Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts

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Lehrbuch des katholischen Kirchenrechts

Lehrbuch des

katholischen Kirchenrechts.


Lehrbuch

des

katholischen Kirchenrechts.

Von

Dr. J. B. Sägmüller,

Professor der Theologie an der Universität Tübingen,

Freiburg im Breisgau.

Herder sc he Verlagshandlung.

1904.

Zweigniederlassungen in Wien, Stiafsburg, München und St. Louis, Mo.


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MAR 1 b 1976

Alle

Rechte vorbehalten.

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Buchdnickerel der Herder9ch(>n Verla^bandlnng tn Freibarg.


Lehrbuch

des

katholischen Kirchenrechts.

Von

Dr. J. B. Sägmüller,

Professor der Theologie au der Universität Tübingen.

Erster Teil.

Einleitung. Kirche und Kiichenpolitik. Die Quellen des Kiichenrechts.

Freiburg im Breisgau.

Herder sc he Verlagshandlung.

1900.

Zweigniederlassungen in Wien, Strafsburg, München und St. Louis, Mo.


i 1

Imprimatur.

Friburr/i Brisgoviue, die 1. üctobris 1900.

4- Thomas, Archiep~ps.

Alle liechte vorbehalten.

Üucfadruckcrai der Uerdorschen Verlmgahandluog in Freiburg.


Vorwort.

Die auf der Hand liegenden Vorteile, welche ein Lehrbuch für

die akademische Lehr- und Lernthätigkeit bietet, lassen es mich

wagen, die Zahl der bereits vorhandenen, zum Teil ganz gediegenen

Lehrbücher des katholischen Kirchenrechts um ein weiteres zu vermehren.

Diese Vorteile erschienen mir als so grofs, dafs ich mich

zur Herausgabe eines solchen Lehrbuchs entschlofs, obgleich meine

akademische Lehrthätigkeit wenigstens als Dozent des Kirchenrechts

noch nicht ein Lustrum währt und obgleich im allgemeinen der Satz

gilt, dafs erst eine längere Thätigkeit auf dem Katheder das für ein

Lehrbuch richtige Mafs und die hierfür geeignete Form treffen lasse.

Allein zu einiger Entschuldigung kann ich anführen, dafs ich schon

lange vorher, ehe ich das Kirchenrecht als akademischer Lehrer vorzutragen

hatte, mich mit dieser Disziplin eingehender zu beschäftigen

durch meine Stellung verpflichtet war und dafs fast alle meine

litterarischen Arbeiten seit mehr als einem Decennium auf dem Gebiete

des kanonischen Rechts sich bewegten. Wenn ich dann mein

Lehrbuch in Teilen erscheinen lasse, so soll das Ganze, dessen

zweiter Teil die Verfassung und dessen dritter die Verwaltung der

Kirche enthalten wird , nach etwas über zwei Jahren vollendet

vorliegen.

Doch glaube ich, dafs hier drei Punkte einer näheren Erklärung

bedürfen: die geschichtlichen Ausführungen, der Wechsel im Druck

und die eingehenden Litteraturangaben.

Zum ersten meine ich, dafs die kirchenrechtlichen Institutionen

ohne ihre Geschichte nicht verstanden werden können und dafs daher

der Lehrer des Kirchenrechts wie verpflichtet so berechtigt ist, diese

Geschichte einläfslicher zu behandeln.


jy

Vorwort.

Um aber die historischen Absclinitte gegenüber den rein sachliilii'ii

ktnntlicrli /u maclion , worden sie in der Kegel in Mitteldnick

(Borgislettein) gegeben. Solcher Druck wird da und doli auch angewandt

bei verhältnisniäfsig weniger wichtigen, aber doch wieder

nicht zu übergehenden und dabei auch als Ganzes darzustellenden

Materien; ferner bei etwaigem näherem Eingehen auf kontroverse

Punkte, die übrigens in der Kegel in einem Lehrbuch mehr nur anzudeuten

sind, indem die nähere Auseinandersetzung dem mündlichen

Vortrag überlassen werden nmfs: endlich bei Anführung des partikularen

Kechts. Ein Lehrbuch will und kann vor allem nur die

Prinzipien geben. Wollte es sich aber der Kücksichtnahme auf die

partikulare kirchliche Gesetzgebung und die staatlichen Gesetze über

kirchliche Dinge ganz entschlagen, so würde es zu wenig Fühlung

mit dem praktischen Leben nehmen. Dafs jedoch aus der Masse des

partikularen Rechts nur das AUernotwendigste verzeichnet werden

kann, ist selbstverständlich.

Zum dritten haben die eingehenden, manchem vielleicht als zu

weitgehend erscheinenden Litteraturangaben den Zweck, dem Schüler

den Weg zu selbständiger Weiterarbeit zu weisen und eine Art

neuester Geschichte der Disziplin zu bieten. Vollständigkeit hierin

kann in einem Lehrbuch nicht erreicht werden. Aus der älteren

Litteratur werden immer nur Ifauptwerke angegeben. Bei dem

gi'öfseren Umfang der Litteraturangaben ist die durchgehende Signalisierung

der akatholischen Schriftsteller so gut wie unmöglich,

wird daher auch fast ganz unterlassen.

Dem dritten Teil wird das Register beigegeben.

Tübingen, im September 1900.

Der Verfasser.


Inhaltsverzeichnis.

V r w

r t

Einleitung.

1. Das Recht

2. Die Kirche

3. Das Kirchenrecht ........

4. Das Kirchenrecht als Wissenschaft ....

5. Das System des Kirchenrechts .....

6. Die Stelhing des Kirchenrechts zu andern Wissenschaften

7. Die Hilfswissenschaften des Kirchenrechts

8. Die neuere Litteratur des Kirchenrechts

Seite

III

1

2

4

9

12

.13

14

18

Erstes Biicli.

Kirche nnd Kirrlienpolitili.

Erstes Kapitel.

Die Kirclie.

§ 9. Wesen und Eigenschaften der t? 10. Die Kirchengewalt.........

§ 11. Die Verfassung der Kirche

§ .........

12. Die Hierarchie

22

23

25

81

Zweites Kapitel.

Kirclie

und Staat.

§ 13. Das prinzipielle Verhältnis von Kirche und Staat

4? 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat

Drittes Kapitel.

Die Kirche und die

§ 15. Die Kirche und die Ungetauften ......

andern Religionssesellschaften.

§ 16. Die Kirche und die andern christlichen Konfessionen .

32

38

54

55


VF

InhnltHverzoiclinis.

S

17. DtT jmriUltisrlie Staat

§ IS. TrcMinung von Kirclic iiinl .Staat

8«iU

63

Zweites Buch.

Die i^iielleii

des Kircliciirechts.

4? 19. I5(').,MilV und Kiiitt'iliing

65

Erster

Ahsclinitt.

Die materiellen Quellen des Kirchenrechts.

Erstes Kapitel.

Die matpripllen Quellen «les gemeinen Kirelienreclits.

§ 20. Das Natiirrcclit. Die Hoilif,'e Sclirift. Die Tradition .

S 21. Die allgemeini-n Konzilien

§ 22. Der Papst

§ 23. Die Knriaibi'liörden nnd Kardinalskongregationon. Der Kurialstil

Die päpstlichen Kanzleiregeln .......

§ 24. Die Gewohnheit. Der Gerichtsgebrauch. Die Doktrin

66

68

69

Zweites

Kapitel.

Die materiellen (incllen des itartiknlarcn Kirclienreclils.

§ 25.

Z w e i 1 r Abschnitt.

Die formellen Quellen des Kirchenrechts.

8 33.

8 34.

§ 35.

§ 36.

HegrilV und Kinteihing

I. Hie Rcclitssammlnn:;)'!! Iiis zum ('or|ins iuris canonici.

Die pseudnapostolisclien .Sammlungen ......

Die .Sammlungen des Orients

Die .Sammlungen des Occidents bis Pseudoisidor


Inhaltsverzeichnis.

VII

. . . . . 114

§ 37.

Seite

Die Capitula episcoporum. Die Püniteiitialbücher. Die Ritual- iiiul

Formelbücher ........... 112

§ 38. Die Samniluiigen des weltlichen Rechts

§ 39. Die Kapitulariensanimlung des Benedikt Levita. Die Capitula Angilramni.

Die pseudoisidorische Sammlung . . . . . 116

§ 40. Die Sammlungen von Pseusoisidor bis Gratian 122

II. Die Teile des Corpus iuris canonici.

§ 41. Das Decretum Gratiani 126

§ 42. Die Compilationes antiquae ......... 129

§ 43. Die päpstlichen Dekretalensammlungen : die Dekretalen Gregors IX. ;

der Liber sextus; die Klementinen. Die Glossatoren . . . 131

§ 44. Die Extravagantensammlungen 135

§ 45. Das Corpus iuris canonici als Ganzes und seine heutige Geltung . 136

§ 46. Die Rechtssammlungen nach dem Corpus iuris canonici . . . 139

S. 5, Anm. 2 lies 1842 statt 1872.

S. 25, Z. 2 von unten lies 188-1 statt 1883.

Bci'ichtiguiigeii uiul Zusätze.

S. 26, Z. 12 V. oben füge bei: St. v. Diinin-Bui-Jcowfi!ci, Studien zur ältesten Litteratur über den

Ursprung des Episkopats (Hist. Jb. XXI [1900], 221 ff.).

S. 41, Anm. 1 lies curav. statt cura V.

S. 52, Z. 18 V. o. lies Art. V, § 17 statt Art. Ill, § 14.

S. 68, Z. 4 V. o. lies D. XV—XVII statt XV—XVIII.

S. 91, Z. 15 V. u. lies Decr. Grat. D. I-XX statt I—XXI.

S. 104, Z. 6 V. u. füge bei: C. H. Turnet; Eccles. occid. mouumonta iur. antifiuissinia. 1899 sqq.

h'. Jluiilei; Didascaliae apostolorum fragmenta Veronensia latina. 1900 sqq.

8. 117, Z. 19 von u. lies IL statt IXL.


A I) k ü r z II n i»- (; ii.

A. =^ Archiv.

BG. = ßundcsgesotz.

BGB. = Bürgerliches Gesetzbuch.

D., d. — deutsch.

EG. r^ Einführungsgesetü; xuui Büigcriichen Gesetzbuch.

K. - Kirche.

k. ^^ katholisch.

KR. --^ Kirchenrecht.

Jb., Jbb. — Jahrbuch, Jahrbücher.

MA. = Mittelalter.

RG. :^ Keichsgesetz.

St. =^ Staat.

Th. ^ Theologie.

Tb. (jsch. - Theologische Quartalsclirirt.

Z. ^ Zeitschrift.

ZA. — Zeitalter.


Einleitung.

§ 1.

Das Recht.

Th. Meyer, Die Grundsätze d. Sittlichkeit u. d. Rechts (1868j S. 79 ff. Ders.,

Institutiones iuris naturalis I (1885 sqq.), 351 sqq. L. Arndts, Jurist. Encyklopädie

u. Methodologie, 9. Aufl. bes. v. E. Grueber (1895), S. 10 ff'. V. Cathrein, Moralphilosophie

I (.3. Aufl. 1899), 412 ff. E. Holder, Über objekt. u. Subjekt. Recht.

1893. F. Bahn, Über d. Begriff d. Rechts. 1895. J. Haring, Der Rechts- u. Gesetzesbegriff

in d. kathol. Ethik u. modernen Jurisprudenz. 1899.

Ohne Anschlufs an seinesgleichen kann der Mensch sein natürliches

und übernatürliches Lebensziel nicht erreichen. Durch diesen

Anschluis bilden sich Gesellschaften. Es entstehen wechselseitige

Verhältnisse zwischen den einzelnen Individuen, dem Individuum und

der Gesellschaft, und umgekehrt, Befugnisse auf der einen, Verpflichtungen

auf der andern Seite, Rechte und Pflichten. Eine Befugnis

zu irgend einer Bethätigung des Willens, die einem Individuum zusteht,

ist ein subjektives Recht. In einer Gesellschaft müssen diese

Befugnisse der Individuen geregelt sein. Die Regel oder der Inbegriff

von Regeln, wonach die Handlungen der Menschen im Verhältnis zu

andern sich richten müssen, bildet das objektive Recht, Der beharrliche

Wille, dem Rechte gemäfs zu handeln, ist die Gerechtigkeit,

„lustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique

tribucndi."! Unrichtig leiten daher die Pandekten und Gmtian „jus"

von „iustitia" ab: „Nomen iuris est a iustitia appellatum; nam . . .

ius est ars boni et aequi" 2.

QH^]I§jmid_IIrheber des Rechts ist Gott, und zwar nicht blofs

mittelbar, insofern er die Menschen den notwendig Recht hervorbringenden

sozialen Bedürfnissen unterworfen, oder insofern als er

ihnen die Rechtsidee gegeben hat. sondern durch die Begründung des

'

Pr. Inst, de iust. et iure I, 1. L. 10, D. h. t. I, 1.

2 L. 1, D. h. t. I, 1 ; c. 2, D. I.

Sägmüller, Kirchenreclit. I.Teil.


:

2 Einleitung.

Naturreclits. Naturrecht aber ist alles, was jemand von Natur au»

als das Soinige zukommt und zu dessen Leistung die natürliche Gerechtigkeit,

unabhängig von jedem positiven Gesetze, verpflichtet. Die

Thatsächlichkeit des Naturrechts anerkannte das römische Hecht und

lehrt die Heilige Schrift. „ /Ai* Sf^'i '-"''uo; zZirr^iw. iiv^ y.a'i odttur^ h-in.

Omnis lex inventum ac munus Dei est." ^ „Qui ostendunt opus legis

scriptum in cordibus suis" -, und: „Non est enim potestas nisi a Deo" ^.

Aber die Entfaltung und die Ausgestaltung des Hechts ist ein geschichtliches

Produkt der menschlichen Thätigkeit: positives Hecht .

Wegen der Bedeutung, die das Hecht für die Freiheit des Einzelnen

und den Bestand der Gesellschaft hat, mufs es gegen solche,

die ihm Hindernisse bereiten, mit Gewalt durchführbar, erzwingbar

sein. Doch ist die Erzwingbarkeit kein wesentliches Moment im Begriff

des Hechts, sondern nur ein integrierendes.

Es giebt viele Hechte,

die wegen ihrer Natur oder wegen der Umstände nicht erzwingbaisind.

Auch ist nicht alles, was erzwingbar ist, Hecht. Dem äufseren

Zwang mufs eine innere, vernünftige Notwendigkeit zu Grunde liegen

in ihr besteht das Wesen des Heclits. Immerhin aber ist die Erzwingbarkeit

ein integrierendes Moment im Begriff des Rechts. Je

mehr eine Gesellschaft diese Erzwingbarkeit hat, desto vollkommener

ist ihr Recht. Am vollkommensten erscheint das Hecht also im Staate.

Was das Verhältnis zwischen Recht und Moral betrifft, so mufs

das Recht, als ebenfalls auf dem Willen Gottes beruhend, auch sittlich

sein. Eine Rechtsnorm, die gegen die Moral geht, ist kein Hecht

und hat keine verpflichtende Kraft. Aber Recht und Moral unterscheiden

sich doch wieder. Das Recht regelt das Verhältnis des

Menschen zu andern, die Moral vor allem jenes zu Gott. Das Recht

bezieht sich vor allem auf die Handlungen des Menschen nach aufsen

hin, die Moral auf die Richtung des Willens, auf die Gesinnung. Das

Recht erzwingt nötigenfalls eine Handlung. Die Moral erkennt einer

erzwungenen Handlung keinen Wert zu; sie will freie Selbstbestimmung

zum Guten.

'

Die

§ 2.

Kirche.

J. A. Mnhler, Die Einheit in d. Kirche. 2. Aufl. 1^*43. J. Köxtlin, Das Wesen

d. K. 2. .\ufl. 1872. A. GöpfeH, Die Katholizität d. K. 1n76. J. Deby, Die eine

wahre K. 1879. R. Södei; Der Begriff d. Katholizität d. K. u. d. Glaubens. 1881.

R. Secherg, Der Begriff d. christl. K. 1. Studien "z. Gesch. d. Begriffs d. K. 1885.

J. B. Franzelin, Theses de ecclesia Christi. 1887. 77i. Specht, Die Lehre v. d. K.

' L, 2, D. de legibus etc. I, 3. « Rom. 2. 14.

' Rom. 1?.. 1. Dict. Grat, prooem. D. I, V.


§ 2. Die Kirche. 3

n. d. hl. Augustinus. 1892. P. Schanz, Der Begriff d. K. (Th. Qsch. LXXV [1893],

531 fF.). H. Schmidt, Die K., ihre bibl. Idee u. d. Formen ihr. geschichtl. Erscheinung

in ihr. Unterschied v. Sekte u. Häresie. 1893. W. Honig, Der kath. u. prot. Kirchenhegriff.

1894. P. Schanz, Apologie d. Christentums, 2. Aufl., 3. Tl. : Christus u. d.

Kirche (1898) S. 53 ff.

Der Begriff der Kirche hat den der Religion zur Voraussetzung.

Die Religion aber ist die Erkenntnis und Verehrung Gottes. Die Etymologie

des Wortes ist freilich zweifelhaft. Cicero leitet dasselbe von

relegere ab i. Hiernach ist die Religion die Berücksichtigung dessen,

was sich auf den Dienst Gottes bezieht. Laktanz verteidigt die Ableitung

von religare, weil wir durch die Religion wieder mit Gott verbunden

werden 2.

Augustinus giebt die Ableitung religere = reeligere,

weil wir durch die Religion Gott, den wir verloren, wieder Avählen^.

Die natürlichen Religionen der heidnischen Völker und die übernatürliche

des jüdischen Volkes hatten einen nationalen Charakter,

waren mit dem jeweiligen Staate aufs engste verbundene Volksrehgionen.

Jesus Christus, der Sohn Gottes, hat aber die vollkommene,

übernatürliche Religion für alle Zeiten und alle Völker,

die Weltreligion gelehrt. Um diese zu erhalten und zu verbreiten,

um allen Menschen bis ans Ende der Zeiten die Erkenntnis der geoffenbarten

Wahrheit, die rechte Gottesverehrung, den Empfang der

Gnade und die Erreichung der Seligkeit zu ermöglichen, hat er eine

für die ganze Menschheit bestimmte, von den Staaten verschiedene

Religionsgesellschaft gestiftet, welcher er Vorsteher als Verwalter

seiner Lehre, Gnadenmittel und Gewalt gab *. Er selber nannte diese

Religionsgesellschaft zweimal „ecclesia" : „. , . super hanc petram

aedificabo ecclesiam meam", und: „. , , Die ecclesiae; si autem ecclesiam

non audierit, sit tibi sicut ethnicus et publicanus" ^. So bezeichneten

dieselbe auch die Apostel zu wiederholten Malen *5. Die

romanischen Völker rezipierten diesen Ausdruck „ecclesia"; die germanischen

und slavischen bildeten ihrem Idiom entsprechend die Bezeichnung

xuptaxuu sc, ocxelou'', oder xopiaxi] sc, olx'ia um^. Eine offi-

'

De nat. deorum 1. 2, c. 28. ^ Institut, divinae 1. 4, c. 28.

3 De civit. Dei 1. 10, c. 32.

^ Matth. 16, 18 f.; 18, 18. .Joh. 20, 21 ff.; 21. 15 ff. Matth. 28, 18 ff. Luk.

22, 19. ° Matth. 16, 18; 18, 17.

« 1 Kor. 15, 9. Gal. 1, 13. Eph. 1, 22. 1 Tim. 3, 5. Aufserdem wurde die

Bezeichnung Jvirche" für die einzelne christliche Gemeinde gebraucht: Apg. 14, 23;

15, 41; 20. 17. Rom. 16, 1. 2 Kor. 8, 1. Kol. 4, 15. Offi). 1, 4.

^

Euseh. Hist. ecclesiast. 1. 9, c. 10.

^ H. F. Jacobson, Kirchenrechtl. Versuche z. Begründung e. Systems d. KRs.

Über die Individualität des Ausdrucks u. Begriffs „Kirche" I (1831), 58 ff. J. u.

1*


4 Einleitung.

zielle Deliiiition von


§ 3. Das Kirclienrecbt. 5

L. Bendix, K. u. KR. M. Eeischle, Sohms KR. 1895. — H. Gerlach, Logisch-jurist.

Abhandlung üb. d. Definition d. KRs. 1862. K. Grofs, Zur Begriffsbestimmung u.

Würdigung d. KRs. 1872. E. Friedbenj, Das kanon. u. d. KR. 1896.

I. Die Kirche wurde von Christus gestiftet als eine vollkommene,

unabhängige, mit allen zur Erreichung ihres Zweckes nötigen Mitteln

ausgerüstete Gesellschaft. Die Vorsteher in ihr haben die Befugnis,

zu befehlen, die Gläubigen die Pflicht, zu gehorchen. Daher giebt es

Recht in der Kirche. Es giebt ein Kirchenrecht.

Demgemäfs ist falsch die Behauptung, dafs die Kirche nur so

weit Rechte habe, als der Staat ilii' solche zuerkenne, oder sie erzwinge,

dafs die kirchlichen Satzungen an sich nur ethische, nicht

juristische Normen, ja etwa gar nur Beliebungen (!) ^ seien. Die

Kirche ist nicht durch den Staat, noch in erster Linie und allein für

ihn gegründet, noch auch geht sie in ihm auf. Sie ist in ihrer Existenz

ganz unabhängig vom Staate. Daher auch in ihrem Wesen

und in ihrem Rechte. Ihr Recht darf nicht angesehen werden weder

als Staats-, noch als Privatrecht, noch als Teil von diesen. Das

Kirchenrecht tritt als drittes, selbständiges Recht neben' das Staatsund

das Privatrecht 2. Was dann die Erzwingbarkeit des Kirchenrechts

betrifft, so wurde bereits bemerkt, dafs dieselbe kein essentielles,

sondern nur ein integrierendes Moment im Begriff des Rechts

ist. Es ist aber überdies unrichtig, dafs die Kirche kein erzwingbares

Recht habe. Wenn sie hinsichtlich des physischen Zwanges heutzutage

immerhin fast ganz auf den Staat angewiesen ist, so besitzt

sie doch psychischen Zwang durch die Seelsorge , Versagung der

Gnadenmittel und Entziehung einzelner, oder aller Rechte innerhalb

der Kirche. Hierdurch entfaltet sie nicht nur gegen ein einzelnes

Glied, sondern in Zeiten des Konflikts zwischen ihr und dem Staat

gegen letzteren eine Gewalt, die mächtiger und vollkommener ist, als

die staatliche selber. Daher verwirft auch der Syllabus in Nr. 24 den

Satz: „Ecclesia vis inferendae potestatem non habet, neque potestatem

ullam temporalem directam vel indirectam" ^. Die widerlegten Behauptungen

kommen besonders aus der Anschauung, als ob die Existenz

jedes Rechts von der staatlichen Anerkennung abhängig sei. Das

ist so unrichtig, dafs die Existenz des Staates selbst schon den Begriff

des Rechts und das Vorhandensein von Rechten voraussetzt.

Staatsaufgabe ist es dann , die vorhandenen Rechte durch Gesetze

zum Ausdruck zu bringen, in Wirkung zu setzen und zu schützen.

>

So F. Thudkhiun, Deutsch. KR. I (1877). 6.

2 F. J. Biifs, Die Methodologie d. KRs. (1872) S. 81 ff.

^ Pius VI. ^Auctorem fidei" (28. Aug. 1794). Propos. damu. 4. 5.


g

Einleitung.

Neuenlings wurde die Behauptung aufgebteilt, dafs das Kirchenre cht

niit_d_em Wesen der Kirche im Widerspruche stehe '. Es wird gesagt, die

Kirche sei kraft ihres Ideals und Wesens die Christenheit, das Volk und

Heich Gottes, der Leib Christi auf Erden. Es sei undenkbar, dafs das Reich

Gottes menschliche (rechtliche) Verfassungsformen, dafs der Leib Christi

menschliche (rechtliche) Herrschaft an sich trage. Das Wesen des Rechts

sei dem idealen Wesen der Kirche entgegengesetzt ^ Die Urkirche habe nur

charismatische Organisation gehabt. Der Lehrbegabte habe auf Grund seines

(Jharismas die in der christlichen Versammlung notwendigen kirchlichen

Funktionen vorgenommen. Nun bildeten sich aber chri.stliche Gemeinden als

organisierte Körperschaften. Die Feier der Eucharistie in den Hauptversammlungen

brachte die Bischöfe, Ältesten, Diakonen hervor, welche an Stelle der

charismatisch Begabten funktionierten. Da sei die Gefahr eingetreten, dafs

diesen von den Gemeindeangehörigen der Gehorsam verweigert wurde. In

diesem Augenblick habe sich die Einführung rechtlicher Ordnung als geschichtliche

Notwendigkeit erwiesen. Das Kirchenrecht sei gekommen, und durch

das Kirchenrecht habe sich das Urchristentum in katholisches Christentum

verwandelt. Der Katholizismus habe dann auf allen .Stufen der Kirchenverfassung

an die Stelle des göttlichen Geistes, welcher die Kirche leiten

und in alle Wahrheit führen soll, menschliche Gewalthaber gesetzt, welche

kraft formalen Rechts beanspruchten, an Gottes Statt die Christenheit zu

regieren. Aus einer geistlichen Gemeinschaft sei unter den Händen des

Katholizismus eine Rechtsgemeinschaft, aus dem Leib Christi ein mit irdischer

Gewalt regierter Rechts- und Verfassungskörper geworden *.

Aber diese angebliche charismatische Organisation der Kirche ist eine

ebenso der menschlichen Vernunft , wie der Geschichte der Kirche widersprechende

Contradictio in adiecto. Aus dem Neuen Testament läfst sich

geschichtlich erweisen, dafs die Kirche von Anfang an rechtliche Organisation

hatte, wovon unten bei der Darstellung des Wesens, der Gewalt und Verfassung

der Kirche (Buch I, Kap. 1 ,

§ 9 — 12). Und wenn je die charismatische

Verfassung das Ursprüngliche gewesen wäre , so ist die Frage, ob

sie für immer bleiben sollte, oder konnte. Da wird nun zugestanden, dafs

das Eintreten einer rechtlichen Verfassung der Kirche eine geschichtliche

Notwendigkeit war. Diese Notwendigkeit des Kirchenrechts kann aber

doch dem Begriif der Kirche nicht widersprechen, weil das Notwendige nicht

begriflFswidrig sein kann. Also steht das Kirchenrecht mit dem Wesen der

Kirche nicht im Widerspruch. Und wenn es je so wäre , dann wäre das

katholische und protestantische Kirchenrecht zu Nutz und Frommen des

Sektenwesens zu beseitigen *.


5oĻs KR. S. 1 ff. 2 Ebd. S. 2.

* Ebd. S. 16— 4ö9, zusammenfassend S. 456 ff.

A. f. k. KR. LXVIII (1892), 445 ff. M'. Kahl, Lehrsystem d. KRs. u. d. Kirchenpolitik

(1894), 1. Hälfte, S. 70 ff. E. Friedberg, Lebrb. d. kath. u. evang. KKs.

(4. Aufl. 1895) § 2, A. 1.


§ 3. Das Kirchenrecht. 7

So verwirft denn der Syllabus in Nr. 19 die Lehre: „Ecclesia

non est vera perfectaque societas plane libera, nee pollet suis propriis

et constantibus iuribus sibi a divino suo fundatore collatis, sed. civilis

potestatis est definire, quae sint ecclesiae iura ac limites, intra quos

eadem iura exercere queat".

II. Begrifflich ist das Kirchenrecht im objektiven Sinne die

Summe aller von Gott und von der Kirche gegebenen Gesetze, durch

welche das Verhältnis der Kirche als Ganzen zu ihren Gliedern und

den aufserhalb Stehenden, sowie die kirchlichen Beziehungen der

einzelnen Glieder der Kirche geordnet werden, Oder kurz: das

Kirchenrecht ist die äufsere Rechtsordnung der von Christus gegründeten

Religionsgemeinschaft.

Kirchenrecht im subjektiven Sinne aber

sind die der Kirche und ihren Gliedern auf Grund des objektiven

Kirchenrechts zustehenden Befugnisse.

III. Was den Namen betrifft, so bezeichnete man als „yf«vö>v"

(canon , regula , d. h. Richtschnur) ursprünglich sowohl die einzelne

Regel für christliches Glauben und Handeln, als auch die ganze

Summe und den Komplex der dafür mafsgebenden Normen i. Seit

dem 4. Jahrhundert wurden so genannt die einzelnen Synodalbeschlüsse

und kirchlichen Gesetze gegenüber den „vo/^o:" der Kaiser'^. Auch

wurde die ganze kirchliche Rechtsordnung als yjvjäiv (opoc) ixxXrjmaorixöc,

bezeichnet 3. In der Folgezeit waren für die einzelne kirchliche

Verordnung Ausdrücke gebräuchlich wie : ius canonum *, ius

canonicum •5, canonica sanctio^, lex canonica^, für die ganze kirch-

Hche Rechtsordnung aber: mos, ordo canonicus^. Im Mittelalter

nannte man alle

von den kirchlichen Organen ausgegangenen Rechtsbestimmungen

canones im Gegensatz zu den leges^. Die Glossatoren

bezeichneten die Gesamtheit der kirchlichen Gesetze als ius

canonicum im Gegensatz zum ius civile^**. Später befestigte sich der

Sprachgebrauch, dafs man das in den kirchlichen Rechtssammlungen

enthaltene Recht, namentlich das im Corpus iuris canonici, als ius

canonicum bezeichnete. Synonym mit „ius canonicum" gebrauchten die

Glossatoren „ius ecclesiasticum" i^. Aber thatsächlich decken sich beide

Termini heute nicht. Das ius canonicum enthält die das römische

'

Ga]. 6, 16. Phil. 3, 16.

2

*

«

Z. B. Nicaea a. 325, c. 5. Novella CXXXVII, praef. ' Nicaea a. 325, c. 2. 9.

Syn. Aurel. IV, a. 541, c. 10. ' Syn. Germ. a. 742, c. 3.

C. 1 (Nico). I, a. 863), D. X. ^

Syn. Bellov. a. 845, c. 1.

8

H. Th. Bnms, Canones apostol. et concil. saec. IV—VIII I (1839), 211.

»

Grat, ad D. III, pr. ; ad c. 2, D. III.

'" J. F. Schulte, Die Gesch. d. Quell, u. Litt. d. kanon. Rechts I (1875 ff.), 29.

» Ebd. I, 30 *.


g

Einleitung.

Recht modifizierenden niittelalterliclicn Bcstininiung(;n der Kirche über

manche privatrechtlichen Verhältnisse und daher materiell mehr, als

das geltende ius ecclesiasticum. Anderseits aber umfafst es weniger

als letzteres, weil es die Bestimmungen des neueren Kirchenrechts nicht

wie das ius ecclesiasticum enthält. Andere Bezeichnungen für das

Kirchenrecht sind mit Rücksicht auf seinen Ursprung, Inhalt und Zweck:

ius divinum, ius sacrum und ius pontificium, opp. ius caesareum.

IV. Eingeteilt wird das Kirchenrecht unter verschiedenen Gesichtspunkten:

a) Nach der Quelle in ius divinum und ius humanum

,

je nachdem

es von Gott selber stammt, oder von den gesetzgebenden Organen

in der Kirche, ius ecclesiasticum im engeren Sinne. Ersteres

wird auch wohl ius naturale, letzteres ius positivum genannt.

b) Nach der Form in ius scriptum und ius non scriptum, Gesetzesrecht

und Gewohnheitsrecht.

c) Nach der Materie in ius publicum und ius privatum. Unter

ersterem versteht man die Normen, welche die Verhältnisse der Kirche

als Ganzen regeln,

sowohl nach innen hin (inneres öffentliches Kirchenrecht),

als nach aufsen hin gegenüber dem Staat und andern Keligionsgenossenschaften

(äufseres öffentliches Kirchenrecht). Letzteres aber

umfafst

die Normen, welche die kirchlichen Verhältnisse der einzelnen

Kirchenglieder untereinander regeln, wie die Ehe, das l'atronat.

Allein diese Einteilung ist. nicht berechtigt. Alles Kirchenrecht trägt

den Charakter des öffentlichen Rechts an sich, indem es in seiner

Anwendung nicht der Willkür der auf kirchlichem Gebiete handelnden

Personen unterworfen ist — was eben das Charakteristikum des

Privatrechts ist ^ —

,

aufser soweit die Kirchengesetze ausdrücklich

eine solche Willkür gestatten. Überdies unterliegt die Fassung der

Begriffe öffentliches und privates Recht verschiedenen Modifikationen.

Noch weniger ist es angängig, den Begriff des kirchlichen Privatrechts

selber wieder zu scheiden in Privatrecht in der Kirche (Rechtssphäre

des Individuums und der Korporationen in der Kirche als solchen) und

in Privatrecht der Kirche, d. h. das kirchliche Güterrecht 2.

' ,Huius studii diiae sunt positiones, publicum et privatum. Publicum ius

est, quod ad statum rei Romanae spectat; privatum, «luod ad privatorum utilitatem

(welcher Nutzen im Belieben des Einzelnen liegt)". § 4, Inst, de iust. et iure I, 1.

- //. F. Jacobson, Kirchenrechtl. Versuche. Über d. Begriff d. otfentl. Rechts u.

üb. d. KR. als Teil desselben II (1833), 43 ff. F. J. liufs, Die Methodologie d. KRs.

(1842) S. 81 ff. F. X. Vering, Giebt ea im Gebiete d. KRs. Rechte, welche d. Natur

V. Privatrechten haben? (A. f. k. KR. 18öS. II, 5G5 ff.) N. Mlle.t, Über d. Einteilung

d. KRs. in öffentl. u. Privatrecht (Z. f. k. Tb. I [1877], 304 ff.). Ä'. Groß,

Lehrb. d. kath. KRs. (2. Aufl. [die 3. ist unverändert] 1896) S. 6.


§ 4. Das Kirchenrecht als AVissenschaft. 9

d) Wohl aber ist berechtigt die Einteilung des Kirchenrechts

in äufseres und inneres, je nachdem es das Verhältnis der Kirche

zum Staat und zu andern Religionsgesellschaften regelt, oder die

inneren kirchlichen Verhältnisse.

e) Dem Umfange nach unterscheidet man: ius commune und ius

singulare, regelmäfsiges und regelwidriges Recht. Ersteres soll immer

gelten, so oft die in der Rechtsregel enthaltenen allgemeinen Voraussetzungen

vorhanden sind. Letzteres schliefst die Anwendung des

regelmäfsigen Rechts für bestimmte Fälle und Personen aus. Wenn

der Inhalt des singulären Rechts eine Begünstigung gegenüber der

allgemeinen Regel ist, so hat man ein Privilegium individueller Art;

f)

ius generale und ius speciale, allgemeines und besonderes

Recht, Recht der Gattung und Recht der Art. Ein ius speciale ist

namentlich dann vorhanden, wenn eine Rechtsregel bestimmten Personenklassen

eine eigentümliche Lebensordnung vorschreibt , oder

eigentümliche Befugnisse einräumt, Privilegium im weiteren Sinne;

so die Standespflichten und die Standesrechte der Kleriker;

(j) ius universale und ius particulare, gemeines und partikuläres

Recht. Ersteres sind die Normen, welche für die ganze Kirche Geltung

haben ; letzteres jene , welche nur für einen Teil derselben, für

eine Kirchenprovinz oder Diözese gelten. Ius universale und commune

werden sehr häufig synonym gebraucht, wie auch die Unterscheidung

zwischen ius commune und generale, ius singulare und

speciale eine fliefsende ist. Bei der grofsen Mannigfaltigkeit innerhalb

der Kirche spielt das partikuläre Recht eine grofse Rolle. In

dem Bezirke und Punkte, in welchem bereits ein ius particulare besteht,

kommt das ius universale in der Regel nicht zur Anwendung.

h) Nach der Zeit teilt man ^in ius antiquum, novum und novissimum.

Ersteres geht bis Gj^atian ausschliefslich , das zweite bis

zum Tridentinum und das letzte bis auf ujisere Tage.

i) Nach den Riten endlich spricht man von einem Recht der

abendländischen und morgenländischen Kirche,

wie von einem lutherischen,

reformierten Kirchenrecht ^

§ 4.

Das Kircheurecht als

Wissenschaft.

F. J. Bufs, Die Methodologie d. KRs. 1842. J. F. Schulte, Über d. Bedeutung

u. Aufgabe d. KRs. u. d. KRswissenschaft (A. f. k. KR. 1857, I, 1 ff.).


Von einem gemeinen evangelischen Kirchenrecht kann nicht die Rede sein.

G. Lllttgert, Giebt es e. unniittelb. anwendb. gem. evang. KR.? 1892. Fricdherg,

KR. " S. 2. Anders Kahl, KR. S. 95 tl'.


JQ

hiiili'itung.

I. Das Kirchenrecht ist so alt als die Kirche. Aber es fand erst später

eine wissenschaftliche Behandlung, Lange Zeit wurde das kirchliche Rechtsmaterial

, soweit es als wissenswert erschien , in den verschiedenen theologischen

Disziplinen mitgeteilt. Entnommen wurde es dabei den zahlreichen

Kanonensammlungen. Diese aber enthielten älteres und neueres,

gemeines und partikulares, kirchliches und bürgerliches Recht durcheinander.

Folge war Unsicherheit im kirchlichen Rechtsleben. iJie Hebung dieses

Mifsstandes war unabweisbares Bedürfnis. Zu diesem Behuf mufsten die

den Gesetzen zu Grunde liegenden Prinzipien aufgesucht, ihr organischer

Zusammenhang ermittelt , d. h. der Stoff mufste wissenschaftlich behandelt

werden. Eine Förderung erfuhr dieses Bestreben dadurch , dafs an der

Universität Bologna seit dem 13,. Jahrhundert das römische Recht wissenschaftlich

behandelt wurde. In Nachahmung hiervon verfafste um die Mitte

des 12. Jahrhunderts der Bologneser Kirchenrechtslehrer und Kamaldulenserniünch

Gtritian seine Concordia discordantium canonum , bald Decretum genannt,

und schuf ebendadurch eine wissenschaftliche Lehrmethode des Kirchenreclits.

Nun wurden auf den Universitäten das römi.scbe und kanonische

Recht nebeneinander und nach derselben Methode doziert, das römische von

den Legisten, das kirchliche von den Dekretisten, Dekretalisten, Kanonisten.

Freilich war die Behandlung des kirchlichen Rechts zunächst vielfach noch

eine primitive, glossarische, eine unvermittelte Wort- und Sacherklärung zu

den einzelnen Stellen (Kommentare, Apparatus). Doch fehlte es dem Mittelalter

bald nicht mehr an systematischen Arbeiten über das Ganze und über

einzelne ^laterien des kirchlichen Rechts (Summae. Tractatns).

Ende des Mittelalters erwachte mit dem Humanismus der Sinn für die

Geschichte und die Kritik. Zunächst entfaltete sich derselbe bei den Franzosen

seit dem 10. Jahrhundert in Behandlung des civilen Rechts (F. Duarcmts

[t lööOj, ./. CiiJariKs [j lö90], //. JJoufdlus [f 1591]). Er wurde aber

auch in das Studium des kirchlichen Rechts eingeführt durch Antonius

Aii(ju.stlnn.'


§ 4. Das Kirchenrecht als Wissenschaft. \\

II. Aufgabe der Wissenschaft des Kirchenrechts ist es erstens

zu zeigen, was jetzt geltendes Recht ist, die nunc vigens ecclesiae

disciplina darzustellen und deren Anwendung im kirchlichen Leben

zu lehren. Zweitens ist darzuthun, wie dieses Recht sich im Laufe

der Zeiten unter den äufseren und inneren Verhältnissen der Kirche

entwickelt hat. Drittens ist der innere organische Zusammenhang

des geltenden Kirchenrechts zu erfassen. Die einzelnen Rechtssätze

sind auf allgemeine Rechtsregeln zurückzuführen, die Motive

für die einzelnen Rechtsnormen ausfindig zu machen und anzugeben,

wie das Einzelne der Idee , dem Wesen und Zweck der Kirche , die

sich den besonderen Lebensverhältnissen nicht feindselig gegenüberstellt,

entspricht. Es müssen also die praktische, die historische und die

philosophische Methode harmonisch miteinander verknüpft werden.

Jede Ausschliefslichkeit und Einseitigkeit aber hierin ist schädlich.

Und doch liegen diese Abwege geschichtlich vor.

Bei der praktischen Methode erklärte man die Gesetze Wort

für Wort , hielt sich an den blofsen Buchstaben , vernachlässigte es,

dem Geiste nachzuspüren, und suchte die eigene Meinung durch Aufzählung

möglichst vieler Autoren mit derselben Ansicht zu sichern.

Im Verfolg der historischen Methode griffen einzelne, anstatt den

gesamten Verlauf des kirchlichen Rechtslebens zu verfolgen, einen

bestimmten Abschnitt, etwa die drei ersten Jahrhunderte der Kirche

heraus und stellten sie als Ideal und Mafsstab auch für die Gegenwart

auf.

Das heifst aber die kirchliche Entwicklung leugnen und behaupten,

dafs sich alle Vernunft in der Kirche während jener Periode erschöpft

habe. Der Versuch, ein rein natürliches oder philosophisches Kirchenrecht

zu konstruieren, ist deswegen verfehlt, weil für die Ausgestaltung

des Kirchenrechts nicht die Vernunft , sondern die Offenbarung

und das Dogma mafsgebend sind. Auch in dem Sinne läfst sich ein

natürliches Kirchenrecht nicht herstellen,

dafs wenigstens die Verhältnisse

der Kirche nach aufsen hin, zum Staat und den andern Religionsgesellschaften

rein nach Mafsgabe der Vernunft geregelt werden

könnten. Auch hier ist der Wille ihres göttlichen Stifters mafsgebend.

Endlich wäre es bei der Doppelstellung, welche das Kirchenrecht

zwischen der Theologie und Jurisprudenz einnimmt, verfehlt, wenn es

zu sehr nach der einen oder andern Seite gravitieren würde, entweder

so, dafs pure aus der Theologie heraus ein kanonistisches System

konstruiert würde , oder so , dafs man nur das juristische Moment

gelten

liefse.

Die nach der praktischen, historischen und philosophischen Methode

durchgearbeiteten kirchenrechtlichen Materien sind dann in ein


22 Einleitung.

systematisches Ganzes zusammenzufassen, Wissenscliaft des Kirclienreclits

im objektiven Sinne. Die Wissenschaft des Kirchenrechts im

subjektiven Sinne aber ist die Kenntnis der systematisch zusammengefafsten,

oder auf Prinzipien aufgebauten kirchenrechtlichen Normen,

ist die Kenntnis des objektiven Kirchenrechts.

Das System des Kirchenrechts.

Die mittelalterlichen Kanonisten teilten den kirchenrechtlichen

Stoff ein im Anschlufs an die fünf Bücher der Dekretalen Gregors IX.

und behandelten im ersten Buch die Träger der Kirchengewalt (iu^ex),

im zweiten das kirchliche Gerichtsverfahren (iudicium), im dritten die

Verhältnisse des Klerus (cIqtus), im v ierten die Ehe (sponsalia,

connubia) und im fünften die kirchlichen Vergehen und Strafen

(crigien). Es ist aber unbestreitbar, dafs die Einteilung der Dekretalen

Gregors IX., wenn sie auch zum Teil den Pandekten Justinians

entnommen sein soll, ziemlich willkürlich ist und die Behandlung

des Kirchenrechts nach ihnen vielfach zur Zerstückelung des Zusammengehörigen

führt. Weil jedoch hierbei Quellenmäfsigkeit und

Vollständigkeit in der Stoflfbehandlung erreicht wird, liefs man ungern

von dieser Systematik und hat sich noch im 17. und 18. Jahrhundert

vielfach wenigstens an die Titelfolge der Gregorianischen Dekretalen

gebunden , wenn auch innerhalb des Titels selber die Materie frei

abgehandelt wurde. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte man

aber bereits angefangen, das Kirchenrecht auch nach dem System der

Institutionen Justinians zu traktieren, und behandelte nach dem Satz:

,()mne autem ius, quo utimur, vel ad personas pertinet, vel ad res,

vel ad actiones" i, im ersten Teil die Kirchenverfassung, im zweiten

Kultus und Kirchenvermögen, auch die Ehe, und im dritten die

kirchliche Gerichtsbarkeit 2. Allein auch diese Systematisierung mufs

als verfehlte bezeichnet werden, weil sie vom weltlichen Kecht und

zwar vom Privatrecht auf das kirchliche Gebiet übertragen ist. In

Erkenntnis hiervon fing man seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bei

der wachsenden historischen und philosophischen Betrachtungsweise

an, den kirchem-echtlichen Stoff selbständig zu systematisieren, ohne

'

§ 12, Inst, de iure naturali I, 2.

' Zuerst tliat das G. P. Lancelloti, Institutiones iur. canon.. quibus ius pontificium

singulari methodo libris quatuor comprehenditur. Perusiae 1563. Aber schon

vor ihm hatte K. Lar/us in seiner Iuris utriusque traditio metbodica (Francof. 1543)

eine systematische Darstellung des römischen und kanonischen Rechts geboten.


§ 6. Die Stellung des Kirclienrechts zu andern Wissenschaften. 13

dafs bis heute ein bestimmtes System zur allgemeinen Geltung gekommen

wäre. Immerhin wird das Kirchenrecht jetzt meist so dargestellt,

dafs man neben einem grundle^nden Traktat über die

Kirche und ihr Verhältnis zu dem Staate und zu andern Religionsgesellschaften

und einem solchen über die Quellen des Kirchenrechts

die Verfassung und die Verwaltung der Kirche zum Einteilungsprinzip

nimmt. Auf diese Weise erhält man, und so auch hier, vier

Bücher. Das erste behandelt das rechtliche Wesen der Kirche und ihr

Verhältnis zum Staat und den andern Religionsgesellschaften (Kirche

und Kirchenpolitik), das zweite die Quellen des Kirchenrechts, das

dritte die Verfassung, das vierte die Verwaltung der Kirche.

Das zweite Buch selbst wieder zerfällt in die Lehre von den

materiellen und formellen Quellen des Kirchenrechts. Das dritte Buch

behandelt die kirchlichen Stände, näherhin den Stand der Kleriker,

das Kirchenamt im allgemeinen und besondern, d. h. die Träger der

kirchlichen Ämter und die Synoden. Das vierte Buch zerfällt in die

Darstellung der Verwaltung einmal der Potestas magisterii,

des kirchlichen

Lehramts, sodann der Potestas ordinis, umfassend die Sakramente,

namentlich die Ehe, den Kultus, soweit das alles eine rechtliche

Seite bietet, endlich der Potestas iurisdictionis , umfassend die

Aufsicht, die Gerichtsbarkeit, das Ordens- und das Vermögensrecht.

Die Stellnug des Kircheurechts zn andern Wissenschaften.

Das Kirchenrecht nimmt eine Doppelstellung ein gegenüber der Theologie

und der Jurisprudenz, eine gebende und eine empfangende.

Die Kirche ist wesentlich Rechtsanstalt. In ihr existiert obrigkeitliche

Gewalt und Gesetz gegenüber den Untergebenen mit der Pflicht des Gehorsams.

Über diese rechtlichen Verhältnisse in der Kirche aber giebt das

Kirchenrecht Aufschlufs und ergänzt so die Theologie , soweit sie Lehre

von der Kirche ist. Daher galt auch das Kirchenrecht von frühe an als

Koeffizient der Theologie '. Und sofern besonders dui'ch das Kirchenrecht die

Theologie aus der Theorie in das praktische Leben eintritt, wird dasselbe

theologia 2>ractica oder theologia rectrix genannt. Die Bedeutung dieser

Disziplin für den Theologen ergiebt sich hieraus von selbst. Die Kirche

hat diese dadurch zum Ausdruck gebracht , dafs sie vom Kandidaten der

höheren Weihen die Kenntnis der Kanonen und von den Inhabern bestimmter

kirchlicher Ämter den Doktorgrad in der Theologie oder im kanonischen

Rechte verlangt.

1 Schidte, Gesch. d. Quellen I, .30'


] I

Einleitung.

Das Kirchenrecht ist aber auch von grofser Bedeutung für die Juriwprudonz.

Das kanonische Ruclit hat einen grofsen Einfliifs auf die Heranliiidung

der Völker zu einem christlich und rechtlich geordneten Leben gehabt.

JEs bildete dann im Mittelalter das römische und germanische Recht

weiter , indem es auch privatrechtliche Verhältnisse ordnete und das .Strafrecht

und gerichtliche A'erfahren änderte. Bei der Stellung der Kirche ini

Mittelalter war das kanonische Recht international und Weltrecht so gut wie

das römische. Das ins utrumque, das weltliche und kirchliche Recht, bildete

den Inbegriff des Rechts. Mit dem römischen wurde das kanonische am

Ende des Mittelalters in Deutschland als gemeines Recht rezipiert. Wenn es

dann seine bürgerliche Geltung auch gröfstenteils verloren hat . so ist es

doch heute noch das Recht der Kirche, der gröfsten Institution in der Weltgeschichte,

die gröfser ist als jedes Reich, und ist es immer noch von der

gröfsten Bedeutung für das Verständnis des Werdeprozesses des geltenden

weltlichen Rechts, für die Geschichte des Privat- und Strafrechts und des

gerichtlichen Verfahiens '. Daher ist sein Studiiun für den Juristen von

gröfstem Interesse und praktischem Wert -.

S 7.

Die llilfswissenschafteu des Kircheurechts.

Das Verhältnis des Kirchenrechts zu der Theologie und Jui'isprudenz

ist kein einseitiges, sondern ein reciprokes. Weil die Kirche der Theologie,

das Recht der Jurisprudenz angehört, so ist das Kirchenrecht auch von

diesen zwei Wissenschaften abhängig. In der Theologie hat es sein Fundament

und seine Quellen '. Mit der Jurisprudenz teilt es die Ähnlichkeit der

Materie und Methode und hat mit ihr eine vielfach verflochtene Entwicklung

und Bestand gemein *. So haben die einzelnen Disziplinen der Theologie

und Jurisprudenz für das Kirchenrecht die Bedeutung von inneren oder materiellen

Hilfswissenschaften.

I. Aus den theologischen Disziplinen * sind für das Kirchenrecht von

besonderer Bedeutung;

1. Die Exegese. Sie zeigt das ius divinum.

C. F. Keil u. /•'. Delitzsch, Bibl. Kommentar üb. d. A. T. 1856 flf. Scripturae

sacrae cursus auctoribus Ji. Cornehj, J. KnahmlHiuer, F. Hnmmelauer aliisque S. J.

'

über d. encyklop. Bedeutung d. KRs. Kühl, KR. S. 97 ff.

' Ein italienisches Sprichwort hiefs: 11 leggista senza capitulo (canone'l vale

poco; (ma il canonista senza legge vale niente).

' /'. A'. Jarobson, Kirchenrechtl. Versuche. Über d. Verhältnis d. Theol. z.

KR. u, d. Benutzung jener f. diese Disziplin I (1831), 126 ff.

* Benedikt XIV., De synodo dioecesana 1. 13, c. 10, n. 12.

* K. R. Hagenbach , Encyklopädie u. Methodologie d. theol. Wissenschaften.

12. Aufl. V. M. Reischle. 1889. H. Kihn , Encykl. u. Method. d. Theologie. 1892.

C. F. G. Heinriri, Theol. Encykl. 1893. C. Krierj , Encykl. d. theol. Wissenschaften

nebst Methodenlehre. 1899.


§ 7. Die Hilfswissenschaften des Kirchenrechts. 15

presbyteris. 1885 sqq. Kurzgefafster Komm. z. d. hl. Schriften d. A. u. N. T., sowie

z. d. Apokryphen. Unter Mitwirkung v. Bürger, Klostermann, Kübel u. a. hgg. v.

//. Strack u. 0. ZöcUer. 1887 ff. Kurzer Handkomm. z. A. T., in Verbindung mit

Benzinger, Bertholet u. a. hgg. v. K. Marti. 1897 ff. — H. A. W. Meyer, Krit.-exeg.

Komm. üb. d. N. T. 1832 ff., in wiederholten verbess. Auflagen. A. Bisping, Exeg.

Handb. z. N. T. 2. Aufl. 1865 ff. P. Schanz, Komm. üb. d. Evangelium d. hl. Matthäus.

Markus, Lukas u. Johannes. 4 Bde. 1879 ff. Handkomm. z. N. T., bearb. v. H. J.

Holtzmann, R. A. Lipsiits, P. W. Schiniedcl, H. v. Soden. 1889 ff. J. Feiten, Die

Apostelgeschichte. 1892. J. Belser, Beiträge z. Erklärung d. Apostelgesch. 1897.

