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Ga-Blatt 3/2007 A 25.07.2007 10:47 Uhr Seite 5

„Das Beste, was an mein Leben

sich knüpft ...“

Zur Geschichte des Gustav-Adolf-Werks

von Hans Wähner und Maaja Pauska

Christian Gottlob

Leberecht

Großmann

(1783–1857)


Diskussionen

um ein neues

Gustav-Adolf-Denkmal

waren der

Auslöser für die

Gründung des GAW

im Jahre 1832.


Fotos:

GAW-Archiv

„... unser Verein hat sein Entstehen

dem Denkmal oder vielmehr dem

Widerspruch gegen das Denkmal zu

danken“, schrieb Christian Gottlob

Leberecht Großmann (1783–1857),

einer der Gründerväter des Gustav-

Adolf-Werks, in einem Rückblick auf

die Entstehung des ersten evangelischen

Diasporawerks in Deutschland.

Auslöser für die Begründung eines

Vereins zur Hilfe bedrängter und in

Not geratener evangelischer Gemeinden

war das Gedenken an den 200.

Todestag des schwedischen Königs

Gustav II. Adolf am 6. November

1832.

Dem „Retter des Protestantismus“,

wie er damals heroisierend bezeichnet

wurde, wollte man in Lützen bei Leipzig,

wo er während des Dreißigjährigen

Krieges in einer Schlacht gefallen

war, ein neues, größeres Denkmal

setzen. Es regten sich alsbald jedoch

Stimmen gegen den Bau eines steinernen

Denkmals. Gleichzeitig wurden

Vorschläge gemacht, wie man die

eingehenden Sammlungsgelder für

sozial-kirchliche Zwecke verwenden

könnte. In dieser Situation bekam Superintendent

Großmann eine Eingebung.

Zwanzig Jahre später schrieb er:

„Das Beste, was ... an mein Leben sich

knüpft, ist eine Gabe von oben, ein

Gnadengeschenk der göttlichen Führung,

... der Gedanke zur Gründung

des G. A. Vereins.“ Die Not mehrerer

evangelischer Gemeinden in Böhmen

und Bayern sowie unter den Waldensern

hatten ihn auf die Idee der

Unterstützung bedrängter evangelischer

Gemeinden gebracht.

Gründungsaufrufe

[Gegründet werden soll] „...

eine Anstalt zu brüderlicher

Unterstützung bedrängter

Glaubensgenossen und

zur Erleichterung der Not,

in welche durch die

Erschütterung der Zeit und

durch andere Umstände

protestantische Gemeinden

in und außer Deutschlands

mit ihrem kirchlichen Zustand

geraten, wie dies nicht selten

bei neu entstehenden

Gemeinden zu sein pflegt.”

(14. Dezember 1832, Leipziger Tageblatt)

„Protestanten, Lutheraner,

Reformierte, Anglicaner, und

welche Namen Ihr führen

möget, Glieder der protestantischen

Kirche, welches auch

Eure besondere Glaubensansicht

sei, ob Ihr Supranaturalisten

oder Nationalisten

oder Vermittelnde seid, ob

man Euch Altlutheraner oder

Neuevangelische, Pietisten

oder Mystiker oder noch

anders nennt, Protestanten –

ich fasse das Wort im weitesten

Sinne – weihet den heutigen

Tag durch den Entschluß,

einen Verein für die hülfsbedürftigen

protestantischen

Gemeinden zu gründen.”

(„Aufruf an die protestantische Welt”, 31. Oktober

1841, Allgemeine Kirchenzeitung)

Dass der Gedanke damals „in der Luft

lag“, bezeugt die Tatsache, dass wenige

Jahre später der Darmstädter Hofprediger

und Kirchenjournalist Karl

Karl Zimmermann

(1803–1877)


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Deutschland

und das GAW

nach dem Zweiten

Weltkrieg: geteilt.


Foto:

GAW-Archiv

Zimmermann eine ähnliche Idee hatte

und am Reformationsgedenktag des

Jahres 1841 einen diesbezüglichen

Aufruf erließ.

Erstaunlich und erfreulich, dass – abseits

des heutigen Konkurrenzdenkens

– die beiden Männer die von ihnen

ins Leben gerufenen Aktivitäten

zusammenlegten und 1842 in Leipzig

den Evangelischen Verein der Gustav-Adolf-Stiftung

gründeten. Sehr

schnell entstanden neben Darmstadt,

Leipzig und Dresden weitere Hauptvereine,

denen sich landesweit Zweigvereine

anschlossen.

