × 195 • 376 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7414-332-5

Translation rights: W.A.B.

Mariusz Sieniewicz Die Rebellion

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Hubert Klimko-Dobrzaniecki Wiegenlied für einen Galgenvogel

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Photo: Gunnar

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Wiegenlied für einen Galgenvogel ist eine kurze Erzählung über

Freundschaft und Wahnsinn. Die Fabel dieses kleinen, stimmungsvollen

Werks ist deutlich autobiografisch gefärbt. Klimko-

Dobrzaniecki lebte bis zum Juni 2007 zehn Jahre lang in Reykjavík,

wo er zunächst ein Studium der isländischen Philologie

begann und später in verschiedenen Berufen arbeitete, am längsten

als Pfleger in einem Heim für Alte und geistig Behinderte.

Einen Teil dieser Erfahrungen verarbeitete er in einer der Erzählungen,

aus denen sein im vorigen Jahr erschienenes Diptychon

Rosas Haus. Krýsuvík besteht.

Die Ereignisse, von denen im Wiegenlied für einen Galgenvogel

die Rede ist, sind eine eigentümliche Ergänzung der früheren Erzählung

und erweitern das Feld der Personen und Dinge. Hier

erscheinen Gestalten, die wir aus Krýsuvík kennen (der autobiografische

Erzähler und Held, seine Frau Agnieszka, der exzentrische

Kroate Boro), sowie die wichtigste Figur, der Musiker Szymon.

Das Wiegenlied ist eine Hommage an einen Freund, der in

jungem Alter Hand an sich gelegt hat.

Die Erzählung ist ein Versuch, seine

außergewöhnliche Persönlichkeit,

von der Kunst und Wahnsinn gleichermaßen

Besitz ergriffen hatten, zu fassen und zu erklären.

Die Fragen nach den Gründen für den Selbstmord des Freundes

werden hier nur mit größter Zurückhaltung gestellt. Der Erzähler

vermeidet es, den scheinbar offensichtlichen Zusammenhang

zwischen der Krankheit und der Verzweiflungstat herauszustellen.

In der Welt dieser im Grunde realistischen und in der

Wirklichkeit stark verwurzelten Erzählung ist die Grenze zwischen

der sogenannten Normalität und dem Wahnsinn weniger

verwischt als vielmehr höchst problematisch. Szymon war – wie

alle Personen im Wiegenlied für einen Galgenvogel – ein außergewöhnlicher

und doch zugleich ganz gewöhnlicher Mensch,

jemand, von dem man sagt: „ein guter Kumpel“. Warum er sich

das Leben nahm, muss ein Geheimnis bleiben.

Hubert Klimko-Dobrzaniecki (geb. 1967),

Schriftsteller, Autor von vier Prosabänden.

Hubert Klimko-Dobrzaniecki Wiegenlied für einen Galgenvogel

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Dariusz Nowacki

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Hubert Klimko-Dobrzaniecki Wiegenlied für einen Galgenvogel

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Der

Ozean wuchs, schwoll an und füllte den

Meniskus zwischen dem Ende der Halbinsel

und den Ufern der zeitweiligen Insel.

Erst jetzt sehe ich mit aller Klarheit, dass das alles nur

Schein ist, denn jedes Mal fehlt ein Element. Allmählich

wird das Puzzle unvollständig. Unwiederholbarkeit. Sätze,

Wörter, Bilder, Noten, auf Notenlinien geschrieben, die

Art, eine Zigarette zu rauchen, ein Maßkrug mit Lücken

in seinem Rand. Die Unwiederholbarkeit lebt, verwandelt

sich in Erinnerungen, wird von Generation zu Generation

weitergegeben, verzerrt, aufgeblasen oder verkleinert. Mündliche

Überlieferungen, mein persönliches Dilemma mit der

Bibel… Ich beschloss, nicht zweihundert Jahre zu warten.

Vielleicht hat die Sache mit Gott wirklich erst einmal ruhen

müssen. Ich habe das unwiderstehliche Bedürfnis, die

Geschichte einer Freundschaft aufzuschreiben, eines kleinen

Abschnitts des Lebens. Szymon ist weggegangen. Er ist jetzt

nicht in der Stadt. Man kann ihm nicht auf der Straße begegnen.

Das fehlt mir am meisten…

Ein Streifen in den Wolken, zurückgelassen, bis er sich auflöst

oder ein anderes Flugzeug ihn kreuzt. Ein paar Worte,

dahingeworfen im Bus auf der Fahrt ins Zentrum, eine Zugreise.

Kennengelernt haben wir uns weder im Bus noch im

Flugzeug noch im Zug. Ohne Nebengeräusche, das Brummen

des Motors, das Rattern der Räder, ohne Schaukeln

und Turbulenzen. Der uns miteinander bekanntmachte,

hieß Boro und war ein „freigelassener“ Irrer, der weiterhin

in der Abteilung wohnte. Von Zeit zu Zeit drehte er durch.

Vor allem im Sommer, wenn alles grün war. Er hatte einen

ganzen Satz von Tabletten gegen das Grün. Die Ärzte waren

zu dem Schluss gekommen, er sei bereits in Ordnung und

man müsse ihn nicht wegschließen. Er müsse nur Medikamente

nehmen. Einmal schien es mir, als würden in meinem

Auto gleich Blätter aus ihm sprießen, als würde er sich gleich

in Grünzeug verwandeln. Ich sah, wie er schwitzt und dann

nach den Tabletten greift und zu schreien beginnt: Jetzt,

jetzt, jetzt. Er schrie, er verwandele sich in ein Moosfeld und

dann in eine große Rasenfläche. Ich weiß auch nicht, vielleicht

war es die Gesellschaft geistesgestörter Menschen, die

es mir erlaubt hat, normal zu bleiben… Vielleicht hat die

Tatsache, dass ich eine Rasenfläche, ein Moosfeld, eine große

Gurke oder Wassermelone durch die Gegend fuhr, mich davor

bewahrt, Napoleon zu werden oder die Heilige Teresa.

Boro durfte weiterhin im Irrenhaus wohnen, auch wenn

die Ärzte darauf drängten, er solle ausziehen. Essen bekam

er nicht mehr. So fuhr ich immer wieder zu ihm und nahm

ihn mit zu Ikea, wo es in der Stadt die billigsten Hot Dogs

gab. Gemeinsam stopften wir uns mit ihnen voll und tranken

Fanta dazu. Eines Tages sagte er, in der Abteilung sitze

ein Pole, ein Geiger. Er fügte ein paar Fucks hinzu, denn er

fluchte für sein Leben gern auf Englisch, er sagte, erst wenn

er ein paar Kraftausdrücke ausgestoßen habe, spüre er, dass

er lebe, und er tat es am laufenden Band.

Im hiesigen Psychiaterslang galt Szymon als ein Kaninchen

aus dem Hut. Kaninchen sind Patienten, die für einige Zeit

auftauchen und dann verschwinden, wieder auftauchen und

so weiter. Halbwegs geheilt und ab ins Leben. Dann ein Tief

und wieder in die Abteilung. Abteilung und Leben, Leben

und Abteilung. Ein Kaninchen … Ich sagte Boro, er solle

mal mit dem Pfleger reden und dieser mit Szymon und

dem Arzt, vielleicht könnten wir zusammen zu Ikea fahren,

Würstchen essen. Und eines Tages verdeckte diese riesige

Gestalt, diese menschliche Eiche ohne Zähne, Boro, mit seinem

Schatten eine schmächtige Gestalt mit Drahtbrille. Ihr

silbernes Brillengestell warf den Lichtstrahl des Autoscheinwerfers

zurück, und Boro wurde in einer Sekunde zu jener

slawischen Eiche, die vom Blitz getroffen wird und um die

sich die Ansässigen versammeln, um sich magischen Tänzen

hinzugeben. Die Gestalt mit der silbernen Brille schritt um

ihn herum, den Kopf künstlich in die Höhe gereckt, und

schaute ihm in die Augen, diesem Stück Kroatien, diesem

Stück mythischen Waldes, diesem Baum, dieser Eiche, diesem

Verrückten. Plötzlich schaltete der Oberarzt der Psychiatrie

das Auto aus, und die Scheinwerfer verloschen. Szymon

blieb in Boros Schatten stehen und blickte zum roten Volvo

hin. Der Arzt stieg aus dem Auto und fragte. Zu Ikea, ja?

Nur zu Ikea, Würstchen essen, ja. Darauf wackelten sie einmütig

mit den Köpfen und kamen zu mir.

Der Mann, der äußerlich an Korczak, Maximilian Kolbe

und Gandhi erinnerte und hinter einer Brille verborgen war,

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die bei gutem Wetter ein Kornfeld oder eine große Scheune

hätte in Brand setzen können, stellte sich vor. Ich bin

Szymon Kuran. Freut mich sehr, antwortete ich. Nein, ich

habe die Freude, entgegnete er, und dir scheint es nur so. Ja,

vielleicht hatte er recht, vielleicht freute es ihn tatsächlich

und mir schien es nur so, aufgrund der angelernten Erwiderung.

Das nennt man wohl gute Erziehung. Ein Gemisch

von Verboten und klimatischen Bedingungen. Szymon aß

gerade einen Hot Dog, ich wollte ihn wohl etwas fragen, da

schaltete sich Boro ein. Also was ist mit diesen Steinen, lispelte

er. Ganz normal, erwiderte ich. Du musst wie die Hühner

oder Strauße, die haben auch keine Zähne, und damit

die Verdauungsprozesse richtig ablaufen, schlucken sie kleine

Steinchen, die das Essen wie Zähne zerkleinern. Szymon

hörte mein kurzes Referat zur Gastrologie und war erstaunt

darüber, wie ich den Gedankengang verkürzt und das Thema

so unsinnig und von der Mitte her angefasst hatte, er legte

das Wurstpapier auf den Tisch und begann leise zu lachen,

während Boro und mir ja bewusst war, dass das die Fortsetzung

unseres unvollendet gebliebenen Gesprächs aus dem

vorigen Monat war, über den Kauf eines künstlichen Kiefers

oder eines Sacks mit Steinchen. Als Boro seine Reaktion sah,

beendete er den Satz so wie immer. Auf Englisch und kurz.

Fuck you, sagte er und aß den Hot Dog auf, wobei er sich

das große Ende ostentativ in den Mund stopfte.

Aus dem Polnischen von Gerhard Gnauck

Czarne

Wołowiec 2007

145 × 170 • 96 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7536-003-5

Translation rights: Czarne

Rights sold to:

France/Editions Belfond

Hubert Klimko-Dobrzaniecki Wiegenlied für einen Galgenvogel

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Michał Witkowski Barbara Radziwiłłówna aus Jaworzno-Szczakowa

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Photo: Kasia Kobel

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Der neue Roman von Michał Witkowski ist eine weitere „Beichte

eines Kindes des (vergangenen) Jahrhunderts“ in unserer Literatur.

Aber dieses Kind ist wie man vom Autor von Lubiewo

erwarten durfte nicht etwa irgendeines, es ist ein besonderes.

Erzähler des Romans ist Hubert, ein Mann im besten mittleren

Alter, der seine chaotischen Erinnerungen – voll von Rückblenden

und plötzlichen Zeitsprüngen – erzählt. Und zu erinnern hat

er genug! Hubert ist ein kleiner Fisch in der kriminellen Halbwelt

der Bergarbeiterstadt Jaworzno-Szczakowa. Er handelt mit allem

Möglichen, betreibt ein halblegales Kino, in dem er Filme

von Videokassetten abspielt, ist Besitzer eines Leihhauses, geht

der Schuldeneintreiberei und Hehlerei nach.

Aus dem, was ich bisher geschrieben habe, könnte hervorgehen,

daß Witkowski eine Geschichte erzählt, wie es sie in unserer Literatur

bereits viele gegeben hat, von der verrückten Wendezeit,

von dem Ende der VR Polen und den Anfängen der 3. Republik

Polen. Dennoch ist im Grunde die

Figur des Hubert die wichtigste im

Roman. Woher also stammt diese

Barbara Radziwiłłówna im Buchtitel?

Hubert identifiziert sich mit jener

kontroversen früheren Königin

Polens, genau so wird er in seiner kleinen Welt genannt. Der

Erzähler von Witkowskis Roman ist ein Träumer und Phantast,

ein Mensch, der von Widersprüchen hin- und hergerissen wird;

einerseits denkt er nüchtern, ist fest in der Gegenwart verankert,

schaut aber gleichzeitig sehnsüchtig in die Vergangenheit und

versucht, eine Familiengenealogie aufzubauen bzw. zu erfinden,

er spielt sich als rücksichtsloser Mafioso auf, ist dabei jedoch

„weich“, sentimental und zartfühlend, er glaubt ebenso fest an

Gott wie an Weissagungen und Horoskope. Hubert empfindet

sich als anders, was zur Folge hat, dass er unglücklich ist, „gefangen

in seinem Leben wie in einem Gefängnis“. Den Roman

des Autors von Lubiewo muss man vor allem als Geschichte eines

Sonderlings lesen, der verzweifelte Versuche unternimmt,

seine Träume zu verwirklichen, er sucht Liebe (er ist unglücklich

in seinen Angestellten Sascha, einen ukrainischen Muskelprotz,

verliebt), Glück und Akzeptanz.

Robert Ostaszewski

Michał Witkowski (geb. 1975), Prosaschriftsteller,

Feuilletonist, Autor des viel

beachteten, in zahlreiche Sprachen übersetzten

Romans Lubiewo.

Michał Witkowski Barbara Radziwiłłówna aus Jaworzno-Szczakowa

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Michał Witkowski Barbara Radziwiłłówna aus Jaworzno-Szczakowa

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Genau.

Ich seufze. Der Brünette. Brünet-te.

Den örtlichen Laubenpieper

nicht mitgezählt, der

sich im Komitee was zusammengeklaut und an die zwanzig

Gewächshäuser errichtet hatte, war ich der Reichste in ganz

Jaworzno. Er aber hatte einen Gemüseladen. Und Gemüseladen

bedeutete damals nicht: ein Laden mit Gemüse, sondern

mit allem! Mit Kaugummi, mit saurer Mehlsuppe in der Flasche

(bäh!), sogar solche Einmal-Schuhe, aus Papier, konnte

man dort kaufen. So sah also auch sein Gemüse aus. Jeden

Sonntag fuhr er mit seinem Peugeot bei der Kirche vor, im

schwarzen Pelzmantel, mit Pelzmütze aus der UdSSR, total

eingemummt, zum Schreien! Gelobt sei der Herr! Hatte sich

goldene Zähne besorgt, Jogginganzug, oh ja, dem geht es

gut! Ich konnte mich nicht konzentrieren, spielte unter der

Bank nervös mit den Autoschlüsseln. Schlimmer noch: ich

sandte frevlerische Gebete an die Ewige Jungfrau Maria, sie

möge ihm Krebs schicken! Ich bin ein tief gläubiger Mensch,

ich liebe Gott – und besonders die Muttergottes. Also: Krebs

für ihn und meiner Tante Aniela, von der ich mir eine Erbschaft

erhoffe, den Tod. Aber der hatte keine Angst vor Gott!

Hatte seine Finger in diese ganze Mafia getunkt, in die Diskothek

„Kanty“, in die „Retro“-Bar, das Café „Jaworznianka“,

dann, einige Jahre später, tunkte er seine schmutzigen

Finger in diese Night-Clubs, den Stangentanz an der Autobahn.

Praktisch die ganze Kabel-Straße war von ihm aufgekauft

worden, aber sagt selbst, ist das Jagiellonen-Geschlecht

nicht besser als diese kabelnden Laubenpieper?

Ich konnte mir nicht einmal einen Gemüseladen leisten,

aber wozu hab ich denn meinen Kopf? Ich fuhr nach Niewiadów,

Hitze, ich gehe, überreiche Kaffee, um zum Direktor

vorgelassen zu werden. Nur dass der eine Zuteilung von

Lochziegeln wollte, nun fahre ich wieder zum Direktor der

Baumaterialien-Fabrik, parke meinen Kleinen, gehe, überreiche

Kaffee, um zu ihm vorgelassen zu werden. Hitze. Und

der sagt: nix, Scheiße, hab ich nicht. Aber ich hatte Beziehungen

im Bereich Bobo-Kinderoveralls und sage zu ihm, es

ist soundso, ich hab’ Kinderoveralls. Ach herrje! Da wird die

Frau sich aber freuen! Für diese Overalls wiederum musste

ich eine Badewanne schwarz, außerhalb der Zuteilung,

beschaffen. Und so hab ich schließlich meinen Wohnanhänger

N 126 gekauft, den kann der Kleine ziehen. Statt fand

dies bereits Mitte der achtziger Jahre. Als Zdzisława Guca

im „Panorama“ angekündigt hatte, uns stehe lang anhaltend

schlechtes Wetter bevor, und die Gruppe „Lombard“

hatte hinzugefügt, „eisiges Wetter“. Als sie im „Panorama“

die Ankunft des Winters angekündigt hatte, die Ankunft

der Nacht, der schwarzen Nacht der achtziger Jahre. Damals

fingen die Menschen an, sich mit Siphons, Wohnanhängern

und DDR-Plastikwannen zum Baden von Säuglingen einzudecken.

All dies häuften sie an und begannen, sich eine

Arche zu bauen. Um abzuwarten.

Meine Bekannten hatten mich gefragt, was denn, Hubert,

bei diesem lang anhaltend schlechten Wetter hast du vor, mit

dem Wohnanhänger in die Ferien nach Jugoslawien zu fahren?

So schwere Zeiten, und du machst Ferien-Zeit? Ha, ha,

ha! Was für Ferien, wer hat denn was von Ferien gesagt? Ein

Lokal! Lo-kal, sagt euch das was? Ein gastronomisches Lokal

dritter Klasse, eine so genannte kleine Gastronomie, überbackene

Baguettes, Fritten, Hot Dogs bei der Radziwiłłówna

gibt es, wie man weiß, die besten. (Mit gerösteten Zwiebeln

drüber gestreut?) Der oberste Grundsatz im Überbackenes-

Geschäft? Den Leuten altes, verbrauchtes Öl andrehen, im

Toaster aufgefrischte längliche Brötchen, geriebenen Käse,

über den sich nichts Gutes sagen lässt, hier und da platt gedrückte,

mit (mit Wasser verdünntem) Ketchup überzogene

Champignons – all das gegen echtes Geld eintauschen. (Drei

achtzig sind angemessen.) Was die Champignons angeht, so

würde ich auch dafür nicht meinen Kopf hinhalten, aber der

Mensch ist kein Schwein – der isst alles. Und dass das Geld

bis vor kurzem so echt auch wieder nicht war, und was noch

schlimmer ist, jeden Augenblick anfangen konnte, einem

vor den Augen wegzuschmelzen – das war ja noch nicht die

Endstation des Geschäftes. Denn das Geld wiederum musste

man so schnell wie möglich in Goldbarren umtauschen

und in einer sorgsam bewachten Kassette aus echtem Stahl

verschließen. (Welche Sauce darf’s denn sein? Knoblauch-,

pikant, mild, Ketchup, Senf?)

Und sich die Hände reiben!

Erst Stahl und Gold erlaubten zumindest einen Moment

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lang, einen Wert zu sichern. Einen, der unruhig von Wasser

und Champignons über Geld zu sichereren Erzen läuft.

Denn der Wert, das ist Strom, das ist Wasser: ohne Futter,

ohne Kabel irrt er träge umher, von irgendeiner ureigenen

inneren Unruhe getragen. Und weshalb sollte er nicht in den

sicheren Hafen unserer Kassette einlaufen? (Haben Sie vielleicht

zwanzig Groschen?)Alles in allem ist doch jedes Geschäft

von ähnlicher Natur – Scheiße verkaufen, irgendwas,

wenig dafür bekommen, aber in solchen Mengen, dass man

dieses Wenig, dieses „fast Nichts“ in zumindest ein bisschen

Wert umtauschen kann, einen Barren Gold oder einen Barren

gleichmäßig in einer Schatulle gestapelter Dollar. Die

man sich des Nachts hervorholen kann, betrachten, eventuell

liebkosen, küssen, dran schnuppern et cetera. (Darf’s

noch etwas sein für die gnädige Frau?)

Aus dem Polnischen von Marie Hauptmeier

W.A.B.