2. Die Dogmati k mit ihren Unterabteilungen : Apologetik und Symbolik,

und ihren Hilfswissenschaften: Dogmengeschichte und Geschichte der

Dogniatik. Das Dogma ist die Basis des Kirchenrechts.

F. Peronne, Praelectiones theologicae. 1838 sqq. J. Kuhn, Kath. Dogmatik.

2. Aufl. 1859 ff. J. Kleutgen, Theologie d. Vorzeit. 2. Aufl. 1867 ff. M. J.

Scheelen, Handb. d. kath. Dogm. , fortges. v. L. Atzherger. 1873 ff. J. B. Heinrich,

Dogmat. Theologie, fortges. v. K. Gutberiet. 2. Aufl. 1881 ff. E. H. Hurfer,

Theologiae dogmaticae compendium. Ed. 9. 1896. Chr. Pesch, Praelectiones dogmat.

Ed. 2. 189S sqq. Th. Simar, Lehrb. d. Dogm. 4. Aufl. 1899. — A. M. Weifs,

Apologie d. Christentums. 3. Aufl. 1894 ff. P. Schanz, Apol. d. Christent. 2. Aufl.

1895 ff. A'. Gutherlet, Lehrb. d. Apologetik. 2. Aufl. 1895 tf. J. Ottiger, Theologia

fundamentalis. 1897 sqq. F. Ilettinger, Apol. d. Christent. 8. Aufl., hgg. v.

E. Müller. 1899 ff. Ders., Lehrb. d. Fundamentaltheologie od. Apologetik. 2. Aufl.

1888. — J. A. Möhler, Symbolik od. Darstellung d. dogmat. Gegensätze d. Kathol.

u. Protest, n. ihr. öffentl. Bekenntnisschriften. 5. Aufl. 1838 u. seitdem in wiederholten

Abdrücken. F. Kafteiihusch, Lehrb. d. vergleich. Konfessionskunde. 1892 fl'.

— J. Bach, Dogmengeschichte d. MAs. v. christolog. Standpunkt aus. 1873 ff.

J. Schwane, Dogmgschte. 2. Aufl. 1892 ff. A. Harnack, Lehrb. d. Dogmgschte.

3. Aufl. 1894 ft".

— Eine ausführliche Geschichte der Dogmatik giebt Scheeben,

Handb. d. kath. Dogmatik I, 419 ff.

jeder

3. Die M r a 1 1 h e 1 g i e. Die sittliche Ordnung ist das Fundament

Rechtsordnung.

A. M. de Liguori , Theologia moralis, seit 1748 in vielen Ausgaben. F. X.

V. Linsenmann, Lehrb. d. Moraltheologie. 1878. J. E. Pruner , Lehrb. d. kath.

Moralth. 2. Aufl. 1883. A. Lehmlcuhl , Theologia moralis. Ed. 9. 1898. F. A.

Göpfert, Moralth. 2. Aufl. 1899 ff.

4. Die Pastoraltheologie. Sie zeigt, wie die kirchlichen Gesetze

zum Heile der Seelen durchzuführen sind.

J. Aniherger, Pastoraltheologie. 4. Aufl. 1883 ff. M. Benger, Pastoralth. 2. Aufl.

1890. J. B. Renninger, Pastoralth., hgg. v. F. A. Göpfert. 1893. J. Schach,

Pastoralth. 11. Aufl. 1899. ./. E. Prnner, Lehrb. d. Pastoralth. 1900 ff. — V. Tlmlhofer,

Handb. d. kath. Liturgik. 1883 ff.; I. Bd. 1. Abt. 2. Aufl. v. A. Ebner 1894.

5. Die Kirchengeschichte mit ihren Hilfswissenschaften: Patrologie

und christliche Archäologie. Das Kirchenrecht hat die historische Methode

anzuwenden.

K. J. V. Hefele, Konziliengeschichte. 2. Aufl. 1873 IX. (Bd. V, VI 2. Aufl. v.

A. Knöpfler, Bd. VIII, IX v. J. Hergenrötlier). J. AIzog , Handb. d. Universal-


2g

Einleitung.

kgecbto. , 10. Aufl. v. F. X. Kraus. 1882. J. Hergenröther, Handb. d. allffom.

Kgschte. 3. Aufl. 1884 ff. Lehrbücher d. Kgschte. , erschienen v. : F. X. Krnm,

4. Aufl. 1896: F. X. Funk, 3. Aufl. 1898; H. Brück, 7. Aufl. 1898; Ä. KnöpPer,

2. Aufl. 1S98; Protestant ischerseits v. : J. K. L. Gieseler 1824 ff., durch reich«'

QuelleiiauHzüge sich empfelilend ; A'. Haste, 11. Aufl. 1886; J. II. Kurlz, 13. Aufl.

1899; A'. MilUei; 2. Aufl. 1^97 ft". : \V. Mölln; 2. Aufl. v. //. Srhtthnt. 1897 ff.


./, A. Mi'ihler, Patrologio od. christl. Litterärgschte., hgg. v. /'. X. ReUhmayr. 1840.

./. Nirschl, Lehrb. d. Patrol. u. Patristik. 1881 ff. J. Alzog , Grundrifs d. Patrol.

4. Aufl. 1888. ./. Fc/fln; Institut, patrologiae. 2. Aufl. v. B. Juiifftnann. 1890 f-q(\.

A. Iliirnack, Gesch. d. altchristl. Litt, bis Eusebius. 1893 ff. 0. Bardenhem-r, Patrol.

1894. G. KriUjer, Gesch. d. altchristl. Litt, in d. drei ersten Jhdten., 2. Ausg. 1898.

f, X. Krau.i, Realencykiopädie d. christl. Altertümer. 1^82 ff.

II. AiLS den juristischen Disziplinen' kommen in IJetracht:

1. Das Naturrecht, weil es grundlegende Begriffe zu liefern hat.

F. A. Trendelenburg, Naturrecht a, d. Grunde d. Ethik (2. Aufl.). 1868. F. J.

Stahl, Philosophie d. Rechts. 4. Aufl. 1870. F. Walter, Naturrecht u. Politik. 2. Aufl.

1871. Th. Meyer, Institut, iur. naturalis. 188-5 sqq. 1'. Cathrein, Moralphilosopbie

I (3. Aufl. 1899), 440 ff.

bestehen

2. Das jüdische Recht. Manche Ge.setze des Alten Testamentes

im Neuen Bunde fort.

J. L. Saalschutz, Das mos. Recht. 2. Aufl. 1853. P. Seh egg , Bibl. Archäologie,

hgg. V. J. B. Wirthmiiller. 1887 ff.

3. Das römische Recht. Die Kirche hat ihr Recht vielfach nach

dem römischen ausgestaltet. Einzelne Gesetze, welche kirchliche Verhältnisse

ordneten , hat sie approbiert (leges canonizatae) ^. In bürgerlichen Sachen

win'den Kirche und Klerus nach dem römischen Rechte beurteilt \ Und als

dann die Kirche hierfür ihr eigenes Recht ausbildete, wurde doch, wo immer

das kanonische Recht eine Lücke zeigte, das römische subsidiär angewandt *.

G. F. Puchta, Cursus d. Institutionen, 10. Aufl. v. P. Krüger. 1893. R. Sohm^

Institut. 9. Aufl. 1899. — L. Arndts, Lehrb. d. Pand. 14. Aufl. 1893. B. Wind-

.icheid, Lehrb. d. Pandektenrechts. 8. Aufl. 1900. //. Dcrnhurg , Pand. 6. Aufl.

1900 ff. — F. K. r. Savigny, Gesch. d. rüm. Rechts im MA., 2. Ausg. 1834 ff.

0. Kariowa, Körn. Rechtsgschte. 1885 ff. M. Voigt, Rom. Rechtsgschte. 1892 ff.

— P. Krüger, Gesch. d. Quell, u. Litt. d. röm. Rechts. 1888.

4. Das germanische Recht. Das kanonische Recht berücksichtigte

dem germanischen Leben angehörige Zu.stände

und nahm eine Reihe germanischer

Rechtssätze und Rechtsinstitute in sich auf.

G. Beseler, System d. gem. deutsch. Privatrochts. 3. Aufl. 1873. O. Stobbe,

Handb. d. d. Privatr. 3. Aufl. 1893 ff. K. F. Gerber, System d. d. Privatr.

17. Aufl. V. Ä' Cosuk. 1895. — //. Brnnnrr, Deutsche Rechtsgschte. 1887 ff. J. F.

' /'. //o/^ci'Hf/o;//", Encyklopädie d. Rechtswissenschaft. 5. Aufl. 1890. L. ArndL^,

.lurist. Encykl. u. Methodologie, 9. .\ufl. v. E. Grueber. 1895. K. Gurrh, Encykl.

u. Metbod. d. Rechtswissenschaft. 2. Aufl. 1900.

» C. 1, D. X; c. 7. 10. X De constit. L 2.

» hex Ribuaria t. 58, § 1. C. 1, X De novi op. nunt. V, 32.


:

§ 7. Die Hilfswissenschaften des Kirch enreclits. 17

Schulte, Lehrb. d. d. Reichs- u. Rechtsgschte. 6. Aufl. 1892. E. Schröder, Lehrb.

d. d. Rechtsgschte. 3. Aufl. 1898. — 0. Stobhe, Gesch. d. d. Rechtsquellen. 1860 &.

5. Das Staatsrecht. Der Staat steht, indem er die Kirche anerkennt

und sie schützt, in einem rechtlichen Verhältnis zu ihr. Die Summe

der Normen, welche das Verhältnis des Staates zur Kirche bestimmen, nennt

man das Staatskirchenrecht.

Handb. d. öfi'entl. Rechts, begr. v. H. Marquardsen , hgg. v. M. Seydel u.

R. Piloty. 1883 if. P. Laband, Das Staatsrecht d. Deutsch. Reiches. 3. Aufl. 1895.

G. Meyer, Lehrb. d. d. Staatsrs. 5. Aufl. 1899.

6. Das Völkerrecht. Die Kirche steht dem Staate koordiniert gegenüber.

Das Völkerrecht aber ist die Summe der Normen, welche die Beziehungen

selbständiger Staaten zu einander, also zum Teil auch die zwischen Kirche

und Staat

bestimmen.

F. HoUzendorff, Handb. d. Völkerrechts. 1885 if. Ä. W. Hefter, Das europ.

Völkerr. d. Gegenwart, 8. Aufl. v. F. H. Geffcken. 1888. F. Liszt, Das Völkerr. 1898.

III. Aufser der Kirchen geschichte ist auch die Profangeschichte

eine Hilfswissenschaft des Kirchenrechts. Ohne sie kann bei dem engen

Zusammenhang von Kirche und Staat die historische Methode nicht entsprechend

eingehalten werden. Zur Einführung dienen:

0. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im MA. seit d. Mitte d. 18. Jhdts.

3. Aufl. 1886 ff". W. Wattenbach, Deutschlands Geschichtsqu. im MA. b. z. Mitte

d. 13. Jhdts. 6. Aufl. 1893 ff". Dahhnann -Waltz ,

Quellenkunde d. deutsch. Geschichte,

6. Aufl. V. E. Steindorff. 1894. A. Potthast, Bibliotheca histor. medii aevi.

Ed. 2. 1896.

IV. Zu diesen materiellen oder inneren Hilfswissenschaften des Kirchenrechts

kommen formelle oder äufsere, welche das Verständnis der Quellen

vermitteln. Dazu gehören

1. Die Geographie imd Statistik.

St. J. Neher, Kirchl. Geographie u. Statistik. 1864 ff". J. F. Schulte, Status

dioecesium in Austria, Germania, Borussia, Bavaria etc. 1866. P. Garns, Series

episcoporum eccl. cath. 1873 sqq. C. Eubel, Hierarchia cath. medii aevi (1198—1431).

1898. P. Pieper, Kirchl. Statistik Deutschlands. 1898. — H. Oesterley, Hist.-geogr.

Wörterbuch d. deutsch. MAs. 1881. 0. Werner, Kath. Missionsatlas. 2. Aufl. 1885.

Ders., Kath. Kirchenatlas. 1888. Ders., Orbis terrarum cath. 1890. J. G. Droysen,

Allgera. bist. Handatlas. 1886. Spruner- Sieglin , Handatlas z. Gesch. d. Alterth.,

d. MAs. u. d. Neuzeit. 1893 ff.

2. Die Chronologie.

L'art de verifier les dates etc. Paris 1750 ss., 1818 ss. L. Ideler, Handb. d.

math. u. techn. Chronologie. 1825 ff". Mas Latrie , Tresor de chronol. etc. 1889.

H. Grotefend, Zeitrechn. d. deutsch. MAs. u. d. Neuzeit. 1891 ff". N. Nüles, Calendarium

manuale utriusque eccles. , orient. et occid. Ed. 2. 1895 sqq. F. Riihl,

Chrouol. d. MAs. u. d. Neuzeit. 1897. B. M. Lersch , Einleitung in d. Chronol.

2. Aufl. 1899.

3. Die Diplom atik.

J. Mabillon, De re diplomatica. Ed. 3. Neapoli 1789; Nouveau traite de

diplomatique. Paris 1750 ss. K. T. G. Schönemann, Versuch e. vollst. Systems d.

Sägmüller, Kirchenrecht. I.Teil. 2


\Q Einleitung.

allgem., besonders älter. Diplom. 2. Ausg. 1818. //. lirefulau, Handb. d. Urkundenlehre

f. Deutschi. u. Italien. 1889 ff. Ä. Ginj, Manuel de diplomat. 1894.

4. Die Pnlaographio.

B. Montfaucoit, Palaeographia graeca. Paris. 170>?. H'. Wattenbach, Anleitung

z. griech. (8. Aufl. 1895) u. z. lat. Paläogr. (4. Aufl. 1886). Ders., Das Schriftwesen

im MA. 3. Aufl. 1896. M. Pron , Manuel de paläogr. lat. et fran^. du VI'

au XVII» siecle. 1890. Jf. Arndt, Schrifttafeln zur Erlernung der lat. Paläogr.

3. Aufl. V. M. Tangl. 1897 ff. A. Chrotust u. //. Schnorr r. Carohfeld, Monumenta

palaeograpbica. Denkmäler d. Scbreibkunst d. MAs. 1898 ff.

5. Die Epigraphik.

R. Caynat, Cours depigraphie lat. Ed. 2. 1890. .S'. liicci, Epigrafia lat. 1^98.

6. Die Münz-. Siegel- und Wappenkunde.

//. Dannenhvrij, Grundzüge d. Münzkunde. 2. Aufl. 1899. G. A. Seyler, Abrife

d. Sphragistik. 1884. E. r. Sacken, Grundzüge d. Wappenkunde. 6. Aufl. 1899.

7. Die Philologie.

J. C. Siiicer, Thesaurus ecclesiasticus e patribus graecis. Ed. 2. Amstelod.

1728. E. ForceUini , Totius latinitatis lexicon ; neu bearb. v. V. de Vit. Prato

1858 sqq. Du Canye, Glossarium ad scriptores med. et inf. graecitatis. Lugd. 1688.

Ders., Glossarium ad Script, med. et inf. latinitatis. Paris. 1733; neu bcirb v.

Henschel (1840 sqq.) u. Favre (1882 sqq.).

§ 8.

Die neuere Litteratiir des Kireheiirechts.

Bis in das 16. Jahrhundert schlofs sich die wissenschaftliche Bearbeitung

des kanonischen Rechts meist in der Form von Glossen und Kommentaren eng

an die Quellen an. Daher wird die mittelalterliche kanonistische Litterat lubesser

unten in Verbindung mit den formellen Quellen des kanonischen Rechts

selber dargestellt (Buch II, Abschn. 2). Hier soll nur die neuere kirchenrechtliche

Litteratur in ihren Hauptarten und Hauptvertretern verzeichnet sein.

I. Einleitungen.

J. Doriaiu)! (Doujat), Praenotionum canon. libri 5. Paris. 1687 ; ed. nov. Mitav.

et Lips. 1776 sqq. F. J. Bufs, Die Methodologie d. KRs. 1842. M. D. Bouix,

Tractatus de principiis iur. canonici. 1852. C. F. Itofshirt , AuTsere Encyklopädie

d. KRs. 0. d. Haupt- u. Hilfswschften d. KRs. 18G5 ff.

n. Quellensammlungen (für den Handgebrauch).

F. Walter, Fontes iur. eccles. antiqui et hodierni. 1862. V. Xuasi, Conventiones

de reb. eccles. int«r S. Sedem et civil, potestatem. 1870. rh. Schneller, Fontes iur.

eccles. novissirai. 1895. Ders., Die partik. KRsquellen in Deutschi, u. Österr. 1898.

III.

Geschichte der Quellen und Litteratur des Kirchenrechts.

F. K. r. Sariyny, Gesch. d. röm. Rechts im MA., 2. Ausg. 1834 ff., Bd. Ill,

Kap. 17 ff. J. W. Bickell, Gesch. d. KRs., Bd. I, Lief. 1. 2. 1843 ff. /'. Maa/sen,

Gesch. d. Quell, u. Litt. d. kan. Rs. im Abendland bis z. Ausgang d. MAs., Bd. I.

1870. J. F. Schulte, Gesch. d. Quell, u. Litt. d. kan. Rs. v. Gratian bis a. d. Gegenwart.

1S75 ff. Stintzing • Landshery , Gesch. d. deutsch. Rswissenschaft. 1880 ff.

A. Tardif, Histoire des sources du droit canonique. 1887.


:

:

:

:

§ 8. Die neuere Litteratur des Kirchenreclits. 19

IV. Geschichte der Verfassung der Kirche.

P. de Marca, De concordia sacerdotii et imperii. Paris. 1641. L. Thomassin,

Ancienne et nouvelle discipline de l'Eglise. Lyon 1676 ss. ; Vet. et nov. eccles. discipl.

circa beneficia. Paris. 1688. E. Löning, Gesch. d. deutsch. KRs. 1878 ff. R. Sohm,

KR. Bd. I: Die geschicbtl. Grundlagen. 1892.

V. Bearbeitungen des Kirchenrechts:

1. Kommentare zum Cotyus iuris canonici:

a) Zu den einzelnen Kapiteln

P. Fagnani, lus can. s. commentaria absolutissima in quinque hbros decretalium.

Rom. 1659 sqq. M. Gonzalez TelJez , Comment. perpetua in singulos textus

quinq. lib. decret. Gregorii IX. Lugd. 1673. P. Laijmann S. J. , Jus can. s. comment.

in lib. decret. Dilling. 1663 sqq. U. Giraldi, Expositio iur. pontificii iuxta

recentiorem ecclesiae disciplinam in duas partes distrib. Rom. 1769.

S. J. , Universum

h) Zu den einzehien Titehi

L. Engel 0. S. B., Collegium univ. iur. can. Salisburg. 1671 sqq. E. Pb-hing

ius can. sec. titulos lib. decret. Dilling. 1674 sqq. A. Eeiffenstuel

0. S. F., lus can. univ. etc. Frising. 1700. J. Wiestner S. J., Instit. can. etc.

Monach. 1705 sqq. F. Schmier 0. S. B., lurisprudentia can.-civ., s. ius can. univ. etc.

Salisb. 1716 sqq. F. Schmalzgrneber S. J. , Jus eccles. univ. Dilling. 1717 sqq.

P. Bückhn 0. S. B., Commentarius in ius can. univ. etc. Salisb. 1735 sqq. E. Amort,

Elementa iur. can. vet. et mod. Ulm. 1757. C. S. Berardi , Commentaria in ius

eccles. univ. Aug. Taur. 1766 sqq. J. A. Zallinger, Instit. iur. eccles. maxime priv.

ordine decretalium. Aug. Vind. 1791 sqq. J. DevoH, Iuris can. univ. publ. et priv.

libri quinque. Rom. 1803 sqq. Ph. de Angelis, Praelect. iur. can. ad metliod. decret.

Gregorii exact. Rom. 1877 sqq. E. Granddaude , Ius can. iuxta ordinem decret.

Paris. 1882 sqq. S. Sanguineti, Iur. eccles. priv. instit. ad decret. enarrat. ordinatae.

Rom. 1884; ed. 3 1896. F. Santi, Praelect. iur. can. iuxta ord. decret. Greg. IX.

1884 ; ed. 3 cura M. Leitner. Ratisb. 1898 sqq. Protestantischerseits : J. H. Böhmer,

Ius eccles. Protestantium , usum hodiern. iur. can. iuxta seriem decret. ostendens.

Halae 1714 sqq.

2. Darstellungen im I n s t i t u t i o n e n s y s t e m

G. B. Lancellotits , oben S. 12 Anm. 2. A. Augiistinus , Epitome iur. pontif.

vet. in tres partes divisa: de personis etc. Tarrac. 1587. J. Strein , Summa iur.

can. compreb. tribus partibus etc. Colon. 1658. Cl. Fleury, Institution au droit

ecclös. Paris 1676; lat. m. Anm. v. J. H. Böhmer durch J. D. Gruher. Francof. et

Lips. 1723. B. Z. van Espen, Ius eccles. univ., Opp. I. Colon. 1748. V. Lupoli,

Iur. eccles. praelect. Neap. 1777. D. Schräm, Instit. iur. eccles. Aug. Vind. 1774 sqq.

J. Deroti, Instit. can. libri quattuor. Rom. 1785; Leodii 1883. G. C. Ferrari, Summa

instit. can. 1847; ed. 5 1893 sqq. G. Soglia, Instit. iur. priv. et publ. eccles. 1859;

ed. nova 1897. D. Craisson, Elementa iur. can. Ed. 8. 1892. C. Lombardi, Iur.

can. priv. instit. 1898 sqq. Protestantischerseits : J. H. Böhmer, Instit. iur. can.

Halae 1738.

3. Darstellungen in freier systematischer Form:

a) Umfassendere Werke und Handbücher

7.) Katholische Verfasser:

A. Barbosa, Iur. eccles. univ. libri tres. Lugd. 1637 sqq. J. Cabassutiiis, Iur.

can. theoria et praxis. Lugd. 1660. J. P. Gibert , Corpus iur. can. per regulas

2*


.'

20

Einleitung.

natural! ordine digestas . . . expositi. Colon. Allobrog. 1735. Benedidus XIV.

,

Do

synodo dioecesana libri tredecim. Rom. 1748. G. Zallicein , f'rincipia iur. eccles.

Aug. Vind. 1763. Ä. Frey, Krit. Kommentar ü. d. KR. 1812 ff.; 2. Aufl. 1823 fr.;

Bd. IV ff. V. J. Schein. 1826 ff. 5. Brendel, Handb. d. kath. u. prot. KRs. 1823:

3. Aufl. 1840. J. Helfeii, Handb. d. KRs. 184.5 ff.; 4. Aufl. v. J. A. Helfert. 184-.

G. PhiUipit, KR. 184-5 ff.; Bd. VIII, Abt. 1 v. F. H. Verimj. 1889. F. M. Permaneder,

Handb. d. gemeingült. kath. KRs. 1846; 4. Aufl. v. J. Silhernafß. 1865. D. Bouis,

Instit. iur. can. in var. tract. divisae. 1852 sqq. J. Ä. Schöpf, Handb. d. kath. KR'^.

1854 ff. ; 4. Aufl. 1866 ff. J. F. Schulte, Das kath. KR. 1856 ff. U. Scherer, Handb.

d. KRs. 1886 ff.

})

Protestantische Verfasser:

G. Wiese, Handb. d. gem. in Deutschi. übl. KRs. 1799 ff. K. F. Eichhorn,

Grundsätze d. KRs. 1831 ff. P. Hinschitts, Das KR. d. Kath. u. Prot, in Deutschi.

System d. kath. KRs. 1869 ff.

b) Lehrbücher:

a) Katholische Verfasser:

P. J. Riegger , Instit. iurisprud. eccles. Vindob. 17GÖ sqq. F. St. Rauteti-

Strauch, Instit. iur. eccles. Prag. 1769. Ph. A. Schmidt, Instit. iur. eccles. Heidelb.

1771. J. A. Biefjijer, Elementa iur. eccles. Vindob. 1774. M. Schenkt, Instit. iur.

eccles. Ingoist. 1790; ed. 11 1853. J. X. Pehem, Praelect. in ius eccles. . . . partes

duae. Vindob. 1791. J. A. Sauter, Fundamenta iur. eccles. cath. 1805 sqq. F. W.

A. Gambsjdger, Ius eccles. in usum praelect. 1815. F. Walter, Lehrb. d. KR.s

1822 (seit d. 4. Aufl. mit d. Zusatz : aller Konfessionen) ; 14. Aufl. v. H. Gerlach,

1871. K. A. V. Droste-HiUshoff, Grundsätze d. gem. KRs. d. Kath. u. Evang.

1828 ff. Th. Fachmann, Lehrb. d. KRs. 1849 ff.; 3. Aufl. 1863 ff. K. F. Rof»-

hirt, Lehrb. d. KRs. 4. Aufl. 1869. G. Phillips, Lehrb. d. KRs. 1859; 3. AuH

V. Ch. Moufaiig. 1881. J. Winkler, Lehrb. d. KRs. m. bes. Rucks, a. d. Schweiz.

1862; 2. Aufl. 1878. S. Aichner, Compendium iur. eccles. 1862; ed. 8 189G.

J. F. Schulte, Lehrb. d. kath. KRs. 1863 : 4. Aufl. (mit d. evang. KR.) 1886. F. Kunsiniann,

GrundzQge e. vergleich. KRs. d. christl. Konfess. 1867. C. Tarquini S. J..

Iur. eccles. publ. instit. 1868; ed. 14 1892. H. Gerlach, Lehrb. d. kath. KRs. 1869:

5. Aufl. V. F. X. Schulte. 1890. F. H. Vering, Lehrb. d. kath., Orient, u. prot. KRs.

1874; 3. Aufl. 1893. J. Silbernagl , Lehrb. d. kath. KRs. 1879: 3. Aufl. 1895.

F. Cavagnis, Instit. iur. publ. eccles., ed. 3 1899. H. Lämmer, Instit. d. kath. KRs.

1886; 2. Aufl. 1892. Ph. Uergenröther, Lehrb. d. kath. KRs. 18^8. F. Heiner, Kath. KR.

1894; 2. Aufl. 1897. K. Gro/s, Lehrb. d. kath. KRs. 1894; 3. Aufl. 1900. M. de Lucer

S. J. , Praelect. iur. can. 1897 sqq. F. X. Wernz S. J. , Ius decretalium. 1898 sqq.

M. Lega, Praelect. iur. can. 1898 sqq. G. Sehastianelli, Praelect. iur. can. 1898 sqq.

ß) Protestantische Verfasser:

Am. L. Richter, Lehrb. d. kath. u. evang. KRs. 1842; ^. Aufl. v. R. W. Doi>

a. W. Kahl. 1886. 0. Mejer, Instit. d. KRs. 1845; 3. Aufl. 1869. F. Thudichuw,

'

Eigentümlicher Art sind die von G. de Luise (1873), E. Cdomiatti (1888 ff.}.

A. Pillet (1890), H. 2J. Pezzani (l'^98 ff.) u. Deshai/es (1895) versuchten Kodifikationen

d. KRs., welche in Berücksichtigung zahlreicher Wünsche unter Weglassunt:

d. veralteten u. Aufnahme nur d. noch geltenden kirchl. Rechts dasselbe in d. Form

staatlicher Gesetzbücher darstellen. H. Ldmmrr, Zur Kodifikation d. kan. Rechts

(1899) .8. 160 ff.


§ 8. Die neuere Litteratur des Kirchenreclits. 21

Deutsch. KR. d. 19. Jlidts. 1877. E. Friedherg, Lehrb. d. kath. u. evang. KRs.

1879; 4. Aufl. 1895. Ä. Frantz, Lehrb. d. KRs. 1887; 8. Aufl. 1899. Ph. Zorn,

Lehrb. d. KRs. 1888. W. Kahl, Lebrsystera d. KRs. u. d. Kirclienpolitik. 1894 ff.

VI. R e 13 e r 1 r i e n und Nachschlagewerke:

Ferraris, Prompta bibhotb. can. Bonon. 1746; ed. nov. Rom. 1883. A. Müller,

Lexikon d. KRs. 1830 ff. ; 6. Aufl. 1857. Welske, Rechtslexikon. 1839 ff. Moroni,

Dizionario di erudiz. stor.-ecclesiastica. 1840 sgg. Äschbach, Allg. Kircbenlexikon.

1846 ff. Wetzer u. Weite, Kirchenlexikon. 1847 ff. ; 2. Aufl., beg. v. J. Hergenröther,

fortg. V. F. Kaulen. 1882 ff. Herzog, Realencyklopädie f. prot. Theol. u. Kirche.

1854 ff. ; 2. Aufl. v. Plitt u. Hauck 1875 ff. ; 8. Aufl. v. Hauck 1896 ff.

VII.

Sammlungen von Abhandlungen:

Tractatus univ. iuris. Venet. 1584 sqq. A. Barbosa, Collectanea doctorum

tarn vet. quam recent. in ius pontif. univ. Lugd. 1647. J. TJi. Rocaberti, Bibliotheca

max. pontif. Rom. 1698 sqq. G. Meermann, Novus tliesaurus iur. civ. et can.

Hag. 1751 sqq. A. Schmidt, Thesaurus iur. eccles. Heidelb. 1772 sqq. A. Maijer,

Thesaurus nov. iur. eccles. Ratisb. 1791 sqq. P. A. Gratz, Nova coUectio dissert.

select. in ius eccles. 1829.

VIII.

Zeitschriften:

Jahresschrift f. Theol. u. KR. d. Kath. 1806 ff. (6 Bde.) Weifs , Archiv d.

KRwschft. 5 Bde. 1830 ff. Lippert, Annalen d. kath., prot. u. jüd. KRs. 4 Hfte.

1831 ff. Seitz, Z. f. KRs.- u. Pastoralwschft. 8 Bde. 1842 ff. Jacobson u. Richter,

Z. f. d. Recht u. d. Politik d. Kirche. 2 Hfte. 1847. Ginzel , Arch. f. Kirchengschte.

u. KR. 3 Hfte. 1851 ff. Analecta iur. pontif. 1853 sqq. ; Fortsetzung sind

d. Anal, eccles. 1893 sqq. Moy de Sons, Arch. f. kath. KR. 1857 ff.; v. Bd. VI ab

mit Vering, v. Bd. XIX v. Vering allein, v. Bd. LXXVII v. Heiner. Dave, Z. f. KR.

1861 ff. ; v. Bd. IV mit Friedberg, seit 1892 als D. Z. f. KR. v. Friedberg u. Sehlitig.

Acta S. Sedis (ex iis decerpta, quae apud S. S. geruntur). 1865 ff". Le canoniste

oontemporain. 1878 ss. Journal du droit can. et de la jurisprudence can. 1881 ss.

Nuntius Romanus.

1882 sqq.


Erstes

Buch.

Kirche

und Kirchenpolitik.

Erstes Kapitel.

Die Kirche.

Weseu uud Eigeiiscliafteu

der Kirche.

Zur Litt. s. § 2. J. M. Kaufmann, Die Einheit, Katholizität u. Apostolizität

d. Kirche. 1858. P. Kayerer, Die Heiligkeit d. christl. K. 1860. J. Schufer, Das

Reich Gottes im Lichte d. Parabeln d. Herrn. 1897.

Jesus Christus bezeichnete nach dem Vorgange der Propheten ^

die von ihm gestiftete Kirche als ein Reich - , als weithin sichtbare

Stadt 3, als Herde und Schafstall*, in welchen unter Christus, dem

unsichtbaren Oberhirten,

durch die Apostel und deren Nachfolger alle

Menschen aller Zeiten geführt werden sollen '. Aufserdem wii'd in

der Heiligen Schrift die Kirche bezeichnet als Gebäude ^ und als

Organismus"^. So ist die Kirche eine wirkliche, wohlgeordnete Gesellschaft.

Deren Eigenschaften oder Merkmale sind die Sichtbarkeit \

die Einheit*^, die Heiligkeit ^^ die Katholizität'^ und die Apostolizität '2.

' Is. 11, 4ff. Dan. 2. 44; 4, 23.

» Matth. 4, 17. 23; 5, 3; 6, 10; 13, 1 ff.; 20, 1 ff.; 22, 1 ff.; 25, 1 ff. Luk.

1. 32 f. » Matth. 5, 14.

Joh. 10, 1 ff.; 21, 15 ff. * Job. 21, 15 ff. Matth. 28, 18 ff.

« Matth. 16, 18; 21, 42. 1 Kor. 3, 10 ff. Eph. 2, 19 ff. 1 Petr. 2. 4 ff.

' 1 Kor. 12, 12 ff. Eph. 1, 22 f.; 4, 12. Kol. 1, 18 f.

^ Is. 2, 2. Matth. 5, 14.

» Matth. 6, 10. Joh. 10, 1 ff. ; 17, 20 f. Eph. 4, 3 ff. Cypi: De cath. eccles.

unitate (passim).

'

Ep. 43, 5.

Joh. 17, 17. Eph. 5, 25 ff. 1 Petr. 2, 9.

" Matth. 28, 18 ff. Gal. 3, 28. Igtiat. Ad Smyrn. c. 8, 2. Martyr. Pohjc.

Inscr.; c. 8, 1 ; c. 16, 2; c. 19, 2.

" Eph. 2, 19 ff. Die apost. Succession betonten namentlich Iren. (Adv. haeres.

I. 3, c. 3) u. TeHull. (De prae.scr. haeret. c. 32).


§ 10. Die Kirchengewalt. 23

Daher bekennt das konstantinopolitanische Symboliim den Glauben

an eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Aufs engste

hängen mit diesen Eigenschaften zusammen die Unvergänglichkeit

(Indefektibilität) ^ , die Unfehlbarkeit (Infallibilität) ^ und die Notwendigkeit.

Die Kirche ist die alleinige Vermittlerin des Heiles,

oder sie ist alleinseligmachend'^. Cypriaii sagt: „Habere non potest

Deum patrem, qui ecclesiam non habet matrem" *. Und der Schlufs

der Bulle ,,Unam sanctam" lautet: „Porro subesse Romano pontifici

omni humanae creaturae declaramus, dicimus, definimus et pronuntiamus

omnino esse de necessitate salutis." ^ Jedoch will damit

dem Heile der sich in unüberwindlichem Irrtum Befindlichen nicht

präjudiziert werden ^. Alle diese Eigenschaften der wahren Kirche

finden sich nur bei der römisch-katholischen.

§ 10.

Die

Kircheiigewalt.

G. Schneemann, Die kirclil. Gewalt u. ihre Träger (Die Eucyklika Pius' IX.

V. 8. Dez. 1864, Nr. VII). 1867. M. Gitzler, De fori interni et externi differentia

et necessitudine. 1867. M. J. Scheeben, Handb. d. kath. Dogmatik I (1873 ff.), 66 ff.

E. Heime, Das Lehramt in d. kath. Kirche u. d. päpstl. Primatus ordinis, in Grünliuts

Z. f. d. Privat- u. öffentl. Recht d. Gegenwart III (1876), 535 ff. (auch separat).

L. Schnell, Die Gliederung d. Kirchengewalten (Th. Qsch. LXXI [1889], 387 ff.).

Die von Christus zum Heile der Menschen gestiftete Kirche, das

sichtbare Reich Gottes auf Erden, bedarf wie jede Gesellschaft und

jedes Reich einer ordnenden _Gewalt. Diese hat ihr Christus, dem

alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, auch gegeben.

Beim letzten Abendmahle forderte er die Apostel auf, zu seinem

Andenken zu thun, was er selbst soeben gethan^. Er gab ihnen sodann

die Vollmacht, Sünden nachzulassen und zu behalten, zu binden

und zu lösen '^. Und unmittelbar vor seiner Himmelfahrt befahl er

denselben, ihre Befugnisse zusammenfassend, allen Völkern seine

Lehre zu predigen, sie zu taufen und sie zu lehren, alles zu halten,


Matth. 16, 18; 28, 20. Joli. 14, 16.

2 Matth. 16, 18; 28, 20. Joh. 14, 26; 15, 26; 16, 13. Apg. 1, 8. Luk.

22, 32. Joh. 21, 15 ff. 1 Tim. 3, 15. Iren. Adv. haeres. 1. 3, c. 24. Vatic. De

eccles. c. 4.

3 Matth. 18, 17. Joh. 3, 18; 14, 6; 15, 4. Tit. 3, 10 f. 1 Petr. 3, 20.

* De cath. eccles. unit. c. 6.

5 C. 1 Extrav. comm. de M. et 0. I, 8. Pius IX., Encykl. v. 9. Nov. 1846

u. V. 9. Dez. 1854.

« Augtist. Ep. 43, 1 (c. 29, C. XXIV, q. 3). Pius IX., Encykl. v. 9. Nov. 1846.

' Luk. 22, 19. ^ Job. 20, 23. Matth. 16, 19; 18, 18.


24

I. Buch: Kirche und Kirclienpolitik. 1. Kap.: Die Kirche.

was er ihnen geboten habe ^. So gab der Herr den Aposteln und

damit der Kirche alle die Befugnisse, welche sie zur Erieichung ihres

Zweckes nötig hat. Der Inbegriff dieser Befugnisse wird als Kkchengewalt,

potestas ecclesiastica, bezeichnet.

Im Anschlufs an die angeführten Schriftstellen spricht man von

einem dreifachen Amt der Kirche, von dem Lehramt (prophetisches

Amt), dem priesterlichen und dem Hirtenamt (königliches Amt), und

von einer dreifachen Gewalt derselben , der potestas magisterii,

p. ordinis (ministerii) und p. iurisdictionis (imperii). Doch unterscheidet

man nach altem Herkommen in der Kegel nur die potestas

ordinis und p. iurisdictionis 2. Unter der potestas ordinis versteht

man die Befähigung zur Vornahme gewisser heiliger, gnadenvermittelnder

Handlungen. Unter der potestas iurisdictionis versteht

man zunächst die Befugnis, die in der potestas ordinis enthaltene

Befähigung auszuüben, sodann das Recht, die Kirche Gottes zu

leiten und zu regieren. Soweit sich die potestas iurisdictionis auf

das innere Verhältnis des Menschen zu Gott erstreckt , heifst sie

iurisdictio fori interni sive poli. Diese selber wieder ist entweder

sacramentalis (poenitentialis) ^ oder extrasacramentalis *. Soweit sich

die p. iurisdictionis aber auf die Ordnung der äufseren kirchlichen

Verhältnisse bezieht, heifst sie iurisdictio fori externi sive fori. Diese

iurisdictio, die eigentliche Regierungsgewalt, ist entweder eine gesetzgebende

oder eine richterliche oder eine vollziehende. Die potestas

ordinis wird durch einen Konsekrationsakt verliehen und ist wegen

des eingeprägten Charakters indelebilis unverlierbar, so dafs der Inhaber

derselben sie immer und überall gültigerweise (valide) ausüben

kann. Die potestas iurisdictionis aber wird verliehen durch die

missio canonica, durch Sendung oder Auftrag von seiten Christi oder

der Kirche.

Wegen des Gehorsam heischenden Charakters der kirchlichen

Lehrthätigkeit wird das magisterium regelmäfsig der potestas iurisdictionis

untergeordnet. Das Vaticanum hat erklärt: ,.Ipso autem

apostolico primatu . . . supremam quoque magisterii potestatem comprehendi."

^ Allein in Hinsicht darauf, dafs die kirchliche Lehrthätigkeit

wie die Ausübung der potestas ordinis übernatürliche Güter

übermittelt

und ein übernatürliches Leben miterzeugt S und dafs in der

'

Matth. 28, 18 ff.

« Jliotu. Aq. Summa theol. 2, 2, q. 39, a. 3. Catech. Rom. p. 2, c. 7, q. 6. 7.

'

MatÜi. 16, 18; 18, 18. Joh. 20, 21. * 1 Kor. ö. 5. 1 Tim. 1. 20.

*

De eccles. c. 4. * Rom. 9, 10.


§ 11. Die Verfassung dei* Kirche. 25

Kirche ordentlicherweise

und regelmäfsig von Anfang an die Bischöfe

auf Grund ihres durch die Ordination erhaltenen „charisma veritatis" ^

und der hierdurch konstituierten Befähigung in Verbindung mit dem

Papste das höchste kirchliche Lehramt ausübten, kann die potestas

magisterii nicht vollständig von der potestas ordinis getrennt werden.

Wenn also die Kirchengewalt streng genommen nur in die potestas

ordinis und die p. iurisdictionis zerfällt, so kann doch die Trichotomie

derselben in Hinsicht auf die Materie und im Interesse der Übersicht

beibehalten

werden.

Die potestas ordinis und die p. iurisdictionis sind der Abstufung

fähig. Auch ist es möglich, dafs die eine ohne die andere da ist

(Weihbischof — der gewählte Papst),

oder dafs eine derselben für sich

allein verändert wird (Empfang einer höheren Weihe — Absetzung).

Bei den höheren Stufen aber findet sachgemäfs und in der Regel

eine

Kongruenz der Kirchengewalten statt.

Die

§ 11.

Verfassung der Kirche.

Aus der überreichen neueren Litt.: Z. Primat: J. Ä. Mäkler, Die Einheit in d.

Kirche (2. Aufl. 1843) 236 ff.

J. Döllinger, Christent. u. Kirche in d. Zeit d. Grundlegg.

(2. Aufl. 1868) 30 fr. 98 ff. 293 ff. H. Hagemann, Die röm. K. u. ihr Einflufs a.

Disziplin u. Dogma in d. ersten drei Jhdten. 1864. G. Schneemann, Der Papst, d.

Oberhaupt d. Gesamtkirche. 1867. F. Hettinger, Die kirchl. Vollgewalt d. Apostel.

Stuhles. 2. Aufl. 1887. W. Esser, Des hl. Petrus Aufenthalt, Episkopat u. Tod zu Rom.

1889. J. Schmid, Petrus in Rom. 2. Aufl. 1892. R. Sohni, KR. I (1892 f.), 350 ff.

A. Harnaclc, Lehrb. d. Dogmengschte. I (3. Aufl. 1894 ff.), 439 ff. J. Hollweck,

Der Apostel. Stuhl u. Rom. 1895. J. Chapman, Le temoignage de S. Irenee en faveur

de la primaute romaine (Revue b^uedictiue XII [1895], 49 ss.). Schanz, Apologie"

in, 397 ff. F. X. Funk, Der Primat d. röm. K. n. Ignatius u. Irenäus (Kirchengeschichtl.

Abh. u. Unters. I [1897 ff.] , 1 ff.). (F. S.) De successione prior. Rom.

pontif. Thes. acad. Rom. 1897. — Z. Episkopat, Presbyterat, Diakonat u. d. Ordines

minores: R. Rothe, Die Anfänge d. christl. Kirche u. ihr. Verfassung (1837) 142 ff.

/. W. Bichell, Gesch. d. KRs. 2. Lief. 1849. A. Rifschl , Die Entstehung d. altkath.

K. (2. Aufl. 1857) 345 ff. G. Schneemann, Die kirchl. Gewalt u. ihre Träger.

1867. Döllinger, Christentum u. K. 293 ff. F. Probst, Kirchl. Disziplin in d.

drei ersten christl. Jhdten. (1878) 9 ff. K. Weizsäcker, Die Kirchenverfassung d.

apostol. ZAs. (Jahrbb. f. deutsch. Theol. XVIIl [1873], 681 ff.). Ders., Das apostol.

ZA. d. christl. K. (1886) 606 ff.; (2. Aufl. 1892). W. BeyscMag, Die christl. Gemeindeverfassung

im ZA. des N. Ts. 1874. G. Helnrici, Die Christengemeinde zu Korinth

u. d. relig. Genossenschaften d. Griechen (Z. f. wiss. Theol. XIX [1876], 465 ff.).

Hatch u. Harnack, Die Gesellschaftsverfassung d. christl. Kirchen im Altert. 1883.

Uarnack, Die Lehre d. zwölf Apostel (18S3) 98 ff. Ders., Die Quellen d. sogen,

apostol. Kirchenordnung nebst e. Untersuch, üb. d. Ursprung d. Lektorats u. d. and.

^ Iren. Adv. haeres. 1. 4, c. 26. - Scheelen I,


;

26

I. Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 1. Kap.: Die Kirche.

nied. Weihen. 1H86 (Texte u. Untersuch. II, 5). Ders., Dogmengschte » F. 204 if.

J. y. Seidl, Der Diakonat. 1084. De Smedt, L'organi.sation des öglises chröt. juscju'au

milieu du 3« siede (Revue d. quest. histor. XLIV [18>


§ 11. Die Verfassung der Kirche. 27

und notwendig in und durch persönliche Amtsnachfolge auf dem

bischöflichen Stuhl zu Rom auf den jeweiligen Bischof von Rom über.

Petrus nämlich ist als Bischof von Rom gestorben. Rom wohl ist zu

verstehen unter dem irspuQ tötzoQj an den sich Petrus vor Herodes

Agrippa flüchtete ^ und sicher unter „Babylon", von wo aus er seinen

ersten Brief schrieb 2. Bei Schilderung der Neronischen Christenverfolgung

zu Rom bemerkt Clements Romanus zugleich, dafs Petrus

und Paulus zusammen als Opfer des Neides und der Eifersucht gestorben

seien ^. Ein Decennium ungefähr später , im Anfang des

2. Jahrhunderts, schreibt Ignatius von Antiochien an die Römer:

„O'^x ^Q nizpoQ 7.al TlaoXoc, diaTdaanixai •jiCvy' ^. Und Irenäus bezeugt

um das Jahr 180, dafs Petrus und Paulus in Rom das Evangelium

verkündet und die dortige Kirche gegründet haben ^.

Diese Primatialstellung

des Bischofs von Rom wurde zu jeder Zeit nicht blofs von

den Gläubigen, sondern auch von den Häretikern anerkannt. Infolge

hiervon gab um das Jahr 96, also noch zu Lebzeiten des Apostels

Johannes, die römische Kirche der durch inneren Zwist beunruhigten

Gemeinde zu Korinth Mahnungen zum Frieden in einem Ton, der das

Bewufstsein von einer Autoritätsstellung verrät ^. Ignatius von Antiochien

nennt die römische Kirche ,,7:fjoy.al^rjp.iur] ztjq äyd-nTjQ''', d. h.

die Vorsteherin des Liebesbundes ^, Irenäus sagt, dafs alle Kirchen

mit der römischen übereinstimmen (con venire) müfsten wegen deren

„potentior principalitas". Diese selber aber gründet sich auf ihre

fundatio „a gloriosissimis duobus apostolis Petro et Paulo" ^. Cyprian

nennt die römische Kirche die „cathedra Petri" und die „ecclesia

principalis, unde unitas sacerdotalis exorta est" ^. Tertullian endlich

weist darauf hin, dafs alle Häretiker und Schismatiker sich um die

Gemeinschaft mit der römischen Kirche bewerben, in der Überzeugung,

dafs diese Gemeinschaft gleich der mit der Gesamtkirche sei^''.

Daher sind abzuweisen Behauptungen wie: die römische Kirche

verdanke ihren Vorrang der politischen Stellung Roms als Reichshauptstadt,

was bereits auf den Synoden von Konstantinopel a. 381

und Chalcedon 451 behauptet wurde ^1, oder die christlich gewordenen

'

Apg. 12, 17. - 1 Petr. 5, 13. ^ Ad Corinth. I, c. 5. 6.

*

C. 4, 3.

^ Adv. liaeres. l. 8, c. 3. Weitere Belege bei F. X. Funk, Lehrb. d. Kgschte.

(3. Aufl. 1898) 26. Ä. Knöpfler, Lehrb. d. Kgschte. (2. Aufl. 1898) 44 f.

^ Clent. Rom. Ad Corinth. I, c. 56 sqq.

''

Ad Rom. inscr.

* Adv. haeres. 1. 3, c. 3. ^

^p. 59, 14; De cath. eccles. unit. c. 4.

»" Adv. Prax. c. 1. Weitere Belege: Funk, Kgschte. ^ 161 f. Knöjyfler,

Kgschte. - 70 f. 191 ff. Funk, Der Primat d. röm. Kirche (Abh. u. Unters. I, 1 ü'.).

" Constantin. c. 3. Chalced. c. 28.


2g

I. Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 1. Kap.: Die Kirche.

römischen Kaiser hätten Roms Primat durch ihre Gesetze geschaffen ^

oder die Päpste hätten ihre Stellung nur durch kluge Benutzung der

^'crhiiltnisse erlangt. Wahr ist nur, dafs der Primat im Laufe der

Zeit eine weitere Entfaltung erhielt.

2. Aber auch den Aposteln insgesamt gab der Herr die dreifache

Gewalt der Lehre, der Gnadenspendung und der Regierung der

Gläubigen und der Kirche 2. Jedoch konnten dieselben nach der Lage

der Dingo ihre Gewalt nur in Verbindung und Unterordnung unter

ihr Haupt, Petrus, ausüben. In dieser Weise haben denn auch die

Apostel nach Ausgiefsung des Heiligen Geistes ihres Amtes gewaltet ^.

Diese apostolische Thätigkeit sollte

nach dem Willen Christi ebenfalls

allezeit in der Kirche fortdauern. Denn die Kirche bedurfte auch

nach dem Hingang der Apostel in ihren einzelnen Teilen nicht weniger

der Verkündigung der Lehre, der Spendung der Sakramente und der

Regierung der Gläubigen. Daher haben die Apostel unter Gebet und

Händeauflegung Männer aufgestellt, welche ihnen in der Leitung der

von ihnen gegründeten gröfseren Kirchengemeinden nachfolgen sollten,

die Bischöfe, STziaxo-ot. So ermahnt Paulus den Timotheus, die

Gnadengabe, welche durch Auflegung seiner Hände in ihm sei, nicht

zu vernachlässigen*, und die Vorstände der Kirche von Ephesus, zu

wachen über sich und die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist

sie als Bischöfe (iTrtaxÖTzo'jQj aufgestellt habe '". Diese Bischöfe hatten

eine alle übrigen Gemeindemitglieder überragende Stellung. Sie

ordinierten und firmten ^. Sie leiteten den Gottesdienst und das

sittliche Leben in der ganzen Gemeinde ". Die von den Aposteln

aufgestellten Bischöfe stellten dann nach apostolischer Anordnung,

jedoch unter Mitwirkung der Gemeinde ihre Nachfolger auf (successio

apostolica) ^.

3. Neben den Aposteln und ihren Nachfolgern und in Unterordnung

unter sie funktionierten auch die Ältesten, ~osa,i-jT-o'.. Sie

unterstützten zunächst die Apostel bei Abhaltung des Gottesdienstes,

bei Spendung der Sakramente, bei Leitung der Gemeinde in Lehre

' Man meint dabei Gesetze wie: L. 1, C. de summ, trinit. I, 1 (von Gratian,

Valentin. II. u. Theodos. I. a. 380), oder das Edikt Valentin. III. a. 445 in Novellae

const. inip. Theod. II., ed. Jlaetid, Nov. Valent. III. t. XVI, de episcop. ordinatione.

» Matth. is, 18; 2b, 19 f. Luk. 22, 19. Joh. 20, 22 f.

» Apg. c. 6; y; 15. «1 Tim. 4, 14. 2 Tim. 1, 6.

" Apg. 20, 2ö. « 1 Tim. 3, 2 ff. ; 5, 22. Tit. 1. ö ff.

' 1 Tim. 4; 5. 2 Tim. 2.

« Gem. liom. Ad Corinth. I. c. 44. Iren. Adv. haeres. 1. 3, c. 3 ; 4, c. 26. 33.

TertvJl. De praescr. haeret. c. 32. Die Bischofslisten von Rom, Antiochien, Alexandrien

und Jerusalem reichen bis auf die Apostel zurück.


§ 11. Die Verfassung der Kirche. 29

und Leben i. Sodann bildeten sie die Gehilfen , Ratgeber und Stellvertreter

der Bischöfe, aber in allem an deren Auftrag gebunden 2,

4. Allein weder in der apostolischen, noch in der unmittelbar nachapostolischen

Zeit sind die Bischöfe immer scharf von den Presbytern

geschieden. Vielmehr werden die Ausdrücke „iniaxoTioc" und „rrpeaßorspoC

vielfach promiscue gebraucht 3. Oder auch werden nur die

i-iaxoTzot und otäy.ovoi genannt, wobei die Presbyter unter die Bischöfe

subsumiert sind*. Daraus wurde nun geschlossen, dafs der

Episkopat und Presbyterat ursprünglich identisch waren, dafs anfänglich

in Nachbildung von heidnischen Vereinen 5, oder namentlich von

den jüdischen Gemeinden ein Kollegium von Altesten an der Spitze

gestanden sei (Presbyterialverfassung) , dafs sich dann aus den ursprünglich

Gleichstehenden einer über die andern emporgeschwungen

habe und dafs so der monarchianische Episkopat entstanden sei. Als

Zeuge für diese Entwicklung wird namentlich Hieronymus angerufen.

