Arbeitsteilung und Ideologie - Berliner Institut für kritische Theorie eV

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Arbeitsteilung und Ideologie - Berliner Institut für kritische Theorie eV

DAS ARGUMENT

Zeitschrift tür Philosophie und Sozialwissenschaften

Herausgegeben von Frigga Haug und Wolfgang Fritz Haug

Ständige Mitarbeiter: Wolfgang Abendroth (Frankfurt/M.), Heinz-Harald Abholz

(Berlin/West), Detlev Albers (Bremen), Günther Anders (Wien), Frank Deppe (Marburg),

Hans-Ulrich Deppe (Frankfurt/M.), Bruno Frei (Wien), Klaus Fritzsche (Gießen),

Werner Goldschmidt (Hamburg), Helmut Gollwitzer (Berlin/West), Heiko Haumann

(Freiburg), Klaus Holzkamp (Berlin/West), Urs Jaeggi (Berlin/West), Baber Johansen

(Berlin/West), Arno Klönne (Paderborn), Thomas Metscher (Bremen), Reinhard Opitz

(Köln), Wolfgang Pfaffenberger (Oldenburg), Helmut Ridder (Gießen), Dorothee Sölle

(Hamburg), Karl Hermann Tjaden (Kassel), Erich Wulff (Hannover)

Redaktion: Dr. Dieter Borgers, Wieland Elfferding, Dr. Karl-Heinz Götze, Sibylle

Haberditzl, Dr. Frigga Haug, Prof. Dr. W.F. Haug, Thomas Laugstien, Rolf Nemitz,

Nora Räthzel, Dr. Werner van Treeck

Autonome Frauenredaktion: Sünne Andresen, Anke Bünz-Elfferding, Dagmar Burgdorf,

Claudia Gdaniec, Dr. Frigga Haug, Kornelia Hauser, Birgit Jansen, Ursula Lang,

Edith Laudowicz, Christa Leibing, Hannelore May, Christa Müller, Dr. Barbara Nemitz,

Erika Niehoff, Gisela Nietsch, Sigrid Pohl, Renate Prinz, Dr. Brita Rang, Nora Räthzel,

Petra Sauerwald, Erika Stöppler, Christine Thomas, Dr. Silke Wenk

Redaktion und Verlag: Altensteinstraße 48a, 1 Berlin 33, Tel. 030/8314079

Anzeigen (ohne Tausch): A.Runze u. M.Gatz, Leonhardtstr. 8-9, 1 Berlin 19,

Tel. 030/3237461

Argument-Vertrieb: Tegeler Str. 6, 1 Berlin 65, Tel. 030/4619061

Besprechungen

Philosophie

Mitte/straß, Jürgen: Wissenschaft als Lebensform (M. Weingarten).. 879

Schmied-Kowarzik, Woljdietrich: Die Dialektik der gesellschaftlichen Praxis

(R. Konersmann). 880

(Fortsetzung auf S.XXVIII)

ISSN 0004-1157

Das Argument erscheint 1982 in 6 Heften (alle 2 Monate). Jahresumfang 924 Seiten. - Einzelheft 12,- DM;

Stud., Schüler, Erwerbslose 9,- DM. Jahresabo inkl. Versand 63,80 DM; Stud. etc. 50,- DM. - Kündigung

des Abos nur zum Jahresende bei Einhaltung einer Dreimonatsfrist. - Die Redaktion bittet um Mitarbeit,

haftet aber nicht für unverlangt eingesandte Texte und Rezensionsexemplare. Aufsätze sollen höchstens 20,

Rezensionen 2 MS-Seiten (lll2zeilig mit Rand) haben. Zitierweise wie in den Naturwissenschaften. - Copyright

© Argument-Verlag GmbH. Alle Rechte - auch das der Übersetzung - vorbehalten. - Konten:

Postscheck Berlin West 5745-108. BfG 11 1440 1300, BLZ 100 101 11. - Satz: Barbara Steinhardt. Druck:

Fuldaer Verlagsanstalt. - 1.-7. Tausend Dez. 1982. - Es gilt Anzeigenpreisliste Nr. 2.


DAS ARGUMENT

Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften

Herausgegeben von Frigga Haug und Wolfgang Fritz Haug

Ständige Mitarbeiter: Wolfgang Abendroth (Frankfurt/M.), Heinz-Harald Abholz

(BerlinIWest), Detlev Albers (Bremen), Günther Anders (Wien), Frank Deppe (Marburg) ,

Hans-Ulrich Deppe (Frankfurt/M.), Bruno Frei (Wien), Klaus Fritzsche (Gießen),

Werner Goldschmidt (Hamburg), Helmut Gollwitzer (BerlinIWest), Heiko Haumann

(Frei burg) , Klaus Holzkamp (BerlinIWest), Urs Jaeggi (Berlin/West), Baber Johansen

(BerlinIWest), Arno Klönne (Paderborn), Thomas Metscher (Bremen), Reinhard Opitz

(Köln), Wolfgang Pfaffenberger (Oldenburg), Helmut Ridder (Gießen), Dorothee Sölle

(Hamburg), Karl Hermann Tjaden (Kassel), Erich Wulff (Hannover)

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Petra Sauerwald, Erika Stöppler, Christine Thomas, Dr. Silke Wenk

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des Abos nur zum Jahresende bei Einhaltung einer Dreimonatsfrist. - Die Redaktion bittet um Mitarbeit,

haftet aber nicht für unverlangt eingesandte Texte und Rezensionsexemplare. Aufsätze sollen höchstens 20,

Rezensionen 2 MS-Seiten (l1/2zeilig mit Rand) haben. Zitierweise wie in den Naturwissenschaften. - Copyright

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Postscheck Berlin West 5745-108. BfG 11 14401300, BLZ 100 101 11. - Satz: Barbara Steinhardt. Druck:

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777

Editorials

Zum vorliegenden Heft

Arbeitsteilung und Ideologie: Die Geschichte der Arbeit lehrt uns, daß Arbeitsteilung eine

entscheidende Grundlage für die Fortschritte der Menschheit, aber auch für ihre

Spaltungen, für die ungleiche und gegensätzliche Entwicklung der Individuen und Gruppen

ist. Geschichte der Arbeit ist auch Geschichte ihrer Teilungen; sie können nur entwickelt

werden, wenn sich gleichzeitig Mächte entwickeln, die die Teile aufeinander beziehen

und zusammenbringen: vor allem Staat und Markt. Es bilden sich Abhängigkeits-,

Hierarchie- und Ausbeutungsverhältnisse heraus. Arbeitsteilung ist mit Herrschaft

und ideologischer Über- und Unterordnung verschachtelt. Wie die Menschen dieses

widersprüchliche Ineinander leben, was sie in dieses Geflecht gefesselt hält, wie sie

sich daraus zu befreien versuchen, wie sie gerade in ihren Befreiungsversuchen die Fesseln

neu knüpfen - das hält die verschiedenen Aufsätze des Themenschwerpunkts (allesamt

Vorträge auf der diesjährigen Berliner Volksuni) zusammen. Sie untersuchen, was

die Kräfte der Arbeit und der Wissenschaft, so sehr sie aufeinander angewiesen sind,

voneinander trennt; wie es kommt, daß die Fragen der Gesellschaftsentwicklung vom

Standpunkt des alltäglichen Lebens aus häufig unbegreifbar und langweilig bleiben; wie

sich gesellschaftliche und familiale Spaltungen wechselseitig stabilisieren. Sie fragen, wie

die massenhaft eingefleischte Unzuständigkeit fürs Ganze überwunden, wie das alltägliche

Leben bewußt gemacht und mit den großen Fragen gesellschaftlicher Entwicklung

verbunden, wie Bündnisfahigkeit entwickelt und Selbstverwaltung als kollektive Aufgabe

gestellt werden kann.

W.v.T.

Opfer/Täter-Diskussion: »Neben der Fixierung des Bösen im Patriarchat gewinnt die

Erkenntnis Raum, ... daß aber Opfer sein als Lebensorientierung zu Hilflosigkeitsempfindungen

führt«, schreibt die TAZ zur 6. Sommeruniversität für Frauen. Die Diskussion

um »Opfer oder Täter« geht weiter. (Vgl. dazu unsere Studienhefte [SHJ, in denen

Frigga Haugs »Opfer-Täter-Vortrag« zusammen mit ersten Diskussionsbeiträgen dokumentiert

ist [SH 46] und die neuerliche scharfe Kritik und einige Repliken zusammengetragen

wurden [SH 56].) Sie durchzog auch die Bremer Frauenwoche (vgl. den Kongreßbericht

in diesem Heft). Es ist ein Streit um Frauenpolitik und damit auch um Politik

überhaupt. Einbezogen sind Fragen, die in den Mittelpunkt Kritischer Psychologie zielen:

wie vergesellschaften sich die Menschen? und genauer: können die einzelnen in widersprüchlichen

Verhältnissen widerspruchsfrei sein oder sind die Individuen prinzipiell

einheitliche Subjekte? Aus dieser Auseinandersetzung veröffentlichen wir eine Polemik

von Ute H.-Osterkamp gegen das Opfer/Täter-Theorem zusammen mit einer Replik

von Brita Rang und Christine Thomas.

Frauenredaktion

Israelisch-arabischer Konflikt: Wir bringen Texte von Günther Anders und Bruno Frei,

beide Juden, beide Sozialisten, vor dem Ersten Weltkrieg geboren. Ihre Texte stehen im

Streit. Der eine tritt aus der jüdischen Gemeinde Wien aus, weil sie ihm die Rechtfertigung

des israelischen Vemichtungskrieges gegen die PLO zumutet. Der andere mutet der

Linken mit seiner These »zwei Nationen, zwei Staaten« zu, in einer langfristigen Lösung

des Konflikts das Existenzrecht Israels mitzudenken. Das provoziert, zumal in dieser Situation,

Einwände. Zum Beispiel den, daß PLO-Vertreter die von Frei geforderte Anerkennung

Israels angeboten haben unter der Bedingung der Anerkennung der PLO als

Vertreter der Palästinenser. So bleiben viele Fragen offen. Die meisten werden Frei zustimmen,

daß eine Lösung nur gegen Begin und mit der neuen Friedensbewegung in Israel

möglich erscheint.

W.E.

DAS ARGUMENT 136/1982


778 Editorials

Regierungswechsel: Für den 6. März '83 sind Bundestagswahlen angekündigt. Noch ist

die Literatur zu den Wahlen von 1980 auf dem Markt. Welche der damals verbreiteten

Analysen und Prognosen sind heute noch vorzeigbar? Müssen neue Einschätzungen geschrieben

werden? Auch im Argument-Verlag ist damals ein Band zur Wahl erschienen,

der allerdings, wie sein Untertitel verrät, Brauchbarkeit über die Wahl hinaus anstrebte:

»Sozialliberalismus oder rechter Populismus? Hegemonie und Politik in der Bundesrepublik

Deutschland« (AS 51). Die in ihm behandelten Fragen sind unverändert aktuell.

»Gibt es einen Rechtsruck im Bürgerblock, der nicht notwendig zum Faschismus führt,

aber Massen gegen gewerkschaftliche und reformistische Politik zu mobilisieren vermag?

Verspielt das sozialliberale Konzept der Integration der abhängig Arbeitenden in

den Staat bei anhaltender Krise seinen Kredit? Oder erweist es sich mit der Entwicklung

eines sozialliberalen Korporatismus, einer schleichenden Verstaatlichung der Gewerkschaften,

die in dem von Poulantzas beschriebenen »autoritären Etatismus« resultieren

könnte, als das langfristig überlegene? Was kann die Linke gegen beide Gefahren tun?«

(Aus dem Editorial.)

Michael Jäger

Verlagsmitteilungen

Honorare: Sieben harte Jahre liegen hinter uns. Im Editorial zu Heft 89 vom Februar

1975 unterbreiteten wir zum erstenmal die Schwierigkeiten des Rückzugs von den Höhen

der durch die Studentenbewegung erreichten linken Öffentlichkeit mit ihrem theoretischen

Sinn. Damals schien es uns übervorsichtig, die Auflage der Zeitschrift in einem

Fall »sogar auf 12000« herunterzusetzen. Inzwischen nähern wir uns der Hälfte dieser

für jede theoretische Zeitschrift unseres Landes, egal welcher Orientierung, schwindelerregend

hohen Zahl. Wir sind weniger geworden, was die Käufer und Leser angeht, mehr

aber, was die Schreiber angeht. Der finanzielle Spielraum wird enger. Die Honorare waren

in den letzten Jahren nicht viel mehr als eine Fiktion. Jetzt bleibt uns nichts anderes

mehr übrig, als die Taschen nach außen zu drehen und uns allen einzugestehen: wir werden

nicht in der Lage sein, Honorare zu zahlen, solange die Nachfrage nach linker

Theorie nicht sprunghaft wächst. Wir richten uns vorsorglich darauf ein, daß es zweimal

sieben harte Jahre werden.

Weihnachtsgeschenke: Allen Beteiligten nützen - Argument-Bücher oder Abonnements

verschenken! Und warum nicht Hans Hodeks Langspielplatte mit Hanns Eislers

Musik gegen die Dummheit?

Beiheft 1983: Die autonome Frauenredaktion arbeitet jetzt ein Jahr. Der Versuch, in allen

Fächern Einlaß zu finden, Veränderungen anzubahnen, kann nur gelingen, wenn das

schon vielerorts Bearbeitete angeeignet wird. Rezensionen sollen uns da ein Mittel sein:

sie ennöglichen Orientierung in der - auch modischen - Bücherschwemme zu »Frauenthemen«

und können zugleich kollektiv genutzt werden, um notwendiges Wissen und

grundlegendes wissenschaftliches Handwerkszeug sich anzueignen. Für 1983 planen wir

eine kommentierte Bibliographie aus unseren verschiedenen Projektbereichen, für die

wir zur Mitarbeit aufrufen wollen: Arbeiterbewegung und Frauenbewegung; Familie;

Sexualität und Herrschaft; Literatur und Sprache; Kultur und Ästhetik; Gesundheit,

Psychologie und Therapie; Erziehung; Philosophie und Ökonomie. Sie wird veröffentlicht

als Rezensions-Beiheft 1983 (Abonnenten erhalten einen ermäßigten Preis).

Prämienbandfür 1983: Diesem Heft liegt die Abonnements-Rechnung für 1983 bei. Die

Preise sind unverändert gegenüber 1982. Ohne die Abonnenten könnten wir nicht

durchhalten. Wieder möchten wir ihnen mit einem Prämienband danken. Die »Ästhetik

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Editorial 779

des Widerstands« lesen (AS 75, inzwischen in zweiter Auflage) war es letztes Jahr. Auch

dieses Jahr bieten wir ein Buch, das besonders zum Ausdruck bringt, worum es uns

geht. Es ist der hundertste Argument-Sonderband, gemeinsam herausgegeben mit den

Redaktionen der Prokla und spw zum hundertsten Todestag von Karl Marx unter dem

Titel Aktualisierung Marx'. Wir veröffentlichen im folgenden den Rundbrief an die Autoren,

in dem das Konzept skizziert wird.

Argument-Sonderband 100: Aktualisierung Marx'

otros se habian

enredado en la frente

de Marx y pataleaban en su barba

... impregnados de dulce menosprecio

para mi ordinaria falta de tirlieblas ...

Neruda

Oda a la critica

Andere hatten sich

an die Stirn von Marx gefesselt

und strampelten in seinem Bart

... durchdrungen von süßem Abscheu

vor meinem Mangel an Dunkelheit ...

Neruda

Ode an die Kritik

Zwischen mehreren Konzeptionen wählend, haben wir uns für das Aktualisierungskonzept

entschieden. Das heißt: Wir wollen keine Gedenk- oder Festschrift, auch keine bloßen

Versicherungen, daß Marx aktuell sei. Sondern 'wir wollen im Rahmen der Wirkungsgeschichte

dieses Werks unsere Marx-Rezeption weiterentwickeln. Es geht uns also

um eine kritische Neulektüre von Marx, im Lichte (oder im Dunkel, wenn man so will)

der heutigen Probleme, auch mit den seit seinem Tod entwickelten Erfahrungen und

Denkmitteln. Es geht uns um konstruktive Kritik, die dem sozialistischen Projekt, das

Marx so entscheidend geprägt hat, neue Kraft zuführt. Es geht uns darum zu verhindern,

daß Marx dem verfemt, was man die »durchschlagende Wirkungslosigkeit eines

Klassikers« genannt hat.

Es geht uns darum, zur Lebensfähigkeit des Marxschen Werks - und das heißt: zu

seiner Brauchbarkeit für Analyse und Strategiefindung - beizutragen. Es geht uns darum,

die Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit, Unabgeschlossenheit der Marxschen

Theorie und damit die historische Spezifik bestimmter Lesarten deutlich zu machen, die

an unterschiedliche Elemente der Marxschen Theorie anknüpfen konnten. Kurz, wir

wollen einen kollektiven, vielstimmigen Beitrag zur marxistischen Lernfahigkeit leisten.

Wir wollen dies in »ökumenischem« Sinn tun, unterschiedliche Strömungen des Marxismus

beteiligen. Wir erhoffen uns Beiträge, die an Knotenpunkten der Marxschen

Theorie ansetzen und die alten Begriffe mit den neuen Problemen verknüpfen. Wir erhoffen

uns innovative Beiträge dazu, die Marxsche Theorie in die Gegenwart neu einzubringen.

Wir erhoffen uns eine solche Zusammenstellung von Beiträgen, welche die

Breite und Vielfalt marxistischer Schreib- und Denkweise vorführt.

Lernschritten geht oft eine Zeit langsam wachsenden Unbehagens an gewohnten Begriffen,

Methoden, Haltungen voraus. Ihre Inadäquatheit wird halbbewußt gespürt. Interessen

und Aufmerksamkeiten verschieben sich mit den Problemlagen. Bis dann plötzlich

eine Weiterentwicklung möglich wird. Wir erhoffen uns Beiträge, die solche Lernschritte

darstellen. Dann könnte der Krise des Marxismus ein Stück Lernfahigkeit von

Marxisten abgewonnen werden.

So denken wir, Marx zu seinem hundertsten Todestag dadurch am meisten ehren zu

können, daß wir uns um einen Marx von morgen bemühen. Dies ist eine Aufgabe, der

sich jede Generation von Marxisten immer wieder neu stellen muß.

W.F.H.

DAS ARGUMENT 136/1982 ~;


780 Editorial

Das zweite Leben der Thesen von Günther Anders

Die gegenwärtige Friedensbewegung ist Folge und Ursache eines wieder gewachsenen Innewerdens

der atomaren Gefahr. Das Interesse äußert sich auch als Nachfrage am Büchermarkt.

Ein Buch des amerikanischen Journalisten Jonathan Schell: Das Schicksal

der Erde, ist zum Bestseller geworden, zunächst in den USA, jetzt auch in deutscher

Übersetzung. Vor allem der zweite Teil enthält -- unter der Überschrift: Der zweite Tod

- so durchdringende Einsichten über die atomare Situation, daß Die Zeit schrieb,

Schell sei »der erste, der das Undenkbare zu Ende gedacht hat«. Das Dumme ist nur,

daß die wichtigsten dieser Einsichten bis in die Formulierungen hinein schon vor rund 25

Jahren von Günther Anders produziert und auch veröffentlicht worden sind. Nachdem

Werner Fuld, gestützt auf eine umfangreiche Dokumentation des Theologen Grover Foley

(Meibourne), den Plagiatsvonvurf im »Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt« veröffentlicht

hatte, reagierte Schell mit Rechtsanwalt und Gegendarstellung, der Fall fing

an, die juristische Mühle zu beschäftigen. Abgesehen von dem Plagiatsvorwurf macht

der Fall darauf aufmerksam, daß keines der großen Bücher von Günther Anders, die

Marksteine der Bewußtwerdung der atomaren Situation darstellen und in dieser Hinsicht

ganz einzigartig dastehen, ins Englische übersetzt ist. Vielleicht ändert sich das

jetzt. - Uns interessiert der Fall auch deshalb, weil die Texte, um die es dabei geht, mit

der Gründungsgeschichte dieser Zeitschrift verknüpft sind. Im Februar 1959 organisierte

die Studentengruppe gegen Atomrüstung an der Freien Universität Berlin ein Seminar

mit Günther Anders über »Verantwortung im Atomzeitalter«. Die »Thesen zum Atomzeitalter«,

die Anders dort extemporierte, trugen entscheidend zur Gründung des Argument

bei. Die erste Nummer (Mai 1959) enthält einen Bericht von dem Seminar. Im Oktober

1960 konnten wir endlich die überarbeiteten »Thesen« veröffentlichen. Im Argument-Reprint

1-17 (AS 111, 262 S., 8,- DM) kann man den Gedanken vom »zweiten

Tod« im Original nachlesen.

Im folgenden bringen wir eine satirische Fabel von Günther Anders. Wir kölmen sie

nicht besser einleiten als mit dem letzten Teil von Anders' Erklärung zur Affare Schell:

»Wenn es Bösartige geben sollte, die glauben, aus der Spannung, die nun zwischen zwei

Anti-Atom-Kulturen entstanden ist, Kapital schlagen zu können und die sich voll Schadenfreude

die Hände reiben und vermeinen, dadurch mit Argumentenjür Atomrüstung

versorgt worden zu sein, dann können diese Herren damit rechnen, daß ich mich unverzüglich

hinter Herrn Schell stellen werde. Denn die gute Verwendung des geplünderten

Gutes ist wichtiger als die Tatsache der Plünderung selbst.«

W.F.H.

Das Schicksal der Erde*

Der Journalist Stellus, der sich sein Leben lang darauf beschränkt hatte, jeweils die Gegenwart

sichtbar zu machen, hatte niemals vorgegeben, ein Prognostiker, geschweige

denn ein Prophet zu sein. Im Gegenteil: solche Bezeichnungen hatte er stets weit von

sich gewiesen. - Als nun sein Papagei zu Unrecht vermutete, daß sein allerdings hochbetagter

Herr das Zeitliche gesegnet habe, begann er, seinen Schnabel zu öffnen und,

wenn auch mit minder kultivierter Zunge als Stellus, diejenigen wahrgebliebenen, aber

unterdessen vergessenen oder verdrängten Wahrheiten zu verlautbaren, die Stellus dreißig

Jahre zuvor formuliert und verkündet hatte. Selbst Jahrzehnte alte Neologismen von

Stellus krächzte er als derniers cris heraus. - Und wenn sich das Tierchen auch nicht

selbst, wie bei Robert Schumann, einen »Vogel als Prophet« nannte, so leistete es doch

keinen sehr energischen Widerstand, wenn es als solcher gefeiert wurde. - Aus derartigen

Papageienverkündigungen besteht ein nicht unbeträchtlicher Teil der Religionen, Literaturen

und Philosophien.

* Fabel 82 aus dem Fabelband ),Der Blick vom Turm«, Bd.2, von Günther Anders.


781

Zum Tode von Helga Koppel*

Der Winter wird kälter werden ohne sie. Das Haus unbewohnbarer.

Du kannst doch jetzt nicht Auto fahren, sagte sie zu mir, als ich sie das letzte

Mal sah, jetzt, da deine Freunde zu dir sprechen, als ob sie dir Feind seien.

Jetzt erst erschrak ich, weil ich merkte, wie sehr sie sich alles zu Herzen nahm:

den Streit, die Freunde und ihr Gegeneinander.

Dafür setzte sie ihr Leben ein, daß die Kälte nicht spürbar war, wo sie war,

daß die Räume bewohnbar waren, die kahlen, daß jeder ein Zuhause hatte in

ihrem Umkreis. Das ist Stärke der Frauen seit langem. Die besten schaffen es,

den anderen um sie herum dieses Haus zu bauen. Helga Koppel gab uns eine

Ahnung, wie es sein könnte, wenn wir nicht nur hinter Stacheldraht aus Selbstschutz

hervor lugend aufeinandertreffen. Sie hat es uns bequem gemacht.

Wann fragten wir uns, wie man das leben kann, das ständige Ausgleichen,

die Herzlichkeit für alle, welche Kraft es kostet, alle zusammenzuhalten, wenn

sie gegeneinanderstreben? Frauenschicksal: in den Auseinandersetzungen wohl

Partei ergreifend, aber die Unmöglichkeit, sich zu äußern, weil man selber

zum Knoten sich gemacht hat, der die losen Enden verbündet. Selbstverleugnung

und Aufopferung.

Ich möchte auch etwas schreiben, sagte sie, und mich verwunderte ihre

Stimme, die Zweifel anmeldete, ob sie dies könnte, einen Artikel schreiben,

sie, die doch Bücher schon geschrieben hatte. Jetzt erst verstehe ich, daß sie

hätte aufhören müssen, sich selbst aufzugeben in diesem Versuch, uns alle zusammenzuhalten.

Es wird unbequem werden ohne sie. Wir werden das Haus selber bauen

müssen, in dem wir wohnen wollen, und die Freundlichkeit herstellen, die wir

brauchen. Wenn niemand uns ein Zuhause richtet, wenn niemand uns auffangt,

werden wir alle lernen müssen, unsere Streitpunkte so auszutragen, daß

wir dabei noch zusammenleben können. Wir müssen verantwortlicher werden,

denn wir können es nirgends zulassen, daß sich jemand aufgibt, unsretwegen.

Es ist Aufgabe der Frauen, das Leben erträglich zu machen, wo es unerträglich

ist; selbst gestellte Aufgabe; Selbstaufgabe. Menschlichkeit als Arbeitsteilung.

Auf dem Wege ihrer Befreiung werden die Frauen diese Besonderheit

kündigen. So muß sie allgemein werden.

Frigga Haug

* Helga Koppel starb am 7. Oktober 58jährig in Marburg. Sie war Vorsitzende des Bundes demokratischer

Wissenschaftler seit 8 Jahren. Sie hat ein Buch geschrieben über die kommunistische

Partei Italiens, ein anderes - zusammen mit einer ihrer Töchter - über revolutionäre

Frauen, eines über italienische Gewerkschaften und eines über Film und eine Schauspielerin.

DAS ARGUMENT 136/1982 ©


782

Erika Stöppler

Geschichten von Frau Keuner

Über die historische Selbstbetrachtung

Frau Keuner fand in den Schriften der Klassiker nicht nur wenig Fingerzeige

für das Verhalten der Einzelnen, sondern noch weniger für das Verhalten der

Frauen im allgemeinen. Meist wurde von Klassen gesprochen oder anderen

großen Gruppen von Menschen. Unter diesen erschienen die Frauen als die

Parameter der gesellschaftlichen Entwicklung und des Ausmaßes der Ausbeutung,

so daß, wann immer von Frauenarbeit geredet wurde, auch im gleichen

Zug von der Kinderarbeit die Rede war. In den vorklassischen Berichten ist sogar

davon zu lesen, daß die Frauen und Kinder die Männer von ihren Arbeitsplätzen

vertrieben hätten und daß deshalb Männer die Arbeiten der Reproduktion

zu leisten gehabt hätten und auf diese Weise kastriert worden seien. Besonders

das letzte Urteil über die für die Familie notwendige Hausarbeit macht

Frau Keuner so ärgerlich, daß sie Mühe mit dem Nachdenken hat.

Die Verlebendigung der Vergangenheit durch das Nachempfinden unsäglichen

Leids der nackten doppelten Ausbeutung und Abhängigkeit macht blind

für die Gegenwart und Zukunft, denn ich merke, sagt Frau Keuner, wie ich

auf eine vergangene theoretische Ebene einer überholten Praxis zurückfalle,

dergestalt, daß ich mir wünsche, als Mann geboren zu sein - schließlich habe

auch ich ein lebendiges Gefühl von dem Leid der Kastration. Sich darauf besinnend,

daß sie als Frau nach den Kindern zu der am meisten unterdrückten

Gruppe der Menschen gehört, lobt sie den historischen Standpunkt und die

Große Methode, die ihr zeigt, daß sie also auch das größte Potential an Erfahrung

des Widerstandes und Einsatzes für die allgemeine Emanzipation akkumuliert

hat, nämlich als Frau und als Angehörige der arbeitenden Klasse.

Durch die Charakterisierung der Frau nach ihrer Doppelbelastung könnte man

zu der Annahme kommen, daß die Frau eigentlich ein Doppelwesen sei, da sie

so gehörig vom Mann unterschieden zu sein scheint, in Wahrheit ist aber danach

der Mann nur ein halbes Wesen, da er zu Haus ganz unbeholfen ist, so

sehr mitunter, daß es füglich wäre, ihn in seinem Heim als Behinderten oder

schwer Behinderten zu begreifen. Dieses Leiden ist aber ebenso therapierbar

wie die einstmals verkrüppelten Füße der Chinesinnen. Wenn also dieses Leiden

beseitigt ist oder auch schon seinen Grund zur therapeutischen Resignation

verloren hat, wird der männliche Teil der Arbeiterklasse sehr leicht begreifen

können, daß weit mehr einzufordern ist, als Lohnerhöhungen, die immer

ein Stück der Teuerungsrate hinterherhinken.

Den Frauen aber bleibt zu empfehlen, sich selber wie die Klassen und großen

Gruppen von Menschen zu betrachten unter der besonderen Rücksicht des

Anteils darin und sich historisch zu benehmen. Das Leben, gelebt als Stoff einer

Lebensbeschreibung, gewinnt eine gewisse Wichtigkeit und kann Geschichte

machen.

Unter Hinweis auf einen Feldherrn, der seine Erinnerungen in der dritten

Person niedergeschrieben hatte (und immer noch auf den Gymnasien gelesen


Geschichten von Frau Keuner 783

und geprüft wird), sagte Me-ti: Man kann auch in der dritten Person leben.

Darauf Frau Keuner: Das kommt dem Leben der Frau schon recht nahe, sofern

es nicht die eigene dritte Person ist.

Die Frau eines Beamten

Von der Frau eines Beamten, die eine ziemlich große Familie mit schon erwachsenen

Kindern habe, hört Frau Keuner rühmenderweise, daß sie der Familie

unentbehrlich sei, so eine großartige Frau und Mutter sei sie. »Wieso ist

sie unentbehrlich«, fragt Frau Keuner ärgerlich. »Der Haushalt liefe nicht ohne

sie«, sagen ihre Lober. »Wie kann sie da eine gute Hausfrau sein, wenn der

Haushalt nicht ohne sie liefe?« fragt Frau K. »Sie hat doch Zeit genug gehabt,

den Haushalt so weit zu ordnen, daß sie darin entbehrlich ist. Womit beschäftigt

sie sich eigentlich? Ich will es euch sagen: mit Erpressung!«

Frau Keuner weigert sich einen vortrefflichen Mann zu bewundern

In den Kreisen, in denen Frau K. zu verkehren pflegt, wird zunehmend einem

Mann Bewunderung zuteil. Er habe ausgezeichnete berufliche Leistungen vorzuweisen.

Er sei an allen wichtigen Treffpunkten der Stadt zugegen. Er versage

niemandem seine Hilfe und kämpfe für ein gerechteres Leben. Er sei ein treusorgender

und sich aufopfernder Familienvater. »Das ist wirklich sehr viel für

einen einzelnen Menschen«, sagt Frau Keuner und verlangt, diesen Mann kennenzulernen.

Nachdem sie sich ihn besehen hat, wird sie von Freunden nach

ihrer Meinung befragt. »Ja«, sagt sie, »das ist alles richtig, was über ihn erzählt

wird.« Auf die Frage, ob sie nicht auch diesen Mann bewundere, antwortet

sie: »Nein, er ist rücksichtslos, er nimmt auf sich keinerlei Rücksicht.«

Tischgespräch

Herr Keuner war darauf bedacht, daß Frau K., wenngleich durch die Arbeit

mit Kind und Familie belastet, nicht an Wissen und Bildung hinter ihm zurückstand.

Also lud er den derzeit besten und bekanntesten Philosophen zum

Abendessen ein, das Frau K. in der bekannten Weise umsichtig und geschmackvoll

hergerichtet hatte. Als der Weise gegangen war, fragte Herr K.

Frau K. nach ihrem Urteil über das stattgefundene Tischgespräch, auch, um

zu sehen, was seine Frau Neues hinzugelernt hätte. »Nun, wenn du es unbedingt

wissen willst«, begann und beendete sie auch zugleich ihre Rede, »der

Mann wußte nicht auf seinem Stuhl zu sitzen, wußte nicht die Gabel zu halten,

wußte nicht seinen Wein zu trinken und hat nicht gemerkt, was er gegessen

hat, wie soll ich mir da merken, was er zu sagen hatte?«

Sexismus, der Haß gegen Sexisten

Frau K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Beruf zu arbeiten. Sie

sagte: »Schuften muß ich überall.« Einmal arbeitete sie unter Männern in einer

Fabrik am Fließband. Da ging der Vorarbeiter an der Reihe der Arbeiter vorbei

bis zu Frau K. und kniff ihr in den Hintern zu seiner und zu der andern Belustigung.

Frau K. nahm an sich wahr, daß sie gegen diesen Mann empört war,

und zwar nicht nur gegen diesen Mann und gegen die andern Männer am

DAS ARGUMENT 136/1982


784 Erika Stöppler

fließband, sondern besonders gegen die Männer überhaupt, also daß sie

wünschte, alle Männer möchten vom Erdboden vertilgt werden. »Wodurch«,

fragte Frau K., »bin ich in dieser Minute eine Sexistin geworden? Dadurch,

daß ich einem Sexisten begegnete. Aber darum muß man die Dummheit ja

ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen.«

Frau Keuner und das Militär

Frau Keuner bekommt ein disziplinarrechtliches Verfahren, weil sie ihren

Schülern gesagt hat, daß der Militärdienst eine Erziehung zum Töten sei. Ihre

Aufklärungsarbeit wird als Mörderzitat zugespitzt, und der Vorwurf lautet auf

Verunglimpfung einer staatlichen Einrichtung. Sie verlangt, um vom Gegenteil

ihrer Behauptung überzeugt zu werden, Unterricht über den Militärdienst vor

Ort, weil sie sehen müsse, ob der Dienst an der Waffe etwas anderes sei, als die

Einübung zum Töten. Aufgeklärt kommt sie zurück. Sie sagt: »Ich muß mich

korrigieren, der Militärdienst ist auch eine Einübung zur Auferstehung. Man

wird erschossen oder bombardiert, stirbt oder ist sofort tot und nach der

Übung geht es wieder von vorne los. Aber der Dienst an der Waffe ist nicht

nur eine Einübung für das Leben im Jenseits, sondern auch eine Übung der

Liebe. Ich habe die Soldaten von ihrer Waffe als von ihrer Braut reden hören

und gesehen, daß sie Lust an ihrer Waffe hatten. Haubitzen und Raketen

scheinen besonders lusterregend zu sein. Ich muß mich berichtigen: Es handelt

sich um die Erziehung zum Lustmord.«

Entwürfe von Frauen

in der Literatur des 20. Jahrhunderts

Literatur im historischen Prozeß N F 5

Argument-Sonderband AS 92

16,00/f .Stud .13,80 DM (Abo: 13,80/11,80)

Frau und Arbeit

Zum Zusammenhang von Patriarchat

und Klassenherrschaft

Automation: Neue Arbeit für Frauen?

DM 12,-/f. Stud. 9,- (Abo: 9,80/7,50)


DAS ARGUMENT 136/1982

785

Dorothee Sölle

Wie werden wir bündnisfähig?

Rede zur Eröffnung der Volksuniversität in Berlin am 28.5.1982

Ich habe einigen Schwestern in USA von diesem Unternehmen »Volksuni« erzählt.

Sie waren sehr gespannt und fragten mich, ob es eine Art »free university«,

freie Universität sei, oder ob es zum »free speech movement«, zur freien

Aussprache-Bewegung gehöre. Ich glaube ja, sagte ich, es scheint mir frei von

akademischer Selbstgefälligkeit und frei von Aufrüstungspropaganda - und

das ist schon viel in meinem Land. Sie fragten weiter: Ist es ein Frauenprojekt?

Ich sagte: »Sicher, es ist für alle!« »Dann muß es auch von allen sein«, meinten

sie. Ich war etwas irritiert und meinte, alle arbeiten daran, es auch von allen

kommen zu lassen.

Kurzum, wir versuchten, die Volksuni zu beschreiben mit den Worten, die

Abraham Lincoln für die gute Regierung, den Staat, in dem wir gern leben

würden, gefunden hat: eine Regierung des Volkes, vom Volk ausgehend und

für das Volk. Eine Universität des Volkes, vom Volk ausgehend und für das

Volk. Und was bedeutet das für uns Frauen? Ist die Volksuni ein Ort, wo wir

unsere Fragen stellen können, unsere Antworten zu artikulieren versuchen, ein

Freiraum, wo wir atmen und denken und lernen können?

Wenn wir die Volksuni so ansehen können, dann müssen wir Frauen eine

Fähigkeit entwickeln, die mir unumgänglich scheint: wir müssen lernen, bündnisfähig

zu werden. Das scheint mir ein zentrales Thema in der gegenwärtigen

Frauendiskussion. Nicht, als ob die Männer schon bündnis fähig wären und

wir Frauen nur hinterherhinkten! Die meisten Männer sind dank ihrer Sozialisation

herrschaftsfähig und keineswegs bündnisfähig. Aber das sollen sie mit

sich selber ausmachen, ich beziehe mich hier auf unser spezifisches Frauenlernen

und unsere eigentümlichen Schwierigkeiten mit der Bündnisfähigkeit. Viele

von uns waren so lange in Privatheit gehalten, so versteckt in dem, was wir

selber wollten, so undeutlich und oft sprachlos, daß wir gar keine Zeit hatten,

Bündnisse einzugehen und an Bündnissen zu arbeiten. Wir mußten erst einmal

zu uns selber kommen, uns miteinander verständigen, uns gegenseitig ermutigen.

Dazu brauchten wir Frauengruppen und brauchen sie auch heute. Ich

glaube aber, das ist heute nach vielen Jahren Frauenbewegung allmählich anders

geworden. Es ist jetzt für uns an der Zeit, über die Bündnisse, die wir eingehen

wollen, nachzudenken. Ich möchte über die Bedingungen sprechen, die

uns dazu befähigen, Bündnisse einzugehen.

Die erste Bedingung ist ein Stück Selbstgewißheit oder Selbstachtung. Wenn

wir uns selber noch zu wenig kennen, noch zu unsicher sind über das, was wir

wirklich mit unserem Leben wollen, wenn unsere Selbstachtung verkrüppelt

ist, weil sie keinen Raum hatte, sich zu entwickeln, dann können wir uns mit

niemandem, der anders ist als wir, verbünden. Wir haben dann immer Angst,

ausgenutzt oder beherrscht zu werden. Alle Minderheiten oder Benachteiligten

kennen diese Angst.

Ich will ein Beispiel erzählen. In New York hatte ich ein heftiges Gespräch


786 Dorothee Sälle

mit einer Puertoricanerin, einer Studentin, die enttäuscht war von der Vorbereitung

der großen Friedensdemonstration. Sie fragte mich ironisch: »Warum

sollen wir uns für die Sache der weißen Leute einsetzen?« Ich war traurig, dieses

alte Lied wieder zu hören. Ich fragte sie, ob die Bombe denn auch so selektiv

verführe und etwa nur die Weißen träfe?! Was denn »weiße Sache« hieße

angesichts der Vorbereitung der atomaren Vernichtung des Lebens auf der Erde?!

Aber ihr Selbstvertrauen - und das vieler Minderheiten - war so zerstört,

ihr Mißtrauen gegen Weiße so groß, daß sie erstmal für sich, in der eigenen

Gruppe arbeiten und lernen wollte. Erst, wenn wir unserer selbst sicher genug

sind, können wir Bündnisse eingehen. Nein, dann müssen wir es.

Eine zweite Bedingung der Bündnisfähigkeit ist, daß wir eine andere Sprache

als nur die eigene verstehen. Wir müssen lernen, in einer anderen Sprache

die eigene Sache wiederzuentdecken. Hören, auch wenn die Worte anders klingen.

Über-setzen, über den Fluß gehen können, von einem Land ins andere.

Wenn wir die eigenen Inhalte nur in der eigenen Sprache entdecken, dann sind

diese Inhalte noch nicht wirklich unsere eigenen, dann kleben wir noch an den

Worten, dann gehören uns unsere Inhalte noch nicht ganz. Dann sind wir noch

Wortfetischisten .

Auch dazu will ich ein Beispiel geben. Vor einiger Zeit hatte ich vor einem

jüdisch-christlichen Publikum über die Beziehung zwischen Juden und Deutschen

zu reden. Ich erzählte etwas über meine Kindheit in Hitlers Deutschland,

ich stellte die alten Fragen: wie konnte es geschehen? Warum waren all diese

anständigen Menschen, die ich kannte, beteiligt? Nach meinem Vortrag kam

eine ältere Frau zu mir, sie war sehr ergriffen und hielt meine Hand in ihrer.

Aber dann fragte sie mich, warum ich denn nicht über den Holocaust gesprochen

hätte. Ich sagte ganz empört, ich hätte doch nichts anderes getan. »Ja«,

meinte sie, »aber Sie haben das Wort nicht genannt.« Da ging mir auf, was

Wortfetischismus ist, und etwas Ähnliches beobachte ich manchmal in der

Frauenbewegung, wenn feministische Inhalte in anderen Sprachen erscheinen

und nicht gehört werden, weil der richtige Jargon fehlt. Die Inhalte, die uns

Frauen wichtig sind - die Abwesenheit von Konkurrenz und Herrschaft, der

andere Umgang miteinander, die Fähigkeit zuzuhören - sind menschliche Inhalte

und sie erscheinen in vielen verschiedenen Sprachen. Feminismus ist nicht

eine andere Art von Rassismus, in dem nur eine Sprache richtig und angemessen

ist. Die Kultur der Frauen zerstört sich selber, wenn sie sich nicht allgemein

vermitteln kann und anknüpfen kann an die menschliche Sprache der Männer,

die, ebenso wie wir, eine andere Art zu leben suchen.

Wie werden wir bündnis fähig? Die dritte Bedingung besteht darin, die begrenzte

Bejahung zu lernen. Wer bündnis fähig werden will, muß auf die totale

Übereinstimmung verzichten können, um die begrenzte Übereinstimmung zu

gewinnen. Vorbehalte gegen andere und Skepsis können nicht einfach übersprungen

werden. Das fällt uns Frauen besonders schwer, weil Ganzheitlichkeit,

Ganz-sein-wollen ein zentraler feministischer Wert ist. Trotzdem müssen

wir lernen zu teilen, mit einer anderen Gruppe teilweise und begrenzt zusammenzuarbeiten.

Bündnisfähigkeit setzt diese Rationalität des Teilens und Unterscheidenkönnens

voraus.


DAS ARGUMENT 13611982

Wie werden wir bündnisjähig ? 787

Ich will das an einem Beispiel deutlich machen, das für manche schwer zu

schlucken ist, der Zusammenarbeit mit Kommunisten. Ich habe nie ganz verstanden,

warum das eine Unmöglichkeit oder ein Verbrechen sein soll. Wenn

ein Kommunist etwas gegen Napalm auf der Haut von Babies hat - und ich

habe zufällig auch etwas dagegen -, warum soll ich nicht in dieser begrenzten

Angelegenheit mit ihm zusammengehen? Welche Diktatur befiehlt mir denn,

nur mit denen zusammenzuarbeiten, die in allem so denken wie ich? In vielen

demokratischen Nachbarländern ist diese Zusammenarbeit ganz normal. Ich

habe nie verstanden, warum es gegen die Friedensbewegung sprechen soll, daß

Kommunisten in ihr mitarbeiten. Diejenigen, die daran Anstoß nehmen, muß

man daran erinnern, daß Hitler viele Kommunisten umgebracht hat, und daß

wir in Westdeutschland immer noch an den Folgen dieser Liquidierung von

Arbeitern und Intellektuellen leiden. Bündnisfähig werden heißt nicht, sich unterwerfen

oder sich unterwandern lassen; wohl aber Feindbilder abzubauen.

So arbeite ich als Frau in der Friedensbewegung mit, auch wenn ich erkenne,

wie Frauen von vielen Männern behandelt werden, die zwar den Frieden lieben,

deswegen aber noch lange nicht auf ihre Herrenallüren und Privilegien

verzichten wollen. Natürlich bekämpfe ich den Sexismus dieser Männer, aber

ich gebe sie deswegen nicht auf. Ich nehme sie bei dem, was uns eint und nicht

bei dem, was uns - jetzt noch - trennt. Ich baue darauf, daß sie durch die

Sache des Friedens und durch die Zusammenarbeit mit anderen, die für einen

nicht-militaristischen Frieden eintreten, in einen Lernprozeß geraten. Der Separatismus,

wie er von manchen Frauengruppen vertreten wird, die bündnislose

Abgrenzung, ist ein Ausdruck der Verzweiflung an möglichen Lernprozessen.

Aber Verzweiflung können wir uns - in der Frauenbewegung und in der

Friedensbewegung - am wenigsten leisten.

Neue Soziale Bewegungen

und Marxismus

NEUE SOZIALE

BEWEGUNGEN UND

MARXISMUS

Diskurs und Hegemonie.

Nationalismus und Populismus.

Feminismus und Sozialismus.

E. Laclau, C. Buci-Glucksmann u.a.

Argument-Sonderband AS 78

DM 16,80/f. Stud. 13,80 (Abo: 13,80/11,80)


788

Wolfgang Fritz Haug

Arbeitsteilung und Ideologie*

Bei der Vorbereitung zu diesem Thema machte ich die Erfahrung eines Widerstands,

als gäbe es ein »Unbewußtes«, das mir jeden Versuch, die Probleme

zurechtzulegen, wieder wegzog. Arbeitsteilung und Ideologie - was ist das

überhaupt für ein Thema? - Es hat zunächst einen praktischen Grund. Die

Volksuniversität versucht - wie dies jedes linke, sozialistische Projekt tun

muß - die Kräfte der Arbeit, der Wissenschaft und der Kultur zusammenzubringen.

Bei diesem Versuch stößt man auf bestimmte Widerstände. Das weiß

jeder, der bei irgendeinem sozialistischen Projekt mitgearbeitet hat. Wir Leute

von der Universität sprechen unverständlich, abgehoben, abstrakt; die Leute

aus den Betrieben ergehen sich in unendlich wiederholten Einzelheiten und vielen

Kleingeschichten, schrecken oft davor zurück, Zusammenhänge herzustellen,

halten sich auf in den Erfahrungsbereichen, in denen sie sich sicher fühlen,

schrecken davor zurück, den Zusammenhang dieser Bereiche mit anderen Bereichen

herzustellen, und sie unterhalten den Intellektuellen gegenüber eine

Ambivalenz, wenn nicht gar »Intellektuellenhaß«. Die Kollegen aus den Betrieben

neigen einerseits zur Selbstunterschätzung, daß sie sagen: »Wir sind ja

doch die Dooferen, und die anderen sind eben die Schlaueren«. Andererseits

- und da wird ihre Stimme sehr selbstbewußt - haben sie viele Geschichten

auf Lager, worin sie die Minderwertigkeit der Intellektuellen beweisen können,

die Dummheit der Studierten, das Unpraktische, die Unbrauchbarkeit dessen,

was die sagen. Die Leute aus den Betrieben, die hier unter uns sind - Kollegen

mit großer Erfahrung, Betriebsräte -, dürften diese Probleme bestens kennen,

denn sie sind unter vielen ihrer Kollegen selber schon eine Art Intellektueller

und müssen ihrerseits versuchen, Zusammenhangswissen gegen den Horizont

der Bild-Zeitung anzusetzen. Also jeder Versuch, eine Formation zustande

zu bringen, in der die Elemente der Arbeit, der Wissenschaft und der Kultur

zusammenkommen - nicht zu vergessen die bei den Geschlechter auf eine

Weise, daß beide Subjekte sind -, jeder derartige Versuch stößt auf ein Gestrüpp

von Schwierigkeiten. Soweit ich sehe, hat keine der Kräfte von sich aus

die Lösung parat, wie man durch dieses Gestrüpp eine Gasse bahnen könnte.

Ich möchte nun untersuchen - deswegen das Fragezeichen in der Mitte meines

ersten Schemas -, was es mit dem Verhältnis von Arbeit und Wissenschaft

auf sich hat, was mit dem von Theorie und Praxis und wie die beiden

problematischen Beziehungen untereinander zusammenhängen. Es geht um

die Besichtigung von Schwierigkeiten, damit wir klarer sehen, was uns das Zusammenkommen

so erschwert, und beraten können, wie wir handlungsfähiger

werden.

Warum also ist es so ein Kreuz mit dem Verhältnis von Arbeit und Wissenschaft?

Um die Frage besser zu verstehen, müssen wir uns zunächst mit Arbeitsteilung

befassen. Die Titelfrage nach Arbeitsteilung und Ideologie heißt

* Vortrag, gehalten bei der 3. Volksuni, Pfingsten 1982 in West-Berlin


Arbeitsteilung und Ideologie

789

Schema I

w

Ci:

o

w

I

ARBEIT~-?---WISSENSCHAFT

I

Cf)

«

a:

a..

zunächst: Ich möchte einiges über die Formen herausfinden, in denen das gesellschaftliche

System der Arbeitsteilung unser Verhalten, unser Fühlen, unser

Denken, unsere Haltung bestimmt, und zwar auf eine Weise bestimmt, die ich

vorläufig »ideologisch« nenne - die Bedeutung auch dieses Begriffs werden

wir »unterwegs« zu klären versuchen.

Arbeitsteilung - als gutgläubige Zeitgenossen ziehen wir wissenschaftliche

Nachschlagewerke zu Rate. Das »Wörterbuch zur politischen Ökonomie«

(von Eynern 1973) enthält das Stichwort nicht. Gut, ich nehme das nächste:

»Lexikon zur Soziologie« (Fuchs u.a. 1973). Hier begegnet uns das Thema Arbeitsteilung

gleich als Thema Arbeitsteilung und Ideologie, aber unfreiwillig.

Da gibt es zum Beispiel das Stichwort »Natürliche Arbeitsteilung«. Hier wird

man verwiesen auf »geschlechtliche Arbeitsteilung« als der Hauptgruppe der

natürlichen Arbeitsteilung:

Arbeitsteilung, geschlechtliche, die Auf teilung gesellschaftlicher Aufgaben an Mann und Frau

auf Grund der verschiedenen biologischen Leistungen der Geschlechter.

Soweit das »Lexikon zur Soziologie«. Nun werfen wir einen Blick in die Praxis

dieser geschlechtlichen Arbeitsteilung »auf Grund der verschiedenen biologischen

Leistungen der Geschlechter«.

Unser zweites Schema soll die Verteilung von Männern und Frauen auf einige

Berufsgruppen und hierarchische bzw. subalterne Positionen zeigen (unsere

Quelle, die »Bundesanstalt für Arbeit«, unterscheidet leider nicht zwischen Berufen,

hierarchischem Status und Eigentumsverhältnis). Die »biologischen

Gründe« halten die Frauen offenbar heraus aus leitenden Stellen und schicken

sie in geleitete, subalterne Positionen, und innerhalb der geleiteten Stellungen

vor allem in die berühmten »pflegenden« Berufe, sowie auf die Plätze des Saubermachens

und des Tippens-für-andere. Nur in dem riesigen Heer der »familieneigenen

Landarbeitskräfte«, in dem die Frauen eine runde Vier-Fünf tel­

Mehrheit halten, nehmen sie entscheidenden Anteil an der materiellen Produktion.

Wenn wir im »Lexikon zur Soziologie« unter »Arbeitsteilung« nachschlagen,

stoßen wir gleich auf unser Thema Arbeitsteilung und Ideologie. »Ideologie«

nenne ich jetzt vorläufig den Sachverhalt, daß dieses Lexikon behauptet,

»auf Grund der verschiedenen biologischen Leistungen« würden sich die Geschlechter

auf die unterschiedlichen Berufe und Positionen verteilen. Nachdem

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DAS ARGUMENT 136!J982 es·


790 Wolfgang Fritz Haug

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Quelle: Zahlenangaben in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt

für Arbeit 1974, Heft 4

ich den Frauen diesen »soziologischen« Spiegel vorgehalten habe, kriegen ihn

jetzt die Kollegen aus den Betrieben gezeigt:

»Arbeitsteilung, aufgezwungene, Bezeichnung von E. Durkheim für eine pathologische Form

der A., bei der die Regelungen betreffend die Zuteilung der Erwerbstätigkeiten nicht auf der

Chancengleichheit und Wahlfreiheit der Arbeitenden, sondern auf Klassen- und Machtunterschieden

beruhen, deren juristische und moralische Rechtfertigung von der Mehrheit der Arbeitenden

nicht akzeptiert wird.«

Wenn Macht und Geld eine Rolle bei der Berufs- und Arbeitsfindung spielen,

sowie bei der Frage, ob jemand Lohnarbeiter oder Unternehmer usw. wird,

dann ist das »pathologisch«, eine krankhafte Ausnahmeerscheinung. Unter

dem Stichwort Arbeitsteilung, vertragliche wird noch einmal Durkheim, einer

der Stammväter unserer Soziologie, referiert mit der Erklärung, auch hier han·­

dele es sich um eine

»pathologische Form der Arbeit, die zwar auf gesamtgesellschaftlich anerkannten Prinzipien des

Rechts und der ökonomischen Effizienz, nicht jedoch auf spontaner innerer Zustimmung des

einzelnen Arbeitenden basiert


Arbeitsteilung und Ideologie 791

logie zu kümmern, würden wir sehen, daß der Nachsatz das eigentliche Thema

ist. Ich lese den Nachsatz noch mal: Ein Arbeitsverhältnis ist dann pathologisch,

wenn es »nicht auf spontaner, innerer Zustimmung des einzelnen Arbeitenden

basiert«. Nennen wir den »Arbeitenden« jetzt beim konkreteren Namen:

der Lohnarbeiter, die Lohnarbeiterin; auf ihrem Job: Reinemachefrau,

die Lohnarbeiterin, Fernfahrer, der Lohnarbeiter; zwei Arbeitsarten, auf die

Geschlechter unterschiedlich verteilt jedoch beide Lohnarbeiten. In Ordnung,

»normal« soll also sein, wenn diese Arbeitstätigkeiten auf der spontanen inneren

Zustimmung des Fernfahrers und der Putzfrau beruhen. Hier sind wir

schon wieder bei Arbeitsteilung und Ideologie. Das nenne ich wieder - ganz

vorläufig - eine ideologische Seite der Sache: Wenn jemand Reinemachefrau

ist, und das darauf basieren soll, daß sie innerlich zustimmt, dann nenne ich

das vorläufig den ideologischen Aspekt. Ich lege dieses Lexikon weg und hole

unseren großen Karl Marx, der schon vor 120 Jahren solche Autoren sozusagen

zu Hunderten vor sich hergetrieben hat in seinen Büchern und ihnen ihren

Blödsinn vorgehalten hat.

Ich schlage das »Kapital« auf. Im 14. Kapitel des 1. Bandes kommt Marx

auf Arbeitsteilung zurück und arbeitet den Begriff aus. Er sagt (MEW 23,

531): »Soweit der Arbeitsprozeß ein rein individueller Prozeß ist« - ein Individuum

stellt ein Produkt für sich her -, »vereinigt derselbe Arbeiter alle

Funktionen, die sich später trennen. In der individuellen Aneignung von Naturgegenständen

zu seinen Lebenszwecken kontrolliert er sich selbst. Später

wird er kontrolliert.« Marx präzisiert zunächst, was Selbstkontrolle heißt:

»Der einzelne Mensch kann nicht auf die Natur wirken ohne Betätigung seiner

eignen Muskeln« - klar, das dachten wir uns schon - >>Unter Kontrolle seines

eignen Hirns.« So kontrolliert er sich selbst. Aber habe ich recht gelesen, daß

Marx zu verstehen gibt, daß »später«, im Zustand der Lohnarbeit, der Arbeiter

seine Muskeln nicht mehr unter Kontrolle seines Hirns betätigt? Das kann

nicht richtig gelesen sein. Da wäre ein Arbeitsbild, welches stark von der wirklichen

und möglichen Arbeit abweicht. Selbstverständlich gibt es keine noch so

primitive Arbeit, die nicht unter Kontrolle des Hirns stehen muß. Da ist irgendetwas

danebengerutscht. Und jetzt geht es weiter: »Wie im Natursystem

Kopf und Hand zusammengehören«, also jeder Mensch betätigt Kopf und

Hände und Füße, »vereint der Arbeitsprozeß ursprünglich Kopfarbeit und

Handarbeit. Später scheiden sie sich bis zum feindlichen Gegensatz.« Diese

Sätze sind immer wieder zitiert worden: Kopfarbeit - Handarbeit - feindlicher

Gegensatz der beiden. Finden wir hier unser Problem begriffen? Da wären

also Wissenschaftler und Arbeiter, und der feindliche Gegensatz macht die

Schwierigkeiten des Zusammenkommens aus?

Schauen wir es uns genauer an. Eines weisen wir zurück: Sollte irgendjemand

diesen Marx so wörtlich nehmen, daß er folgendes hier gelesen hätte:

Ursprünglich war das alles in Ordnung, da gab es durch's Hirn kontrollierte

Muskeltätigkeiten. Dann trat das auseinander. Es gab hirnlose Muske1männer

unter der Kontrolle fremder Hirne. Diese Vorstellung weisen wir ins Reich der

Mythen von Intellektuellen. Jeder, der einmal gearbeitet hat mit den Muskeln,

der weiß, daß er dazu seinen Kopf braucht. Und zwar gerade für die Hand-

DAS ARGUMENT 136/1982


792 Wolfgang Fritz Haug

arbeit. Kurz, diese Vorstellung der kopflosen Handarbeit - eine Lieblingsvorstellung

vieler Studenten, wobei sie natürlich die Arbeiter bedauern - ist verkehrt.

Jede Arbeit, sei es Lohnarbeit, entfremdete Arbeit, unterjochte Arbeit,

Sklavenarbeit, jede Arbeit enthält Momente des Arbeitsdenkens, enthält Momente

der Erfahrung, ist erfahrungsgeleitet, enthält Wissen, Vorwegnahme

dessen, was eintreten wird, wenn man dies tut oder jenes, enthält Entscheidungen.

Jedes wirkliche Arbeiterdasein, sei es noch so entfremdet, ist überdies

ständig ein Dasein neben der genauen betrieblichen Ordnung, immer halb »illegal«:

die Zeit wird etwas selber bestimmt, die Räume, die Wege, die sie gehen,

werden etwas selber festgelegt. - Vom Mythos der kopflosen Handarbeit

trennen wir uns schnell.

Wir müssen zu einem Denken kommen, das uns befähigt, in der sogenannten

Handarbeit Handelemente von Kopfelementen zu unterscheiden und nach

ihrem genauen Verhältnis zu fragen. Welche Art von Kopfarbeitstätigkeiten

sind für eine bestimmte »Handarbeit« notwendig? Und wie ist das auf der andem

Seite, bei der sogenannten Kopfarbeit? Auch sie enthält Elemente von

Handarbeit, zum Beispiel das Schreiben. Natürlich gibt es »Großkopfete«, wie

man im Süddeutschen sagt, die nicht selber schreiben, sondern andern diktieren,

Mundarbeit leisten, und der Mund ist im Kopf - na schön! Jedenfalls

sollten wir untersuchen, wie verschiedene Tätigkeitselemente in einer konkreten

Arbeit zusammenwirken. Ein wunderbarer Mythos der Selbstverdummung

wäre es, würden wir annehmen, das Verhältnis von

Muskel tä tigkei t ------------------------------Hirntätigkeit

wäre strukturanalog zu dem anfangs schematisierten Verhältnis

Ar bei t ------------------------------W issenscha [t

und die Elemente kämen dort wie hier gesellschaftlich auseinander vor.

In dem bereits zitierten Textstück von Marx schließt sich etwas Wichtiges

an. Marx führt die Begriffe Gesamtarbeiter, Gesamtprodukt und Teilarbeit

ein. Wozu braucht man diese Begriffe? Man braucht sie dazu, solche Verhältnisse

zu begreifen, in denen die Produkte nicht mehr von einem Arbeiter, ja

nicht einmal von einer Arbeitergruppe allein hergestellt werden können, sondern

nur im Zusammenwirken vieler unterschiedlicher Spezialisten. Wenn das

Produkt anders gar nicht entstehen könnte, bilden diese den Gesamtarbeiter.

Die unterschiedlich spezialisierten Teilarbeiter setzen sich zu einem Gesamtarbeiter

zusammen. Und in diesen Gesamtarbeiter, sagt Marx (Kap. 14, 1.

Band), gehören selbstverständlich auch solche Tätigkeiten hinein, bei denen

nicht unmittelbar Hand ans Produkt gelegt wird. Zum Beispiel jemand, der

die Arbeitspläne macht, mit denen dann der Stahl verformt wird, gehört mit in

die Herstellung des so und so geformten Stahlobjekts. Zum produktiven Gesamtarbeiter

zu gehören heißt nun nicht mehr, daß man unmittelbar Hand anlegt

usw.

Es ist nicht nur eine Frage richtiger Marxauslegung. Die Kritik darf nicht

haltmachen vor Marx. Um Luft zu holen für diese Kritik, zitiere ich wieder das

»Lexikon zur Soziologie«, und zwar eine Stelle, wo dessen Verfasser Marx

scheinbar zustimmen. Zunächst schlagen wir ein Stichwort der Organisations-


Arbeitsteilung und Ideologie 793

soziologie auf, das heißt: horizontale und vertikale Arbeitsteilung. »Vertikal«

heißt hier: von oben nach unten. »Horizontal« meint das Nebeneinander spezialisierter

Berufe, ohne daß sie einander übergeordnet sind; sie müssen zusammenwirken,

ja der Gesamtarbeiter wäre ohne ihr Zusammenwirken nicht

denkbar, aber sie sind nebeneinander, es ist keine Herrschaft zwischen ihnen,

keine Hierarchie. Horizontale Arbeitsteilung - das verstehen wir. Was aber

ist vertikale Arbeitsteilung? Ich lese: Horizontale Arbeitsteilung »bezeichnet ...

die Spezialisierung nach besonderen Aufgabenbereichen, ... vertikale Arbeitsteilung

die Spezialisierung nach dem Grad der Entscheidungsbefugnis« (Fuchs

u.a. 1973,56). Was darf man denn da entscheiden? Was heute hergestellt wird

oder wer auf welchen Arbeitsplatz kommt? Oder, daß man den Betrieb dichtmacht,

entläßt, nach Hongkong ausweicht? Um was für Entscheidungen geht

es bei der »vertikalen Arbeitsteilung«? Um der Antwort näherzukommen, zitiere

ich ein weiteres Stichwort. Und zwar das allgemeine Stichwort Arbeitsteilung.

Das Lexikon bringt dieses Stichwort zuerst, aber ich bringe es erst zum

Schluß, weil man so besser merkt: jetzt kommt die Ideologie faustdick.

»Arbeitsteilung, division of labour, division du travail, bezeichnet bei E.

Durkheim« - jetzt kommen zwei Gruppen von Bedeutungen, verbunden mit

»sowohl ... als auch«, die verhalten sich wie rote Rüben und Musik: - »sowohl

die ... Tendenz zur relativen Trennung und Verselbständigung von politischen,

administrativen, wirtschaftlichen usw. Funktionen und Institutionen«,

also damit, daß es Bundeskanzler gibt, daß es Unternehmer gibt, daß es Oberamtssekretäre

gibt - ja aber auch, wie der Text nachher sagt, daß es Kirchen

gibt, Radiosender, Universitäten und so weiter. Man führt uns, nach dem »Sowohl«,

die ganze Gesellschaft vor, betrachtet nach den großen, von Engels sogenannten

ideologischen Mächten: Staat, Justiz, Kirche, Kunst, Schule, Moral,

Psychiatrie usw. Sie werden uns nebeneinander vorgestellt als die eine Bedeutung

von Arbeitsteilung. Das »Oben/Unten« ist dabei zum Verschwinden

gebracht, und die Unternehmer sitzen neben den ideologischen Mächten. Soweit

das »Sowohl«, nun kommt das »Als auch«: »... als auch die Tendenz zur

relativen Trennung und Verselbständigung von Berufstätigkeiten, Arbeitsgängen,

Fähigkeiten und Fertigkeiten.« Noch einmal: Arbeitsteilung ist sowohl

das Aufgliedern einer Gesellschaft in Herrschaftsmächte wie Staat, Kirche,

Unternehmer - dann dürfen wir ja wohl ergänzen: und Unternommene -,

dieses ganze Gefüge von Herren und Knechten und alle Sonderformen von

Herren, die mit dem Säbel hantieren und die mit der Kutte herumlaufen, stellt

die eine Seite der Arbeitsteilung dar, und auf der anderen Seite haben wir Berufsarbeitsteilung.

Aber paßt das nicht zur Aussage von Marx? Die Arbeit, die

sich aufspaltet und scheidet »bis zum feindlichen Gegensatz« von Kopf- und

Handarbeit. Offenbar anerkennen wir in dieser Begrifflichkeit, daß dies alles

gleichermaßen Arbeit ist. Da gibt es eine Substanz: die Arbeit. Und was ein

Advokat tut vor Gericht, wa


794 Wolfgang Fritz Haug

wir wissen, daß sie sich z.B. damit befaßt, Betriebsräte zu bespitzeln, Dossiers

anzulegen - werden wir das Verhältnis zwischen den Betriebsräten und ihren

Überwachern Arbeitsteilung nennen? Da gibt es also Arbeiter, die arbeiten,

und dann gibt es welche, die bespitzeln sie dabei, und das Ganze ist eine Arbeit,

die nur aufgeteilt ist? Probieren wir es anders: Wir haben also den Schlosser

und die Putzfrau und darüber die Ingenieure und vielleicht die Pressesprecherin

des Unternehmens, ich weiß nicht, ob es so etwas gibt. Und dann den

Chef oder den Vorstand. Nennen \'vir das auch Arbeitsteilung? Ist es eine Arbeitsteilung

zwischen dem Unternehmer und denen, die er für sich arbeiten

läßt, um sich ihr Mehrprodukt, den Mehrwert anzueignen? Seinen Profit machen

oder ausgebeutet werden - ist das Arbeitsteilung? Ist Sich-Ausbeuten­

Lassen eine Arbeitsteilung mit dem Ausbeuter? Hier zeigen diese Begriffe von

Arbeit und Arbeitsteilung, daß sie es faustdick ideologisch hinter den Ohren

haben. An der Stelle bin ich auch uneins mit Marx. Die Trennung von Herrschern

und Beherrschten möchte ich nicht mehr mit Begriffen der Arbeitsteilung

denken. Dafür benötige ich einen anderen Begriff. Was hat es denn für eine

Wirkung, wenn ich sie in Begriffen der Arbeitsteilung denke? Alle arbeitenden

Menschen finden natürlich: »Arbeit ist notwendig«, und dann ist offenbar

auch die »Arbeit« der Ausbeutung notwendig - wenn auch das Arbeit ist. Arbeit

ist ewig notwendig, solange es Menschen gibt. Das schreibt Marx im 1.

Kapitel. Wenn die Ausbeuter nur einen Teil dieser »ewig naturnotwendigen«

Arbeit tun, sind sie immer genau so notwendig. »Es gibt eben solche und solche«,

»alles muß getan werden«, »deren Sorgen möchte ich nicht haben«. Das

wäre schon wieder tatsächliche Ideologie, ein weiterer Aspekt von Arbeitsteilung

und Ideologie. Dieser Begriff von Arbeitsteilung ideologisiert ja die gesellschaftliche

Herrschaft, stellt Herrschaft dar, als ginge es dabei nur um ein

Aufteilen von Tätigkeiten, die alle gleichermaßen arbeits artig und nötig sind.

An der Stelle trenne ich mich davon, erkläre das zur Ideologie und suche einen

anderen Zugang.

Wenn wir Arbeitsteilung verstehen wollen, müssen wir historisch zurückgehen.

Spezialisierung von produktiven Tätigkeiten, sowie das einmal eintritt,

wirft die riesige Frage auf: Wie kommen die Spezialisierten wieder zusammen?

Es gibt zwei große Möglichkeiten, die in der Geschichte kombiniert vorkommen.

Die eine ist der Markt und, sobald der Markt sich entfaltet, das Geld.

Das heißt, über die Marktbeziehungen kommen die verschiedenen Spezialisten

sozusagen mit Erfolg zusammen, so daß jeder sein Leben erhalten kann in der

Gesellschaft. Die zweite große Möglichkeit ist der Staat. Die Spezialisierung ist

sogar wahrscheinlich einer der Faktoren, die staatsartige Gebilde ins Leben riefen.

Man spricht zum Beispiel von den Theokratien, also Priesterherrschaften,

in Begriffen, daß man diese Priester schildert auch als Ingenieure, Planer, die

für die Infrastruktur einer Wirtschaft zuständig sind. Das ist in allen Gesellschaften

wichtig, die auf Agrikultur beruhen und das Wasserproblem haben.

Die also Bewässerungsarbeiten machen müssen, die nicht das einzelne Dorf

machen könnte, sondern wo man, wie zum Beispiel in Mexico vor der Eroberung,

über -zig und hundert Kilometer Wasser über Tal und Berg herholen

mußte, um eine bestimmte Ernährung überhaupt aufrechterhalten zu können.


DAS ARGUME]';T 13611982

Arbeitsteilung und Ideologie 795

Für derartige Bauwerke ist natürlich die kleine Dorfgemeinschaft nicht geeignet.

Das kann nur ein Verbund vieler Dorfgemeinschaften sein, und eine der

Theorien ist, daß das Ans-Werk-Setzen, das Zusammensetzen der vielen einzelnen

Elemente durch solche zentralen Priester geschah, daß das einer der Gründe

für die Entstehung des Staates ist. Diese Priester mußten etwas anderes können

als bloß Erde tragen oder Steine zerklopfen, sie mußten Zeiten und Räume

kontrollieren. Sie waren Spezialisten der Jahreszeiten, wußten, wann es regnet

und trocken ist. Das heißt, sie entwickelten den Kalender. Sie entwickelten die

Beobachtung der Gestirne, um den Kalender zu entwickeln, und die Mathematik,

um die Gestirne beobachten zu können usw. So daß sogar Völker, von denen

wir denken, sie hätten keine Schrift gehabt, auf jeden Fall eine ziemlich

entwickelte Mathematik hatten. Da gab es also Spezialisten dieser Art.

Arbeitsteilung und Ideologie - bei der Theokratie sind wir wieder fündig

geworden. Wenn Theokratie, also Priesterherrschaft, eine primitive, frühe

Form staatlich oder staatsartig wiederzusammengefaßter Spezialisierung ist,

wenigstens eine Keimform, dann lugt hier die Ideologie aus allen Knopflöchern;

denn das sind ja schließlich Priester, und man kann sogar so weit gehen

zu sagen, daß ihr Priestertum, ihre Götter, die ganze Art der Religion, dadurch

bedingt sind. Es gibt nicht schon immer diese Priester und diese Religion, sondern

die Frage ist, wie kommen unterschiedliche Funktionen und Spezialistengruppen

zusammen in diese Form »religiöser Apparat«? Sie werden lebensnotwendig

für eine Gesellschaft. Würde die Funktion dieser Priester ausfallen,

bräche das gesellschaftliche Leben zusammen. Diese Funktion bekommt eine

überirdische, übergesellschaftliche Bedeutung. Hier spaltet sich die Gesellschaft.

Es gibt weiterhin die Kleinbauern und vielleicht elementare Handwerke,

und dann gibt es darüber diese unglaublich entfernten, intellektuell-spezialistisch

in der Entwicklung vorausgepreschten Mathematikspezialisten, die Kalender

aufstellen können, die im voraus eine Mond- oder gar Sonnenfinsternis

berechnen. Sie hängen wie in einem Himmel über der Gesellschaft. Sie sind

durch eine Riesenkluft getrennt von der Gesellschaft. Friedrich Engels hat für

solche Apparate, für solche Einrichtungen den Begriff der ideologischen

Mächte entwickelt, indem er Gedanken aus dem mit Marx zusammen verfaßten

Frühwerk »Deutsche Ideologie« spät, nach Marx' Tod, ausgearbeitet hat.

Ideologische Mächte, das sind Mächte der Gesellschaft, aber über der Gesellschaft,

übergeordnete Mächte, von oben nach unten regierend, namens himmlischer

oder abstrakter idealischer Instanzen herunterwirkend in die Gesellschaft.

In diesem Sachverhalt erkennen wir wieder, was das »Lexikon zur Soziologie«

als »Arbeitsteilung« beschreibt. Bei Engels sind das Mächte zur Aufrechterhaltung,

Stabilisierung erstens dieser immer mehr sich aufteilenden Gesellschaft,

ihres Zusammenhalts in 'der Auf teilung, und zweitens einer neuartigen

Aufspaltung der Gesellschaft, die nämlich Ausbeuter und Ausgebeutete

gegeneinander stellt. Die Funktion der ideologischen Mächte im Sinne von Engels

ist es, dieses Doppelsystem aufrechtzuerhalten. Wenn wir Engels' Theorie

schematisch aufzeichnen, erhalten wir wieder ein Problem kreuz , bloß ist es

jetzt dreidimensional.


796 Wolfgang Fritz Haug

Schema 3

Auf der waagerechten Achse trage ich die Arbeitsteilung in unserem sich allmählich

präzisierenden Sinn ein: d.h. als das horizontale Nebeneinander unterschiedlich

spezialisierter Funktionen der Produktion des Lebensnotwendigen.

Auf der schrägen Achse trage ich den Klassengegensatz ein, der sich im

Rahmen der Klassenherrschaft in Wechselwirkung mit der Arbeitsteilung entwickelt.

Auf der vertikalen Achse trage ich die ideologischen Mächte ein. Ich

nehme diesen Begriff von Friedrich Engels. (Manche, die mich diesen Begriff

haben benützen sehen, meinten deswegen, ich hätte mit dem Marxismus gebrochen.

