Heilig Abend 2011

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Heilig Abend 2011

Christvesper 24.12.2011, 18 Uhr

St.-Petri-Kirche Langen

Pastor Matthias Clasen

Gnade sei mit uns und Friede von Gott,

dem Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Amen.

Liebe Festgemeinde!

1.

„Krise hin oder her – Weihnachten funktioniert

immer.“ das sagt kein frustrierter Pastor

angesichts seiner Weihnachtsgemeinde, sondern

(natürlich) der Vorsitzende der Werbegemeinschaft

„City-Skipper“: Weihnachten

funktioniert immer – sogar in Bremerhaven,

Krise hin oder her.

Das ist fast so peinlich und zugleich genial

wie der Werbeslogan, der mich nun schon

seit Wochen nicht mehr loslässt, und damit

hat er ja sein Ziel erreicht: man vergisst das

so schnell nicht wieder: „Weihnachten wird

unterm Baum entschieden.“ Ein genialer

Spruch. Weil sich die Werbung damit selbst

auf den Arm nimmt. Weil sich die weihnachtliche

Geschäftemacherei augenzwinkernd

selbst demaskiert. Weihnachten ist

längst nicht mehr nur ein Fest. Auch kein

Spiel. Sondern ein Kampf. Ein Kampf um

Kundschaft und Rendite.

Aber ich will nicht meckern, das gehört hier

nicht hin, und ich mach ja selber mit, wie wir

alle, und zwar meistens gerne. Es liegt doch

in unserer Hand, wie der Kampf ausgeht, ob

es ein Kampf ist oder ein Fest wird. Ob wir

nachher erschöpft unterm Baum liegen, geschlagen

und ermattet von der Schlacht der

letzten Tage und Wochen. Oder ob wir da als

Gewinner sitzen, reich beschenkt mit den

schönsten Gaben, die sich denken lassen: der

Liebe Gottes, die für kein Geld der Welt zu

haben ist.

Denn es stimmt ja, trotz allem: Weihnachten

wird unterm Baum entschieden. Noch immer.

Gott sei Dank! Weil da, wie in jedem Jahr,

die Krippe steht. So ist es, seit ich denken

kann, und so soll es auch bleiben.

2.

Wenn die Gottesdienste endlich vorüber waren

und die elende Warterei für uns alle,

mein Vater nach drei Christvespern er-


schöpft, aber glücklich aus seiner Kirche

kam, saßen wir Kinder schon auf Kohlen in

der Küche, während er noch mal schnell im

Wohnzimmer verschwand, das schon seit

Tagen für uns absolut tabu war. Die Spannung

war kaum auszuhalten.

Aber jetzt endlich sahen wir durch die kleine

Scheibe in der Küchentür, wie im Flur das

Licht ausging, und über unser aufgeregtes

Schnattern und Lärmen hinweg hörten wir

von ferne das feine Klingeln des Glöckchens,

das nur zu Weihnachten erklang. Für uns das

erlösende Zeichen: wir sprangen auf und

stürmten in den Flur, vor die große weiße

Tür, die sich nun ganz langsam öffnete. Und

indem wir zusammen „Ihr Kinderlein kommet“

sangen, zogen wir ein in die gute Stube,

die heute so besonders roch und glänzte, auf

den großen Baum zu mit seinen verzauberten

Kerzen, die den ganzen Raum in ein goldgelbes

Licht tauchten: Was für eine Herrlichkeit!

Verstohlen schauten wir nach links und

rechts, wo die Tische standen mit den Geschenken,

aber sie waren, wie immer, mit

weißen Tüchern abgedeckt.

Es half also nichts: zuerst mussten wir den

Baum bewundern, und natürlich: die Krippe.

Da stand sie, wie immer, direkt unterm

Baum, klein und unscheinbar, vom Kerzenwachs

der Jahre betropft, und wir drumherum,

mit roten Backen und feuchten Händen

– und das sicher nicht nur wegen der Krippe.

Aber wir sangen zusammen:

„Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf

Stroh;/ Maria und Josef betrachten es froh;

die redlichen Hirten (- ich verstand immer:

die rötlichen Hirten, aber das wunderte mich

irgendwie nicht, die waren sicher genauso

aufgeregt wie wir mit unseren roten Backen!):

die rötlichen Hirten also knien betend

davor, hoch oben schwebt jubelnd der Engelein

Chor.“

So haben wir gesungen, sicher nicht mit völlig

ungeteiltem Herzen, denn viel Platz nahmen

da natürlich die Geschenke ein. Aber

eines haben wir bestimmt begriffen und gespürt

und in unser Leben mitgenommen, und

dafür bin ich dankbar bis heute: Hier, bei uns

unterm Baum, wird Weihnachten entschieden,

und nirgendwo sonst. Hier hat es sich

entschieden, schon vor langer, langer Zeit.