Warsaw 2007

123 × 195 • 256 pages

paperback

ISBN 978-83-7414-328-8

Translation rights: W.A.B.

Michał Witkowski Barbara Radziwiłłówna aus Jaworzno-Szczakowa

53

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Grzegorz Kopaczewski Huta

54

Photo: Johanna Möller

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Wir schreiben das Jahr 2008. Die Sonderzone Huta ist zu einem

Modellbezirk des postmodernen Polens, vielleicht sogar Europas,

geworden. Das ehemalige Industriegebiet wurde (nach

dem Vorbild eines real existierenden Kattowitzer Bezirks) in ein

elegantes Kondominium umgewandelt, in einen wunderschönen

Bezirk, der von erfolgreichen Geschäftsleuten und Kulturschaffenden,

Wissenschaftlern und Künstlern bewohnt wird.

Der Bezirk Huta ist im Roman eine Verbindung aus Silicon Valley

und Greenwich Village. Hier haben die internationalen Hightech-

Konzerne ihre Hauptquartiere, es wimmelt von Künstlerclubs

und Galerien. Mehr noch – in Huta scheinen sämtliche Utopien

der Bürgergesellschaft Wirklichkeit geworden zu sein, alle

Bewohner sind glückliche, kreative und von jeglichem Konsumzwang

befreite Menschen. Das Fantastische (Futurologische)

vermischt sich mit Elementen der Dystopie. Huta ist nämlich

auch ein Ghetto, eine künstliche Ministadt, die von einer hohen

Mauer umgeben ist und von hunderten von Kameras überwacht

wird. Außerhalb der Umzäunung liegt jenes Oberschlesien, beziehungsweise

Polen, das es nicht

geschafft hat.

In dieser Szenerie begegnet der

Leser dem Protagonisten Tomasz,

einem jungen Doktoranten der Soziologie, der einer Universitätsverschwörung

auf die Spur kommt, später Mitarbeiter eines

geheimnisvollen Instituts wird und an Duellen der Geheimdienste

teilnimmt.

Das Gesellschaftsexperiment Huta ist wissenschaftlich fundiert.

Alles nahm seinen Anfang mit den Schriften des Philosophen

und Soziologen Kaspar Kuhn, einem Zeitgenossen Hegels, der

nicht nur eine alternative Theorie zur marxistischen Lehre über

die dialektische Entwicklung von Gesellschaften, sondern auch

die Grundlagen der prognostischen Statistik, die unerlässlichen

Algorithmen usw. schuf. Was, nebenbei gesagt, Fiktion in der

Fiktion ist: Denn einerseits hat Kopaczewski Kuhn samt seinem

stürmischen Lebenslauf und seinem umstürzlerischen wissenschaftlichen

Werk erfunden, andererseits ist der deutsche Philosoph

– wie sich zum Schluss des Romans herausstellt – auch

eine Erfindung der Romanfiguren, und zwar einer Gruppe von

genialen, rebellischen und exzentrischen Gelehrten der Universität

Schlesien. Kopaczewski, und mit ihm der Leser, amüsiert

sich köstlich über den wissenschaftlichen Diskurs. Und eben das

ist die Stärke des Romans, und das Einmalige an ihm.

Dariusz Nowacki

Grzegorz Kopaczewski (geb. 1977),

Prosaschriftsteller. Autor von zwei Romanen.

Grzegorz Kopaczewski Huta

55

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Grzegorz Kopaczewski Huta

56

Mein

Umzug von Chorzów nach Huta dauerte

zwei Stunden. Kleider und Bücher

transportierte ich mit dem Taxi. Meine

ganzen Besitztümer passten in einen Opel Astra Kombi hinein.

Eigentlich besitze ich auch heute nicht mehr. Seit dieser

Zeit habe ich mir nichts Neues angeschafft. Besitz ist out in

Huta. Schlecht. Besitz ist überflüssig in Huta. Wozu brauchst

du eine Waschmaschine, wo es doch Cleanicum gibt, wozu

einen Fernseher, wenn es Teledromat gibt, was machst du

mit einem DVD-Player, wenn du ein Abo fürs Casablanca

hast, was mit einer Kaffeemaschine, wenn du über dem

Kaffeeholiker wohnst? Wozu brauchst du ein Auto, wo du

in Huta wohnst?

Gegen Abend als ich in der neuen Wohnung meine Sachen

schon ausgebreitet hatte, klopfte der Nachbar. Das Gesicht

kannte ich. Von der Versammlung. Schriftsteller – Sozialaktivist;

er war es gewesen, der mit immer neuen Anträgen

Joachim den letzten Nerv geraubt hatte.

„Hallo“, begann er schüchtern, während er sich misstrauisch

umschaute. „Ich bin der Nachbar. Von gegenüber. Ich

wollte mal Hallo sagen.“

Er hatte zwei Bier bei sich, das eine war schon angefangen.

Ich ließ ihn hinein.

„Gefällt es dir in Huta?“, bereits nach den ersten Worten

konnte man sich denken, dass er nicht gekommen war, um

sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Wir setzten uns

aufs Sofa. Er gab mir das andere Bier. Es war warm.

„Ganz okay. Und dir?“

„Immer weniger. Dafür machen sie immer mehr Druck.

Sie sagen, für meine Wohnung gäbe es sechs Interessenten.

Mit Preisen für Filme, Bücher und anderem Gedöns.

Aber das ist erstunken und erlogen, wie man weiß ist für

dieses Jahr das Wohnungskontingent für Künstler bereits erschöpft.“

Ich machte ein verdutztes Gesicht. „Ja. Sie haben

Kontingente für alle erwünschten Gesellschaftsgruppen. Ich

weiß das, weil ich eine Bekannte im Bezirksrat habe. Selbst

die Stipendien sind schon verteilt worden, wozu also diese

Drohungen? Angeblich ist alles völlig transparent, wird alles

öffentlich diskutiert, aber wenn es drauf ankommt, erpressen

sie dich. Alles ist angeblich ganz offen und tolerant,

aber wozu haben sie eine Mauer gebaut? Angeblich ist sie ein

Denkmal und musste restauriert werden, dabei weiß jeder,

dass es von Załęże bis hierher einen Zaun gegeben hat, aber

keine Mauer. Und was ist mit der Fußgängerbrücke zum Silesia

Center? Sie hatten Angst, dass die Leute zum Shoppen

ins Einkaufszentrum gehen, weil es billiger ist, also haben sie

keine Genehmigung erteilt. Angeblich haben die Bewohner

per Volksentscheid den Bau abgelehnt, aber was ist das für

eine Abstimmung vom Homecomputer aus. Wenn jemand

keinen hat, stimmt er nicht ab. Und ihnen ist es egal, ob du

einen hast. Ich aber hatte zu der Zeit gerade Probleme und

musste meinen weggeben. Und dann sagen sie, ich würde

nicht zur Verbesserung des Images von Huta beitragen. Sie

würden keine Waise aushalten, die außerstande sei, etwas

Neues zu schreiben.“

„Hast du Arbeit in Huta bekommen?!“ Ich nickte. „Wo?“

„Im Institut für Geschichte.“

„Der Chef des Instituts ist auch im Rat. Du hast es gut

getroffen.“ Er begann unruhig hin und her zu rutschen,

schließlich stand er auf. „Okay, es ist Zeit für mich. War nett,

den Nachbarn kennen zu lernen. Auf Wiedersehen.“

Er verließ die Wohnung. Er hatte sich nicht vorgestellt.

Noch hatte ich ihm meinen Namen genannt. Als ich schon

im Bett lag, klopfte er erneut. Wieder mit Bier. Wieder war

es warm.

„Weißt du, wie sie es machen, dass Huta so eine gute Presse

hat?“, sagte er, als er sich auf das Sofa fläzte.

„Nein. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“

„Sie stellen dem Fernsehen Räumlichkeiten zur Verfügung.

Das heißt den beliebteren Journalisten sogar Wohnungen.

Alle wollen in Huta wohnen. Und diese Lumpen vom

Fernsehen und der Presse sind sogar bereit, dafür zu zahlen.

Und zwar doppelt so viel wie die normalen Bewohner. Wie

du und ich. Jeder möchte ein Künstler sein oder zumindest

wie ein Künstler leben. Ich weiß nicht, wie Künstler leben,

aber die, die ein paar tausend für die Wohnung zahlen, wissen

es sicherlich. Nur die von den Boulevardzeitungen und

national-katholischen Blättern bekommen keine Wohnungen.

Aber trotzdem schreiben sie Eingaben. Huta kommt

ihre Kritik gelegen. Das unterstreicht die Richtung, in die

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sich der Bezirk entwickelt. Und weißt du, wieso wir jetzt den

skandinavischen Monat haben?“

„Haben wir den skandinavischen Monat?“

„Hörst du nicht den Kauderwelsch auf der Straße?“

„Stimmt, als würde man mehr germanische Sprachen

hören.“

„Vor zwei Monaten hat man von Balice und Pyrzowice

eine neue Verbindung nach Skandinavien eröffnet. Dass

Musik und Filme von jenseits der Ostsee angesagt sind,

kommt nicht von ungefähr. Die Strindberg-Retrospektive

auch nicht. Natürlich alles gut dosiert, in kleinen Portionen,

damit es nicht entwertet wird. Um die Snobs anzulocken.

Sogar mir hat man vorgeschlagen, ein Stück zu schreiben.

Die Handlung sollte zwischen Freunden beim gemeinsamen

Zusammenschrauben von Ikea-Möbeln stattfinden.“

„Eine gute Idee.“ Ich musste sogar lächeln. „Und? Hast du

es geschrieben?“

„Naaaa…“, begann er sich mit dem ganzen Körper zu winden,

„zuerst wollte ich nicht. Dann dachte ich, das wäre ein

guter Hintergrund. Aber sie begannen Druck zu machen.

Wer bin ich denn! Der Texter von diesem Arsch vom Gangende?

Wie heißt er noch gleich?“

„Wer?“

„Na der, letzte Tür auf unserer Etage. Er singt im Fernsehen,

jetzt hat er einen ganz bekannten Hit. „Ich fliege hoch

ins Blaue hinein“, irgendwie so. Und er spielt in einer Soap

mit. Meine Freundin Justyna sagt, dass sie ihm eine Wohnung

vermietet haben, weil der Junge unbedingt ein Künstler

sein wollte, so ein richtiger, hat er gesagt, und sie zocken

ihn hier ganz schön ab, aber ihm gefällt es. Und da er fast

jeden Tag in „Fakt“ ist, macht er Huta kostenlos Reklame.

Das ist ein einfacher Junge.“

Er blieb sitzen bis die Dose leer war. Er hatte sich nichthutagerecht

beschwert, in nichthutagerechten Erinnerungen

geschwelgt und zog einen nichthutagerechten Pessimismus

hinter sich her.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk

Czarne

Wołowiec 2007

125 × 195 • 185 pages

paperback

ISBN: 978-83-7536-014-1

Translation rights: Czarne

Grzegorz Kopaczewski Huta

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Marek Kochan Spielplatz

58

Photo: Privatarchiv

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Spielplatz ist ein zeitgenössischer Gesellschaftsroman mit satirischem

Einschlag. Thema sind die Krise der Männlichkeit und die

Umkehrung der Rollen in der modernen Familie.

Der Roman hat drei Hauptfiguren. Zwei von ihnen sind Männer,

die im Schatten ihrer Ehefrauen – Macherinnen, die an ihrer beruflichen

Karriere basteln – stehen. Der dritte Mann ist ein Single

und Playboy, ein Held der Medien und notorischer Aufreißer.

Auf verschiedene Weise durchleben alle drei eine Krise ihrer

männlichen Identität. Letzterer inszeniert, um als Supermann

zu gelten, lustige und zugleich klägliche Verführungsschauspiele.

Seine Männlichkeit ist immer konstruiert, immer zur Schau

gestellt. Die zwei „Männer ihrer Frauen“ wiederum erleben die

weibliche Dominanz auf unterschiedliche Art. Der eine ist einfach

ein geistig beschränkter Versager

und freiwilliger Arbeitsloser. Die

Betreuung des kleinen Kindes, das

Putzen und Kochen sind verantwortungsvolle

Aufgaben, die ihn fast schon überfordern. Allerdings

sollte er auf keinen Fall nach „Höherem“ streben, denn es scheint

seine Bestimmung zu sein, das männliche Hausmütterchen zu

spielen. Der andere ist ein träger Wissenschaftler, der, obwohl

hoch qualifiziert, sich nicht rechtzeitig um seine eigene Karriere

gekümmert hat. Er hat sich für ein bequemes Leben an der Seite

seiner sehr gut verdienenden Frau entschieden. Nach Jahren des

inneren Zwiespalts begreift er jedoch seinen Fehler. Er besinnt

sich und findet seinen Platz in der Welt – er wird Schriftsteller.

Kochan moralisiert nicht, ergreift für keinen seiner Helden Partei,

spielt geschickt die kulturellen Stereotype durch und ist ein

guter Beobachter des gesellschaftlichen Wandels, der in den

letzten Jahren stattgefunden hat.

Dariusz Nowacki

Marek Kochan (geb. 1969), Prosaschriftsteller,

Autor von Fernsehdrehbüchern und Bühnentexten.

Marek Kochan Spielplatz

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Marek Kochan Spielplatz

60

NEUN

uhr. um diese uhrzeit sollte der

meister kommen. Schon fast eine

Viertelstunde macht sich Kätzchen

in der Wohnung zu schaffen, klopft ab, misst nach. Davon

absehen, es gut sein lassen, die Fenster schon fertig haben.

Was solls, dass sie schief sind. Wer wird das schon bemerken,

wer wird klopfen, um zu sehen, ob darunter Gips oder

Hohlräume sind. Na, wer schon? Vater. Ja, Opa Witek wird

klopfen, und es sofort bemerken. Aber was geht ihn unsere

Wohnung an, soll er sich um seine kümmern. Wir werden

hier wohnen. Helenka hat das Geld verdient, ich renoviere.

Finger weg! Er, Kätzchen, lebt schließlich nicht, um die Erwartungen

seines Vaters zu erfüllen, sondern nur für sich. Er

hat sein eigenes Leben. Wegen irgendwelcher Fenster. Soll

er sich zanken, wegen einer x-beliebigen Lappalie, Energie

verschwenden. Er wird sagen, dass seine Frau es sich abends

angeschaut habe und gemeint habe, auf keinen Fall aber ihretwegen.

Das ist eine Notlösung, ein Hintertürchen, um

das Gesicht zu wahren. So denkt Kätzchen von Punkt neun

Uhr bis neun Uhr fünf, neun Uhr zehn. Selbst um neun Uhr

fünfzehn ist das noch sein Standpunkt. Er ruft Helenka an.

Er sei nicht gekommen, der Meister. Hat er dich vielleicht

angerufen? Er hat meine Nummer ja gar nicht. Nein, gib sie

ihm nicht. Sprich überhaupt nicht mit ihm. Heb nicht einmal

ab, wenn er anruft. Ich erledige das, mit dem werde ich

schon fertig. Aber das ist einfacher gesagt als getan. Zumal

der Meister nicht kommt. Dafür überkommt Kätzchen Wut,

mit steigender Tendenz zwischen neun Uhr sechzehn und

zwanzig vor zehn, mit dem Höhepunkt um halb. Was denkt

er sich, der Vollidiot. Dieses Ledermännchen. Bildet er sich

etwa ein, Helenka und er würden so lange auf ihn warten?

Und Helenka allein schon gar nicht. Wo sie mit Geschäften

beschäftigt ist, soll sie ihre wertvolle Zeit mit dem Meister

verschwenden? Und das als zahlender Kunde. Immer größerer

Hass steigt in ihm hoch, dann, kurz vor zehn, wird dieser

allmählich schwächer, klarer und erstarrt. Zum Schluss

verhärtet er sich. Warte nur Freundchen, dir werde ich es

zeigen, du wirst dein blaues Wunder erleben. Er sieht sich

den Auftrag durch, prüft, was er für Paragrafen hat. Ruhig,

fast schon fröhlich ist Kätzchen, als es an der Tür klingelt, es

ist fünf vor zehn. Habe ich es doch noch pünktlich geschafft,

sagt der Meister selbstzufrieden. Und wo ist ihre Frau, ist sie

nicht da? Na gut, dann erledige ich das mit Ihnen. Also, hier

habe ich alles vorbereitet, hier die Rechnung, er händigt sie

aus. Wir erledigen das, wird alles erledigt, antwortet Kätzchen,

er lächelt. Nur halt heute noch nicht. Wieso das? Na

ja, es müssen noch ein paar Kleinigkeiten verbessert werden.

Verbessert werden? Wissen Sie, Herr, Kätzchen schaut auf die

Rechnung, auf ihr ein Stempel mit einem Nachnamen, Herr,

ja, Adrian, stimmts, von mir aus wäre das sogar okay gewesen.

Ich habe es mir tagsüber angesehen, und alles in allem

wäre das noch gegangen, ginge es nach mir. Aber meine Frau!

Meine Frau, Herr Adrian, hat einen Wutanfall bekommen.

Sie kommt um zwei vor neun, schaut es sich an und sagt zu

mir, ein Skandal ist das, eine Pfuscherei, so nicht. Sie werden

alle Fenster neu einsetzen, hat sie gesagt, oder wir wechseln

gleich ganz die Firma, verfällt halt die Anzahlung, da kann

man nichts machen. Jemand anderes wird das ordentlich machen.

Ich konnte sie gerade noch so beruhigen, Herr Adrian,

gib ihnen eine Chance, habe ich gesagt, im Grunde sind das

gute Handwerker, sie haben sich bemüht, das muss in der

Eile passiert sein, sie kommen nochmal und verbessern das

in aller Ruhe. Sie haben Glück gehabt, dass Sie nicht früher

gekommen sind. Sie hätte es Ihnen gegeben. Bis fünf nach

hat sie gewartet und ist dann gegangen, Sie wären ganz schön

unter die Räder gekommen, wenn Sie ihr zufällig über den

Weg gelaufen wären. Sie kennen sie nicht, sie sieht nur so

aus, aber in Wirklichkeit, Herr Adrian, ist sie ein Taifun. Sie

hat ihre eigene Firma, in der Immobilienbranche, die Angestellten

kommandiert sie herum, dass sie einem manchmal

Leid tun können. Und dazu kennt sie sich noch aus. Rechtsanwältin.

Von Verträgen versteht sie was. Sie hat mir gleich

gesagt, dass Sie nur der Subunternehmer sind, dass Sie einen

Vertrag mit der Firma haben, die die Fenster herstellt. Ist

doch so, oder, Herr Adrian? Eben. Sie sagte, wenn irgendetwas

nicht in Ordnung sein sollte, werde sie dort zur Geschäftsführung

gehen und Sie so in die Pfanne hauen, dass

Sie sich vor Schadenersatzforderungen nicht mehr retten

können. Die Frau ist rachsüchtig, das können Sie mir glauben.

Einmal hat ein Bauunternehmer einem ihrer Kunden

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einen Bauplan für den Ausbau eines Dachbodens angefertigt,

und als etwas nicht stimmte, ist sie vor Gericht gegangen, sie

hat Gutachten vorgelegt, dass das Dachgeschoss eingestürzt

wäre, sie haben seinen Gewerbeschein eingezogen, ihn aus

der Gewerkschaft ausgeschlossen. Sie hat den Mann zerstört.

Und Kontakte, die hat sie. Vorläufig nehme ich Sie in Schutz,

sollte sie es aber auf Sie abgesehen haben, dann werden Sie in

keiner seriösen Firma in Warschau mehr Arbeit bekommen.

Mit den Adressen aus dem Computer würde sie Sie überall

anschwärzen. Sie würden eine Zeitlang kämpfen, aber das

muss ja nicht sein, wozu die Schwierigkeiten. Sie kommen

doch aus Płońsk, dort ist Arbeit Mangelware, während es

hier einen gesunden, großen Markt gibt. Wozu ein Risiko

eingehen? Besser seine Sachen machen, Geld verdienen,

reich werden. Und wenn sie erst zufrieden ist, wird sie Sie

weiterempfehlen. Sowohl für Fenster als auch für größere Arbeiten.

Wozu, glauben Sie, machen wir das wohl. Wir haben

ein paar von diesen Mietwohnungen. Und sind gerade dabei

weitere Wohnungen zu kaufen. Für uns sind das Peanuts!