Sie sollten die Gedanken von Marx und Engels erst einmal zur

Kenntnis nehmen.) Die Horizontale scheint am leichtesten zu begreifen, auf

ihr bilden wir produktive Kompetenzunterschiede ab. Auf der Schrägachse haben

wir Ausbeuter/Ausgebeutete oder, hinsichtlich der Produktion und Verteilung,

Herrschende/Beherrschte. Auf der vertikalen Achse fehlt bisher der

Gegensatz. Da es die Funktion der ideologischen Mächte ist, die Ordnung (der

Klassenherrschaft) aufrechtzuerhalten, zu reproduzieren, sie mithin die Individuen

in die Ordnung einfügen, Ein-Ordnung der Individuen produzieren, was

in einer Klassenherrschaft für die beherrschte Klasse Unter-Ordnung bedeutet,

trage ich hier den Begriff des Untertans ein, als ergänzendes Gegenteil und

Zielgröße der ideologischen Mächte. QJ

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Arbeitsteilung und Ideologie 797

Der Herrschaftsordnung untertan zu sein, bedeutet ganz Verschiedenes für

Herrschende oder Beherrschte. Engels' Gedanke ist folgender: Arbeitsteilung,

die sozusagen wie ein Puzzlespiel einen Spieler notwendig macht, der die Arbeits-»Teilchen«

wieder zusammensetzt. Sie kann sich nur entwickeln, wenn

sich gleichzeitig neuartige Mächte bilden, welche die verschiedenen speziellen

Arbeiten wieder zusammenbringen. Eine solche Macht ist der Markt. Es sind

einerseits innergesellschaftliche Austauschverhältnisse, andererseits übergesellschaftliche

ideologische Mächte - Theokratie war mein Primitivbeispiel -,

die das Ganze stabilisieren. Die drei Achsen stellen drei Dimensionen einer

komplexen Wirklichkeit dar. Es entsprechen ihnen nicht etwa drei Arten empirischer

Phänomene, die man unabhängig voneinander betrachten könnte. Es

läßt sich auch kein klares Nacheinander der Entwicklungen entlang der drei

Achsen ablesen. Vielleicht kann man von einem »Vorlauf« der Entwicklungen

auf der Achse »Arbeitsteilung« sprechen und, als Resultat wie als Voraussetzung

davon, auf der Achse »Klassengegensatz«. Im Allgemeinen gilt: Eine

Entwicklung entlang einer der drei Achsen ist immer abhängig von und erfolgt

in Wechselwirkung mit Entwicklungen entlang der andern bei den Achsen. Wir

sind gut beraten, uns die Entwicklung ungleichmäßig vorzustellen, nicht ordentlich

eins hinter dem andern, sondern als diskontinuierliches Wechselverhältnis.

Solche Entwicklungen lassen sich nicht deduzieren, sondern nur erforschen.

Aber allgemein kann man festhalten: Die Arbeitsteilung kann sich nur

entwickeln, indem sich die Klassen entwickeln, und beides kann sich nur entwickeln,

indem sich die ideologischen Mächte entwickeln.

Wir können nun unser Unbehagen an Marx' Formulierung vom feindlichen

Gegensatz von Hand- und Kopfarbeit und erst recht gegenüber den vulgärsoziologischen

Ideologemen des »Wörterbuchs zur Soziologie« klarer artikulieren.

Wenn an der zitierten Marx-Stelle (im Gegensatz zu vielen andern Stellen)

die Vorgänge auf unsern drei Achsen ineinander zu verschwimmen drohen und

unser »Wörterbuch« sie systematisch ineinander wirft, so werden wir sie analytisch

auseinanderhalten. Wir werden weder Klassengegensätze noch die Über­

IUnterordnungsverhältnisse der ideologischen Mächte mit der spezialisierenden

Differenzierung in der produktiven Auseinandersetzung mit der Natur zusammenwerfen.

Wir können unterscheiden zwischen Arbeitsteilung, gesellschaftlicher

Herrschaft und politischer oder ideologischer Herrschaftsmacht.

Arbeitsteilung und Ideologie - das Verhältnis der Geschlechter ist vielleicht

das älteste Feld, auf dem »alles anfängt«. »Die erste Teilung der Arbeit«, heißt

es in der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels (1846), »ist die von

Mann und Weib zur Kinderzeugung.« (MEW 3,31) »Und heute«, schreibt Engels

1884 in seiner Schrift über den »Ursprung der Familie, des Privateigentums

und des Staates«, »kann ich hinzusetzen: Der erste Klassengegensatz, der

in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus

von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung

mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.« (MEW

21, 68) Marxisten traditioneller Formation starren oft ungläubig auf diese beiden

Sätze, können es nicht fassen, daß dies Engels geschrieben haben soll. Und

doch sah Engels in einem Geschlechterverhältnis, das ein Unterdrückungsver-


798 Wolfgang Fritz Haug

hältnis ist, »die Zellen form der zivilisierten Gesellschaft« (ebd.). »Die Einzelehe

war ein großer geschichtlicher Fortschritt, aber zugleich eröffnete sie neben

der Sklaverei und dem Privatreichtum jene bis heute dauernde Epoche, in der

jeder Fortschritt zugleich ein relativer Rückschritt, in dem das Wohl und die

Entwicklung der einen sich durchsetzt durch das Wehe und die Zurückdrängung

der andern.« (Ebd.) Daß dieser Gedanke vom Geschlechterverhältnis als

dem Feld der »ersten Teilung der Arbeit« und zugleich des »ersten Klassengegensatzes«

so oft und so lange überlesen wurde, hängt vielleicht mit einer Unklarheit

in Engels zitierter Schrift zusammen. Denn in einem späteren Kapitel

heißt es von der Erfindung der Viehzucht: »Hirtenstämme sonderten sich aus

von der übrigen Masse der Barbaren: erste große Teilung der Arbeit.« (MEW

21, 155) »Die erste große gesellschaftliche Teilung der Arbeit zog mit ihrer Steigerung

der Produktivität der Arbeit, also des Reichtums, und mit ihrer Erweiterung

des Gesamtfeldes, unter den gegebnen geschichtlichen Gesamtbedingungen,

die Sklaverei mit Notwendigkeit nach sich. Aus der ersten großen gesellschaftlichen

Arbeitsteilung entsprang die erste große Spaltung der Gesellschaft

in zwei Klassen: Herren und Sklaven, Ausbeuter und Ausgebeutete.«

(MEW 21, 157) Der Text behauptet also nacheinander zwei erste Arbeitsteilungen

mit entsprechendem Klassengegensatz. Das Geschlechterverhältnis ist für

uns deshalb besonders interessant, weil es »Arbeitsteilung« und »Klassengegensatz«

nicht empirisch auseinander, nicht chronologisch nacheinander, das

Zweite als Folge des Ersten, zeigt, sondern als die beiden Seiten einer Medaille.

In genau die betreffende Art von Arbeitsteilung ist Herrschaft eingeschrieben.

Dies mag uns warnen, unser analytisches Schema, mit dessen Hilfe wir abstrakte

Denkbestimmungen zur Rekonstruktion des Konkreten im Denken organisieren,

empiristisch mißzuverstehen.

Vielleicht werden wir im Lichte ethnologischer Forschungen die Frühzeit

unserer Kultur auch in dieser Hinsicht zunehmend deutlich sehen: die Frauen

als Objekte des Tauschs zwischen Stämmen, damit als Subjekte lebendig eingemauert

in die Fundamente der symbolischen Ordnung solcher Kultur. Um der

Besonderheit des Geschlechterverhältnisses, seiner »archaischen« Verflechtung

in Arbeitsteilung und Herrschaft, Rechnung zu tragen und diese ständig mitzustellende

Frage nicht aus den Augen verlieren, füge ich eine weitere Achse in

mein Schema ein. Zugleich ersetze ich den Begriff »Untertan« durch den des

»Subjekts«. Althusser hat auf die wörtliche Bedeutung dieses Begriffs aufmerksam

gemacht: das Subjekt ist das Daruntergeworfene oder das Darunterliegende.

Im Absolutismus hießen auch in Deutschland die Untertanen »Subjekte«.

Der Ausdruck »verdächtiges Subjekt« hat sich noch lange gehalten. Im

Juristischen bezeichnet das Subjekt das für eine Tat verantwortliche, haftbar

zu machende Individuum. In der Philosophie ist das Subjekt die Instanz der

Freiheit. Die ideologischen Mächte zielen darauf ab, daß die Individuen die

Verhältnisse der Herrschaft von innen heraus, frei und verantwortlich leben.

Dieses Sich-Einordnen, das Unter- wie Überordnen ist, dieses Sich-zum-Subjekt-der-Verhältnisse-Machen,

bezeichnen wir mit dem Begriff der ideologischen

Subjektion (PIT 1979; zuerst bei w.F. Haug 1979, 5f.).

Arbeitsteilung und Ideologie - das Bild hat sich kompliziert in dem Maße,


DAS ARGli~lENT 136/1982

Arbeitsteilung und Ideologie

799

Schema 5

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in dem es sich zu klären beginnt. Wir unterscheiden jetzt vier Achsen oder Dimensionen_

Auf drei dieser Achsen finden wir komplementäre Unterschiede.

In unserem gelebten Leben durchdringen uns jeden Tag all diese komplementären

Gegensätze und Unterschiede. Jedes Individuum hat in gewisser Weise

diese gesamte Struktur in sich - weil es in dieser Struktur sich bewegen muß_

Der Lohnarbeiter ist zugleich »Herr im Haus« gegenüber seiner Frau. Das

heißt nicht, daß Frauen nicht Unternehmer innen sein können. Unter einer

Chefin zu arbeiten wiederum ist für den Lohnarbeiter u_U. mehr als nur eine

einfache Unterwerfung; in dieser Position wird häufig die Unterwerfung der

durchs Kapitalverhältnis übergeordneten Frau in Vergewaltigungsphantasien

gelebt.

Die Verhältnisse sind sehr komplex, und das kann es auch so schwierig machen,

sie zu verändern. Die verschiedenen Dimensionen können sich in den Individuen

gleichsam verknoten, so daß der ideologische Effekt der Subjektion

unter und in die bestehenden Verhältnisse mehrfach stabilisiert sein kann.

Mit dieser Schwierigkeit sind wir wieder bei der praktischen Fragestellung

angelangt, die unsern Ausgangspunkt darstellte. Wir wollten ja untersuchen,

wieso es für die Volksuni so schwierig ist, die Elemente, die aufeinander angewiesen

sind, zusammenzubringen. Ohne die Kräfte der Arbeit und der Wissenschaft

geht es nicht, ohne die Verbindung von Theorie und Praxis geht es nicht

- was hält eigentlich diese und andere Elemente so zäh auseinander? Gegen

welchen Widerstand geht man da an? Fragen wir zunächst einmal, was an die

Stelle gehört, wo im ersten Schema das Fragezeichen steht? Die Stelle ist doppelt

strategisch: Es ist die Stelle sowohl des Auseinanderhaltens, als auch des

Verbindens_ Es ist die Stelle des Puzzlespielers, wie der Macht, welche die Teilchen

auseinanderdividiert_ Es ist die Stelle des artikulatorischen Monopols wie

der Desartikulation der getrennten Elemente der Gesellschaft.


800 Wolfgang Fritz Haug

Das Kapital sorgt ganz bewußt dafür, daß die durch es im Betrieb zusammengebrachten

Arbeitskräfte auseinanderdividiert werden: blaue Kittel, weiße

Kittel, Arbeiter, Angestellte, Inländer, Ausländer, Männer, Frauen, neben den

Gruppenschranken Hierarchien, die nur dazu dienen, die Bildung einer umfassenden

kollektiven Kompetenz an strategischen Stellen durchzuschnei-

Schema 6

I

s

T

-KAPI-­

TAL

T

I

den usw. Zwischen Arbeit und Wissenschaft steht zunächst das Kapital, das sie

auseinander hält gerade durch die Weise, wie es sie in seinem Interesse miteinander

verbindet. Aber das ist nur eine Dimension. Zugleich läuft diese Ordnung

der Dinge durch den Staat und der Staat durch sie. In diesem Zusammenhang

gewinnt der verblüffende Satz von Marx aus der »Deutschen Ideologie«

seine Bedeutung: »Die Arbeiter müssen den Staat stürzen, um ihre Persönlichkeit

zu entfalten.« (MEW 3, 77) Der Arbeiter, der an irgendeiner ihm

eingeräumten Stelle in dieser Struktur seinen Platz hat, der kann jedenfalls seine

Persönlichkeit allseitig nur entwickeln, wenn er sich den Zusammenhang

aneignet und Kompetenzen an den strategischen Stellen entwickelt, die im

Selbstlauf der Dinge jetzt vom Kapital, von den Markteffekten und von den

ideologischen Mächten besetzt werden: Das Zusammenbringen der Elemente

des Gesellschaftsprozesses. Dies Zusammenbringen kann, von unten, nur kollektiv

angegangen, die entsprechenden Kompetenzen nur kollektiv entwickelt

werden. Um seine Persönlichkeit zu entfalten, muß der Arbeiter jedenfalls die

trennenden Kräfte, die zwischen ihm und den andern Elementen stehen, zurückdrängen.

Wir können den Satz aus der »Deutschen Ideologie« auf unser

Schema anwenden und sagen: Der Arbeiter kann seine Persönlichkeit nur entfalten,

indem er die Mächte, die da in der strategischen Mitte sitzen und ihn

von den andern Elementen abtrennen, aufhebt.

Staat, Kapital und patriarchalische Machtstruktur - sind damit die »Schuldigen«

gefunden? Aber woher dann die Schwierigkeiten, der Widerstand, die

ich bei der Vorbereitung für diesen Vortrag erfuhr und die von der Volksuni

praktisch erfahren werden? Es wäre leicht, hätte es damit sein Bewenden, daß

wir auf außer oder über uns gelagerte Instanzen und Mächte hinweisen können.

Aber wir werden das Problem so noch lange nicht los; es geht tiefer; es

durchdringt uns als »Subjekte«, Der ideologische Effekt der skizzierten Struktur

ist nämlich der, daß die einzelnen die Stelle, wo sie hinverteilt sind in diesem

System, mit Sinn ausfüllen. Daraus, daß sie sich diese »fremdbestimmte«

Stelle zueigen machen, entwickeln sie ihr Selbstbewußtsein. Ich bringe zwei

Beispiele. Erstens: Ein normaler Arbeiter hat »gesunde« Vorurteile gegen Wis-


DAS ARGUMENT 136/1982 ©

Arbeitsteilung und Ideologie 801

senschaft. Wissen ist abstrakt, ist etwas für »die da«. Die Forscher des »Projekts

Automation und Qualifikation« (P AQ) faßten das, was sie in vielen verschiedenen

Formulierungen, Haltungen und Gesten von Arbeitern beobachtet

hatten, in den einfühlsamen Satz zusammen: »Das Wissen kommt die Stufen

herab ...« (PAQ 1980, 143) »Wissen« wird vom normalen Arbeiter spontan als

etwas empfunden, was mit der Oben/Unten-Achse zusammenhängt. Streng

genommen ist das sehr fragwürdig, es gibt schließlich Lohnwissenschaftler,

Lohntechniker oder was immer. Wissenschaft kann auch eine Lohnarbeit sein.

Es sind sekundäre Trennungen, die den Lohnwissenschaftler immer noch zum

Privilegierten machen im Vergleich zum Lohnschlosser. Aber im Prinzip ist

Wissen zunächst nicht identisch mit Staat. Andererseits stimmt das spontane

Vorurteil eben doch.

Wir wechseln jetzt auf die Seite des Intellektuellen. Ich rede nun über meinesgleichen.

In der Ankündigung dieses Vortrags habe ich mein Buch Der Zeitungsroman

oder Der Kongreß der Ausdrucksberater als Vorbereitungsliteratur

angegeben. Das war kein Scherz, obwohl das Buch eine Realsatire ist. Es ist

ein Buch über gewisse Leistungen von Meinesgleichen. In der Anordnung der

Zuständigkeiten ist es nämlich so: Es gibt ein Heer von Intellektuellen; diese

sind von der wirklichen Machtausübung abgeschnitten. Sie sind aber auch von

der produktiven Arbeit abgeschnitten, wenn man darunter versteht: Teilnahme

am Herstellen des Lebensnotwendigen. Sie sind also doppelt abgeschnitten. Sie

führen eine merkwürdige Existenz. Ein Name für ihren gesellschaftlichen Ort

ist »der Elfenbeinturm«. Etwas handfestere Namen, die auch zu verstehen geben,

wie etwas Geld in den Elfenbeinturm fließt, sind »Drittes Programm«

oder, für höhere Ränge von Akademikern, »Universität Konstanz« usw. Doppelt

abgetrennt, von der wirklichen Herrschaftsmacht wie der Produktion, haben

wir doch gesellschaftliche Funktionen, die zu tun haben mit der Bildung,

Aufrechterhaltung, Rechtfertigung, aber auch Verwaltung bestimmter Arten

von gesellschaftlicher Macht. Die Bedeutung des Begriffs »Intellektueller«

schwankt im konkreten Gebrauch außerordentlich. Wenn wir darunter die

akademisch Ausgebildeten verstehen, die Berufen nachgehen, für die solche

Ausbildung den Zugang öffnet, dann läßt sich die größte Gruppe von Funktionen

folgendermaßen bestimmen: Die Akademiker in diesem Sinn stellen die

»Beamten« aller ideologischen Mächte, im Politischen, in der Justiz, der Kirche,

der Schule, der Psychiatrie usw. Neben diesem Millionenheer von Beamten

aller ideologischen Mächte gibt es ein kleineres Heer von solchen, die als

»Freischaffende« bestimmten ideologischen Mächten zuordenbar sind, die

freien Mitarbeiter der Sender, »Autoren« aller Art. Dann gibt es eine formell

und inhaltlich stark davon unterschiedene Gruppe, deren gesellschaftlicher Ort

die Agenturen direkter Zuarbeit fürs Kapital sind, insbesondere die riesige

Gruppe - mit jährlichem Milliardenumsatz -, die für Werbung, Public Relations

und Ähnliches zuständig ist. Die Hauptfunktion dieser Gruppe ist es, für

diejenigen, die reale Macht ausüben, die wirklich entscheiden, die Begründungen

zu liefern, die man denen, über die entschieden wurde, vorlegen kann. Den

Unternehmern arbeiten sie die Formen aus, in denen sie sich gegenüber den

Unternommenen ausdrücken, für den Warenverkauf die Begründung, warum


802 Wo/jgang Fritz Haug

die Käufer kaufen sollen - und zwar völlig unabhängig davon, was da verbzw.

gekauft werden soll. An der ehemaligen Akademie für Grafik, Druck

und Werbung (jetzt als Abteilung der Hochschule der Künste einverleibt), an

der ich vor Jahren Dozent war, stellte man u.a. einen Typus von Prüfungsaufgaben,

über den man gründlich und immer wieder nachdenken muß. Zum Abschluß

hatten die Studenten ein Produkt zu bewerben, eine Kampagne zu entwerfen,

Verpackung, Namen, Text, Plakate, Gestalt und Bild des Warenkörpers

- ein Produkt, das es gar nicht gab. Sie hatten zu zeigen, in der Prüfung,

daß sie die Kompetenz erworben hatten, Verkäuflichkeit als solche herzustellen.

Das Beispiel gibt, weit über Werbung und »öffentliche Beziehungsarbeit«

hinaus, ein Sinnbild für die Tätigkeit eines riesigen Heeres von Intellektuellen.

All denen, die »unten« sind, begegnen Intellektuelle zunächst als Lieferantenheer

dieses Schatzes an täglich neu gewendeter Ideologie. Doch geschieht

dies nicht so direkt. Zwischen denen, die »es zum Ausdruck« bringen, und denen,

um deren Eindruck es geht, stehen wieder die Mächte des Trennens und

Zusammenbringens, die »Artikulationsmächte«.

Schema 7

Eindruck----+----Ausdruck

Die »Welt, die betrogen werden will« ist die, in der die »Arbeitsteilung«, ideologisch

gesprochen, die Herrschaftsverhältnisse mit ihrer Anordnung von

Macht und Ohnmacht, von Kompetenzen und Inkompetenzen, das Zum-Ausdruck-Bringen

als aparte Funktion organisiert. Die beliebte Gegenüberstellung

von »Macht und Geist« ist nur ein bewußtlos wahrgenommenes Symptom derselben

Anordnung. Solche Themen werden diskutiert, als hätten sie ihren Angelpunkt

im Innern, als wären Betrügbarkeit der Massen auf der einen Seite,

die Machtdistanz des »Geistes« auf der andern Seite, einer inneren Einstellung

entsprungen. Sie sind aber nur Formen der spontanen Wahrnehmung der

»Ordnung der Dinge«, genauer: des Lebens dieser Ordnung. Diese Anordnung

ist das Strategische. Es ist diese Anordnung, deren Symptomgeschichten

im Zeitungsroman erzählt und aneinandermontiert werden. Wir versuchen,

diese Anordnung, in der sowohl der gesellschaftliche Charakter unterschiedlicher

Tätigkeiten und Stellungen, als auch ihre Beziehungen festgelegt sind,

schematisch zu skizzieren:


DAS ARGUMENT 136/1982

Arbeitsteilung und Ideologie

803

Schema 8

Ausführung

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804 Woljgang Fritz Haug

nen. Nehmen wir ein Beispiel. Sie haben u.a. eine Ausstellung »Entartete

Kunst« organisiert. In ihr trugen sie vor allem avantgardistische Kunst zusammen.

Dabei wandten sie dasselbe Verfahren an, das sie in den rassistischen Büchern

angewandt hatten: sie verknüpften die entstellenden, verzerrenden Darstellungsweisen

der avantgardistischen Kunst mit Fotos von Mißgeburten oder

Zeichnungen, die von »Geisteskranken« gemacht worden waren. Die avantgardistische

Widerstandsästhetik wurde also nicht etwa einfach aus der Öffentlichkeit

verdrängt, sondern auf umorganisierte Weise veröffentlicht, den

Lohnarbeitern gezeigt, dem Riesenheer der Untergeordneten aller Art mit dem

Hohn: Da seht Ihr es; solche Leute muß man ausrotten. Und was für ein Erfolg

das wurde. Es war die populärste Kunstausstellung - vielleicht die populärste

der deutschen Geschichte. »Entartete Kunst« - das war vor allem Widerstandskunst.

Daran kann man die bösartige Dialektik lernen, daß es gerade

unsere Formen des Widerstands, der Anständigkeit sein können, durch die wir

Intellektuellen uns abkoppeln von den anderen, uns dadurch auslieferbar machen.

Genau die Form, in der ich mich den Herrschaftsmächten widersetze,

kann die Form sein, in der ich mich denen »da unten«, vor allem den »Kräften

der Arbeit«, sperrig mache. In dieser Form bin ich unzugänglich für die Arbeiter.

Die Vereinigung kann nicht glücken. Oder es kann dies die Form sein, in

der Theorie so gemacht wird, daß sie für »die Praxis« nicht brauchbar ist.

Auch hier kann dann die Vereinigung nicht glücken. Man muß sehen, daß genau

in unsere Widerstandsformen die Formen eingeschrieben sind, die uns dazu

verurteilen, daß die gesamte Anordnung so bleibt.

Gleiches gilt von den Lohnarbeitern. Nachdem nun mehr und mehr Leute

die Untersuchung von Paul Willis, »Spaß am Widerstand«, gelesen haben,

wird der Gedanke von der unfreiwilligen Dialektik des Klassenbewußtseins

nicht mehr so fremd sein. Willis hat mit einer Gruppe von Arbeiterjugendlichen

zusammen untersucht, wie sie ihre gesellschaftlichen Bedingungen leben.

Er hat herausgefunden, daß sie gerade dort, wo sie sich gegen »die da oben«

und gegen die ideologischen Mächte richten, dies in einer Form tun, in der sie

sich selbst dazu verurteilen, nichts ändern zu können. Solche Formen sind: Intellektuellenhaß,

Haß aufs Lernen, Körperkult der »harten Männlichkeit«

usw. Sie entwickeln, kurz gesagt, von sich aus eine Abstoßungskraft - z.B.

Männer gegen emanzipierte Frauen oder gegen »unmännlichere« Männer; Arbeiter

gegen Intellektuelle; Inländer gegen Ausländer usw. -, mit der sie die

Elemente abstoßen, deren selbstbestimmte Neuzusammensetzung die strategische

Frage aller Fragen, der Schlüssel zur solidarischen Veränderung der Gesellschaft

ist. »Intellektuelle«, Brillenträger, sind für die Willisschen Arbeiter

artikuliert mit »Schwulen«, repräsentieren sozusagen den lächerlichen Fall von

»Frauen innerhalb des männlichen Geschlechts«.

Arbeitsteilung und Ideologie - was bannt die Individuen an ihre Plätze in

diesem vieldimensionalen Problemkreuz von Herrschaftsverhältnissen, Kompetenzabgrenzungen

und dem archaischen Unterdrückungsverhältnis der Geschlechter?

Die Mächte der Teilung, welche bestrebt sind, die Zusammenfügung,

die Rekomposition der gesellschaftlichen Arbeit zu monopolisieren, sind

nur ein Grund. Die Formen, in denen wir uns alle auf unsem »Plätzen« ein-


DAS ARGUMENT 136/1982

Arbeitsteilung und Ideologie 805

richten, unsere Identität bilden, das Leben in der Ab-Teilung, in die wir versprengt

sind, »sinnvoll« machen - diese Formen bannen uns ebenso, vielleicht

nachhaltiger, auf unsere Plätze. Jeder für sich, Gott für alle. Jeder in seinem

Abteil für sich, heißt: »alles« den artikulatorischen Mächten zu überlassen.

Der »Gott«, den das Sprichwort für alle zuständig sein läßt, wo jeder für

sich lebt, ist die Struktur gesellschaftlicher Herrschaft. Für sich zu sein, die

Sorge für die Ordnung »den andern« zu überlassen, »deren Sorgen möcht' ich

nicht haben« zu sagen, macht die Subalternität aus. Außerhalb der subalternen

Position im Erwerbsleben geht sie einher mit der Privatisierung, diese wieder

vorwiegend mit dem Konsumismus, also dem Vorherrschen der Orientierung

auf Warenkonsum in der »Freizeit«, sowie der Identitätsbildung in den

imaginären Räumen der Warenästhetik (vgl. W.F. Haug 1980, 171ff., sowie

1982). Privatisierung, Konsumorientierung und Subalternität - dies die trinitarische

Formel der Ideologie des Alltags.

Jeder für sich, Gott für alle - das könnten die Teilchen des Puzzlespiels sagen.

Dem, was mit ihnen gespielt \\-1rd, drehen sie den Rücken zu. Teile und

herrsche. Was von den »Arbeitsteilchen« abgetrennt ist, wessen sie enteignet

sind, ist die Herstellung ihrer Gesellschaftlichkeit, ist ihre Vergesellschaftung.

Arbeitsteilung und Ideologie, das ist fremd vergesellschaftete Arbeitsteilung.

Der Staat, die Kapitalisten, der Markt mit den ökonomischen Krisen, mit denen

er die gesamte Gesellschaft, Staat und Kapitalisten inbegriffen, wechselhaft

schlägt, sie alle sind entfremdete Vergesellschaftungsmächte. Die Ergebenheit

in ihre Ordnung, die verinnerlichte, eingefleischte Unzuständigkeit für

Vergesellschaftungsfragen, für Fragen der Zusammensetzung der gesellschaftlichen

Elemente, die Subalternität ist die andere Seite dieser übergesellschaftlichen

Mächte. Und schließlich brauchen wir einen Begriff, um das komplementäre

Gegenteil der Subalternität zu fassen. »Hochmut der Ämter«, »Arroganz

der Macht«, »Elitebewußtsein« , »Standesdünkel«, »Überheblichkeit« usw.

sind Namen, die man dem Sicheinrichten in Stellungen der Übergeordnetheit

gibt. Vom befehlsbewußten oder herrischen Auftreten bis zu den Charaktermasken

der öffentlichen Würdenträger, vom geschmäcklerischen Snobismus

bis zum »höheren Blech« von Akademikern, wie Engels das nannte, reicht das

selbstverständliche Leben einer Höherstellung. Vielleicht können wir von Superalternität

sprechen. Wäre die Verteilung der Individuen auf Subalternität

oder Superalternität eine ausschließende Alternative, fiele also der komplementäre

Gegensatz Subalternität / Superalternität außer halb der Individuen,

dann fiele die Kritik der Subalternität leichter. Indes tragen wir alle bis zu einem

gewissen Grad die gesamte Struktur in uns, in die wir gestellt sind. Wir

sind eben nicht nur untergeben, sondern auch überhoben, vorgesetzt. Sind wir

im Betrieb dem kapitalistischen Herr-im-Haus untergeben, so zuhause vielleicht

selber der Herr, »Vorgesetzte« von Frau und Kindern. Die inländischen

Suhalternen sind den Ausländern vorgesetzt. Im Verhältnis von Arbeitern und

Intellektuellen sind Minderwertigkeitskomplex und Höherwertigkeitsgefühl

oft nur zwei Seiten einer Medaille, besser: vier Seiten von zwei Medaillen, denn

beide beteiligten Seiten haben beide Seiten.

Schließlich ist auch das »Wissen«, wie das »Verstehen«, geformt durch seine


806 Wolfgang Fritz Haug

gesellschaftliche Verteilung, seine gesellschaftliche Allokation. Wir Akademiker,

die wir selbstverständlich in unserem akademischen Diskurs fortfahren,

fahren, so gehoben auch alles sein mag, gleichfalls im Schienennetz der Entfremdung.

Im Selbstlauf wird uns die gesellschaftliche Anordnung, das Dispositiv

des Ganzen, die Begriffe in den Mund legen. Daher kommt, zum Teil,

unsre »Unverständlichkeit« für die »gewöhnlichen Sterblichen«, die »Kleinen

Leute«. Andrerseits sind Zusammenhangsfragen vom Standpunkt der Alltagsideologie

»langweilig«. Die konsumbeflissenen Privatleute wollen »davon verschont

bleiben«, »damit in Ruhe gelassen« werden.

Arbeitsteilung und Ideologie - das Problemgefüge, das wir unter dieser

Fragestellung beleuchtet haben, ist Marxisten unter andern Begriffen geläufiger.

Arbeitsteilung und Klassengegensatz, unsre bei den Grundachsen, bezeichnen

nichts anderes als die Produktionsverhältnisse, die ideologischen Mächte

den »Überbau«. Unsere Fragestellung hat uns also unverhofft zu einer Reartikulation

der klassisch marxistischen Basis/Überbau-These geführt. Was als

feindliche Scheidung von Hand- und Kopfarbeit begann, zeigt sich jetzt als die

Struktur der staatlich verfaßten Klassengesellschaft. Als die strategischen Fragen

erweisen sich Fragen der Vergesellschaftung. Jeder Ansatz zu einem selbstbestimmten

Leben, das diesen Namen verdienen will, muß an diese Dimension

rühren. Selbstverwaltung ist Selbstvergesellschaftung, geht nicht in den von

der vorfindlichen Ordnung der Dinge eingeräumten Formen, erfordert das

Umräumen, die Umorganisierung der Räume und ihrer Anordnung. Selbstverwaltung

verlangt, daß sich die unterschiedlichen Kräfte zusammensetzen,

daß sie ihre spezialisierten Tätigkeiten selbst einander zuordnen, daß sich die

Elemente des zersetzten Gemeinwesens neu zusammensetzen.

Literaturverzeichnis

v. Eynern, G., 1973: Wörterbuch zur politischen Ökonomie. Opladen

Fuchs, W., u.a. (Hg.), 1973: Lexikon zur Soziologie. Opladen.

Haug, W.F., 1979: Ideologie/Warenäslhetik/Massenkultur. Entwürfe zu einer theoretischen

Synthese. (Argument-Studienheft SH 33)

Haug, W.F., 1980a: Der Zeitungsroman oder Der Kongress der Ausdrucksberater. Zürich.

Haug, V/.F., 1980b: »Werbung« und »Konsum« - Systematische Einführung in die Warenästhetik

(= Bd.l: Warenästhetik und kapitalistische Massenkultur). Berlin/W.

Haug, W.F., 1982: Produktion, Warenkonsum und Lebensweise. (Kursmaterial der Fernuniversität

Hagen - Buchveröffentlichung für 1983 geplant als Bd.lI von »Warenästhetik und kapitalistische

l\1a'osenkultur«)

MEW: Marx/Engels Werke. Berlin/DDR

PAQ (= Projekt Automation und Qualifikation): Automationsarbeit: Empirie (3 Bände:

111980,2/1981 und 3/1981; Argument-Sonderbände AS 34, AS 55 und AS 67)

PIT (= Projekt Ideologie-Theorie), 1979: Theorien über Ideologie (Argument-Sonderband AS

40, 2.Aufl. 1982)

Willis, P., 1979: Spaß am Widerstand. Gegenkultur in der Arbeiterschule. Frankfurt/M.


807

Frigga Haug

Erfahrung und Theorie*

Die Langeweile in der Ökonomie und die F'arbwerke Hoechst

Um die Wirtschaftsseite einer Tageszeitung zu lesen, muß ich mir einen Ruck

geben. Was dort steht, ist mir in seiner Gesetzlichkeit bekannt, und zugleich

sind eben diese Gesetze ganz meinem Eingriff entzogen, haben mit meinem

konkreten Leben nichts zu tun. Die Wirtschaftsseite langweilt mich. Als Marxistin

muß ich mich für Ökonomie interessieren. Täglich also zwinge ich mich,

lese: Volkswagen spürt noch keine Geschäjtsbelebung. Kläckner rechnet mit

einem ausgeglichenen Abschluß. Hoechst kündigt unveränderte Dividendejür

1982 an. Irgendwie beunruhigend beruhigend. Die Krise in der Stagnation.

Profitgesetze, Klassenfragen, Ausbeutung, dahinter zunehmend Arbeitslosigkeit.

Die Größe der hier in Frage stehenden Komplexe macht mir ein schlechtes

Gewissen, wenn ich der Wirtschaftsseite kein längeres Studium widme und

statt dessen auf die Seite mit den kleinen lokalen Nachrichten überwechsele.

Eine Frau springt aus dem vierten Stock in einen Hinterhof So viel Verzweiflung

kann ich mir vorstellen. Ein Ölscheich läßt sich sein Flugzeug von innen

vergolden, selbst die Armaturen in dem eingebauten Badezimmer sind aus 24-

karätigem Gold. Auch das kann mit meinem Interesse rechnen. Ich habe auch

ein Badezimmer, diesen überflüssigen Luxus in Gold, noch dazu in einem

Flugzeug, kann ich verurteilen und bemessen und weiß wieder zugleich, daß

solche Verhaltensweisen geradezu systemwidrige Ausnahmen sind. Produktion

um der Produktion willen, nicht wegen des Luxuskonsums, bestimmt die Kapitalgesetze.

Ich zwinge mich zurück auf die Wirtschaftsseite und lese weiter über die

Normalität des Kapitalismus, nicht über seine Auswüchse. Der Weltumsatz bei

Hoechst ist um 15 % auj 34,4 Milliarden DM gestiegen. Auch etwas, das meinen

Horizont überschreitet: 34,4 Milliarden. Ich stelle fest, daß ich geradezu

zwanghaft die Wirtschaftsgeschehnisse auf meine kleine Haushaltsökonomie

übertrage. Die Gesellschaft im Großen mir zu eigen machen, heißt, ihre Gesetze

auf die Regeln meines privaten Lebens herunterdenken. Und umgekehrt.

Das geht eine Weile ganz gut: Waren müssen gekauft werden mit Geld; Gebrauchswerte

werden produziert; es wird konsumiert; es herrscht Arbeitsteilung.

Aber wie die Menschen ihr Leben produzieren, aufgeteilt nach Klassen

und um des Mehrwertes willen, dies bestimmt nicht die häusliche Produktion

und also das alltägliche Leben und umgekehrt sind die Versorgung der Kinder,

die Familienform und die Unterordnung der Frauen unter die Männer keine

Fragen, die mit Ausbeutung, kapitalistischer Fremdbestimmung und Klassenkampf

zu kennzeichnen wären. So finden wir uns in dem Paradox, daß die

entscheidenden Fragen der Gesellschaftsformation vom Standpunkt des alltäglichen

Lebens aus unbegreifbar und von daher langweilig werden und die lebendigen

Fragen unseres Alltags vom Standpunkt des Klassenkampfes und aI-

* Vortrag, gehalten auf den Volksuniversitäten Stockholm und Berlin 1982

DAS ARGUMENT 136/1982 'c'


808 FriggaHaug

so von dem radikaler linker Politik her nebensächlich (vgl. dazu auch meinen

Beitrag »Frauen und Theorie«, 1982). Und doch muß es einen Zusammenhang

geben zwischen den Dingen im Großen und Ganzen und der Art und Weise wie

massenhaft gelebt wird. Ich quäle mich weiter durch die Zahlen wüsten im

Wirtschaftsteil. Die unbegreiflichen Zuwachsraten bei Hoechst, so lese ich,

verdanken sich am stärksten der Pharma-Sparte mit einem Plus von 20,9070;

prozentual noch mehr wuchs der Faserumsatz, um 31,6%. Der Hinweis auf

die bestimmten Produkte, die den Unternehmern für ihre Profite gleichgültig

sein mögen, weckt mein Interesse. Wieso wuchs dermaßen die Arzneimittelproduktion?

Und wer braucht denn die vielen zusätzlichen Fasern? Wie leben

denn die Menschen diese Artikel? Und wie leben sie überhaupt dieses gesamte

System? Meine Begriffe aus der Kritik der politischen Ökonomie lassen mich

da ziemlich hilflos: Klasse; Klassenkampf; Arbeit, gleichgültige; Produktivkräfte;

Produktionsverhältnisse; Ausbeutung und Mehrwert - von daher

kann ich schlecht ableiten, wie diese Strukturen ergriffen werden. So wenig die

Profitgesetze unmittelbar das häusliche Leben in der Familie regen, so wenig

läßt sich der Alltag aus den Kapitalgesetzen deduzieren. Was so für den Alltag

aller Menschen gilt, seine Unbegreiflichkeit aus den Gesetzen, nach denen sich

die Produktion im Großen analytisch bestimmen läßt, das gilt um so mehr für

die Frauenfrage. Die Frauenunterdrückung ist älter als der Kapitalismus; der

häusliche Bereich, der orientierend das Leben der Frauen bestimmt, unterliegt

den Kapitalgesetzen nicht direkt; die Verantwortung für Mann und Kinder, die

leibliche und seelische Versorgung der Angehörigen sind Aufgaben, die der

Logik von Verwertungsprozessen und Lohnarbeit widerstreiten (vgl. dazu

Haug, F., 1981). Liebe und Fürsorge widersprechen Konkurrenz und Tauschdenken.

Wir kommen hier zu einem zweiten Paradox, das ich verkürzt folgendermaßen

charakterisieren möchte: die Frauenunterdrückung hängt ganz offensichtlich

mit Bereichen und der Fesselung an sie zusammen, die sich gegensätzlich

zu den Kapitalgesetzen bestimmen. Das macht, daß sie von der Befreiungstheorie

der Lohnarbeiter, dem Marxismus, nicht nur nicht erfaßt wird,

sondern sogar auf der Seite der Befreiung schon eben jene Teile der Frauenleben

angesiedelt scheinen, die ihre Unterdrückung ausmachen. Mütterlichkeit,

Befriedigung von Bedürfnissen unabhängig von der Leistung, Liebe, Fürsorge,

Wohnlichkeit, das sind sozialistische, gar kommunistische Ziele und zugleich

die Fesseln, in denen die Frauen heute leben. In der Arbeiterbewegung wurde

auch lange Zeit der Sozialismus als Frau dargestellt; so ist auch heute den

Frauen zuhause die Aufgabe der Erlösung von der außerhäuslichen Fremdbestimmung

aufgetragen. (Ohne der Frauenunterdrückung auch nur einen halben

Gedanken zu schenken, feiern u.a. Andre Gorz und Alain Touraine die

Frauenbewegung als eine Befreiungsbewegung für Männer, weil sie ihnen die

häuslichen Werte bringen könnte. »Es geht dann nicht mehr darum, die Frau

von der häuslichen Tätigkeit zu befreien, sondern darum, deren nichtäkonomischer

Rationalität auch jenseits des domus Geltung zu verschaffen ...«

[Gorz, 1980, S.78] »Dank der Frauenbewegung haben wir Männer den Anspruch

auf Gefühle, auf Beziehungen zu Kindern usw. wiederentdeckt.«

[Touraine, zit. nach Gorz, 1980, 79])


Erjahnmg und Theorie 809

Zusammenfassend möchte ich behaupten, daß die Langeweile in der Ökonomie

daher rührt, daß wir uns nicht die Mühe gemacht haben, die Art und

Weise zu studieren, wie die Menschen die in der Kritik der politischen Ökonomie

entdeckten Strukturen alltäglich leben. Das ist eine Frage nach der individuellen

Vergesellschaftung.

Wir nehmen die verschiedenen Dimensionen des Lebens: Liebe und Arbeit,

Privates und Öffentliches, Haushalt und Wirtschaft als verschiedene getrennte

Bereiche wahr, haben über jedes arbeitsteilig getrennte Gedanken und Gefühle

und doch leben wir die Trennung in einem zusammenhängenden Leben. Für

die Frauenfrage heißt dies, daß wir über den Zusammenhang von Frauenunterdrückung

und Kapitalismus so gut wie nichts wissen - allenfalls empört vor

Leichtlohngruppen und der Streichung von Sozialausgaben stehen und noch

viel fassungsloser vor Abtreibungsgesetzen und Scheidungskosten -; und daß

wir also nicht sagen können, wie sich das Gesamtsystem mithilfe von Frauenunterdrückung

reproduziert, welche Eingriffe für Frauenbefreiung heute möglich

sind und noch nicht einmal, welche Perspektive eine Arbeiterbewegungspolitik

ohne Einbeziehung der Frauenfrage hat.

Kollektive Empirie als Erinnerungsarbeit

Wir stellen also fest, daß es nicht nur an Frauen in Wissenschaft und Kultur, in

Regierung und Wirtschaft mangelt, sondern auch, daß die weiblichen Erfahrungen

nicht oder kaum in die Theoriebildung, in die tragenden Begriffe etwa

des Marxismus Eingang gefunden haben. Ebensowenig, wie wir begreifen, daß

ein System von Konkurrenz, Imperialismus, Ausbeutung, Unterdrückung und

Krieg die Zustimmung seiner Bürger erhält, ebensowenig begreifen wir, warum

Frauen nicht gegen eine Struktur sich zur Wehr setzen, in der sie immer wieder

zu Wesen werden, die den Männern untergeordnet sind, Wesen zweiter Klasse

(vgl. dazu Mouffe, 1982). Ich stelle mir die doppelte Frage, wie die Defizite in

der Theoriebildung aufzuarbeiten sind, wie also der Marxismus zu erweitern

ist um die Frauenfrage und wie Frauen in ihre Vergesellschaftung verändernd

eingreifen können. D.h. ich stelle mir die Frage nach eingreifender Theorie, die

die Erfahrungen der Frauen begreift in der Perspektive ihrer Veränderung.

Die neue Frauenbewegung zog aus dem Fehlen der Frauen in allen gesellschaftlich

relevanten Bereichen und aus der Ahnung, daß dies in der wissenschaftlichen

Theorie kaum anders sei, den Schluß, Politik als Selbsterfahrung

zu betreiben. Das Persönliche ist politisch, dieser Slogan war für viele Aufforderung,

sich in kleinen Gruppen alltägliche Probleme zu erzählen, sich aus der

Vereinzelung in das Gefühl massenhafter Erfahrung zu begeben. Daß der bloße

Austausch von Erlebtem noch nicht zum Begreifen führt, läßt sich hier

schnell einwenden. Daß das Anhäufen von Unterdrückungs- und Gewaltgeschichten

zwar zunächst das Selbst bewußtsein stärkt, aber auf Dauer eher

mutlos macht, statt Eingriffe zu ermöglichen, daß Selbsterfahrungsgruppen

immer nach relativ kurzer Zeit zusammenbrechen oder weniger dramatisch im

Sande verlaufen, ist selber eine ziemlich gesicherte Erfahrung aus diesem Umgang

mit Erfahrungen. Aus Erfahrungen muß man nichts lernen, formulierte

Brecht und zugleich gilt, daß man ohne Erfahrung nichts lernen kann (vgl. da-

DAS ARGUMENT 136/1982


810 FriggaHaug

zu Haug, F., 1981, 2). Aus dem bisher skizzierten Dilemma erfahrungsarmer

Theorie und theoriearmer Erfahrung möchte ich einen Vorschlag kollektiver

Empirie präzisieren: die Erinnerungsarbeit (vgl. dazu Projekt Frauengrundstudium,

1980 und 1982). Um herauszufinden, wie das Leben der vielen im einzelnen

geschieht, müßten wir es besichtigen. Eine Möglichkeit ist es, Geschichten

zu schreiben, Alltagsskizzen und ledermanns-Erlebnisse von uns aufzuzeichnen

(vgl. dazu Haug [Hrsg.] 1980). Um zu vermeiden, daß so das Alltägliche

begriffslos und vorurteilsvoll bloß verdoppelt wird, gilt es, diese Notizen kollektiv

zu bearbeiten. Um die soziale Konstruktion, die Mechanismen, Verknüpfungen,

Bedeutungen unserer Taten und Empfindungen herausarbeiten

zu können, müssen wir historisch vorgehen. Der Vorschlag, der also die Tugenden

der Erfahrungsgruppen beibehalten will, die Verhältnisse im Großen

mit dem Leben im Kleinen zu verknüpfen und die Untugenden vermeiden

möchte, im begriffslosen »Kleinen« auf das Gesamt zu verzichten, heißt: kollektive

Erinnerungsarbeit zu leisten. Die Betonung liegt auf kollektiv, auf Erinnerung

und auf Arbeit. Das Resultat ist eine notwendige genußvolle neue große

Empirie.

Der Vorschlag ist in dieser Verknüpfung neu. Die einzelnen Bestandteile jedoch

werden seit einiger Zeit diskutiert. Das macht die Durchführung leichter

und schwieriger. Überall trifft man auf Vorarbeiten, zugleich wird man beschuldigt,

Grenzen nicht einzuhalten. Das trifft die Bereiche: sozialwissenschaftliche

Methode; Literatur; den Streit um Erfahrung und um Sprache und

ihre Bedeutung, um Kultur und Ideologie.

Ich werde versuchen, bei der Präzisierung des Verfahrens die Streitpunkte,

wo nicht ausführlich zu benennen, sie jedenfalls in meine Ausführungen operativ

einzubeziehen.

Subjekt und Objekt

In den empirischen Sozialwissenschaften streitet man seit langem darum, ob

der Mensch als Gegenstand von Forschung nicht seiner menschlichen Spezifik,

der Tatsache, daß er selbst handelndes Subjekt ist, eben nicht Objekt, beraubt

werde. Kann man auf Menschen wie auf Insekten blicken? (vgl. dazu insbes.

Adorno, 1969, und Haug, F., 1978) Bewegungen, Eigenschaften, Verhaltensweisen

als feste Dinge erfassen? Das geht von Anweisungen an Interviewer, die

möglichst unauffällig zu sein haben, damit sie das Feld nicht durch ihr eigenes

Menschsein verunklaren, bis zu Vorschlägen, umgekehrt, das Interview zu Erziehungszwecken

zu benutzen, das Feld anders zu verlassen als man hineinging.

Im Kern des Hin und Her um die geeignete Mensch-Forschung, um das

Verhältnis von Subjekt und Objekt in der Forschung, steht die Auffassung von

dem, was der Mensch ist und was man mit ihm vorhat. Gilt es, seine Verhaltensweisen

zu erforschen, um ihn vom Standpunkt einer Regierung besser

steuern zu können oder faßt man ihn als gesellschaftliches Wesen, das sich

selbst seiner Taten und ihrer strukturellen Behinderungen bewußt wird, um

eingreifend zu verändern, das die Welt für menschliche Zwecke umbauen will?

Man hört an den Formulierungen: wir ergreifen Partei für den aufrechten

Menschen, der den Verhältnissen nicht bloß ausgeliefert ist. Diese Parteinahme


DAS ARGUMENT 136/1982

Erfahrung und Theorie 811

hat Einfluß auf die Methode der Empirie. Für uns kommt eine Forschung, die

den Menschen als Gegenstand oder Objekt faßt, nicht in Frage. Daß die Form,

das Leben zu erkunden durch das kollektive Schreiben von Geschichten, eine

ganz eindeutige Aufforderung ist, Forschung als Selbsttätigkeit zu fassen, liegt

auf der Hand. Erforschte und Forschende sind eins. Die Lösung des Subjekt­

Objekt-Problems ist fast zu einfach.

So einfach kann jeder schließlich nicht Forscher sein. Das beginnt schon bei

der Wahl des Themas. Wer bestimmt es? Schließlich ist »Alltag« zunächst ein

Chaos. Wer also soll- noch dazu für ein Kollektiv - setzen, was ausgewählt

werden soll? Die Fragen um das Monopol der Themenstellung betreffen zugleich

umgekehrt die Frage des Interesses der vielen. Jeder, der einmal in einer

Selbsterfahrungsgruppe war oder auch nur auf Familienfesten oder in Eisenbahnabteilen

den langen Reden einzelner zuzuhören gezwungen war, weiß um

das Problem. Im Grunde möchte keiner hören, was die anderen zu sagen haben.

Man kennt es schon; es ist zudem uninteressant erzählt; die Erzählenden

streichen sich heraus und putzen andere herunter; dieses Alltagsgeschwätz über

alles kann man nicht ausstehen. Auch in den Selbsterfahrungsgruppen wartet

jede darauf, endlich selber an die Reihe zu kommen, möchte eher sprechen als

zuhören. In den berechtigten Beschwerden sind schon eine Reihe praktischer

Hinweise an die Bearbeitung von Erzähltem enthalten - ich komme später

darauf zurück. Hier geht es zunächst um die Frage des Interesses und die Wahl

des Themas.

Ich möchte behaupten, daß die Interesselosigkeit bei den Erzählungen anderer

nicht allein, nicht einmal wesentlich der Kunstlosigkeit des Vortrags geschuldet

ist, sondern eben jener Auffassung entspringt, daß es im Grunde bedeutungslos

ist, was jeder so alltäglich tut, erfahrt, fühlt usw., bedeutungslos

für alle anderen und besonders bedeutungslos für die Gesamtgesellschaft. Da

es aber auch eben dieses alltägliche Leben ist, in dem sich die Gesellschaft im

Großen reproduziert, wird allein schon ein Wissen darum, so behaupte ich ferner,

die Haltung der einzelnen zu sich selbst und zueinander umbauen. Man

nimmt sich und andere ernst. Die Forschungsfrage, wie die Systemstrukturen

- etwa die Lohnform, das Geld, das Wachstum der Textilindustrie oder ähnliches

- in meinem Alltag von mir mit welchen Motiven, Hoffnungen, Wünschen

usw. aufgenommen, umgearbeitet und getragen werden und wie dies die

anderen machen, verwandelt uns unversehens allesamt in Experten unseres

Alltags. Wir erscheinen einander nicht mehr als Zeitdiebe oder Konkurrentinnen,

die sich die Schau stehlen, sondern als Forschende in gemeinsamer Sache,

als Wissende, die die Mosaiksteine liefern können, die zum Bau des Ganzen

verwendet wurden, von uns umbaubar wären. Daß aus unseren Einzelerfahrungen

etwas Gemeinsames erkennbar werden kann, verändert schon unsere

Beziehung zueinander. Die lernende Haltung macht uns ungeduldig und offen

für jede weitere Information und geduldig gegenüber der Unzulänglichkeit der

Berichterstattung. Das gilt, so behaupte ich, für jedes Thema, welches unseren

Alltag, unsere Erfahrungen mit den gesellschaftlichen Strukturen, wie wir sie

vorfinden, verknüpft. Welches Feld dann konkret gewählt und bearbeitet

wird, richtet sich am besten nach dem Druck, den die einzelnen verspüren. Es


812 FriggaHaug

ist wahrscheinlich, daß sie dort am meisten zu sagen und also beizutragen haben,

wo der Leidensdruck am größten ist. Ohnehin verschieben sich im Laufe

der Bearbeitung die Probleme, erweisen sich als andere, eröffnen neue Forschungsfelder

usw. - hierzu später.

Bestimmen wir gemeinsam, was uns wichtig ist, so ist die Gruppe auch

gleich zu Anfang schon der Garant, daß es sich nicht um ein sektiererisches

Problem handelt, - die bloße Zustimmung schon zeigt, daß es alle betrifft,

daß ein Vergleich möglich ist, daß Unterschiedliches zusammengetragen werden

kann, daß überhaupt ein Forschungsprozeß eröffnet werden kann (ausführlich

dazu: Haug, F., 1983).

Die soziale Konstruktion subjektiver Erfahrung

Erfahrungen als Quelle der Erkenntnis benutzen ist ganz illusionär, wird man

einwenden. Hier wird doch fälschlich unterstellt, daß die einzelnen überhaupt

in der Lage sind, »objektiv« über sich zu berichten. Was ihnen widerfuhr, verarbeiten,

ja konstruieren sie doch subjektiv! Hier haben wir das Subjekt/Objekt-Problem,

welches wir auf der Seite der Forschung so harmonisch lösten,

auf der Seite der Berichterstattung mit ganzer Wucht wieder. Dem subjektiv

Erfahrenen ist jede objektive Gültigkeit abzusprechen. Die Begründung: die

einzelnen drehen und wenden, deuten um und verfälschen, verdrängen und

vergessen, was ihnen widerfährt, und verfolgen eine Konstruktion ihrer Person,

der sie den Gehalt der Vergangenheit unterordnen. Man kann also nichts

darauf geben, was sie von sich und ihrer Weltbearbeitung sagen, es ist subjektiv

gefärbt.

Machen wir aus dem Vorwurf der bloß subjektiven Bedeutung der Dinge eine

Forschungsfrage. Wie verändern, verfälschen, verdrehen die einzelnen eigentlich

die Gegebenheiten ihres Alltags und warum? Das Warum hängt mit

ihrer Identität zusammen. Das soll heißen, die Menschen bauen die Gegebenheiten

ihres Lebens so um, daß sie selber einigermaßen widerspruchs frei darin

existieren können. So sie dies nicht in der Tat können, tun sie es in der Idee, in

der Erinnerung. Was wir also erforschen können, ist nicht, »wie es wirklich

war«, sondern wie die einzelnen sich hineinbauten, sich veränderten, welche

Interpretationen sie vornahmen, was sie davon hatten, kurz, wie sie sich selber

bauten in die vorhandenen Strukturen.

Der Vorwurf beflügelt uns. Schließlich waren es nicht so sehr die fertigen

Strukturen, die wir erkennen wollten, sondern ihr Werden, die Verarbeitung

der Gegebenheiten im Alltag mit dem Resultat, daß die einzelnen die Gesamtgesellschaft

immer wieder reproduzieren. Der Vorwurf hat sich in sein Gegenteil

verkehrt. Es ist in der Tat notwendig, die subjektiven Erinnerungen zu befragen,

wenn wir über die Aneignung objektiver Strukturen etwas wissen wollen.

Dabei nehmen wir nicht an, daß sie ganz ins Belieben der einzelnen gestellt

ist, wie dies als Beigeschmack des Wortes »subjektiv« zu spüren ist. Ganz im

Gegenteil. Wie die einzelnen etwas wahrnehmen, es für gut und richtig, für

schön und erstrebenswert, für verächtlich und verwerflich halten, dies ist die

Stätte des täglichen Klassenkampfes um die Köpfe und Herzen der Menschen.

Ist uns dieses bewußt, so können wir einige theoretische Hilfe (aus Ideologie-


DAS ARGUMENT 136/1982 @

Erfahrung und Theorie 813

und Kulturtheorie) für unsere kollektive Empirie bekommen. Die Verarbeitungen

der einzelnen, die wir als Weltaneignung entzifferten und der wir in den

Alltagsgeschichten auf der Spur sind, werden sich bewegen auf dem Feld herrschender

kultureller Werte und gegenkultureller, widerständiger Versuche,

dem Leben einen Sinn und Genuß abzuringen. Sie werden Kompromisse sein

(vgl. dazu Willis, 1979 und Projekt Ideologie-Theorie, 1979). Es empfiehlt

sich, als eine Art theoretischen Rahmens, die Gewohnheiten, Sitten, Regeln

und Normen, das, was erwartet wird, was allgemein dazu gedacht wird, was in

unseren eigenen Köpfen als moralische Erwartung und halbtheoretische Einstellung

vorhanden ist zu der Untersuchungsfrage, ebenso aufzuschreiben wie

die Hoffnungen, die sich an eine Selbstvergesellschaftung im Gegensatz zur

Fremdvergesellschaftung heften. Man wird feststellen, daß unsere eigenen Taten,

soweit wir sie erinnern, in gewisser Weise neben den gesellschaftlichen Erwartungen

und eigenen Wünschen liegen, daß die Probleme verschoben sind.

Die Zusammengesetztheit der Kompromisse zu untersuchen, heißt auch, Möglichkeiten

freizulegen, anders zu leben, bzw. herauszufinden, wie anders gelebt

werden könnte - wo Veränderungen nötig und möglich sind.

Unsere kollektive Empirie hat also das hochgesteckte Ziel, herauszuarbeiten,

wie die einzelnen sich in vorhandene Strukturen einbauen, dabei sich

selbst bauen und die Strukturen zum Teil verändern, wie sie also die Gesellschaft

wiederherstellen, wo Änderungsmöglichkeiten sind, wo Fesseln am härtesten

drücken usw.

Literatur oder Schreiben - Erste Bearbeitungsschritte: die Sprache

Das Aufschreiben von Erlebnissen und Erinnerungen selber verändert schon

eine Menge: man muß aussondern und gewichten, passende Worte suchen, eine

Distanz schaffen, Zusammengehöriges ausfindig machen, sich einen Leser

denken und also Einzelnes verständlich ergänzen, damit Zusammenhänge erfassen

usw. Man muß sich vor allem das Erlebte bewußt machen, als wäre es

zuvor schon bewußt gemacht. Das ist nicht nur anstrengend, es erfordert auch

ein ganz anderes Augenmerk auf die Dinge, und umgekehrt stellt man beim

Schreiben plötzlich fest, was einem alles einfällt, was sich hinzudrängt. Kurz,

Schreiben ist eine eigene Produktion, eine Tätigkeit, die selber ein neues Bewußtsein

schafft. Schreiben schafft auch einen eigenen Genuß: so zum Beispiel,

wenn man nach langem Hin und Her plötzlich das Wort gefunden hat,

das genau das ausdrückt, was man sagen wollte. Schreiben ist ein Handwerk,

das gemeinhin arbeitsteilig von Schreibern besorgt wird; Literaten, sie betreiben

es als Kunst.

So ist die dritte Front, an der der Streit um das Geschichtenschreiben ausgetragen

wird, die zwischen Literatur und Schreiben. Folgen wir mit dieser

Schreib-Aufforderung an die Frauen nicht lediglich dem Modetrend nach

»authentischer« Literatur? Ich möchte mich an dieser Stelle nicht einmischen

in die Auseinandersetzung um höhere Kunst, niedriges Schreiben, um Genialität

und Alltagssprache (vgl. dazu insbes. Manthey, 1979). Wohl aber scheint es

mir notwendig, einige Aspekte des Schadens zu untersuchen, den eine solche

Arbeitsteilung in Schreiben und Leben mit sich bringt.


814 FriggaHaug

Wir kommen damit zur Frage der Bearbeitung von Geschichten. Da ist zunächst

die Sprachlosigkeit. Sie tritt in den Geschichten auf als Armut an Worten,

damit als Unfähigkeit, überhaupt etwas mitzuteilen. Rückfragen danach,

was genau geschehen war, wie man sich fühlte, worüber man erregt war, wohin

man wollte, treffen stets auf die gleichen Gefängnismauern, den Wünschen

und Behinderungen keine Form geben zu können und also für sie keinen Weg

zu finden. Solche Sprachlosigkeit halte ich für eine wirkliche Behinderung bei

der Befreiung, nicht bloß für einen Ausdruck davon, daß man kein Dichter ist.

Das Heraustreten aus dem Dunkel der Vorgeschichte, die Bewegung der Frauen

in die Politik, dieser Akt als selbstbewußter Schritt braucht auch die Bewußtheit

des Lebens, braucht den Transport der Erfahrungen in begreifende

Theorie und braucht mithin die Sprache. Insofern ist die Delegation der Macht

über Sprache an einige Auserwählte ein Hindernis auf dem Weg der Befreiung.

Eine Aufgabe des Kollektivs ist also auch die einer Sprachschule, die anders als

die wirkliche Schule aus den geteilten Erfahrungen versucht, die Worte zu finden,

die zum Handeln befähigen.

Das gilt auch für die häufigste Form, in der die Erinnerungen in Worte gebracht

werden: das Klischee. Man könnte das Klischee wohl auch als Fremdvergesellschaftung

in der Sprache bezeichnen. Anders als die Sprachlosigkeit

ist es unmittelbar geschwätzig, kann auf Einverständnis rechnen und verhindert

dabei alles Denken und Begreifen. »Er sah ihr tief in die Augen«, »ihr

Herz bebte«, »das Blut wich aus ihren Wangen«, »ein Schluchzen stieg in ihre

Kehle« - gerade die Gefühlswelt der Frauen scheint imperialistisch besetzt

von Klischees, die wie Korsette das angemessene Fühlen und Wollen vorgeben.

Der Schriftsteller E.A. Rauter (1978) bezeichnete Klischees als etwas, das ist,

wie »wenn man einen Zwetschgenkern in den Mund nimmt, den ein anderer

ausgespuckt hat, statt einer Zwetschge«. Klischees sind in gewisser Weise auch

Selbstverurteilungen auf dem ausgetretenen Pfad des Gesollten zu bleiben. Sie

sind in jedem Fall Behinderungen beim Begreifen. So etwa schrieb eine Frau

bei einer Untersuchung über die Einordnung der Körper in die herrschenden

Erwartungen: »Ich entdeckte, daß meine langen lockigen Haare modisch waren

und die Aufmerksamkeit auf sich zogen.« Doris Lessing schrieb zu diesem

für Frauen so unbegreiflich wichtigen Komplex Haare: der Friseur »entließ sie

mit einer sehr dunkelroten Haarfarbe und einer Frisur, bei der sie bei jeder Bewegung

das Gefühl hatte, eine schwere Seidenlast schwinge gegen ihre Wangen.

So war es früher immer gewesen, wie sie sich noch gut erinnerte.« (Lessing,

1978,38) Es geht mir auch hier nicht darum, eine erfolgreiche Schriftstellerin

gegen eine Alltagsschreiberin auszuspielen, sondern ich möchte vorführen,

daß im Unterschied der beiden praktisch-politische Handlungsunterschiede

liegen. Während Lessing zeigt, daß ein erotisch-sinnliches Moment in der

Berührung mit den eigenen Haaren liegt - übrigens würde das niemand verstehen,

wenn es nicht für alle fühlbar wäre -, scheint es in der Version unserer

Alltagsautorin, als ob ihre Beziehung zu ihren Haaren ganz allein durch Mode

und Aufmerksamkeit von anderen bestimmt sei. Ich halte das für eine vulgärsoziologische

Theorie, die durch vorgefertigte Wortzusammensetzungen, die

gerade so bereit lagen, zustande kommt, wenn wir nicht nachdenken, nicht


Erfahnmg und Theorie 815

fühlen und uns nicht erinnern. Die eifrig bereitstehenden Worte anstelle unserer

und damit doch auch als Ausdruck für unsere Erfahrung orientieren uns in

diesem Fall weg von Sinnengenuß und Körperlichkeit und versprechen Befreiung

statt dessen als Unabhängigkeit von Moden oder Ähnlichem.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Ruf ist unsere alltägliche Sprache auch ziemlich

abstrakt. Indem sie absieht von der Konkretheit von Gefühlen, Gedanken,

Erfahrungen und nur von weit oben über sie spricht, wird es schwer, ohne zusätzliche

Anstrengung die weiblichen Erfahrungen in die erzählte Form zu

bringen. So schrieb etwa eine Gewerkschafterin: »Während seiner Gewerkschaftsarbeit

konnte er zahlreiche Kontakte knüpfen, die ihm auch bei seiner

Bewerbung auf eine wesentlich bessere Position nützlich sind.« Kein Wort,

kein Begriff, wie das geht »Kontakte knüpfen«, was zahlt man für so ein

Knüpfwerk, wem schlüpft er in den Hintern, wen verärgert er nicht durch eine

eigene Meinung, wohin trägt er schmeichelnde Worte, (könnte sie solche Kontakte

knüpfen, ohne in eine höchst zweideutige Lage zu geraten?) wozu

braucht er und was ist eine »bessere Position«? Solche Fragen werden im Kollektiv

stellbar. Nach einiger Zeit entsteht geradezu ein lustiger Wettstreit, hinter

den Worthüllen die Vorgänge aufzuspüren (vgl. dazu Morisse, 1., u.a.,

1982). Eine Möglichkeit, solch einordnender Abstraktion zu entgehen, ist die

Konzentration auf eine bestimmte Situation. Sie erlaubt es, liebevoll die Details

zu beschreiben und ermöglicht es so überhaupt erst, andere Dinge zu erkennen

als jene, die die vorurteilsvolle Halbtheorie zu erinnern erlaubt hatte,

ermöglicht also so erst, der Vorschrift zu entkommen und die sinnliche Dimension

zu entdecken.

Der Widerspruch, die Leerstelle, das Interesse

Eine besondere Herausforderung bei der Bearbeitung von Geschichten ist der

Widerspruch. Im Kollektiv läßt sich gut kritisieren, was man einzeln anstandslos

toleriert: daß nämlich in unseren Geschichten die einander ausschließenden

Meinungen, Bewertungen und Ereignisse eine friedliche Koexistenz der Nichteinmischung

führen. Der Bearbeitungsschritt sieht keineswegs vor, reale Widersprüche

aus dem Leben etwa durch Wortwahl zu eliminieren. Vielmehr

geht es darum, die friedliche Koexistenz, die zumeist ein Produkt von Nichterkennen,

von Leugnung und Verdrängen ist, zu durchbrechen. So haben wir

zum Beispiel wenig Mühe, endlose Schauergeschichten zu schreiben, in denen

unsere Mütter uns in dieser und jener Frage behinderten und uns zu den verstümmelten

Charakteren machten, die wir jetzt sind. Andererseits können wir,

die wir zumeist auch Mütter sind, sowohl Geschichten schreiben über unsere

Behinderungen durch Töchter, wie solche über den verderblichen Einfluß der

Schule auf die ungetrübte Mutter-Tochter-Beziehung usw. Auch hinter diesen

Wahrnehmungen verbergen sich nach meinem Dafürhalten vulgärsoziologische

Theorien, wie sie in Illustrierten, aber auch in »wissenschaftlichen« Büchern

verbreitet werden. Sie dienen dazu, ein strukturelles Problem auf eine

Ebene zwischen zwei Personen zu verschieben, oder anders gesprochen, Probleme

in den Verhältnissen als solche von Schuld und Versagen einzelner Personen

wahrnehmen zu lassen. Sie können sich leicht halten, wenn wir sie nicht

DAS ARGUMENT 136/1982 @


816 FriggaHaug

mit Gegenerfahrungen konfrontieren. Auch dies ist eine Aufgabe des Kollektivs.

Eine andere Weise, sich mit Unerträglichkeiten zu arrangieren, ist das

Schweigen. In den Erinnerungen tritt es auf als Leerstelle und als Bruch. Die

Erkenntnis, daß man das Verschwiegene erforschen muß, der Versuch, Theorien

daraufhin zu untersuchen, worüber sie nicht sprechen, war für die Frauenbewegung

von großer Bedeutung (vgl. dazu insbes. Irigaray, 1980). Schließlich

hatten wir uns schon so daran gewöhnt, in der Geschichte nicht vorzukommen,

daß wir im eigenen Denken und Sprechen diese Absehung von der bloßen

Existenz von Frauen mitmachen. Verschwiegenes zu hören, die Leere zu

sehen, ist zunächst schwierig, erfordert ein eigenes detektivisches Training (vgl.

dazu auch: SöUe, 1981). Aber schon allein der Gedanke, daß es so etwas überhaupt

gibt und daß es von Bedeutung ist, das Wahrnehmungsfeld strukturiert,

das Handeln mit orientiert, schult dieses detektivische Herangehen mit einem

Ruck. Die kollektive Diskussion über das Schweigen in den Geschichten ist besonders

genußvoll, weil sie schöpferische Ergänzungsleistungen verbindet mit

der Entdeckung, daß verschiedene Standpunkte unterschiedliche Sichtweisen

erbringen und daß man einen eigenen Standpunkt besitzt, der mit der herkömmlichen

Sichtweise auf die Dinge in Konflikt gerät, selbst wenn man diese

bislang akzeptiert hatte.

Diese Frage von Standpunkt und Interesse ist überhaupt eine Schulung in

Handlungsfähigkeit. Gewöhnlich erlebt und schreibt man so, daß einem etwas

widerfährt, unbekannte Mächte organisieren das Leben für uns, personifiziert

in schlechten Charakteren. Die Taten der anderen erklären sich aus ihren Eigenschaften,

wir selber sind ihnen ausgeliefert. Ich möchte behaupten, daß eine

solche Sichtweise auf andere Menschen zu Handlungsunfähigkeit führen

muß, bestenfalls zur Klage. Die theoretische Einsicht, daß die anderen Personen

- wie man selber - aus unterschiedlichen Interessen handeln, legt bei der

Bearbeitung der Geschichten das Gewicht auf die Ausgestaltung der Personen

mit begreifbaren Interessensmotiven. Dieser Schritt in der Bearbeitung ist einer,

der die größte Umorganisation unmittelbar nach sich zieht. Die Mühe, die

anderen Personen in ihren Bedingungen und Interessen vorzuführen, verändert

die Sichtweise auf die eigene Person im Handlungsgefüge. Aus einem Opfer

von Verhältnissen und Personen wird eine Gestalt, die mit den Bedingungen

und Personen arbeitet. Daß diese Erkenntnis nicht nur für das Schreiben

wichtig ist, sondern für das Politikmachen überhaupt, erfährt man auch, wenn

Frauen über Niederlagen in politischen Kämpfen berichten, z.B. als Schwierigkeit,

Bündnisse zustandezubringen.

Zusammenfassung

Ich breche die Vorführung der Bearbeitungsschritte an dieser Stelle ab, um

meinen praktischen Vorschlag wieder in den anfanglichen Kontext zu stellen.

Um ihn diskutierbar zu machen, fasse ich noch einmal zusammen, was er leisten

sollte. Ich begann mit der Langeweile in der Ökonomie im Großen und

brachte dies in Zusammenhang mit der Unbegriffenheit alltäglicher Praxen im

Kleinen, insbesondere der weiblichen in ihrer Orientierung auf die Versorgung

...,. .. C' "nr:.TTlI.AI:;""-lT 1'lh./lQ5D


DAS ARGUMENT 136/1982 ©

Erfahrung und Theorie 817

der Familie, die Fürsorge, das Wohl des Hausstandes usw. Um eine Erklärung

zu finden, wie sich die Gesamtgesellschaft durch die Leben der vielen täglich

wieder herstellt, wollte ich die Erfahrung der einzelnen für die Theoriebildung

produktiv nutzen. Dies ist notwendig, um die Unterdrückung der Frau und ihre

Einbindung in die Reproduktion der Gesamtgesellschaft zu begreifen und

damit zu verändern. Der Vorschlag ist nicht als Ersatz von Politik gemeint,

sondern als ein Teil Kulturpolitik. Er richtet sich besonders an die Frauen in

der Frauenbewegung im weiteren Sinn. Er verbindet die Basisaktivitäten mit

der allgemein arbeitsteilig betriebenen Forschung. Überhaupt stellt er Arbeitsteilungen

in Frage und damit Kompetenzen. Daß wir über die Art und Weise,

wie die Menschen die gesellschaftlichen Strukturen leben, so wenig wissen,

scheint auch eine Frage der Arbeitsteilung zu sein. Es gibt die Analyse der

Strukturen - die Kritik der politischen Ökonomie - und Auffassungen über

die Menschen. Daß z.B. von den Frauen abstrahiert wird beim Nachdenken

über Wirtschaftsfragen, macht, daß sie sich langweilen in der Ökonomie und

diese Politik als »nicht ihre Sache« von sich fernhalten. Da waren zum Beispiel

die Farbwerke Hoechst und ihre Wachstumsraten: Pharmaerzeugnisse und die

Fasern. Fragen wir uns, wie man das eigentlich macht, den Umsatz etwa in

Kunstfasern zu steigern, haben wir eine Antwort sofort bei der Hand. Das liegt

u.a. daran, daß der Massenkonsum gesteigert werden kann, weil Frauen auf

jeden Modegag hereinfallen. Befriedigt lehnen wir uns zurück, nehmen uns

selbst aus der Analyse aus und nehmen als Antwort, wo die Fragen erst anfangen.

Wie wird denn das gelebt? Warum handeln Frauen so, falls sie so handeln?

Welche Bedeutung hat was für sie? Was verknüpfen sie an Hoffnungen,

Sehnsüchten mit was? Wie wollen sie leben? Was haben sie für Pläne? Wo

wollen sie hin? Wie können sie leben? Wie bauten sie sich in die Strukturen, so

daß z.B. »die Mode« als mächtiges Subjekt mit ihnen Handel treiben kann?

Ich möchte zum Abschluß eine kleine Geschichte vorführen, die in einem

Projekt entstand, das sich die Frage stellte: wie Frauen sich selbst aktiv zu Objekten

machen, durch subjektives Tun als Subjekte verschwinden, Gegenstände

zum Anschauen, Anfassen, Objekte etwa männlicher Begierde werden?

Anstoß war eine Begegnung mit einer Frau in der Universität, die ein durchsichtiges

Kleid trug und darunter einen winzigen dreieckigen lila Schlüpfer und

in diesem aufgrund sehr hoher Absatzschuhe ihren Hintern schwenkend mit

ungezielter Einladung durch den Flur schritt. Wir fragten uns, wohin sie mit

dieser Darbietung wirklich wollte, konnten uns nicht vorstellen, daß die Eindeutigkeit

des Auftretens eindeutige Absicht der Akteurin war und wußten

nicht, was sonst. Wir stellten fest, daß wir nicht so weit gehen mußten, um zu

erkennen, daß auch wir unser Aussehen ständig kontrollieren, irgendwie zur

Schau stellen und darstellen, nach unbekannten Maßstäben mit den Augen anderer

taxieren, kurz, daß wir nicht selbstverständlich und einverständig leben,

sondern von uns mehr oder weniger unglücklich einen Ausdruck managen.

