038 UNT1 Dachstein v7 - Deutscher Alpenverein

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038 UNT1 Dachstein v7 - Deutscher Alpenverein

Fotos: Reinhard Lamm (gr.), Lutz Bormann (kl.)

Mondsee, St. Gilgen, Wolfgangsee – warum lässt man

einige erste Adressen hinter sich, um nach Altaussee

zu fahren? Eine Antwort auf diese Frage findet sich etliche

Höhenmeter weiter oben. Ein paar Asphaltschleifen noch, und

nach wenigen Minuten gelangt man über die Panoramastraße zur

Aussichtskanzel des Loser.

VON LUTZ BORMANN

Mit warmen Aufwinden, horizontkrümmender

Fernsicht und filigranen Dunstsegeln

kämpft der goldene Oktober

2004 gerade erfolgreich um seinen guten

Ruf im Ausseerland. Im Norden vom

Toten Gebirge abgeschirmt geht der Blick hinüber

zu den Niederen Tauern, zum gleißenden

Plateau des Dachsteingletschers und über den

Solitär des Hohen Sarstein zum geschichtsträchtigen

Sandling. Dazwischen fehlt auffallend

das, was man woanders als Touristenhochburgen

bezeichnet. Keine Straßenschläuche

mit Nippesbuden, aber auch keine Gewerbegebiete,

keine Großindustrie. In einer Studie zur

regionalen Entwicklung des steirischen Salzkammerguts

heißt es u.a.: „Die technische und

wirtschaftliche Infrastruktur sind ausbaufähig.

Die Region hat bis in die heutige Zeit einen

hohen Grad an Identität erhalten. Es besteht eine

hohe Identität der Menschen mit ihrem Lebensraum.

Lebensweise und Lebensstil sind

ausgeprägt. Tradition und Brauchtum sind bis

in die heutige Zeit erhalten und prägender Bestandteil

der Dorfkultur und des Dorflebens.“

Wertvolle Qualitätskriterien mit Seltenheitswert.

Rückkehr der Ruhe

Je länger man im Ausseerland an der Oberfläche

kratzt, in entlegene Winkel hineinschnuppert,

desto öfter begegnet man vertrauter

Kunst- und Kulturgeschichte, je mehr man

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DAV Panorama 2/2005


DACHSTEIN UNTERWEGS

sich mit den schmalen Tälern oder den Almböden

über den malerischen Seen Zeit lässt,

desto schneller öffnet sich der Deckel dieser

Schatztruhe. Und schließlich zeigt der vermeintliche

Rohdiamant seinen kostbaren

Schliff und man hält den Atem an.

Von der Panoramakanzel des Loser tropft

der Blick ins dunkle Oval des Altaussees und

vergisst das Suchen. „Jetzt bin ich zum ersten

Mal hier, aber irgendetwas passt hier zusammen

und gibt allem eine Gestalt“, frage ich in die

Stille. Hermann Rastl, seit vielen Jahren für den

Fremdenverkehr der Region tätig, antwortet:

„Für den, der es spüren kann: Es ist die Ruhe.

Das Ausseerland musste nie entschleunigt werden,

weil es nie beschleunigt wurde.“ Das sagt

er ganz leise, aber die Worte fressen sich fest.

Ein Beispiel sind die gut erhaltenen Ortsbilder:

Keine Versatzstücke des alpinen Jodelbarocks,

sondern authentische Substanz mit kunstvoll

gearbeiteten Windfängen an den Stirnseiten.

Das Ausseerland polarisiert den Tourismus und

verbiegt sich nicht. Wer Ruhe, Erholung und

authentische Lebensqualität sucht, ist angekommen,

wo er schon immer hinwollte.

Einmal angeködert von diesem Flair, bekräftigt

der Wirt der Loserhütte den ersten Eindruck.

Seit 1981 führt Helmut König für die

Sektion Bad Aussee des OeAV die Loserhütte.

Südseitig exponiert liegt die Hütte mit ihrem

großen Sonnenbalkon an der Panoramastraße

goldrichtig und lockt zusätzlich mit exzellenter

Klassischer Aussichtspunkt:

Über den

spiegelglatten Altaussee

hinweg zu den

gleißenden Firnflächen

des Dachsteinmassivs

DAV Panorama 2/2005

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Fotos: Reinhard Lamm (4), Lutz Bormann (3)

Küche. Unlängst hat Helmut König die Blaa-

Alm gekauft, am Fuß des Loser im lauschigen

Talboden ein Refugium für Familien – mit großem

Spielplatz und verkehrsfrei mitten in der

Natur. Wer hier Ende Mai den Wiesenweg

wählt, läuft durch ein Sternenmeer weißer Narzissen.

Sandling – historisch und sportlich

Südwestlich der Blaa-Alm liegt der Sandling,

der an seiner Südostflanke mit zwei Salinen die

Sudpfannen Altaussees versorgte. Heute hat

man im Zuge der steirischen Landesausstellung

2005 „Narren und Visionäre – Mit einer Prise

Salz“ (30.4. bis 30.10.2005) das Schaubergwerk,

den Besucherstollen Steinberg, unweit

der Blaastraße neu gestaltet. Das unterirdische

Märchen rund ums weiße Gold trägt den Titel

„Salzwelten Altaussee“. Die Salzwelten sind

nur eine von insgesamt 22 Stationen der sieben

Kilometer langen Via Salis, einer Themenwanderung

rund um den Sandling mit Schautafeln

zur Geschichte der Salzgewinnung. Sie führt

auch zur Ruine Pflindsberg, deren Geschichte

bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Das freigelegte

Mauerwerk lässt kaum etwas von der

ursprünglichen Gestalt ahnen, aber der Standort

ist eindrucksvoll. Vielleicht hat man deshalb

mitten in der Ruine einen hölzernen Aussichtsturm

gebaut, über den sich manche

Geister streiten. Der Sandling ist im Gegensatz

zum Großen Sarstein vielleicht kein spektakulärer

Wandergipfel, aber er bietet eine abwechslungsreiche,

knackige Mountainbike-

Runde mit 36 Kilometern und 1.350

Höhenmetern.

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DAV Panorama 2/2005


DACHSTEIN UNTERWEGS

Sarstein-Runde

Rund um den Sarstein hat man 2004 mit erheblichem

Aufwand ein faszinierendes Wandererlebnis

inszeniert. 45 Kilometer lang führt der

„Salzkammerweg“ über bereits bestehende Pfade

– den Ostuferwanderweg am Hallstätter See

und den Koppentalwanderweg – vorbei an Panoramatafeln

und Hörinseln. Man kann das

junge Abenteuer der Umrundung

bequem auf drei Tage verteilen,

das eigentliche Sarstein-Faszinosum

aber, der schier unglaubliche

Blick von diesem tektonischen

Unikum der Erdgeschichte, ist

zwingend mit dem schweißtreibenden

Gipfelgang auf diesen Grenzberg zwischen

Oberösterreich und Steiermark verbunden.

Land der Themenwanderungen

Überhaupt, diese sehenswerten Themenwanderwege

im Ausseerland! Die Via Artis folgt

auf vier Stationen zwischen Grundlsee und Toplitzsee

den Stationen bedeutender Künstler,

Entlang an

Stationen bedeutender

Künstler

die hier eine Zeitspanne ihres Lebens verbrachten.

Sigmund Freud, Johannes Brahms, Peter

Rosegger, Friedrich Torberg, Jakob Wassermann,

Arthur Schnitzler, Ermanno Wolf-Ferrari

und heute in Bad Aussee die Schriftstellerin

Barbara Frischmuth.

Insgesamt 34 Stationen erlebt man auf dem

zweieinhalb Stunden dauernden Geo-Trail zwischen

Gößl und Grundl, dem vierten

bedeutenden Themenweg des

Ausseerlands. Der Grundlsee hat es

einem sofort angetan. Man kommt

von Bad Aussee um die Ecke bei Au

und ist perplex, wie dramatisch

schön dieses Seetableau in die alpine

Kulturlandschaft gebettet ist. Der Grundlsee

als unbeschleunigtes Ausrufezeichen!

Wie schon angedeutet, ist das Ausseerland

eher ein Terrain für Klasse, nicht für Masse. Es

gibt hier nicht die Wellness-Tempel im Dutzend

und brummende Flaniermeilen mit Gucci-Filialen,

aber es gibt das Hotel Seevilla mit dem

Brahms-Cafe direkt am Ufer des

Altaussee, ein gut geführter

Familienbetrieb mit un-

Linke S.: Losergipfel

und Blick vom Loser

zum Dachsteinmassiv,

Bergidyll am Grundlsee.

Rechte S.: Helmut König

(l.) mit Hermann

Rastl, die Blaa-Alm,

Morgenstimmung am

Altaussee.

DAV Panorama 2/2005 41


glaublichem Flair. Und weil wir schon dabei

sind, noch ein paar kulinarische Tipps. Vom

Grundlsee führt die Fahrstraße zum Toplitzsee

– die letzten anderthalb Kilometer muss man

laufen – und zur Fischerhütte. Einen idyllischer

gelegenen, urigeren Biergarten-Grillplatz mit

Bootssteg wird man so schnell nicht finden.

Wir sind die einzigen Besucher, aber meine

Hoffnung auf eine unentdeckte Perle ist verfrüht.

Es ist Mittwoch, Ruhetag.

Und an lauen Sommerabenden

steppt hier der Bär. Ein schöner

Abstecher führt zur wildromantischen

Ranftlmühle am Geo-Trail

und zur 180 Meter hohen Gößler

Wand. Hier wollen im Rahmen

des Ausseer Bergsportfestivals vom 19. bis 21.

Mai 2005 die Huberbuam live eine Erstbegehung

wagen. Wer diese senkrechte spiegelglatte

Wand gesehen hat, kann sich unschwer vorstellen,

welch ein Kletterkrimi im Wonnemonat

hier stattfinden wird.

Erstbegehung

der Huberbuam

im Mai 2005

Gaumenfreuden auf dem Biohof

Nachdem die Vermarktung heimischer Produkte

auf Schutzhütten seit einiger Zeit auch

den Deutschen Alpenverein umtreibt, sei

schlussendlich die Knödlalm über Bad Mitterndorf

erwähnt. Motor dieses Biobetriebs ist

Alfred Pohn. Auch er weithin bekannt, mehrfach

im Fernsehen ausgestrahlt und für seine

Gaumenfreuden ausgezeichnet. Alle Zutaten

seiner Speisekarte kommen aus eigener Herstellung.

Doch die „Highlights“ entstammen

weniger den Kochtöpfen als den Destillationskolben.

Pohn spielt in der Oberliga der Österreichischen

Edelbranderzeuger. Seine neueste

Kreation – Oktober 2004 leider im unantastbaren

Versuchsstadium: Kürbiskernbrand.

Am Südzipfel des steirischen

Salzkammerguts angekommen, befällt

einen die Wehmut. Wenn dieses

Erlebnis Methode hat, gibt es

nur eine Lösung: Zeit haben für

eine Enklave der Ruhe, für den

Gang in die Geschichte, den

unendlichen langsamen Pulsschlag des

Toplitzsees, die geschlossene Ästhetik

des Altaussees mit seiner verträumten

Süduferstimmung, Zeit für

ausgedehnte Wanderungen auf

der Tauplitzalm, Zeit für die

vielen ehrlichen Gesichter einer

Berglandschaft und der

Menschen, die sie geprägt

haben.

Und für den, der es

spüren kann und noch

aushält, Zeit für sich

selbst.

Höhepunkt Dachstein-Überschreitung.

Kl. Fotos: Knödl-Alm

bei Knoppenberg, Erlebnis

Ropes Course,

MTB-Klassiker Dachsteinrunde.

Fotos: Reinhard Lamm (1), Lutz Bormann (5)

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DAV Panorama 2/2005


DACHSTEIN UNTERWEGS

Ramsau am Dachstein

Zur Südabdachung des Dachstein geht es über

die Landstraße Richtung Bad Mitterndorf, vorbei

am einzigen Fabrikkomplex, dem großen

Rigipswerk, rund um das Naturschutzgebiet

Steirisches Dachsteinplateau bis Irdning. Von

dort gelangt man auf der Schnellstraße Richtung

Westen – unter penibler Beachtung der

von der örtlichen Gendarmerie eifersüchtig bewachten

Verbotsschilder – und wendet sich vor

der Ortschaft Haus bergwärts gen Norden.