Dieser nämlich sagt, dafs anfänglich Bischof und Presbyter gleich

gewesen seien und erst später, „cum diaboH instinctu studia (partium)

in religione fierent", sich einer der Presbyter über seine Kollegen

emporgeschwungen habe ^.

Hierin ist nun zuzugeben, dafs natürlicherweise die Einrichtungen

der apostolischen Zeit noch etwas Unfertiges an sich tragen mufsten.

Neben Aposteln erscheinen Evangelisten, Propheten und Lehrer'^. Aber

im wesentlichen war der Unterschied zwischen den Bischöfen und den

Presbytern von Anfang an vorhanden. Aus der Identität der Namen

folgt nicht die der Sache, Die Terminologie war ursprünglich überhaupt

schwankend, und erst später wurde das ursprünglich schon

reell Verschiedene auch nominell unterschieden. Die Apostel selbst

bezeichneten sich als Presbyter und als Diakonen s. Sodann können

» Apg. 11, 30; 14, 22; 15, 2 ff.; 21, 18. Jak. 5, 14.

- Ignat. Ad Smyrn. c. 8, 1 Ad Magues. c. 6; Ad Trallian. c. 2, 1.

;

3 Apg. 20, 17 tf. Tit. 1, 5 ff. Clem. Rom. Ad Corintli. I, c. 44. Iren. Adv.

baeres. 1. 3, 2; 4, c. 26.

* Phil. 1, 1. 1 Tim. 3, 1 ff. Clem. Rom. 1. c. c. 42. 44. Didach. 15, 1.

* Nach Hatch-Harnack (Die Gesellschaftsverfassung etc. 17 ff.) hätten die Ältesten

(Presbyteralkolleg) ursprünglich nur die Handhabung der Disziplin u. Jurisdiktion

in Privatstreitigkeiten gehabt, während die „Episkopen" analog den Finanzbeamten

(i-i(r/.o-oi ^ i~c,as?.7]TacJ in Kleinasien u. Syrien die christlichen Gemeindevorstände

für Verwaltungs- u. Finanzsachen gewesen wären (Episkopalverfassung).

« Comment. in Tit. c. 1 (c. 5, D. XCV) ; Ep. 146 ad Evang. 1 (c. 24, D. XCIII).

Ep. 69 ad Ocean. 1.

' Apg. 13, 1; 15, 32; 21, 8. 1 Kor. 12, 28 f. Eph. 4, 11. Didach. 11—15.

« 1 Petr. 5, 1. 2 Job. 3 Job. 1 Kor. 3, 5. 2 Kor. 3, 6.


30

I- buch: Kirche und Kircbonpolitik. 1. Kap.: Die Kirche.

Timotheus und Titus ^ der „getreue Amtskollege" des Apo.stels

Paulus in l'liilippi '-. Diotrephes im 3, Johanne.sbrief ^ und die , Enger

(ayyt'/.ni) der siebeu kleinasiatischen Gemeinden* niclit anders aufgefafst

werden, denn als über den Presbytern und Diakonen stehende

Obervorstände. Durch Hinweis auf die gottgewollte alttestamentliche

Einrichtung dos Hohenpriester-, Priester- und Levitentums

drückt Clemens Uomanus den Gedanken aus, dafs eine solche Dreiteilung

der kirchlichen Ämter auch im Neuen Testamente herrschen

müsse und herrsche ^. In den Briefen des hl. If/natiiis erscheint der

monarchianische Episkopat neben Presbyterat und Diakonat fest begründet

^. Wären nun Episkopat und Presbyterat ursprünglich identisch

gewesen und der monarchianische Episkopat durch selbstsüchtige

Erhebung eines Presbyters über seine Mitpresbyter entstanden,

so hätte das nicht geschehen können, ohne dafs die Geschichte diesei

tief einschneidenden und allgemeinen Veränderung in der Grundverfassung

der Kirche und des damit notwendig gegebenen Kampfes

zwischen dem alten

kollegialen Presbyterat und dem emporstrebenden

neuen monarchianischen Episkopat Erwähnung gethan hätte.

Ein an

der Spitze der Gemeinde stehender monarchianischer Bischof auch ist

der „zposfTzwQ"' bei lustinus Marttjr'. Was endlich Hieronymus über

die Gleichheit von Episkopat und Presbyterat sagt,

hatte seinen Grund

in einer erregten Stimmung über die Anmafsungen der Diakonen

seiner Zeit. Er selber bemerkt, dafs nur der Bischof ordiniere ^, dafs

die Ordnung der dreiteiligen neutestamentlichen Priesterschaft der

des Alten Bundes entspreche und dafs die Apostel selbst Priester und

Bischöfe eingesetzt hätten •'.

5. Die von den Aposteln eingesetzten sieben Diakonen hatten

von Anfang an wie auch später Hilfe zu leisten nicht blofs in dei

Armenpflege, sondern auch bei der Feier der Eucharistie und Agapen.

in der Verkündigung des Wortes Gottes und bei Spendung der Taufe ^".

6. Als dann bei der wachsenden Zahl der Gläubigen die Geschäfte

sich mehrten, man aber die durch den Schriftbericht geheiligt»


Timothensbriefe u. Titusbrief. « Phil. 4, 3. » V. 9.

* Offb. 1-3. » Ad Corinth. I, c. 40.

« Ad Eph. c. 2. 4. 5. 6; Ad Magnes. c. 3. 4. 6. 7 ; Ad Trallian. c. 2. 3. 7. Vi;

Ad Pbiladtlph. c. 3. 4. 7; Ad Smyrn. c. 8

; Ad Polyc. c. 6.

'

Apol. I, c. 65 sqq. Vgl. auch: TTpoearwTss -neaß-'jTEpoi, 1 Tim. 5. 17;

ü r^oios, Rom. 12, 8. "

Ep. 146 ad Evang. (c. 24, § 1, D. XCIII).

® Comment. in Matth. c. 26.

'« Apg. 6—8. 1 Tim. 3 , 8 ff. Iffnai. Ad Smyrn. c. ^; Ad Trallian. c. 2.

lust. Mart. Apol. I, c. 65.


§ 12. Die Hierarchie. 31

Siebenzalü der Diakonen nicht verlassen wollte, da wurden zur Aushilfe

weitere kirchliche Amter eingeführt: Subdiakonat, Akoluthat,

Exorcistat, Lektorat und Ostiariat. Zur Zeit des Papstes Kornelius

(251—253) waren dieselben bereits alle in Rom vorhanden i. Sie

müssen also im Laufe des 2. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts

successive entstanden sein.

Die

§ 12.

Hierarchie.

Vgl. die Litt, zu §§ 9 u. 10. Aufserdem : D. Fetariiis, De ecclesiast. liierarchia

libri tres. Paris. 1643. F. Hall/er, De hier, eccles. libri quattuor. Paris. 1646.

Die Träger der Kirchengewalt bezeichnet man, weil sie dieselbe

zur Heiligung der Menschen anwenden sollen, mit einem seit Pseudodionysius

ganz gebräuchlichen Ausdruck als heilige Regierung,

lnerarchi_a, sacer principatus. Gemäfs der Zweiteilung der potestas

ecclesiastica unterscheidet man hierarchia ordinis und hierarchia iurisdictionis.

Die hierarchia ordinis ist die Reihenfolge derjenigen Per- 2

sonen, welchen dje potestas ordinis, die Befähigung zur Spendung der

Gnaden zukommt. Sie wird selbst wieder eingeteilt in eine hierarchia

ordinis iuris divini und ecclesiastici. Zu ersterer gehören auf Grund /,

ihres sakramentalen Charakters und göttlichen Rechts der Episkopat,

Presbyterat und Diakonat^. Diese Ordines erfuhren durch kirchliche -i,

Einrichtung eine Erweiterung nach unten durch den Subdiakonat,

Akoluthat, Exorcistat, Lektorat und Ostiariat. Diese letzteren sind

also die hierarchia ordinis iuris ecclesiastici. Die hierarchia iuris- Ä

dictionis sodann ist die Reihenfolge derjenigen Personen, welchen die

potestas iurisdictionis, die Regierung der Kirche, zukommt. Auch sie

wird eingeteilt in eine hierarchia iurisdictionis iuris divini und

ecclesiastici. Zu ersterer gehören der Papst und die Bischöfe. Ge- "^^

schichtlich

entwickelten sich vom Bischof an aufwärts die Erzbischöfe, t}


32

I. Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

.sind, ist die Kirche eine Monarchie. Weil aber die Bischöfe eine

selbständige Gewalt in der Kirche haben, so ist dieselbe auch eine

Aristokratie. Weil endlich jeder Getaufte zur künftigen Herrschaft

mit Christus berufen ist und ihm die Erlangung aller Würden in der

Kirche offen steht, so findet sich in ihr auch etwas von Demokratie.

Doch sollen und können bei der singulären Verfa.ssung der Kirche

solche vom politischen Gebiet herübergenommene Vergleiche nicht

allzu sehr geprefst werden.

Zweites Kapitel.

Kirche und Staat.

§ 13.

Das prinzipielle Verhältnis von Kirche and Staat.

F. U. DroMe :u Vischering, Über Kirche u. Staat. 1817. J. Scheül, K. u. St.

1818. J. F. S. Sommer, Von d. Kirche in dies. Zeit. 1819. J. Gvrres, Deutschland

u. d. Revolution. 1819. Ders., Athanasius. 1837. Ders., Die Triarier. 183>


^

§ 13. Das prinzipielle Verhältnis von Kirche und Staat. 33

Naturgemäfs also mufs der Mensch in der Gesellschaft, in der bürgerlichen

Gesellschaft, im Staate leben. Man kann den Staat dahin

definieren, dafs er ist eine natürliche, vollkommene Gesellschaft

Der Staat an sich ist demgemäfs direkt von Gott gewollt. Eine

Gesellschaft ist aber nicht möglich ohne Autorität, welche die gesellschaftlichen

Verhältnisse ordnet und diese Ordnung eventuell mit

Gewalt aufrecht erhält. Also will Gott zugleich den Bestand von

bürgerlicher Autorität, von staatlicher Autorität, von Staatsgewalt.

Gott ist demnach auch der direkte Urheber der Staatsgewalt an sich.

„Es giebt keine Gewalt aufser von Gott." Kontrovers '^ ist aber die

Frage, ob der so oder anders gewordene Träger der Staatsgewalt,

die jeweilige Obrigkeit ihre Gewalt direkt oder indirekt von Gott

hat. Die mehr plausible Meinung geht dahin, dafs das Volk zwar

die Person designiert, welche die obrigkeitliche Gewalt innehaben

soll, dafs aber Gott es ist, der dieselbe unmittelbar verleihe^.

Zweck und Aufgabe des Staates ist es, den Einzelnen und das

Ganze in seinem Rechte zu schützen und die gegenseitige Rücksichtnahme

auf die vorhandenen Rechte eventuell mit Gewalt zu erzwingen.

Der Staat ist also in erster Linie Rechtsanstalt. Seine

zweite Aufgabe ist die Förderung des öffentlichen Wohles, die Unterstützung

der privaten Selbstthätigkeit im Streben nach den leiblichen

und geistigen Gütern. Der Staat ist also in zweiter Linie Wohlfahrtsanstalt.

Das höchste geistige Gut ist die Religion, die Verbindung

des Menschen mit Gott, seinem ewigen Ziele. Also hat der Staat

auch die Religion zu schützen und zu fördern.

2. Die von Gott zur Erhaltung und Verbreitung der Religion in

ihrer vollkommensten Gestalt, der christlichen Religion, speziell und

unmittelbar gestiftete vollkommene Gesellschaft ist die Kirche. Ihr

gehören alle religiösen Aufgaben an, auch diejenigen, welche in der

rein natürlichen Ordnung dem Staate zufallen würden.

3. So stammt die geistliche und die weltliche Gewalt, die Kirche!

und der Staat, das sacerdotium und das Imperium von Gott. Beide

sind innerhalb ihrer Sphäre durchaus selbständig. Beide stehen gleichberechtigt

nebeneinander, sind sich koordiniert. Beide sind nach Ur- 1

Sprung, Wesen, Zweck, Mitteln, Ausdehnung und Dauer eigenartig!

und verschieden.

» Cathrein, Moralphil. ^ 11, 449. ^ Rom. 13. 1.

^ Leo XIII., Encyklika „Diuturnum illud" (über den Ursprung der bürgerlichen

Gewalt) V. 29. Juni 1881 und „Immortale Dei" (über die christliche Staatsordnung)

V. 1. Nov. 1885.

Sägniüller, Kirehenrocht. I.Teil. 3


34

I- 13ucb: Kircbf und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

4. Daraus folgt, dafs die Kirche nicht eine blofse Korporation im

Staate ist, die wie andere Korporationen hinsiclitlich ihrer Existenz.

Einrichtung und Verwaltung vom Staate abhängig ist, dafs sie nicht

ist eine sogenannte öffentliche Korporation oder eine Anstalt des

üflfentlichen Rechts ^ In der katholischen Kirche steht dem einzelnen

Staate ein Gemeinwesen gegenüber von einer selbständigen Organisation,

von einer über Jahrtausende sich erstreckenden Dauer und

einer weit über seine Grenzen hinausgehenden Ausdehnung.

Die innerhalb

der Grenzen des einzelnen Staates befindliehen Katholiken sind

gar kein ganz selbständiger, in sich abgeschlossener Verein, sondern

integrierende Bestandteile der Gesamtkirche unter dem einen kirchlichen

Oberhaupte, dem Papst zu Rom, der unter keiner weltlichen

Regierung steht noch stehen kann.

5. So verschiedenartig Kirche und Staat sind, so treffen sie.

von Gott gestiftet und gegenüber denselben Individuen wirksam, in

ihrer Thätigkeit \äelfach zusammen. Daher soll das Verhältnis zwischen

Kirche und Staat nach Gottes Willen ein freundschaftliches

sein. Ein solches ist auch leicht möglich, da dem Staate aus der

Thätigkeit der Kirche die mannigfachsten Vorteile erwachsen. Die

Religion und die Kirche heiligt die Grundlagen des Staates, die

Ehe und das Familienleben. Sie unterrichtet und erzieht die Jugend.

Sie wirkt durch den Glauben an die ewige Vergeltung dem Verbrechen

entgegen. Sie sichert Handel und Verkehr, indem sie \'ertrag

und Eid als heilig hinstellt. Sie übt den gröfston Einflufs auf

die sozialen Verhältnisse, indem sie die Arbeit als sittliche Pflicht

darstellt und für die Armen Sorge trägt. Sie endlich giebt dem

Staate die göttliche Sanktion, indem sie erklärt, dafs die Obrigkeit

ihre Gewalt von Gott hat 2, dafs daher die Unterthanen sich derselben

um Gottes willen unterwerfen ^ und ihre Pflichten gegen sie erfüllen

sollen *. Es ist daher des Staates eigenstes Interesse , dafs er die

Kirche schützt und unterstützt. In diesem einträchtigen Zusammenwirken

von Kirche und Staat beruht das Wohl der Völker, in ihrer

Zwietracht deren Verderben". /

' Anders R. Sohm, Das Verhältn. v. St. u. K. etc. (Z. f. KR. XI [1873], 157 ff.j.

//. liosin, Das Recht d. öff. Genossenschaft (1886) 35 ff. E. Friedhei-


:

§ 13; Das prinzipielle Verhältnis von Kirche und Staat. 35

6. Da jedoch ein und derselbe Mensch der Kirche und dem Staate

unterworfen ist, so kann sich anscheinend leicht ein Widerstreit der

beiderseitigen Rechtsansprüche ergeben. Weil aber beide Gewalten

von Gott stammen, so

mufs sich auch das richtige Verhältnis zwischen

beiden herstellen lassen. Man hat hierbei das Wesen und den Zweck

beider in das Auge zu fassen i.

Was immer im Leben der Menschen heilig ist, was auf das Heil

der Seelen und den göttlichen Dienst, sei es seiner Natur nach oder

wegen seiner Beziehung hierzu, hingerichtet ist, die res mere ecclesiasticae

unterstehen allein der Kirche und deren Urteil. Dazu gehören

die Entscheidung und Verkündigung der göttlichen Lehre ; die Abhaltung

des Gottesdienstes;

die Spendung der Sakramente und Sakraraentahen;

die Erziehung, Weihe und Anstellung der Kirchenbeamten:

die kirchliche Gesetzgebung; die kirchliche Gerichtsbarkeit; der freie

Verkehr zwischen Vorgesetzten und Untergebenen; die Errichtung

von Orden und Kongregationen ; endhch der Erwerb, die Verwaltung

und Verwendung des kirchlichen Vermögens.

Anderseits

hat der Staat unbeschränktes Verfügungsrecht in allen

rein bürgerlichen und politischen Angelegenheiten. Er ist in den

res mere civiles vollständig souverän 2.

Doch können durch Herkommen oder Vertrag zwischen Kirche

und Staat der Kirche rein staatliche, dem Staate rein kirchliche

Rechte zustehen.

Verhältnisse aber, die aus verschiedenen Ursachen, natürlichen

und geschichtlichen, sowohl vor das kirchliche als das staatliche

Forum gehören, werden am besten durch friedliches Übereinkommen

zwischen den beiden höchsten Gewalten geordnet 3. Zu diesen res

mixtae gehören, ohne dafs deren Aufzählung eine abschliefsende sein

könnte, im allgemeinen:

die Errichtung neuer Kirchenämter (Diözesen,

Pfarreien) und Veränderungen in bereits bestehenden, wofern diesen

Akten auch eine staatliche Wirkung zukommen soll; die Einführung

neuer Feste, wenn sie auch bürgerlich gefeiert werden sollen; die

Errichtung neuer kirchlicher Gebäude, Klöster und Anstalten, soweit

die dem Staate für das Wohl seiner Unterthanen obliegende Sorge

in Betracht kommt; die Errichtung kirchlicher Schulen, insofern ihre

Zeugnisse auch vor dem Staate Gültigkeit haben sollen;

die Anstellung

> Leo XIIL, „Immortale Dei" v. 1. Nov. 1885, ed. Herder 19 sq.

- C. 18, X qui filii sint legitimi IV, 17. Leo XIIL, „Diuturnum illiid" v.

29. Juni 1881, p. 28; Jmmortale Dei" v. 1. Nov. 1885, p. 21.

3 Leo XIIL, „Diuturnum illud" v. 29. Juni 1881, p. 28; Jmmortale Dei" v.

1. Nov. 1885, p. 40.

3*



I. Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirclio und Staat.

und Thätigkeit der Geistlichen, welche auch staaUiche Funktionen

zu verrichten haben; das Kirchenverinögen, soweit privatrechtliche

Fragen dabei in Betracht kunimen; die Vergehen der Kleriker, soweit

solche Vergehen mit staatlichen Strafen bedroht sind; endlich

die Ehe, soweit sie eine büi-gerliche Seite an sich hat. Bei Regelung

dieser Vorhältnisse kommen die beiden Teile am ehesten zum Ziel,

wenn sie möglichst nachgiebig gegeneinander sind. Und die Kirche

offenbart bei solchen Gelegenheiten ihre mütterliche Liebe in ganz

besonderer Weise, indem sie soviel Nachgiebigkeit und Entgegenkommen

beweist, als nur möglich i. Sollte aber eine Vereinbarung

nicht möglich sein, so verfügt jeder Teil in seinem Gebiete selbständig.

Freilich wird dabei die Kirche als der schwächere Teil leicht

Übergriffe von selten des Staates zu erfahren haben, zu denen sie

nicht konsentieren kami, die sie eben tolerieren mufs.

7. Den Gesetzen der Kirche sind alle ihre Glieder ohne Ausnahme

unterworfen, auch König und Kaiser-. Anderseits haben den

bürgerlichen Gesetzen alle Glieder der Kirche Gehorsam zu leisten,

auch der Papst, soweit sie ihn berühren 3. Doch ist dieser Gehorsam

kein unbeschränkter. Wenn das staatliche Gesetz dem göttlichen

Willen direkt und klar widerspricht, dann ist passiver Widerstand

nicht blofs erlaubt, sondern Pflicht. „Man mufs Gott mehr gehorchen

als Menschen." *

8. Mit dem letzteren Satz ist eine gewisse Superiorität der

Kirche über den Staat ausgesprochen. Diese ergiebt sich aus dem

Wesen der Sache. Diejenige Gesellschaft ist die höhere , welche

den höheren Zweck verfolgt. Nun hat die Kirche den höheren

Zweck. Sie erstrebt die übernatüi'liche Heiligung und ewige Beseligung

der Menschen. Der Staat bezweckt nur deren irdische

Wohlfahrt. Die Kirchenväter haben gesagt, Kirche und Staat verhielten

sich wie Seele und Leib ^ , Himmel und Erde ^. Im Mittelalter

war besonders der Vergleich zwischen Gold und Blei, Sonne

i

'

Leo XIII., Jmmortale Dei" v. 1. Nov. 1885, p. 40.

» C. 21 {Ambros. a. 380), C. XXHI, q. 8; c. 12 (Gelas. I. a. 495), D. XCVl .

c. 9 (Gregor. VII.), D. XCVI; c. 1, X de constit. I, 2; c. 6, § 6, X de M. et ri

I, 33. Syll. Nr. 54.

» Matth. 17, 24flf.; 22, 21. Joh. 19, 10 f. Rom. 13, 1 ff. C. 9 (Leo IV

a. 847). D. X. Syll. Nr. 63. ,

* Apg. 5. 29. C. 1 (August, a. 417). D. IX. C. 93 {Hieron. In Ep. ad Tit.

c. 2, V. 9). C. XI, q. 3. Vgl. auch c. 98. 99, C. XI, q. 3.

* Chrysost. De sacerd. 1. 3, c. 1.

* Ders., Honi. 15 in 2 Cor. n. 5. Const. apost. 1. 2. c. 34. ('.

X,i:.). D. X.

t> (i-roj. i


;

§ 13. Das prinzipielle Verhältnis von Kirche und Staat. 37

und Mond gebräuchlich i. Wegen ihres höheren Zweckes kommt der

Kirche gegenüber dem Staate die pqtestas directiva zu. Diese besteht

darin, dafs die Kirche das Recht und die Pflicht hat, belehrend,

mahnend, warnend, vorschreibend und strafend die Gewissen von

Fürsten und Völkern aufzuklären, ihnen ihre Pflichten gegen Gott

und die Religion vorzuhalten und darüber zu entscheiden,

was sittlich

erlaubt ist und was nicht 2, Dagegen ist die potestas ecclesiae

directa in temporalia nicht im Wesen der Kirche begründet und nicht

mehr als eine historische Erscheinung. Danach hätte die Kirche das

Recht, unmittelbar um der zeitlichen Wohlfahrt willen über die

irdischen Angelegenheiten frei zu verfügen. Diese Meinung wurde

im Mittelalter nicht etwa nur theoretisch vertreten ^ , sondern auch

in einzelnen Fällen praktisch beansprucht *, Aber auch die schon im

Mittelalter geforderte 0, in der Neuzeit namentlich durch Bellarmin^

genauer formulierte und verteidigte potestas ecclesiae indirecta in

temporalia ist praktisch nicht durchführbar, soviel sie prinzipiell für

sich hat und soviel Anklang sie heute noch findet. Danach hat die

Kirche Gewalt und Befugnis zunächst nur in den geistlichen und

übernatürlichen Dingen. Aber in Konsequenz hiervon hat sie das

Recht, auch in zeitlichen Dingen zu entscheiden und vorzugehen,

soweit es die sittlichen und religiösen Interessen verlangen, ratione

peccati, v/ie der mittelalterliche Ausdruck lautet. Thatsächlich kann

eine namentlich unter den heutigen Verhältnissen abgegebene Erklärung

von Seiten der obersten kirchlichen Behörde, dafs ein Staatsgesetz

oder ein ganzer Komplex von Staatsgesetzen unsittlich, oder

gar nichtig (irritus) sei, nur die Bedeutung haben, dafs dieselben für

die Gewissen und den kirchlichen Rechtsbereich keine Geltung hätten.

An der staatsrechtlichen Geltung derselben wird hierdurch nichts geändert.

Wenn der Syllabus in Nr. 24 den Satz verwirft: „Ecclesia

vis inferendae potestatem non habet neque potestatem ullam directam

vel indirectam", so handelt es sich hier um die potestas temporalis

der Kirche überhaupt, nicht um die potestas spiritualis in temporalia

gerade gegenüber dem Staat.

>

C. 10 (Gelas. I. a. 494), D. XCVI. Gregor. VII. Ep. 1. 7, n. 25 (ed. Ph.

Jafti, p. 419). C. 6, X de M. et 0. I, 33.

2 C. 10 (Gelas. I. a. 494), D. XCVI.

^ August. Triumph., Summa de potest. ecclesiast. q. 1 , a. 1 ; q. 44, a. 1

q. 45, a. 2; q. 46, a. 3.

* Unten § 14, n. 4. ^ 0. 13, X de iudic. II, 1.

* De controv. christ. fid. t. 2, tert. controv. De summ, pontif. 1. 5, c. 6. Tract.

de potest. summ, pontif. in reb. temporal, contra Guil. Barclaium. 1610.


38

I- Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

55

14.

Das historische Verhältnis von Kirche uud Staat.

G. A. Bianchi , Della potestä e della politia della chiesa. Roma 174ö sg^.

J. Pey, De l'autoritö des deux puissances. Strasb. 1780 ss. J. Beidtel, Das kanon.

Recht. 1849. K. Janssen , Kirche u. Staat. 1858 (nur ein Band). C. li. Hundenhagen,

Über einige Hauptniomente in d. geschichtl. Entwicklung d. V'erhältn. zw. .St.

u. K. (Z. f. KR. I

[1861J,

232 ff. 444 ff.). Ders., Die theokrat. Staatsgestaltung u.

ihr Verhältn. z. Wesen d. Kirche (Z. f. KR. III [1863], 232 ff.). J. Döllinger, Kirche

u. Kirchen, Papsttum u. Kirchenstaat. 1861. 0. Gierke, Das deutsche Genossenschaftsrecht.

1868 ff. ; III. Bd. 1881. J. Hergenrother, Kath. K. u. christl. St. 1«72.

E. Friedbenj , Die Grenzen zw. St. u. K. 1872. E. Zeller, St. u. K. in ihren

Verhältn. geschichtl. entw. 1873. F. H. Geffcken, St. u. K. in ilir. Verhältn. geschichtl.

entw. 1875. F. Maafsen, Neun Kapitel üb. freie Kirche u. Gewissensfreiheit.

1876. W. Marfens, Die Beziehungen d. Über-, Neben- u. Unterordnung zw, K.

u. St. 1877. P. Hinschiiis, Allgeni. Darstellung d. Verhältn. v. St. u. K., in K. Marqiiardsen,

Handb. d. öff. Rechts d. Gegenwart I, 1 {U>il), 189 ff.

Die thatsächlichen Vierhältnisse

entsprachen keineswegs immer dem prinzipiellen

oder idealen Verhältnis von Kirche und Staat, wie der Blick auf

die geschichtliche Entwicklung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat lehrt.

1. In den ersten drei Jahrhunderten verfolgte der römische Staat die

junge Kirche auf das äufserste, ja suchte sie zu vernichten. Der Grund

hierfür lag nicht darin, dafs die Christen schlechte Unterthanen waren. Im

Gegenteil, sie erfüllten ihre hürgerlichen und staatlichen Pflichten auf das

gewissenhafteste Auch wird '.

selten wegen des Verdachts unnatürlicher Laster

oder Zauberkünste gegen sie eingeschritten worden sein. Wohl aber ging der

römische Staat kriminell gegen sie vor, weil sie sich weigerten, ihren staatsbürgerlichen

Pflichten gegen die römische Religion, die in einem vom Staate

angeordneten, den Staat schützenden und apotheosierenden Kultus bestand und

in der göttlichen Verehrung des Kaisers ihre Spitze fand, nachzukommen.

So waren die Christen immer des sacrilegium und des crimen maiestatis

verdächtig-. ,Sacrilegii et maiestatis rei convenimur. Summa haec causa;

immo tota est", schreibt Tertidlinn^. Ihre religiösen Versanmilungen galten

aus diesem Grunde als collegia iUicita '. Die Konsequenz hiervon waren

Veri'olgimgen der fürchterlichsten Art. Den Chiisten blieb nichts als Dulden.

Und sie waren hierin so stark, dafs ihre Henker vor ihnen erlahmten *.

'

Tertull. Ad Scapul. c. 2. H'. Mangold, De ecclesia primaeva pro caesaribus

ac magistrat. Rom. preces fundente. 1881.

* D. XLVIII, 4: Ad leg. lul. malest. D. XLVIII, 13: Ad leg. lul. pecul. et

de sacril. ' Apolog. c. 10. *

D. XLVII, 22: De colleg. et corp. ühc.

* K. Riffel, Geschichtl. Darstellung d. Verhältn. zw. K. u. St. Von der Gründung

d. Christentums b. a. Justin. 1836. A. Tlnel, Altröm. Rechtsanschauung bez.

d. polit. Stellung d. christl. K. (Th. Qsch. XXXVII [1-55], 237 ff). Le Blant, Sur

les bases juridiques des poursuites dirigees contre les martyrs, in Comptes-rendus

de l'Acad. des Inscript. N. S. II (1866), 358 ss. jP. Maaßen, Über d. Gründe d.

Kampfes zw. d. heidn.-r«»m. Staat u. d. Christentum. 18>i2. K. J. Neuinann, Der rüm.


§ 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat. 39

2. Konstantin d. Gr. jiroklamierte im Edikt von Mailand 313 zunächst

allgemeine Religionsfreiheit und gab den Chi'isten die ihnen in der letzten

Verfolgung entzogenen Güter wieder zurück *. Bald ging er noch weiter.

Er gewährte der christlichen Kirche eine Reihe von Privilegien, brachte den

Geist des Chi-istentums in der ganzen staatlichen Gesetzgebung zum Austh'uck

und suchte so das Heidentum durch Entzug des staatlichen Schutzes

zurückzudrängen ^. Seine Nachfolger gingen auf dem eingeschlagenen Wege

Aveiter mit Ausnahme Julians des Ai^ostaten. Theodosius d. Gr, namentlich

führte die wuchtigsten Schläge gegen das Heidentum. Er verbot 392 das

ganze heidnische Sakralwesen unter der Strafe des Majestätsverbrechens '.

Damit war der Untergang des Heidentums besiegelt *. Die Kirche aber

wmxle mit Privilegien, wie mit der Immunität, dem Gerichtsstand vor dem

Bischof, bischöflicher Civilgerichtsbarkeit und noch anderem , auf das reichlichste

ausgestattet ^. Theodosius d. Gr. hat auch im Jahi'e 380 in A^erbindung

mit Gratian und Valentinian H. die christliche Religion in der in

der römischen Kirche zu Tage tretenden Form zur Staatsreligion erhoben ^

Häresie und Schi.sma aber waren jetzt staatliche Verbrechen ''.

St. u. d. allgem. K. b. a. Diokletian. 1890. Th. Mommsen, Der Religionsfrevel n.

röm. Recht (Hist. Z. LXIV [1890J

, 389 ff.). Dei-s. , Abrifs d. röm. Staatsrechts

(1893) 81 ff. 222 ff. 237 ff 325 ff. 340 ff. Ders. , Röm. Strafrecht (1899) 568 ff.

J. Belser, Zur Dioklet. Christenverfolgung. 1891. P. Allard, La Situation legale

des chretiens pendant les deux premiers siecles , und : Vicissitudes de la condition

juridique de l'dglise au IIl^ siede (Rev. d. quest. histor. 1896, N. S. LIX, 5 ss. ; LX,

369 SS.). J/. Conrat , Die Christenverfolgungen im röm. Reich. 1897. A. Kneller,

Hat d. röm. Staat d. Christentum verfolgt ? (St. a. M.-Laach LV [1898], 1 ff.) J. E.

Weis, Christenverfolgungen. Gesch. ihr. Ursachen im Röraerreiche. 1899.

^ G. Haenel, Corp. leg. ab imp. rom. ante lustin. lat, (1857 sqq.) 188 sq.

2 Th. Brief/er, Konstantin d. Gr. als Religionspolitiker. 1880. H. Grisar, Die

vorgebl. Beweise geg. d. Christlichkeit Konst. d. Gr. (Z. f. kath. Theol. VI [1882],

585 ff.). F. M. Flasch, Konst. d. Gr. als erster christl. Kaiser. 1891. L. Seuffert,

Konst. Gesetze u. d. Christent. 1891. 0. Seeck, Die Anfänge Konst. d. Gr. (D. Z.

f. Gwschft. VII [1892], 41 ff.). J. Burckhardt, Konst. u. s. Zeit. 3. Aufl. 1898.

Funk, Konst. d. Gr. u. d. Christent. (Abh. u. Unters. II [1899], 1 ff.).

' Cod. Theod. 1. 16, t. 10 de paganis, sacrific. et templ. ; namentl. 1. 12.

* V. Schnitze, Gesch. d. Untergangs d. griech.-röm. Heident. 1887 fl'. G. Boissier,

La fin du paganisme. 2^ ed. 1891. 0. Seeck, Gesch. d. Untergangs d. antiken

Welt. 1895.

^ Solche Privilegien stehen im Cod. lust. 1. 1, t. 2 de sacros. eccles. ; t. 3 de

episc. et der. ; t. 4 de episcop. audientia, u. in vielen Novellen. 0. Grashof, Die

Gesetzgebung d. röm. Kaiser üb. d. Güter u. Immunit. d. Kirche u. d. Klerus nebst

der. Motiven u. Prinzipien (A. f. k. KR. XXXVI [1876], 3 ff. 193 ff. 321 ff".).

" L. 2, Cod. Theod. de fide cathol. I, 1. L. 1, C. de summ, triuit. I, 1.

1 , t. 5 de haeret. et manich. ; t. 7 de apost. ; t. 9 de iud. et

^ Cod. lust. 1.

coelic. — H. Eichter, Das weström. Reich bes. unter d. Kaisern Gratian, Valent. II.

u. Maximus (375—388). 1865. A. Broglie, L'öglise et l'empire rom. au IV« siede.

7« ed. 1877. E. Löning , Gesch. d. deutsch. KRs. 1878 ff. I. Bd.: Das KR. in


40

I- Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

Abir iVw rümischen Kai.scr gingen in die.sem Schutze zu wei t. Nach

römi.schom Hechte gehörte das ins sacriiin zum ins publicum ', und der Kaiser

war pontifex maximus. Wenn nun Oratian im Jahre 382 diesen Titel

auch ablegte, bo fingen die römischen Kaiser doch nach dem Vorgange Konstantins

d. Gr., de» sich als ^i-isxoro; tojv Jxto;" erklärt haben soll*, bald

an, sich als unbeschrankte Gesetzgeber auch in kirchlichf-n .Sachen zu betrachten.

Sie erklärten, dafs erst ihre Sanktion den kirchlichen Verordnungen

Gesetzeskraft gebe*. Sie nahmen die Berufung und Bestätigung der allgemeinen

Konzilien für sich in Anspruch *. Sie gaben ganz selbständig eine

Reihe von Kirchengesetzen '. Sie erliefsen geradezu Glaubensgesetze *. So

war die Kirche in der gröfsten Gefahr, im Staate aufzugehen, wo Justinian

der Meinung Ausdruck gab: „Neque multum difFerunt ab alterutro sacerdotium

et

imperium." ^

Den im richtigen Mafse gewährten Schutz nahm die Kirche natürlich

dankbar an. Wiederholt erklärte man kirchlicherseits , dafs das die Pflicht

des Kaisers sei l Aber viele Bischöfe liefsen sich angesichts der kaiserlichen

Wohlthaten nicht blofs den Schutz, sondern auch die kaiserliche Herrschaft

in kirchlichen Dingen ohne Widerrede gefallen. So begrüfste die Synode von

Konstantinopel 448 Theodosius IT. als „'Ipy.zrjzhi Itla^i/so;" und die allgemeine

Synode von Chalcedon 451 Marcian als „sacerdos imperator" *. Anderseits

erhoben sich die schärfsten Stimmen dagegen , so von Hosius von Corduba.

Hilarius von Poitiers. Lucifer von Calaris, Athanasius, Basilius, Gregor

von Nazianz , Gregor von Nyssa , Chrysostomus , Ambrosius '" und Augustinus

". Besonders aber waren es die Päpste, welche die Selbständigkeit und

Unabhängigkeit der Kirche vom Staate in kirchlichen Angelegenheiten be-

Gallien v. Konst. b. Chlodevech. A. Güldenpenning u. J. Ifland, Der Kais, Theodoe.

d. Gr. 1878. A. Güldenpenning, Gesch. d. oström. Reiches unt. d. Kais. Arcad. u.

Theodos. 11. 1885. A. Knecht, Die Religion.spolitik Kais. Justin. I. It


§ 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat. 41

tonten \ Allein die orientalische Kirche verfiel trotzdem immer mehr dem

Byzantinismus und Cäsareopapismus und verlor schliefslich seit dem Schisma

dem Staate gegenüber auch den letzten Rest von Freiheit.

3. Im Abendlande wufste sich die Kirche, nachdem in den Stürmen der

Völkerwanderung das weströmische Reich zusammengebrc^chen und an dessen

Stelle mit Hilfe der Kirche eine Reihe von germanischen Staaten entstanden

war, ihi'e Freiheit von der staatlichen Gewalt besser, wenn auch nicht

vollständig zu wahren. Namentlich war dies im Frankenreich, dem hervorragendsten

von allen neu gegründeten Staaten, der Fall. Das im^Merowingerund

Karolingerreich zwischen Kirche und Staat heiTschende Verhältnis kann

am besten als das einer Verbrüderung bezeichnet werden. Die Bischöfe und

Äbte nahmen Anteil an der Reichsregierung , an den Rieichstagen und an

der staatlichen Gerichtspflege. Sie waren so eine Art königlicher Beamter.

Dafür aber wurden sie vom König mit vielen Gütern, die sie freilich manchmal

wieder an den Staat verloren, und weitgehenden Privilegien ausgestattet.

Nach und nach erhielten alle Kirchen und Klöster die Imniunität, d. h. Freiheit

von persönlichen Leistungen und sachlichen Abgaben an den Staat.

Die Prälaten bekamen die Gerichtsbarkeit über ihre Untergebenen, Gefälle

aus ihrem Gebiet, Zoll- und Münzrecht und zuletzt bleibend die gesamten

Grafschaftsrechte. Anderseits ernannte der König in der Regel die Bischöfe,

berief die Synoden, bestätigte ihre Beschlüsse und publizierte sie als seine

Gesetze (Kapitularien). Der Zusammenhang der fränkischen Kirche mit Rom

war während der Merowingerzeit ein verhältnismäfsig schwacher. Doch kann

dieselbe keineswegs als blofse Landeskirche bezeichnet werden -.

>

C. 12 (Gelas. L a. 495), D. XCVI. Gregor. IL an Leo d. Isaurier a. 729.

Ph. Joffe, Regesta pontif. rom. — 1198. Ed. 2 cura V. F. Kaltenhrunner, P. Ewald,

S. Lötvenfeld. 1885 sqq. Nr. 2180. C. 4—8 (Nicol. I. a. 865), D. XCVI.

2 G. Schnürer, Die polit. Stellung d. Papsttums z. Zeit Theodericbs d. Gr.

(Hist. Jb. IX [1888], 251 tf.). G. Pfe/lschifter, Der Ostgotenkönig Theoderich d. Gr.

u. d. kath. Kirche. 1896. F. Gürres , K. u. St. im Westgotenreich v. Eurich b.

Leovigild (Theol. Stud. u. Krit. 1898, 708 tf.). — J. Fehr, St. u. K. im fränk. Reich

b. a. Karl d. Gr. 1869. E. Löning, Gesch. d. deutsch. KRs. 1878 flf. IL Bd. : Das

KR. im Reiche d. Merovinger. G. Waitz, Deutsche Verfassungsgschte. IL Bd. 3. Aufl.

1882; III. Bd. 2. Aufl. 1883. R. Wei/l , Das fränk. Staatskirchenrecht z. Zeit d.

Meroving. 1888. Ders., Die Beziehungen d. Papstt. z. fränk. Staats- u. KR. unter d.

Karoling. 1892. H. Grisar, Rom u. d. fränk. Kirche vornehm), im 6. Jhdt. (Z. f.

k. Theol. XIV [1890], 447 ff^.). J. Ä. Kctterer, Karl d. Gr. u. d. Kirche. 1898.

X //«McÄ;, Kirchengeschichte Deutschlands. I. Bd. 2. Aufl. 1898; IL Bd. 2. Aufl. 1900:

III. Bd. 1893. — Zu einzelnen Materien: Hauck, Die Bischofswahlen unter d. Meroving.

1883. P. Imhart de la Tour, Les elections äpiscopales dans l'eglise de France

du IX« au XIP siecle. 1891. Funk, Die Bischofswahl im christl. Altert, u. im Anfang

d. MAs. (Abh. u. Unters. 1, 23 ff.). E. Vacandard , Les elections öpiscopales

sous les Mörovingiens (Rev. d. quest. histor. LXIII [1898], 321 ss.). Hauck, Die

Entstehung d. bischöfl. Fürstenmacht. 1891. R. Sohm, Die geistl. Gerichtsbarkeit

im fränk. Reiche (Z. L KR. IX [1870], 193 ff.). Ä. Nifsl, Der Gerichtsstand d.

Klerus im fränk. Reiche. 1886. F. Wickede , Die Vogtei in d. geistl. Stiftern d.


42

'• Buch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

Alkin durch die Thätigkeit des hl. IJonifatius trat die fränkische Kirche

in sehr enge Verltindung mit Kom. Papst Zacharias gab im Jahre 7ö2 seine

Zu.stininiung, als Pippin der Kleine, der thatsachliche Machthaber im fränkischen

Reiche, den König Childerich III. depossedierte und sich selbst die

Königskrone aufset.zte. Zum Dank dafür aber verhalf Pippin di-m Papste

zum Kirchenstaat '.

Dieses enge Bündnis zwischen den Päpsten und den fränkischen Königen,

die an Macht den alten weströmischen Kaisern fast gleichkamen, fand

seinen naturgemäfsen Abschlufs in der Kaiserkrönung- Karls d. Gr. durch

Leo III. an Weihnachten 80U. Das nicht ganz genau umschreibbaro Verhältnis,

das fortab zwischen Papst und Kaiser bestand, war ein doppeltes.

Schon bisher war der fränkische König als ,patriciu8 romanorum" der berufene

Schützer des Kirchenstaates *. DerJCßiser besafs, wie über die andern

christlichen Fürsten des Abendlandes, so auch über den Papst als den Inhaber

des Kirchenstaats die Oberherrlichkeit. In der Papstwahl stand dem

Kaiser nach dem Vorgang der oströmischen Kaiser die Bestätigung des Gewählten

zu, und dieser hatte dem Kaiser vor der Konsekration den Treueid

zu schwören. Umgekehrt hatte der^apgt als das geistliche Oberhaupt der

Christenheit allein das Recht zur Kaiserkrönung. Die dem Kai-sertum zu

Grunde liegende Idee wai* die Einheit des Reiches Christi auf Erden. Alle

clvristlichen Völker sollten wie zu einer Familie verbunden und deren geistliches

Haupt der Papst, deren weltliches der Kaiser sein. Die weltliche

Macht sollte durch die kirchliche eine höhere Weihe, die geistliche durch die

weltliche Schutz und Hilfe zur Ausführung ihrer hohen Aufgaben erhalten.

Wer nicht mit der Kirche verbunden war, sollte auch im Reich keine rechtliche

Stellung haben, und der Reichsfeind war auch der Feind der Kirch«.

fränk. Reiches . . . b. z. Aussterben d. Karoling. in Deutschland. 1886. K. Ribbeck,

Die sogen, divisio d. fränk. Kirchenguts in ihr. Verlauf unter Karl Martell u. s.

Söhnen. 1883. U. Stutz, Gesch. d. kircbl. Benefizialwesens v. s. Anfängen b. a. d.

Zeit Ale.x. III. 1895 f. A. Blmnenstok, Der päpstl. Schutz im MA. 1890. K. F.

M'fij's, Die kirchl. Exemtionen d. Klöster v. ihr. Entstehung b. z. gregor.-cluniac.

Zeit. 1893.

' G. Schnurer, Die Entstehung d. Kirchenstaates (1894) , wo die reichhaltige

frühere Litteratur zu finden ist. E. Sachur, Die Promissio Pippins v. Jahre 754

u. ihre Erneuerung d. Karl d. Gr. (Mitt. d. Inst. f. österr. Gfschg. XIV [1895].

385 ff.). Ders., Die Promissio v. Kiersy (Ebd. XIX [1898], 55 ff.). Th. Litulner.

Die sogen. Schenkungen Pippins, Karls d. Gr. u. Ottos I. 1896. W. Martens, Beleuchtung

d. neuesten Kontroversen üb. d. röm. Frage unter Pippin u. Karl d. Gr.

1897. L. Duchenne, Lea premiers tenips de l'etat pontifical. 1898. H. Uubert, Etudcs

sur la forniation des ^tats de leglise (Kev. histor. LXIX [1899], 1 ss. ; auch separat».

II'. GumUcuh , Die Entstehung d. Kirchenstaates u. d. kuriale Begriff res publica

romanorum. 1899.

* 0. Grashof, Der Patriciat d. deutsch. Kaiser n. s. Bedeutung u. Geschichte

(A. f. k. KR. XLI [1878], 193 ff.). L. Jleineinann, Der Patriciat d. deutsch. Könige.

1888. G. BruHttujo, II patriziato rom. di Carlomagno. 1893. B. Niehues, Commentatio

hi$torica de imperatoris Henrici III. patriciatu romano. 1897.


§ 45. Das bistorische Verhältnis von Kirche und Staat. 43

Namentlich war es auch die Aufgabe des Kaisers , das Christentum gegen

die äufseren Feinde zu schützen und unter den nationes barbarae verbreiten

zu helfen ^

4. Lag schon zur Zeit Karls d. Gr. das Übergemcht auf seiten des

Staates, so war nach kurzer Präponderanz des Papsttums durch Nikolaus I.

(858—867), Johann VIII. (872—882) während des Zerfalls des Karolingerreiches

dies in den folgenden Jahrhunderten noch mehr der Fall. Das

Papsttum befand sich während dieser Zeit vielfach in den Händen römischer

Adelsparteien und auch persönlich unwürdiger Träger (Johann XII. 955— 964,

Benedikt IX. 1032—1044) und sank oft tief herab. Die Macht der tüchtigen

deutschen Könige aber, Avelche in der Person Ottos d. Gr. 962 das abendländische

Kaisertum bleibend an die deutsche Nation brachten , stieg auf

das höchste. Die sächsischen und fränkischen Könige und Kaiser besetzten

wiederholt den päpstlichen Stuhl, in der Regel die Bistümer ihres Reiches

und fingen an, die Belehnung mit den Reichsgütern (Investitur) mit den

bischöflichen Insignien, Ring und Stab, vorzunehmen, was notwendig die

Meinung wecken mufste, als ob sie auch die Verleiher der bischöflichen Gewalt

seien. Und wenn sie vielfach sowohl tüchtige Päpste als Bischöfe

erhoben, so erhielten doch nicht selten unwürdige Höflinge die kirchlichen

Würden und lief oft Simonie mit unter. Was die Grofsen im grofsen übten,

ahmten im kleinen die kleineren adeligen Herren gegenüber von Kirchen und

Klöstern nach. Da war es der grofse Papst Gregor VIL, der nach vergeblichen

Versuchen seiner Vorgänger die Befreiung

der Kirche von jedem weltlichen

Einflufs in entscheidender Weise anbahnte*. Und was er zu thun

übrig liefs, vollendeten nicht weniger grofse Nachfolger: Alexander III., Innocenz

III., Gregor IX., Innocenz IV. und Bonifaz VIII. Kein Laie durfte

sich mehr an der Papst- oder Bischofswahl beteiligen, Synoden berufen, über

Kleriker richten, kirchliche Personen und Güter besteuern.

Doch dehnte das auf dem geistlichen Gebiet siegreiche Papsttum seine

Macht auch auf das weltliche Gebiet aus *. Nach dem Vorgange von Gre-

*

Aus den vielen einschlägigen Stellen in den Kapitularien vgl. : c. 15 ,

divisio

regni a. 806, ed. A. Boretius et V. Krause (Mon. Germ. LL. sect. 2) I (1883 sq.),

126. — J. Döllinger, Das Kaisertum Karls d. Gr. u. s. Nachfolger (Münch. Histor.

Jb. 1865, 259 if.). B. Niehues, Gesch. d. Verhältn. zw. Kaisert. u. Papstt. im MA.

I. Bd. 2. Aufl. 1877 if. M. Heimbucher, Die Papstwahlen unter d. Karoling. 1889.

H. Dopfei, Kaisert. u. Papstwechsel unter d. Karoling. 1889. W. Sickel, Die Verträge

d. Päpste mit d. Karoling. (D. Z. f. Gwsehft. XI [1894], 801 ff.). A. Lapotre,

L'Europe et le Saint-Siege k l'^poque carolingienne. I. Le pape Jean VIII. 1895.

L. Ottolenghi, Della dignitä imperiale di Carlo Magno. 1897.

2 A. Hanck, Kirchengeschichte Deutschlands III, 1 ff.

^

E. Friedberg, De finium inter eccles. et civitatem regundorum iudicio quid

medii aevi doctores et leges statuerint. 1861. Ders. , Die mittelalt. Lehren üb. d.

Verhältn. v. St. u. K. (Z. f. KR. VIII [1869], 69 ff.). A. v. PosadowskyWehner,

De duob. universalis monarchiae gladiis. 1867. J. Baumann, Die Staatslehre d.

hl. Thomas v. Aq. 1873. A\ TJioemes , Comment. litter. et crit. de s. Thom. Aq.


;

.

« C. 34, X de elect. I, 6 c. 6, X de M. et 0. I. 33 c. 13, X de iud. II, ; ; 1

44

I- \'»ch: Kircbo un


§ 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat. 45

Verhältnis standen'. Auch der Schwabenspiegel läfst beide^ Schwerter , wie

man nach Luk. 22, 38 die geistliche und die weltliche Gewalt bezeichnete,

in der Hand des Papstes sein, der aber das weltliche an den Kaiser verlieh *.

Namentlich aber

sprachen übereifrige Theoretiker dem Papst als Stellvertreter

Christi beide Gewalten unbeschränkt zu *. Was das Kaisertum speziell betrifft,

so war es seit Innocenz III. allgemeine Lehre, dafs Leo III. dasselbe von Ostrom

auf Karl d. Gr. und seine Nachfolger übertragen habe. Das Wahlrecht der

deutschen Kurfürsten galt demgemäfs als blofse Konzession des Papstes.

stehe die Prüfung der Wahl und der Person des Gewählten zu, und erst durch

seine Approbation, Weihe und Krönung entstehe das kaiserliche Recht *. Ihm

hatte der Kaiser ein eigentliches iuramentum fidelitatis , einen Lehenseid zu

schwören *. An den Papst als an den Oberen devolviert das ßeichsvikariat

im Todesfall oder bei grolser Pflichtversäumnis des Kaisers ®. Endlich kann

derselbe Beschwerden gegen König und Kaiser von selten des bedrückten

Volkes annehmen und bei Erfolglosigkeit seiner Vorstellungen König und

Kaiser absetzen und die Völker des Treueides entbinden'^.

Diesen guelfischen Sätzen stand diametral gegenüber die ghibellinische

Diesem i^


46

I. IJuch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

OS ein pUpstliches Keichsvikariat. Aber man ging noch weiter. Schon die

BftchHiHchen und frilnkischen Könige und Kaiser hatten den Versuch gemacht,

die Kirche dem Staate vollständig zu unterwerfen. Und dadurch erst war die

Theorie und der Widerstand Gregors VII, geweckt worden. Die Staufen sodann

suchten cüsareopapistische Ideen zu verwirklichen '. Auch Ludwig der

Hayer setzte Johann XXII. ab und erhob einen Gegenpapst. Und in dt-m

zugleich litterarisch gefülirten Kanijif, in welchem Ludwig von Marsilitis von

Fadua, dem Verfasser des seiner Zeit weit vorangeeilten „Defensor iiaci.s".

und den vom Papste abgefallenen Minoristen unterstützt ward, wurde der

Satz aufgestellt, dafs alle Gewalt, auch die ])äpstliche, vom Kaiser stamme

und dafs dieser die l'äpste ein- und absetzen könne *.

5. Durch die wiederholten schweren Kämpfe zwischen den beiden höchsten

irdischen (iewalten wurde nicht blofs das unterliegende Kaisertum, sondern

auch das obsiegende Papsttum schwer geschädigt. Nach seiner Verlegung

nach Avignon bemächtigten sich die französischen Könige, bisher \nelfach

die Stütze der Päpste gegen den Kaiser, desselben. Die Beendigung des

babylonischen Exils (1305— 1377) hatte unter Frankreichs Einwirkung das

Schisma (1878— 1417) im Gefolge. Dieses drückte mit seinen zwei imd drei

kompetierenden Päpsten das Ansehen des Apostolischen Stuhles noch mehr

herab.

