Kinder und Jugendliche in belastenden ... - Gesunde Schulen

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Kinder und Jugendliche in belastenden ... - Gesunde Schulen

Tagung Früherkennung und Frühintervention

in Schulen

14. Januar 2006

Symptome

und

Störungen

Dr. med. Th. Heinimann

Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst

des Kantons Luzern


Die Summe unserer Erkenntnisse besteht aus

dem, was wir gelernt, und aus dem, was wir

vergessen haben.

(Marie von Ebner-Eschenbach 1830-1916)

Es ist die Theorie, die entscheidet, was wir

beobachten können

(Werner Heisenberg 1901-1976)


Normalität

• Individualisierung der Gesellschaft

– soziale Normen (Werte, Ethik, Moral) weniger

wichtig

– Einzelne oder Gruppen bestimmen, was normal

ist (für sie)

– Familiennorm als wichtiges Bindeglied

– Schulhaus- und Klassennormen als Chance

• subjektive Normen

– Selbst- und Fremdkonzept

• Erfahrungsnorm

– Individuelle Synthese beruhend auf

Erfahrungen


Früherkennung undintervention

• Wer erkennt ?

– Eltern/Elternteil?

– Lehrperson?

– Mitschüler/in?

• Was ist erkennbar ?

– Verhaltensauffälligkeit?

– "stille" Symptomatik

• Wann ist früh?

– akute aufgetretene Veränderung/Symptomatik

– schleichender Beginn?


Symptome/Probleme in der Schule I

„Beobachtbare-gezeigte“ Symptomatik

– Entwicklungsverzögerungen und –dysharmonien

– Lernschwierigkeiten/intellektuelle Über-/Unterforderung

– kindlich-regressives Verhalten

– Mutismus/Stottern

– Hyperaktivität/Störung von Aufmerksamkeit/Konzentration

(HKS/AD(H)S/POS)

– Störendes Sozialverhalten mit/ohne

Dissozialität/Gewalt/Mobbing

– Panik und andere akut auftretende Angstzustände

– diverse (psycho-) somatische Symptome/Schmerzen

– Anorexie/Adipositas

–Zwänge/Tic's

– Schulphobie/Schulschwänzen


Symptome/Probleme in der Schule II

„Stille-versteckte-verheimlichte“ Symptomatik

– chronische Ängste/depressive Symptomatik

– schüchtern-gehemmtes/träumerisches/dissoziatives

Verhalten

– Bulimie

– Opfer von Gewalt/Traumatisierung

– chronische Krankheit mit (sekundärer) psychischer

Symptomatik

– Einnässen/Einkoten

– Selbstverletzung/Suizidalität

– Konsum von Nikotin/Drogen/Alkohol

– sonderbares Verhalten/sozialer Rückzug/Verdacht

Psychose


Symptome und Störungen

• Viele Symptome unspezifisch

• Ist das Verhalten/die Symptomatik (noch) alterstypisch/-

adäquat?

• Zeitfaktor (kurz/vorübergehend - dauernd/chronisch)

• Wo zeigen sich die Symptome? Situationsabhängigkeit?

• Ausmass/Stärke der Symptome? Unterschiede?

• Scham- und Schuldgefühle wegen der Symptome

(Zwänge, sexuelle Probleme, aggressive Phantasien…)

• kommunikativer Aspekt (Anorexie, selbstverletzendes

Verhalten, Stehlen…)

• "Ansteckungsgefahr" (Selbstverletzendes Verhalten,

Essstörungen, Suizidalität…..)

• Ist das Verhalten/die Symptomatik

berechenbar/einfühlbar?


Mögliche Bedeutung der Symptome

Was versteckt sich allenfalls hinter dem Symptom?

• Angst vor Versagen, Kritik, Veränderung, Nähe, Verlust,

Verlassenwerden, Liebesentzug, Selbstverlust…..