Ramsau am Dachstein heißt das anvisierte Ziel

für Sport und Erholung auf drei Etagen.

Das Dachsteinmassiv lässt sich aber auch

wesentlich sportlicher und erlebnisreicher umrunden:

In drei Tagen mit dem Mountainbike –

ein inzwischen weit über die Region hinaus bekannter

MTB-Klassiker. Auch wenn von der

insgesamt 170 Kilometer langen Strecke rund

80 auf Asphalt verlaufen, die restlichen 88 Kilometer

geschotterte Forststraßen, die fantastische

Landschaft, die ständig wechselnden

Eindrücke und das opulente Angebot

an Rastplätzen und Einkehrmöglichkeiten

lassen auf den

4.600 Höhenmetern keine Wünsche

offen. Die Strecke ist selbstverständlich

ausgeschildert und in

einer hervorragenden Spezialkarte

aufbereitet, die es vor Ort in allen Fremdenverkehrsbüros

gibt. Als absoluter Höhepunkt

gilt die Strecke von Gröbming

bis Bad Aussee über das Kemetgebirge.

Erholung und

Bergsport auf

drei Etagen

Griffige Konzepte

Überhaupt, die Ausschilderung: Hüben

wie drüben möchte man dem werten

Gast das Sporteln so leicht wie möglich

machen. Also gibt es ausgeschilderte Parcours,

Trails und Wege – vom Wandern,

Joggen, Nordic Walken bis zum Mountainbiken,

vom Lehrpfad bis zur Wettkampfstrecke.

Rund um Ramsau ist der

Einstieg in alle erdenkliche Spielarten des

Bergsports direkter als in anderen Regionen.

Dahinter stehen mehrere Konzepte. Eines

davon steckt im Begriff „Wanderdorf“,

eine Art Gütesiegel für geprüfte Orientierungssicherheit,

Ausschilderung, kompetente Beratung,

geführte Wanderungen und Erlebnisinszenierung.

Ramsau hat dieses Zertifikat ebenso

wie Altaussee. 2003 hat man in Ramsau ein

Wandersymposium mit wissenschaftlicher Beteiligung

abgehalten, 2004 folgte der Gegenbesuch

von Reinhard Lamm, einem der steirischen

Innovations-Motoren, beim Wander-

Symposium des Deutschen Alpenvereins in

München. Das meiste wusste er schon, viele

Anregungen griff er begeistert auf. Heinz

Prugger, Direktor des Tourismusverbands

Ramsau, seufzt: „Er bringt die Ideen und ich

muss dann schauen, wie ich sie umsetze“. Dabei

kann er auf das Geleistete stolz sein. In den

nächsten Tagen erleben wir gemeinsam mit

seinem Bruder Hans, einem sehr rührigen und

erfahrenen Bergführer, wie sich die Theorie in

der Praxis bewährt.

Ramsau liegt auf einer Hochterrasse vor der

kilometerlangen Wandflucht des Dachsteinmassivs

und rund 400 Meter höher als Schladming

mit seinen Gewerbebetrieben. Damit ist

man unten schon oben und es kann gleich losgehen.

Aus der natürlichen Landschaftsstruktur

hat man ein weiteres Konzept gestrickt,

das bestens funktioniert: Bergurlaub auf drei

Etagen: Im Tal die Aktivitäten für Kinder und

Familien, Spazierwege, Themenwanderungen

und Nordic Walking,

eine Etage höher das klassische

Wandern auf den Almböden. Hier

genießt man als Gast den Vorteil eines

ausgesprochen dichten Hüttenund

Wegenetzes. Die dritte Etage

ist den Bergsteigern vorbehalten, die

sich im ernsten hochalpinen Gelände bewegen

können. Dazu gehören in erster

Linie die Gipfelanstiege im Dachsteinmassiv,

aber auch die Klettersteige. Sie

sind aufgrund ihrer Länge und Ausgesetztheit

nicht zu unterschätzen.