Dieses Gewordensein unseres schaustellerischen Selbst, den Aspekt, in dem wir

uns als Objekte leben, wollten wir erforschen (vgl. dazu den Band »Sexualisierung

der Körper«, 1983). So entstand also u.a. die folgende Geschichte:


818 FriggaHaug

Der Schlüpfer

Endlich wurde es wieder Frühling und damit wärmer. Langsam konnte man die Mutter wieder

bedrängen, Kniestrümpfe tragen zu dürfen. Als das Thermometer morgens auf dreizehn Grad

kletterte, wurden zu der bereitgelegten Wäsche das erste Mal die heißersehnten Kniestrümpfe gelegt.

Weil es eigentlich aber noch heller Wahnsinn war, die Mutter ihr die nächste Grippe drohend

vor Augen hielt, sollte sie über die Unterhose noch eine blaß hellblaue Wollhose anziehen.

Die fand sie schrecklich, weil sie immer leicht kratzten und so babyhaft waren. Aber erstmal akzeptierte

sie diesen Vorschlag, weil die dicken Strumpfhosen damit der Verbannung auf den Boden

näher kamen. Endlich wieder Luft an den Beinen, dachte sie auf dem Weg zur Schule. Die

meisten Mädchen hatten noch keine Kniestrümpfe an und sie wurde beneidet, denn das sprach

für die Tollheit der Eltern und wie man in der Lage war, seine Wünsche bei ihnen durchzusetzen.

In der Pause wurde auch der erste Gummitwist wieder herausgeholt und eifrig um höchste Höhen

und komplizierte Sprünge gerungen. Ab kniehoch fing sie an, den Rock hinten 'runter zu

halten, damit niemand, vor allem die frechen Jungen nicht, die blaßblaue Unterhose sahen. Das

war anstrengend, ersparte Hänseleien, aber verursachte auch Fehler, was sie ärgerte. Am Nachmittag

ging sie mit der Großmutter in die Stadt. In der Wäscheabteilung erzählte sie maulend,

wie blöde sie die Hosen fände und daß sie sie einfach noch im Treppenhaus vor der Schule ausziehen

und erst kurz vor der Haustür nach der Schule wieder anziehen werde. Die Großmutter

fragte eine Verkäuferin nach Wollschlüpfernfür das Kind. Neben den bekannten etwas kräftiger

blauen gab es noch eine Neuheit: weiße Spielhöschen, aus ganz weichem Stoff und hinten hatten

sie drei Reihen Rüschen. Pflegeleichter als Wolle seien sie obendrein. Die fand sie ganz toll. Derselbe

Stoff wie die Unterwäsche ihrer Mutter. Sie bettelte so lange, bis die Oma nachgab. Sonntags

sollte sie die anziehen. Ja, ja dachte sie, stopfte am nächsten Morgen die Wollhose zurück in

den Schrank und zog mit Wonne die Rüschenhose an. Sie konnte die Pause kaum erwarten, bzw.

daß der Gummitwist endlich kniehoch war. Mit den Armen Schwung holend, sprang sie so hoch

sie konnte. Die Mädchen fragten, wo sie die denn gekauft habe, so eine wollten sie auch haben

und die Jungen schrien: »Die hat ja 'n Entenarsch!« Sollten sie doch schreien, so etwas tragen

eben Erwachsene, die Jungen begreifen das eben nicht.

Ich kann an dieser Stelle kaum detailliert diese Geschichte bearbeiten bzw. einen

Bearbeitungsprozeß schildern, dem weitere Fassungen folgen. Doch

möchte ich auf einige Aspekte hinweisen, die meines Erachtens schon aus dieser

kleinen Szenen wiedergabe sich allgemein verdeutlichen lassen. Die Geschichte

ist einfühlend geschrieben; es fällt uns nicht schwer, ähnliche Ereignisse

und Gefühle aus unseren Köpfen hervorzuholen. Wir können selbstverständlich

folgen und entdecken doch rückblickend einige Merkwürdigkeiten.

Da ist einmal ein Widerspruch. Während es zunächst die Jungen waren, die

vor allem die blaßblaue Hose nicht sehen sollten, sind sie am Ende unerheblich,

weil dumm. Wir halten beides für möglich - d.h. die Bedeutungen von

Personen ändern ihren Stellenwert im Begründungszusammenhang: vor der

Blamage gegenüber Jungen rangiert das Erwachsenwerden und darin schon

der komplizierte Zusammenhang, daß man etwas für andere tut und schon akzeptiert,

daß sie es mißdeuten und sich dennoch in der spiegelbildlichen Sicht

durch andere baut.

Deutlich, finde ich, wird auch der Komprorniß. Die Autorin mogelt das

sprachlich so hin, daß die Übernahme fremder Standpunkte durch eine Art

altkluger Hineinnahme von Wortstücken ins eigene Reden erahnbar wird: z.B.

es war zwar heller Wahnsinn - hier hört man die Mutter -, oder: es gab eine

Neuheit, pflegeleicht - die Sprache der Verkäuferin. Das werden später die eigenen

Maßstäbe sein, ihr Ursprung ausgelöscht.


Erfahrung und Theorie 819

Über einige Beziehungen wird geschwiegen. Sie tauchen in der erstarrten

Fossilgestalt von Eigenschaften auf: die Hose ist babyhaft. Die Geschichte dieser

Anstrengung, erwachsen zu werden, muß noch entziffert werden. Warum

ist es wichtig zu zeigen, daß man sich bei den Eltern durchsetzen kann? Da wir

uns später gerne als Opfer darstellen, sollten wir den Bruch suchen und zuvor

die Stärke jener Zusammenhänge, in denen wir uns als Sieger zeigten.

Aber wir erfahren auch etwas über den Siegeszug der Farbwerke Hoechst.

Ihre Produkte stoßen auf eine vielfältige, großenteils nicht mehr bewußte

Verknüpfung von Gefühlen, Körperempfindungen, Gerüchen, Geschmäkkern,

Personenbeziehungen, Erinnerungen an Siege und Niederlagen, an

Freundschaften und Stimmen, Hoffnungen und Pläne. Da löst ein weißer Volant

in einem Schaufenster ein heftiges Gefühl von Freiheit und Schwung aus,

von Triumph und Stärke, Sonne und Freundschaft. Die Verbindung ist abgebrochen.

Mit so etwas arbeitet z.B. die Werbeindustrie, die den hohen Absatz

vorbereitet. An ihr arbeiten auch wir, wenn wir das Leben bewußt machen.

Literaturverzeichnis

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Willis, Paul: Spaß am Widerstand. Frankfurt/M. 1979

DAS ARGUMENT 136/1982


820

MicheIe Barrett

Die unsoziale Familie*

Meine erste These ist: die Familie ist heute ein politisches Thema ersten Ranges.

Sie ist als Diskussionsthema keineswegs erledigt, sondern eine äußerst aktuelle

und kontroverse politische Frage. Dafür möchte ich einige Beispiele anführen:

Das nächstliegende ist die Politik des Reaganismus in den USA, wo

Reagan, die Reagansche Politik und die Bewegung der Moralischen Mehrheit

für eine militante Pro-Familienpolitik mit einer sehr traditionellen Definition

der Familie stehen, die explizit gegen den Feminismus und gegen Homosexualität

zielt. Wenn wir uns ansehen, was in der Folge des Reaganismus in den

USA geschehen ist, müssen wir feststellen, daß die Linke erhebliche Schwierigkeiten

hat, dem Reaganismus eine angemessene Opposition entgegenzusetzen.

Ein Beispiel dafür: Im Zuge der sehr starken Volksbewegung gegen Abtreibung

hat auch die Linke das Recht der Frauen auf Abtreibung in Frage gestellt.

Also eine Niederlage und ein Rückzug der Linken und für die Feministinnen

aufgrund der militanten familialistischen Politik des Reaganismus.

Ein weiteres Beispiel: Ich sehe mit Entsetzen, daß in der Europäischen Gemeinschaft

das Europa-Parlament zur Zeit dabei ist, eine Familienpolitik zu

entwickeln, die - wenn man ganz genau hinsieht - der offiziellen Position

der Europäischen Gemeinschaft diametral entgegengesetzt ist, was die Gleichberechtigung

der Frauen anbelangt. Als Hauptbeweggrund ist dafür die Angst

einiger Leute im Europa-Parlament vor einem Problem erkennbar, das es hier

in Deutschland wie in anderen Mitgliedsstaaten gibt, nämlich die sinkende Geburtenrate.

Und wir alle wissen, welche Folgen diese Besorgnis für die Frauen

hat. Auf diesem Gebiet müssen wir besonders wachsam sein, glaube ich.

Mein letztes Beispiel ist naheliegenderweise aus Großbritannien, wo der

Thatcherismus ganz deutlich eine bestimmte Vorstellung von der Familie hat.

Es ist etwas komplizierter, als es manchmal dargestellt wird, die offensichtlichste

Form jedoch, in der der Thatcherismus die Familie beschwört, ist, sie als

Modell für die Regierung des Landes darzustellen. Frau Thatchers Reden und

auch die anderer Regierungsmitglieder nehmen tendenziell die Position ein,

daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes alle daher rühren, daß wir

unsere Haushaltsbücher nicht ordentlich führen. Dabei entsteht das Bild, daß

ein Staat genauso wie eine Familie funktioniere, und daß man nicht mehr aus·

geben darf als man verdient. Ein anderes Bild, das verwendet wird, ist das folgende:

Der Staat gleicht dem Lebensmittelladen an der Ecke, d.h. es darf nicht

mehr verkauft werden, als man einzukaufen sich leisten kann. Der Thatcherismus

benutzt ständig diese simplen Metaphern. Die Antwort darauf ist sehr einfach:

Natürlich, kein Wunder, daß die Regierung so große ökonomische

Schwierigkeiten hat, wenn sie wirklich denkt, es sei dasselbe, ein so großes

Land wie Großbritannien wie einen Lebensmittelladen zu führen. Der Grund

jedoch, warum die Frage der Familie in der Thatcherpolitik nicht so eindeutig

• Vortrag auf der Westberliner Volksuni 1982. Übersetzung von Claudia Gdaniec.


Die unsoziale Familie 821

ist, liegt darin, daß man nicht davon ausgehen kann, daß sie eine klare Linie

des »in die Familie zurück« für die Frauen verfolgt, obwohl das eine wichtige

Dimension dieser Politik ist. Die Schwierigkeit besteht darin, daß viele Maßnahmen

und Vorschläge der Thatcher-Regierung einen so deutlichen Klassencharakter

haben, daß sie auf Frauen verschiedener Klassenzugehörigkeit unterschiedlich

wirken. Um nur ein kleines Beispiel zu geben: Einige der Entwürfe

zur Steuergesetzgebung und zu den Sozialausgaben werden zweifellos für

die Unabhängigkeit bürgerlicher Frauen, d.h. von Frauen in gutbezahlten Stellungen

von Vorteil sein. Daher ist die Auswirkung hinsichtlich des Ziels, die

Frauen ins Haus zurück zu schicken, nicht so eindeutig, wie manchmal behauptet

wird.

Ich habe diese drei Beispiele angeführt, um die Intensität aufzuzeigen, mit

der die Rechte das Thema der Familie aufgegriffen hat, und ich meine, es muß

unbedingt erkannt werden, daß wir in dieser Frage immer mehr einer Niederlage

der Linken und der Frauenbewegung entgegensehen. Meiner Ansicht nach

liegt einer der Gründe dafür in der Tradition sozialistischer und feministischer

Theorie. Der wichtigste Aspekt ist, daß es dort mehr Widersprüche gibt als gemeinhin

angenommen. So wird z.B. gedacht, Marx und Engels hätten im

Kommunistischen Manifest zur Abschaffung der Familie aufgerufen. Diese

Position wird allerdings von der Mehrheit der Sozialist(inn)en und Feministinnen

nicht sonderlich ernstgenommen. Und es ist völlig falsch, sich einzubilden,

die Geschichte des Sozialismus und die Geschichte des Feminismus seien einseitig

gegen die Familie gewesen. Die Widersprüchlichkeit gegenüber der Familie

ist der Grund, warum die Linke und die Frauenbewegung relativ schwach

sind, wenn es darauf ankommt, eine rechtsgerichtete Pro-Familienpolitik erfolgreich

zu bekämpfen. Ich denke, daß ein wesentliches Moment in der dominanten

sozialistischen Tradition die Vorstellung ist, daß wir eigentlich gar nicht

die Familie als solche abschaffen wollen, sondern daß wir eine schöne neue,

sozialistische Familie wollen. Diese Sichtweise findet sich jedenfalls ganz stark

in der gesamten marxistisch-leninistischen Tradition: wenn wir nur die Frauen

in bezahlte Stellen kriegen; wenn wir bloß ein gewisses Maß an Vergesellschaftung

der Hausarbeit hätten; wenn wir bloß die Ehescheidung mit beiderseitiger

Zustimmung hätten, dann hätten wir die himmlische proletarische Familie, als

heterosexuelle, dauernde Monogamie. Das ist wirklich das herrschende Bild

der Familie in der marxistisch-leninistischen Tradition. Als ich die sozialistischen

Klassiker gelesen habe, war ich ziemlich überrascht, als ich entdeckte,

daß der einzige wirklich kompromißlose, absolut kompromißlose Angriff auf

die Familie (im Gegensatz zu einer bloßen Kritik der schlimmsten Momente

der bürgerlichen Familie), die einzige wirkliche Anti-Familie-Position die von

Emma Goldmann ist, der feministischen Anarchistin. Und ich übertreibe

nicht, wenn ich behaupte, daß Emma Goldmanns Ansichten in der sozialistischen

Tradition nur marginal sind. Eine wirklich ganz entschiedene Kritik an

der Familie kommt also von einem anarchistischen Standpunkt.

Es ist leicht einzusehen, warum die Linke in Vergangenheit und Gegenwart

solch eine widersprüchliche Haltung gegenüber der Familie eingenommen hat.

Der Grund dafür ist die Beliebtheit der Familie als Institution. Sie wurde und

DAS ARGUMENT 136/1982


822 Micheie Barrett

wird - in Großbritannien ist das ganz deutlich, aber auch woanders - von

der Arbeiterbewegung enorm unterstützt. Die Gewerkschaften kämpfen für

ihre Forderungen immer auf der Grundlage des Familienlohns, der Verteidigung

der Familie. Es ist wesentlicher Bestandteil sozialistischer Denk- und

Kampfweise, für den Schutz der Familie der Arbeiterklasse einzutreten. Und

auch Feministinnen werden beschuldigt, ihre Forderungen seien marginal und

von den Wünschen und Sehnsüchten normaler Frauen zu weit entfernt, wenn

ihre Kritik an der Familie zu radikal ist. Wir haben die Frauen selbst gefragt,

und was sie wirklich wollen, ist die Familie. Ehe, Kinder und Familie sind für

sie am wichtigsten. Die Institution Familie ist also so beliebt, daß man sich der

Bezichtigung des Avantgardismus aussetzt, wenn man sie anficht. Es handelt

sich bei all dem um ein wichtiges politisches Problem: wenn wir sagen, die Familie

ist eine unsoziale Institution, und die Linken und die Feministinnen sollten

dieser Institution gegenüber sehr kritisch und feindselig sein, wird uns erwidert:

und doch investieren die Menschen im allgemeinen sehr viel in sie. Folglich

unterstellt Ihr den Leuten, sie hätten ein falsches Bewußtsein. Wir wissen

aber, daß die Vorstellung von Ideologie als falsches Bewußtsein überholt und

reaktionär ist, sie ist äußerst unbefriedigend und bedeutet, einen gönnerhaften

Standpunkt zu beziehen. Es entstehen sehr ernste politische Probleme, nicht

nur im Verhältnis zur herrschenden sozialistischen Tradition, in der die Arbeiterbewegung

die Familie immer hochhält; man muß eine sehr avantgardistische

intellektuelle Sozialistin sein, wenn man die Familie angreift. Es gibt darüber

hinaus viele andere politische Implikationen für die zeitgenössischen Sozialist(inn)en

und Feministinnen. Als ein Beispiel möchte ich eine Diskussion

über die Familie anführen, die in Großbritannien in jüngster Zeit begann.

Schwarze Feministinnen sagen: wenn weiße Feministinnen die Familie kritisieren,

verkennen sie das Ausmaß, in dem die Familie eine der Formen ethnischer

Solidarität innerhalb einer rassistischen Gesellschaft darstellt. Mir selbst ist

vorgeworfen worden: Du hast als weiße Feministin kein Recht, die Familie so

zu kritisieren, daß Du damit meine Formen ethnischer Solidarität kritisierst.

Dem Argument liegt ebenfalls zugrunde, daß die elitäre und ultralinke Position

in diesem Punkt die Mehrheit der Bevölkerung bezichtigt, sich in ihren eigenen

Interessen zu täuschen und ein falsches Bewußtsein zu haben. Es ist ein

theoretisches Problem, führt jedoch zu einer gewissen politischen Lähmung.

Mir scheint, ein Weg, an dieses Problem heranzugehen, ohne zu viele Zugeständnisse

zu machen, ist die Erkenntnis, daß die Bedürfnisse, die in den Familien

befriedigt werden, bzw. die die Familien zu befriedigen versuchen, keine

falschen, sondern im Gegenteil echte Bedürfnisse sind. Wenn wir vorankommen

wollen, müssen wir das einsehen. Ohne leugnen zu wollen, daß Bedürfnisse

gesellschaftlich und historisch konstruiert sind, kann man doch davon sprechen,

daß die Bedürfnisse nach Sicherheit, Vertrautheit, sexuellen Beziehungen,

einer guten Umgebung für die Kindererziehung usw. Bedürfnisse sind, denen

in einer absehbaren künftigen Gesellschaft Rechnung getragen werden

muß. Solange sich keine grundlegende Veränderung der menschlichen Persönlichkeiten

ergibt, müssen wir anerkennen, daß diese Bedürfnisse befriedigt

werden müssen. Wir sehen in der gegenwärtigen Form der Familie in erster Li-

DAS ARGUMENT 136/1982


Die unsoziale Familie 823

nie das Problem, daß sie den genannten Bedürfnissen erstens nicht angemessen

entspricht, und zweitens, daß sie sie in einer ganz bestimmten Weise erfüllt.

Unsere Hauptthese ist, daß diese bestimmte Art eine zutiefst unsoziale ist. Es

gibt viele Gründe für die Behauptung, daß die Familie eine unsoziale Institution

ist. Ich nenne hier zwei Gründe, die ganz offensichtlich sind. Erstens: die

Familie reproduziert die wesentlichen gesellschaftlichen Ungleichheiten und

Spaltungen. Die Familie ist die Schlüsselagentur für Klassenzuweisung, Erbschaft

usw., und sie ist gleichzeitig - auch das offenkundig - die zentrale

Agentur für die Konstruktion und Reproduktion der Geschlechteridentität

und -ungleichheit. Das heißt, wir müssen die Familie als absolut entscheidend

für die Reproduktion der bei den wesentlichsten gesellschaftlichen Spaltungen

ansehen, der Klassen- und der Geschlechterungleichheit. Der zweite Grund für

unsere These, daß die Familie unsozial sei, ist, daß sie Bedürfnisse befriedigt,

indem sie sie privatisiert. Darüber hinaus werden gesellschaftliche Mittel zur

Bedürfnisbefriedigung automatisch und notwendig entwertet, wenn Bedürfnisse

so privatisiert werden. Ich möchte das anhand von zwei Beispielen erläutern,

die Ihr vielleicht für trivial haltet. Denkt z.B. an das Essen, das man in

Institutionen bekommt, das Schulessen oder das Essen in der Uni-Mensa. Die

sind gewöhnlich ziemlich scheußlich. Der Grund dafür, daß sie so entsetzlich

schlecht sein dürfen, ist die Annahme, daß man da nur ausnahmsweise ißt,

und daß man zu einer anderen Tageszeit zuhause ein richtiges Essen ißt. Die

Institution ist also nur eine provisorische, zweitrangige Form der Essensversorgung,

weil davon ausgegangen wird, daß es wesentlich Aufgabe der Familie ist,

die Menschen mit Nahrung zu versorgen, und deshalb wird die Qualität des Institutionsessens

nicht so ernstgenommen. Das zweite Beispiel ist weniger trivial:

die gesellschaftliche Einrichtung des Altersheims. In Großbritannien und

sicher ebenso in anderen Ländern ist der Standard der Pflege und der Lebensqualität

in den Altersheimen außerordentlich niedrig. Das liegt weitestgehend

an dem alten Prinzip des Arbeitshauses. Man geht nur dann dahin, wenn man

die Familie nicht überreden kann, sich um die Generation der Alten zu kümmern.

Die Altersheime sind absichtlich zweitrangige Versorgungseinrichtungen,

weil angenommen wird, daß die alten Menschen eigentlich in der privaten

Familie betreut werden sollten. Das bedeutet für diejenigen, die aus den verschiedensten

Gründen aus der Familie ausgeschlossen sind, daß sie unter dieser

sehr schlechten und unzureichenden gesellschaftlichen Versorgung leiden müssen.

Es besteht also ein notwendiger Zusammenhang zwischen der Ideologie,

daß die Familie für diese Bedürfnisse zuständig ist, und der Unzulänglichkeit

gesellschaftlicher Einrichtungen.

Ich möchte nun einige Thesen zur Familienideologie erörtern, die ich für äußerst

wichtig halte. Wenn ",ir akzeptieren, daß die Familie, wie sie heute konstituiert

ist, in vielfältiger Weise eine spalterische, privatisierte und Ungleichheit

erzeugende Institution ist, so müssen wir doch auch die positiven Werte sehen,

die mit dem Familienleben assoziiert werden, die Werte der Gegenseitigkeit,

des Teilens usw. Eines der größten Probleme der Familienideologie ist das

Gleichgewicht der Elemente. Eines der wesentlichen Merkmale der Familienideologie

ist der ideologische Konsens, daß die Mehrheit der Menschen in die-

DAS ARGUMENT 136/1982 "


824 Micheie Rarrett

ser Einrichtung lebt. Es gibt ideologische Stereotype der Familie, wenn man

sich Z.B. die Werbung im Fernsehen ansieht. Sie wendet sich immer an die stereotype

Kleinfamilie, ruft Mutti, Vati und zwei (manchmal drei, aber gewöhnlich

zwei) Kinder an. Das ist das Bild der Familie, und es ist vorherrschend. Ich

halte es für wichtig, bei allen Überlegungen der Frage nachzugehen, welche

Relevanz dieses Bild für die Art und Weise hat, wie die Menschen ihr Leben

tatsächlich leben. Ein Aspekt ist, empirisch vorzugehen und sich die Statistik

der Haushaltsorganisation anzusehen. Tatsache ist, daß in Großbritannien zur

Zeit weniger als ein Drittel der Haushalte auf der Basis dieser Kleinfamilie organisiert

sind. D.h. 70OJo der Haushalte beruhen nicht auf der Kleinfamilie.

Wie kommt es, daß die Vorstellung der Familie so hegemonial ist? Um das

herauszufinden, müssen wir die Bedeutung der familialen Ideologie untersuchen.

Woran denken die Menschen, wenn sie von der Familie sprechen? Dabei

können sie über Verschiedenes reden, z.B. über eine biologische Einheit, darauf

möchte ich aber im Moment nicht eingehen, ich halte das für keine haltbare

Position. Ein anderes, wichtigeres Moment, an das die Menschen im Zusammenhang

mit Familie denken, ist die organisatorische Basis von Haushalten,

wie die Menschen leben und ihre tägliche Reproduktion, ihr Essen usw.

organisieren. Empirisch ist es jedoch sehr schwierig, eine sehr enge Beziehung

zwischen der Organisation von Haushalten und der Kleinfamilie nachzuweisen.

Eine andere übliche Vorstellung, die wohl mit der biologischen zusammenhängt,

ist, daß die Familie die offensichtlichste und natürlichste Form der

Verwandtschaftsorganisation darstellt. Es ist klar: sie ist Deine Familie, es sind

Deine Blutsverwandten, sie hat mit Verwandtschaft zu tun. Ich will an einem

Beispiel zeigen, daß wir diese Vorstellung ablehnen oder zumindest sehr kritisch

überdenken müssen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es in Großbritannien

ganz üblich, daß Waisenkinder von ihren Verwandten großgezogen

wurden, von Mitgliedern des Verwandtschaftsnetzes. Es gibt viele Belege in literatur

und Quellen, daß das Kind von Onkeln, Tanten oder den Großeltern

aufgezogen wurde. So war es gesellschaftlich übliche Praxis. Oft wurden die

Kinder von alleinstehenden Onkeln oder Tanten z.B. adoptiert. Heute ist die

Situation, wenn ein Kind seine Eltern verliert, wesentlich anders. Großeltern

würden als völlig ungeeignet überhaupt nicht in Betracht kommen. Sie werden

als viel zu alt angesehen. Und wie könnte ein alleinstehender Onkel oder eine

ledige Tante dem Kind die richtige Familienumgebung zum Aufwachsen geben?

Heute ist es so, daß Adoptionsorganisationen dafür zuständig sind, kleinen

Kindern und Säuglingen neue Eltern zu geben. Und die suchen sich immer

eine Musterfamilie aus. Es ist ihnen sehr wichtig, ein nettes junges Ehepaar

auszuwählen mit einem schönen Haus und einer guten Stelle. Das also sind die

Leute, denen die Kinder normalerweise gegeben werden, sie werden nicht ihrer

Verwandtschaft anvertraut, damit die für sie sorgt. Diese Norm ist auch bei

vielen Sorgerechtsfällen abzulesen. Oft geht man davon aus, daß das natürliche

Sorgerecht der Mutter zusteht. Es gibt aber Fälle, wo der Vater des Kindes

sich wiederverheiratet und damit argumentieren kann, daß er dem Kind eine

normale Familienumgebung für die Erziehung bereitstellt. Dann bekommt der

Vater das Sorgerecht, denn die Ideologie der normalen oder 'richtigen' FaminA,

ARGllMENT 136/1982


Die unsoziale Familie 825

lienmutter hat mehr Gewicht als die Blutsverwandtschaft. Wir irren also, wenn

wir meinen, die Familie hätte Verwandtschaftsfunktion.

Der entscheidendste Aspekt der Familienideologie ist, daß die gesamte Gesellschaft

von ihr durchtränkt ist, in einem sehr spezifischen Sinne. Man kann

von der Gesellschaft als einer familialisierten sprechen. Nehmen wir als Beispiel

die Schule, das Krankenhaus oder irgendeine andere öffentliche Einrichtung.

Wir finden, daß die Arbeitsteilung in ihnen gewöhnlich dem Muster der

familiären Arbeitsteilung entspricht. Männer sind in strukturellen Positionen

mit disziplinierender und ausführender Macht, Frauen in Stellungen mit betreuenden,

pflegerischen und vermittelnden Funktionen. Dieses Muster findet

sich im Erziehungs- und Gesundheitswesen, in der Sozialarbeit usw., in Institutionen,

die nach dem Modell der Familienideologie aufgebaut sind. Die Normen

der Familie nehmen immer stärker Einfluß auf die Organisation gesellschaftlicher

Institutionen, die gewöhnlich als von der Familie sehr verschieden

angesehen werden. Wir müssen uns bewußt machen, daß das Familienmodell,

das so häufig in der Familienideologie und den Medien erscheint, ein sehr spezifisches,

historisch bestimmtes Modell der Familie ist. Diese Vorstellung des

Vaters, der diszipliniert und für den Unterhalt sorgt, der Mutter als Vollzeit­

Hausarbeiterin und der abhängigen Kinder, die zuhause wohnen und lange

Zeit nicht für ihren eigenen Unterhalt verantwortlich sind, ist ein sehr neues

Familienmodell. Wir stimmen den Historikern zu, die davon ausgehen, daß

sich dieses spezifische Modell von Familienleben erst Mitte des 19. Jahrhunderts

als die Familienform der industriellen Bourgeoisie herausbildete. Das

Ausmaß, in dem dieses ideologische Vorbild der richtigen Familie hegemonial

wurde, ist interessant, denn das bürgerliche Muster wurde nicht nur für die

proletarische Familie hegemonial, sondern auch für die aristokratische. Die

Königliche Familie ist in der Hinsicht etwas langsam, hinkt der Ideologie hinterher.

Sie betont, daß verschiedene wesentliche Merkmale der bürgerlichen

Familienideologie, wie z.B. die Bande zwischen Mutter und Kind, nicht besonders

wichtig seien. Krone und Aristokratie haben die Kindererziehung immer

an Bedienstete delegiert. Das ändert sich jetzt, die Prinzessin von Wales wird

die bürgerlichste Mutter der Königlichen Familie, denn sie ist überzeugt davon,

daß die Mutter-Kind-Beziehung von großer Bedeutung ist. Sie hat bereits angekündigt,

daß sie sich nicht von ihrem Kind trennen wird, um offizielle königliche

Besuche im Ausland zu machen. Der Buckingham Palast ist darob sehr besorgt,

weil man versucht, die aristokratische Form der Kindererziehung des 19.

Jahrhunderts beizubehalten. Die Prinzessin von Wales dagegen hat bereitwillig

die bürgerliche Vorstellung der Familie übernommen.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, daß auch die Linke gegen diese Familienideologie

nicht immun ist, wir können sie schwer identifizieren und uns von

ihr fernhalten, denn sie durchdringt die Gesellschaft vollständig und mit ihr

auch die Linke. Dafür ließen sich viele Beispiele anführen. In der britischen

Bewegung für Frieden und Abrüstung gibt es eine starke Tendenz, die Familie

und den Familiaiismus als ein Mittel der Rekrutierung einzusetzen. Da hängt

z.B. in London zur Zeit ein Plakat der Friedensbewegung, auf dem in großen

Buchstaben steht: »Die durchschnittliche britische Familie hat letztes Jahr 16

DAS ARGUMENT 136/1982


826 Micheie Barrett

Pfund für die Rüstung ausgegeben.« Und die durchschnittliche britische Familie

ist auf dem Plakat auch abgebildet: Mutti, Vati und zwei Kinder, die ihren

Karren mit Lebensmitteln und dem Bild einer Cruise Missile mittendrin durch

den Supermarkt schieben. Was das Plakat erreichen will, drückt sich in anderen

Kampagnen der Bewegung deutlicher aus, da gibt es Gruppen, die sich

'Familien gegen die Bombe' nennen. Sie versuchen, eine Verbindung von Familialismus

und Pazifismus herzustellen. Das ist ein ziemlich künstliches Manöver,

es spielt auf die Ideologie an, daß »das Zuhause ein sicherer Hafen« sei,

ein nicht-militaristischer, liebevoller Ort usw. Darüber hinaus ist es ein gefährlicher

politischer Versuch, weil so viele ideologische Konnotationen der Familie

tatsächlich militaristisch sind. Wie Ihr wißt, betätigt sich Großbritannien zur

Zeit militärisch auf den Falklandinseln, und die Rolle der Familienideologie

wird intensiv genutzt, indem die Medien viel über die Familien der Soldaten

berichten, über die Ehefrauen, die zuhause warten, über ihre Loyalität und die

ihrer Familien. Die Friedensbewegung hat also in vieler Hinsicht einen harten

Kampf zu führen. Auch wenn es erstrebenswert wäre, sich solch eine reaktionäre

Ideologie zunutze zu machen, ist es doch ungeheuer schwierig, die Konnotationen

von Familie in fortschrittliche Bedeutungen umzuwandeln, denn

im großen und ganzen sind die Konnotationen militaristisch. Das Beispiel aus

der Friedensbewegung ist keine Ausnahme, es ist typisch auch für andere Bewegungen,

für diese unkritische Anrufung des Familialismus und der Familienideologie

als Motivation oder als Bild für den sozialistischen Kampf.

Ein eher akademischer Aspekt der mangelnden Kritik an der Familienideologie

ist, daß wir uns als Sozialist(inn)en und Feministinnen nicht hinreichend

mit der moralischen Panik wegen des sogenannten Niedergangs der Familie

auseinandergesetzt haben. Besonders die Sozialwissenschaftler , die Historiker

und die Medien beschäftigen sich gerne mit dem Verfall der Familie, der Krise,

dem Zusammenbruch und gesellschaftlichen Untergang als deren Folge. Meine

These ist, die Familie im Gegenteil als eine der mächtigsten Institutionen in

der gegenwärtigen Gesellschaft, auf jeden Fall eine der gewaltigsten ideologischen

Bündelungen anzusehen. Es wäre ein ungeheurer analytischer und politischer

Fehler, wollten wir dem Wehgeschrei, die Familie befände sich im Untergang,

Glauben schenken. In soziologischen und historischen Arbeiten zur Familie

übernehmen viele Autoren - linke und radikalsozialistisch zu nennende

- explizit die These vom Verfall der Familie. Da gibt es z.B. die Bücher von

Christopher Laseh, dem amerikanischen Kulturkritiker , der ein extrem schamloses

und lautes Klagelied auf das Verschwinden der patriarchalischen Familie

singt; und das wird noch als sozialistische Position angeboten. Noch überraschender

ist wohl die Arbeit des französischen Historikers Jacques Donzelot,

dessen Buch »Die Ordnung der Familie« eine ausführliche Erörterung dessen

ist, wie die Macht der Familie zusammenbricht und vom Staat übernommen

wird. Ich bin der Ansicht, daß solche Thesen in der Linken sehr gefährlich

sind, denn sie verführen uns zu der Annahme, der Familialismus habe seine

Bedeutung verloren. Ich meine, die Linke muß dringend Argumente entwickeln

und eine Position gegen die Sichtweise vom Untergang der Familie beziehen,

weil wir uns sonst in falscher Sicherheit wähnen.

r'\'\


Die unsoziale Familie 827

Ein paar Streitfragen zum Abschluß: wenn ich behaupte, daß. die Familie

nicht im Verfall begriffen, sondern eine außerordentlich einflußreiche Ideologie

ist; wenn ich behaupte, daß sie eine unsoziale Institution und Ideologie ist,

was machen wir dann damit? Diese Frage wird immer gestellt, wenn man sich

traut, öffentlich aufzustehen und etwas zur Familie zu sagen: »Was würdest

Du an ihre Stelle setzen?« Über diese Frage müssen wir uns Gedanken machen.

Ich möchte eine sehr polemische Antwort geben und erwidern:

»Nichts!« Die Antwort ist nicht so lächerlich, wie sie zunächst klingen mag.

Was verstehen wir unter Familie? Wenn man darunter versteht, wie wir in einer

künftigen Gesellschaft Verwandtschaft organisieren wollen, können wir

darüber diskutieren. Wenn man daran denkt, wie emotionale und sexuelle Bedürfnisse

befriedigt werden, gut, diskutieren wir das. Wenn man daran denkt,

wie Haushalte organisiert werden sollten, wie eine vernünftige und befriedigende

Organisation von Lebensformen aussehen sollte, reden wir darüber.

Wenn man darunter versteht, wie wir die Familienideologie reproduzieren sollen,

die ich bereits als ein extrem unsoziales Element 'der' Familie gekennzeichnet

habe, können wir das diskutieren. Das Entscheidende ist, daß es sich dabei

um verschiedene Elemente dessen handelt, was 'Familie' heißt. Es ist eine ideologische

Konstruktion, daß alle diese Dinge notwendig zusammengehen. Wenn

wir also versuchen, etwas an die Stelle der Familie zu setzen, verstricken wir

das automatisch wieder in denselben Komplex gesellschaftlicher Verhältnisse,

weisen wir ihm automatisch dieselbe privatisierte und unsoziale Rolle zu. Man

könnte es folgendermaßen formulieren: die Vorstellung eines spezifischen Ortes

der Familie, den wir einfach etwas anders besetzen könnten, ist falsch.

Wenn man ein Buch über die Familie schreibt, muß man konkrete Vorschläge

machen, deshalb sind in unserem Buch (Micheie Barrett, Mary McIntosh:

The Anti-social Family, London 1982) auch konkrete Ansätze zu unmittelbaren

Reformen, die sicherlich einige Privilegien der ideologisch sanktionierten

Familienform abbauen würden. Zwei Aspekte sollten bei jeder Diskussion

über Familienpolitik berücksichtigt werden. Der eine ist die frühe Maxime der

Frauenbewegung der 60er Jahre: »Das Persönliche ist politisch«, die in den

verfeinerten 80er Jahren altmodisch geworden zu sein scheint. Einer der Gründe

dafür, daß die Politik der Familie der Frauenbewegung und der Linken entgleiten

konnte, ist, daß wir die hartnäckige und lästige Vorstellung, das persönliche

Leben sei politisch, aufgegeben haben. Das Zweite ist die Feststellung,

daß es unter und zwischen Feministinnen und Sozialist(inn)en ganz erhebliche

Meinungsverschiedenheiten in dieser Frage gibt. Ich bin mir bewußt, daß die

Position, die ich hier vertrete, äußerst umstritten ist. Ich muß dazu sagen, daß

ich keinesfalls irgendeine Strömung des britischen Sozialismus oder Feminismus

repräsentiere. Kommt also bitte nicht auf die Idee, alle britischen sozialistischen

Feministinnen stünden der Familie feindlich gegenüber. Worauf es

aber meiner Ansicht nach ankommt, ist, daß Menschen unterschiedlicher Meinung,

mit unterschiedlichen Bindungen und Kritikpunkten die Familienfrage

offen diskutieren.

DAS ARGU~ENT 136/1982,"


828

Ute H.-Osterkamp

Gesellschaftliche Unterdrückung

oder psychische Unterwerfungstendenz?

Zu Frigga Haugs »Opfer-Täter«-Konzept*

Der theoretische Hintergrund der jüngsten Arbeiten von Frigga Haug zur

Frauenfrage ist die Grundkonzeption des »Projekts Ideologie-Theorie« (PI1).

Sein Hauptanliegen ist der Kampf gegen den sogenannten »Ökonomismus«

und »Klassenreduktionismus«, d.h. gegen die Annahme, daß die Menschen in

ihrem Verhalten, Fühlen und Denken unmittelbar durch die ökonomische Situation

bestimmt sind. In Abgrenzung von dieser These hebt das PIT die Bedeutung

des subjektiven Faktors als relative Unabhängigkeit der Menschen

von den Bedingungen ihrer Existenz hervor. Das PIT faßt Subjektivität jedoch

nicht als Prozeß der bewußten Einflußnahme der Menschen auf die relevanten

Lebensbedingungen, in welcher sich zugleich die Bedürfnisse und Interessen

erweitern und differenzieren, sondern als »ideologische Subjektion«. Diese

ideologische Subjektion ergibt sich nach Vorstellung des PIT durch die Verankerung

der vom Staat erlassenen Normen und Werte in den Charakterstrukturen

der Individuen, aufgrund derer diese spontan, von innen heraus, wollen,

was ihnen zunächst als äußere Zumutung entgegentrat. Wie es zur Subjektion

kommt, wird nicht weiter erklärt.

Da die vom Staat erlassenen Werte und Normen - im Kapitalismus - für

alle Geselischaftsmitglieder formal gleiche Gültigkeit haben, sind in der ideologischen

Unterstellung nach Auffassung des PIT die Klassengegensätze praktisch

aufgehoben; daraus leitet es wiederum die Berechtigung ab, bei der Analyse

des Ideologischen von den materiellen Bedingungen der Existenz abzusehen.

Das bedeutet jedoch nichts anderes, als daß die ideologische Unterstellung

losgelöst von den Notwendigkeiten der gesellschaftlichen und individuellen

Existenzsicherung als ideelles bzw. psychisches Problem gefaßt wird: Die

objektiven Entwicklungsbeschränkungen werden in subjektive Entwicklungsbeschränktheiten

uminterpretiert. Der Kampf gegen die Unterdrückung ist

dann vorrangig als Kampf um die Veränderung der Charakter strukturen zu

führen. Maßstab der Veränderung sind die Vorstellungen, die die jeweiligen

Befreier von einem befreiten Menschen im Kopfe haben, wobei die Tatsache,

daß diese wiederum keineswegs unabhängig von der eigenen Lebenssituation

und Klassenlage sind, nicht weiter reflektiert wird.

Da sich F.H. explizit auf den PIT-Ansatz bezieht, müssen sich dessen Fehler

auch in ihren Ausführungen aufweisen und verdeutlichen lassen. Dies will ich

im folgenden an einigen wesentlichen Punkten versuchen und zur Diskussion

stellen.

Einen zentralen Stellenwert in den genannten Arbeiten hat die Vorausset-

• Zuerst er~chienen in: \.1arxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 5/1982, 192~200. - Da dieser Text nicht als selbstandiger

Artikel, "iondern zur Vorbereitung auf eine personliehe Diskussion und Ameinandersetzung mit Frigga Haug göchrieben

v.urde, sind nicht die selbstverstandlichen Gemeinsamkeiten, sondern die unerwarteten Divergenzen zwischen meinen und

Frigga H.'s Po~Jtionen hervorgehoben worden. Daraus erklart sich auch, daß \iele der folgenden Formulierungen, fur sich

genommen, vielleicht schroff l,1,irken.

nAC ARr.IIMFt\:T n()/1982 ~


Unterdrückung oder Selbstunterwerfung ? 829

zung, daß Unterdrückung, die nicht mit äußerem Zwang arbeitet, mit der Zustimmung

der Betroffenen geschieht (1980a, 646). Die gesellschaftlichen Unterdrückungsstrukturen

können nach F. H. 's Meinung nur weiterbestehen,

wenn sie von denen, die in ihnen leben, immer wieder hergestellt werden (ebenda).

Sie geht dabei von der globalen These aus, daß die Menschen ihre Lebensbedingungen

geschaffen haben und also auch verändern können. Diese These

ist sicherlich richtig, wenn man sie auf den gesellschaftlich-historischen Gesamtprozeß

bezieht. Sie ist aber über ihren Geltungsbereich ausgeweitet und

damit falsch, wenn man sie, wie das F. H. tut, umstandslos auf die einzelnen

Menschen überträgt. Das Verhältnis zwischen objektiver Bestimmtheit und

subjektiver Bestimmung als kollektiver Prozeß wird damit auf die Möglichkeit

subjektiver Bestimmung der einzelnen Individuen über ihre Verhältnisse reduziert;

damit wird die Verantwortung für die eigene Entwicklungslosigkeit unabhängig

von den gesellschaftlichen Lebensbedingungen und den darin liegenden

Beschränkungen dem einzelnen zugeschoben.

Da F. H. von der - erstahnlichen - Auffassung ausgeht, daß »Unterwerfung

unter Fremdbestimmung innerhalb des Vergesellschaftungsprozesses ...

zumindest heutzutage nicht mehr mit Gewalt« geschieht (1 980b, 92), bleibt für

sie nur die Annahme, die Unterwerfung sei lediglich eine freiwillige Unterstellung

unter Normen. Der Befreiungsprozeß wird damit für sie zu einer rein innerpsychischen

Angelegenheit: Er soll im wesentlichen in der Auflösung verfestigter

Persönlichkeitsstrukturen und in der Umerziehung der Gefühle bestehen.

Diese »Umstrukturierung« der Persönlichkeit löse, wie es weiter heißt, einen

»Verunsicherungsprozeß besonders krisenhaften Ausmaßes« (1980a, 649)

aus und könne nur im kollektiven Maßstab, z.B. in den Frauengruppen, vollzogen

werden. Die Kollektivität wird hier also nicht als Voraussetzung des effektiven

Widerstandes gegen die unterdrückenden Verhältnisse diskutiert, sondern

soll primär der emotionalen Absicherung der Umpolung der je individuellen

Persönlichkeitsstruktur dienen. Welche Gefühle konkret >>Umzuerziehen«

sind, wird nicht näher bestimmt: Das sei ein großes Forschungsfeld

(1981a). Gegen die Sinnhaftigkeit einer solchen Forschung überhaupt spricht

jedoch die materialistische Grundeinsicht, daß sich die Menschen keineswegs

beliebig von ihren Bedürfnissen und Gefühlen befreien, sondern dies nur in

dem Maße können, wie sie ihnen in ihrem Handeln Rechnung tragen, die Bedingungen

ihrer Befriedigung schaffen bzw. sie über die Veränderung der Daseinsverhältnisse,

durch welche sie bedingt wurden, selbst verändern.

Die Vorstellung, daß die Menschen, bevor sie die Verhältnisse ändern, sich

selbst ändern/befreien müssen, ist zwar außerordentlich verbreitet und entsprechend

eingängig, aber dennoch in dieser verkürzten Form falsch. Wenn

man sich so einfach per individueller Entschlußkraft über die objektiven Entwicklungs

beschränkungen und subjektiven Unterwerfungstendenzen hinwegsetzen

könnte, erhebt sich in der Tat die Frage, warum man die gesellschaftlichen

Verhältnisse überhaupt noch verändern soll. Die eigene Entwicklung ist

identisch mit meiner Beteiligung an der Änderung der Verhältnisse, unter denen

meine Entwicklung behindert ist.

Die »Sucht« der Frauen nach persönlichen Beziehungen kann somit nicht,

DAS ARGUMENT 136/1982


830 Ute H.-Osterkamp

wie F. H. empfiehlt, durch die Umpolung der Gefühle auf andere Bereiche bekämpft

werden. Vielmehr gilt es, die verschiedenartigen Bedürfnisse, Hoffnungen,

Sehnsüchte etc., die in die persönlichen Beziehungen hineingetragen

werden und diese in der Regel hoffnungslos überfrachten, zu entschlüsseln,

auf ihre realen Ursachen hin zu durchdringen und damit die Voraussetzungen

zu schaffen, unter denen man nach adäquaten Formen ihrer Befriedigung suchen

kann. Die »Erziehung der Gefühle« ist keineswegs Ausdruck der Entwicklung

als zunehmender Einflußnahme auf die relevanten Lebensbedingungen,

sondern im Gegenteil: Ausdruck der Selbstverleugnung und des Verzichts

auf individuelle Entwicklung; sie ist der Versuch, den Konflikt mit den Autoritäten

zu vermeiden, von denen man sich existentiell abhängig sieht, indem man

ihn in die eigene Psyche verlegt, womit er prinzipiell unlösbar wird, nur die

psychische Erscheinungsform wechselt.

Unter Entwicklung versteht F. H. offensichtlich die Hineinverlagerung der

gesellschaftlichen Kompetenzen in das Individuum, die Aneignung möglichst

umfassender Qualifikationen, den Aufstieg in immer höhere Positionen, um

möglichst viele Bereiche kontrollieren zu können, autonom, unabhängig von

anderen zu werden. Indem sie aber die Gesellschaft aus der Perspektive des Individuums

analysiert, sitzt sie zugleich der bürgerlichen Ideologie der »offenen

Gesellschaft« auf, der gemäß jeder, der sich nur hinreichend anstrengt, bis in

die höchsten Positionen aufsteigen kann - wofür es dann immer (für das

»Beispiel-Denken«) auch die entsprechenden Belege gibt.

Ein zentrales Problem der kapitalistischen Gesellschaften besteht somit nach

F. H. darin, daß die »umfassende Kompetenz der einzelnen Gesellschaftsmitglieder«

(l980a, 647) verunmöglicht sei, was wiederum im besonderen Maße

auf die Frauen zutreffe, »sofern sie vom gesellschaftlichen Produktionsprozeß

ferngehalten sind« bzw., wie es sofort anschließend heißt, sich von diesem

fernhalten (ebenda). Die Behinderung der Frauen wird dann in den weiteren

Ausführungen nur als innerpsychische diskutiert. Schließlich werde niemand

zum Hausfrauendasein und zum Verzicht auf ein eigenes Leben gezwungen.

Fast alle Berufe stünden heutzutage den Frauen offen, »auch wenn die gesellschaftlichen

Erwartungen bestimmte als besonders weiblich ausgeben und die

tatsächliche Berufsstruktur markante Geschlechterdifferenzierungen« aufweist

(1980b,42).

Aus solchen, mit den herrschenden Gedanken gut übereinstimmenden Vorstellungen

ergeben sich dann vielfältige weitere Fehlschlüsse und Widersprüche.

Einerseits wird das Familienleben als Ort unmittelbaren Wohllebens,

emotionaler Geborgenheit, der liebevollen Unterstützung individueller Entwicklung

idealisiert (z.B. 1980a, 647), so daß man sich fragt, warum die Frauen

den Ort, an dem es ihnen angeblich so gut geht, überhaupt verlassen sollen

bzw. wie es dort zu Entwicklungsstörungen kommen kann. Andererseits bedeuten

Ehe und Mutterschaft gemäß dieser Theorie nichts anderes als Verzicht

auf ein eigenes Leben, auf Entwicklung, auf ein menschliches Dasein überhaupt

(l980b, 42). In Abhebung von der Situation in Familie und Ehe wird die

Berufstätigkeit quasi als Garant individueller Entwicklung dargestellt. Diese

sei im Gegensatz zur Hausfrauenexistenz zwar mit Risiken und Anstrengungen


Unterdrückung oder SeibstunterwerJung? 831

verbunden und in einem höheren Maße - indem man gezwungen sei, »sich in

Lohnabhängigkeit zu verkaufen« - fremdbestimmt (1980b, 107f.), aber dennoch

der einzige Weg zum Glück (l980a, 647). Daß viele Frauen diesen Weg

dennoch nicht gehen, zumindest zwischen Berufstätigkeit und Ehe hin- und

herschwanken, faßt F. H. dann in dem gängigen »männlichen« Vorurteil zusammen,

daß Frauen nicht wissen, was sie wollen (1980a, 643).

Die objektive Widersprüchlichkeit der Berufstätigkeit unter kapitalistischen

Verhältnissen, von der die Frauen, zumal wenn sie Kinder haben, im besonderen

Maße betroffen sind, wird nicht weiter berücksichtigt: etwa die Konkurrenz

und die Bewährungsangst, die die sozialen Beziehungen und das eigene

Denken und Handeln immer wieder durchdringen und zersetzen; oder der

Umstand, daß das Hineindrängen der Frauen in die verschiedenen Positionen

nur eine Umschichtung der Reservearmee, d.h. das Hinausdrängen der Männer

aus diesen Positionen, bedeuten würde, was diese wiederum häufig - in

spontaner Reaktion auf die Bedrohtheitssituation - zu unmittelbaren, d.h.

gegen die Frauen gerichteten Abwehrmaßnahmen provoziert; oder die Gefahr,

daß man infolge der eigenen Überbelastung durch die zusätzliche Berufstätigkeit

(die gerade dadurch besonders hart ist, daß sie partiell immer auch gegen

den Widerstand der Männer durchgesetzt werden muß) zu wenig auf die Bedürfnisse

der Kinder eingehen kann und damit u. U. objektiv deren Lebensmöglichkeiten

beeinträchtigt etc. etc. Mit Alete und der Pille sind diese Probleme

mit Sicherheit nicht vom Tisch.

Da F. H. einerseits Entwicklung an die Berufstätigkeit bindet und dabei andererseits

die objektiv widersprüchliche Lage der berufstätigen Frau wortlos

übergeht, bleibt für sie nur noch die Schlußfolgerung, daß die Hausfrauen

freiwillig auf ihre Entwicklung verzichten, weil sie sich durch die Annehmlichkeiten

des süßen Lebens haben bestechen lassen, vor den Anstrengungen und

Risiken der Entwicklung zurückscheuen oder auch die gesellschaftlichen Normen

über die Rolle der Frau - ohne Not - zu stark verinnerlicht haben.

Zwar spricht sie zumindest einmal im Zusammenhang mit der Situation der

Entwicklungslosigkeit auch vom »Leiden«, wobei sie aber offenläßt, worin

dieses bestehen soll; durch die weiteren Ausführungen wird jedoch die Auffassung

nahegelegt, daß es sich aus der allgemeinen Bedeutungslosigkeit, der

peinlichen Unzulänglichkeit der eigenen Person ergibt - etwa, wenn man sich

mangels Wissens nicht an Gesprächen beteiligen kann oder aber bei der Übernahme

von Referaten die eigene Unfähigkeit für jeden sichtbar zutage tritt

(1980b, 57f.; 1981a, 55f.).

Wir vertreten mit dieser Kritik keineswegs die Parole »Zurück ins Heim«,

sondern stellen die These in Frage, daß die Ursachen der mangelnden Berufsund

Entwicklungsfreudigkeit in den Frauen liegt. Es gilt, die spezifischen Widersprüchlichkeiten

und Behinderungen der Frau in Familie und Beruf bzw. in

dem Verhältnis zwischen beiden genau zu analysieren, anstatt so zu tun, als ob

mit dem Ratschlag »werde berufstätig« schon alle Probleme gelöst seien.

Die ökonomische Unabhängigkeit scheint für F. H. mit dem Verkauf der

Arbeitskraft erreicht, die Fremdbestimmtheit der Existenz auf die Tatsache reduziert,

daß man im Berufsleben bestimmten Regelungen unterworfen ist

DAS ARGUMENT 136/1982 rs


832 Ute H. -Osterkamp

(l980b, 107). Bekanntlich ist jedoch die ökonomische Unabhängigkeit weder

durch die Berufstätigkeit gewährleistet, noch die Fremdbestimmtheit der Existenz

mit der Tatsache gefaßt, daß man im allgemeinen weisungsgebunden arbeitet.

Ökonomische Abhängigkeit und Fremdbestimmtheit der Existenz bestehen

vielmehr darin, daß die Produktion nicht an der Befriedigung und Entwicklung

der Bedürfnisse aller Menschen, sondern an der Steigerung der Profite

orientiert ist. Das heißt aber: daß die Mehrheit der Menschen gezwungen ist,

zur Absicherung ihrer individuellen Existenz ihre Arbeitskraft zu verkaufen

und damit zugleich die Macht zu stabilisieren, die sie in der prinzipiellen Abhängigkeit

und Fremdbestimmtheit der Existenz hält.

Ökonomische Unabhängigkeit, Sicherheit und die Überwindung der Fremdbestimmtheit

der Existenz lassen sich nicht individuell, sondern nur gesamtgesellschaftlich

erreichen. Solange der Wert der einzelnen an ihrer Verwertbarkeit

für die Interessen anderer gemessen wird und die Menschen als nutzlos beiseitegeschoben

werden, sobald diese Verwertbarkeit nicht mehr gewährleistet ist,

und solange dieses »Schicksal« potentiell jeden bedroht, kann von ökonomischer

Unabhängigkeit und selbstbestimmter Entwicklung keine Rede sein. Die

prinzipielle Austauschbarkeit und Bedeutungslosigkeit der arbeitenden Menschen

in der kapitalistischen Gesellschaft und die damit verbundene Notwendigkeit,

die Verwertbarkeit und Existenzberechtigung der eigenen Person immer

erneut unter Beweis zu stellen, wirken sich dabei bis in die privatesten Beziehungen

aus, die wesentlich durch die je individuelle Bedürftigkeit und Verunsicherung

bestimmt sind.

Dieses Urtrauma der menschlichen Existenz unter kapitalistischen Verhältnissen,

nämlich die Anerkennung und Unterstützung der anderen nur in dem

Maße zu erhalten, wie man deren unmittelbaren Bedürfnissen und den daraus

erwachsenden Vorstellungen und Erwartungen entspricht, d.h. aber, fortwährend

gezwungen zu sein, die nichtkonformen Regungen und Mängel zu verbergen,

sich selbst zu verleugnen, ständig auf dem Prüfstand zu stehen und in der

Gefahr zu sein, zu versagen, zu enttäuschen, fallengelassen zu werden etc.,

wird dem einzelnen in unserer Gesellschaft schon von frühester Jugend an vermittelt.

Genau diese Angst, nicht akzeptiert, beiseitegeschoben und damit in

seinen Lebensmöglichkeiten extrem bedroht zu sein, ist die Basis für die sogenannte

Unterwerfungsbereitschaft.

Die Aussage, daß diejenigen, die sich unterwerfen, nicht nur Opfer, sondern

auch Täter sind, ist somit entweder banal oder falsch. Banal insofern, als die

Unterwerfung natürlich immer von den Individuen selbst mitvollzogen wird,

ja gerade der Erhaltung ihrer Handlungsfähigkeit innerhalb fremdbestimmter

Verhältnisse dient. Falsch, wenn aus der Tatsache, daß die Menschen die Unterwerfung

selbsttätig praktizieren, die Schlußfolgerung gezogen wird, daß sie

das »freiwillig« tun. Genausogut könnte man den Lohnarbeitern die Verantwortung

dafür anlasten, daß sie ihre Arbeitskraft verkaufen: Täten sie es

nicht, gäbe es keine Ausbeutung mehr.

Täter sind jedoch alle, die sich unterwerfen, in dem Sinne, daß jeder, der innerhalb

der Verhältnisse der Fremdbestimmtheit sein individuelles Auskommen

sucht, die Unterdrückungsverhältnisse nicht nur mit seiner Unterwerfung


Unterdrückung oder Selbstunterwerfung ? 833

bestätigt, sondern zugleich die Unterdrückung an die jeweils Schwächeren weitergibt.

Diese Form der Täterschaft bleibt bei F. H. völlig unberücksichtigt.

Die Grundsituation, daß man unter Bedingungen der Fremdbestimmtheit

und prinzipiellen Ungesichertheit der Existenz in dem spontanen Bemühen um

Absicherung und Anerkennung der eigenen Person immer zugleich die Mitmenschen

instrumentalisiert, an ihnen das gleiche Verhalten praktiziert, unter

dem man selbst leidet, betrifft alle unter kapitalistischen Verhältnissen lebenden

Menschen, ob Mann oder Frau, auch wenn je nach den gesellschaftlichen

Anforderungen die Unterdrückung und damit die Bewältigungsformen der

Unterdrückung spezifische sein werden. Die relative Bedeutungslosigkeit der

Frauen innerhalb der kapitalistischen Produktion beinhaltet im allgemeinen eine

unmittelbarere Abhängigkeit von anderen Menschen, speziell den Männern,

und damit eine größere Angst vor Liebesverlust, die um so stärker sein

wird, je mehr der Verlust der Liebe den Verlust der bis dahin gegebenen Lebensmöglichkeiten

einschließt. Zugleich bedeutet die geringere gesellschaftliche

Stellung der Frau aber auch eine gewisse Narrenfreiheit. Frauen werden in

der Regel weniger auf den unmittelbaren Existenzkampf dressiert, weniger

brutal zur Verleugnung ihrer Gefühle gezwungen etc.

Die unmittelbarere Abhängigkeit der Frauen und die dadurch gesetzte Notwendigkeit,

sich allseitig gefügig zu erweisen und entsprechend geschmeidig zu

halten, was durch ein gewisses Maß an Dummheit bzw. Entwicklungslosigkeit,

d.h. durch das Fehlen eines eigenen Standpunktes, durchaus erleichtert wird,

bedeutet zwar einerseits größere Unsicherheit und Verunsicherung, zugleich

aber auch eine gewisse Offenheit gegenüber Neuem bzw. der Unzulänglichkeit

der bestehenden Lebensverhältnisse. Diese Offenheit bleibt jedoch - losgelöst

von den Handlungsmöglichkeiten - im allgemeinen unfruchtbar bzw. kann

sich u. U. gerade dadurch nur entwickeln und halten, daß die Frauen von der

Notwendigkeit, ihre Träume und Kritik in die Tat umzusetzen, relativ entlastet

sind bzw. diese Umsetzung den Männern aufzubürden versuchen, womit sie

diese wiederum zusätzlich auf Erfolg trimmen.

Die Männer stehen dagegen entsprechend ihrer höheren Bedeutung für die

gesellschaftliche Produktion in viel stärkerem Maße unter dem Druck, ihre

Brauchbarkeit zu beweisen, perfekt zu sein, eigene Schwächen oder gar Angst,

die als größte Schwäche des Mannes gilt, zu verbergen. So werden viele von ihnen

zu den »Kulturträgern« im Sinne Freuds, die die Fremdbestimmtheit in

Selbstbestimmung uminterpretieren und den Zwang, unter dem sie stehen, verdrängen

bzw. nachträglich durch den Erfolg rechtfertigen, der darin besteht,

daß man im Dienste der Mächtigen in gewissen Grenzen immer auch an deren

Lebensmöglichkeiten partizipieren, sich anderen gegenüber überlegen und damit

relativ sicher fühlen kann.

Wenn F. H. von der Möglichkeit der Entwicklung der Frauen auch unter

fremdbestimmten Bedingungen spricht, dann scheint sie mir genau diese

Selbst vervollkommnung im Auge zu haben, die für die männliche Entwicklung

unter kapitalistischen Verhältnissen typisch ist: die möglichst umfangreiche

Ansammlung von Fähigkeiten und Kenntnissen, um alle Widersacher und

Konkurrenten mit ihnen erschlagen zu können und als der Größte dazustehen.

DAS ARGUMENT 136/1982


834 Ute H.-Osterkamp

Statt nach den Bedingungen zu fragen, die den Bewährungsdruck setzen und

die Entwicklung als Überwindung der eigenen Unzulänglichkeit und Unvollkommenheiten

bestimmen, schlägt F. H. in ihrem Entwicklungskonzept die

Perfektionierung der Absicherung vor: Die spezifische Absicherung der Männer,

sich als Allround-Genie zu gebärden und die Mitwelt durch die eigene

Überlegenheit so zu beeindrucken, daß nach Möglichkeit überhaupt erst keiner

auf die Idee kommt, diese zu bezweifeln, wird gegenüber der spezifischen Absicherungsform

der Frauen, möglichst unauffällig bzw. unausgeprägt zu bleiben

und sich dem Überlegenheits anspruch der Männer von vornherein zu beugen,

als Weg individueller Entwicklung propagiert.

Das heißt: Die typische - männliche - Verarbeitungs form des innerhalb

kapitalistischer Verhältnisse allgemein gesetzten Bewährungszwangs, nämlich

sich zu perfektionieren und damit unangreifbar zu machen - ein Ziel, das erst

voll erreicht ist, wenn es einem gelingt, sich selbst zum Maßstab der Entwicklung

überhaupt zu erheben, an dem sich alle anderen messen müssen - wird

von F. H. nicht auf ihre realen Ursachen und Konsequenzen hin analysiert,

sondern, wie mir scheint, in ihren theoretischen Ausführungen blind reproduziert.

Damit übernimmt sie den Anspruch, Maß der Entwicklung zu sein, offensichtlich

auch für die eigene Gruppe: so etwa in dem Bild von den Fackelträgern,

die Licht in die Finsternis der Zurückgebliebenen bringen (1980b,

151). Dieser Anspruch zeigt sich auch in den genauen Vorstellungen, die die

Autorinnen der »Frauenformen« etwa darüber haben, wie sich eine rundliche

kleine Mittsechzigerin zu kleiden hat, wie Schwule, Ehe- und Liebespaare miteinander

zu sprechen, umzugehen haben etc.

Die These, daß F. H. sich nicht bewußt zu dem Bewährungszwang verhält,

der innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse allgemein gesetzt ist, sondern

diesem aufsitzt, läßt sich m.E. auch an ihrem Artikel zum Verhältnis von Arbeiter-

und Frauenbewegung verdeutlichen. Hier zeigt sich, daß das frühere

politische Engagement im Sozialistischen Frauenbund (SFB) offensichtlich

nicht primär aus der subjektiven Betroffenheit, der Erkenntnis der eigenen

Entwicklungsbehinderung durch die konkreten Verhältnisse, sondern in Erfüllung

irgendwelcher abstrakter Normen geschah, denen man zu genügen bestrebt

war. So stellte man sich die Frage, ob etwas sozialistisch sei oder nicht,

empfand die Nicht-Existenz von Proletarierinnen in den eigenen Reihen als

Mangel, litt, wenn man auf Maidemonstrationen nicht die genügende Beachtung

fand etc. etc. Besonders auffallend ist diese Tendenz bei der Erörterung

des §218; dieser wurde nicht in seiner ganzen Fragwürdigkeit und Widersprüchlichkeit

für die Frauen, sondern wesentlich unter der Fragestellung diskutiert,

auf welche Weise man die größere Anerkennung finden bzw. wie man

sich - bei natürlich gewollter Massenwirksamkeit - »den Vorwurf kleinbürgerlichen

Reformismus« ersparen könne (1981b, 654).

F. H. übt zwar an dieser Art von Politik Selbstkritik, doch scheint mir diese

an den wesentlichen Punkten vorbeizugehen, da sie wiederum nur an dem äußeren

Erfolg orientiert ist, der der eigenen Organisation versagt blieb, den autonomen

Frauengruppen hingegen spontan zuflog. Den Erfolg der autonomen

Gruppen führt F. H. darauf zurück, daß diese von vornherein das Persönliche


Unterdrückung oder Selbstunterwer/ung? 835

gegenüber dem Politischen in den Mittelpunkt ihrer Diskussion gestellt haben,

während im SFB angesichts der Fülle politischer Aufgaben die Diskussion persönlicher

Probleme immer wieder zurückgestellt worden sei. Das habe dazu

geführt, daß man sich praktisch zwischen alle Stühle gesetzt, d.h. weder von

den Frauengruppen noch von den Organisationen der Arbeiterbewegung volle

Anerkennung erhalten habe (1981b, 651). Die nunmehr in Anlehnung an die

autonomen Frauengruppen erhobene These, das Persönliche sei das Politische,

klingt zwar sehr schön, ist aber nichtssagend. Die Frage ist doch gerade,

wie das Persönliche durch die Politik vermittelt ist bzw. auf welche Weise es

die Politik bestimmt: ob man innerhalb der gegebenen Verhältnisse agiert und

diese damit festigt bzw. den individuellen oder auch kollektiven Vorteil gegenüber

anderen sucht und damit zugleich die eigene Unterdrückung aktiv an die

jeweils Schwächeren weitergibt, oder ob man für Verhältnisse kämpft, innerhalb

derer mit der vollen Gleichberechtigung aller Gesellschaftsmitglieder die

wesentlichen Voraussetzungen für die Entfaltung individueller Potenzen und

persönlicher Beziehungen gegeben sind.

»Das Persönliche« wird nicht näher erläutert, bleibt mehr oder weniger

Schlagwort, um sich, wie es den Anschein hat, über die »Verknüpfung« von

Persönlichem und Politischem sowohl gegenüber den autonomen Frauengruppen

als auch gegenüber der Arbeiterbewegung als positive Alternative einzubringen.

Zu diesem Zweck reduziert F. H. die Arbeiterbewegung auf den ökonomischen

Kampf - der Männer - und versucht, die autonomen Frauengruppen

mit ihren eigenen Waffen, nämlich dem Einwand zu schlagen, daß die

Beschränkung auf die Mann-Frau-Unterdrückung »die wirkliche Unterstützung

der Männermacht durch die ökonomischen Verhältnisse« (1981b, 661)

nicht fassen kann. Die von ihr kreierten »autonomen sozialistischen Frauengruppen«

und der »Marxismus-Feminismus« erscheinen dann als der dritte

Weg, der den großen Durchbruch bringen wird, durch welchen endlich der

»Reichtum an Einfällen, der in der Bevölkerung steckt« und durch die »langweilige

Stellvertreterpolitik storniert« (1981 b, 663) war, sich voll entfalten

kann, Spaß und Menschlichkeit in die Politik kommen und das Auseinander

von Arbeiter- und Frauenbewegung endlich aufgehoben ist.

Zum Schluß: Ich meine wie F. H. , daß man sich auch unter kapitalistischen

Verhältnissen entwickeln kann und muß, d.h., daß es keineswegs genügt, »auf

heutige Kapitalstrukturen und morgigen Sozialismus zu verweisen« (1980b,

31). Schließlich kann der Sozialismus nur mit menschlicher Anstrengung gegen

den Kapitalismus durchgesetzt werden - wobei mit dem Sozialismus die Probleme

nicht gelöst, aber die objektiven Voraussetzungen ihrer Lösung geschaffen

sind. Allerdings scheint mir die Frage, »wie bei Fremdbestimmung - welches

ohne Zweifel eine Hemmung in der Vergesellschaftung darstellt - die

Handlungsfähigkeit der Einzelnen erhalten bleibt oder erhalten werden kann«

(1980b. 92), zu kurz zu greifen. Entwicklung bedeutet nicht vorrangig Kumulation

individueller Fähigkeiten, um innerhalb der gegebenen Verhältnisse

möglichst gut zu funktionieren, anderen überlegen und damit relativ abgesichert

zu sein; sondern Entwicklung bedeutet primär die Erweiterung der

Handlungsfähigkeit, nicht in Leugnung, sondern in Ausweitung subjektiver

DAS ARGUMENT 136/1982


836 Ute H. -Osterkamp

Lebens- und Erlebnismöglichkeiten. - Die Spezifik menschlicher Entwicklung

beinhaltet die bewußte Bestimmung der subjektiven Situation über die gezielte

Einflußnahme auf die objektiven Lebensbedingungen, d.h. die Durchbrechung

der Unmittelbarkeitsbeziehung: An die Stelle individuellen blinden

Reagierens auf die objektiven Lebensbedingungen tritt die gezielte Veränderung

der Verhältnisse gemäß den subjektiven Möglichkeiten und Bedürfnissen.

Individuelle Entwicklung unter kapitalistischen Verhältnissen bestünde somit

partiell immer auch darin, statt aus der Bewährungsangst heraus zu agieren,

diese auf ihre realen Ursachen zurückzuführen und zu der »Unzulänglichkeit«

der eigenen Person bewußt zu stehen: Indem man gerade aus der Tatsache,

daß man unter kapitalistischen Verhältnissen immer auch gegen die eigenen Interessen,

Bedürfnisse, Vorstellungen verstößt, sich gemein, neidisch, unterdrückerisch

etc. benimmt, die subjektive Notwendigkeit der Veränderung dieser

Verhältnisse ableitet.

Der politische Kampf ist dabei keineswegs nur ein Kampf um die Zukunft,

sondern damit immer auch ein Kampf um Lebensmöglichkeiten, die sich in

der Gegenwart abzeichnen und hier systematisch behindert werden. Dabei

wird die Tatsache, daß man den Kampf um die eigenen Interessen und Bedürfnisse

bewußt aufnimmt, statt diese - zumindest sofern sie nicht konform sind

- aus der unmittelbaren Existenzangst heraus zu verleugnen, ein prinzipiell

verändertes Lebensgefühl einschließen. Die Überwindung der personalisierenden

Sichtweise, der persönlichen Schuldzuschreibungen muß sich unmittelbar

entlastend auf die individuelle Situation und die sozialen Beziehungen auswirken,

wie diese Entlastung wiederum die allgemeine Bereitschaft erhöhen wird,

das objektive Ungenügen bestehender Umweltbeziehungen auf den Begriff zu

bringen und gemeinsam anzugehen, statt sich gegenseitig anzukreiden. Spaß,

Lebensfreude etc., die F. H. in die Politik hineintragen will, lassen sich ungebrochen

nur im Zusammenhang mit dem gezielten Kampf gegen die unterdrückenden

Bedingungen erreichen. Alle Versuche hingegen, Spaß innerhalb

der bestehenden Verhältnisse der Fremdbestimmtheit zu haben, werden überschattet

sein durch das prinzipielle Ausgeliefertsein und die damit verbundene

Ungesichertheit der Existenz und das schlechte Gewissen ob der Kleinlichkeit

des eigenen Lebens, die die Bemühungen um Absicherung des individuellen

Vorteils bzw. des eigenen Profils auf Kosten und unter Herabsetzung anderer

immer begleiten wird.

Literaturverzeichnis

Haug, Frigga: Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen. In: Das Argument 123, 1980a

Haug, Frigga (Hrsg.): Frauenformen. Alltagsgeschichten und Entwurf einer Theorie weiblicher

Sozialisation. Argument-Sonderband AS 45, 1980b

Haug, Frigga (Hrsg.): Frauen - Opfer oder Täter? Diskussion. Argument-Studienhefte 46,

1981a

Haug, Frigga: Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus. Das Argument 129, 1981 b

H.-Osterkamp, Ute: Ideologismus als Konsequenz des Ökonomismus. - Zur Kritik am Projekt

Ideologie-Theorie. In: Forum Kritische Psychologie 11, 1982

Projekt Ideologie-Theorie: Theorien über Ideologie. Argument-Sonderband 40, 1979


837

Brita Rang und Christine Thomas

Dumm und neidisch bis zur Revolution?

Antwort auf Ute H.-Osterkamp

Na ja, würde man angesichts des von Ute Oster kamp beschriebenen Opfer /

Täter-Theorems - in Unkenntnis der ihm bei Frigga Haug zugrundeliegenden

Vorstellungen - ganz gelassen sagen, was kümmert uns als sozialistische Frauen

ein solches Konzept? Denn folgt man Ute Osterkamp, dann reproduziert

Frigga Haug unter den Leittermini Täter/Opfer »mit den herrschenden Gedanken

gut übereinstimmende Vorstellungen« (830*). Wie stiftet Frigga Haug

diese Gemeinsamkeit? Nun, sie stellt, indem sie die »Widersprüchlichkeit ...

unter kapitalistischen Verhältnissen ... nicht weiter berücksichtigt« (831), »die

Berufstätigkeit [der Frauen, d.Verf.) quasi als Garant individueller Entwicklung«

dar (831). Daß aber die Frauen sich diesem Entwicklungskonzept nicht

umstandslos anschließen bzw. angeschlossen haben, faßt Frigga Haug naiv

auch noch »in dem gängigen 'männlichen' Vorurteil zusammen, daß Frauen

nicht wissen, was sie wollen« (831). Ute Osterkamp folgert: »Damit wird die

Verantwortung für die eigene Entwicklungslosigkeit unabhängig von den gesellschaftlichen

Lebensbedingungen und den darin liegenden Beschränkungen

dem einzelnen zugeschoben.« (829) Kurzum, wir sehen: Frigga Haug hat für

ihre Täter-Frauen nur eben die »Selbstvervollkommnung im Auge ..., die für

die männliche Entwicklung unter kapitalistischen Verhältnissen typisch ist: die

möglichst umfangreiche Ansammlung von Fähigkeiten und Kenntnissen, um

alle Widersacher und Konkurrenten mit ihnen erschlagen zu können und als

der Größte dazustehen« (834). Daß dies ungebrochen gelingt, wenn man nur

will, dafür steht - so Ute Osterkamp - wiederum Frigga Haug, »sitzt sie

(doch) der bürgerlichen Ideologie der' offenen Gesellschaft'« auf (830), - und

so hat unsere entlarvte Bürgerin auch keine andere Politikform als die »Umerziehung

der Gefühle« (829) im Kopf.