• Unsicherheit, Selbstwertzweifel

• Wut, Aggression

• Idealisierung oder Entwertung

• Scham- und Schuldgefühle

• Hilflosigkeit ,Verzweiflung, Sinnlosigkeit

• Flucht/Abstellen

• Auflehnung/Kampf

• Suche nach Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung

• Bedürfnis nach Sicherheit/Schutz

• Suchen von Grenzen/Autorität

• Opfer von Gewalt

• Bewunderung/etwas Besonderes leisten

• Verwirrung, Desorientierung


Symptome und Störungen

• Symptome bedeutet nicht (zwingend) Störung

• Häufig kurze reaktive Störungen bzw. Krisen

• Kind/Jugendlicher als Symptomträger (Konflikte

zwischen Eltern etc.)

• Symptom als beste Lösung eines Konfliktes

(subjektiv kleineres Übel, u. U. besser ertragbar)

• Symptome können Beziehungs- und

Kommunikationsaspekt haben

• Hat die Störung Einfluss auf die weitere

Entwicklung und die Sozialisation ?

• Nur bedingte Aussagekraft für spezifische

Behandlungsindikation


Diagnostik nach ICD-10 (DSM IV)

• Störung statt Krankheit : besser operationalisierbar

• atheoretisch- nicht ursachenbezogen

• symptomorientiert - deskriptiv

• Störung ist nicht exakter Begriff, sondern klinisch

erkennbarer Komplex von Symptomen/Auffälligkeiten

• Co-Morbidität

– z.B. Angst - Depression - Zwang

– Depression - Störung des Sozialverhaltens

– Drogenkonsum - Psychose

– HKS/ADHS - Störung des Sozialverhaltens

• biologisch - psychopharmakologische -

verhaltensorientierte Forschung (Placebo-kontrollierte

Doppelblindstudien) profitiert

• psychodynamische und systemische Sichtweise

marginalisiert

• „Das Messbare verdrängt das Unbewusste“


Psychische Störungen : Ursachen/Faktoren

Psychische Störung = Resultat der Interaktion

zwischen Anlage/Konstitution und Umwelt

• Genetische und konstitutionelle Einflüsse (Temperament)

• Neurobiologie (Wahrnehmung, Hirnzell-Differenzierung)

• Bindungsverhalten (sicher, unsicher, desorganisiert)

• Beziehungserfahrungen

• Intelligenz/cognitiv-emotionaler Entwicklungsstand

• Alter/Geschlecht

• Schutzfaktoren/Resilienz (Widerstandsfähigkeit)/Ressourcen

• Familiäre Situation/Erziehung

• Vorbestehende körperliche/psychische Störung

• Bezug zum eigenen Körper

• Ereignisse/Lernerfahrungen (z.B. Hilflosigkeit)

• Bewusste und unbewusste Verarbeitung/Phantasien

• aktuelle Einflüsse, Beziehungen, Anforderungen Stress

• soziale/kulturelle/politische/religiöse Einflüsse/“Zeitgeist“


• Genetische und konstitutionelle Einflüsse (Temperament)

• Neurobiologie (Wahrnehmung, Hirnzell-Differenzierung)

• Bindungsverhalten (sicher, unsicher, desorganisiert)

• Beziehungserfahrungen

• Intelligenz/cognitiv-emotionaler Entwicklungsstand

• Alter/Geschlecht

• Schutzfaktoren/Resilienz

(Widerstandsfähigkeit)/Ressourcen

• Familiäre Situation/Erziehung

• Vorbestehende körperliche/psychische Störung

• Bezug zum eigenen Körper

• Ereignisse/Lernerfahrungen (z.B. Hilflosigkeit)

• Bewusste und unbewusste Verarbeitung/Phantasien

• aktuelle Einflüsse, Beziehungen, Anforderungen Stress

• soziale/kulturelle/politische/religiöse Einflüsse/“Zeitgeist“


Wo zeigt sich die Problematik/Störung?

in Familie und Schule :

– Bsp.: HKS/POS, Emotionale Störungen (Angststörungen und

Depressionen), Zwangsstörungen, Störung des

Sozialverhaltens (SSV) etc.

• Auswirkungen/Erscheinung/Ausmass u. U. verschieden

• vorwiegend in der Familie :

– Bsp.: familiäre Konflikte, Kindsmisshandlung, auf Familie

beschränkte Störung des Sozialverhaltens etc.