Riesenspaß für Kinder

Eine absolute Rarität und ein unvergessliches

Erlebnis für Kinder ist der Kinderklettersteig

am Sattelberg bei Percht

und die anschließende Bekanntschaft

mit „Kali dem Ramsaurier“. Hans

Prugger, der schon die großen Klettersteige

im Dachsteinmassiv konzipiert

und eingerichtet hat, ist hier ein besonders hinreißendes

Erlebnis in der ersten Etage gelungen.

Unter Aufsicht eines Bergführers unternimmt

meist eine kleine Kinderschar die ersten Schritte

im senkrechten Fels. Die Ausrüstung ist perfekt

und wird komplett gestellt, das Klettergelände

ist gut strukturiert, bestens gesichert und

lustig beschildert. Nach immerhin 170 Höhenmetern

kommen die Kinder mit wackeligen

DAV Panorama 2/2005 43


Knackiger Klettersteig

für Kinder; für die

Großen der ”Johann“-Klettersteig

durch die Dachstein-

Südwand. Hintergrundbild:

Höhentraining

der Langläufer

auf dem Dachsteingletscher

Knien, aber mächtig stolz, am Gipfel mit der

weißen Gams an. Und spannend geht es weiter.

Es folgt ein rasanter Ropes Course mitten

im Wald, bei dem auch die Eltern auf ihre Kosten

kommen. Anschließend geht es weiter zum

ersten Österreichischen Natur- und Umwelterlebnispfad

für Kinder. An insgesamt 15 Stationen

werden, eingeleitet von pfiffigen Rätseln,

die kleinen Gipfelstürmer an die Tier- und

Pflanzenwelt im Gebirge, Klima und Geologie

herangeführt.

Spektakuläre Silberkarklamm

Auch in der zweiten Etage kann man mit kleinen

Kindern noch viel unternehmen. Ein Paradebeispiel

hierfür ist die Silberkarklamm

mit drei ausschlaggebenden Faktoren: Es plätschert,

gischtet und rauscht, dass es romantischer

nicht sein könnte, der Weg geht über

Stock und Stein, windet sich durch

Nischen und um Ecken, über Stiegen

und Brücklein – und am Ende

des kurzen Klammwegs wartet eine

gemütliche Hütte mit herrlichem

Blick und gutem Essen für

die ganze Familie. So wildromantisch

schön die Silberkarklamm mit ihren steil

aufragenden Wänden ist, so gefährlich wird sie

bei schweren Sommergewittern. Dann fängt

sich das Unwetter im Felsentrog von Wasenspitze,

Miesberg und Luserwänden und entlädt

sich wie in einem gewaltigen Trichter. Zehn

Jahre lang veranstaltete man in dieser Mausefalle

im Juli eines der schönsten Kulturspektakel

Österreichs. „Klammheimliche Begegnung“

hieß die mehrtägige Veranstaltung mit Lichtobjekten,

Live-Musik an der Silberkarhütte

und Kunstausstellungen entlang des Wanderwegs.

Tausende kamen, das Risiko wurde

schließlich zu groß. 2004 fiel nach zehn Jahren

der Vorhang.

Die Felsenorgel

der Dachstein-

Südwand

Ein Bergurlaub in Ramsau ohne Dachstein-

Tour wäre nur die Hälfte wert, und wer sich

dem Unterfangen angemessen nähern möchte,

muss das Alpinmuseum der Austriahütte besuchen.

Hier ist alles dokumentiert und zusammengetragen,

was die alpinistische Geschichte

der Dachstein-Südwand wiedergeben

kann. Alte Bergsteigerausrüstung, Tourenberichte,

Fotos – auf einem erkennt sich Hans

Prugger als junger Bergrettungsmann wieder –,

alte Karten und Schautafeln. Große Namen

und dramatische Geschichten sind hier versammelt.

Die Austriahütte im Besitz der gleichnamigen

Sektion des OeAV ist mit erheblichen

Mitteln erweitert und saniert worden. Angesichts

des nahegelegenen Parkplatzes der Dachsteinseilbahn

stellt sich schon die Frage, ob das

Alpinmuseum allein ausreicht, um mehr Gäste

anzulocken. Die Stube mit dem Kachelofen ist

jedenfalls gemütlich, der Blick von

der Terrasse fulminant.