Man wäre jetzt vielleicht noch verwundert, warum Ute Osterkamp mit so

vielen Worten auf ein solches Konstrukt reagieren mußte, - und würde ansonsten

zur Tagesordnung übergehen.

Nun haben jedoch die meisten Leserinnen des Argument (und vielleicht

auch seine Leser) nicht nur Ute Osterkamps Kritik gelesen. Sie kennen die Diskussion,

sie kennen den diskutierten Text. Aus welcher Kenntnis aber entstand

jene Kritik? Sie lesend, haben wir zunächst gedacht, daß Ute Osterkamp zumindest

den Hinweis genau gekannt haben muß, der als Erklärung für die Diskussionsverweigerung

in der Deutschen Volkszeitung, den Marxistischen Blättern,

den Roten Blättern kam: »Wir (halten) Fhs Position für schädlich, ja für

undiskutabel.« (zit.n. Götze 1982, 59) Es ließe sich an Ute Oster kamps Kritik

zeigen. wie das Undiskutabel-machen-wollen organisiert wird, wie von einem

festen Standpunkt, von oben und von außen, 'Fehler aufgewiesen und verdeutlicht

werden sollen' (828). Die Überschrift deutet bereits ein zentrales

• Die Seitenverweise beziehen sich auf den Aufsatz von U. Osterkamp in diesem Heft.

DAS ARGUMENT 136/1982 (f:


838 Brita Rang I Christine Thomas

Kritikmuster an: »Gesellschaftliche Unterdrückung oder psychische Unterwerfungstendenz?«

Es wird in Alternativen gedacht und das Kritisierte in sie eingepaßt.

Frigga Haug ging es dagegen um die Verschränkung von nur scheinbar

Alternativem: von gesellschaftlicher Unterdrückung und psychischer Unterwerfungstendenz,

von Täter und Opfer. Aber dies ist bereits so häufig betont

worden, daß eine Reaktion auf Ute Osterkamps Kritik nicht einfach eine Wiederholung

von längst Geschriebenem sein sollte.

Eine Diskussion, die angesichts der gezielten(?) Mißverständnisse nur immer

neu verweisen kann auf das, was tatsächlich geschrieben, tatsächlich gemeint

worden war, läuft - ob sie will oder nicht - im Kreis. Und damit wäre genau

jenes Undiskutabelmachen erreicht, das Hans Brender von der DVZ für richtig

befand - und zwar viel wirkungsvoller noch als durch das praktizierte Unterdrücken

von Leserbriefen und Gegendarstellungen. Wichtig scheint mir deshalb,

daß man aus dieser bannenden Kreisargumentation heraustritt, sie

gleichsam aus der Distanz besieht, nach dem fragt, was Kritiker und Kritisierte

trennt, und die Diskussion in diesem Bewußtsein vorantreibt. Nicht um das

Verballhornte läßt sich die Auseinandersetzung führen, sondern nur um die

praktischen und theoretischen Voraussetzungen und Konsequenzen, die im

Kritisierten wie in der Kritik tatsächlich stecken.

Grob gesagt, trennt das Opfer I Täter-Konzept und seine Kritiker 1. eine unterschiedliche

Vorstellung davon, wie gegenwärtig sozialistische Frauenpolitik

in Richtung auf eine Veränderung der Verhältnisse gemacht werden kann.

Verknüpft damit ist 2. nicht nur ein unterschiedliches theoretisches Begreifen

des Zusammenhangs von kapitalistischer Gesellschaft und spezifischer Frauenunterdrückung,

sondern viel genereller noch: ein unterschiedliches Verständnis

von individueller und gesellschaftlicher Entwicklung in der bürgerlichen

Klassengesellschaft.

Nehmen wir uns zunächst einmal diese »theoretische« Differenz vor, lassen

Frigga Haug jenseits der Verballhornungen sprechen und entnehmen dann der

Kritik die direkten und indirekten Gegenargumente. Sie hatte vorgetragen,

daß »die Frauenfrage ... nicht ursächlich mit den kapitalistischen Verhältnissen

zusammen(hängt). Frauenunterdrückung ist vorkapitalistisches Erbe«

(F. Haug 1982, 44);

daß wichtige Elemente der Sozialstruktur dieser Gesellschaft auf Frauenunterdrückung

basieren (vgl. F. Haug 1981, 656);

daß es dringend nottäte, die »allzu einfachen Formeln vom Kapitalinteresse,

das bis ins letzte durchschlägt und alles restlos determiniert, fürs Politikmachen

genauer zu durchdenken« (F. Haug 1982, 42); gemeint damit

ist, daß das Kapitalinteresse eine widersprüchliche Wirkungsmacht ist, so

daß etwa Arbeit im Kapitalismus bornierende und befreiende Züge in sich

vereinigt - bornierende, weil sie fremdbestimmt und profitorientiert organisiert

ist, befreiende, weil sie zugleich Handlungskompetenzen erfordert

und herausfordert; zu diesen Inkompetenzen/Kompetenzen gehört auch,

daß Arbeit kooperativ, vergesellschaftet geleistet wird und sich über sie -

obwohl doch zugleich fremdbestimmt - das Bewußtsein vom sozialen Zusammenhang

mit andern herstellt;

~.,., 'T">I'Tl'(Ll\.TT l1;h/lQ~? ~c'


Dumm und neidisch bis zur Revolution? 839

daß mithin auch die Individuen diese Zwieschlächtigkeit (oder Widersprüchlichkeit)

'leben'. Die Frauen sind insofern zugleich »Kitt ... für die

Risse im System (in der Familie) und ein Unruhepotential, da sie mehr unterdrückt

sind und weniger zu verlieren haben als die Männer« (F. Haug

1982, 44).

Dagegen steht bei Ute Osterkamp, daß die Frauenfrage ursächlich mit der kapitalistischen

Produktionsweise, ihren Formen der Fremdbestimmung, der

Profitorientierung, der Konkurrenzzwänge zusammenhänge, sie mithin identisch

sei mit allen Fragen, welche die Lohnabhängigen insgesamt betreffen.

Die der Frauen- wie der Männerunterdrückung zugrundeliegenden gesellschaftlichen

Bedingungen erscheinen dabei als ein negativer Block. Als Charakteristika

finden wir z.B. bei Ute Osterkamp »Zwang« (833), »Unterdrückung«

(833), »unterdrückende Verhältnisse« (829), »Gewalt« (829), »Fremdbestimmtheit

der Existenz« (832), »Bedrohtheitssituation« (831). Diese so eindeutig beschriebenen

»Daseinsverhältnisse« bedingen die Bedürfnisse und Gefühle der

Menschen im allgemeinen und der Frauen im besonderen. »Unter kapitalistischen

Verhältnissen (verstößt man) immer auch gegen die eigenen Interessen,

(benimmt) sich gemein, neidisch, unterdrückerisch etc.« (836) Ja, man ist

'prinzipiell ausgeliefert' (836). Insofern ist die »Kleinlichkeit des eigenen Lebens«

(836) unter den hiesigen Bedingungen nicht aufhebbar. Die »Narrenfreiheit«

der Hausfrau (833) kann, obwohl sie doch nach Ute Osterkamps Vorstellungen

von unmittelbarer Fremdbestimmung befreit ist, nur närrisch gelebt

werden. Dem entspricht die Aufforderung, zur »'Unzulänglichkeit' der eigenen

Person bewußt zu stehen« (836). Das heißt: dumm und neidisch bleibt

man - ob man es möchte oder nicht - bis zur Aufhebung der bestehenden

Verhältnisse, bis zur Revolution. Ist die Umwälzung der materiellen Bedingungen

gelungen, gelingt auch die Befreiung von den Beschränktheiten des je individuellen

Lebens. Dummheit und Neid haben dann keine reale Basis mehr, sie

werden verschwinden, wie auch die Frauenfrage sich auflöst (aufgelöst wird?).

Zum Vorschein kommt, was gleichsam als Folie dem Bild von den Frauen und

Männern im Kapitalismus zugrundelag: nämlich der wie bei Rousseau ursprünglich

gute und handlungsfähige Mensch der Kritischen Psychologie, der

nun auf die Umwelt bewußt Einfluß zu nehmen in der Lage ist und all jene

Qualitäten hervorkehrt, deren Artikulation der Kapitalismus verwehrte.

Werden so die gegenwärtigen Menschen und die von ihnen geschaffenen

Verhältnisse weitgehend widerspruchs frei, nämlich ohne die ihnen inhärenten

Ermöglichungsgrundlagen für die Erkämpfung freierer, menschlicherer Verhältnisse

gedacht, dann erscheint beinahe zwangsläufig das Spektrum der politischen

Handlungsmöglichkeiten unter kapitalistischen Bedingungen entsprechend

klein. Daß Frauen ein Interesse daran haben, den besonderen Teil ihrer

Unterdrückung, Benachteiligung und Beschränkung aufzuheben, von Erfolgen

schon wissen und diese erweitern wollen, muß dem absurd vorkommen,

der die Verhältnisse undialektisch als »eherne«, als durchgängig negativen, an

keiner Stelle aufbrechbaren Block begreift. Und genau so absurd erscheint jenes

spezifische Fraueninteresse in der Kritik Ute Osterkamps. Verweist Frigga

Haug auf Berufstätigkeit der Frauen als eine Entwicklungsstufe, als einen

DAS ARGUMENT 13611982


840 Brita Rang/Christine Thomas

Schritt, Beschränkungen und Beschränktheiten aufzuheben, so kann im Sinne

des hier von Ute Osterkamp vertretenen Subjekt- und Gesellschaftskonzepts

nur gerufen werden: Laß ab, ihr begebt euch ja nur tiefer hinein in die Fremdbestimmung!

Frigga Haug dagegen betont die Fremdbestimmung und den in

der gesellschaftlichen Arbeit steckenden Zwang zur Erweiterung der Handlungskompetenzen,

- und seien diese »nur« oder primär die sozialen. Genau

wegen dieser aber hatte ehedem doch auch schon Marx der Heimarbeit, der

durch sie bedingten Vereinzelung der Produzenten, die kooperative Arbeit in

der Manufaktur und insbesondere in der großen Industrie positiv entgegengestellt.

Wir können für uns Frauen nicht jene retrograden, »antediluvianischen«

Verhältnisse bewahren oder als gegebene, von uns jetzt nicht veränderbare so

festschreiben wollen, daß die Männer stellvertretend die uns angehenden sozialen

Auseinandersetzungen führen. Die Gefahr, daß sie nach der Revolution ihre

Stellvertreterpositionen festigen, entscheidende Elemente der Frauenunterdrückung

beibehalten, läßt sich nicht einfach von der Hand weisen, - es sei

denn, der Austausch der Hälfte der männlichen Politbüromitglieder in den sozialistischen

Staaten gegen weibliche stünde unmittelbar bevor (und dies wäre

doch wohl nur der banalste Teil der Veränderung).

Gerade weil das marxistisch-feministische Opfer I Täter-Konzept die Menschen

und die Verhältnisse nicht widerspruchsfrei, Gesellschaft nicht im Sinne

Poppers, sondern im Sinne von Marx als »offene« denkt - auch hier und

heute lassen sich die Verhältnisse verändern, sind die Menschen veränderungsfähig

-, enthält es direktere praktisch-politische Konsequenzen. Und eben

deshalb gibt es hier deutliche Differenzen zwischen der kritisierten Position

und ihren Kritikern:

Frigga Haug geht vom »Fehlen einer Frauenpolitik in den vorhandenen Organisationen«

(F. Haug 1982, 45) aus und plädiert für »eine Änderung sozialistischer

Politik« (F. Haug 1981, 655). Dagegen steht bei Ute Osterkamp die

schlichte Unterstellung, daß gerade in den vorhandenen Organisationen (der

DKP?, den Gewerkschaften?) in der allgemeinen Politik auch die Frauenfrage

besonders gut aufgehoben sei.

Frigga Haug wendet sich gegen die »langweilige Stellvertreterpolitik« (F.

Haug 1981, 663) und plädiert für eine vielfältige, Privates und Politisches nicht

starr trennende Frauenpolitik »von unten« (a.a.O, 664). Ute Osterkamp kritisiert

diesen, wie sie es nennt, »dritten Weg« (835) und läßt sich auf Frigga

Haugs Kritik der 'Stellvertreter' nur karikierend ein (vgl. 835). Um so deutlicher

kommt dadurch in Erinnerung jene nicht nur praktizierte, sondern auch

akzeptierte »hierarchische Gliederung«, »eine Leitung auf verschiedenen Ebenen

und damit die Differenzierung zwischen einfachen Mitgliedern und Funktionären«,

die Klaus Holzkamp so ausdrücklich guthieß (K. Holzkamp 1980,

221). Aber gerade die damit »gegebene Über- und Unterordnung« (a.a.O.)

wollen die marxistisch-feministischen Frauen nicht länger akzeptieren, weil es

sich immer auch um eine Auf teilung in übergeordnete Männer und untergeordnete

Frauen handelte und handelt. Denkt und lebt man aber in diesen traditionellen

Strukturen, dann allerdings muß der Anspruch, die politische Handlungsfähigkeit

aller Frauen zu entwickeln, als massive Kritik und Herausforde-


Dumm und neidisch bis zur Revolution? 841

rung erscheinen. Was aber, wenn man von der gesellschaftlichen Wirklichkeit,

der Wirklichkeit der Individuen her denkt (wie es ja auch Ute Osterkamp für

sich reklamiert) und feststellt, daß die vorhandenen sozialistischen Organisationen

unter den gegenwärtigen Krisenbedingungen nicht einen Mobilisierungseffekt

besonderen Ausmaßes erzeugen, sondern im Gegenteil bei uns zur

Bedeutungslosigkeit zusammenzuschrumpfen scheinen? In dieser Situation

kann man natürlich die eherne Macht der Verhältnisse beklagen, - man kann

aber auch die bisherigen Politik formen überdenken und fragen, warum sie insbesondere

die Frauen so selten erreicht haben, daß viele Frauen - selbst unter

den jetzt für sie besonders erschwerten Verhältnissen - sich heute gerade jenen

Parteien zuwenden, die für sie erleichternde Worte und schlechtere Alltags-

und Zukunftsbedingungen bereithalten. Überhaupt sind Untersuchungen

und Überlegungen zur praktischen Wirksamkeit sozialistischer Konzeptionen

zur Frauenfrage m.E. ein wichtiges, bisher noch nicht konsequent genug bearbeitetes

Teilstück des Klärungsbedürftigen, - dies jedenfalls dann, wenn die

inzwischen frustrierend gewordene Diskussion sinnvoll weitergeführt werden

soll. Denn das entscheidende Kriterium für die Beurteilung politischer Konzepte

bleibt - so banal das klingen mag - die Bewährung in der Praxis. Auch die

Wahrheit der bei den kontroversen Positionen ist zuallererst konkret. Wir sollten

daher u.a. untersuchen: Wie leben und arbeiten sozialistische Frauen im

Haushalt, im Betrieb, in Verwaltungen, in der Universität und auch als Arbeitslose

aus dem je unterschiedlichen Begreifen ihrer Situation als Frau in der

kapitalistischen Gesellschaft? Was verändert sich für siel was verändern sie,

wenn sie sich dieser oder jener Praxis und Theorie anschließen oder zuwenden?

Ebenso aber denken wir, daß zugleich das Spektrum der theoretischen Reflexion

der Frauenfrage systematisch erweitert werden müßte. Wie denn anders

läßt sich jene Differenz, daß z.B. für Frigga Haug die Frauenfrage nicht

ursächlich mit den kapitalistischen Produktions bedingungen , für Ute Osterkamp

aber mit deren innersten Zusammenhängen verbunden ist, produktiv

weiterdiskutieren als durch das Beibringen von historischem Material und

theoretischer Reflexion dazu?

Auch die Frage, wie es mit dem Verhältnis von Arbeiterbewegung und Frauenfrage

steht, ist - über die aktuellen Erfahrungen im Betrieb und in den Gewerkschaften

hinaus - historisch zu beantworten. So kann man zugleich, falls

man jenseits von Hagiographie bleibt, aus Erfolgen und Mißerfolgen lernen

und überprüfen, ob die These von Frigga Haug, daß die Interessen der organisierten

Arbeiterschaft nicht schlicht zusammenfallen mit denen der Frauenbewegung,

historisch im Recht ist.

Ähnliches gilt für das Problem der außerhäuslichen Berufstätigkeit der

Frauen und die damit zusammenhängende Erweiterung der Handlungskompetenzen.

Diese Frage steht im Mittelpunkt der aktuellen Kontroverse, aber sie

hat einen wichtigen Stellenwert schon vorher, in den nun schon historischen

Kämpfen (oder Kampfversuchen) der Frauen in der sich herausbildenden bürgerlichen

Gesellschaft gehabt. Wie sind die Auseinandersetzungen darum ausgefochten

worden, mit welchen Argumenten und Perspektiven, mit welchen

Erfolgen und Niederlagen? Auch von solchen historischen Erfahrungen her

DAS ARGUMENT 136/1982


842 Brita Rang/Christine Thomas

könnte man auf Ute Osterkamps Einwände gegen die Berufstätigkeit der Frauen

kritisch-konkret reagieren.

Hinzu kommt ein weiteres praktisches und theoretisches Untersuchungsfeld.

Im Opfer/Täter-Konzept ist festgehalten, daß es durch die sozialen Klassen

hindurchgehende besondere Bedingungen aller Frauen gibt. Dies ist lebensgeschichtlich

von den heutigen Frauen zu konkretisieren (wie es etwa in den

'Frauenformen' versucht wird); es läßt sich zugleich aber auch historisch fragen,

wie sich die besondere Frauensituation im Bürgertum, im Proletariat, auf

dem Lande herstellte; welche Differenzen zwischen diesen Frauenformen bestanden,

ob und worin ein Gemeinsames sich jeweils ausmachen läßt, welche

Veränderungen es erfuhr und welche aktive und passive Rolle die Frauen dabei

jeweils übernahmen.

Schließlich aber scheint uns, da dies ja doch zuallererst eine Antwort auf Ute

Osterkamps Kritik am Opfer/Täter-Konzept sein sollte, auch die Kritische

Psychologie einige Fragen beantworten zu müssen. Ute Osterkamps Kritik, gemeint

als politisch-wissenschaftliche, bleibt bisher die Antwort schuldig auf die

Frage, ob und inwiefern sich die parteiliche Stoßrichtung dieser Kritik mit der

spezifischen Parteilichkeit der Kritischen Psychologie vereinbaren läßt. Paßt es

zusammen, daß einerseits die Kritische Psychologie die Handlungsfähigkeit

und Aktivität der Subjekte betont, andererseits Ute Osterkamps Kritik an Frigga

Haug darauf zielt, der Handlungs- und Veränderungs fähigkeit der Frauen

in unserer Gesellschaft vorschnell Grenzen zu setzen? Wer oder was nötigt die

Kritische Psychologie, im konkreten Fall der Opfer /Täter-Kontroverse an einem

bestimmten Punkt unkritisch zu werden, sich selbst und uns Denk- und

Handlungsverbote aufzuerlegen und ihren zentralen wissenschaftlich-humanistischen

Impuls, die politisch verstandene Subjekt-Parteilichkeit, zurückzunehmen

oder doch einzuschränken? Wir denken, daß wir nur dann theoretisch

und praktisch weiterkommen, wenn möglichst viele Frauen die von Ute Osterkamp

im Widerspruch zu den wesentlichen Intentionen der Kritischen Psychologie

aufgerichteten Grenzzäune (die gewiß den offenen oder versteckten Beifall

vieler Männer finden) nicht dumm, passiv und ängstlich respektieren, sondern

selbstbewußt und tätig schon hier und jetzt zu überwinden versuchen.

Das Eine tun und das Andere nicht lassen

Ein zentraler Streitpunkt in unserer Auseinandersetzung ist die Frage der Veränderung

der Gefühle. Wir halten diese für möglich und auch für nötig. Dies

ist so neu nicht: »Man sagt uns, unsere Gefühle seien etwas Ursprüngliches;

dabei können sie so leicht erzeugt werden, und wie schnell sind sie zu verändern.«

(Brecht 1967, 516) Wir stimmen mit Brecht darin überein, daß die Gefühle

nichts Statisches, sondern historisch geworden und somit veränderbar

sind. Daß diese Veränderung nicht einfach ist, wissen wir, die daran arbeiten.

Ute Osterkamp bezweifelt jedoch die Möglichkeit der Veränderung der Gefühle

hier und jetzt. Sie begründet ihren Zweifel mit der »materialistischen

Grundeinsicht« , daß sich die Menschen » keineswegs beliebig von ihren Bedürfnissen

und Gefühlen befreien«, sondern dies nur möglich sei über die

»Veränderung der Daseinsverhältnisse« (829). Nun war jedoch nicht die Rede


Dumm und neidisch bis zur Revolution? 843

von einer »beliebigen« Veränderung. Worum es geht ist, wie wir unsere Handlungsfähigkeit

erweitern und für unsere Befreiung tätig werden können - in

der Veränderung der Verhältnisse!

Ich will an meinem eigenen Untersuchungs feld versuchen, das Problem zu

verdeutlichen und den Nutzen der Erforschung der Gefühle und ihrer Veränderungsmöglichkeiten

aufzuzeigen. Mein Interesse gilt Mädchen, die lange

schon bevor sie die »objektive Widersprüchlichkeit der Berufstätigkeit« (831)

erfahren haben, sich mit geringerer Aus- und Schulbildung zufriedengeben -

sich im Verlaufe ihrer Sozialisation andere Prioritäten und Lebensziele setzen

als Entfaltung im Beruf, die »sowieso irgendwann« heiraten wollen. Wie

kommt es dazu, weshalb geben sie sich zufrieden?

Eine Ursache ihres Desinteresses sind die objektiven Behinderungen in der

schulischen Praxis, die üblichen Lehr- und Lernformen. Der Unterricht geht

an ihnen »vorbei«, der Stoff weckt ihr Interesse nicht. Gegen die sie in ihren

Entwicklungsmöglichkeiten behindernden Strukturen leisten sie Widerstand

- sie verweigern sich dem Unterricht. Wie praktizieren sie diese Verweigerung?

Eine bekannte Form des Sich-Entziehens ist (möglichst mit anderen

Mädchen), während des Unterrichts auf die Toilette zu gehen, sich dort die

Haare zu kämmen, das Make-up in Ordnung zu bringen, eine Zigarette zu rauchen

etc. Sie leben offenbar die Behinderungen in der Schule, indem sie andere

Praxen entwickeln, bzw. die schon in Ansätzen entwickelten ausbauen - gegen

die Behinderungen. Was bedeutet das für ihre »Gefühle« - sowohl für

die, die an die schulischen Behinderungen geknüpft sind, als auch für die, die

mit den »anderen« Praxen verbunden sind?

Befragen wir Ure Osterkamps Angebot zum Begreifen der Emotionen. Sie

untersucht Emotionen hinsichtlich ihrer Funktion für individuelles Handeln.

Sie sind Bewertungen der Umweltgegebenheiten gemessen am subjektiven Befinden

und den Handlungs-/Eingriffsmöglichkeiten ihnen gegenüber. Die Negativ-Bewertung

der Umwelt gemessen am subjektiven Befinden kann als

»Antrieb« für veränderndes Eingreifen in die Umweltgegebenheiten verstanden

werden. Wenn allerdings die Umweltgegebenheiten widersprüchlich, »die

durch die anderen erfahrenen Unterstützungen ambivalent« sind, das Individuum

also durch veränderndes Eingreifen Konflikte antizipieren muß, ist die

Umsetzung der durch die Emotionalität gegebenen Handlungsimpulse behindert.

Die Emotionalität kann sich »von einer Instanz zur Ermöglichung in eine

Instanz zur Verhinderung von Handlungen zur Verbesserung der eigenen Lebensumstände«

verkehren (H.-Osterkamp 1978, 22).

Kommen wir zurück zu den Mädchen, die Anlaß waren für die Darstellung

Ute Osterkamps Emotionsmodell. Dieses auf die oben geschilderte Situation

angewandt heißt: die negativen, ablehnenden Emotionen gegenüber dem schulischen

Unterricht sind Resultat objektiver Behinderungen - diese müssen angegangen

werden. Wer soll dies tun? Wollen die Mädchen sie verändern? Was

hält sie davon zurück? Hier würde Ute Oster kamp möglicherweise auf die Widersprüche,

die geringe soziale Abgesichertheit - kurz: auf die Faktoren hinweisen,

die die Emotionen zu »einer Instanz der Verhinderung von Handlungen

...« werden lassen. Bleibt nach Ute Osterkamp nur die Möglichkeit der Re-

DAS ARGU~IENT 136/1982


844 Brita Rang/Christine Thomas

signation, das Sich-Anpassen, bis die Verhältnisse verändert sind - und wir

wissen immer noch nicht, wer sie unter solchen Umständen verändern soll.

Aber mein Beispiel kann sich mit den obigen Erklärungen nicht zufriedengeben.

Es lenkt den Blick vielmehr auf die genauere Untersuchung der »Verhinderung«

von Handlungen. In welchen weitaus vielfältigeren Formen als Opportunismus

(Resignation) werden denn die »Verhinderungen« gelebt? Was

tun die Mädchen anstelle des Lernens im Unterricht - was tun sie anstelle des

Veränderns der objektiven Bedingungen? Wir sahen, eine Form des Widerstands

ist das Entwickeln anderer Praxen. Sie schminken sich, konzentrieren

sich auf ihr Äußeres, wollen auch die Aufmerksamkeit anderer darauf lenken.

Warum wählen sie gerade diese Praxis? Mit welchen anderen Praxen ist sie

verknüpft? Wie mit den gesellschaftlichen Vorstellungen über Frau-Sein? In

welche anderen Unterwerfungsstrukturen begeben sie sich, welche neuen Beund

Verhinderungen schaffen sie sich durch das Ergreifen dieser »typisch

weiblichen« (Widerstands)Praxis? Welche Hoffnungen, Wünsche, Bedürfnisse

sind daran geknüpft? Welche Rolle spielen die gemachten Erfahrungen

in/mit dieser Praxis? Welche die ideologischen Instanzen, welche die Warenästhetik?

Ist die »Flucht« in andere Praxen nicht gleichzeitig eine Umwertung/Umformung

der »negativen« Emotionen? Bedeutet dies nicht, daß sie weit mehr

sind als »eine Instanz zur Verhinderung« von Handeln: so etwas wie eine

»Kitt-Instanz« in dem Sinne, daß die Entwicklungsbehinderungen durch Sinngebung,

die geknüpft ist an gesellschaftliche Normen und Werte, als Nicht­

Behinderungen, ja sogar als Glück gelebt werden können und so auch zu weiteren

Behinderungen/Unterwerfungen führt. Bei den Mädchen ist die »Kitt­

Instanz« in mehrfacher Weise funktional für die Stabilisierung der Verhältnisse:

sie macht den Verzicht auf Wissensaneignung möglich, damit Verzicht auf

möglichst umfassende gesellschaftliche Teilhabe und sie stabilisiert den Geschlechtergegensatz,

in dem die Mädchen in die untergeordnete Position sich

hineinentwickeln. Folgt daraus nicht, daß für die Veränderung der Verhältnisse

die Veränderung der Haltungen und Gefühle, die diese weitgehend stabilisieren,

unumgänglich ist?

Die in der gebotenen Kürze angerissenen Fragen berühren auch die Frage

der SubjektkollStitution - sie ist ein Dreh- und Angelpunkt in unserer Kontroverse

(vgl. dazu auch die Auseinandersetzung mit dem Projekt Ideologie­

Theorie im Forum Kritische Psychologie 11, Argument -Sonderband 93, 1982).

Der Vorwurf gegen uns lautet: »Die objektiven Entwicklungsbeschränkungen

werden in subjektive Entwicklungsbeschränktheiten uminterpretiert.« (828) Es

geht allerdings nicht um eine »Uminterpretation«, sondern - darauf wiesen

wir schon hin - um das Begreifen des Verhältnisses von objektiver Bestimmtheit

und subjektiver Bestimmung, nicht um die Reduktion auf eines von beiden.

Ute Osterkamps beharrliche Ablehnung unserer Annahme, daß es veränderte

Menschen braucht, um die Verhältnisse zu verändern, Menschen, die die

Verhältnisse überhaupt ändern wollen und können, läßt Vermutungen darüber

anstellen, wie sie die Konzeption des Individuums sich denkt: Die einschränkenden

Verhältnisse beschränken zwar das Individuum, »schnüren« es ein -

f'lA, ARr.1JMFNT 136/1982


Dumm und neidisch bis zur Revolution? 845

jedoch die Verhältnisse bleiben ihm äußerlich. Aber gehen nicht die Widersprüche,

die Zerrissenheit der Verhältnisse durch es hindurch? So daß Elemente

des Widerstands und der Anpassung durch Aneignung gesellschaftlicher,

herrschender Werte und Denkweisen im Individuum integriert sind? Die unterschiedlichen,

teils widersprüchlichen Anforderungen der verschiedenen Praxen

hinterlassen doch ihre Spuren im Denken, Handeln, in Gefühlen, Wünschen

etc. Wie kann die Vorstellung einer Einheitlichkeit des Subjekts erklären, daß

- um nur ein Beispiel zu nennen - Frauen für ihre Befreiung und eine

menschliche Gesellschaft kämpfen und gleichzeitig unglücklich sind, wenn sie

Anerkennung nicht (auch) über ihr Aussehen erhalten, oder daß sie über die

Behinderungen von Ehe und Familie forschen und in »Beziehungs krisen« andere

Tätigkeiten sofort zurückstellen etc.?

Kontrovers sind auch unsere Auffassungen zur Berujstätigkeit von Frauen.

Die in Ute Osterkamps »Kritik« vertretene Position zur Berufstätigkeit steht

u.E. im Widerspruch zu einigen ihrer theoretischen Annahmen.

Von Marx und Seve haben wir die Erkenntnis, daß das »menschliche Wesen«

nicht uns inwohnend, sondern hinausverlagert in die Gesellschaft existiert.

Es ist die vergegenständlichte Arbeit, das gehäufte tradierte Wissen und

Können. Der Vergesellschaftungsprozeß ist die (teilweise) Aneignung des

»menschlichen Wesens«. Darauf aufbauend arbeitet Ute Osterkamp die »produktiven«

Bedürfnisse als spezifisch-menschliche Bedürfnisse heraus. Sie sind

sozusagen der Motor für die Aneignung des »menschlichen Wesens«. Diese

Bedürfnisse sind auf den Erwerb der Umweltkontrolle und auf die Ausdehnung

der sozialen Beziehungen gerichtet (vgl. H.-Osterkamp 1976,23). Die Befriedigung

der »produktiven« Bedürfnisse ist nur möglich durch »Teilhabe an

der gesellschaftlichen Produktion« (ebd. 36). In kapitalistischer Produktion ist

der »Erwerb der Kontrolle über die relevanten Lebensbedingungen«, mithin

die Vermenschlichung, nur beschränkt möglich. Aber der schon mögliche Teil

wird weitaus mehr von Männern als von Frauen verwirklicht. Verwirklicht

meint: in die gesellschaftliche Produktion einbezogen sein, denn dort findet

Entwicklung statt, befindet sich gesellschaftliches Wissen, wird es angewandt.

Können wir mit diesen Annahmen, die grundlegend für die Kritische Psychologie

sind, nicht sagen: die Bedingung für die Vermenschlichung und

menschliches Bedürfnis ist die Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion?

Bedingung/Voraussetzung der Berufstätigkeit für die individuelle Entwicklung

ist nicht gleichzusetzen mit »Garant individueller Entwicklung« (831), denn es

ist noch nichts darüber ausgesagt, wie die Frauen die Strukturen ergreifen, in

ihnen handeln. Und wir wissen auch, daß die Arbeitsbedingungen - in besonderem

Maße für Frauen - schlecht sind, weil fremdbestimmt, unmenschlich

etc. Aber sind diese nicht nur dann zu verändern/verbessern, wenn man/frau

sich in diesem Feld bewegt, weil nur so die Erfahrung gemacht werden kann,

was zu bewegen ist für die Veränderung?

Ute Oster kamp dagegen setzt die »objektive Widersprüchlichkeit der Berufstätigkeit«

(831) ein jür die private Form der Familie und will die Frauen

zudem »schützen« vor dem »Widerstand der Männer«, denen aus allgemein

bekannten Gründen die Frau im Hause eine Erleichterung ist. Mal abgesehen

DAS ARGUMENT 136/1982 ©


846 Brita Rang/Christine Thomas

davon, daß Ute Oster kamp sich den Geschlechierkampf wesentlich als harmonisch

lösbar vorstellt, was eine Verharmlosung des Unterdrückungs verhältnisses

darstellt, gibt sie für die Frauen die historisch möglichen Entwicklungsmöglichkeiten

auf.

Wir denken, daß Frauen, deren ausschließliches Tätigkeitsfeld in der Familie

liegt, nur vermittelt teilhaben an der gesellschaftlichen Arbeit, also auch an

den Eingriffen in die gesellschaftliche Veränderung. Ihnen ist die Grundlage

der »produktiven« Bedürfnisbefriedigung weitgehend entzogen. Die Auswirkungen

auf die subjektive Befindlichkeit sind bekannt: sie leiden, nicht nur,

aber auch. Dies zeigen zur Genüge die Statistiken und die vermuteten Dunkelziffern

über Alkohol- und Tablettenabhängigkeit bei Hausfrauen und die weniger

»auffälligen« Weisen (den Frauen z.T. als »weibliche Eigenschaften« zugeschriebenen)

von Launenhaftigkeit, Unausgeglichenheit, diffusem Unbehagen

und Unzufriedenheit. Nun ist es nicht damit getan, sich für oder gegen Berufstätigkeit

auszusprechen. Offen bleibt die Frage, warum trotz des Leidens

viele Frauen Familie und Hausarbeit der Berufstätigkeit vorziehen.

Das bedeutet, daß wir auch hier ansetzen müssen, an den konkreten Entwicklungsmöglichkeiten

und (damit einhergehenden) Be/Verhinderungen.

Daß wir untersuchen, welche »attraktiven« Angebote für Frauen bereitliegen,

die es ermöglichen, auf gesellschaftliche Teilhabe zu verzichten und fragen danach,

wie konkret sie diesen Verzicht etwa in der Hausfrauen-Praxis leben.

Die Perspektive der Selbstvergesellschaftung weist doch auch den Weg: die

selbsttätige Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse und als Voraussetzung

und damit einhergehend, die Veränderung der Haltungen und Gefühle,

die uns zusätzliche Fessel für unsere eigene Befreiung sind. Das macht die Erforschung

der uns behindernden Gefühle in allen Praxen notwendig. So zu

denken, bedeutet schon ein Stück Haltungs-Änderung von uns und Herausforderung

für uns alle.

Literaturverzeichnis

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Götze, Karl-Heinz: Keine Befreiung ohne Selbstveränderung. In: Opfer/Täter - Diskussion 2.

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Haug, Frigga: Männergeschichte, Frauenbefreiung, Sozialismus. In: Das Argument 129, 1981,

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Haug, Frigga: Nur Mißverständnisse? In: Opfer/Täter - Diskussion 2. Argument-Studienheft

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Holzkamp, Klaus: Individuum und Organisation. In: Kritische Psychologie 7. Argument-Sonder

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H.-Osterkamp, Ute: Motivationsforschung 2. Frankfurt/M. 1976

H.-Osterkamp, Ute: Erkenntnis, Emotionalität, Handlungsfähigkeit. In: Kritische Psychologie

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H.-Osterkamp, Ute: Unterdrückung oder Selbstunterwerfung? Zu Frigga Haugs »Opfer/Tätef«­

Konzept, in die,em Heft.

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847

Günther Anders

Warum ich meine Zugehörigkeit zur Jüdischen Gemeinde aufgebe

Brief an die israelitische Gemeinde der Stadt Wien

Sehr geehrte Herren, 17. Juni 1982

bitte nehmen Sie dieses Schreiben und den in diesem mitgeteilten Schritt nicht leicht.

Denn ich bin nicht nur der in Ihren Listen aufgeführte Steuerzahler Günther Stern, sondern

außerdem jemand anderer. Schon mein Freund Friedrich Heer, der neulich die

Laudatio auf mich gehalten hat, hat im letzten »Jüdischen Echcx< gefragt: »Wer von

Wiens Juden kennt ihn?« Kurz: ich bin Günther Anders, international bekannt, auch

Träger des Kulturpreises des Staates Österreich und der Stadt Wien (wovon nur Sie niemals

Kenntnis genommen haben), vermutlich der, außer dem Kanzler und Herrn Wiesenthal,

international namhafteste österreichische Jude. Außerdem bin ich, im Unterschied

zum Erstgenannten, ein sehr bewußter Jude, der so früh (seit 4D Jahren) und so

pausenlos über das Ausch""itz-»Thema« geschrieben hat ~e sehr wenige andere (zuletzt

in »Besuch im Hades«, München 1979). In einem von einem evangelischen Verlag publizierten

Text (»Mein Judentum«, Kreuzverlag) finden Sie den Satz: »Nichts erfüllt mich

mit solcher Scham, wie einem Mit juden zu begegnen, der sich seines Judeseins schämt.«

Und in Warschau ist es mir bei einem Kongreß gelungen, Araber zu veranlassen, auf den

Stufen des Ghettodenkmals, auf denen ich sprach, einen Kranz für die jüdischen Toten

niederzulegen.

Wenn ich Ihnen also erkläre, daß ich mich entschlossen habe, aus der hiesigen Gemeinde

auszutreten, so können Sie diesen Schritt nicht mit »jüdischem Selbsthaß« erklären

(der mir verhaßt ist). Meine Familie lebt übrigens in Israel und besteht ausschließlich

aus Israelis. Und mein Besuch in Jemsalem bleibt mir unvergeßlich. (00')

Unter Juden, denen ich mich zugehörig empfinde, und auf die ich stolz wäre, wenn

man auf Andere stolz sein dürfte, verstehe ich Figuren wie Jesajah oder Maimonides

oder Spinoza. Unter keinen Umständen aber hemmungslose Mißachter aller Menschenwürde

und allen Menschenrechts. Sie wissen, von wem ich rede. Wenn dieser Mann -

beinahe hätte ich gesagt: dieser Ärmste - so geworden ist, wie er nun ist, so wahrscheinlich,

weil ihn die barbarische Behandlung der Seinen mit-barbarisiert hat. Sie sehen: ich

bin nicht unfair. Nichtsdestoweniger gilt: Was Begin nun getan hat und ebenso, herzzerbrechenderweise,

das israelische Volk (das ihm so blind gehorcht, wie das deutsche Volk

Hitler gehorcht hatte, als es 6 Millionen von uns ausrottete) -, was Begin nun getan hat,

das geht sternenweit über alles hinaus, was als »Repressalie« oder »Selbstverteidigung«

in Schutz genommen werden könnte. Begin hat es in der Tat zustandegebracht, daß ich,

der Selbsthaß Hassende, bei dem Gedanken, dazuzugehören, erröte.

Vollends würdelos und eine unentschuldbare moralische Zumutung ist es, wenn Sie:

Männer und Frauen der Israelischen Gemeinde, die dort geschehene blutige Infamie verteidigen,

nein: uns sogar, wie Sie es soeben getan, dazu auffordern, das Gemetzel überall

verbal zu verteidigen. Einer solchen Gemeinde anzugehören, schäme ich mich. Als nahezu

Achtzigjähriger wünsche ich nicht, daß neben dem Verfall meiner physischen Kräfte

auch der meiner Würde eintrete. Deshalb gebe ich meine Zugehörigkeit auf!

Diese Aufgabe bedeutet natürlich nicht, daß ich aus dem Judentum austrete. Das

kann man gar nicht. Selbst ein so restlos ungläubiger Jude wie ich kann das nicht. Und

selbst, wenn man das könnte, so würde ich, in Variation des notorischen Luegersatzes

erklären: »Ob ich Jude bin oder nicht, das bestimme ich.«

(00') Schalom!

DAS ARGUMENT 136/1982


848

Bruno Frei

Zur Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts

Zweifellos ist der Mittlere Osten heute der wichtigste Unruheherd der Weltpolitik.

Zweifellos auch ist die Existenz des Staates Israel, entstanden im Widerstand

der Araber gegen diesen Staat, der wichtigste Grund für die Existenz dieses

Unruheherdes. Überschattet ist er vom Ost-West-Konflikt. Die Völker beider

Seiten sind gründlich verhetzt und diese Verhetzung setzt sich in zwei Lagern

in der ganzen Welt fort, wobei Israel immer mehr in die Isolation gerät

und die Lösung der Frage immer schwieriger zu werden scheint. Gibt es eine

für fortschrittliche Menschen zumutbare Lösung dieses Konflikts?

Zunächst ein historischer Überblick: Am 2. November 1917,5 Wochen vor

der Eroberung Jerusalems durch die Engländer, veröffentlichte die britische

Regierung durch Außenminister Balfour eine Erklärung für die Schaffung einer

nationalen Heimstätte der Juden in Palästina, die Erklärung kam zustande,

nachdem auch Präsident Wilson seine Zustimmung dazu gegeben hatte.

Lord Balfour ging über die Tatsache hinweg, daß Palästina unter türkischer

Herrschaft kein Leerraum war; es lebten dort sowohl die palästinensischen

Araber wie auch Juden in einzelnen jüdischen Siedlungen, wie z.B. die von

Rothschild gegründeten landwirtschaftlichen Siedlungen sowie in dem altjüdischen

Jischuw, das sind von alters her in Palästina lebende jüdische Gemeinden

u.a. in Jerusalem und Safed. Die Folge war ein dauernder Kriegszustand

zwischen Juden und Arabern, ein Kriegszustand, der in der Folge zu mehreren

bewaffneten Zusammenstößen geführt hat, die niemals mit einem Friedensschluß

endeten, immer nur von kurzlebigen Waffenstillstandsvereinbarungen

unterbrochen wurde.

»Im Frühjahr 1918 waren die arabischen Führer in Palästina und Ägypten

sehr eifrig bemüht, sich mit den Zionisten auf der Grundlage gegenseitiger

Konzessionen zu verständigen.« (Bericht zum 12. Zionistenkongreß 1921, in:

Israels Weg zum Staate, DTV Dokumente 1964, 255). Auch Dr. Weizmann,

Führer der Zionisten, bemühte sich, diese Annäherung zu fördern. Die positive

Haltung der Araber änderte sich rasch, als sie merkten, daß sich die Unterstützung

der britischen Regierung für die Juden in sehr engen Grenzen hielt.

Die britische Regierung hatte nämlich wenig Interesse daran, daß die Einwanderung

von Juden die Ausmaße erreichte, wie sie die Zionisten wünschten.

Am 3. November 1918 siegten die Alliierten. Die arabischen Führer intervenierten

bei den Engländern, um eine verstärkte Einwanderung von Juden nach

Palästina zu verhindern. Gespräche zwischen Weizmann und Emir Feisal hatten

zur Folge, daß doch größeren Gruppen von Juden die Einwanderung nach

Palästina ermöglicht wurde: Lord Balfour hatte sich 1922 im Unterhaus gegen

den Vorwurf über zu große Einwanderungsmöglichkeiten für Juden nach Palästina

zur Wehr gesetzt und erklärt, Palästina sei ein unterbevälkertes Land,

eine wirtschaftliche Entwicklung sei nur durch Einwanderung möglich. Doch

blieb dieses Thema ein ständiges Streitobjekt unter den arabischen Völkern

und Regierungen.


DAS ARGUMENT 136/1982

Zur Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts 849

Die jüdische Bevölkerung Palästinas betrug zu Ende des 1. Weltkriegs etwa

65000. Die vorsichtige Einwanderungspolitik der Mandatsmacht einerseits

und die Maßnahmen der Zionisten selbst, nämlich die illegale Einwanderung,

die zu diesem Zeitpunkt noch relativ gering war, erhöhten die Zahl der Juden

in Palästina bis 1933 auf 220000. Interessanterweise nahm in dieser Zeit in etwa

gleichem Ausmaß auch die arabische Bevölkerung zu. Die Industrialisierung

des vorher brachgelegenen Landes machte es attraktiv. Lebten 1922 auf

dem Gebiet noch 186000 Araber, so waren es Ende der Dreißiger Jahre bereits

eine Million.

Mit dem Sieg der Nazis in Deutschland entstand eine völlig neue Situation.

Es kam zur Masseneinwanderung, die die Engländer zu unterbinden trachteten.

Trotz der Eindämmungsversuche gelang es vielen Juden aus Deutschland,

illegal ins Land zu kommen, teils sogar auf see-untüchtigen Schiffen. Viele der

Einwanderer wurden freilich von der Mandatsmacht gefangengenommen und

deportiert.

1936 kam es zum offenen Widerstand der einheimischen arabischen Bevölkerung

gegen die jüdische Einwanderung und auch gegen die Engländer. Die

Pazifizierungsversuche der Mandatsmacht, zum Teil durch Truppen, führte

zur Idee der Teilung des Landes zwischen Juden und Arabern. Dieser Teilungsplan

wurde von einer von der britischen Regierung eingesetzten Sonderkommission

(Peei) vorgelegt. Die Peel-Kommission erklärte den Balfour-Plan für

undurchführbar und stellte fest, daß nur eine Teilung Palästinas zwischen Juden

und Arabern den Weg zu einer Lösung öffnen könne. Nach diesem Teilungsplan

sollten zwei Staaten, ein jüdischer und ein arabischer, entstehen, der

arabische Staat sollte vom jüdischen, bereits fortgeschritteneren, eine Subvention

zum Ausbau des ihm zugewiesenen Gebietes erhalten. Seine Unabhängigkeit

sollte Palästina durch Beschluß des Völkerbundes erhalten.

In einem unabhängigen Staat sollen Araber und Juden gemeinsam in der Weise regieren, daß die

wesentlichen Interessen jeder Gemeinschaft gesichert sind ... [a.a.O., 300],

heißt es dort wörtlich. Die britische Regierung als Mandatsmacht behielt sich

vor, die Zahl der Einwanderer zu regeln und zu beschränken. Das gelang ihr

freilich nicht. Die Zahl der Einwanderer überstieg in dieser Zeit (1936-39) wegen

der Flucht der deutschen Juden vor den Gefahren, die sie auf sich zukommen

sahen, bei weitem den Plan der Engländer. Als der 2. Weltkrieg ausbrach,

erklärten die Juden in Palästina, trotz der feindseligen Haltung der britischen

Regierung in der Frage der Einwanderung, ihre Bereitschaft, am Krieg teilzunehmen.

Die Jewish Legion wurde gegründet und an der Front eingesetzt.

Bei Bekanntwerden von Hitlers »Endlösung« während des 2. Weltkrieges ist

unter den Juden der anglosächsischen Länder, also England und Amerika, der

Ruf nach Gründung eines jüdischen Staates immer stärker geworden. Als 1945

die Lage der Juden in Europa den Alliierten in ihrer vollen Grausamkeit bewußt

wurde, schien auch die Zeit reif, in Palästina einen jüdischen Staat zu

gründen. Innerhalb der Vereinten Nationen setzten sich die Alliierten dafür

ein, diesen Staat ins Leben zu rufen. 18 Monate nach Kriegsende, im Jahr

1947, geht eine Sonderkommission der UNO nach Palästina, auf deren Bericht

der Teilungsbeschluß der UNO-Vollversammlung vom 29. November 1947 ba-


850 BrunoFrei

siert. Gemäß dem Teilungsbeschluß war von bei den Teilstaaten ein provisorischer

Staatsrat zu bilden, der eine bewaffnete Streitmacht aufzustellen hätte,

dessen Oberkommando sich die UNO-Kommission vorbehielt. Vorgesehen

war ferner, Wahlen zu einer verfassungsgebenden Körperschaft zu halten. Der

Teilungsbeschluß sah ferner vor, daß in bei den Staaten eine Wirtschaftskommission

zu bilden sei, die die Voraussetzungen für eine Wirtschaftsunion zu

schaffen hätte.

Am 14. Mai 1947 hielt der sowjetische Außenminister Gromyko vor der

UNO-Vollversammlung eine Rede, in der er unter anderem sagte:

Während des letzten Krieges erlitten Juden außergewöhnlichen Kummer und Schmerz ... Große

Massen der überlebenden Juden Europas wurden ihres Landes, ihrer Heimstätten und ihrer Existenzmöglichkeiten

beraubt ... Die Vereinten Nationen können und dürfen diese Situation nicht

teilnahmslos betrachten, denn dies wäre unvereinbar mit den Prinzipien, die in der Charta proklamiert

wurden, die die Verteidigung der ~Ienschenrechte ohne Rücksicht auf Rasse, Religion

oder Geschlecht stipuliert. - Die Zeit ist gekommen, diesen Menschen zu helfen, nicht mit Worten,

sondern mit Taten. Es ist notwendig, Sorge um die dringlichen Bedürfnisse eines Volkes zu

zeigen, das in folge des vom Hitlerdeutschland entfesselten Krieges so großes Leid ertragen hat.

Das ist eine Pflicht der Vereinten Nationen ... - Die Erfahrung der Vergangenheit, insbesondere

während des Zweiten Weltkriegs, zeigt, daß kein westeuropäischer Staat in der Lage war, dem

jüdischen Volk in der Verteidigung seiner Rechte und seiner bloßen Existenz vor der Gewalttätigkeit

der Hitleristen und ihrer Verbündeten hinreichenden Schutz zu bieten ... Dies erklärt die Bestrebungen

der Juden, ihren eigenen Staat zu errichten. Es wäre ungerecht, dies nicht in Betracht

zu ziehen und das Recht des jüdischen Volkes auf Verwirklichung dieser Bestrebung zu leugnen.

Am 14. Mai 1948 erließ der Provisorische Staatsrat des künftigen Staates Israel

eine Proklamation, in der es u.a. heißt:

In Erez Israel stand die Wiege des jüdischen Volkes, hier wurde sein geistiges, religiöses und politisches

Antlitz geformt, hier schuf es seine nationalen und universellen Kulturgüter und schenkte

der Welt das unsterbliche 'Buch der Bücher'. [a.a.O., 307]

Die Proklamation erinnert an die jahrhundertelange Vertreibung und Verfolgung

der Juden, an die Tatsache, daß die Juden nie aufgehört hatten, zu hoffen,

daß sie in ihre alte Heimat zurückkehren würden, erinnert schließlich an

die Katastrophe, die Hitler über das jüdische Volk gebracht hatte. An die Araber

wendet sich die Proklamation wie folgt:

Wir appellieren - sogar während der Dauer des blutigen Angriffs, der auf uns seit Monaten unternommen

wird - an die Angehörigen des arabischen Volkes, die im Staate Israel leben, den

Frieden zu bewahren und sich am Aufbau des Staates auf der Grundlage voller bürgerlicher

Gleichheit und entsprechender Vertretung in allen Institutionen des Staates ... zu beteiligen.

[a.a.O., 309110]

Nachdrücklich wird festgestellt:

Der Staat Israel wird bereit sein, ... auf die Durchführung der wirtschaftlichen Einheit ganz Palästinas

hinzuwirken. [a.a.O., 309]

Im Jahr 1950 beschloß die Regierung des Staates Israel das »Gesetz der Rückkehr«,

das jedem Juden, der den Wunsch und die Möglichkeit hat, das Recht

gibt, sich im Staate Israel niederzulassen. 1948, unmittelbar nach der Staatsgründung,

begann der erste israelisch-arabische Krieg. In den Augen der Israelis

war das der Befreiungskrieg zwecks Besitznahme des von der UNO den Juden

zugesprochenen Landes. Der Krieg mußte geführt werden gegen die Ara-


DAS ARCiU:I1ENT 1l6!l982

Zur Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts 851

ber, die sich dem UNO-Beschluß widersetzten. In den Augen der Palästinenser

war es der Befreiungskrieg gegen die Eindringlinge. Den Teilungsbeschluß der

Weltorganisation anerkannten weder die Palästinenser noch die arabischen

Grenzstaaten - für sie mußte der Krieg gegen den entstehenden jüdischen

Staat, diesen »Pfahl im Fleisch der arabischen Nation«, geführt werden.

Für die Palästinenser war der Teilungsplan eine Aggression, die vorgesehene

Einwanderung der luden eine Invasion. Von hier an ist Palästina jener Unruheherd,

der die Welt in Brand zu stecken droht. Die Palästinenser, organisiert

in der PLO (Palestine Liberation Organisation) mit ihren Teilorganisationen,

kämpfen für die Ausschaltung Israels aus Palästina. In den Augen der luden

ist dieser Plan gleichbedeutend mit einem neuen Auschwitz. Die EI Fatah, eine

Teilorganisation der PLO, hat den Alleinanspruch der Palästinenser auf das

Land auf das rüdeste formuliert. Wir lesen:

Die Befreiungsaktion bedeutet nicht nur. eine imperialistische Basis auszumerzen, sondern, was

wichtiger ist, die Vernichtung einer Gesellschaft. Deshalb muß der bewaffnete Kampf verschiedene

Formen annehmen, zusätzlich zur Liquidation der Armee des Zionistenstaates sollte die

Vernichtung der die zionistische Gesellschaft erhaltenden Faktoren aller Formen angestrebt werden:

Industrie, Landwirtschaft, Finanzen. Der bewaffnete Kampf soll auch notwendigerweise

die Vernichtung der verschiedenen militärischen, politischen, wirtschaftlichen, finanziellen und

intellektuellen Organisationen des zionistischen Okkupationsstaates anstreben, um jede Möglichkeit

der Wiedererrichtung einer neuen zionistischen Gesellschaft zu verhindern. Die militärische

Niederlage der Zionisten ist nicht das einzige Ziel des palästinensischen Befreiungskrieges,

vielmehr ist es auch das Ausradieren des zionistischen Charakters im besetzten Land, menschlich

und gesellschaftlich.

Und an anderer Stelle:

Der jüdische Staat ist eine abnormales, irriges Phänomen in der Geschichte unserer Nation und

deshalb gibt es keine Alternative, als jede Spur der Existenz dieses künstlichen Phänomens auszuradieren.

[Harkabi: AI Fatah's Doctrine. In: The Israel-Arab Reader, W. Laqueur, Penguine

Books, 1970, 45617]

Dieser Genozid-Plan stößt natürlich auf erbitterten Widerstand, nicht nur der

luden, und nicht nur in Palästina. Er trägt den Keim des 3. Weltkrieges in sich.

- Wie steht es mit den gemäßigten Palästinensern? Yassir Arafat gilt als ein

Gemäßigter. Er hat freundschaftliche Beziehungen zum ästerreichischen Bundeskanzler

Kreisky. Sein Plan sieht die Bildung eines demokratischen, palästinensischen

Staates vor, in dem die luden als religiöse Minderheit leben können.

Die wichtigste Quelle für Arafats politische Ansichten in bezug auf die luden

ist seine Rede vor der UNO am 13. November 1974. Er sagte:

Wir bieten ihnen die großzügigste Lösung, eine Lösung, in der wir gemeinsam leben können in

einem gerechten Frieden, leben in einem einheitlichen, demokratischeIl Staat Palästina, wo Christen,

Juden und 1vloslerns leben können in Frieden, Gleichheit, Brüderlichkeit und Fortschritt.

Ein Staat in Palästina, das heißt, nicht ein zweiter Staat neben Israel, sondern

ein einziger Staat in ganz Palästina: Der Staat der PLO. Alle Zeitungen der

Welt, in denen der Wortlaut der Rede nicht weggeschwindelt wurde, haben

diesen Ausschließlichkeitsanspruch als das Programm der Liquidierung des

Staates Israel verstanden. Im Leitartikel von »Le Monde« des gleichen Tages

heißt es:


852 BrunoFrei

Die Wahrheit, die nun ans Tageslicht kommt, ist, daß es zumindest einen Staat zuviel gibt auf

dem Boden von Palästina.

Die drei Millionen Juden, die gegenwärtig mehr als den ihnen zugedachten Teil

Palästinas bewohnen, werden sich die neugewonnene Heimat freiwillig nicht

wegnehmen lassen. Über ihren Staat und dessen Existenzberechtigung werden

sie auch nicht mit sich reden lassen. Das schließt aber nicht aus, daß geredet

werden kann und muß. Zum Beispiel über die Ausmaße dieses Staates. Über

die im und nach dem 6-Tage-Krieg eroberten Gebiete, die Menachem Begin

mit dem fanatischen Ton des Eiferers als das biblische und somit den Juden gehörende

Judäa und Samaria einstecken will. Darüber kann und muß geredet

werden, freilich nicht mit Begin.

Begin und seine Regierung versuchen künstlich, jüdische Siedlungen in das

ehedem fast ausschließlich von arabischen Palästinensern bewohnte Land zu

pflanzen, um ein fait accompli vor jenen früher oder später unausweichlichen

Abtretungsgesprächen zu schaffen. Das führt zum berechtigten Widerstand

der bodenständigen Bevölkerung, von der reaktionären Militärverwaltung unter

dem Befehl einer reaktionären Regierung mit Polizeigewalt niedergeknüppelt.

Die Gefühle der so unterdrückten arabischen Palästinenser richten sich,

wie bei solcher Eskalation des beiderseitigen Chauvinismus kaum anders möglich,

nicht mehr nur gegen eine brutale Militärverwaltung und deren Chefs in

der Knesset, sondern gegen das ganze israelische, das heißt, israelisch-jüdische

Volk, das derlei zuläßt. Die Kehrseite der Medaille sieht naturgemäß ähnlich

aus: Haß gebiert wieder Haß. Das Klima von Mißtrauen und Feindschaft hat

einen bedenklich großen Teil der israelischen Juden erfaßt. Wie groß der ist,

läßt sich daran ablesen, daß die Arbeiterpartei Mapai - gespalten in eine Perez-

und eine Rabin-Fraktion - es nicht wagt, mit einer echten Alternative in

der Palästinenserfrage vor das Volk und gegen Begin aufzutreten. Die Annektion

des Golan beispielsweise wurde in der Knesset nur von einem gegen seine

Partei auftretenden Mapai-Abgeordneten, der linkssozialistischen Mapam,

den arabischen Vertretern und der Shelley abgelehnt.

Auf der anderen Seite ist da die arabische Erbsünde, den UNO-Teilungsplan

1947 nicht anerkannt und damit mindestens den ersten der Kriege, die um dieses

Land geführt wurden, verursacht zu haben. An der gegenseitigen Feindschaft

trägt das nicht geringe Schuld. Das Recht auf einen eigenen Staat kann

den arabischen Palästinensern deshalb aber nicht abgesprochen werden. Sowohl

von einem welthistorischen wie einem weltpolitischen Standpunkt ist ein

Ausschließlichkeitsanspruch weder von arabischer noch von jüdischer Seite

akzeptabel. Auf beiden Seiten wird dieser Anspruch lautstark geäußert und er

ist auf beiden Seiten reaktionär.

Ein alter, aber nicht veralteter Vorschlag: Der erste Delegierte Israels bei der

UNO, Außenminister Sharett, erklärte am 11. September 1949 vor der UNO,

daß Israel eine neutrale Position einnehmen werde. Diese Neutralität zwischen

Ost und West schien die natürliche Sicherung der Unabhängigkeit zu werden.

Wörtlich erklärte er:

Die Außenpolitik Israels wird auf folgenden Prinzipien basieren: Erstens auf der Treue zu den

fundamentalen Prinzipien der Charta der Vereinten Nationen und der Freundschaft mit allen


Zur Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts 853

friedliebenden Staaten, insbesondere mit den USA und der UdSSR, zweitens auf Anstrengungen

zur Erlangung einer arabisch-jüdischen Allianz, basierend auf wirtschaftlicher, sozialer, kultureller

und politischer Zusammenarbeit mit den Nachbarländern.

Dieses Neutralitätsversprechen ist durch die Annahme des Eisenhower-Planes

durch Ministerpräsident Ben Gurion im Jahre 1957 gebrochen worden.

Am 5.1.1957 hatte Präsident Eisenhower in einer Botschaft an den Kongreß

die neue Mittelost-Doktrin der USA proklamiert. Die Botschaft geht von der

These aus, die Gebieter Rußlands, ob Zar oder Bolschewiki, hätten seit langem

versucht, den Mittleren Osten zu beherrschen. Im logischen Widerspruch behauptet

Eisenhower, Rußlands Interesse sei politisch, um, laut Ankündigung,

»die Welt zu kommunisieren«. Dem stehe das immense Interesse gegenüber,

das dem Mittleren Osten als »Wahrer von etwa zwei Drittel der Ölvorkommen

der Welt« zukomme.

Würden die Nationen dort ihre Unabhängigkeit verlieren und durch fremde, freiheitsfeindliche

Kräfte beherrscht werden, so würde dies eine Tragödie für das Gebiet und für viele andere Nationen

darstellen, deren Wirtschaftsleben dadurch nahezu erstickt würde. Westeuropa würde so gefährdet

sein, wie wenn es keinen Marshallplan und keine NATO gäbe. All dies hätte verheerende

Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben und die politischen Aussichten der USA.

Den freien Nationen des Mittleren Ostens müsse daher »zusätzliche Stärke verschafft

werden, wozu die Vereinten Nationen nicht imstande seien«. Es sei unbedingt

notwendig, »jedes Machtvakuum in diesem Gebiet auszufüllen«, und

das bedeutet schließlich die »wirtschaftliche und militärische Hilfeleistung,

einschließlich des Einsatzes bewaffneter Kräfte der USA«.

Senat und Repräsentantenhaus erteilten dem Präsidenten die Vollmacht, militärisch

einzugreifen, wenn dies von einem Land der Region gewünscht werde.

Ben Gurion hat die Eisenhower-Doktrin mit Dank angenommen. Diese Linie

wurde zur permanenten Orientierung der israelischen Regierungen mit dem

Endergebnis, daß Israel immer mehr ins Schlepptau der amerikanischen Weltpolitik

gezogen wurde. Offenbar hat die Entfremdung der Sowjetunion von Israel

in dieser Politik ihre letzte Ursache. Der Ost-West-Konflikt überlagerte die

ursprünglichen Emanzipationsbestrebungen des jüdischen Staates.

Am Ende dieses Weges steht Begin. Begin ist die Personifizierung des israelischen

Chauvinismus, angeheizt durch palästinensische Maßlosigkeit. Dies

rechtfertig aber nicht Übergriffe, wie man sie in den letzten Jahren erlebt hat:

Sprengung arabischer Häuser, Bau von Wehrdärfern im besetzten arabischen

Gebiet, militärische Maßnahmen gegen streikende Araber. Die Isolierung Israels

in der Weltäffentlichkeit geht nicht zuletzt auf solche Maßnahmen zurück.

Hatten frühere israelische Regierungen einseitig auf Amerika gegen die

Sowjetunion gesetzt, so hat Begin sogar mit Amerika Streit begonnen.

Nahum Goldmann, in Israel ebenso gefeiert wie in der Diaspora hochgeschätzt,

langjähriger Präsident des Jüdischen Weltkongresses, hat sich zu der

hier diskutierten Frage geäußert:

Das Problem der Juden in der Sowjetunion verdient eine tiefere Analyse, als ich sie hier geben

kann, weil das Verhältnis des jüdischen Volkes zur Sowjetunion nach meiner Meinung einer der

schlimmsten Fehler ist, den unser Volk in den letzten Jahren gemacht hat. Das jüdische Volk

wird zunehmend anti-russisch und die UdSSR zunehmend anti-israelisch und drauf und dran,

DAS ARGU\1EI'iT 136/ 1982 .~


854 BmnoFrei

anti-jüdisch zu werden. Sollte das weitergehen, wäre es eine Tragödie, sowohl für Israel als für

das Welt judentum. Die Sowjetunion ist die zweite Weltmacht. Es ist sinnlos, den Unterschied in

der Stärke der USA und der UdSSR zu diskutieren, da beide die Macht haben, den anderen

mehrfach zu vernichten. Keiner von ihnen kann die Geschichte der Welt bestimmen, ohne die

Kooperation oder zumindest die Zustimmung des Anderen. Es ist ein schwerer politischer Fehler

zu glauben, wie dies Präsident Reagan tut, daß irgendein wichtiges Weltproblem von den USA

gelöst werden kann, während die SU mißachtet wird oder dagegen ist. Während meiner Verhandlungen

mit rw,sischen Diplomaten vor dem Teilungsbeschluß konnte ich sie mit Zustimmung

Ben Gurions und anderer überzeugen, daß ein jüdischer Staat in der Weltpolit ik neutral

sein würde. In den ersten Jahren der Existenz des Staates vertrat Ben Gurion tatsächlich eine solche

Politik der Nichtidentifikation. Erst als der andauernde Krieg mit den Arabern die Anschaffung

amerikanischer Waffen notwendig machte, wurde der Staat mehr und mehr amerikafreundlich

und ist heute - in den Augen der Sowjetdiplomaten, wie ich aus meinen Gesprächen

mit ihnen weiß - ein Satellit der USA". Was Ben Gurion begann, setzte Golda Meir in noch extremerer

Form fort und wird heute in grotesker Weise sowohl in der Form als im Inhalt von Menachim

Begin verfolgt. [Nahum Goldmann in dewish Chronicle«, 25.9.1981]

Chauvinismus, wie ihn Begin repräsentiert, führt zum dauernden Kriegszustand.

Frieden im Mittleren Osten setzt eine Verständigung mit den arabischen

Nachbarn voraus und eine solche Verständigung kann - wie die Geschichte

der letzten 35 Jahre gezeigt hat - nur über eine Befriedung der Palästinenser

erfolgen. Die Forderungen der PLO zu diesem Ziel sind für Israel nicht akzeptabel,

denn sie stellen die Existenzberechtigung des Staates in Abrede. Die erste

Forderung muß daher lauten: Ein Dialog muß zustandegebracht werden. Das

ist wiederholt versucht worden. Nicht zuletzt Sartre hatte vor dem 6-Tage­

Krieg seine Zeitschrift »Ternps moderne« diesem Dialog zur Verfügung gestellt,

indem er eine Sondernummer den Ansichten der von ihm als fortschrittlich

erachteten Palästinenser und Israelis widmete. Das Ergebnis damals, an einem

der Höhepunkte des beiderseitigen Chauvinismus, war unbefriedigend.

Statt eines Dialogs erschienen in »Ternps moderne« zweierlei Monologe. Vor

einem Jahr hat die Zeitschrift »New Outlook« in einem Symposium in New

York einen ähnlichen Versuch unternommen, etwas erfolgreicher, ohne aber

den notwendigen Durchbruch zu erzielen.

Wie immer unbefriedigend bisherige Versuche, zu einem Dialog zu gelangen,

gewesen sind, er wird gelingen müssen, wenn jemals Frieden im Nahen

Osten einkehren soll. Ein solcher Dialog setzt zwei Dinge voraus: Israel muß

die Existenzberechtigung eines palästinensischen Staates ebenso anerkennen

wie die Palästinenser die Existenzberechtigung Israels anerkennen müssen.

Erst wenn dieser Anfang einmal gemacht ist, kann über Details des Zusammenlebens

solcher Staaten geredet werden.

Ein echter Friede in der Region hat aber noch einen anderen, den weltpolitischen

Aspekt. Beide, der israelische und der zu gründende palästinensische

Staat, werden sich zur Neutralität zwischen den Machtblöcken von Ost und

West durchringen müssen. So könnte im Mittleren Osten der Nukleus einer

neutralen Zone entstehen, die von der UNO und den Großmächten garantiert

werden müßte. Gegenwärtig gibt es noch nicht allzu starke Kräfte, um eine solche

Entwicklung einzuleiten. Immerhin gelang es der linkssozialistisehen israelischen

Partei Mapam im vergangenen Dezember, gegen die Golan-Annexion

und damit gegen die Begin-Regierung etwa 10000 Menschen auf die Straßen


Zur Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts 855

von Tel Aviv zu bringen. Diese Partei hat die Neutralität Israels in ihrem Programm.

In ihren Reihen steht der Großteil der Kibbuz-Bewegung, jene kollektiv

produzierenden und kollektiv konsumierenden landwirtschaftlichen und industriellen

Genossenschaften, die sowohl sozial als auch politisch die fortschrittliche

Vorhut der israelischen Gesellschaft darstellen. Sie und die })Peace

Now« Bewegung wären dazu befähigt, den Dialog auf israelischer Seite zu

führen.

Nachbemerkung

Seit der Niederschrift dieses Artikels vor etlichen Monaten hat sich die Lage in

und um Israel wesentlich verändert. Israel führt einen blutigen Krieg im Libanon

in der Absicht, die PLO vollständig zu vertreiben. Dieser Krieg findet in

der Weltöffentlichkeit wachsenden Protest und dies mit Recht. Israel hat

selbstverständlich ein unzerstörbares Recht auf eine unabhängige und friedliche

Existenz. Ich trete ein für eine friedliche Koexistenz mit den Palästinensern,

den natürlichen Nachbarn Israels. Ich trete ein für die These, zwei Nationen,

zwei Staaten. Die PLO hatte bisher einen Ausschließlichkeitsanspruch

auf das Territorium Israels erhoben. Das ist kodifiziert in der Charta der PLO.

Sich dagegen zu wehren, ist Israels selbstverständliches Recht. Die Palästinenser

haben das Recht, neben Israel, nicht an Stelle Israels, einen unabhängigen

Staat zu bilden. Die jetzige Lage ist dadurch entstanden, daß die PLO aus dem

Libanon blutige Angriffe gegen das Territorium Israels im Norden geführt hat.

Das gab den Falken in der Regierung Israels den Vorwand für ihren Angriff.

Es bleibt die Notwendigkeit von Verhandlungen zwischen der Führung Israels

und der PLO. Der frühere Abgeordnete zum Israelischen Parlament, Uri Avneri,

hatte den Führer der PLO, Jassir Arafat in Beirut aufgesucht, um mit

ihm einen Ausweg zu suchen. Ich habe Uri Avneri telegrafisch und schriftlich

meine Solidarität für seinen mutigen Schritt kundgetan. Als der jüdische Führer

Nahum Goldmann, zusammen mit anderen Politikern, einen ähnlichen

Schritt zur friedlichen Beilegung des KonHiktes unternommen hat, habe ich

auch Nahum Goldmann meine Solidarität telegrafiert. Israels Regierungschef

Begin muß von der öffentlichen Meinung in Israel und in der Welt gezwungen

werden, den Weg der friedlichen Koexistenz mit den Palästinensern zu suchen,

und den mörderischen Krieg im Libanon abzubrechen.

DAS ARliUMENT 136/1982 _


856

Kommentierte Bibliographie: U mweItfragen (10)

Edgar Gärtner

Zum Stand der Ökosystemtheorie

Die noch heute gebräuchliche Definition des Ökosystems als Beziehungsgefüge der Lebewesen

untereinander und mit ihrem Lebensraum wurde 1935 von dem englischen

Forstwissenschaftler A.G. Tansley eingeführt. Dieses Datum bezeichnet allerdings nicht

den Ausgangspunkt der modemen interdisziplinären Ökosystemforschung (vgl. H. Ellenberg

1973), sondern den vorläufigen Abschluß einer theoretischen Entwicklung, deren

Ursprünge bis zur natürlichen Theologie des 17. und 18. Jahrhunderts zurückverfolgt

werden können. Nach Ansicht der natürlichen Theologie beruht die Harmonie und

der Bestand des Naturganzen auf einem dynamischen Gleichgewicht, das sich als Ergebnis

des »Kampfes ums Dasein«, eines ständigen Krieges aller Lebewesen gegeneinander

einstellt. Der Zusammenhalt des Naturhaushaltes sei um so stabiler, je komplizierter das

Geflecht von Nahrungsbeziehungen zwischen den Organismen sei. Diese Vorstellung

wurde sowohl von Carl von Linne, dem dogmatischsten Vertreter des Schöpfungsglaubens

und der Unveränderlichkeit der Arten, als auch von Charles Darwin, dem Begründer

der Evolutionstheorie auf der Basis der natürlichen Auslese, übernommen (vgl. R.C.

Stauffer 1960).

Die Darwinsche Selektionstheorie bildete den theoretischen Ausgangspunkt für die

wichtigsten Grundkonzepte der Ökologie, insbesondere für den 1877 von dem deutschen

Zoologen Karl Möbius geprägten Begriff der »Biozönose« (Lebensgemeinschaft),

d.h. »eine den durchschnittlichen äußeren Lebensverhältnissen entsprechende Auswahl

und Zahl von Arten und Individuen, welche sich gegenseitig bedingen und durch Fortpflanzung

in einem abgemessenen Gebiet dauernd erhalten«. Auch der 1927 von dem

englischen Zoologen Charles S. Elton geprägte Begriff der »ökologischen Nische«, der

den »Beruf« einer Art im arbeitsteiligen Gefüge des Naturhaushaltes bezeichnet, entstand

im Kontext der Darwinschen Theorie und wurde sogar von Darwin selbst sinngemäß

(»places in the economy of nature«) verwendet.