Bald gründeten sich auch Frauenvereine,

die in der Arbeit des GAV bis

heute eine hervorragende Rolle spielen,

zumal sie sich zu allen Zeiten für

sozial-diakonische Anliegen in den

Partnerkirchen und spezielle Anliegen

von Frauen in Kirche und Gesellschaft

eingesetzt haben.

Damals wie heute unterstützt das

GAW den Gemeindeaufbau im umfassenden

Sinne. In Deutschland, in

Europa und Lateinamerika, später

auch in Fernost, Australien, Südafrika

und Palästina half das Werk Schulen

und Kirchen, Gemeindesäle und Häuser

für verwaiste Kinder zu bauen, die

es als Folge der zahlreichen europäischen

Kriege im 19. Jahrhundert vielfach

gab.

„Die Geschichte des Gustav-Adolf-Vereins

ist ein Stück Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts,

und wo immer evangelischer

Glaube ... sich empor gerungen hat, da

stoßen wir auf Spuren des Gustav-Adolf-

Vereins, und er hat sich einen Ehrenplatz

errungen in den Annalen des Protestantismus.

Wir evangelische Deutsche sind noch heute

zersplittert in zahllose Landeskirchen. Das

evangelische Deutschland ist der klassische

Boden theologischen Kämpfens und theologischen

Haderns. Jeder ... wahrt sorgfältig

seine theologische Eigenart. Daher so lange

kein evangelisches Gemeinschaftsgefühl,

daher jene Erstarrung und Verknöcherung

evangelisch-kirchlichen Lebens bis weit in

das 19. Jahrhundert hinein.

Dass dieser Bann gebrochen worden ist,

das danken wir neben der äußeren und der

inneren Mission in allererster Linie dem

Gustav-Adolf-Verein. ... er hat dem deutschen

Protestantismus gebracht, was er bis

dahin noch nicht hatte, den Zug ins Große,

den ökumenischen Sinn ...”

(Prof. Dr. Carl Mirbt, Kirchenhistoriker und Missionswissenschaftler, 1902 auf

der 55. Hauptversammlung des GAV)

6

Von Anfang an stand auch die Unterstützung

von Aus- und Weiterbildung

in den Partnerkirchen des Werkes

im Blickpunkt der Bemühungen.

Für Stipendien und für die Vermittlung

von Studienplätzen, vornehmlich

für das Theologiestudium, wurde

seit den ersten Jahrzehnten des Bestehens

des Werkes gesorgt. Im Zuge

dieser Fürsorge wurde 1930 in Leipzig

das Franz-Rendtorff-Haus als Studentenwohnheim

des GAV eröffnet,

benannt nach dem damaligen Vorsitzenden

des Centralvorstandes. Als im

Dezember 1943 die Zentrale des GAV

in der Leipziger Innenstadt bei einem

Bombenangriff zerstört wurde, zog

man ins Franz-Rendtorff-Haus, wo

bis zur Wiedervereinigung das GAW

in der DDR seinen Sitz hatte.

Die Kriege des 19. Jahrhunderts und

die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert

schränkten die Arbeitsmöglichkeiten

des Werkes immer wieder

ein, zumal es sich stets als ein Werk

des Friedens, der Verständigung und

des Bewahrens des evangelischen Elementes

verstanden hat.

Verband gegen die katholische Kirche

und deutsch-nationaler Verein wollte

das GAW nie sein, wenngleich es im

Laufe seiner Geschichte diesen Gefahren

nicht immer widerstanden hat.

Eine besondere Zerreißprobe war die

Zeit des Nationalsozialismus. In dieser

Zeit, teilweise aber auch schon zuvor,

verschob sich der Ton von Glaubensgenossen

auf Volksgenossen.

Eine „kluge Vereinspolitik“, die zu

einschneidenden Auseinandersetzungen

innerhalb der Hauptvereine führte,

verhinderte eine totale Gleichschaltung

des Werkes, bewahrte das

GAW aber nicht vor Auswirkungen

der Gesetze für Sammlungsverbote

sowie für die Ausfuhr von Devisen.

„Das Buhlen um die Gunst von

Erich Koch im Jahre 1934 ist und

bleibt eine schlimme Sache. Der

ostpreußische Gustav-Adolf-

Hauptverein hat zwar damit

schwerlich den Faschismus

fördern wollen, aber für sich selbst

Förderung durch einen Faschisten

gesucht. Das nachträglich

beschönigen zu wollen, stände

uns nicht an.”