Kraftplatz Brandriedel

Die eigentliche Attraktion der näheren

Umgebung ist allerdings der

Brandriedel, eine mit 1.725 Meter

Höhe nur unwesentlich höher gelegene Almkuppe,

aber in so exponierter Lage, dass sie zu

den schönsten Aussichtspunkten der Dachsteinregion

zählt. Ein lichter goldgelber Lärchenbestand

verzaubert diesen Kraftplatz der

Natur.

Der nächste Tag verheißt Sonne pur und beginnt

schon früh, denn Hans Prugger will „seinen“

Klettersteig, den Johann ausführlich vorstellen.

Zügig gehen wir vom Parkplatz der

Dachsteinseilbahn hinüber zur Dachstein-Südwandhütte,

ratschen uns kurz bei der feschen

Hüttenwirtin fest und wuseln uns durch das

Felslabyrinth im Zustieg zur Südwand. Hans

kennt hier jeden Stein und wird von mehreren

Seilschaften nach dem richtigen Weg zu diesem

oder jenem Einstieg gefragt. Er gibt ausführlich

und geduldig Auskunft, wie man es von einem

Bergführer erwarten darf.

Allerdings muss man umgekehrt feststellen,

dass die Routenfindung bzw. der korrekte Zustieg

auch zum Repertoire des Felskletterers

zählen sollte. Die Klassiker sind technisch nicht

so schwer wie die heutigen Sportkletterrouten,

aber gerade die Wegfindung macht sie anspruchsvoll

und sorgt für Respekt vor den Erstbegehern.

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DAV Panorama 2/2005


DACHSTEIN UNTERWEGS

Rund um den Dachstein :tipp:

Erlebniswanderungen im Ausseerland

Zu den Themenwanderungen sind vor

Ort ausführliche Führer und Broschüren

erhältlich.

Via Salis – 7km lange Rundwanderung

um den Sandling (3 Std., 300Hm) mit 22

Schautafeln. Römische Handelsstraßen,

alte Stolleneingänge, Burgruinen. Höhepunkt:

„Salzwelt Altaussee“ (www.salzwelten.at).

Via Artis – Vier in sich geschlossene

Wanderungen berühren Stationen, an

denen bedeutende Kunstschaffende gelebt

und gearbeitet haben:

1. Bad Ausseer Künstlerweg: 12km, 5,5

Std.; Historisches Ortszentrum von Bad

Aussee: 1km, 1 Std.

2. Via Artis Altaussee: 4km, 2 Std.

3. Via Artis in Grundlsee: 10,5km, 3 Std.

4. Via Artis Grimming: 12km, 4,5 Std.

Geo-Trail – Der Geo-Trail ist 10,5km lang,

dauert 3 Std. und führt am Grundlsee

entlang zum Toplitzsee mit insgesamt

34 Schautafeln und Wegstationen

Salzkammerweg – 45,5km langer und

durchgehend beschilderter Rundweg um

den Großen Sarstein mit 12 Std. Gehzeit.

Fünf thematisch abgegrenzte Etappen: 1.

„Weg durch die Wildnis“ (Koppentalwanderung),

4 Std.; „Historischer Salzweg“,

1 Std.; “Römerweg“, 2 Std.; „Goiserer

Almweg“, 1 Std.; „Welterbe“, 4 Std.

Wandern und Bergsteigen

Durchquerung Totes Gebirge – in ebenso

großzügiges wie lohnendes Vorhaben ist

die Durchquerung des Toten gebirges

von West nach Ost. Ausgangspunkt ist

die Loserhütte, Zielort Hinterstoder. Dabei

werden Gipfel wie Wildenkogel, Großer

Woising, Großer Priel oder Spitzmauer

überschritten. Am Großen Priel

wartet für ambitionierte Alpinisten der

schwere Priel-Klettersteig, der Stodertaler

Steig an der Spitzmauer gilt als

leicht.

Sarstein-Überquerung – Herrliche Tagestour

mit grandiosem Rundblick. Ausgangspunkt

ist die Pötschenhöhe im

Norden, Zielort Obertraun. Einkehrmöglichkeiten

bieten die Sarsteinalm und die

Sarsteinhütte

Tauplitzalm-Runde – Ideale Familienwanderung

ohne nennenswerte Höhenunterschiede.

