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Vor der Okkupation:

Einführung in die wechselvolle

Geschichte Lettlands

Seltsam, sich zu erheben von beinahe unbekannten Ufern

im überforschten Europa, wo noch immer im Baltikum sich

versteckt

des Mondes dunkle Seite, unbeleuchtet,

iznemot bis auf Unterdrückung, gewaltsame Aneignung,

fortgesetzt unaufhörlich über Jahrhunderte.

Ivar Ivask, Baltische Elegien

Das Baltikum wird noch immer häufig mit dem Balkan

verwechselt ebenso wie Lettland mit Litauen. Das ist auch

nicht verwunderlich. Verborgen in den Gewandfalten großer

Imperien, sind die baltischen Völkerschaften – mit Ausnahme

der Litauer – bis zum Ende des Ersten Weltkriegs auf der

politischen Weltbühne nicht in Erscheinung getreten. Mit

dem Zerfall der europäischen Großmächte 1918 gründeten

Esten, Letten und Litauer ihre eigenen Nationalstaaten.

Die baltischen Staaten sind relativ wenig bekannt in der

Welt. Aber jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte zu

erzählen. Die Wurzeln der Okkupationen des zwanzigsten

Jahrhunderts reichen tief, und noch tiefer reichen die

Wurzeln der baltischen Länder selbst. Von diesen Wurzeln

handelt diese Einführung.

Ursprünge

Archäologische Ausgrabungen belegen, daß die Vorfahren

der heutigen Balten sich bereits lang vor unserer Zeitrechnung

an den Küsten der östlichen Ostsee niedergelassen haben.

Ihre Sprachen zeugen bis heute davon, daß hier zwei

unterschiedliche Volksgruppen zusammentrafen. Esten

und die wenigen verbliebenen lettischen Liven sprechen

zur uralischen Sprachfamilie gehörende finnougrische

Sprachen; Lettisch und Litauisch dagegen stellen den

baltischen Zweig der indogermanischen Sprachenfamilie dar

und sind Linguisten als deren älteste, noch lebende Sprachen

bekannt.

Die ersten, allerdings recht vagen schriftlichen Zeugnisse

über die baltischen Völker finden sich in der vor fast

2.000 Jahren vom römischen Historiker Tacitus

aufgeschriebenen Germania. Er erwähnt ein Bauernvolk der

„Aestii“ – das einzige Volk, das Bernstein sammele. Dies

deutet darauf hin, daß besagter Volksstamm an der Ostküste

der Ostsee siedelte – wo sich bis heute die weltweit größten

Bernsteinvorkommen befinden und von wo aus zur Zeit des

Römischen Reichs Bernsteinstraßen nach Griechenland und

Rom führten. Als sie die Anziehungskräfte des Bernsteins

bemerkten, nannten die Griechen ihn „elektron.“

Erst tausend Jahre später erfahren wir mehr – in den

Chroniken über die Raubzüge der Wikinger, die altrussischen

Fürstentümer und die deutschen Eroberungen. Trotz der

spärlichen Hinweise können wir schlußfolgern, daß auf

dem Gebiet des heutigen Lettland sowohl Seefahrer als

auch Bauern lebten, die den Bewohnern des westlichen

Europas hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen und politischen

Entwicklung kaum nachstanden. Wir wissen, daß es

mehrere kleine Länder mit eigener sozialer und politischer

Ordnung gab, die einheimischen Herrschern unterstanden

– die Vorfahren sowohl der heutigen Letten als auch der

inzwischen beinahe gänzlich assimilierten Liven. Es gab

befestigte Siedlungen und Holzburgen. Die Herrscher waren

in der Lage, zur Verteidigung wie auch für Kriegszüge Heere

aufzustellen. Man unterhielt sowohl politische als auch

Handelsbeziehungen zu anderen Ländern und Völkern.

Entstehung eines Volkes unter fremder Treuhandschaft

Nach zähen Kämpfen gelang es deutschen Kreuzrittern

im 13. Jahrhundert, die von den einheimischen Fürsten

beherrschten Länder und deren Einwohner auf dem Gebiet des

heutigen Estland und Lettland zu unterwerfen. Sie etablierten

eigene Herrschaftsstrukturen, die in der Livländischen

Konföderation gebündelt waren. Parallel dazu baute der

Hansebund im Ostseeraum Handelsnetzwerke und Städte

Bottnischer

Busen

Ladoga

See

Oslo

Wikinger 8. Jh.

Schweden 17. Jh.

Stockholm

Ostsee

Helsinki

Tallinn

Finnischer

Busen

Nowgorod

S. Petersburg

Russen 16.–18. Jh.

Nordsee

Wisby

Rigaer Busen

Gottland

Ventspils

Liepāja

Rīga

Moskau

Dänen 13. Jh.

Kopenhagen

Daugava

Sowjetunion

20. Jh.

Wilna

Lübeck

Hamburg

Rostock

Bremen

Deutsche

Ordensritter 13. Jh.

Deutsche 20. Jh.

Berlin

Warschau

Polen 16. Jh.

0 200 km

© Pascal Orcier, 2005

Das Territorium Lettlands und

seine Eroberer im Lauf der

Jahrhunderte.

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