Die Kreativen

scheersberg.de

Die Kreativen

Eine Woche lang nahm diese Gruppe auf dem Scheersberg am Kurs „Experimentelles Malen" teil. Aus vielen Einzel

porträts wurde ein Wandgemälde kreiert, das nun ein Treppenhaus des Jugendhofes ziert.

Fotos: Privat

Die Stimmung erinnert an eine

Kunsthochschule im ersten

Semester, hat aber auch etwas

von einer Wellness-Farm. Fünf Frauen

und ein Mann sitzen ganz entspannt

und gleichzeitig hochkonzentriert ihrem

Modell gegenüber. Ein bisschen

lockere Musik im Hintergrund, jeder

einen schaumigen Milchkaffee neben

sich, schwingen sie mit Stiften und

Pinseln über ihre Malblöcke. So etwa

läuft ein Malkurs bei der Flensburger

Künstlerin Dany Heck ab. Über die Ergebnisse

sind Teilnehmer von Kursen

dieser Art oft selbst überrascht: „Ich

wusste gar nicht, dass ich solche Bilder

malen kann", schreibt zum Beispiel

eine Frau auf der Internetseite

von Isabella Moog, eine weitere Künstlerin

aus Flensburg. Andere Absolventen

schwärmen dort sogar: „Ich fühlte

mich so angenommen, wie ich bin

(...), fand Freude am Experimentieren

(...), so viel Individuelles und Farbigkeit

herausgeholt (...). Ich kann mich

gar nicht wieder einkriegen. Es sind

mir noch nie so viele gute Bilder am

Stück passiert."

Wo so viel Begeisterung möglich ist, ist

der Mitmach-Effekt groß. Malen und

Zeichnen haben sich zu neuen Volkshobbys

ausgewachsen. Lidl und Aldi

bieten Einsteigersets zum Aquarellieren,

Acrylmalen oder Zeichnen mit


Eine junge Hobby-Künstlerin während eines „Crossover"-Malkurses auf dem

Jugendhof Scheersberg.

Einblick in den Malkurs „Freies und experimentelles Aktzeichnen und Malen" der Flensburger

Künstlerin Isabella Moog.

unterschiedlichen Bleistiften an. Über

Cafes, Foyers und Behördenflure ist

eine regelrechte Flut von Ausstellungen

hereingebrochen. Auch die Liste

der malenden Prominenten wird länger:

Sänger Udo Lindenberg, Bremens

berühmtester Rentner Henning Scherf

und der verstorbene Spiegel-Journalist

Tiziano Terzani gehören dazu.

„Jeder ist ein Künstler", hatte schon

Joseph Beuys provoziert. Als Kunstprofessor

in Düsseldorf hatte er in den

70er Jahren das freie Kunststudium für

alle gefordert. Seine Absetzung war die

Folge.

Und wo stehen wir heute? Betrachtet

man Schleswig-Holstein, das mit vie-

Die gesammelten Werke der Teilnehmerin eines Akt-Malkurses bei der Flensburger Künstlerin Dany Heck. Die Bandbreite der Teilnehmerin reicht

von lustigen Fehlversuchen bis hin zu recht fortgeschrittenen Aquarellen.


len malerischen Gegenden und hervorragendem

Licht schon immer Künstler

angezogen hat, kann man nur feststellen:

ein ganzes Land voller Malkurse.

151 Volkshochschulen bieten welche

an, und das mit ziemlich konstanten

Teilnehmerzahlen (über 10 000 in

ganz Schleswig-Holstein im Bereich

Gestalten). Daneben gibt es private

Einrichtungen wie die Musik- und

Kunstschule Lübeck oder die Doris

Rüstig-Ladewig Stiftung in Schleswig.

Dazu kommen Erwachsenenbildungsstätten,

die größte ganz Deutschlands

- wen wundert's - auf Sylt: Das Nordseeheim

Klappholttal verzeichnet über

35 000 Übernachtungen jährlich. Kleinere

Ausführungen dieser Art sind die

Akademie Sankelmark und der - mehr

für Jugendliche gedachte - Scheersberg

in Angeln (jeweils rund 16 000 Übernachtungen

pro Jahr). Museen wie

Schloss Gottorf oder die Kieler Kunsthalle

bieten ebenfalls Malkurse an. In

Kiel kosten 13 mal zwei Stunden 125

Euro, in Gottorf 10 mal zweieinhalb

Stunden 98 Euro. Die Volkshochschulen

sind etwas günstiger.

Schließlich lassen sich Malkurse auch

direkt im Atelier eines Künstlers buchen.

Denn welcher freischaffende

Maler oder Graphiker - von denen es

allein 480 im Verband registrierte gibt

- kann schon vom Verkauf seiner Werke

leben? „So ziemlich alle Künstler

im Lande geben Kurse", schätzt Martina

Wittmaack von der Landesarbeitsgemeinschaft

Kunst Schleswig-Holstein

(LAG). Hinter dem langen Titel

verbirgt sich ein gemeinnütziger Verein,

der mit Hilfe des Ministeriums

für Jugend und Soziales kulturpädagogische

Einrichtungen unterstützt.

Und was kommt so heraus beim kreativen

Tun? Von „grässlich" bis zu „erstaunliche

Qualität" reichen die Urteile

von Kennern. Eins steht fest: So

unterschiedlich wie die Künstler sind

auch deren Kurse. Der eine legt Wert

auf detailgenaues Abzeichnen, ein an-

Mehrere Damen sitzen während eines Malkurses auf Schloss Gottorf unter der Leitung

von Heide Klencke vor historischen Gemälden. Als Vorlage für ihre Skizzen dient

ihnen ein Porträt von Julia von Reventlow, das die Künstlerin Angelika Kauffmann

1784 malte.

derer erwartet Ausdruck und stimmt

erstmal mit Musik und ein paar Yoga-

Übungen auf den Malprozess ein.

Wer jedoch seine Kurse dauerhaft füllen

kann, der schafft etwas sehr Wichtiges:

Zufriedenheit bei den Teilnehmern. Ein

gutes Bild gebe seinem Erschaffer „ganz

viel Input", sagt Martina Wittmaack. Er

sei dann „wie aufgeladen, auch für den

Alltag. Das macht nicht satt, aber es tut

gut", so die Sprecherin der LAG. Meistens

fänden allerdings nur Jugendliche,

Hausfrauen und Rentner Zeit dazu.

Von der gut tuenden Wirkung des

Kunstschaffens weiß man auch in der

Medizin. Am Universitätsklinikum

Schleswig-Holstein in Kiel arbeitet man

mit der Kunsttherapeutin Wibke Arts

zusammen. Sie hat überwiegend Patienten

aus der Psychiatrie. Aber auch Risikoschwangere

und Krebskranke würden

Maltherapie auf Rezept erhalten,

so Arts. Sie und alle ihre Kollegen

glauben, dass es für jeden Menschen

ein Material gebe, mit dem er künstlerisch

umgehen könne. Und es stärke

das Selbstwertgefühl enorm, wenn ein

psychisch angeschlagener Mensch entdecke:

„Hey, ich kann ja doch etwas."

Man möchte hinzufügen: Dieses Gefühl

können eigentlich alle Menschen

von Zeit zu Zeit gut gebrauchen.

Catrin Haufschild

Insbesondere das Akt-Malen erfreut sich unter

Hobby-Künstlern besonderer Beliebtheit.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine