Liebe Freunde der HSU - handelskammer schweiz ungarn

hsu.zuerich.com

Liebe Freunde der HSU - handelskammer schweiz ungarn

No 49, Oktober 2006

Liebe Freunde der HSU

Andreas Baumann, Präsident der HSU Handelskammer Schweiz-Ungarn

Politik muss doppelbödig sein, weil sie so

oft Schiffbruch erleidet.

Siegfried Wache, (*1951), technischer

Zeichner, Luftfahrzeugtechniker und Buchautor

Im 50. Gedenkjahr zur Erinnerung an den

ungarischen Aufstand vom 23. Oktober

1956 sorgte Ungarn fürwahr wiederum für

weltweite Beachtung. Wie oft im Leben

sind die Polaritäten eng beisammen. Auf

der einen Seite die Erinnerung an das

heldenhafte Aufbäumen gegen ein menschenverachtendes,

brutales und rücksichtsloses

Regime und der ehrliche Kampf

für Freiheit, Ehrlichkeit, Menschlichkeit

und Mitentscheiden-können am Aufbau der

eigenen Zukunft. Und dann auf der anderen

Seite eine Politik, die doppelbödig ist und

den Menschen, nur zum Zwecke des eigenen

Bestehens, etwas vorgaukelt, das

nicht der Wahrheit entspricht. Wieder

gehen Viele in Ungarn auf die Strasse, um

sich gegen diese Unwahrheit, die letztendlich

wieder zu Unfreiheit führt, zu

wehren. Und doch wissen alle, dass

Ungarn keine Ausnahme ist. Überall werden

wir heute mit diesem Phänomen der

Vertuschung, Unwahrheit und Vorgaukeln

von Tatbeständen, die nicht der Wahrheit

entsprechen, konfrontiert. Ungarn ist einfach

wieder einmal ein Pionier, indem diese

Verhältnisse schonungslos aufgedeckt

werden. Das ist ein richtiger Schritt in die

richtige Richtung, ohne zu billigen, was tatsächlich

geschehen ist.

So sind wir zuversichtlich, dass sich diese

Krise wieder zum Positiven wenden wird

und einer neuen Offenheit, Ehrlichkeit und

Transparenz Platz macht. Wenn dieser

Prozess eingeleitet wird, ist Ungarn wieder,

wie schon so oft, ein Pionier.

Die HSU ist eine kleine, aber feine

Handelskammer geworden. Eine exklusive

Mitgliederschar ist mit Freude und

Begeisterung bei der HSU dabei. Das zeigt

sich immer wieder an unseren

vierteljährlichen Mittagstischen mit

Referat, die sich wachsender Beliebtheit

erfreuen. Es ist ein idealer Rahmen, im

kleinen Kreis, nebst dem Erleben eines jeweils

aktuellen Referates, am anschliessenden

Lunch neue Kontakte zu knüpfen,

alte Beziehungen wieder zu beleben und

gemeinsame Geschäftsmöglichkeiten

auszuloten.

Der letzte Anlass vom 6. September 2006

wird uns in eindrücklicher Erinnerung

bleiben. Wir pflegen als HSU nicht nur das

Geschäftliche, sondern betrachten uns

auch als verbindendes Glied zwischen der

Schweiz und Ungarn in jeder Beziehung,

die diese Verbindung fördern kann. Deshalb

war das Thema dieses Mittagstisches mit

Referat dem Aufstand 1956 gewidmet. Wir

kamen zusammen, um unseres

Partnerlandes Ungarn und dessen heroischen

Freiheitskampfes gegen die russische

Besetzung im Jahre 1956 zu

gedenken. Vielen von uns ist dieser Tag des

23. Oktober 2006 noch in vitaler

Erinnerung. Ich selbst kann mich gut daran

erinnern. Damals, als ganz kleiner Junge

der gerade zu lesen begonnen hatte, sah

ich diese Bilder der jungen Studenten in der

Tageszeitung, wie sie mit Flaschen auf die

Panzer losgingen. Das war das erste Mal in

meinem Leben, als ich mir überhaupt der

Zeitungen als Medium bewusst wurde. Für

mich als kleiner Junge war ein Panzer

etwas absolut tödliches. Allein schon die

Vorstellung, dass wenn ein solches

Ungetüm einen anschaut, man bereits so

gut wie tot ist. Und diese Studenten, die

mit Flaschen auf diese Dinger losgingen.

Für uns in unserem zarten Alter einfach

unvorstellbar. Später tauchten die ersten

Ungarn in unsere Primarschule auf. Sie

sprachen nur Ungarisch und wir nur

Schwyzerdütsch. Und trotzdem verstanden

wir uns bestens. Für die Integration der

jungen Ungarn waren wir damals

zuständig. Das klappte hervorragend, wie

wir ja alle wissen.

Aber es kamen auch ältere Ungarn in der

Schweiz. Studenten die vor ihrer beruflichen

Laufbahn standen. Diese mussten

damals ebenfalls betreut werden. Da wurden

junge Menschen, wie Frau Elisabeth

Kopp, auf selbstlose Weise aktiv. Zum

Gedenken an diesen Anlass luden wir Frau

Dr. Elisabeth Kopp, die erste Bundesrätin in

der Schweiz und eine Pionierin in vielen

Bereichen ein, über diese Zeit zu berichten.

Frau Kopp sagte spontan und mit grosser

Freude zu und wir warteten mit Spannung

auf den dieen Tag, um Frau Kopp persönlich

zu hören und kennen zu lernen.

Aber leider war es uns nicht vergönnt, an

diesem Tag Frau Kopp begrüssen zu dürfen.

Eine schwere Krankheit verunmöglichte es

ihr, einen solchen Anlass durchzustehen,

auch wenn er nur kurz dauern würde.

Trotzdem bemühte sie sich, und im letzten

Moment konnte Sie Herrn Dr. oec. Hans

Oester, ehemaliger Nationalrat, als

Referenten gewinnen. Sein Referat

berührte uns alle im tiefsten Inneren. Es

war ein Zeugnis von Einsatz, Hoffnung,

Liebe, Zuneigung und Verbundenheit zu den

damals in unser Land kommenden Ungarn.

In diesem MAGYAR INFO können Sie das

Referat von Hans Oester lesen.

Aber auch weitere Artikel dürften Ihrer

Aufmerksamkeit wert sein. Das Interview

mit Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány

und mit Wirtschaftsminister János Kóka

gibt uns Aufschluss über die Richtung,

welche die Regierung einzuschlagen

gedenkt.

Als Handelskammer freut es uns, wenn wir

Ihnen jeweils eine Unternehmung oder

einen Unternehmer vorstellen dürfen, die

sich erfolgreich in Ungarn niedergelassen


HSU – Veranstaltungen – Mitgliedschaft

haben. Die Quadrant AG ist ein solches

Erfolgsbeispiel.

Aber auch das Gemüt kommt nicht zu kurz

in der Rezension über das Buch „Zwölf

Tage" von Paul Lendvai. Und wer denkt

schon an Ungarn als Ziel einer

Berganwanderung? Dabei gibt es doch die

schönsten Wanderwege durch die Alpen

bis zum Rand der Puszta.

Und mit diesem wandervollen Ausblick

lade ich Sie herzlich zu unserem nächsten

Mittagstisch mit Referat am Mittwoch, 6.

Dezember 2006 ein. Wir wollen uns dem

Tourismus widmen und uns in die landwirtschaftlichen,

kulturellen und kulinarischen

Schätze unseres Partnerlandes entführen

lassen.

Kommen Sie mit auf diese virtuelle Reise

und beschliessen Sie mit uns dieses Jahr

2006.

Herzliche Grüsse

Andreas Baumann

Präsident der HSU

Nationalmuseum in Budapest

Für Ihre Agenda

DER NÄCHSTE

ANLASS DER HSU

IN ZÜRICH:

6. Dezember 2006 Mittagstisch

Referenten: Frau Sandra Szathmáry

(Büro Zürich) von Ungarn Tourismus

und Urs Weber, Schweiz Tourismus

(Büro Wien).

Thema: Tourismus in Ungarn und die

Destination Schweiz für ungarische

Touristen.

Ort: SBG Grünenhof, Zürich,

Anmeldung im HSU-Sekretariat

Susanna von Arx

Handelskammer Schweiz-Ungarn HSU

Osec Business Network Switzerland,

Zürich

Tel. +41 1 365 58 09

Fax +41 1 363 20 53

hsu@osec.ch

www.hsu-zuerich.ch

Tourismus

Budapester

Winter-

Invasion

ANMELDUNG FÜR DIE

MITGLIEDSCHAFT

In Budapest heisst es diesen Winter ab 1.

Dezember "3+1": Besucher der

ungarischen Hauptstadt zahlen in allen an

der Kampagne „Budapester Winter

Invasion" teilnehmenden Hotels drei

Nächte und erhalten die vierte als

Geschenk gratis dazu. Und zusätzlich gibt

es als Extra-Bonbon noch einen Tag

Budapest Card kostenfrei dazu. Realisiert

wird die Aktion mit Marketing-

Unterstützung des Ungarischen

Tourismusamtes, Malév Hungarian Airlines

und Budapest Airport. Derzeit haben sich

50 Häuser der Aktion angeschlossen,

darunter alle Budapest-Dependancen von

Accor-Pannonia-Hotels wie auch der

Danubius Hotels Group und führende

Häuser der Vier- und Fünf-Sterne-

Kategorie, aber auch zahlreiche Drei-

Sterne-Hotels. Ziel ist es, das

Gästeaufkommen in der Stadt, in den

Budapester Hotels, bei der ungarischen

Fluggesellschaft Malév und am Flughafen

Ferihegy in der Nachsaison zu erhöhen.

Weitere Infos: http://www.budapestwinterinvasion.com/

Die unterzeichnete Firma oder Privatperson wünscht Mitglied oder

„Freund" der Handelskammer Schweiz - Ungarn (HSU) zu werden.

Mitgliederbeitrag: Fr. 350.-- pro Jahr

Firma: ..........................................................................................................................

Adresse: ......................................................................................................................

......................................................................................................................................

......................................................................................................................................

IMPRESSUM

Herausgeber:

Handelskammer Schweiz-Ungarn

Geschäftsführer: Max Bickel

Tel.: 01 365 58 09

e-mail: m.bickel@osec.ch

Redaktion:

Swiss Media Services Budapest

e-mail: papp@swissmedia.hu

Fotos: Budapest Tourist Board

MAGYAR INFO erscheint ohne

Sonderausgaben mindestens

viermal im Jahr.

Kontaktperson: ............................................................................................................

Telefon: ........................................................................................................................

Telefax: ........................................................................................................................

E-mail: .........................................................................................................................

Datum: .........................................................................................................................

Unterschrift: ................................................................................................................

c/o OSEC, Stampfenbachstrasse 85, 8035 Zürich, Tel.: 044/365 58 09, Fax: 044/363 20 53

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HSU – Hintergrund

„Wir haben eine Illusion zugelassen”

Ungarns Premierminister Ferenc Gyurcsány verteidigt im

Interview seine „Lügenrede" und sieht keine Alternative zum

Sparprogramm

Herr Ministerpräsident, Sie wurden nach ihrer

„Lügenrede" in ausländischen Medien als ein

Vorreiter dargestellt, der die Wahrheit in die Politik

bringen will. Sehen Sie sich auch so?

Ich sehe mich als einen unmutigen Pionier. Den

Mut, die Wahrheit zu sagen, hatte ich nur vor

meinen eigenen Leuten. Obwohl ich mit der Politik

des Wandels begonnen habe, wagte ich nicht,

darüber zu reden. Viele haben in den vergangenen

vier Monaten gesagt, dass die Überzeugungskraft,

die ich während der Wahlkampagne

hatte, verschwunden sei. Im Nachhinein kann ich

sagen, woran das lag: Mir fehlte der Mut, über die

Dinge zu reden, die wir gemacht haben.

Aber Sie hätten doch im Wahlkampf mit den

Lügen Schluss machen können. Warum haben Sie

nicht gesagt: Okay, Leute, wir haben Probleme,

wir werden in den nächsten Jahren sparen

müssen?

Ich hatte zwei Gründe dafür. Einerseits hatten wir

noch Anfang 2006 die Hoffnung, dass mit einer

hohen Wachstumsrate die Probleme sich von

selbst lösen würden. Also, dass es schon

Spannungen im Budget geben mag, aber dass

solche bedeutenden Reformmassnahmen nicht

nötig sind. Und natürlich habe ich über die attraktiven

Seiten unseres Programms geredet, die

anziehend sind. So wie wenn ein Mann, der um

eine Frau wirbt, nur seine schöne Seite zeigt.

Während des Wahlkampfes sprach Ihr

Wirtschaftsminister von einem Defizit von sechs

Prozent. Nach der Wahl waren es über zehn?

Die Meldungen der ersten drei Monate haben

gezeigt, dass sich unser Budget planmässig

entwickelt. Ich wusste, dass es keine einfache

Zeit sein wird. Auch ich habe nicht damit gerechnet,

dass das Defizit so hoch sein wird.

Sie haben gesagt, dass alle Regierungen seit der

Wende gelogen haben. Das bedeutet, dass man

dem ungarischen Volk nicht gesagt hat, dass es

über seine Verhältnisse lebt. Ist das ein Erbe des

Gulaschkommunismus, dass man diesen in eine

Gulaschdemokratie überführt hat?

Eine zerbrechliche Demokratie ist nichts typisch

Ungarisches. Ob man für sich eine frische Suppe

kocht oder eine Tütensuppe im Supermarkt kauft,

hängt doch auch davon ab, ob man kochen kann.

Was ich damit sagen will: Die Länder dieser

Region haben nicht gelernt zu kochen, hatten also

keine Gelegenheit, Demokratie zu erlernen. Weil

das keine Übung von 16 Jahren ist, sondern eher

einer Praxis von hundert Jahren bedarf.

Sie haben in Ihrer umstrittenen Rede auch die

Zweiklassenmedizin und die schlechte Lage der

Roma in den Schulen angesprochen. Nun führen

Sie Studien-, und Rezeptgebühren ein.

Medikamente und Bildung werden teurer.

Bei der Gesundheitsreform geht es nicht darum,

dass man künftig umgerechnet einen Euro pro

Arztbesuch bezahlen muss. Viel wichtiger ist es zu

zeigen, dass nichts kostenlos ist. 90 Prozent der

Ungarn leben in der Illusion, dass das Schul- und

Gesundheitswesen nichts kostet. Da ist ein Stück

Sozialismus dageblieben. Auf den Universitäten

werden die, die gut lernen und aus einer armen

Familie kommen, mehr Geld bekommen als bisher.

Wer schlecht lernt, aber reich ist, für den wird es

teurer. Darin steckt doch ein

Gerechtigkeitsaspekt. In den nächsten Wochen

werden wir ein Programm spezifisch für die Roma

vorlegen. Darin wollen wir zeigen, wie wir zumindest

damit anfangen können, die Kinderarmut

unter den Roma abzuschaffen.

Dieses Sparprogramm bedeutet, dass die grosse

Mehrheit der Ungarn härter arbeiten muss für

weniger Geld. Wird die sozialistische Partei das

aushalten, bleiben Sie Premier?

In den vergangenen sechs Jahren sind die

Einkommen und Pensionen der Ungarn durchschnittlich

um vierzig Prozent gestiegen. Das ist in

Europa anderswo unvorstellbar. Im nächsten Jahr

werden die Einkommen leicht sinken. 2009

wieder steigen. Dass die Löhne in den letzten

sechs Jahren so stark angestiegen sind, ist ja ein

Grund für unsere Probleme. Meine Politik wird

heute von der Sozialistischen Partei unterstützt.

Ich bleibe so lange Ministerpräsident, wie diese

Politik unterstützt wird. Wie lange die

Demonstrationen andauern werden, kann ich

nicht sagen. Aber ohne zynisch zu werden: Heute

früh waren es gerade einmal 62 Leute.

Steht die rechtsnationale Oppositionspartei Fidesz

nicht in zentralen Punkten links von ihren

Sozialisten?

Wirtschaftspolitisch und gesellschaftspolitisch ja.

Sie vertreten einen sehr traditionellen, einen altmodischen

Standpunkt der Sozialdemokraten aus

den 60er-Jahren.

Ist die Herausforderung der Reformen nicht so

gross, dass es einer grossen Koalition mit der

Fidesz bedürfte? Warum ist es so schwer, einen

Konsens in den wichtigen Fragen herzustellen?

Zur Person

Ferenc Gyurcsány (45) ist seit 2004

ungarischer Premier. Sein Vorbild ist Tony

Blair. Er verdiente als Investmentbanker

Millionen und zählt zu den reichsten

Ungarn.