Der Weg führt rund um sechs

Seen, bietet viele Einkehrmöglichkeiten

und ist zur Almrauschblüte im Juli besonders

lohnend.

Bergurlaub auf drei Etagen

Ramsau am Dachstein

Wald und Flur: der Talboden – Die weitläufige

Hochterrasse – 18km zwischen

1.000-1.300m – eignet sich vorragend

für gemäßigte Outdoor-Sportarten wie

Nordic Walking und Laufen. Die markierten

Strecken bieten für für jeden etwas:

8 Strecken vom WM-Weg (1km) über die

Rittisbergrunde (18km) bis hin zum Ramsau

Marathon (42km).

DER KINDERKLETTERSTEIG (170Hm) am Sattelberg

ist ein besonderes Abenteuer für

Kinder, das sich mit einem Ropes Course

und einem Naturlehrpfad verbinden

lässt. An den Strecken gibt es einige

Frischwassrbrunnen.

Auf den Almen – Der Wanderführer von

Reinhard Lamm stellt 50 Wanderungen

(Panoramakarten mit Wegmarkierungen)

vor, darunter Ausflüge im Hochgebirge

inkl. Klettersteig „Johann“, Abstecher in

die Schladminger Tauern und hinüber zur

Bischofsmütze. Besonders empfehlenswert

die Silberkarklamm mit der wildromantischen

Schlucht und der 5-Hütten-Rundweg

mit den herrlich gelegen

Aussichtspunkten Brandriedel, Brandalm,

Dachstein-Südwandhütte, Austria-Hütte.

Hochalpine Bergwelt – DACHSTEIN-ÜBER-

SCHREITUNG: Das dichte Hütten- und Wegenetz

am Dachstein bietet in Verbindung

mit der Seilbahn eine Vielzahl von

Möglichkeiten für mehrtägige Überschreitung

des gesamten Massivs. Besonders

beliebt ist die Ost-West-Überschreitung

des Hohen Dachsteins über

den Westgrat.

KLETTERSTEIGE: Allein auf den Gipfel des

Hohen Dachstein führen drei gesicherte

Steige. Die bedeutendsten Klettersteige

sind der „Johann“ durch die Dachstein-

Südwand hinauf zur Dachstein-Warte,

der Ramsauer Klettersteig von der Edelgrießhöhe

im Gratverlauf bis zur Gruberscharte

und der 2004 neu eröffnete

„Irg“. Der „Irg“, benannt nach Georg

„Irg“ Steiner, einem berühmten Dachstein-Erschließer,

führt aus dem Koppenkar

auf den Koppenkarstein und über

den versicherten Westgrat wieder auf

den Gletscher – eine fantastische Überschreitung.

Alle genannten Klettersteige sind lang,

ausgesetzt und kraftraubend.

Mountainbike

Salzkammergut und Dachsteinregion verfügen

über hervorragende Mountainike-

Strecken und ausgefeiltes Info-Material.

Besonders zu erwähnen sind die Bergstraße

auf den Loser, die Sandling-Runde,

die Salza-Runde um Grundlsee und

Bad Mitterndorf, die Tauplitz-Alpenstraße

mit der ausgewiesenen Downhill-

Strecke.

MTB-Dachsteinrunde – Die Königstour im

Dachstein-Gebiet. 170km, 4.600Hm.

Zahlreiche Unterkunftsmöglichkeiten.

Stationen: Bad Mitterndorf, Gröbming,

Ramsau, Filzmoos, Annaberg, Rußbach,

Bad Goisern, Bad Aussee.

MTB-Hotels – Aufgrund der hervorragenden

Mtb-Bedingungen – gute Forstwege,

perfekte Ausschilderung – haben

sich einige Betriebe auf einen besonderen

Service für Mountainbiker spezialisiert.

Sie bieten Werkzeug, erste-Hilfe-

Pakete, Trikotwäsche, Tourenverpflegung

und Info-Material an, abschließbare Fahrradräume,

Waschgelegenheiten für Räder

etc. Blaa-Alm und Loserhütte gehören

dazu, außerdem Betriebe in Tauplitz,

Bad Goisern, Obertraun.