Die zur Wiederherstellung der kirchlichen Einheit vor allem berufenen

Keformsynoden von Pisa (1409)', Konstanz (1414— 1418) * und Basel-Ferrara-

Florenz (1431— 1445)' waren wie auf Minderung der Papstgewalt, so auf

» W. Rihheck, Friedrich I. u. d. rüm. Kurie. iNbl. M. Pomtotr, Über d. Eintlufs

d. altröm. Vorstellungen v. Staat auf d. Politik Kais. Friedrichs I. u. d. Anschauungen

3. Zeit. 1885. A. Haiick, Friedr. Barb. als Kirchenpolitiker. 1898.

2 //. Denzinger, Enchiridion (8. Aufl.) Nr. 423 sqq. S. liiezler, Die litter.

Widersacher d. Päpste z. Zeit Ludwigs d. B. 1874. K. Müller, Der Kampf Ludwigs

d. B. mit d. röm. Kurie. 1^79 ff. P. Labanca , Marsilio da Padova. 1>


g 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat. 47

Hebung tler bischöflichen Macht bedacht '. Und diese episkopalen Bestrebungen

wurden von den einzelnen Nationen kräftig unterstüzt. So nahmen die Franzosen

in der Pragmatischen Sanktion von Bourges 1438 und die Deutschen auf

dem Frankfurter und Mainzer Fürstentag 1438 und 1439 die Basler Eeformdekrete

, die sich vor allem gegen Rom richteten , an -. Ihrerseits suchten

die Päpste ihre Rechte durch Konkordate mit den einzelnen Nationen möglichst

zu wahren. So zu Konstanz ^ durch die Frankfm-ter oder Fürstenkonkordate

1447 \ durch die A schaffenburger oder Wiener Konkordate 1448 ^

imd durch das Konkordat Leos X. mit Franz I. von Frankreich 1516 ^

Weitere Einbufsen erlitt die Kirche wie in andern Ländern durch den praktisch

und theoretisch fortschreitenden Staatsgedanken, so namentlich in Deutschland

durch die bei der Ohnmacht des Kaisertums und mit Hilfe des römischen

Rechts sich rasch entwickelnde Territorialhoheit des Landesherrn, die zur

landesherrlichen Kiixhenhoheit sich entfaltete. Die geistliche Jurisdiktion in

Zivilsachen wm'de beseitigt. Die klerikalen Immunitäten wurden vermindert,

die kirchlichen Vermögensrechte beschränkt, Amortisationsgesetze erlassen,

* Die hauptsächlichsten Vertreter des Episkopalsystems bezw. der konziliaren

Theorie sind: Konrad v. Gelnhausen (f 1390), Heinrich v. Langenstein (f 1394)

{Ä. Kneer, Zur Entstehung d. konziliaren Theorie. 1893. K. Wenk, Konr. v. Gelnhausen

u. d. Quell, d. konz. Theorie [Hist. Z. LXXVI (1895), 6 ff.]), Dietrich v. Kiem

(t 1417) (Monographie v. G. Erler 1887), Pierre (VAilly (f 1420?) (Monogr. v.

P. Tschackcrt 1877, v. Salemhier 1886), Johannes Gerson (f 1429) (Monogr. v. J. B.

Schwab 1858, v. Masson 1894), Nikolaus v. Climanges (f c. 1434) (Monogr. v.

A. Miinfz 1846; G. Schuherth , Ist Nik. v. Clem. der Verf. d. Buches De corrupto

ecclesiae statu? 1888), Nikolaus i\ Cusa (f 1464) (Monogr. v. F. A. Schar pff 1S4S,

V. J. M. Dilx 1847), Enea Silvio Piccolomini (Pius IL, f 1464) (Monogr. v. G. Voigt

1856 ff.) , Jakob v. Jüterbogk (f 1465) (vgl. H. Kellner, Th. Qseh. XLVIII [1S66],

322 ff.), Matthias Döring (f 1469) (Monogr. v. P. Albert 1892), Dionysius d. KaHäuser

(t 1471) (Monogr. v. A. Mogel 1896). — Diesen standen als Vertreter der Papalhoheit

gegenüber: Ägidius de Colonna (f 1316), Augustinus Triumphus (f 1328),

Petrus de Palude (f 1342), Alvarus Pelagius (f 1352), Johann Capistran (f 1456),

Johann a Turrccremata (f 1468), Dominicus lacobattus (f 1527), Thomas de Vio

gen. Caietanus (f 1534), TJtomas Campeggio (f 1564). Ihre einschlägigen Arbeiten

finden sich meist in J. Th. Rocaberti, Biblioth. max. pontificia. Rom. 1698 sqq.

^ K. Böser, Die Pragm. Sanktion unter d. Namen Ludwigs IX. 1853. Soldan,

Über d. Pragm. Sanktion Ludwigs d. H. (Z. f. hist. Theol. XXVI [1856] , 377 ff.).

P. Scheffer-Doichorst , Der Streit üb. d. Pragm. Sanktion L. d. H. (Mitt. d. Inst,

f. österr. Gfschg. VIII [1887], 353 ff.). — W. Puckert, Die kurfürstl. Neutralität

währ. d. Basler Konzils. 1858. A. Bachmann, Die deutsch. Könige u. d. kurfürstl.

Neutralität (Arch. f. österr. Gesch. LXXV [1889], 1 ff.). B. Gebhardt , Die Gravamina

d. deutsch. Nation gegen d. röm. Hof. 2. Aufl. 1895.

2 Hübler, Die Konstanzer Reform. 164 ff. A. Chroust, Zu d. Konstanzer Konkordaten

(D. Z. f. Gwschft. IV [1890], 1 ff.).

*

F. Walter, Fontes iur. eccles. (1862) 97 sqq. * Ibid. 109 sqq.

^ Harduin, Act. conc. IX, 1867 sqq. Zur Litteratur siehe A. 2.


,

48

I- liuch: Kirche and Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

die Durchführung geistlicher Censuren verboten, daa Placet eingeführt und

die Appellation vom Mifshrauch geistlicher Amtsgewalt zugelassen '.

(j. Uireu schiti:tston Ausdruck erhielt die landesherrliche Kirchenhoheit

durch den Protestantismus, freilich entgegen der ursprünglichen Natur desselben.

Durch die Lehre von der vollständigen Sutficienz der Heiligen Sclirift,

der Kechtfertigung durch den Glauben allein, dem allgemeinen Priestertum

imd der damit gegebenen unsichtbaren Kirche war jede sichtbare Kirche,

daher auch jedes Kirchenreginient und so auch jedes Verhältnis von Kirche

und Staat negiert. AUein in der Not redeten die Führer der Bewegung

doch wieder von einer sichtbaren ,

geordneten Kirche , von einem Kirchenregijnent

und überantworteten dasselbe an die staatliche Obrigkeit, die es

übrigens via facti bereits seit Anbeginn des Umsturzes an sich genommen

hatte. In dieser Weise Avurde d^e Kirche reine Staatsaastalt ,

ja sie ging

im Staate unter. Der Landesherr hat nicht blofs ein ,ius maiestaticum circa

Sacra" , sondern ein solches „in sacris" oder ^sacrorum". Das kirchliche

Recht entsteht durch staatliche Gesetzgebung. Die kirchliche Regierung wird

von den staatlichen Behörden ausgeübt. Don Kirchengliedem wird nach Belieben

durch den Staat Glauben und Glaubensübung vorgeschrieben (cuius

regio, eins et religio). Wort- und Sakramentsverwaltung geschieht durch dif

staatlichen

Beamten.

Erst lange nach dieser im Drange der Umstände via facti erfolgten

Ordnung und Festlegung der kirchlichen Verhältnisse suchte man dieselben

auch mssenschaftlich zu rechtfertigen und erfand als Notbehelf das Ep i-

sjvopal-, Territorial- und Kollegialsystem. Nach ersterem, begründet durch

J/. Stephuni (f l'J46) und namentlich durch B. Carpzov (f 1666), sollte die

durch den Augsburger Religionsfrieden 1555 su.spendierte Jurisdiktion der

Bischöfe über die Protestanten auf den Landeshen-n übergegangen sein, der

nun als solcher auch sununus episcopus war. Das Territori alsystcm , herstammend

und vertieten von H. Groüus (f 1645), Ch. Tfioinasius (f 1728)

und J. H. Böhmer (f 1749), schreibt dem Landesherm als Territorialherrn alle

äufsere Kirchengewalt zu und gipfelt in dem Satz : Cuius regio, eins et religio.

Nach dem Ende des 17. Jahrhunderts durch .S'. Pufendorf (t 1694) gmndgelegten,

namentlich aber von Cli. M. Pfaff (f 1760) ausgebildeten Kollegialsystem

waren ursprünglich die Gemeinden im Besitz der Kirchengewalt,

hätten sie aber auf den Landesherm übertragen. Dies sei in Deutschland dadurch

geschehen, dafs sie die Reformation durch die Fürsten gern angenommen

hätten. Während früher das Episkopal- und namentlich das Territorialsystem

prävalierten, treten in neuerer Zeit auch die kollegialistischen Anschauungen

wieder m


§ 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat. 49

7. In Weiterbildung der schon Ende des Mittelalters geübten landesherrlichen

Kirchenhoheit, in Nachahmung der protestantischen Fürsten, auf

Grund von durch die bedrängten Päpste gemachten Einräumungen und von


naturrechtlichen Deduktionen mehrten sich trotz der gegenteiligen Bestrebungen

des Konzils von Trient (1545— 1563)^ seit dem 16. Jahrhundert die Ansprüche

und Rechte auch der katholischen Fürsten auf kirchlichem Gebiet. Besonders

traten diese Bestrebungen zu Tage im Gallikanismus *, Febronianismus *

Die Grundlagen d. luth. Kirchenregiments. 1864. A. Frantz, Die evang. Kirchenverf.

in d. deutsch. Städten d. 16. Jhdts. 1878. K. Köhler, Die altprot. Lehre v.

d. drei kirchl. Ständen (Z. f. KR. XXI [1886], 99 ff.). G. Meier, Die Entstehung d.

landesherrl. Kirchenreg. 1891. R. Sohm, KR, I (1892), 460 tf. K. liieker, Die

rechtl. Stellung d. evang. Kirche Deutschi. 1893. Ders., Protest, u. Staatskirchent.

(D. Z. f. KR. VII [1897], 145 ff.). Ders., Grundsätze reform. Kirchenverf. 1899.

W. Köhler, Hess. Kirchenverf. im ZA. d. Reforraat. 1894.

^ J. Hergenröther, Spaniens Verhandlungen m. d. Rom. Stuhl (A. f. k. KR.

X [1863], 1 ff.). Friedberg, Die Grenzen zw. Staat u. Kirche 542 ff. M. Phillipson,

Philipp II. v. Spanien u. d. Papsttum (Hist. Z. XXXIX [1878], 269 ff.).

^ Aus d. überreichen primären u. sekundären Litteratur : Sacros. Oecum. Conc.

Trid, canones et decreta. Rom. 1564 und seitdem in wiederholten stereotypen Ausgaben.

Die beste Ausgabe ist die von Richter - Schulte. 1853. Le Plat, Monum.

ad hist. Conc. Trid. . . . ampliss. collectio. Lov. 1781 sqq. TJi. SicJcel, Zur Gesch.

d. Konzils v. Trient. 1559 — 1563. 1872. Acta genuina Conc. Trid. ab A. Mafiarello.

Ed. A. TJieiner. Zagrab. 1874 sqq. J. DüUinger, Ungedruckte Berichte

u. Tagebücher z. Gesch. d. Konzils v. Trient. 1876. Druffel-Brandi, Monum. Trid.

1884 sqq. J. Lainez, Disput. Trid. Ed. H. Grisar. 1886. Paolo Sarpi, Istoria del

Conc. di Trento. Lond. 1619; französ. m. Noten v. Le Coiirayer. Amst. 1736. Sforza

Pallavicini , Istoria del Conc. di Trento. Roma 1656 sgg. ; lat. v. Giattino. 1670.

A. Desjardins, Le pouvoir civil au concil de Trente. 1869. L. Maynier, Etüde hist.

s. 1. conc. de Tr. 1874. M. Philippson, Les origines du catholicisme moderne. La

contrerevolution religieuse au 16" siecle. 1884. Eine vollständige Ausgabe der

Akten des Tridentinums bereitet das römische Institut der Görres-Gesellschaft vor.

' P. PithoH, Les libertez de l'eglise gallicane. Paris 1594. P. de Marca, De

concordia sacerdotii et imperii s. de libert. eccles. gall. Paris. 1641. P. Dupuy,

Preuves de libert. de l'eglise gall. Paris 1639. J. B. Bossuet, Defensio declarationis

der. gall. a. 1682 de eccles. potestate. Luxemb. 1730. Durand de Maillatie , Les

libert. de l'eglise gall. Lyon 1771. Aus d. neueren Litt.: Friedberg, Die Grenzen

zw. Staat u. Kirche 496 ff. Ch. Gerin, Recherches histor, sur l'assemblee du clerge

de France. 1869. Ders., Louis XIV. et le Saint-Siege. 1894.

* J. Febronim, De statu eccles. et legit. potest. Rom. pontif. lib. sing. etc.

Bullion. (Frankfurt) 1763. F. A. Zaccaria, Antifebronio. Pisaur. 1767. P. Ballerini,

De potest. eccles. summ, pontif. et conc. gener. etc. Veron. 1768. Th. M. Mamachi,

Epistolae ad Febr. etc. Rom. 1776 sqq. 0. Mejer, Febronius u. s. Widerruf. 2. Aufl.

1885. B. Pacca, Memorie storiche sul soggiorno in Germ. 1786— 1794. Ed. 2.

Roma 1831 (auch übersetzt Augsb. 1832). M. Stigloher, Errichtung d. päpstl. Nuntiatur

in München u. d. Emser Kongrefs. 1867. De Potfer, Vie et m(§moires de

Scipion de Ricci. 1826 (auch übersetzt Stuttg. 1826). F. Scaduto, Stato e chiesa

sotto Leop. I. 1885.

Sägmüller, Kirehenrecht. I.Teil. 4


;

;

;

50

I- Huch: Kirche und Kirchenpolitik. 2. Kap : Kirche und Staut.

lind .losephinismus '. Es wurde ein ganzes System von staatlichen Kochten

iiiiicrhalli der Kirche: ius circa sacra maiestaticum, wie die Hfzeichming seit

Thoma.siuK lautete, ausgebildet. Dieselben betrafen ebenso die .Stellunj; defl'apstes

als die der Kirche innerhalb der einzelnen Länder. Zu diesen staatlichen

Kirchonhoheitsrechten aber zahlte man:

a) das ius advocatiae oder protectionis, das Schutzrecht über die Kirche.

Den Schutz der Kirche hatten dereinst die Kaiser als eine ihrer ersten Aufgaben

betrachtet. Jetzt verstand man darunter das Recht, die Kirche in

allem zu bevormunden, oft durch eigens zu diesem Zweck errichtete Behörden,

wie Kirchenräte,

Konsistorien

h) das ius inspectionis, das Recht, von allen iiebeii^aiilsorungen der Kirche

Kenntnis zu nehmen, von Predigt und Katechese, von Sakramentsspendung

und Gottesdienst, Prozessionen, Missionen und Wallfahrten, namentlich aber

vom Verkehr der Bischöfe mit Rom;

c) das ius cavendi , das Recht des Staates zu Präventivmafsregeln, um

einer allenfallsigen Schädigung der staatlichen Interessen von vornherein

vorzubeugen

d) das ius^^laceti. Danach müssen alle päpstlichen und bischöflichen

Erlasse, selbst die dogmatischen, dem Staate nicht etwa nur zur Einsichtnahme

(visum), sondern zur Genehmigung vorgelegt werden*;

e) das ius exclusiyae, das Recht, bei Besetzung kirchlicher Stellen

Widerspruch erheben zu dürfen mit der Folge, dafs der als persona minus

grata Bezeichnete die Stelle von seinem kirchlichen Obern nicht erhält.

Damit steht in Verbindung die Mitwirkimg des Staates bei Erziehung des

Klerus, Aufnahme in denselben und Prüfung der Geistlichen

das ius ajipellationis frecursus ab abusu) (appel comme d'abu.si, das

f)

Recht des Staates ,

gegen Mifsbrauch der geistlichen Gewalt einzuschreiten,

näherhin der Unterthanen ,

gegen Urteile der Kirchengewalt in geistlichen

Dingen an den Staat zu appellieren;

g) das ius reformandi in dem Sinne, Mifsbräuche in der Kirche abschaffen

zu dürfen;

'

Ä. V. Arneth, Maria Theresia. 1863 S. S. Driinner, Die theol. Dienerbchaft

am Hofe Josephs IL 1868. Dcrs., Die Mysterien d. Aufklärung in Osterr. 1869.

Ders., Joseph II. 2. Aufl. 1885. A'. Ritter, Kaiser Joseph II. u. s. kirchl. Reformen.

1869. Friedherg, Die Grenzen zw. St. u. K. 110 flF. 185 flF. F. Stieve, Die kirchl.

Polizeiregierimg in Bayern u. Max. I. 1876. E. Mayer, Die Kirchenhoheitsrechte

d. Königs V. Bayern (1884) 23 flF. Ä. Beinhard, Die Kirchenhoheitsrechte d. Königs

V. Bayern (1^84) 13 ff. C. WoJfxgruher, Kardinal Migazzi. 1890. IL SMitler, Die

Reise d. Papstes Pius VI. n. Wien u. s. Aufenthalt das. 1892. Ders., Pius VI. u.

Joseph IL 1894. Vering , KR.» 107 ff. K. Zschokke , Die theol. Studien ... in

Österr. 1894. J. Beidtei , Gesch. d. österr. Staatsverwaltung 1740—1848. 1896 ff.

* C. Tarquini, Diss. d. reg. plac. 1852. H. Papiu'* , Zur Gesch. d. Placets

(A. f. k. KR. XVIII [1867J, 161 ff.); (a. sep.). A. Müller, De placito reg. 1877.

L. Petri, Gesch. d. Placets nach Zweck u. rechtl. Ausgestaltung. 1899.


§ 14. Das historische Veriiältnis von Kirche und Staat. 51

h) das ius dominii supremi (od. eminentis), d. i. das Recht des Obereigentums

des Staates am Kirchengut, woraus die Berechtigung zur Besteuerung

und Verwaltung desselben, zu Amortisationsgesetzen und zur Säkularisation

abgeleitet wurde.

Diese Theoi'ie von der staatlichen Kirchenhoheit ist aus den verschiedensten

Gründen verwerflich. Dieselbe negiert die Selbständigkeit und Un- »/

abhängigkeit der Kirche, die Koordination beider Gewalten, erkennt vielmehidem

Staate eine unbeschi-änkte Superiorität und Kompetenz in kirchlichen

Fragen zu. Sie setzt anstatt gegenseitigen Vertrauens zwischen den beiden z^v

höchsten Mächten gegenseitiges Mifstrauen voraus. Doch nicht blofs ideell,

sondern auch historisch ist das System falsch, indem der Staat nicht berech- i;

tigt ist, die überkommenen Rechte der Kirche zu schmälern. Endlich steht

diese Knechtung der Kirche im Widerspruch mit den Interessen des Staates V

selbst. Die zur Magd des Staates und zur Polizeianstalt heruntergewürdigte

Kirche kann die Achtung und Liebe der Gläubigen nicht voll besitzen und

ebendeswegen den Gehorsam derselben gegen den Staat nicht wecken und

fördern.

Dementsprechend haben sich auch die deutschen Bischöfe namentlich

seit dem Jahre 1848 teils einzeln, teils in corpore gegen das System der staatlichen

Kirchenhoheit erklärt und die Freiheit der kirchlichen Gesetzgebung und

Gerichtsbarkeit, die Abschaffung des Placets und des recursus ab abusu, die

Freiheit in der Erziehung und Anstellung des Klerus, der Verwaltung des

Kirchenvermögens und der Gründung von Orden und Kongregationen gefordert

*. Hierin folgten sie dem Beispiele der Päpste , welche von Anfang

an gegen diese Knechtung der Kirche durch den Staat protestierten. So

verwirft auch der Syllabus in Nr. 28 und 41 das placetum regium und den

recursus ab abusu, in Nr. 44 ff. die staatliche Einmischung in Sachen der

Religion, der Moral und des geistlichen Regiments tmd in Nr. 49 die Behinderung

der Bischöfe und Gläubigen im freien Verkehr mit Rom. Und auch

das Vaticanum fordert die Freiheit des kirchlichen Verkehrs und die Verbindlichkeit

der päpstlichen Erlasse ohne das staatliche Placet ^.

8. Nichtsdestoweniger hielten die Staaten auch im 19. Jahrhundert an

ihrer kirchlichen Oberhoheit im allgemeinen fest *. Zunächst mufste aber

die durch die französische Revolution, die Säkularisation und die im Gefolge

der Napoleonischen Kriege eingetretenen politischen Veränderungen beinahe

ganz zertrümmerte kirchliche Organisation in Deutschland wiederhergestellt

werden. Das geschah nach dem Vorbild des im Jahre 1801 zwischen Pius VII,

'

Vgl. d. Denkschrift d. zu Würzburg versamm. deutsch. Bischöfe v. 14. Nov.

1848 (A. f. k. KR. XXI [1869], 207 ff.). ^ De ecdes. c. 3.

^ Allgemein: L. Ä. Warnkönig, Die staatsrechtl. Stellung d. kath. Kirche in den

kath. Ländern d. Deutsch. Reiches, bes. im 18. Jhdt. 1855. J. F. B. v. Linde, Betrachtungen

üb. d. Selbständigkeit u. Unabhängigkeit d. Kirchengewalt u. s. w. 1855.

K. E. F. Rofshirt, Das staatsrechtl. Verhältnis z. kath. Kirche in Deutschi, seit d.

AVestfäl. Frieden. 1859. 0. Mejer, Zur Gesch. d. röm. -deutsch. Frage. 1885. H. Brück,

Gesch. d. kath. Kirche in Deutschland im 19. Jhdt. 1887 ff.

4*


52

I- Buch: Kirche nnd Kirchenpolitik. 2. Kap.: Kirche und Staat.

und N.ipoleon I. abgeschlossenen Konkordats ' in Bayern durch das Konkordat

vom Jahre 1817', in Preufsen durch die Bulle ,De salute animarum" 1821',

in Hannover durch die Bulle „Inipensa Romanonim" 1824 und in der oberrheinischen

Kirchenprovinz durch die Circumskriptionsbulle ,Provida sollersque"

1821 und die weitere Bulle ,Ad dominici gregis custodiam" vom

Jahre 1827 \

Mit der kirchlichen Organisation war aber nicht auch die kirchliche

Freiheit gegeben. In Österreich herrschte der Josephinismus so gut wie

ungeschwächt weiter *. In Preufsen kam es im Streit über die gemischten

Ehen und auch sonst zu den schwersten Vergewaltigungen der Kirche *.

In Bayern wurden nach dem Muster der organischen Artikel zum französischen

Konkordat durch das Religionsedikt vom Jahre 1818 die im Konkordat

gewährten kirchlichen Freiheiten wieder eingeschränkte Die Staaten der

oberrheinischen Kirchenprovinz endlich übten nach dem Edikt vom 30. Januar

1830 die ihnen vermeintlich zustehenden unveräuiserlichen Majestätsrechte

des Schutzes und der Oberaufsicht über die Kirche im vollen Umfange aus *.

I)ie nötige Freiheit bahnte wie auf andern Gebieten, so auch auf dem

kirchlichen erst das Jahr 1848 an. Artikel III, § 14 der Deutschen Grundrechte

erkannte nach dem Muster der belgischen Verfassung 1831 * jeder

Religionsgenossenschaft die selbständige Ordnung und Verwaltung ihrer Angelegenheiten

zu. Kaiser Franz Joseph I. von (Österreich befreite 1850 die

Kirche von beinahe allen bisherigen Fesseln, und durch das Konkordat vom

Jahre 1855 wurde der Josephinismus vollends beseitigt. Aber seit 18r»7

wurden am Konkordat einseitig Änderungen vorgenommen, luid 1^870 wurde

es anläfslich der Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem Vaticanum

'

Aus der reichen Litteratur : d'Hamtsonville , L'^glise romaine et l'empire.

3* ^d. 1870. Boulay de la Meurthe, Documenta s. la n^gociation du concordat etc.

1800—1801. 1S91 SS. L. S4chi, Les origines du concordat. 1894.

* K. Höfler, Konkordat u. Konstitutionseid d. Kath. in Bayern. 1847. Strodi,

Das Recht d. Kirche u. d. Staatsgewalt in Bayern seit d. Konkordat. 1852. //. Sicherer,

Staat u. Kirche in Bayern 1799— 1821. 1874. E. Mayer u. A. Reinhard s. oben

S. 50*. M. Sei/del, Bayr. Kirchenstaatsrecht. 1892.

' E. A. TJi. Laspeyres, Gesch. u. heut. Verfassung d. kath. Kirche Preufsens.

1840. M. Lehmann, Preufsen u. d. kath. Kirche s. 1640. 1878 ff.

* J. Longner, Darsteil, d. Rechtsverhältnisse d. Bisch, in d. oberrh. Kirchenprovinz.

1840. Ders., Beiträge z. Gesch. d. oberrh. Kirchenprov. 18G3. //. Brück,

Die oberrh. Kirchenprov. 186^.

* J. Beidtel, Untersuchungen üb. d. kirchl. Zustände in d. österr. Staaten. 1849.

Ders., St. u. K. in österr. vor, während u. nach d. Revolution 1848. 1849.

* J. Görres, Athanasius. 1837. Tl'. Maurenbrecher, Die preufs. Kirchenpolitik

u. d. Köln. Kirchenstreit. 1881. 0. PfiVf, Kard. v. Geissei. 1895 ff. Briefe an

Bunsen von röm. Kard. u. Prälaten u. s. w. 1818—1837, hgg. v. F. H. Reusch. 1897.

' S. oben Note 2.

" Walter, Fontes 340 sqq. Schneider, KRsquellen 303 ff.

» Tit. II, a. 14.


§ 14. Das historische Verhältnis von Kirche und Staat. 53

(1869— 1870)^ für aufgehoben erklärte In Preufsen kam der König Friedi-ich

Wilhelm IV. der Kirche vom Beginn seiner Regierung billig und gerecht

entgegen, und Artikel 15 der Verfassung vom Jakre 1850 proklamierte nach

dem Muster der Frankfurter Grundrechte die volle Freiheit aller Religionsgesellschaften

^. Die Kirche erfreute sich denn auch in der Folgezeit einer

fast unbeschränkten Freiheit. Um so gröfser war der Umschlag, als nach

Besiegung der katholischen Mächte Österreich 1866 und Frankreich 1870/71

von Preufsen im „Kulturkampf" die Niederwerfung, ja Vernichtung der katholischen

Kirche unternommen wurde. Die Schule wurde ganz dem Staate

zugewiesen, eine Reihe von Orden ausgewiesen, die Vorbildung und Anstellung

der Geistlichen ziun staatlichen Hoheitsrecht gemacht, die Ausübung

von Disciplinargewalt durch eine aufserdeutsche kirchliche Behörde verboten,

ein königlicher Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten errichtet u, s. w.

Allein bei dem heldenmütigen Widerstand der Katholiken und bei den bedenklichen

Erscheinungen, die auf sozialem Gebiete zu Tage traten, sah sich

Preufsen genötigt, den Rückzug anzutreten durch Einleitung von Verhandlungen

mit dem Apostolischen Stuhle. Seinem Beispiele mufste man auch da

folgen, wo man mit ihm in gröfserem oder geringerem Umfang den Kultui'-

kampf inszeniert hatte : im Reiche, in Baden und Hessen *. In Bayern ist das

Religionsedikt trotz vorübergehender Milderungen durch Ludwig I. und Maximilian

I. bis heute in unverkürzter Geltung geblieben. Am längsten säumten

die die oberrheinische Kirchenprovinz umfassenden Staaten , ein erträgliches

kirchenpolitisches Verhältnis herzustellen. Daher forderten die vereinigten

Bischöfe nach 1848 in wiederholten Denkschriften ihre Rechte und gingen

zuletzt via facti vor^. Das führte zu notwendigen Konflikten. Durch diese

*

Aus der überreichen primären und sekundären Litteratur sei erwähnt:

E. Friedberg, Samml. d. Aktenstücke z. vatik. Konzil. 1872 (zugleich mit reichem

Litteraturverzeichnis). K. Martin, Omn. Conc. Vatic. docum. collectio. 1873. Die

beste Sammlung aber ist in t. VII (1890) d. Collectio Lacensis: Act. et decr. sacror.

concil. recentior. 1870 sqq. J. Fefsler, Das vatik. Konzil, dessen äufsere Bedeutung

u. innerer Verlauf. 1871. E. Cecconi, Storia del conc. del Vatic. 1873 sgg. ; übers.

V. W. Molitor. Bd. I. 1873. Martin, Die Arbeiten d. vatik. Konzils. 1873. J. Friedrich

(Altkatholik), Gesch. d. vatik. Konzils. 1877 ff.

* J. Fefsler, Studien üb. d. österr. Konkordat. 2. Aufl. 1856. H. F. Jacobson,

Über d. österr. Konk. etc. 1856. F. A. Loberschiner, Versuch e. Erklärung d. Konk.

1856. J. A. Ginzel, Kirchl. Zustände in Österr. unter d. Herrschaft d. Konk. 1859.

Ders., Zum Frieden zw. K. u. St. in Österr. 1868. Vering, KR.* 114—151.

3 H. Gerlach, Das Verhältn. d. preufs. Staates z. kath. Kirche. 2. Aufl. 1867.

E. Friedberg, Die Grundlagen d. preufs. Kirchenpolitik unter König Friedrich Wilhelm

IV. 1882.

* N. Siegfried, Aktenstücke betr. d. preufs. Kulturkampf. 1882. F. X. Schulte,

Gesch. d. Kirche in Preufsen. 1882. J. Bachern, Preufsen u. d. kath. Kirche. 5. Aufl.

1886. P. Majunke, Gesch. d. Kulturks. in Preufsen-Deutschl. 2. Aufl. 1887. Schneider,

KRsquellen 243 ff. J. Falter, Der preufs. Kulturkampf v. 1873—1880. 1900.

^ L. A. Warnkönig, Über d. Konflikt d. Episkopats d. oberrh. Kirchenprov.

m. d. Landesregierungen. 1853.


'

54 I- Buch: Kirche u. Kirchenpol. 8. Kap.: Die Kirche u. d. and. RsGsllschflen.

unhaltbaren Zustände bewogen, liefsen sich die Kegierungen in Verhandlungen

ein, und es kam zu Konventionen mit den Bischöfen in Hessen-JJarmstadt (18'>4)

und Nassau (18G1; und zu Konkordaten mit dem Papst in Württemberg (1857)

und Baden (1859)*, welch letztere aber mangels der ständischen Zustimnmn«

nicht ausgefühi't werden konnten. In Württemberg wurde dann das Verhältnis

zwischen dem Staat und der katholischen Kirche durch Gesetz vom 30. Januar

1862 einseitig geordnet, aber immerhin mit dem Erfolg, dafs bis jetzt der religiöse

Friede im wesentlichen erhalten blieb, während Baden und Hessen mit

dem gleichen Mifserfolg wie Preufsen in den Kulturkampf eintraten.

Drittes

Kapitel.

Die Kirche und die

andern Religionsgesellschaften.

§ 15.

Die Kirche und die Uiigetaufteu.

Decr. Greg, de lud. V, 6. Const. Clem. V, 2. Extrav. loann. t. 8. Extrav.

comm. V, 2.

L. Erler, Hist.-krit. Übersicht d. nat.-ükon. u. soz.-pol. Litt. (A. f. k. KR.

XLI [1879], 3 ff.). E. Rodocanacchi, Le Saint-Siege et les juifs. 1891. M. Stent, Urkundl.

Beitr. üb. d. Stelhing d. Päpste zu d. Juden. 1893. A. Berliner, Gesch. d.

Juden in Rom. 1894. H. Vogelstein u. P. Bieger, Gesch. d. Juden in Rom. 1895 ff.

K. Eubel, Das Verhalten d. Päpste geg. d. Juden (Rom. Qsch. XUI [1899], 29 ff.).

Es ist die Aufgabe der Kirche, die Ungetauften zuni christlichen

Glauben zu bekehren. Dabei mufs aber aller Zwang ferne bleiben ^.

Solange die Bekehrung nicht erfolgt ist, unterstehen die Ungläubigen

den Gesetzen der Kirche nicht *. Wohl aber gilt für sie das natürliche

Recht ^. Nach ihm also werden etwaige Rechtssachen derselben,

Ehesachen, vor dem kirchlichen Forum behandelt ^. Umgekehrt haben

die Ungetauften aber auch keine Rechte in der Kirche, wie Patronat.

Genufs an kirchlichen Stiftungen, Beteiligung an Kulthandlungen.

Was den Verkehr mit den Ungläubigen betrifft, so kann keine

communicatio in sacris mit ihnen gepflogen werden. Der bürgerliche

* L. Beyscher, Das österr. u. d. württ. Konk. 1858. F. Bie/s, Die württ Konvention.

1858. B. Probst, Die Konvention d. württ. Reg. m. d. päpstl. Stuhl. 1860.

0. Sariceif, Das württ. Konk. 1860. L. Golther, Der St. u. d. kath. K. in Württ.

1874. G. Bümelin, Zur kath. Kirchenfrage (Reden u. Aufsätze. N. F. [1881] 205 ff.).

Bun£, Das württ. Konk. v. 1857 (Z. f. Kirchengesch. VIII [1886], 188 ff.).

' E. Friedberg, Der St. u. d. kath. K. im Grofsh. Baden. 1874. H. Maas,

Gesch. d. kath. Kirche in Baden. 1891.

» C. 3 (Greg. I. a, 602), D. XLV. C. 3, X de bapt. III, 42. C. 9, X h. t. V, •;.

* 1 Kor. 5, 12 f. * Rom. 2, 14. « C. s, X de divort. IV, 19.


§ 15. Die Kirche und die üngetauften. 55

Kirche ihre

Umgang aber ist im allgemeinen nicht verboten i. Weil aber die

Angehörigen vor Beschimpfung und Verführung zum Abfall

vom Glauben zu schützen hat, hat sie den engeren Verkehr mit

den Ungläubigen, so das Dienen in Judenhäusern, Leisten von Ammendiensten

daselbst, verboten 2, Und sind diese Verbote durch Gewohnheit

in Abgang gekommen, so haben neuere Synoden sie aus guten

Gründen wieder eingeschärft 3. Aus gleichen Gründen mufsten die l^/^^^^

Juden früher an bestimmten Orten, in besonderen Strafsen wohnen


56 I. liuch: Kirche u. Kirchenpol. 3. Kap.: Die Kirche u. d. and. K.-5Gsll8chften.

In die Kirche tritt man ein durch die Taufe. Der gültig Getaufte

ist als Glied der Kirche verpflichtet, deren Glauben anzunehmen und

deren Gesetze zu erfüllen.

Diese Verpflichtung ist wegen des character

indelebilis der Taufe eine bleibende ^ Wenn daher kirchliche Rechtsverhältnisse

eines Getauften vor das kirchliche Forum kommen, so

werden sie nach katholischem Kirchenrecht behandelt. Das wissentliehe

und hartnäckige Fürwahrhalten eines von der Kirche verworfenen

Satzes, die Leugnung eines kirchlichen Dogmas von seiten

eines Getauften konstituiert das mit kirchlichen Strafen belegte Verbrechen

der füiinellen Häresie, Dagegen ist unverschuldeter Irrtum

keine formelle und strafbare, sondern nur eine materielle Häresie.

Formelle Häretiker sind also namentlich diejenigen nicht, welche keine

Einsicht in das Wesen der Kirche haben, was besonders leicht bei jenen

'''.

der Fall ist , welche von häretischen Eltern abstammen Die Verwerfung

der gesamten Lehre der Kirche wird als Apostasie bezeichnet.

Auch das Schisma, welches die Trennung von der Einheit der Kirche

ist, kann ein formelles oder materielles sein. Jedem Irrenden gegenüber

hat die Kirche die Pflicht, ihn zur Wahrheit zurückzuführen

durch Gebet, Darlegung ihrer Lehre und Erweise der Nächstenliebe,

nicht aber durch blinden Eifer, gehässige Polemik, Anbieten zeitlicher

Vorteile oder gar Zwang,

Im Laufe der Zeit haben sich aber nicht nur einzelne von der Kirche

getrennt, sondern grofse Massen und haben sich zu selbständigen

Religionsgesellschaften, Kirchen, zusammengeschlossen. Manche derselben

haben grofse Ausbreitung und lange Dauer aufzuweisen. Als

die allein wahre kann die katholische Kirche diese Kirchen prinzipiell

nicht als berechtigt, viel weniger als gleichberechtigt anerkennen.

Die Kirche ist vom dogmatischen Standpunkt aus intolerant ^. Das

sind auch die andern Kirchen, falls sie von ihrer Berechtigung überzeugt

sind, und das müssen sie als solche doch sein*.

Daraus ergiebt sich einmal, dafs die Kirche über die von ihr Getrennten

keine thatsächliche und äufsere Jurisdiktion besitzt, sodann,

dafs den Katholiken die Teilnahme an den Kulthandlungen der Akatholiken

(communicatio in sacris activa) und die Zulassung von Akatholiken

zu ihren Kulthandlungen (c. i. s. passiva) verboten ist.

Ein Katholik darf nicht an Kulthandlungen der Akatholiken teilnehmen,

die so geartet sind, dafs schon in der blofsen Teilnahme


Trid. sess. VII de bapt. can. 4. 7. 8.

« C. 29 {Auffust. a. 397), C. XXIV, q. 3. » Syll. Nr. 15—1«. 21.

* Conf, Aug. 1, 1, 3 p. 9: 2, 2 p. 10 sq. Conf. Helvet. prior 1536, a. 26.

Conf. Helvet. sec. 1566, a. 13.


§ 16. Die Kirche und die andern christlichen Konfessionen. 57

eine Anerkennung derselben liegen würde. Hierher gehört : die Teilnahme

am protestantischen Abendmahl ^ ; der Besuch der Predigt und

des Gottesdienstes, wenn darin der Ausdruck des Einverständnisses

läge 2; das Taufenlassen durch einen akatholischen Religionsdiener

aufser im Falle der höchsten Not, sowie die Übernahme der Patenstelle

bei protestantischer Taufe 3; die protestantische Trauung oder

Nachtrauung bei katholischer oder gemischter Ehe. Ein solcher

Katholik verfällt wegen favor haeresis der dem Papste speciali modo

reservierten Exkommunikation *. Liegt aber nach der Natur des

betreffenden Aktes in der Teilnahme keine Billigung desselben, keine

Gefahr des Abfalles und kein Ärgernis, wohl aber ein vernünftiger

Grund zur Teilnahme vor, so ist sie nicht unerlaubt, z. B. bei Leichenbegängnissen,

Hochzeitsfeiern.

Akatholiken dürfen

nicht zum Empfang der Sakramente und der

kirchlichen Weihungen und so auch nicht zum kirchlichen Begräbnis

zugelassen werden.

Kinder von Akatholiken dürfen nur im Notfalle getauft

werden ^. Akatholiken dürfen nur als Taufzeugen funktionieren ^.

Bei gemischten Ehen ist gemeinrechtlich nur assistentia passiva erlaubt;

in Deutschland gewohnheitsrechtlich assistentia activa'^. Dagegen

sind gemäfs der Bulle Martins V. „Ad vitanda scandala" 1418

nur die excommunicati vitandi, wozu die Akatholiken als solche nicht

gehören, von Predigt und Gottesdienst ausgeschlossen. Auch darf

natürlich privatim für Akatholiken gebetet werden, wo die Kirche in

ihrer Liturgie, namentlich am Karfreitag,

betet.

öffentlich um ihre Bekelirung

In diesem Sinne sind auch missae privatae für lebende Häretiker

erlaubt. Für regierende akatholische Fürsten dürfen auch missae sollemnes

und öffentliche Gebete verrichtet werden. Sie gelten wesentlich

dem Wohle des ganzen Landes. Für verstorbene akatholische

Fürsten aber darf kein feierliches Requiem gehalten werden ^. Dagegen

* Katholische Krankenpfleger haben sich gegenüber einem schwerkranken

Akatholiken, der seinen Geistlichen zum Empfang des Abendmahles verlangt, passiv

zu verhalten, dürfen denselben aber durch einen Nichtkatholiken herbeirufen lassen.

Nichts hindert, den Geistlichen vom Dasein eines Schwerkranken seines Bekenntnisses

zu benachrichtigen (S. C. Offic. 14. Dez. 1898).

» S. C. Otf. 10. Mai 1753; 14. Jan. 1818. Instr. Vic. Urb. 12. Juli 1878.

S. C. Off. 19. Juni 1889.

3 S. C. Off. 26. Sept. 1668; 10. Mai 1770; 7. Juli 1864.

* S. C. Off. 22. März 1879; 29. Aug. 1888; 18. Mai 1892.

^ S. C. Off. 26. Aug. 1885. « Kit. Rom.

'

Pius VI. an d. Erzb. v. Mecheln 13. Juli 1782. S. C. Conc. 15. Juni 1793.

Instr. d. Kard. Antonelli 15. Nov. 1858. Coli. Lac. III, 558 sqq.

8 Gregor XVI. 13. Febr. und 9. Juli 1842.


58 ^- Buch: Kirche u. Kirchenpol. 3. Kap.: Die Kirche u. d. and. RaGsllschften.

darf nach der plausibleren Ansicht für einen reumütig verstorbenen

Akatholiken eine Privatmes.so celebriert werden. Endlich ist verboten

die gemeinschaftliche Benutzung einer Kirche durch Katholiken und

Häretiker, solange bei einer neu entstandenen Häresie Verführung

und Abfall zu befürchten ist , so z. B. bei den Altkatholiken *. Wo

aber ein Simultaneum auf Not oder altem Herkommen beruht, wird

es

toleriert.

Kleriker,

Der dem Papst reservierten Exkommunikation verfallen jene

welche mit einem vom Papste nominatim Exkommunizierten

wissentlich und freiwillig in kirchlichen Dingen Gemeinschaft pflegen.

Die nicht reservierte Exkommunikation trifft jene, welche das kirchliche

Begräbnis eines notorischen Häretikers oder eines namentlich

Exkommunizierten oder Interdizierten befehlen oder erzwingen. Dem

Interdikt ab ingressu ecclesiae verfallen jene, welche namentlich Exkommunizierte

zum Gottesdienste, Begräbnis oder den Sakramenten

zulassen 2,

Dem bürgerlichen Verkehr mit den Akatholiken steht nichts im

Wege (bürgerliche Toleranz), soweit nicht in demselben eine Gefahr

für Glauben und Sittlichkeit liegt.

;?

17.

Der paritätische

Staat.

J. F. B. V. Linde, Staatskirche , Gewissensfreiheit u. relig. Vereine. 184Ö.

W. E. WUda , Erörterungen u. Betrachtungen üb. Gewissensfreiheit (Z. f. deutscli.

Recht XI [1847], 161 ff.). 0. Mejer, Die Propaganda. 1SÖ2 ff. J. F. Stahl, Über

Christi. Toleranz. 18.55. J. G. Pfaff, Über d. Wesen d. Toleranz. 1864. M. Mrrkle,

Die Toleranz n. kath. Prinzipien. 186-5. A. Lehmkuhl , Das Gewissen u. dessen

Freiheit (St. a. M.-Laach XI [1876], 184 ff.). W. Kahl, Über Gewissensfreiheit. 1.S86.

//. Färatenau, Das Grundrecht d. Religionsfreiheit nach s. gesch. Entwicklung u. heut.

Geltang in Deutschi. 1>«

kenntnisfreiheit verloren. Die christlichen Kaiser setzten die schwersten

' Pius IX. 12. März 1873 (A. f. k. KR. XXIX. 434).

* Apost. Sedis moderationi 12. Okt. 1869. II, 17; IV. 1; VI. 2. — F. Schötil,

Die gegens. Gemeinschaft in Kulthandlungen zw. Kath. u. Akath. 1853.



§

17. Der paritätische Staat. 59

Strafen ,

ja selbst den Tod auf die Häresie *. Grund zu dieser keineswegs

von allen Vätern " gebilligten Strenge war, dafs die Reichsverfassung die Einheitlichkeit

des Glaubens zur Voraussetzung hatte und dafs daher die Störung

der Glaubenseinheit als ein Attentat gegen die staatliche Ordnung angesehen

Avurde. Nicht anders war es in den neuen germanischen Reichen und durch

das ganze Mittelalter hin. Der in religiöser Hinsicht keineswegs fanatische

Friedrich

IL setzte in wiederholten Authentiken den Feuertod auf die Ketzerei,

und die Päpste Gregor IX. und Innocenz IV, bestätigten diese Ketzergesetze ^.

Und sogar die Glaubensneuerer des 16. Jahrhunderts, die doch die Gewissensfreiheit,

die sie für sich in der mafslosesten Weise in Anspruch nahmen,

hätten andern ebenso gewähren soUen, zeigen keine Spur von religiöser

Toleranz. Ebensowenig die der Neuerung zugewandten Staaten *.

2. Dafs man auf Grund der bestehenden Reichsgesetze gegen die Neuerer

als gegen Häretiker einschreiten mufste, unterlag nicht dem geringsten Zweifel.

Aber Karl V. vermochte bei der wachsenden Revolution diese Gesetze nicht

mehr durchzuführen. Daher fehlen schon in der 1532 erschienenen Carolina

oder peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V. die Strafbestimmungen gegen

die Häresie. Im Augsburger Religionsfrieden 1555 wurde bestimmt, dafs

beide Konfessionen , die katholische und die protestantische, freie Religionsübung

haben sollten.

Doch stand die Wahl der Konfession nur den unmittelbaren

Reichsständen zu. Die ünterthanen hatten nach dem Satz : Cuius regio,

eins et religio,

der Konfession ihres Territorialherrn zu folgen (ins reformandi),

durften aber, falls sie dies nicht wollten, auswandern (beneficium emigrandi).

In den Reichsstädten , in denen bisher beide Konfessionen gewesen , sollte

das so bleiben. Nach einer dem Frieden beigefügten Deklaration Ferdinands I.

sollten geistliche Reichsstände beim Übertritt zur Augsburger Konfession Amt

und Würde verlieren (reservatum ecclesiasticum). Anderseits aber wurde den

Rittern, Städten und Kommunen in den geistlichen Fürstentümern das Recht

eingeräumt , bei der Augsburger Konfession zu bleiben , wenn sie ihr schon

länger angehangen ^

' Cod. Theod. 1. 16, t. 1 de fide cath. ; t. 4 de his ,

qui super religione contendunt;

t. 5 de haeret. Cod. lust. 1. 1, t. 1 de fide cath.; t. 5 de haeret.

* C. 1 (Greg. M. a. 593), D. XLV. C. 33 (August.), C. XXIII, q. 5: „Ad

fidera nuUus est cogendus". In c. 3 (a. 408), C. XXIII, q. 6 nahm Augustinus aber

seine frühere Meinung zurück.

' J. Ficker, Die gesetzl. Einführung d. Todesstrafe f. Ketzer (Mitt. d. Inst. f.

österr. Gfschg. I [1880], 203 ff.). J. Havet, L'härösie et le bras seculier. 1881.

* Zur Geschichte u. Litteratur der Reformation u. Gegenreformation: Janssen-

Pastor, Gesch. d. deutsch. Volkes seit d. Ausgang d. MAs. 17. u. 18. Aufl. 1897 ff.

*

§ 15 ff. G. Emminghaus, Corp. iur. Germ. Ed. 2 (1844 sqq.). 235 sqq.

Ch. W. Spieker, Gesch. d. Augsb. Religionsfriedens. 1854. G. Wolf, Der Augsb.

Religionsfriede. 1890. K. Brandi, Der Augsb. Religionsfriede. 1896 (Text). F. Thudichiim,

Die Einführung d. Reformation u. d. Religionsfriede von 1552, 1555 u.

1648. 1896.


60 I- Huch: Kirche u. Kirchenpol. 3. Kap.: Die Kirche u. d. and. RsGsllschfUn.

3. Oiirch den Augsburger Keligionsfrieden war der konfessionelle Gegensatz

aber keineswegs beschwichtigt.

Vielmehr verschärfte er sich fortwahrend.

Folge war der I)reifsigjahrige Krieg, der. nachdem beiderseits die aufserste

Erschöpfung eingetreten war, 1648 mit dem Westfälischen Frieden endigte.

Die auf die religiösen Verhältnisse bezüglichen Festsetzungen sind im Osna-

Itrücker Frieden, im Instrumentum pacis Osnabrugensis enthalten '. Derselbe

bestimmte, die Reformierten den Anhängern der Augsburgischen Konfession

gleichstellend (Art. VII, § 1) und den Augsburger Religionsfrieden anerkennend

(Art.V, § 1):

(t) In politischen, das Reich betreffenden Fragen stehen sich die Stände

der drei Konfessionen vollständig gleich (Art. V, §1). Der Übertritt eines

dieser Stände von einer zu einer andern anerkannten Konfession bringt auf

staatlichem Gebiete keine Änderung hervor.

bj In Religionssachen soll nicht Stimmenmehrheit entscheiden. Es sollen

vielmehr die Reichs-stände der katholischen und der protestantischen Konfession

je für sich als corpus Catholicorum und corpus Evangelicorum entscheiden

(ius eundi in partes) und die Frage diu-ch darauf folgende gütliche Vereinbarung

erledigt werden (Art. V, § 52).

c) Jede Konfession behält diejenigen Kirchengüter, die sie am 1. Januar

1624 (dies decretorius, d. noraialis) besessen (Art. V, § 2, 14, 23, 25, 26).

Nur für Württemberg, Baden und die Pfalz wurde das Jahr 1618 festgesetzt,

während für die kaiserlichen Länder nichts bestimmt wurde. Das Reservatum

ecclesiasticimi wurde beibehalten (Art. V, § 15).

dj Allen Reichsständen kommt das Reformationsrecht zu (Art. V, § 30).

Allein dieses ius reformandi wurde in der Weise beschränkt , dafs der

Landesherr (mit Ausnahme Österreichs)

den von seiner Religion abweichenden

Unterthanen ihre Religionsübung in dem Umfang und der Form belassen

mufste, wie sie dieselbe an irgend einem Tage des Jahres 1624 (annus decretorius,

a. normalis) besessen hatten (Art. V, J^ 31 ff.). Wenn also ein Landesfürst

von einer Religionspartei zu einer andern überging, oder ein Land unter

einen Fürsten einer andern Religionspartei kam, so durfte an der bisherigen

Religionsübung nichts geändert werden, wie Art. VII, § 1 bezüglich der Protestanten

ausdrücklich bestimmte. Den Unterthanen aber, welche den Besitzstand

von 1624 nicht nachzuweisen vermochten, konnte der Landesherr die

Religionsübung untersagen und sie zur Auswanderung nötigen, aber ohne

Kürzung des Vermögens. Wollte er das nicht, so hatte er ihnen wenigstens

den Besuch eines auswärtigen Gottesdienstes oder Hausandacht, den Besuch

einer Schule, den Betrieb eines Gewerbes und ein ehrliches Begräbnis zu

gestatten (Art. V, § 34 ff.).

Dafs Innocenz X. gegen diesen Frieden, der die seit dem Beginn der

abendländischen

Glaubensspaltung erlittenen Verluste der katholischen Kirche

zu bleibenden machte, protestieren mufste, wie er es durch das Breve .Zelo

domus Dei" gethan, ist klar.

' Emminghaua 1. c. 445 sqq.


§ 17. Der paritätische Staat. 61

Gemäfs dieser historischen Entwicklung gestaltete sich die Religionsübung

in den einzelnen Territorien verschieden. Das Land war entweder katholisch

oder evangelisch (lutherisch oder reformiert). Daneben konnten noch

sein auf Grund des Besitzstandes von 1624 zu exercitium religionis privatum

oder publicum berechtigte Gemeinden ; endlich tolerierte Anhänger einer

andern Konfession mit devotio domestica simplex oder qualificata, je nachdem

ein Geistlicher beigezogen werden durfte oder nicht *.