Geboren am 4. Juni 1961 in Pápa

Familienstand: verheiratet in dritter Ehe mit

Klára Dobrev, Vater von vier Kindern

Kinder: Péter (1988); Bálint (1990); Anna

(1996); Tamás (1997)

Studien

1984-1990 Janus Pannonius Universität, Pécs

Universitätsdiplom, Fakultät für

Wirtschaftswissenschaften

1980-1984 Janus Pannonius Universität, Pécs

Universitätsdiplom, Fakultät für

Lehrerausbildung

Politische, öffentliche Tätigkeit

ab 29. September 2004 - Ministerpräsident

der Republik Ungarn

Februar- September 2004 Parteivorsitzender

der MSZP im Komitat Gyôr-Moson-Sopron

Mai 2003-September 2004 Minister für

Kinder, Jugend und Sport

2003- Mitglied des Landesvorstandes der MSZP

2002-2003 Leitender strategischer Berater

des Ministerpräsidenten, Kabinett des

Ministerpräsidenten

1989 Vizevorsitzender von DEMISZ

(Demokratischer Jugendverband)

1988-1989 Vorsitzender des

Zentralkomitees des Universitäts- und

Hochschulrates des Kommunistischen

Jugendverbands (KISZ)

1984-1988 Sekretär des Stadtkomitees des

Kommunistischen Jugendverbands (KISZ) in Pécs

Berufserfahrung

28. Mai 2002-10.Mai 2003

Aufsichtsratsvorsitzender, ALTUS

Befektetési és Vagyonkezelô Rt.

(Investitions- und Anlagenverwaltungsaktiengesellschaft),

Budapest

1992-2002 Generaldirektor, ALTUS

Befektetési és Vagyonkezelô Rt.

(Investitions- und Anlagenverwaltungsaktiengesellschaft),

Budapest

1992 Direktor, EUROCORP Nemzetközi

Pénzügyi Rt. (Internationale Finanzaktiengesellschaft),

Budapest

1990-1992 Mitarbeiter, CREDITUM

Pénzügyi Tanácsadó Kft.,

(Finanzberatungsgesellschaft) Budapest

Sprachkenntnisse:

Englisch (verhandlungssicher)

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HSU – Hintergrund

Eine bürgerliche Entwicklung, in der die

herrschenden Klassen akzeptiert haben, dass sie

keine Vorrechte auf die Macht haben, hat nicht

stattgefunden. Politiker der Fidesz identifizieren

sich selbst mit der Nation. 2002, nachdem die

Fidesz die Wahlen verloren hat, haben sie gesagt:

„Die Heimat kann nicht in Opposition sein." Sie

benutzen die nationale Fahne als Parteisymbol.

Noch vor einem Jahr hat Viktor Orbán gesagt,

dass die Linke, so oft sie konnte, das Vaterland

überfallen hat. Auf der rechten Seite wird die historische

und moralische Legitimität der Linken

nicht akzeptiert. Und das zerreisst dieses Land.

Beobachter halten es für möglich, dass Orbán

einen Putsch wagen würde.

Ich halte Orbán für einen gefährlichen Politiker. Er

versucht ständig, die Grenzen der Verfassung

auszureizen. Er ist ein für die Region typischer,

radikal nationalistischer und populistischer

Politiker. Aber an einen Putsch glaube ich nicht.

Davor würde er spätestens in der allerletzten

Minute zurückschrecken.

Können wir nach Ihrer Lügenrede davon ausgehen,

dass Sie uns nur die Wahrheit gesagt haben?

Ich möchte eines richtig stellen: Ich habe in meiner

Rede nicht über simple Lügen geredet, nicht

darüber, dass wir etwas gefälscht hätten.

Sondern, dass wir eine Illusion zugelassen haben.

Aber Sie haben doch gesagt: „Wir haben morgens,

mittags und abends gelogen.”

Wissen Sie, was das bedeutet? Am

Revolutionstag, dem 23. Oktober 1956, sagte das

staatliche Radio: „Wir haben morgens, mittags

und auf allen Wellenlängen gelogen." Dieser Text

bezieht sich auf diese Lüge des Systems.

Quelle: DER STANDARD

Schillernde Persönlichkeit

„Er wird entweder der Totengräber oder der

Erneuerer Ungarns sein”, sagte der

Osteuropaexperte Paul Lendvai einmal über

Ungarns sozialistischen Ministerpräsidenten

Ferenc Gyurcsány. Zwar ist es für eine

abschliessende Beurteilung noch zu früh.

Doch zumindest eine besondere Leistung

hat Gyurcsány schon jetzt vollbracht: Mit

seiner öffentlich gewordenen Kritik an der

eigenen Regierung und dem Eingeständnis,

die Nation gnadenlos belogen zu haben, hat

der 45-Jährige Anfang am 17. September

die bisher schwersten Unruhen im

postkommunistischen Ungarn ausgelöst.

Nach seiner Wiederwahl zum Regierungschef

im vergangenen April war der

studierte Pädagoge und Wirtschaftswissenschaftler

noch hoch gehandelt worden:

als Versöhner und Ordnungsstifter

sowie als jemand, der die Sorgen und Nöte

der Menschen ernst nimmt. Mit diesen

Vorschusslorbeeren dürfte es nun restlos

vorbei sein.

Als Jugendlicher habe er kurzeitig mit dem

Gedanken gespielt, Priester zu werden,

bekannte Gyurcsány in einem Fernsehinterview

während der diesjährigen

Wahlkampagne. Stattdessen trat der vierfache

Vater, der zum dritten Mal verheiratet

ist, dem kommunistischen Jugendverband

KISZ bei, wo er es 1989 bis zum Sekretär

des Zentralrates brachte.

Nach der politischen Wende im selben Jahr

ging Gyurcsány in die Wirtschaft und

avancierte als Gründer der Investmentgesellschaft

„Altus AG" in den 90er-Jahren

zu einem der reichsten Männer Ungarns.

Derart gut ausgestattet kehrte der „rote

Millionär” 2002 in die Politik zurück und

machte eine Blitzkarriere. Vom strategischen

Berater des damaligen Ministerpräsidenten

Péter Medgyessy über den

Posten des Jugend- und Sportministers

brauchte er nur zwei Jahre, um nach einer

Regierungskrise im Sommer 2004 das Amt

des Regierungschefs zu erobern. Seine

Wiederwahl, die erste eines postsozialistischen

Regierungschefs in Ungarn, schrieben

viele Beobachter Gyurcsány persönlich zu.

BAUBOOM IM OSTEN HÄLT AN

Das schnelle Wachstum der Volkswirtschaften und ihr grosser

Nachholbedarf an hochklassigen Gewerbeimmobilien lassen die

Branche in Osteuropa aufblühen. Nach Berechnungen der

Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers floss

2005 eine Rekordsumme von 5,8 Milliarden Euro in die

Bauprojekte der Region, der grösste Teil davon in Büroimmobilien.

Der Superlativ könnte schon bald Geschichte sein, denn die

Bauwut hält an.

Die Immobilien-Beratungsgesellschaft CB Richard Ellis hat für die

erste Hälfte dieses Jahres einen Zuwachs von 15 Prozent auf insgesamt

15 Millionen Quadratmeter Bürofläche ermittelt. Bis

Jahresende sollen es 17 Millionen sein. Zogen bisher vor allem die

Metropolen Prag, Budapest und Warschau Immobilien-Kapital an,

wird nun auch an bisher weniger umworbenen Standorten

investiert. In Prag, Budapest und Warschau hat der Bauboom

schon vor gut drei Jahren eingesetzt. Dort ist das Büroangebot

bereits vielfältiger als tiefer im Osten, die Mieten steigen weniger

stark als in den vergangenen Jahren. Damit sinken die Renditen

der Investoren. Spitzenrenditen von 6,1 Prozent in Warschau etwa

stehen Werten von 7,8 Prozent und 11,5 Prozent in den

Newcomer-Städten Bukarest und Sofia gegenüber.

Die wilden Pioniertage im Osten liegen zwei Jahre nach der

grossen EU-Erweiterungsrunde und rund 15 Jahre nach dem

Zusammenbruch der sozialistischen Regime zwar lange zurück.

Die meisten internationalen Konzerne haben ihre Niederlassungen

in den Metropolen schon vor Jahren eröffnet. Doch angesichts des

stetigen Wachstums ihrer Umsätze und Belegschaften sind vielen

Unternehmen ihre alten Gebäude inzwischen zu klein. Sie streben

nach Grösserem, Modernerem, Repräsentativerem.

In vielen Stadtzentren Mittel- und Osteuropas heizen vor allem

Banken, Versicherer, Wirtschaftsprüfer, Beratungsunternehmen

und Anwaltskanzleien die Nachfrage nach Bürofläche der höchsten

Kategorie an. Die Offshoring-Welle, wobei Konzerne ihre

Verwaltung in kostengünstigen Servicezentren im Osten verlagern,

wird vor allem von den neuen Büroparks aufgefangen, die überall

an den Stadträndern entstehen. Nebenan werden häufig grosse

Einkaufszentren gebaut.

An Geld für Gewerbeimmobilien im Osten scheint kein Mangel zu

herrschen. Nach Untersuchungen der Ersten Bank stammt der

grösste Teil der Finanzmittel aus Deutschland und Österreich. Viele

Pensionskassen und Versicherungen schichten derzeit ihre

Aktiendepots zugunsten von Immobilienanlagen um. Der

Kapitalmarktexperte Marcus Lemli von Jones Lang LaSalle sieht

Immobilieninvestments künftig „im selben Status wie Aktien und

Bonds".

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Interview mit Wirtschaftsminister János Kóka

„Seit der Wende hat kein Politiker in

Ungarn korrekt gerechnet”

Herr Minister, Ihr Regierungschef

Gyurcsány hat die Welt verblüfft, weil er

zugegeben hat, vor den Wahlen im Frühjahr

die Bürger und die Investoren über die

wirtschaftliche Lage Ungarns belogen zu

haben. Auch Sie haben bei uns zu Besuch

in Zürich ein Haushaltsdefizit von 4,7

Prozent für 2006 prognostiziert. Tatsächlich

wird das Defizit doppelt so hoch ausfallen.

Mit Verlaub: Haben auch Sie gelogen?

Mir wurde in den letzten zwei Jahren eher

meine Freimütigkeit vorgeworfen.

Zugegeben, kein Politiker hatte in Ungarn in

den vergangenen sechzehn Jahren den

Mut und die Kraft, eine korrekte Rechnung

über den wirtschaftlichen Zustand des

Landes vorzulegen. Niemand wollte die

Hilfen der Europäischen Union und das Ziel,

baldmöglichst den Euro einzuführen,

gefährden. Die Defizitzahlen benennen erst

jetzt die vollständigen Schulden. Dabei ist

von nicht vergleichbaren Zahlen die Rede.

Mehr als 50 Milliarden Euro an ausländischen

Direktinvestitionen sind seit der politischen

Wende im Jahr 1989 nach Ungarn

geflossen, auch Schweizer Unternehmen

haben Milliarden in Ungarn investiert.

Können Sie verstehen, wenn sich ausländische

Unternehmen angesichts der

politischen Krise um ihre Investitionen

Sorgen machen?

Trotz aller politischen Turbulenzen gilt es

doch festzustellen: Die ungarische

Produktionsleistung ist in guter Verfassung

und wächst in diesem Jahr mehr als 4

Prozent. Das Investitionsinteresse ist ungebrochen.

Alle privaten Firmen bei uns können

reibungslos arbeiten. In schlechter

Verfassung ist dagegen unsere öffentliche

Verwaltung, vor allem in den Städten, und

das Gesundheitswesen. Deshalb müssen

wir die grossen Versorgungssysteme

reformieren.

Das neue Ziel für die Euro-Einführung ist

2011 – bleibt es dabei?

Man muss über die Brücke gehen, wenn

man dort ankommt. Wenn wir bis 2009 die

Maastrichter Kriterien erreichen, was wir

jetzt in Abstimmung mit der EU-

Kommission planen, dann ist die

Einführung des Euro theoretisch 2011

möglich. Es wäre zu riskant, das Jahr 2011

als neues Zieldatum für die Euro-Einführung

anzugeben. Vorrangiges Ziel ist es erst einmal,

die Glaubwürdigkeit der Investoren

zurückzugewinnen. Weil die EU unser

Massnahmenpaket akzeptiert hat, bekommen

wir in den nächsten zwei Jahren viermal

so hohe EU-Unterstützungen wie in

den vergangenen zwei Jahren. Das ist für

uns entscheidend. Der Zeitpunkt der Euro-

Einführung ist für die Stabilität, die

Reformen und die Verwendung der EU-

Gelder zweitrangig.

Wer in den neunziger Jahren in Ihrem Land

investierte, tat dies aber in der von den

Regierungen geschürten Erwartung, den

Euro bereits im Jahr 2003 einzuführen. Vor

der Wahl im Frühjahr lautete das Ziel noch

2010. Erinnern Sie sich?

Der Systemwechsel ist ein sich länger

hinziehender Prozess, als wir gedacht

haben. Die Reform der grossen

Verteilersysteme ist schmerzvoller und

schwerer, als gehofft. Die Entwicklung der

Infrastruktur bedeutet uns mehr Last, als

wir gerechnet haben, denken wir nur

daran, dass wir die Länge der Autobahnen

in den letzten vier Jahren verdoppelt

haben. Die Erfüllung der Maastrichter

Kriterien macht allen ehemaligen

Ostblockländern Sorgen. Wir müssen

dazusagen, dass einige alte

Mitgliedsländer sich auch damit quälen,

wobei sie schon mit Euro bezahlen.

Allerdings wächst die Wirtschaft derjenigen

Länder schneller, die nicht

Mitgliedsländer des Euro-Raumes sind. Es

gibt keine leichten Rezepte und schnellen

Lösungen.

Investoren in Ungarn beklagen einen

Zickzackkurs. Erst zu Jahresbeginn wurden

HSU – Hintergrund

Das HSU-Partnerland Ungarn ist zum Sorgenkind in der Europäischen Union geworden. Die Menschen protestieren,

angestachelt durch das Lügen-Eingeständnis des Regierungschefs Ferenc Gyurcsány, seit Wochen gegen die

Sparmassnahmen der Regierung zur Sanierung des Haushaltsdefizits. Der erst 34 Jahre alte Wirtschaftsminister, ein

studierter Mediziner und ehemaliger Internetunternehmer, den wir seitens HSU zuletzt im Februar in Zürich begrüssen

durften, verkörpert einen neuen Typus in der noch vielfach aus alten Kadern bestehenden Regierung. János Kóka gehört

den Liberaldemokraten an, der kleineren von zwei Regierungsparteien, und ist seit dem Jahr 2004 Wirtschaftsminister.

Steuern gesenkt, jetzt werden sie erhöht.

Warum?

Wir haben keine andere Chance, als jetzt

die Steuersenkung zu verschieben. Dies

schadet zugegebenermassen der Wettbewerbsfähigkeit

Ungarns. Aber wir müssen

den Haushalt ins Gleichgewicht bringen.

Beachten Sie: 80 Prozent des Stabilisierungspaketes

bestehen aus der

Streichung von Subventionen und

Ausgaben. Nur 20 Prozent kommen aus

Steuererhöhungen. Das Ziel meiner Partei,

der kleineren liberalen Regierungspartei

SzDSz, ist weiterhin ein einheitlicher

Steuersatz von 20 Prozent auf alle

Einkommensarten ab 2009 – die sogenannte

Flat Rate Tax.

Aber jetzt müssen Sie zunächst einmal

kräftig sparen. Wo kürzen Sie konkret?

Mir ist gelungen, die Kosten für den

Autobahnbau um 40 Prozent zu verringern.

Dann waren Sie sehr erfolgreich im

Bekämpfen der Korruption?

Bleiben wir dabei, dass der wahre

Wettbewerb Wunder vollbringen kann.

Gehört zu den 80 Prozent Subventionsabbau

auch die Erhöhung der Gaspreise zu

Monatsbeginn September um 30 Prozent?

Ja, das zählt dazu. Bislang kosteten Öl und

Gas zum Heizen in Ungarn 50 Prozent

weniger als der Weltmarktpreis, weil der

Staat jedes Jahr 90 Milliarden Forint (rund

450 Millionen Franken) pauschal an

Zuschüssen zahlte. Wir bringen jetzt die

Preise auf 64 Prozent des Weltmarktes und

legen einen Akzent auf die soziale

Kompensation, anstatt den Verbrauch zu

unterstützen.