Er schnippt mit den Fingern. Ich beschäftige mich ausschließlich

damit, kümmere mich um die Renovierungen,

nehme das Geld in Empfang. Meine Aufgabe ist es, die Arbeiten

zu beaufsichtigen. Schließlich geht es doch um Kleinigkeiten.

Ja, aber was hilft es, dass es für mich okay ist,

wenn sie nicht zufrieden ist. Ich kenne sie, Herr Adrian, wir

leben jetzt fünf Jahre zusammen, und in der Zeit habe ich

gelernt, dass man besser nachgibt, es so macht, wie sie es will,

und dann ist es gut.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk

W.A.B.

Warsaw 2007

123 × 195 • 428 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7414-295-3

Translation rights: W.A.B.

Marek Kochan Spielplatz

61

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Hanna Kowalewska Die Maske des Harlekins

62

Photo: Agnieszka Herman

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Die Maske des Harlekins ist nach Polnische Sonate und Der Berg

der schlafenden Schlangen der dritte Teil eines Romanzyklus

von Hanna Kowalewska. Den Zyklus verbinden die Hauptfigur

Matylda, ein Häuschen in Zawrocie als Ort der Handlung,

das Tagebuch als Erzählform und die verstorbene Großmutter

als Adressatin der Bekenntnisse. In den einzelnen Teilen wird

das wechselvolle Schicksal der Hauptfigur erzählt (vor allem in

Herzensdingen), doch zugleich steht immer auch – und das unterscheidet

die einzelnen Romanakte voneinander – ein neues

Geheimnis aus der Vergangenheit im Zentrum der Handlung.

Der Besitz in Zawrocie ist eine Art Katalysator für Matyldas detektivische

Neigungen, hier liegen die Spuren verborgen, die zu

den Geheimnissen ihrer Familie führen, und hier „materialisieren

sich“ auch die Geister der Vergangenheit.

Ein solches Gespenst ist Olga, eine ehemalige Kommilitonin

und Rivalin der Hauptfigur. Olga und Filip „der Verrückte“, Matyldas

späterer Ehemann, waren ein

Paar gewesen. Zwar hatte Olga den

Kampf um ihn verloren, gleichzeitig

war sie die einzige Zeugin von Filips

tragischem Tod. Nach zehn Jahren,

die seit jenem Ereignis verstrichen sind, kehrt sie nach Polen zurück

und provoziert die Heldin zu einer neuen Ermittlung. Um die

Wahrheit zu erfahren, wird sich Matylda der traumatischsten Erfahrung

ihres Lebens stellen müssen. Und sich bei dieser Gelegenheit

auf einen sadomasochistischen Entscheidungskampf mit

einer Frau einlassen, die sie zutiefst hasst. Die Zeit wird jedoch

zeigen, welche der beiden Protagonistinnen stärker leidet..

Hanna Kowalewska bestätigt in diesem Roman ihr Talent für den

Aufbau einer spannenden Romanhandlung und die Konstruktion

einer Intrige. Sie ist auch eine ausgezeichnete Kennerin menschlicher

Charaktere. Die Maske des Harlekins changiert also zwischen

einem Thriller und einem psychologischen Roman.

Hanna Kowalewska (geb. 1960), sie

schreibt Gedichte, lyrische Prosa, Romane,

Erzählungen, Hörspiele und Dramen.

Hanna Kowalewska Die Maske des Harlekins

63

Marta Mizuro

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Hanna Kowalewska Die Maske des Harlekins

64

„Europa!“,

fauchte sie und

begutachtete den

nächsten Kratzer

im Leder ihrer italienischen Pumps. „Elendes Geschluder!

Noch schlimmer als zu Zeiten der Kommune. Damals wusste

der Mensch wenigstens, was ihm widerfahren konnte. Er

war geistig darauf vorbereitet. Und jetzt hofft man auf werweißwas!“

Vor zehn Jahren hatte Olga noch keine Highheels getragen,

keine hautfarbenen Nylonstrümpfe und luftigen Gewänder.

Sie hatte kein gefärbtes Haar auf dem Kopf, keine

mit grellem Nagellack bepinselten langen Fingernägel und

nicht Tonnen von Wimpertusche aufgelegt. Und sie bewegte

sich nicht wie ein Dämchen, sondern stand mit beiden

Beinen fest auf der Erde, trug solides Schuhwerk mit dicker,

flacher Sohle. Warum hatte sie darauf beharrt, auf bürotauglichen

Absätzen, in denen man stundenlang in der Nähe des

Arbeitszimmers des Chefs am Schreibtisch sitzen konnte,

die alte, neue Welt kennenzulernen, und das zu Fuß? Wozu

brauchte sie Unbequemlichkeit und Schmerz? Warum hatte

sie beschlossen, sich so furchtbar zu quälen? Wollte sie mir

und sich beweisen, dass man diese Stadt in die Mülltonne

klopfen konnte? Musste sie sie unbedingt so kleinmachen?

Aber warum? Um ihr eigenes gegenwärtiges Leben zu erhöhen?

Das Berliner? Das elegante? Das Highheelleben?

Das alles hatte keinen Sinn, jedenfalls konnte ich keinen

finden. Sie stöckelte, ich ging in meinem alten Schritt, in

bequemen, nicht schlecht geschnittenen Schuhen. Also passten

wir wie schon vor Jahren nicht zueinander, wenn auch

damals aus völlig anderen Gründen.

Nicht nur die Stadt, sondern die ganze Welt war in Olgas

Gegenwart irgendwie anders. Es regnete, obwohl es nicht

hatte regnen sollen. Zumindest war Olga davon überzeugt,

dass es an genau diesem Tag nicht hätte regnen dürfen. Es

hätte Hitze geben sollen, doch es gab keine. Olga stapfte in

leichten Sachen in die Tiefe kalter Straßen, mit Gänsehaut,

durchgefroren, kalt erwischt von der plötzlichen Kälte, die ihr

durch Mark und Bein ging. Es sah aus, als verstünde sie diese

Stadt und dieses Klima nicht mehr, nichts, was ihr früher so

vertraut war wie mir. Sie beharrte zudem auf ihrer Ansicht,

als müsste sich die Stadt und alles andere ihren Vorstellungen

und Erinnerungen anpassen, nicht sie den Umständen.

In der Nähe der Centrum-Kaufhäuser, in einer Seitenstraße

– wo Olga einen winzigen Teeladen suchte, den es hier

einmal gegeben haben sollte und der sich jetzt einfach nicht

finden wollte – trafen wir Jakub. Er trug unter dem Arm einen

bunten Karton, dessen Aufkleber der ganzen Welt kund

taten, dass er nicht nur ein fürsorglicher, sondern auch ein

großzügiger Papi war. Ein Fernglas! Ein Geschenk für seinen

Sohn! Nun ja, was sonst hätte ihn in der Innenstadt, die er

nicht mochte, aus dem Auto bewegen können.

„Jakub? Soll heißen wer?“, fragte Olga provokativ, als wir

uns gemeinsam unter die Schirme eines kleinen Cafés setzten.

„Ein Bekannter? Ein guter Bekannter? Ein Freund? Der

Liebhaber? Der Freund?“

Jakub war einen Augenblick lang verlegen. Er wusste selbst

nicht, wer er für mich war.

„Ein Bekannter“, sagte ich für ihn, und er protestierte

nicht.

„Die Bezeichnung behagt ihm offensichtlich nicht besonders“,

bemerkte Olga ironisch. Sie nahm sich gleich eine Zigarette,

wartete, bis Jakub ihr Feuer gegeben hatte, und setzte

dann zu ihrem Monolog an. „Entweder wäre er gerne mehr,

oder du hast nicht die Wahrheit gesagt.“ Sie hatte die unerträgliche

Manier, so zu sprechen, dass immer jemand vom

eigentlichen Gespräch ausgeschlossen wurde. Diesmal war es

Jakub. „Lass mich raten, Liebhaber. Ich weiß nur nicht, ob

ehemaliger, gegenwärtiger oder auch nur potentieller.“

„Achte nicht auf sie“, brummte ich Jakub zu. „Sie ist so.

Ihr scheint, dass das Menschenprovozieren der einfachste

Weg ist, um sie zu enträtseln. Deshalb schießt sie so blindlings

drauf los.“

„Manchmal trifft sie dabei ins Schwarze“, erwiderte Jakub,

obwohl er wusste, dass mir das nicht gefallen würde.

„Na bitte!“, lachte Olga triumphierend auf. „Schießen wir

weiter?“

„Hör auf!“, protestierte ich.

„Wie du wünschst.“ Einen Augenblick lang widmete sie

sich dem Zigarettenqualm. Aber sie hörte nicht auf, uns zu

beobachten.

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Um dem ein Ende zu setzen, griff ich nach der Speisekarte.

„Sie haben hier eine ziemlich gute Auswahl, vor allem

an Tee. Jasmintee, tropischen, Preiselbeer, mit Ingwer, mit

Walderdbeeren.“

„Das ist also heute dein Geschmack“, sagte Olga und

schenkte meiner Aufzählung keinerlei Beachtung. Es war ihr

gleichgültig, dass ihre Worte, vor allem aber ihr Ton Jakub

verletzen konnte. „Schau...“, wandte sie sich an ihn, „Matylda

und ich haben uns fast zehn Jahre nicht gesehen. Eine

lange Zeit, nicht wahr?“ Sie klopfte die Asche ab. Jakub nickte.

„Ich entdecke sie ganz neu. Alles an ihr ist anders. Du

erinnerst auch in nichts an den Kerl, den sie damals liebte.

Ihr Mann... Das klingt seltsam, wenn man über jemanden

wie Matylda spricht.“

Sie sah ihn mit einem ironischen Lächeln an, sie wollte

sehen, welchen Eindruck das auf ihn machte. Jakub trug

jedoch bereits die Maske der Gleichgültigkeit. Er stieß Zigarettenrauch

aus und beobachtete das graue Wölklein gelassen,

als beträfe die ganze Ansprache gar nicht ihn.

„Zehn Jahre?“, fragte er einen Augenblick später und gestattete

auch sich einen Anflug von Ironie. „Ausland, Gefängnis

oder Nervenheilanstalt?“

Olga lachte auf.

„Erraten. Jetzt muss man nur noch ‚oder’ herauslassen“,

sagte sie, „es hat sich doch gelohnt, sich von hier für eine

Weile loszureißen, um jetzt euch beide und all das ringsherum

zu sehen. Ein gar nicht übles Irrenhaus. Vielleicht auch

ein Wanderzirkus. Ja, das ist wohl der bessere Ausdruck. Und

die da“, sie deutete auf mich, „immer auf dem Hochseil, mit

dem Schirmchen. Früher hat sie sich darauf herumgetrieben,

weil sie glaubte, die Erdanziehungskraft gäbe es für sie nicht,

jetzt weiß, dass das nicht stimmt, aber sie möchte sich an

diesen Zustand erinnern, als sie sich täuschte. Vielleicht ist

der Grund auch ein anderer? Vielleicht sucht sie da oben

Seilakrobaten? Wer kennt sich schon bei ihr aus? Und du,

was denkst du dazu?“

„Ich denke, dass es dir auf solchen Absätzen schwer fiele,

auf dem Seil zu gehen.“

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

Zysk i s-ka

Poznań 2007

125 × 195 • 318 pages

paperback

ISBN: 978-83-7506-062-1

Translation rights:

Hanna Kowalewska

Contact: Zysk i s-ka

Hanna Kowalewska Die Maske des Harlekins

65

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Wacław Holewiński Der Weg nach Putte

66

Photo: Włodzimierz Wasyluk

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Ein Buch wie Der Weg nach Putte hat es in der polnischen Literatur

der letzten Jahre nicht oft gegeben. Holewiński entwirft eine

faszinierende Geschichte über die Biographie eines der führenden

flämischen Maler des Barock, Jacob Jordaens (1593-1678).

Die Handlung des Romans setzt im Jahr 1640 ein. Zu diesem

Zeitpunkt ist Jordaens bereits ein gereifter, anerkannter und

vermögender Maler: Er hat eine liebende Frau, wohlgeratene

Kinder und ein prächtiges Haus. Doch wie so viele Künstler ist

auch Jordaens von einer schöpferischeren Unruhe erfüllt. Sein

Verhältnis zu Rubens, mit dem er sich immer wieder vergleicht,

trägt deutlich zwanghafte Züge. Er ist nicht sicher, ob er wirklich

ein künstlerisches Genie oder nur ein überaus begabter Handwerker

ist. Doch Holewińskis Roman erzählt nicht nur von den

Höhen und Tiefen einer Künstlerbiografie,

vom Leben eines unermüdlichen

Arbeiters, der alles andere

der Malerei unterordnete. Im Hintergrund

entwirft er auch ein detailliertes Bild des Alltagslebens

im Antwerpen des siebzehnten Jahrhunderts, einer ehemals

blühenden Handelsmetropole, die zunehmend im Verfall begriffen

ist und von politischen und religiösen Konflikten geschüttelt

wird. Der Weg nach Putte ist aber auch – und vielleicht vor allem

– ein Roman über das Leiden an der Vergänglichkeit und über

die Auseinandersetzung mit dem Tod. Nicht zufällig erwähnt der

Autor im Titel des Romans den Ort, an dem Jordaens und seine

Angehörigen beigesetzt wurden. Für den Maler selbst war der

titelgebende „Weg nach Putte“ ein überaus schmerzvoller: Da er

selbst ein sehr hohes Alter erreichte, musste er sich mit Tod fast

aller seiner Angehörigen abfinden. Doch Jordaens überließ sich

nie seiner Verzweiflung, immer fand er Trost in der Malerei.

Wacław Holewiński (geb. 1956), Romanschriftsteller,

Dramatiker, Herausgeber und

Redakteur.

Wacław Holewiński Der Weg nach Putte

67

Robert Ostaszewski

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Wacław Holewiński Der Weg nach Putte

68

– Rubens

– warf jemand von

der Seite ein.

Ein anderer erblickte

eine vorzügliche Ähnlichkeit zwischen der Gestalt auf dem

Bild und dem seligen Frederik Hendrik, der allen noch lebhaft

vor Augen stand.

Nur Beck, ein reicher Kaufmann aus Den Haag, erlaubte

sich eine spitze Bemerkung:

– Wenn das Rubens sein soll, wie glücklich können wir

uns da schätzen, dass wir unseren Rembrandt haben.

Jordaens lauschte diesen Urteilen anfangs noch mit einer

gewissen Befangenheit, doch mit jedem weiteren Lob hellte

sich seine Miene auf und wuchs sein Selbstbewusstsein. Ihm

selbst schien es, als ermangele es dem Bild an jenem pulsierenden

Rhythmus, jener Intensität, die er in anderen Szenen,

auf anderen Bildern mitunter eingefangen hatte. Da dies jedoch

keinem der Anwesenden weiter auffiel...

– Meister – die Fürstin hakte sich bei ihm ein und schritt

neben ihm vom einen Ende des riesigen Gemäldes zum anderen

– wenn die beiden anderen Bilder genauso schön werden...

Ich werde stolz sein, solche Werke zu besitzen.

Sie ließ Wein kommen. Einen Augenblick später brachte

sie einen Toast aus, jedoch nicht auf ihn, sondern auf die

Zukunft.

– Auf dass dieses Haus in Zukunft möglichst oft Künstler

von eurem Rang zu Gast haben möge.

Der Klang zerbrechenden Glases, der auf die Unaufmerksamkeit

einer der Damen zurückzuführen war, löste allgemeine

Heiterkeit aus.

– Ein gutes Zeichen – rief einer der anderen Maler und

wandte sich gleich darauf an Jordaens, um ihm die verdiente

Ehre zu erweisen.

Die Fürstin überließ ihn seiner Obhut und unterhielt sich

eine Weile mit dem jungen Jacob. Sie bat ihn, ihr zu zeigen,

worin sein Anteil an dem Werk bestanden hatte. Anschließend

lauschte sie einer lebhaften Unterhaltung zweier Maler,

die mit ihren sachkundigen Bemerkungen über die Originalität

des Kolorits und die unterschiedliche Farbdichte in

den hellen und dunklen Bildpartien eine vielköpfige Zuhörerschaft

um sich geschart hatten.

Der Maler, der neben dem Auslöser dieses Aufruhrs stand,

Egbertus Kuipt, wollte Jacob unbedingt in sein Atelier einladen.

Er selbst malte keine großen Gemälde, wie Jordaens,

sondern, in der Art seines entfernten Vetters Gerard

ter Borch, kleinere Bilder, auf denen er reiche Bürger mit

ihrer Dienerschaft darstellte. Mit großer Sorgfalt arbeitete

er an jeder einzelnen Feder, jeder Portiere und jeder Spitzenmanschette,

und eben daher rührte seine Bewunderung

für Jacob, der auf einem so großen Gemälde nicht nur die

Details erfasste, sondern auch scheinbar mühelos gewisse Figuren

mit dem Hintergrund verschmelzen ließ, ein Gefühl

für den Raum vermittelte, seine Verbundenheit mit der Tradition

ausdrückte, etwas in sie einfließen ließ, das als „glatte

Malerei“ bezeichnet wurde, und obendrein durch gezielten

Einsatz des Lichts keinen Zweifel daran ließ, welche der Figuren

die wichtigste war.

Jacob, den es aus heiterem Himmel am ganzen Körper zu

jucken begann, nahm Kuipts Einladung an und drückte ihm

die Hand. Mit einem Mal spürte er, wie alles von ihm abfiel:

die Aufregung, die Sorge, eine gewisse Angst. Er hatte

gewusst, dass dieser Moment kommen würde, in dem andere

ein Urteil über seine Kunst fällen würden, doch er hatte

nicht geahnt, wie abhängig er noch immer von diesem Urteil

war. Nur gut, dass die Fürstin zu dieser unangekündigten

Vorführung Menschen wie ihn eingeladen hatte, Künstler,

die Talent und unermüdlichen Fleiß besaßen und die die

Welt mit anderen Augen sahen. Und wie ein Kind freute er

sich über ihre Anerkennung.

Jacob nahm an diesem Tag noch viele Gratulationen

entgegen. Er zweifelte nicht an ihrer Aufrichtigkeit, einen

Moment lang glaubte er sogar, dass niemand anders als er

selbst... Hochmut – erkannte er freilich noch im selben Augenblick

– Rüstzeug des Teufels... Schnell kam er wieder zur

Besinnung. Nachdem alle gegangen waren, setzte er sich auf

eines der Podeste und betrachtete lange sein Werk. Und als

er lange genug gesessen hatte, griff er nach seinem Pinsel und

warf ihn auf den Boden.

Der junge Jacob war den Tränen nahe, als er sah, wie sein

Vater zerstörte, was andere für ein Meisterwerk gehalten

hatten.

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– Warum? – stieß er hervor.

– Warum? – wiederholte Jordaens die Worte seines Sohnes.

– Du hast einmal gesagt, dies würde mein bedeutendstes

Werk werden, weißt du noch? – erinnerte er ihn an

ein früheres Gespräch. – Ich möchte nicht, dass irgendjemand

denkt, zu mehr sei ich nicht imstande. Aber mach dir

keine Sorgen – versuchte er ihn zu trösten. – Du kannst mit

dem zweiten Bild beginnen. Mit diesem werde ich schon allein

fertig.

Und bis zum Abend sprach er kein Wort mehr. Jetzt malte

er, wie sein Herz es ihm eingab, und nicht nach einem

bestimmten Plan. Die Kartons konnte er beiseite legen, sie

zerreißen und verbrennen lassen, er brauchte sie nicht mehr.

Der allgemeine Ausdruck des Bildes blieb in etwa der gleiche,

doch jetzt erfasste er in den Umrissen der Figuren etwas,

das zuvor niemand dort erahnt hätte. Frederik und Maurits

erschienen nun als Inbegriff von Entschlossenheit, Stärke

und Mannhaftigkeit. Die Frauengestalt – jener über ihnen

schwebende Engel – war nicht mehr nur eine Dekoration,

ein abschließendes Ornament, plötzlich wurde sie zu einem

Objekt der Begierde, zum Gegenstand lüsterner Blicke und

Seufzer. Sie war Mutter und Geliebte, Heilige und Hure. Sie

schaute in ihre Gesichter, martialischen Mienen, die doch

nicht für sie, sondern für den Feind bestimmt waren. Jacob

wusste, dass er sich etwas näherte. Noch konnte er es nicht

berühren, doch er näherte sich jenem Bereich, jenem Ort, an

dem die Fantasie eins wurde mit dem, was unter seiner Hand

auf der Leinwand entstand.