4. Der Reichsdeputationshauptschlufs vom 25. Februar 1803, der die

Säkularisation abschlofs und eine Reihe deutscher Staaten zu konfessionell

gemischten machte, sicherte in § 63 jedem Lande seine bisherige Religionsübung

zu und jeder Religion ihr bisheriges Kirchengut, soweit es nicht säkularisiert

worden war, stellte es aber dem Landesherrn frei, „andere Religionsverwandte

zu dulden und ihnen den vollen Genufs bürgerlicher Rechte zu

gestatten" ^ Die Rheinbundsakte vom Jahre 1806 setzte die Katholiken und

Lutherischen einander wie in bürgerlicher und politischer Hinsicht, so in der

Religionsübung gleich. Aber Art. 16 der Deutschen Bundesakte vom 8. Juni

1815 enthält für die drei christlichen Religionsparteien nur Gleichheit im Genüsse

der bürgerlichen und politischen Rechte, also nicht gleichen Anspruch

auf öffentliche Religionsübung '. Solche gewährten, wenn auch nur einer bestimmten

Zahl von Konfessionen, eine Reihe von Verfassungen *. Das norddeutsche

BG. vom 3. Juli 1869 und das RG. vom 27. April 1871 heben alle

noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des Religionsbekenntnisses hergeleiteten

Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte

auf. Damit ist aber nicht allgemeine Religionsfreiheit gegeben. Art. 84 des

EGs. zimi BGB. läfst aber unberührt die landesgesetzlichen Vorschriften, nach

welchen eine Religionsgesellschaft oder eine geistliche Gesellschaft Rechtsfähigkeit

nur im Wege der Gesetzgebung erlangen kann. Aber auch die

Gewissensfreiheit des Einzelnen findet ihi-e Schranke am kindlichen Alter und

an der unverletzlichen sittlichen imd staatlichen Rechtsordnung.

5. So bestehen in deutschen und andern Staaten infolge geschichtlicher

Entwicklung mehrere Religionsgesellschaften als staatlich gleichberechtigt

nebeneinander, oder die betreffenden Staaten sind paritätisch.

Unter Parität versteht man die durch ihr jedesmaliges Wesen be-

*

F. J. Bufs, Urkundliche Gesch. d. National- u. Territorialkirchenturas in d.

kathol. Kirche Deutschi. 1851. E. Hofele, Die Religionsübung in Deutschi, auf d.

Basis d. Westf. Friedens. 1861. ir. Sievers, Über d. Abhängigkeit d. jetz. Konfessionsverteilung

in Südwestdeutschland v. d. früheren Territorialgrenzen. 1884.

^ Walter, Fontes iur. eccles. 138 sqq.

* F. B. v. Linde, Gleichberechtigung d. Augsb. Konfess. m. d. kath. Relig.

in Deutschi. 1858. 0. Mejer, Der XVI. Art. d. Deutsch. Bundesakte (Kirchl. Z. 1

[1854], 236 ff.). H. Ä. Zachariä , Über Art. XVI d. Deutsch. Bundesakte (Z. f.

deutsch. Staatsrecht I [1867], 25 ff.).

* Württ. Verf.-Urk. § 70. Bayr. Verf.-Urk. Tit. IV, § 9. Über Preufsen s.

oben S. 53. Österr. Ges. v. 20. Mai 1874.


62 I- Buch: Kirche u. Kirchenpol. 3. Kap.: Die Kirche u. d. and. KsGslUchften.

stimmte Rechtsgleichheit

der im Staate rezipierten bezw. privilegierten

Keligionsge-sellschaften oder Kirchen, E)ie Parität begreift im allgemeinen

folgendes in sich: Erstens: gleiches Recht freier Keligionsverkiindigung.

Es mufs jeder Konfession gestattet sein, ihre Lehre durch

Wort und Schrift in erlaubter Weise zu verkündigen und so zu deren

Annahme zu bewegen. Dementsprechend mufs der Übertritt von einer

Konfession zu einer andern von einem bestimmten Lebensalter an freigegeben

sein. Die Kindererziehung in gemischten Ehen mufs dem Gewissen

der Eltern überlassen bleiben.

Zweitens: gleichmäfsig geschützte

Religionsübung. Der Staat hat jede Konfession vor Schmähung, vor

Störung im Gottesdienst zu schützen. Er darf keinen Zwang üben

noch gestatten hinsichtlich der Teilnahme am Gottesdienst oder an

religiöser Festfeier einer andern Konfession. Er darf nicht zwingen,

sich einen religiösen Akt vom Diener einer andern Konfession spenden

zu lassen, oder diesem in jedem Fall dafür Abgaben zu entrichten

(Parochial zwang). Drittens : gleiche Anerkennung der Kirchen als

eigentumsfähigen Korporationen. Viertens: gleiche Berücksichtigung

und gleichmäfsige Zuschüsse bei Bestreitung der religiösen Bedürfnisse

und Befriedigung der Interessen in den Schulen und allen andern

öffentlichen Anstalten. ' Endlich gleicher Genufs der verschiedenen

Konfessionsangehörigen an allen bürgerlichen und staatsbürgerlichen

Rechten. Jede Konfession ist nach ihren Grundsätzen zu behandeln.

Die Staatsregierung mufs zu jeder Kirche eine solche Stellung einnehmen,

als ob sie zu ihr gehörte. Behandlungsmaxime mufs sein:

Nicht jedem das Gleiche, aber jedem das Seine. Vollständig verkehrt

wäre es, an Stelle dieser relativen Parität eine absolute setzen zu

wollen, alle im Staat befindlichen Konfessionen nach den gleichen

Normen behandeln zu wollen.

Die katholische Kirche ist dogmatisch intolerant, aber bürgerlich

tolerant. Die katholische Kirche wMll innerhalb der Staatsgrenzen

zwar die einzige sein und hält das Vorhandensein mehrerer Konfessionen

im gleichen Staat und die Ausübung verschiedener Kulte

für ein Übel. Daher verwnrft auch der Syllabus in Nr, 77—79 allgemeine

Gewissens- mid Kultusfreiheit. Allein wenn einmal in einem

Staat mehrere Konfessionen thatsächlich und mit bestimmten Rechten

vorhanden sind und ohne zu befürchtende gröfsere Übel nicht mehr

beseitigt werden können, so tadelt sie nach den Worten Leos XIIL

die Regierungen nicht, welche dulden, dafs verechiedene Religionen

im Staate bestehen i.

« Denzinger, Enchiridion n. 1726. Vgl. F. ]raltei; Naturrecht u. Polit. (1863) 491,


§ 18. Trennung von Kirche und Staat. 63

§ 18.

Treiiiiuiig

von Kirche und Staat.

Ch. de Montalembert , L'öglise libi'e dans Vetat libre. 1863. E. v. Stillfried,

Trennung der Kirche vom Staat. 1874. Fr. Nippold , Die Theorie der Trennung

von Kirche und Staat. 1881. Bählmann, Appräciation des principaux arguraents

presentds au faveur de la Separation de l'eglise et de l'etat. 1881. Bas, Etüde sur

les rapports de l'äglise et de l'ötat et sur leur Separation. 1882. M. L. de Crousaz-

Cretet, Des conditions d'existence de l'öglise cath. en cas de Separation de l'eglise

et de l'etat. Compte x-endu du Congres internat. d. cathol. (Fribourg 1897) sect. IV,

p. 82 ss.

Wird das heutige thatsächliche Verhältnis zwischen Kirchen und

Staat durch den Begriff der Parität umschrieben, so wird aus den

verschiedensten Motiven und von ganz entgegengesetzten Standpunkten

aus die Trennung von Kirche und Staat als das erstrebenswerte

Verhältnis der Zukunft bezeichnet. Man versteht darunter die

Behandlung der Kirchen und Religionsgesellschaften als blofser Privatgesellschaften

und ihre Gleichstellung mit den andern Privatvereinen,

so dafs der Staat ihnen keine besonderen Rechte und Privilegien gewährt,

aber auch keine andern Rechte über sie beansprucht als

über alle andern privaten Vereine. Ein solcher Zustand, wird gesagt,

gebe beiden Teilen die volle Freiheit, schliefse alle Kollisionen

aus, stelle für jede Konfession dem Staate gegenüber volle Rechtsgleichheit

her und habe sich thatsächlich nicht blofs als ausführbar,

sondern auch als erspriefslich bewährt.

Allein trotz dieser Anpreisungen ist die Trennung von Kirche und

Staat aus verschiedenen Gründen als keineswegs erstrebenswert zu

bezeichnen.

Prinzipiell betrachtet ist die katholische Kirche keineswegs

gleich dem nächsten besten, aus ephemeren Gründen entstandenen

Privatverein. Kirche wie Staat vertreten die öffentlichsten Interessen,

die es nur giebt. Sie sind durch göttlichen Willen berufen, in harmonischem

Verein das zeitliche und ewige Wohl der Menschen auszuwirken.

Die Kirche bedarf hierzu der Hilfe des Staates, um in allen

Fällen sicher wirken zu können. Der Staat aber bedarf der Unterstützung

der Kirche, um gute und gehorsame Unterthanen zu haben.

Trennung von Kirche und Staat wäre der Abfall von einer der höchsten

Ideen. Aber auch vom geschichtlichen Standpunkt aus mufs man

sich dagegen entscheiden. Seit mehr als anderthalb Jahrtausenden

waren beide auf das engste verknüpft. Das gegenseitige Verhältnis

ist ein so enges, dafs es nicht ohne den schwersten Schaden gelöst

werden kann. Man denke nur an die Ausscheidung des kirchlichen

Vermögens, das der Staat, wenn er loyal handeln wollte, der Kirche


64 I- Bnrh: Kirche u. Kirchenpol. 3. Kap.: Die Kirche u. d. and. RsGnllschften.

herausgeben müfste ^ Wegen der historischen Sachlage würde die

Trennung audi nicht Rechtsgleichheit, sondern Kechtsungleicliheit für

die Kirchen bedeuten , viel weniger deswegen , weil andere Konfessionen,

80 die protestantische, einfach auf die Identifizierung mit dem

Staat angewiesen sind, um ein erträgliches Dasein fristen zu können,

als vielmehr, weil die uralte, um die Staaten mütterlich verdiente

katholische Kirche dabei abgelöhnt würde wie das nächste beste

Bekenntnis von gestern. Eben vom geschichtlichen Standpunkt aus

kann auch nicht auf die Vereinigten Staaten Nordamerikas hingewiesen

werden. Dort bestand die Vereinigung nicht, brauchte daher

auch nicht getrennt zu werden. Übrigens ist die dortige Trennung

auch keine vollständige. Der Staat berücksichtigt in verschiedener

Hinsicht das Christentum, z. B. die Sonntagsfeier. Auch sind die dortigen

katholischen Zustände keineswegs in allem derart, dafs sie

die europäischen überträfen. Die Hilfeleistung des Staates wird oft

schwer vermifst. Und die durch die Trennung von selbst gegebene

Unmöglichkeit der Kirche, in den wichtigsten Fragen ein Wort

mitreden zu können, schliefst sie von jedem wesentlichen Einflufs auf

die Gesetzgebung, z. B. in Schulsachen, aus. Daher haben sich auch

die deutschen Bischöfe im November 1848 gegen diese Trennung erklärt,

wie dieselbe in den Deutschen Grundrechten Art. V, § 14 ff.,

ausgesprochen worden war 2. Und Satz 55 des Syllabus verwirft:

,Ecclesia a statu statusque ab ecclesia seiungendus est".

Nichtsdestoweniger kann es Umstände geben, unter denen die

Trennung von Kirche und Staat als das geringere Übel erscheint

und der Verbindung beider vorzuziehen ist. Wenn der Staat die

Religion feindselig aus allen seinen Institutionen, aus der Ehe, aus

der Schule verbannt, wenn er die Verbindung nur dazu benutzt, um

die Kirche zu bevormunden und zu unterdrücken, dann ist es besser,

dieselbe trenne sich von ihm und stelle sich auf den Boden des gemeinen

Rechts, welches die im Staat bestehenden privaten Vereine

geniefsen. Ihr auch dies zu verwehren, wäre Tyrannei. Dafs die

katholische Kirche trotz der angeführten und nicht zu übersehenden

Mifsstände doch existieren kann, beweist Nordamerika.

' 0. Mejer, Die deutsche Kirchenfreiheit u. d. künft. kath. Partei mit Hinblick

auf Belgien. 1«4^. P. AUard , L'^tat et l'eglise en Belgique. 1872. E. Laceleif

Le parti clerical en Belgique. 1874.

» Coli. Lac. V. 1134. J. P. TJiompson, K. u. St. in d. Ver. Staaten v. Nordamerika.

1873. A. Bnumgartner, K. u. St. in N.-A. (St. a. M.-Laach II [1877]. 42 ff.).

J. KöMlin, Das Verhältn. v. K. u. St. in d. Ver. St. N.-As. (Theol. Stud. u. Krit.

LXJI [1889]. 508ff.). C. Jannet, Les Etats-Unis contemporains.

4*^ ed. 1888; deutsch

V. W. Kämpfe. 1894.


,

fugnis teils durch positive Gesetzgebung aus (ius scriptum), teils durch o.

Zweites Buch.

Die Quellen des Kirchenrechts.

§ 19.

Begriff und Einteilung'.

J. F. Schultp, Das kath. KR. Erster Teil: Die Lehre v. d. Rechtsquellen. 1860.

Ph. Schneider, Die Lehre v. d. KRsquellen. 2. Aufl. 1892.

Jedes Recht hat seinen Ursprung oder seine Quelle. Den inneren

Grund nun, auf welchem das bestehende Recht beruht, aus welchem

ein Rechtssatz Rechtskraft erhält, bezeichnet man als innere oder

rnaterielle Rechtsquelle (fontes iuris essendi). Die Erscheinungen und

Formen aber, unter welchen sich das objektive Recht darstellt, die

Urkunden und Aufzeichnungen des Rechts, die Rechtssammlungen bezeichnet

man als äufsere oder formelle Rechtsquellen (fontes iuris

cognoscendi).

Materielle Quelle des Kirchenrechts xaz eqoyrjv, Urquelle desselben ^

ist der Wille Gottes, sofern sich derselbe durch die Natur (ius divinum

naturale) oder durch die Offenbarung (ius divinum positivum)

kundgegeben hat. Materielle Rechtsquelle sodann ist die Kirche, in- U

dem ihr Christus über das von ihm stammende geoffenbarte Recht

(ius divinum positivum) hinaus die Befugnis gegeben hat, Gesetze zu

erlassen (ius humanum, ius ecclesiasticum). Die Kirche übt diese Be-

in genere gegebene Gutheifsung einer im christlichen Volke entstandenen

Übung oder Gewohnheit (ius non scriptum). Zum ius scriptum /

gehören : die Heilige Schrift und die Tradition , die Beschlüsse der -

Synoden, die Erlasse der Päpste, der Kurialbehörden und Kardinalskongregationen,

die Verordnungen der Bischöfe, die Statuten kirch-

Hcher Korporationen, Unter Umständen kann auch durch Anerkennung

staatlicher Gesetze seitens der Kirche Recht für letztere entstehen,

namentlich aber dadurch, dafs Kirche und Staat ein Überein-

Sägmüller. Kirohenrecht. I.Teil. 5


(36 II. Hiicli: Dil' (^lell. d. KH.s. 1. Absclin. 1. Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KRs.

kommen miteinander treffen durcli eine Konvention oder ein Konkordat.

Zum ins non scriptum gehören die Gewolmlieit, der Gericlitsgebrauch

und die Doktrin. Schaffen diese Ueclitsquellen Hecht für

die ganze Kirche, so sind sie Quellen des gemeinen Kirchenrechts.

Thun sie das nur für einen Teil, so sind sie Quellen des partikularen

Kirchonrechts. Natürlich schaffen die Quellen des gemeinen Kirchenrechts

im allgemeinen zugleich auch partikulares Kirchenrecht, nicht

aber umgekehrt. Zu den materiellen Quellen des gemeinen Kirchenrechts

gehören: das Naturrecht, die Heilige Schrift, die Tradition,

die allgemeinen Konzilien, der Papst, die Kurialbehörden, Kardinalskongregationen

und die Gewohnheit; zu denen des partikularen: der

Bischof, die Partikularsynoden, die Autonomie, das bürgerliche Recht

und die Konkordate.

Erster

Abschnitt.

Die materiellen (Quellen

des Kirclienredits.

Erstes Kapitel.

Die materiellen Quellen des gemeinen Kirchenrechts.

§ 20.

Das Naturrecht. Die Heilige Schrift. Die Tradition.

Decr. Grat. D. I— IX. Decr. Greg. IX. , Lib. sext. , Const. Clcm. 1 , 1 de

summ, trinit.

A'. A. Droste-Hülshoff, Über d. Naturrecht als Quelle d. KRs. 1x22. K. v. Moff,

Naturrecht u. Gewohnheitsrecht als Quellen d. KRs. (A. f. k. KR. I [1857]. 65 ff.).

Jf. F. Jacobson, Über d. gesetzl. Charakter d. röm. Katholizismus u. d. Autorität

d. Hl. Schrift, bes. d. A. Ts., in d. röm.-kath. Kirche (Z. f. KR. VII [1H67J, 193 ff.).

F. A. Sieffn-t, Das Recht im N. T. 1900.

I. Materielle Rechtsquelle für die Kirche ist das XatuiTecht (ius

divinum naturale). Auch die Kirche mufs sich an die in der menschlichen

Natur begründeten Lebensbedingungen halten. Es deckt sich

mit den von Gott geoflfenbarten Moralsätzen. Daher nennt Gratian

das ins naturale das „ius, quod in lege et evangelio continetur" ^

II. Eine viel ergiebigere Quelle des Kirchenrechts fliefst in der

göttlichen Offenbarung, die in der Heiligen öchrift und in der Tra-

* Dict. Grat, prooem. D. I, V,


^ „Ego dico — non Dominus." 1 Kor. 7, 12. 25.

5*

§ 20. Das Naturrecht. Die Heilige Schrift. Die Tradition. g7

dition niedergelegt ist (ius divinum positivum) i. Auslegerin der Heiligen

Schrift und der Tradition ist die Kirche, so dafs das unfehlbare

Lehramt der Kirche die Hauptquelle des materiellen Kirchenrechts

ist 2. Die praecepta moralia des Alten Testaments haben, als dem

natürlichen Rechte angehörig, allgemeine und bleibende Geltung. Dagegen

sind die praecepta caerimonialia et iudicialia durch Christus

aufgehoben worden 3, Soll eines derselben weiter bestehen, so mufs

die Kirche dasselbe ausdrücklich als ihr Gesetz erklären, wie sie

thatsächlich in ihrer Gesetzgebung mehrfach alttestamentliche Ideen

verwertet hat, so im Eherecht, im Vermögensrecht u. a. * Das Neue

Testament aber enthält eine Reihe von Rechtsvorschriften, die unmittelbar

von Christus stammen. Die Kirche glaubt an Christus als Gesetzgeber.

„S. q. d. Christum lesum a Deo hominibus datum fuisse ut

redemptorem, cui fidant, non etiam ut legislatorem , cui obediant,

a. s." 5 Unmittelbar göttlicher Anordnung und unabänderlich ist der

Primat, der Episkopat, die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe u. a. ^

HI. Auch als Rechtsquelle, nicht nur als Glaubensquelle tritt die

Tradition ergänzend zur Heiligen Schrift hinzu '^. In ihr findet die

Heilige Schrift vor allem ihre Beglaubigung, sodann ihre Ergänzung;

denn die Apostel haben keineswegs alles geschrieben, was sie von

Christus gehört haben, wohl aber alles gepredigt^. Insofern die

Tradition das in der Heiligen Schrift Enthaltene erklärt oder ergänzt,

unterscheidet man eine traditio interpretativa und constitutiva. Dem

Ursprung nach unterscheidet man : traditio divina, solche Wahrheiten,

die ihren Ursprung in der göttlichen Offenbarung haben, mögen sie

den Aposteln von Christus übergeben, oder durch Eingebung des

Heiligen Geistes geoffenbart worden sein , und traditio humana ^.

Letztere selber wieder zerfällt in die traditio apostolica, jene Bestimmungen,

welche die Apostel kraft ihrer apostolischen Gewalt

trafen, und in die traditio ecclesiastica , Bestimmungen, die von den

Nachfolgern der Apostel stammen. Die traditio divina bringt unver-

'

C. 8, D. XL C. 24, X de accus. V, 1.

^ Trid. sess. IV, decret. de can. scripturis; decret. de ed. et usu sacronim

librorum. Vatic. De fide cath. c. 3, § Porro.

ä Dict. Grat. i. f. D. VI. TJiom. Aq. Summa theo!. 1, 1, q. 103, a. 3, n. 4.

* Trid. sess. XXIV de sacr. matr. can. 3.

^ Trid. sess. VI de iustif. can. 21.

« Matth. 16, 18; 18, 18. Eph. 2, 20. 1 Kor. 12, 13 ff. Matth. 5, 32; 19, 9.

1 Kor. 7, 10.

"^

Trid. sess. IV, decret. de can. scripturis.

» Job. 20, 30; 21, 25. 1 Kor. 11, 34. 2 Job. 12.


68 II Buch: Die Quell, d. KRs. 1. Abschn. 1. Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KKs.

änderliches Recht hervor. Die traditio humana hat Anspruch auf

hohe Verehrung. Den Beweis für die Echtheit der Tradition erbringt

die Kirche aus dem unanimis consensus patrum '.

S 21.

Die allgemeinen Konzilien.

Decr. Grat. D. XV-XVIII.

K. J. V. Hefele, Konzgschte. 2. Aufl. 1873 ff. Einl. F. X. Funk; Abb. u. Unters.

I, .39 ff.

Unter einem allgemeinen Konzil versteht man die vom Papst

berufene Versammlung der Bischöfe des katholischen Erdkreises zur

Beratung und Entscheidung kirchlicher Angelegenheiten unter dem

Vorsitz des Papstes oder seiner Legaten. Schon im 2. Jahrhundert

wurden Synoden in einzelnen Teilen der Kirche abgehalten. Für die

direkte allgemeine Rechtsbildung aber wurden erst die ökumenischen

Synoden von Bedeutung, deren Reihe die von Nicäa a. 325 eröffnet

und deren man bis

heute zwanzig zählt.

Die Beschlüsse derselben betreffen entweder den Glauben oder

die Sitten. Nach der älteren, keineswegs streng durchgeführten

Terminologie hiefsen die den Glauben betreffenden Entscheidungen

dogmata (oiavjTzioaziQ). Die Verwerfung des Irrtums wurde namentlich

seit dem Chalcedonense mit Anathema (Anathematismu.s) bezeichnet.

Die auf die Disziplin bezüglichen Beschlüsse wurden canones (xfr^^^t;.

Hzano't, opoi), regulae genannt. Das Tridentinum bezeichnete seine

Entscheidungen in Glaubenssachen mit doctrina oder decretum de fide

und die Verwerfung eines entgegenstehenden Irrtums als canon.

Seine

Disziplinardekrete aber heifsen decreta de reformatione. Die decreta

selber wieder zerfallen in capita. Das Vaticanum hat nur Glaubensentscheidungen

erlassen, die als constitutiones bezeichnet werden.

Dieselben zerfallen in capita. Der ersten derselben sind canones beigegeben.

Am gesetzlichen Charakter nehmen nicht teil die Motive,

Akten und Protokolle der allgemeinen Konzilien.

Rechtskraft erhalten die Beschlüsse der allgemeinen Konzilien

erst durch die Approbation von Seiten des Papstes, welche eine ausdrückliche,

oder stillschweigende sein kann. Dieser Bestätigung folgt

die Publikation der Beschlüsse, die ebenso wie deren Durchführung

Sache des Papstes ist. Den Gesetzen der allgemeinen Konzilien haben

alle Getauften Gehorsam zu leisten. Ihre Gültigkeit ist nicht abhängig

von der Annahme seitens der einzelnen Kirchen, oder von

der Bestätigung durch weltliche Herrscher. Während die Entschei-

' Trid. sess. IV, decret. de ed. et usn aacronim libronim.


§ 22. Der Papst. 69

düngen der Konzilien in Glaubenssachen irreformabel sind, können

die Disziplinardekrete aus gutem Grunde durch ein nachfolgendes

Konzil oder den Papst wieder aufgehoben werden i. Das Tridentinum

hat seine Dekrete so gefafst, „ut in his salva semper auctoritas Sedis

Apostolicae et sit et esse intellegatur" ^.

§ 22.

Der Papst.

Decr. Grat. D. XIX. XX. Decr. Greg. IX. , Lib. sext. 1 ,

2 de constit. ; 1 , 3

de rescript. Const. Clem. I, 2 de rescript.

Die reiche Litteratur über die päpstliche Diplomatik bis 1884 bei Grisar, Ai't.

Bullen u. Breven im Kirchenlexikon ; bis 1889 bei H. Brefslau, Handb. d. Urkundenlehre

f. Deutschi. u. Ital. I (1889), 65 ff. 93 ff. 120 ff. 157 ff'. 573 ff. 621 ft\ 664 ff.

680 ff. 726 ff. 792 ff. 836 ff. 885 ff. 907 ff. 944 ff. J. Donabaum, Beiträge z. Kenntn.

d. Kladdenbände d. 14. Jhdts. im vatik. Archiv (Mitt. d. Inst. f. österr. Gfschg.

XI [1890], 101 ff".). E. Mahlbacher, Kaiserurkunde u. Papsturk. (Ergänzbd. IV d.

Mitt. d. Inst. f. österr. Gfschg. 499 ff.). M. Tangl, Die päpstl. Kanzleiverordnungen

V. 1200 b. 1500. 1894. P. M. Baumgarten, Zum Register Alex. IL (Rom. Qsch.

IX [1895], 183). H. Simonsfeld, Neue Beitr. z. päpstl. Urkundenwesen im MA.

1896 (a. Abhandl. d. kgl. bayr. Akad. d. Wiss.). J. Teige, Beitr. z. päpstl. Kanzleiwesen

d. 13. u. 14. Jhdts. (Mitt. d. Inst. f. österr. Gfschg. XVII [1896] , 408 ff.).

R. V. Nostitz-Rieneck, Zum päpstl. Brief- u. Urkundenwesen d. ältest. Zeit. Festgaben

zu Ehren M. Bildingers (1898) 151 ff'. M. Tangl, Die päpstl. Register v. Bened. XII.

bis Greg. XL Ebd. 287 ff. H. J. Tomaseth, Die Register u. Sekretäre Urb. V. u.

Greg. XL (Mitt. d. Inst. f. österr. Gfschg. XIX [1898], 417 ff.). J. Hilgers, Bibliotb.

u. Arch. d. röm. Kirche i. erst. Jahrtausend (St. a. M.-Laach LVII [1899], 398 ff.).

1. Vermöge des Primates ist der Papst der oberste, an keinen

Beirat oder bestimmte Form gebundene Gesetzgeber der Kirche, der

universales und partikulares Recht schaffen kann ^. Derselbe ist auch

nicht beschränkt durch die Gesetze seiner Vorgänger,

„cum non habeat

Imperium par in parem" *. Vielmehr kann er dieselben wie auch die

Disziplinardekrete der allgemeinen Konzilien jederzeit aufheben ^. Doch

haben sich die Päpste immerdar nicht durch willkürliche I^euerungen,

sondern durch sorgfältige Beobachtung des bestehenden Rechts ausgezeichnet

6. Eine absolute Schranke hat die Gesetzgebungsgewalt

«

Dict. Grat. § 2 zu c. 16, C. XXV, q. 1. C. 4, X de elect. I, 6.

2 Sess. XXV de ref. c. 21.

3 C. 23, X de privil. V, 33. C. 1, Extrav. comm. de M. et 0. I, 8.

* C. 20, X de elect. I, 6.

=-

C. 4, X de concess. praeb. III, 8. Bened. XIV. „Magnae nobis^ 29. Juni 1748.

" Dict. Grat, zu c. 7. 8, D. XIX. Das ist der Sinn des Satzes: „Romanus

pontifex, qui iura omnia in scrinio pectoris sui habere censetur" (c. 1 in VP" de

constit. I, 2). N. Nilles, In scrinio pectoris sui. Über d. Brustschrein Bonif. VIII.

(Z. f. k. Theol. XIX [1895], 1 ftV).


;

7() 11. Hiich: Die Quell, d. KRs. 1. Abschn. 1. Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KRa.

der Päpste am ius naturale und am ius divinum positivum, am Dogma

und an der Moral , eine moralische an den wohlerworbenen Rechten

(iura quaesita) Dritter.

2. Die Päpste haben von ihrem Gesetzgebungsrecht schon in

den ersten christlichen Jahrhunderten einen ausgiebigen Gebrauch

gemacht, und zwar in der Form von Briefen, in welchen sie in gesetzgebender

Weise die von allenthalben her erfolgenden Anfragen und

Berufungen beantworteten. Daher hiefsen diese Briefe alsbald: decreta,

statuta, decretalia constituta, epistolae decretales, auctoritates

u, a. ^ Weil sich die Päpste bei deren Abfassung vielfach, wenn

auch nicht notwendig des Beirates ihres Klerus oder einer Synode

bedienten, hiefsen sie auch: epistolae synodicae^. Die Adressaten

erhielten bisweilen den Auftrag , den päpstlichen Erlafs weiterzuverbreiten^.

Oder auch wurde derselbe gleich in mehreren Exemplaren

verschickt : epistola a pari, a paribus, zä loa Auch •*. legte man schon

seit dem 4. Jahrhundert eine Kopie des betreffenden Erlasses im päpstlichen

Archiv nieder 5, was dem Verfahren der kaiserlichen Kanzlei, nach

welcher sich die päpstliche ausbildete, entsprach. Als mit der Zeit

die päpstliche Gesetzgebung auf immer mehr Gegenstände sich ausdehnte,

die hierbei verwendeten Behörden mannigfaltiger und die

Kanzleigebräuche mehr und mehr ausgebildet wurden , da bekamen

auch die päpstlichen Schreiben die verschiedensten, aber keineswegs

ganz genau fixierten Xamen. Inmierhin bezeichnete neben ,Dekretale"

(epistola decretalis) „constitutio" eine lex generalis, während

»rescriptum" das Schreiben für einen einzelnen Fall war und ist*.

Doch kann eine Konstitution auch spezielle, ein Reskript auch allgemeine

Geltung haben, je nach dem Willen des Gesetzgebers.

3. Unter einem Reskript versteht man näherhin ein Schreiben, vor allem

des Papstes, aber auch jedes kirchlichen Gesetzgebers, welches auf die Bitte

oder Anfrage eines Einzelnen hin eine Gnade gewährt oder einen Rechtsfall

entscheidet. Man unterscheidet daher rescripta gratiae, r. iustitiae, r. mixta

weiterhin r. secundum ius, praeter ius, contra ius, je nachdem sie die Durch-

§

*

Jaffi, Regesta Nr. 255 (Siricius an Himerius v. Tarragona a. 385). C. 3,

1(5 (Gelas. I. a. 495—496). D. XV. C. 6 (2. Synode v. Sevilla a. 619, c. 'Ji.

C. XVI, q. 3.

» Conc. Tolet. III a. 589, c. 1. Harduin, Act. conc. III. 479.

» Jaff^, Reg. Nr. 255. 311. 333. Ibid. Nr. 331. 334. 373.

* Hieron. Apol. adv. libr. Rufini III, 20. Migne, Patr. lat. XXIll, 471. Jaff/,

Reg. Nr. 350.

* Vgl. die Begleitschreiben zu den Dekretalen Gregors IX. , zum Lib. sext..

zu den Conatit. Clement.; femer die Titel De constit., De rescript. in diesen Samm

jungen.


'

§ 22. Der Papst. 71

führimg des Gesetzes bezwecken, oder einen Gegenstand berühren, über den

gesetzlich nicht bestimmt ist, oder etwas gegen das Gesetz gewähren, —

Ein Reskript kann jeder erhalten, der im Genufs der kirchlichen Rechte ist,

mcht also die Häretiker und Exkommunizierten ,

aufser sie wenden sich um

Aufhebung der Censur, oder wegen Zulassung zur Appellationsinstanz an den

Papst '. Daher werden die Bittsteller in den Reskripten herkömmlicherweise

ad cautelam von einer etwa bestehenden Censur freigesprochen, um so der

Wirkung teilhaftig zu werden. Ein Gnadenreski-ipt kann man für einen

andern auch ohne speziellen Auftrag von dessen Seite erlangen. Dagegen

verbot das Dekretalenrecht solches bei den Justizreskripten -. Nach heutiger

Praxis ist auch im letzteren Fall kein Spezialmandat mehr nötig. — Damit

ein Reskript gültig sei, mufs es äufserlich und innerlich fornigerecht sein.

Zur inneren Formgerechtigkeit gehört besonders die narratio oder die series

facti, die Angabe des Sachverhalts ^ Auf Grund hiervon nämlich hat der

Exekutor eine nochmalige Prüfung vor Exekution des Reskriptes anzustellen

^

Gegen diese innere Formgerechtigkeit wird namentlich gefehlt durch

obreptio und subrejptio, durch Angabe von relevanten falschen, durch Versdiweigen

von wichtigen wahren Thatsachen ^. Daher die Klauseln : Si ita

est; si preces veritate nitantur. Diese Klauseln gelten als beigesetzt, auch

wenn sie fehlen*'. Ebenso die Klauseln: salvo iure tertii; sine praeiudicio

alterius; denn es sollen durch ein Reskript die wohlerworbenen Rechte

eines Dritten nicht geschädigt werden ^. Ein durch obreptio oder subreptio

erschlichenes Gnadenreskript ist eo ipso nichtig, ein solches Justizreskript

bei Einrede von selten der Gegenpartei l Lag aber trügerische Absicht fern,

so ist das Reskript gültig, wenn der Papst auch bei Kenntnis des wahren

Sachverhalts nichtsdestoweniger das Reskript gegeben haben würde ^. Und

das trifft dann zu, wenn der Mangel in der Bittschrift sich nicht auf das

Hauptmotiv (causa motiva),

sondern auf konkurrierende Beweggründe (causa

impulsiva) des Papstes bezieht. Enthält ein Reskript mehrere Gnaden zugleich

und fand nur für die eine oder andere Täuschung statt, so wird der

übrige Teil des Reskriptes nicht betroffen. Bei den motu proprio von selten

des Papstes erlassenen Reskripten bewirkt nur obreptio, positive Irreführung

die Ungültigkeit — '". Bisweilen, aber selten gewährt der Papst dem Petenten

die Gnade unmittelbar, so dafs sie von diesem nur angenommen zu werden

braucht, rescriptum in forma gratiosa cum gratia facta. Dasselbe wirkt a

die datae sive expeditae gratiae ' '. In der Regel aber wird ein Dritter durch

1

C. 1 in VP" h. t. I, 3. C. 41, X h. t. I, 3. C. 7, X de iud. II, 1.

2 C. 24, X de praeb. JII, 5. C. 28, X h. t. I, 3.

» C. 5, 2, 3, X h. t. I, 3. " C. 5, X de cohab. der. III, 2.

'^

'

C. 20, X h. t. III, 2. « C. 2, X h. t. I, 8.

C. 19, X de privil. V, 33.

« C. 8, 31, X h. t. I, 3. C. 22, X h. t. I, 3. ^ C. 20, X b. t. I, 3.

'" C. 23 in VF» de praeb. III, 4. C. 4 in Clem. de praeb. III, 2.

" C. 9 in VP» h. t. III, 8. C. 7, 36, X de praeb. III, 4.


72 11. Huch: Die Quell, d. KHs. 1. Abschn. I.Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KRs.

Einhündigung des authentischen Reskriptes, eventuell auch auf telegraphischem

Wege hoauftragt, die (inado zu gewähren, nachdem er zuvor untersucht hat,

ob die im Koskript bestimmten Voraussetzungen zutreffen (executor necessarius),

oder wird es diesem Dritten anheimgestellt, die Gnade nach eigenem

Gutachten zu gewühren (executor voluntarius) '. Solche Reskripte sind gegeben

in forma commissoria ad gratiam faciendam und wirken erst a die

praesentatae (sc. gratiae). Letzteres gilt auch von den rescripta iustitiae*.

Wenn die Ausführung letzterer eine iurisdictio in foro extemo voraussetzt,

so können damit nur kirchliche Dignitiire : der Bischof, der Generalvikar.

Kathedralkanoniker, beauftragt werden *. Die rescripta gratiae werden nach

der Bestimmung des Tridentinums dem Ordinarius loci zur Exekution übergeben

— Was *. die Interpretation betrifft, so sind die rescripta iustitiae stricte,

die Gnadenreskripte milde zu interpretieren, aufser letztere gingen gegen das

gemeine Recht oder die Rechte dritter Personen *. Ein spezielles geht einem

generellen und das spatere einem früheren Reskript vor •. — Die Reskripte

haben eine unbeschränkte Dauer, aufser es sei die Zeit genau bestimmt, innerhalb

deren sie präsentiert werden müssen. So müssen Justizreskripte dem

Delegaten binnen Jahresfrist präsentiert werden; denn wenn sie innerhalb

Jahresfrist nicht exekutiert oder benutzt werden , verlieren sie ihre Kraft

durch ein darüber kommendes zweites Reskript '. Die Reskripte verlieren

ihre Kraft: durch Ablauf der Frist oder Eintritt von Resolutivbedingungen ~

durch den Tod des Verleihers oder Untergang von dessen Jurisdiktion, wenn

es sich lun ein rescriptum iustitiae oder gratiae faciendae handelt und noch

nicht zur Ausführung desselben geschritten war (re adhuc integra) • (jedoch

erneuert

der neugewählte Papst nach der 12. Kanzleiregel alle innerhalb eines

Jahres vor dem Tode seines Vorgängers gewährten und noch nicht präsentierten

Reskripte); durch den Tod des Impetranten, wenn das Reskript ein

rein persönliches war'"; durch den Tod dessen, gegen welchen das Justizreskript

ausdrücklich gerichtet war"; durch den Tod des namentlich angeführten

Exekutors '*; durch Verzicht des Impetranten; endlich durch Widerruf

des Verleihers ".

4. Kommt die Unterscheidung der päpstlichen Schreiben in Konstitutionen

und Reskripte vom Umfang ihrer Geltung, so unterscheidet

man rücksichtlich der Form Bullen, Breven und Litterae apostolicae.

'

S. C. Conc, 21. März 1868. 8. C. Poenit., lö. Jan. 1894.

« C. 12, 59, X de appell. II, 28.

' C. 11 in \l^ h. t. III, 3. Sess. XXII de ref. c. 5.

* C. 15, 16, X b. t. III, 3. C. 4 in VI'" de praeb. III, 4.

« C. 1, 14, 3, X h. t. III, 3.


C. 23, X b. t. I, 3.

»

C. 5 in VI'" h. t. I, 3. C. 4, X de off. iud. del. I, 29.

^ C. 16, X h. t. I, 3. C. 30, X de off. iud. del. I, 29. (J. 36 in VI« de praeb.

III, 4. Reg. iur. in VI»» 16. "> C. 36. X h. t. I, 3. " C. 36 c.

'2 C. 7, X h. t. I, 3. S. C. Inq., 28. Aug. 1885; 20, Febr. 1888.

' C. 29, X h. t. I. 3. C. 15 in VI" h. t. I, 3.


§ 22. Der Papst. 73

Von Anfang an hatten die päpstlichen Schreiben die Briefform , und

frühe schon wurden sie zum Zeichen der Authentizität besiegelt. Die

Verschiedenheit des Siegels aber führte zur Unterscheidung von Bulle

und Breve, je nachdem dasselbe in Blei etc. gedrückt und von einer

Kapsel (bulla) umschlossen dem Schriftstück angehängt oder in Wachs ß^

demselben aufgedrückt

war.

Bullen sind päpstliche Schreiben in wichtigeren Angelegenheiten

in feierlicher Form. Charakteristisch ist für sie das in Blei (selten

Silber oder Gold, bulla aurea) gedrückte Siegel, welches auf der einen

Seite gewöhnlich den Namen des Papstes mit der Namenszahl zeigt,

auf der andern aber durch ein Kreuz getrennt den Kopf des hl. Petrus

mit der Umschrift S P E und den des hl. Paulus mit der Umschrift

S P A^. Die Bleibulle ist an einer aus Seide oder Hanf

bestehenden Schnur (je nachdem es sich um Gnaden oder Justizsachen

handelt) angehängt. Von dem anhängenden Bleisiegel hängt die

Gültigkeit des Schriftstückes ab 2. Als Material wird starkes Pergament

verwendet. Die Schriftzüge sind das sogenannte Bullaticum

gothicum oder teutonicum. Die Sprache ist in der Regel die lateinische.

Die Interpunktion fehlt. Ohne Überschrift beginnt die erste

Zeile: N. episcopus servus servorum Dei dilecto fratri (filio) N. Salutem

et apostolicam benedictionem, oder wenn kein Adressat genannt

ist: In perpetuam rei memoriam. Citiert wird die Bulle nach den

Anfangsworten, der Arenga. Der Stil ist feierlich, mit vielen Wiederholungen

und Klauseln. Datiert sind sie durch Angabe des Ausstellungsortes,

des Inkarnationsjahres, des Monatstages nach dem römischen

Kalender und des Pontifikatsjahres. Zur Beglaubigung folgt die

Besiegelung und die Unterschrift, aber selten durch den Papst. Vom

Papst und den Kardinälen im Konsistorium beratene und unterschriebene

Bullen heifsen bullae consistoriales,

alle andern sind non consistoriales.

In der Regel werden sie von einem Beamten der Kanzlei unterschrieben

und immer von dort expediert: bullae communes, oder per cancellariam.

Hergestellt können sie auch werden per cameram

,

per viam curiae

(durch die Datarie), per viam secretam (in abgekürztem Geschäftsgang).

Nach dem Motuproprio Leos XIII. vom 29. Dezember 1878

kommt die Bleibulle nur noch bei Kollationen, Erektionen oder Dismembrationen

gröfserer Benefizien und bei feierlichen Akten des Heiligen

Stuhles zur Anwendung, sonst ein in rotes Wachs aufzudrückendes

*

Ist der Papst noch nicht gekrönt, so bleibt sein Name weg: bulla dimidia.

— Die Apostelköpfe werden seit dem 12. Jahrhundert aufgeprägt. — Es ist fraglich

, ob die Buchstaben Sanctus und den Anfang der Namen , oder Sanctus Petrus

Episcopus, Sanctus Paulus Apostolus bedeuten. ^ C. 5, X de crim. falsi V, 20.


74 II. Buch: Dio C^uell. d. KRs. 1. Abschn. 1. Kap.: Die nint. Quell, d. gem. KRa.

Siegel mit dem Namen des Papstes um die Apostelköpfo. An die

Stelle der alten Schriftzüge ist die lateinische Kurrentschrift getreten.

Dio Breven , die sich .seit dem 15. Jahrliundort aus verschiedenen

Formen päpstlicher Briefe herausgebildet haben,

sind päpstliche

Schreiben in weniger feierlicher Form, wenn auch keineswegs immer

in weniger wichtigen Sachen ^ Das Material i.st feines, länglich geschnittenes

Pergament. Die Schrift ist modern, die Sprache in der

Kegel die lateinische. Dio Interpunktion fehlt. Oben steht der Name

des Papstes mit Zahl. Darauf beginnt der Text: Dilecte fili (oder

eine andere entsprechende Anrede) Salutem et apostolicam benedictionem.

Manchmal folgt auch: In perpetuam rei memoriam. Die

Sprache ist einfach. Die Klauseln werden oft nur angedeutet.

Die Datierung ist die bürgerliche. Unterschrieben werden sie von

dem Kardinalsekretär der Breven oder einem Substituten aus der Sekretarie

der Breven, wo sie ausgefertigt werden. Unten links wird

in rotes Wachs das Siegel aufgedrückt. Das geschieht nachweislich

seit Clemens IV. mit dem annulus piscatoris. Dieser stellt den

hl. Petrus dar, im Nachen sitzend und das Fischernetz ziehend,

darüber den Namen des Papstes mit der Zahl 2.

Alle andern päpstlichen Schreiben, welche nicht Bullen odei-

Breven sind, werden als litterae apostolicae bezeichnet. Doch unterscheidet

man litterae apostolicae simplices (Brevetti), Chirographa.

Encyclicae und Motusproprii. Unter litterae apostolicae simplices

versteht man alle auf Grund päpstlicher Vollmacht verfafsten, mit

dem Namen des Papstes gezeichneten, aber von ihm nicht unterzeichneten

Schreiben. Die vom Papst eigenhändig unterschriebenen

Erlasse heifsen Chirographa. Encjkliken sind Erlasse an alle oder

an eine Mehrheit von Kirchenoberen. Unter einem Motuproprio endlich

versteht man einen Erlafs, der ohne vorausgegangenes Gesuch

aus der Initiative des Papstes hervorgegangen und mit teilweiser Umgehung

der sonst üblichen Kanzleiformen herau.sgegeben wurde.

§ 23.

Die Kiirialbeliördcn nnd KaiMlinalskon^re^ationen. Der Knrialstil.

Die päpstlichen Kaiizleircgelii.

J. B. de Luc», ßelatio curiae romanae. Col. 1683. 0. Mejer, Die heutige röm.

Kurie, ihre Behörden u. ihr Geschäftsgang, in Jacobson u. liichUr, Z. f. Recht n.

Politik d. Kirche (1847) 54 ff. J. IL Banken, Die röm. Kurie, ihre Zusammensetzung

* Benedikt XIV. bestimmte in der Konstitution ^Gravissimum ecclesiae", 26. Nov.

1745, welche Gegenstände durch die Sekretarie der Breven zu erledigen seien.

Potthast, Regesta Nr. 19 051.


§23. Die Kurialbeli. u. Kardinalskongr. Der Kurialstil. Die päpstl. Kanzleireg. 75

u. ihr Geschäftsgang. 1854. J. Simor, De sacris congregationibus rom. et ill. auctoritate

(A. f. k. KR. XI [1864], 410 ff.). D. Bouix, Tractatus de curia rom. 1880.

M. Lega, De orig. et nat. sacr. rom. congreg. (Analecta eccles. IV [1890], 45 sqq.).

— B. Riganti , Commentaria in reg. constit. et ordin. cancell. apostolicae. Rom.

1744—1748. K. E. F. Rofshirt, Von d. päpstl. Kanzleireg. (A. f. k. KR. III [1858],

373 ff.). E. Winlcelmann, Sicil. u. päpstl. Kanzleiordnungen u. Kanzleigebräuche d.

13. Jhdts. 1880. G. Erler, Der Lib. canc. apost. v. J. 1880. 1880. E. Ottenthai,

Die päpstl. Kanzleireg. v. Joh. XXII. b. Nikol. V. 1888. M. Tangl , Die päpstl.

Kanzleiverordnungen v. 1200 b. 1500. 1894.

I. Bei der seit dem Mittelalter über die ganze Kirche ausgedehnten

Wirksamkeit des Papsttums wuchs die Masse der Geschäfte

ins Ungeheure. Zu deren Bewältigung mufste eine Reihe von Kurialbehöi'den

geschaffen werden. Dazu kamen seit dem 16. Jahrhundert,

namentlich seit der Bulle „Immensa aeterni" Sixtus' V. vom 22. Januar

1587 eine Reihe von Kardinalskongregationen, die zum Teil

schon früher vorübergehend funktioniert hatten. Als Mandatare des

Papstes haben alle diese Behörden nach dem Satz: Qui facit per

alium , est perinde ac si faciat per se ipsum ^ , das Recht , innerhalb

der Grenzen ihres Mandats verbindliche Normen für die Gläubigen

zu erlassen. Doch ist ein Übergang der Unfehlbarkeit des Papstes

auf sie nicht anzunehmen und sind demgemäfs ihre Dekrete nicht als

unfehlbar anzusehen ^. Voraussetzung für diese Verbindlichkeit aber

ist die notwendige Kompetenz, die Einhaltung der vorgeschriebenen

Form und die Erfüllung etwaiger Bedingungen, namentlich aber die

eventuelle Einholung des vorgeschriebenen päpstlichen Gutachtens.

Doch steht die Präsumption für die Einhaltung der rechten Form

seitens der päpstlichen Behörden ^. Die Vollmachten , welche der

wichtigsten und dem Prototyp der römischen Behörden, der Congregatio

cardinalium s. Concilii Tridentini interpretum, eingeräumt

sind, bestehen in dem Rechte, Resolutionen oder Decisionen zu geben

in strittigen Fällen und Verhältnissen, über welche das Tridentinische

Konzil Gesetze aufgestellt, sodann Deklarationen, Erklärungen zu erlassen

über zweifelhafte

tridentinische Verordnungen und endlich ganz

neue Gesetze oder Dekrete zu geben. Was die Resolutionen oder

Decisionen betrifft, so verpflichten sie nur die streitenden Parteien*.

Immerhin könnte aus einer Reihe gleichmäfsiger Entscheidungen ein

Gerichtsgebrauch mit Gesetzeskraft entstehen. Die Deklarationen

werden unterschieden in extensive und comprehensive. Erstere sind

solche, welche über den eigentlichen und gewöhnlichen Sinn des

'

Reg. iur. in VI'» 72. 68.

2 H. Grisar, Galileistudien (1882) 152 ff. 171 ff. 357 ff.

» C. 6, X de renunt. I, 9. ^ C. 25, X de .sent. II, 27.


76

IJ- Buch: Die Quell, d. KHe. 1. Ahschn. 1. Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KRs.

tridentinischen Wortlauts hinausgehen und so etwas Neues statuieren.

Letztere weichen vom gewöhnlichen Sinn nicht ab. Sie bedürfen

daher, um gemeinverl)iiidli(li zu sein, als bereits im Gesetz enthalten,

keiner speziellen Publikation, wohl aber die ersteren. Daf.s

die Dekrete als ganz neue Gesetze der Publikation bedürfen, ist klar.

Nach einem Dekret Urbans VIII. vom 2. August 1G31 gelten nur

jene Deklarationen der Congregatio Concilii als echt, welche mit dem

Siegel und der Unterschrift des Präfekten und Sekretärs versehen

sind. Das gilt auch von den Erlassen der übrigen Behörden. In der

Praxis aber entnimmt man sie den authentischen Sammlungen oder

den Werken bewährter Autoren, namentlich solcher, die als Sekretäre

bei solchen Behörden funktionierten, wie Fagnani, Barbosa, Prosper

Lambert in i.

II. Den Inbegriff der bei der Kurie geltenden Grundsätze für die

Erteilung und Wirksamkeit der Gnaden pflegt man den stilus curiae

romanae zu nennen. Von ihm heifst es: st. c. habet vim le^is, facit

ius. Als gesetzlich fixierter Teil desselben können die Kanzleiregeln

angesehen werden.

III. Da schon frühe von der römischen Kurie eine grofse Korrespondenz

zu führen war, so bildeten sich auch bald bestimmte Formen

für den brieflichen Verkehr, welche naturgemäfs aufgezeichnet wurden

in einem Kanzleibuch , Liber diurnus genannt ^ Der Gebrauch desselben

läfst sich nachweisen bis in die Zeit Gregors VII. herab. Neue

römische Kanzleiordnungen erscheinen seit dem 12. Jahrhundert. Aber

erst Johann XXII. sammelte dieselben und erliefs sie unter dem

technischen Namen Kanzleiregeln (regulae datae in cancellaria, spätei

regulae cancellariae). Diese wurden von seinen Nachfolgern vermehrt

und verändert , sind aber seit Nikolaus V. ziemlich stabil

geblieben. Die Kanzleiregeln verlieren ihre Kraft beim Tode jedes

Papstes. Sie werden daher beim Beginn jedes Pontifikats frisch erlassen,

und zwar seit Johann XXIII. am Tage nach der Wahl, obgleich

ihre Publikation auch später erfolgen kann. Sie schwanken zwischen

70 und 73 und beziehen sich zum Teil auf die Ausfertigung der

Litterae apostolicae (r. directivae vel expeditoriaej, zum Teil auf die

kirchlichen Benefizien, namentlich auf deren Reservation (r.

beneficiales

vel reservatoriae) , zum Teil auf den Prozefs (r. iudiciales). Dit

Regeln , welche sich auf die Expedition der apostolischen Schreiben

beziehen, binden nur die päpstlichen Behörden. Allgemeine Geltung

aber haben die auf die Benefizien, Dispensationen, Ablässe u. s. w.

Ed. Th. Sickel. 1889.


§ 24. Die Gewohnheit. Der Gerichtsgebrauch. Die Doktrin. 77

bezüglichen Bestimmungen. Ihre Geltung war jedoch in den einzelnen

Ländern vielfach durch entgegenstehende Rechte beschränkt, so

namentlich durch die Konkordate. In Deutschland war nur rezipiert:

reg. 19 de viginti, reg. 20 de idiomate, reg. 35 de annali possessore

und reg. 36 de triennali possessore.

§ 24.

Die Gewohiilieit. Der Gericlitsgebraiich. Die Doktrin.

Decr. Grat. D. VIII. XI. XII. Decr. Greg. IX., Lib. sext. I, 4 de consuet.

Extrav. comm. I, 1.

G. F. Puchta, Das Gewohnheitsrecht II (1828 ff.), 264 ff. E. K. v. Moy,

Naturr. u. Gewohnheitsr. als Quell, d. KRs. (A. f. k. KR. I [1857], 65 ff.). E. Meier,

Die Rechtsbildung in St. u. K. 1861. A. Scheiui, Kirchl. Gewohnheitsr. (Z. f. KR.