Tausende protestieren gegen das

Sparpaket. Müssen Sie nicht fürchten,

dass in einem strengen Winter zahlreiche

Rentner erfrieren und Ihre Regierung in

weitere politische Turbulenzen gerät?

Wir werden mit allen, die willens sind, den

demokratischen Dialog fortführen. Es ist

keine Frage, dass die Erneuerung des

Haushaltes von jedem einzelnen Opfer verlangt.

Das Gespräch mit Minister János Kóka fand kurz vor dem Zeitpunkt der

Einführung der Reformen am 1. September statt

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HSU – Firmenprofil

QUADRANT CMS FOLGT SEINEN KUNDEN NACH MITTELEUROPA

Spritzguss-Standort Szigetszentmiklós

Der Kunststoffspezialist Quadrant CMS, ein Unternehmen der Quadrant-Gruppe mit

Konzernverwaltungssitz in Zürich, sieht in der Strategie, seinen Kunden zu folgen, die

ihre Fertigungsbetriebe nach Mittel- Osteuropa verlagern, ein wesentliches Element

zur Konsolidierung seiner Position als führender Hersteller von Kunststoffbauteilen

bei gleichzeitiger Wachstumssicherung. Der Standort Ungarn spielt dabei für das

HSU-Mitglied eine wichtige Rolle im börsenkotierten Industrieunternehmen.

Schon kurz nach der erfolgreichen

Inbetriebnahme eines ersten Spritzgiessbetriebs

in Ungarn im Jahr 2004 hatte Quadrant Creative

Moulding & Systems (CMS) Bedarf zur

Expansion seiner Fertigungskapazität in dieser

Region erkannt. Vor kurzem wurde daher ein völlig

neues, speziell für Quadrant CMS gebautes

Werk in Szigetszentmiklós bezogen. Das Werk

liegt südwestlich von Budapest und verfügt auch

über Dreikomponenten-Spritzgiessmaschinen.

Ein besonderes Beispiel für den Erfolg dieser

Strategie ist die Geschäftsbeziehung mit Bosch

Power Tools und deren Montagewerk im nahen

Miskolc im Nordosten Ungarns.

folgt auch hierbei wiederum den Produktionsverlagerungen

der Kfz-Branche von West- nach

Mittel- und Osteuropa.

Dazu Fernand Vandaele, Präsident von Quadrant

CMS: „Unsere Entwicklung in Ungarn steht im

Einklang mit unserer Strategie der konsequenten

Kundennähe. So ist sichergestellt, dass wir

unseren Kunden vor Ort die erforderliche technische

und logistische Unterstützung bieten können

und dadurch unsere Beziehungen zu ihnen weiter

festigen." Im Hinblick auf Bosch hat sich diese

Formteile gespritzt – ein Bereich, in dem

Quadrant CMS sich in enger Kooperation mit

Bosch eine technologische Führungsrolle erarbeitet

hat.

Höherer Zulieferstatus

Als Anerkennung erhielt Quadrant CMS von

Bosch einen höheren Zulieferstatus mit

Kompetenz in „Simultaneous Engineering" bzw.

Bosch bezeichnet damit Zulieferer, die in der Lage

sind, die Total Cost of Ownership (TCO) ihrer

produzierten Bauteile durch kontinuierliche und

vorausschauende Konstruktionsverbesserungen

zu reduzieren und so dazu beizutragen, die

Gesamtfertigungskosten des Endprodukts zu

optimieren. Die Fähigkeit, auch die entsprechende

logistische Unterstützung bereitzustellen, mit

Just in time- und Kanban-Konzepten, und eine

Die Beziehungen zwischen Quadrant CMS und

Bosch begannen indirekt schon vor 30 Jahren,

als Skil, ein amerikanischer Hersteller von

Elektrowerkzeugen mit europäischer Fertigung

im niederländischen Breda mit Kunststoffteilen

aus dem Werk von Quadrant CMS im belgischen

Tielt beliefert wurde. 1996 übernahm Bosch das

Unternehmen und integrierte die Marke Skil in

sein Angebot von Elektrowerkzeugen für Heimund

Handwerker.

Als Bosch beschloss, im Jahr 2004 sein grösstes

Montagewerk für Elektrowerkzeuge in Miskolc

einzurichten und gleichzeitig die gesamte

Produktion der Skil-Produkte von Breda dorthin zu

verlagern, richtete auch Quadrant CMS seinen

Spritzgiessbetrieb in der Nähe des Zentrums von

Budapest ein.

Die Räumlichkeiten waren jedoch relativ klein,

und so zog Quadrant CMS im Januar 2006 in das

neue Werk im Industriepark Szigetszentmiklós

um. Der Standort bietet Platz zur weiteren

Expansion. Die Spritzgiessmaschinen im Betrieb

sind mit Handlingsystemen (Robotern) ausgerüstet,

darunter auch solche für Zwei- und

Dreikomponenten-Anwendungen sowie mit

Zusatzgeräten für weitere Arbeitsschritte. Das

Werk beschäftigt derzeit rund 30 Mitarbeiter.

Quadrant CMS sieht seine neue Fertigung und

Organisation in Ungarn als Ergänzung des

grösseren, voll automatisierten Werks in Belgien.

Während Bosch für das ungarische Werk ein

wichtiger Kunde ist, fertigt Quadrant CMS in

Szigetszentmiklós ausserdem für Tier-One-

Zulieferer der Automobilindustrie mit eigens

entwickelten Werkzeugen für neue

Anwendungen oder mit übernommenen

Werkzeugen aus dem belgischen Werk – und

Das neue spezialisierte Werk von Quadrant CMS in Ungarn fertigt Kunststoffbauteile für mehrere

Produkte von Bosch Power Tools, darunter auch die unverwechselbaren, spritzgegossenen

Dreikomponenten-Gehäuse der Bohrmaschinen PSB 800 2 RA und PSB 1000 2 RCA, den beiden

ersten Zweigang-Schlagbohrmaschinen mit integrierter Staubabsaugung auf dem Markt.

Strategie bereits rentiert. So fertigt der neue

Spritzgiessbetrieb von Quadrant CMS inzwischen

sowohl Bauteile für die Skil-Marke als auch für

die Heimwerkerprodukte im traditionellen Grün

des Herstellers.

Zu den von Quadrant CMS für Bosch gefertigten

Bauteilen zählen vorwiegend Gehäuse für

Bohrmaschinen, Sägen und Schleifer. Hinzu

kommen Auslöse- und Schiebeschalter, Lüfter

und Zusatzhandgriffe, Einige der Teile, wie die

Gehäuse für Bosch-Bohrmaschinen, werden als

komplexe Zwei- oder Dreikomponenten-

engagierte Qualitätssicherung sind weitere

Kriterien, nach denen Bosch seine Zulieferer

auswählt.

Quadrant Creative Moulding & Systems (CMS)

ist ein kompetenter Hersteller von Kunststoffbauteilen

und Montageeinheiten. Die

Schweizer Quadrant-Gruppe gilt als ein global

führender Anbieter hochleistungsfähiger Produktlösungen

in Form von Halbzeugen und

Fertigteilen aus polymeren Werkstoffen. Für

mehr Details über Quadrant CMS, siehe

www.quadrantcms.com im Internet.

6


HSU – Exklusiv

„Budapester Spar- und Reformprogramm ist nicht an Premier gebunden”

Ungarn vor harten Zeiten

Der in Zürich gebürtige Schweizer Ökönom

Zsolt Papp (41) gilt als profunder Kenner

der ungarischen Verhältnisse. MAGYAR

INFO sprach mit ihm exklusiv in Budapest.

Wie schätzen sie die aktuelle wirtschaftliche

und finanzielle Lage Ungarns ein?

Die wirtschaftliche Lage Ungarns ist nicht

sehr rosig. Das Wachstum hat sich im ersten

Halbjahr abgeschwächt, hauptsächlich aufgrund

der rückläufigen Investitionstätigkeit.

Das Wirtschaftspaket der Budapester

Regierung wird zu einer weiteren

Verlangsamung des Wirtschaftswachstums

führen.

Ist Ungarn der kranke Mann Mitteleuropas –

und falls ja, was bedeutet das für Investoren?

Im Moment ist Ungarn sicherlich der kranke

Mann Mittelosteuropas. Das grosse

Haushalts – und das riesige Leistungsbilanzdefizit

drücken auf die Wirtschaftskraft

des Landes. Für Portfolio-Investoren ist das

mit einer grösseren Volatilität in

Forintanlagen verbunden, sowohl in

Staatsanleihen als auch in Aktien und natürlich

auch in Verbindung mit Währungsinvestitionen.

Für Direktinvestoren bedeutet

das, dass natürlich das jüngst verabschiedete

Wirtschaftspaket auch mit einer höheren

Steuerbelastung einhergeht.

Droht eine ernsthafte Finanz- und

Wirtschaftskrise, wie wacklig ist der Forint

tatsächlich?

Eine Währungskrise in Ungarn lässt sich nicht

ausschliessen und zwar deshalb, weil das

nicht nur von binnenwirtschaftlichen Faktoren

abhängt, sondern auch vom

weltwirtschaftlichen Umfeld. Eine weitere

Erhöhung der Zinsen in USA oder auch in

Japan kann zu weiteren Abflüssen von

Portfolio-Geldern aus Ost- und Mitteleuropa

führen. Das würde in der Region vor allem den

Forint besonders stark treffen.

Was bedeutet das für die vielen in Ungarn

tätigen westeuropäischen Mittelständler?

Konkret bringt das zum einen grössere

Forintschwankungen. Eine mittelständische

Unternehmung sollte sich in dieser Lage

sicherlich überlegen, wie sie ihre in Forint

getätigten Einnahmen mit entsprechenden

Instrumenten gegen Währungsrisiken absichern

will. Zugleich sehen wir eine grössere

Schwankung bei den Forint-Zinsen. Die

Nationalbank hat ja zu Wochenbeginn die

Zinsen um 50 Basispunkte erhöht, und wir

können davon ausgehen, daß die Zinsen in

Ungarn noch weiter ansteigen werden.

In welcher Spannbreite bewegt sich der

Forint bis zum Jahresende?

Wir sehen den Forint gegenüber dem Euro in

einer Spannbreite von 270 bis 280. Aber das

setzt ein relativ optimistisches Basis-

Szenario voraus, in dem wir davon ausgehen,

daß sich die Wirtschaftslage nicht weiter verschlechtert

und sich auch keine Verschärfung

der Lage auf den internationalen

Finanzmärkten einstellt.

Wird Ungarn lange instabil bleiben –

wirtschaftlich, finanzpolitisch und grundlegend

von der politischen Lage her?

Finanzpolitisch dauert es sicher ein gutes

halbes Jahr, bis wir die Folgen des

Haushaltspaketes abschätzen können. Bis

dahin wird Ungarn auch weiterhin deutlich

exponierter sein, was die internationalen

Finanzmarktbewegungen betrifft. Die

wirtschaftliche Lage dürfte sicherlich über die

nächsten ein bis zwei Jahre deutlich

schwächer bleiben, weil es sicherlich etwas

länger dauern wird, bis sich die

Privathaushalte und die Unternehmen an die

neue Steuerlage angepasst haben.

Der frühere Reformmusterschüler Ungarn war

ja lange der Lieblingsstandort westlicher

Investoren. Wie attraktiv ist das Land überhaupt

noch?

Gewisse strukturelle Vorteile sind nach wie

vor vorhanden, wie eine ganze Reihe positiver

Faktoren. Zum einen die geographische

Nähe zu Kerneuropa. Zudem gibt es in

Westungarn einen gut ausgebildeten und

attraktiven Arbeitsmarkt. Die Steuern sind

immer noch relativ niedrig. Aber es ist ganz

klar, dass sich mit dem neuen Steuerpaket

einige Faktoren auch verschlechtert haben.

Die finanzpolitische Unsicherheit drückt ganz

allgemein auf die gesamtwirtschaftliche

Investitionslage. Von daher müssen auch

neue Investoren damit rechnen, daß sich

zumindest in der binnenwirtschaftlichen Lage

die nächsten zwei Jahre durchwachsen

darstellen werden.

Ist mit einer weiteren Rückstufung durch die

massgeblichen Rating-Agenturen zu rechnen?

Das möchte ich auf keinen Fall ausschliessen.

Bei Moodys gehen wir davon aus, weil dort

das Rating mit A1 noch immer sehr hoch ist,

und zwar drei Ratingstufen über den anderen

zwei massgeblichen Ratingagenturen. Aber

Fitch hat die Bewertung ebenfalls auf negativ

heruntergenommen und auch Standard

&Poors hat nach wie vor einen negativen

Ausblick. Falls sich also die wirtschaftspolitische

Lage in den nächsten sechs Monaten

nicht deutlich verbessert, ist ein weiteres

deutliches Downgrading sehr gut möglich.

Alle vier Visegrád-Staaten zeigen dieser Tage

erhebliche politische Probleme. Worauf ist

das zurückzuführen?

Das hängt naturgemäss jeweils mit sehr länderspezifischen

Faktoren zusammen. Was

vermutlich alle vier Staaten verbindet, ist,

dass sie gerade in jüngster Zeit ausgesprochen

populistische Wirtschaftspolitik

betrieben haben. Dabei wurden die

wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen

weitgehend ausser Acht gelassen, und es

wurde eine unverantwortliche Fiskalpolitik

verfolgt. Das alles schlägt sich in schlechten

Zahlen nieder.

Budapest sagt: „Brüssel überfordert uns mit

strengen Vorgaben, wir können nicht alles auf

einmal schaffen."

Das würde ich so auf keinen Fall stehen

lassen. Ich denke, die EU-Kommission hat

Ungarn in der Vergangenheit im Gegenteil

recht grosszügig Zeit gelassen, um das Defizit

auf die 3-Prozentgrenze zu drücken. Budapest

wird vermutlich auch jetzt wieder Zeit bis

2009 erhalten. Im Vergleich mit den

Nachbarländern Slowakei und Polen kann

festgestellt werden, dass dort die

Haushaltsdisziplin deutlich höher ist. Zugleich

ist dort auch die Wirtschaftstätigkeit deutlich

dynamischer. Der ungarische Staat, sprich die

Budapester Regierung muss den Fehler also

wohl in erster Linie bei sich selber suchen.

Was ist ein mögliches worst-case-Szenario

für die Donaurepublik bis Ende Jahr?

Die grösste Gefahr droht ganz klar von einee

weiteren Verschärfung der Lage an den internationalen

Finanzmärkten, also einer deutlichen

Erhöhung der Zinsen in USA, in der

Euro-Zone und auch in Japan. Das könnte zu

Kapitalmarktabflüssen und damit zu einer

weiteren drastischen Abwertung des Forint

und dementsprechend zu einer weiteren

erheblichen Abschwächung der allgemeinen

Wirtschaftsleistung führen.

7


HSU – Exklusiv – Wirtschaft

Ist eine schwere Krise wie beispielsweise in

Argentinien möglich?

Das scheint mir doch eher unwahrscheinlich.

Die Zahlungsfähigkeit Ungarns ist ebenso

nicht in Frage gestellt wie die

Zahlungswilligkeit. Man muss das alles in

diesem Zusammehnag sehen. Der ungarische

Staat kann nach wie vor zu sehr günstigen

Bedingungen Geld an den Kapitalmärkten

aufnehmen. Damit erscheint mir eine

Zahlungsunfähigkeit sehr unwahrscheinlich.

Was ist abschliessend Ihre Meinung zu den

aktuellen politischen Vorgängen? Brennende

Barrikaden und Dauerdemos – erscheint

Budapest in den vergangenen im richtigen Licht?

Die Darstellung in einigen Telen des Presse

mag vielleicht etwas übertrieben erscheinen.

Ich sehe die Gefahr, daß die Regierung in ihrer

Fähigkeit, das eigene Programm überhaupt

noch durchzusetzen, weiter geschwächt wird.

Es besteht ja jetzt schon ein grundsätzliches

Fragezeichen hinter dem Willen, das

Sparpaket tatsächlich durchzuziehen. Sollten

die anhaltenden innenpolitischen

Schwierigkeiten der Position der Regierung

weiter zusetzen, könnte deren Fähigkeit zum

richtigen Handeln weiter negativ belastet

werden. Dies wäre auf alle Fälle ein ganz klar

negative Entwicklung.

Ist tatsächlich, wie zuletzt behauptet, Premier

Ferenc Gyurcsány der persönliche Garant für

ein erfolgreiches Reformprogramm?