Daneben entwickelten sich jedoch in der Botanik und in der Süßwasserbiologie (limnologie)

Ansätze einer Ökosystemtheorie, die sich nicht auf die Darwinsche Selektionstheorie

beriefen, diese sogar teilweise schroff ablehnten (vgl. E. Gärtner 1981). Von dieser

sich teilweise zur Philosophie des »Holismus« bekennenden Denkrichtung wurde das

Ökosystem als »Organismus höherer Ordnung« (so der deutsche Pionier der Limnologie

A.F. Thienemann im Jahre 1918) aufgefaßt. Thienemann prägte, bevor sich international

der Begriff »Ökosystem« einbürgerte, für die Einheit von Lebensgemeinschaft und

Lebensraum den Begriff »Holozön«. Bereits im Jahre 1920 leitete er aus der Analyse der

Neubesiedlung vulkanischer Inseln und künstlicher Stauseen die noch heute gültigen

»biozönotischen Grundprinzipien« ab:

1.»Je variabler die Lebensbedingungen einer Lebensstätte, um so größer die Artenzahl der zugehörigen

Lebensgemeinschaft.«

2. »Je mehr sich die Lebensbedingungen eines Biotops vom Normalen und für die meisten Organismen

Optimalen entfernen, um so artenärmer wird die Biozönose, um so charakteristischer

wird sie, in um so größerem Individuenreichtum treten die einzelnen Arten auf.«

Der amerikanische Botaniker F.E. C1ements leitete 1916 aus der Untersuchung der Wiederbesiedlung

von Brachflächen und Kahlschlägen die Vorstellung ab, die beobachtbare

Sukzession verschiedener Pflanzenarten führe in Zeiträumen von etlichen Jahrzehnten

bis Jahrhunderten über verschiedene labile Zwischenstadien schließlich zu einer stabilen

Schlußgesellschaft (Klimax), die mit dem Großklima ihres Standortes harmoniere. Von


Um welt bibliographie (10): Zum Stand der Ökosystemtheorie 857

der Bodenbeschaffenheit sei die Artenzusammensetzung der Klimax unabhängig. Den

Einfluß der Tierwelt glaubte Clements vernachlässigen zu können. Er begriff die Sukzession

in Analogie zur Genesung eines kranken Organismus.

Die Vernachlässigung der Tierwelt war sicher eine Folge der damals noch viel stärker

als heute ausgeprägten institutionalisierten Disziplinentrennung zwischen Botanik und

Zoologie. Nur wo diese Trennung wie in der Wasserwirtschaft (Thienemann) und der

Forstwirtschaft (Tansley in England, Friedrichs in Deutschland) aufgrund praktischer

Anforderungen der Umweltgestaltung überwunden wurde, konnten Ansätze für eine

Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen umfassende Ökosystemtheorie entstehen.

Neben diesen Anstößen aus der Praxis wurden die ökologischen Vorstellungen seit

den dreißiger Jahren auch erheblich von den theoretischen Versuchen, die Darwinsche

Selektionstheorie mit der Genetik in Einklang zu bringen, beeinflußt. Das unter diesem

unterschiedlichen (und teilweise gegensätzlichen) Einflüssen entstandene ökologische

Weltbild blieb im wesentlichen bis zum Beginn der siebziger Jahre unangefochten. Erst

jetzt wurden, unter dem Druck der Umweltkrise und angeregt durch konkrete Probleme

des Naturschutzes, die bis dahin gültigen Vorstellungen über die Stabilität, Diversität

und Belastbarkeit von Ökosystemen neu überdacht. Die beste Gelegenheit dafür bot der

erste internationale Kongreß für Ökologie, der 1974 in Den Haag tagte. Datengrundlagen

für diesen noch nicht abgeschlossenen Reflexionsprozeß ",urden insbesondere durch

die breit angelegte interdisziplinäre Ökosystemforschung, wie sie zum ersten Mal im

Rahmen des Internationalen Biologischen Programms (lBP) organisiert werden konnte,

erarbeitet.

Bisher sind die dort erfolgten Problematisierungen weder von der Umweltökonomie

noch von der »Vulgärökologie« eines Teils der »grünen« Bewegung ausreichend zur

Kenntnis genommen worden. Doch gibt es inzwischen außer den relativ schwer zugänglichen

Forschungsberichten des lBP sowie den Proceedings des 1. Internationalen Ökologenkongresses

eine Reihe preiswerter und leicht lesbarer Einführungen in die Ökologie,

in denen versucht wird, die neuere ökologische Diskussion zu verarbeiten. Im folgenden

werden vier Lehrbücher daraufhin untersucht, inwieweit ihren Verfassern das

gelungen ist:

1. E.P. OdumlJ. Rcichholf: Ökologie. Grundbegriffe, Verknüpfungen, Perspektiven. 4. völlig

neu bearb. Autl. (Neuausgabe), München-Wicn-Zürich (BL V -Verlagsgesellschaft) 1980, 208 s.

Es handelt sich hier um die Neuausgabe eines Buches, das (sicher ungewollt) erheblich

zum Aufkommen eincr militanten »Vulgärökologie« beigetragen hat. Seine erste deutsche

Ausgabe von 1967 gab sich durch und durch »amerikanisch«, d.h. sie bezog sich

ausschließlich auf US-amerikanische Forschungen und zeichnete sich durch eine übermäßige

Schematisierung und Simplifizierung komplexer Naturzusammenhänge aus. Die

Neuausgabe gibt sich demgegenüber erheblich vorsichtiger und differenzierter, kann

aber trotz der Einflechtungen und Zusätze ihres deutschen Bearbeiters (Reichholf) ihren

Ursprung nicht verleugnen.

Odum bekennt sich zu einem heute nicht mehr haltbaren organizistischen und finalistischen

Naturverständnis, wenn er das Studium der Ökologie als »allgemeine 'Anatomie'

und 'Physiologie' der Natur« begreift (22). Das Ökosystem entwickelt sich für

Odum wie ein Einzelorganismus. Es durchläuft verschiedene Jugendstadien, bis es zur

Reife gelangt. Odum baut also kritiklos auf der Sukzessionstheorie von elements auf,

verfeinert diese lediglich und übersetzt sie in ein modisches Vokabular: »Theoretisch besteht

die Strategie der Ökosysteme darin, bei fortschreitender ökologischer Sukzession

die Entropie zu verringern, den Informationsgehalt zu vergrößern und Fähigkeiten zu

entwickeln, ungünstige Situationen zu überdauern.« (147)

Wie in dieser Rezensionsreihe schon dargestellt wurde (U. Hampicke 1981), hat

Odum die 1958 von Elton formulierte, sinngemäß jedoch schon sehr viel ältere Diversi-

DAS ARGUMENT 136 .. 1982


858 Edgar Gärtner

täts-Stabilitäts-Hypothese zwn zentralen Dogma der Ökologie erhoben (vgl. insbes.

Odum 1969). Danach steigt im Zuge der Sukzession die Selbstregulierungsfahigkeit bzw.

Stabilität eines Ökosystems mit der Zahl der an ihm beteiligten Organismenarten. Da die

Menschen jedoch in der Land- und Forstwirtschaft nicht an artenreichen, aber unproduktiven

Spätstadien der Sukzession interessiert seien, sondern an artenarmen und deshalb

labilen, aber hochproduktiven Frühstadien, komme es zu einem ständigen »Konflikt

zwischen Ökonomie und Ökologie«, dessen Kompromißlösung nur in einer mosaikhaften

Auf teilung intensiver und extensiver Naturnutzungen liegen könne (151).

Diese Vorstellung wurde auf dem 1. Internationalen Ökologenkongreß einer scharfen

Kritik unterzogen (D. Goodman 1974; G.H. Orians 1974). Eigentlich sollte bereits der

Hinweis auf die große Dauerhaftigkeit solcher natürlichen Monokuituren wie Buchenwälder

oder Schilfgürtel genügen, um die Diversitäts-Stabilitäts-Hypothese ins Wanken

zu bringen.

2. W. Tischler: Einführung in die Ökologie. 2. überarb. und erw. Auflage, Stuttgart-New York

(Guslav Fischer Verlag) 1979, 305 S.

Dieses Buch bildet den Gegenpol zum ersten. Sein Autor repräsentiert den Typ eines

Wissenschaftlers, der leider im Aussterben begriffen ist. Das Buch ist gespickt mit Goethe-,

Schiller-, Herder- und anderen Klassiker-Zitaten, es offenbart Mißtrauen gegenüber

Formalisierungen und berücksichtigt eine Vielzahl (die Bibliographie umfaßt 753 Arbeiten!)

von Beiträgen aus aller Welt (einschließlich der Sowjetunion). Die Grenze z'Nischen

einer Einführung und einem Kompendiwn ist stellenweise überschritten worden.

Anders als Odum unterscheidet Tischler, im Anschluß an Remane (1950), zwischen

der organismischen und der ökologischen Ordnung: Während die Differenzierung des

Organismus aus inneren Anlagen erfolgt, geschieht die Zusammensetzung des Ökosystems

aus fertigen Teilen, den Arten. Hier spielt deshalb der Zufall eine weitaus größere

Rolle. Tischler betont deshalb die Einmaligkeit des historisch Gewordenen und warnt

vor voreiligen Verallgemeinerungen und vor Illusionen hinsichtlich der Anwendung der

Mathematik. Er stellt die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise Goethes gleichberechtigt

an die Seite des analytisch-mathematischen Vorgehens Galileis und Newtons.

Die Erklärungskraft der neodarwinistischen Selektionstheorie schätzt Tischler, ohne diese

zurückzuweisen, skeptisch ein. Die Problematik von Diversität und Stabilität wird

von Tischler nicht deutlich genug klargelegt. Er bemerkt lediglich, die Elastizität eines

Ökosystems sei wichtiger als eine (oft nur scheinbare) Stabilität. Für die Stabilität eines

Ökosystems sei die Heterogenität des Lebensraums meist viel wichtiger als die Artenmannigfaltigkeit.

Den Begriff und die Theorie der Sukzession hält er nicht für sinnvoll,

da der Begriff für unterschiedliche Phänomene verwendet werde und zudem auf wichtige

Ökosysteme 'Nie die Meere, Flüsse, Wüsten und Tundren kaum anwendbar sei. Einen

gesetzmäßigen Ablauf wie bei der Entwicklung eines Individuums könne es in Ökosystemen

nicht geben.

Tischler hält die Theorien der Sukzession, des »biologischen Gleichgewichts« usw. für

den Ausfluß einer unzulässigen Übertragung des quantitativen Denkens von Physik und

Chemie in die Ökologie: »Erstaunlich ist die ständige Suche in der Ökologie nach fundamentalen

Gesetzen". Hier liegt eine Verkennung der Gegebenheiten vor. Zu je größeren

Lebenseinheiten man kommt, je mehr man die Manifestierung des Lebens in seiner Vielfalt

erforschen will, desto geringer wird die Möglichkeit allgemeingültiger Aussagen ".

Die Natur läßt sich in der höchsten Ebene der Lebensentfaltung nicht in wenige Regeln

pressen. Wäre dies anders, so lieBen sich Erfolg oder Nichterfolg bei Eingriffen in die

Landschaft". voraussagen. Das einzige durchgängige, quantitative Prinzip der Ökologie

von Allgemeingültigkeit betrifft den großen Rahmen von Stoffkreislauf und Energietransfer

in Ökosystemen. Aber gerade in der darauf aufbauenden Produktions biologie

zeigt sich deutiich, 'Nie durch für Modellvorstellungen nötige Vereinfachung die beson-


DAS ARGUMENT 136/1982 '

Umweltbibliographie (10): Zum Stand der Ökosystem theorie 859

deren Eigenarten der verschiedenen Landschaften ... ausgeklammert werden, die zu erforschen

das wichtigste Ziel der Ökologie sein sollte.« (133)

3. H.Remmert: Ökologie. Ein Lehrbuch. 2. neubearb. u. erw. Aufl., Berlin-Heidelberg-New

York (Springer-Verlag) 1980, 304 S.

Mag die Einführung von Tischler in ihrem Aufbau und in ihrer Argumentationsweise etwas

»altmodisch« erscheinen, so gilt das sicher nicht für das Lehrbuch von Remmert. Es

berücksichtigt in weitaus stärkerem Maße die neuere ökologietheoretische Diskussion.

Schon allein wegen seines klaren Aufbaus und seines flüssigen, Lesevergnügen vermittelnden

Stils, ist es jedem, der sich ein Bild vom aktuellen Stand der Ökosystemtheorie

machen möchte, unbedingt zu empfehlen, was nicht heißt, er solle sich auf dieses Buch

beschränken. Gerade wegen der Vielzahl möglicher Darstellungsweisen der Ökologie ist

es ratsam, immer mit mehreren Einführungstexten zu arbeiten.

Remmert setzt die vorsichtige und kritische Argumentation Tischlers fort. Auch er

mahnt durchgehend zur Vorsicht gegenüber Verallgemeinerungen in der Ökologie:

»Ökologische Systeme sind miteinander nicht verwandt, wie Organismen miteinander

verwandt sind. Jedes ökologische System ist ein Unikat und als solches nicht wiederholbar.«

(191) Deshalb kritisiert auch Remmert die Theorie der Sukzession. Am Beispiel

der in Mitteleuropa in der Nachkriegszeit brachgefallenen Ländereien zeigt er auf, daß

es kein allgemeines Schema der Sukzession gibt: Im gleichen Gebiet und unter gleichen

Bodenverhältnissen haben sich hier z.T. Trockenrasen, z.T. dichte Wälder, z.T. aber

auch nur lockere Buschformationen entwickelt. Remmert kritisiert darüber hinaus, daß

in viele!) aktuellen Ökosystemanalysen der Einfluß der Tierwelt noch immer erheblich

unterschätzt wird. Das gelte besonders für die Bodenkunde.

Remmert zeigt noch deutlicher als Tischler, wie hypothetisch die Aussagen der Ö kologie

in vielen Gebieten bis heute noch sind. Das gilt selbst für die allgemeinsten Grundlagen

der Ökosystemtheorie, die Stoffkreisläufe und Energietransfers, die Tischler empirisch

abgesichert wähnt. Halbwegs exakte Messungen liegen hier aber bisher nur aus

dem aquatischen Bereich vor, und es hat sich gezeigt, daß sie fast nie auf die terrestrischen

Verhältnisse übertragen werden können. Z.B. wurden nirgends Nahrungsnetze,

die biologische Grundlage der Diversitäts-Stabilitäts-Hypothese, nachgewiesen, sondern

immer nur relativ einfache Nahrungsketten.

Den bisher gebräuchlichen Stabilitätsbegriff weist Remmert als unscharf zurück und

schließt sich den Definitionen von Orians (1974) an: »Ein stabiles System zeigt bei exogenen

Einflüssen - Hinzukommen einer neuen Organismenart, unerwartete klimatische

Bedingungen, Eingriffe des Menschen - keine wesentliche Änderung. Empfindlich reagiert

dagegen ein System, welches bei solchen exogenen Eingriffen mit einer Veränderung

reagiert, welche nicht kompensierbar ist. Elastische Systeme zeigen eine Reaktion

wie empfindliche Systeme, kehren jedoch relativ rasch zum ursprünglichen Zustand zurück.«

(252) Konstanz und Stabilität dürften also ebensowenig wie Inkonstanz und

Empfindlichkeit miteinander gleichgesetzt werden. Nur infolge der Verwechslung der

Begriffe »Konstanz« und »Stabilität« sei die Artenvielfalt als Ursache für die Stabilität

angesehen worden. Es sei jedoch im Gegenteil einleuchtender, das Filigrangerüst eines

vielfältigen Ökosystems für leichter zerstörbar zu halten als die Festungsmauer eines artenarmen

Systems. Nicht die hohe Artenvielfalt der Tropenwälder und der Korallenriffe

ist die Ursache ihrer Konstanz, sondern umgekehrt ist die Konstanz der Umweltbedingungen.

unter denen sie sich entwickelt haben, Ursache ihrer Artenvielfalt. Einfache

Ökosysteme, die an große natürliche Schwankungen angepaßt sind (etwa die Tmga), erweisen

sich als weitaus widerstandsHihiger gegenüber menschlichen Eingriffen als die an

konstante Umweltbedingungen angepaßten Tropenwälder.

Gegenüber Odums Forderung einer mosaikartigen Auf teilung von naturnahen und

intensiv genutzten Ökosystemen stellt Remmert fest: »Bis heute gibt es keine gesicherten


860 Edgar Gärtner

und wirklich verläßlichen Untersuchungen über die Frage, ob naturnahe Inseln in einer

Kulturlandschaft automatisch eine gewisse Abpufferung der Kulturlandschaft gegenüber

Massenkalamitäten unerwünschter Organismen gewährleisten können oder nicht

... Die Bedeutung von Windschutzstreifen und Wasserschutzstreifen ist in Gebieten mit

Gefahren starker Wind- oder Wassererosion unbestritten. Nicht klar dagegen ist, ob derartige

kleine Wälder in Ackerlandschaften auch von ihrer Pflanzen- und Tierwelt aus einen

günstigen Einfluß auf die Felder ausüben ... « (256)

4. R.M. May (Hg.): Theoretische Ökologie. Übers. v. O. Hoffrichter u. K.P. Sauer, Weinheiml

Deerfield Beach, FloridalBaseI (Verlag Chemie) 1980, 284 S.

Bei diesem Buch handelt es sich nicht um ein Lehrbuch im eigentlichen Sinne, sondern

um eine Sammlung einführender Texte von bekannten Vertretern verschiedener für die

Ökologie relevanter biologischer Spezialdisziplinen, die in ihrer Mehrzahl eine nützliche

Vertiefung der von Tischler und Remmert angeschnittenen theoretischen Probleme bieten.

Obwohl einige Beiträge dieses Bandes mathematische Kenntnisse voraussetzen, bietet

ihre Lektüre auch den lediglich mit der Oberstufenmathematik Vertrauten Anregungen.

Der Herausgeber zeigt in seinem Beitrag über Populationsmodelle für eine Art durch

mathematische Ableitungen, warum der Anwendung der Mathematik schon bei elementaren

ökologischen Untersuchungen sehr enge Grenzen gesetzt sind. Deutlich wird, warum

es so schwierig ist, in der Ökologie Voraussagen über die Folgen natürlicher

Schwankungen und menschlicher Eingriffe zu machen; denn schon einfache und deterministische

Modelle für die Populationsentwicklung nur einer einzigen Organismenart,

deren biologische Parameter bekannt sind, lassen sich bei starker Nichtlinearität (Dichteabhängigkeit)

des Populationsmodells nicht mehr von einem Zufallsprozeß unterscheiden.

May sieht hier ein Modell für Turbulenzphänomene, die die theoretische Physik

heute dazu zwingen, die Illusion von der Berechenbarkeit komplexer Naturerscheinungen

aufzugeben.

Allerdings geht May in seinem Beitrag über Muster in Gesellschaften aus mehreren

Arten davon aus, das chaotische und launenhafte Verhalten einzelner Arten schließe

nicht aus, daß die Welt auf der Ebene der Gesellschaftsorganisation dennoch vorhersagbar

sein könne. So kann das Muster der Nahrungsbeziehungen in vergleichbaren Umwelten

bemerkenswert konstant sein, wobei dann unterschiedliche Arten mit gleichen

oder ähnlichen Nahrungsansprüchen einander vertreten.

Zur Frage der Stabilität und Belastbarkeit von Ökosystemen hat May aufschlußreiche

Modelluntersuchungen durchgeführt. Dabei erwiesen sich die komplexen Systeme niemals

stabiler als die einfachen, meist waren sie instabiler. May schlußfolgert daraus,

»daß wachsende Komplexität eher zu dynamischer Fragilität als zur Robustheit führt.«

(145) Die Instabilität vieler Monokulturen in der Landwirtschaft rühre wahrscheinlich

nicht von ihrer Einfachheit als solcher, sondern eher vom Fehlen einer nennenswerten

Koevolution mit Schädlingen und Krankheitserregern her. Menschliche Eingriffe verursachten

in komplexen natürlichen Systemen größere Schäden als in einfachen.

In seinem Beitrag über die Problematik der Sukzession stellt H.S. Horn fest, die idealisierte

Vorstellung einer annähernd ungestörten Wiederherstellung von stabilen Lebensgemeinschaften

sei in der Natur nicht die Regel. Die Theorie von Clements oder Odum

extrapoliere in unzulässiger Weise einzelne historische Beispiele. Die Sukzession sei, von

Ausnahmen abgesehen, ein statistisches und kein eigentlich biologisches Phänomen:

»Die Zusammensetzung einer Lebensgemeinschaft hängt einmal von historischen Zufällen

ab und davon, welche der Arten bei den zurückliegenden Störungen eine höhere

Abundanz erreicht haben.« (176)

Lesenswert ist auch der Beitrag von T.R.E. Southwood über die bionomischen Strategien,

d.h. die Vor- und Nachteile von Populationen, deren Überlebensfahigkeit auf einer

DAS AR(;U~IENT 136 1982


Umweltbibliographie (JO): Zum Stand der Ökosyslemtheorie 861

hohen Vermehrungsrate und einer kurzen Generationsdauer beruht, im Vergleich zu Populationen,

die sich aufgrund der Langlebigkeit ihrer Individuen durchsetzen. Die erste

Strategie ist die biologische Grundlage der Elastizität von Ökosystemen unter schwankenden

Umweltbedingungen, während die zweite Strategie in konstanten Lebensräumen

von Vorteil ist. In dieser Analyse wird auch deutlich, daß nicht die Artenmannigfaltigkeit,

sondern die räumliche Heterogenität generell stabilisierend wirkt.

Der Beitrag von J .M. Diamond und R.M. May über die Biogeographie von Inseln

und die Planung von Schutzgebieten liefert schließlich wichtige Anhaltspunkte für die

Organisation des Naturschutzes.

Welche Lehren kann man aus diesem kurzen und keineswegs vollständigen Überblick

über die aktuelle ökologietheoretische Diskussion ziehen? Remmert schreibt: »Es ist ein

Trugschluß, daß einfache Antworten auf einfach erscheinende Fragen in der Ökologie

möglich sind. Der Ökologe, der heute Voraussagen machen soll über die Wirkung dieser

oder jener Änderungen im Faktorengefüge, kann nicht auf generalisierende Modelle zurückgreifen

... So wie es kein generalisierendes Modell des biologisch am meisten analysierten

Organismus, des Menschen, gibt, so ... wird es wohl auch kein generalisierendes

und Vorhersagen erlaubendes Modell von Populationen und Lebensräumen geben ...

Ebenso wie der Arzt den Einzelfall analysieren muß, ehe er zu einer Therapie schreitet,

ebenso muß der Ökologe den Einzelfall ... erforschen, ehe er eine wirkliche Voraussage

macht ... Die Erfahrung, die ein Ökologe über viele Jahre hinweg mit einander widersprechend

erscheinenden Befunden gemacht hat ... , taugt dabei im allgemeinen mehr zu

Vorhersagen als eine einzelne, mit modernstem technischem Aufwand durchgeführte

Analyse mit Konstruktion eines generalisierenden Modells.« (282) Die inzwischen auch

von anderen Autoren vertretene Analogie zwischen Medizin und Ökologie kann auch so

interpretiert werden, daß wir, grob überschlagen, ebenso viele Ökologen brauchen wie

Ärzte, um die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen.

Literaturverzeichnis

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Thienemann, A.F. (1920): Die Grundlagen der Biozönotik. Festschrift für Zschokke Nr.4

DAS ARGUMENT 136/1982


862

Kommentierte Bibliographie: Friedensfragen (4)

Peter Krasemann

Gewerkschaften und neue Friedensbewegung

Die zentralen Fragen und Probleme, die das Verhältnis von Gewerkschaftern und Gewerkschaften

zur neuen Friedensbewegungl bestimmen, sind in Stichworten benennbar:

Sicherung der Arbeitsplätze, das Verhältnis zur Bundeswehr und NATO, die Beurteilung

des Nachrüstungsbeschlusses, die Strategien zur Durchsetzung von Rüstungsbegrenzung

und Abrüstung sowie der Zusammenhang von Rüstungsausgaben und Sozialstaatsabbau.

Die Gewerkschaften haben seit ihren Anfangen immer gegen Militarismus und das internationale

Wettrüsten gekämpft. Gleichzeitig haben sie sich für die Verbesserung der

sozialen Lage der Arbeitnehmer eingesetzt, also auch für die Beschäftigten in der Rüstungsproduktion.

Damit geraten sie heute in ein Spannungsverhältnis zu Auffassungen,

die in der Friedensbewegung weit verbreitet sind. Viele finden es moralisch verwerflich,

Waffen zu produzieren. Sie berücksichtigen kaum das Arbeitsplatzproblem der in der

Rüstungsproduktion Tätigen. Demgegenüber bemüht sich die IG Metall, zu deren Organisationsbereich

rund neunzig Prozent aller in der Rüstungsindustrie beschäftigten Arbeitnehmer

gehören, seit längerem darum, die Problematik dieser Arbeitsplätze und die

Möglichkeiten alternativer ziviler Produktion deutlich zu machen. Für die Gewerkschaften

besteht die Gefahr, an Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn ihre Beschlüsse zur Rüstungsproduktion

und Abrüstung nicht mit den Interessen der in der Rüstungsindustrie

Beschäftigten in Einklang gebracht werden können.

Da Arbeitsplätze im Rüstungsbereich durch die großen Schwankungen in der Kapazitätsauslastung

sowie den hohen Rationalisierungs- und Automationsgrad stärker gefahrdet

sind als in anderen Wirtschaftsbereichen, sollen gewerkschaftliche Umstellungskomitees

gebildet werden. Sie sollen Lösungsansätze für eine schrittweise Umstellung militärischer

auf zivile Produktion diskutieren.2 Auch gegen die erklärten Interessen zahlreicher

Gewerkschafter hat die IG Metall sich gegen Produktionsausweitungen durch die

Liberalisierung und Erhöhung der Rüstungsexporte gewandt. Sie hat deutlich gemacht,

daß nur eine Verstetigung der Kapazitätsauslastung und die Vorbereitung alternativer

Produktionsmöglichkeiten die Arbeitsplätze sichert.

Aus gewerkschaftlicher Sicht liegen zu den Problemen von Rüstungsindustrie, Abrüstung

und Arbeitsplätzen sachkundige Beiträge eines Mitarbeiters aus der Abteilung

Wirtschaft beim Vorstand der IG Metall vor:

Mehrcns, K.: Arbeitsplätze und Rüstungsindustrie. In: Die neue Gesellschaft (4) 1979, 328-330

Mehrens, K.: Gewerkschaften und Abrüstung. In: Frankfurter Hefte (12) 1980, 30-35

Mehrens, K./Wellmann, Ch.: Gewerkschaften, Rüstung und Abrüstung. In: Gewerkschaftliche

Monalshefte (9) 1980, 591-601

Auch vom ehemaligen Leiter des DGB-Bildungswerks Hessen ist ein prägnanter Artikel

erschienen, der eine größere Verbreitung verdient hätte:

Jetter, Ch.: Rüstung - Abrüstung - Arbeitsplätze. In: Hessische Lehrerzeitung (9) 1981, 14-16

Der Leiter des wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften

hält demgegenüber die Umstellungs- und Arbeitsplatzprobleme der in der Rüstungsproduktion

Beschäftigten für sehr gering. Nach seiner Auffassung bestimmen die Verteidigungsnotwendigkeiten

den Umfang der bundesdeutschen Rüstungsproduktion:

Ylarkmann, H.: Vollbeschäftigung durch Rüstung? In: Informationen für die Truppe (5) 1982,

75-80


Friedensbib/iographie (4): Gewerkschaften und neue Friedensbewegung 863

Die Diskussionen um die Entwicklung und Stationierung der Neutronenwaffen und den

NATO-Nachrüstungsbe


864 Peter Krasemann

densaktivitäten des DGB reduzierten sich in den letzten Jahren immer mehr auf die

Kundgebungen zum Antikriegstag. Zu diesem Anlaß wurden den Gewerkschaftern 1980

und 1981 umfangreiche Materialsammlungen zur Verfügung gestellt, die die Breite der

Probleme von Militär und Rüstung sowohl aus gewerkschaftlicher, als auch aus gewerkschaftskritischer

Sicht dokumentieren:

DGB-Bundesvorstand, Abt. Jugend (Hg.): Materialien - nicht nur zum Antikriegstag. Widersprüche

der Menschen zu Krieg und Gewalt. Düsseldorf, WI-Verlag 1980

DGB-Bundesvorstand, Abt. Vorsitzender (Hg.): Antikriegstag 1981. DGB: Frieden durch Abrüstung.

Düsseldorf, WI-Verlag 1981

Darüber hinaus wird bundesweit wegen ihrer aufgelockerten Darstellung und direkten

Ansprache der Jugendlichen, in Form einer Ich-Erzählung, die Broschüre der DGB-Jugend

Nordrhein-Westfalen verbreitet. Ihr Einsatz in der gewerkschaftlichen und außergewerkschaftlichen

Jugendarbeit kann trotz einiger inhaltlicher Mängel empfohlen werden.

DGB-Landesbezirk Nordrhein-Westfalen, Abt. Jugend (Hg.): Antikriegstag. Nie wieder Krieg!

Abrüstung - Ge'.'.'inn für uns! Düsseldorf, WI-Verlag 1979

Bereits kurz nach der Veröffentlichung zeichnete sich die geringe Motivation der Gewerkschafter

für den DGB-Friedensappell ab. Am Vorstand wurde wegen der späten

Veröffentlichung und vor allem den zu allgemein gehaltenen friedenspolitischen Formulierungen

Kritik geübt. Bis zum Januar 1982 unterschrieben nur eine Million Menschen

die Forderungen für eine allgemeine, ausgewogene und kontrollierte Abrüstung. Die

Zahl blieb hinter den gewerkschaftlichen Hoffnungen zurück. Das Ziel, den Krefelder

Appell zu überbieten, wurde nicht erreicht. Insgesamt betrachtet, ergänzten die durch

Rücksichtnahme auf die sozialliberale Koalition eher zaghaften abrüstungspolitischen

Forderungen des DGB die Aktionen der neuen Friedensbewegung. Resümierend stellt

Steinweg, R.: Die Bedeutung der Gewerkschaften für die Friedensbewegung der achtziger Jahre.

In: Friedensanalysen 16. Die neue Friedensbewegung. Analysen aus der Friedensforschung.

Frankfurt/M., Suhrkamp 1982, 189-226

in dem einzigen analytischen Aufsatz zum Verhältnis der Gewerkschaften und der neuen

Friedensbewegung fest:

Die Gewerkschaften werden auf die Dauer akzeptieren müssen, daß nicht sie selbst ,die größte

Friedensbewegung' sind ... , sondern nur ein wichtiger Impulsgeber für die neue Friedensbewegung,

neben der Ökologiebewegung, den Kirchen und den traditionellen Friedensverbänden.

[214]

Die Weigerung des DGB, mit der neuen Friedensbewegung ein Bündnis einzugehen, bewahrt

dieser organisatorischen Spielraum und inhaltliche Autonomie. Um das Abrüstungsbewußtsein

weiter entwickeln und die Begrenzung der Aufrüstung gesamtgesellschaftlich

durchsetzen zu können, ist es aber notwendig, noch weit mehr Gewerkschafter

für die friedenspolitischen Zielvorstellungen der neuen Friedensbewegung zu gewinnen.

Den in der Friedensbewegung engagierten Gewerkschaftern kann eine kleine Broschüre

für die »Diskussionen vor Ort« sehr hilfreich sein. Die wichtigsten Beiträge (u.a.

von Benz, Götz und Hensche) und Beschlüsse, die für eine gewerkschaftliche Unterstützung

der neuen Friedensbewegung nützlich sind, enthält:

Friedensbroschüre. Gewerkschaftler fordern: Frieden durch Abrüstung. Düsseldorf, WI-Verlag

1981

Hoffnungen auf eine kurzfristige inhaltliche Annäherung der politischen Positionen von

Gewerkschaften und Friedensbewegung wurden durch den DGB-Bundeskongreß im

Mai 1982 zerstört. Der DGB tat sich schwer, Kritik an der sozialdemokratisch geführten

Bundesregierung zu üben, zumal sich eine in der Sicherheitspolitik noch konservativere

alternative Regierung anzubahnen schien. Die gewerkschaftlichen Kontroversen entzün-


Friedensbibliographie (4): Gewerkschaften und neue Friedensbewegung 865

deten sich erwartungsgemäß an der Stellungnahme zum Nachrüstungsbeschluß. Ein Antrag

der IG Metall, der sowohl die Sowjetunion auffordert, die neuen Mittelstreckenraketen

abzubauen, als auch den NATO-Nachrüstungsbeschluß verurteilt, fand keine Zustimmung.

Ohne anzugeben, wie sie zu erreichen ist, verabschiedete der DGB-Kongreß

nur die Forderung: »Es darf keine Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Europa

geben.«4

Die von Gewerkschaftern aufgrund dieses Votums erhoffte offizielle Unterstützung

gegen den Nachrüstungsbeschluß scheint sich nicht zu erfüllen. Der neue DGB-Vorsitzende

Breit zog wenige Tage nach dem DGB-Beschluß die Grenzen des gewerkschaftlichen

Abrüstungsengagements sehr eng:

Wir Gewerkschaftler sollten nicht so vermessen sein, genau wissen und sagen zu können, wie der

Weg auszusehen hat, der zu einer ausgewogenen und kontrollierten Abrüstung führt ... Diesen

Weg zu bestimmen, sind in erster Linie Parteien und nationale Regierungen berufen. 5

Damit griff der DGB-Vorsitzende nicht nur mäßigend in die gewerkschaftliche Abrüstungsdebatte

ein, sondern seine ausdrückliche Befürwortung des Entspannungsprozesses

verlor auch an konkreter Zielperspektive.

Dies gilt auch für das gewerkschaftliche Interesse, durch Rüstungsbegrenzung frei

werdende Finanzmittel aus dem Verteidigungshaushalt angesichts der größten Arbeitslosigkeit

seit 1950, sinkender Realeinkommen und dem Abbau der Sozialleistungen sinnvoll

einsetzen zu können.

Eine Gruppe gewerkschaftlich orientierter Friedensforscher hat zusammen mit Gewerkschaftern

in zwei verständlichen Broschüren Möglichkeiten der Abrüstung sowie

Alternativen zum »Sozialabbau und Abrüsten« für die Bundesrepublik Deutschland

vorgeschlagen:

Vorschläge zur Abrüstung in der Bundesrepublik. Düsseldorf, WI-Verlag 1980

Militärische Aufrüstung und soziale Demontage? Politische und wirtschaftliche Alternativen zur

Rüstungspolitik der Bundesregierung. Düsseldorf, WI-Verlag 1982

Während in den Vereinigten Staaten die militärische Aufrüstung bereits unübersehbar

zu Lasten der Sozialleistungen zu Buche schlägt, wird in der Bundesrepublik der Zusammenhang

zwischen den steigenden Verteidigungsausgaben und dem schleichenden Sozialstaatsabbau

erst langsam zur Kenntnis genommen.

Anmerkungen

Trotz der Unüberschaubarkeit und Schwierigkeiten, die neue Friedensbewegung zu erfassen

und zu kategorisieren, sind relativ klare Gruppierungen unterscheidbar, dazu vgl.: Staub,

A./Schlaga, R.: Verbände, Gruppen und Initiativen in der westdeutschen Friedensbewegung.

In: Friedensanalysen 16. Die neue Friedensbewegung. Analysen aus der Friedensforschung.

Frankfurt/M., Suhrkamp 1982, 377-400

2 Die Bildung der Umstellungs komitees hat bisher bei Blohm & Voss, Hamburg, und

Krupp/MaK, Kiel, begonnen.

3 Vetter, H.O: Rede zum Antikriegstag am I. September 1981. In: Die Quelle (9) 1981,451-

456 (451)

4 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.5.1982, 4

5 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.6.1982, 4

DAS ARGUMENT 136/1982


866

Intervention

Abgeordnetenhaus von Berlin: Kleine Anfrage Nr. 916 der Abgeordneten Dr. Ursula

Besser (CDU) über Zuwendungen an den Verlag DAS ARGUMEl'IT.

leh frage den Senat:

1. Trifft es zu, daß Herr Professor Dr. Holzkamp vom Projekt »Automation und Qualifikation«

(Psychologisches Institut) im Jahre 1977 im Namen der FU mit dem Verlag

}>Das Argument« einen Vertrag geschlossen hat, ohne daß er hierzu entsprechende

Wirtschafterbefugnisse oder rechtsgeschäftliche Vertretervollmacht besaß?

2. Trifft es zu, daß die fU auf der Grundlage eines derart rechtlich nichtigen Vertrages

an den Verlag Zuschußzahlungen geleistet hat? Wenn ja: Welche Beträge wurden seit

1977 gezahlt? Wer ist letztlich verantwortlich für diese rechtswidrigen Zahlungen? Beabsichtigt

der Senat, dafür zu sorgen, daß der Verantwortliche in Regreß genommen

wird?

3. Wie beurteilt der Senat die Tatsache, daß die Sprecherin des Projektes »Automation

und Qualifikation« zugleich einer der beiden Geschäftsführer (Dr. W.F. Haug und

Dr. Frigga Haug) des bezuschußten Verlages »Das Argument« ist?

4. Hält es der Senat für erforderlich, daß der Verlag »Das Argument« auch weiterhin

am öffentlichen Mitteln - insbesondere über die FU - gefördert wird?

Berlin, den 19. April 1982 Eingegangen am 21. April 1982

Antwort (Schlußbericht) auf die Kleine Anfrage Nr. 916

Der Senat von Berlin beantwortet Ihre Kleine Anfrage wie folgt:

Zu 1.:

Nein. Nach Mitteilung des Präsidenten der Freien Universität Berlin ist Herrn Prof. Dr.

Holzkamp am 15. Juli 1975 eine Wirtschafterbefugnis erteilt worden, die ihn berechtigte,

mit einem Verlag Vereinbarungen über die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen

zu treffen.

Zu 2:

Dem Verlag »Das Argument« sind für die vereinbarte Veröffentlichung der Forschungsergebnisse

des Projekts »Automation und Qualifikation« des Instituts für Psychologie

in 6 Bänden zwischen 1975 und 1981 nach Mitteilung des Präsidenten der Freien Universität

Berlin Druckkostenzuschüsse von insgesan1t 15000,- DM gezahlt worden.

Zu 3:

Der Senat bedauert, daß durch die Tatsache, daß die Sprecherin des Projektes zugleich

einer der Geschäftsführer des genannten Verlages ist, die Möglichkeit einer Interessenkollision

gegeben ist. Nach Auffassung des Senats muß im vorliegenden Fall jedoch berücksichtigt

werden, daß nach Mitteilung des Präsidenten der Freien Universität Berlin

der genannte Verlag ein Autorenverlag ist, der laut Satzung keine Gewinne erwirtschaften

darf. Im übrigen steht die Sprecherin des Projekts auch in keinem Dienstverhältnis

zur Freien Universität.

Zu 4:

Bei der Gewährung der Druckkostenzuschüsse handelt es sich nach Auffassung des Senats

um ein Entgelt für die vom Verlag erbrachte Druckleistung. Er ist hiermit auch deshalb

beauftragt worden, weil er einige Sonderleistungen zugesichert hatte. Der Senat

kann hierin keine »Förderung« des Verlages sehen.

Berlin, den 25. Mai 1982

Prof. Dr. Kewenig

Senator für Wissenschaft und Kulturelle Angelegenheiten

Eingegangen am 28. Mai 1982


867

Kongreßberichte

Die Wirtschaftspolitik des Kapitals in der Krise

Internationale wissenschaftliche Tagung des IMSF, Frankfurt/Main, 5./6. Juni 1982

Barry Cohen, Mitherausgeber der theoretischen Zeitschrift der KPUSA »Po1itical Affairs«,

gab in seinem Eröffnungsreferat einen Überblick über die Auswirkungen der gegenwärtigen

Wirtschaftspolitik der USA. Dabei charakterisierte er die »Reaganomics«

folgendermaßen: 1. eine angebots orientierte Politik, 2. den Monetarismus, 3. den Militarismus

und 4. die Doktrin des ausgeglichenen Haushaltes. Die angebotsorientierte Politik

soll durch radikale Steuersenkungen für die obersten 2070 der Einkommensbezieher,

vor allem dem Monopolkapital, größtmögliche Aktionsfreiheit einrä.umen, während die

monetaristische Politik durch eine strenge Kontrolle des Geldzuwachses die Inflation

eindämmen soll. Die Verbindung von angebotsorientierter Politik und Monetarismus

führt nach Cohen jedoch zu zentralen Widersprüchen derart, daß die angebotsorientierte

Wirtschaftspolitik die Inflation fördert, die vom Monetarismus um den Preis der Zinserhöhung

wieder eingedämmt werden soll. Durch die Zinserhöhungen bleiben jedoch

weitgehend die durch die angebotsorientierte Politik intendierten Investitionen aus, mit

dem Ergebnis, daß Inflation, Arbeitslosigkeit, HaushaltsdefIzit und ausbleibendes

Wachstum gleichzeitig auftreten. Hinzu kommt, daß die enorme Militarisierung der

USA wesentlichen Anteil an dieser Misere, insbesondere an dem riesigen Haushaltsdefizit

hat. Obwohl es Wahlkampfziel Reagans war, einen ausgeglichenen Staatshaushalt

herzustellen, konnten Kürzungen von 41 Mrd Dollar bei Sozialprogrammen die durch

Hochrüstung und angebotsorientierte Politik aufgerissenen Haushaltslöcher bei weitem

nicht stopfen. Diese, auch für das Monopolkapital nicht widerspruchsfreie Politik hat

zu einer Begünstigung des Bankkapitals und der Ölkonzerne geführt, während das lndustriekapital

- vor allem die Automobilbranche - zu den benachteiligten Kapitalfraktionen

zählt.

Nach diesem Referat wurde die ökonomische Sonderstellung des »Modell Japan« von

Kyoichi Maekawa, Dekan an der Universität Kyoro, erläutert, der zu dem Ergebnis

kam, daß infolge der strukturellen Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft auch die japanische

Wirtschaft seit 1974/75 von zunehmender Wachstumsschwäche und steigenden

HaushaltsdefIziten betroffen sei. Dabei bildeten die Konzepte, wie sie durch Reagan und

Thatcher repräsentiert werden, auch in Japan die Essenz der staatlichen Wirtschaftspolitik.

Den einzigen Ausweg aus diesem wirtschaftlichen Niedergang mit sich vertiefenden

sozialen Konflikten sieht Maekawa in keynesianischen Investitionsprogrammen, die verbunden

sind mit Steigerung der Volkskaufkraft. Darüber hinaus seien große Unternehmen

demokratischer Kontrolle zu unterwerfen. Im Bestreben, diese demokratische Planung

der Ökonomie durchzusetzen, sieht er gleichzeitig einen Weg zu einer grundlegenden

Umwälzung der sozialen Verhältnisse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Industrieländern

.

Die etwas schematische Vorstellung vom Verhältnis Ökonomie und sozialer Bewegung

im Referat Maekawas kontrastierte in diesem Punkt mit den Ausführungen von

Sam Aaronovitch, Dozent für Ökonomie an der University of London, der die Betonung

auf die Entwicklung der sozialen Kräfteverhältnisse in Großbritannien legte und

versuchte, diese Entwicklung in den Zusammenhang mit der veränderten Rolle des britischen

Kapitalismus zu stellen. Aaronovitch erklärte dabei die Formierung der »Neuen

Rechten«, die er als Kombination der extremsten Elemente der liberalen politischen

Ökonomie mit einem autoritären Populismus versteht, aus dem Scheitern der keynesianischen

Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit. Dies zeigte sich nach außen im Verlust der

Weltmarktposition des britischen Kapitalismus, nach innen in zunehmender Entindustrialisierung

und im Abbau der produktiven Beschäftigung. Damit war die Grundlage

DAS ARGUMENT 136/1982 ~


868 Kongreßberichte

für den sozialen Konsens, der die Einbindung der Arbeiterbewegung in den bürgerlichen

Staat ermöglichte, nicht mehr gegeben.

Der scharfen Austeritätspolitik der Thatcherregierung ist es bislang jedoch weder gelungen,

den britischen Kapitalismus m restrukturieren, noch die Kraft der Arbeiterbewegung

gänzlich m zerstören. Dagegen zeigen sich innerhalb des britischen Kapitals und

der konservativen Partei Spaltungserscheinungen. Aaronovitch wies jedoch darauf hin,

daß die Linke dennoch im Moment weit davon entfernt sei, den Angriffen der »Neuen

Rechten« eine einheitliche Strategie entgegenmstellen. Ein Ansatzpunkt dafür bietet die

Erarbeitung einer »Alternative Economic Strategy«, die eine Stärkung der industriellen

Basis mit gleichzeitiger Ausdehnung demokratischer Kontrollen vorsieht.

Gegenüber Großbritannien stellt sich die Situation in Frankreich grundlegend anders

dar, wie Bemhard Marx, Chefredakteur der Zeitschrift »Economie et Politique«, betonte;

hier sei eine neue Dimension des Kampfes erreicht, in der die Arbeiterklasse die Herausforderung

der Leitung annehmen müsse. Die Strukturreformen der neuen französischen

Regierung, die im internationalen Kontext den Folgen verschärfter Austeritätspolitik

anderer Länder und im Inland der Investitionsmrückhaltung und dem Kapitalexport

der Unternehmer ausgesetzt sind, müßten, wenn die Ziele Produktivitätssteigerung

und Vollbeschäftigung gleichzeitig erreicht werden sollen, vor dem Hintergrund neuer

Kriterien und Methoden der Leitung vollzogen werden. Dies bedeutete Emanzipation

von der ökonomischen und kulturellen Diktatur der kapitalistischen Rentabilität und die

Anwendung eines neuen sogenarmten synthetischen Lenkungskriteriums, das die m­

künftige Strukturpolitik begründen soll. Die Diskussion m diesem Referat berührte

hauptsächlich diesen letzten Punkt, wie nämlich in einer nach wie vor kapitalistischen

Ökonomie die Forderungen der Arbeiterklasse (Vollbeschäftigung, Qualifikation, Produktion

sozial nützlicher Güter) mit dem traditionellen Effizienzkriterium der kapitalistischen

Produktion verbunden werden kann.

Jörg Huffschmid, Universität Bremen, und Jörg Goldberg, Mitarbeiter des IMSF,

unterschieden in ihrer Analyse der angebotsorientierten Politik, wie sie mr Zeit in der

BRD betrieben wird, zwischen binnenwirtschaftlichen Instrumenten der Austeritätspolitik

und außen wirtschaftlich orientierten Strategien, die auf eine Monopolisierung in internationalen

Dimensionen abzielt. Zu dem ersten Komplex gehören der reale Lohn-,

Einkommens- und Sozialabbau, eine scharfe Antünflationspolitik, sowie Entlastung der

Unternehmer durch staatliche Subventionen. Die Folge dieser Politik ist die Zerstörung

der nationalen Reproduktionsgrundlagen, die m erhalten nach Auffassung der Referenten

jedoch kein unmittelbares politisches Ziel der Regierung mehr darstellt. Ziel staatsmonopolistischer

Regulierung sei es in der gegenwärtigen Phase vielmehr, die nationalen

Monopole für die internationale Konkurrenz besser m präparieren, und zwar auf Kosten

des binnenwirtschaftlichen Gleichgewichts. Die stärkere Polarisierung zwischen den

Interessen der Arbeiterklasse und denen der Monopole hat nach Ansicht von Huffschmid/Goldberg

zu einer neuen sozialen Bewegung geführt, die sich um Probleme wie

Umwelt, Energie, Wohnungsbau und Frieden gebildet hat. Hinzu kommt die Tendenz,

von großen Teilen der Gewerkschaft unter dem Stichwort »Autonomie« eine größere

Distanz mr sozialliberalen Koalition zu halten. Sozialpartnerschaftliche Strömungen,

die nach wie vor großen Einfluß besitzen, stehen dagegen auf einer schmalen Basis, da

sozialpartnerschaftliches Verhalten mit der sich mspitzenden Krise kaum mehr materiell

»belohnt« wird.

In der Diskussion des zweiten Tages, die durch Kurzreferate aus den Niederlanden,

Chile, Österreich und Finnland eingeleitet wurde, standen vor allem Einzelfragen m den

Referaten aus den Reihen der 160 Teilnehmer im Mittelpunkt. Eine - jedoch nur in Ansätzen

ausgetragene - Kontroverse führten Aaronovitch und Huffschmid über den Begriff

des staatsmonopolistischen Kapitalismus, der Aaronovitch als m enges Konzept er-


Kongreßberichte 869

schien, das die Vielfalt der politischen Kräfte nicht hinreichend erfassen und erklären

könne. Dem setzten Huffschmid und Schleifstein entgegen, daß dieser Begriff das dominierende

und allgemeine gesellschaftliche Strukturierungsprinzip bezeichnet, auf das die

sozialen Bewegungen letztlich zurückgeführt werden müßten.

In der weiteren Debatte, die leider nicht nach inhaltlichen Kriterien strukturiert war,

und die man unter Umständen auch besser hätte in Kleingruppen führen können, wurde

ein zentrales Problem für eine alternative Wirtschaftspolitik deutlich. Die meisten Referenten

betonten in ihren Beiträgen, daß die nationalen Strategien der Arbeiterklasse viel

stärker internationale Folgen und Implikationen berücksichtigen müßten. Das Beispiel

Frankreich zeigt sehr deutlich, wie im internationalen Kontext alternative Wirtschaftspolitik

konterkariert werden kann.

Diese IMSF-Tagung, deren Beiträge jetzt in den »Marxistischen Blättern« 5/82 erschienen

sind, lieferte in diesem Zusammenhang insgesamt wichtige Anregungen für zukünftige

Diskussionen.

Otto Singer und Mathias Thurm (Berlin/West)

Weimar ou la modernite

Kolloquium an der Ecole Normale Superieure de Saint-Cloud, 12.-13. Juni 1982

Gemeinsam mit der Ecole Normale Superieure de Saint-Cloud veranstaltete die Pariser

»Forschungsgruppe über die Kultur der Weimarer Republik« ein (Gründungs-)Kolloquium,

das sich mit Weimar als einem Höhepunkt der »Moderne« befassen sollte. Gerard

Raulet (Paris) wies in seinem Einleitungsreferat auf die Bedeutung der Erforschung

der Weimarer modernite und ihres Zerfalls für das Verständnis der gegenwärtigen Auseinandersetzung

zwischen den Aposteln der Moderne und der »Postmoderne« hin und

hob das Paradoxe an der Weimarer Zeit hervor, das zum Thema der Diskussionen werden

sollte: »Sind kulturelle Kreativität und politische Labilität zwangsläufig verbunden,

oder läßt sich eine Form der Öffentlichkeit denken, die unter der Bedingung eines Rationalitätswechsels

expressive Kreativität und politisch-ökonomische Verwaltung versöhnen

würde?«

Gerhard Höhn (Caen) zeigte am Beispiel einiger konservativer Intellektueller der Weimarer

Republik, daß die Krisen der bürgerlichen Gesellschaft ständig »romantische« Effekte

hervorbringen und behauptete, die Jenenser Romantik mit der Weimarer »konservativen

Revolution« vergleichend, daß die ursprünglich »ambitendenzielle« (fortschrittliche

und konservative) Reaktion der Intellektuellen auf die Moderne mit der Krise umschlage

und rein konservativ werde. Es folgten weitere Beiträge über die Weimarer Rechte,

darunter eine anregende Diskursanalyse von Goeldels (Straßburg), der Möller van

den Brucks Gebrauch der Begriffe »Revolution« oder »Sozialismus« explizierte und entmystifizierte.

Für eine Diskursanalyse plädierte ebenfalls Georges Roche (Grenoble); in

einem sehr lebhaften Vortrag über die Ideologie der Weimarer Ingenieure zeigte er, wie

man in dem »interdiscours« der mittleren Ingenieure wichtige Auskünfte über ihr Verhältnis

zum Nationalsozialismus finden kann.

Arno Münster (Paris) untersuchte den Blochsehen Begriff der Ungleichzeitigkeit.

Burghart Schmidt (Wien/Hannover) polemisierte, ausgehend von Lukacs' und Blochs

Irrationalismus-Kritik, gegen die aktuelle französische Philosophie, insbesondere den

»Foucaultismus«, der »mit des deutschen Irrationalisten Oswald Spenglers geschichtsmethodischem

Konzept übereinzustimmen« scheine. Eine ähnliche These vertrat, wenn

auch nicht so schroff, Axel Honneth (Berlin/West), für den die Berührungspunkte zwischen

Adornos Geschichtsphilosophie und der lebens philosophischen Kulturkritik eines

Ludwig Klages erst heute, im Lichte der Rezeption der »Dialektik der Aufklärung«

durch den »französischen Post strukturalismus« an Bedeutung gewinnen.

Auf dem Programm des zweiten Sitzungstages stand zunächst »Die Krise des Marxismus

und die theoretische Erneuerung«, die die Beiträge von Söllner (Berlin/West), Lüd-

DAS ARGUMENT 136il982 ,C


870 Kongreßberichte

ke (Frankfurt/Main), Gang! (München) und Bonss (München) über die Anfänge des Instituts

für Sozialforschung dokumentierten. Die Psychoanalyse war vertreten durch Le

Rider (Paris), der die auf den ersten Blick provokatorische These vertrat, die Psychoanalyse

hätte im Deutschland der Weimarer Zeit nicht wirklich Fuß fassen können. Die letzten

fünf Beiträge beschäftigten sich mit Benjamin, was das in Frankreich wachsende Interesse

für diesen Autor bezeugt. Burkhardt Lindner (Frankfurt/Main) ging auf Benjamins

Begriff des positiven Barbarentums ein, der ohne die Verdinglichungstheorie von

Georg Lukacs nicht zu verstehen sei, und der sich in einen revolutionären kunsttheoretischen

»Diskurs« einfügen lasse, zu dem Lindner auch Kracauer, Bloch, Eisler und

Brecht rechnete. In meinem eigenen Beitrag versuchte ich, ausgehend von Benjamins widersprüchlichen

Äußerungen zur Avantgarde, seinem Begriff der Urgeschichte der Moderne

näher zu kommen und zu zeigen, daß sein Verfahren offensichtliche Ähnlichkeiten

mit Foucaults »Archäologie« aufweist. Josef Fürnkäs (Paris) untersuchte den Begriff

des Denkbildes anhand der »Einbahnstraße« und kam zu dem Schluß, daß letztere

zwangsläufig in die Pariser Passagen mündete. Uwe Opolka (Tübingen) ging dem Begriffspaar

Gleichheit/Ähnlichkeit nach und zeigte, daß sich die Moderne herausbildet,

wenn die Gleichheit an die Stelle der Ähnlichkeit tritt. (Dies wäre vielleicht eine weitere

Übereinstimmung zwischen Benjamin und Foucault, der auf die Ersetzung der Suche

nach Ähnlichkeiten [similitudes] durch die nach Gleichheiten und Unterschieden

[identites et differences] im Zeitalter der Vernunft aufmerksam macht.) Zuletzt hielt Karol

Sauerland (Warschau) einen kurzen Vortrag über Benjamins Anarchismus, aus dem

einiges über die aktuelle Situation in Polen hervorkam. - Die Diskussionen waren mitunter

heftig und mußten leider zu oft aus Zeitmangel abgebrochen werden. Raulet zog

eine vorläufige Bilanz: das Kolloquium habe einen ersten Beitrag zu einer »Urgeschichte

der Postmoderne« geleistet. Die Akten des Kolloquiums erscheinen 1983 in französischer

Sprache.

Mare Sagnol (Paris)

Passagen

Kolloquium zum 90. Geburtstag Walter Benjamins und zu dem Erscheinen des Passagen-Werks,

Frankfurt am Main, 1.-3. Juli 1982

Die Pariser Passagen waren mehr ein (markt bedingter) Anlaß und ein lockendes Motto

als der Forschungsgegenstand des Frankfurter Benjamin-Kolloquiums. Sieht man von

den Vorträgen Tiedemanns, der seine Einleitung in das nun erschienene Passagen-Werk

vorlas und auf dieses Fragment gebliebene Buch den Satz von Benjamin bezog, daß

»aus den Trümmern großer Bauten die Idee von ihrem Bauplan eindrucksvoller spricht

als aus geringen noch so wohl erhaltenen«, und Burkhardt Lindners ab, der die Geschichte

dieses Trümmerhaufens nachzeichnete und in seinem Kommentar die Berührungspunkte

zwischen Benjamins Faszination und Fouriers Utopie einer Passagenstadt

aus »rues-galeries« hervorhob, war in diesen zwei Tagen von den Passagen wenig die Rede.

Beide Redner unterstrichen die Bedeutung, die das Fetisch-Kapitel von Marx und

dessen Lukacs'sche Interpretation für die späte Konzeption dieses Werkes einnahmen.

Einige Beiträge waren aber durchaus fehl am Platz, wie z.B. Schweppenhäusers stundenlange

esoterische Ausführungen oder auch Unseids Grabrede auf Scholem, ganz zu

schweigen von Alfred Schmidts unqualifizierbarem Verhalten als »Diskussionsleiter«.

Aus Berkeley war Leo Löwenthal nach Frankfurt gekommen, der auf eindrucksvolle

Weise über seine Beziehungen zu Benjamin und ihre gemeinsamen Interessen und

Schicksale (so z.B., daß beide in Frankfurt an der Habilitation scheiterten) sprach und

die »Integrität« Benjamins sO\vie auch seine »Urbanität« rühmte. Er versicherte, daß er

1938 in New York darauf bestand, die erste Baudelaire-Arbeit zu drucken, die Adorno

und Horkheimer schließlich ablehnten. Von allen Rednern hat zweifellos Löwenthal, der

vor unzähligen Zuhörern sprach, den größten Erfolg gehabt.


Kongreßberichte 871

»Immer radikal, niemals konsequent« - mit diesem Zitat aus einem Brief von Benjamin

an Scholem betitelte Irving Wohlfahrth seine gründliche Analyse des »Theologischpolitischen

Fragments«, in dem »das Programm angekündigt wird, von dem Benjamin

niemals abweichen sollte«. Von diesem Fragment ausgehend, wies Wohlfahrth nach,

daß Benjamins politische Theorie bis zu seinen geschichtsphilosophischen Thesen von

theologischen Motiven durchdrungen blieb. Benjamin sei »ein wandernder Jude als

weltgeschichtlicher Flaneur


872 Kongreßberichte

Frauenbewegung« wurde es dann auch zwischen den Veranstaltungen diskutiert. - Die

Gänge der Silberlaube boten ein buntes Bild, sowohl was die Kleidung der Teilnehmerinnen

als auch die Stände betraf. Vom biodynamischen Müsli, dem 'Blauen Cafe', Bücherständen,

Naturkosmetik, Ständen zu einzelnen Projekten, wie z.B. 'Offensives Altern',

bis hin zum Angebot von acht verschiedenen Kalendern (Frieden, Lesben, Heilkräuter,

Emma ...) gab es alles, was da, frauenbewegte Herz begehrt. Große und heftige

Auseinandersetzungen fehlten. Aber auch die Spaltung in Lesben und Heteros, »wirklich

autonome« und sozialistische Feministinnen gab es nicht. Man traf sich in den Bereichen

am gleichen (Forschungs-)Gegenstand, wie z.B. Umwelt/Körper/Gesundheit

(der über die Hälfte der Veranstaltungen ausmachte), wo dieses Jahr auch die Sozialistinnen

sich mit ihren Überlegungen vorstellten. Alte Zuständigkeiten wurden aufgegeben

(die einen verhandeln den Körper, die anderen das Problem der Arbeit und der Gewerkschaften);

aber auf der Sommeruni wurde nicht klar, wie es die Bereiche und die

»Fraktionen« in der Frauenbewegung ändert/ändern wird. Selten wurde kontrovers diskutiert,

obwohl die große Zahl der mitschreibenden Frauen darauf schließen läßt, daß

aufmerksam das Neue verfolgt wurde. In der Veranstaltung »Feministische Demokratie

versus Demokratie der Familienväter«, in der Hannelore Schröder sich z.B. für eine »feministische

Staats- und Gesellschaftstheorie« stark machte, gelang es der Diskussionsleitung,

die aufkommenden (wie ich finde, produktiven) Streitigkeiten um die politische

Organisierung der Frauenbewegung zu unterbinden. Dabei war die Referentin provozierend

gewesen: sie behauptete, daß die Frauenbewegung ineffektiv und chaotisch sei und

diese Art der »autonomen Organisation« zur Zeit nichts bewirken könne. Sie sei allen

politischen Strömungen, wie z.B. Gewerkschaften, Kirche, Öko-Bewegung, Parteien,

hilflos ausgeliefert, so daß das absehbare Resultat die Auflösung der »strukturlosen Verbände«

sei. Sie plädierte für die Gründung einer Frauenpartei, damit die Frauen mehr

Macht und Einfluß gewännen. Daß man das Vorhandene prüfen und besser nutzen solle

- wie eine Frau einwandte -, ging unter.

Die Frauenbewegung ist nicht tot - wie die TAZ zur Zeit beschwörerisch formuliert

- aber es fehlen die großen Themen. Diese Sommer uni fiel vielleicht in eine »Bedenkzeit


Kongreßberichte 873

Fachbereichen, wobei die Naturwissenschaften in gleichem Maße repräsentiert waren,

wie die Geistes- und Sozialwissenschaften. Diese Vorträge konzentrierten sich in der

Hauptsache auf frauenspezifische Probleme in den einzelnen Fächern, sowie auf die

Auswirkungen der bisher nahezu ausschließlich männlichen Sichtweise auf Forschung

und Forschungsergebnisse. Es war auWillig, daß alle Vortragenden sich um eine einfache

sprachliche Darstellung bemühten, daß sie Fachterrnini vermieden, um Verständigungsprobleme

und dadurch bedingte Irritationen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

An den Nachmittagen wurden dann in Form von kleinen Arbeitsgruppen Gelegenheit

gegeben, die Flut von Informationen und Thesen der Vormittage zumindest ansatzweise

zu diskutieren. Diese Kleingruppen waren im Vorhinein von der Organisationsleitung

ausgewählt worden und bestanden für jede Teilnehmerin aus sowohl einer Wohngruppe,

als auch einer Fachgruppe. Zum Verständnis dieser Vorgehensweise muß erwähnt werden,

daß man schon bei der Anmeldung zur Konferenz spezielle Interessen angeben sollte,

die dann vor allem für die Fachgruppen die Auswahlkriterien bildeten. So hatte ich

(Literaturwissenschaftlerin) z.B. als Interessengebiet Methoden- und Theorieentwicklung

gewählt und landete damit in einer eher theoretisch orientierten Fachgruppe zusammen

mit Frauen aus der Theologie, Psychologie, Literaturwissenschaft, Soziologie, usw.

Unsere Diskussionen berührten am ersten Tag u.a. folgende Fragen:

Wie verhält man sich als weiblicher Forscher zu den herkömmlichen, von Männern

konzipierten Methoden und Theorien, die oft von uns als unzureichend oder hemmend

erlebt werden? - Kann man sich der Zwangsjacke der männlichen Wissenschaftssprache(n)

entziehen, um sich besser untereinander und mit der Außenwelt zu verständigen?

- Wie überlebt man als weiblicher Forscher an patriarchalischen akademischen Institutionen?

Ist es ratsam, die eigenen, aufrührerischen Ideen auf die Zeit nach der Promotion

zu verschieben? Oder soll man den Kampf gleich hier und jetzt führen, mit dem Risiko,

die Dissertation dann wahrscheinlich nicht fertigschreiben zu können? - Wie erreicht

man in der praktischen Forschungsarbeit, z.B. in der Soziologie, die »normalen

Frauen«, deren Lebensbedingungen man ja als Forscherin nicht teilt, die man aber auch

nicht nur als Forschungsobjekt betrachten kann und will? Auch in diesem Zusammenhang

kam das Problem, eine eigene Sprache zu finden, immer wieder auf.

Jede der 18 Fachgruppen schrieb kurze Diskussionsprotokolle. Sie wurden am jeweils

nächsten Tag, zusammen mit anderem aktuellen Material, Ankündigungen u.ä., in einer

internen Zeitung mit dem schönen Titel »Nordlicht« zusammengestellt.

Die sehr heterogen zusammengesetzten Wohngruppen trafen sich, außer zu den

Mahlzeiten, auch an zwei Nachmittagen zu längeren Arbeitsterminen. Die sich hierbei ergebende

Gruppenkommunikation war meist ziemlich unstrukturiert bis chaotisch, was

den Vorteil hatte, daß man der allgemeinen Neugier freien Lauf lassen konnte. Hier

herrschte weder Konkurrenz, noch Statusdenken und alle »dummen« Fragen konnten

hemmungslos gestellt werden. Es war eine große Erleichterung, endlich einmal, ungestört

von akademisch/männlichen Mechanismen, Probleme diskutieren zu können wie:

warum man sich als Frau an der Uni eigentlich dauernd unterlegen fühlt, selbst in den

Situationen, wo man allen anderen gegenüber einen klaren Wissensvorsprung hat; wieso

man das Gefühl nicht loswird und auch nicht verdrängen kann, lästig zu sein, wenn man

mit frauenspezifischen Fragestellungen kommt usw. Die auf der Konferenz geknüpften

persönlichen Kontakte sollen zu einem stabilen weiblichen Kontaktnetz innerhalb der

schwedischen Universitätswelt ausgebaut werden, was auf längere Sicht für das Selbstbewußtsein

und die Arbeitssituation der Forscherinnen und auch Studentinnen von großer

Bedeutung sein wird. Dieser ersten Frauenuniversität wird eine zweite folgen.

Brigitte Mral (Stockholm)

DAS ARGUMENT 136/1982 ©


OAS ARCiU\1ENT 136/1982

874 Kongreßberichte

Erste Bremer Frauenwoche

Universität Bremen, 20.-25. September 1982

Allen Frauen die Hochschule zu öffnen war die leitende Idee der 1. Bremer Frauenwoehe

(getragen vom Verein Sozialwissenschaftliehe Forschung und Praxis e. V. und der

Uni Bremen). Das Programm mit 207 Veranstaltungen bot Vielfalt: Frauen und Arbeit,

Gesundheit, Lebensphase, Frauen in anderen Kulturkreisen, Gewalt gegen Frauen, Krise/Krieg,

Selbstverwirklichung durch künstlerisches Gestalten und Frauenbewegung

und Politik. Leider schloß der enge »Autonomiebegriff« der ca. 30 Vorbereitungs frauen

die sozialistisch organisierten Frauen wieder aus. Ziel war es, ein Gespräch zwischen verschiedenen

Frauen zu ermöglichen, Verbindungen dort herzustellen, wo es noch nicht

möglich war, wie z.B. zwischen Gewerkschaftsfrauen und Frauen aus der autonomen

Frauenbewegung. Bis zu Beginn der Frauenwoche hatten sich ca. 350 Frauen über den

Bildungsurlaub angemeldet. Das Foyer des GW2-Gebäudes der Uni Bremen war das

»Herz« der Bremer Frauenwoche, dort wurde organisiert und dort befanden sich handwerkliche

Stände mit Wolle, Schmuck, selbstgenähten Rucksäcken, Büchertische waren

nur wenige, im Innenhof und im ersten Stock des Gebäudes waren Essenstände, die alternative

Körnerkultur hatte viele gute Sachen zu bieten.

Diskussionen, die über die gefürchtete Nabelschau hinausgingen und kontroverse Positionen

zur Frauenbefreiung hervorriefen, waren seltener. Mit den bekannten Argumenten

und Statements versehen, redeten sich über 200 Frauen die Köpfe heiß zu den

von Barbara Rohr gestellten Fragen: welche Erfahrungen Frauen mit »linken« Männern

machen, ob wir mit ihnen gemeinsam gegen unsere Unterdrückung »Seite an Seite«

kämpfen wollen und können, ohne daß dabei ein »Schulter-an-Knie«-Verhältnis entsteht

und wie eine Theorie/Praxis der Frauenbewegung aussehen muß, die zur »Lösung

der Frauenfrage sowohl 'Klassenkampf, als auch 'Geschlechterkampf« erfordert. Die

Diskussion verlief eher frustrierend, nicht konstruktiv um Toleranz und Solidarität bemüht,

sondern als Schlagabtausch zwischen unsensiblen, dogmatischen »wir-wissenwas-objektiv-richtig-ist«-Frauen

und intoleranten, »autonomen« »wir-sehen-über-den­

Tellerrand-unserer-Subjektivität-nicht-hinaus«-Frauen. Dies rührte auch her von der

Art, wie B. Rohr die Veranstaltung aufbaute.

Von ihrer Biografie ausgehend erläuterte sie, daß der Geschlechterkampf nicht mit

dem Klassenkampf gelöst werden könne. Da sie aber die Kämpfe zweiteilte in Klassenkampf

(gegen die »objektiven Bedingungen«) und Geschlechterkampf (gegen die »subjektiven

Bedingungen« gerichtet), verunmöglichte sie zugleich eine Diskussion um das

Problem der Organisationsform für die feministischen Sozialistinnen. In der Diskussion

verschob sich das Problem in einen Kampf der Feministinnen gegen Sozialistinnen und

wurde zu einem Gegeneinander zweier alternativ auftretender Projekte.

Ziel der Veranstaltung »Weibliche Identität gleich weibliche Sexualität« war es, eine

Selbsthilfegruppe einzurichten. Da aber ausschließlich Erfahrungen zusammengetragen

wurden, war bis zum SchlUß nicht klar, zu oder gegen was diese Gruppe sich bilden sollte.

Überhaupt erwies sich in vielen Veranstaltungen die Losung aus der Frauenkultur

»Wir sind alle gleich« als hinderlich. Das Hierarchieproblem mit der Zurücknahme vorhandener

Kompetenzen zu lösen, ist der Sache wenig dienlich. Es braucht strukturierende

und wissende Eingriffe von seiten der Referentinnen und allen, die sich kompetent

machten.

Interessant war noch, daß die Diskussionen häufig unter dem Aspekt Opfer oder Täter

geführt wurden. Die Frauen maßen sich das Theorem an, befragen so ihre Praxen

und versuchen es als ein Handwerkszeug.

Der zum Teil abschreckende Charakter der Großveranstaltungen mit den negativen

Begleiterscheinungen, wie Redeängste bei nichtintellektuellen Frauen und Dominanz der


Kongreßberichte 875

Redegewandten führten bei fehlender Strukturierung und Fragestellung in Diskussionen

zur Überforderung der Referentinnen und Zuhörerinnen. Hier hatte frau aus den Fehlern

und Kommunikationsformen anderer Frauenwochen nichts gelernt. In nur wenigen

Veranstaltungen konnten diese Mängel durch die Persönlichkeit und Ausstrahlungskraft

einer Referentin wie der 72jährigen Schweizerin Amalie Pinkus aufgefangen werden.

Von ihr erfuhren wir, wie sie mit Problemen in der Arbeiterbewegung, im antifaschistischen

Widerstand, im »Privat«leben und in der Frauenbefreiungsbewegung konfrontiert

war und ist. Amalie Pinkus will den jungen Frauen kein »Orakel« sein: »Eure Ideen

und Ziele müßt ihr selber finden.« Und dennoch können wir von ihr lernen, wie Frauen

sich selbstbewußt als Subjekt der Geschichte verstehen sollten.

Die Notwendigkeit einer Woche für Frauen ist trotz aller Kritik unbestritten und ihre

Bedeutung liegt m.E. in den Schwingungen, die sie hervorrief: Anregung zum Weitermachen!

Nur sollten wir uns überlegen, wohin die Frauenbewegung geht, wenn wir uns

unter den derzeitigen politischen Verhältnissen selektieren lassen. Resignierend sagte eine

Frau in der Diskussion »Frauenbewegung wohin?« »Das war alles schon mal da, Frauen

auf Barrikaden, Selbsterfahrungsgruppen und' ne geile Lesbenszene« ... und dann der

Fa'ichismus. Betretenes Schweigen. Keine Antworten? Wo blieb die Reaktion von Frauen,

als ein CDU-Blatt die Frauenwoche als »Woche für Frauen mit Orgasmusschwierigkeiten«

diffamierte und ein anonymer Bombenleger durch massive Gewaltandrohung

die Veranstaltungen für Stunden verhinderte?

Dagmar Burgdorf (Bremen) und Angelika Nette (Hamburg)

»Frauen auf dem Vormarsch«

Frauenfest der Demokratischen Fraueninitiative und des ASTA Frauenreferats

der H.-Heine-Universität Düsseldorf, 26.-27. September 1982

Fast 4000 Menschen (darunter ca. ein Drittel Männer) waren gekommen, um an den 34

Diskussionsrunden, »Kreativitäts-Workshops«, teilzunehmen. Gemäß dem Motto des

Festes »Frauen für Frieden, Arbeit und Emanzipation«, war für jeden »Bereich« eine

Groß veranstaltung angekündigt. Zunächst ein Tribunal für die Forderung: »Wir wollen

das Recht auf Arbeit«; hier wurde noch einmal zusammengetragen, was diese Forderung

so notwendig macht; hinterher war ich nicht schlauer - die Hauptsache war die

Demonstration großer Einigkeit.

In der Forumsdiskussion »Frieden contra Emanzipation« (E.-M. Banach-Epple,

Courage; O. Kraus, Landesfrauensekretärin der HBV; K. Hempel-Soos, AsF; C. Thoma'i,

DFG/VK; R. Wurm, DFI; L. Doormann, DFI) wurde nicht um dieses Thema gestritten,

sondern die Zusammengehörigkeit und Verbundenheit des Friedens- und Frauenkampfes

historisch und perspektivisch festgestellt. Als Strategie wurde die Zusammenarbeit

von autonomen und organisierten Frauen vorgeschlagen. Auffällig war die

Einordnung von frauenspezifischen und gesellschaftlichen Problemen in einen hierarchischen

3-Stufenplan (Doormann): 1) der persönliche Bereich, in dem frau mithilfe ihrer

Frauengruppe ihre Erfahrungen mit männlicher Unterdrückung aufarbeiten könne; 2)

der gesellschaftliche Bereich, der dem Kampf um Arbeit und Politik vorbehalten bleibe

und schließlich 3) der internationale Bereich, in dem es um den Kampf für Frieden und

Abrüstung gehe. Zumindest in den letzten bei den Bereichen sei eine Zusammenarbeit

mit Männern geboten.

Daß der Kampf gemeinsam mit den Männern gegen den »Hauptfeind«, das Kapital,

zu führen sei, wurde auch von vielen Teilnehmerinnen des Forums »Frauenbewegung

wohin?« (K.Roth, Gewerkschaftssekretärin; C. Schmasow, stellv. AsF-Vorsitzende; G.

Spieß, Fraueninitiative 6.10; F. Haug, SFB Berlin und Hamburg; M. Konze, DKP­

Frauenarbeitskreis; F. Herve, M. Jansen DFI) gefordert. (Die Diskussionsbedingungen

waren in dieser Veranstaltung für Referentinnen und Zuhörerinnen eine Zumutung; die

DAS ARGUMENT 13611982 :'


n"" "RGI:MFNT 136/1982 l'

876 Kongreßberichte

mehr als 300 Teilnehmerinnen saßen im Foyer der Uni auf dem Steinboden, es gab kein

Mikrophon usw.) Es wurden Vorschläge gemacht wie: wir müssen uns msammenschließen

gegen Rüstung und Sozialabbau (K. Roth) oder gesagt, daß schon viel erreicht wurde

bei und mit den Frauen im Kampf gegen Kapital und die Unternehmer (M. Konze).