II [1862], 184 ff.). L. Hammerstein, Über d. verbind. Kraft d. Gewohnheitsr. (St.

a. M.-Laach I [1871], 319 ff.). P. K. Ä. Kreutzwald , De can. iuris consuetudinarii

praescriptione. 1873. G. Bauduin, De consuetudine in iur. can. 1888. J. Schwering,

Zur Lehre v. kan. Gewohnheitsr. 1888. F. Geigel, Kirch!. Gewohnheitsr. (D. Z. f.

KR. IV [1894], 261 ff.). Ch. Lingen, Über kirchl. Gewohnheitsr. (A. f. KR. LXXIII

[1895], 131 ff.). S. Brie, Die Lehre v. Gewohnheitsrecht. 1899 ff.

I. Die Gewohnheit kann in der Kirche nicht in gleicher Weise

Rechtsquelle sein wie im Staate. Während nämlich im Staate der

in der wiederholten Übung hervortretende Gesamtwille des Volkes an

sich ohne weiteres Recht schafft, hat Christus alle Legislative in der

Kirche nicht dem Volke, den Gläubigen übergeben, sondern den Inhabern

der kirchlichen Gewalt, den Aposteln und deren Nachfolgern.

Daher kann eine Gewohnheit in der Kirche erst dann Recht werden,

wenn der zur Rechtsproduktion befähigte Obere seine Zustimmung

giebt 1, Dieser Konsens kann ein ausdrücklicher (expressus) oder

stillschweigender (tacitus) sein. Letzterer ist dann vorhanden, wenn

der Gesetzgeber die Gewohnheit kennt und dazu schweigt, obgleich

er sich leicht äufsern könnte. Denn nicht jedes Schweigen des Gesetzgebers

ist als Billigung anzusehen. Es giebt auch eine conticentia

mere oeconomica, „cum multa per patientiam tolerentur" 2. Ein

consensus praesumptus, eine ohne weiteres angenommene Zustimmung

des Gesetzgebers genügt nicht. Wohl aber genügt der consensus

legalis, d. h. die von vornherein und allgemein abgegebene Erklärung

des Gesetzgebers, dafs eine Gewohnheit, welche gewisse Eigenschaften

habe, Rechtskraft haben solle. LTnd dieser consensus legalis besteht

thatsächlich im kanonischen Recht. Von Anfang an bildeten sich in

^

Anders Schulte (Die Lehre v. d. Rechtsquellen 209 ff. 251 f.) u. a. in zu

engem Anschlufs an die historische Rechtsschule.

^ C. 18, X de praeb. IIF, 5. C. 3, X de cogn. spirit. IV, 11.


78 H- liuch: Die Quell, d. KRs. 1. Abschn. 1. Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KRs.

der Kirche rechtliche Gewohnheiten über Punkte, in welchen das

Gesetz nichts bestimmte, z. B. den Cölibat, das impedimentum cultus

disparitatis. Viel .schwerer aber drang die Anschauung durch, dafs

sich ein Gewohnheitsrecht auch gegen ein bestehendes Gesetz bilden

könne. Noch Gratian sagt im Anschlufs an das römische Recht,

dafs die Autorität einer schon lange bestehenden Gewohnheit zwar

nicht gering sei, aber doch nicht so gewichtig, „ut aut rationcm

vincat, aut legem scriptam" ^. Allein gerade bei Gratian und nach

ihm immer mehr machte sich eine entgegengesetzte Anschauung geltend

2. Zuletzt erklärte Gregor IX., dafs eine Gewohnheit auch dem

positiven Recht präjudizieren könne, wenn sie rationabilis und legitime

praescripta sei^. Unter Gewohnheitsrecht (consuetudo iuris) versteht

man also eine durch wiederholte gleichmäfsige Akte des christlichen

Volkes (consuetudo facti) unter der Zulassung des Gesetzgebers begründete

Rechtsnorm.

sind

Erfordernisse für das Zustandekommen eines Gewohnheitsreclits

näherhin:

a) Die Gewohnheit mufs bestehen in einem Kreise, in welchem

ein kirchlicher Oberer Recht schaffen kann. Und zwar muCs der

gröfsere Teil dieses Kreises die Gewohnheit üben. Aus diesem

Grunde kann kein Gewohnheitsrecht entstehen in einem Kapitel,

einer

Pfarrei. Hier spricht man nur von einer Observanz, cons. specialissima.

Wohl aber kann sich ein Gewohnheitsrecht bilden in der ganzen

Kirche: cons. universalis, generalissima, in einem ganzen Lande oder in

einer Kirchenprovinz: cons. generalis*, in einer Diözese: cons. specialis.

h) Der Satz, dessen rechtsverbindliche Kraft als Gewohnheitsrecht

in Anspruch genommen wird, rnufs in gleichmäfsiger Übung

sein. Diese Übung ist die Erscheinungsform des Gewohnheitsrechts.

c) Die Gewohnheit mufs beruhen auf der irrtumsfreien Überzeugung,

rechtlich so handeln zu müssen und nicht anders handeln

zu dürfen (opinio iuris sive necessitatis). Die Glosse sagt, es müsse

gehandelt werden „eo animo, ut intendas seu credas, te ius habere" •''.

Fehlte diese Überzeugung von der rechtlichen Gebundenheit des

Übenden, so würde kein Gewohnheitsrecht entstehen. Irrtumsfrei ist

die Überzeugung dann, wenn sie wahr ist,

Vorspiegelung oder Furcht hervorgerufen.

nicht durch Selbsttäuschung,

'

C. 4, D. XI; ist 1. 2, C. Quae sit longa consuet. W\\, .53.

* Dict. zu c. 3, D. IV. » C. 11, X h. t. 1. 4.

« C. 7, X h. t. 1, 4. C. 31, X de elect. I, 6. C. 5, X de usu et anct. pallü I, 8.

* .Legitime" c. 11, X h. t. I, 4.


§ 24. Die Gewülinheit. Der Gerichtsgebi-auch. Die Doktrin. 79

d) Die Gewohnheit mufs rationabilis sein, wie das Gesetz. Irrationabel

aber ist sie, wenn sie dem natürlichen oder götth'chen Recht

widerspi'icht , also der göttlich geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehre

und der Verfassung der Kirche 1, wenn sie die kirchliche Disziphn

lockert 2, wenn sie gegen die guten Sitten verstöfst ^, wenn sie

mit dem Geiste des betreffenden Instituts im Widerspruch steht *,

endlich wenn die betreffende Gewohnheit ausdrücklich vom Gesetzgeber

verworfen und als Korruptel bezeichnet worden ist^. Ob eine

Gewohnheit rationabel sei, darüber hat der kirchliche Richter zu

entscheiden und eine irrationable von Amts wegen zu verwerfen ^.

(') Endlich mufs die Gewohnheit sein legitime praescripta, oder

wie es an anderer Stelle heifst: canonice praescripta'''. Bei der consuetudo

secundum legem und praeter legem ist eine bestimmte Zeit

n^ht vorgeschrieben. Hier liegt das Urteil vielmehr beim kirchhchen

Richter. Eine cons. secundum legem ist vorhanden, wenn sich die

Übung als Ausführung des Gesetzes darstellt nach dem Satz: Consuetudo

est optima legum interpres^. Eine cons. praeter legem ^

dann, wenn die Übung eine Lücke im Gesetz ausfüllt. Eine cons.

contra legem dann, wenn die Übung dem Gesetze entgegensteht, j

demselben derogiert. Es hat nun nicht an solchen gefehlt, welche

auch für letztere Gewohnheit vom kanonischen Recht keinejjestimmte /

Zeit gefordert sein, sondern es auch hier vom Ermessen des Richters

abhängen lassen, ob die bereits verflossene Zeit genüge zur Begründung

eines Gewohnheitsrechts. Zum Erweis dessen läfst man die

angeführten Dekretalen, in welchen die legitima praescriptio für eine

derogatorische Gewohnheit verlangt wird, vielmehr handeln von der

Ausübung eines subjektiven Rechts, das durch die Ausübung während

der kanonischen Verjährungsfrist ersessen werde ^. Allein der

Text von c. 11, X h. t. I, 4 und c. 3 in VP" h. t. I, 4 ist zu

bestimmt, als dafs man ihn auf die Aquisitivverjährung subjektiver

Rechte beschränken dürfte. Vielmehr ist eine gesetzlich bestimmte

Verjährungsfrist für die consuetudo contra legem gefordert. Da aber

das kanonische Recht eine noch genauere Angabe nicht macht,

anderseits aber die Worte „legitime praescripta" doch einen be-

'

C. 4, 8 (Greg. I. a. 591), 11 {Awjust. c. a. 400), D. XII. C. 4, 11, X h.

t. I, 4. 2 c. 5, X h. t. I, 4. 3 c. 10, X h. t. I, 4.

^

C. 2 in Vr» h. t. I, 4. ^ C. 7, X li. t. I, 4. C. 1 in VF" h. t. I, 4.

« C. 5, 7, X h. t. I, 4.

^

C. 3 in VI'" h. t. I, 4. C. 50, X de elect. I, 6. C. 3, X de causa poss.

II, 12. C. 25, X de V. S. V, 40. C. 9 in Vit» je off. ord. I. 16.

8

C. 8, X h. t. I, 4. 3 So Schulte a. a. 0. 222 tf.


:

80

II- Buch: Die Quell, d. KRs. 1. Abschn. 1. Kap.: Die mat. Quell, d. gem. KR«.

stimmten Sinn haben müssen, so bleibt nichts übrig als vierzig Jahre

anzunehmen, ein Zeitraum, der für die Verjährung kirchlicher Rechte

erforderlich ist ^ So ist auch die von vielen früheren Kanonisten

vertretene Meinung zu verlassen, dafs ein Zeitraum von zehn oder

zwanzig Jahren genüge, weil die römisch-rechtliche Verjährungszeit

für res immobiles inter praesentes zehn, inter absentes zwanzig Jahre

betrug 2.

Wer ein Gewohnheitsrecht für sich in Anspruch nimmt, mufs

dasselbe beweisen, da der Richter unmöglich alle Gewohnheiten

kennen kann 3. Bewiesen wird es namentlich durch den Nachweis

der Anerkennung von mafsgebender Seite.

Endigen kann eine Gewohnheit aus inneren Gründen ;

namentlich

aber aus äufseren. Und zwar einmal durch Aufliebung von Seiten

des Gesetzgebers. Eine allgemeine Gewohnheit wird durch ein entgegenstehendes

allgemeines Gesetz aufgehoben, auch wenn es derselben

keine Erwähnung thut. Damit aber ein allgemeines Gesetz

eine partikuläre Gewohnheit abrogiere , mufs es den Beisatz haben

nulla obstante consuetudine *. Und damit es jede Gewohnheit , auch

eine immemorialis, beseitige, mufs es wörtlich den weiteren Beisatz:

etiam immemoriali habend Eine consuetudo immemorialis ist jene,

deren Entstehen über Menschengedenken hinausreicht.

Ihr steht gleich

die cons. centenaria. Endlich wird die Gewohnheit aufgehoben durch

eine entgegenstehende Gewohnheit. Der Gesetzgeber kann auch von

vornherein die Bildung von dem Gesetz entgegenstehenden Gewohnheiten

verbieten. Dabei mufs aber doch zugegeben werden, dafs sich

gegen dieses Gesetz doch Gewohnheitsrecht bilden kann, wenn sämtliche

zu einem Gewohnheitsrecht nötigen Erfordernisse da sind. So

können sich rechtsgültige Gewohnheiten auch gegen die Disziplinardekrete

des tridentinischen Konzils bilden ".

II.

Der Gerichtsgebrauch (usus forensis) ist entweder ein formeller

die gleichmäfsige Art der Behandlung der Rechtsgeschäfte, der herkömmliche

Gang der Prozesse (stilus curiae, mos, praxis iudiciorum),

oder ein materieller: die gleichmäfsige Anwendung eines Rechtssatzes,

die gleichmäfsige Rechtssprechung (auctoritas rerum similiter iüdicatarum).

An sich macht der Richterspruch nur ius inter partes. Abei

> Nov. 111: 131, c. 6. Redlich, Das c. 11, X de cons. I, 4 (D. Z. f. KK. VII

[1897], 309 ff.). « L. 12, C. de praescr. VII. 33.

' C. 1 in de const. I. 2. «

C. 1 in VI*" VI«« de const. I, 2.

* S. C. Conc, 9. Mai 1626. Conc. Trid. (ed. Riehter) 437 sq.

* J. liicderlnck, Die Gewohnheiten geg. d. Disziplinardekrete d. Trienter Konzils

(Z. f. k. Theol. VI [1882]. 438 ff.).


gleiche Richtersprüche werden zu

§ 25. Der Bischof.

81

einem starken Präjudiz und können

bei den römischen Behörden bis zum Gewohnheitsrecht werden.

III. In keinem Fall kann die Doktrin oder das Juristenrecht

Rechtsquelle werden. Weil aber die Anschauungen grofser Rechtsgelehrter

von Bedeutung sind de lege ferenda und schon oft zum

Gesetz erhoben wurden und weil sie dem Richter in schwierigen

Fällen Anhaltspunkte geben, so hat die Kirche die Wissenschaft stets

hoch geschätzt. Doch sind auch im Kirchenrecht die Stimmen nicht

zu zählen, sondern zu wägen.

Zweites Kapitel.

Die materiellen Quellen des partikularen Kirchenrechts.

§ 25.

Der Bischof.

Bened. XIV., De synodo dioecesana 1. 6. 7. 9— 12. G. Phillips, Die Diözesansynode.

2. Aufl. 1849. J. Amherger, Der Klerus u. d. Diözesansym 1849. Ä. J.

Binterim, Die Bistumssyn. 1849. M. Sattler, Die Diözesansyn. 1849. F. Haiz, Das

kirchl. Synodalinstitut. 1849. Th. M. Filser, Die Diözesansyn. 1849. J. Fefsler, Über

d. Provinzialkonzilien u. Diözesansyn. 1849. A. Schmid , Die Bistumssyn. 1850 ff.

T. A. Holtgrecen, Die Diözesansyn. als Rechtsinstitut. 1868.

Dem Bischof als dem Inhaber der iurisdictio ordinaria innerhalb

seiner Diözese steht iure divino das Recht der Gesetzgebung in allen

kirchlichen Sachen innerhalb von den der Jurisdiktion der Ordinarien

gesetzten Schranken und zwar vom Augenblick der Konfirmation an

zu^. Eine Schranke hat dies Recht am ius divinum und commune 2.

Will der Bischof etwas gegen das gemeine Recht verordnen, so

mufs er zuvor um Autorisation von selten des Papstes, oder um

dessen nachträgliche Approbation einkommen^. Wenn aber, was ja

nicht unmöglich ist*, der Papst ein Gesetz erlassen würde, das für

eine Diözese unpassend oder gar schädlich wäre, so hätte der Bischof,

der für seine Diözese verantwortlich ist, hiergegen in geeigneter

Form zu remonstrieren und bis zum Entscheid mit der Durchführung

des Gesetzes zu warten 5. Eine solche Remonstration wäre

jedoch nicht erlaubt gegenüber einem Dogma oder der authentischen

'

C. 2, X de M. et 0. I, 33. C. 2 in YV" de const. I, 2.

2 C. 9, X h. t. I, 33.

3 Bened. XIV. 1. c. 1. 9, c. 6, n. 11: 1. 10, c. 1, n. 3.

^ C. 1 in VI*" de const. I, 2.

5 C. 5, X de rescr. \, 3. C. 1 in VI'" h. t. 1, 3.

Sägmüller, Kircheiirecht. I.Teil.


82 H. Buch: Die Quoll, d. KR». 1, Abschn. 2. Kap.: Die mat.


§ 26. Die Partikularsynoden. 83

geben und nicht über ihm entzogene Gegenstände *. Die praelati nullius

cum territorio separate, die exemten Prälaten, die Kardinäle an ihren

Titelkirchen, die Legaten innerhalb ihrer Legationen, die apostolischen

Vikare und die Armeebischöfe haben ein dem bischöflichen analoges,

durch die jeweilige Stellung modifiziertes Gesetzgebungsrecht.

Durch das in den einzelnen Staaten in verschiedener Weise gehandhabte Placet

wird die Gültigkeit der bischöflichen Gesetze nicht alteriert. So sind in Württemberg

alle kirchlichen Erlasse, welche rein geistliche Gegenstände betreffen, der

Staatsbehörde zugleich mit der Verkündigung mitzuteilen, alle andern aber, welche

nicht ganz im eigentümlichen Wirkungskreis der Kirche liegen, sowie in staatliche

oder bürgerliche Verhältnisse eingreifen, unterliegen der Genehmigung des Staates^.

Die

Decr. Grat. D. XVII. XVIII.

Zur Litteratur vgl. § 25.

§ 26.

Partikiilarsyiiodeii.

Schon seit dem 2. Jahrhundert fanden sich die Bischöfe eines

kleineren oder grofseren kirchlichen Kreises auf Synoden (General-,

Patriarchal-, Plenar-, National- und Provinzialsynoden) zusammen zur

Beratung kirchlicher Angelegenheiten und zur Abfassung entsprechender

kirchlicher Gesetze, canones, constitutiones, statuta, decreta genannt.

Diese Synoden waren für die Ausbildung des kirchlichen Rechts von der

gröfsten Bedeutung. Ihre Kanonen, obgleich zunächst nur für einen

bestimmten Kreis gegeben, fanden allenthalben Aufnahme. Je mehr

aber der Primat hervortrat, desto weniger waren diese Synoden

dringende Notwendigkeit und wurden demgemäfs seltener gehalten.

Für die Gültigkeit ihrer Beschlüsse ist nötig ,'^dafs die zu Berufenden

berufen werden, dafs die anwesenden Stimmberechtigten in

der Mehrheit für ein Gesetz sind und dafs dieses innerhalb der Kompetenz

der Synode liegt. Dogmatische Entscheidungen liegen aufserhalb

derselben; nicht jedoch solche Beratungen und Belehrungen 3.

Berechtigt aber sind solche Synoden zur Fassung von disziplinaren

Beschlüssen. Dieselben dürfen jedoch nie gegen das ius commune

gehen, wohl aber praeter und secundum ius commune lauten. Secundum

ius commune sind sie, wenn sie die Publikation und Ausführung

allgemeiner Gesetze

oder die Abstellung von diesen entgegen-

'

Ne sede vacante aliquid innovetur X III, 9.

2 Ges. v. 30. Jan. 1862, Art. 1. F. J. Motz, Geschichtl. Darstellung d. Ausübung

d. Plac. reg. in Württcmb. 1876. Ähnliche Verordnungen bestehen für

Bayern: Religionsedikt 1818, § 58. 59. 61; für Baden: Ges. 9./X. 1860, Art. 15;

für Hessen: Ges. 23. /IV. 1875, Art. 5. In Preufsen besteht kein Placet.

» C. 8, X de bapt. III, 42.

6*


84

11- Buch: Die Quell, d. KRs. 1. Abscbn. 2. Kap.: Die mat. Quell, d. part. KRs.

stehenden Mifsbräuchen enthalten *,

oder die Regelung von ihnen durch

das ius commune ausdrücklich überlas-senen Verhältnis.sen 2. Bei Erlassen

praeter ius commune haben sich die Partikularsynoden namentlich

davor zu hüten, dal'.s sie die Jurisdiktion der einzelnen Bischöfe

nicht zu sehr einschränken.

4 Ehe die Beschlüsse publiziert werden , sind sie nach der Bulle

3 SLxtus' V, „Imniensa aeterni" vom 22. Januar 1587 an die Congre-

' gatio Concilii einzuschicken, damit sie dort geprüft, nicht aber ausdrücklich

bestätigt werdend Durch eine eventuelle spezielle Bestätigung

von Seiten des Papstes erhalten dieselben doch keine allgemeine

Gesetzeskraft, sondern bleiben auf die Kirchenprovinz beschränkt*.

Nur würden in diesem Fall die Beschlü.sse contra ius commune dieses

für die Provinz auflieben. Nach der Revision erfolgt die Publikation

durch den Metropoliten und die Ausführung durch die Ordinarion.

In Kraft treten die Beschlüsse aber schon durch die Publikation

seitens des Metropoliten , so dafs die Kundmachung auch durch die

Suffragane nur den Zweck gröfserer Publizität hat. Der einzelne

Bischof kann dieselben nicht auflieben.

Die

§ 27.

Autonomie.

Unter Autonomie (ius statuendi, i. condendi statuta) versteht man

die Befugnis

der vom kirchlichen Recht als Korporationen anerkannten

Genossenschaften, ihre Verhältnisse durch bindende Normen (statuta)

selbständig zu ordnen. Die Autonomie kommt kraft gemeinen Rechts

den Dom- und Kollegiatkapiteln, kraft päpstlichen oder bischöflichen

Privilegs

den männlichen Orden und Kongregationen, Archidiakonaten

und Dekanaten ( Landkapiteln j, Universitäten und Kollegien. Bruderschaften

und religiösen Vereinen zu. Zur Autonomie gehört übrigens

auch die Übung, Observanz innerhalb einer autonomen Körperschaft,

analog der Gewohnheit in den gröfseren kirchlichen Kreisen.

Zur Gültigkeit solcher Statuten ist notwendig die Einhaltung der

vom Rechte gesetzten Grenzen und die Beobachtung der vorgeschriebenen

Form. Unter dem ersten Gesichtspunkte dürfen die Statuten

nur die inneren Verhältnisse der Korporation betreffen; bei den Domkapiteln

also: Aufnahme in den Verband, Gottesdienst, Disziplin, Vermögensverwaltung

u. ä.; bei den Orden: Gebet, Klausur, Studien u. ä.

'

Trid. sess. XXV de ref. c. 2; sess. XXIII de ref. c. 1.

» Trid. sess. XXIII de ref. c. 18; sess. XXIV de ref. c. 18.

» S. C. Conc. 6. April 1.Ö96. C. 2 in VI«- de const. I. 2.


§ 27. Die Autonomie. 85

Sodann dürfen die Statuten nicht gegen das ins commune i, nicht

gegen die iura superiorum 2 und nicht gegen die iura quaesita Dritter

gehen 3. Endlich dürfen sie nicht den bisherigen guten Zustand verändern*,

oder gegen das Wohl der Kirche verstofsen^. In betreff /-,

der Form ist erforderlich, dafs alle Berechtigten zur Sitzung geladen

werden ^, dafs mindestens zwei Drittel erscheinen '', dafs die Majorität

dem Beschlüsse beistimmt ^. Stimmeneinheit ist nötig, wenn die Rechte

einzelner Mitglieder beeinträchtigt werden wollen ^. Auch kann die

Minorität den Beschlufs der Mehrheit beim Obern anfechten , wenn

sie glaubt, dafs derselbe unzweckmäfsig , oder nur im Interesse der

Majorität gefafst sei^^. Ob die von den Kapiteln errichteten Statuten

der bischöflichen Approbation bedürfen, war zu Zeiten verschieden.

Das ältere Dekretalenrecht verlangte dieselbe ^i. Das spätere

that aber hiervon keine Erwähnung mehr, und auch die Wissenschaft

sah dieses Requisit als beseitigt an 12. Aber die neueren Konkordate

bezw. Circumskriptionsbullen verlangen den bischöflichen

Konsens i^. Überhaupt fordert das neuere Recht den Konsens des

Bischofs sowohl bei Aufstellung neuer, als auch bei Änderung bestehender

Statuten von Klerikalvereinen und Säkularkorporationen

mit kirchlichem Zweck ^*. Bei den Kapitelsstatuten wurde die Bestätigung

des Papstes früher fast regelmäfsig nachgesucht ^^. Sie ist aber

nur nötig bei einem Statut gegen das ins commune. Auch kann der

Papst von ihm bestätigte Statuten jederzeit auflieben, wenn es sich

zeigt, dafs sie gegen das Beste der Kirche gehen i^.

Durch den gleichen Faktor und in der gleichen Weise , wie die

Statuten zu stände gekommen sind , können

sie auch wieder aufg;ehoben

oder verändert werden. Also ist heutzutage auch die bischöfliche

Genehmigung hierzu erforderlich. Diese kann aber nur aus

triftigem Grunde, der nicht im Interesse Eines einzelnen liegt, gegeben

werden. Ist ein Statut vom Papst bestätigt, so kann es ohne

I

^


» C 1 (rörn. SjTiode a. 502 c. 3), 5 (Nikol. I. a. 863), 9 (Greg. VII. a. lOM .

86 II. Buch: Die (Juell. d. KHs. 1. Abbclin. 2. Kap.: Die mat. (Juell. d. part. KHs.

weiteres abgeändert werden, wenn es hauptsächlich den Nutzen der

Einzelnen oder der Korporation als solcher bezweckt; denn jeder kann

auf sein Recht verzichten. Jiczweckt es aber das Wohl der Kirche,

so ist päpstliche Erlaubnis nötig'.

§ 28.

Das bürgerliche

Recht.

Da Kirche und Staat wesentlich verschieden und je für sich selbständig

sind, so kann der Staat der Kirche keine Gesetze^ £eben.

Der Staat ist keine materielle Kirchenrechtsquelle. Daher mufs auch

die Kirche prinzipiell ihr vom Staate aufgedrängte Gesetze über kirchliche

Angelegenheiten zurückweisen 2. Noch mehr hat sie die Pflicht

hierzu , wenn diese Gesetze dem göttlichen oder dem kirchlichen

Rechte widersprechen 3. Anderseits kann die Kirche staatliche Gesetze

über kirchliche Gegenstände, welche ihren eigenen Anforderungen

entsprechen, annehmen, ja geradezu approbieren, leges canonizatae *.

Bisweilen mufs sie, um gröfsere Übel zu vermeiden, sich staatliche

Gesetze in kirchlichen Angelegenheiten, in welchen der Staat entweder

inkompetent ist, oder die gegen die Kirche präjudizierlich sind,

trotz prinzipieller Verwahrung gefallen lassen, wofern sie nur dem

göttlichen Rechte oder ihren Grundrechten nicht widerstreiten.

Nicht

selten auch hat der Papst solchen Gesetzen in Konventionen oder

Konkordaten Gutheifsung gegeben. Dafs die Kirche in rein bürgerlichen

Angelegenheiten sich den staatlichen Gesetzen unterwirft, ist

selbstverständlich.

Was das thatsächliche Verhältnis der Kirche zu den einzelnen

staatlichen Rechten betrifft, so hat sie ihr Recht in vielen Punkten

nach dem römischen Recht ausgestaltet^. Andere römische Gesetze

hat sie direkt übernommen , z. B. das Ehehindernis aus der Adoption

^. In den neuen germanischen Reichen lebte die Kirche als solche

nach römischem Recht ".

Endlich hat sie das ganze römische Recht als

subsidiär angenommen für alle Fälle, wo das kirchliche inkomplet

> C. 12, X de foro comp. II, 2.

11 (Job. VIII. ?), D. XCVI. C. 10, X de const. I, 2.

' C. 1 (Nikol. I. a. 863), D. X. C. 7, X de const. I, 2.

* Bened. XIV., De syn. dioeces. 1. 9, c. 10 sqq.

* C. 1 (Nikol. I. a. 866), C. XXX, q. 3. Die Patenschaft ist ebenso ein Eluhindernis

wie die Adoption.

« C. un. X de cognat. leg. IV, 12.

' Lex Ribuar. t. Ö8, § 1. €.6 (Hinkmar von lieimsj, C. XXIV, q. 3.


§ 29. Die Konkordate. 87

war 1. Je mehr aber das kanonische Recht ausgebildet wurde, desto

weniger ist das römische fernerhin Subsidiarquelle des kirchlichen

geblieben. Von geringerem Einflufs waren die germanischen Rechte,

haben sich aber doch im einen oder andern Punkt geltend gemacht,

z, B. in der Berechnung der Verwandtschaft, im Benefizienwesen.

Keine subsidiäre Bedeutung haben für das kirchliche Forum die modernen

bürgerlichen

Gesetze.

§ 29.

Die Koukordate.

M. Brühl, Über d. Charakter ii. d. wes. Eigenschaften d. Konkordate. 1853.

iV. WIseman, Vier Vorträge üb. Konk. 2. Aufl. 1856. 0. Sarweij, Über d. rechtl.

Natur der K. (Z. f. KR. II [1862] , 437 ff.). B. Hühler, De natura ac iure concordatorum.

1863. Ders., Zur Revision d. Lehre v. d. rechtl. Natur der K. (Z. f. KR.

III [1863], 404 ff.). Th. Balve, Das K. 1863; 2. Aufl. mit d. Titel: Kirche u. Staat

in Vereinbarungen auf d. Grunde d. KRs., Staatsrechts u. Völkerrechts. 1881. W. H.

Strodl, Über K. , deren internat. u. kirchl. Bedeutung. 1868. Ä. Bornacjius , Über

d. rechtl. Natur der K. 1870. M. de Bonald , Deux questions sur le concordat de

1801. 1871. M. G. B. Füll-, De concordatis. 1879. Baldi, De nativa et peculiari

indole concordatorum. 1883. Turinaz , Les concordats et I'obligation reciproque

qu'ils imposent ä l'dglise et ä l'etat. 1887. Radini Tedeschi, Chiesa e stato in ordine

ai concordati. 1887. G. Duiider, Kann d. Reich K. schliefsen? 1891.

Die Konkordate sind völkerrechtliche Verträge zwischen den

beiden höchsten Gewalten in Kirche und Staat über das Verhältnis,

welches sie im betreffenden Territorium entweder prinzipiell und nach

allen Richtungen hin, oder nur in bestimmten, genau bezeichneten

Punkten zu einander einnehmen wollen. Einzelne JMaterien regelten

die ältesten und älteren Konkordate, wie das Wormser 1122, die

Konkordate in der Zeit der Reformkonzilien und die neueren Circumskriptionsbullen.

Dagegen legten die Konkordate des 19. Jahrhunderts

in der Regel das Verhältnis der Kirche zu dem betreffenden Staat

in den prinzipiellen Grundlagen vertragsmäfsig fest. Ihre Berechtigung

haben die Konkordate in den jeweiligen Zeitverhältnissen und

dem zwischen Kirche und Staat.

Berechtigt zum Abschlufs eines Konkordats ist, da es sich hierbei

fast immer um Änderungen im ius commune und um causae

maiores handelt, auf kirchlicher Seite der Papst als das Oberhaupt

der Kirche. Seine Stellung als Souverän des Kirchenstaates kommt

hier nicht in Betracht. Der Bischof ist befugt, über seine Rechte mit

dem Staat ein Konkordat oder besser eine Konvention zu schliefsen.

Auf Seiten des Staates ist abschlufsberechtigt das Staatsoberhaupt

' C. 1, X de novi op. nunt. V, 32. C. 28, X de privil. V, 33.


88 H- Buch: Die ^uell. d. KHs. 1. Absclin. 2. Kaj..: Die mat. «.^uell. d. pait. KKh.

oder der Kepräsentant des Gemeinwesens. Wenn derselbe aber in

seiner Legislative von andern Faktoren abhängig ist, so bedarf das

Konkordat auch

der Genehmigung dieser.

Die Foiin des Konkordats kann verschieden sein. Entweder

wird dasselbe von beiden Teilen als separates Gesetz erlassen, wie

das im Wormser Kondordat geschah durch das .Privilegium Calixti

papae II. "" und

das „Praeceptum Henrici V. imperatoris" ^ Oder es

geschieht der Abschlufs in einer durch die beiderseitigen Bevollmächtigten

hergestellten und unterzeichneten, von Papst und Staatsoberhaupt

ratifizierten und publizierten Vertragsurkunde. Endlich in Form

einer päpstlichen Bulle, deren Text auch von der Staatsgewalt als

verbindlich anerkannt wird, wie diese Form namentlich bei den Circumskriptionsbullen

zur Anwendung kam.

Stark kontrovers ist die rechtliche Natur der Konkordate. Die

einen erklären sie für völkerrechtliche Verträge oder wenigstens für

' eine Art von solchen: Vertragstlieorie : andere für päpstliche Privilegien:

Privilegientheoiie ; wieder andere für blofse Staatsgesetze:

Legaltheorie. Noch andere lassen sie je nach der Materie eine Mischung

sein von Vertrag und Privileg. Andere endlich behaupten ,

je nach

den Zeitverhältnissen und der jeweiligen Stellung von Kirche und

Staat seien sie bald päpstliche Privilegien, bald völkerrechtliche Verträge,

bald reine Staatsgesetze. Unseres Erachtens sind die Konkordate

völkerrechtliche Verträge.

««^^ Die Vertragsnatur der Konkordate ergiebt sich aus ihrer Form.

Die Paciscenten schliefsen die Konkordate ab in der Vertragsform,

verpflichten sich für sich

und ihre Nachfolger dieselben zu beobachten,

verzichten auf alles einseitige Handeln bei etwa hervortretenden

Schwierigkeiten , versprechen vielmehr , solche gemeinschaftlich beilegen

zu wollen. Den Vertragscharakter bezeugen auch die Namen

für die Konkordate. Für das Wormser Konkordat von 1122 ist bei den

gleichzeitigen Schriftstellern der Name „concordia" gebräuchlich. Bei

den Schriftstellern späterer Zeit findet sich dafür der Terminus „pax".

„tractatus". Die zu Konstanz geschlossenen Vereinbarungen nennen

sich auch „concordia" und bezeichnen ihren Inhalt als „capitula concordata"

2, Von da ab ist stehender Ausdruck : „concordatum", ,concordata".

So für die Vereinbarungen zwischen Nikolaus V. und Friedrich

III. 14553. Das Konkordat vom Jahre I80I bezeichnet sich als

„Convention entre le pape et le gouvernement fran9ais'* *. Und

' Walter, Fontes 75 sq. ' Ibid. «6 sqq.

» Ibid. 109 sqq.

* Ibid. 187.


§ 29. Die Konkordate. 89

„conventio" ist der offizielle Name für alle Konkordate des 19. Jahrhunderts

1. Als beiderseits bindende Verträge (synallagmatische Verträge)

bezeichneten auch die Päpste wiederholt die Konkordate 2.

Unter diesen Umständen kann es nur als Böswilligkeit bezeichnet

werden, wenn der 43. Artikel im Syllabus: „Laica potestas auctoritatem

habet rescindendi,

declarandi ac faciendi irritas sollemnes conventiones

(vulgo concordata) cum Sede Apostolica initas sine huius consensu",

dahin interpretiert wird , dafs der Staat das nicht thun dürfe , wohl

aber die Kirche. Und diese Verträge sind völkerrechtliche Verträge

oder — eine leicht zuzugebende Modifikation — eine Art von völkerrechtlichen

Verträgen, d. h, solche, über deren Einhaltung keine

dritte Macht angerufen werden kann , sondern die allein von den

Paciscenten erzwungen wird. Denn Kirche und Staat stehen sich

ajs^koordinierte (souveräne) Mächte gegenüber. Wenn gesagt wird,

die Konkordate könnten deswegen nicht unter die völkerrechtlichen

Verträge gerechnet werden,

weil die Kirche deren Durchführung nicht

erzwingen könne, so ist hierauf zu bemerken, dafs die Erfüllungsgarantien

für diese Art von Verträgen überhaupt unvollkommene

sind und dafs der Kirche statt der Waffen doch verschiedene und

zum Teil, wie die Erfahrung lehrt, sehr wirksame Zwangsmafsregeln

zu Gebot stehen. Endlich hat das Prinzip: Pacta sunt servanda,

unter moralischen Mächten, und eine solche ist auch der Staat, eine

tiefe

Bedeutung.

Für die Privilegientheorie beruft man sich auf die Superiorität ^J^-^

der Kirche über den Staat überhaupt oder darauf, dafs wenigstens «;

in den Gegenständen, über welche die Konkordate geschlossen würden,

der Staat der Kirche untergeordnet sei. Man sagt sodann, nur ver-


ur\. KIl«.

Eintraclit und des Friedens willen. Der Papst kann, ja niufs von

einem Konkordate zurücktreten, wenn es anfängt, mehr schädlitli

als nützlich zu sein. Solches Recht hat auch der iStaat. Was endlich

einzelne römische Aufserungen betrifft, so stammen dieselben

überwiegend aus früherer Zeit, beziehen sich auf ganz spezielle

Fälle (Heneiizionwesen) und werden von entgegengesetzten alten und

neuen offiziellen Aussprüchen der Päpste bei weitem aufgewogen K

Die Päpste haben die Konkordate nicht nur jederzeit als bindende

Verträge bezeichnet, sondern auch behandelt, und von ihrer Seite

ist nie ein Konkordatsbruch vorgekommen, wohl aber von sciten der

Staaten. Und auch diejenigen Kanonisten , welche in den Konkordaten

nur Privilegien sehen, behaupten nicht, dafs dieselben (hv

Willkür des Papstes unterlägen ; vielmehr gelte der Satz : Privilegium

principis decet esse mansurum.

Die Legaltheorie geht von der absoluten Superiorität des Staates

aus. Er ist die Quelle alles Hechts. Ihm sind alle Lebenskreise innerhalb

der Landesgrenzen unterworfen ; also auch die öffentlichen Korporationen

; daher auch die Keligionsgenossenschaften. Zwischen Haupt

und Gliedern aber giebt es keine Vertragsmöglichkeit. Demgegenüber

ist die Koordination beider Gewalten zu betonen. Falsch ist,

dafs der Staat die Quelle alles Kechts sei. Und selbst wenn der

Staat die Kirche nicht als gleichgeordnet, sondern nur als öffentliche

Korporation anerkennt, kann er mit ihr Verträge schliefsen und ist

dann kraft Naturrechts und der Gerechtigkeit zu deren Einhaltung

verpflichtet.

Unstichhaltig sind aber auch die Theorien, von welchen die eine

meint, dafs die Konkordate je nach den Materien eine Misch ung von

Privileg und Vertrag seien, die andere sie nach dem jeweiligen Verhältnis

von Kirche und Staat bald päpstliche Privilegien, bald völkerrechtliche

Verträge , bald reine Staatsgesetze sein läfst. Erstere

Theorie übersieht, dafs eine solche Unterscheidung im Vertrag absolut

nicht zum formellen Ausdruck kommt. Vielmehr nimmt selbst

ein etwaiges materielles Privileg im Konkordat wahrhaft die Form

des Vertrages an. Und die zweite Theorie geht von einer falschen

Auffassung des unveränderlichen Wesens und Verbal tnis.ses von Kirche

und Staat aus.

Das abgeschlossene Konkordat ist vom Papst zum kirchlichen,

durch den Staat zum staatlichen Gesetz zu erheben. Durch beider-

* Aus neuerer Zeit wird für die PrivUegientheorie nur angeführt das Brev(

Plus" IX. an M. de Bonaid v. 19. Juni ls71 (A. f. k. KK. XXVII [l-TJl. IflOf.i


§ 30. Das kirchliche Gesetz. 91

seitige Promulgation erhält es den vollen gesetzlichen Charakter. Als

Gesetze und völkerrechtliche Verträge verpflichten sie auch die Nachfolger

der Paciscenten. Jede einseitige authentische Interpretation,

Verfügung und Veränderung ist ausgeschlossen. Wo einzelne Konkordatsbestimmungen

den veränderten Verhältnissen

nicht mehr entsprechen,

ist, wie manche Konkordate auch ausdrücklich bestimmen,

nur im gegenseitigen Einvernehmen vorzugehen. Ist daher die Einhaltung

einem Teil unmöglich geworden, so hat die Lösung in gütlichem

Ausgleich zu erfolgen. Und liefse sich letzterer nicht erreichen,

so ist einseitiger Rücktritt durch Kündigung oder ein derogierendes

Gesetz gestattet, da jeder Vertrag geschlossen ist unter der stillschweigenden

Klausel: rebus sie stantibus. Dagegen ist willkürliche

Vornahme von zuwiderlaufenden Handlungen, Verfügungen und Gesetzen

Vertragsbruch. Ein solcher berechtigt den andern Teil zum

Rücktritt. Die neue Sachlage ist für die kirchlichen Verhältnisse

durch den Papst bezw. das wieder eintretende ins commune, für die

politischen durch Staatsgesetz zu regeln.

Drittes

Kapitel.

Das kirchliche Gesetz und seine Anwendung.

§ 30.

Das kirchliche

Gesetz.

Decr. Grat. I—XXI. Decr. Greg. IX.; Lib. sext. I, 2 de constit.

Thom. Aq. Summa theol. 1 . 2 , q. 90 sqq. F. Suarez , De legibus ac Deo

legislatore libri X. Lugd. 1613. F. X. Lmsenmann, Lehrb. d. Moraltheologie (1878)

61 ff. Tli. Meijer, Instit. iur. natur. I (1885 sq.), 183 sqq. F. Cathreln, Moralphil.

I (8. Aufl. 1899), 303 ff. 375 ff. A. LehmhuU , Theologia moralis I (ed. 8 1896),

55 sqq. J. Haring, Der Rechts- u. Gesetzesbegriff in d. kath. Ethik u. med. Jurisprudenz

(1890) 17 ff.

1. Aus den materiellen Kirchenrechtsquellen fliefsen fortwährend

Rechtsnormen, Gesetze, Kirchengesetze. Der Begriff des Gesetzes

wird von Thomas in mustergültiger Weise dahin gegeben: (Lex est)

ordinatio rationis ad bonum commune ab eo, qui communitatis curam

habet promulgata i. Das Gesetz ist eine vernunftgemäfse, vomObern

eines öffentlichen Gemeinwesens zum Zweck des Gesamtwohles erlassene,

dauernde und genügend bekannt gemachte Verordnung. Ein

Kirchengesetz mufs also von einem kirchlichen, mit Jurisdiktion be-

»

Q. 90, a. 1.


02 JI- Buch: Die Quell, d. KRs. 1. Abschn. 3. Kap.: Das k. Gesetz u. s. Anw.

gabten Obern stammen, mufs vernünftig, d. h. physisch und moralisch

möglich sein, mufs das bonuin comnuine der betreflfenden kirchlichen

Kommunität bezwecken. P^ndlich mufs der Gesetzgeber seine Ai).'


§ 30. Das kirchliche Gesetz. 93

zusehen, „ac si unicuique nominatim et personaliter intimata fuisset" ^.

Hiergegen wurde namentlich auf selten der Gallikaner und Febronianer

behauptet, dafs ein päpstliches Gresetz für die einzelne Diözese erst

Greltung erhalte durch die Publikation des Bischofs. Allein demgegenüber

ist zu sagen, dafs, wenn die Gültigkeit eines päpstlichen Gesetzes

von der Publikation in der Diözese abhängen würde, dann die Bischöfe

oder Staaten die päpstliche Gesetzgebung lahm legen könnten. Nach

kirchlichem Recht ist aber allen , welche solche Publikation hindern,

die excommunicatio latae sententiae papae speciali modo reservata

angedroht 2. Sodann ist nach der promulgatio in Rom das Gesetz

bereits einem Teil der Gläubigen bekannt. Dafs es ein anderer Teil

noch nicht kennt, kann doch dessen Geltung nicht hindern. Eine

Publikation, die die allseitige Kenntnis des Gesetzes leisten würde,

ist überhaupt unmöglich. Es kann also die Existenz eines Gesetzes

nicht von der allseitigsten und umfassendsten Publikation desselben

abhängig gemacht werden, sondern nur davon, dafs der Gesetzgeber

seinen Willen öffentlich ausgesprochen hat ^. Immerhin besteht eine

Pflicht der Bischöfe, ihren Untergebenen Kenntnis von den päpstlichen

Gesetzen zu geben ^. Auch wird die Kenntnisnahme erleichtert

durch Zusendung, durch Kopien, durch Druck. Aber von alledem

hängt die Gültigkeit des Gesetzes nicht ab, sondern es soll nur verhindert

werden, „ne subditi per simplicitatem vel ignorantiam excusare

se valeant" ^. Der Gesetzgeber kann auch einen andern als

den gewöhnlichen Publikationsmodus verordnen und hiervon die Gültigkeit

des Gesetzes

des Tridentinums ^.

abhängig machen, so beim berühmten Tametsidekret

Zu unterscheiden von der promulgatio legis ist die vacatio legis.

Diese besteht darin, dafs die Verpflichtung der Unterthanen zur Befolgung

des promulgierten und daher geltenden Gesetzes erst nach

bestimmter Zeit eintritt. Eine solche vacatio kann für die Gesetze

in kleineren kirchlichen Kreisen, in Kirchenprovinzen oder Diözesen,

nicht angenommen werden, aufser der Gesetzgeber habe anders bestimmt

''. Auch die Gesetze der allgemeinen Konzilien und der Päpste

haben nach der wohl richtigeren Meinung alsbald nach der Promul-

'

ßened. XIV. ,Dei miseratione", 4. Nov. 1741. Walter, Fontes 584.

2 „Apost. Sed. moderationi", 12. Okt. 1869, I, 8.

^ E. Seitz , Revision d. Theorie üb. d. Promulgation d. Kirchengesetze (Z. f.

KBs.- u. Pastoralwschft. 1842, I. Bd., 1. Heft, S. 90 ff.).

* C. 2 (Nikol. I. a. 862), D. XX. ^ C. 40, X de sim. V, 3.

« Sess. XXIV de ref. mat. c. 1.

"

C. 1, X de postul. I, 5. C. 1 in VI'" de concess. praeb. III, 7.


einer

94 !'• Uuch: Die (juell. d. KKs. 1. Ahschn. 3. Kap.: Das k. Gesetz u. 8. Anw.

gation allgemein verpflichtende Geltung, aufser es werde für den

Eintritt der Verpflichtung ein bestimmter Terniin fixiert, wie es

wieder beim Tametsidekret geschah. „Ignorantia facti, iion iuris

excusat", lautet die 13. Rechtsregel in sexto. Weil das aber bei

unverschuldeter Unkenntnis bei Verhängung von Strafen zu Uni)illigkeiten

führt, so darf wohl bei der rechtlichen Beurteilung und Qualifikation

eines mit dem neuen Gesetz nicht in Einklang stehenden Verhaltens

aufserhalb Roms bis zu zwei Monaten auf Unkenntnis präsumiert

werden, aufser das Gegenteil sei bewiesen ^

4. Was die Wirkung der Gesetze betriftt, so sind alle Unterthanen

des Gesetzgebers im Gewissen verpflichtet, dieselben zu befolgen

2. Man nennt diese Verbindlichkeit des Gesetzes ad culpam

die vis directiva legis. In der Regel aber fügt das Gesetz gegen den

Übertreter noch eine Strafbestimmung bei, eine poen^, und diese

Verpflichtung zur Strafe nennt man die vis coactiya legis. Der Gesetzgeber

kann aber auch nur zu einem von beiden verpflichten wollen,

zur Schuld oder zur Strafe. Und so unterscheidet man : leges morales,

d. h. Gesetze, welche im Gewissen unter einer Sünde allein verpflichten,

sodann leges poenales, d. h. Gesetze, welche im Gewissen nur zur Strafe

verpflichten (genauer leges mere oder pure poenales genannt), und

leges mixtae, d. h. Gesetze, welche unter einer Sünde und zur Strafe

im Gewissen verpflichten. Es ist nun kontrovers, ob es leges mere

poenales gebe , d. h. Gesetze , welche nur unter Strafe verpflichten ^.

Für das Kirchenrecht gestaltet sich die Frage dahin , ob die Kirche

leges mere poenales geben könne. Die Frage igt zu bejahen. Faktisch hat

die Synode von Toidouse a. 135.j eine Keihe von Gesetzen für blofse Pönalgesetze

erklärt *. Sodann verpflichten viele Bestimmungen in verschiedent-n

Ordensregeln — dafs aber die Ordensregeln kirchliche Gesetze sind, ergie>>t

sich sicher aus ihrem Wesen und dem I3egriff des kii-chlichen Gesetzes — nicht

ad culpam, sondern nur ad poenam '. Prinzipiell aber die Frage gefafst i>t

zu sagen : In .

leichten Sache kann der Gesetzgeber nicht schwer verpflichten,

wohl aber in einer schweren leicht; denn er ist nicht genötigt.

' Im Anschlufs an Novella 66 plädiert die Glosse .Ante" c. 2, X de const.

I, 2, Glosse .Pervenerif c. 32 in VI'» de praeb. III, 4 und Glosse ,Quarto* am

Schlufs des Liber sextus auf eine Vakanz des Gesetzes durch zwei Monate. Nichts

Bestimmtes besagt .post certum tempus" der Bulle Pius' IV. .Sicut* vom 18. Juli

1564. » Rom. 13, 1 ff. 1 Petr. 2, 13 ff. C. 2, X de M. et 0. I, 23.

» J. biederlack, Zur Lehre v. d. Pünalgesetzen (Z. f. k. Theol. XXIII [1899].

155 ff.). A. Koch, Zur Lehre v. d. sogen. Pönalgesetzen (Th. Qsch. LXXXII [1900].

204 ff.). * Uarduin, Act. conc. VIII, 1763.

* Thom. Aq. Summ, thcol. 2, 2, q. 1^6, a. 9 ad 1. F. Suarez , De virtute et

statu religionis tract. VIII, lib. 1 (Mogunt. 1626), c. 2—4.


§ 30. Das kirchliche Gesetz. 95

stets vom Vollmafs seiner Befugnis Gebrauch zu machen. Nötig ist nur, dafs,

wenn überhaupt noch ein Gesetz vorhanden sein soll, überhaujDt noch eine.

Gewissenspflicht für die Untergebenen da ist. Deshalb wären Gesetze, die

weder sub culpa noch sub poena im Gewissen verpflichten würden, gar keine

,'

Gesetze mehr. Also ist es nicht nötig, dafs der menschliche Gesetzgeber in

jedem Fall die Beobachtung seines Gesetzes unter Sünde fordere, sondern

es genügt, Avenn ein wahres Gesetz vorhanden sein soll, wenn er den Übertreter

seines Gesetzes im Gewissen zm* Übernahme der darauf gesetzten Strafe

verpflichtet. Das mufs auch, um einem höchst schädlichen und unerträglichen

Rigorismus zu entgehen, möglich sein. Andernfalls würde in den Orden, wo

über den blofsen Rat hinaus alles bis in das kleinste hinein gesetzlich geordnet

sein mufs, die Zahl der Sünden ins Unendliche wachsen. Suprema

lex Salus animarum ! Aufser den Ordensregeln giebt es aber thatsächlich in

der Kirche selbst kaum leges mere poenales , weil der Kirche die Möglichkeit,

die Strafe durchzuführen, vielfach mangelt und weil ihre Gesetze sich

immer mehr oder weniger auf das Heil der Seelen beziehen.

5. Unterworfen sind dem kirchlichen Gesetz alle gültig Getauften,

wofern sie des Vernunftgebrauches mächtig sind \ Die allgemein *>

gültigen kirchlichen Gesetze verpflichten, wofern im Gesetz nicht eine

Ausnahme gemacht wird, alle Christen, wo immer sie sind. Die

Frage, ob auch die Häretiker und Schismatiker an die Bestimmungen

des gemeinen Kirchenrechts gebunden seien, ist nur dann praktisch,

wenn Rechtsverhältnisse derselben vor das kirchliche Forum kommen.

Hier sind die Sätze des Kirchenrechts anzuwenden. Die partiku- Zy>

lären kirchlichen Gesetze verpflichten diejenigen, welche im betreffenden

Territorium ihr Domizil haben. Wer sich aber gerade aufserhalb

seines Territoriums aufliält, ist an ein solches Gesetz nicht

gebunden ^. Aus diesen Sätzen ergiebt sich , wie es sich hierin mit

den Fremden (peregrini, vagi) verhält. Dieselben sind an die allgemein

gültigen kirchlichen Gesetze gebunden. Dagegen sind sie

nicht verpflichtet durch die partikulären kirchlichen Gesetze des

Territoriums, das sie verlassen haben. Ebensowenig durch die Gesetze

des Territoriums, in welchem sie sich gerade aufhalten, aufser

diese wollen ausdrücklich auch die Peregrini und Vagi treff'en, oder

es würde durch Nichteinhaltung Ärgernis gegeben,

oder die öffentliche

Sicherheit gefährdet. Was die Privilegien des gegenwärtigen Aufenthalts

betrifft, so dürfen die Fremden von denselben Gebrauch

machen, nicht aber von denen der Heimat, aufser sie seien ihnen

persönlich eingeräumt. Was endlich die Frage anlangt, ob_der Gesetz-

» 1 Kor. 5, 12. C. 1, X h. t. I, 2. C. 1 Extrav. comin. de M. et 0. I, 8.