Hinter diese Aussage würde ich ein grosses

und deutliches Fragezeichen stellen. Der

Regierungschef hat ja gemäss eigenen

Aussagen in den vergangenen anderhalb

Jahren sehr wenig gemacht. Es stellt sich

vielmehr grundsätzlich die Frage nach dem

Willen und den Absichten der Regierung. Das

Programm wurde ja von beiden

Koalitionspartnern verabschiedet. Aus meiner

Sicht müsste es damit eigentlich ein personenunabhängiges

Programm sein. Wer Premier

Ungarns ist, dürfte in diesem Zusammenhang

also keine Rolle spielen.

„Schwarze Suppe” schockiert die Bevölkerung

Auf dem Stabilisierungspfad

Das HSU-Partnerland Ungarn, das einstige

Musterland für Wirtschaftsreformen im

Osten Europas steht heute in seiner schwersten

ökonomischen Krise seit den siebziger

Jahren. Stabilisierungsmassnahmen sind

eingeleitet.

Das ungarische Haushaltsdefizit ist das höchste

in der EU; es dürfte in diesem Jahr den Rekord

von 10,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes

erreichen, während als offizielles Ziel lange Zeit

drei Prozent genannt wurden. Zur Eindämmung

des Haushaltsdefizits hatte Premier Ferenc

Gyurcsány schon im Juni auf Druck aus Brüssel

ein hartes Sparpaket angekündigt mit massiven

Erhöhungen der Mehrwert- und der

Unternehmenssteuern, neuen Abgaben auf

Immobilien, Kursgewinne und Zinsen sowie der

Streichung von Subventionen. Das

Sanierungsprogramm ist am 1. September in

Kraft getreten. Im öffentlichen Dienst sollen

300`000 Stellen gestrichen, das marode

Renten- und Gesundheitssystem drastisch

umgebaut werden. „Schwarze Suppe" nennen

die Ungarn voller Bitterkeit diesen Katalog der

Grausamkeiten. Oberflächliche Kenner des

Landes befürchten, die Krise gefährde die

Wettbewerbsfähigkeit des einstigen

Reformlandes als Investitionsstandort. Doch ein

zweiter Blick auf die aktuellen Schwierigkeiten

zeigt: Ungarn kann auch dem Schweizer

Mittelstand als attraktiver Standort noch immer

viel Attraktives bieten.

Schockwirkung erwünscht

„Wir bitten die Wähler um keine Schonfrist,

sondern legen gleich los. Sobald die Regierung

gebildet ist, werden Sie die intensivste

Reformperiode seit den späten Achtziger- und

frühen Neunzigerjahren erleben." Mit solchen

markigen Ankündigungen startete Ungarns

sozialistischer Premierminister Ferenc

Gyurcsány nach den erfolgreichen

Parlamentswahlen vom 23.April 2006. Der 45-

jährige Investmentspezialist, der zu den hundert

reichsten Personen des Landes gezählt wird,

versprach damals: „Wir stehen am Beginn einer

dynamischen Epoche. Den Staat wollen wir in

einer Weise umformen, dass er keine Last ist,

sondern ein gerechteres und wettbewerbsfähiges

Ungarn fördert."

möglicherweise durch eine gezielte Indiskretion

bekannt wurde, räumte er ein: „Wir haben in

den letzten eineinhalb bis zwei Jahren durchgelogen.

Am Morgen, am Abend und in der

Nacht." Und weiter: „Ich kann keine Regierungsmassnahme

nennen, auf die wir stolz sein könnten."

Seine Regierung habe durch „Hunderte

Tricks" die Wahl gewonnen. „Es war sonnenklar,

dass das, was wir sagen, nicht wahr ist", erklärte

der Premier einer sichtlich schockierten Nation.

Experten: keine Neuigkeiten

Das Eingeständnis Gyurcsánys bringt für

Wirtschaftsexperten aber inhaltlich keineswegs

etwas Neues. Denn es war jedem Beobachter

klar, dass der Sozialist das Land mit

schmerzhaften Massnahmen aus dem

Schlammassel würde herausbringen müssen, in

die er und sein Vorgänger Péter Medgyessy es

in der vorhergehenden Amtszeit gebracht

haben. Nach der Wahl 2002 verdoppelte die

sozialistisch geführte Regierung die Gehälter

öffentlich Bediensteter und weitete die Hortund

Schulspeisung aus. Gyurcsány bezahlte

Infrastrukturprojekte, deren Wachstumsimpuls

für Wirtschaft sowie Beschäftigung noch offen

ist, mit Darlehen und stellte damit laut Experten

faktisch einen ungedeckten Wechsel auf EU-

Regionalfonds-Förderung aus. Eine wahlzweckdienliche

vorzeitige Auszahlung der 13.

Monatsrente hatte allein den Haushaltsfehlbetrag

im März um mindestens 302 Millionen

Euro vergrössert.

Dennoch versprach der Ministerpräsident bei

den Wahlen nicht nur eine Halbierung des

Budgetdefizits bei gleichzeitiger Senkung von

Steuern und Sozialabgaben und die Schaffung

von 400`000 Arbeitsplätzen. Dass Ferenc

Gyurcsány die Wahlen überhaupt gewinnen

konnte, lag nicht zuletzt daran, dass sich

Oppositionsführer Viktor Orbán diesmal

verkalkulierte. Der skrupellose Taktiker versuchte

die Sozialisten aufgrund des Erfolgs der

Wahlgeschenke fast schon links zu überholen,

betonte die „soziale Sicherheit" und versprach

sogar, einen Teil der Privatisierungen rückgängig

zu machen. Damit aber begab er sich in das

gleiche Fahrwasser und verlor viel von seinem

Nimbus, eine Alternative zum Establishment

des Landes zu sein.

Seine Partei präsentierte er nach dem Vorbild

der britischen Labour-Partei als „verwegene,

selbstsichere neue Linke", steuerte einen fast

neoliberalen Kurs, setzte massiv auf

Privatisierungen, einen flexiblen Arbeitsmarkt

und Bürokratieabbau. Noch im Wahlkampf versprach

er eine Halbierung des Budgetdefizits

sowie eine Senkung von Steuern und Abgaben

und die Schaffung von 400`000 neuen Jobs.

Und jetzt der Schock für seine Landsleute. In

einer temperamentvollen, von Kraftausdrücken

nur so strotzenden halbstündigen Rede vor seiner

Fraktion Anfang Mai am Plattensee, die

Schwerste Krise seit 30 Jahren

Schon im ersten Quartal 2006 betrug Ungarns

Staatsverschuldung knapp drei Milliarden Euro -

400 Millionen Euro mehr als veranschlagt.

Ungarn befindet sich damit in der schwersten

wirtschaftlichen Krise seit Ende der 70er Jahre,

als das Land praktisch zahlungsunfähig war und

die Sowjetunion den Beitritt zum IWF gestattete,

um nicht selbst belastet zu werden. In

dieser Lage bietet sich Ferenc Gyurcsány gar

keine Alternative, als den Versuch zu

unternehmen, mit höheren Steuern und

8


HSU – Wirtschaft

Preisanhebungen das Haushaltsdefizit einzudämmen. Unter anderem

sollen der mittlere von drei Mehrwertsteuersätzen von 15 auf 20 Prozent

angehoben, eine Immobilien-, Kursgewinn- und Zinssteuer neu eingeführt

und die Unternehmenssteuern erhöht werden.

Forint stabil

Und genau diese Lage ist es, die die Devisenmärkte veranlasste, sich

nach dem für Gyurcsány erfolgreichen parlamentarischen

Vertrauensvotum wieder rasch zu beruhigen. Der Forint hatte sich nach

einer drastischen Abwertung seit Jahresbeginn in den vergangenen

Wochen stabilisiert und konnte tendenziell aufwerten. Was die Währung

stützte, war eine Spekulation auf eine erfolgreiche und entschlossene

Konvergenzpolitik. Experten gaben sich zuletzt überzeugt, dass die

Haushaltskürzungen die Wirtschaft stützen und das Interesse an

ungarischen Staatsanleihen beleben werde. Das Bankhaus JP Morgan

sieht positive Effekte einer Rückkehr des Risikoappetits und erhöhte das

Ein-Jahres-Kursziel auf 273 Forint für den Euro.

Ungarn wollen Euro

Positiv wirkten sich auch jüngste Umfrageergebnisse aus, nach denen die

Ungarn die Einführung des Euro in grösserem Mass unterstützen als etwa

Polen und Slowaken – vorausgesetzt allerdings, die Konvergenz führe

nicht zu Begrenzungen bei den Sozialausgaben. Insofern erscheint diese

Spekulation eher eine Milchmädchenrechnung zu sein. Stützend dürfte

sich eher auswirken, dass der mit Ferenc Gyurcsány zerstrittene

Zentralbankpräsident Zsigmond Járai weitere Zinserhöhungen forderte,

was als Ankündigung interpretiert werden kann, obgleich der Präsident

im Interview mit Bloomberg News lediglich eine „persönliche

Auffassung" äusserte. Es sei notwendig, die geldpolitischen Zügel

anzuziehen, um das Inflationsziel zu erreichen. „Wir haben uns für Ende

2008 ein Inflationsziel von drei Prozent gesetzt, aber es erscheint sehr

schwierig, das zu erreichen." Ungarn hat die höchsten Leitzinsen in der

Europäischen Union. Die Zentralbank befürchtet, dass die

Steuererhöhungen sowie höhere staatlich festgelegte Preise die Teuerung

bis ins Jahr 2009 hinein über dem Zielwert halten werden.

Gaspreise lassen Inflation explodieren

Die Reduzierung der Gassubventionierung in Ungarn prägt die jüngsten

Budapester Inflationszahlen für den September: Die Jahresveränderungsrate

schnellte von 3,5 % auf 5,9 % (Bloomberg-Median: 5,4

% gegenüber Vorjahr). Treiber des Konsumentenpreisindex sind die

Gaspreise: Das sie inkludierende Teilsegment stieg um mehr als 15 % an.

Darüber hinaus zeigen sich Vorzieheffekte der Mehrwertsteuererhöhung

zum 1. Oktober. Gegenwärtig beträgt der ungarische Leitzins 7,75 %. Auf

Sicht von drei und sechs Monaten prognostizieren Marktbeobachter

Zinserhöhungen um 50 bzw. 25 Basispunkte.

Brüssel gewährt Aufschub

Die EU-Kommission hat die ungarische Regierung aufgefordert, den

geplanten Defizitabbau rigoros fortzusetzen. Die neuen Haushaltsprojektionen

bis zum Jahr 2009 seien angemessen, erklärte die Brüsseler

Behörde. Entscheidend sei jedoch die tatsächliche Umsetzung. Das

Programm sieht eine Verringerung des Budgetdefizits bis zum Jahr 2009

auf 3,2% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vor. Für das laufende Jahr

erwartet die ungarische Regierung ein Defizit von 10,1% des BIP.

Angesichts der Grösse des Defizits hat die EU-Kommission die Frist für

den Defizitabbau um ein Jahr verlängert. Bereits im Januar 2005 und

erneut im Herbst 2005 hatte die EU-Kommission die Regierung in

Budapest ermahnt, die nötigen Schritte zum Abbau des Defizits zu

ergreifen. Im Jahr 2005 hatte sich das Haushaltsdefizit auf 7,5% des BIP

belaufen.

9


HSU – Analyse

INTERNATIONALE PRESSESTIMMEN ZU DEN

AKTUELLEN EREIGNISSEN IN UNGARN

«Salzburger Nachrichten»:

Politiker-Glaubwürdigkeit ein Problem

«Nun könnten wir darüber streiten, ob das

Verheimlichen so genannter 'Grausamkeiten',

von 'Einschnitten ins soziale Netz' schon eine

Lüge ist. Genauso wie Wahlversprechen nicht

zum Nennwert zu nehmen sind. Wer glaubt

denn schon, dass irgendjemand tatsächlich

'hunderttausend Arbeitsplätze' schaffen oder die

'Jugendarbeitslosigkeit halbieren' könne?

Offenbar können wir alle, Politiker wie Wahlvolk,

mit der reinen Wahrheit so wenig umgehen,

dass wir es vorziehen, mit grösseren und

kleineren Lügen zu leben. Die Skala der

Unehrlichkeit reicht von der Notlüge über harmloses

Schwindeln und gnädiges Verheimlichen

schlechter Nachrichten bis hin zum Betrug, der

die Arglosigkeit des Volkes ausnützt. Es wird

notwendig sein, zwischen all diesen

Erscheinungsformen der Lüge zu unterscheiden,

ehe wir einen Politiker oder eine Politikerin

entrüstet verurteilen.»

«Kurier» (Wien):

Ein Weckruf für Europa

«Schulterzucken und der Verweis auf das

Temperament der Ungarn, den Aufstand 1956

und die Taxiblockade der Hauptstadt kurz nach

den ersten demokratischen Wahlen genügen

nicht. (Ministerpräsident) Gyurcsány sagte in

seiner Rede, die Regierung hätte vor der Wahl

'dermassen jenseits der Möglichkeiten des

Landes' agiert, dass sie jetzt gar keine andere

Wahl als Härte und Belastungen für ihre Wähler

habe. Daraus ergibt sich: Den Menschen die

Wahrheit zu sagen, ist in jedem Fall zielführender.

Dann haben sie wenigstens die Wahl.

Wenn Budapest 2006 in dieser Hinsicht ein

Weckruf ist, werden die Ungarn der EU sogar

einen Dienst erwiesen haben.»

«Rzeczpospolita» (Warschau):

Lügen und Vertrauen

«Gyurcsány ist ein Politiker, der die Macht liebt,

der erklärt, dass es fantastisch ist, an der Spitze

des Landes zu stehen. Darüber hat er in der am

Sonntag enthüllten Aufnahme gesprochen, die

zu den Unruhen führte. Aus dem Festhalten an

der Macht wächst für die Ungarn nichts Gutes.

Sicher werden sie ihm bei weiteren Erklärungen

über die Wirtschaft und nicht nur über die

Wirtschaft nicht mehr glauben. Sicher verringert

sich das Vertrauen in Politiker allgemein.

Die Ereignisse in Ungarn sollten eine Warnung

auch in anderen Ländern sein, für die Wähler

und für die Politiker, damit sie nicht 'morgens,

mittags und abends' lügen.»

«Le Figaro» (Paris):

Ungarn ist kein Einzelfall

«Ungarn ist kein Einzelfall. Es gab einmal eine

Zeit, in der die Länder des 'neuen Europas' (von

denen Ungarn einer der besten Schüler war)

unser 'altes Europa' kräftigen, ihm neuen Atem

einhauchen, ein liberaleres Wirtschaftsmodell

durchsetzen und unsere schwächelnde

Wirtschaft auf diese Weise anstecken und

dynamisieren sollten. Sicherlich, die meisten

von diesen Ländern erlebten noch beneidenswerte

Wachstumsraten, die allerdings

wesentlich von dem Aufholphänomen getrieben

wurden. Die Krise in Ungarn und der enttäuschende

Zustand, in dem sich seine

Nachbarn befinden, sind kein ermutigendes

Zeichen für die nächsten EU-Erweiterungen.»

Frankfurter Allgemeine Zeitung»:

Budapest in Erklärungsnöten

«Die Regierung Gyurcsány ist kurz nach ihrer

Bestätigung in Parlamentswahlen in eine Krise

geraten, die sie aber ohne weiteres bestehen

kann. Die Veröffentlichung einer vertraulichen

Schweiss-und Tränenrede mit verallgemeinernden

Einschüben („Wir haben gelogen", soll heissen,

wir haben uns etwas vorgemacht) bringt

den sozialistischen Regierungschef wohl auch

gegenüber Brüssel in Erklärungs-, aber nicht in

Existenznöte. Budapest hat offenbar seine

Reformpflichten in geringerem Masse erfüllt, als

nach aussen dargestellt wurde, und sieht sich

nun zu einem Gewaltritt gezwungen, um doch

noch die Bedingungen zu erfüllen, die den

Mittelzufluss aus dem EU-Haushalt in den kommenden

sieben Jahren erst möglich machen

werden. Ungarn hat einen grossen Nachholbedarf,

der sich aus den Nach-Wende-

Entwicklungen ergibt. Warum der neue

Versuch, dem von den Kommunisten verursachten

moralischen Verfall ein Ende zu bereiten,

kritik- und protestwürdig sein soll, müssen

die Demonstranten erklären. »

«Basler Zeitung»:

Parteien in Ungarn tief verfeindet

«Die Spannungen in Ungarn lassen sich freilich

nicht nur auf einige gewaltbereite Hooligans

reduzieren: Die politischen Parteien links und

rechts sind seit Jahrzehnten tief verfeindet. Der

Ex- Premier und aktuelle Oppositionsführer

Orbán trug durch seinen exzessiv ausgelebten

Rechtspopulismus genauso sein Scherflein dazu

bei wie so mancher Apparatschik auf sozialistischer

Seite, der die demokratische Wende als

Chance zur persönlichen Bereicherung nutzte. In

diesem Licht kann auch die Rede des sozialistischen

Premiers Gyurcsány betrachtet werden. »

«Kommersant» (Moskau):

Kein neues 1956 in Ungarn

«Die jüngsten Unruhen in Budapest sind in

ihrem Ausmass, ihrer Hitzigkeit sofort mit den

antikommunistischen Protesten Ende der

1980er Jahre oder sogar mit dem Aufstand von

1956 verglichen worden. Wenn man will, lassen

sich Gemeinsamkeiten finden. (...) Doch 1956

und 1989 ging es um Dutzende, Hunderte, ja

Tausende Menschenleben. Sie liefen Gefahr, auf

dem Altar des Machterhalts geopfert zu werden.