Er ging zu seinem Sohn, nahm ihn bei der Hand und führte

ihn zu dem Gemälde. Er stellte sich hinter ihn und wartete

auf seine Reaktion. Der junge Jacob besah sich lange die Veränderungen.

Als er sein Schweigen schließlich brach, klang

das, was er sagte, wie ein Seufzer der Erleichterung.

– Ich wollte es dir gegenüber zuvor nicht erwähnen – sagte

sein Sohn ohne sich umzudrehen, ohne ihm in die Augen

zu schauen. – Ich habe gesehen, wie du dich gequält hast.

Ich hoffte, glaubte fest daran, dass du eine Methode finden

würdest... Vielleicht habe ich heute als Einziger hier gewusst,

dass kein Lob in der Lage sein würde, dich zu täuschen. Mir

scheint, die nächsten beiden Bilder werden dir keine Schwierigkeiten

mehr bereiten. Ich möchte nur wissen, was die anderen

zu den Änderungen sagen werden.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau

Wydawnictwo Dolnośląskie

Wrocław 2007

160 × 230 • 270 pages

paperback

ISBN: 83-7384-603-6

Translation rights:

Wacław Holewiński

Contact:

Wydawnictwo Dolnośląskie

Wacław Holewiński Der Weg nach Putte

69

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Lidia Amejko Viten der Heiligen der Siedlung

70

Photo: Danae Ribbitsch

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Lidia Amejko trägt in ihrem Buch Antworten auf die Frage zusammen:

Wie erklärt man sich die programmatische Tatenlosigkeit

der Bewohner einer großstädtischen Plattenbausiedlung? Vor

allem derer, die keinen Schritt aus der Schlafzimmer-Vorstadt

tun – der Säufer, die sich um den einzigen Laden in der Siedlung

herumdrücken, der Hausfrauen, die wie angenagelt an den

Fenstern und den Fernsehern hängen, und der Rentner, die aus

dem von Arbeit erfüllten Lebensrhythmus herausgefallen sind.

Ihre täglichen Rituale sind leicht zu beobachten, aber was geht

in ihrer Seele vor? Worüber debattieren sie, wie nehmen sie ihre

Existenz und ihren Platz im göttlichen Heilsplan wahr – sofern sie

sich einen solchen überhaupt zuschreiben? Indem die Autorin

diese Menschen zur Aktivität, nämlich zur Selbstreflexion zwingt,

gewinnt sie dem scheinbaren Marasmus einen philosophischen

Sinn ab.

Nicht auf ein Lob des kleinen Realismus, nicht auf ein Lob der

Armen im Geiste will Amejko hinaus. Die surrealen Betätigungen

und die metaphysische Reflexion, die

die einzelnen „Heiligen“ beschäftigt,

sind pure Erfindung. Sie hat etwas

Komisches. Komisch ist, wie das,

was nicht nur scheinbar nutzlos und gedankenlos ist, zum Erhabenen

wird. Amejko schöpft aus der Bibel, aus der Geschichte

der Philosophie, der Kunst und der Literatur, und zugleich

übersetzt sie diese zur Hochkultur gehörenden Elemente in eine

Art biblia pauperum. Sie paßt sie so an, daß sie zum selbstverständlichen

Bestandteil einer plebejischen Erzählung werden. An

dieser sind die Viten der Heiligen der Siedlung sprachstilistisch

ausgerichtet.

Sowohl die Stilisierung als auch der Rückgriff auf hochkulturelle

Bezüge sind hier mit meisterhafter Konsequenz ausgeführt.

Fremde, übergestülpte Ornamente springen natürlich ins Auge,

sind aber gleichzeitig so vollkommen in die Erzählung eingeschmolzen,

als gehörten sie zu ihr. Durch die Integration des

Widerspruchs erreicht Lidia Amejko ein Ergebnis, das von Anhängern

des Realismus oder Reportage-Autoren mit anderen

Mitteln erreicht wird – das, was einem weniger sensiblen Beobachter

trivial und nicht beachtenswert erscheinen könnte,

wird von ihr geadelt.

Marta Mizuro

Lidia Amejko (geb. 1955), Schriftstellerin

und Dramatikerin. Ihre Stücke wurden in mehrere

Sprachen übersetzt.

Lidia Amejko Viten der Heiligen der Siedlung

71

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Lidia Amejko Viten der Heiligen der Siedlung

72

Dazu

sage ich euch: Kyrill starb täglich aus

Angst vor dem Tod!

„Was soll denn das?!“ ruft ihr. „Jeder

hat doch Angst vor dem Tod (solange er nicht getrunken

hat), aber aus Angst wird man kein Heiliger! (Allein aus

großem Mut, wovon dann den Kindern in Religion erzählt

wird). Wieso sollen wir einen feigen Waschlappen zu den

Heiligen zählen?“

„Haltet einen Moment die Klappe, verdammich, und

hört zu!“

Es fiel Kyrill nicht leicht, aus Angst vor dem Sterben zu

sterben, und so kam er eines Tages auf die Idee, sich vielleicht

ein bißchen mit dem Tod vertraut zu machen und zu

sterben, aber nur ein ganz klein bißchen, eine Prise auf der

Fingerspitze, versuchsweise. Um zu sehen, ob es wirklich so

schrecklich ist.

Er legte sich aufs Sofa und drückte auf die Fernbedienung,

um sich nicht während seines Sterbens zu verzetteln, denn es

ist bekanntlich blöde, mit einem Auge zu sterben und mit

dem anderen in die Röhre zu glotzen. (Das ist, Mann, die

bewegendste Frage in der Siedlung: wie man sein endgültiges

ENDE mit der Serie abstimmt, die sich bis in alle EWIG-

KEIT hinzieht.)

Kyrill drückte also, der Bildschirm wurde blaugrau, wie

eine Leiche, in der Mitte glühte noch für einen Moment das

helle Pünktchen wie eine Seele, und dann ging mit einem

leisen Klick der Fernseher aus.

Kyrill machte also die Augen zu und starb.

So schlimm war es gar nicht!

Am nächsten Tag wachte er zufrieden auf und schaute

voller Freude in die Welt – wie bekanntlich ein jeder nach

dem Tod! Er briet er sich ein Rührei mit Speck und sang

dabei fröhlich vor sich hin, aber gegen Abend beschlich ihn

die Furcht, daß er bei seinem Sterben etwas vergessen haben

könnte, daß es irgendwie zu reibungslos gelaufen war, daß er

es auf alle Fälle noch einmal nachprüfen sollte!

So starb er am zweiten Tag.

Am dritten Tag aß er sich satt, aber am Abend wurde er

wieder unruhig und kreiste wie ein Hündchen, das Gassi gehen

muß. Er wußte inzwischen, daß er nicht auf den Film

nach der Tagesschau warten würde, sondern der Ewigkeit, die

ihn in Schrecken versetzt, erneut ins Auge schauen wollte.

Und so ging es von nun an Tag für Tag.

Kyrill starb, dann stand er wieder auf von den Toten und

machte sich das Frühstück.

Anfangs war er sogar glücklich, aber bald kam es ihm blöde

vor, daß er eigensüchtig vor sich hin starb, nur für sich

allein, ohne an die anderen zu denken. Denn wenn ihm dieses

Sterben schon so gut von der Hand ging, warum sollte er

dann nicht für einen anderen sterben, der nicht eine solche

Übung darin hatte wie er?

Er hängte im Laden eine Bekanntmachung aus: „Sterbe

kostenlos. Bestellungen unter Telefon 3452861, Kyrill

Damasceński.“

Als erste rief Frau Hapiór an, ob er nicht für sie sterben

wollte, sie hätte vor den Feiertagen so viel zu tun und wüßte

gar nicht, wo sie anfangen soll, und mit dem Tod, da könnte

sie sich nicht mehr entsprechend vorbereiten. Sie würde zu

einem späteren Termin sterben, wenn sie mehr freie Zeit hätte.

Und für Kyrill würde sie einen Käsekuchen backen.

Dann rief Herr Kruczek an, der während der Besatzung

hundertmal um ein Haar getötet worden wäre und den Tod

ganz und gar nicht fürchtete; jetzt aber brauchte er nur an

ihn zu denken, und schon würde er blaß, weichlich und zittrig

und müßte pausenlos weinen. Gar nicht mannhaft. Janina

O., Dienerin des Saums, hätte ihm zwar den Übergang

zum Nichts hübsch umsäumt, und Herr Kruczek würde

auch Nacht für Nacht in dieses Loch gaffen, aber irgendwie

hätte er Angst, ins Jenseits hinüberzukriechen. Ob Kyrill also

nicht, als Nachbar, für ihn sterben wollte – als Dank dafür

würde Herr Kruczek ihm den Abfluß reparieren.

Verschiedene Leute wandten sich an ihn.

Einer, der zu ihm kam, war gerade auf Entzug, wollte

ein neues Leben beginnen und hatte keine Lust, dabei zu

sterben; ein anderer wollte bei der Hochzeit seiner Tochter

dabeisein, und wieder andere hatten sich einen billigen Auslandsurlaub

gekauft, als sich plötzlich herausstellte, daß für

sie selbst die last minute gekommen war!

Kyrill war glücklich, weil er jetzt für andere starb!

Und es ging ihm gut, denn jeder bedankte sich bei ihm mit

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einem Geschenk. (Was sagt ihr nun? Kommt ihr euch nicht

dumm vor, daß ihr übel über ihn hergezogen seid? Zeigt mir

einen Heiligen, der für so viele sein Leben geopfert hätte wie

Kyrill!)

Nur im Himmel stieß die Sache auf Mißfallen.

Bei einer Kontrolle stellte sich ein Fehlbetrag heraus: In der

Siedlung sterben Leute, gut, aber Oben kommt keiner an!

In der Rubrik „Tod“ ist bei Frau Hapiór ein Vogel vermerkt,

während sie selbst durch die Siedlung geistert, als

wenn nichts wäre, und für die Leute auch noch Käsekuchen

backt!

„Was ist denn das?“ entrüstete sich der Herr. „Das ist

mir von Anbeginn der Welt noch nicht vorgekommen. Ich

weiß, ich weiß, die Menschen sind durchtrieben und haben

den Tod seit jeher betrügen wollen! Was sie sich nicht alles

ausgedacht haben: Betten haben sie umgedreht, mit dem

Vorderteil zum Fenster, und Namen haben sie vertauscht.

Einer, Nondum, hätte es fast geschafft: er war dermaßen

leer, daß zum Sterben gar nichts da war, und daher mußte

Psychopompa zu ihm geschickt werden, um ihn zunächst

mit sinnlichem Leben auszustopfen und ihn anschließend

auf die andere Seite zu schubsen. Und dann war da noch

dieser Schlauberger Farrago! Er hat mich dermaßen angekohlt,

daß ich ihn wieder vom Himmel zur Erde zurückgeschickt

habe.“

Der Engel Buchhalter flog in die Siedlung hinunter, um

der Sache auf den Grund zu gehen. Bei Jericho machte er

Station, trank ein Bier, schwätzte mit den Leuten und fühlte

sich gleich wie zu Hause.

Zu Kyrill begab er sich mit provokativer Absicht: ob Kyrill

nicht für ihn sterben wolle. Kyrill war einverstanden, nahm

die Knete, für den Engel wollte er sterben. Aber dann ging

es nicht weiter.

Kyrill traten nur die Augen aus den Höhlen, er röchelte,

rasselte, der Tod war ihm mittendrin ins Stocken geraten,

steckte ihm wie eine Gräte im Hals – es ging weder vor noch

zurück. Derweil legte der Engel ihm Fesseln an und brachte

ihn vor das Gericht Gottes.

So endeten die guten Zeiten in der Siedlung, als die Leute

überhaupt nicht starben.

Der Herr in seiner Barmherzigkeit sah sogar von einer Bestrafung

Kyrills ab und befahl ihm lediglich, die Seelen zurückzugeben,

damit die Bücher im Himmel stimmten.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese

W.A.B.

Warsaw 2007

123 × 195 • 232 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7414-340-0

Translation rights: W.A.B.

Lidia Amejko Viten der Heiligen der Siedlung

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Adam Zagajewski Der Dichter spricht mit dem Philosophen

74

Photo: Danuta Węgiel

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Ein neuer Essayband Adam Zagajewskis über die Natur des

Schreibens, das Verhältnis der Literatur zu Philosophie und

Geschichte, über sich und andere, über Miłosz und Herbert,

Gombrowicz und Cioran, Márai und Kertész. Der Titel des

Bandes – Der Dichter spricht mit dem Philosophen – entstammt

einem Text über den Briefwechsel zwischen Zbigniew Herbert

und Henryk Elzenberg. „Ein ausgezeichneter Titel für das

ganze Buch“, schreibt eine begeisterte Rezensentin, „denn die

Aura des Gesprächs erfüllt alle hier versammelten Texte. Sie

sind Rechenschaftsberichte über Lektüren und Reflexionen,

Niederschrift der Verblüffung, des Staunens. Gesprächsanlass

sind Betrachtungen über das Schreiben, vor allem aber über die

Poesie“. Zagajewski interessiert die Poesie, die „den Katastrophen

zum Trotz registrierte und damit den Fortbestand unseres

geistigen Lebens aufrechterhielt, mitgestaltete, mitschuf – jener

unausgesetzten, von vergangenen Generationen ererbten Kontemplation,

die in der Erfahrung des

Schönen und Bösen kulminiert, der

Zeit und des Guten, der Transzendenz

oder – für andere – des Nichts,

der Meditation, etwas in Art einer

permanenten Nachtwache in der Notaufnahme, ohne die das

Menschentum in der uns bislang bekannten Form ernsten Schaden

nähme“.

„Ich weiß nicht, wie der Platz überschrieben werden wird, den

Adam Zagajewski letztlich in der polnischen Kultur einnehmen

wird“, schreibt Irena Grudzińska-Gross. „Er passt unter keine

Formel, obwohl er als Dichter und Schriftsteller in der unmittelbaren

Mitte der polnischen und europäischen Literaturtradition

steht. Vielsprachig, hochgebildet schreibt er in seinen Gedichten

über Musik und Philosophie, über andere Dichter, Architektur

und Kunst. Dennoch ist das keine klassische Dichtung, die vom

heutigen Tag losgerissen wäre; ganz im Gegenteil, sie berührt

das Alltägliche, die Menschen greifen in Augenblicken der Angst

nach ihr. Sie bringt Linderung, von dieser Poesie sprach Susan

Sontag, obwohl sie keine Trostdichtung ist. Der Dichter Zagajewski

trägt keinen Zorn, keine Besessenheit in sich, er ist jedoch

entschieden und unbeugsam. Ihn zu lesen ist kein Kampf,

sondern eine Art Gespräch, das abhängig macht.“

Adam Zagajewski (geb. 1945), Dichter,

Erzähler, Essayist, Preisträger renommierter

Literaturpreise, in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Adam Zagajewski Der Dichter spricht mit dem Philosophen

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Adam Zagajewski Der Dichter spricht mit dem Philosophen

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Auf

dem Computer schreiben. Ändert das etwas?

Mit einem Gänsekiel schreiben, einem

kostbaren Füllfederhalter, einem Bleistift...

Die ersten Schreibmaschinen: riesige, schwarze Dinosaurier,

mit goldenen Schriftzügen verziert, heute Schmuck von Restaurants

und Bankräumlichkeiten. Meine Entdeckung der

Schreibmaschine: Mein Vater, Ingenieur und Professor am

Politechnikum, benutzte diese Maschine häufig. Bisweilen

bat er, wenn er ein wissenschaftliches Buch (zu technischen

Fragestellungen) oder ein Lehrbuch für den Druck vorbereitete,

Mama um Hilfe, die den für sie völlig unverständlichen

Text mühselig abtippte. Ich sah ihr dann gerne zu — mit

Brille, voller Konzentration, war sie jemand völlig anderes

als normalerweise. Aber die mathematischen Formeln, die

kompliziert waren wie ein Genomnotat, fügte Vater selbst

mit dem Bleistift ein.

Die Entdeckung der Schreibmaschine meines Vaters war

für mich etwas Epochales. Vater erlaubte, dass ich von Zeit

zu Zeit auf seiner Maschine das Schreiben übte. Anfänglich

gelang mir das nur sehr holprig, ich benutzte nur einen Finger,

dann zwei. Oft verhakten sich die Typenhebel ineinander,

blockierten sich, ich musste sie dann aus diesen kleinen

Katastrophen befreien. Trotzdem erschien mir die Schreibmaschine

als eine außergewöhnliche technische Errungenschaft:

der Schlitten, die Zahnräder, vor allem aber die Walze,

die eine schwarze, glatte Substanz überzog, deren Wesen weiche

Passivität war, das Entgegennehmen der Typenschläge,

die Walze, die sich gehorsam drehte und das eingespannte

Blatt Papier zum selben Gehorsam zwang — all das weckte

meine höchste Bewunderung. Das hatte die Menschheit

im Zuge der mechanischen Erfindungen erreicht, die sich

allmählich im Laufe der Jahrhunderte angesammelt hatten.

Und endlich entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts diese

fantastische Maschine. Das trockene Knallen der Typen gegen

die Walze gehört zu den edlen und rhythmisierten Lauten.

Bis heute bin ich eigentlich davon überzeugt, obwohl

dem Anschein nach nichts diese Überzeugung stützt, dass

die Schreibmaschine eine komplexere Apparatur ist als der

Computer. Ihr tadelloses Benehmen... Der Klingelton, wenn

man zum Blattrand gelangt — als führe man Schlitten, im

Winter. Der chromblitzende Schreibmaschinenschllitten...

Der leichte Duft von Maschinenöl... Nur eines störte mich:

die Notwendigkeit unablässigen Reinigens der Typen, auf

denen sich der Staub sammelte, der sich auf das schwarze

Farbband gelegt hatte.

Als ich die Kunst des Maschineschreibens mehr oder weniger

beherrschte, machte ich die nächste Entdeckung: Vor

mir lag nicht mehr die blutarme Schlangenlinie meiner ungeschickten

Handschrift, sondern nur gleichmäßige, runde

oder spitze Buchstaben in einer idealen Reihe, die einander

nicht auf die Fußzehen traten, immer denselben Abstand

zueinander einhielten wie die Ehrenkompanie eines kleinen

Landes. Diese Lettern, die ich alle liebte, waren ein Meisterwerk

der Grafik; das war schon fast ein Buch, ein Druck. Auf

diese Weise schlug die Schreibmaschine die Brücke zwischen

Seele und äußerer Welt, zwischen Privatestem und Öffentlichem,

und das blitzartig, sofort, ohne die Vermittlung von

Lektoren, Verlagen, Literaturagenten.

Baut der Computer auch eine ähnliche Brücke? Ja, natürlich.

Am Anfang aber irritierte mich die Lautlosigkeit des

Computers. Die Nachtarbeiter segneten sie, einer meiner

Freunde musste schon vor vielen Jahren auf die Arbeit mit

dem Computer ausweichen, weil seine Nachbarn in einem

Pariser Wohnhaus gegen den nächtlichen Lärm protestierten.

Sie konnten nicht schlafen.

Das Hämmern der Schreibmaschine tat der gesamten Umgebung

kund, dass hier Wichtiges geschah: dass hier Energie

unseres geistigen Lebens freigesetzt wurde und sich auf

weißem Papier materialisierte. Die Kanonade der Typen, die

aufs Papier hämmerten, waren Triumphsalven; die Geburt

eines neuen Satzes (denn oft schrieb ich direkt in die Maschine,

sogar Gedichte – nur ihre ersten Fassungen notierte

ich mit einem Füller, einem Bleistift oder einem Kugelschreiber)

begleiteten Schüsse, fast schon Feuerwerke. Jetzt gehe

ich, wenn ich den Computer gebrauche, fast immer gleich

vor: Die ersten Fassungen eines Gedichts entstehen im Notizbuch

oder auf einem Blatt Papier, erst dann überführe ich

sie auf den Bildschirm. Und der Computer schweigt mit der

ihm eigenen Diskretion, oder er schweigt fast. Wir hören

das sanfte Klackern der Tastatur, aber gewöhnlich nur dann,

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wenn es um einen anderen geht. In der Bibliothek oder einem

ruhigen Café (wenn es ruhige Cafés noch gibt) wird uns

das Morsealphabet einer fremden, nicht unserer eigenen Tastatur

stören. Die eigene stört uns nie. Da wir früher nichts

gegen die Marschmusik einer Remington oder Olivetti einzuwenden

hatten...