2 C. 2 in VIi» h. t. 1. 2.


_

90

!'• BikIi: r>if' Quell. «1. KHs. 1. Alt.sohn. 3. Kap.: Das k. GcspIz u. s. Anw.

geber an .sein eigenes Ciesetz gebunden sei, so geht eine wolilbegründet«'

Meinung dahin, dafs er auf (irund göttlichen (jesetzes unter .Sünde,

nicht aber unter Strafe zu dessen Einhaltung verpflichtet sei , schon

um kein Ärgernis zu geben ^

6. Um über den Sinn eines Gesetzes ganz klar zu werden , ist

die Erklärung (declaratio) und Auslegung (interpretatio) desselben

dienlich. Obgleich nämlich die beiden Worte als synonym gebraucht

werden, so versteht man strenger genommen unter Deklaration die

Auslegung eines an sich klaren, unter Interpretation die eines dunkeln

Gesetzes, Die Interpretation ist entweder eine authentische, oder

eine usuelle, oder eine doktrinelle. Die authentische, die selber wieder

eine generelle oder partikuläre (inter partes) sein kann, geht vom

Gesetzgeber aus und hat Gesetzeskraft, weswegen sie auch necessaria

halfst. Nur direktive Bedeutung hat die doktrinelle Interpretation,

die durch die Rechtsgelehrten erfolgt, und die usuelle, welche durch

die Übung des Gesetzes begründet wird. Weiter teilt man die Interpretation

ein in eine translativa, Übersetzung in fremde Sprachen, in

eine d^claratiya sive comprehensiva, die den klaren Inhalt eines Gesetzes

giebt, in eine correctiva, die die Härten eines Gesetzes mildert, in eine

restrictiva, die das Gesetz auf bestimmte Fälle einschränkt, und in

eine extensiva, die es auf Fälle ausdehnt, die an sich im Wortlaut des

Gesetzes nicht enthalten sind. Wenn man weiter von einer grammatischen,

logischen, historischen und systematischen oder dogmatischen

Interpretation spricht, so sind das nicht Arten der Interpretation, sondern

Mittel zu derselben bezw. zur Kritik: die Feststellung der Wortbedeutung,

die Erfassung des Zusammenhangs der Sätze nach den

Denkgesetzen, die Kenntnis der thatsächlichen Verhältnisse bei Erlafs

des Gesetzes, die Beachtung der Stellung des Gesetzes im ganzen

Rechtskomplex. Mafsgebend für die Interpretation ist in erster Linit;

der Wortlaut. Bleibt dieser dunkel , so ist auf den Willen und die

Absicht des Gesetzgebers , wie sie sich sonst zeigt , zurückzugehen -.

Dieser Wille des Gesetzgebers läfst sich erkennen aus dem Objekt

des Gesetzes (materia legis), ob es sich um eine Gnadensache oder

Justizsache handle, dann aus dem inneren Grund, welcher dem Gesetzgeber

vorschwebte (ratio legis), endlich aus dem Zusammenbau

des ganzen kanonischen Rechts. Bei der Interpretation der Geset/'

finden namentlich die Rechtsregeln (regulae iuris) Verwendung. Di'

Analogie oder die analoge Rechtsanwendung tritt da ein, wo ein.

anwendbare Rechtsbestimmung fehlt , und man hat hierbei aus dem

'

C. 1, 6 X h. t. I. 2. 2 Reg. iur. in VI'- 88. C. 6. X de V. S. V, 4'


••

§ 80. Das kirchliche Gesetz. 97

ganzen Geist des Rechts die Antwort zu suchen. Die Epikie oder

die Anschauung, dafs in einem bestimmt qualifizierten Fall der Gesetzgeber

nicht verpflichten wolle, obschon das Gesetz klar ist, kennt

das Recht als solches nicht.

7. Ein Gesetz endigt entweder durch sich selbst, oder durch

den Gesetzgeber, oder durch Gewohnheit. Durch sich selbst oder aus -r)

einem in ihm selbst liegenden Grunde, wenn der Termin abgelaufen

ist, oder wenn der Zweck nicht mehr erreicht werden kann ^ oder

wenn es dem gemeinen Wohl widerstreitet. Dies gilt aber nur im

allgemeinen. Wenn das Gesetz in einzelnen Fällen oder für einzelne

Personen seinen Zweck nicht mehr erreicht, so hat es deswegen seine

verpflichtende Kraft im übrigen nicht verloren. Hier mufs der Gesetzgeber

einschreiten. Dieser kann ein Gesetz direkt durch Widerruf

(revocatio) aufheben , und zwar ganz (abrogatio) oder teilweise

(derogatio). Die Aufliebung kann aber auch erfolgen durch Erlafs

eines neuen Gesetzes, welches dem alten so entgegensteht, dafs dieses

nicht mehr bestehen kann (obrogatio) 2. So wird eine lex generalis

prior durch eine lex generalis posterior und eine lex specialis prior

durch eine lex specialis posterior aufgehoben. Dagegen wird eine

lex specialis prior durch eine lex generalis posterior nicht aufgehoben,

aufser es geschehe derselben ausdrückliche Erwähnung^. Um so

mehr aber hebt eine lex specialis posterior in dem betreffenden

Bereich eine lex generalis prior auf*. Können aber zwei Gesetze

nebeneinander bestehen, so bleiben beide in Kraft ^. Überhaupt war

es von jeher Grundsatz der kirchlichen Gesetzgebung, die Gesetze

möglichst lang aufrecht zu erhalten und nur dann Änderungen vorzunehmen,

wenn urgens necessitas oder evidens utilitas das fordert '^.

Aufgehoben wird ein Gesetz ferner durch rechtskräftige Gewohnheit 3,

und für einzelne durch Privileg und Dispens.

§ 31.

Die

Privilegien.

Decr. Greg, de privil, V, 33. Lib. sext. V, 7. Const. Clem. V, 7. Extrav.

loanu. XXII. t. 11. Extrav. comm. V, 7.

Suarez, De legibus 1. 8.

Da das allgemeine Gesetz auf alle in gleicher Weise angewandt

leicht zu unerträglichen Härten führt, ist es angezeigt, dafs der

'

C. 60, X de sent. et re iud. II, 28.

'^

C. 1 in VI'" h. t. I, 2.

C. 1 in VI«« h. t. I, 2. Reg. iur. in VI


98

!!• Buch: Die Quell, d. KRs. 1. Abschn. 3. Kap.: Das k. Gesetz u. s. Anw.

Gesetzgeber für bestimmte Fälle Ausnahmen macht. Eine solche

Ausnahme liegt im Privileg. Unter einem Privileg im engeren Siime

versteht man eine besondere, vom gemeinen Kecht abweichende,

bleibende Rechtsnorm, welche nur für eine Pei-son oder eine Sache

oder auch eine Mehrheit solcher, nicht aber ausnahmslos für alle

gleicher Art gegeben wird. „Privilegia sunt leges privatorum, quasi

privatae leges." ^ Unter einem Privileg im weiteren Sinne versteht

man die durchgreifende Rechtsnormierung der Verhältnisse ganzer

Klassen von Personen und Sachen mit Rücksicht auf ihre allgemeinen

Besonderheiten und Bedürfnisse, z. B. die Privilegien der Kleriker.

Es giebt verschiedene Arten von Privilegien : Fr. contra und praeter

oder ultra ius, je nachdem sie gegen das regelmäfsige Recht oder über dasselbe

hinausgehen; pr. affirmativa und negativa: erstere gestatten etwas

sonst Verbotenes, letztere entbinden von einer Pflicht ;

pr. personalia, realia

und mixta, je nachdem sie einem Individuum als solcht-m zukommen oder

einem Ort (pr. locale), einer Kirche, einem Amt, einer Kommunitat verliehen

sind. Wenn letztere zwar der Kommunität als solcher zukommen, aber auch

das einzelne Glied dersjelben sie gebrauchen darf, so sind sie pr. mixta ;

pr. \)erpetua

und temj^oraria , für immer oder nur zeitweilig verliehen ;

pr. pura

(gratiosa) und pr. remuneratoria (onerosa, conventionalia) : erstere sind reine

Gnadenakte, letztere sind für eine Leistung erteilt oder an eine solche gebunden

; endlich pr. favorabilia und odiosa, je nachdem sie eine blofse Gunstbezeigung

enthalten oder zugleich ein Präjudiz gegen einen Dritten.

Berechtigt zur Verleihiuig eines Privilegs ist jeder Gesetzgeber innerhalb

des Bereiches seiner Gesetzgebung. Da die Privilegien meist gegen das

gemeine Recht gehen , so ist der Papst vor allem Verleiher von solchen.

Von seinem Rechte kann der Gesetzgeber auch ohne iusta causa in gültiger

Weise Gebrauch machen; nur ist eine willkürliche Verleihung moralisch unerlaubt.

Erworben werden die Privilegien durch Konzession seitens der kii-chlichen

Oberen. Eine solche kann erfolgen aus eigener Initiative derselben

(motu proprio), oder auf Bitten (ad preces, ad instantiam), mündlich (vivae

vocis oraculo), oder schriftlich (per rescriptum gratiae) *. Sodann können sie

erworben werden durch Kommunikation, indem ein Privileg, das einem ersten

erteilt wurde, durch den Ohern auch einem andern miteingeräumt wird. Dies.'

Kommunikation kann in der Weise erfolgen , dafs das zweite Privileg ganz

durch den jeweiligen Bestand und Umfang des ersten bedingt ist (ad instar

in forma accessoria), oder dafs es hiervon unabhängig ist (ad instar aeqn

principaliter) ^. Die Erneuerung (innovatio) oder Bestätigung (contirmati'

ist in der Regel keine Erwerbsart für Privilegien. Eine solche findet g'

'

C. 3, D. III. C. 25. X de V. S. V. 40.

* C. 7. C, XXV, q. 2; c. 2 in Clem. de sepult. III. 7. C. 3 Extrav. conii.

de poenit. V, 9. » C. 25. X h. t. V, 33. Reg. iur. in VI'" 42.


:

§ 31. Die Privilegien. 99

wohnlich in der Absicht statt, um sich an Stelle einer verdorbenen oder verlorenen

Urkunde eine neue zu verschaffen und sich dadurch gegen jede Ableugnung

und Anfechtung des Privilegs sicherzustellen (confirmatio in forma

communi oder ordinaria). Die Erneuerung giebt dem Privilegierten nicht

mehr Recht, als das erste Privileg gewährte, und läfst es auch unentschieden,

ob das frühere Privileg noch in Kraft besteht '. Dagegen ist die confu-matio

specialis oder ex certa scientia juristisch eine Neuerteilung eines Privilegs,

auch wenn das alte von Anfang an nichtig war oder inzwischen erlosch.

Endlich kann ein Privileg durch Verjährung erworben werden ^

Die Privilegien bedürfen keiner Promulgation. Sollen sie aber allgemein

anerkannt werden, so ist solche nötig ^. Vor dem kirchlichen Richter ist die

Urkunde zu produzieren *. Auch sind die Privilegien , Avelche Rechte gegen

Dritte verleihen, diesen zu insinuieren ^.

Ihrer Natur nach bedürfen die Privilegien als Gesetze keiner Annahme

\^n seiteil des Privilegierten, um Geltung zu erhalten. Auch sind manche

Privilegien um des ganzen Standes willen erlassen, so dafs der Einzelne nicht

auf sie verzichten kann, z. B. die der Kleriker. Aber es gilt doch der Satz

B(OTe_ficia_ non obtruduntur ". Daher ei-langt ein Privileg, auf das man verzichten

kann, erst Geltung durch die Annahme.

Wer ein Privileg besitzt, ist berechtigt bezw. verpflichtet, alles zu thun,

was es gestattet und was notwendig ist, um es zur Geltung zu bringen.

Die Auslegung desselben hat nach den für die Interpretation der Gesetze

allgemein gültigen Regeln zu geschehen. Näherhin sind die Privilegien,

welche eine Vergünstigung enthalten , largissime zu interpretieren ''. Strikte

aber sind auszulegen jene, welche gegen das gemeine Recht gehen oder ein

Präjudiz gegen einejij)ritten enthalten ^ Nie aber darf die Ausdehnung über

den eigentlichen Sinn des Wortlautes gehen,

wie anderseits die Einschränkung

das Privileg nicht allen Gehaltes berauben darf ^ Das spezielle Privileg geht

dem generellen, das unbeschränkte dem beschränkten vor ; das spätere hebt

aber das frühere spezielle nur auf, wenn es ihm ausdrücklich derogiert '".

Jede Handlung oder richterliche Sentenz gegen das Privileg ist nichtig '^

Und

der im Gebrauch seines Privilegs Beeinträchtigte kann auf verschiedent-

'

C. 13, 29, X h. t. V, 33.

2 C. 4, 18, X de praescript. II, 26. C. 26, X de V. S. V, 40.

3 C. 29 (Conc. Lat. II, a. 1139, c. 15), C. XVII, q. 4.

* C. 7, 8, 13, 14, X h. t. V, 33. Die alten oracuia vivae vocis wurden widerrufen

von Gregor XV., „Romanus pontifex" (2. Juli 1622), und Urban VIII., „Alias"

(20. Dez. 1631).

5 C. 19, X h. t. V, 33. C. 1 in VI'" de concess. praeb. III, 7.

« L. 60, D. de reg. iur. L, 17.

C. 16, X de V. S. V, 40. Reg. iur. in V?" 15.

« C. 12, X de oif. iud. ord. I, 31. ^ C. 7, 9, 16, 26, 30, X li. t. V, 33.

'» Reg. iur. in VI'» 34. C. 1 in VP° constit. I, 2.

de

" C. 10, X de elect. I, 6. C. 21, X de sent. et re iud. II, 27.


;

;

100 "• Huch: Die Quell, d. KRs. I. Abschn. 3. Kap.: Das k. Gesetz u. s. Anw.

liehe Weise sich verteidigen, (hirch Versagung des Gehorsams, durch Forderunir

einer Nullitiitscrklärung der entgegenstehenden Handlung, durch Rekurs

an den Verleiher, durch eine entsprechende KlaL'e '.

Die Privilegien erlöschen :

durch Gründe, die in ihnen .sellitr liegL-ii : durch den Tod d«*.s i'rivilegierten

ein i>ersönliches Privileg *, durch Untergang der Sache ein sachliches',

durch Ablauf des Termins, durch Nichteintritt einer Suspensiv-,

durch Eintritt einer Resolutivbedingung *

durch Widerruf seitens des Verleihers. Zum erlaubten Widerruf von

l-*ri\nleg:ien, die eine Gnade enthalten, mufs eine iusta causa vorhanden sein,

wie Miisbrauch \ zu grofse Beschwerung einer dritten Person ", das Gemeinwohl

". Der Widernif kann ein stillschweigender oder ein ausdrücklicher

sein. Ein stillschweigender ist dann vorhanden, wenn der Gesetzgeber einen

Akt vorninmit, mit dem sich der fernere Bestand des Privilegs nicht verträgt.

So hebt ein allgemeines Gesetz alle entgegenstehenden allgemeinen Privilegien,

so namentlich die im Corpus iuris canonici enthaltenen, nicht aber ein

Privilegium speciale auf. Ein früheres spezielles Privileg wird durch ein

nachfolgendes gleicher Art nur beseitigt, wenn das ausdrücklich bestimmt

wird. Ein ausdrücklicher AViderruf ist dann vorhanden, wenn das betreffende

Privileg mit klaren Worten aufgehoben wird oder solche Derogationsklauseln

dem Gesetz beigefügt sind, dafs kein Privileg mehr daneben bestehen kann,

wie: ,non obstantibus quibuscumque privilegiis", oder: ,non . . . sub quacumque

verborum forma conccptis**, oder: ,non . . . etiamsi eorum mentio ad verbum

fieri

deberet*"

durch Verzicht des Privilegierten '. Damit aber der Verzicht gültig

ist, mufs er frei und ohne Irrtimi geschehen'". Nicht aber kann der Privilegierte

verzichten auf Privilegien, welche dem St^de oder Amte oder einer

Kommunität verliehen sind, so dafs diese duich deren Aufgabe geschädigt

würdt-n ";

endlich durch Nichtgebrauch. An sich geht ein Privileg durch Nichtgebrauch

nicht verloren. Wohl aber kann das durch Verjährung geschehen.

So hört das Recht aus einem Privilegium negativum auf durch praescriptio

acquisitiva zu gunsten dessen, zu dessen Nachteil das Privileg eine Befreiung

gewährte, und das Recht aus einem Privilegium affirmativum durch usucapio

libertatis zu gunsten dessen, der durch das Privileg verpflichtet ist.

t. V, 33.


C. 5, X de excess. prael. V, 11. C. 7. X h. t. V, 33. C. 4, 24, 26, X h.

2 Reg. iur. in VI»" 7. » C. 2, X de relig. dorn. III, 36.

« C. ö in VI'« de rescr. I, 3.

• C. 11, 24, X h. t. V, 33. C. 45, X de sent excorom. V. 39.

« C. 9, X de decim. III, 30.

" C. 16. X de der. non resid. III, 4.

• C. 1 in VI»" de const. I, 2. Reg. iur. in VI«" 34.

» C. 6, X h. t. V, 33. •» C. 5, X de renunt. I, 9.

" C. 5. X de arbitr. I, 43. C. 36, X de sent. excomm. V, 39.


§ 32. Die Dispensationen. 101

Die

§ 32.

Dispeiisatioueii.

D. L. C. L q. 7. Decr. Greg.; Lib. sext. I, 2 de constit.

F. Vei-iiig , De principiis dispensatiomira (A. f. k. KR. I [1857], 577 ff.)f

A. Scheurl, Der Dispensationsbegriff d. kan. Rechts (Z. f. KR. XVII [1882], 201 ff.).

H. Brandhubcr v. Etschfeld, Über Dispensation u. Dispensationsreclit n. kath. KR.

1888. M. A. Stiegler, Dispensation u. Dispensationswesen in ihrer gesch. Entwicklung

(A. f. k. KR. LXXVII [1897], 3 ff.).

Unter Dispens versteht man eine vom zuständigen Obern für

einen bestimmten Fall gegebene Befreiung vom Gesetz, entweder so,

dafs dasselbe keine Wirkung haben soll , oder so , dafs die bereits

eingetretenen Wirkungen wieder aufgehoben werden. Der Unterschied

zwischen Privileg und Dispensation ist der, dafs das Privileg den allgemeinen

Rechtssatz selbst aufhebt und an dessen Stelle ein anderes

singuläres Recht setzt, dafs dagegen die Dispensation keinen Rechtssatz

aufhebt, sondern nur die Wirksamkeit eines solchen für einen

bestimmten Fall. Das Privileg schafft objektives Recht, die Dispensation

subjektives.

Der Begriff der Dispensation war lange unbestimmt. Als Dispensation

galt jede Aufhebung eines Gesetzes, mochte sie eine gänzliche oder teilweise

sein, oder mochte auch nur eine Entbindung von demselben für einen einzelnen

Fall zum voraus oder von seinen nachträglichen Wirkungen (Absolution)

erfolgt sein. Erst die Dekretisten , vor allen ßufin , begannen, die Dispensation

als die Aufhebung der Wirksamkeit eines Gesetzes für einen Einzelfall

zu definieren. Ebensowenig bestimmt als die Frage, was Dispensation

sei, wurde die beantwortet, wer dispensieren dürfe. Zwar haben die Päpste

schon frühe von den Kanonen dispensiert. Aber ein gleiches Recht übten

auch die Partikularsynoden und die Bischöfe aus. Bald jedoch fing man an,

die Päpste in wichtigeren Fällen um Dispens anzugehen '. In andern reservierten

sich dieselben die Befugnis hierzu -. Zuletzt aber stand schon im

Interesse der Gleichförmigkeit nur noch den Päpsten wie das oberste Gesetzgebungsrecht

so das oberste Dispensationsrecht zu, so dafs die Bischöfe und

Partikularsynoden von allgemeinen Gesetzen nicht mehr dispensieren konnten,

trotz gegenteiliger Bestrebungen ^.

Während man früher die Dispensation mehr als Akt der Verwaltung

ansah, betrachtet man heute das Dispensationsrecht als Aus-

'

C. 56 (Siricius a. 385), D. L. C. 7 (Innoc. I. a. 414), C. I, q. 7. C. 18

(Leo I. a. 446), C. I, q. 7. C. 6 (Gelas. I. a. 492), C. I, q. 7.

-

C. 17, 18, X de fil. presb. I, 17.

^ C. 4, X de concess. praeb. III, 8. Bened. XIV. „Magnae'' v. 29. Juni 1748.

Pii VI. responsio ad metropolit. Mogunt. etc. (14. Nov. 1789) c. 4. Id. „Auctorem

tidei" (28. Aug. 1794). Prop. damn. n. 6 sqq.


l02

II. r.ucli: Die Quell, d. KHs. 1. Abschn. 3. Kap.: Das k. Gesetz u. 9. Anw.

flufs der Gesetzgebiingsgewalt. Es kann also jeder JDberg^jiuL'^'on

seinen Gesetzen dispensieren. Demgemäfs dispensiert der Papst von

allen kirchlichen, nicht aber von den göttlichen Gesetzen.

es sich hüchstons um eine Erklärung in einem zweifelhaften Fall.

Hier handelt

Seine

Dispensationsbefugnis übt der Papst in der Kegel inforojnterno durch

die Pünitentiarie, in foro externe durch die^atarie, in den Missionsgebieten

für beide Kechtsbereiche durch die^ropaganda,

endlich durch

die J


§ 33. Begriff und Einteilung. 103

V

legung (causa cognita ac summa maturitate), endlicli unentgeltlich

(gratis) 1. Letzterer Bestimmung widersprechen nicht die auch heute

noch nach Stand und Vermögen erhobenen Taxen, Sie sind nämlich

nicht ein Entgelt für die gewährte Dispens,

sondern teils bloi'se Kanzleitaxen

zum Bestreiten der Expeditionskosten, teils sogen. Kompositionen

oder Bufsen, welche bei Dispensationen in foro externo gefordert

werden, zu häufige Gesuche um Dispensen verhindern sollen und für

kirchliche Anstalten in Rom verwendet werden.

Die Form , in welcher die schriftliche Dispensation erfolgt , ist

die des Reskriptes. Der telegraphische Weg ist bei Dispensgesuchen

nach Rom ausgeschlossen 2.

Da die Dispensationen wie die Privilegien vulnera legis sind, so

sind sie sü^ikte zu interpretieren, aufser sie wären motu proprio, der

Gesamtheit oder um des gemeinen Wohles willen erteilt.

Die Dispensationen erlöschen durch^evokation des Gesetzgebers,

durclr Verzicht , sobald der Gesetzgeber denselben annimmt, endlich

durch '^gänzlichen Wegfall des Dispensationsgrundes.

Zweiter Abschnitt.

Die formellen Quellen des Kirehenreclits.

§ 33.

BegTÜf und Einteilung.

Da aus den materiellen Quellen des Kirchenrechts fortwährend

neuer kirchlicher Rechtsstoff flofs , entstand das Bedürfnis nach

Sammlungen des kirchlichen Rechts. Diese Sammlungen sind gegenüber

den Entstehungsquellen oder den materiellen Quellen des Kirchenrechts

die Erkenntnisquellen desselben oder die formellen Quellen

des Kirchenrechts. Weil solche Sammlungen vor allem Kanonen

der Synoden enthalten , werden sie vorzugsweise Kanonensammlungen

genannt. Im weiteren Sinne freilich fällt unter den Begriff

der formellen Rechtsquelle alles, woraus die Kenntnis des kirchlichen

Rechts gewonnen werden kann. Ajifäiiglich stellte man die

Kanonen einfach nach ihrer zeitlichen Entstehung zusammen. Später

schritt man dann zu wissenschaftlicher Gruppierung und Verarbeitung

des Stoffes fort. So ergaben sich chronologische und syste-

'

Sess. XXV de ref. c. 18.

^ Cirkularschreiben d. Kardinalstaatssekretärs v. 10. Dez. 1891.


104 !'• J^"f 1' : Die Quellen di-s KKs. 2. Absclin. : Die form. Quellen des KRs.

niatischo Sammlungen, Ferner unterscheidet man pri vate und öffentliche

oder autlientische Sammlungen ,

je naclideni sie nur von einem

Privatmann herrühren, oder von der kirciilichen Obrigkeit selber veranstaltet

oder wenigstens gutgeheifsen worden sind. Weiterhin ergeben

sicli allgemeine und besondere Sanunlungen. Die allgemeinen

Sammlungen enthalten nur allgemeingültigen kirchlichen Kechtsstoff.

die besonderen nur partikuläre kirchliche Gesetze für einzelne Länder.

Provinzen und Diözesen. Besondere oder partikuläre Sammlungen

sind aucli jene, welche sich auf bestimmte Gebiete der kirchlichen

Rechtsordnung, wie die Ehe, die Bufse u. s. w., beschränken. Endlich

unterscheidet man echte und unechte Sammlungen. Letztere verwerten

Stoff, der entweder nicht von der angegebenen Quelle stammt

oder wenigstens nicht so, wie er aufgeführt wird. Da das Corpus

iuris canonici den Mittelpunkt der formellen Quellen des Kirchenrechts

bildet, so werden sie sachgemäfs eingeteilt in solche bis zum

Corpus i. c, das Corpus i. c. und solche nach dem Corpus i. c.

I. Die Rechtssammlungen bis zum Corpus iuris canonici.

§ 34.

Die pseudoapostolischeii Sammlungen.

Samml.: J. IV. BickeJl, Gesch. d. KRs. (1843 ff.), 1. Lief., S. 107 ff. P. de Lagarde,

Reliquiae iur. eccles. antiquissimae. 1856. Den*., Constitutiones apostolorum.

1862. J. B. F. Piti'ft , Iur. eccles. Graecoruni historia et monumenta. 1864 sqq.

Fh. Bri/enniiis, Jida/rj rwv dwSexa fi-oaröXw^. 1883. F. X. Funk, Doctrina duodecim

apostolorum. 1887. A. Haruack, Die Apostellehre u. d. jüd. Beiden Wege.

2. Aurt. 1895. J. E. Hahmani , Testamentum Domini nostri Ie.su Christi. 1899.

— Litt.: J. S. Dri'n, Neue L'ntersuchungen üb. d. Konstitutionen u. Kanones d.

Apostel. 1>'32. Bickell a. a. 0. 52 ff. Haruack, Die Lehre d. zwölf Apostel nebst

Untersuchungen z. ältest. Gesch. d. Kirchenverfassung u. d. KUs. 1894 (Texte u.

Unters. II, 1, 2). Ders., Die Quellen d. sogen. Apostol. Kirchenordnung nebst e.

Unters, üb. d. Ursprung d. Lektorats etc. 1886 (Texte u. Unters. II, 5). Funk,

Die Apostol. Konstitutionen. 1891. Ders., Das achte Buch d. Apostol. Konstit. u.

d. verwandt. Schriften auf ihr Vcrhältn. neu unters. 1894. I>ers., Das achte Buch

u. d. V. Seh. (Hist. .Ib. XVI [1895], 1 ff.). H. AchclUi, Die ältest. Quellen d. orient.

KRs. 1. Buch: Die Canones Hippolyti. 1891 (Texte u. Unters. VI, 4). Das., Hippolytus

i. KR. (Z. f. Kgschte. XV [1894] , 1 ff.). Fii. Schneider, Die Lehre v. d.

Kirchenrechtsquellen (2. Aufl. 1892) 44 ff. Zur weit. Litt. vgl. O. Bardenheirer,

Patrologie (1894) 23 ff.

Aufser der Heiligen Schrift, die wie materielle so auch formelle

Quelle des Kirchenrechts ist, haben wir aus den ersten christlichen

Jahrhunderten nur wenige kirchenrechtliche Sammlungen bezw, Schriften,

die kirchenrechtlichen Stoff enthalten. Immerhin kursierten damals

unter dem Namen der Apostel mehrere apokryphe Schriften


§ 34. Die pseudoapostoliscben Sammlungen. 1()5

über die christliche Sitte und verschiedene Materien der kirchlichen

Rechtsordnung.

Zu nennen sind: die Jcoa^q tmv dwdsxa d-ocrzo/uoy, Doctrina duo- ^,

decim apostolorum, welche, Ende des 1. Jahrhunderts an unbestimmbarem

Orte entstanden, in ihrem zweiten Teil Vorschriften giebt über

Behandlung der Wanderprediger oder Apostel und der Propheten,

über die Feier des Sonntags, die Wahl der Bischöfe und der Diakonen

u. s. w. Sodann : die KavovsQ h.yJ.T^maaziXfn riov ajiMV (iTzoaTÖXmv,

Canones apostolorum ecclesiastici , die sogen. Apostolische Kirchen- ^

Ordnung, wohl in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts in Ägypten

entstanden. In iln-em ersten Teil ist sie eine Überarbeitung der Didache

, in ihrem zweiten aber ist sie selbständig und enthält von

c. 15 ab Rechtsbestimmungen über die Wahl des Bischofs, Bestellung

der Presbyter, der Lektoren, Diakonen und deren Eigenschaften.

Ferner: der "(9/)oc; xo.vovixoq zojv ajicov a.r^oozöXco'j ^ Definitio canonica

SS. apostolorum, das kanonische Gesetz der heiligen Apostel, achtzehn

bezw. dreiunddreifsig dem 4. Jahrhundert entstammende Pönitentialkanonen.

Weiterhin : die jüngeren neun Kanonen der apostolischen

Sjnode von Antiochien.

Die bedeutendste Sammlung von kirchenrechtlichem Stoffe aber,

die unter dem Namen der Apostel läuft, sind die Aiarayai (auch oiazagatg)

tcov ay'uov drcoaroXcov, Constitutiones apostolicae, die Apostolischen _J

j

Konstitutionen. Dieselben sind wohl im Anfang des 5. Jahrhunderts

in Syrien entstanden. Der Autor ist identisch mit dem Interpolator

der Ignatiusbriefe und war seiner tlieologischen Richtung nach Apollinarist.

Grundschrift für die ersten sechs Bücher ist die der ersten

Hälfte des 3, Jahrhunderts entstammende, ursprünglich griechische,

aber nur in syrischer und teilweise auch in lateinischer Übersetzung

erhaltene Didaskalia; für das siebente Buch bildet die Didache die

Grundlage. Die Quellen des achten Buches sind mit Ausnahme der

Schrift Hippolyts nep\ yafnaiKJxcov noch nicht vollständig festgestellt.

Die sechs ersten Bücher handeln neben anderem von den Eigenschaften

und Pflichten der Geistlichen, von der Ordination, vom Cölibat und

von der Gültigkeit des mosaischen Gesetzes. Das achte Buch handelt

besonders von den Charismen und der Ordination des Klerus. Das

kirchliche Urteil, näherhin das Trullanum a. 692, c. 2, hat das Werk

als von den Häretikern verfälscht verworfen.

Dagegen hat diese Synode die den Apostolischen Konstitutionen

angehängten 85 Apostolischen Kanonen als echt anerkannte

Diese ent-

'^'''

>

C. 4, D. XVI.


l(l(J II. Biuh: Die Quellen des KRs. 2. Abschn.: Die form. Quellen des KRs.

halten ebenfalls vielen kirchenrechtlichen Stoff über den Klerus, seine

Wahl und Ordination, sein sittliches Verhalten, seine Obliegenheiten.

Sie sind zum Teil den Apostolischen Konstitutionen entnommen, zum

Teil den Konzilien des 4. Jahrhunderts. Ihr Verfasser ist identisch

mit dem der Konstitutionen, Im Occident erklärten sie die Päpste

für apokryph *. Auch Diom/siiis Exifjnus nennt sie um das Jahr 500

,canones, qui dicuntur apostolorum", übersetzte aber doch die fünfzig

ersten ins Lateinische und nahm sie in seine Kanonensammlung auf.

Von da kamen sie in andere Sammlungen, so in die Pseudoisidors.

und wurden dann benutzt im Decretum Gratiani, in den Compilationes

antiquae und in den Dekretalen Gregors IX. 2

§ 35.

Die Sammlungen des Orients.

Samml.: G. VoelUis et H. JusteUiia, Bibliotheca iur. can. veteris. Faris. 1G61.

G. Bevcregius, lu^odtxöv sive Pandectae canonum etc. O.xon. 1672. J. S. Anfemani,

Bibliotheca iur. Orient, can. et civ. Rom. 1762 sqq. G. E. Heimhach , \hixoora.

1838 sqq. IL Th. Briins, Canones apostolorum et conciliorum veterum selecti. 1839.

C. E. ZacJuiriü r. Lingenthal, Collectio libronim iur. graeco-romani ineditorum. 1852.

r. A. 'PdD.fj xat M. Ili')7^.7j, ^•'j-^ra/fj.a zw> ^9siio> xal cspü» xa-^ünw.' etc. 1852 sqq.

J. B. F. Pltra, Monumenta cf. § 34. F. Lauchert, Die Kanonen d. wichtigsten altkirchl.

Konzilien. 1896. IV. Riedel, Die Kirchenrechtsquelien d. Patriarchats Alexandrien,

zusammengest. u. z. T. übers. 1900. — Litt.: Die einschlägigen Arbeiten

von de Marca , Coiistant , Berardi und namentlich der Brüder P. u. //. Ballerini

finden sich in A. Gallandiun , De vetustis canonum collectionibus dissertationuni

sylloge. I. Mogunt. 1790. Z. B. van Espen, Tract. bist. -can. exhibens schoJia in onines

canones conciliorum. Leod. 1693. F. A. Biener, De collertionibus canonum eccles.

graec. schediasma litterarium. 1827. Devs., Das kan. Rejcht d. griech. Kirche (Krit.

Z. f. Rechtswiss. XXVIII [1856], 163 ff.). J. Hergenröther, Das griech. KR. b. z.

Ende d. 9. Jhdts. (A. f. k. KR. XXIII [1870], 155 ff.). F. Maa/sen, Gesch. d.

Quellen u. d. Litteratur d. kan. Rechts im Abendlande b. z. Ausgang d. MAs.

(1870) I. K. E. Zuchariä r. Lingenthal, Die griech. Nomokanones. St. Petersburg

1877 (M^ra. de l'Acad. Imp. des sciences ser. 7, t. XXIII, n. 7). Dem., Über d.

Verf. u. d. Quell, d. (pseudo-photian.) Nomokanon in XIV Titeln. Ebd. 1885 (M^m.

ser. 7, t. XXXII, n. 16). Schneider 47 ff.

Nachdem die Christenverfolgungen geendet und das Christentum

zuletzt Staatsreligion geworden war, da erliefsen die zahlreichen

Synoden eine Reihe von Kanonen, welche in Sammlungen zusamniengefafst

wurden ^. Zuerst scheinen die Kanonen der Svnode von An-

' C. 3, § 64 (Gelas. I. a. 494-496), D. XIV.

- C. 3, D. XVI. C. 1 (Leo IV. a. 850) , D. XX. C. 14 , D. XXVIII ist c. •

der Apostol. Kanonen; c. 3, D. LXXXVIII ist c. 7 derselben etc.; c. 1, X de fideins-

III, 22 ist c. 20 derselben. Trid. sess. XXV de ref. c. 1.

* Aus den Konziliensammlungen seien hier genannt : Ph. I^abbe et G. Cossar .

Sacrosancta concilia. Paris. 1671 sq. J. Harditin, Acta conc. et epistolae decretaU -


§ 35. Die Sammlungen des Orients. 107

cyra (a. 314) und von Neocäsarea (a. 314) in Pontus zusammengestellt

worden zu sein. Diesen wurden angeschlossen die der Synode

von Gangra (a. 343) ^ und allen vorangestellt die von Nicäa (a. 325).

Beigegeben wurden dann die von Antiochien (a. 341). Ein Kodex,

der die Gesetze dieser Synoden in fortlaufender Zählung enthielt, lag

der Synode von Chalcedon vor, wurde aber keineswegs als solcher

von ihr approbiert 2. Weiter kamen dazu die Kanonen von Laodicea

(nach 345), von Konstantinopel (a. 381), von Ephesus (a. 431), von

Chalcedon (a. 451). Zuletzt wurden beigefügt die von Sardika (a. 343)

und die 85 Apostolischen Kanonen an die Spitze gestellt ^.

Nach dieser chronologischen Sammlung entstanden im 6. Jahrhundert

mehrere systematische. Von unbekanntem Verfasser wurde

um das Jahr 535 eine solche mit sechzig Titeln hergestellt. • Sie

ging aber verloren, Erhalten blieb jedoch der Anhang von fünfundzwanzig

das Kirchenrecht betreffenden Konstitutionen des Codex

Justinianeus als Collectio XXV capitulorum *, Auf Grund dieser

Sammlung verfafste um 550 der antiochenische Presbyter und Scholastikus

und spätere Patriarch von Konstantinopel Johannes eine

Collectio canonum , lüvo-ycoy/] xauöucou, mit fünfzig Titeln 5, der er

einen Anhang aus den Novellen Justinians, genannt Collectio LXXXVII

capitulorum *^,

beifügte.

Eine besondere Art von kirchenrechtlichen Sammlungen in der

orientalischen Kirche sind die Nomokanonen, d. h. Sammlungen, in

welche-n den betreffenden kirchlichen Kanonen bezw. Titeln gleich

die einschlägigen weltlichen Gesetze (auvadovTo. vomno.) beigefügt

werden.

Zu diesen gehören der dem Johannes Scholastikus fälschlicherweise

zugeschriebene Nomokanon aus dem Ende des 6. Jahrhunderts

in fünfzig Titeln"^ und der im 7. Jahrhundert entstandene, wohl

durch Fhotius überarbeitete Nomokanon vonl Jahre 883 '^. An diese

Sammlungen schlofs sich nach dem Schisma die schriftstellerische

Thätigkeit des Bestes im 11., des Zonaras und Balsamon im 12. und

'^

sqq. Heimbach 1. c. II, 202 sqq.

ac constitutiones summ, pontif. ab a. Chr. 34 usque ad a. 1714. Paris. 1715. J. D.

Mansi, Sacr. conc. nova et amplissima collectio (bis 1439). Flor, et Yen. 1759 sqq.

Collectio Lacensis, Acta et decr. s. concil. recentior. 1870 sqq. Hefele-Hcrgenröther-

Knöpfler, Konziliengeschichte. 2. Aufl. 1873 ff.

1

0. Braun, Die Abhaltung d. Synode v. Gangra (Hist. Jb. [1895], 586).

2 C. 14, C. XXV, q. 1.

3 c. 7 (^Trull. a. 692, c. 2), D. XVI.

^ Hcimbach, W'A/.ooTa. IT, 145 sqq.

^ VoeÜHS et Justellus, Bibl. II, 499

'

FocUtts et Justellus 1. c. II, 603 sqq.

« Ibid. II, S13 sqq. Pilra 1. c. II, 483 sqq.


:

108 II- Bu?

36. '^

Die Sainmliingeu des Occideiits bis Pseudoisidor.

Zu d. Samml. u. d. Litt. vgl. § 35. Grundlegend ist d. Werk v. Man/sen.

Wie für den Orient, so lieferten die morgenländischen Synoden

durch ilne nunmehr in das Lateinische übertragenen Kanonen den

kirchlichen Rechtsstoff auch für den Occident, und zwar zunächst die

Synode von Nicäa. Mit deren Kanonen wurden die von Sardika,

welche gleich von Anfang an griechisch und lateinisch abgefafst waren,

so eng verbunden, dafs sie durchlaufend numeriert und auch von

Päpsten als nicänisch angeführt wurden 2. Dazu kamen als weiterer

Rechtsstoff die Kanonen der abendländischen Synoden 3

und die Briefe

der Päpste *. Doch nicht blofs übersetzt wurden die Kanonen der

griechischen Synoden, sondern auch in Sammlungen zum Teil für

sich, zum Teil mit abendländischen Synoden zusammengefafst. Ebenso

wurden die päpstlichen Dekretalen in die Sammlungen aufgenommen.

1. In Italien entstanden im Laufe des 5. Jahrhunderts zwei Übersetzungen

und Sammlungen der griechischen Synoden, die eine

Collectio Jsidoriana vel Hii^pana und die andere CoJIectio_j)rjsca_^e\

Itala genannt. Erstere wird so genannt . weil die unten zu erwähnende,

irrtümlich dem hl. Isidor von Sevilla zugeschriebene

spanische Sammlung die griechischen Konzilien in dieser in Italien

'

K. Kniinhuchc)', Gesch. d. byzant. Litteratur v. Justinian b. z. Ende d. oströra.

Reiches (2. Aufl. 1897) 607 f. - Joffe, Reg. Nr. 347.

^ Aus den Konziliensanimlungen der einzelnen Länder seien hier angeführt

J. Fr. Schannat et J. Hartzhehn, Concilia Germaniae. Col. 1759 sqq. J. Sirmotui,

Conc. antiqua Galliae. Paris. 1629. F. Maa/sen, Conc. aevi Merovingici (M. G. LL.

sect. 3). 1893 sqq. J. S. A'juirre, Coli. niax. conc. Hispaniae. Ed. nov. Rom. 1753 sqq.

D. Wilkins, Conc. magna Britanniae et Hiberniae. Lond. 1737. Huddan and Stuhb-,

Councils etc. relating to Great- Bretagne and Ireland. 1869 ff.

* An Sammlungen der Papstbriefe seien hier erwähnt : P. Comtatit, Epist. rom.

pontif. a. s. demente usque ad Innocentium III. (nur ein Band erschien, gehd. b. a.

440). Paris. 1721. C. T. G. ScJiönonaiin, Pontif. rom. a Clem. I usque ad Leon. M.

genuinae . . . epist. Gott. 1796. A. Tlticl, Epist. rom, pontif. genuinae . . a s. Hilaro

,

usque ad Pelagium II. 1868. Die Briefe Leos I. sind in seinen Opp., ed. Bal-

lernii ,

Migiw LIV. Die Briefe Gregors d. Gr. befinden sich in seinen Opp., ed.

Mmir., Mifjne LXXVII; separat hgg. v. P. Ewald u. M. Harhnann (M. G. Epp.

t. I). 1887 sqq. Die Briefe Gregors VII. edierte Jaff(' in Monumenta Gregoriana.

Berol. 1865. Alle Papstbriefe bis Innocenz III. verzeichnet .Taffv, Regesta etc.


§ 36. Die Sammlungen des Occidents bis Pseudoisidor. 109

entstandenen Übersetzung enthält. Die zweite Version wird „prisca"

genannt, w'eil Dionysius Exiguus in der Vorrede zu seiner Kanonensammlung

sagt, dafs ihn der Presbyter Laurentius zu einer neuen

Version der griechischen Kanonen aufgefordert habe „confusione

priseae translationis offensus" i. Es ist aber wohl möglich, dafs hiermit

auch die sogenannte Isidoriana oder keine von beiden, vielmehr

eine andere in Italien vorhandene Übersetzung gemeint war.

Die gröfste Bedeutung aber erhielt in Italien und weit über

Italien hinaus die Kanonensamralung des D}£>i^siiis Exiguus. Dieser

war Skythe von Geburt, wurde Mönch, kam nach dem Tode des Papstes

Gelasius (f 496) nach Rom und machte dort Ende des 5. oder Anfang

des 6, Jahrhunderts auf Bitten des Presbyters Laurentius, namentlich

aber des Bischofs Stephanus von Salona im heutigen Dalmatien, eine

neue Übersetzung der griechischen Kanonen. Diese Sammlung, die

in zwei Redaktionen vorhanden ist, enthält in der zweiten, überarbeiteten

an der Spitze die fünfzig ersten apostolischen Kanonen,

dann in 165 fortlaufenden Nummern die Kanonen von Nicäa, Ancyra,

Neocäsarea, Gangra, Antiochien, Laodicea und Konstantinopel. Dann

folgen je für sich numeriert die Kanonen von Chalcedon und Sardika

und endlich die auf dem Konzil von Karthago im Jahre 419 approbierten

138 Kanonen. Später, wohl unter Papst Symmachus (498

bis 514), veranstaltete Dionysius eine Sammlung von päpstlichen Dekretalen

von Siricius (384—398) bis Anastasius II. (f

498). Zuletzt

verfafste er auf Befehl des Papstes Hormisdas (f 523) eine dritte

Kanonensammlung, in welcher der griechische und lateinische Text

parallel nebeneinander gestellt war. Aber diese letztere Sammlung

haben wir nicht mehr. Die Kanonen- und die Dekretalensammlung

wurden zu einer verbunden und erhielten als Corpus canonum oder

Corpus codicis canonum das gröfste Ansehen und die weiteste Verbreitung

in Gallien, Spanien, Afrika und England, ja selbst im Orient ^.

Im weiteren Verlauf erfuhr dieselbe mannigfache Veränderungen,

namentlich durch Beifügung von päpstlichen Dekretalen zum zweiten

Teil. Ihre höchste Bedeutung aber erreichte die Dionysiana dadurch,

dafs sie Papst Hadrian I. in etwas veränderter Form Karl d. Gr.

im Jahre 774 zum Geschenke machte und dafs dann die Dionysio-

Hadriana auf der Reichsversammlung zu Aachen im Jahre 802 als

„codex canonum" zum allgemein

gültigen Gesetzbuch der fränkischen,'

'

Mkjnc LXVII, 141. — Gedruckt ist die Versio prisca bei Vocllus et JusteUu.-;

Bibl. II, 277 sqq., bei Migne LVI, 747 sqq.

2 Gedr. b. VoeUits et JusteUun I. c. 101 sqq., bei Migno LXVII, 139 sqq.


110 II. Ihich: Die Quellen des KRs. 2. Abschn.: Die form. Quellen des KRs.

Kirche erklärt wurde ^ Papst Nikolaus I. mufste später ausdrUcklicli

erklären, dafs diese Sammlung keineswegs die allein gültige sei -.

Aus den andern zahlreichen, fast gleichzeitig mit der Dionysiana

entstandenen italieni-schen Versionen und Kollektionen verdient besonders

bemerkt zu werden die Avdlana, die mehr als zweihundert

kaiserliche und päpstliche, zum Teil sicher aus dem römischen Archiv

gezogene, anderwärts übergangene Schreiben enthält ^.

2. In Afrika bestand die Sitte, dafs man auf den folgenden

Synoden immer auch die Kanonen der früheren vorlas. So approbierte

die Synode von Karthago a. 419 105 Kanonen früherer Synoden und

schuf so eine Art offiziellen kirchlichen Gesetzbuches. Dagegen gehören

die Statuta ecdesiae antiqua, auch Statuta ecclesiae unica oder

Statuta antiqua orientis genannt, eine Sammlung von lo2— 104 Kanonen,

die der Synode IV von Karthago a. 398 zugeteilt werden, nicht

Afrika und wolil auch nicht Spanien, sondern sehr wahrscheinlich

dem südlichen Gallien und dem Anfang des 6. Jahrhunderts an *. In

der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verfalste der karthagische, vor

dem Jahre 546 gestorbene Diakon FuJ^entius Ferrayidus eine nach

Materien geordnete Sammlung mit 232 Kapiteln unter dem Namen

„Breviatio canonum" °.

Um das Jahr 690 endlich stellte der afrikanische

Bischof Cresconius das gesamte in der Dionysiana befindliche Rechtsmaterial

systematisch in 300 Titeln zusammen unter dem Namen

„Concordia canonum" ^.

3. In Gallien entstand im Anfang des G. Jahrhunderts eine umfassende,

doch ziemlich ungeordnete Sammlung von Kanonen (aber

nicht solcher gallischer Synoden) und päpstlichen Dekretalen, wobei

die versio Isidoriana und prisca benutzt wurde. Nach ihrem Herausgeber

Paschasius Quesnel (f 1719) heifst sie „Collectio Quesnellian^".

Dieser selber bezeichnete sie irrtümlicherweise als offiziellen „Codex

canonum ecclesiae romanae" '. Die vielen andern, nachher in Gallien

entstandenen Kanonensammlungen sind meist ungeordnet und konnten

daher neben der Hispana und namentlich der Hadriana nicht zur

Geltung kommen. Erwähnensw^ert ist noch die nach ihrem Heraus-

>

Annal. Laurisham. a. 802 (iM. G. SS. I, 39). » C. 1. D. XIX.

' Ed. 0. Guenther, Epistulae imp. pontif. aliorum inde ab a. CCCLXVII nsqu.

a. DLIII datae. Arellana quae dicitur collectio (Corp. Script, eccles. lat. Vindnl

XXXV, 1, 2). 1895 sqq.

*

Maafsnt 3': MiffHe LXVII, 950 sqq.

« Ibid. LXXXVIII, 829 sqq.

"

Herausgeg. auch v. d. Ballcrini, Opp. Leonis M. t. III, p. 685 sqq.


§ 36. Die Sammlungen des Occidents bis Pseudoisidor. \\1

geber L. d'Acher ij (f 1685) sogenannte Dacheriana ^ Sie schöpft

ihren Stoff aus der Hadriana und Hispana. handelt in drei Büchern

über Bufse, Accusationsverfahren und den Klerus und ist um das

Jahr 800 entstanden.

4. In England und Irland benutzte man zum Teil die in Rom

gebräuchlichen Sammlungen, so die Dionysiana, zum Teil solche mit

partikularrechtlichen Bestimmungen. Unter diesen ragt durch ihren

über Gallien und Italien und bis in das 11. Jahrhundert sich erstreckenden

Einflufs hervor die im ersten Viertel des 8. Jahrhunderts entstandene

grofse irische Kanonensammlung 2,

5. In Spanien war es ähnlich wie in Afrika Sitte, dafs man auf

den folgenden Synoden die Kanonen früherer verlas. Das führte

naturgemäfs zu einer Sammlung der Kanonen der spanischen Synoden,

zu w^elchen dann die von griechischen, afrikanischen und gallischen

Synoden kamen. Hierzu fügte man noch päpstliche Briefe an spanische

Bischöfe. Das Dasein eines solchen Codex canonum bezeugt die Synode

von Braga a. 563, auf welcher Kanonen von früheren allgemeinen

und besondern Synoden und ein Brief des Papstes Vigilius an den

Erzbischof Profuturus von Braga verlesen wurde. Nach dem Jahre 563

verfafste der Erzbischof Martinus von Braga eine der Breviatio

canonum des Fulgentius Ferrandus ähnliche Sammlung, bestehend

aus 84 auf Klerus und Laien bezüglichen Kapiteln, entnommen

griechischen, afrikanischen, spanischen und gallischen Synoden. Die

Sammlung hatte verschiedene Bezeichnungen : Collectio canonum oder

capitulorum, Liber capitulorum, Capitula Martini und gar Concilium

Martini papae*. Nach dem Jahre 589, in welchem König Rekkard

vom Arianismus zum katholischen Glauben übergetreten war, wurde

das gesamte kirchliche Rechtsmaterial in eine feste Form zusammengefafst.

So erscheint auf der vierten Synode von Toledo a. 633 ein

•''.

offizieller „Codex canonum" Dieser wurde in der Folge durch fortwährende

Zusätze vermehrt und seit dem 9. Jahrhundert fälschlich

Isidor von Sevilla zugeschrieben , weil seine Vorrede aus dessen

Etymologien (VI, 16) genommen ist. Daher auch die Bezeichnung

Collectio Isidoriana neben Collectio Hispana. Diese spanische Samm-

'

L. Adien'us, Veterum aliquot scriptorum spicilegium I (Ed. 2. Paris. 1728),

Ö09 sqq.

^ F. W. H. WassersMehen , Die irische Kanonensammlung. 2. Aufl. 1885.

P. Foiirnier, De l'influence de la coUection irlandaise sur la formation des collections

canoniques (Nouv. Rev. bist, de droit fran^. et etrang., XXIIP annee (1899),

27 SS. » Hanluin, Act. conc. III, 350.

^ Migne LXXXIV, 574 sqq.

">

C. 4. Harduin ]. c. III, 579.


.

112 II. Kiicb: Die Quellen des KKs. 2. Abscbn. : Die form. Quellen des KRs.

hing zerfällt ebenfalls in zwei Teile. Der erste enthält Synodalkanonen

, der zweite päpstliche Dekretalen. Die Synoden sind nach

Ländern: Orient, Afrika, Gallien und Spanien, geordnet, und innerhalb

dieser geographischen Ordnung selber ist die chronologische

Reihenfolge eingehalten. Die Dekretalen des zweiten Teils, 104 an

der Zahl, gehen von Daniasus I. bis Gregor d. Gr. (8(j0— (304)'.

Zu Ende des 7. Jahrhunderts wurde der Stoff der Sammlung auch

systematisch geordnet: systematische Hispana.

?? 37.

Die ("apitula episcoporum. Die Pöniteiilialbücher. Die Ritualniul

Formelhücher.

F. Kun-stmatDi, Die lat. Pünitentialbücher d. Angelsachsen. 1844. K. Wldenhrand

, Untersuchungen üb. d. germ. Pönitentialb. 1851. //. Wdsturichleben , Die

Bufsordnungen d. abendl. Kirche, nebst e. rechtsgeschichtl. Einl. 1851. H'. E. WUda,

Das kirchl. Bufswesen im Abendland (Allg. Monatsschr. f. Wiss. u. Litt. [I853j

120 IT.). F. Vcrimj, Zur Gesch. d. Pönitentialb. (A. f. k. KR. XXX [187.3], 204 ff.).

Ders., Zur Charakteristik d. mittelalt. Pönitentialb. (Ebd. 365 flF.). H. J. Schmüz,

Die Bulsb. u. d. Bufsdisz. d. Kirche. 1883. Dens., Die Bufeb. u. d. kan. Buüsverf.