Heute geht es nur um einen möglichen

Rücktritt der Regierung oder des

Ministerpräsidenten. Das ist der grösste

Unterschied zwischen dem heutigen

demokratischen Ungarn und dem damaligen.»

«Neue Zürcher Zeitung»:

Politik und Moral in Ungarn

«Das Eingeständnis, die Sozialisten hätten die

Bürger absichtlich und gezielt angelogen und

hinters Licht geführt, um die Parlamentswahlen

im April zu gewinnen, ist zynisch. Dem

Regierungschef war also, wie sich jetzt herausstellt,

von Anfang an klar, dass er nach

einem Wahlsieg das Gegenteil von dem tun

würde, was er verspricht. Die Sozialisten

wussten genau um den Zustand der

Staatsfinanzen, sie wussten, dass ohne rigorose

Sparmassnahmen dem Land der

Bankrott droht. Und trotzdem versprachen sie in

populistischer Manier das Blaue vom Himmel

herab. Treffend ist die Analyse des ungarischen

Präsidenten Sólyom, der von einer 'moralischen

Krise' spricht. Wenn ein Regierungschef offen

eingestehe, dass all das, was er im Wahlkampf

gesagt habe, gelogen sei, dann trage er damit

massgeblich zur Erschütterung des Vertrauens

der Bevölkerung in die Demokratie bei. Das ist

bedenklich und auch gefährlich, ganz besonders

in einer noch jungen Demokratie, wie das

Ungarn ist.»

«Times» (London):

Ehrlichkeit ist auch in Ungarn beste Politik

«Die Äusserungen des ungarischen Ministerpräsidenten

Ferenc Gyurcsány waren ebenso

verblüffend wie unklug. Er wollte seiner Partei

einen Schock versetzen, damit sie seine unpopulären

Wirtschaftsreformen unterstützt. Jetzt

weist er alle Rücktrittsforderungen zurück.

Investoren fürchten, dass sein Abschied der

Wirtschaftspolitik schweren Schaden zufügen

und jede Aussicht auf eine Sanierung der angespannten

Staatsfinanzen zunichte machen

könnte. Aber Gyurcsány sollte sich Gedanken

darüber machen, dass Ehrlichkeit immer noch

die beste Politik ist.»

«Independent» (London):

Bisheriges Ungarn-Bild entsprach Wunschdenken

«Bis vor 48 Stunden waren wir noch der

Meinung, dass es sich bei Ungarn um ein

kleines, gut organisiertes Land mit einer merkwürdigen

Sprache handelt, das eingebettet in

Zentraleuropa ordentlich zurechtkommt. Ein

Land, das schon im kommunistischen System

ein Pionier der wirtschaftlichen Liberalisierung

war, und dem der Übergang zu marktwirtschaftlichen

Verhältnissen besser gelang

als den meisten anderen. Die traurige Wahrheit

ist jedoch, dass das allgemeine Bild von Ungarn

als Musterknabe des neuen Europas, als Hafen

von Wachstum und Stabilität, zu weiten Teilen

Wunschdenken war. Die Zeiten, in denen

Ungarn als Synonym für Reformen stehen konnte,

sind vorbei.

«El Mundo» (Madrid):

Ungarns Regierung macht sich bei der EU

lächerlich

«Die Lage in Ungarn war bereits vor dem

Ausrutscher von Ministerpräsident Ferenc

Gyurcsány angespannt. Die Regierung wollte

die Steuern anheben und dem Land zugleich

einen Sparkurs auferlegen, um die

Voraussetzungen für die Übernahme des Euro zu

erfüllen. Nun steckt die Regierung in der

unglücklichen Lage, sich bei der EU lächerlich

gemacht zu haben. Der Ministerpräsident trat

die Flucht nach vorn an. Er entschuldigte sich

nicht für seine Lügen und betrachtet die

Aufstände nur als ein Problem der öffentlichen

Ordnung. Sein erster Fehler war zu glauben,

seine Äusserungen würden nicht publik. Nun

beging er den zweiten Fehler: Er übernimmt

nicht die Verantwortung.»

10


„TOKAJER”

IST

GERETTET

Das der Schweiz benachbarte Elsass

wird ab dem kommendem Jahr keine

Weine mehr unter der Bezeichnung

„Tokajer" auf den Markt bringen.

Lediglich Weine aus der Tokaj-Region im

Nordosten Ungarns dürfen sich dann

noch so nennen.

„Das ist wichtig für Ungarn, weil der

Tokajer seit dem dritten Jahrhundert Teil

der Geschichte unseres Landes ist", erklärte

der Staatssekretär im ungarischen

Wirtschaftsministerium, András Mahr,

in Paris. Im Elsass wird die französische

Bezeichnung „Tokay" für bestimmte

Weine nur noch bis Ende März weitergenutzt.

Tokajer ist eine geografische

Herkunftsbezeichnung für Weine aus der

Tokaj-Region im Nordosten Ungarns.

Von den jährlich rund fünf Millionen in

Ungarn produzierten Flaschen Wein sind

1,2 Millionen Tokajer-Wein. Ungarn

hatte zu seinem EU-Beitritt 2004 den

Schutz der Bezeichnung ab April 2007

ausgehandelt.

Bereits 1926 hatten Frankreich und

Ungarn ein Abkommen geschlossen,

nach dem Ungarn die Produktionen von

Branntweinen unter dem Namen Cognac

einstellen und Frankreich im Gegenzug

seine Weine nicht als Tokay-Weine

bezeichnen sollte. Es kam jedoch nie zur

Anwendung. Im vergangenen Jahr

bestätigte der Europäische Gerichtshof

ein Abkommen Ungarns mit Italien, das

italienischen Weinbauern die

Verwendung des Namens „Tocai" ab

2007 untersagte.

HSU – Wirtschaft

Wirtschaftsnachrichten aus

dem HSU-Partnerland Ungarn

Ausländer kaufen 15 Prozent der Immobilien

Ausländer kaufen in Ungarn Immobilien nicht zur Spekulation, deshalb beeinflussen diese die

ungarischen Preise nicht. Laut der französischen Wirtschaftszeitung „Les Échos" ist Budapest

eine der schönsten Städte im CEE-Raum und zieht unablässig ausländische Immobilien-

Investoren an. Diese kommen überwiegend aus Irland, Spanien, Israel und Frankreich und werden

von Preisen zwischen 1´500 und 2´000 Euro pro Quadratmeter angezogen, die damit deutlich

unter dem Preisniveau in Westeuropas liegen. Laut Bericht werden 15 Prozent aller

Immobilientransaktionen in Ungarn von Ausländern getätigt. Dies brauchen zwar offiziell die

Erlaubnis der ungarischen Behörden, um Immobilien zu kaufen, diese würden aber eigentlich

immer gewährt. Laut „Les Échos" legen die ungarischen Behörden Ausländern keine Steine in

den Weg und schauen sogar bei Korruption weg.

Smart Wings-Flüge aus Budapest

Ab Oktober fliegt die tschechische Billigfluglinie von Budapest in drei EU-Länder. Die

tschechische Billigfluglinie Smart Wings wird ab 29. Oktober vom Budapester Flughafen

Ferihegy nach Madrid, Barcelona, Paris und Prag fliegen. Der Eigentümer der Airline ist die

grösste tschechische Privatfluggesellschaft Travel Service. Smart Wings konzentriert sich auf

Destinationen in Spanien, sagt Attila Farkas, Geschäftsführer der ungarischen Filiale von Travel

Service. Travel Service operierte bisher auf Charterflügen nach Budapest und Debrecen über

Reisebüros.

Investitionsverluste drohen

Wirtschaftsminister Kóka befürchtet durch die politischen Unruhen grossen Schaden für die

ungarische Wirtschaft. Investitionen im Wert von sechs Milliarden Euro könnten wegen der

politischen Unruhen verloren gehen, sagte Wirtschaftsminister János Kóka. Eine Million Euro

sei bereits durch Hotelzimmer- und Konferenzstornierungen verloren gegangen. Ungarns

Reputation habe in den letzten Wochen sehr gelitten, so Kóka. Die internationalen Investoren

warten laut Kóka ab, ob die Unsicherheiten bald enden und dann entscheiden, ob sie weiterhin

in Ungarn investieren oder ein anderes Land wählen.

Zweitgrösster Exporteur von IT-Technologie

Ungarn ist zwar der zweitgrösste Exporteur von IT-Technologie unter den OECD-Ländern, den

Ungarn selbst sind aber viele dieser Technologien nicht zugänglich, sagte Graham Vickery von

der OECD. Ungarns Informations- und Kommunikationstechnologie sei weiter entwickelt als in

vielen anderen OECD-Ländern, in den letzten Jahren sei jedoch dieser Bereich in Bezug auf

Forschung und Entwicklung vernachlässigt worden, so Vickery weiter. Ungarn müsse mehr IT-

Spezialisten ausbilden, da es in diesem Bereich einen Mangel gibt, bestätigte das

Wirtschaftsministerium. Die OECD sagt dem Sektor Informations- und

Kommunikationstechnologie für 2006 ein Wachstum von sechs Prozent voraus.

100-Millionen-Euro-Landwirtschaftskomplex

Amidonn, die ungarische Tochter der italienischen Catelli Holding, plant einen riesigen

Landwirtschaftskomplex mit bis zu 3.000 Mitarbeitern. Der Landwirtschaftskomplex wird in der

nordostungarischen Stadt Miskolc gebaut und soll in Etappen bis 2010 fertiggestellt werden.

Bereits nächstes Jahr soll eine Apfel-Gelatine-Fabrik mit 280 Mitarbeitern die Produktion

aufnehmen. Der Betreiber Amidonn, die ungarische Tochter der italienischen Catelli Holding,

rechnet mit einer Investition von 100 Millionen Euro und inklusive Subunternehmer und

Zulieferer mit bis zu 3´000 Mitarbeitern.

Quelle: ceebn.com

Staatskrise: Was bedeutet das für Anleger?

Die Ungarn sind in den vergangenen Wochen auf die Barrikaden

gegangen. Steine flogen und Autos brannten. Schuld an der schwersten

Unruhe seit dem Sturz des kommunistischen Regimes war das

Geständnis des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany,

das Volk über die Wirtschaftslage belogen zu haben. Was das für

Anleger bedeutet, erklärt Günter Faschang, Manager des Vontobel

Fund Central & Eastern European Equities.

Viktor Orbán, Chef des oppositionellen Parteienbündnisses Fidesz,

forderte umgehend Gyurcsánys Rücktritt. Der Stuhl des

Ministerpräsidenten wackelt. Anleger fragen sich nun, was passiert,

wenn es zu Neuwahlen kommt und die Regierung abgewählt wird? „Für

Investoren in Osteuropa dürfte ein Regierungswechsel kaum eine Rolle

spielen", prognostiziert Günter Faschang, Manager des Vontobel Fund

Central & Eastern European Equities.

"Die Politik spielt kaum eine Rolle"

Denn in der Wirtschaftspolitik unterscheidet sich nach Faschangs

Einschätzung die derzeitige Regierung kaum von den Herausforderern. „Es

herrscht ein starker Konsens quer durch die Parteien, eine liberale,

unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik zu verfolgen." Dieses investitionsfreundliche

Klima zieht Investoren an. Faschang glaubt deshalb an

den Wachstumsmarkt Osteuropa.

Der Konsum treibt die Märkte

Er rechnet damit, dass das Einkommen und damit auch der

Lebensstandard in den kommenden Jahren steigen wird. Und damit auch

die Konsumfreude in der Bevölkerung. Deshalb setzt sein Fonds auf Aktien

von Unternehmen, die vom lokalen Wachstum profitieren wie

Konsumgüterfirmen, Versicherungen, Banken, Immobilien und die

Telekommunikationsbranche. „Da sind in den kommenden zehn bis 20

Jahren gewaltige Wachstumsraten drin", so Faschang.

Fazit: Der osteuropäische Markt ist für Anleger interessant. Denn dort

werden langfristig starke Wachstumsraten vor allem in der

Konsumgüterindustrie prognostiziert.

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HSU – Schweiz-Ungarn 1956

HSU-Anlass vom 6. September mit Gastreferent Dr. Hans Oester

Einzigartige Schweizer Hilfe

Bis auf den letzten Platz besetzt

war am 6. September der grosse

Bankratssaal der Zürcher

Kantonalbank beim Jubiläums-

Anlass der Handelskammer

Schweiz-Ungarn. Das Thema

„Volksaufstand 1956" fesselt auch

heute noch alt und jung. Kein

anderer historischer Moment hat

das Schweizer Volk Ungarn jemals

dermassen nahe gebracht – und

niemals zuvor und auch nicht

danach haben auch nur annähernd

so viele Magyaren gemeinsam den

Rhein überschritten, um in der

Schweiz eine neue Heimat zu

suchen und zu finden. Die Historie

der Ungarnschweizer und der

Schweizerungarn – es ist dies eine

unglaubliche, bis heute anhaltende

Erfolgsgeschichte von zwei

kleinen Nationen mitten in Europa,

die über Jahrhunderte viel mehr

verbindet, als gemeinhin angenommen

wird – und deren traurigstes,

aber zugleich auch goldenstes

gemeinsames Kapitel in diesen

Tagen exakt vor 50 Jahren

geschrieben wurde. Nicht von

grossen Politiker, sondern

Menschen des Alltags – die in

diesem Moment, jeder und jede für

sich und in völlig verschiedenen

Lebenslagen, Menschlichkeit,

Grösse und Würde bewiesen

haben. Dass das Thema 1956 auch

heute noch berührt, liess sich an

den bewegenden Einführungsworten

von HSU-Präsident Andreas

Baumann bereits deutlich erkennen.

Mit Gastreferent Hans Oester

gab sich ein prominenter Vertreter

des schweizerischen öffentlichen

Lebens die Ehre, der damals als

junger Student selber an diesen

goldenen Seiten der schweizerisch-ungarischen

Geschichte

mitgeschrieben hat. Der grosse

Freund Ungarns erinnerte sich brillant,

geistreich und über weite

Strecken leider auch herzerweichend

an diese besondere Zeit und

die einzigartige Schweizer Hilfe.

Dass sich beim anschliessenden,

ausgiebigen Apéro riche (Sponsor:

UBS) dann manche älter gewordenen

Hände besonders lange freundschaftlich

schüttelten, die sich vor

nunmehr bereits 50 Jahren erstmals

gefunden haben – hier generöse

Schweizer Gastgeber mit

einem wahrscheinlich weltweit

einzigartigen Organisationstalent,

dort in jenen tristen Herbsttagen

erst gerade angekommene

ungarische Flüchtlinge – tragische

Helden!: das waren wahrscheinlich

die eindrücklichsten und

bewegendsten Momente an

diesem unvergesslichen HSU-

Anlass. Dass sich im angeregten

Dialog Züritüütsch und Ungarisch

kunterbunt mischten war zugleich

eine absolute Selbstverständlichkeit.

Es kann ohne Umschweife

festgestellt werden: diese ganz

besonderen zwölf Tage im Oktober

und November 1956 werden für die

damaligen ungarischen Neubürger

und auch für ihre Nachkommen –

aber auch für die Schweizer

Gastgeber und Mitbürger – für

immer in ganz spezieller

Erinnerung bleiben. Nur gut, dass

an diesem frühherbstlich schönen

Abend die hervorragenden

ungarischen Weine die Tränen der

schmerzlichen Erinnerung schnell

getrocknet und beste Stimmung

herbeigezaubert haben.

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HSU – Schweiz-Ungarn 1956

„Niemals vergessen – wen und was?"