Ändert das etwas? Ändert sich etwas an der Natur des

Schreibens dadurch, dass wir anstelle des Gänsekiels den

Computer verwenden? Für jemanden, dessen Jugendliebe

der Schreibmaschine galt, ändert das mit Sicherheit bedeutend

weniger als für alle diejenigen, die nur mit der Feder

begannen, mit dem handschriftlichen Schreiben. Im allgemeinen

ist man der Ansicht, dass die Erfindung des Computers

für die Literatur eine nicht allzu glückliche Vergrößerung

der Produktion bedeute, eine Vielwörterei, eine übermäßige

Leichtigkeit des Schaffens. Die stummen Tage oder Wochen,

in denen es mir nicht gelingt zu schreiben, sind heute genauso

stumm, wenn mein Laptop auf mich wartet, wie sie früher

stumm waren, als eine Schreibmaschine auf dem Schreibtisch

stand und neben ihr Feder, Kugelschreiber, Bleistift

und Notizbuch lagen. Die guten oder vollkommenen Tage

sind nicht noch großartiger geworden. Die mittleren Tage

sind genauso durchschnittlich wie in früheren Jahren. Es hat

sich nicht viel verändert.

Der menschliche Geist, unsichtbar, fragil und zugleich

unbesiegbar, muss mit verschiedenen Materialien und Techniken

arbeiten und kommt mit ihrer unablässigen Weiterentwicklung

hervorragend zurecht. Da er auch mit unserem

so fehleranfälligen Körper zurechtkommt, mit den Fingern,

Alter und Krankheit, Rheuma und Neurose, da er abends

einschläft und morgens erwacht und im Traum werweißwohin

reist — was sollte er den Computer fürchten?

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

Zeszyty Literackie

Warsaw 2007

210 × 135 • 145 pages

paperback

ISBN: 978-83-60046-85-2

Translation rights:

Adam Zagajewski

Contact: Zeszyty Literackie

Adam Zagajewski Der Dichter spricht mit dem Philosophen

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Marek Bieńczyk Durchsichtigkeit

78

Photo: Elżbieta Lempp

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Was verbindet die Poesie und Architektur mit den Herrschaftskonzepten

der letzten beiden Jahrhunderte? Marek Bieńczyks

Antwortet lautet: die Idee der Durchsichtigkeit. Die zweihundertjährige

Geschichte der Moderne, die Bieńczyk rekapituliert

und von der er Abschied nimmt, bezog ihre Dynamik aus dem

Projekt, die Welt sichtbar zu machen. Es begann mit Jean-Jacques

Rousseau, der in seinen Schriften die Idee der Durchsichtigkeit

als Ideal zwischenmenschlicher Beziehungen vertieft

und erweitert. Jeremy Bentham ging in die entgegengesetzte

Richtung – sein Ausgangspunkt war das Konstruieren von zwischenmenschlichen

Beziehungen. Das 19. Jahrhundert und die

erste Hälfte des 20. Jahrhunderts entschieden sich für Bentham.

Die gesellschaftlichen Institutionen strebten danach, das Leben

transparent zu machen. Nach den totalitären Systemen kam es

zu einer Abkehr von der Durchsichtigkeit als Vorstellung, die die

Beziehungen zwischen Herrschaft und Gesellschaft prägt. Aber

die Ideologie der Transparenz überlebte...

Woher kommt nach dem

Ende der Moderne die Durchsichtigkeit

– die doch ein Kind der Moderne

ist? Die Antwort auf diese Frage ist eines der interessantesten

Themen des Buches. Bieńczyk vertritt die Ansicht, dass

die Durchsichtigkeit – die zur einzigen allgemein anerkannten

Ideologie aufgestiegen ist – ein unrechtmäßiges Erbe der Moderne

ist. Die Modernisierung versuchte nämlich, Bedingungen

zur vollständigen gesellschaftlichen Kontrolle zu erarbeiten,

und zwar mittels einer perfekten Organisation. Dagegen ist die

heutige Durchsichtigkeit ein merkwürdiges Schutzschild gegen

die Unvollkommenheit unserer Institutionen. Aber Marek

Bieńczyk beschränkt sich nicht darauf, vom Wandel des politischen

Denkens zu berichten. In seinem Buch skizziert er auch

die Geschichte der Durchsichtigkeit in der europäischen Poesie

und Architektur und erzählt von der Bedeutung dieser Idee in

Konzepten des öffentlichen Raums. Und noch eines: Bieńczyks

Buch ist ein existentieller Essay; das heißt in seinem Schreiben

sind die eigenen Erlebnisse ein Element der Erzählung und Argumente

der Ausführungen.

Przemysław Czapliński

Marek Bieńczyk (geb. 1956), Prosaschriftsteller,

Essayist, Literaturhistoriker, Übersetzer aus dem

Französischen.

Marek Bieńczyk Durchsichtigkeit

79

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Marek Bieńczyk Durchsichtigkeit

80

Über

die Durchsichtigkeit und Durchschaubarkeit

wollte ich schon seit vielen

Jahren wenigstens ein paar Seiten

schreiben. Die Durchsichtigkeit, sagte ich mir, ruft mich,

bohrt in mir wie eine Sonde, ist mein Thema. In fremden

Städten wählte ich zum Mittagessen Restaurants mit Panoramafenstern,

abends blieb ich vor beleuchteten Schaufenstern

stehen, die Freunde begannen sich über mich lustig

zu machen und mir Glaskugeln zu schenken, es entstand

eine ordentliche Sammlung. Ich hatte einen Glastick, ich

betrat Zoohandlungen, um in die Aquarien zu starren, ich

kehrte zu den Museen zurück, in denen Exponate (in Bozen

dieser seltsame Ötzi, ein eingefrorener Schneemensch,

Urahn, der mit einem Köcher voller Pfeile im Gletscher aufgefunden

wurde) hinter Panzerglas ausgestellt wurden; ich

zog es vor, Lenin und Mao Tse-tung in ihren gläsernen Särgen

zu vergessen. Arbeitete ich an irgendeinem Text, dünnte

ich unwillkürlich dessen konkreten Gehalt aus, die Wörter

mieden die Bedeutungen, den Metaphern gingen die Ideen

verloren, alles bewegte sich unvermeidlich auf die Abstraktion

zu, hinter den Sätzen schimmerte das Weiß hervor. Es

klingt lächerlich, aber ich mochte klare Suppen, Essen mit

Gelatine, Fisch oder Fleisch in Sülze, in Aspik, und ähnliche

Speisen. In der Wohnung hängte ich Reproduktionen der

Gemälde Edward Hoppers auf, sie glänzten hinter Glas wie

zu kitschige Heiligenbildchen.

Ich mochte Hopper, so wie andere Erinnerungen mögen.

Ich hatte das einst erlebt, so war es schon einmal gewesen;

in Fantasien und Gedichten wurde ich der Held verschiedener

Bilder, der Typ in der Glasveranda, der in den endlosen

Horizont starrt, jener Cafébesucher, der aus dem Fenster auf

die leere Straße schaut. Manchmal zog ich Olga in diese Fantasien

mit hinein; wenn ich ihr davon erzählte, wurde sie

ärgerlich, also verstummte ich schnell. Natürlich (stellte ich

mir vor) waren wir vor allem Nighthawks, Nachthabichte,

Vögel der Dunkelheit, Nachtschwärmer und Nachtfalter,

wenn wir in verglasten Bars saßen, die sich um Mitternacht

wie die Nester nach dem Frühling leerten; wir nippten an

unseren Drinks mit amerikanischen Namen, Bronx, Manhattan,

und beim letzten Whisky waren wir schon alleine,

versunken in die feierliche Stille nach dem Leben, das ausgeflogen

war. Sie füllte uns aus wie Helium; wir schwebten

leicht über der Erde, über uns selbst, geflügelte Wächter des

Planeten, dessen Emissäre in der kosmischen Nacht. Wir

fühlten uns frei und obdachlos; unsere Gemeinschaft, Olgas

und meine, konnte irgendwo über der Stadt fortbestehen

und musste nicht in ihren Mauern sterben, sondern war verurteilt

zum ziellosen Umherirren durch die Himmelsalleen,

über die Felder an der Weichsel, durch die Stadtteilparks,

wo auch immer. Nighthawks, das berühmteste Bild von Edward

Hopper, tauchte immer häufiger auf Buchumschlägen,

Ansichtskarten, ja sogar auf Werbetüten auf, von denen James

Dean und Marlon Brando, manchmal Marilyn Monroe

– deren Köpfe die anonymen Gesichtszüge der Barbesucher

ersetzten – stumpf in ihre eigene Einsamkeit starrten. Das

verunsicherte und irritierte mich etwas, meine Vorstellung,

die Lieblingsfotografie von uns selbst, derart banal vervielfältigt

und auf glänzende Laminatteilchen verteilt, mein

Wunschtraum gemeinsam mit dem Plattencover von der Abbey

Road oder dem Bild vom Bau des Chrysler Towers in ein

Gelini Puzzle verwandelt, das in jedem Warenhaus erhältlich

ist, in Erzählungen überschrieben, die aus dem Bild Hoppers

wachsen wie Pilze aus dem Erdboden. Davon gab es viel,

etwas zu viel, zu oft erschien „mein“ Bild auf Umschlägen

von Büchern und Deckblättern von Kalendern, kostenlos

Zeitschriften beigefügt, die man ohnedies nicht mehr kaufen

wollte, jedoch fand ich mich auch mit dieser allgemeinen

Begeisterung ab; da es sie nun einmal gab, da sich in ihr eine

unausgesprochene Sehnsucht der Menschen regte, da sie von

einer ihnen gemeinsamen Matrize von Wünschen zeugte, gewann

sie an Gewicht. Wenn auch banalisiert und stereotyp,

erzählte sie von einem Wunsch, der wie der Hunger jeden

befallen kann. Ich existierte also (stellte ich mir vor), um die

Verantwortung für ihn zu übernehmen, ihn zu durchleuchten

im Namen aller bei einem Schnapsgläschen, bei Gläsern

mit klirrenden Eiswürfeln an Juliabenden, bei einem Glas

Grog (was zum Teufel ist Grog?), wenn der Frost auf den

Fenstern den Dampf überwältigte, ihn aus den Mündern

der Passanten ausstieß wie den Weißen Rauch für eine neue

Winterreligion.

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Ich kannte die Deklamationen der anderen. So viele bebende

Stimmen, die versuchten, Hoppers Bild auf den schmalen

Schultern der Gedichte zu tragen, sein zerbrechliches Kügelchen

über sie zu rollen. Sie zerschmolzen in den Halbschatten

dieser Nacht, verklangen schnell, wobei sie einzelne

Wörter wie Blickspuren zurückließen. „Der billige Duft der

Gardenien“, den Sue Standing am Hals der Frau im roten

Kleid herausgerochen hatte; „Patrone des Lebens“ sah Samuel

Yellen in den drei Besuchern; die Nachricht über einen

weiteren Sieg der Alliierten, die Ira Sadoff im Radio, das auf

dem Bild nicht zu sehen ist, hörte; Fetzen von Gesprächen

an der Bar über den Krieg, Hemingway und Fitzgerald, die

Susan Ludwigson aufgeschnappt hatte, als sie ihr Gedicht

schrieb mit der für die amerikanische Poesie charakteristischen

Aufzählung alltäglicher Details, der kalt werdende

Kaffee, die vier Salzstreuer auf der Theke, das sicherlich in

der Nähe geparkte Auto, ach, und schließlich, dort, an dieser

Bar, das sind ihre Eltern, jetzt streiten sie sich über den American

Dream... Alle diese Gedichte, und mehr, ganze Romane

(französische, englische) entsprangen den Nighthawks,

wurden auf deren Flügeln in die Höhe getragen, waren auf

rührende Weise nebensächlich wie die Erde vom Mond aus

gesehen; jemand sah aus ihrem Inneren auf das Café Phillies,

auf dessen durchsichtigen Körper und versuchte, sich

den Anblick einzuprägen; nach irgendetwas sagte er etwas,

flüsterte etwas, erzählte sein eigenes kleines Leben, seinen

Nachtfaltertanz vor dem gelben Licht des Inneren. Er schaute;

das Licht hinter der Glasscheibe, die sanfte Medusa, fesselte

den Blick, brachte einen um die Augen, so wie man um

den Verstand gebracht werden kann; die Scheibe trennte die

Wörter vom Ich, sie fielen auf dieser Seite ab und verschwanden

in der Dunkelheit.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk

Znak

Cracow 2007

124 × 195 • 260 pages

paperback

ISBN: 978-83-240-0838-4

Translation rights: Znak

Marek Bieńczyk Durchsichtigkeit

81

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Agnieszka Taborska Verschwörer der Phantasie. Der Surrealismus

82

Photo: Marcin Giżycki

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Die Essays des Bands Verschwörer der Phantasie bieten

keine aktuelle Synthese des Surrealismus, auch wenn sie sich

diesem Anliegen verdanken. In der Anreicherung um neue Fakten

– sowohl solche zu weniger bekannten oder nach Jahren

wieder neu entdeckten Vertretern der Kunstrichtung wie auch

solche, die den fortwährenden Einfluss des Surrealismus auf

zeitgenössische Künstler, Werbemacher und Designer unter Beweis

stellen.

Über die Geschichte der Kunstrichtung erzählt die Verfasserin

fast en passant anlässlich ausgewählter „Themenkreise“, die zum

Standardrepertoire der Surrealisten gehörten, und bei der Zeichnung

von „Porträts“ ausgewählter Künstler. Die Autorin wählt sie

nicht wie ein objektiver Wissenschaftler aus, der sein Thema

erschöpfend abhandeln möchte, sondern wie eine Kunstbegeisterte,

die die Akzente auf das legt, was sie selbst am Surrealismus

fasziniert. Sie erzählt von ihren persönlichen Kontakten zu

drei Künstlern: Leonora Carrington,

Gisèle Prassinos und Roland Topor.

Schon allein diese Kapitel des Buches

sind von einzigartigem Wert. Die Autorin

begegnete dem Werk der drei auch auf einer anderen Ebene

– als Übersetzerin –, und diese Art intimen Kontakts mit dem

Text spiegelte sich auch in den Verschwörern der Phantasie in

origineller Art und Weise.

Im Teil „Themenkreise“ ist von Fragen wie der Haltung der Surrealisten

zum Selbstmord, zur Liebe und zum Wahnsinn die

Rede, aber auch zum Mythos, zur Stadt und zu alltäglichen Gebrauchsgegenständen.

In jedem Kapitel wechselt die Verfasserin

ungezwungen zwischen den verschiedenen Ausdrucksformen

der Kunst hin und her und führt damit vor, dass innerhalb der surrealen

Bewegung nicht davon die Rede sein konnte, sich auf nur

eine einzige Kunstform zu spezialisieren. Der Surrealismus war

nämlich die erste Kunstrichtung, die komplexen und interdisziplinären

Charakter besaß. Auch in dieser Hinsicht erfordert die

Wahrnehmung aller Realisationsformen und die Erfassung aller

Auswirkungen seiner „Elementarkraft“ vom Kenner der Materie

ein sicheres Bewegen in der Geschichte der Malerei wie auch der

Geschichte von Literatur und Film. Aber auch der Geschichte der

Psychiatrie und der Postkarte. Und genau um eine solch umfassend

gebildete Kennerin handelt es sich bei Agnieszka Taborska.

Marta Mizuro

Agnieszka Taborska (geb. 1961), Schriftstellerin,

Kunsthistorikerin und Übersetzerin.

Agnieszka Taborska Verschwörer der Phantasie. Der Surrealismus

83

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Agnieszka Taborska Verschwörer der Phantasie. Der Surrealismus

84

In

den besten Jahren des Stummfilms drehte Mack

Sennett Hunderte von Komödien in Kurzfilm- und

Spielfilmlänge, deren ewig scheiternde Antihelden

über Abgründen baumelten, bei Verfolgungsjagden im

Auto rasten, wie durch ein Wunder Explosionen unversehrt

entgingen, einander Sahnetorten ins Gesicht warfen. Diese

surrealistische, anarchische, gefährliche Welt, die Zirkus,

Vaudeville, Burleske, Pantomime und Comic entstammt,

regieren das Tempo, unablässige Überraschungen und ungefährliche

Katastrophen. Bei Sennett begannen Charlie

Chaplin, Harold Lloyd, Harry Langdon und Bing Crosby;

die Slapstick-Komödie wurde zum Modegenre des amerikanischen

Kinos der Zwanziger. Von dieser Epoche blieben

Tausende Meter Zelluloid und ein Requisit: die Torte.

Der Belgier Noël Godin alias Georges Le Gloupier, ein

1945 geborener Regisseur, Schriftsteller und Schauspieler

(unter anderem bekannt aus La Vie Sexuelle des Belges

1950-78), ist Liebhaber des Kinos, der surrealistischen Poetik

und der Situationskomik. Berühmtheiten diesseits und

jenseits des Atlantiks zittern vor ihm.

Bereits während seines Studiums übergoss Godin einen

Hochschullehrer, der mit dem portugiesischen Diktator Salazar

kollaborierte, mit einem Glas Kleber. In der von ihm

gegründeten Zeitschrift „Friends of Film“ – in bester Tradition

eine surrealistische Mystifikation – bebilderte er die Artikel

mit Fotos der eigenen Familie. Er meldete beispielsweise,

dass Louis Armstrong – ein einstiger Kannibale – den Film

The Vegetables of Good Will finanziert, in dem Claudia Cardinale

eine riesige Endivie spielt. Oder dass Richard Brooks,

der Regisseur der Katze auf dem heißen Blechdach, eingestanden

habe, seine Filme seien der letzte Dreck. Die Informationen

über eine erfundene blinde Regisseurin aus Thailand,

Vivian Pei, und ihren Film The Lotus Flower Will Never Again

Grow on the Edge of Your Island veranlassten einen gewissen

Spezialisten für asiatischen Film sogar, nach Thailand reisen,

um Vivian Pei persönlich kennenzulernen.

1968 traf Noël Godin einen Professor mit extrem reaktionären

Ansichten mit einer Torte. Seit dieser Zeit tortet

er besonders aufgeblasene Persönlichkeiten aus Kultur und

Politik ein. Sein erstes Opfer wurde Marguerite Duras dafür,

dass sie „Intelligenz und Klugheit dafür benutzt, ihre eigene

Eitelkeit zu füttern“.

Godin agiert nicht allein. Bei den schwierigen Aufgaben

begleiten ihn knapp 30 Personen, die in langen Mänteln an

den Ort des Geschehens kommen, unter denen Torten versteckt

sind. Auch Godin tritt bisweilen selbst in Verkleidung

auf. Die nach traditionellem Rezept angefertigten Backwerke

kauft er in bescheidenen Konditoreien und straft die Offerten

großer, reklamegieriger Firmen mit Nichtachtung.

Die Opfer wählen die Mitglieder der Torten-Internationalen

aus. Jeder Angriff wird sorgfältig vorbereitet, manchmal

mithilfe von „Verrätern“, die die nötigen Angaben machen,

wann und wo zugeschlagen werden kann. Dank eines solchen

Verrats kam es im Februar 1998 in Brüssel zum berühmtesten

Tortenattentat auf den Microsoft-Chef und

reichsten Menschen der Erde Bill Gates. Dreißig lächelnde

Robin Hoods, die zu Dreipersoneneinheiten gruppiert waren,

riefen: „Gloupe! Gloupe!“ und bewarfen ihn, als er aus

seiner Limousine stieg. Trotz fünf Leibwächtern und einer

Eskorte von vier Motorradfahrern erreichten vier Torten ihr

Ziel. Gates erhielt die Strafe für „die Nutzung von Intelligenz

und Phantasie zur Aufrechterhaltung des tristen Status

quo einer unvollkommenen Welt“.