(Franz Lau, Präsident des GAW, auf der Jahresversammlung

des GAW in der DDR 1963)

Erich Koch, Oberpräsident und

Gauleiter von Ostpreußen in

Königsberg, wurde 1959 von

einem polnischen Gericht

in Warschau als Kriegsverbrecher

verurteilt.

1934 war er – im Sinne eines

Protektorats – zum Vorsitzenden

des Ostpreußischen Hauptvereins

des GAV gewählt worden.

Im Jahr 1946 stellte der Rat der

Evangelischen Kirche in Deutschland

das Gustav-Adolf-Werk unter den

Schutz der Kirche, einmal, um die

jahrzehntelange Zusammenarbeit des

GAV mit den Landeskirchen anzuerkennen,

zum andern, um dem möglichen

Verbot von Vereinen, die während

der NS-Zeit bestanden hatten,

durch die Besatzungsbehörden aus

dem Wege zu gehen.

Die Nachkriegsverhältnisse verschafften

dem Gustav-Adolf-Verein keine

Atempause zum Bedenken der vergangenen

Jahre. Der Dienst an den

Millionen Flüchtlingen, an den ihrer

Heimat verlustig Gegangenen, an den

verwaisten Kindern, an den Ausgebombten

und aus dem Krieg Heimkehrenden

erforderte einen schier

übermenschlichen Einsatz, dem sich

das GAW mit anderen kirchlichen

und staatlichen Hilfswerken stellte.

Die erste Vollversammlung nach dem

Zweiten Weltkrieg fand erst 1949 in

Fulda statt.

Die Teilung Deutschlands in Besatzungszonen

und später in zwei Staaten

machte es notwendig, 1947 eine

zusätzliche Geschäftsstelle für die

westlichen Besatzungszonen in Assenheim,

ab 1952 in Kassel, einzurichten.

1948 schlossen sich die Hauptgruppen

im westlichen Bereich Deutschlands

zur „Notgemeinschaft der Gustav-Adolf-Stiftung“

zusammen, deren

Zentrale weiter in Leipzig war.

Die Zusammenarbeit im geteilten

Land gestaltete sich aber zunehmend

schwieriger, sodass 1963 eine Zäsur

stattfand: Das GAW in der Bundesre-

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publik wählte einen eigenen Vorsitzenden

und die Hauptgruppen im Osten

gründeten die „Arbeitsgemeinschaft

des GAW in der DDR“, die

1974 ein Werk des Bundes der Evangelischen

Kirchen in der DDR wurde.

1966 regelten die beiden Teile des

GAW in Ost und West in einer Vereinbarung

das Verhältnis zueinander

und gaben sich gegenseitig frei zum

selbstständigen Handeln in ihren

Bereichen. Im Rahmen der verbliebenen

Möglichkeiten hat es aber eine

enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit

der beiden Teile des GAW in

Ost und West gegeben. Wo es möglich

und angezeigt war, wurden gemeinsam

Projekte in Partnerkirchen

getragen. Regelmäßige Begegnungen

der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

sowie Besuche bei Jahresfesten und

Hauptversammlungen haben zum

bleibenden Bewusstsein der Zusammengehörigkeit

beigetragen.

Zusammenarbeit

über die „Blockgrenzen”

Auf der Mitgliederversammlung

des GAW der EKD 1984

in München wurde die

Arbeitsgemeinschaft der

Gustav-Adolf-Vereine in

Europa gegründet und ein

jährliches gemeinsames

Europaprojekt beschlossen,

an dem sich jeder Verein mit

Geld oder Sachlieferungen

beteiligen sollte. Das erste

Projekt war die Renovierung

des Studentenheimes Albert-

Schweitzer-Haus in Wien. Dank

der Verhandlungstaktik mit

volkseigenen Betrieben gelang

es dem Generalsekretär

des GAW Ost, Propst Eberhard

Schröder, aus der Überplansollerfüllung

Herde und Kühlschränke

für das Studentenheim

zur Verfügung zu stellen.

Diese Herde und Kühlschränke

mussten von Betrieben produziert

werden, die gleichzeitig

Waren für Bosch und Siemens

herstellten, damit die Ersatzteillieferung

und der Service

in Österreich garantiert waren.

In dem Studentenheim hatte

man so eine Küche aus der

DDR. Man schlief in Bettwäsche

aus der ČSSR, saß in

der Kapelle auf Stühlen aus

Polen und wurde erleuchtet

durch Glaslampen aus der

Schlesischen Evangelischen

Kirche aus der ČSSR.