Referat von a. Nationalrat Dr. Hans Oester vor der HSU

am 6. September 2006 im Bankratssaal der ZKB in Zürich

Mein heutiges Referat soll auf eine zweiteilige

Frage Antwort geben. Wen und was

sollen wir niemals vergessen? Das, was vor

50 Jahren in Ungarn geschah und wie das

Schweizervolk darauf reagiert hat. Den damaligen

Aufstand des ungarischen Volkes lükkenlos

nachzuzeichnen, würde einen ganzen

Seminartag füllen. Mit andern Worten: Die

tragische Folge wäre, dass Sie auf den

Aperitif riche verzichten müssten – und damit

riskierte ich einen neuen Aufstand.

„Was in Ungarn geschah" ist der Titel des

Untersuchungsberichtes, den ein

Sonderausschuss der Vereinten Nationen

erarbeitet hat. Das Dokument zeichnet sich

durch Sachkenntnis und Objektivität, also

durch Zuverlässigkeit aus. Ich habe es

deshalb zur Grundlage meiner nachfolgenden

Darlegungen gemacht. Genauer: Ich versuche,

die wesentlichsten Ereignisse

darzustellen auf Grund einer Chronik, die mein

Studienkollege und heutige Professor Kasimir

Magyar auch gestützt auf diesen UNO-

Bericht, verfasst hat.

1948 beginnt der Kalte Krieg und die

Sowjetisierung Ungarns. Nichtkommunistische

Institutionen und Parteien werden verboten.

Eine immer brutalere Unterdrückung

begleitet die Zwangskollektivierung der

Landwirtschaft und die Verstaatlichungswelle.

Bald sinkt der Lebensstandard

beträchtlich; die einseitige Förderung der

Schwerindustrie führt zu einem wachsenden

Mangel an Konsum- und Gebrauchsgütern.

Nur durch Terror und Schreckensherrschaft

kann das Regime verhindern, dass sich die

Unzufriedenheit des ungarischen Volkes

entlädt. Innert weniger als drei Jahren werden

650'000 Personen vor Gericht gestellt,

etwa zehn Prozent der erwachsenen

Bevölkerung. Der Staatssicherheitsdienst

ÁVH übt seine fast unbegrenzte Macht

Gewalt anwendend und folternd aus. Auf

Druck Moskaus muss im Juli 1956 Mátyás

Rákosi, der „Stalin Ungarns", als Chef der

Kommunistischen Partei zurücktreten. Mitte

Oktober kommen in ganz Ungarn immer

schärfere Debatten in Gang. Immer mehr

unzensierte Artikel erscheinen. In der südungarischen

Stadt Szeged gründen

Universitätsstudenten eine Organisation, die

ihr Programm ohne Befragung der Partei

gestalten und die leitenden Personen selbst

wählen will. Praktisch alle Hochschulen des

Landes schliessen sich an. Am 22. Oktober

formuliert eine Grossversammlung in der

Technischen Hochschule Budapest einen

Katalog von 16 Punkten, die überwiegend die

demokratische Umgestaltung des Systems,

nicht aber dessen Sturz zum Ziel haben. Um

diese Forderungen zu bekräftigen und als

Zeichen der Solidarität mit den ebenfalls

revoltierenden Polen wird beschlossen, am

folgenden Tag eine Massendemonstration

durchzuführen. Die Parteiführung reagiert mit

einem Verbot, sieht aber ein, dass sie nicht

im Stande ist, die Kundgebung zu verhindern,

denn sie vertraut der Polizei nicht und Militär

steht in der Hauptstadt nicht zur Verfügung.

So setzt sich am 23. Oktober im Stadtteil

Buda ein Demonstrationszug in Bewegung,

dem sich die Studenten anderer Hochschulen

anschliessen.

Bundespräsident ehrt Fotografen Jean-Pierre Pedrazzini

Bundespräsident Moritz Leuenberger hat am 23. Oktober in Budapest

anlässlich der Gedenkfeiern zum Ungarnaufstand eine Büste des vor

50 Jahren tödlich verwundeten französisch-schweizerischen

Fotografen Jean-Pierre Pedrazzini enthüllt. Der Magistrat würdigte in

einer Ansprache die Verdienste Pedrazzinis aus dem damaligen

Ungarn: „Es waren die Fotografien der Wahrheit von J.P. Pedrazzini,

die unser erstes politisches Bewusstsein prägten und unser Gewissen

schärften", sagte der Bundespräsident.

Leuenberger hatte am Vormittag in einer feierlichen Zeremonie vor

dem Parlamentsgebäude zusammen mit vielen anderen Staatsgästen

eine weisse Rose niedergelegt. Pedrazzini war Sohn von nach

Frankreich ausgewanderten Emigranten aus dem Tessin und in

Budapest für «Paris Match» als Fotoreporter im Einsatz. Der 29-

Jährige wurde am 30. Oktober 1956 von 14 Kugeln getroffen, als der

den Angriff der Aufständischen auf den Sitz der Kommunistischen

Partei begleitete. Ob sowjetische Soldaten auf ihn schossen, als er

einem verletzten Revolutionär helfen wollte, oder ob ein

Heckenschütze abdrückte, ist unklar. Nach zwei Notoperationen in

Budapest wurde Pedrazzini nach Frankreich ausgeflogen und starb am

17. November 1956 in einer Klinik in Neuilly.

Foto: Klaus Rózsa

13


HSU – Schweiz-Ungarn 1956

Sie tragen Abzeichen in den Landesfarben,

tragen ungarische Fahnen – keine roten! –

und singen die seit Jahren verbotene

ungarische Nationalhymne. Urplötzlich

entwickelt die Kundgebung eine nicht vorausgesehene

Eigendynamik: Von den

Seitenstrassen stossen Arbeiter und

Angestellte in sehr grosser Zahl zum

Demonstrationszug der Studenten und

Intellektuellen. Bei der Margaretenbrücke

schliessen sich Werktätige, aus Óbuda und

Szentendre kommend, an. Absicht ist, in

Erinnerung an die ungarisch-polnische

Freundschaft zum Denkmal für General József

Bem, einem Helden der Revolution von 1848,

zu gelangen. Am spätern Nachmittag finden

sich 200’000 Personen auf dem Kossuthplatz

vor dem Parlament ein. Der 1953 eingesetzte

Regierungschef Imre Nagy versucht in einer

Rede, die Demonstranten zur Heimkehr zu

bewegen und verspricht demokratische

Reformen. Kurz darauf widerspricht ihm der

erste Sekretär der Partei, der eiskalte Stalinist

Ernô Gerô, in einer Radio-Ansprache. Er preist

die Sowjetunion und äussert sich abschätzig

zur Volks-Kundgebung. Nun zieht ein Grossteil

der aufgebrachten Menge zum Radiogebäude

und verlangt die Bekanntgabe des 16 Punkte-

Programms der Studenten, was kategorisch

abgelehnt wird. Plötzlich eröffnet die

Radiowache das Feuer auf die

Demonstranten. Anstelle von Pflegern steigen

bewaffnete Polizisten des Staatssicherheitsdienstes

aus den Ambulanzfahrzeugen und

versuchen, mit Waffengewalt der Lage Herr

zu werden. Da verschaffen sich auch die

Demonstranten Waffen, und die Einheiten der

ungarischen Armee schliessen sich unter der

Leitung von Oberst Pál Maléter den

Aufständischen an.

Am folgenden Tag richten sowjetische Kräfte

vor dem Parlament ein Blutbad an. Innert 24

Stunden ist aus einer friedlichen Kundgebung

ein nationaler Freiheitskampf geworden. Am

25. Oktober überträgt sich der Aufstand auf

das ganze Land der Magyaren. In den Städten

und Dörfern der Provinz beginnen die

Massenkundgebungen. Unter ihrer Wirkung

bricht die Kommunistische Macht praktisch

widerstandslos zusammen. In Siedlungen und

Betrieben werden Revolutionsräte gegründet.

Imre Nagy nimmt Reformen an die Hand; freie

Presseerzeugnisse schiessen aus dem Boden.

Nur eine Woche nach dem Ausbruch der

Revolution unterliegen viele Ungarn der

trügerischen Hoffnung, gesiegt zu haben. Der

Primas von Ungarn, Kardinal József

Mindszenty, kehrt nach Budapest zurück. Der

Abzug der Sowjettruppen aus Budapest

erweist sich bald als hinterhältiges

Täuschungsmanöver! Als Ablenkungsmanöver

entpuppen sich auch die am 3.

November aufgenommenen sowjetischungarischen

Verhandlungen. Die ungarische

Regierungsdelegation wird im sowjetischen

Hauptquartier verhaftet. Imre Nagy findet

zunächst in der jugoslawischen Botschaft

Unterschlupf. Nachdem er sie auf Zusagen

der Sowjets hin verlässt, wird er verhaftet,

nach Rumänien deportiert und später hingerichtet.

Das gleiche Schicksal erleidet dem

zum General beförderte General Pál Maléter.

Schon am 4. November, im Morgengrauen

eines nasskalten Sonntags, beginnt die

Sowjetarmee, technisch und zahlenmässig

den Freiheitskämpfern drückend überlegen,

mit der rücksichtslosen, brutalen

Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes.

Obwohl militärischer Widerstand

aussichtslos ist, setzen die Aufständischen

ihren Kampf noch während einer Woche fort.

Auch der politische Kampf dauert an. Die

Bevölkerung Ungarns hält zu Imre Nagy und

anerkennt die neue Kádár-Regierung nicht, die

inmitten erbitterter Kämpfe in einem sowjetischen

Panzer nach Budapest gebracht wird.

Am 6. November beginnt der Massenexodus

nach dem Westen und in die Freiheit. Alles ist

entschieden, der Kampf

verloren. Die Magyaren

erkennen, dass es für die

Revolution keine Chance

mehr gibt. Für weit über

200'000 Frauen und

Männer bedeutet die

Flucht ein erzwungenes

Exil. Rund eine

Viertelmillion Menschen

haben ihren Kampf für

Demokratie und Freiheit

mit dem Leben bezahlt,

darunter besonders viele

Studenten, qualifizierte

Arbeitskräfte und

Intellektuelle – ein

schwerer Verlust für das

leidgeprüfte, in seinem Aufstand gegen den

übermächtigen Unterdrücker allein gelassene

Volk der Ungarn. Verzweifelte Hilferufe waren

im Westen ungehört verhallt. Niemand wollte

wegen Ungarn einen dritten Weltkrieg

riskieren. Die weltpolitische Lage war sonst

schon brenzlig genug: Auf die Verstaatlichung

der Suezkanal-Gesellschaft durch den ägyptischen

Präsidenten Nasser hatten

Grossbritannien und Frankreich mit der

Entsendung von Truppen geantwortet, worauf

ihnen die Sowjetunion mit dem Einsatz nuklearer

Mittelstreckenraketen drohte. Der Kalte

Krieg erlebte damals einen Höhepunkt. Da die

Siegermächte des Zweiten Weltkrieges die

Welt in Interessensphären aufgeteilt hatten,

lag Ungarn hinter dem Eisernen Vorhang und

damit im Einflussbereich der Sowjetunion.

Trotzdem hat der amerikanische Präsident

Truman kein politisches Glanzlicht gesetzt, als

er schon zu Beginn des Aufstandes zum

Ausdruck brachte, dass der Westen in Ungarn

nicht intervenieren würde. Damit war das

Land seinem Schicksal ausgeliefert, allein

gelassen. Mit Massenhinrichtungen, einer

Verhaftungswelle und Deportationen hat die

ruchlose Besetzungsmacht auf den

Freiheitskampf der Ungarn reagiert.

Dieses durch Presse und Radio bekannt

gemachte brutale Vorgehen der sowjetischen

Unterdrücker hat in der Schweiz eine beispiellose

Grundwelle der Abscheu und Empörung,

aber auch der Anteilnahme, der Sympathie

und der Hilfsbereitschaft gegenüber den

Opfern ausgelöst. Schon am 6. November

beschliesst der Bundesrat, die Grenzen zu öffnen

und vorerst 10'000 Flüchtlinge

aufzunehmen. Bald sind es 14'000. Er leitet

damit eine Hilfsaktion historischen

Ausmasses ein.

Fortsetzung Seite 17

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HSU – Schweiz-Ungarn 1956

Souvenirs vom Jubiläums-Anlass

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HSU – Schweiz-Ungarn 1956

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Fortsetzung Referat Dr. Hans Oester

In St. Gallen rufen die Parteien zu einer

Grosskundgebung auf dem Klosterhof auf, wo

sich 15'000 Menschen einfinden. In ihren ernsten

Ansprachen finden der Hochschul-Rektor

und (wenn ich nicht irre) der Stadtpräsident

die der aufwühlenden Situation angemessenen,

deutlichen Worte. Als Vertreter der

Studentenschaft, die sich auf die

Unterbringung von Flüchtlingsstudenten vorbereitet,

darf ich auch einige Gedanken

äussern. Angesichts des weit verbreiteten

Gefühls der Ohnmacht, der Hilflosigkeit

spreche ich zum Ausklang der eindrücklichen

Kundgebung ein Bittgebet für Ungarn.

Absolute, andächtige Stille herrscht, als auf

einem Kandelaber in der Mitte des Klosterhofs

eine mächtige Fackel entzündet wird als

Symbol für das unauslöschbare

Licht der Freiheit.

Dann erklingt das Beresina-

Lied und gibt der gedrückten

Stimmung der

Herbeigeströmten Ausdruck,

aber auch Hoffnung

auf ein helleres Morgen.

Nach dem Bekanntwerden

der Niederschlagung des

Aufstandes erreichen das

Interesse und die Solidarität

der Schweizer Bevölkerung

mit den ungarischen

Freiheitskämpfern einen

weiteren Höhepunkt. Man

zeigt seine Solidarität und

Trauer öffentlich. Zahlreiche

abendliche Fackelzüge,

Schweigemärsche, Sympathiekundgebungen,

eindringliche

Ansprachen von

Regierungs- und Parlamentspräsidenten,

Aufnahmeund

Spendenappelle sind Ausdrucksformen

reger Anteilnahme in allen Landesteilen. Viele

spenden Blut. Alles ist in Bewegung, auch

Pfadfinder, Schulklassen und in St. Gallen ein

für die Ungarnhilfe werbender, plakatbeklebter

Stadtbus der Verkehrsbetriebe. Es gibt

eine Solidaritäts- und Spendenwelle bisher

unerreichten Ausmasses. Das emotionale

Aufgewühltsein in unserem Land führt zu

einer derartigen Flut von Liebesgaben, dass

die über das Rote Kreuz laufende Sammlung

für einige Wochen eingestellt werden musste;

man kam mit der Verteilung nicht mehr

nach… Den wohl eindrucksvollsten

Höhepunkt der Ungarn-Begeisterung erlebt

die Schweiz am 20. November. Für das ganze

Land werden um 11.30 Uhr drei Minuten des

Schweigens angeordnet. Alle Autos stehen

still; die Trams halten an. In Fabriken und

Büros wird die Arbeit unterbrochen. Eine

Journalistin berichtet: „Ein ruhiger Ernst prägt

alle Gesichter. Hunderte griffen zum

Taschentuch, niemand schämte sich der

Tränen mehr."

Ein glücklicher Umstand bringt die

Ungarnhilfe der Hochschule St. Gallen in

Gang. Die Schwester von Prorektor Jöhr hält

sich im Dienste des Schweizerischen Roten

Kreuzes in Wien auf. Sie stellt fest, dass sich

in den Aufnahmezentren zahlreiche Studenten

befinden, die für ihr Land gekämpft haben und

nicht im Stich gelassen werden dürfen. Sie

informiert ihren Bruder, worauf die

Hochschulleitung den jungen Rektoratssekretär,

Staatsrechtsprofessor Willy Geiger,

bittet, in Wien bei der Auswahl von

Flüchtlingsstudenten für die Schweiz

mitzuhelfen. Zahlreiche Bewerber für

Studienplätze haben keine gültigen Ausweise.

Zudem weicht unser Bildungssystem vom

ungarischen stark ab. Zusammen mit Frau

Jöhr meistert Prof. Geiger die schwierige

Selektionsaufgabe. Er wird Leiter der

Ungarnhilfe der Handelshochschule, eine

Aufgabe, die er während Jahren mit Umsicht

und bemerkenswertem Engagement löste.

Uns Studenten räumte er grosse

Handlungsfreiheit ein und liess uns

angesichts unserer sehr begrenzten

Ressourcen jegliche notwendige

Unterstützung angedeihen. Noch vor dem

Eintreffen des Flüchtlingskontigents für St.