Nicolas Sarkozy wurde während eines Besuchs in Brüssel

viermal getroffen. Mit Sicherheit sind neue Angriffen in

Arbeit. Der bekannte Journalist Alain Beverini bekam seine

Torte vor den Augen von Millionen von Fernsehzuschauern,

als er in Begleitung von dreißig Leibwächtern vor einem Hotel

in Cannes Holly Hunter interviewte (die die Hauptrolle

in Das Piano gespielt hatte).

Am meisten hat es Godin der französische Philosoph und

Fernsehstar, der narzisstische Bernard-Henry Lévy angetan,

der zu seinem Unglück einmal behauptet hat, er wäre der

begabteste Schriftsteller seiner Generation. Dafür wurde er

sieben Mal eingetortet, unter anderem auf der Bühne des Festivals

in Cannes. Seit dieser Zeit bringt immer dann, wenn

sich im Fernsehkabarett die Puppe Lévys zeigt, eine Sahnekaskade

sie zum Schweigen.

Die Torten erzeugen Aggression. Nach dem Angriff in

Cannes trat Lévy nach Godin. Zwei weibliche Mitglieder der

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Torten-Internationalen rettete in letzter Sekunde die Polizei,

als Leibwächter versuchten, ihre Gesichter in Kloschüsseln

zu drücken. Nur Godard bewahrte angesichts des Angriffs

Haltung. Als ihn 1985 in Cannes die Torte traf, leckte er

die Sahne von der Zigarre und lobte die Huldigung an das

Stummfilmkino.

Ganze 95% der Attentate gelingen. Noël Godin hat mehrere

Dutzend Opfer zu verbuchen. Er träumt von Sahnebombardements

aus dem Flugzeug auf das Radrennen Tour

de France und die Fußballweltmeisterschaft.

Seine Art, den Dünkel zu bekämpfen, griffen die Patissiers

Sans Frontières (Zuckerbäcker ohne Grenzen) auf. Zu

ihren zahlreichen Opfern gehört unter anderem Oscar de la

Rent, der in Portland vom Aktivisten des Kampfes gegen die

Pelzindustrie mit einer Tofutorte vermöbelt wurde. Im September

2001 wurde Karl XVI. Gustav, König von Schweden,

Opfer einer Erdbeertorte. Mehrere Monate zuvor erreichten

Apfeltorten den Vizepräsidenten von Białystok Bogusław

Dębski, den Umweltschutzminister Antoni Tokarczuk und

den ehemaligen Vizepremier Leszek Balcerowicz. Im Juni

2004 traf eine Heidelbeertorte in Warschau Lech Kaczyński,

und ein Jahr später – den Vizepräsidenten der Hauptstadt

Andrzej Urbański.

Nach dem von einem Mitarbeiter Godins auf den französischen

Kulturminister Philippe Douste-Blazy verübten Tortenattentat

brachte die Regierung den Fall vor Gericht. Der

Attentäter wurde jedoch nach der Erklärung des Anwalts

freigesprochen, Tortenwerfen sei in Belgien Tradition.

Bei einem Tortenattentat helfen Lachen, eine dumme

Miene und ein idiotisches Lied. Besser der bewaffneten Leibgarde

zeigen, dass es nur um eine Torte geht. Die Torte nicht

werfen, sondern aus der Nähe auf dem Gesicht des Opfers

plattdrücken.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

słowo/obraz terytoria

Gdańsk 2007

167 × 215 • 440 pages

paperback

Translation rights:

słowo/obraz terytoria

Agnieszka Taborska Verschwörer der Phantasie. Der Surrealismus

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Bianka Rolando Italienische Gesprächsbücher

86

Photo: Bianka Rolando

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Für Bianka Rolandos Debüterzählband waren ihre Herkunft

wie ihre Ausbildung von großer Bedeutung. Italienische

Gesprächsbücher ist der Versuch, von einer Identität zu erzählen,

die durch vier Kulturkreise geprägt wird: das Polnische, das Italienische,

die Malerei und die Literatur.

Ins Spiel kommt hier eher Impression als autobiographisches

Erzählen, die Schriftstellerin spricht nämlich nur selten über

sich selbst und sucht dann Zuflucht bei Fakten aus ihrem Leben.

Doch nicht Fakten konstituieren dieses Buch, sondern die

Art, wie Rolando spricht. Wie sie auf ihre Zweisprachigkeit

und ihre Bikulturalität Bezug nimmt und wie sie Wort und Bild

verknüpft. Jeder der elf Texte, die den Erzählband bilden, wurde

durch ein ausgewähltes Meisterwerk der italienischen Malerei

inspiriert und wird von einer graphisch-fotographischen Arbeit

begleitet. Sichtbares und Lesbares

sind hier aufs Engste miteinander

verbunden.

Daraus entstand eine originelle und

eindrucksvolle Mischung. Sie umschließt

eine zeitgenössische Interpretation

der Szenen auf den Bildern und den Versuch, diese

Darstellungen zur heutigen Mentalität in Bezug zu setzen; der

Mentalität derer, die in der Betrachtung des jeweiligen Bildes

ihre eigenen Probleme wiederfinden. Rolando siedelt sich selbst

unter den potentiellen Betrachtern oder den Porträtierten an: Sie

belauscht sie nicht nur, sondern lauscht auch in sich hinein.

Die kleinen „Bildchen“ changieren zwischen verschiedenen

Schattierungen und bieten viele Spuren, denen man bei der Lektüre

folgen kann. Dieses Spiel spiegelt sozusagen den Lernprozess

und die Entdeckung des Reichtums der Sprache – angefangen

von Abzählreimen für Kinder, Sprichwörtern oder Liedern,

die kunstvoll in den Erzählfluss eingeflochten werden.

Auch wenn der Gegenstand der Analyse hier ungewöhnlich bedeutsam

ist, scheint das von Rolando aufgezeigte Problem der

Multikulturalität eine nicht minder wichtige Frage zu sein. Die

Autorin konzentriert sich nicht auf die Unterschiede, sondern

das Gemeinsame. Auf universelle Symbole und dem allen Europäern

gemeinsamen Traditionsstrang der Kultur. Italienische Ge-

sprächsbücher ist ein ausgezeichneter Beweis dafür, dass, auch

wenn uns die Sprache trennt, immer noch andere Verstehensebenen

bleiben – die Geste, der Gesichtsausdruck oder der

Tonfall der Stimme.

Marta Mizuro

Bianka Rolando (geb. 1979) stammt aus einer

polnisch-italienischen Familie, schafft hauptberuflich

Grafiken und lehrt an der Warschauer Akademie für

Bildende Künste.

Bianka Rolando Italienische Gesprächsbücher

87

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Bianka Rolando Italienische Gesprächsbücher

88

Marta

bricht nach Putzmitteln duftend

(ihre angeborene Liebe zum Badezimmerschrubben)

zu ihrer

Schwester Maria auf. Sie legt ihren grauen Umhang um.

Heute trägt sie ein blaues Kleid.

Gib deiner Schwester die Puppe zurück, zieh sie nicht an

den Haaren. Immer ist es dasselbe, immer ist sie unschuldig,

weil sie jünger ist.

Marta hat eine auf Kredit gekaufte kleine Einzimmerwohnung,

die leer steht. Im Augenblick steht dort nur ein Ikea-

Bett aus dem Sonderangebot. Sie ist einsam. Die Schenkel

verwachsen miteinander, die Brüste füllen den BH nur der

Form halber.

Sie kann ihre Schwester nicht ausstehen. Nie waren sie

zusammen einkaufen gegangen, um sich Handtaschen oder

die widerlichen, billigen Ballerinas mit den Punkten zu

kaufen.

Maria hat, als sie klein war, ihre Schwester gebissen. Sie

hat angefangen. Gar nicht wahr, sie war’s. Sie waren einander

nicht ähnlich, auch wenn manche in der Familie witzelten,

sie seien beide füllig wie frische Brötchen.

Vater, Gott hab ihn selig, der in einem winzigen Tümpel

angelte (nie hatte er auch nur einen einzigen Fisch geangelt),

sprach von seinen Töchtern als schönen Schiffen. Verkalkung.

Nette, sehr schlichte Metaphern.

Zwei Windjammern mit sehr ähnlichen Ausmaßen können

mit verschiedener Verzögerung auf die Bewegung des

Steuerrads reagieren. Sie können andere Eigenschaften

im Wind haben. Sie können ihre Merkmale verändern –

abhängig von der Windstärke und der Höhe der Wellen.

Maria bekam immer die interessanteren Geschenke (die

Hawaii-Barbie mit Pferdchen, das jeden mit seinem verlangenden

Blick anschaute). Sie war verwöhnt und beliebt,

die fette Robbe. Das arme Mariele. Ihr Haar war zu einem

Zopf geflochten. Ihre Zähne waren immer braun von Schokolade.

Gib ihr dies zurück, gib ihr jenes zurück.

Marta fährt in einem überfüllten Bus zur Schwester. An

jeder Haltestelle steigen Unmengen von Menschen ein.

An jeder Haltestelle ein Superkraftakt. Der Bus kommt

zur Endhaltestelle. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur

Schwester. Sie zerbeißt ein hartes Minzbonbon, um ihren

Atem zu erfrischen. Heute will sie mit ihr sprechen, vielleicht

streiten.

Maria öffnet ihr die Tür. In ihrer Wohnung ist der Strom

abgestellt (die Stromrechnungen für März und April sind

nicht bezahlt). Sie sitzt im Halbdunkel, kämmt ihr Haar.

Warum wurde der Strom abgestellt? Warum bist du

arbeitslos? Du bist völlig verantwortungslos – wie immer.

Wirst du in alle Ewigkeit auf meine Hilfe rechnen?

Ihre Hände geraten in Bewegung. Sie werden sich nicht

prügeln wie Grundschulgören auf dem Schulsportplatz

nach dem Unterricht. Das ist nur Navigation per Hand.

Die linke Hand nach unten, die rechte hebt den Zeigefinger.

Die Rechte hebt den Zeigefinger, die Linke zeigt nach

unten. Das sind alle Vorschriften, die auf binnenländischen

Wasserwegen gelten, ergänzt von den Anordnungen binnenländischer

Genueser Schiffahrtsinspektoren in Fragen

lokaler Familienkonflikte.

Du bist nicht meine Schwester. Ich sehe in den Spiegel,

und dort sehe ich meine Schwester, aber nicht hier. Hier

sehe ich nur einen feisten Hampelmann, der von Kindheit

an Flanellunterhosen trägt. Jetzt trägst du sie sicher wieder.

Musst du immer so fürchterlich umsichtig sein? Immer

wirfst du mir vor, dass ich mehr bekommen habe als du.

Kannst du dich erinnern, wie fest du mich geschlagen hast?

Du hast meine Hawaii-Barbie kaputtgemacht, ihr den Kopf

abgerissen und die Finger abgebissen. Du bist die Nacht,

ich bin der Tag.

Die Wettervorhersage. In der Nacht bedeutend kälter als

tagsüber. Eventuell Gewitter mit vorüberziehenden Tränenschauern.

Ich bin völlig einsam. Ich führe Selbstgespräche. Nie

haben wir einander geholfen. Als unsere Eltern gestorben

waren, hast du aufgehört, dich für mich zu interessieren.

Ich habe mir so sehr gewünscht, dass wir zusmmen

einkaufen gehen. Wir hätten uns drollige Handtaschen

gekauft und diese widerlichen Ballerinas mit den Punkten.

Jetzt habe ich es sehr schwer. Ich brauche dich, denn

schließlich ist der Abstieg von der Untiefe einer großen

Windjammer wirklich schwer. Es gibt außergewöhnlich un-

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glückliche Umstände. Wenn es schon zu einer so schweren

Situation kommt, muss man einen Schlepper oder ein Rettungsschiff

rufen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

Wydawnictwo Sic!

Warsaw 2007

135 × 205 • 104 pages

paperback

ISBN: 978-83-60457-27-6

Translation rights:

Wydawnictwo Sic!

Bianka Rolando Italienische Gesprächsbücher

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Ignacy Karpowicz Die Neue Blume des Kaisers (und die Bienen)

90

Photo: Grażyna Samulska

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Bereits in seinen ersten beiden Romanen Nicht der Hit und Das

Wunder zeigte sich Ignacy Karpowicz als origineller und überaus

einfallsreicher Prosaist. Doch mit Die Neue Blume des Kaisers

hat sich der Autor selbst übertroffen. Es fällt schwer, diesen

Text einer bestimmten Gattung zuzuordnen, er enthält Elemente

der Reportage, des Romans, des Reisetagebuchs und von etwas,

das man als romantisch-ironisches Prosaepos bezeichnen

könnte. Karpowicz selbst charakterisiert seine Erzählweise – mit

der ihm eigenen Hintergründigkeit – folgendermaßen: „Ich bin

ein Schwarzfahrer des Exkurses [...] Alles, worüber ich schreibe,

interessiert mich – und gleichzeitig ist mir nichts besonders

wichtig“. Er erzählt von seinen Reisen nach Äthiopien, einem von

der Geschichte gezeichneten, armen afrikanischen Land, das

bereits im Mittelpunkt von Ryszard Kapuścińskis ausgezeichneter

Reportage König der Könige. Eine Parabel der Macht stand. In

seiner ausschweifenden Narration,

die so flirrend ist wie die heiße afrikanische

Luft, erzählt Karpowicz von

seinem Aufeinandertreffen mit einer

anderen Kultur (in der man Weißen auf eine sehr spezifische Art

begegnet), berichtet von seinem Kampf mit einer nahezu kafkaesken

Bürokratie, beschreibt das heutige Äthiopien und seine

Einwohner, gibt einen Abriss der Geschichte dieses Landes und

präsentiert die faszinierenden Denkmäler und Landschaften,

über die in Europa kaum etwas bekannt ist. Und all das würzt

er mit einer großen Portion Ironie und feinen Humors, die fast

schon zu seinem Markenzeichen geworden ist.

Wenn ich an Ignacy Karpowiczs neuen Roman denke, kommt

mir unweigerlich das Wort „seltsam“ in den Sinn. Ja, es ist eine

seltsame Prosa, doch diese (vor allem formale) Seltsamkeit ist

– so meine ich zumindest – vom Autor beabsichtigt. Auf eben

diese Weise versucht Karpowicz die „Seltsamkeit der Existenz“,

die ihn während seiner Reisen durch Äthiopien anfiel, in Worte

zu fassen.

Robert Ostaszewski

Ignacy Karpowicz (geb. 1976), Prosaist,

Übersetzer aus dem Englischen, Spanischen und

Amharischen.

Ignacy Karpowicz Die Neue Blume des Kaisers (und die Bienen)

91

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Ignacy Karpowicz Die Neue Blume des Kaisers (und die Bienen)

92

Addis

liegt 2400 Meter über dem Meeresspiegel

und ist somit die am

dritthöchsten über Meeren und

Ozeanen emporragende Hauptstadt weltweit. Der Reiseführer

von Herrn Briggs ist nicht der Einzige. Aus einem anderen

(bei Camerapix erschienenen) Werk fördere ich die folgende

charmante Beschreibung zutage, die aus sicherer Realitätsferne

geschrieben wurde, oder von jemandem, den man dafür

bezahlt hat: „Breite, dreispurige Straßen, eine eindrucksvolle

Architektur, herrliches Wetter und Karawanen von Eseln,

die malerisch durch die Boulevards ziehen, machen die Neue

Blume zu einem empfehlenswerten Reiseziel“. Als sei dies

noch nicht genug führt der Autor auch noch die Fülle von

gemütlichen Cafés und Konditoreien ins Feld, die ein wenig

an Rom erinnert. Klar doch. […]

Ich biege nach rechts in eine Straße mit dem vertrauten

Namen Wavel. Ich werde noch bei verschiedenen Gelegenheiten

die Namen von Straßen nennen – obwohl es nicht

den geringsten Nutzen hat. In erster Linie weil die Straßen

hier überhaupt nicht gekennzeichnet sind und ihre Namen

lediglich auf den Stadtplänen erscheinen. Die Einzigen, die

von ihnen Gebrauch machen, sind weiße Touristen und – zu

diesem Punkt gibt es widersprüchliche Aussagen – die äthiopische

Post. Eine gewisse Erschwernis stellt auch die Tatsache

dar, dass jede einigermaßen ansprechende Straße oder Allee

ein Recht auf zwei, drei oder sogar noch mehr Synonyme für

sich in Anspruch nimmt. Diese Bezeichnungen sind generell

austauschbar. Und es wäre gar nichts an einem solch verschwenderischen

Umgang mit Straßennamen auszusetzen,

wenn jeder sie alle kennen würde.

Leider ist dies nicht der Fall. Wenn ihr euch verirrt, wird

kaum jemand, den ihr nach dem Weg fragt, euer topografisches

Wissen mit euch teilen. Und selbst wenn sich herausstellen

sollte, dass sowohl ihr als auch die von euch gefragte

Person denselben Begriff wiederholt, ist noch lange nichts

gewonnen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Um

die Dramatik der Situation zu verdeutlichen, möchte ich die

wahrscheinlichsten einmal nennen. Euer Gegenüber versteht

kein Englisch und spricht einfach nach, was ihr gerade gesagt

hat. Euer Gegenüber versteht Englisch, weiß aber nicht,

wovon ihr redet, und spricht euch nach, um ein wenig mit

euch zu schwatzen. Euer Gegenüber versteht Englisch und

weiß, wovon ihr redet, hat jedoch keine Ahnung, wo sich die

gesuchte Straße befindet, und spricht euch nach, um euch

nicht zu kränken. Euer Gegenüber versteht Englisch, weiß,

wovon ihr redet, und kennt – wie er euch versichert – sogar

den Weg dorthin.

Armer, einfältiger Tourist! Du bist noch längst nicht gerettet!

Im besten Fall denkt euer Gegenüber an den dritten Namen

einer Straße, der bereits seit Jahren nicht mehr in Gebrauch

ist (außer in dem Stadtteil, in dem du dich gerade befindest),

während du an den ersten Namen einer Straße denkst, der

so alt ist, dass ihn längst alle vergessen haben. Folgst du nun

also jener mühsam errungenen Wegbeschreibung, kannst du

sicher sein, auf gänzlich unerforschte Gegenden zu stoßen.

Es lohnt sich. Deine Situation erfährt keine wesentliche Änderung:

Noch mehr verirren kann man sich nicht. Entweder

man hat sich verirrt oder nicht, dazwischen gibt es nichts,

so mahnt uns die protestantische Prädestinationslehre. Du

wolltest reisen und jetzt hast du, was du wolltest: Du besuchst

Orte, an denen du noch nie zuvor gewesen bist.

Entgegen allem Anschein entspringt die äthiopische Vorliebe

für Wort- und Namensschöpfungen einer zutiefst ästhetischen

und philosophischen Grundhaltung. Man muss

nur ihre Denkweise verstehen: Irgendein hohes Tier denkt

sich einen Namen aus. In der Regel fragt er die Einwohner

nicht, ob ihnen der neue Name gefällt und ob er die topografische

Realität angemessen wiedergibt. Er macht sich auch

nicht die Mühe zu überprüfen, wie man zum Beispiel diese

Allee bis dahin eigentlich genannt hat. Denn irgendwie muss

man sie ja schließlich genannt haben, die Stadt duldet kein

Vakuum. Und was nun? Soll man sich etwa einfach so mit

der Inkompetenz irgendeines Beamten abfinden? Niemals!

Soll er sich doch von seinem Schreibtisch herab so viele Namen

ausdenken, wie er will.

Folgen wir dieser Spur. Sie ist sicher. Wir werden uns nicht

verirren.

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Wir haben also einen Namen. Doch die Welt steht nicht

still, überall entstehen neue Gebäude, die alten zerfallen, die

Straße lebt, verändert ihren Charakter, vielleicht wird sie sogar

asphaltiert. Und was nun? Soll ein einziger Name sie für

alle Zeiten beschreiben?

Blödsinn!

Der Name muss geändert, an die jeweilige Situation angepasst

werden. Nur so bleibt sein Bezug zur Realität erhalten.