Angesichts der zunehmend schlechter werdenden Lage, verschärft noch durch den Regierungswechsel,

gälte es nun, an dem Erreichten festzuhalten (§218, Mutterschutzgesetze)

und es m verteidigen (c. Schmasow, M. Konze). Die ökonomische Krise werde auf

dem Rücken der Frauen ausgetragen, hieß es, ohne Erschütterung in der Entschlossenheit,

mit Männern gemeinsam dagegen angehen zu können. F. Haug versuchte, aus

eben dieser besonderen Betroffenheit der Frauen von der ökonomischen Krise, die Notwendigkeit

autonomer Frauenkämpfe zu behaupten. Die Fraktionierung in der Arbeiterklasse

zu überwinden, verlange auch, daß die besonders unterdrückten »Fraktionen«

(z.B. Ausländer und Frauen) gegen andere Gruppen Konflikte austragen müßten, gerade,

um die Einheit möglich zu machen. Frauen würden in allen Bereichen unterdrückt.

Wiewohl man zu Recht davon ausgehen könne, daß »das Kapital« Nutznießer dieser

Tatsache sei, sei es doch nicht der eigentliche Unterdrücker. Das Unterdrückungsverhältnis

werde vielmehr von Männern und Frauen immer wieder hergestellt. Der Kampf

sei daher von Frauen doppelt m führen: gegen das Kapitalverhältnis und gegen ihre Unterordnung

unter Männer. Formen für den unausbleiblichen Konflikt im Mann/Frau­

Verhältnis müßten von den Frauen unabhängig gefunden werden. Sie würden die Arbeiterbewegung

nicht spalten, sondern der Überwindung der tatsächlichen Spaltung notwendig

vorhergehen. G. Spies (Fraueninitiative 6.10) faßte ihren Eindruck nach der Veranstaltung

so zusammen: »Die Aufforderung, doch einmal zu überlegen, inwieweit sich

der gesellschaftliche Herrschafts- und Gewaltmsammenhang subjektiv auch in uns

Frauen selbst bricht und entäußert, wird von den meisten Podiumsfrauen vehement als

subjektivistisch und psychologisierend verworfen. Solche Überlegungen ließen die ökonomischen

Bedingungen außer acht, das Kapital und das Objektive. Die Konzepte werden

als fertig vorgestellt, da scheint nichts mehr frag-würdig. So bleibt die Diskussion

abstrakt, weit weg von uns als Personen, nichts dringt durch von unserer ganz subjektiven

und konkreten Betroffenheit, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Die Vertreterinnen der

Gewerkschaft, DKP, SPD und DFI empfehlen, sich zu organisieren, z.B. der Gewerkschaft

beizutreten, sie fordern auf, auch Spitzenpositionen in der Gesellschaft m erkämpfen,

vor allem gemeinsam politisch aktiv zu werden mit den Männern, vor allem

nicht gegen sie. 'Ihr müßt ...' ist die verräterische Anfangswendung vieler geschult vorgetragener

Appelle. Man kennt sich aus und vermittelt sein Wissen weiter, an die, die

noch nicht so weit sind. Frauenbewegung erscheint so nicht mehr als Prozeß, da bewegt

sich nichts mehr. Die Diskussion gerät zu einem Hin und Her von bekannten Einstellungen

...« - Daß die Frauenemanzipation zwei Kämpfe erfordert, die eigentlich unverbunden

nebeneinander stehen, schlug sich auch im Kulturprogramm nieder: es gab die

antikapitalistischen Lieder, das Kabarett und die »Beziehungskiste«. Nur so ist vielleicht

verständlich, daß aus dem anti patriarchalischen Lied »Sabinchen war ein Frauenzimmer«

ein Lied gegen den männlichen Kapitalisten werden konnte. Das Kulturprogramm

lud insgesamt nicht zum Mitmachen ein. So war z.B. die Veranstaltung »Bock auf

Rock« (in der es keinen Rock gab), die viele auf einen vergnüglichen Tanzabend hoffen

ließ, eine Darbietung von Musik, Pantomime und Feuerschluckern, die die Besucher betrachtend

auf den Stühlen ließ. Mir bleibt als Eindruck, daß mehr gelernt werden muß,

daß alte Sicherheiten aufgegeben werden müssen (wie, daß der Geschlechterkampf sich

aus dem Klassenkampf ableiten ließe). Wenn es uns sozialistischen Frauen nicht gelingt,

ein hegemoniales Politik-Konzept zu »er-finden«, das sich im Sozialismusprojekt bewegt

und es zugleich verändert, verlieren wir viele Kämpfe. Solche Feste könnten mehr

Unsicherheit stiften und zugleich wegweisender sein. Manuela Grosche (Hamburg)


Kongreßberichte 877

Frauen-Gesundheit, physische und psychische Aspekte und deren Folgen

Internationales Fortbildungs- und Arbeitsseminar für Frauen, Salzburg 4.-9. Juli 1982

Das Institut für Studien in Salzburg hatte amerikanische, skandinavische und österreichische

Expertinnen eingeladen. Als Gäste kamen etwa 90 Frauen aus 11 europäischen

Ländern (die größte Gruppe aus der BRD), Medienfrauen, Sozialwissenschaftlerinnen,

Gewerkschafterinnen - nicht einmal eine Handvoll Medizinerinnen. Folgende Schwerpunkte

lassen sich skizzieren: die gesundheitliche Situation von Frauen, ihre Stellung im

Gesundheitswesen, das Verhältnis zu den medizinischen Professionen, physische und

psychische Erkrankungen von Frauen und ihr gesellschaftlicher Hintergrund, Arbeitsbedingungen

von Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten, insbesondere die Bedeutung

moderner Technologien für Frauenarbeitsplätze.

Johanna Dohnal, Staatssekretärin für Frauenfragen im österreichischen Bundeskanzleramt,

berichtete über eine von ihr initiierte Enquete »Macht Frau-sein krank?« Der

Bericht, an dem Frauen aus allen österreichischen Frauenorganisationen mitgewirkt haben,

kommt zu dem Ergebnis, daß der Gesundheitszustand von Frauen schlechter ist als

der von Männern; daß ein Drittel der Frauen dauernd Medikamente einnimmt, um ihre

Aufgaben bewältigen zu können. Obwohl Frauen den größten Anteil der Benutzer wie

der Beschäftigten im Gesundheitswesen stellen, kommen ihre Interessen in den Institutionen

des Gesundheitssystems kaum vor, ein Zustand, der mit Unterversorgung, Wartezeiten,

mangelnder Transparenz der Institutionen, fehlender Mitsprachemöglichkeit,

geringer Zahl weiblicher Ärzte etc. umschrieben wurde. Dohnal beschrieb auch einige

historische Stationen von Frauen in der Medizin, markiert durch die Verketzerung von

Frauen mit medizinischen und geburtshilflichen Fähigkeiten als Hexen, Zurückdrängen

der Frauen aus den Gesundheitsberufen auf Hilfstätigkeiten. Gesundheitliche Verbesserungen

setzen Veränderungen des medizinischen Systems voraus, vorgeschlagen wurden

u.a.: Erforschung psychosomatischer Erkrankungen, Verbesserung der psychiatrischen

Versorgung, Förderung von Frauengesundheitsforschung, mehr weibliche (Fach-)Ärzte,

Unterstützung von Selbsthilfegruppen. Politische Forderungen, konservative wie feministische,

seien sowohl historisch wie auch im arbeitsmarktpolitischen Kontext auf frauenfeindliche

Inhalte hin zu untersuchen (z.B. Mutterschutzgesetz). Dementsprechend

wird momentan in Österreich eine »Prüfliste auf Frauenfreundlichkeit« für geltende und

künftige Gesetze erarbeitet. Die Schwierigkeiten für Frauen, ihre persönliche und berufliche

Identität zu entwickeln und zu behaupten (nachdem alte Rollenmuster nicht mehr

allgemein akzeptiert werden, neue Rollenbilder noch nicht entwickelt sind), illustrierten

mit jeweils anderen Akzenten Phyllis Chesler und Rachel Hare-Mustin. Eher assoziativ

beschrieb Chesler am Beispiel der Pornographie, die uns zum alltäglichen Wegsehenmüssen,

zu einer Übung in Selbstverleugnung zwinge, daß die sexuelle Liberalisierung

für Frauen ambivalent sei und negative Konsequenzen für die eigene Sexualität habe.

Ebenfalls nicht ganz neu war Hare-Mustins Hinweis auf den zusätzlichen Streß, den berufstätige

Frauen durch Haushalt und Familie erfahren, am höchsten sei er bei Kellnerinnen

und Sekretärinnen.

Im dritten Themenkomplex ging es um neue Bürotechnologie und Akkordarbeit. Michaela

Moritz von der Gewerkschaft der Privatangestellten verglich die Entwicklung im

Dienstleistungsbereich mit der Taylorisierung der Produktion. Bei der Datenerfassung

am Bildschirm ebenso wie bei der automatisierten Textverarbeitung handele es sich um

Frauenarbeitsplätze mit geringen Qualifikationsanforderungen und Monotonie. Nach

Untersuchungen der Gewerkschaft rufe Bildschirmarbeit andere Beschwerden hervor als

konventionelle Bürotätigkeiten. Zwangshaltungen und statische Muskelbelastungen

führten zu Rücken-, Schulter- und Kopfschmerzen sowie Augenbeschwerden. Insgesamt

gebe es eine Zunahme von Befindensstörungen und nicht zuletzt Angst vor Arbeitsplatzverlust.

Ähnliches referierte Gunilla Bradlay aus schwedischen Studien. Zur

DAS ARGUMENT 136/1982 es


878 Kongreßankündigungen

Verringerung der Belastungen an Bildschirmarbeitsplätzen fordert die österreichische

Gewerkschaft Mischarbeitsplätze, Pausen und eine Verkürzung der Arbeitszeit pro Tag.

Ilse Rohwani vom Staatssekretariat im österreichischen Bundesministerium für soziale

Verwaltung beschäftigte sich mit Akkordarbeit, v.a. auf der Basis einer Sondererhebung

des Mikrozensus zu Arbeitsbedingungen. Danach arbeiten Männer und Frauen unterschiedlich

im Akkord, mit anderen Qualifikationen, in anderen Branchen, mit anderer

Entlohnung. Aus der Gruppe der bis 40jährigen nennen Frauen häufiger Kopfschmerzen,

Schlafstörungen und niedrigen Blutdruck; Männer Augenschmerzen, Abnutzung

der Lendenwirbel und Kopfschmerzen. Bei den 60jährigen reproduziert sich das bekannte

Bild der Krankheitshäufigkeiten, Männer leiden mehr unter Gastritis, Frauen haben

dagegen mehr Schlafstörungen und Depressionen.

Die Tagung machte die Notwendigkeit vermehrten Erfahrungsaustauschs und verbesserter

Kooperation deutlich, damit nicht immer wieder die gleichen Fragen gestellt und

nach Antworten gesucht werden muß, die doch an anderer Stelle bereits entwickelt wurden.

Auch ein Teil der Themen auf dieser Tagung war bei uns bereits diskutiert und veröffentlicht

(vgl. U. Schneider: Was macht Frauen krank? Siehe auch die Rezension in

diesem Heft).

Giselind Grottian (Berlin/West)

Kongreßankündigungen

1. Volksuni Hamburg, 11. bis 13. Februar 1983

Das wissenschaftliche Volksfest wird ähnlich und anders als die Berliner Volksunis. So

werden z.B. regionale Themen stärker ins Gewicht fallen. Die über 50 Veranstaltungen

zu Wissenschaft, Kunst und Politik der sozialen Bewegungen finden in der Gesamtschule

Steilshoop statt. Anmeldungen sowie Anforderung des Programmheftes bei: Ulrich

Schreiber, Langenfelder Str. 62, 2000 Hamburg 50, 040/439 09 93.

1. Internationale Ferienuniversität Kritische Psychologie in Graz/Österreich

vom 7. bis 12. März 1983

K.-H. Braun: Wissenschaftlicher Humanismus und die menschliche Ontogenese als Gegenstand

der Psychologie; K. Wetzei: Subjektivität der Arbeiterklasse heute; K. Wetzei:

Persönlichkeitsentwicklung der Jugend in der bürgerlichen Klassengesellschaft; K.-H.

Braun: Psychopathologie und pädagogisch-therapeutisches Verfahren; K. Holzkamp:

Der Mensch als Subjekt der wissenschaftlichen Methodik; U. H .-Osterkamp: Psychologie

und Politik.

Für die Teilnahme ist eine Anmeldung, die folgende Angaben enthalten muß, notwendig:

I. Studienfachl Ausbildungsfach, 2. Semesterzahl, 3. inwieweit schon mit der

Kritischen Psychologie beschäftigt, 4. welche speziellen Interessen? - Die Anmeldung

ist zu richten an: Kongreßbüro Kritische Psychologie, clo Konstanze WetzellKarl-Heinz

Braun, Schwan allee 22a, BRD-355 Marburg/Lahn (eine Unkostengebühr braucht voraussichtlich

nicht erhoben zu werden).

DAS ARCiU'\1ENT 136.'1982


879

Besprechungen

Philosophie

Mittelstraß, Jürgen: Wissenschaft als Lebensform. Reden über philosophische Orientierungen

in Wissenschaft und Universität. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1982

(234 S., br., 14,- DM)

Mittelstraß will untersuchen, wie es dazu gekommen ist, daß Wissenschaft ihre orientierende

Funktion für vernünftiges Handeln verloren hat, welche Konsequenzen dies für

die Theorie der Wissenschaft und den Ort der Vermittlung wissenschaftlichen Wissens,

der Universität, hat; vor allem dann Perspektiven aufzuzeigen, die diesen Verlust wieder

ausgleichen, also Wissensbildung und Orientierungsfunktion in einer Theorie wieder zu

vereinen. Der erste Teil der Aufgabe, die Beschreibung und Analyse des Zustandes der

Wissenschaftstheorie und der Universitäten, ist äußerst instruktiv zu lesen; prägnant etwa

der Nachweis des ideologischen Scheins einer »wert freien Wissenschaft«; Hier zeigt

sich die Fruchtbarkeit und Leistungsfahigkeit eines handlungstheoretischen Ansatzes in

der Wissenschaftsforschung. Fragen drängen sich aber sofort auf, wenn Mittelstraß versucht,

sein eigenes Programm einzulösen. Zwar dürfte es wohl zum wesentlichen eine die

Diskussion würzende Provokation sein, wenn Mittelstraß seine Bestimmung von Wissenschaft

als »citoyen-Wissenschaft« vorstellt - in Abgrenzung zur bourgeoisen Form

von Wissenschaft (analytische Wissenschaftstheorie, Werturteilsfreiheit als Grunddogma)

und der marxistischen Wissenschaftsauffassung. Irrig seien diese beiden Wissenschaftskonzeptionen

darin, daß sie davon ausgehen, daß Gesellschaft die Wissenschaft

orientiere, nicht aber die Wissenschaft nach ihren als rational ausgewiesenen Zwecken

die Gesellschaft orientiert. Der Irrtwn liege dann genau darin, daß über die Vernünftigkeit

von Zwecken nicht entschieden wird nach autonomen Vernunftprinzipien, sondern

der Ausweis der Vernünftigkeit sich abhängig macht von faktischen Machtverhältnissen.

Für Mittelstraß' Vorstellung einer citoyen-Wissenschaft gilt dagegen, »daß Wissenschaft

ihrer Idee nach, d.h. unter den moralischen Ideen der Transsubjektivität und der Wahrheit,

stets republikanisch verfaßt ist ('keinem Mächtigen dient'), daß Wissenschaft insofern

nicht nur bürgerlich ist, sondern bürgerlich sein muß. 'Bürgerlich' hier im Sinne

von 'citoyen': dieser ist das Subjekt der autonomieorientierten Aufklärung und als solchem

hat ihm auch die Wissenschaft zu dienen. So verstanden aber ist Wissenschaft

nicht nur ihrem Wesen nach bürgerliche Wissenschaft, sie ist vielmehr auch politisch im

Sinne einer republikanischen Parteinahme für Autonomie (die Wertfreiheitsrufe an die

Adresse der Wissenschaft, so sieht man hier, mißverstehen gerade das, worauf sie sich

beziehen: die bürgerliche Freiheit).« (24)

Citoyen - impliziert wird hiermit nicht nur eine Moral-Konzeption, sondern gleichfalls

ein historischer Ort (französische Revolution), der aber eben auch die Überwindung

des citoyen durch den bourgeois enthält! Interessanterweise wird dieses Scheitern von

Mittelstraß nicht mitreflektiert. Vielmehr erscheint es - zusammen mit dem Hinweis,

daß ein solches Scheitern sich schon im alten Griechenland im Übergang von Platon zu

Aristoteles einmal ereignet hatte - als bloß kontingentes Ereignis, d.h. das Scheitern

der Vernunftautonomie ist letztlich immer und überall möglich ebenso wie deren Gelingen.

Entgleitet mit dieser Konstruktion eines überhistorischen Ortes von Vernunft nicht

aber die Möglichkeit des wirklichen Eingriffes in die als unvernünftig erkannten Verhältnisse?

(Siehe etwa S. 137 »Anmerkung 1981«, in der Mittelstraß das Scheitern der Konstanzer

Universitätsreform konstatiert bzw. feststellen muß, daß das, wovor er gewarnt

hatte, nun genau eingetreten ist). Enthält folgende Bestimmung nicht schon latent den

resignierten Rückzug nach dem Motto: 'Sie wollten es ja nicht besser'? »Die Übernahme

und Anwendung der Einsicht (in die Vernunftautonomie, M.W.) bleibt dabei stets eine

DAS ARGUMENT 136/1982


880 Besprechungen

Leistung der Subjektivität, d.h. jedes Einzelnen. Wo sie verweigert werden oder (aus

Gründen, die in dominanten subjektiven Orientierungen oder 'objektiven' Verhältnissen

liegen) nicht gelingen, kennt auch die Philosophie keine Wege, die in das vernünftige Leben

führen.« (182) Demgegenüber haben Marx und Engels schon vor über 100 Jahren

nachgewiesen, daß die Hoffnung auf die Einsicht aller, daß es vernünftig sei, vernünftig

zu sein, bloß eine schöne Utopie ist, bzw. daß das Scheitern der aufklärerischen Vernunftautonomie

systematisch in diesem Konzept angelegt ist.

Diese Gefahr eines abstrakten, unwirksamen Utopismus scheint Mittelstraß selbst zu

sehen, wenn er schreibt: »Voraussetzung dafür, daß das alles nicht nur ein Prinzip Hoffnung

bleibt, ist, daß sich das wissenschaftliche Subjekt wieder als bürgerlich, d.h. als

Teil einer republikanisch verfaßten Praxis, und als Träger universaler Orientierungen begreifen

lernt.« (33) Abgesehen von der elitär anmutenden Annahme, daß die wissenschaftlichen

Subjekte allein die Vernünftigkeit der Verhältnisse garantieren könnten, hat

auch dieser Versuch, aus der Utopie in die Wirklichkeit zu gelangen, zur Voraussetzung,

über die Einsichtigkeit aller die Vernünftigkeit im Handeln herstellen zu können, bleibt

somit selbst utopisch. Daß Mittelstraß dieses Problem nicht in den Griff bekommt, liegt

m.E. an der Abstraktheit des zugrundeliegenden Handlungsbegriffes. Handeln wird

vorgestellt als die Handlungsfahigkeit des je Einzelnen unabhängig und getrennt von den

Verhältnissen, unter denen gehandelt wird. Damit erscheint aber Macht als etwas, das

sich dem Zugriff und der Veränderung durch die handelnden Subjekte entzieht, ihnen

gleichsam naturwüchsig gegenübersteht. Wird aber die konstitutive Bedeutung des Handelns

für die Ausbildung bestimmter Verhältnisse mitreflektiert - marxistisch: wird die

Dialektik von Verhalten und Verhältnissen zum Gegenstand der Reflexion gemacht -,

dann sind es nicht je einzelne und isolierte Subjekte, die sich einer dominanten Macht

gegenübersehen, sondern es sind Klassen, die ökonomisch und politisch um die Durchsetzung

ihrer Ziele in einer Gesellschaft kämpfen. Und unter der Perspektive des Klassenkampfes

ergeben sich auch konkret bestimmbare Handlungsmöglichkeiten für z.B.

wissenschaftliche Subjekte zur Durchsetzung einer »vernünftigen« wissenschaftlichen

Praxis. Solange aber darauf vertraut wird, daß bloßes Wollen einzelner Subjekte eine

bessere Praxis zum Resultat hat, werden auch die besten Diagnosen faktischer Verhältnisse

nicht zu erfolgreichen Therapien eben dieser Verhältnisse führen.

Michael Weingarten (Bodenheim/Rh.)

Schmied-Kowarzik, Wolfdietrich: Die Dialektik der gesellschaftlichen Praxis. Zur Genesis

und Kemstruktur der Marxschen Theorie. Verlag Kar! Alber, Freiburg/München

1981 (312 S., br., 48,- DM)

Das zentrale Interesse der Arbeit besteht darin, zur »Rekonstruktion« philosophischer

Aspekte in der Marxschen Theorie beizutragen. Der Hauptteil des Bandes verfährt weitgehend

monographisch. Drei Aufsätze im Anhang beziehen sich auf die Vorgeschichte

oder Rezeption der Marxschen Theorie. Der erste Beitrag verdient insofern besondere

Erwähnung, als er ein Motiv der Hegeischen Philosophie expliziert, das in Schrnied-Kowarziks

Erörterung der Marx.schen Theorie an zentraler Stelle wieder auftaucht: die Logik

des Übergreifens. Übergreifendes Denken ist nach Hegel nicht nur ein auf das denkende

Subjekt selbst und die außer ihm liegende Objektwelt bezogenes Denken, sondern

eine dialektische Bewegung, in der die vorgängige Trennung zwischen Für-ein-Anderes

und An-sich-selbst-Sein aufgehoben wird (vgl. 232). Die Rede von der übergreifenden

Subjektivität des Geistes bei Hegel impliziert demzufolge, daß Natur und Geschichte, also

alles Materielle als Moment dem Entwicklungsgang des Geistes einbegriffen ist. Die

Logik des Überschreitens bleibt jedoch ausschließlich auf die logische Natur des philosophischen

Begriffs bezogen, wie bereits Schelling bemängelt (vgl. Kap. IX.). Nach

Schmied-Kowarzik nimmt Marx das Modell in seine Darstellung gesellschaftlicher PranAS

ARGUMENT 136/1982


Sprach- und Literaturwissenschaft 881

xis auf. Sie bildet, begrifflich nur wenig unterschieden von »Arbeit« und »Produktion«,

den Dreh- und Angelpunkt des Rekonstruktionsversuchs. Mit Ausnahme gewisser Modifikationen

und Differenzierungen sei das gesamte Werk durch seine »Kernstruktur«,

die »Dialektik der gesellschaftlichen Praxis«, geprägt, auch und gerade die seit 1857 erscheinenden

ökonomischen Arbeiten bis hin zum »Kapital«, das einer weitgehend immanenten

analytischen Methode folge und deshalb als Teilstudie eines Gesamtprojektes

zu verstehen sei. Die Einheit von Analyse und Kritik werde niemals preisgegeben, weil

die Theorie die Fühlung zur Praxis nie verliert. »Die gesellschaftliche Praxis als das

Übergreifende über sich und ihr anderes, die Theorie, kann sich ihrer selbst als des Übergreifenden

nur bewußt werden durch eine sie ausdrückende Theorie, vermittelt über die

gesellschaftlich bewußten Subjekte; aber die Theorie, die das Übergreifende der gesellschaftlichen

Praxis ausdrücken können soll, muß - ohne sich als Theorie aufgeben zu

können und zu dürfen - sich an sich selbst als von der gesellschaftlichen Praxis übergriffenes

Moment begründen, sonst fallen Theorie und Praxis wieder auseinander. ...

Daraus erwächst die komplexe Problemlage einer Philosophie der Praxis.« (225)

Der unablässige Gebrauch eines sich variantenreich um die Wörter »Praxis« und

»Dialektik« rankenden Vokabulars offenbart die Vagheit, mit der es eingesetzt wird.

Das Verfahren ist eklektisch. Über die Konsistenz des Zusammengetragenen macht der

Autor keine Mitteilung. Und die absehbaren Schwierigkeiten bei der Bündelung der herbeizitierten

Positionen bleiben nur deshalb im Verborgenen, weil die Bruchstellen in groben

Zügen überflogen werden. Die durchgängige Allgemeinheit der Einsichten und Erklärungen

nimmt den Formulierungen jegliches Profil. Die eher beiläufigen Invektiven,

etwa auf den »staatsbürokratischen Sozialismus«, wirken von daher ziemlich deplaziert.

Diese Bedenken gelten leider auch für die teilweise originelleren Überlegungen zum Verhältnis

von gesellschaftlicher Praxis und übergreifendem Naturprozeß, die an Wittfogel,

Bloch, Merleau-Ponty und mit diesen sich an Schelling anschließen.

Ausführliches wäre zu Schmied-Kowarziks Versuch zu sagen, die Marxsche Theorie

praxisphilosophisch zu reformulieren. Die zum »Übergreifenden« stilisierte Praxis umfaßt

den gesamten Bereich nicht-kontemplativen Weltbezuges und darüber hinaus noch

die Theorie als das andere ihrer selbst. Damit werden die gesellschaftlichen Praxen erneut

einem diffusen Oberbegriff zugerechnet, in dem ihre Besonderheit, ihre spezifische

Situiertheit in der sozialen Struktur verschwindet. Und es ist nicht ohne Blasiertheit, ausgerechnet

von diesem Standpunkt aus Althusser die Verkennung des dominanten Charakters

der »Philosophie der Praxis« vorzuhalten (Kap. X). Denn nichts liegt diesem

philologischen Verfahren ferner, als anzugeben, an welchen Punkten die gewonnene

Einsicht in die Praxis, die es fortwährend beschwört, Eingang finden soll. Zudem bleibt

die Rekonstruktion dem befehdeten» Theorie«-Verständnis Hegels verhaftet, indem sie

unter Beibehaltung seiner Problematik an die Stelle der Subjektivität des zu sich selber

kommenden absoluten Geistes die »Praxis« treten läßt. Die Grenzen des idealistischen

Programms werden so nicht überschritten, der »Wechsel des Terrains« (Althusser)

durch Marx nicht begriffen.

Ralf Konersmann (Münster)

Sprach- und Literaturwissenschaft

Hörmann, Hans: Einführung in die Psycholinguistik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft,

Darmstadt 1981 (154 S., br., 36,- DM, für Mitglieder: 21,- DM)

List, Gudula: Sprachpsychologie. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1981

(229 S., br., 54,- DM)

Osgood, Charles E.: Lectures on Language Performance. Springer Verlag, Berlin/Heidelberg/New

York 1980 (276 S., Ln., 42,- DM)

Einführungen sind in einer Phase der Neuorientierung einer Wissenschaft eine spannen-


882 Besprechungen

de Sache. Wo das alte, herrschende Paradigma seine Position verloren hat, ist es interessant

zu sehen, in welcher Richtung wichtige Vertreter die neue Perspektive der Wissenschaft

sehen. So sind derzeit Einführungen in die Psycholinguistik nicht einfach nur unter

didaktischem Gesichtspunkt geordnete sichere Erkenntnisse, die den Interessierten in

die Struktur und Geset=äßigkeiten des Gegenstandsbereichs einführen, sondern Ergebnisse

einer wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Diskussion um

die zukünftige Gegenstandsbestimmung und damit Forschungsausrichtung. Sie entstand

in der Auseinandersetzung mit dem linguistischen Modell der Chomsky'schen Generativen

Grammatik, die im Hinblick auf Sprachverarbeitung im Computer die Grammatik

natürlicher Sprachen als formales System zu beschreiben suchte, das in der Psycholinguistik

weithin realistisch interpretiert wurde, d.h. es wurden psychische sprachliche

Prozesse daraufhin untersucht, wie sich in ihnen die von dieser Grammatik postulierten

'generativen' Mechanismen manifestieren. Unterstellt wurde damit, daß dieses zunächst

für ganz andere Zwecke erstellte Modell auch psychische Realität besitzt. Dieser Trend

in der Psycholinguistik, die sich gleichzeitig auf linguistische und psychologische Modelle

stützt, wurde zusätzlich unterstützt durch die amerikanische 'Cognitive Psychology',

die allgemeine menschliche psychische Prozesse unter dem Gesichtspunkt computeranaloger

Informationsverarbeitung zu beschreiben suchte. In einem System gegenseitiger

Bestätigung dieser Art linguistischer und psychologischer Modelle konstituierte sich ein

Forschungsparadigma, das über viele Jahre die Psycholinguistik dominierte.

In der Konfrontation mit dem empirischen Gegenstand, aber auch über theoretische

Reflexionen zum Status dieses Modells erwies sich jedoch, daß gesprochene und verstandene

Sprache sich von jenen mathematischen und formallogischen Idealisierungen unterscheidet,

und auch die Welt, in der Sprache sich ent",ickelt und funktioniert, eine andere

ist als der abstrakte Modellraum der Linguisten. Der größte Teil der gegenWärtigen

Diskussion in der Psycholinguistik läuft im Zusammenhang und in Auseinandersetzung

mit diesem Paradigma. In dem Maße wie es seinen Glanz eingebüßt hat, wurden alte

Gegenstands- und Problem bereiche der Sprachpsychologie auch wieder sichtbar, die

lange ausgeblendet waren.

Hans Hörmann, dessen Standardwerk 'Psychologie der Sprache' (seit 1970 in mehreren

Auflagen erschienen) die Diskussion hierzulande mitgeprägt hat, beginnt seine 'Einführung

in die Psycholinguistik' mit einer Darstellung der Geschichte und des Modells

der durch das Chomsky-Modell bestimmten Psycholinguistik. Er macht hier sogleich

den Charakter der Auseinandersetzung als Problem des Verhältnisses von Linguistik

und Psychologie in der Psycholinguistik deutlich, wobei er für eine Emanzipation von

der Linguistik plädiert. Weil aber die Auseinandersetzung und die Konsequenzen, die er

zieht, nur aus dem alten Paradigma verstanden werden können, widmet er sich einer

kurzen Einführung in dessen Terminologie, die er unter dem Titel 'Sprache-an-sich' behandelt.

Die weiteren Kapitel bestimmen die zentralen Gegenstandsbereiche, die Hörmann

aus seiner Definition des sprachpsych%gischen Interesses an der Sprache ableitet.

Für die Psychologen, für die er seine Einführung gibt, soll die Funktion der Sprache,

ihr Werkzeugcharakter im Lebensraum zwischen Menschen und Welt Basis und Mittelpunkt

der Sprachpsychologie sein. Er behandelt deshalb die Bereiche Spracherwerb, die

Probleme der Bedeutung, sowie Produktion und Verstehen sprachlicher Äußerungen.

Zwei für die weitere Diskussion vielleicht relevante Konzepte verbinden sich mit diesem

letzten Bereich, dem auch unter dem Titel 'Meinen und Verstehen' (1976) seit einigen

Jahren Hörmanns Hauptinteresse gilt. Einerseits handelt es sich dabei um die Bestimmung

der Funktion der Sprache, andererseits um das Konzept der Sinnkonstanz.

Hörmann untersucht die Produktion von Äußerungen unter dem Gesichtspunkt der Intention

des Sprechers, das Bewußtsein des Hörers zu lenken. Dies bedeutet neben der

funktionalen Orientierung, im Gegensatz zu den bisher verbreiteten Strukturmodellen,


DAS ARGUMENT 136/1982'"

Sprach- und Literaturwissenschaft 883

auch eine Beschäftigung mit dem zu verwendenden Bewußtseinsbegriff. Hier liegt sicher

keine leichte Aufgabe, da in der herrschenden westlichen Psychologie dieser Begriff keinen

Platz hat.

Das zweite Konzept behandelt er im Schlußkapitel über das Verstehen. In Analogie zu

anderen Wahrnehmungsleistungen sieht er das Verstehen von Sprache nicht als einfache

Dekodierung von Information, die über die Rezeptoren aufgenommen wird, sondern als

intentionale Konstruktion. Parallel zu den Konstanzgesetzen der Gestaltpsychologie postuliert

Hörmann ein Prinzip der 'Sinnkonstanz' , eine prinzipielle Ausrichtung darauf,

das Gesagte in einen sinnvollen Zusammenhang mit dem schon Gewußten über Situation,

Weltkenntnis und Motivation zu stellen. Dieser Begriff kann einen wichtigen Beitrag

zur Überwindung der allzu mechanischen Sichtweise der Informationsverarbeitung

in der Cognitive Psychology liefern. Der Rückgriff auf die gestaltpsychologische Tradition

steht auch konträr zu deren Elementarismus, der Vorstellung vom Aufbau von Bedeutung

als Addition elementarer Merkmale. Wer sich über diese Einführung hinaus jedoch

für diese Auseinandersetzung interessiert, sei auf das schon erwähnte Buch 'Meinen

und Verstehen' verwiesen, das umfassender und lebendiger den Fragen einer psychologischen

Semantik nachgeht und in ihrer Entwicklung zeigt. Die Einführung gibt einen

kurzen und lesbaren Einstieg in die Modelle und Probleme der Psycholinguistik.

Das Buch von Gudula List ist stärker an Praxisbereichen orientiert. Nach einem Kapitel

zur Theoriediskussion gliedert es sich in die Gegenstandsgebiete Sprachfahigkeit,

Sprachaneignung und Sprechtätigkeit. Sie behandelt dabei auch spezielle Fragen wie

Aphasie, Schrift- und Zweitspracherwerb und unterschiedliche Formen der Sprechtätigkeit,

die wir in der kurzen, eher theoretisch orientierten Einführung von Hörmann nicht

finden. Gleichzeitig finden wir auch eine über Sprecher und Hörer hinausgehende Beschäftigung

mit Sprache im gesellschaftlichen Kontext. Auf ihre theoretische Orientierung,

die neben der Themenfülle der angesprochenen Bereiche ihr Buch als Einführung

problematisch erscheinen läßt, soll näher eingegangen werden.

Gudula List versteht ihre Wendung zur 'Sprachpsychologie' auch programmatisch.

Die Entwicklung der Psycholinguistik zur wirklichen, gesprochenen Sprache, die auch

Hörmann fordert, ist für sie der Anlaß, den alten Titel der Disziplin, Sprachpsychologie,

wieder aufzunehmen. Auch ihr geht es wesentlich um den Bruch mit der Linguistik, die

sie nicht mehr, wie in der Chomsky-Phase verbreitet, als vorgeordnete Disziplin akzeptiert,

die jene Hypothesen produziert, die die Psycholinguistik empirisch überprüft.

Auch bei ihr findet eine stärkere funktionale Neuorientierung statt, die sie über eine

Konzentration auf das Verhältnis Sprache und Bewußtsein, als Angelpunkt des sprachpsychologischen

Interesses, realisieren will. Das schon bei Hörmann erwähnte Problem

des zu verwendenden Bewußtseinsbegriffes versucht sie zu lösen, indem sie psychologische

Theorien zum Verhältnis Sprache-Bewußtsein befragt und heranzieht. So schließt

sie zunächst Behaviorismus und Sprechakttheorie aufgrund ihrer Position zur Bewußtseinskategorie

aus und kommt dann zu vier Positionen, auf die sie ihre Sprachpsychologie

gründen will: Tätigkeits-Psychologie (dazu zählt auch die Kritische Psychologie),

Kognitionspsychologie, Psychoanalyse und Neuropsychologie. Zusammenhang und

Differenz dieser Theorien sieht sie wesentlich im Herangehen an den Gegenstand, je

nachdem ob sie sich über Pathologie oder Normalität vermittelt dem Psychischen nähern,

oder ob sie diesen mit explizitem oder implizitem Bezug zu sozialen Prozessen behandeln.

Sie referiert dann diese Positionen im einzelnen. Zu einer einheitlichen Vorstellung

dieser zentralen Kategorie des Bewußtseins kann dies aber nicht führen, zu unterschiedlich

sind doch die Herangehensweisen, die Ziele, die Menschenbilder , als daß sich

diese Sammlung verschmelzen ließe. So wichtig die Theoriediskussion sowohl aus den

Bedürfnissen der gegenwärtigen Neuorientierung der Wissenschaft wie aus den Bedürfnissen

dessen ist, der sich in sie einarbeitet, so problematisch ist doch dieses Nebeneinan-


884 Besprechungen

derstellen von Disziplinen (Neuropsychologie) und Schulen unterschiedlichster Herkunft.

Die Folge dieses pluralistischen Vorgehens ist ein theoretischer Eklektizismus, der

zwar auch in der Sprachpsychologie/Psycholinguistik verbreitet ist, der aber nicht schon

mit Einführungen, sozusagen programmatisch, verbreitet werden sollte. So ist das Buch

zwar faktenreich hinsichtlich der diskutierten Theorien und Gegenstandsbereiche, theoretisch

aber ohne Orientierung, was auch die Lektüre erschwert.

Von Charles E. Osgood liegt eine amerikanische Einführung in die Psycholinguistik

vor, die nicht nur interessiert, weil das wissenschaftliche Potential der USA die Diskussionen

hierzulande stets entscheidend mitbestimmt. Bei Osgood handelt es sich auch um

einen der Väter der Psycholinguistik, der gleichwohl als Neobehaviorist die

'Chomsky'sche Revolution' nicht mitgemacht hat und so in der Nach-Chomskyphase

ein wichtiges Wort mitzureden hat. So legt er auch mit dieser Einführung ein neues Modell

vor, wie er schreibt, eine Antizipation seines »magnum opus«, und realisiert damit

explizit die Verbindung von Einführung und Neuorientierung.

Das Buch, das aus 1978 gehaltenen Vorlesungen entstand, beschäftigt sich hauptsächlich

mit der Frage kognitiver Verarbeitung von Sprache, mit Überlegungen zu Mechanismen

und Instanzen vorsprachlicher und sprachlicher kognitiver Prozesse. Hatte der Behaviorismus

antimetaphysisch auf Aussagen über nicht-beobachtbare innere psychische

Prozesse programmatisch verzichtet, so begann der Neobehaviorismus mit der Auffüllung

der 'black box' zwischen Reiz und Reflex. In Osgoods nunmehr »dritter Stufe« dieser

Entwicklung werden nun Vorstellungen über interne Ebenen der perzeptuellen

(Gestalt-) und der Verhaltens-Organisation aufgenommen. So werden Mechanismen der

sprachlichen und vorsprachlichen kognitiven Verarbeitung mit den Namen Le.xicon,

Operator und Buffer postuliert.

Osgood geht aus von einem Parallelismus sprachlicher und vorsprachlicher Kognition,

den er aus dem semantischen Charakter der zentralen Prozesse ableitet. Empirische

Evidenz hierfür ergibt sich für ihn aus interkulturellen Untersuchungen mit Hilfe des

von ihm entwickelten 'Semantischen Differentials' und Ergebnissen der linguistischen

Universalienforschung. Er konstruiert hieraus ein Modell, in dem sich schon die 'natürlichen

einfachen Kognitionen', weil semantisch äquivalent, in der 'natürlichen Satzordnung'

S(ubjekt), V(erb), O(bjekt), SVO anordnen. So ist die 'natürliche Satzordnung'

des einfachen Satzes notwendige Folge der 'einfachen vorsprachlichen Kognitionen'.

Für die weitere Diskussion in seinem Buch ergeben sich daraus vor allem Fragen hinsichtlich

der Struktur und des Funktionierens der semantischen Mechanismen, der Komponenten

des semantischen Raums, der Verarbeitung und Produktion von 'natürlich'

und 'unnatürlich' geordneten Sätzen. Unter dem Titel einer' Abstrakten Sprachverwendungsgrammatik'

APG (Abstract Performance Grammar) ergibt sich ein interessanter,

psychologisch und semantisch orientierter Grammatikansatz als Alternative zu den linguistischen

Modellen. Gleichzeitig nimmt Osgood aber eine Reihe von Problemen in sein

Modell auf, die die linguistisch orientierte Psycholinguistik in die derzeitige Krise geführt

haben.

So muß man zunächst einfach feststellen, daß nun auch der 'Neobehaviorist dritter

Stufe' nichts anderes als ein Kognitivist ist. All die Annahmen über interne Organisation

kognitiver Mechanismen in Computer-Analogie, deren Elementarismus (beginnend mit

features und aufsteigend über percepts, simplex cognitions zum sentencing of simplexes)

tragen diesen Charakter. Auch sein Versuch im ersten Kapitel, Sprache nicht aus ihrer

wirklichen gesellschaftlichen Entstehung und Existenz funktional, sondern durch abstrakte

strukturelle Merkmale zu definieren, entspricht dem fruchtlosen linguistischen

Vorgehen, das man auch ohne 'Neobehavioristen' haben konnte. Das Buch Osgoods

führt so in ein sehr spezielles, entwickeltes Modell sprachlicher und vorsprachlicher kognitiver

Mechanismen ein, das voll im Trend des amerikanischen Kognitivismus liegt. Für


Sprach- und Literaturwissenschaft 885

eine Einführung in die Wissenschaftstradition, die sich nicht in Pendelbewegungen zwischen

Behaviorismus und Kognitivismus erschöpft, ist es weniger geeignet.

Resümierend läßt sich feststellen, daß sich alle Autoren dieser Einführungen mit der

linguistisch orientierten Psycholinguistik auseinandersetzen und die Perspektive in einer

stärker psychologischen Orientierung sehen. Sowohl die Schwerpunkte der Kritik wie

die Perspektiven unterscheiden sich. Aber das ist auch kein Wunder: Mit der Neuorientierung

auf die Psychologie tauchen neue Probleme auf, die nun die Probleme der psychologischen

Theorien sind.

Jürgen Meßing (Berlin/West)

Wuthenow, Ralph-Rainer: Im Buch die Bücher oder der Held als Leser. Europäische

Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1980 (198 S., br., 28,- DM)

Die literatursoziologische Fragestellung nach der Beziehung von Text und Leser erprobt

Wuthenow als werkimmanentes Verfahren; Gegenstand seiner Studie ist die »Rolle, die

ein Buch und seine Lektüre in einem wiederum fiktionalen Zusammenhang spielen können«

(17). An chronologisch geordneten Beispielen wird von möglichen Vorkommensweisen

von Büchern im Buch: Reflexionen auf Lektüre, fingierte Lektüre und Wirkung

des Gelesenen als dramatischer Vergegenwärtigung, lediglich letztere behandelt, da nur

in ihr eine Verdopplung der Lesersituation stattfindet, auf welche sich erst rezeptionsästhetische

Fragen übertragen lassen. Doch Wuthenow mutete seiner kleinen Auswahl

lesender Helden der europäischen Literatur von Don Quijote bis Dorian Gray zuviel Repräsentativität

zu, wenn er seinen Essay »einer Geschichte der durch das Lesen sich vollziehenden

Selbst- und Welterfahrung« (27) annähert; es ist leicht, wenige Punkte mit einer

eleganten Kurve zu verbinden, die Gesetzmäßigkeit suggeriert.

Cervantes' »Don Quijote« (30ff.) ist vielleicht der berühmteste lesende Held. Die tragikomische

Vergeblichkeit seiner Versuche, literarisch beglaubigtes Rittertum zu vergegenWärtigen,

markiert einen unversöhnlichen Widerspruch zwischen Lese- und Lebenswelt.

An den drei lesenden Helden: Werther, Wilhelm Meister und Anton Reiser (65ff.)

erhellt Wuthenow die Eigenart des Helden als Leser in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Der Mangel an Spielkameraden treibt Werther in einen Dialog mit wahlverwandten

literarischen Helden vergangener Zeiten, um dort Spiegelbilder seiner Empfindungen

zu finden. Lektüre dient der AffInnation des jeweiligen Seelenzustandes; sogar

für seinen Selbstmord sucht Werther eine literarische Entsprechung und findet sie in

Lessings »Emilia Galotti«. Die Wichtigkeit von Lektüreerlebnissen für die Entwicklung

des Protagonisten bezeugt die identifikatorische Lektüre des }) Befreiten Jerusalern« sowie

des »Hamlet« in »Wilhelm Meisters theatralische Sendung« (bzw. »Lehrjahre«). Ob

es sich bei den Versuchen des Kaufmannssohns Wilhelrn, seine ideelle Rolle und Bestimmung

in literarischen Personen zu fmden, um einen schichtspezifischen Kompensationsakt

(wie K. Eibl für die lesenden Helden bei Lenz und Klinger annimmt) oder nur um einen

allgemein »jugendlichen Trieb« (so Goethe in »Dichtung und Wahrheit« III 11)

handelt, wird nicht erörtert. Immerhin ist zu bedenken, daß in den »Wanderjahren«, in

denen »Anton Reiser« übrigens bereits sprichwörtlich geworden ist, kaum mehr gelesen

wird.

In seinen Ausführungen zu Jean Paul (101ff.) zeigt der Verfasser, daß in der Romantik

der Topos »Die Welt ein Buch« umgekehrt wird: Bücher erlangen »das Format der

Welt« (108). Besonders an der Figur des Roquairol, der das Leben liest, indem er es in literarische

Vorbilder zwängt, wird die totale Literarisierung des Lebens deutlich. An den

»Lesergestalten bei Flaubert« (126ff.) erweist sich die Übertnacht der Fiktion gegenüber

der Wirklichkeit; so ist die Lebenshaltung und Liebeserwartung der Emma Bovary von

literarischen Empfindungen geprägt. In der Sisyphusarbeit von Bouvard und Pecuchet,

angelesenes Wissen in die Praxis umzusetzen, erreicht die Konfrontation von Welt und

Buch einen Höhepunkt.

DAS ARGUMENT 13611982


DAS ARGU\IENT 13611982

886 Besprechungen

Um 1900 findet eine Verkehrung von Literatur und Leben statt: Unter totalem Verzicht

auf Wirklichkeit entscheiden sich des Esseintes und Dorian Gray für ein »Leben

wie man liest« (Musil). Der vermeintliche Lebensextrakt entpuppt sich aber als Lebensunfahigkeit.

Gerade an diesem Punkt wäre eine literatursoziologische Betrachtungsweise

vonnöten; Studien zur sozialen Funktion des Schriftstellers um 1900 legen die sozialpsychologische

Verzahnung dieser Lebens- bzw. Lesehaltung nahe.

Die Ausklammerung literatursoziologiseher Fragestellungen, etwa nach Lesestoff und

-weise, ist zu kritisieren. Dennoch ist Wuthenows Studie eine empfehlenswerte literatursowie

wahrnehmungskritische Abhandlung, die ein durchaus breites Publikum (Vokabular

ist nicht akademisch überfrachtet, Übersetzungen der fremdsprachigen Textbeispiele

sind in einer Appendix versammelt) auf die Gefahr aufmerksam macht, das

Leben/Lesen aus »zweiter Hand« mit dem wirklichen zu verwechseln. Um so ärgerlicher

sind die zahlreichen Druckfehler.

Achim Aurnhammer (Heidelberg)

Hermand, Jost: Orte. Irgendwo. Formen utopischen Denkens. Athenäum Verlag, Königstein

1981 (202 S., br., 29,80 DM)

In der vorliegenden Aufsatzsammlung geht es Hermand um die politische Notwendigkeit

utopischen Denkens; die Utopie soll »wieder zu einer wahrhaft progressiven, das

heißt linken Form des Denkens werden« (19). Die Ausarbeitung von Utopien wird als

aktuelle politische Aufgabe der Linken formuliert: da angesichts der weltweit drohenden

ökologischen und militärischen Katastrophen die herkömmlichen politischen Strategien

versagen, sind neuartige, utopische Vorschläge dringend nötig. Hermand interessiert

sich für das Utopische als eine Denkform, die radikale Alternativen als »sinnvolles Leitbild

der Befreiung« (19) zu artikulieren vermag. Der Begriff des Utopischen wird von

ihm in dieser Perspektive neu bestimmt: als »echte Utopie« bezeichnet er >>nur das, was

eine soziale Ordnung anvisiert, die nicht rein traumhaft-phantastisch ist, sondern eine

realistische Möglichkeit der Verwirklichung enthält« (7). Mit diesem Interesse an geschichtlich

realisierbaren Zukunftsentwürfen untersucht Hermand in seinen Aufsätzen

verschiedene Strömungen utopischen Denkens.

Zwei Aufsätze handeln von den Hoffnungen auf ein unentfremdetes Leben bei Marx

und Brecht. Beide formulieren die Vision einer sinnvollen und genußvollen produktiven

Tätigkeit als Konkretisierung ihrer Ideale der klassenlosen Gesellschaft (95ff., 168ff.),

bei beiden steht diese Vision in Spannung zu anderen Überlegungen. Bei Brecht unterstreicht

Hermand den Gegensatz zwischen den Tugenden, die nötig sind, um die ersehnte

»Große Produktion« zu verwirklichen (Gerechtigkeit, Tapferkeitssinn, Disziplin),

und einem anti-idealistischen Menschenbild, in dem »die Schwäche, das Niedrige, das

Anpassungsbereite der Menschennatur« (100) betont wird - wie soll da die Revolution

gelingen? Marx nimmt seine Utopie von der »freien Assoziation der Produzenten« wieder

zurück, wenn er die »menschliche Kraftentfaltung« jenseits der Produktion, im

»Reich der Freiheit« ansiedelt. Hermand sieht hier einen Rückfall in das bürgerlich-liberale

Konzept der» Trennung von Arbeit und Freizeit, von Leistung und Konsum« (171),

wie sie derzeit im Westen die herrschende Ideologie, aber auch im Osten gängige Praxis

ist. Hermand schlägt dagegen vor, am Ziel der Aufhebung dieser entfremdenden Trennung

festzuhalten und die Marxsche Produzenten-Utopie vor dem Hintergrund der gegenwärtigen

ökologischen Problematik neu zu formulieren, etwa durch die Entwicklung

eines »sozial-bezogenen Ethos ..., das weniger den durch den Job ermöglichten Konsum

als den kreativen oder auch pnegend-bewahrenden Beitrag des Einzelnen zur Gcsarntgesellschaft

zum obersten Gradmesser menschenwürdigen Verhaltens erhebt« (179f.).

Visionen ökologischen Gleichgewichts sind auch der Gegenstand der materialreichen

Untersuchung zur Utopie-Welle des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Hermand die

bis heute andauernde Dialektik »zwischen dem Prozeß der alles Natürliche zerstörenden


Kunst- und Kulturwissenschaft 887

Industrialisierung und zugleich der Hoffnung auf die von schwerer körperlicher Arbeit

emanzipierenden Folgen dieser Industrialisierung« (44) ausmacht. Drei Aufsätze behandeln

das Verhältnis von künstlerischem und gesellschaftlichem Fortschritt: ein Abriß der

Avantgarde-Konzeptionen in den vergangenen 150 Jahren (fortgeführt in einem gesonderten

Aufsatz zur Kunsttheorie Adornos) skizziert die Veränderungen im Selbstbewußtsein

der Künstler und fordert, zum ursprünglichen Ziel der »Gleichzeitigkeit von

politischem und künstlerischem Fortschritt« (59) zurückzukehren. Die Diskussion verschiedener

linker Positionen zum Gebrauchswert des kulturellen Erbes führt Hermand

in der Perspektive weiter, mit den »progressiven Elementen des kulturellen Erbes und

der kritisch-realistischen Kunst von heute« (135) gegen die zunehmende Kluft von U­

Kunst und E-Kunst anzugehen. Was hingegen »die Monopole mit uns vorhaben« (136),

studiert er anhand eines Romans, der die gegenwärtige Lebensweise von Managern, ausgerichtet

auf »Job, Streß, Erfolgserlebnisse und Playboyfreuden« (155), vor dem utopischen

Hintergrund der totalen Herrschaft eines Monopols über die gesamte Gesellschaft

entfaltet.

Von einer Darstellung völkischer und faschistischer Zukunftsvisionen abgesehen, sind

Hermands Aufsätze auf aktuelle (kultur-)politische Diskussionen hin angelegt. Er liefert

prägnante Gegenüberstellungen der gegenwärtig einflußreichen ideologischen Strömungen

und zeigt zugleich, in welcher Tradition die verschiedenen Positionen stehen. Der

Leser erhält so einen orientierenden, den Sinn für historische Veränderungen schärfenden

Einstieg in die behandelten Themenkomplexe. Angesichts der emphatisch vorgetragenen

Forderung nach linken Utopien hätte man eine Bestandsaufnahme der utopischen

Entwürfe aus der gegenWärtigen ökologischen Bewegung erwartet - hier ließe sich mit

dem Ansatz Hermands fruchtbar weiterarbeiten. Eckhard Volker (Berlin/West)

Kunst- und Kulturwissenschaft

Gombrich, Ernst H.: Aby Warburg. Eine intellektuelle Biographie. Europäische Verlagsanstalt,

Frankfurt/M. 1981 (478 S., Ln., 74,- DM)

Gombrichs »intellektuelle Biographie« eröffnet ohne Zweifel den besten Zugang zum

Verständnis der Warburgschen kunsthistorischen Arbeiten und zu seiner Vorstellungswelt.

Warburgs intensive Forschungstätigkeit hat sich zum geringeren Teil in von ihm

selbst veröffentlichten Arbeiten niedergeschlagen. Neben seiner Bibliothek, die seine originellen

Arbeitsstrategien noch heute bezeugt, hat sich eine Fülle an Notizen und Aufzeichnungen

erhalten, die Warburg systematisch geordnet hinterließ. Sie sind nicht direkt

in Publikationen eingegangen. Gombrich hat für seine Biographie den ihm zugänglichen

schriftlichen Nachlaß ausgewertet; er zitiert nicht wenige Auszüge aus diesen aufschlußreichen

Manuskripten. Die oft enigmatisch anmutende, bis zum kaum mehr Verständlichen

verdichtete Sprache Warburgs weiß Gombrich meisterhaft zu entschlüsseln

und dem Leser zu interpretieren.

Gombrich eröffnet den Zugang zu Warburgs Ideenwelt, indem er historisch-genetisch

den Werdegang dieses Privatgelehrten nachzeichnet: von den Studienjahren in Bonn

und Straßburg (1886-91) über die Amerikareise (1895), die Jahre in Florenz (1897-1904)

bis zu seiner Rückkehr in die Heimatstadt Hamburg, wo er aus seiner privaten Bibliothek

allmählich eine öffentliche Forschungsstätte hervorgehen ließ und 1929 starb. Indem

Gombrich die einzelnen Forschungsprojekte Warburgs vorstellt, erklärt er die

Denk- und Arbeitswege, die zu seinen zentralen Fragestellungen führten und legt auf

diese Weise die Angelpunkte seines Denkens frei. Eine dieser grundlegenden Vorstellungen

war die vom sozialen Gedächtnis, die Warburg mit Wissenschaftlern seiner Zeit teilte.

Zu ihr ist er im wesentlichen von zwei Naturwissenschaftlern, Semon und Darwin,

DAS ARGUMENT 136/l982


888 Besprechungen

angeregt worden. Von ersterem übernimmt er den Begriff des Engramms, auf dem sich

dessen Theorie des Gedächtnisses aufbaut. Ein Engramm ist eine erlebnis bedingte Eintragung

in der organischen Materie, die als Gedächtnis funktioniert. Soziales Gedächtnis

wird dabei jedoch von Warburg nicht biologistisch im Sinne von »Rassegedächtnis« verstanden;

weniger der Aspekt der Vererbung als der der Weitergabe von Erfahrung steht

für ihn im Vordergrund.

Urreaktionen primitiver Völker, die sich auf die beiden Pole Flucht oder Einverleibung

und Aneignung beziehen lassen, leben fort in symbolischen Handlungen und Gesten

der beschwörenden Abwehr oder der rauschhaften Leidenschaft. Diese realen Gebärden

und Gesten gehen wiederum mimetisch in die bildende Kunst ein. Ein Symbol

bedeutet nach dieser Theorie im Bildervorrat der Menschheit dasselbe wie ein Engramm

in seinem biologischen Reservoir: ein Energiezentrum, in dem historische Erfahrung gespeichert

wird. Insbesondere die in der griechischen Antike geprägten Bilder stellen eine

Kraftballung dar, aus der die Künste zu ihrem Vorteil immer wieder geschöpft haben.

An diesen Bildprägungen teilzuhaben, bedeutet für Warburg, die Urschichten unseres

Lebens, die in einem jeden Individuum verwurzelt sind, zu ergründen. Gleichzeitig stellen

diese archetypischen Bilder jedoch auch Bannung dar, Distanzgewinnung gegenüber

den gefahrlichen primitiven Triebkräften des Menschen. Wenngleich Warburg sie nicht

positiv aufgreift, ist die Nähe zu den Gedankengängen von Freud und Jung spürbar, sowie

zu Nietzsches Interpretation der Antike, ihres dionysischen und appollinischen Gesichts.

In dieselbe Bipolarität von Magie und Logik, Angst und Sieg über die Urschrecken

unseres Daseins durch Rationalität sieht Warburg die Bilder und Symbole eingespannt.

Diese Zwiespältigkeit deutet Warburg im Laufe der Jahre immer weniger im

Sinne einer zeitlichen Entwicklung, in der sich das Licht der Vernunft durchsetzt, sondern

als einen alle Zeiten durchdringenden Konflikt.

Seine detailbesessene Forschungsarbeit, sein Spürsinn für unbewältigte Konfliktstoffe

bewahrten Warburg vor einer platten geistesgeschichtlichen Deutung der Antike und Renaissance

als Höhepunkte menschlicher Selbstbefreiung. Warburg löst sich von dem eindimensionalen

Evolutionsdenken des 19. Jahrhunderts, das ihm durch seine Lehrer

übermittelt worden war, und dringt zu den - freilich abstrakt und individualistisch gedachten

- Antagonismen einer jeden Epoche vor. Diese pessimistischere Einschätzung

der Weltgeschichte verfestigt sich bei Warburg in der Zeit um den ersten Weltkrieg.

Nicht von ungefähr insistiert er auf Ambivalenzen, die nach dem zweiten Weltkrieg von

Adorno und Horkheimer als Dialektik der Aufklärung beschrieben worden sind. Aufklärung

und deren Verrat, Verfall an irrationale Kräfte werden nahezu zu zwei Aspekten

desselben Tatbestandes. Es ist unschwer auszudenken, weshalb Warburgs Denken gerade

heute bei Kunsthistorikern, die von marxistischen Prämissen ausgegangen sind, seine

Faszination ausübt.

Grundsätzlich folgte Warburg dem Trend der Geschichtswissenschaft seiner Zeit zur

Kulturpsychologie. Politische und soziale Konflikte werden in die Psyche des einzelnen

verlagert; sie werden als seelische Urphänomene, als Erbe aus der menschlichen Frühgeschichte

begriffen. Die Wissenschaften durchzog die Manie, nach den fundamentalen

Urerfahrungen der Menschheit zu suchen, die individuell immer neu durchlebt werden,

und auf die sich jedes historische Phänomen beziehen läßt. Die in der Antike artikulierten,

von der Renaissance wiederholten Bilder sind diesen archetypischen Konstellationen

nahe. Indem wir sie aufdecken - sei es im Kunstschaffen oder in der Wissenschaft -

werden die Ängste und Spannungen, für die sie stehen - ähnlich wie in der Freudschen

Psychoanalyse - durch diesen aufklärerischen Akt gebannt und aufgelöst. Die Erforschung

der Renaissance bedeutete, unmittelbar an den Grundlagen der eigenen Kultur

zu arbeiten. Die existentielle Dichte, die die Kunstwerke der Renaissance für Warburgs

Generation noch hatte, erklärt nicht nur die Überzeugung von deren Wirkungskraft, die


DAS ARGU!V1ENT 136/1982

Kunst- und Kulturwissenschaft 889

z.B. auch Benjamin teilte, sondern wohl auch die intellektuelle Anstrengung, die auf ihre

Entschlüsse!ung gerichtet wurde und die die Kunstgeschichte zu einer führenden Disziplin

unter den damaligen Geisteswissenschaften werden ließ.

Bilder waren für Warburg stets Abbilder; fast identifIzierte er sie mit den realen Phänomenen,

denen sie sich verdanken. Bewegungsmotive und Gebärden auf Bildern leitete er

direkt aus Festen und Theateraufführungen ab, oder aus realen kultischen Handlungen.

Sie verbürgten die Präsenz vergangener orgiastischer Leidenschaften. Dabei sprach Warburg

weniger den individuellen Kunstwerken diesen nahezu fetisch artigen Charakter zu.

Vielmehr war es die Bildvorstellung, der Warburg diese machtvolle Wirkung zutraute.

So reihte er in seinem Bilderatlas Abbildungen berühmter Kunstwerke, Briefmarken und

Schnitte aus Illustrierten nebeneinander auf. Gegen den Künstlerkult um die Jahrhundertwende

war er gefeit. Zu genau hatte er den religiösen, philosophischen und kultischen

Vorstellungen und Praktiken nicht nur der Künstler, sondern auch der Auftraggeber

nachgespürt, die in ein Kunstwerk eingehen, als daß er seine Realisierung allein dem

Maler oder Bildhauer gutgeschrieben hätte.

Die Idee seines Bilderatlas, in dem er die Ergebnisse seiner Arbeiten und Gedankengänge

zur Synthese bringen wollte, ist Benjamins Parisprojekt verwandt. Beide bleiben

vielleicht notwendig Fragment. Sowohl Warburg als auch Benjamin waren von der

Selbstexplikation ihrer Bilderreihen überzeugt. Assoziationen, die sie auslösten, konnten

nach Warburg nie grundsätzlich in die Irre gehen, denn der Vorrat an möglichen Erfahrungen,

den sie bewahrten und aktualisieren konnten, galt ihm als begrenzt. Ihre Montagen

führten beide Denker dazu, die massenhafte Verbreitung von Bildern in der Neuzeit

zu reflektieren. Beide gingen davon aus, daß sich die ursprüngliche Wirkungskraft

der Bilder durch ihre Vulgarisierung abnutzte. Warburg glaubte, diesen Vorgang bereits

bei der DruckgrafIk seit dem 16. Jahrhundert feststellen zu können. Während Warburg

diese Profanierung als Verfall, als Inflation, der keine Wertsteigerung entsprach, beschrieb,

sieht Benjamin darin, auf die emanzipative Potenz der Technologien vertrauend,

einen Fortschritt, durch den die Magie der Bilder zugunsten ihres dokrnnentarischen

Werts abgebaut wird.

Wenngleich Gombrich seine Biographie mit einem Höchstmaß an sensibler Einfühlung

und Verständnisbereitschaft geschrieben hat, so deutet er dennoch Grenzen an, die

zwischen seinem eigenen und Warburgs Denken verlaufen. Während Warburg der Assoziationspsychologie

verpflichtet ist, der gemäß sich Erfahrungen in das menschliche

Hirn wie in eine Tabula rasa einprägen, geht Gombrich von der Gestaltpsychologie aus.

Diese sieht im individuellen Geist eher ein Mixtrnn aus Erfahrung, Tradition und angeborenen

Kategorien. Warburgs Ignorierung des Stilbegriffs muß auf dieser Grundlage

für Gombrich problematisch erscheinen. Form und Stil - beide Begriffe wurden noch

vor dem russischen Formalismus durch den Kunsthistoriker Wölfflin geprägt - werden

als selbständiges Prinzip begriffen, als ein Apparat, der wie die Fähigkeit zum gestaltenden

Sehen vor jedem Bezug·zu Inhalten gegeben ist. Nach Warburg dagegen sind Formen

allein aus ihrer Adäquanz zu einem Realitätsgehalt erklärbar. Das entspricht Warburgs

Aufladung jeder Form mit archetypischer, psychischer Bedeutung. Die Kunstgeschichte

hat nie versucht, für das Problem, das in diesen gegensätzlichen Positionen

steckt, Lösungsvorschläge zu entwickeln; auch die marxistische hat es nicht aufgegriffen.

Warburgs Überzeugung, daß die Bilderwelt die Urschrecken und -konflikte der

Menschheit bewahrt und in Distanz hält, beruht nicht zuletzt auf Projektionen seiner eigenen

Ängste. Nicht selten basierten die kulturpsychologischen Entwürfe jener Jahre

auf seltsamen, spätbürgerlichen Amalgamierungen aus persönlichen Traumata, egozentrierter

Ideenbildung und der Hypostasierung frühmenschheitlicher Formen der Naturbeherrschung.

Auch in die Dichtung sind diese Entgrenzungen bürgerlicher Subjektivi-


890 Besprechungen

tät und ihre Identifizierung mit objektiver Geschichte eingegangen (»Ganz vergessner

Völker Müdigkeiten kann ich nicht abtun von meinen Lidern ... « Vgl. auch Gombrich,

324). Die Komplexbildungen, Sublimierungen und Verdrängungen, die das Gelehrtenleben

Warburgs deutlich prägen, beleuchtet Gombrich nur von ihrer ideengeschichtlichen

Seite. Wie aber sind in Warburgs Vorstellungswelt die Last seiner Herkunft aus einer jüdischen

Bankiersfamilie im kaiserlichen Deutschland und die Anzeichen einer neuen Zeit

verarbeitet worden? Ist es Zufall, daß Warburgs Geisteskrankheit 1918, im Jahre des

politischen Zusammenbruchs und der Revolution ausbrach? Diese Fragen, die zu einem

Stück Psychohistorie und Psychopathologie des späten Bürgertums in Deutschland hätte

führen können, weist Gombrich strikt ab. Die Bedingungen der großen Leistungen

dieses Gelehrten zu beleuchten, die auch die Verbiegungen in seinem Denken erklären,

widerspricht auch nach Gombrich noch dem Gebot der Verschwiegenheit, mit dem Warburgs

Generation das wahre »Wurzelwerk« ihres Lebens abschirmte.

Jutta Held (Osnabrück)

Ginzburg, Carlo: Erkundungen über Piero. Piero della Francesca, ein Maler der frühen

Renaissance. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1981 (191 S., Ln., 34,- DM)

Der Historiker Carlo Ginzburg hat sich mit diesem Buch einem klassischen kunsthistorischen

Gegenstand zugewandt, nämlich der ikonographischen Erforschung dreier

Hauptwerke von Piero della Francesca, der »Taufe Christi«, des Freskenzyklus über die

Geschichte des Heiligen Kreuzes in der Kirche S. Francesco in Arezzo und der »Geisselung

Christi«. In allen drei Werken legt er als implizite Bedeutung, die die expliziten ikonographischen

Themen der Bibel bzw. der Heiligenlegende aktualisieren, Anspielungen

auf die Wiedervereinigung zwischen Ost- und Westkirche frei, die angesichts der Türkengefahr

auf dem Konzil von Florenz von 1439 beschlossen worden war. In der »Taufe

Christi« deutet nach Ginzburg der Einigungsgestus, das Concordiamotiv, das die Engelgruppe

übermittelt, auf diese Union z"'1schen lateinischer und griechischer Kirche hin.

Der Humanist Traversari, Generalabt der Kamaldulenser, hatte sich neben anderen für

diese Einigung eingesetzt. Für die Abtei seines Ordens in Borgo San Sepolcro ",ar die

»Taufe Christi« bestimmt. Die Fresken in Arezzo gingen auf den Auftrag der Gewürzhändlerfamilie

Bacci zurück. Insbesondere Giovanni Bacci, der mit den berühmtesten

Humanisten Italiens in Verbindung stand (Tortelli, Aliotti, Marsuppini, Bruni, Alberti),

hatte sich für Piero als Maler eingesetzt. Ginzburg rekonstruiert, daß vermutlich Bessarion,

griechischer Prälat, der 1438 zum Konzil nach Italien kam und dort blieb (seit 1458

als Protektor des Minoritenordens), an dem ikonographischen Progranun dieser Fresken

beteiligt war. Diejenigen Motive, die bei Darstellungen der Kreuzeslegende ungewöhnlich

waren - so die Begegnung zwischen Salomo und der Königin von Saba -,

wurden nach Ginzburg zu ihrer Zeit als Erinnerung an die Aussöhnung der beiden Kirchen

verstanden.

Bei der »Geisselung Christi« baut Ginzburg sowohl über die Reliquien, die im Hintergrund

des Bildes erscheinen (Heilige Stiege, Statue Konstantins, Türen des Pilatus,

»Länge Christi« - eine Reliquiengruppe im Lateran), als vor allem auch über die Identifizierung

der drei disputierenden Männer im Vordergrund seine Hypothesen für eine

Deutung auf: Bessarion, Giovarmi Bacci und der uneheliche, jung verstorbene Sohn Federigo

Montefeltros, Buonconte, ermahnen Federigo, den Empfanger des Bildes, sich

dem Kreuzzugsgedanken anzuschließen. Johannes VlIi Palaiologos, der Kaiser von

Konstantinopel, erscheint im Hintergrund als Pilatus, der durch seine Untätigkeit die

Leiden Christi verursacht. Der Wunsch nach Wiedervereinigung der bei den Kirchen war

seit 1453, der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, mit dem Aufruf zum

Kreuzzug verknüpft worden.

Ginzburg setzt sich mit seinem bekannten hermeneutischen ScharfsiIm eingehend mit


Kunst- und Ku{turwissenscha!t 891

der bisherigen kunsthistorischen Forschung zu Pieros Bildern auseinander. Seine methodischen

Überlegungen, die allerdings für Kunsthistoriker nicht ganz neu sind, machen einen

Großteil seiner Argumentation aus. Sie dienen nicht zuletzt dazu, die GrellZÜberschreitung

eines Historikers auf »fremdes« Terrain zu legitimieren. Seit die Geschichtswissenschaft

sich stärker auf »archäologische«, »stumme« Quellen bezieht, statt allein

schriftlichen Überlieferungen zu trauen, liegt es nahe, auch Bilder auf neue Weise als historische

Dokumente zu sehen. Allerdings vermißt man bei diesem Versuch Ginzburgs

die eigentliche Stärke seiner historischen Forschung, nämlich durch indirekte Quellen

verschüttete, weithin unartikulierte Volkskulturen zu rekonstruieren. Seine »Erkundungen

über PierO« dringen weder zu kollektiven Mentalitäten vor noch zu klassenspezifischen

Kulturen, die einander durchdringen oder sich gegeneinander abgrenzen. Es handelt

sich vielmehr im Kern um eine traditionelle ideengeschichtliche Untersuchung.

Ginzburg geht es darum, die Arnalgarnierung politischer Vorstellungen neuer - bürgerlicher

- führender Schichten mit der alten dominanten kirchlichen Sprache ihrer Zeit

nachzuweisen. Um tiefer liegenden Motivationen und sozialen Erfahrungen, die nicht

allein in kirchenpolitischen Überlegungen aufgehen, in den Bildern nachzuspüren, hätte

sich Ginzburg auch auf die ästhetische Inszenierung der Motive, sowie auf die Rolle des

Malers bei der Ausführung der Aufträge einlassen müssen. Jutta Held (Osnabrück)

Karl Bloßfeldt 1865-1932. Das fotographische Werk. Mit einem Text von Gert Mattenk1ott.

Verlag Schirmer/Mosel, München 1981 (548 S., Ln., 78,- DM)

»Gleich vorneweg: Das hier ist nicht der 'gesamte Bloßfeldt'. Es handelt sich um das bislang

veröffentlichte und hier nun wieder zugänglich gemachte Werk, das vom erhaltenen

fotographischen Gesamtoeuvre ungefahr ein Zehntel ausmacht«, schreibt der Herausgeber

der »Urformen der Kunst« (zuerst 1928) und des »Wundergarten der Natur« (1930)

Gert Mattenklott in seinem einleitenden Text »Fotographischer Naturalismus um 1900

und 1930« (9-67). Nicht nur um den Nachweis der Bedeutung des Fotografen Karl Bloßfeldt

- »einer der Pioniere des neuen Sehens der zwanziger Jahre« (9) - allein geht es

Gert Mattenklott, sondern um die Wiederaneignung des optischen Sinnes durch die Fotogeschichte,

die nicht als ordnende Wissenschaft, sondern als ein Durchgang zu einem

richtigen Sehen ihre Relevanz bekommt: »Eben dabei hilft die Kenntnis der Geschichte

der Fotos, der Absichten, die in sie eingegangen sind, der Abneigungen und Vorlieben,

deren Ergebnis sie sind. Bedeutungen, Bildideen, Bildinhalte können so erschlossen werden,

die der aktuell geblendete Blick womöglich übersieht. In diesem Sinn sollte die Fotogeschichte

- statt die Sinne abzulenken - sie aufklären und anspitzen.« (11)

Karl Bloßfeldt war mehr Didakt als Künstler. Von 1898 bis zu seinem Tod lehrte erzunächst

als Dozent, ab 1921 als Professor - an der kunstgewerblichen Anstalt in Berlin,

die später der Hochschule für Bildende Künste zugeordnet wurde. Bloßfeldts Pflanzenfotografien

dienten als Vorlagen für den Zeichen- und Modellierunterricht. Die Erstausgabe

der »Urformen der Kunst« stieß auf eine übergreifende Zustimmung, wurde

von der Neuen Sachlichkeit ebenso aufgenommen, wie von den Surrealisten. Analogien

»zu den surrealistischen Frottagen der 'Histoire Naturelle' von Max Ernst« wurden in

der zeitgenössischen Rezeption betont, und Georges Bataille illustrierte seinen Aufsatz

über »Le langage des fleurs« in seinen »Documents« mit Bloßfeldt-Fotos« (10). Gert

Mattenklott rekonstruiert in seinem Text, v.ie »das Gefallen an der Schönheit dieser Bilder

aus der Logik des sozialen und ästhetischen Umfelds begründet werden« kann (12).