Kinder manchmal nicht/kaum auffällig in der Schule

• vorwiegend in der Schule :

– Bsp.: Schulangst, psychogene Leistungshemmung, Mobbing

(Täter oder Opfer), Gewalt (Gruppendynamik)

• Eltern oft ahnungslos oder vorwurfsvoll gegenüber Lehrperson


Intervention I : Wer?

• Lehrperson/Schule :

– Engagement, Fähigkeiten und Grenzen der Lehrperson

– Ansprechpartner für Eltern und Kind

– Beratung und wenn nötig Weiterweisung

– Vermitteln in der Klasse

• Schulpsychologie/Schulberatung :

– Leistungs- und schulnahe Probleme

– Abklärung und Einleitung von therapeutischen Massnahmen

– Klasseninterventionen

– Lehrerberatung/Supervision

• Schulsozialarbeit :

– Niederschwelliges Angebot bei psychosozialen Problemen

– Beratung und Betreuungen und weitere Aufgaben

• KJPD :

– Abklärung /Therapie im Auftrag von Eltern/-teil

– Gutachten im Auftrag von Behörden und Gerichten


Intervention II : Wie?

Voraussetzung für Intervention?

• freiwillig/motiviert/einsichtig?

– gute Voraussetzung für erfolgreiche Beratung/Behandlung

• pseudofreiwillig/unter Druck?

– Widerstand und Gefahr des Scheiterns u. U. gross

– Arztgeheimnis bei Abklärung im KJPD berücksichtigen

• Einleitung von Massnahmen/Meldung an Behörde

– Disziplinarmassnahme durch Schule oder Behörde

– Bei ernsthafter Gefährdung des Kindswohls

Gefährdungsmeldung an Vormundschaftsbehörde (gemäss EG

ZGB §32)

• §32 Mitteilungen und Auskünfte

• Abs 1: Behördenmitglieder, Angestellte der Gemeinwesen, Lehrpersonen und

Personen der Schuldienste, die in Ausübung ihres Berufs Kenntnis von einem

Fall erhalten, der das Einschreiten einer vormundschaftlichen Behörde

rechtfertigt, sind zur Mitteilung und zur Auskunft verpflichtet.


Intervention III : Wo?

Bei wem intervenieren?

• beim Kind?

– Abklärung

– Förderbehandlung

– Psychotherapie (ev. zusätzlich psychopharmakologische Behandlung)

– Platzierung in pädagogischer oder therapeutischer Institution

in der Familie?

– Elternberatung

– Familientherapie

– Paartherapie

– vormundschaftliche Massnahme

in der Gruppe/Klasse :

– Klassen-/Gruppenintervention

in der Interaktion Familie/Eltern u/o Kind

– Klärende Gespräche/Mediation

– Supervision/Lehrerberatung


Schulpsychologie

Logopädie

Psychomotorik

Schule

Schul. Heilpäd.

Legasth./Dyskalk.-Th.

Schulsozialarbeit

Sozialdienste

Jugendberatung

Ergotherapie

Schulkind

und Familie

Pädagog. Institutionen

Kinder-, Haus- und

Schularzt

Vormundschaftsbehörde

Erwachsenenpsychiatrie

-psychotherapie

Kinderpsychiatriepsychotherapie

Gerichte

Jugendanwaltschaft


Fazit

• Chancen der Schule als Norm definierende Institution nutzen

• Störungen können sich zu Hause und/oder in der Schule verschieden

manifestieren

• Früherkennung ist manchmal schwierig, v.a. bei versteckter

Problematik und schleichendem Verlauf einer Störung

• Lehrperson als wichtige Ansprechperson bei Problemen für Eltern

und Kind

• Kooperation von Schule und Eltern sehr wichtig

• Verantwortungsübernahme durch Eltern

• Lehrpersonen brauchen dafür Ressourcen und Unterstützung

(Fortbildung, Supervision)

• SPD/Schulische Dienste und Schulsozialarbeit als erste Abklärungs-

/Triage- und Behandlungsstellen

• Weiterweisung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen

Störungen an kinder- und jugendpsychiatrische Fachpersonen/KJPD

• Bei Gefährdung des Kindswohls Verantwortung übernehmen

(notfalls Gefährdungsmeldung an Vormundschaftsbehörde)

• Zusammenarbeit auf allen Ebenen zentral wichtig


Danke für Ihre

Aufmerksamkeit

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