Nur so vermag er der schillernden Vielfalt des Universums

gerecht zu werden. Aus diesem Grund operieren die Äthiopier

mit mehreren Namen gleichzeitig. Nicht selten kommt

es auch zu Namenswanderungen. Früher hieß diese Straße

einmal Schöne Straße, doch dann wurde hier ein Hochhaus

gebaut: Und vielleicht war sie früher einmal schön, aber heute

ist sie es nicht mehr. Dafür wurden ganz in der Nähe Eukalyptusbäume

gepflanzt, die sehr schön aussehen, also wird

diese Straße zur Schönen Straße. Leider hat die Polizei nicht

richtig auf die Eukalyptusbäume aufgepasst, sodass sie schon

bald darauf zu Brennholz verarbeitet wurden. Im Grunde

waren aber nur die Eukalyptusbäume schön gewesen, jetzt

war die Straße war nur noch die Schmale Straße. Ganz in

der Nähe jedoch...

Darüber hinaus lässt diese Form der sprachlichen Aktivität

auch Raum für den Ausdruck der eigenen Individualität:

Mir gefällt dieses Hochhaus, ändert den Namen, soviel ihr

wollt, für mich bleibt es die Schöne Straße.

Ich muss zugeben, dass ich diese ständig neu bezeichnete,

immer wieder aufs Neue geschaffene, wie ein Regenbogen

flüchtige Welt, im ersten Moment als feindlich empfand,

quasi als afrikanische Spielart des Großstadtdschungels. Später

jedoch, als ich den schmerzhaften Prozess der Anpassung

bereits hinter mir hatte, lernte ich diese Tradition der Unordnung

und Lebendigkeit bedingungslos zu lieben.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau

Państwowy Instytut

Wydawniczy

Warsaw 2007

145 × 230 • 256 pages

paperback

ISBN: 978-83-06-03077-8

Translation rights:

Ignacy Karpowicz

Contact: PIW

Ignacy Karpowicz Die Neue Blume des Kaisers (und die Bienen)

93

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94

Alles über Lem

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Stanisław Lem (1921-2006) seiner Ausbildung

nach Arzt und Theoretiker der Wissenschaft, aus

Neigung Schriftsteller, Klassiker der Science-Fiction.

95

Maciej Płaza

O poznaniu

w twórczości

Stanisława Lema

Wydawnictwo

Uniwersytetu Wrocławskiego

Wrocław 2006

150 × 210 • 579 pages

hardcover

ISBN: 83-229-2765-7

Translation rights: Maciej Płaza

Contact: Wydawnictwo

Uniwersytetu Wrocławskiego

Wojciech Orliński

Co to są sepulki?

Wszystko o Lemie

Znak

Cracow 2007

144 × 205 • 282 pages

paperback

ISBN: 978-83-240-0798-1

Translation rights: Znak

Paweł Majewski

Między zwierzęciem

i maszyną. Utopia

technologiczna

Stanisława Lema

Wydawnictwo

Uniwersytetu Wrocławskiego

Wrocław 2007

150 × 210 • 295 pages

hardcover

Translation rights:

Paweł Majewski

Contact: Wydawnictwo

Uniwersytetu Wrocławskiego

Alles über Lem

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96

Alles über Lem

Vor gut einem Jahr starb Stanisław Lem, ein ungemein

bekannter Schriftsteller, der aber von der polnischen Kritik

nicht durch allzu viele wissenschaftliche Analysen verwöhnt

wurde. Das ändert sich allmählich, dank neuer Autoren in

diesem Fachgebiet.

Beginnen wir mit einer populären Ausgabe, dem kurzen

Wörterbuch der Begriffe, die von Lem benutzt wurden und

mit seinem Werk verbunden sind. Wojciech Orlińskis Buch

Was sind Sepulken? Alles über Lem ist leicht und überaus witzig

und zugleich intelligent und mit großer Sachkunde geschrieben.

Orliński, Journalist bei der „Gazeta Wyborcza“,

der sich mit literarischen Dingen ebenso beschäftigt wie mit

Problemen der neuesten Wissenschaft, hat in sein Kompendium

Stichwörter aufgenommen, die sich auf die Werke Lems

beziehen, seine Biographie, seine Verwandten, Freunde und

Gegner, auf die Welt, die in seinen Werken dargestellt wird,

auf Probleme und Themen, die in den Büchern angeschnitten

werden, auf Kritiker, die sich mit Lem befaßt haben, auf

Filmemacher, die seine Werke als Vorlage verwendet haben,

und schließlich auf die realen Länder der Erde, die Lem in

seinen Büchern beschrieben hat.

Die Stichwörter enthalten viele durchaus seriöse Informationen

über das Werk Lems, aber sie sind, wie dieses Werk

selbst, voller Humor, wie etwa der Eintrag über die titelgebenden

Sepulken:

Sepulken – wichtiges Element der Zivilisation der Ardriten

(s. d.) auf dem Planeten Enteropia (s. d.); s. Sepulkaria

Sepulkaria – zum Sepulieren (s. d.) dienende Objekte

Sepulieren – Tätigkeit der Ardriten (s. d.) auf dem Planeten

Enteropia (s. d.); s. a. Sepulkaria

Dieses Stichwort fand Ijon Tichy in der von Professor

Tarantoga entliehenen Kosmischen Enzyklopädie. Fasziniert

von den rätselhaften Sepulken (und anderen Attraktionen

Enteropias wie den Kulupen und Okteseln), beschloß er, der

Sache auf der vierzehnten Reise auf eigene Faust nachzugehen.

Auf Enteropia angekommen, bemerkte Tichy, daß alle

Medien, Werbung und Kunstwerke von Anspielungen auf

Sepulken nur so wimmeln. Aus Neugier begab er sich in ein

entsprechendes Geschäft und bestellte eine, woraufhin der

Verkäufer ihn nach seiner Ehefrau fragte. „Ich habe keine

Frau“, erwiderte Tichy. „Sie… Sie haben… keine Frau?“

stammelte der errötende Verkäufer entsetzt, „und da wollen

Sie eine Sepulke…? Ohne Gattin…?“ Noch schlimmer endete

der Versuch, dieses Thema mit einem Bekannten zu erörtern,

einem Ardriten, der sich mit seiner Familie in einem

Nachtlokal vergnügte. „Darf ich, weil ich keine Frau habe,

keine Sepulke sehen?“, fragte Tichy. „Diese Worte fielen in

eine plötzlich entstandene Stille. Die Frau meines Bekannten

sank ohnmächtig zu Boden, er stürzte zu ihr […]. In diesem

Augenblick erschienen drei Kellner; sie packten mich am

Kragen und warfen mich auf die Straße“.

Vor Orlińskis Buch war ein ungemein interessantes wissenschaftliches

Werk erschienen: Über die Erkenntnis in den

Schriften Stanisław Lems von Maciej Płaza. Płaza beschreibt

das Werk Lems in vier großen Kapiteln: „Lems Strukturen

und Strategien“, „Futurologie der empirischen Wissenschaften“,

„Das literarische Gedankenexperiment“ und „Fiktion

der Logik oder Logik der Fiktion“. Die Arbeit untersucht

die Erkenntnisproblematik, die das grundlegende Thema

der Lemschen Phantastik darstellt. Man könnte fragen, ob

ein Phantast überhaupt etwas erkennen kann. Nun beweist

Maciej Płaza, wie eng die wissenschaftlich-philosophischen

Essays Lems mit seinem belletristischen Werk zusammenhängen,

das einen Raum bildet, in dem bestimmte Ideen aus

den Bereichen der Soziologie, der Kulturwissenschaft oder

der Technik unter Beachtung literarischer Konventionen im

Material der fiktiven Fabeln modelliert werden. Auf genau

diese Weise fand das Prognostizieren künftiger Zustände der

Technik und der menschlichen Kultur bei Lem seine Fortsetzung

in etwas, das Płaza als „literarisches Gedankenexperiment“

bezeichnet, aber auch in der vom dem Forscher

ungemein interessant analysierten Metaliteratur, den Lemschen

Apokryphen: Rezensionen und Vorworten zu fiktiven

Büchern. Płazas Buch wird für künftige Erforscher des Lemschen

Schaffens zweifellos zur Pflichtlektüre gehören.

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In derselben renommierten Verlagsreihe wie Płazas Buch

erscheint eine weitere wertvolle wissenschaftliche Abhandlung

über Lems Werk: Zwischen Tier und Maschine. Die technologische

Utopie Stanisław Lems von Paweł Majewski. Darin

befaßt sich der Warschauer Gelehrte im Grunde mit nur zwei

wichtigen essayistischen Büchern Lems, den Dialogen und

der Summa technologiae. Er behandelt unter anderem Lems

Verhältnis zur Kybernetik, die Frage der sich verwischenden

Grenzen zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen,

das Problem der Konstruktion des Cyberraums und all seine

– sehr weitläufigen – Kontexte. Seine Ausführungen münden

in das wichtigste Thema, das nach Ansicht des Verfassers

bei Lem das Projekt der Autoevolution des Menschen ist,

ein Projekt, das entweder eine radikale Umgestaltung des

Körpers erfordert oder dessen gänzliche Verwerfung zugunsten

einer spezifischen Komposition aus biologischen und

maschinellen Elementen, mit der Perspektive, die menschliche

Physis einer vollständigen und radikalen Umwandlung

zu unterziehen. Dieses durch seine Kühnheit schockierende

Projekt vergleicht der Verfasser mit der aktuellen Strömung

des Posthumanismus, und er zeigt, das der Autor der Summa

dessen Vorläufer war. Am Schluß des Buches wird Lem als

Visionär dargestellt, der sich auf das Projekt der Autoevolution

verlegte, um die Widersprüche der conditio humana zu

beseitigen und uns um den Preis der Vernichtung aller kulturellen

Errungenschaften zu befreien von der „schrecklichen

Mühsal, ein Mensch zu sein“.

Jerzy Jarzębski

97

Alles über Lem

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Julia Hartwig Dank für die Gastfreundschaft

98

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„Von dem Augenblick an, in dem ich in Frankreich war, bestimmte

alles dort Erlebte meinen weiteren Weg, beeinflusste meine

Interessen, mein Verhältnis zur Welt, meine Leidenschaften,

meine Arbeit“, schreibt Julia Hartwig in ihrem neuesten Buch,

dem Titel entsprechend ein Dank für die Gastfreundschaft. Der

Dank geht nicht so sehr an konkrete Personen, auch wenn von

ihnen oft die Rede ist, als an die französische Kultur und Zivilisation,

die Literatur und insbesondere die Poesie des Landes an

der Seine.

Julia Hartwig revanchierte sich für die „Gastfreundschaft“ wahrlich

königsgleich: mit brillanten Büchern über französische Dichter,

Rimbaud-Nachdichtungen, Essays zur französischen Kultur,

der alten und der heutigen, wie auch zur Geschichte, auch der

schwierigen jüngsten Vergangenheit. Der Dank für die Gastfreundschaft

besteht neben Essays auch in Reisetagebüchern,

Gedichten der Lyrikerin mit französischen Motiven, Übersetzungen.

Viel Raum widmet die Autorin Pariser Außenseitern, Fremdlingen

gleich ihr, die sich diese außergewöhnliche Stadt vertraut

zu machen und ihr Schaffen zu bereichern verstanden wie Blaise

Cendrars, wie Max Jacob, wie Henri

Michaux oder Marcel Duchamp.

Für Julia Hartwig bleibt Paris auf immer Hauptstadt der Weltkultur,

selbst wenn es nicht mehr das Paris bis zur Studentenrevolution

Ende der 60er Jahre ist, als London und später New York

diesen Titel übernahmen. In der Nachkriegszeit war das jedoch

anders, und das, was ringsum die Champs Élysées entstand,

beeinflusste das künstlerische Leben in West und Ost, Nord

und Süd. Gleichgültig, ob es Lied, Bild, Theaterstück, Film oder

Buch war. Apropos Buch: „Das Verblüffende an der französischen

Literatur“, schreibt Julia Hartwig, „ist ihre Bandbreite: das

Hugosche Genie französischen Esprits und Rabelais’sche Grobschlächtigkeit,

Mussetsche Eleganz und der ergreifende Gesang

Apollinaires, der Wahnsinn Lautréamonts, die unerschöpfliche

Schaffensgewalt der Lyrik Rimbauds, die verschlossene Sensiblität

des Kubismus Reverdys, der Erfindungsreichtum des lyrischen

Paradoxon bei Jacob. Alt und neu, einzeln und vereint wie

Wurzel, Halm, Blatt und Blüte einer Pflanze.“

Krzysztof Masłoń

Julia Hartwig (geb. 1921), Dichterin, Essayistin,

Übersetzerin.

Julia Hartwig

Podziękowanie za gościnę

słowo/obraz terytoria

Gdańsk 2007

140 × 220 • 424 pages

paperback

ISBN: 978-83-7453-707-0

Translation rights: słowo/obraz terytoria

Julia Hartwig Dank für die Gastfreundschaft

99

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Jacek Antczak Die Reporterin. Gespräche mit Hanna Krall

100

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Dieses Buch geht über das dem Leser Vertraute weit hinaus.

Nicht nur, weil eine unverwechselbare Persönlichkeit im Zentrum

steht und das, was sie über ihre Arbeitsmethoden oder

ihre Sicht des Lebens zu sagen hat, bisweilen verblüfft. Von einem

großen Menschen lässt sich schwerlich Anderes erwarten.

Doch könnte man annehmen, dass Hanna Krall nicht abgeneigt

ist, ihr eigenes subjektives Empfinden in Textform zu bringen.

Stattdessen verkündet sie: „Niemals werde ich über mich selbst

in der ersten Person schreiben“. Aber „ich werde nicht schreiben“

heißt natürlich nicht „ich werde nichts sagen“. Mit der Reporterin

wurden Dutzende ausgezeichneter Interviews geführt.

Doch keines davon war ein Gesprächsstrom, der die Funktion

einer Biographie erfüllte.

Die zehn Gespräche, die im Buch vorgestellt werden, wurden

geführt und nicht geführt. Jedes ist eine Collage, die aus bereits

fertigen Interviews komponiert wurde.

Der Kompilator Jacek Antczak

schnitt ganz wörtlich vorhandene

Texte auf einzelne Fragen zu und

stellte sie so zusammen, dass sie

eine thematische Einheit bildeten.

Die ursprünglichen Interviews wurden

selbstverständlich in den Anmerkungen aufgeführt, aber

bisweilen mussten die Fragen durch andere ersetzt werden,

damit der geschaffene Wortwechsel seine logische Ordnung

behielt. Die Spuren dieser Eingriffe bleiben unsichtbar: Die

Gespräche haben ihr eigenes Tempo und bewahren sogar die

Hitzigkeit einer „Diskussion“. Dennoch bleibt am wichtigsten,

dass das Verwischen der Identität der Interviewer es erlaubt,

die Stimme Hanna Kralls um so deutlicher herauszuschälen. In

der ersten Person.

Die Gespräche sind in drei Teile untergliedert. Im ersten erläutert

Krall, was es für sie bedeutet, Reporterin zu sein. Im zweiten gewährt

sie Einblicke in das Nähkästchen des Reporterhandwerks.

Im dritten spricht sie über ihr Verhältnis zu den Lesern. Immer

eindrucksvoll: ob sie eine Anekdote anführt, ob sie Verallgemeinerungen

formuliert oder einen inneren Zwiespalt schildert.

Hanna Krall spricht sich dafür aus, dass eine Reportage nicht

nur als Sachliteratur gelesen wird, sondern dass man in ihr eine

tiefere Bedeutung sucht. Die Reporterin ist also für die Fangemeinde

der Autorin von Schneller als der liebe Gott genauso

wertvoll wie für diejenigen, die beruflich mit literarischen Stoffen

umzugehen haben.

Marta Mizuro

Hanna Krall, brillante Reporterin und Schriftstellerin.

Übersetzt ins Englische, Tschechische,

Finnische, Hebräische, Spanische, Holländische,

Deutsche, Rumänische, Slowakische, Schwedische,

Ungarische und Italienische.

Jacek Antczak

Reporterka. Rozmowy z Hanną Krall

Rosner & Wspólnicy

Warsaw 2007

120 × 190 • 168 pages

paperback

ISBN: 978-83-60336-15-1

Translation rights: Rosner & Wspólnicy, Jacek Antczak

Contact: Rosner & Wspólnicy

Jacek Antczak Die Reporterin. Gespräche mit Hanna Krall

101

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Ryszard Legutko Traktat über die Freiheit

102

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Thema des Traktats über die Freiheit von Ryszard Legutko ist die

Freiheit – ein Schlüsselbegriff für die Philosophie wie für das

gesellschaftliche Leben von heute. Für demokratische Gesellschaften

ist der Begriff kein Problem an sich mehr. Niemand, der

bei Verstand ist, stellt das Bedürfnis, ja sogar die Notwendigkeit

der Freiheit in Frage.

Zum Problem wird dagegen die Verteilung der Freiheit, ihr von

uns gewünschter Umfang. Der Traktat über die Freiheit bringt

eine Übersicht über die klassischen Auffassungen des Freiheitsbegriffs,

von der platonischen bis zur liberalen Konzeption; in

den Vordergrund rückt dabei die Frage der sogenannten negativen

Freiheit, über die allgemeines Einverständnis besteht, freilich

mit dem Hinweis, daß es an klaren Kriterien fehlt, von denen

ihre Dauer abhängig ist. Besonders interessant ist das vom Verfasser

angeschnittene Problem des Verhältnisses zwischen der

negativen Freiheit und dem Kommunismus. Legutko stellt den

wie ein Mantra ständig wiederholten Gegensatz zwischen sowjetischem

Totalitarismus und westlichem

Liberalismus in Frage. Die

völlige Erniedrigung des Menschen

im Kommunismus beruhte ihm zufolge

vielleicht auf einem anthropologischen Irrtum, dem der

Kommunismus erlag. Dieser richtete sich nämlich gegen „die

gesamte menschliche Existenz, gegen fast alle Bestrebungen und

Potentialitäten, über die der Mensch noch verfügte“.

Ryszard Legutkos Buch ist fest im polnischen Hier und Jetzt verwurzelt.

Daher erwähnt er auch den „merkwürdigen ideologischen

Krieg“ in den frühen neunziger Jahren, „in dem auf der

einen Seite die Anhänger einer radikalen Zurückweisung des

Erbes und metaphysischer Begründungen als Formen des Vorurteils

standen, auf der anderen Seite dagegen jene, die sich

nicht vorstellen konnten, wie sich ohne solche historischen oder

metaphysischen Begründungen die negative Freiheit organisieren

läßt“. Ob es, wie der Autor sagt, glücklicherweise zum Waffenstillstand

kam, weiß ich nicht; jedenfalls haben die Anhänger

der letzteren Orientierung Stimmrecht erlangt. Und das bedeutet,

daß der Streit um grundlegende Werte – darunter auch der

Umfang der Freiheit – weitergehen wird.

Krzysztof Masłoń

Ryszard Legutko (geb. 1950), Philosoph,

Professor der Philosophie an der Jagiellonen-

Universität.

Ryszard Legutko

Traktat o wolności

słowo/obraz terytoria

Gdańsk 2007

140 × 225 • 248 pages

paperback

ISBN: 978-83-7453-763-6

Translation rights: słowo/obraz terytoria

Ryszard Legutko Traktat über die Freiheit

103

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Piotr Matywiecki Tuwims Gesicht

104

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Was ist Tuwims Gesicht? Eine Biographie jedenfalls nicht – der

Lebenslauf des Dichters nimmt einen gewissen, wichtigen Teil

des Buches ein, ohne jedoch zu dominieren. Eine Werk-Monographie

ist es auch nicht – denn es löst trotz seines Umfangs

nicht alle von Tuwim aufgeworfenen Fragen, sondern signalisiert

sie und stellt lediglich ein Bruchstück der literarischen Aktivität

des Helden des Bandes dar. Am treffendsten bezeichnet

man diese Veröffentlichung wohl als einen erweiterten Essay,

ein wissenschaftliches Zeugnis der Faszination durch die Lektüre

und zugleich als einen kleinen Führer durch den aktuellen Forschungsstand

in Sachen Tuwim.

Matywiecki verzichtet auf die „traditionelle“, chronologische

Darstellung des Themas – Elemente der Biographie und der Interpretation

sind über das ganze Buch verstreut. Mutige Lösungen

der thematischen Gliederung gestatten dem Autor, Tuwims

Gestalt aus einer bisher ungenutzten Perspektive zu beleuchten

und eine neue Art des Redens über

den Dichter zu erarbeiten. Der essayistische

Schlüssel scheint bei

Matywiecki die Interpretation zu

sein – der Rhythmus der Lektüre bestimmt die Entwicklung der

„Narration“, der Rhythmus der Lektüre der Gedichte, Erinnerungen

und Briefe Tuwims ist hier ein Substitut der „Kenntnis“.