Mtb-Wettbewerbe finden 2005 in Bad

Mitterndorf (12.6.) und in Bad Goisern

(9.7.) statt.

Veranstaltungen

Narzissenfest – 26.-29.5.2005. Im

Mittelpunkt des größten Blumenfestes in

Österreich stehen Brauchtum und Volksmusik.

Landesausstellung – „Narren und Visionäre

– Mit einer Prise Salz“, vom 30.4.–

30.10.2005. Die Ausstellung konzentriert

sich auf die Orte Bad Aussee, Altaussee,

Grundlsee und die Salzwelten. Themenschwerpunkte

sind „Literatur“, „Salz“,

„Technische Entwicklung“, „Wasser und

Landschaft“ (www.La2005.at).

Fotos: Reinhard Lamm (1), Lutz Bormann (4)

DAV Panorama 2/2005 45


UNTERWEGS

DACHSTEIN

Fotos: Reinhard Lamm (2), Lutz Bormann (3)

Leichte Schneefälle

am Herbstanfang profilieren

den gebankten

Dachsteinkalk der imposanten

Südwand;

ein Leben im Sonnenschein

mitten im

„Johann“.

Begegnung mit „Johann“

Bald stehen wir am Gendarm, der den Einstieg

des „Johann“ markiert, die Schlüsselstelle der

ganzen Tour. Also, Hände aus den Hosentaschen

und das wuchtige 19mm-Stahlseil herzhaft

angepackt. Aufschwünge, Querungen, abdrängende

Felsbäuche – im „Johann“ merkt

man schnell, ob das letzte Glas Rotwein am Vorabend

„schlecht“ war. Nahezu ohne bequeme

Ruhepunkte geht es stracks himmelwärts, aber

mit der Hoffnung, dass der „Johann“ irgendwann

gnädiger werden muss. Umso irritierender

ist die Bemerkung von Hans, weiter oben werde

der Steig dann „richtig steil“. So so, was ist er

denn jetzt, denke ich mir und spare mit meinen

Kräften. Der Fels ist rau, überall finden sich

Risse und Vorsprünge zum Weitersteigen. Bloß

nicht zu sehr mit den Armen am Stahlseil hängen.

Endlich kommt eine bequeme Terrasse im

gebankten Dachsteinkalk. Hans ist unruhig,

denn er beobachtet schon seit geraumer Zeit eine

Seilschaft, die offensichtlich einen Südwand-

Klassiker wiederholen will, aber permanent von

der Route abkommt und in gefährliche Verhauer

einsteigt. Die akute Bergnot der beiden wäre

für Hans das Ende unseres Ausflugs. Er müsste

helfen. „Jetzat sans richtig“, ruft er schließlich

erleichtert und setzt das Fernglas ab.

Und dann kommt das, was Hans als steil bezeichnet:

eine bolzengerade Leiterdirettissima

mit ein paar hundert Metern Luft unterm Hintern.

Ständig wandert der Blick hinüber in die

Südwand. Was für ein Gemäuer! Grandios der

Blick nach Süden ins Gipfelmeer der Tauern,

hinüber in die steinerne Symphonie der Wandflucht:

ein Fortissimo der Sinne eingebettet in

diese Stille. Hans hat in der Südwand eine weitere

Seilschaft entdeckt, aber diesmal sind Könner

am Werk, Freunde aus Schladming, die sich

an einer Neutour versuchen. Verglichen mit anderen

alpinen Klassikern wie den Laliderer-

Wänden herrscht in der Dachstein-Südwand

reger Betrieb.

Schließlich sind wir oben und steigen fast der

Dachsteinwarte aufs Dach. Wanderer sitzen vor

der geschlossenen Hütte im Schnee, machen

Brotzeit und fragen, wo wir herkommen. Noch

ein paar Schritte weiter und der Blick weitet sich

in den Norden, über das endlose Hochplateau

„Am Stein“ und den Gletscher mit den Langläufern

beim Höhentraining. Die Sonne steht

hoch am Mittag, wir freuen uns auf ein frisches

Bier und den geschenkten Tag auf der obersten

Plattform, der Beletage über Ramsau.

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DAV Panorama 2/2005

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