Hier hat sich Gott für uns entschieden, auch

für mich und für dich. Und er tut es, alle Jahre

wieder. Das ist sein Geschenk. Und zugleich

der Grund für all die Geschenke, auf

die wir uns nun, endlich, endlich! stürzen

konnten. Und das war wahrlich ein Kampf,

eine Schlacht, bei fünf Kindern und zwei erschöpften

Eltern. Loriot hätte seine helle

Freude an uns gehabt – und der liebe Gott

sowieso, bei dem er jetzt zuhause ist und gemeinsam

mit ihm schmunzelt über unser verrücktes

Weihnachtstheater...

3.

Ja, Weihnachten wird unterm Baum entschieden,

da wo die Krippe steht, bei jedem

von uns und in jeder Figur, die dort unterm

Baum steht:

Bei Maria in ihrem blauen Gewand, die

junge Frau, die sich für ihr Kind entscheidet,

fürs Leben, auch wenn die Umstände

so schwierig sind, sie eigentlich noch viel

zu jung ist und der Vater nicht ganz klar.

Aber sie hat Vertrauen, Vertrauen ins Leben,

Vertrauen in Gott, und auch in ihren

Verlobten: Das wird schon gut gehen. Gott

steht dahinter. Er hat es ihr selbst versprochen.

Er ist ja ein Gott des Lebens.

Und ganz nah neben ihr der Josef, auf seinen

Wanderstab gestützt, der auf seine alten

Tage noch einmal ganz jung wird, Vater

wird, obwohl er gar nicht weiß, ob er es

wirklich ist. Aber er liebt seine Maria, und

er wird sie trotzdem heiraten, und dem

Kind alles geben, was es braucht, denn er

hat es lieb, und das ist alles, was zählt. Er

hat sich entschieden. Weil er spürt, dass in

diesem Kind Gott ist, das Leben, die Zukunft.

Dass Gott sich in ihm für uns Menschen

entschieden hat – und das immer

wieder tut, in jedem Kind, das er ins Leben

ruft mit unserer Hilfe.

Ja, und dann das ganze Volk drumherum,

herbeigeeilt vom Feld, von der Herde, ihrer

anstrengenden Arbeit, aus ihren

manchmal so friedlosen Häusern und Familien,

ihrem rastlosen Alltag – so wie wir

heute Abend hierher in die Kirche gekommen

sind, zur Krippe, dorthin, wo sich

Weihnachten wirklich entscheidet, wo wir

– für einen Moment wenigstens – zur Ruhe

kommen und etwas spüren von dem

Frieden, der aller Welt versprochen ist:

wie die Hirten, grob geschnitzt, die Hüte

tief in die Stirn gezogen gegen den Wind


und den Regen und die Kälte; sie bleiben

ein wenig auf Abstand, aber sie sind da

und sie staunen; einer kniet sogar vor der

Krippe, mit dem Hut in der Hand und dem

Stock in der andern, einer, der sonst so

stark ist und immer aufrecht steht, jetzt

hält er inne und lässt sich berühren von

dem, was ihm da entgegenstrahlt, ganz

unverdient;

dann ihre Schafe, ein schwarzes ist auch

immer dabei; selbst die scheinen zu ahnen,

wie unerhört das ist, was hier geschieht,

und dass auch sie gemeint sind, besonders

das schwarze…

und natürlich die drei Könige, die Weisen

aus dem Morgenland, gebildete, wohlhabende

Menschen wie wir, die immer noch

genug zum Schenken haben und es auch

gerne geben: Gold, Weihrauch, Myrrhe –

das beste eben, was es gibt. Das spenden

sie dem Kind, und das ist wie ein Gebet:

sie knien dabei nieder – so wie wir bereit

sind, etwas abzugeben für die Kinder und

Notleidenden dieser Welt – und damit zugleich

Gott die Ehre geben.

Und schließlich Ochs und Esel, die dürfen

auf keinen Fall fehlen, die stehen hinter

der Krippe, blicken ein wenig irritiert hinunter

auf das, was da in ihrem Futtertrog

liegt und heute viel wichtiger ist als ihr

Futter, auch als der Braten nachher –

obwohl oder gerade weil es nur ein Kind

ist, das ihnen da den Futterplatz belegt:

sehr unscheinbar, winzig klein und völlig

hilflos – und doch schon in der Lage, alle

Blicke auf sich zu ziehen, die Herzen der

Menschen zu erfüllen und in ihnen eine

Liebe zu wecken, die größer ist als alle

Vernunft: Jesus Christus, der Friede der

Welt.

4.

Ich weiß nicht, liebe Gemeinde, ob ich als

Kind jemals die Geduld hatte, mir die Krippenfiguren

in aller Ruhe anzusehen. Aber ich

spüre, dass mir das von Jahr zu Jahr wichtiger

wird. Weihnachten wird unterm Baum

entschieden. Auch wenn die Krippe bei uns

auf dem Klavier steht. Aber der Berg von

Geschenken schrumpft von Jahr zu Jahr und

verliert an Bedeutung. Denn was mich wirklich

erfüllt und reich macht, das kann ich

nicht kaufen, das liegt da in der Krippe, wo

Gott sich für mich entschieden hat. Amen.

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