Der Genesis von Bloßfeldts Ästhetik gilt das I. Kapitel »Kunst, Natur und Technik um

1900« (13ff.): »Sie ist vielmehr, etwa zu gleichen Teilen, aus Gottfried Sempers Gedanken

über neuen Stil, Ernst Haeckels Naturphilosophie und Anregungen aus der Praxis

botanischer Dokumentation zusammengesetzt.« Die frühesten Fotografien - »man hat

das bisher übersehen« - sind in den Lehrbüchern »des für den Zeichenunterricht an der

DAS ARGUMENT 136/1982


892 Besprechungen

Lehranstalt zuständigen M. Meuren< publiziert. »Der früheste Entstehungsanlaß von

Bloßfeldts Fotos vor 1900 in der Schule Meurers und ihre Massenrezeption dreißig Jahre

später gehören in dieselbe historistische Tradition einer biologistisch gedeuteten Materialgerechtigkeit

von Architektur und Kunstgewerbe, deren Kontinuität von Semper bis

van de Velde reicht.« In der »Fotokunst um 1900« (25ff.), die sich in eine »Ästhetisierung

des Alltags« einfügte, konnten Bloßfeldts Fotografien »keinerlei Resonanz« finden.

Erst mit der Herausbildung eines »neuen Blicks« um 1930 beginnt auch die Wirkung

Bloßfeldts (Kap. II: »Die Pflanze im Brennpunkt 1930«, 29ff.): »Der neue Blick

sucht die Versöhnung mit der unvertrauten Welt, indem er das eigene Sehen bis zu jener

Ekstase steigert, in der er das Fremde aus sich selbst hervorbringt und das Vertraute in

neuem Licht. Das Demiurgische entschädigt dafür, daß objektiv alles auf Anpassung

hinausläuft, und freilich ist dieses neue Sehvermögen ja selbst auch objektiv eine historisch

so noch nicht erlebte Steigerung einer Sinneskraft.« (30) Zunächst erscheinen

»Bloßfeldts Fotos im Licht Neuer Sachlichkeit«, Bloßfeldt wird zitiert, um zu beweisen,

»daß die Neue Sachlichkeit uralt ist«, er wird zur Tradition, »die das Neue rechtfertigen

soll« (31): »Dergestalt fügen sich Bloßfeldts Schachtelhalme in eine Sequenz ikonischer

Kontinuität ein, die von Turmbauten aus dem alten China und dem islamischen Kulturkreis

über Schmohls Berliner Ullsteinhaus bis zum Shelton Hotel in New York oder

schwedischen Wassertürmen reicht. Die architektonische Moderne wächst hier aus archaischen

Grundkräften. Der zweckrationale Gleichtakt der Maschinensachlichkeit

steht in geheimer Korrespondenz mit dem ewigen Rhythmus des Lebens. Daher die

Pflanze als Modell.« (32f.) Die »Pflanzenvitalität« wird zum »Vorbild der Neuromantik«

(37ff.). Der Fotograf und Philosoph Ernst Fuhrmann (1886-1956) - »Die Biosophie

Ernst Fuhrmanns« (39f.) -lädt die Pflanze »mit animalischer Sexualität« auf, antithetisch

zu der »Sublimation in 'edleres', höheres Leben, sei es biologisch verstanden,

sei es kunstgeschichtlich-ästhetisch«, was die »Kritik von Links« (4Of.) an Bloßfeldt herausforderte.

Wie widersprüchlich die »Anziehungskraft« der Pflanze bei den Zeitgenossen

Bloßfeldts war, zeigen Mattenklotts Exkurse zu Bataille, zum surrealen Naturalismus

bei Max Ernst, zum Kontrapunkt Dali und zu der nature morte bei Breton, Eluard

und Roussel (42-49): »In der Zuwendung zum vergrößerten Pflanzendetail kreuzen sich

die Blicke der Neusachlichen und Surrealisten. Bloßfeldts Fotos stehen in ihrem Schnittpunkt

... Die Konstellation kommt zustande durch das Bedürfnis beider , die Moderne in

der Urgeschichte aufzusuchen« (43), worin auch das geheime Zentrum der Moderne zu

sein scheint, um dessen Enthüllung es Gert Mattenklott in diesem Text auch geht: »Bann

oder Mimikry - Ästhetisierung durch Einkleidung in vertraute Formen oder Identifikation

mit der Härte der neuen Strukturen und deren Rückprojektion in die Naturformen«

(47) sind die zwei Gebärden, »mit denen die Intelligenz dieser Jahre auf die drohende

Überwältigung durch die technische Moderne reagiert.«

Abgeschlossen wird Gert Mattenklotts Text durch eine ausführliche Bibliographie der

selbständigen Publikationen Bloßfeldts, der unselbständigen Veröffentlichungen in

Sammelwerken, der Rezensionen und der allgemeinen Literatur (59-63), und von biographischen

Daten Bloßfeldts.

Hansgeorg Schmidt (Amöneburg)

Damus, Martin: Sozialistischer Realismus und Kunst im Nationalsozialismus. Fischer

Taschenbuch-Verlag, Frankfurt/M. 1981 (204 S., br., 12,80 DM)

Bei der Aufarbeitung der Kunst des deutschen Faschismus werden immer wieder Vergleiche

mit dem Sozialistischen Realismus, vorwiegend der Sowjetunion zur Zeit Stalins,

angestellt. Verblüffende Ähnlichkeiten sind ja auch nicht von der Hand zu weisen. Martin

Damus stellt sich diesem Problem und belebt die Debatte neu, in der es nur zwei Positionen

gibt: entweder Gleichsetzung im Sinne der Totalitarismustheorie oder prinzipielle

Unvergleichbarkeit, begründet in der Gegensätzlichkeit der Systeme. Seine Untersuro."c

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DAS ARGUMENT 136/1982

Kunst- und Kulturwissenschajt 893

chung wird durch die These strukturiert, daß der deutsche Faschismus und der 'Stalinismus'

Formen »direkter Herrschaft« sind, der Kunstgebrauch funktional bestimmt ist.

» ... durch die jeweils andere Legitimationsbasis des Systems« sind »zwar die Inhalte partiell

andere ... , durch die gleiche Herrschaftserhaltung« können »aber dieselben Ausdrucksformen

in der Kunst des Nationalsozialismus und des Realen Sozialismus festgestellt

werden« (13). »Deswegen sollen ... die 'formalen' Übereinstimmungen daraufhin

untersucht werden, inwieweit sie durch vergleichbare inhaltliche und funktionale Faktoren

bedingt sind und inwieweit ihnen mehr oder weniger ähnliche Gesellschaftsstrukturen

bzw. Vergesellschaftungsformen zugrunde liegen.« (8)

Damus liefert eine nach den Kunstarten Malerei, Plastik und Architektur gegliederte

wirkungsorientierte Materialanalyse. Er geht davon aus, daß die abstrakte, modeme

Malerei weder in die Kunstvorstellungen des 'Stalinismus' noch in die des Faschismus

übernommen werden konnte, da sie von der Masse nicht verstanden wurde, sie als Massenkunst

unbrauchbar war. Im Gegenteil, durch die Negation der Modeme v.urde, aufgrund

der Aversion gegen diese Kunst, Massenloyalität mithergestellt. Deshalb knüpfen

beide Gesellschaftsformen an die Tradition des »Illusionismus in der Kunst, der die Darstellung

eines Ideals als Realität ermöglicht« (35), an. »Die Erhebung der Allgemeinverständlichkeit

zur Norm« dient »der systemstabilisierenden, gesellschaftlichen Integration«

(12). Die »direkte Indienststellung« der Malerei befriedigt die Bedürfnisse der

Masse nach einer heilen, konfliktfreien Welt (11). Zu diesen Gemeinsamkeiten kommt

Damus bei der Untersuchung von Führer-, Arbeiter- und Bauernbildern. Den Unterschieden,

die er hier für den Faschismus bzw. den 'Stalinismus' feststellt (beispielsweise

wird Hitler immer nur allein dargestellt, Stalin befindet sich fast immer unter

Menschen), geht er leider nicht weiter nach, tut sie vielmehr mit der »unterschiedlichen

Legitimation beider Systeme« (43) ab.

»Die Plastik hat sich nicht in demselben Maße verselbständigt wie die Malerei und ist

daher auch nicht so unverständlich geworden« (15). Sie dient traditionell der öffentlichen

Repräsentation und der Darstellung des Staates. Ihre unmittelbare Körperlichkeit

fördert die sinnliche Erlebbarkeit und Identifikation durch den Betrachter (16). In beiden

Gesellschaftsformen wird die Identität mit Unterordnung verknüpft, die durch die

»absolute Größe« (20) hergestellt wird. Die »repressive Monumentalität« (60), »die

übermenschliche Größe« (64) soll den Betrachter »erschlagen, klein und demütig« (20)

machen. Auch hier werden Unterschiede zwischen Faschismus und Realem Sozialismus

nur konstatiert und nicht weiterverfolgt: So ist ein wichtiges Element der Plastik des Faschismus

die Nacktheit der Figuren; sie wirkt enthistorisierend und klassenlos. Demgegenüber

sind die Skulpturen des Realen Sozialismus durch ihre Bekleidung historisch

und klassenmäßig charakterisiert. Im Vergleich zwischen dem sowjetischen Pavillon auf

der Pariser Weltausstellung 1937, der den Sockel für eine dynamische, monumentale

Plastik bildet, und dem gegenüber stehenden Deutschen Haus, dem die Plastik untergeordnet

zu Füßen steht (66/67), werden ebenfalls die Unterschiede nicht beachtet.

»Architektur und Stadtplanung schaffen und gestalten Außen- und Innemäume, sie

formen Bereiche der Lebensumwelt des Menschen.« (16) Ihre Form wird von beiden

Staaten sehr »bewußt geschaffen und eingesetzt« (80), ihre »Wirkung einkalkuliert«

(105). »Gemeinsam ist beiden Systemen auch die Tendenz zur vereinheitlichenden Monumentalarchitektur.

Beide beerben, wenn auch in unterschiedlichen Ausformungen,

klassizistische Bauformen.« (21) Auch hier hat die Monumentalität wieder ein- und unterordnende

Wirkung auf den Betrachter, dem mittels der klassizistischen Bauweise die

Wiederherstellung der natürlichen Ordnung (81), die zeitlose Würde (76) und Festschreibung

des Bestehenden sinnlich erfahrbar und erlebbar gemacht werden soll. Die Untersuchung

zur Architektur benennt viele interessante Elemente, die die Wirkung der Gebäude

ausmachen. So ist die Neue Reichskanzlei in Berlin, 1938/39 von A. Speer ge-


894 Besprechungen

baut, vorbildlich auf ihre Wirkungen hin untersucht. Insgesamt werden in diesem Kapitel

Vergleiche aber gar nicht angestellt. Es gibt nur beispielhafte Aufzählungen besonders

auffallender Bauten.

Im letzten Abschnitt werden die, aus dem Vergleich zwischen faschistischer Kunstauffassung

und Sozialistischem Realismus gewonnenen Ergebnisse auf die sozialistische

Kunst nach dem Tode Stalins 1953, vornehmlich auf den Palast der Republik in Berlin/

DDR angewandt, um eine »Kontinuität im Wandel« (106) herauszuarbeiten. Schon in

der Einleitung behauptet Damus, daß »beispielsweise die Monumentalität, wenn auch

im modemen Gewand, und mit ihr auch die Objekthaftigkeit der Menschen erhalten«

(21) bleibt. Ein Wandel hat sich »in den Methoden, die Menschen an das System zu binden«

(115), vollzogen. Die Bereitschaft zur Integration wird nicht mehr über Zwang,

vielmehr über den materiellen Anreiz, die »bessere und umfassendere Befriedigung im

Bereich des privaten Verbrauchs« (116), organisiert. Dies führt in der Architektur zum

»Rückgriff auf bürgerlich-formale Rationalität als Mittel der Vergesellschaftung« (110).

In der Malerei wird die »politische Indoktrination« vom »privaten Kunstkonsum« (119)

abgelöst. Jedoch, »der 'Pluralismus' in Form und Inhalt bewegt sich in Grenzen, die

von der Partei kontrolliert werden. Jede Grenzverletzung wird als Infragestellung des

Systems gewertet und entsprechend geahndet.« (139)

Das Buch ist wichtig, sobald es sich auf das Material einläßt und seine Wirkungen auf

den Betrachter untersucht. Bei der Verallgemeinerung werden dann aber herausgefundene

Elemente einfach eleminiert, weil sie nicht in das Interpretationsschema von Damus

- ähnliche Erscheinungsformen lassen auf ein ähnliches Wesen der beiden Systeme

schließen - passen. (Dieser Kurzschluß, mittels des Vergleichs der Erscheinungsformen

die Gesellschaftsformen gleichzusetzen, gipfelt in der Verbindung von Volk und Klasse

durch einen Schrägstrich: »Volk/Klasse« [13].) Er verstellt sich so den Blick für eine

Analyse der spezifischen Verknüpfung der vielen Elemente untereinander, um darüber

zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Kunstformen zu kommen. Hier gilt

es weiterzuarbeiten.

Gudrun Linke und Frank Wagner (Berlin/West)

Soziologie

Bottomore, Tom: Politische Soziologie. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/

Köln/Mainz 1981 (144 S., br., 28,- DM)

»Politische Soziologie befaßt sich mit der Macht in ihrem sozialen Kontext« (7) definiert

der britische Soziologe Bottomore, der zwischen Politischer Soziologie und Politikwissenschaft

keinen substantiellen Unterschied in Gegenstandsbestimmung und Methode

sieht. Das Buch ist systematisch aufgebaut. Einem Einleitungskapitel, in dem sich Bottomore

mit wissenschaftstheoretischen Fragen auseinandersetzt, folgen Abhandlungen zu

zentralen Problembereichen der Politischen Soziologie (Demokratietheorie, Klassentheorie,

Parteiensoziologie, Typen politischer Systeme, soziale Konflikte und politische

Veränderungen). Abschließend wendet sich der Autor dem seiner Meinung nach immer

noch wichtigen, ja entmutigenden Weiter- und Wiederaufleben des Nationalismus zu

und beendet sein Buch mit einem etwas summarisch geratenen Ausblick auf die zentralen

Probleme der Weltpolitik im 20. Jahrhundert.

Rollt man das Buch von hinten auf, so wird Bottomores eigene Position am deutlichsten.

»Kurzum, was 'Wir brauchen ist eine, wie bescheiden auch inuner in ihren Anfängen,

stattfindende positive Entwicklung zu einem Wohlfahrtsstaat auf weltweiter

Ebene.« (114) Bottomores Perspektive ist die eines demokratischen sozialistischen Weltsystems

(117). Etwas resigniert stellt er fest, daß es gegenwärtig nirgends eine aktive politische

Bewegung gebe, die dazu in der Lage wäre, eine solche Entwicklung in Gang zu

~.r

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Soziologie 895

bringen (114). Schon diese uneingeschränkte und unkritische Befürwortung des Wohlfahrtsstaates

wirft eine Reihe von Fragen auf, die gerade von demokratischen Sozialisten

wie Bottomore eigentlich nicht ausgespart werden dürften. Man braucht gar nicht böswillig

zu sein, um Bottomore die Konzeption eines mehr oder weniger paternalistischen,

auf die Verteilungsebene beschränkten Sozialismus zu unterstellen. Letztlich geht es ihm

darum, »allen Menschen die Vorteile einer Produktionsweise zugänglich [zu] machen

... , die auf der modemen Wissenschaft und Technologie innerhalb der sowohl von den

physischen als auch gesellschaftlichen Lebensbedingungen gesetzten Grenzen basiert.«

(117) Wie aber steht es mit den Nachteilen dieser Produktionsweise und wie wären sie zu

eliminieren, ohne das Ganze zu verändern, wie mit der hier anklingenden ungebrochenen

Fortschrittsgläubigkeit in die Segnungen moderner Wissenschaft und Technologie,

wie steht es mit der politischen Emanzipation und Selbsttätigkeit der Massen, wie

schließlich mit ökologischen Problemen? Fragen, die der ansonsten durchaus auf der

Höhe der Diskussion stehende Verfasser nicht anreißt.

Sein Plädoyer für einen demokratischen sozialistischen Wohlfahrtsstaat im Weltrnaßstab

kommt allerdings nicht von ungefahr, wenn man seine staatstheoretischen Ausführungen

liest. Bottomore, der einem von allen teleologischen und geschichts-philosophischen

Resten gereinigten strukturalistischen Marxismus-Verständnis zuneigt, postuliert

für die marxistische Staatstheorie: »Auch sie läßt sich nicht länger in teleologischer Gestalt

als Darstellung eines geschlossenen Prozesses vorbringen, der mit 'staatslosen' Urgesellschaften

einsetzt, sodann eine bestimmte Reihenfolge von Klassengesellschaften

durchläuft, in denen der Staat entsteht und sich weiterentwickelt und schließlich in einer

höheren Form von Urgesellschaft, die wiederum 'staatslos' ist, seinen Abschluß findet.

Stattdessen muß diese Theorie Staatsformen mit bestimmten sozio-ökonomischen

Strukturen in Beziehung setzen, ohne sie jedoch als Ganzes in eine historische Abfolge

zu bringen, und Veränderungen im Staat durch die Eigentümlichkeiten der Struktur jeder

besonderen Gesellschaftsform, die eine strukturelle Umwandlung hervorrufen, erklären.«

(58)

Ein mögliches Ende von Entfremdung, die Überv.'indung antagonistischer Gesellschaftsformen

oder auch das Absterben des Staates verweist er illusions los ins Reich spekulativer

Geschichtsphilosophie. Was bleibt, ist ein auf Sozialwissenschaft reduzierter

Marxismus, der die Bedingungen der Möglichkeit des Übergangs von einer Gesellschaftsformation

zu einem anderen, unbekannten und nicht notwendigerweise auch höheren

Gesellschaftstyp analysiert.

Bottomore reiht sich damit ein in die Reihe derjenigen Theoretiker, angefangen bei

Bernstein, Max Adler etc. bis hin zu jüngeren eurokommunistischen Autoren, für die

Wissenschaft und Ideologie, Analyse und politische Option unverbunden nebeneinander

stehen. Die Absage an das marxistisch-leninistische Gedankenimperium, verstanden

als allumfassende, wissenschaftlich begründbare Weltanschauung erteilt er in aller Deutlichkeit.

- Vieles an seinem Buch ist anregend, manches reizt zum Widerspruch oder

provoziert doch zumindest Fragezeichen, aber vielleicht nur deshalb, weil Bottomore

auf den 117 Seiten seiner Einführung vieles nur knapp und daher manchmal etwas verkürzt

darstellt.

Karin Priester (Münster)

Ebbighausen, Rolf: Politische Soziologie. Zur Geschichte und Ortsbestimmung. Westdeutscher

Verlag, Opladen 1981 (248 S., br., 26,80 DM)

Ebbighausen, Schüler des Mentors der westdeutschen Politischen Soziologie, Otto

Stammer, und diesem in Methode und Fragestellung verpflichtet, legt einen Überblick

über die Entwicklung der Politischen Soziologie in der Bundesrepublik (und in Westberlin)

vor. Sie ist »stärker wissenschaftshistorisch und problemgeschichtlich orientiert als

die bisher vorliegenden Einführungen in die Politische Soziologie« (5). Er zeichnet die

DAS ARGUMENT 13611982 c


8% Besprechungen

Entwicklung der Politischen Soziologie als »Theorie der Krise« der bürgerlichen Gesellschaft,

als Diagnose der Krisenhaftigkeit der zunehmenden Vergesellschaftungstendenzen

des modernen Staates nach. Am Beispiel der Klassiker Ostrogorski und Michels,

Marx und Weber und der sozialdemokratischen staatstheoretischen Debatten in der

Weimarer Republik (Heller, Kirchheimer etc.) zeigt er den engen Zusammenhang von

gesellschaftlicher Entwicklung und wissenschaftlicher Reflexion. Dabei wird deutlich,

daß die weitgehende Eliminierung bzw. Revision marxistischen Denkens und die Orientierung

gerade auch sozialdemokratischer Theoretiker arn handlungstheoretischen Ansatz

Max Webers zu einer Vereinseitigung der Forschungsperspektiven auf organisations-

und herrschaftssoziologische Fragestellungen geführt hat (45).

Grundsätzlich verfolgt Ebbighausen in diesem Buch das Ziel einer Ortsbestimmung

der Politischen Soziologie heute und fragt danach, wie sie die seit Mitte der 60er Jahre

erkennbaren Veränderungen der sozio-ökonomischen Entwicklung aufgenommen hat

und welchen Niederschlag diese Veränderungstendenzen auf die Entwicklung von Fragestellungen

und Methoden gehabt haben. Die breit angelegte Zusammenfassung insbesondere

der staats- und demokratietheoretischen Diskussionen der siebziger Jahre unter

dem Vorzeichen einer erneuten Hinwendung zu Marx dient ihm dazu, Errungenschaften

und Defizite dieser Debatten pointiert herauszuarbeiten. Wie wurde die in der Studentenbewegung,

der APO, der Wirtschaftskrise von 1966/67, in der Notstandsgesetzgebung

etc. manifest werdende Strukturkrise des kapitalistischen Staates und die Legitimationskrise

der Parteiendemokratie durch linke Theoretiker (von Habermas/Offe über

Müller/Neusüß bis zu Vertretern der Starnokap-Theorie) aufgenommen und beantwortet,

fragt Ebbighausen. Nach einer abgewogenen Würdigung von Verdiensten und Grenzen

der diversen Ansätze konstatiert er eine Reihe von ForschungsdefIziten, die selbst

wiederum Produkt einer weit in die Geschichte der Disziplin zurückgehenden Verengung

von kritischen Forschungsperspektiven seien. Nicht nur ging der bei den älteren sozialdemokratischen

Theoretikern noch vorhandene praktisch-kritische Impetus empirischer

Demokratieforschung verloren zugunsten einer Hinwendung zur »realistischen« Demokratietheorie

in der Nachfolge Webers und Schumpeters. Auch die lange verdeckte Kontroverse

Marx versus Max Weber habe in der Konsequenz beigetragen zu »Dogmatisierungen

und Verschüttungen spezifischer Theorie- und Forschungstraditionen ... überzogener

Spezialisierung, methodisch-instrumenteller Vereinseitigung und vorwiegend technokratischer

Orientierung« (196).

Demgegenüber sieht Ebbighausen den Wert der neueren staatstheoretischen Debatten

darin, daß sie, bei aller Einschränkung, erneut die gesamtgesellschaftlichen und geschichtlichen

Bezüge von Entwicklungen und Strukturen des »Spät«-Kapitalismus in

den Blick gerückt haben (205). (Warum er allerdings diesen Begriff durchgängig in Anführungszeichen

setzt, wird nicht deutlich.) Die Grenzen dieser Arbeiten und damit auch

zukünftige Forschungsperspektiven sieht er in einer bisher unüberbrückten Kluft zwischen

staats theoretischen Debatten und historisch-empirischer Einzelforschung und weiter

bei der Vernachlässigung von Untersuchungen zur Bedeutung des bestehenden Parteiensystems

(180). Er selbst vertritt die These, das bestehende System etablierter Parteien

sei elastisch genug, Konflikt- und Krisenpotentiale aufzufangen. Dies scheint mir forschungsstrategisch

ein Schritt in die richtige Richtung zu sein. Man könnte gleich bei seiner

eigenen These von der Parteienelastizität beginnen und fragen, ob sie gerade vor

dem Hintergrund der von ihm selbst abschließend kurz angerissenen Problemfelder

»neue Marginalität«, »Wertwandel« und korporativistisches Krisenmanagement nicht

neu durchdacht und relativiert werden müßte.

Als Einführung in die Politische Soziologie vermittelt dieses Buch einen umfassenden

Überblick über zentrale Probleme und Diskussionsverläufe. Leider ist es aber auch

gleichzeitig eine Einführung in den vom Autor nicht allein zu verantwortenden Wissen-


Soziologie 897

schaftsjargon. Die ohnehin oft theoriemüden Studenten, für die dieses Buch doch wohl

auch gedacht ist, könnten geneigt sein, eine ernsthafte Lektüre erst zu beginnen, nachdem

sie sich in Wagners Büchlein über den Uni-Bluff Trost und Stärkung geholt haben.

Und das wäre schade!

Karin Priester (Münster)

Crozier, Michel, und Erhard Friedberg: Macht und Organisation - Die Zwänge kollektiven

HandeIns. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1979 (392 S., br., 46,- DM)

Die Arbeit, so erfährt man auf dem Umschlag des Buches, stelle einen im deutschsprachigen

Raum bisher nicht rezipierten Denkansatz dar; doch so furchtbar originell ist die

Sache dieser in Frankreich sehr einflußreichen soziologischen Schule um M. Crozier nun

auch wieder nicht: es ist die mit einer Prise Existentialismus und Popper versehene und

radikalisierte Weiterentwicklung von Ansätzen der amerikanischen Handlungstheorie,

welche in vielem auf die verstehende Soziologie Max Webers zurückgeht. Die Arbeit läßt

sich nur bedingt als organisationssoziologisch klassiflzieren, ihr Anspruch ist umfassender.

Es soll nicht nur formal-organisiertes, sondern kollektives Handeln und - da

menschliches Handeln sich nahezu immer in bezug auf das Handeln anderer Menschen

manifestiert - Handeln somit schlechthin erklärt werden, sollen Paradigmen aufgezeigt

werden, mit deren Hilfe es der Analyse zugänglich wird. Den Begriff »Theorie« verwenden

die Autoren ungern für ihr nicht gerade bescheidenes Unternehmen, meist sprechen

sie von einer Denkweise (im frz. Original »mode de raisonnement«), die die Analyse

konkreter und begrenzter Handlungsfelder ins Auge faßt, ohne von einem »deterministisch«

vorgefaßten Begriff der Gesellschaft auszugehen, zumal »es im Augenblick nicht

möglich ist, eine allgemeine Theorie sozialer Systeme zu entwickeln« (148).

Kollektives Handeln ist laut Crozier/Friedberg ein »gesellschaftliches Konstrukt«, etwas

»Künstliches«, es geschehe nicht spontan oder naturmäßig, sondern unter verschiedenen,

ständig wechselnden Bedingungen als organisiertes Handeln (7). Die meisten

Theorien zur Erklärung kollektiven Handelns gingen von nur einer, die Handlungen der

Teilnehmer prägenden Rationalität (»one-best-way« [14]) aus, doch diese eine Rationalität

existiere nicht: Nach Auffassung der Autoren hat jeder Akteur immer einen gewissen

Grad von Autonomie in seinen menschlichen Beziehungen; keine Organisation, Institution,

gesellschaftliche Struktur etc. könne Verhalten determinieren, und sei ihr Druck

auch noch so groß. Jedes Individuum behalte immer einen bestimmten Freiheitsgrad der

Entscheidung, welchen es in einer jeweils besonderen Situation in einem »Kontext begrenzter

Rationalität« als Strategie (33) unter Berücksichtigung der vorhandenen Zwänge

und Möglichkeiten mit dem Ziel einsetze, sein Eigeninteresse so weit wie möglich zu

verwirklichen. Der nicht auflösbare Freiheitsgrad der Individuen werde somit zur Quelle

von Unsicherheit für die Organisation. Daher sei die Analyse der ein jeweiliges Feld

strukturierenden Machtbeziehungen die wichtigste Aufgabe der Soziologie (54); denn

die Geschichte kollektiver Aktionen zeige (z.B. die russische Revolution), daß sich die

Eigenlogik der Organisation auf das zu erreichende Ziel in einer ihm oft entgegenlaufenden

Weise auswirke. Ebenso sei dies ein schwerwiegendes (bisher kaum beachtetes) Hindernis

für Veränderungen, z.B. für die Implementation einer neuen, veränderten (staatlichen)

Politik oder einer neuen Zielsetzung einer Organisation. Jede Veränderung (z.B.

Verwaltungsreform) stoße immer auf ein schon vorhandenes Handlungs- und Austauschsystem,

in welchem jeder Teilnehmer für sich günstige Bedingungen zu bewahren

trachte (254ff.).

Das Buch liest sich in weiten Teilen als eine Kritik an »deterministischen« Verhaltens-,

Handlungs- oder Gesellschaftstheorien (Le. systemtheoretische, kybernetische, psychologische,

marxistische Ansätze etc.), der man in vielen Fällen zustimmen muß (cf. Kritik

am Behaviorismus). Zur Beschreibung der Regeln eines Handlungssystems verwenden

die Autoren den Begriff »Spiel«, da er jede deterministische Vorbestimmung (wie z.B.

DAS ARGUMENT 136/1982


898 Besprechungen

im Rollenbegriff) vermeide (66ff.). Dies ermöglicht ihnen gleichfalls, den Rahmen der

formalen Organisation zu verlassen und die Analyse auf »alle menschlichen Tätigkeiten

und soziale Situationen« (140) auszudehnen. Formale Organisation sei somit nur ein

»weniger komplexes Phänomen« (132) menschlicher Systeme, d.h. eine besondere Klasse

von konkreten Handlungssystemen als strukturierte menschliche Gebilde, die die

Handlungen der Angehörigen durch relativ stabile Spielmechanismen koordinierten

(172).

Die Erkenntnisse, die Crozier/Friedberg als Ergebnisse langer Forschungen präsentieren,

erweisen sich angesichts ihres hohen Anspruchs als recht schlicht: Fast bis zum

Überdruß wird die Feststellung wiederholt und variiert, daß menschliches Handeln sich

in einem System von Machtbeziehungen vollziehe, wobei der Akteur aufgrund eines ihm

nicht zu raubenden Freiraums eine subjektiv rationale Strategie entfalte, um die jeweils

optimale Realisierung seiner Interessen zu sichern (auch pathologisches Verhalten sei rational!).

Die Kontingenz menschlichen Handelns sei nun das, was den Soziologen zu interessieren

habe, wolle er die Funktionsweise gesellschaftlicher Prozesse erfassen. Objekt

der Analyse könne aber immer nur ein begrenztes, konkretes Handlungsfeld sein. Handeln

wird begriffen als einzig der subjektiven Rationalität Zuzuschreibendes; gesellschaftliche

Momente erscheinen nur als »Trümpfe« oder »Zwänge«, nicht aber als formendes

Ferment. War in Max Webers Kategorie des »sozialen Handeins« ein gesellschaftlicher

Bezug noch intendiert, so wird dieser bei Crozier/Friedberg abgeschnitten.

Es fehlt die leiseste Idee von dem, wie sich gesellschaftliche Synthesis vollziehen könnte.

Gerade aber die Form der gesellschaftlichen Arbeitsteilung beeinflußt die Organisation

menschlichen Handeins; indem sie sich 'hinter dem Rücken der Akteure' durchsetzt,

wird sie zu einem gesellschaftlichen Phänomen und nicht zu einer »künstlichen Lösung

der Probleme kollektiven Handeins« (11).

Es wäre zu zeigen, daß die vorherrschende Form der Arbeitsteilung, deren wesentliches

Merkmal die Trennung von Kopf- und Handarbeit ist, auf der Ebene von Organisationen

als eine Trennung von Mittel und Zweck, von Planung und Durchführung erscheint,

so daß das Ziel der Organisation den beteiligten Indi\iduen äußerlich bleibt und

ihre Unterordnung »erzwungen« werden muß. Dies offenbart etwas von dem totalitären

Charakter, der jeder Organisation anhaftet. Ein solcher Theorie-Bezug würde mehr zu

Tage fördern, als das, was die Autoren anbieten: Ohne je wirklich die Genese der Strukturmerkmale

von Organisationen zu analysieren, stellen sie eine eigene »Logik des Unpersönlichen

und der Isolierung der Individuen« (113) fest (was eigentlich niemanden

überraschen dürfte).

Der zentrale Fehler des Ansatzes liegt vermutlich in der begrifflichen Auffassung der

»Macht«, welche die Autoren als »Rohstoff der Analyse« (14) betrachten: »Unsere Untersuchungen

haben gezeigt, daß Machtbeziehungen mit menschlichem Handeln wesensgleich

sind.« (275) Nicht nur, daß ihre Definition von Macht als »Kontrolle von Unsicherheitsquellen«

(17) kaum so originell ist wie behauptet, sie basiert vielmehr auf dem

bekannten Menschenbild des 'homo lupus' und vereitelt eine notwendige Differenzierung

zwischen Macht und Herrschaft. Die Autoren erheben vorschnell die Form der

Machtbeziehung, wie sie für die von ihnen analysierten Organisationen typisch ist, nämlich

eine von Hierarchie, Entfremdung und Abhängigkeit, zum Paradigma menschlicher

Beziehungen. Solche Macht aber ist nicht identisch mit menschlichen Beziehungen, vielmehr

gründet sie auf Entfremdung: In einer Gesellschaft des Warentausches, in der

nichts für sich selbst sein darf, sondern alles nur für anderes steht, Mittel zum Zweck

sein muß, wird jene Macht zum Charakteristikum menschlicher Beziehung, bewirkt

Macht Herrschaft, welche den Individuen als natürliches Zwangsgesetz erscheint.

Die Autoren fordern, daß die Menschen in ihren »Spielen«, sprich in ihren Austausch

beziehungen, in die Lage versetzt werden, neue Fähigkeiten, Ressourcen


Soziologie 899

(»Trümpfe«) zu entdecken, um bestehende Kräfteverhältrnsse in Frage zu stellen und ein

neues Spiel durchzusetzen. Dabei sei immer von >>unten«, vom »konkreten Handlungssystem«

auszugehen, denn gerade hier, »... an der Basis und im Bereich tatsächlich erlebter

Zielsetzungen lassen sich noch am ehesten befriedigende Lösungen der [verschiedenen,

A.B.] Zielsetzungen finden« (279). Was sie fordern, resümiert sich in dem Konzept

der »Lemgesellschaft«, wobei Veränderungen niemals den Rahmen der partikularen

(begrenzten) Rationalität verlassen können; die Autoren bleiben Gefangene des Systems,

welches darauf baut, daß die optimale Verwirklichung der Einzelinteressen eine

ebensolche des Allgemeininteresses zur Folge habe. Axel Baumann (Langenfeld)

Uthoff, Hayo, und Wemer Deetz (Hrsg.): Bürokratische Politik. Verlag Klett-Cotta,

Stuttgart 1980 (558 S., Ln., 148,- DM)

Der vorliegende Reader »importiert« (17) Ergebnisse der» Pioniere« (17) des US-amerikanischen

Bürokratische-Politik-Ansatzes (BPA). Um Zweifel an der Bedeutung dieses

Unterfangens zu zerstreuen, betonen die Herausgeber gleich zu Beginn, daß der BPA

nicht nur eine »neuere«, sondern auch eine »überlegenere« Erklärung für den Einfluß

von Bürokratien darstelle. Mit ihm sollen nicht nur konkrete politische Probleme für alle,

die mit praktischer Politik von Bürokratien zu tun haben, verständlicher und besser

beeinflußbar werden (15, 506ff.), sondern auch die Theoretiker sollen hier leistungsfähige

Problemlösungen für die Theoriekonstruktion, Entscheidungstheorie, internationalen

Beziehungen und Verwaltungswissenschaft finden (15).

Wer allerdings erwartet, es werde wirklich eine >meuere und überlegenere« Behandlung

des »ewigen« Themas der Sozialwissenschaften, der Bürokratie, gegeben, sieht sich

getäuscht. »Art und Ausmaß, in dem führende Politiker und hohe Bürokraten an makropolitischen,

also wichtigen politischen Entscheidungen auf hoher und höchster Ebene

beteiligt sind, werden vorrangig analysiert« (22). Es geht also lediglich um Beschreibung,

Erklärung und Prognose der politischen Entscheidungen von Spitzenbürokraten

und Spitzenpolitikern in der Spitzenpolitik und in Spitzenbürokratien (z.B. 1,477). Diese

Konzentration auf einen Teilaspekt von Bürokratieforschung wird aus dem Entstehungszusammenhang

und dem bisher vorherrschenden Anwendungsgebiet (476) verständlich:

»Der BPA ist in den USA aus Fallstudien über weltpolitische Krisen entstanden.«

(22) Die in seinem Rahmen entwickelten Modelle wurden besonders häufig bei

Wirkungsanalysen von bürokratischer Außen- und Sicherheitspolitik erfolgreich genutzt

und der Ansatz wird seit Kennedy als Teil der praktischen Außenpolitik aller US-Regie··

rungen angewandt (22). Der »Pionieraufsatz« von Allison befaßt sich mit der Kuba­

Krise.

Der sich streng dem »erfahrungswissenschaftlichen Wissenschaftsprogranun« verpflichtet

fühlende BPA (z.B. 23ff., 482ff.), auf dessen methodologische Probleme hier

nicht eingegangen werden soll, reduziert sich damit letztlich auf ein Beispiel angewandter

Sozialforschung: durch die vereinfachte Ordnung und Erklärung bestimmter Wirklichkeitsaspekte

wird die Wissenschaft zum direkten Handlungskonzept und unmittelbar

einsetzbaren Instrument (506ff.) für »rationales, organisations- und machtorientiertes

Handeln von Bürokraten und Politikern« (22), indem sie dieses Handeln mit alternativen

oder kombiniert anwendbaren Modellen neuer, genauer und zutreffender als bisher

zu rekonstruieren versucht (22). Der Nutzen und die inhaltliche Leistungsfahigkeit des

BP A zur Erklärung bürokratischer Politik bleibt aufgrund dieser selbstdefinierten

Funktionalisierung für nicht thematisierte Zwecke und aufgrund der Ausblendung der

- noch in der früheren Bürokratieforschung berücksichtigten - gesamtgesellschaftlichen

Zusammenhänge zumindest zweifelhaft.

Folgende drei Analyse-Modelle werden vorgeführt: Die Darstellung der Modelle beginnt

mit der Kritik der relativen Unfruchtbarkeit des »Modells rationaler Politik«

DAS ARGUMENT 136/1982 ~.


900 Besprechungen

(102ff.), das versucht, sein Material, die außenpolitische Problemsituation, mit Hilfe der

Kategorien »Zweck« und »Mittel« nicht kausal, sondern final zu systematisieren. Außenpolitische

Ereignisse werden auf bewußte Handlungen zurückgeführt, von denen angenommen

wird, sie beruhten auf rationalen Entscheidungen. Die hierin liegende Betrachtung

z.B. der Regierung eines Staates als monolithischer Block bewirkt nach Ansicht

der Autoren die nur sehr begrenzte Aussagefahigkeit dieses Modells hinsichtlich

bürokratischer Politik.

Während das »Organisationsprozeßmodell« (119ff.) politische Wirkungen von Organisationsrationalität

erklären soll, denn »rationale« Organisationen handeln anders als

rationale Personen und sind durch übergeordnete politische Instanzen oder Personen

auch punktuell nur schwer zu beherrschen (119), versteht der BPA bzw. das »Modell

Bürokratische Politik« (141ff.) unter Politik Verhandeln und Verhandlungsergebnisse

von wechselseitig abhängigen Spielern an der Spitze des Herrschaftsapparates bzw. von

und in großen, meistens (aber nicht nur) staatlichen Organisationen. Bürokratische Politik

bedeutet dabei nur, daß Politik entscheidend in oder von einem bürokratischen Apparat

gemacht wird, nicht aber, daß Bürokratie die Politik allein bestimmt (475). Die auf

die Modelle folgenden Fallstudien sollen die Erklärungsleistungen der Modelle veranschaulichen.

Peter Dippoldsmann (Andernach)

Feick, Jürgen: Planungstheorien und demokratische Entscheidungsnorm. Verlag

Haag + Herehen, Frankfurt/M. 1980 (406 S., br., 48,- DM)

Die Wissenschaft ist erst auf dem Wege zu einer »allgemeinen Theorie der Planung«

(133). Noch herrscht »eine Vielfalt von Planungsbegriffen« (116), die nur schwerlich

»auf einen gemeinsamen Nenner zu reduzieren« (9) ist. Dieser Ausgangssituation sieht

sich der Autor gegenüber und er versucht in seiner Arbeit, einer Dissertation aus dem

Jahre 1975, auch keineswegs eine solche Reduzierung, sondern entwirft vielmehr eine

Typologie von Planungstheorien und -konzepten, die er unter demokratietheoretischen

Aspekten diskutiert. In den Mittelpunkt rückt hierbei die Gegenüberstellung einer puristischen

Planungstheorie und einer extensiven Demokratietheorie. Diese Gegenüberstellung

resultiert aus der Diskussion von Planungspositionen, die sich von konservativen,

über liberale bis hin zu sozialistischen erstrecken. Bei der Untersuchung wissenschaftlicher

Planungstheorien kann der Autor zeigen, wie unter dem Deckmantel wissenschaftlicher

Objektivität politische Entscheidungen transportiert werden, doch will er vermeiden,

in die »verbitterte ideologisch-dogmatische Frontstellung früherer Jahre zurückzufallen«

(115). So läßt sich dieses Buch auf die technisch orientierte Argumentation der

Planungstheorien ein und kann gerade anhand der puristischen Planungstheorie deren

Versagen aufzeigen. Purismus heißt hier, daß Planung von Entscheidung zu trennen ist,

daß Planung sich auf Informationsbeschaffung im Sinne von Entscheidungsvorbereitung

zu beschränken hat. Planung ist dann gleichbedeutend mit objektivem Wissen, mit

der Anwendung wissenschaftlicher Methoden. Doch wird mit diesen Methoden lückenhaftes

Wissen produziert, so daß an ihre Stelle Entscheidungen treten, sich objektives

Wissen somit nicht mehr gegen Partizipationsforderungen immunisieren läßt. Denn je

mehr wissenschaftliche Objektivität mit Entscheidungen durchdrungen wird, desto

mehr müssen sich jene Entscheidungen als demokratische legitimieren. Der Planungsprozeß

wird somit von einem wissenschaftlichen zu einem politischen.

Hier setzt eine extensive Demokratietheorie an, die gerade jene Sphäre der Entscheidung

als prinzipiellen Ansatzpunkt für Partizipation im Sinne von weitestgehender

Selbstbestimmung diskutiert. Jene Theorie will sich nicht mit der vermeintlich realistischen

Annahme einer Elitenherrschaft und -konkurrenz begnügen, sondern geht von

der »zu optimierenden Beteiligung an Entscheidungen als Zielfunktion« (217) aus. Demokratie,

nicht als ein Ziel unter anderen, sondern als »die gesellschaftlich legitime


DAS ARGUMENT 136/1982

Erziehungswissenschaft 901

Form« (212) für Entscheidungsprozesse verstanden, muß zwangsläufig mit einer Planungstheorie

kollidieren, die Entscheidungen als nicht der Planung zugehörig ansieht. In

kritischer Perspektive geht es dem Autor mithin darum, »zu fragen, was an Entscheidungen

zugänglich, damit auch änderbar, beeinflußbar ist« (349f.), um »politischen

Entscheidungen im Gewande von Sachzwängen« (349) begegnen zu können. Gezeigt

wird hierbei, daß das puristische Planungskonzept »nicht auf demokratische Partizipation

angelegt« (348) ist, daß Partizipation hier nur als Optimierungsinstrument zur Konstitution

wie zur Durchführung von Planung eingesetzt wird. Bei diesem Planungskonzept,

das auch in der Planungspraxis eine dominierende Stellung einnimmt, bleiben die

»demokratie-theoretisch hoch gesteckten Normen« (306) auf der Strecke, doch kann

dies nach Meinung des Autors nicht mit einer Fundamentalverweigerung von Seiten der

Betroffenen beantwortet werden. Nicht normative Gegenplanung wird gefordert, sondern

eine Planung, die sich zwar der bisherigen Planungstechniken bedient, diese jedoch

im Sinne einer Offenlegung von Entscheidungen einsetzt. Wie dies konkret aussehen

soll, beantwortet der Autor nicht. - Die Stärke dieser Arbeit liegt in ihrer analytischen

Schärfe; es gelingt, das demokratische Manko der meisten, in der Praxis verbreiteten

Planungstheorien aufzuzeigen. So läßt sich diese Arbeit auch als exemplarische Analyse

der Praxisrelevanz wissenschaftlicher Theorien lesen, die Partizipation als Restkategorie,

als Unsicherheitsfaktor behandeln. Was dieses positive Urteil schmälert, ist die oft recht

unübersichtliche Argumentation. Eine Gesamtzusamrnenfassung am Ende der Arbeit

wäre angebracht.

Gerd-Uwe Watzlawczik (München)

Erziehungswissenschaft

Bronfenbrenner, Urie: Die Ökologie der menschlichen Entwicklung. Natürliche und geplante

Experimente. Verlag K1ett-Cotta, Stuttgart 1981 (298 S., br., 44,- DM)

Sozialisationstheorie und Sozialisationsforschung sind in der heutigen sozialwissenschaftlich-pädagogischen

Diskussion in den Hintergrund getreten - damit auch ihre

praktische Relevanz, die sich in schichtbezogenen Defizithypothesen . und Ansätzen

»kompensatorischer Erziehung« zeigte. Bronfenbrenners Buch stellt den Versuch dar,

einen neuen theoretischen Bezugsrahrnen für die empirisch-experimentelle Forschung zu

entwerfen, der ebenfalls für praktische Konsequenzen aus Ergebnissen der Sozialisationsforschung

eine neue Perspektive eröffnen soll. Die angestrebte Verzahnung zeigt

sich in der Diskussion des Verhältnisses von Wissenschaft und Politik sowie von Laborund

Feldforschung. Bronfenbrenners ökologische Theorie zweifelt nicht die Geltung

von Laborexperimenten an, sondern sieht deren Grenzen in ihrer Verallgemeinerbarkeit:

das Labor stellt selbst eine außergewöhnliche ökologische Situation dar, deren Sonderstellung

vom Forscher mitreflektiert werden muß (125ff.). Eine solche Perspektive bedeutet

- und dies ist der eigentliche Kritikpunkt -, das subjektive Erleben der Versuchsperson

als relevanten Faktor der Versuchsanordnung ernstzunehmen, der wiederum

in Wechselwirkung steht mit der objektiven Situation und dem vermuteten Erleben

Anderer. Diese Berücksichtigung des subjektiven Faktors in der Forschung bedeutet für

Bronfenbrenner, daß Laborexperirnente vor allem in frühen Forschungsstadien als heuristisches

Hilfsmittel zur Hypothesenbildung sinnvoll sind (36). Zugleich verweist die

Ökologische Orientierung auf eine erhöhte Bedeutung des Feldexperiments, als dessen

höchste Form das »Transformationsexperiment« gilt (58), bei dem wichtige Merkmale

gesellschaftlich-kultureller Einheiten systematisch und kontrolliert verändert werden.

Eben dies setzt eine Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik voraus - ihre

»funktionale Integration« (24), bei der die Wissenschaft der Sozialpolitik nicht nur Daten

liefert, sondern bei der die Politik durch gezielte soziale Veränderungen der Wissen-


902 Besprechungen

schaft erst ihren Forschungsgegenstand vorgibt. Inwieweit solche Vorstellungen an realen

Herrschaftsverhältnissen scheitern können - dies mitzureflektieren müßte ebenfalls

in der ökologischen Theorie Gegenstand sein. Dies meint allerdings mehr als die Berücksichtigung

der Machtdimension als individueller Einflußchance (Mittelschichteltern haben

etwa mehr Einfluß auf schulische Entscheidungen [240]).

Bronfenbrenner bestimmt die Aufgabe seiner Theorie so: »Die Ökologie der menschlichen

Entwicklung befaßt sich mit der fortschreitenden gegenseitigen Anpassung zwischen

dem aktiven, sich entwickelnden Menschen und den wechselnden Eigenschaften

seiner unmittelbaren Lebensbereiche. Dieser Prozeß wird fortlaufend von den Beziehungen

dieser Lebensbereiche untereinander und von den größeren Kontexten beeinflußt, in

die sie eingebettet sind« (37). Die unmittelbar erlebten Lebensbereiche, ihre erlebten Muster

von Tätigkeiten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen, heißen »Mikrosysteme«.

Sie haben mehrfache Funktionen: als »Primär-Lebensbereiche« legen sie »Entwicklungsbahnen«

fest, dauernde Motivations- und Tätigkeitsmuster (261). Im Mikrosystem

werden »molare Tätigkeiten« eingeübt, d.h. die Fähigkeit zu komplexen, längere

Zeit in Anspruch nehmenden Handlungen/Handlungsketten. Je mehr solcher Tätigkeiten

ein Kind sich aneignen kann und je größer die Tendenz ist, daß sich das Kräfteverhältnis

im Mikrosystem zu seinen Gunsten verschiebt, desto besser sind seine Entwicklungschancen.

Ein weiterer Faktor, der hier von Bedeutung ist, besteht in der Vereinbarkeit verschiedener

Mikrosysteme (Familie, Schule, peer group): wenn im Mesosystem (d.i. die Wechselwirkung

der erlebten Lebensbereiche) übereinstimmende Zielsetzungen, kompatible

Rollenerwartungen und Beziehungsmuster vorhanden sind, erhöhen sich die Entwicklungschancen.

Einen vermittelten Einfluß ninunt Bronfenbrenner im Exosystem an, jenen

Lebensbereichen, an denen der sich entwickelnde Mensch nicht teilnimmt, die aber

dennoch seine Entwicklungschancen beeinflussen (z.B. der Arbeitsplatz des Vaters). Um

diesen Einfluß festzustellen, bedarf es zweier kausaler Folgen: der externe Bereich (z.B.

Fernsehen) muß Prozesse im Mikrobereich auslösen (eine bestimmte Atmosphäre), die

dann auf die Entwickung der Person wirken (225ff.).

Nach diesen Unterscheidungen, deren Kriterium der Grad der Unmittelbarkeit des Erlebens

ist, führt Bronfenbrenner die Kategorie des »Makrosystems« ein: als »objektiven«

Integrationspunkt der unterschiedlichsten Lebensbereiche. Gemeint ist damit »die

grundsätzliche formale und inhaltliche Ähnlichkeit der Systeme niedrigerer Ordnung

(Mikro, Meso und Exo), die in der Subkultur oder der ganzen Kultur bestehen oder bestehen

könnten, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden Weltanschauungen und

Ideologien« (42). Eine solche Bestimmung setzt eine Gesellschaftstheorie voraus, die

strukturelle Vergleiche auf der Ebene der »Subsysteme« erlaubt. Dazu bedarf es allerdings

eines Kriteriums der Identifikation solcher Strukturen, das gerade von der Systemtheorie

bisher nicht erbracht wurde.

Ein weiterer Einwand betrifft den Stellenwert des Vermittlungsbegriffs, der für die

differenzierte Eint1ußtheorie wichtig ist. Es ist gerade vor dem Hintergrund der Bestimmung

der strukturellen und ideologischen Ähnlichkeit gesellschaftlicher Lebensbereiche

frag\Vürdig, die Einflüsse des »Exosystems« über eine doppelte Kausalkonstruktion erfassen

zu wollen - und nicht, wie es die Kategorie des »Makrosystems« suggeriert, als

Rekonstruktion dialektischer Vermittlungsprozesse.

Alfred Schäfer (Köln)

Börsch, Susanne, und Michael Bauer: Kinderkram. Spiele ohne Anweisung. Transit

Verlag, Berlin/West 1981 (147 S., br., 19,80 DM)

Ein antipädagogisches Buch, wie der Untertitel signalisiert. »Unser Buch über Spielzeug

und Spiel müßte ein Buch von Kindern sein. Wir sind keine Kinder mehr, haben aber

versucht, uns auf ihre Seite zu schlagen. Dabei halfen uns Schriftsteller mit kürzeren und


Erziehungswissenschaft 903

längeren Zitaten, Elias Canetti, Walter Benjamin und andere, deren Beobachtungen und

Überlegungen uns sehr in den (Kinder-)Kram paßten. Die Pädagogen lassen ",ir aus dem

Spiel, denn der pädagogische Blick ist verstellt. Kinder werden als Objekte von Anweisungen

und Lernangeboten gesehen, die spielenden Subjekte werden verschüttet.« (9f.)

Aus der Kinderperspektive - vergleichbar der Technik in lrmgard Keuns Roman »Das

Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften« - mrd eindringlich beschrieben,

was »kind« beim Spiel mit Wasser, Sand und Matsch alles machen, entdecken und

empfinden kann, wird die Geborgenheit in Zelten, in Höhlen, unter Tischen evoziert

und einfühlsam dargestellt, wie kindliche Ohnmachtserfahrungen sich meder holen und

bearbeiten lassen an Nachziehspielzeug, an der Ente z.B., die auf jeden Zug an der

Schnur pariert. »Die Schnur ist aber zugleich auch Form einer einfachen, für das Kind

durchschau- und selbst herstellbaren Mechanik« (28) - ganz anders als im Fall von

hochkompliziertem Spielzeug, an dessen Mechanismus sich allenfalls herankommen

läßt, indem »kind« es kaputtschlägt. Von der Lust am Zerstören als Ausdruck kindlicher

Omnipotenzbestrebungen ist die Rede und von anderen, von pädagogisch sich gebenden

Erwachsenen vorschnell als »garstig« oder »unsozial« getadelten Verhaltensweisen:

Schatzbildnerei, das Zählen und Feilschen, Kommunikationsspiele mit Ausschluß

bestimmter Kinder. Wie das Prinzip Vollständigkeit, »dieses Moment des Alles-habenwollens«

(62), aber doch gleichzeitig von der Spielzeugindustrie, seit es sie gibt, gefördert

wird, das demonstrieren die Autoren sehr geschickt am Vergleich der im 19. Jh. weit verbreiteten

»Arche Noah« mit dem Playmobil-Arsenal unserer Tage. Von merkwürdigen

Sammelobjekten ist zu lesen, von Hühnerbeinen etwa, mit denen sich die Laufbewegungen

der vormals lebendigen Besitzer der Beine noch nachvollziehen lassen, und vom Unverständnis

der Erwachsenen, wenn sie solche »Schweinereien« entdecken und erbarmungslos

in den Müll stecken.

Immer meder auch lenken die Autoren den Blick auf subtilere Spieleingriffe von Erwachsenen,

auf Umlenkungsmanöver aller Art: statt ephemerer Matschereien »etwas

Bleibendes!« (24), aus Plastilin, gebrannt oder getrocknet für die Vitrine, oder Fingerfarben

zur Sublimierung des Drangs zum Schmutz und Spieltiere als Ersatz für richtige

(schmutzige) Tiere. Viele Seiten in diesem Band handeln vom Kampf der Erwachsenen

gegen den Schmutz und den vermutbaren Hintergründen dieses Kampfes, wozu die naheliegenden

Autoren Christian Enzensberger (»Größerer Versuch über den Schmutz«)

und Klaus Theweleit (»Männerphantasien«) ausführlich zitiert werden.

Neben Auszügen aus theoretischen Schriften weiterer Autoren von einiger Exklusivität

(Deleuze/Guattari z.B. und immer wieder Canetti mit »Masse und Macht«) montieren

Börsch und Bauer Spielbeschreibungen aus Paul Hildebrandts »Das Spielzeug im

Leben des Kindes« von 1904 oder aus Walter Benjamins »Berliner Kindheit um 1900«

zwischen die eigenen Kindheitserinnerungen und Kinderbeobachtungen - Beobachtungen

manchmal auch einfach als Variationen über dort angeschlagene Themen, wie im

Fall des Kapitels» Aus dem Nähkästchen gespielt«. Erinnerungen beim Leser werden geweckt

oder zumindest werden sie plastischer: das Rascheln der Liebesperlen, Reiskörner,

Rosinen in den Schächtelchen beim Kaufladenspiel, oder die geheimnisvolle Empfindung,

die ich fast vergessen hatte, wenn meine Hand beim Sandbuddeln sich tief drinnen

im Kühlen mit der Hand eines anderen Kindes traf.

Den Kapiteln, in denen einzelne Spiele oder Kommunikationsformen von Kindern beschrieben

werden, folgen Betrachtungen zur Geschichte des Spielzeugs und spieltheoretische

Überlegungen, die sehr überzeugend aus George Batailles »Die Aufhebung der

Ökonomie« abgeleitet werden: Spiel als »eine Form der 'unproduktiven Verausgabung'«

(88) und darum auch nahezu immer als unnütze Tätigkeit diskriminiert oder

aber höheren (pädagogischen) Zwecken untergeordnet. Das Schluß kapitel »Spielzeug

als Dialog zwischen Erwachsenen und Kindern« handelt von den Wünschen und Erwar-

DAS ARGUMENT 136/1982 So'


904 Besprechungen

tungen einzelner (Eltern-)Erwachsener, wenn sie Kindern bestimmte Spielsachen schenken,

und mehr noch von den Verkaufswünschen der Spielzeughersteller , ihren Strategien

zur Formung der Wünsche ihrer kindlichen Konsumenten. So steht dieses letzte Kapitel

wohl in bewußtem Kontrast zum ersten und dessen Thema, dem kreativen Umgang

mit Nicht-Spielzeug, mit den Elementen Wasser, Erde und Wind.

Neues im streng wissenschaftlichen Sinn schreiben Susanne Börsch und Michael Bauer

nicht. Was ihr Buch - gegenüber zahlreichen manipulationstheoretisch fundierten

Abhandlungen oder gegenüber Spekulationen über »das Spiel« ganz allgemein - so anziehend

macht, ist die Intensität der Beschreibungen, und es ist die phantasievolle Bildauswahl

(Grandville, Kindermagazine verschiedener Zeiten, usf.). Die Bilder sind selten

bloße Bebilderungen, neben Ober- oder Untertönen zum Text entsteht häufig ein eigener

Erzählstrang, werden neue Assoziationen beim Betrachter freigesetzt. Nicht immer gefallen

hat mir die Art der Textmontagen (naiv sich gebende Beschreibungen versetzt mit

Theorie-Fundstücken), wenn sie zu überspitzten Interpretationen verführen, wenn z.B.

das Kapitel über eßbares Spielzeug (54ff.) in erster Linie aus Canettis Gedanken über das

Belauern der Beute, das Ergreifen derselben und ihre schließliche Einverleibung entwickelt

wird. Ich halte es da eher mit eigenen Kinderbeobachtungen oder mit Irmgard

Keun: »Ich mochte den Kopf [des Schokoladenhasen] nicht abbeißen, und die Füße und

den Schwanz auch nicht ... ich will lieber immer Schokolade haben in der Form von Tafeln

und Eiern. Schokolade soll nicht so was sein, das ich liebe.«

Karin Buselmeier (Heidelberg)

Baader, Ulrich: Kinderspiele und Spiellieder. Band I: Untersuchungen in württembergisehen

Gemeinden; Band 11: Materialien. Tübinger Vereinigung für Volkskunde 1979

(345 und 373 S., br., 42,- DM)

Eine mehr volkskundliche Arbeit als eine mit primär pädagogischer Zielsetzung, wie der

Verfasser selbst im Vorwort zum II. (Materialien-)Band hervorhebt. Sein Hauptinteresse

bei der Untersuchung der Kinderspiele im Freien (und das heißt zugleich: den pädagogischen

Erwachsenenaugen weitgehend entzogen) gilt einer zurückgehenden Gattung, dem

Spiellied. Zur Erinnerung: das sind Lieder wie »Schwarzbraun ist die Haselnuß«, »Laurentia,

liebe Laurentia mein« oder »Als ich in die knicke knacke Bürgerschule ging«

oder nach der Definition von Ulrich Baader: »Im weitesten Sinne läßt sich der Begriff

bei allen gesungenen Kinderreimen anwenden, die Darstellungscharakter haben, bei denen

mithin die Grenze zwischen Spiel und Lied fließend ist.« (1,12)

Der empirischen Untersuchung geht eine umfangreiche Auseinandersetzung mit der

vorliegenden Literatur zum Thema voraus, fast so etwas wie eine kurze Geschichte von

Kinderlied und Kinderspiel einerseits (15-58), der Musikpädagogik der letzten zwei Jahrhunderte

andererseits (58-101). Baader beginnt mit den großen Namen der ersten Volksliedforschung:

Herder, Arnim und Brentano, die Brüder Grimm bis zu Karl Müllenhoff

und Sammlern der 2. Hälfte des 19. Jh. Es folgen Kommentierungen von volkskundlichen

Studien, deren Verfasser sich zunehmend von der Germanistik lösen, und von psychologischen,

soziologischen und pädagogischen Beiträgen zum Kinderspiel - seit den

20er Jahren dieses Jh.: Hildegard Hetzer, Werner Greifzu, Arnulf Rüssel und viele andere,

besonders dann die 1957 erschienene Arbeit von Reinhard Peesch über »Das Berliner

Kinderspiel der Gegenwart«, die Baader vor allen anderen immer wieder zum Vergleich

mit seinen eigenen Forschungen heranzieht. Am Ende stehen Überlegungen zu

Kinderlied-Editionen der 60er und 70er Jahre, von denen diejenigen von H.M. Enzensberger,

Peter Rührnkorf und Emest Borneman wohl am bekanntesten sind, sowie eine

Auflistung von Beiträgen zum Kinderlied und Kinderspiel in Württemberg (in den meisten

Fällen Zulassungsarbeiten für das Lehramt an Volksschulen), die für Baaders eigene

Regionalforschung von besonderem Interesse waren .

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Erziehungswissenschaft 905

Das Kapitel »Kinderlied und Musikpädagogik« ist zugleich ein sehr interessant zu lesendes

Stück deutscher Ideen- oder auch Ideologiegeschichte. In dem Abschnitt »Das

Kunstlied für Kinder« beschreibt Baader vor allem das moralisierende Kinderlied der

Aufklärung, das erstmals als eigens für Kinder geschaffen - vergleichbar der gleichzeitig

entstehenden besonderen Kinder- und Jugendliteratur - neben die geistlichen Lieder

trat, die bislang die Erziehungsinstitutionen beherrscht hatten. Es folgen »Das Kindergartenlied«

und »Schullied und volkstümliches Kinderlied«: im Zentrum zum einen die

Spielpädagogik Fröbels und die zahlreichen, zum Teil noch heute geläufigen Spiellieder

von Fröbel selbst oder seinen Nachfolgern, zum anderen die Bedeutung Hoffmanns von

Fallersleben für das Schulrepertoire bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. »4. Das Volkskinderlied«:

das ist in erster Linie eine Nachzeichnung des Kampfs der Jugendmusikbewegung

gegen die musikalischen Zumutungen und platten Reimereien, wie sie die gängigen

Ausgaben »für Kinder« kennzeichneten, und für das »echte«, d.h. überlieferte

Volkskinderlied, sodann der nicht zu leugnenden (aber erst in den 60er Jahren reflektierten)

Verwandtschaft zwischen Jugendmusikbewegung und nationalsozialistischer »Pflege

des deutschen Liedguts«. Das Kapitel endet mit Anmerkungen »Zum Kinderlied in

der Musikerziehung der Gegenwart«, in welcher - gegen die herkömmlichen primär affektiven,

»charakterbildenden« Lernziele -- kognitive an Bedeutung gewinnen und sich

in den Lehrplänen (auch für die Grundschulen, vgl. etwa die Zitate auf S.97) widerspiegeln.

Teil 3 des I. Bandes enthält die genaue methodische Begründung, Dokumentation

und Auswertung von Baaders verschiedenen Erhebungen zum Kinderspiel und Spiellied

in württembergischen Gemeinden. Die erste Intensiverhebung von 1960 stammt vor allem

aus zwölf Orten (mittlere und Kleinstädte bis zu kleinen Dörfern) eines geschlossenen

Gebiets zwischen Ulm und Heidenheim mit weder dominierend bäuerlicher noch

rein industrieller Struktur. Durch einfache Beobachtung, durch Fragebogenerhebungen

und durch gezielte Direktbefragungen von Kindern zwischen sechs und vierzehn Jahren,

die die verschiedensten Volksschulen (von der Zwergschule bis zu einer 20klassigen

Volksschule in Langenau) besuchten, sollten deren sämtliche Spiele im Freien ermittelt

werden. Hinzu kamen (auch für die späteren Phasen der Untersuchung) Befragungen

von Kindergärtnerinnen oder Lehrern oder andere Auskünfte unterschiedlichster Provenienz.

Es folgten 1962 eine extensiv-punktuelle Erhebung in 20 weiteren Orten und vorwiegend

bei Mädchen der Klassen 3 und 4, nur zum Spiellied, und 10 Jahre später - um

sich in die lange liegengebliebene Untersuchung neu einzuarbeiten und um eventuellen

Veränderungen in Spielauswahl oder -intensität wenigstens stichprobenartig nachspüren

zu können - nochmals eine, methodisch der von 1960 vergleichbare, Erhebung zum gesamten

Kinderspiel im Freien, in zwei Gemeinden im Kreis Tübingen.

Nach der Systematisierung aller beobachteten Spiele (Spiellieder, Fang-, Versteck-,

Ball-, Hüpf-, Rollen-, Ratespiele usf.) untersucht Baader, welche Kinder sich hauptsächlich

mit Spiel liedern beschäftigen: in erster Linie Mädchen und am intensivsten und einfallsreichsten

9-1ljährige Mädchen, während die eventuelle Beteiligung von Jungen sich

beschränkt auf das 1. und 2. Schuljahr; 13- und 14jährige Mädchen spielten 1960 noch

mit, häufig sogar in der Rolle der Spielführerinnen, aber eher an sehr kleinen Schulen,

wo Kinder verschiedenen Alters mehr miteinander zu tun haben als an vielzügigen Schulen,

zumal wenn dort getrennte Pausenhöfe für einzelne Altersstufen oder sogar Klassen

die Kommunikation zwischen verschiedenaltrigen Kindern und damit auch die Spieltradierung

erschweren. Bei der Tradierung der Spiellieder nimmt, neben Kindergarten,

Schule, ]ugendgruppe oder Ferienlager, das Spiel »auf der Gasse« die zentrale Stelle ein:

die weitaus meisten Spiellieder werden auf Straßen, Plätzen und Pausenhöfen - sofern

dort unbeeinflußt durch Lehrer gespielt werden kann - übernommen bzw. der konkreten

Spiel situation oder aktuellen, häufig politischen Ereignissen angepaßt. Solchen Ak-

DAS ARGUMENT 136/1982


Gamm, Hans-Jochen: Das pädagogische Erbe Goethes. Eine Verteidigung gegen seine

Verehrer. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 1980 (216 S., br., 29,50 DM)

Entgegen bildungsbürgerlicher Tradition, die pädagogische Worte eines Gipsbüsten­

»Olympiers« für den Hausgebrauch aufgesammelt hat, will der Verfasser die »Didaktik

des Goetheschen Lebens« (10) selbst erfassen, Goethe - aus der Perspektive einer »biographischen

Pädagogik« (44) - als »Repräsentant eines exemplarischen Lebens« (39)

darstellen. Goethe war kein Pädagoge; die zeitgenössischen pädagogischen Bewegungen

(etwa die Industriepädagogik: Basedow, Campe, Pestalozzi) haben ihn wenig interessiert,

Pestalozzis Anteilnahme für das »Volk« war ihm als potentiell ordnungsauflösend

suspekt (124). Goethes einziges großes pädagogisches Objekt war er selbst: Selbst-Bildung

war sein Lebensgesetz. In der Darstellung dieses Bildungsprozesses versucht der

Verfasser, Goethe vom Sockel des ahistorischen »Dichters und Denkers« herunterzuholen,

ihn vor dem Hintergrund der sozialökonomischen Situation der Zeit (sehr nützlich:

die Lohn- und Gehaltstabelle Weimarer Bevölkerungsgruppen im Anhang) zu relativieren,

und vor allem Goethe als uns direkt angehendes Beispiel für eine von Religion (in

treffender Formulierung des Verfassers als »Bindung zur Freiheit«, 95), Entsagung (71),

»innerer Distanz« zur Politik (71, 147) und einer Art Ökonomie der zwischenmenschlin",

ARe" IMFNT 136/1982

906 Besprechungen

tualisierungen widmet Baader auch einen längeren, zeitgeschichtlich sehr interessanten

(und amüsanten) Exkurs. Alle beobachteten Spiellieder - es sei daran erinnert - sind

(gefolgt von über 300 Abzählreimen und wie diesen um einige wenige ergänzt, die aus

anderen Untersuchungen stammen), im 11. Band abgedruckt, mit Melodie, Text und

Spielbeschreibung, nebst Varianten.

Die Bestandsaufnahme generell und die Untersuchungen zu den Spielliedern, im 11.

wie im 1. Band, machen meines Erachtens den besonderen Wert von Baaders Arbeit aus,

während die allgemeineren Aussagen zum Kinderspiel, abgesehen von informativen Details,

kaum über Alltagsbeobachtungen eines Menschen hinausgehen, der überhaupt einige

Aufmerksamkeit auf die Spiele von Kindern verwendet - eine Feststellung, die

sich allerdings auf die Mehrzahl der Veröffentlichungen zum Kinderspiel ausdehnen ließe.

Wenig aufschlußreich sind beispielsweise die Passage über den »örtlichen Spielraum«

(mit dem naheliegenden Ergebnis, daß kleine Kinder und Mädchen mehr in

Hausnähe spielen als Jungen, vor allem ältere, die sich - häufig bandenförrnig - weiter

ausgedehnte Spielräume erschließen, 154ff.) und die Überlegungen zu »Spielrnotivationen

und Spielabfolge« (169ff.), wobei Baader immerhin vorsichtiger und weniger banal

argumentiert als andere zum Vergleich herangezogene Autoren, die etwa über jahreszeitliche

Spielrhythmen spekulieren und zu Feststellungen wie denen gelangen, daß Spiele

periodisch und epidemieartig auftauchen.

Interessanter ist dann der abschließende Vergleich der Erhebungen von 1960 und

1972; dabei werden sowohl der jeweilige Stellenwert der einzelnen Spiele untersucht als

auch generelle Trends und ihre Ursachen herausgearbeitet. Einige wenige Ergebnisse

und Entwicklungen seien genannt: Gegen weit verbreitete kulturpessimistische Annahmen

meint Baader, daß der durchschnittliche Spielbestand nicht abgenommen hat. Beispielsweise

ist zwar das Spiellied stark zurückgegangen, dafür aber hat der Anteil der

Fangspiele, mit zahlreichen neuen Varianten, sich vergrößert. Als positives Ergebnis läßt

sich verzeichnen, daß Mädchen und Jungen in ihren Spielen sich einander angenähert

haben; beispielsweise spielen immer mehr Mädchen Fußball, während Jungen auch

Gummitwist hüpfen, das die traditionellen Bodenhüpfspiele (z.B. »Himmel und Hölle«)

der Mädchen fast ganz verdrängt hat. Der anhaltende Erfolg des Gumrnitwist macht zugleich

eine durchgängig zu beobachtende Tendenz deutlich: Geschicklichkeitsspiele und

Wettbewerbsspiele, häufig bekannten Sportarten verwandt, gewinnen immer mehr an

Terrain.

Karin Buselrneier (Heidelberg)


Medizin

'XJ7

chen Beziehungen gekennzeichnete Selbst-Führung zu zeigen: Das Goethesche Verfahren,

streng zu unterscheiden, was sein Selbst förderte und was es nicht förderte, und das

Nicht-Fördernde abzuweisen, wird vom Verfasser mehrfach hervorgehoben (70, 146,

193f.). - Drei Anmerkungen: I) Die dargestellte »Persönlichkeitsgeschichte« (19) ist,

nicht zufällig, die eines Mannes; die Gesellschaft vom Turm im Wilhelm Meister (87ff.),

eine früh kapitalistische »Investitionsgesellschaft« (Martin Walser), ist ein Männerbund,

eine sehr einseitige Institution also. Die Geschichte des bürgerlichen Subjekts nicht nur

im Rahmen »materialistischer Pädagogik« (189ff.), sondern auch im Kontext der - sozialökonomische

Strukturen wesentlich bestimmenden - Frau-Mann-Beziehungen muß

noch geschrieben werden. In so verstandener historischer Forschung müßte nachdrücklicher

gefragt werden, wieso denn Persönlichkeitsbildung nicht auch etwa für die Arbeiterin

Christiane Vulpius (59) möglich war, und warum die Herzogin Luise die Kränkungen

ihres Mannes dulden mußte (54); dann würde deutlich werden, daß von »offener Sinnlichkeit

der heidnischen Antike« und von einem freien »vorchristlichen Verständnis zum

Leibe« (68f.) zu reden, wohl nicht ganz richtig ist: Die »christlich«-männerbündische

Frauen-(Gefühls)unterdrückung ist nur die Fortsetzung der antik-männerbündischen;

Ovids »Liebeskunst« (68) hat mit Liebe sehr wenig, mit römischem Virilismus sehr viel

zu tun. Auch das zu erkennen, gehört zur Korrektur bürgerlicher Gymnasialbildung. 2)

Kann die Selbstformung, wie sie hier vorgestellt wird, heute prinzipiell von jedem (und

von jeder) betrieben werden? »Tätigkeit im Kleinen, Übergang in einen geordneten

Pllichtenkreis, dienende Hingabe an Aufgaben, Verantwortung vor dem sozialen Umfeld

- das sind die Elemente, aus denen sich Bildung als innere Gestalt schließlich herleitet.«

(74) Das sind aber auch sehr relative Begriffe: »Klein«, »Pllichtenkreis«, »dienende

Hingabe«. Gerade mit der Ideologie vom Wert auch der »kleinsten« Arbeit, von

der »dienenden Hingabe« an das große Ganze haben antidemokratische Wortführer des

deutschen Bildungsbürgertums (z.B. Kerschensteiner, Spranger und ihre Nachfolger)

Generationen von Unterbürgerlichen in das patriarchal-privatwirtschaftliche Unterdrückungssystem

zu zwingen versucht. Das »Kleine« war für einen leitenden Beamten

und Besitzbürger wie Goethe immer noch vielfach größer als für einen Tagelöhner, Kutscher,

Fabrikarbeiter - und noch mehr eine Fabrikarbeiterin. Goethe hatte die Voraussetzungen,

die überhaupt für »Bildung« nötig sind; die Mehrzahl hatte und hat sie nicht.

Auf die im bürgerlichen (hier: Goethes) Bildungsbegriff liegende Gefahr »neuer Exklusivität

... , die feudale Herrschaft unter anderem Vorzeichen beibehält«, weist der Verfasser

auch hin (81); nur scheint es, dies spricht er im Vorwort selbst aus, als ob er sich doch

zu Goethes »Verteidiger aufwirft, gleichsam Ausnahmegesetze für das Genie fordert, wo

doch vorrangig Sozialkritik seiner und unserer Zeit angezeigt wäre ...« (li). 3) Dreimal

wird, etwas abstrakt, »Auschwitz« erwähnt (10, 29, 77): Nach »Auschwitz« sei eine andere

Sichtweise nötig. Ich meine, daß »Auschwitz«, so wie »Goethe«, schon wieder zu

einem verdinglichten, floskelhaften Wort geworden ist; es wäre vielleicht besser, es wegzulassen

oder das präzise zu beschreiben, wofür »Auschwitz« steht und wozu deutsche

»Gebildete«, mit Goethe als »transportablem Heiligenbild« (15) in der Tasche, maßgeblich

und mehr noch als die heute im Fernsehen immer mal wieder vorgeführten »KZ­

Schergen« beigetragen haben.

Andreas Kunze (Hagen)

Medizin

Vorbemerkung der Frauenredaklion: Der Rezensionsteil »Frau und Gesundheit« berührt nahezu

alle Themen, die in der Frauenbewegung dazu diskutiert werden. Eine Ausnahme in der Themenvielfalt

bildet der gesamte Bereich >>neue Körperkulturneue« Frauenbewegung nahm ihren Ausgangspunkt im Kampf um den

DAS ARGUMENT 136/1982


908 Besprechungen

§218, Frauengesundheit muß also als Auslöser betrachtet werden. Welche Entwicklung diese Bewegung

seitdem genommen hat, darüber gibt die besprochene Literatur einen Überblick. Obwohl

alle Themen gesundheitsbezogen sind, ist es symptomatisch, daß auch in den Sammelbänden

- ebenso wie auf dem Salzburger Kongreß (vgl. Kongreßbericht) - Ärztelinnen als Autoren/innen

kaum und als Objekt nur am Rande vorkommen. Anders sieht es mit dem Beruf der

Krankenpflege aus. Über diesen typischen Frauenberuf wird eine erste umfangreichere Untersuchung

aus Frauensicht vorgestellt.

Schneider, Ulrike (Hrsg.): Was macht Frauen krank? Ansätze zu einer frauenspezifisehen

Gesundheitsforschung. Campus Verlag, Frankfurt/New York

(235 S., br., 28,-DM)

Das Buch dokumentiert eine Tagung, die im März 1980 im Auftrag des Bundesministers

für Forschung und Technologie von der Planungsgruppe Gesundheit organisiert wurde.

Die vorgetragenen Perspektiven, Konzepte und Fragestellungen stellten Vorschläge zur

Nutzung eines Teils des Bundesprogramms »Forschung und Entwicklung im Dienste der

Gesundheit«, einem Ende der 70er Jahre gestarteten Millionenprojekt dar. Die Vorschläge

wanderten in die Schubladen der Forschungsförderer ... Dies ist sicherlich auch

dem mangelnden Interesse von Seiten der Medizin geschuldet. Schon die Beteiligung an

dieser Tagung dokumentiert das Defizit: Mit Ausnahme einer Professorin für Altenheilkunde

und eines Hochschullehrers für Arbeitsmedizin sind alle Referentinnen Sozialwissenschaftlerinnen

und Sozialarbeiterinnen im weitesten Sinne.

Das Buch behandelt fünf verschiedene Aspekte: Verhinderung von Krankheit oder

Wahrung der Gesundheit? - Die gesundheitliche Lage der Frau - Zur Ätiologie weiblichen

Krankheitsgeschehens - Belastungen von Frauen in der Wechselwirkung von Erwerbsarbeit

und reproduktiver Arbeit - Prävention und Frauengesundheitspolitik. Es

schließt mit einer Forschungsprogrammatik und einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Ich möchte mich hier darauf beschränken, exemplarisch den neuen Blick auf die

Frauengesundheit vorzuführen, der jeweils zugleich Fundamente medizinischen Denkens

und Handeins infrage stellt. Anknüpfend an alternativrnedizinische Positionen formuliert

Marianne Rodenstein Gesundheit als einen Akt der Selbstbestimmung. Anders

als die Medizin wollen Alternativrnedizin und Frauengesundheitsbewegung krankheitsunspezij/Sch

vorgehen: Es sollen nicht die Bedingungen für die Entstehung bestimmter

Krankheiten, sondern die Bedingungen für Gesundheit untersucht und zugleich geschaffen

werden. Auf diese Weise sind Fragen der Frauengesundheit immer auch mit Fragen

der Frauenbefreiung verknüpft, und die Forschungstätigkeiten leisten einen Beitrag zur

Veränderung.

Der geschlechtsspezifIsche Blick macht darüber hinaus auch auf Mängel aufmerksam,

welche die Alternativmedizin mit der traditionellen Medizin gemeinsam hat: kritisiert

wird die angebliche Vergleichbarkeit von Männer- und Frauengesundheit. Regina Bekker-Schmidt

macht dies am Punkt der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung deutlich:

»Weil beide Bereiche partikular, bestimmte Aspekte des Selbstbezugs, der Möglichkeit

der Selbstentfaltung ausschließend sind, stehen sie zwar in einem Verhältnis wechselseitiger

Unzumutbarkeiten, aber auch in einem Verhältnis der Konkurrenz und Ergänzung.«

(39) Vielleicht bedingt letzteres auch die Stabilität dieser Unterdrückungsstruktur, läßt

die Familie trotz ihrer Fesseln immer noch erträglich erscheinen, die untergeordnete Arbeit

im Erwerbsbereich wiederum immer noch besser als das bloße Hausfrauendasein?

Jene Überlegungen räumen mit den einfachen quantitativen Vorstellungen von der Doppel-(Drei-

oder Vierfach-)belastung der Frau auf und richten dafür das Augenmerk auf

die falsche geschlechtliche Arbeitsteilung, deren krankmachende Struktur also auch

nicht durch eine »bloße Entlastung« in beiden Bereichen zu beheben ist. Diese Kritik der

Doppelbelastung bricht auch mit Forschungshaltungen, welche die Frauen nur als Opfer

krankmachender Strukturen sehen, und interessiert sich stattdessen für die Lebensweise

DAS ARGUMENT 136/1982 @


Medizin 909

der Frauen in den widersprüchlichen Strukturen. Wie müßten sie sich selbst verändern,

um die Strukturen zu verändern?

Welche Schwierigkeiten Wissenschaftlerinnen haben, die Frauen nicht nur als Opfer

zu sehen, auch dann, wenn sie ihre Forschung ausdrücklich als parteiliche Forschung

von Frauen für Frauen betreiben, die Frau selbst als Subjekt ihres Gesund- bzw. Krankseins

verstehen wollen, wird in den beiden methodologischen und forschungsprogrammatischen

Beiträgen von Ulrike Schneider deutlich. Obwohl sie vom Begriff menschlicher

Subjektivität (wie ihn die Kritische Psychologie entwickelt hat) ausgeht, fehlen die

Fragen nach der Art und Weise, wie die Individuen die objektiven Strukturen leben und

reproduzieren, in dem von ihr vorgeschlagenen Forschungsprogramm weitgehend. Die

Forschungsfragen bleiben meist den objektiven Strukturen verpflichtet, erst die »Umsetzung«

wendet sich dem subjektiven »Verhalten« zu (208). Die in dem Buch vorgestellten

Berichte zeigen aber, daß die Frauenbewegung und -forschung faktisch schon viel entwickelter

ist, als dies in forschungsprogrammatischen Formulierungen zum Ausdruck

kommt. - Johanna Kootz geht es um die Bedingungen, die präventives Verhalten verhindern,

bzw. möglich machen. Sie verweist darauf, wie Frauen mit den ihrer eigenen

Entwicklung feindlichen Anforderungen, dem nur für Andere dasein müssen, dem

Zwang, einander widersprechenden Anforderungen gerecht werden zu müssen, umgehen:

es gibt den Weg der subjektiven Sinngebung, aber auch den Weg des Zurückweichens

auf gesellschaftlich den Frauen zugestandene Reaktionen der Schwäche, des

Kränkelns und der Hilfsbedürftigkeit. Wir erfahren, wie die Medizin beteiligt ist an der

Fixierung der Probleme durch die Lokalisierung in den individuellen Frauenkörper. Allgemein

kann davon ausgegangen werden, daß die Medizin die Wahrnehmung der Beschwerden

von Frauen strukturiert und sozial entschärft. Aus Kling-Kirchners Bericht

über eine Beratungsstelle im Rahmen einer Westberliner Gruppenpraxis wird deutlich,

wie immer wieder die Gefahr besteht, daß die Frauen selber die Medizinisierung ihrer

Probleme akzeptieren.

Ilona Kickbusch berichtet die Geschichte der amerikanischen Frauengesundheitsbewegung,

welche der Medizin den Kampf ansagte: Ihr kommt eine Schlüsselfunktion bei

der Unterdrückung der Frauen zu wegen der Bedeutung, die der Körper in der Geschlechterherrschaft

spielt. Von Anfang an stand Politik um den Körper daher im Zentrum

feministischer Bewegung. Ging es zunächst gegen den biologischen Determinismus,

so in einem zweiten Schritt um die eigene Identitätsgewinnung über die Besonderheit

des eigenen Körpers. Die Diskussion um Frigidität, Hysterie und Depression entlarvte

diese Krankheitsbilder als professionelle Mythenbildung aber zugleich auch als

weibliche Formen der Flucht und Auflehnung in einem - und zeigt den Ausweg:

»Wenn ein Teil der sozialen Kontrolle über Medizin und Medikalisierung abläuft, wenn

das Unglück und die Unterdrückung von Menschen sich häufig in Krankheiten manifestiert,

dann liegt es nahe, daß auch der Widerstand beginnen wird, sich dem Körper und

der Politik, die ihn umgibt, zuzuwenden.« (196) Barbara Nemitz (Berlin/West)

Kerstan, Birgit, und Helga Wilde (Hrsg.): Selbstbestimmung in der Offensive: Frauenbewegung,

Selbsthilfe, Patientenrecht. VerlagsgeseUschaft Gesundheit, Berlin/West

1981 (270 S., br., 12,50 DM)

Das Buch ist der fünfte von insgesamt sieben Bänden, die die Veranstaltungen und Diskussionen

des ersten Gesundheitstags 1980 in Berlin dokumentieren. Neben den Frauenthemen

sind Psycho- und Körpertherapien enthalten sowie die Vorstellung von Patientenorganisationen.

Der Frauenteil umfaßt 17 Aufsätze, die sich nach einem allgemein

einleitenden Teil in drei Abschnitte gliedern: 1) Frau und Pharma, 2) Sexualität­

Verhütung-Abtreibung-Geburt, 3) Frau und Älterwerden. Diese inhaltliche Abgrenzung

kann nicht strikt eingehalten werden, so daß Wiederholungen und Überschneidungen in

DAS ARGUMENT 136/1982 ©


910 Besprechungen

den verschiedenen Abschnitten zu finden sind; hier wären Querverweise hilfreich gewesen.

Das Eingangsreferat der AG Gesundheitsforschung stellt die herrschenden Vorstellungen

und Begriffe der etablierten Medizin in Frage und entwickelt jene konstruktiv weiter.

So wird die von der Medizin suggerierte klare Unterscheidung von »Gesundheit«

und »Krankheit« kritisiert und diesen Begriffen die Befindlichkeit als prozeßhaftes Geschehen

gegenübergestellt. Neu ist hier die Abkehr von dem Anspruch bzw. der Erwartung,

daß nur ein/ e Arzt! Ärztin über den Zustand» krank« entscheiden kann. Dieser

Sichtweise schließt sich konsequent eine umfassende Neudefinition von Prävention an.

Die Autorinnen suchen Antworten auf die Frage: »Was brauchen wir, um uns wohl zu

fühlen?« (14) In der Selbstdarstellung von vier Frauenprojekten kann die Leserin verfolgen,

wie die Umsetzungsbemühungen dieses Konzepts in der Praxis aussehen und welche

Aufgaben sich weiterhin stellen, um in allen Lebens-, Wohn- und Arbeitsbereichen

Frauen ein gesundes Leben zu ermöglichen.

Anhand der Prostaglandine (wehenauslösendes Arzneimittel, das als Methode des

Schwangerschaftsabbruchs benutzt wird) und deren Anwendung möchte ich zeigen,

wieviele Aspekte eines Themas von Frauen schon aufgearbeitet sind. Das West berliner

Komitee für die Rechte der Frau greift u.a. die Praxis der klinischen Tests am Beispiel

der Prostaglandine an. Sie informieren über die gesetzlichen Bestimmungen und deren

Unzulänglichkeiten, sie zeigen, wie die Teilnahmebereitschaft von den Frauen für den

Test erpreßt wird. In dem Beitrag der §218-Gruppe Berlin wird auch für Nicht-Fachfrauen

verständlich die Wirkungsweise von Prostaglandinen auf bestimmte Organe (die

Grundlage des besonderen Interesses der Pharmaindustrie an diesem Stoff) und die Rolle

der Ärzte bei der klinischen Erprobung beschrieben. Krimhild Luft veranschaulicht

die Prostaglandinanwendung mit einem Erfahrungsbericht, der die Schmerzen und das

Gefühl der individuellen Ohnmacht schildert. Alle drei Aufsätze machen deutlich, daß

die Interessen und Bedürfnisse der Frauen von der Profitorientierung der Pharmaindustrie

verdrängt werden, daß dem gegenüber Informations- und Öffentlichkeitsarbeit

wichtig ist und in Teilbereichen schon Erfolge zeigte.

Sexualität von Frauen und Verhütung/Schwangerschaft werden in diesem Buch im

gleichen Abschnitt behandelt. Die Autorinnen der AG Anti-Baby-Pille der Mabuse-Redaktion

meinen, daß die Pille die herrschenden Normen, die Sexualität und Verhütung

in einen »natürlichen« Zusammenhang bringen, aufrechterhält und die Objektsituation

der Frau festigt. Ladina r.-ampell u.a. stellen fest, daß heute »richtige« Sexualität nur in

lesbischen Beziehungen ",öglich sei. Andere Beiträge befassen sich mit der Einseitigkeit

der praktizierten Kinderplanung/-verhütung, in der nur die Pilleneinnahme, nicht jedoch

die Arbeitsplatzsicherheit, die Wohnungssituation oder die künftige Versorgung

der Kinder planbar ist. Manche Autorinnen kritisieren die existierenden Beratungs-, Verhütungs-

oder Abtreibungspraktiken und bringen Verbesserungsvorschläge ein, ohne jedoch

das Prinzip und die Notwendigkeit von Verhütung in Frage zu stellen.

Im Abschnitt über ältere Frauen greift Dorit Cadura-Saf die zahlreichen, meist männlichen

Experten an, die das Klimakterium, das »biologische Schicksal« der Frau, »wissenschaftlich«

aufarbeiten und auf diese subtile Weise der Gesellschaft geschuldete Problemlagen

den natürlichen Stoffwechselveränderungen anlasten. Holländische Frauen,

VIDO, und die Gruppe Offensives Altern berichten über die Entstehung von Gesprächskreisen

für Frauen im Klimakterium, über den großen Bedarf und die Schwierigkeiten

solcher Gruppen. Den gesamten Abschnitt über ältere Frauen halte ich für besonders

wichtig, weil hier erste Schritte zu verfolgen sind, wie Frauen traditionelle Denkansätze

überprüfen, Defizite aufspüren und der frauenspezifischen Forschung und Praxis weitere

Tätigkeitsfelder eröffnen.

Christa Leibing (Berlin/West)

DAS ARGUMENT 13611982 Ce'


Medizin 911

Forum für Medizin und Gesundheitspolitik 16: Frauen und Gesundheit. Verlagsgesellschaft

Gesundheit, Berlin/West 1981 (165 S., br., 9,80 DM)

Fünf Frauen der Redaktion haben diesen Schwerpunkt gestaltet, der ca. 2/3 des Zeitschriftenheftes

ausmacht und folgende Bereiche umfaßt: geschlechtsspezifische Arbeitsteilung

in der Gesundheitsversorgung, Selbsthilfe, Krankheitsursachenforschung und

Kritiken an der gynäkologischen Praxis.

Ilona Kickbusch wirft einen strategischen Blick auf die Geschlechterbeziehungen im

Gesundheitsbereich und faßt deren Form als »ärztliche Familie«. In dieser Anordnung

bleibt die Krankenschwester auch nach dem Übergang von der karitativen zur beruflichen

Tätigkeit Kreuzungspunkt mütterlicher und sexueller Symbolik und damit Unterworfene

in einem patriarchalisch strukturierten Arbeitsverhältnis.

Dies ist zugleich eine der wesentlichsten Behinderungen für die Entwicklung einer humanen

Medizin - beides organisiert die Trennung von care (pflegen, betreuen) und eure

(heilen) mit praktischem wie wissenschaftlichem Desinteresse an der Entwicklung des care

und an der Herstellung eines neuen Verhältnisses von care und eure. Kickbuschs Analyse

macht deutlich, wie entscheidend der feministische Standpunkt für die Entwicklung

von Befreiungsperspektiven im Gesundheitswesen ist: er macht uns skeptisch gegenüber

vielen »Humanisierungsbestrebungen«, die letztlich auf dem Rücken der Frau ausgetragen

werden (das Krankenhaus wird nicht humaner, wenn es familiärer wird [vgl. dagegen

die Rezension von Ostner u.a.], und die Gesundheitsversorgung wird nicht menschlicher,

wenn Krankenhäuser aufgelöst und die Patienten in die Familie zurückgeschickt

werden) - er entdeckt Blockierungen im Bau der Medizin (care/cure), die nur durch die

Veränderung der Geschlechterbeziehungen beseitigt werden können. Kickbusch ruft uns

Frauen dazu auf, nach der Kritik der Herrschaft der Männer und Experten, nun unsere

eigenen Schlüsselpositionen in vielen gesellschaftlichen »Dienstbereichen« bewußter zu

begreifen und offensiver zu nutzen (14). Auch Ulrike Isenbergs Beitrag macht deutlich,

welche neuen kritischen Einsichten erst unter einem feministischen Blickwinkel entstehen:

Ihre Zusammenstellung sexistisch-patriarchalischer Zitate von Hackethal über die

Aufgaben von Krankenschwestern wird hoffentlich bei vielen alternativmedizinischen

Lesern/innen zur Überprüfung des spontanen Bündnisses mit ihm führen.

Dagegen war ich erstaunt, daß Sophinette Beckers »Brustkrebs und Weiblichkeit -

ein psychoanalytischer Beitrag zur Psychosomatik des Mamma-Carzinoms« unkritisiert

abgedruckt wurde. Es ist, als habe es nie eine feministische Kritik an der Psychoanalyse

gegeben. Völlig selbstverständlich reduziert die Autorin uns Frauen auf unsere Brust

und damit zugleich auf Mutter und heterosexuelle Geschlechtsgenossin, so daß sie

schließlich Berufstätigkeit als Phallusidentifizierung und Verzicht auf eigene Sexualität

interpretiert. Unfähig, ihren Patientinnen überhaupt zuzuhören, stülpt die Forscherin

ihnen ihre eigenen normativen Vorstellungen von weiblicher Lebenserfüllung über, deren

Versagen - na klar - zu Brustkrebs führen muß.

Erfreulicherweise findet sich direkt vor dieser Abhandlung ein kurzer Beitrag von Sabine

Schafft, in welchem sie eines ihrer Interviews mit einer krebskranken Frau vorstellt

und überall dort kritisch kommentiert, wo sie selber nicht zuhört, sondern nur ihre eigenen

Forschungshypothesen, z.B. über die besondere Bedeutung des Befallenseins gerade

der Brust mit Krebs, bestätigt finden will. Schade, daß sie nicht zugleich eine Antwort

auf Becker geschrieben hat. Auch der Bericht über eine Frauengesprächsgruppe im Gesundheitszentrum

Gropiusstadt trägt einen feministischen Stachel in das resignative medizinische

Menschenbild, welches kaum mit der Kritik- und Veränderungsfähigkeit der

Patienten rechnet. »Die Frauengruppen sprechen die Selbsthilfekräfte und Lernbedürfnisse

der Frauen an«, und sie haben Erfolg damit: Die Frauen kommen regelmäßig zu

den Treffen, halten also an ihrer Entwicklung fest, obwohl viele ihre eigene Situation seit

der Teilnahme als schwieriger, konfliktreicher und unbequemer beschreiben.

DAS ARGUMENT 13611982


912 Besprechungen

Die Mehrzahl der Beiträge macht deutlich, daß feministische Medizin mehr leistet als

das Einbringen besonderer Fragen der Frau - sie wirft einen für Unterordnung geschärften

Blick auf die Gesundheitsverhältnisse dort, wo soziale und alternative Medizin

blinde Flecken haben.

Barbara Nemitz (Berlin/West)

Ostner, Ilona, und Elisabeth Beck-Gernsheim: Mitmenschlichkeit als Beruf. Eine Analyse

des AUtags in der Krankenpflege. Campus-Verlag, Frankfurt/New York 1979

(177 S., br., 19,80 DM) zit. I

Ostner, Ilona, und Almut Krutwa-Schott: Krankenpflege - ein Frauenberuf? Bericht

über eine empirische Untersuchung. Campus-Verlag, Frankfurt/New York 1981

(197 S., br., 29,- DM) zit. II

Beide Bücher sind Ergebnisse eines Projektes mr beruflichen Situation der Krankenschwester.

Ziel der Untersuchung war es, »Möglichkeiten und Grenzen der beruflichen

Versorgung von Kranken im Krankenhaus« (1,7) m analysieren. Hierbei gelangen die

Autorinnen m der These, daß sich Krankenpflege nicht professionalisieren bzw. verberuflichen

läßt und auch nicht verberuflicht werden sollte. Sie gehen dabei von einer

Theorie der Berufsform von Arbeit aus: »Beruf erscheint in dieser Theorie als eine Arbeitsform,

für die das eigentlich m lösende Problem (z.B. Bedarf nach bestimmten Gütern

oder Bedarf nach Hilfe) nicht vorrangig ist. Im Beruf geht es mnächst um anderes:

um Zeit und Geld, um systematisiertes Wissen von Serien und Regelmäßigkeiten, um

Status und Prestige.« (1,8) Als Begründung für die Unmöglichkeit der Verberuflichung

wird als Charakteristikum der Krankenpflege deren Hausarbeitsnähe angeführt: Hausarbeit

ist gekennzeichnet durch die Wiederkehr naturgebundener Ereignisse oder körperbezogener

Bedürfnisse, der Rhythmus ist nicht beliebig manipulierbar, es besteht eine

diffuse Ganzheit in ihr - ohne Meisterschaft in Teilfunktionen (1,43, 44, 50). Frauen

finden - anders als Männer - in dem Beruf infolge ihrer spezifischen Sozialisation Bekanntes

wieder. Andererseits aber ist der traditionelle Frauenberuf typischerweise nicht

von Frauen geprägt. Gerade für Frauen ist die Krankenpflege »fristig«, d.h. kein lebenslanger

Beruf, da er kaum mit Familienarbeit m vereinbaren ist und die Arbeitskraft besonders

schnell verschleißt.

Der empirische Teil der Untersuchung beruht auf 83 Leitfadeninterviews (mit 21

Krankenpflegern, 60 Krankenschwestern und 2 Krankenpflegehelferinnen im Jahre

1977) über den Weg in den Beruf der Krankenpflege und die Arbeit im Krankenhaus,

die eine Theorie beruflicher Arbeit konkretisieren sollen. Neben der qualitativen Analyse

werden quantitative Berechnungen vorgenommen (unsinnigerweise mit Signifikanztests).

Die Autorinnen diskutieren die Theorie anhand thematischer Schwerpunkte mit

ausführlichen Zitaten aus den Interviews.

Obwohl sich in beiden Büchern die gleichen Themenschwerpunkte finden wie Beruf,

Weiblichkeit, Professionalisierung, sind beide völlig unterschiedlich: Während I die

Analyse der Interviews mit Hilfe der Theorie darstellt, sollte II ursprünglich so etwas wie

ein Werkstattbericht werden: Darstellung und Reflexion der Methoden. Diese nehmen

im vorliegenden Buch aber nur 1/6 des Volumens in Anspruch. Hauptsächlich finden

Überlegungen und ergänzende Themen m der in I erarbeiteten Analyse ihren Niederschlag,

die sich während der Arbeit an der Untersuchung in der Arbeitsgruppe entwickelt

haben. II wird damit m einer Art Sammelband nur wenig miteinander verbundener

Aufsätze über historische Hintergründe der Krankenpflege, eine Literaturzusammenfassung

einiger Krankenpflegeuntersuchungen, Methoden und einige quantitative

Ergebnisse aus den Interviews.

Während I auf mich streckenweise langatmig gewirkt hat und, abgesehen von den Interviewzitaten,

manchmal mühsam m lesen war, war ich von II schlichtweg gefesselt.

Ganz besonders trifft dies die ausführlich und gründlich aus Frauensicht kommentierte

DAS ARGUMENT 136/1982


Medizin 913

Aufbereitung der Anfange des Krankenpflegeberufes als Beruf für bürgerliche Frauen

im letzten Jahrhundert, das Frau- und Mutter-Sein als Beruf.

Bestechend ist in II die Aufarbeitung der eigenen Forschungsentwicklung und damit

die Transparenz der Tätigkeit der Autorinnen, etwas, das im Wissenschaftsbetrieb

heutzutage überhaupt nicht üblich ist. Selbstkritisch wird die methodische Vorgehensweise

geschildert, wobei der imaginäre Ansprechpartner ein Vertreter völlig freier Interviews

ist. So wird der Methodenteil streckenweise eine Verteidigung herkömmlicher Befragungen,

die die Autorinnen gar nicht nötig hätten.

Obwohl aus der Krankenpflege auch m.E. die Hausarbeitsnähe nicht wegzudenken ist

bzw. einen konstituierenden Bestandteil darstellt, bedeutet dies noch nicht die Unmöglichkeit

einer stärkeren Verberuflichung oder sogar Professionalisierung. Hausarbeit ist

verbunden mit )>Umfassend«, Natur, Körpernähe, aber auch mit Emotionen ohne Distanz.

Und nur das letztere scheint das Problem zu sein. »Denn die abstrakt gelernte Geduld,

das wissenschaftlich begründete Verständnis für die Probleme des Kranken im

Krankenhaus ... machen nicht mehr jene ursprüngliche, naive Geduld und Freundlichkeit

aus.« (1,53) Die Autorinnen fordern also Gefühl ohne Rationalität. Hier werden

aber mehrere Dinge außer acht gelassen: Die beschriebene »naive Geduld und Freundlichkeit«

ist im Krankenhaus fast nirgends zu finden, und zwar nicht nur wegen des

Drucks der Vorgaben von Zeit- und Kostenökonomie. Daß es einfach nicht auszuhalten

wäre, wird angedeutet. M.E. kann berufliche Arbeit heute auch in der Krankenpflege

nie mit einem derartigen emotionalen Engagement einhergehen, wie etwa der familiäre

Einsatz, den Frauen meist zu leisten zu haben. Ich würde vielmehr die These aufstellen,

daß die emotionale Distanz für eine derartig eng an Menschen stattfindende Arbeit geradezu

notwendig ist (dies ist nicht zu verwechseln mit Parsons emotionaler Neutralität,

die die Gerechtigkeit gegenüber den Patienten garantieren soll). Das »naive« Gefühl

nimmt mit, macht die Helfende zur Mit-Leidenden und nimmt ihr damit die Fähigkeit

zur Hilfe, zur psychosozialen Unterstützung - und macht sie in kürzester Zeit zum seelischen

Krüppel. Aber auch mit mehr professioneller Emotionalität entsteht - häufig

nur unbewußt - eine Betroffenheit und emotionale Beanspruchung, die verarbeitet

werden muß, wenn sie nicht in dem bekannten Zynismus enden soll, den so viele im

Krankenhaus Arbeitende an sich haben. Dieses Problem wird in der Studie kaum angesprochen

und als Ausgleich der Rückzug auf das Selbst empfohlen (I,53).

Hier wird deutlich, daß die Arbeit der Krankenschwester in der vorliegenden Studie

nahezu ausschließlich in ihrer Beziehung zum Patienten, ab und zu auch in der zum Arzt

gesehen wird. Die Eingebundenheit in eine Arbeitsgruppe, in eine Pflegehierarchie wird

kaum thematisiert. Aber gerade hier wären Ansatzpunkte zu Verarbeitungsmöglichkeiten

der seelischen Beanspruchung in Tearngesprächen o.ä. Diese wären gleichzeitig mit

weiterer Qualifikation und damit Verberuflichung der Krankenpflege verbunden. Hier

kann ich den Autorinnen nur zustimmen, die meinen, daß die Krankenpflege aus diesem

Dilemma der Medizintechnik versus emotionaler Bedürfnisse der Patienten nicht herausfinden

wird, solange Frauen, die verankert sind in der traditionellen Weiblichkeit,

meinen, die Krankenpflege vorwiegend zu bestimmen und zu be»herrschen«. Interessanterweise

scheinen sich eher Männer als Frauen gegen die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten

erfolgreich zu wehren (II,152). Mir scheint die Frage bisher kaum beantwortbar,

ob Frauen speziell für Berufe rekrutiert werden, deren Inhalt sich nur begrenzt »beruflich«

bearbeiten läßt (II,96), wie die Autorinnen meinen. Oder ob diese Berufe nur so

begrenzt professionalisiert sind, weil sie hauptsächlich von Frauen ausgeübt werden.

Am Schluß wenden sich die Autorinnen gegen höhere Ausbildungsanforderungen (als

Voraussetzung für stärkere Verberuflichung), um das Rekrutierungspotential für den

Pflegeberuf nicht stark zu verändern: »Mittlere Reife, das bedeutet heute die Verlängerung

der Wirklichkeitsferne des Erwachsenwerdens junger Menschen.« (II,I77) Abgese-

DAS ARGUMENT 136/1982 S


914 Besprechungen

hen davon, daß übersehen wird, daß Hauptschulabgänger heutzutage häufig schon genau

so viele Schuljahre absolvieren müssen wie Realschulabgänger, scheint hier die Vorstellung

wieder durchzuschlagen, daß Krankenpflege eher etwas mit angeborenen oder

frühkindlich sozialisierten, später nicht bildbaren Fähigkeiten zu tun hat als mit Lernbarem.

- Auch wenn das hinter der Studie stehende Frauenbild erschreckend traditionell

frauenfeindlich und zukunftslos erscheint, halte ich dennoch die Arbeit für ganz wichtig

im Rahmen der Diskussion um die Krankenpflege und um Frauen im Beruf, weil sie die

Verknüpfung von beiden verdeutlicht. Das war in den bisherigen Arbeiten über Krankenschwestern

nicht der Fall.

Sabine Bartholomeyczik (Berlin/West)

Soziale Bewegungen und Politik

Saage, Richard: Herrschaft - Toleranz - Widerstand. Studien zur Politischen Theorie

der Niederländischen und der Englischen Revolution. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.

1981 (368 S., br., 44,- DM)

Es ist schon einige Jahre her, daß in der sozialistischen Zeitschrift Mondo Operaio der

bekannte italienische Politikwissenschaftler Noberto Bobbio, wie vor ihm schon Cerroni

und Colletti, mit der Feststellung, daß in den vielerlei marxistischen Traditionen von einer

Politischen Theorie nicht die Rede sein könne, eine lebhafte Diskussion über die

Probleme einer normativ- und empirisch-analytisch fruchtbaren Demokratietheorie provozierte.

Nicos Poulantzas entgegnete, daß gerade das Fehlen einer politischen Philosophie,

die er schlankweg als Metaphysik denunzierte, eines der »Verdienste des Marxismus«

sei. Prompt und mit voller Berechtigung kam darauf von Bobbio der Vorwurf der

Ignoranz sowohl gegenüber der Tradition der politischen Theorie als auch gegenüber der

empirischen Wissenschaft von der Politik zurück.

Die Habilitationsschrift des in Göttingen lehrenden Politikwissenschaftlers Richard

Saage scheint mir geeignet, die weit verbreitete Abneigung gegen und Unkenntnis der

klassischen politischen Theorien aus der Epoche der bürgerlichen Revolutionen im »linken

Lager« zu vermindern. Der Autor zeichnet die politischen Diskussionen nach, die

während der niederländischen und englischen bürgerlichen Revolution um die Legitimation

des Aufstands gegen das alte Regime und die Legitimationsgründe eines neuen politischen

Herrschaftssystems geführt worden sind. Seine Arbeit hat den Vorzug und das

Verdienst, dies nicht anhand der bekannten »großen« politischen Theorien zu tun, sondern

den Argumentationen der verschiedenen Strömungen und Lager der ersten politisch

diskutierenden Öffentlichkeiten der Neuzeit in ihren Medien wie Pamphleten, politischer

Journalistik, öffentlichen Debatten nachzuspüren.

In der Absicht, den »über schießenden Gehalt« der frühbürgerlichen politischen

Theorien in ihrer Entstehungsphase auszumachen, unterscheidet der Autor zwischen

Gruppierungen einer »gemäßigten« und solchen einer »radikalen« Opposition. Er ist

bemüht, die Argumentationsmuster dieser Gruppierungen zu den sozialökonomischen

Interessenkonstellationen innerhalb der Aufstandsbewegung in Beziehung zu setzen. Da

die frühbürgerlichen Aufstandsbewegungen Mitglieder aller Gesellschaftsklassen umfaßten,

wird ihr Zusammenhalt als bloße Negativkoalition spätestens in dem Moment

problematisch, wo sie sich gegenüber dem gemeinsamen Feind zu behaupten vermögen.

Es beginnt eine inner-oppositionelle Auseinandersetzung vornehmlich um den neuen positiven

Gehalt des in der mittelalterlichen Tradition allein pejorativ gebrauchten »Arme­

Leute-Begriffs« der Demokratie. Saage gelingt es zu zeigen, daß und wie mit der Eskalation

der Konflikte zwischen Krone und oppositioneller Volksbewegung die ursprünglich

konservativen und defensiven, noch mittelalterlichen Denkmuster, die auf die Wiederherstellung

eines traditionellen, durch den schlecht beratenen König verletzten Rechtszu-

DAS ARGU'vlENT 136/1982


Soziale Bewegungen und Politik 915

standes abzielten, durchbrochen werden und einer Reihe folgenreicher Innovationen im

politischen Denken Platz machen. In bei den Aufstandsbewegungen führt die anfanglich

zentrale Frage, was legitimer Widerstand im Unterschied zur Rebellion sei, rasch zur

Frage, worin die Legitimität politischer Herrschaft überhaupt gründen könne und wo

die Grenzen der Ausübung legitimer Staatsgewalt zu ziehen seien. Beide Aufstandsbewegungen

scheidet, wie Saage zeigt, ein ganzer Säkularisierungsschritt. Erst in der englischen

Revolution wird das legitime Widerstandsrecht nicht nur dem »christlichen Magistrat«,

sondern allen guten Bürgern zuerkannt, erst hier wird der Grund der Legitimation

staatlicher Herrschaft in das »souveräne« Volk verlagert, das den persönlichen

»Souverän« ablöst; hier gewinnt infolge des Einbruchs des Vertragsdenkens in die politische

Theorie der Gedanke des säkularen Staates, der nicht von Gott kommt, sondern ein

rationales Kunstprodukt verständiger Egoisten darstellt, Eingang in die diskutierende

politische Öffentlichkeit der Aufstandsbewegung und vor allem ihrer Bürgerkriegsarmee;

hier kann dann auch zum erstenmal die Idee der absoluten religiösen Toleranz,

d.h. des vom agnostischen Staat erzwungenen Religionsfriedens, die Urform aller Pluralismus-Konzeptionen,

Verbreitung finden. Die Säkularisierung des politischen Diskurses

führt zunächst in die naturrechtliche Denk- und Argumentationsweise; aber schon in

den in der englischen Revolutionsarmee geführten Wahlrechtsdebatten kündigt sich der

Rechtspositivismus an, wo die »eingeborenen Menschenrechte« der Freien mit den

Rechten der Privateigentümer und der Unfreiheit der Nicht-Eigentümer unter den Privatleuten

zusammenstoßen.

Saages Absicht ist es, in den Auseinandersetzungen zwischen den Protagonisten der

englischen und niederländischen Revolution und der sie begleitenden Pamphletistik jene

normativen Ideen von politischer Freiheit und Gleichheit herauszuarbeiten, die für die

Legitimation politischer Herrschaft im bürgerlichen Staat konstitutiv geworden sind.

Diese Legitimationsmuster , die Begründung subjektiver öffentlicher Rechte im Kontext

des bürgerlichen Rechtsstaats in ihrer Entstehungsphase kennen zu lernen, scheint mir

auch für Sozialisten 'Nichtig, weil gerade daran die Kritikmuster der radikaldemokratischen

und sozialistischen Oppositionsbewegungen der subalternen Klassen der bürgerlichen

Gesellschaft anknüpfen und weil ihr bislang bedeutendster Erfolg in der historischen

Transformation des liberal-kapitalistischen Rechtsstaats in parlamentarische Massendemokratien

und soziale Rechtsstaaten besteht. Die Denkfiguren der »Gleichberechtigung«

ebenso wie des (subjektiven öffentlichen) »Rechts auf Arbeit« (und auf Wohnung,

Gesundheit, Erziehung, soziale Sicherheit usw.) sind bis heute bestimmende Ar·

gumentationsmuster für diese sozialen Oppositions- und Emanzipationsbewegungen geblieben.

Die Arbeit ist klar gegliedert, in einem lesbaren, vom heutzutage üblichen sozialwissenschaftlichen

Jargon ebenso wie von den gewollten Stilblüten der »neuen Schnoddrigkeit«

freien Deutsch geschrieben, die wichtigsten Debatten werden treffend dokumentiert.

Der Autor hat dem Band neben einem sehr ausführlichen Literaturverzeichnis einige

»Biographische Anmerkungen« über die wichtigsten der in seiner Darstellung vorgeführten

Protagonisten beigefügt. Dank Personen- und Sachregister ist es ein Buch, mit

dem auch eilige Menschen arbeiten können. Einziger Schönheitsfehler in meinen Augen:

der stolze Preis.

Michael Krätke (Amsterdam)

~Eckert, Rainer: Die Krise der SPD. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/M. 1982

(168 S., br., 9,80 DM)

Butterwegge, Christoph: Marxismus, SPD, Staat. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt/Mo

1981 (139 S., br., 10,50 DM)

Ziel des populärwissenschaftlich geschriebenen Buchs von Eckert ist die Aktualisierung

des Analyseansatzes der zwei Klassenlinien in den sozialdemokratischen Parteien. In der

DAS ARGUMENT 136/ 1982 ,~


DAS ARGUMENT 136/1982 :s

916 Besprechungen

SPD kämpfen danach eine bürgerliche und eine proletarische Klassenlinie um Einfluß:

die integrationistische Führung der SPD hat sich mit dem Imperialismus verbunden,

während der Reformismus Arbeiterinteressen vertritt. Beide Richtungen entstünden aus

objektiven Interessenlagen ihrer Träger. Die zunehmende, krisenhafte Beschränkung der

Möglichkeiten des Imperialismus führe notwendig zu einer Krise der vom rechten Flügel

beherrschten Sozialdemokratie. Außerdem würden potentiell die antikapitalistischen

Gruppen gestärkt. Aktualisierung dieses Ansatzes heißt für Eckert schlicht Aufdeckung

des imperialistischen Klassengehalts in der derzeitigen SPD-Politik. Diese »Einschätzung«

(9) sozialdemokratischer Politik auf drei Politikfeldern (Friedenspolitik, Wirtschafts-

und Sozialpolitik, Jugendpolitik) bildet den Hauptteil des Buchs. Sämtliche

Fragestellungen und Antwortversuche der neueren linken Staatsdiskussion werden übergangen.

Die SPD-Politik wird nicht analysiert in dem Sinn, daß ihre Ursachen, Bedingungen,

Formen örtert werden, sondern sie wird gemäß dem Kriterium »imperialistisch/

den Arbeiterinteressen entsprechend« unterteilt (wobei impliziert wird, daß Arbeiterinteressen

am vollkommensten von der DKP, »den Kommunisten« vertreten werden).

Wenn man vom Konzept der zwei Klassenlinien in sozialdemokratischen Parteien ausgeht,

in denen sich das »gesellschaftliche Kräfteverhältnis«, das irgendwo anders entsteht,

widerspiegelt, dann ist die Beschränkung auf Klassifizieren auch die logische Konsequenz:

im politischen Bereich muß man nur »einschätzen«, nicht »erklären«. Wenn

die politische Dimension nicht eigenständig analysiert wird, kann man auch nicht theoretisch

fundiert in sie eingreifen. So relativiert Eckert z.B. zwar die Annahme, daß die

Krise automatisch zur Stärkung der Linken führt, erörtert aber die Bedingungen einer

Stärkung nicht. Wenn er davon spricht, daß die Krise der SPD durch »Entscheidungssituationen,

Situationen eines 'Wendepunkts'« (26) gekennzeichnet ist, kann er die Struktur

dieser Entscheidungssituationen nicht analysieren. Sein Buch bleibt so notwendigerweise

letztlich ein allgemeiner Appell zur Einsicht und Umkehr. Kurz erwähnt sei eine

weitere Sackgasse, die Eckert sich selbst aufbaut: Er gründet seine Einschätzung zum

Teil auf Dokumente und Äußerungen führender Sozialdemokraten, zu denen er jedoch

auch feststellt, daß sie gezwungen sind, »ihre tatsächliche Politik zu kaschieren« (30), ihre

Position ideologisch zu vernebeln (31). Er ist also gezwungen zu interpretieren, ohne

dies theoretisch fundieren zu können. Dabei kommen dann teilweise ärgerliche Spitzfmdigkeiten

zustande. Ein einzelner Satz von Björn Engholm zum Beispiel, die SPD solle

im Dialog mit der Jugend sich den »'kleinen', den abgeleiteten, den bewältigbaren, den

gemeinsamen Erfolg bringenden Übeln« zuwenden, wird »im Klartext« interpretiert als

»beabsichtigte Beschränkung auf die kleinen Brocken, die das Monopolkapital vom

Tisch herab wirft« (100).

Butterwegges Buch behandelt das Thema auf einem abstrakteren Niveau. Vier kürzere

Aufsätze gruppieren sich um einen zentralen Artikel zur Entwicklung der Staatstheorie

in der SPD. Im ersten Aufsatz faßt er die Bemerkungen von Marx und Engels zur

Staatstheorie sowie die revisionistische Kritik daran (Bernstein) zusammen. Als wesentlich

für die marxistische Staatstheorie stellt er heraus, daß der Staat im Kapitalismus

vom Staatstyp her - unabhängig von der Staatsform - Diktatur der Bourgeoisie ist,

daß deshalb der Übergangsstaat zum Kommunismus Diktatur des Proletariats sein muß,

also der bürgerliche Staat »zerschlagen« werden muß, wiederum unabhängig von der

Staatsform, in der sich dies vollzieht (z.B. 16f., 23). Im zweiten Aufsatz wird ausgehend

von Lenin ein Überblick über die aktuellen Beiträge zur Theorie des staatsmonopolistischen

Kapitalismus gegeben. Butterwegge vertritt die These, daß der kapitalistische Staat

eine größere Autonomie gegenüber früher gewonnen hat. Der Staat gewinne diese Autonomie

aus der Zersplitterung der Monopolinteressen, er handele in eigenständigen Systemzwängen

nach eigenen Interessen (32,35,41). Verbunden sei die relative Autonomie

des Staats mit einer Ausweitung seiner direkt ökonomischen Eingriffe. Die »System-


Soziale Bewegungen und Politik 917

zwänge«, in denen der Staat relativ autonom, nicht als 'Handlanger' der Monopole arbeitet,

werden jedoch in der Argumentation des Buchs nicht weiter einbezogen oder speziftziert.

Im Hauptaufsatz setzt sich Butterwegge das Ziel, »die Widerspiegelung ökonomischer

Entwicklungstendenzen im Staatsverständnis der SPD, ihrer Flügel bzw. Fraktionen«

zu analysieren (48). Im Kräfteverhältnis des rechten und linken Flügels spiegele

sich - gebrochen und oft phasenverschoben - das Kräfteverhältnis von Kapital und

Arbeit wider (58). Die Geschichte des Staatsverständnisses in der SPD läßt sich nach

Butterwegge von Anfang an als Kampf zwischen der Staatsauffassung von Marx (Staat

als Klassendiktatur) und der von Lassalle (Staat als Träger des Gemeinwohls) interpretieren

(49ff.). Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklung bis '45 geht er ausführlich

auf die Staatsauffassungen der Nachkriegszeit ein. Hier vollziehe sich eine Verbürgerlichung,

wobei der Reformismus an den Rand gedrängt werde und sozialintegrative

Tendenzen vorherrschten: Die Demokratie, gleichgesetzt mit bürgerlichem Parlamentarismus

und Pluralismus, solle vervollkommnet werden (67). Ziel sei die Modernisierung

und Rationalisierung des Kapitalismus. Die SPD vertrete so die Interessen der fortgeschrittensten,

d.h. relativ rationalsten Monopolgruppen (49). Erst mit dem Wiederaufleben

der Klassenkämpfe nach 66/67 erstarke die reformistische Position in der SPD wieder.

Als neuere Entwicklung stellt Butterwegge eine Annäherung von integrationistischen

und reformistischen Staatsauffassungen fest. Der pluralistische Interessenkonflikt,

eingebettet in ihn der Konflikt Kapital- Arbeit, sei in gewissem Sinn die gemeinsame

Staatsauffassung: Für den integrationistischen Flügel sei die heutige Realität die

Verwirklichung dieses Zielzustands, für den reformistischen Flügel stelle ein solcher Pluralismus

ein noch anzustrebendes Ziel dar, wobei jedoch nicht mehr, wie noch in den ersten

Nachkriegsjahren, im Konflikt zwischen den Verbänden von Kapital und Arbeit ein

Klassenkonflikt gesehen werde (97ff.). Butterwegge vollzieht dann vom Standpunkt der

Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus ausführlich die Diskussion um den

»Orientierungsrahmen '85« und die Staatsdiskussion der Jungsozialisten nach. Er weist

darauf hin, daß die Staatsauffassungen in der SPD als vermittelte Widerspiegelung von

Formen des Arbeiterbewußtseins zu erklären sind (96f.), diese These bleibt jedoch ohne

eine weitere Ausarbeitung undifferenziert stehen.

Die Klassifikation der Staatsauffassungen in der SPD nach zwei theoretischen »Schulen«,

die von Marx bzw. von Lassalle ausgehen, halte ich für falsch, die Dinge schon im

Ansatz auf den Kopf stellend: grundsätzlich läßt sich die Reproduktion und Änderung

von Staatsauffassungen nur aus objektiven (ökonomischen, politischen, ideologischen)

Gegebenheiten erklären und auch ein erster Klassifikationsschritt muß hier ansetzen.

Im vierten Aufsatz skizziert Butterwegge die Geschichte der SPD-Linken mit dem Resümee,

daß sie nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie sich mit der Linken außerhalb

der SPD verbündet, u.a. mit den Kommunisten, und ihre Beschränktheit auf die SPD

überwindet. Im letzten Aufsatz nimmt er zur Diskussion über den Austromarxismus

Stellung. Er versucht nachzuweisen, daß die Niederlage der SPÖ vor dem Faschismus in

den Beschränktheiten der austromarxistischen Staatsdiskussion wurzelt, vor allem darin,

daß Überwindung des Kapitalismus »bestenfalls Transformation der politischen in eine

soziale Demokratie« (120), nicht Zerschlagung der bürgerlichen Demokratie bedeutete.

Historisch und aktuell sieht er die Bedeutung des Austromarxismus vor allem darin, daß

er geeignet ist, innerparteilich als Integrations- und Legitimationsinstrument der Führung

zu dienen.

Bei allen Unterschieden in Argumentationsniveau und -stil- vor allem das Buch von

Butterwegge gibt interessante Denkanstöße -, läßt sich an beiden Büchern die Auswirkung

eines ökonomistischen Ansatzes bemerken: die Hervorhebung der Bedeutung der

Ökonomie steht unverbunden neben der Analyse von ideologischen Erscheinungen, bei

der vor allem mit klassifikatorischen Verfahren gearbeitet wird. Die Verbindung von

DAS ARGUMENT 136/1982 ©


918 Besprechungen

Ökonomie und Politik/Ideologie "Wird bestenfalls negativ beschrieben (z.B. Abgrenzung

von einflußtheoretischen Erklärungen des Staates). Trotzdem kann diese Position potentiell

ein nützliches Gegengewicht gegen einen »Politizismus« bilden, z.B. indem das

Problem der mnehmenden direkt ökonomischen Funktion des Staats oder die Bedeutung

der ökonomisch-sozialen Krise für die Politik betont wird.

Jörg-Michael Vog! (Mari)

Dudek, Peter, und Hans-Gerd Jaschke: Revolte von Rechts. Anatomie einer neuen Jugendpresse.

Campus Verlag, Frankfurt/New York 1981 (192 S., br., 18,- DM)

Die Versuche, den Rechtsextremismus in der Bundesrepublik m unterschätzen und m

verharmlosen, sind nach dem Oktoberfest-Attentat von München sicher ihrer Dynamik

beraubt. Doch droht erneut eine Fehleinschätzung, weil nun das Hauptaugenmerk auf

die rechte Terrorszene gerichtet und diese aus ihrem Umfeld herausgerissen wird, was

zur Folge hat, daß man den Rechtsextremismus auf »Ausschreitungen« reduziert und

rechtskonservative Strömungen kaum noch ins Blickfeld gelangen. Die Autoren tragen

dem insofern Rechnung, als sie nach neuen Qualitäten des rechten Spektrums und nach

der Seite des Rechtsextremismus fragen, die eine offene Grenze hat.

Dudek und Jaschke setzen bei der Jugend an, da innerhalb des organisierten Rechtsextremismus

und in seinem Umfeld ein deutlicher Generationswechsel stattgefunden

hat: »... die Aktivisten und Sympathisanten (sind) mehr und mehr jünger als 30 Jahre«

(13). Selbstdarstellung, Werbung und Rekrutierung betreibt die Rechte mnehtnend mittels

Jugendzeitschriften. Dudek und Jaschke unterziehen diese Presse einer kritischen

Inhaltsanalyse. »Es geht (...) darum, ideologiekritisch an das Material heranzugehen,

dominierende Deutungsangebote zu ermitteln, nach deren Präsentationsweisen m fragen,

Bezüge zum Adressatenkreis im Auge m behalten. Potentielle Ansprechpartner für

demokratische Gegenstrategien sind auf keinen Fall die Autoren der untersuchten Zeitschriften,

sondern deren Leser.« (22)

Die Autoren analysieren sieben lugendzeitschriften des rechten Spektrums, die sich

nicht offen faschistisch zeigen, darunter das bundesweite Organ der Wiking-Jugend

»Gäck« sowie »Mut«, ein »Nationaleuropäisches Magazin«, das sich besonders intensiv

gegenüber faschistischen Organisationen abgrenzt und an konservative Positionen anknüpft.

Die Ergebnisse der Inhaltsanalysen lassen aufhorchen, werden so manchen Antifaschisten

verunsichern: »Vergleichen wir Formen und Inhalte moderner rechtsextremer

Jugendpresse mit den traditionellen Formen faschistischer Agitation, so ist nicht

länger zu leugnen: Die Appellstruktur rechtsextremer Sprache entspricht nicht mehr den

geläufigen Interpretationsmustern. Ihre Intentionen und Darbietungsformen haben sich

fast unbemerkt - man möchte sagen: radikal- geändert, ohne daß dies von bestellten

und den aufrichtigen Antifaschisten gebührend bemerkt worden wäre.« (142) Werbetheoretische

und satirische Gestaltungsmittel, massenkulturelle Ansprechformen (Comics,

Witze, Sprüche etc.) finden Verwendung, Formen demokratischer Schülerzeitungen

werden paraphrasiert. Die wichtigsten Themen: Umweltfragen, Arbeitslosigkeit, Schulangst.

Die Perspektive mr Überwindung der Jugendprobleme (sowie der gesellschaftlichen

Probleme insgesamt) ist auf einen »Dritten Weg« - weder Kommunismus noch

Kapitalismus - ausgerichtet. Der aktuelle Rechtsextremismus ist also nicht mehr primär

unter dem Gesichtspunkt der Rehabilitierung des Nationalsozialismus m sehen; er ist

auf Bereiche erweitert, in denen nicht-rechtsorientierte und explizit demokratische Kräfte

tätig sind. »Ausdrücklich außerparlamentarische Aktiollsfeldbestimmungen, Aufgreifen

tagespolitisch-ökologischer Themen, mannigfache sozialstrukturelle Bezüge zu anderen

subkulturellen Jugendbewegungen der 'perspektivelosen' Generation legen eine

grundsätzliche Neubestimmung dessen nahe, was 'Faschismus' und 'Antifaschismus'

heute heißen kann und muß.« (147) Zu dieser Einschätmng gelangen die Autoren auch

[JAS ARGU~E"T 136;1 9H2


Soziale Bewegungen und Politik 919

unter Einbeziehung der Rezeption, aufgrund einer Befragung von 25 Frankfurter Schülern

(verschiedenen Schultyps), denen sie rechtsextreme Jugendpresse vorlegten. Hier

wurde vor allem Ablehnung der Trennung von Politik und Gesellschaft als Schiene zwischen

Schülern und Zeitungsmachern sinnHillig. Dazu die Autoren: »Die künftige Attraktivität

und zugleich die Gefahren des Rechtsextremismus für Schüler und Jugendliche

und die Möglichkeiten antifaschistisch-demokratischer Gegenwehr bemessen sich

daran, wieweit die identitätszerstörende Trennung von Politik und Gesellschaft durch

Unterlaufen bürgerlicher Politikformen durch die rechtsextremen Zeitschriften weiter

vorangetrieben werden kann.« (141)

An den Schluß des Buches haben die Autoren ein Gespräch mit Henning Eichberg gesetzt,

dem maßgeblichen Theoretiker der Nationalrevolutionäre, der inzwischen vorzugsweise

in linken Publikationen herumgeistert. Das Gespräch macht deutlich, daß die

alten Argumentationsmuster, so wie sie sich in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

herausgebildet haben, nicht mehr greifen und daß das Bewußtsein darüber

noch lange nicht in allen Fällen über diese Muster hinausgelangen läßt.

Dudek und Jaschkes Buch dürfte für alle interessant sein, die sich mit dem Rechtsextremismus

auseinandersetzen; im besonderen für in der Jugendarbeit Tätige. Allerdings

würde man sich als Leser wünschen, daß der Autoren überbreite Äußerungen zu methodischen

Fragen nicht durchgängig von der Angst gezeichnet wären, den Boden der Wissenschaftlichkeit

nur ja nicht zu verlassen. Etwas mehr Gelassenheit in diesem Punkt

hätte das Buch lesbarer werden lassen.

Reinhard Budde (BerlinIWest)

5 Millionen Deutsche: »Wir sollten wieder einen Führer haben •.. « Die SINUS-Studie

über rechtsextremistische Einstellungen bei den Deutschen. Rowohlt Taschenbuch-Verlag,

Reinbek 1981 (140 S., br., 5,80 DM)

Bereits vor ihrer Veröffentlichung hat diese Studie Aufsehen erregt. Das erklärt sich

wohl hauptsächlich daraus, daß sie nicht im und für den universitären Betrieb entstanden

ist, sondern als Gutachten im Auftrag der Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes

erstellt wurde. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß »13 070 aller Wähler in der

Bundesrepublik ... über ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild« (78) verfügen; »rund

6070 der Wahlbevölkerung rechtsextremistische Gewalttaten im Grunde billigen« (83);

über die o.g. 13070 hinaus 37070 der Wahlbevölkerung ein autoritär disponiertes Potential

darstellen (93), das unter gewissen - nicht exakt benannten - Umständen für die

rechtsextremistische Propaganda anfallig sein könnte.

Die Untersuchung, die zu diesen beunruhigenden Resultaten führt, begann mit einer

Inhaltsanalyse rechtsextremistischen Schrifttums und Interviews mit »rechtsextremen

bzw. dem rechtsextremismusverdächtigen Lager zugehörigen Personen« (64). In 45 Fallstudien

wurden außer »klassischen« Rechtsextremisten (z.B. NPD-Mitgliedern) auch

Punker, Rocker, Mitglieder militanter Jugendsekten, Angehörige rechtsorientierter

Öko-Gruppen und Burschenschaftler (24) befragt. Das gewonnene Material wird allerdings

dem Leser vorenthalten und nicht etwa in Form eines Dokumentenanhanges an

die Hand gegeben. An die Materialsammlung und Inhaltsanalyse schlossen sich die Entwicklung

einer »Statement-Batterie ... , die den gesamten rechtsextremen Einstellungsraum

abdecken konnte« (26), und ein Pretest an. Hieraus entstanden die »rechtsextreme

Einstellungsskala« (69f.), die »Protestpotentialskala Rechtsextremismus« (72) sowie die

Skala »regressive Öko-Leitbilder« (74), auf deren Basis die Datenerhebung und die Herausftlterung

der Neofaschisten (dieser Begriff wird in der Studie schamhaft vermieden)

aus diesem Repräsentativ-Sample erfolgten. Um »Meinungsbrücken« zwischen Rechtsextremismus

und Bevölkerungsdurchschnitt ermitteln zu können, wurde eine »autoritäre

Einstellungsskala« entwickelt (27f.), die »die Ausstrahlung rechtsextremer Sehnsüchte,

Ängste und Überzeugungen in die Bevölkerung hinein wider(spiegelt)« (75).

DAS ARGUMENT 136/1982 g;


920 Besprechungen

Trotz dieser aufwendigen Vorbereitung sollten die Ergebnisse der Studie zurückhaltend

aufgenommen werden. Die Statements aus dem Arsenal des Neofaschismus, die

dem Repräsentativ-Sample mit der Aufforderung vorgelegt wurden, sich dazu zustimmend

bzw. ablehnend zu äußern, besitzen keineswegs jene »Trennschärfe«, auf die sich

die Studie mehrfach (16, 65, 105) beruft. Dies sei exemplarisch an dem Statement

»Wenn es so weitergeht, steht unserem Volk schon bald eine ungeheure Katastrophe bevor«

(66 et al.) verdeutlicht. Nicht nur ein paranoider, fortschrittsfeindlicher Neofaschist

wird ihm zustimmen können, sondern - da »es« nicht definiert ist und also auch die

Hochrüstungspolitik damit assoziiert werden kann - wohl auch die 300000 Demonstranten

im Bonner Hofgarten.

Die Zusammenstellung des »Inventar(s) des rechtsextremen Weltbildes« (42-62) bringt

wenig Neues. Daß »Volk, Vaterland und Heimat« einen »zentralen Stellenwert besitzen«

(42), ist ebenso sattsam bekannt wie der »Ethnozentrismus und Rassismus« (45) der

Rechtsradikalen oder ihre Verherrlichung des Militarismus und einer »lawand order«­

Politik (47). Weniger geläufig ist vielleicht, daß die Neofaschisten staatsbürgerliche Freiheiten

und einen begrenzten Pluralismus aus taktischen Gründen zu akzeptieren bereit

sind, »da sie die Grundlage für das Wirken ihrer betreffenden Gruppe darstellen« (51).

Diese Akzeptanz demokratischer Grundsätze schließt allerdings nicht aus, daß eine

»'Endlösung' der Kommunistenfrage« durch die Entfesselung eines Dritten Weltkrieges

angestrebt wird (48). Das Geschichtsbild der Rechtsextremen ist der SINUS-Studie zufolge

von der Leugnung der Alleinschuld des »Dritten Reiches« am Ausbruch des zweiten

Weltkrieges (55), von der Würdigung Hitlers als »großem Staatsmann« und »bedeutender

Persönlichkeit« (54) und von der Billigung der Judenverfolgungen (55) bestimmt.

Ein neues »Großdeutsches Reich« soll aufgebaut werden (56).

Dort, wo die Studie versucht, Strategien für die politische Praxis zu liefern (99ff.),

fallt sie hinter den Stand der Faschismusforschung zurück, indem sie dem Einfluß sozioökonomischer

Faktoren auf die Entstehung einer rechtsextremen Einstellung und Protestbereitschaft

keinen entscheidenden Stellenwert beimißt (103). Wenn aber, wie die

Studie meint, der Neofaschismus bei Jugendlichen »heute vornehmlich aus dem Aufeinandertreffen

biografischer Besonderheiten und psychischer Fehlentwicklungen erklärt

werden« muß (103), ist die Politik aus ihrer Pflicht entlassen. Insgesamt kommt man zu

dem Ergebnis, daß mit dieser SINUS-Studie wohl nicht das letzte und schon gar nicht

das entscheidende Wort in der aktuellen Auseinandersetzung über die Entstehungsbedingungen

und die Gefahrlichkeit des Neofaschismus geschrieben worden ist. Zu der Erkenntnis

Brechts (»Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«), konnte sich die

Studie nicht vorarbeiten. Anzumerken ist noch, daß die Studie an verschiedenen Stellen

mit wortwörtlichen Wiederholungen (z.B. 28, Z. 19ff. bis 29, Z. 2 = 77, Z. 10-29) arbeitet

und ähnlich auch mit den Tabellen verfahrt. Ohne diese künstlichen Streckungen hätte

die Seitenzahl auf etwa 100 reduziert und der Preis entsprechend gesenkt werden können.

Stefan Bajohr (Düsseldort)

[)AS ARGUMENT 136,1982


921

Über die Autoren

A,: = Arbeitsgebiete; V,:

Veröffentlichungen

Anders, Günther, geb. 1902; Promotion 1923 bei Edmund Husserl; Mitinitiator der internationalen Anti­

Atombewegung. V.: Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bde. (1961 und 19080); Deramerikanische Krieg in

Vietnam oder Philosophisches Wörterbuch heute /in Argument 45); zahlreiche Erklärungen und Aufrufe

gegen Atomkrieg und Imperialismus im Argument.

Aurnhammer, Achim, geb. 1952; Studium der Germanistik, wiss. Angest. Uni Heidelberg.

Bajohr, Stejan, Dr. phil., geb. 1950; Regierungsangestellter im Ministerium f. Arbeit, Gesundheit und Soziales

des Landes NRW. V.: Die Hälfte der Fabrik (1979). A.: Historische Familienforschung, Arbeiteralltag,

Oral History, Neofaschismus, Sozialpolitik. Mitglied in SPD, ÖTY.

Barrel/, Micheie, Dr., geb. 1949; Dozentin für Soziologie an der City University, London; Mitherausgeberin

von Feminist Review und Socialist Review. V.: Virginia Wool/, Women and Writing (Hrsg., 1980); The

Anti-social Family (zus. m. Mary McIntosh, 1982). A.: Feminismus, Ideologietheorie.

Bartholomeyczik, Sabine, Dr.rer.pol., geb. 1944; wiss. Angest. im Inst. für Sozialmedizin und Epidemiologie

des Bundesgesundheitsamtes. V.: Krankenhausstruktur, Stress und Verhalten gegenüber den Patienten.

A.: Soziale und psychische Bedingungen von Krankheiten, Frauengesundheitsforschung; Berufe des Gesundheitswesens.

Baumann, Axel, geb. 1955; Dipl.-Sozialwirt, Studium der Sozialwissenschaft, Studium am Europa-Kolleg

Brügge (Belgien).

Budde, Reinhard, geb. 1949; freier Journalist. A.: Parteien in der BRD, Faschismustheorien.

Burgdorf, Dagmar, geb. 1948; Studium der Sozialwissenschaft, Doktorandin. A.: Arbeiterbewegung, Frauenbewegung.

Mitglied in GEW, Demokratische Fraueninitiative.

Buselmeier, Karin, geb. 1941; Dozentin für Ästhetik und Kommunikation an der Fachhochschule Frankfurt,

FB Sozialpädagogik. V.: Frauen in der spanischen Revolution (1978). A.: Geschichte der Germanistik;

Spieltheorie.

Czeskleba-Dupont, Ralf, geb. 1944; Mag.Sc. Geographie, Forschungsstipendiat Energie und Entwicklung

im Aalborg Universitätscenter. V.: Sanierung - jür wen? (21971); Alternative Umweltpolitik ÄS 56 (Mitautor

1981); Natural Gas and Bioenergy (1982). A.: Regionalwissenschaft, Ökologie. Mitglied in Forschungsgruppe

Produktivkraftentwicklung Nordhessen, BdWi, Sozialistische Volkspartei Dänemark.

Dippoldsmann, Peter, geb. 1944; Studium der Rechts- u. Verwaltungswissenschaften, wiss. Ang. A.: Arbeitsrecht,

Verwaltung (insbes. Sozial- und Humanisierung), Rechts- und Verwaltungsinformatik (»Informationsrecht«).

Mitglied in ÖTV, DVD.

Frei, Bruno, Dr.phil., geb. 1897; Schriftsteller. V.: Der Papiersäbel (Autobiographie; 1972). A.: Philosophie,

Kulturkritik, Arbeiterbewegung. Mitglied in PEN-Club, Schriftstellerverband.

Gärtner, Edgar, geb. 1949; Staatsexamen in Biologie und Sozialwissenschaften, Doktorand. V.: Arbeiterklasse

und Ökologie (1979).

Grosche, Manuela, geb. 1959; Studium der Anglistik. Mitglied im Sozialistischen Frauenbund Hamburg.

Gral/ion, Giselind, geb. 1943; Dipl.-Soz., Studium der Pharmazie, wiss. Mitarbeiterin. A.: Arbeitsmigrantinnen

und Gesundheit; 3. Welt; Frauengesundheitsforschung.

Grunewald, Astrid, geb. 1959; Studium der Soziologie. A.: Arbeiterbewegung - Frauenbewegung. Mitglied

im Sozialistischen Frauenbund Hamburg.

Haug, Frigga, Dr.phil., geb. 1937; Habilitation; wiss. Mitarbeiterin an d. Hochschule f. Wirtschaft u. Politik

Hamburg; Hrsg. d. Argument, Mitglied der Frauenredaktion. V.: Gesellschaftl. Produktion u. Erziehung;

zus. mit anderen, 6 Bände zur Automation (AS 7, 19,31,43,55,67); Frauenjormen, AS 45 (Hrsg.,

1980); weitere Texte zu Frauenforschung in: SH 15,44,46,56, Argument 129. Mitglied in BdWi; ÖTV und

Sozialistischer Frauenbund Westberlin und Hamburg.

Haug, Wolfgang Fritz, Prof. Dr.phil., geb. 1936; lehrt Philosophie an der FU Berlin; Herausgeber des Argument.

V.: Vorlesungen zur Einjührung ins »Kapital« rZI976); Theorien über Ideologie, AS 40 (Mitautor,

1979); Zeitungsroman (1980); Warenästhetik und kapitalistische Massenkultur (I) (1980). Mitglied in GEW,

BdWi, Deutscher Werkbund.

Held, Jul/a, Prof.Dr.phil.; Prof. an der Univ. Osnabrück. Buchpublikationen zu Goya, Aufsätze zu Minimal

Art, Fotorealismus, Pop Art. A.: Kunst- und Kunsttheorie des 17.-20.Jh.; Architekturtheorie; Kunst-u.

Museumsdidaktik. Mitglied in GEW, BdWi, Ulmer Verein/Verband f. Kunst- u. Kulturwissenschaft.

H.-Osterkamp, Ute, Dr.phil .. Priv.Doz .. geb. 1935: wiss. Ang. am Psycholog. Inst. der FU Berlin. V.: Motivationsjorschung

I u. II (1975/76). A.: Objektive Bedingungen subjektiver Entwicklung, Entwicklungsbehinderung.

Mitglied in ÖTV, BdWi.

Konersmann, Ralf, geb. 1955; Doktorand, Wiss.Hilfskraft an der WWH Münster. V.: Buchbesprechungen

und Wärterbuchartikel. A.: Philosophiegeschichte; Ideologietheorie; Philosophie der Subjektivität. Arbeitct

in der \Vissenschaftsladen-Initiative Münster.

DAS ARGUMENT 136/1982


922 Über die Autoren

Krätke, Michael, Dr.rer.pol., geb. 1949; Dipl.-Pol., Dozent an der Universität van Amsterdam. V.: Krise

und Kapitalismus bei Marx (zus. mit V. Bader, J. Berger; 1975); Viktor Agartz - Gewerkschaften und

Wirtschaftspolitik (zus. mit V. Gransow; 1978); Viktor Agartz - Wirtschaft, Lohn, Gewerkschaft (Hrsg.

zus. m. V. Gransow; 1982). A.: Sozial-, Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Krasemann, Peter, geb. 1947; Dipl.Volksw., Dipl.-Pol., Lehrbeauftragter f. Sozialwissenschaften an d.

Hochschule der Künste in West-Berlin. V.: Gewerkschaften und Bundeswehr (Bearb., 1981). A.: Rüstungspolitik;

Gewerkschaften; Öffentlichkeitspolitik. Mitglied der Studien gruppe Militärpolitik.

Kunze, Andreas, geb. 1940; Sozialwissenschaftler, Fernuniversität 1981. V.: Sozialgeschichte der Berufserziehung

(zus. m. W. Georg; 1981); Die Arbeiterjugend und die Entstehung der industriebetrieblichen Arbeiterausbildung

(Hrsg., 1981). A.: Historische Anthropologie und Sozialisationsforschung.

Leibing, Christa, geb. 1952; Dipl.-Soz., arbeitslos. A.: Epidemiologie chronischer Krankheiten.

Linke, Gudrun, geb. 1951; Dipl.Designerin, Studium der Kunsterziehung, Kunstgeschichte, Geschichte,

Philosophie.

Meßing, Jürgen, Dr.phil., geb. 1948; wiss. Mitarbeiter am Inst. f. Psychologie der TU Berlin. V.: Die Funktionen

der Sprache (1981). A.: Psycholinguistik und kognitive Entwicklung. Mitglied in BdWi und ÖTV.

Mral, Brigitte; Studium der Literaturwissenschaften. Doktorandin in Upsala, Schweden.

Nemitz, Barbara, Dr.med., geb. 1949; Ärztin, Fachgebiet Arbeitsmedizin. V.: Arbeit und Gesundheit (2

Kurseinheiten für die Fernuniversität Hagen, 1982); div. Aufsätze zur Arbeitsmedizin; Frauenformen, AS

45 (Mitautorin 1980). A.: Arbeitsmedizin, Frauen. Mitglied in ÖTV, Sozialistischer Frauenbund Westberlin

(SFB/W).

Nette, Angelika; Stud. an der Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg. A.: Arbeiterbewegung,

Frauenbewegung.

Priester, Karin, Prof.Dr., geb. 1941; Hochschullehrerin an der Uni Münster. V.: Der italienische Faschismus

(1972); Studien zur Staatstheorie des italienischen Marxismus (1981); Hat der Eurokommunismus eine

Zukunft? (1982).

Rang, Brita, Dr.pil., Lehrbeauftragte an der Hochschule der Künste Berlin.

Sagnol, Marc, geb. 1956; Studium der Germanistik und Philosophie. Lehrbeauftragter an der Ecole Normale

Superieure (St-Cloud), vorher Lektor an der FU Berlin. A.: Benjamin, Foucault, Marx.

Singer, Otto, geb. 1951; Dipl.Volkswirt. Wiss. Mitarbeiter an d. FU Berlin. A.: Arbeitsökonomie, Technischer

Fortschritt.

Sälle, Dorothee, geb. 1929; lebt in Hamburg als Schriftstellerin und hat seit 1975 eine Professur am Union

Theological Seminary, New York. V.: Sympathie (1978); Im Hause des Menschenfressers (1981); Aufrüstung

tätet auch ohne Krieg (1982).

Schäfer, Alfred, Dr.päd., geb. 1951; Bildungsreferent. V.: Zur gesellschaftlichen Formbestimmtheitschulischer

Sozialisation (1978); Disziplin als päd. Problem (1981). A.: Allgemeine Pädagogik; Metatheorie der

Erziehung; Sozialisationstheorie; Bildungssoziologie; Theorie der Schule.

Schmidt, Hansgeorg, geb. 1956; Germanist, 1. Staatsexamen, Doktorand. V.: Lenaus Konzeption eines

'poetischen Lebens' (in: Lenau-Almanach 1980/81. A.: Literatur des 19. Jahrhunderts.

Stöppler, Erika, geb. 1943; Schriftstellerin. V.: Basilikum (Mithrsg., 1979); Dazwischen denke ich nach (Lyrik,

1981); Angela Davis, Rassismus und Sexismus. Schwarze Frauen und Klassenkampf in den USA

(Übers., 1981). A.: Literatur der Gegenwart, Romantik und Klassik, Frauenbewegung; Frauen im Faschismus.

Thomas, Christine, geb. 1954; Studium der Soziologie. A.: Mädchen in Jugendkulturen, Sexualität und

Herrschaft. Mitglied in Sozialistischer Frauenbund Westberlin, ÖTV.

Thurm, Mathias, geb. 1949; Dipl.-Soz., wiss. Mitarbeiter an d. FU Berlin. A.: Bildungsökonomie und Arbeitsmarktpolitik.

Vogl, Järg-Michael, geb. 1954; Studium der Sozial-, Wirtschaftswiss. und Mathematik; Gesamtschullehrer.

A.: Parteientheorie. Mitglied der GEW.

Volker, Eckhard, Dr .phil., geb. 1948; Studiemat. V.: Schriftsteller und Arbeiterbewegung (1980); Theorien

über Ideologie (zus. mit PIT, 1979); Faschismus und Ideologie AS 74 (zus. mit PIT, 1980). A.: Literaturtheorie,

Ideologietheorie.

Wagner, Frank, geb. 1958; Studium der Kunstgeschichte, Philosophie u. Germanistik. Mitglied im Schwulemeferat

des AStA der FU Berlin.

Watzlawczik, Gerd-Uwe, geb. 1956; Dipl.-Soz., Doktorand. A.: Arbeits- u. Berufssoziologie, Staat und

Verwaltungstätigkeit, Stadtsoziologie.

Weingarten, Michael, geb. 1954; Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie in Marburg. A.: Geschichte

der Physik und Biologie; Wissenschaftstheorie.


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Summaries

W.F. Haug: Division of Labor und Ideology

First is demonstrated how bourgeois sociology throws together division of labor and

functions of domination which arise out of dass antagonism, and also subsurnes thereunder

functions of socialization-from-above. Then Marx's thesis of the »inimical antagonism«

of »the labor of the hand and that of t