Matywiecki wuchs mit einem regelrechten Tuwim-Kult auf. In

Ermangelung persönlicher Kontakte und angesichts der nicht

ganz gegebenen Möglichkeit, Tuwim durch Erforschung seines

Werkes „kennenzulernen“, greift Matywiecki auf Äußerungen

von Angehörigen des Dichters zurück, die er aus Monographien,

Lebensläufen, Interviews, Rezensionen und Berichten schöpft.

Gleichzeitig versucht Matywiecki, neben der Charakterisierung

des Werkes Tuwims den literarischen Kontext zu präsentieren.

In Tuwims Gesicht löst der Forscher Zusammenhänge auf, die

reich an Bedeutungen sind, beschwört er Themen, auf die bisher

nur wenige in der Dichtung Tuwims hingewiesen haben – die

Frage des Gesichts, des Körpers, des Schicksals, der Identität,

Tuwim aus der Sicht Lechońs, das Problem der Melancholie und

des Vitalismus, das Motiv der Pflanzen, der Zahlen, der Mathematik,

der Marionetten und der Religion, der Welt der Materie.

Matywiecki beruft sich oft auf die Philosophie, oft interpretiert er

Tuwim aus der Sicht verschiedener Weltanschauungen.

Izabela Mikrut

Julian Tuwim (1894-1953), einer der grössten

Dichter Polens des 20. Jahrhunderts.

Piotr Matywiecki

Twarz Tuwima

W.A.B.

Warsaw 2007

142 × 202 • 774 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7414-041-6

Translation rights: W.A.B.

Piotr Matywiecki Tuwims Gesicht

105

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Die geisteswissenschaftlichen Neuerscheinungen des letzten Jahres

106

Witold M. Orłowski

Stulecie chaosu.

Alternatywne dzieje

XX wieku

Open Wydawnictwa

Naukowe i Literackie

Warsaw 2006

170 × 240 • 544 pages

paperback

ISBN: 83-85254-86-7

Translation rights: PUENTA

Literary Agency

Contact: PUENTA

Ewa Majewska,

Janek Sowa

Zniewolony umysł 2

Korporacja Ha!art

Cracow 2007c

125 × 195 • 400 pages

paperback

ISBN 83-89911-61-2

Translation rights: Authors

Contact: Ha!art

Artur Żmijewski

Drżące ciała.

Rozmowy z artystami

Korporacja Ha!art & Galeria

Kronika Ha!art.

Bytom - Cracow 2006

160 × • 365 pages

paperback

ISBN 83-89911-66-3

Translation rights:

Author, Foksal Gallery

Fundation, Kronika

Contact: Ha!art

Tadeusz Bartoś,

Krzysztof Bielawski

Ścieżki wolności.

Z Tadeuszem Bartosiem

OP rozmawia

Krzysztof Bielawski

Wydawnictwo Homini

Cracow 2007

125 × 195 • 250 pages

paperback

ISBN 978-83-895988-82-0

Translation rights:

Tadeusz Bartoś,

Krzysztof Bielawski

Contact:

Wydawnictwo Homini

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Krystyna Kłosińska

Miniatury. Pisanie

i czytanie ‚kobiece’

Wydawnictwo

Uniwersytetu Śląskiego

Katowice 2006

130 × 205 • 157 pages

paperback

ISBN 83-226-1599-X

Translation rights:

Wydawnictwo

Uniwersytetu Śląskiego

Izabela Filipiak

Obszary odmienności

słowo/obraz terytoria

Gdańsk 2007

225 × 140 • 584 pages

hardcover

ISBN: 978-83-7453-719-3

Translation rights:

słowo/obraz terytoria

Max Cegielski

Pijani Bogiem

W.A.B.

Warsaw 2007

145 × 205 • 260 pages

paperback

ISBN 978-83-7414-266-3

Translation rights: W.A.B.

Rafał Górski

Bez państwa.

Demokracja

uczestnicząca

w działaniu

Korporacja Ha!art

Cracow 2007

125 × 195 • 250 pages

paperback

ISBN 83-89911-76-6

Translation rights:

Rafał Górski

Contact: Ha!art

Die geisteswissenschaftlichen Neuerscheinungen des letzten Jahres

107

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Die geisteswissenschaftlichen Neuerscheinungen des letzten Jahres

108

Das vergangene Jahr hat uns zahlreiche interessante Neuerscheinungen

im Bereich der Geisteswissenschaften beschert.

Ihr vorherrschendes Merkmal ist die Interdisziplinarität: Es

fällt schwer, die einzelnen Werke einer bestimmten Thematik

zuzuordnen. Durch ihre breite thematische Streuung richten

sie sich nicht mehr nur an einen bestimmten Leserkreis: Die

Lektüre zeitgenössischer künstlerischer Programme führt

uns direkt zu Fragen der gesellschaftlichen Kommunikation

und der Politik.

In manchen Fällen ist diese faszinierende Hybridität bereits

in der Konzeption angelegt, wenn zum Beispiel in einem allen

Anschein nach geschichtlichen Buch ein wirtschaftlicher

Berater des polnischen Präsidenten mithilfe einer ökonomischen

Simulation untersucht, was geschehen wäre, wenn

Stalin oder Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten,

wenn es die Oktoberrevolution nicht gegeben hätte oder

wenn China nicht von Japan erobert worden wäre... (Witold

M. Orłowski: Hundert Jahre Chaos. Eine alternative Geschichte

des 20. Jahrhunderts).

Kurz gesagt: Allein die Tatsache, dass das Buch, das du

liest, einer bestimmten Fachrichtung angehört, bedeutet

nicht, dass sich deine Lektüre auf einen klar abgesteckten

Bereich mit einer festen Terminologie beschränken wird.

Unter dieser Prämisse werde ich versuchen, einen kurzen

Überblick über die geisteswissenschaftlichen Neuerscheinungen

des letzten Jahres zu geben. Es liegt nahe, mit der

Politik zu beginnen, denn der mit dem Etikett der „Vierten

Polnischen Republik“ versehene politische Wandel führte

zu zahlreichen kritischen Auseinandersetzungen sowohl mit

der älteren als auch mit der neueren polnischen Geschichte.

Nachdem 2005 zwei differenzierte Studien über die Chefideologen

der beiden wichtigsten polnischen Parteien, PO

und PIS erschienen (Paweł Śpiewak: Die Erinnerung an den

Kommunismus und Zdzisław Krasnodębski: Periphere Demokratie)

veröffentlichte im Jahr darauf der bekannte Publizist

Rafał A. Ziemkiewicz ein wütendes Pamphlet gegen die Zeit

der „Dritten Polnischen Republik“ (Die Michnik-Herrschaft.

Chronik einer Krankheit). So sehr sich diese Autoren auch

in ihrem Temperament unterscheiden, verbindet sie doch

ein gemeinsamer Ansatz, der aus der „Hermeneutik der Verdächtigung“

entsteht und sich vor allem der Demaskierung

widmet: Die erste Phase der polnischen Unabhängigkeit

wird als eine pathologische Erscheinung in liberaler Kostümierung

beschrieben.

Auch der linke Flügel der polnischen intellektuellen Szene

widmet sich der Demaskierung des Liberalismus (und des

Neoliberalismus): Der in Krakau ansässige Verlag Ha!art

startete eine Reihe mit dem Titel „Radikale Linie“, der die

polnische Gesellschaft aus der Perspektive der an den Rand

Gedrängten beschreiben soll. Die Initiatoren dieser Reihe

bekennen sich zu „einer freiheitlichen Weltanschauung und

einer Perspektive des selbstbestimmten Aktivismus“. Der erste

Band nimmt direkten Bezug auf Czesław Miłoszs Verführtes

Denken (Ewa Majewska & Janek Sowa [Hrsg.]: Verführtes

Denken 2), handelt jedoch nicht mehr von der „kommunistischen“

sondern von der „liberalistischen Verführung“. Der

zweite Band nimmt eine noch radikalere Position ein, indem

er das Bild einer Demokratie „ohne Politiker“ entwirft (Rafał

Górski: Ohne den Staat. Die aktiv partizipierende Demokratie.

Mit einem Vorwort von Jan Sowa)

Diesen radikalen Protesten gegen die liberale Mythologie

nähern sich auch die Aussagen polnischer Künstler an, die

von Artur Żmijewski in dem hervorragenden, ebenfalls bei

Ha!art in der Reihe Politische Kritik erschienenen Buch Zitternde

Körper gesammelt wurden. Neben den Gesprächen

mit bildenden Künstlern aus dem Umfeld der so genannten

„Kritischen Kunst“ (wie Paweł Althamer, Katarzyna Kozyra

und Zbigniew Libera) finden sich in diesem Buch auch

diverse intime Zeugnisse (Tagebucheinträge, Projekte) und

zahlreiche Illustrationen. Wie Żmijewski bereits im Vorwort

des Buches erklärt, fordert diese Bewegung eine radikale Einbindung

der Kunst in die öffentliche Diskussion, indem sie

die künstlerische Äußerung als Form des Diskurses versteht.

Eine besondere Position im polnischen Dialog zwischen

Tradition und Moderne nehmen die Stimmen der katholischen

Dissidenten ein. Ein hervorragendes Beispiel dafür

sind die Gespräche mit dem ehemaligen Dominikanermönch

Tadeusz Bartoś kurz vor dessen Austritt aus dem

geistlichen Stand (Wege der Freiheit. Über die Theologie, die

Säkularisierung, die Demokratie in der Kirche, das Zölibat...

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Mit O. P. Tadeusz Bartoś spricht Krzysztof Bielawski). Obwohl

sich Bartoś von der realen Politik der katholischen Kirche distanziert,

hält er doch gleichzeitig eine Lobrede auf die Theologie.

Mit Wege der Freiheit erschien bereits die dritte in den

letzten Jahren kritische Auseinandersetzung eines polnischen

Geistlichen mit seiner eigenen Institution.

Auch im Bereich der Literaturwissenschaft gab es einige

wichtige Neuerscheinungen: Die Rückkehr der Zentrale

von Przemysław Czapliński (dem emsigsten Kritiker der

zeitgenössischen Literatur), der die marktwirtschaftliche

Reintegration des polnischen Literaturlebens (nach seiner

Zersplitterung in den Anfangsjahren der Transformation) beschreibt;

die von Włodzimierz Bolecki herausgegebene und

mit einem fast sechshundertseitigen (!) kritischen Anhang

versehene, fundamentale Neuausgabe von Witold Gombrowiczs

Ferdydurke; die kritisch-feministischen Essays von

Krystyna Kłosińska (Miniaturen. Über ‚weibliches’ Schreiben

und Lesen) sowie Maria Janions Versuch einer postkolonialen

Lesart der polnischen Phantasmen des Slawischen (Das unheimliche

Slawentum. Literarische Phantasmen). Mithilfe der

Terminologie Sigmund Freuds beschreibt Janion das Slawische

als etwas Vertrautes, das durch die Verdrängung zum

Unheimlichen wurde.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen zwei beeindruckende

biografische Studien, die – aus feministischer Perspektive

– die Schicksale in Vergessenheit geratener Frauen nachzeichnen

(Grażyna Kubica: Malinowskis Schwestern oder die

moderne Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowie Izabela

Filipiak: Regionen des Anderen. Über Maria Komornicka).

Zum Abschluss sollen noch zwei Reisereportagen erwähnt

werden: Mariusz Szczygieł schrieb eine Art tschechisches

Verführtes Denken (Gottland) und Max Cegielski versuchte

in Pakistan einen Dialog mit Vertretern verschiedener Richtungen

des Islam zu führen (Die Gottestrunkenen).

Die geisteswissenschaftlichen Neuerscheinungen des letzten Jahres

109

Krzysztof Kłosiński

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110

Adressen der Verlage und Agenten

Czarne

Wołowiec 11

PL 38-307 Sękowa

phone/fax: +48 18 351 00 70

fax: +48 18 351 02 78

redakcja@czarne.com.pl, www.czarne.com.pl

De Geus

P.O. Box 1878

NL 4801 BW Breda, The Netherlands

phone: +31 76 522 8151

fax: +31 76 522 25 99

a.v.rijsewijk@degeus.nl, www.degeus.nl

Institut Littéraire Kultura

91, avenue de Poissy

Le Mesnil le Roi, FR 78600 Maisons-Laffitte

phone: +33 1 39 62 19 04

fax: + 33 1 39 62 57 52

kultura@club-internet.fr

korporacja ha!art

Pl. Szczepański 3a

PL 31-011 Kraków

phone/fax: +48 12 422 81 98

korporacja@ha.art.pl, www.ha.art.pl

OPEN Wydawnictwo Naukowe i Literackie

ul. Batystowa 10A m.6

PL 02-798 Warszawa

fax +48 22 648 3031

tel. +48 600 838 593

mdrabikowski@o2.pl

PIW

ul. Foksal 17

PL 00-438 Warszawa

phone: +48 22 826 02 01 ext. 216

fax: +48 22 826 15 36

piw@piw.pl, www.piw.pl

PUENTA Literary Agency

puenta@vp.pl

Rosner & Wspólnicy

ul. Okrzei 1a

PL 03-715 Warszawa

phone/fax: +48 22 333 80 00

biuro@riw.pl, www.riw.pl

Wydawnictwo Sic!

ul. Chełmska 27/23

PL 00-724 Warszawa

phone/ fax: +48 22 840 07 53

biuro@wydawnictwo-sic.com.pl,

www.wydawnictwo-sic.com.pl

słowo/obraz terytoria

ul. Grunwaldzka 74/3

PL 80-244 Gdańsk

phone: +48 58 341 44 13

fax: +48 58 345 47 07

slowo-obraz@terytoria.com.pl,

www.terytoria.com.pl

Syndykat autorów

ul. Garażowa 7

PL 02-651 Warszawa

phone: +48 22 607 79 88

fax: +48 22 607 79 88

info@syndykatautorow.com.pl,

www.syndykatautorow.com.pl

Świat Książki

Bertelsmann Media

ul. Rosoła 10

PL 02-786 Warszawa

phone: +48 22 645 80 72

fax: +48 22 648 47 34

grazyna.brzezinska@bertelsmann.com.pl,

www.swiatksiazki.pl

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W.A.B.

ul. Łowicka 31

PL 02-502 Warszawa

phone/ fax: +48 22 646 05 10, 646 05 10

a.pieniazek@wab.com.pl, www.wab.com.pl

Więź

ul. Trębacka 3

PL 00-074 Warszawa

phone: +48 22 827 96 06

fax: +48 22 828 18 08

wiez@wiez.com.pl, www.wiez.com.pl

Wydawnictwo Dolnośląskie

Oddział Publicat SA we Wrocławiu

ul. Podwale 62

PL 50-010 Wrocław

phone: +48 71 785 90 40, + 48 71 785 90 59

fax: +48 71 328 89 66

sekretariat@wd.wroc.pl, www.wd.wroc.pl

Wydawnictwo Homini

ul. św. Sebastiana 33/6

PL 31-051 Kraków

phone/fax: +48 12 430 74 27

homini@homini.com.pl, www.homini.com.pl

Wydawnictwo Literackie

ul. Długa 1

PL 31-147 Kraków

phone: +48 12 619 27 40

fax: +48 12 422 54 23

j.dabrowska@wydawnictwoliterackie.pl,

www.wydawnictwoliterackie.pl

Wydawnictwo Pierwsze

Lasek, ulica Słoneczna 20

96-321 Żabia Wola

phone: +48 605 100 691

wydawnictwo@pierwsze.pl, www.pierwsze.pl

Wydawnictwo Uniwersytetu Śląskiego

ul. Bankowa 12B,

PL 40-007 Katowice

phone: +48 32 359 20 56

fax : +48 32 359 20 57

www.wydawnictwo.us.edu.pl,

wydawus@us.edu.pl

Wydawnictwo Uniwersytetu Wrocławskiego

pl. Uniwersytecki 15

PL 50-137 Wrocław

phone: +48 71 375 28 09

fax: +48 71 375 27 35

biuro@wuwr.com.pl, www.wuwr.com.pl

Zeszyty Literackie

ul. Foksal 16

PL 00-372 Warszawa

phone /fax: +48 22 826 38 22

biuro@zeszytyliterackie.pl,

www.zeszytyliterackie.pl

Znak

ul. Kościuszki 37

PL 30-105 Kraków

phone: +48 12 619 95 01

fax: +48 12 619 95 02

rucinska@znak.com.pl, www.znak.com.pl

Zysk i s-ka

ul. Wielka 10

PL 61-774 Poznań

phone: +48 61 853 27 51

fax: +48 61 852 63 26

biuro@zysk.com.pl, www.zysk.com.pl

111

Adressen der Verlage und Agenten

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Das Buchinstitut

ul. Szczepańska 1, II p.

31-110 Kraków

Tel: +48-12 433 70 40

Fax: +48-12 429 38 29

office@bookinstitute.pl

www.bookinstitute.pl

Warschauer Filiale

P. Defilad 1, IX p., pok. 911

00-901 Warszawa

Tel: +48-22 656 63 86

Fax: +48-22 656 63 89

warszawa@instytutksiazki.pl

Warszawa 134, P.O. Box 395

112

© Das Buchinstitut, Krakau 2007

Redaktion:

Izabella Kaluta, Joanna Czudec, Elżbieta Kalinowska

Übersetzung:

Friedrich Griese, Bernd Karwen, Ursula Kiermeier, Esther Kinsky, Olaf Kühl, Martin Pollack, Heinz Rosenau,

Paulina Schulz, Andreas Volk

Weitere Informationen über die polnische Literatur auf: www.bookinstitute.pl.

Eine englische Ausgabe dieses Katalogs unter dem Titel 38 New Books from Poland. Fall 2007 kann über

das Buchinstitut bezogen werden.

Graphik und Satz: Studio Otwarte

studiotwarte

www.otwarte.com.pl

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ÜBERSETZUNGSPROGRAMM ©POLAND gehört zum Programmbereich

des Buchinstituts.

Ziel des Programms ist es, Übersetzungen der polnischen Literatur

zu fördern sowie deren Präsenz auf den ausländischen

Buchmärkten zu stärken.

Das Programm umfasst insbesondere:

» Belletristik und Essayistik

» sowohl alte als auch zeitgenössische geisteswissenschaft-

liche Werke im weitesten Sinne (unter besonderer Berücksichtigung

von Büchern, die der Geschichte, Kultur und Literatur

Polens gewidmet sind)

» Kinder- und Jugendliteratur

» Sachbücher

gestellt werden. Das Angebotsformular des Programms kann

bei dem Buchinstitut angefordert werden oder von der Website

www.bookinstitute.pl heruntergeladen werden:

Die Angebote der Verlage werden von einer Expertengruppe

beurteilt. Die endgültige Entscheidung trifft der Direktor des

Buchinstituts.

KONTAKT:

E-mail: j.czudec@bookinstitute.pl

Das Buchinstitut

ul. Szczepańska 1, PL 31-011 Kraków

Tel. (+48) 12 426 79 12, Fax (+48) 12 429 38 29

Im Rahmen des Programms können u.a. folgende Kosten finanziert

werden:

» bis zu 100 % der Kosten des Lizenzerwerbs

» bis zu 100 % der Übersetzungskosten eines Werkes aus

dem Polnischen

Angebote können von allen Verlagen abgegeben werden, die

ein in polnischer Sprache geschriebenes Buch in eine fremde

Sprache übersetzen lassen und herausgeben wollen.

Dem Angebot müssen folgende Unterlagen beigefügt werden:

» das ausgefüllte Angebotsformular

» Kopie des Lizenzvertrags (oder Kopie des Vorvertrags)

» Kopie des Übersetzervertrags (oder Kopie des Vorvertrags)

» aktuelles Verlagsprogramm und allgemeine Informationen

zum Verlag

» Bibliographie des Übersetzers

» kurze Begründung für die Wahl des jeweiligen Werks

» detaillierter Kosten- und Finanzierungsplan der Publikation

unter Angabe der Vertriebsform

Anträge auf die Förderung von Übersetzungen polnischer

Literatur können von Verlegern bei dem Buchinstitut in Krakau

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