Gallen haben Territorialsoldaten sowie HDund

FHD-Angehörige die Kaserne so zivil wie

möglich hergerichtet: sauber angezogene

Betten, Blumen für jedes Zimmer aus der

Stadtgärtnerei, schöne Plakate aus allen

Landesteilen vom Verkehrsverein. Auch der

Aufruf im St. Galler Tagblatt, man könnte den

Empfang der vertriebenen Ungarn freundlich

HSU – Schweiz-Ungarn 1956

gestalten mit Obst und Gebäck, vielleicht

auch mit illustrierten Zeitschriften findet ein

gutes Echo. Zum Thema Hilfe von Studenten

für Studenten schreibt Prof. Magyar in seiner

Chronik wörtlich: „Buchstäblich über Nacht

organisiert sich die Studentenschaft der HSG

für den Empfang und die Betreuung der

ungarischen Flüchtlingsstudenten in der

Gallus-Stadt.

Major im Generalstab Geiger und Hans

Oester, Präsident der Studentenschaft, schaffen

zusammen mit studentischen Gehilfen

eine ’Ungarische Studentenhilfe’, die ihresgleichen

sucht". Sollte das Lob berechtigt

sein, muss es der Gerechtigkeit halber auch

weitergegeben werden an alle, die uns

damals mit grossem Wohlwollen unterstützt

haben: Private Familien, die ein Zimmer zur

Verfügung gestellt haben,

Gastwirtschaftsbetriebe, die

für eine gewisse Zeit

Gratisessen gespendet

haben, Buchhandlungen und

Papeterien, die Einkaufsbons

schenkten, Service-Clubs

(Rotarier, Lions), von denen

wir namhafte finanzielle

Unterstützung erhielten, ja

das ganze St. Galler Volk,

das unserem Engagement

von Anfang an mit grosser

Sympathie begegnet ist und

uns so in unserer völlig

ungewohnten Organisationsund

Betreuungsarbeit

irgendwie getragen hat.

Gestatten Sie mir, dass ich

hier als kleine Auflockerung

zwei Reminiszenzen zum

Besten gebe. Einer der eben

im Bahnhof St. Gallen

angekommenen Flüchtlinge

fragte mich schon auf dem Weg zur provisorischen

Unterkunft auf dem Rosenberg

nach schönen Frauen. Ziemlich seltsam

berührt und irritiert sagte ich ihm, ja es gebe

viele schöne St. Gallerinnen – und dachte mir

dabei, auch dieser junge Mann habe sich in

Wien wohl für ein Oekonomiestudium und

nicht primär für ein solches in Human-

Aesthetik interessiert! – 24 Jahre später hat

mich eine andere Frage total verblüfft: der

ältere Herr, der mein Referat über Demokratie

in der kleinen westungarischen Bischofsstadt

Veszprém übersetzt hat, ein Dozent für

physikalische Chemie, bat mich, ihm, wenn

möglich das neueste Buch über rätoromanische

Sprichwörter in der Schweiz zu besorgen.

Weil meine Frau und ich das kleine Paket

reichlich mit Tafelschokolade ergänzt hatten,

kam es nie an. Auf dem kleinen grünen Zettel

stand eben „Sachbuch und Schokolade" – für

einen (oder eine) in der Transportkette allzu

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HSU – Schweiz-Ungarn 1956

verführerisch… Das zweite Exemplar, das wir

wieder bei der Lia Rumantscha in Chur

besorgten, kam dann an, ohne Schokolade,

dafür eingeschrieben.

Über die Hilfstätigkeit hier in Zürich berichtet

Frau Kopp in einem Aufsatz unter dem Titel:

„Die ungarischen Flüchtlinge in meinem

Leben", den sie mir in freundlicher Weise zur

Verfügung gestellt hat. Ich entnehme ihm das

Wichtigste bzw. das Interessanteste. Als die

20jährige Jus-Studienanfängerin in den

Nachrichten von ersten Schüssen, ersten

Toten und Verwundeten bei den

Demonstrationen in Budapest hörte, war sie

„zutiefst aufgewühlt". Junge Menschen „in

unserem Alter" hatten ja die bei uns selbstverständlichen

Rechte, wie die

Versammlungs- und Redefreiheit, die

Abschaffung des obligatorischen Russisch-

Unterrichts, dann immer deutlicher den

Abzug der russischen Truppen aus Ungarn

gefordert. So fanden sich bereits am 27.

Oktober Studierende von Uni und ETH zusammen

und organisierten eine Demonstration.

Zwei Tage später wurde der Verein

„Schweizerische Direkthilfe Schweiz-Ungarn"

(SDSU) gegründet. Walter Renschler, der

spätere Gewerkschaftssekretär und

Nationalrat, kürzlich verstorben, übernahm

das Präsidium. „In den Kellerräumen der Uni

ging es buchstäblich Tag und Nacht zu wie in

einem Bienenhaus. Hilfsgüter wurden gesammelt,

Medikamente, Geld.

Bereits am 30. Oktober erfolgten die ersten

Transporte. An Arbeit fehlte es den

Studentinnen nicht. Die Administration

musste wenigstens ansatzweise aufgebaut,

… Kontakte zu Personen und Firmen

hergestellt und gepflegt werden." Dass sich

der Aufstand in Ungarn zu einem blutigen

Abwehrkampf entwickelte, der Tausende von

Männern, Frauen und Kinder in den Tod riss,

darunter zahlreiche Studierende, die sich mit

blossen Fäusten, Steinen und

Molotowcocktails gegen die Panzer wehrten,

und die Verhaftung der „Symbolfiguren des

Aufstands" habe zu einem unerträglichen

Gefühl der Machtlosigkeit geführt. Kurz bevor

die ersten 20 Studenten aus Wien in Zürich

eintrafen, hat ein Gönner der „Direkthilfe" die

Abbruchliegenschaft „Zum Gelben Schnabel"

an der Zinnengasse zur Verfügung gestellt,

worauf eine Gruppe von Studenten und

Schülern fieberhaft daran gearbeitet habe,

„das Haus bewohnbar zu machen." Was

immer dringend gebraucht wurde: Betten,

Wäsche, Kücheneinrichtung, Lampen,

Bodenbeläge, Farbe, Werkzeuge, alles wurde

gratis zur Verfügung gestellt. „Die

Hilfsbereitschaft der Bevölkerung schien

grenzenlos, ebenso die Sympathie für die

ungarischen Freiheitskämpfer. Ausser den

Telefonspesen hatten wir keine Ausgaben".

Dass sich auch hier in Zürich

Verständigungsprobleme ergaben, liegt auf

der Hand. In St. Gallen hat sich vor allem Prof.

Georg Thürer, der Vater des hiesigen

Staatsrechtslehrers, mit unentgeltlichem,

intensivem Deutschunterricht

grosse Verdienste

erworben.

In Zürich ist es den

engagierten Studierenden

nach einiger Zeit gelungen,

eine „Hausmutter"

schweizerisch-ungarischer

Abstammung zu finden.

Schon länger in der

Schweiz lebende Ungarn

halfen beim Übersetzen

und versuchten Brücken zu

schlagen – auch auf der

Ebene von Mentalität und

Temperament sowie angesichts traumatischer

Erlebnisse. „Die Bewohner standen

teilweise noch unter dem Schock der

Ereignisse, viele bangten um ihre

Angehörigen, hatten Kameraden oder

Familienmitglieder verloren. Nicht nur die

Umgebung war neu, auch die Mentalität. Die

eher nüchterne und zurückhaltende Art

mancher Schweizer war den Ungarn wohl

eben so fremd wie den Schweizern das überschäumende

Temperament und die oft spontanen

Reaktionen unserer Gäste. Darüber half

auch die grosse Sympathie, die den Flüchtlingen

entgegengebracht wurde, nicht hinweg."

Das galt offenbar auch für den kulinarischen

Bereich: Viel von der ersten Mahlzeit, die die

begeisterte junge Jus-Studentin Elisabeth im

„Gelben Schnabel" zubereitete, Fischfilets an

einer Weissweinsauce, liessen die Ungarn

„mit leicht angewiderter Miene" zu ihrer

grossen Enttäuschung stehen. Allzu ungewohnt

sei die Art der Zubereitung gewesen.

Ein Gulasch am nächsten Tag hat die Welt

wieder in Ordnung gebracht! Was Frau Kopp

im Nachhinein erstaunt, ist, wie viel eine relativ

kleine Zahl von Studierenden fertig

brachte, „getragen von Begeisterung … und

dem Willen zu helfen". So beauftragte die

Eidg. Polizeiabteilung Ende November die

SDSU, die in der Schweiz befindlichen

Studenten zu registrieren, zu betreuen und

die Weiterbildungsmöglichkeiten mit den

Universitäten abzuklären. Die Zusammenarbeit

mit den eidgenössischen und kantonalen

Stellen, wie mit den militärischen und

den Hochschulen, habe „fast reibungslos"

funktioniert. Weniger reibungslos gestaltete

sich dagegen das Ausfüllen der Fragebogen.

Allein schon der Ausdruck „Fremdenpolizei"

löste heftige Abwehrreaktionen und Ängste

aus. Die erlebte Repression, die zensierten

Briefe und die abgehörten Telefone waren

nicht geeignet, Vertrauen in Behörden und

Beamte zu schaffen.

Weil die damals zuständige Polizeiabteilung

angesichts der Aufnahme von rund 14'000

Flüchtlingen völlig überfordert war, hat

Elisabeth Kopp später als Justizministerin

18


dem Bundesrat vorgeschlagen, die Stelle

eines Delegierten für das Flüchtlingswesen zu

schaffen. Erleichtert gewesen sei sie, dass

Peter Arbenz, den sie von der Ungarnhilfe her

kannte, sich für diese heikle Aufgabe zur

Verfügung gestellt hat. Gerne füge ich bei,

dass mit seiner Wahl der rechte Mann am

rechten Platz war. Schon als Student hatte

mein geschätzter Kommilitone mit grossem

Engagement in der Flüchtlingshilfe

Aussergewöhnliches geleistet und sich

später als Mitglied der Winterthurer

Stadtregierung, wie auf hohen Posten der

Armee und in schwierigen Missionen bestens

bewährt. Die Furcht der Geflüchteten sass

tief. Zu den positiven ersten Erlebnissen in

unserem Land gehörte wohl die Tatsache,

dass Zürcher Ärzte und vor allem Zahnärzte,

auf einen Aufruf hin, die ungarischen

Patienten gratis behandelten. Soweit ein paar

Spotlights auf die Zürcher Flüchtlingshilfe von

damals, an deren Spitze – meines Wissens

zwei Jahre lang – Elisabeth Kopp stand – mit

beispielhaftem Engagement und grossem

Sachverstand.

Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir,

als Abschluss meines Berichtes den Versuch

zu wagen, drei kurze Antworten auf eine selbst

gestellte Ergänzungsfrage zu geben. Die

Frage lautet: Niemals vergessen - weshalb?

Da denke ich – erstens – an jene Aussage

eines Flüchtlingsstudenten zurück, der mir

gegenüber bei der Ankunft betonte, das

Schlimmste in Ungarn sei nicht die schlechte

Lebensmittelversorgung, nicht der willkürliche

Ausschluss vom Studium, sondern die

total unterdrückte Gedanken- und

Meinungsäusserungsfreiheit gewesen; die

Angst vor einem Gedankenaustausch mit

Landsleuten. Der Angesprochene hätte ein

Stasi-Spitzel sein können! Darum hätten sie,

kaum dem Gefängnis entronnen, in aller

Lautstärke öffentlich herausgebrüllt, was sie

vom totalitären System der Unterdrücker hielten.

Ca soulage, würden unsere welschen

Miteidgenossen sagen. Das Gleiche meinte

wohl auch jene einfache, ältere Frau, die mir

nach einem Referat in der

Nähe des Budapester-

Heldenplatzes sagte:

„Herr Doktor, das

Schlimmste was hat

Kommunismus gemacht:

Kommunismus hat die

Menschen kaputt

gemacht!" Die Lehre

daraus ist, dass wir allen

Grund haben, zu unseren

verfassungsmässig garantierten

Freiheitsrechten

Sorge zu tragen, uns

bewusst zu bleiben,

welchen immensen Wert

sie für unser aller Leben haben. Insofern

haben die Ungarn an der entscheidenden

Front gekämpft, gelitten und geblutet – ganz

nach den Worten unseres Bundesbriefes:

Lieber den Tod, als in der Knechtschaft

leben!" Wir verneigen uns vor ihnen und

stellen fest: Die damaligen Opfer sind nicht

vergeblich gewesen. Ungarn ist heute ein

freies, demokratisches Land – die atheistisch-totalitäre

Sowjetunion ist nicht mehr …

Demokratische und Freiheitsrechte – zweitens

– verpflichten zu aktiver Mitarbeit in

Gemeinde und Staat oder in einer der vielen

nicht wegzudenkenden Organisationen der

Zivilgesellschaft. Billige, oberflächliche

Biertischkritik bringt kein Land auch nur einen

Schritt voran. Der Wille, in unserem freien

Land auch schwierige Probleme mit-anzupacken

der hat wohl die vier engagiertesten

Exponenten der studentischen

Flüchtlingshilfe von 1956 in den Nationalrat

gebracht.

HSU – Schweiz-Ungarn 1956

Unterdrückten, leidenden Mitmenschen in

ihrer Not beizustehen – drittens - kostet meist

– nebst der Überwindung der Gleichgültigkeit

– Kraft, Zeit und Geld. Dieser Aufwand wird

aber mehr als aufgewogen durch das Erleben

von echtem, innerem Reichtum – einem

Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Freude

und Genugtuung, gekrönt von lebenslangen,

bereichernden Freundschaften über kulturelle,

konfessionelle und Landesgrenzen

hinaus. Zudem können wir Schweizer

eigentlich dankbar sein, dass wir vor 50

Jahren die Gelegenheit erhielten, so viele

fähige Leute bei uns aufzunehmen und sie in

unser Volk zu integrieren – loyale Mitbürger,

die aus bitterer Erfahrung wissen, was politische

Freiheit wert ist. Ich denke etwa – um

nur ein Beispiel zu nennen – an meinen lieben

Freund Iván, der direkt aus dem Gefängnis in

die Schweiz gekommen ist, bleich, mit fast

gräulicher Haut. Dank hervorragender

Ausbildung, einem festen unternehmerischen

Willen, der Überwindung mancher

Hindernisse und dank einer bahnbrechenden

Erfindung hat er schliesslich im St. Galler

Rheintal 200 gute Arbeitsplätze geschaffen.

Sie sehen: Flüchtlingsaufnahme kann sich für

eine Volkswirtschaft als Segen, als

Bereicherung auswirken – wie schon im 16.

Jahrhundert. Damals haben die

Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und dem

Piemont (Hugenotten und Waldenser) dank

guten Ausland-Beziehungen und technischem

Können dem Gastland nachhaltige

wirtschaftliche Impulse gegeben.

19


HSU – Ungarn 1956

Zwölf Tage im Herbst

Der Ungarn-Aufstand im Oktober 1956 beginnt als politisches

Naturereignis. Am Ende liegt die Hoffnung in Trümmern,

Hunderttausende fliehen – und die Westmächte schauen weg.

Von Paul Lendvai

Budapest leuchtete in allen Farben des

Herbstes, und niemand konnte an diesem

strahlenden Tag ahnen, dass der 23. Oktober

1956 zu einem Datum der Weltgeschichte werden

würde. Es war ein Dienstag (wie der 14.

Juli 1789 ein Dienstag gewesen war), als die

„unerwartete Revolution" begann – mit zwei

mächtigen Demonstrationszügen der

Studenten.

Sie demonstrierten aus Sympathie für die

Reformer in Polen, die darangegangen waren,

einen eigenen Weg zum Sozialismus einzuschlagen.

In Posen hatte es im Juni Streiks und

Unruhen gegeben, Menschen waren dabei

umgekommen. Kreml-Chef Nikita

Chruschtschow, der durch seine Abrechnung

mit dem Stalinismus auf dem Moskauer

Parteitag der KPdSU im Februar unfreiwillig selber

das Signal zum Aufbruch gegeben hatte,

drohte Polen jetzt mit einer Intervention. Dass

es nun auch in Budapest brodelte, dass es zu

Demonstrationen „von unten" kam, war in den

Augen der an von oben verordnete

Massenaufmärsche gewöhnten kommunistischen

Parteiführung Ungarns etwas ganz

Unerhörtes.