(Erinnerung von Hans-Joachim Nölke, Generalsekretär

des GAW der EKD 1983–1994)

Nach der Wiedererlangung der staatlichen

Einheit Deutschlands hatten

die Verantwortlichen des GAW in

Ost und West einen sensiblen Weg

der Vereinigung des Werkes vereinbart.

Kein Teil des Werkes ist dem

anderen beigetreten. Nachdem sich

das GAW in Leipzig einen Rechtsstatus

verschafft hatte, der dem des

GAW in Kassel gleichkam, haben sich

die beiden Teile des GAW in Ost und

West zunächst aufgelöst und sich im

Juni 1992 in Herrnhut zum Gustav-

Adolf-Werk e. V. Diasporawerk der

Evangelischen Kirche in Deutschland

(GAW) neu gegründet. Im März

1995 wurde das renovierte Franz-

Rendtorff-Haus in Leipzig offiziell als

Zentrale des GAW der EKD eröffnet.

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GAW-Zentralen

Leipzig, Weststraße (bis 1943)

Kassel, Olgastraße (1972–1994)

Leipzig, Pistorisstraße (ab 1944)·Fotos: GAW-Archiv

Aus der Chronik

des Gustav-Adolf-Werks

1832 Aufruf zur Gründung der Gustav-Adolf-Stiftung

in Leipzig/Sachsen

1833 Die erste finanzielle Hilfe geht an die lutherische

Siedlungsgemeinde Karlshuld im Donaumoos

bei Ingolstadt

1841 Gründung eines Diasporavereins in Darmstadt/

Hessen

1842 Zusammenschluss der sächsischen Gustav-Adolf-

Stiftung und des hessischen Diasporavereins zu

einem „Evangelischen Verein der Gustav-Adolf-

Stiftung”

1843 Der erste Projektkatalog

1844 Erste Kontakte nach Lateinamerika (Buenos Aires)

1848 Gründung des ersten Gustav-Adolf-Frauenvereins

in Rees, Rheinland

1886 Die erste sogenannte Frauenliebesgabe (heute:

Jahresprojekt der Frauenarbeit) geht an die Waisenanstalt

in Ostrowo/Posen.

1904 Aufruf zu einer regelmäßigen Kindergabe (heute:

Kinder-, Jugend- und Konfirmandengabe) im

Gustav-Adolf-Verein; die erste Sammlung geht an

die Gemeinde St. Joachimsthal, Böhmen.

1930 Einweihung des Studentenheims „Franz-Rendtorff-

Haus” in Leipzig

1943 Zerstörung der Zentrale des Gustav-Adolf-Vereins

in der Leipziger Innenstadt während eines Bombenangriffs,

Umzug der Verwaltung ins Franz-

Rendtorff-Haus

1946 Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland

(EKD) erklärt die Fortführung der Arbeit des Gustav-Adolf-Vereins

unter der Bezeichnung „Gustav-

Adolf-Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland”

1947 Einrichtung einer Geschäftsstelle für den Bereich

der westlichen Besatzungszonen in Assenheim,

ab 1952 in Kassel

1948 Zusammenschluss der Hauptgruppen des Gustav-

Adolf-Werks im Westen Deutschlands zur „Notgemeinschaft

der Gustav-Adolf-Stiftung”

1963 Das Gustav-Adolf-Werk (West) wählt einen eigenen

Vorsitzenden, die Hauptgruppen im Osten

Deutschlands gründen eine „Arbeitsgemeinschaft

des Gustav-Adolf-Werks in der Deutschen Demokratischen

Republik”

1966 Die „Berliner Vereinbarung” regelt das Verhältnis

zwischen Gustav-Adolf-Werk (West) und Gustav-

Adolf-Werk (Ost) und ermöglicht selbstständiges

Handeln in ihren Bereichen

1992 Neugründung im vereinten Deutschland nach Auflösung

der Gustav-Adolf-Werke Ost und West

1994 Als erstes kirchliches Werk in Deutschland nimmt

das Gustav-Adolf-Werk seinen Sitz in einem der

neuen Bundesländer: im Franz-Rendtorff-Haus in

Leipzig. Die ehemalige West-Zentrale in Kassel

wird geschlossen.

1997 Erweiterung des bestehenden Stipendienfonds zu

einem umfangreichen Studien- und Stipendienprogramm

2000 Wiederaufnahme der Unterstützung von protestantischen

Kirchengemeinden und Bildungsstätten in

der innerdeutschen Diaspora

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