Und noch mehr schier Unglaubliches geschah:

Auf den Flugblättern, die des Nachts in den

Universitätsbüros vervielfältigt worden waren,

forderten die Studenten zum ersten Mal

schwarz auf weiss den Abzug der sowjetischen

Truppen. Ausserdem: die Einberufung des

Parteikongresses und die Wahl einer neuen KP-

Führung; die Bildung einer neuen Regierung

unter Imre Nagy und die Entfernung der verbrecherischen

stalinistischen Führer; freie

Wahlen, also ein Mehrparteiensystem, freie

Presse, freien Rundfunk, und nicht zuletzt den

Sturz des Stalin-Denkmals. Viele Passanten, vor

allem junge Arbeiter, schlossen sich den

Studenten an. Die Losungen klangen immer

radikaler und nationaler: „Russen raus!", „Nagy

an die Macht!", „Bleibt nicht stehn auf halbem

Weg, fegt den Stalinismus weg!" – und die

berühmteste Parole „Bist du Ungar, bist du mit

uns!". Zudem schmähte man die Stalinisten,

allen voran Mátyás Rákosi. Der verhasste

Generalsekretär der kommunistischen Partei

hatte sich bereits im Juli nach Moskau abgesetzt

und intrigierte dort heftig gegen die

Reformer.

Der 23. Oktober 1956 war ein politisches

Naturereignis – indes wie so manche eruptive

Empörung ohne Zentrum, ohne Konzept und

ohne koordinierte Führung. Dass die fast 900`

000 Mitglieder starke Partei der Ungarischen

Werktätigen (MDP) nur ein Koloss auf tönernen

Füssen war, bewiesen gleich die nächsten

Stunden. Die Menschenmassen setzten sich in

Richtung des mächtigen Budapester

Parlamentsgebäudes am Donauufer in

Bewegung. Sie wollten ihren Helden hören, der

die Hoffnung der Opposition verkörperte: Imre

Nagy.

Nagy war der einzige ungarische Politiker, der

möglicherweise noch die Chance gehabt hätte,

zu mässigen und den offenen Aufstand zu verhindern.

Der überzeugte Kommunist, Jahrgang

1896, der unmittelbar nach dem Krieg in Ungarn

die Bodenreform durchgeführt hatte, war 1953

Premierminister geworden, zwei Jahre später

aber bereits wegen seiner „weichen Linie" aus

allen Ämtern entlassen und gerade erst wieder

in die Partei aufgenommen worden. Er – wie

auch alle anderen Reformer jener Zeit – hielt

sich noch streng an die Parteidisziplin und

wollte die Korrektur des Systems, nicht dessen

Abschaffung. Der bullige Mann mit der Brille

und dem kräftigen Schnäuzer war tatsächlich

ein notorischer Zauderer und kein Rebell.

Um 21 Uhr endlich erschien er an einem Fenster

des Parlaments, um zu der unübersehbaren,

ungeduldigen Menge zu sprechen. Bereits seine

ersten Worte, die übliche Anrede „Liebe

Genossen", wurde mit Pfiffen und Sprechchören

quittiert: „Wir sind keine Genossen!" Seine folgenden

dämpfenden, nichtssagenden

Ausführungen gingen in der allgemeinen

Enttäuschung unter. Zur selben Zeit, am Rand

des Stadtwäldchens, fiel schon die Stalin-

Statue, gab es Kämpfe um das

Rundfunkgebäude – und einen Toten. Von ihren

nahe gelegenen Stützpunkten rollten die ersten

sowjetischen Panzer nach Budapest. Der

Aufruhr begann in einen Freiheitskampf

überzugehen.

Die Sowjets waren durch die Ereignisse in Polen

alarmiert. Nach einem Bericht Marschall Georgij

Schukows über die Lage in Budapest entschied

man sich im Kreml für rasches Handeln. Ohne

einen formellen oder schriftlichen Beschluss der

ungarischen Regierung, die obligate „Bitte um

brüderlichen Beistand", abzuwarten, setzte man

die in Ungarn stationierten Truppen in Marsch.

Doch die sowjetischen Soldaten waren auf den

starken Widerstand in Budapest nicht vorbereitet.

Die 6000 Mann mit 290 Panzern, 120

gepanzerten Schützenwagen und 156 Kanonen

reichten bei weitem nicht aus, die wichtigsten

Objekte zu schützen und die Gruppen der

bewaffneten Freiheitskämpfer zu zerschlagen –

zumal die ungarische Armee offene Sympathie

für die Rebellion zeigte und auch keine grosse

Gegenwehr leistete, als die überwiegend jungen

Aufständischen im Laufe der Nacht mehrere

Waffenfabriken, Polizeistationen und Kasernen

stürmten. Nur das Rundfunkgebäude blieb

zunächst, von Milizsoldaten der

Staatssicherheit verteidigt, noch in der Hand

der Obrigkeit. Zur Stunde der

Morgendämmerung erfuhren Ungarn und die

Welt aus den Radionachrichten, was in der

Nacht, nach offizieller Lesart, geschehen war.

Um 4.35 Uhr verlas der Sprecher ein

Kommuniqué des Ministerrates, in dem von

einem „bewaffneten Angriff konterrevolutionärer

reaktionärer Elemente auf unsere

öffentlichen Gebäude" die Rede war. Um 8.13

Uhr gab man schliesslich die Bestellung Imre

Nagys zum Ministerpräsidenten samt den weiteren

Änderungen im Politbüro bekannt.

Die Denunziation der Volksbewegung als „konterrevolutionärer„

Angriff, die Verkündung des

Standrechts und der Hilferuf an die Sowjets

(was dann beides im selben Moment auch noch

erfolgte) haben die Person Imre Nagy diskreditiert

und viele Menschen in ihrer Enttäuschung

über ihn bestätigt. Und es stimmte ja: Der

erhoffte Anführer der Erhebung blieb zunächst

ein Gefangener seiner Vergangenheit und seiner

Partei. Für viele der jungen Kämpfer – das

Durchschnittsalter in der Josefsstadt lag bei 18

Jahren, längst gab es mehr Arbeiter als

Studenten – war der oft waghalsige Angriff

gegen die sowjetischen Truppen auch ein

Abenteuer. Sie lernten, dass die gepanzerten,

oben offenen Mannschaftswagen, die so

genannten offenen Särge, leicht mit

Handwaffen kampfunfähig gemacht und dass

die Benzinbehälter an der Rückseite der T-34-

Panzer schnell in Brand gesteckt werden konnten.

Am 30. Oktober um 14.28 Uhr, also genau eine

Woche, nachdem die Studenten zu ihren beiden

Protestmärschen aufgebrochen waren, kündigte

Nagy in einer kurzen Rundfunkrede das Ende

des Einparteiensystems und die Rückkehr zur

Regierung der vier 1945 angetretenen

Koalitionsparteien an. Nun sprach auch er zum

ersten Mal von einer Revolution. Er teilte dem

Volk mit, dass die nationale Regierung um den

sofortigen Abzug der sowjetischen Truppen aus

Budapest ersuchen und unverzüglich

Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung

über den Abzug aus ganz Ungarn aufnehmen

würde.

In diesem Moment, als alles noch offen schien,

blickte mancher Ungar hoffnungsvoll nach

Westen. Wie würden sich die USA, wie England

und Frankreich verhalten? Das historische

Unglück wollte es, dass alle drei Mächte gerade

in den Konflikt um den Suezkanal verstrickt

waren. Doch auch wenn die Zeiten ruhiger

gewesen wären, hätte Ungarn kaum auf

Unterstützung rechnen können.

So signalisierte die Regierung in Washington

unter Präsident Dwight D. Eisenhower bereits

am 27. Oktober durch eine Rede von

Aussenminister John Foster Dulles, dass die

USA kein Interesse daran hätten, Ungarn oder

andere ehemalige Satellitenstaaten der

Sowjetunion als militärische Verbündete zu

gewinnen. Auch London und Paris waren vollauf

mit der Krise im Nahen Osten beschäftigt.

Es war allen Beteiligten klar, dass es kaum

Verhandlungsspielraum gab. Jetzt half nur noch,

wenn überhaupt, die entschlossene Flucht nach

vorn. So fasste das Kabinett am 1. November

20


den einmütigen Beschluss (auch Staatsminister

János Kádár stimmte dafür), mit sofortiger

Wirkung aus dem Warschauer Pakt auszutreten

und die Neutralität zu erklären. Zugleich richtete

die Regierung einen Appell an die Vereinten

Nationen um Anerkennung der Neutralität und

ersuchte die vier Grossmächte, die Neutralität

des Landes zu garantieren.

Im Übrigen verschwanden am Abend dieses

schicksalhaften 1. November Kádár (der auch

Vorsitzender der neu gegründeten Ungarischen

Sozialistischen Arbeiterpartei war) und

Innenminister Ferenc Münnich aus ihren

Amtssitzen und wurden noch in der Nacht in

einer sowjetischen Militärmaschine nach

Moskau gebracht. Der Verrat hatte schon

begonnen.

Drei Tage später, am 4. November um 4.15 Uhr,

riss der Lärm von Panzerkanonen und

Geschützfeuer die Budapester aus dem Schlaf.

Mit der Operation Vihr („Wirbelsturm") rückten,

zum Teil aus Rumänien und der Karpato-Ukraine

kommend, 60´000 sowjetische Soldaten und

Hunderte von Panzern vor. Das sowjetische

Militär machte jetzt kurzen Prozess. Fielen

irgendwoher Schüsse, belegten die Panzer

ganze Häuserblöcke mit Granatfeuer. Zwölf

Divisionen, zwei Panzerregimenter und andere

Militäreinheiten der ungarischen Armee sowie

ihre gesamte Luftwaffe waren im Nu entwaffnet.

In Budapest leisteten die (auf maximal

10` 000 bis 15´000 Mann geschätzten)

Freiheitskämpfer verzweifelten Widerstand

gegen die erdrückende und brutale Übermacht.

Die Sowjets brachen zwar in wenigen Tagen

den bewaffneten Widerstand – doch die

Selbstorganisationen der Revolution, insbesondere

die Arbeiterräte und die lokalen revolutionären

Komitees, blieben noch mindestens

zwei Monate lang intakt. Viele junge Ungarn

hatten den aussichtslosen Kampf in der naiven

Erwartung auf westliche Hilfe begonnen.

Tatsächlich liess die Eisenhower-Regierung

auch in der Schlussphase der Revolution der

sowjetischen Führung praktisch freie Hand. Und

das Ende war schrecklich. Über zweieinhalbtausend

Tote und fast 20 000 Verwundete zählte

man auf ungarischer Seite. In Budapest betrug

die Zahl der zivilen Opfer 1569. Die Hälfte von

ihnen war unter 30, jeder Fünfte sogar unter 19

Jahre alt. 53 Prozent der Toten waren

Werktätige, davon 70 Prozent Industriearbeiter

und Bergleute. An die 200´000 Menschen flohen

gen Westen. Doch auch die sowjetische

Armee zahlte für die „Normalisierung" der Lage

einen hohen Preis: 669 Soldaten waren tot,

1540 verletzt und 51 vermisst.

Am 4. November um 5.20 Uhr hatte Imre Nagy

die Bevölkerung via Rundfunk über den Angriff

aufgeklärt: „Unsere Truppen stehen im Kampf.

Die Regierung ist auf ihrem Platz." Kurz danach

begaben sich Imre Nagy und seine Mitstreiter in

die jugoslawische Botschaft.

Zum selben Zeitpunkt gab ein sowjetischer

Rundfunksender die Gründung der „Ungarischen

Revolutionären Arbeiter- und Bauernregierung"

unter János Kádár bekannt. Tatsächlich wurde

dieses Marionettenkabinett erst in der Nacht

vom 6. auf den 7. November in sowjetischen

Panzern von Szolnok nach Budapest gebracht.

Indessen verhandelten Kádár und indirekt die

Sowjets mit Jugoslawiens Marschall Josip Broz

Tito in Belgrad über das Schicksal der Nagy-

Gruppe, die in der jugoslawischen Botschaft

sass. Die insgesamt 48 Personen, darunter 14

Frauen und 16 Kinder, wurden beim Verlassen

des Gebäudes am 22. November, trotz der

mündlichen und schriftlichen Versicherungen

Kádárs über freies Geleit, sofort von den

Sowjets verhaftet und nach Rumänien ausgeflogen.

In Snagov, etwa 40 Kilometer von Bukarest

entfernt, hielten Geheimpolizisten sie gefangen.

Die Rache der Sieger von Chruschtschows

Gnaden war grausam und dauerte mehrere

HSU – Ungarn 1956

Jahre: 229 Menschen, darunter 6 Frauen, wurden

nachweislich wegen ihrer Beteiligung an

der Revolution oder am Widerstand hingerichtet.

Fast jedes dritte Opfer war unter 24

Jahre alt. Insgesamt verhaftete man rund

26´000 Personen, von denen 22´000 rechtskräftig

verurteilt wurden. Nach einem

Budapester Geheimprozess musste am 16. Juni

1958 auch Ministerpräsident Imre Nagy unter

den Galgen treten.

Bis zuletzt zeigte er sich gelassen und aufrecht,

ein Staatsmann von bewundernswerter Moral

und Charakterstärke – und ein ungebrochener

Kommunist. Er betrachte das Todesurteil als

„ungerecht, unbegründet und unannehmbar". Er

sei jedoch überzeugt, dass ihn „das ungarische

Volk und die internationale Arbeiterklasse"

früher oder später von den schweren

Anschuldigungen freisprechen würden.

Seine Prophezeiung sollte sich bewahrheiten.

Als Nagys sterbliche Überreste nach dem

Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums

mit denen von drei anderen hingerichteten

Freiheitskämpfern am 16. Juni 1989 in ein

Ehrengrab umgebettet wurden, gaben mehr als

200´000 Menschen den Sarkophagen das

Geleit. Die ungarische Revolution des Jahres

1956 war die wohl grösste Herausforderung der

sowjetischen Hegemonialmacht in Osteuropa –

und zugleich ein weithin sichtbares Zeichen für

den Bankrott des Sozialismus sowjetischer

Prägung. Sie war eine „siegreiche Niederlage",

eine authentische „antitotalitäre" Revolution

und vor allem ein unvergängliches Kapitel aus

der Geschichte des menschlichen Mutes.

Paul Lendvai, geboren 1929 in Budapest, ist

Osteuropa-Experte und Leiter des Europastudios

im ORF-Fernsehen. Er war auch schon

Gastredner bei der Handelskammer Schweiz-

Ungarn.

Zu Fuss von den Alpen in die Puszta

Neunhundert Kilometer Wanderweg

Der „Kulturweg Alpen", der von der Schweiz nach Ungarn führt,

dabei Südtirol, Osttirol, Kärnten, Friaul, Slowenien,

Niederösterreich, die Steiermark und das Burgenland quert, ist insgesamt

neunhundert Kilometer lang. Auf dem in diesem Band

beschriebenen südlichen Teilstück durchwandert man den

Alpenhauptkamm und die grossen Quertäler, aber auch die

voralpinen Hügelgebiete und südlichen Alpenausläufer. Dafür sind

bei täglich sechs Stunden Gehzeit jeweils knapp achtzehn

Tageskilometer veranschlagt – die Strecke ist also in gut

anderthalb Monaten bequem zu bewältigen. Wen das abschreckt

und wer deshalb vom Kauf dieses Buchs Abstand nimmt,

verzichtet auf einen die Wanderlust auf geradezu mustergültige

Weise weckenden Wanderführer. Denn selbstverständlich kann

man sämtliche Teilstücke auch einzeln erwandern und hat so für

viele Jahre ein Ziel vor Augen. Abseits der Touristenströme führt

der Weg auf einsamen, aber gehbaren Pfaden hinauf zu den

Alphöhen, über die Grate hinweg, in seit Jahrhunderten von

Bergbauern besiedelte Landschaften. Der Kulturweg Alpen dokumentiert

die kulturelle Vielfalt der Regionen, Baustile, Sprachen

und Traditionen, die sich oft im Laufe nur eines Tages nach dem

Überklettern eines Passes ändern können. Gerhard Stürzlinger hat

das reichbebilderte Wanderlesebuch mit allen nötigen Angaben

versehen. Hinweise auf das Höhenprofil der Strecke fehlen ebensowenig

wie Adressen für die Übernachtung und Angaben zu

weiterführender Literatur.

„Kulturweg Alpen. Südtirol, Osttirol, Kärnten, Friaul, Slowenien,

Steiermark, Niederösterreich, Burgenland” von Gerhard

Stürzlinger.

Pichler Verlag, Wien 2002. 352 Seiten, 250 Farbabbildungen.

Broschiert, 24,90 Euro. ISBN 3-85431-159-288-1

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HSU – Messe – Ausstellung

Starke Schweizer Präsenz

Nationalratspräsident Claude Janiak und Ungarns Umweltminister Miklós Persányi eröffnen

am 13. Oktober gemeinsam den Schweizer Pavillon an der Budapester Umweltmesse Ökotech.

Foto: Klaus Rózsa

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