1898. — Ausgaben d. sogen. Ordo vulgatus v. G. Omsander. Col. 1559; v. J/. ]{ittorp,

De divinis cath. eccles. officiis. Col. 1568; eine dritte ist v. G. Ferran'iis.

Rom. 1591. Fünfzehn Ordines romani edierte J. Mubillon, Museum italicum, t. II.

Paris. 1724. Litt.: K. Meckel, Über d. Alter d. beiden ersten röm. Ordines (Th.

Qsch. XLIV [1862], 50 ff.). H. Grisar, Die Stationsfeier u. d. erste röm. Ordo (Z. f.

k. Theol. IX [1885], 385 ff.). Dens., Das röm. Sakramentar u. d. liturg. Hefonuen im

6. Jhdt. (Ebd. 561 ff.). F. Probst, Duchesne üb. d. drei ältest. röm. Sakramentarien

(Z. f. k. Theol. XV [1891], 193 ff.). Der.s. , Die ältesten röm. Sakramentarien u.

Ordines. 1892. Ders., Die abendl. Messe v. 5. b. z. 8. Jhdt. 1896. S. Bäumer,

Über d. sogen. Sacramentarium Gelasianum (Hist. Jb. XIV [1893], 241 ff.). V. Thalhofer,

Handb. d. kath. Liturgik. 2. Aufl., l. Bd., 1. Abt.. bearb. v. A. Ebner (1894),

157 ff. Ebner, Quellen u. Forschungen z. Gesch. u. Kunstgschte. d. Missale romanum

im M.\. 1896. L. Duchesne, Origines du culte chretien. 2' ed. 1898. — Ausgaben

V. Formelbüchern: E. Di'tmmler, Das Formelbuch d. Bischofs Salomon III.

V. Konstanz. 1857. L. Rockinger, Quellen z. bayr. u. deutsch. Gesch. VII. Bd. 185*^

E. Rozit-re , Recueil g^neral des formules usit^es dans Tempire des Francs du ^

au X« siecle. 1859 ss. (vol. II, p. 611 ss.: Formulae ad ins can. et ritus eccles.

spectantes). A'. Zettmer, Formulae Merovingici et Carolini aevi (M. G. LL. sect. 5).

1886. 77». Sickel, Liber diurnus rom. pontif. 1889. Litt. z. d. Formelb.: 0. Stohh,

Gesch. d. deutsch. Rechtsquellen I (1860 ff.). 241 ff. //. Brunnrr, Deutsche Rechtgesch.

I (1887 ff.), 401 ff. Sickel, Prolegomena z. Liber diurn. (Sitzungsbericht.-

d. kais. Akad. d. Wiss.. phil.-hist. KI., CXVIl [Wien 1889]. 52 ff). J. Friedrich,

Zur Entstehung d. Liber diurn. (Sitzungsber. d. königl. bayr. Akad. d. Wiss. zu

Münch. I [1890], 58 ff.). L. Duchesne, Le , Liber diurnus" (Bibl. de IP'cole d.

'

Miyne I.XXXIV, 23 sqq.


§ 37. Die Capit. episcop. Die Pönitentialbücher. Die Ritual- u. Formelbücher. II3

chartes LH [1891], 5 ss.). L. M. Hartmann, Die Entstehungszeit d. Liber diuni.

(Mitt. d. Inst. f. österr. Gfschg. XIII [1892], 2o9 if.). Vgl. oben die Litt, zu § 23

a. E. Schneider 67 ff.

I. Im fränkischen Reiche erliefsen im 8. und 9. Jahrhundert eine

Reihe von Bischöfen gewöhnlich auf der Diözesansynode Statuten zum

praktischen Gehrauch für ihren Klerus, capitula, c. episcoporum. Durch

sie wurden die Gesetze der Provinzialsynoden den Verhältnissen der

Diözesen angepafst und in das praktische Leben eingeführt. Solche

Capitula haben wir z. B. von Theodulf von Orle'ans (f 821), Haito

von Basel (f 836), Herard von Tours (f c. 870), Hinkmar von Reims

(t nach 882) u. a. 1

II. Zur Leitung der Bul'se, namentlich der Privatbufse durch die

Beichtväter entstanden entsprechend

den Bufskanonen älterer Synoden

und den kanonischen Bestimmungen früherer Bischöfe hierüber, so

des hl. Basilius , Gregors von Nyssa u, a. , später die Libri poenitentiales,

Poenitentialia , Beicht- oder Bufsbücher als systematische

Verzeichnisse der einzelnen Sünden und der kanonischen Bul'sen. Die

ältesten dieser Beichtbücher gehören Irland und England an. Aus

letzterem Lande ist besonders zu nennen ein dem Erzbischof Theodor

von Canterbury (f 690) zugeschriebenes Poenitentiale , das aber

höchstens auf Aussprüchen von Theodor beruht. Nicht viel anders

verhält es sich mit den Pönitentialien Bedas des Ehrwürdigen (f 735)

und des Erzbischofs Egbert von York (f 765). Die angelsächsischen

JMissionäre brachten ihre Bufsdisziplin in das fränkische Reich. Da

entstanden dann ebenfalls eine IMenge von Bufsbüchern, aus welchen

die dem hl. Kolumhan (f 615) und einem nicht näher zu bestimmenden

Kummean zugeschriebenen hervorragen. Bei der Verschiedenheit der

Pönitentialien entstand aber notwendig Verwirrung im Bufswesen.

Daher verordneten die Synoden des Jahres 813 zu Tours (c. 22) und

(Jhälons (c. 38) die Beseitigung sämtlicher Bufsbücher, deren Verfasser

unbekannt seien 2, Nun erschienen neue, welche sich mehr auf

die Kanonen der Synoden und die Erlasse der Päpste stützten, so

von Halitgar von Cambrai (f 831) und Ilrabanus Maurus (f 856).

Dai's natürlich auch die römische Kirche als Partikularkirche Bufsbücher

(Poenitentiale Romanum) hatte, ist nicht zu bestreiten. Auch

dagegen ist nichts einzuwenden , wenn man unter Poenitentiale

Romanum überdies solche Bufsbücher versteht, welche zwar aufserhalb

Roms entstanden sind, aller Wahrscheinlichkeit nach im fränkischen

' Harduin, Act. conc. IV, 911 sqq. 1241 sqq.; V, 449 sqq. 391 sqq.

-

Ibid. IV, 1026. 1038.

Sägmüller, Kiri'lienreclit. I.Teil. 8


111 11. \Uh]\: Die Quellen des KRs. 2. Abachn. : Dir form. Quellen des KRs.

Heich, welche aber die Consuetudo Komana, wenn auch mit fränkischen

Satzungen vermischt, wiedergeben ^ Dagegen gab es kein Poenitentiale

Romannm im Sinne eines von l^om ausgelienden offiziellen HuCsbuches

der ganzen katholischen Kirche. Sehr weit verbreitet aber war der

römische Ordo poenitentiae, die rituelle Anweisung znr Erteilung der

(öffentlichen

Bufse.

III. Das kirchliche Kccht berühren auch die Bücher, in Avelchen

die Formen des Gottesdienstes und der geistlichen Handlungen verzeichnet

sind, die Ritualbücher im allgemeinen. Libri mystenorum.

L. sacramentorum , Sakramentarien, griechisch Euchologien. Ordines.

Bei der niafsgebenden Bedeutung der römischen Liturgie für die andern

Kirchen fanden namentlich die Ordines Romani Verbreitung.

Aber keiner derselben reicht über das Jahr 700 hinauf, so wenig als

das Sacramentarium Gelasianum und Gregorianum. Das ältere Sacramcntarium

Leonianum ist blofse Privatarbeit.

IV. Von grofser Bedeutung für das Rechtsleben waren die Forme l-

bücher, d. h. Sammlungen von Formularien für die verschiedenen

Geschäfte des bürgerlichen und kirchlichen Lebens. Unter den weltlichen

Formelbüchern, die auch kirchenrechtlichen Stoff enthalten, ist

zu nennen die Sammlung des Mönches Marnilf, entstanden um ßOO.

Unter den kirchlichen nimmt den ersten Rang ein das alte Kanzleibuch

der römischen Kirche, Liber diurnus, das im Laufe des 7. Jahrhunderts

entstanden ist , aber noch Formeln des 5. und 6. Jahrhunderts

enthält und bis in die Zeit Gregors VII. herab im Gebrauch

war. Nach Art der römischen hatten auch andere bischöfliche Kirchen

ihre

Formelbücher.

§ 38.

Die Sammlnii^eii des weltlichen Rechts.

Samml.: Codex Theodosianus (od. G. Ilucnel), in Corp. iur. Anteiustinianei.

1837— 1844. Corpus i. civilis. Ed. stereotypa cura K. Krüger, Th. MoDtmsen,

li. SchoeU. 1872 sqq. Weitere Sammlungen griech.-rüm. Rechts oben § 35. Die

Volksrechte d. german. Völker, Leges barbarorum, liegen kritisch bearbeitet gröfstenteils

in den Mon. Germ, bist., Abt. Leges, vor. — Litt.: F. K. r. Sariyni/, Ges' 1:.

d. röm. Rechts im MA. 2. Ausg. 1834 flf., Bd. I u. II. C. de Reisach, De iure civ.

rom., quod in antiq. can. collectionibus . . . occurrit, in A. Tlieiner, Disquisitiones

criticae (1836) 217 sqq. 0. Stobhe , Gesch. d. deutsch. Rochtsquellen I. 1 (1860),

I tf. F. Manf^en a. a. 0. 765. 792. 888. 896. E. Löning, Gesch. d. deutsch. KRs.

II (1878 f.), 284 ff. F. Laiirin, Introductio in Corp. i. can. (1889) 235 sqq. AT. Conrat

(Cohn), Gesch. d. Quellen u. Litt. d. röm. Rechts im früher. MA. 1889 ff. . I, 5 ff.

145 ff. 205 ff. Dem., Der Novellenauszug De ordine ecclesiastico e. Quelle d. Benedikt

'

Schmitz, Die Bufsb. u. d. kan. Bufsverf. 13S ff.


:

§ 38. Die Saiiiinlungen des weltlichen Rechts. 115

Levita (Neues Arch. d. Ges. f. ä. d. Geschiclitskunde XXIV [1899], 341 ff.). Ders.,

Über e. Quelle d. röm.-reclitl. Texte b. Hiukmar v. Reims (Ebd. 349 ff.). Vgl. auch

d. Lehrbücher d. deutsch. Rechtsgeschichte v. Bninner, Schröder, Sclndte (6. Aufl.

1892) 55 S. Schneider 65 ff. 170 ft".

Bei der materiellen Bedeutung der weltlichen Rechte auch für

das Kirchenrecht sind einzelne Sammlungen derselben auch formelle

Kirchenrechtsquellen.

In Betracht kommt zeitlich zuerst der Codex Theodosiamis,

welcher von Theodosius II. 438 publiziert und noch im gleichen Jahre

durch Valentinian III. für den Westen rezipiert wurde. Derselbe

enthält namentlich im dritten,

neunten und fünfzehnten Buch kirchliche

Gegenstände betreffende Kaisergesetze. Von viel gröfserer Bedeutung

aber sind die Rechtssammlungen Justinians I. (527— 565), das Corpus

iuii^cJviUs.

Justinian gab 529 einen neuen Codex heraus, promulgierte

533 die Digesten oder PcoKlelden, d. h. eine Sammlung von Excerpten

aus den Schriften der berühmtesten älteren Juristen in fünfzig Büchern.

In eben diesem Jahre waren auch erschienen die in vier Bücher zerfallenden

lustifuUouen , ein Kompendium von offizieller Geltung zum

Studium des römischen Rechts. Im Jahre 584 erfolgte eine Neuredaktion

des Codex, daher im Gegensatz zum Codex novus Codex

(repetitae pi'aelectionis) genannt. Die Kirche betreffende Gesetze sind

namentlich im ersten und fünften Buch desselben enthalten. Die

Gesetze , welche Justinian nach 534 erliefs und die vielfach auch

kirchliche Materien regelten, die sogenannten Novellae, sind nicht in

einer authentischen Ausgabe zusammengefafst, sondern in verschiedenen

Sammlungen, aus welchen von den Klerikern Italiens besonders die

Epitome luliani, ein Auszug von 125 Novellen, gebraucht wurdet

Ein Auszug aus dem Codex und den Novellen Theodosius' II. ist das

Breviarimn Älaricianum oder die Lex Romana Visigothorum von

Alarich II. a. 506, die über Spanien hinaus Verbreitung fand -.

Wie im Orient Sammlungen der kaiserlichen, auf die Kirche

bezüglichen Gesetze entstanden, welche den Kanonensammlungen angehängt

wurden, woraus später die eigentlichen Nomokanonen entstanden,

so wurden auch im Occident für den kirchlichen Gebrauch

Kompilationen aus den römischen Rechtsbüchern gefertigt, so die

Sinno)idsche Konstitutionensammlung, entstanden im Anfang des

6. Jahrhunderts im südlichen Gallien mit achtzehn auf die Rechte der

^ Ed. Haenel, 1873. Citiert werden die einzelnen Teile des Corp. i. civ. z. B.

§ 6, I. de legatis II, 20; L. (od. fr.) 1, D. (od. P.) ad legem Falcidiam XXXV, 2;

L. (od. c.) 1, C. de episcopis etc. I, 3; c. 1, Nov. CXXXIH (133).

2 Ed. Haenel, 1849.

S*


110 II. 13ucli: Die Quellen des KRs. 2. Abschn.: Die form. Quellen des KRs.

Bischöfe bezüglichen kaiserlichen Konstitutionen und die Lrx Romana

ranonice rompta, ein im 9. Jahrhundert in Italien entstandener Auszug

aus den Institutionen, dem Codex lustinianeus und der Epitome luliani

über alle Rechtsverhältni.sse,

die für die Kirche von Bedeutung waren',

^lehr oder weniger kirchliche Verhältnisse betreffende Bestimmungen

tlndc'ii sich auch in den germanisclien Volksrechten, z. B.

in der Lex Kibuaria, L. Alamannorum, L. Baiuwariorum, L. Langobardorum,

L. Saxonum, L. Burgundionum, L. Visigothorum etc. Neben

das Volksrecht trat dann ,

je mehr die königliche Gewalt unter dem

Drang der Verhältnisse stieg, das Königsrecht. Anfänglich hatten

die Gesetze der germanischen Könige — auctoritas, praeceptio, decretio,

decretum, edictum, constitutio, pactum etc. — wenig Einflufs

auf die kirchlichen Verhältnisse. Anders die Kapitularien der Karolinger

2. Diese wurden unterschieden in capitularia mundana und

c. ecciesiastica. Letztere waren Kirchengesetze, aus den Kanonen

und den Schriften der Kirchenväter geschöpft unter dem Beirat der

Bischöfe. Eine nachher offiziell gewordene Sammlung der Kapitularien

Karls d. Gr. und seiner Nachfolger veranstaltete 827 der Abt Anseffisus

von Fontanelle in vier Büchern, von welchen die beiden ersten

die Capitularia ad ordinem ecclesiasticum , die beiden letzten die

C. ad mundanam legem pertinentia entlialten ^.

§ 39.

Die Kapitnlarieusamraluiig des Benedikt Levita. Die Capitula

Angilramni. Die pseudoisidorische Samnilun«?.

Ausg. : Benedicti levitae, qui dicitur. capitularium collectio. in M.


|

§ 39. Die Kapitsmmlg. d. Ben. Lev. Die Capit. Angilr. Die pseudoisid. Smmlg. 117

Ders., Die pseudoisid. Frage (Z. f. KR. IV [1864], 273 ff.). Ders. , Über d. Vaterland

d. falschen Dekret. (Hist. Z. LXIV [1890], 234 ff.). K. J. v. Hefele , Über d.

gegenw. Stand d. pseudoisid. Frage (Th. Qsch. XXIX [1847], 583 ff.). A'. F. Eofshirt,

Von d. falschen Dekret. 1847. Ders., Zu d. kirchenr. Quellen d. ersten Jahrtausends

u. zu d. pseudoisid. Dekret. 1849. A. F. Gfrörer, Untersuchung üb. Alter,

Urspr. u. Zweck d. Dekret, d. falschen Isid. 1848. F. Goecke , De exceptione

spolii. 1858. J. WeizMicker, Hinkmar u. Pseudoisid. (Z. f. hist. Theol. XXVIII [1858],

327 ff.). Dei-s., Der Kampf geg. d. Chorepiskopat d. fränk. Reiches im 9. Jhdt. 1859.

Ders., Die pseudoisid. Frage in ihr. gegenw. Stande (Hist. Z. III [1860], 42 ff.).

K. V. Noorden, Ebo, Hinkm. u. Ps. (Ebd. VII [1862], 311 ff.). Ders., Hinkni., Erzb.

V. R. 1863. HinscMus, Der Beiname Mercator in d. Vorrede Ps. (Z. f. KR. VI

[1866], 148 fr.). P. Roth, Ps. (Z. f. Rechtsgschte. V [1866], 1 ff.). Ch. de Smedf,

Les fausses d


118 II. Budi: Die C^iellen des KRs. 2. Abschn. : Die form. (Quellen des KRs.

I. Die erste dieser Sammlungen ist die Kapitulariensammlung

des Benedikt Leeita von Mainz. Nach der metrischen Vorrede will

Benedikt, Diakon dor Mainzer Kirclie, daher Levita genannt, im Auftrag

seines bereits verstorbenen Erzbischofs Otgar (f 847) den vier

Büchern des Ansegis drei weitere beigefügt haben. Den Stoff will er,

wie von anderwäits, so namentlicli aus dem Archiv der Mainzer

Kirche, wo es der Erzbischof Rikulf (f 813) hinterlegt, entnommen

haben. Er versichert, nichts an den Verordnungen geändert zu haben,

und fordert zur Fortsetzung seiner Sammlung auf, wie sie auch vier

Anhänge erhielt. In Wirklichkeit jedoch ist die Sammlung keine

Kapitularien-, sondern eine Kanonensammlung. Der Stoff ist zum

geringsten Teil aus den fränkischen Reichsgesetzen geschöpft,

sondern

ohne Ordnung aus der Heiligen Schrift, den Kirchenvätern, den

Kanonensammlungen, namentlich

der Dionysio-Hadriana und Hispana,

den römischen Rechtsbüchern und den germanischen Volksrechten

genommen. Inhaltlich ist von allen kirchlichen Rechtsverhältnissen

die Rede. Nichtsdestoweniger tritt als Hauptzweck die Sicherung der

Kirche gegen die Gewaltthätigkeiten der Laien hervor.

Charakteristisch

aber ist die Feindseligkeit gegen die Chorbischöfe. Daraus folgt, dafs

die Sammlung nicht in

der Erzdiözese Mainz, sondern Reims entstand.

Hier nämlich kämpfte man um die Mitte des 9. Jahrhunderts gegen

das Institut der Chorbischöfe an.. Hrabanus Maurus, Erzbischof von

Mainz von 847—856, aber war ein Freund der Chorbischöfe, schrieb

eine Schrift über sie und kannte die falschen Kapitularien noch nicht.

Auch wurden sie zuerst auf dem Reichstag zu Chiersy 857 benutzt.

Über das Verhältnis Pseudobenedikts zu Pseudoisidor läfst sich nichts

Bestimmtes sagen , ob sie eine Person seien , ob zwei , die aus den

gleichen Quellen geschöpft, ob Benedikt Pseudoisidor oder, was doch

das wahrscheinlichere ist, ob Pseudoisidor Benedikt benutzt habe, wie

Pseudoisidor auch wohl den

letzten Anhang zu demselben gemacht hat.

II. An zweiter Stelle sind zu nennen die Otjntula Au(jilramn i.

auch C. Hadriani genannt. Nach der besseren Überschrift soll Angilramn,

seit 768 Bischof von Metz, bei Verhandlung seiner Angelegenheit

in Rom sie von Papst Hadrian a. 785 zum Geschenk erhalten,

nach anderer Lesart soll er sie dem Papste geschenkt haben. Si«-

wollen sodann geschöpft sein aus den Gesetzen römischer Synoden.

Bischöfe und Kaiser. In Wirklichkeit aber sind die zwischen siebenzig

und achtzig schwankenden Kapitel genommen aus verschiedenen

Synoden, dem Codex Theodosianus, der Hispana, der Historia tripartita,

namentlich aber aus Benedikt Levita. Der Hauptzweck ist die

Sicherstellung des Klerus, namentlich der Bischöfe gegen falsche An-


§ 39. Die KapitsmmJg. d. Ben. Lev. Die Capit. Angilr. Die pseiidoisiti Sninilg. 119

klagen, was auch Pseudoisidor besonders anstrebte. Bei dieser stofflichen

Verwandtschaft halten die meisten den letzteren für den Verfasser

der Capitula und sehen in ihnen eine Vorarbeit zu seinem

grofsen Werke, dessen Anhang sie auch meist in den Handschriften

III. Die namentlich auch in Frankreich verbreitete Hispana war

dort durch mancherlei Zusätze vermehrt worden. Um die Mitte des

9. Jahrhunderts aber erscheint dieselbe daselbst fast vollständig verändert

als neue grofse Sammlung mit vielen unechten Stücken, besonders

päpstlichen Dekretalen. Als Verfasser nennt sich in der

Vorrede Isidor Mercator (Peccator, Mercatus).

Die Sammkmg zerfällt in drei Teile. Der erste enthält nach der

Vorrede und einigen apokryphen Geleitbriefen die fünfzig ersten apostolischen

Kanonen und sechzig falsche Papstbriefe in chronologischer

Reihenfolge von Klemens I. bis Melchiades (c. 90— 314). Den zweitejn

Teil bildet nach mehreren einleitenden Stücken, worunter sich die

Donatio Constantini befindet, die Konziliensammlung der Hispana,

aber nicht in der ursprünglichen, sondern in bereits umgearbeiteter

Form, so dafs sie sich als eine Vorarbeit für das Ganze herausstellt

(Maafsen).

Der dritte Teil enthält die Dekretalensammlung der Hispana,

aber vermehrt um einige echte und um fünfundvierzig unechte Papstschreiben

von Silvester I, bis Gregor II. (314— 731). So beläuft

sich die Summe der gefälschten Stücke auf ungefähr hundert. Neben

der längeren Rezension existiert eine kürzere, welche nur die falschen

Dekretalen bis Damasus enthält. Sie ist wohl nicht die frühere Form

(WasserSchlehen), sondern ein Auszug aus der vollständigen Sammlung

(Hinschius,

Maafsen, Lurz).

Als Quellen benutzte der Verfasser für die älteren echten Stücke

die früheren Sammlungen, für die unechten die Heilige Schrift, die

Kirchenväter, die Kanonen der Sjnioden, die Briefe der Päpste, den

Liber pontificalis, die Historia tripartita, den Codex Theodosianus,

das Breviarium Alaricianum, die Lex Visigothorum , die fränkischen

Kapitularien, Benedikt Levita und Angilramn. Dabei verfuhr er in

der Weise, dafs er das von überallher zusammengesuchte Material

mosaikartig zu ganz neuen Dokumenten, die er namentlich von den

Päpsten ausgehen liefs,

verarbeitete.

Inhaltlich behandelt die Sammlung Gegenstände aus Dogmatik,

Moral und Liturgie, namentlich aber die kirchhche Verfassung und

Disziplin, also kirchenrechtliche Gegenstände.

Gemäfs der Vorrede schrieb man die nach kurzem Widerstand

von Seiten Hinkmars von Reims für echt gehaltene Sammlung durch


120

II. Buch: Die Quellen des KRs. 2. Absclin.: Die form. Quellen des KHs.

II

das ganze Mittelalter hin Isidor von Sevilla zu und entnahm ihr

unbedenklich Kechtsstott, so aucli (Jratian. Die ersten ernsten Bedenken

gegen sie wurden laut im 15. Jahrhundert durch yikol


§ 39. Die Kapitsmmlg. d. Ben. Lev. Die Capit. Angilr. Die pseudoisid. Smmlg. 121

In der Frage nach dem Y^-terlaiide j^seudoisidors ist als unstichhaltig

längst aufgegeben die Meinung, dafs die Sammlung in Rom entstanden

sei (

Theiner, Eichhorn). Dagegen weist alles auf das Frankenreich

hin, und zwar auf die Erzdiözese Reims {Weizsäcker u. v. a.).

Im Frankenreich fanden sich die meisten Handschriften. Dort wurde

sie zuerst gebraucht. Dorthin weisen Ausdrücke wie missi, seniores,

comites. Dortige Quellen, wie die gallische Form der Hispana, die

Quesnelliana , die Synoden von Paris 829 und Aachen 836, sind benutzt.

Im Frankenreich selbst aber können Mainz (Wasserschlehen)

und Le Maus (Simson, Fournier) nicht in Betracht kommen. Entscheidend

ist hier allein schon das feindliche Verhalten Pseudoisidors

gegen die Chorbischöfe, In Reims wurden diese um die Mitte des

9. Jahrhunderts auf das heftigste bekämpft, nicht aber in Mainz

und Le Maus. In Reims wurde die Sammlung benutzt zu einer Zeit, wo

der Erzbischof von Mainz Hrabanus Maurus sie noch gar nicht

kannte.

Das führt zur Frage nach der Zeit der Entstehung. Die Synode

von Meaux 845 gebraucht dieselbe bei ihren Beschlüssen gegen die

Chorbischöfe noch nicht. Wohl aber scheint Pseudoisidor Benedikt

Levita benutzt zu haben (Hinschius), dessen Sammlung vor 847

nicht abgeschlossen war. Pseudoisidorische Dekretalen sodann dürften

citiert sein von der Reimser Diözesansynode des Jahres 852 (Laurjen).

Ganz bestimmten Gebrauch aber von Pseudoisidor macht der Reichstag

von Chiersy 857. So liegt die. Entstehung bestimmt zwischen ^

845 .und 857.

Für Verfasser wurden gehalten: Rikulf von Mainz, Otgar von

Mainz (Wasserschlehen) , Benedikt Levita (Walter), Wenilo von Sens

(Gfrörer), Ebo von Reims (Noorden), der Kanonikus Wulfad (Lurz),

Rothad von Soissons (Phillips),

die beiden Hinkmare, der Abt Servatus

Lupus von Ferneres (Langen), Aldrich von Le Maus oder dessen

Diakon Leodald (Sitnson). Aber keine dieser Annahmen ist sicher.

Wahr ist nur, dafs zwischen Benedikt Levita und Pseudoisidor ein

Zusammenhang besteht und dafs für den abgesetzten Erzbischof Ebo

und seine Partei, zu der Wulfad und Rothad gehörten, die Fälschungen

am meisten nützlich sein konnten. Immerhin darf man das von einem

bestimmten Plan aus angelegte und in einem Gufs gefertigte Werk

einer

Person zuschreiben.

Was den Gebrauch der Sammlung anbelangt,

so wird wohl zuerst

aus ihr citiert auf der Diözesansynode von Reims 852 , dann auf

dem Reichstag zu Chiersy 857. Seit 859 beruft sich wiederholt auf

sie Hinkmar von Reims. Nach Rom dürfte sie durch den abgesetzten

Bischof Rothad von Soissons gekommen sein. Nikolaus I. nämlich


-

122 'I- Buch: Dio Quellen des KR«. 2. Abschn. : Die form. (Quellen des KRs.

verwirft 8G5 diese Absetzung durch die gallischen Bischöfe trotz der

Appellation Rotliads nach Koni, weil sie sei „contra tot et tanta deeretalia

statuta" ^ Da niufs man an Pseudoisidor denken, der immer

wieder erklärt, dafs eine (erste) Definitivsentenz gegen einen Bi.schof

nur durch den Papst erfolgen könne. Aber eine formelle Approbation

erhielt Pseudoisidor durcli dio Päpste nicht.

\Vas endlich den EinÜufs Pseudoisidors auf das Kirchenrecht

betrifft, so darf man einerseits nicht glauben, dafs dadurch ein ganz

neues Kirchenrecht geschaffen, anderseits an diesem gar nichts geändert

worden sei. Vielmehr läfst sicli ein formeller und materieller

Einflufs unterscheiden. Formell hat Pseudoisidor bereits bestehenden

Rechtssätzen dadurch gröfseres Ansehen verliehen, dafs er sie von

Päpsten namentlich ausgegangen sein liefs. Materiell erscheinen als

Nova: dafs der Papst jede Synode zu berufen und zu bestätigen

habe, dafs ein Laie einen Kleriker auch nicht einmal accusieren

dürfe, dafs ein abgesetzter und nicht restituierter Bischof nicht angeklagt

und dafs

eine Synode gegen den Bischof keine Definitivsentenz

fällen dürfe. Allein die beiden ersten Punkte sind nicht ins praktische

Leben übergegangen, der dritte aber war thatsächlicli nichts Neues.

So bleibt nur der vierte als wirkliches, aber wohlbegründetes Novum

gegenüber der Gewaltthätigkeit und Leidenschaftlichkeit Hinkmars

und anderer Metropoliten. Nur dieser Satz fand stärkeren Widerstand.

Beweis, dafs die übrigen sachlich nicht neu waren, sondern nur

formell. Aber gerade um des letzteren Momentes willen ist Pseudoisidor

des Betrugs schuldig.

§ 40.

Die Saminluiigen von Pseudoisidor bis Gratiau.

P. et H. Ballerini, De antiq. can. collect. P. IV, c. 10 sqq., iu Gulland. (Mc

gunt. 1790) t. 1, p. 625 sqq. F. K. r. Sacigmj, Gesch. d. röm. Rechts im MA. 2. Ausir.

IS'34 fF. II, 2s6 ff.; VII, 71 ff. Ä. L. Bichter, Beiträge z. Kenntn. d. Quell, d. kai

Rechts. 1834. Der>


:

§ 40. Die Sammlungen von Pseudoisidor bis Gratian. 123

Eine Menge von Kanonensammlungen lag

nach Pseudoisidor vor.

Die Abweichungen waren grofs, die Übersicht erschwert, vieles Alte

darin enthalten. Aus diesen Gründen und im Interesse der Praxis

veranstaltete man jetzt,

im Gegensatz zu den früheren chronologischen,

systematische Sammlungen. Dabei hatten die Sammler entsprechend

der seit der Mitte des 11. Jahrhunderts wachsenden Einheit und Einheitlichkeit

in der Kirche vielfach die Absicht, der ganzen Kirche

dienlich zu sein.

Sie gingen aber selten auf die Originalquellen zurück,

sondern schöpften ihren Stoff aus den gangbarsten Sammlungen. So

wurden die Fälschungen Pseudoisidors nicht entdeckt, auch sonst

viele Irrtümer fortgeschleppt, und es ist äufserst schwer, das gegenseitige

Verwandtschaftsverhältnis dieser Sammlungen festzustellen.

Die Zahl derselben ist überdies sehr grofs, die meisten sind noch ungedruckt,

und immer neue werden aufgefunden i. Als wichtiger seien

hervorgehoben

1. Die CoUectio Änselmo decUcata. Diese in Oberitalien entstandene,

dem Archipräsul Anselm — wohl dem Erzbischof Anselm II.

von Mailand 883— 897 — gewidmete, noch ungedruckte Sammlung

von zwölf Büchern mit reichem Inhalt fand eine weitgehende Verbreitung

2.

2. Die Libri duo de synodalibus causis et disciplinis ecclesiasticis

des Abtes Regino von Prüm in der Eifel (f 915). Es ist das ein auf

1

P. Ewald, Die Papstbriefe d. Britt. Sammlung (Neues Arcli. d. Ges. f. ä. d.

Geschichtskunde V [1879], 277 ff.). A. Bliunenstok, Die Kanonensammlung d. ßibl.

P. Fournier,

St. Genevieve in Paris (A. f. k. KR. LXV [1891], 150 ff.). M. Sdralek , Wolfenbüttler

Fragmente (Kirchengesch. Stadien I, 2 [1891], 1 ff.). V. Krause, Die Münchener

Handschriften 3851. 3853 (Neues Arch. u. s. w. XIX [1894], 85 ff'.).

De l'etude d. collections can. du IX" au XIP siecle (Compte rendu du Congres

intern, d. cathol. [ßrux. 1894], sect. V, p. 286 ss.). Ders., Le premier manuel can.

de la reforme du XP siecle (Melanges d'archeol. et d'hist. XIV" a. [1894], 147 ss.).

Dcrs., La coUezione canonica del regesto di Farfa (Archivio della R. societk rom.

di storia patria XVII [1894], 285 sgg.). Ders. , Une coli. can. italienne du commencement

du XII" siecle (Annales de l'enseignement superieur de Grenoble [1894]

t. 6, n. 3; auch sep.). Dcrs., Le Liber Tarraconensis (Melanges J. Havet [lis95]

259 SS.). Ders., Notice s. 1. manuscrit H. 137 de l'ecole de m^decine de Montpellier

(Annales etc. de Grenoble [1897] t. 9, n. 2; auch sep.). Ders., Un groupe

de recueils can. inedits du X" siecle (Annales de Grenoble [1899] t. 11, n. 2; auch

sep.). J. Tardif, Une coli. can. poitevine (Nouv. Rev. bist, de droit franc,-. et (5traug.

XX" a. [1897], n. 2). V. Wolf r. Glanvell , Die Canonessammlung d. Cod. Vat. lat.

1348 (Sitzb. CXXXVI [Wien 1.S97J, n. 2).

2 Ballerini 1. c. P. IV, c. 10. Saviynij a. a. 0. II, 289 ff.; VII, 71 ff'. Bichter,

Beitr. 36 ff. Patetta , Antologia giuridica t. 4, f. o, u. Rivista ital. p. le scienze

giurid. XI, 374. Conrat a. a. 0. I, 212 ff.


124 H- Buch: Die Quellen des KRa. 2. Abschn. : Die form. Quellen des KRs.

Geheifs des Erzbischofs Hatbod von Tner abgefafster Manualis codicillus

(encliiridion) für den Bischof zur Ablialtung der Synoden und

Sendgerichte. Das er.^te Buch handelt von den Klerikern, das zweite

von den Laien. Der Inhalt ist auch kulturgeschichtlich interessant ^

3. Das CoUectarium oder Decretum des Bischofs Bu rchard von

Worms. Dieses zwischen 1012 und 1022 entstandene, zwanzig Büdier

umfassende Werk sollte ein Handbuch sein für den in der Seelsorge

thätigen Klerus und die Kandidaten des geistlichen Standes. Das

neunzehnte Buch. Corrector sive Medicus genannt, behandelt die Bufspraxis,

giebt Aufschluls über das germanische Volksleben und wurde

auch separat verbreitet, wie das ganze reichhaltige Werk als „Brocard"

eine weite Verbreitung fand 2.

Gehörten die beiden letzten Sammlungen I)eutschland an, sc»

entstanden in Italien während des Investiturstreites eine Reihe bedeutender

Kanonensammlungen, welche sich allgemein als die der

„Gregoriane r*" bezeichnen lassen, da ihre Verfasser die Tendenzen

Gregors VII. und die Rechte der römischen Kirche vor allem verfochten.

Dazu gehören:

4. Die dreizehn Bücher umfassende , nocli ungediiickte , \\e\

benutzte Sammlung des Bischofs Anselm il. J. von Lucca (f 1086).

Beachtenswert ist namentlich, dafs er aus den römischen Archiven

geschöpft hat ^.

5. Die Kanonensammlung des Kardinals Deusdedit. Diese dem

Papste Viktor III. fl087) gewidmete Sammlung handelt im ersten

Buch über den Primat Petri und den Papst , im zweiten über den

römischen Klerus, im dritten über das Kii-chenvermögen , besonder.^

über das Patrimonium Petri und im vierten über die kirchlichen

Immunitäten. Auch Deusdedit schöpfte aus dem römischen Archiv

und benutzte namentlich das Registrum Gregor VII. *

'

Ed. H. Was-ierschlehen 1840 mit sorgfältiger Behandlung der einschlägiger.

Fragen. Conrat I, 2b>< f.

» Migne CXXXX. Ballerini P. IV, c. 12. Sarignu II. 295. Richter, Beitr.

.52 ff. H. Grosch, Burchard v. W. Is90. Conrat I, 261 ff. A. Hauch, Über d. Lib.

decretorum Bs. v. "NV. (Berichte üb. d. Verhandl. d. sächs. Ges. d. Wiss., phil.-hist. Kl..

XLVI [1S94]. G5 ff.).

' Die Kapitelrubriken sind gedr. b. A. Mai, Spicil. roni. VI (1^41), 316 ff.

Ballerini P. IV. c. 13. Saviriny II, 295 ff. Theiner 363 sqq. Hnffer 68 ff. Conrat

I. 364 ff.

Ed. /'. Martinucci. Venet. 1869. Ballerini P. IV. c. 14. Sarigntj II, 199.

ir. (iienebrecht, Die Gesetzgeb. d. röm. Kirche z. Zeit Greg. VIF. (Münch. Hist. .Tb.

(1S66J 152 tf. 1=0 ff.i, S T,r>ir^,if.-J,J. Die Kanonsanmil.


"

Miyne CLXXX, b'57 sqq. EicJder, Beitr. 7 ff. Hüffer 1 ff'.

:

§ 40. Die Sammlungen von Pseiuloisidor bis Gratian. 125

6. Das Breviaiium des Kardinals Ätfo^.

7. Die nach 1089 verfafste, zehn Bücher umfassende, noch ungedruckte

Sammhing des Bischofs Bonizo von Sutri^.

8. Die vor dem Jahre 1120 verfafste, aus acht Büchern bestehende,

noch ungedruckte Sammlung des Kardinals Gregorius, welche

mit Recht den ihr vom Autor in der Vorrede selbst geschöpften Titel

„Polycarpus" trägt ^.

Aber auch Frankreich hatte seine Sammlungen, so

9. Die des Abtes Äbbo von Fleury (f 1004), bestehend aus zweiundfünfzig

Kapiteln *.

10. Die drei dem Bischof Ivo von Chartres (f 1115 oder 1117)

zugehörigen Sammlungen : die Collectio trium partium , das siebzehn

Bücher umfassende , auf den zwei ersten Teilen der erstgenannten

Sammlung beruhende Decretum und die auf dem Dekret beruhende,

1095 entstandene Panormia in acht Büchern^.

11. Spanien gehört an die auf Ivos Sammlungen beruhende, fünfzehn

Bücher umfassende,

noch ungedruckte Caesaraugustana''.

12. Zum Schlufs ist zu erwähnen das vor dem Jahre 1121 entstandene

Werk De misericordia et iustitia des Domscholastikus Älgerus

von Lüttich. Dasselbe ist ein in drei Büchern bestehender, systematischer

Traktat über die kirchliche Disziplin und ist derselbe sehr

beachtenswert, weil er durch Aufstellen einzelner Fragen, die dann

durch Anführung von Quellenstellen beantwortet werden , für die

Methode Gratians vorbildlich geworden ist ^.

Greg. VII. (Neues Arch. d. Ges. f. ä. d. Geschichtskunde X [1885], 309 ff.). H. Stevenson,

Osservazioni suUa Coli. can. di Deusdedit (Arch. della R. societk rom. d. stör,

patr. VIII [1885], 305 sgg.). Conrat I, 367. E. Sackur, Der Dictatus papae u. d.

Kanonensanimlung d. Deusdedit (Neues Archiv etc. XVIII [1893], 135 tt'.j.

1

Ed. A. Mai, Script, vet. nova collect. VI (1832), App. 60 sqq.

- Einzelnes gedr. b. Mai, Nov. bibl. patrum t. 7, p. 3, p. 1 sqq. Ballerini

P. IV, c. 15. W. Martens, Über d. Geschichtschreibung Bs. v. S. (Tb. Qsch. LXV

[1883], 457 ff., bes. 460). Conrat I, 369 f.

3 Ballerini P. IV, c. 17. Theiner 342 sqq. Hüffer 374 ff. Conrat I, 374 f.

* Miyne CXXXIX, 473 sqq. BaUerini P. IV, c. 11. Conrat I, 259 ff.

'"

Das Dekret u. die Panormie sind gedr. b. Migne GLXI , 47 sqq. Alle auf

Ivos kirchenrechtl. Sammlungen bezüglichen Forschungen fafste zusammen und begründete

neu F. Fournier, Les collections canoniques attribuees ä Yves de Chartres

(Bibl. de l'Ecole d. chartes LVII [1896], 645 ss. ; auch sep.). Ders. , Y. d. Ch. et

!e droit can. (Rev. d. quest. bist. LXIII [1898], 51 ss.).

l 390 ff.

« Ballerini P. IV, c. IS. Savigny II, 299 ff. Tlwiner 356 sqq. Conrat


126

!'• I^Hcli: Die Quellen des KRs. 2. Absclin.: Die form. Quellen des KRs.

II. Die Teile des Corpus iuris canonici.

?; 41.

Das Decretuiii

Gratiaiii.

A. AuguMinus, De emendatione Gratiani dialogorum libri 2, in Galland. (M


§ 41. Das Decretum Gratiani. 127

jener Zeit geschriebenes Lehrbuch des Kirchenrechts. Er stellte nämlich

allgemeine Sätze (distinctiones) auf, fingierte Rechtsfälle (causae) und

warf Rechtsfragen (quaestiones) auf. Diese belegte und beantwortete

er dann durch Anführung von den früheren Kanonensammlungen entnommenen

Belegstellen (auctoritates). Dazwischenhinein werden Erörterungen

angestellt, um Widersprüche ratione significationis^, temporis,

loci, consilii, dispensationis zu heben, oder um einen Übergang

zu gewinnen — clicta Gratiani, von den Glossatoren paragraphi genannt.

Zu diesen Dicta Gratiani im weiteren Sinne werden auch gerechnet

die Summaria, d. h. die Inhaltsangaben der Distinktionen und

Quaestionen, die Causae, d. h. die Auseinandersetzung der Rechtsfälle,

die Summaria zu den einzelnen Kanonen (rubricae) und deren Inskriptionen,

d. h. Angaben über ihre Herkunft. Die Kanonen bezw.

Kapitel sind nur ausnahmsweise aus den Originalen geschöpft, so z. B.

aus den Beschlüssen der Lateransynode 1139 und aus dem römischen

Rechte, sonst aber aus den angeführten bedeutenderen systematischen

Kanonensammlungen nach Pseudoisidor. Entsprechend ihrem Hauptzweck

nannte Gratian selber seine Sammlung Concordantia discordantium

canonum. Seit dem Ende des 12. Jahrhunderts aber wurde

sie

durchweg Decretum genannt.

Das Werk wurde seinem Inhalt entsprechend (ministeria,

negotia,

sacramenta) von Gratian selbst in drei Teile zerlegt. Die nähere

Einteilung hat aber der erste und dritte Teil von dessen Schüler

Paucapalea erhalten und nur der zweite von Gratian. Die Pars prima

zerfällt in 101 Distinktionen. Die zwanzig ersten handeln von der

Natur und den Quellen des Rechts (tractatus decretalium) ; die folgenden

von den kirchlichen Personen und Ämtern (tr. ordinandorum). Die

Distinktionen zerfallen in Kanonen; daher wird citiert z. B. c. 1, D. X.

Der zweite Teil behandelt in 36 Causae die verschiedensten Materien,

besonders aber das Vermögens-, das Ordens- und von Causa 27 ab

das Eherecht. An jeden Reqhtsfall werden Rechtsfragen (quaestiones)

angeknüpft und diese auf Grund der Kanonen in den Dicta gelöst.

Citiert wird daher z, B. c. 1, C. XII, q, 1. Die dritte Quaestio der

33. Causa bildet einen eigenen Traktat de poenitentia, ist in 7 Distinktionen

mit entsprechenden Kanonen eingeteilt und wird citiert mit

dem Beisatz de poenitentia, z, B. c. 1, D. VII de poen. Der dritte Teil

handelt in fünf Distinktionen von den Sakramentalien, so namentlich

von der Weihe der Kirchen und den Sakramenten, hat daher den

Beisatz de consecratione und wird citiert z. B. c. 1, D. I de cons.

*

F. Thancr, Abälard und das kanonische Reclit. 1900.


i

i

ordinaria

128 IL Buch: Die QoeDoi des KRs. 2. Abscbn.: Ke form. nellen des KRs.

Von den Erklärem vnirden viele Parallelstelleii hinzugefügt und

LXXIIl ;i895], Sffj. « Summa, ed. SchulU. 1891.

von den Abschreibern in den Text aufgenommen. I»ie Zahl dieser

Zusätze übersteigt hundertfiinfeig. Sie wurden schon frühe ^Paleae''

genannt, und rwar nach dem bereits bemerkten Schüler Gratians

Paueapalea, der zuerst solche Zusätze machte^.

Bei seiner Reichhaltigkeit und seinem wissenschaftlichen Charakter

wurde das Dekret alsbald von der Schule rezipiert und von den

^Dekretisten" zum Gegenstand der wissenschaftlichen Behandlung gemacht

-. Diese bestand zunächst darin , dafs darüber gelesen wurde

(lectura ). d. h. der Hauptinhalt eines Abschnittes (summaj wurde mitgeteilt,

der Text gelesen, wirkliche oder fingiert« Fälle daran angeschlossen.

Parallelstellen angeführt. Widersprüche gelöst. Rechtsregeln

(brocarda) abgeleitet. Rechtsfragen (^quaestiones) aufgeworfen. Dazu

kam die schriftstellerische Bearbeitung in Glossen (glossae), d. h. Wortund

Sacherkläningen. erst zwischen die Zeilen (gl. interlineares), dann

an den Rand (gl. marginales) geschrieben, in Apparatus, d. h. ausführliehen,

fortlaufenden Erklärungen des ganzen Textes, in Summen, d. h.

gedrängten Darstellungen des Inhaltes einzelner Abschnitt« oder Kapitel

des Dekrets, in Distinctiones. Repetitiones, Casus. Quaestiones,

Dissensiones dominorum. Brocarda. Regulae iuris. Indices, Margaritae.

Breviaria. Monographien, Traktaten, Ordines iudiciarii. Als die bedeutendsten

Dekretisten sind anzuführen: Pau-capalea^, Joh. Farttinus

(t 1190), Rolandus Bandineüus (Alex. III.) (f 1181)*. Orn^r

(t 11 So), Bazianus (j 1197j, Bufinus^, Stephan von Tournay {j 1: .

Huffuccio ij 1210), Sieard von Cremona (f 1215), Tankred (f c. 1235),

Johannes Teut'Onicug (f 1245 oder 1246). Von letzterem stammt die

von Bartholomäus von Brescia (j 1258J überarbeitete Glossa

zum Dekret. Versuche, das Dekret verbessernd umzuarbeiten, wie sie

Omnihonus, der Kardinal Lahorans und vielleicht auch Turrecremata

anstellten, blieben ohne Erfolg. Es hatte bereits zu grolse Verbreitung

und Ansehen gewonnen.

'

J. G. BickeH , De Paleis. quae in Grat. decr. inTeDiuutur. 1827. Maaj^en,

Paueapalea. 1859 (a. Bd. XXXI, S. 449 fi'. d. WieiL Sitrungsbericlite). Schulte, Die

Paleae im Dekr. Grat. 1-74 (a. Bd. LXXVIII, S. 287 d. gen. Berichte). Den.,

Gefech. d. Quell. L 57 ff.

- Neben Sarti u. F. K. v. Snvigrty (GeBch. d. röm. Rechts im MA. Bd. III ff.)

handelt darüber allseitig Schulte, Gesch. d. Quell. 1, 109 ff.

* .Summa, ed. Sciiulte. 1890.

* .Stroma oder Summa, ed. Thaner. 1874.

^ Summa, ed. Schvlle. 1892. Vgl. aber L. Tanon , Etüde d. litt, canonique

(Nouv. P^ev. bist de droit fraD


\

§ 4^ Die CWapOaiMws müfoe. 129

Aber trotz dieses Aasdi^e und der Benüzm^ waA tob seftai

der Päpste hat das Dekzet wiemals olfiaielte Anakamang jrfawdni,

ist Tidraebr ^^3 reine Pr*-=-2-"-?!t geUiel)«L Audi Gfiegm- XHL

hat in deBKoiistitiiti:--e~ . luuiac

* a. 1^30 mid ^TTtimH

tkMMm decapdmnnn* i 0- £e Aihdt ds* Ccsreeisves

rmmd bestätigte, ' r'-rhaHaiai Text als anthe»-

tkdh, mdit aber dir ^ 7=z^^ eckfirf. An^ dardi

Gewohnheit kann ~t --~ n. Daher haboi die

Dieta Gratiain

rfifateB fianoaea

nur die Bedöir - - nkoamnL Abo

kommt es xor

-'

: : -

ien netzizT^

Wortlant an. VeDiir::?:- —

geber des Dekrets :t:~

-

iParis. 1Ö47X Ck. c 1 .

die CorrectcNres tohe.: -:z ?.:; — i^.i:

angesetzte Eonmiiss j.jzi. --:-S2;,

die Gebräder PiAfj 1747\ 1. L,

RieUir (1839) und E. Fri^fbery (lg79 f. .

§ 42.

IHe C«apilati«aes aMti


-

\'.\{) II. Hiuli : Die

Quellen de» KRs. 2. Abscbn.: Die form. Quellen des KRs.

Imll» «los Dekrets befindlichen päpstliclien Dekretalen als Decretales

extravagantes, i. e. quae extra decretuni vagantiir. Für df-n Gcbraucli

schaltete man sie zum Teil in das Dekret ein, zum Tiü hing

man sie an dasselbe an. Bald aber fafste man sie in eigenen Sammlungen

zusammen. Mehr als zwanzig derselben sind aus der Zeit

von Gratian bis (iregor IX. bekannt. Aber nicht alle gewannen

"leiches Ansehen. Entscheidend hierfür war entweder die Rezeption

durch die Schule oder die Zusendung der authentischen päpstlichen

Dekretalensammlungen an die Schule. Thatsächlich haben nur fünf

Sammlungen die Anerkennung der Schule erhalten und wurden, wie

das Dekret von den Dekretisten , so von den Dekretalisten wissenschaftlich

bearbeitet. Von der Schule wurden sie als Compilationes

bezeichnet, und zwar in der Regel nach ihrem Alter als Compilatio

prima, secunda u. s. w. Im Vergleich zu der jüngeren SammluiiL:

Gregors IX. aber, für die sie nach Form und Inhalt bedeutungsvoll

sind, heifsen sie Compilationes antiquae.

Die erste derselben, das zwischen 1187 und 1191 verfafste Breviarium

extravagantium, stammt von dem Propste Bernhard von Pavia.

Dieser trug von Gratian übersehenen Stoff nach und sammelte päpstliche

Dekretalen bis auf Klemens III. (1187— 1191), für welch letztere

er den Appendix Concilii Lateranensis tertii,

die Collectio Bambergensis,

Lipsiensis und Casselana benutzte. Bernhard teilte den Stoff wohl im

Anschlufs an das römische Recht in fünf Bücher, deren Inhalt durch

den Memorialvers: Iudex, iudicium, clerus, connubia (sponsalia), crimen,

angegeben wird.

Jedes Buch zerfällt wieder in Titel mit entsprechenden

Überschriften (Rubriken), jeder Titel in Kapitel, eine Einteilung, die

vorbildlich geworden ist für alle folgenden Dekretalensammlungen ^

Die Compilatio secunda ist verfafst von Johannes Galensis (von

Wales), der sich dabei auf Arbeiten von Gilhertus und Alanus stützte.

Obgleich sie erst nach der Compilatio tertia entstand, wurde sie doch

von den Glossatoren als secunda bezeichnet, weil sie zwischen dem

Breviarium Bernhards und Innocenz III. liegendes Material, Dekr»

talen Klemens" III. und Cölestins III. (1191— 1198), enthält.

pontif. saec. XIII. 1883 sqq. 7*. J'ressuti , Registrum Honorii III. 1888 sqq. l'i'

Ecoles fran(^. dWthenes et de Rome veröffentliclien die Register Greg. IX., Innoc. W

Alex. IV., Urb. IV., Klein. IV., Greg. X., Job. XXI.. Nikol. III., Mart. IV.. Honor. IV

Nikol. IV., Bonif. VIII. u. Bened. XI. Die Register der avignon. Päpste sollen folgtii.

Reg. Clem. P. V. cur. et stud. monacb. ord. S. Bened. 1305—1314. 18^


§ 43. Die päpstlichen Dekretalensammlungen. X31

Die Compilatio tertia nämlich enthält Dekretalen Innocenz' III,

von 1198 bis 1210. Sie ist in dessen Auftrag von seinem Notar

Petrus CoUivacinus aus Benevent unter Benützung früherer Sammlungen

verfafst worden.

Der Papst schickte sie dann an die Universität

Bologna zur Benützung „tarn in iudiciis, quam in scholis". Diese

Sammlung ist also die erste authentische oder offizielle, d. h. vom

päpstlichen Gesetzgeber selbst veranstaltete.

Die Compilatio quarta, von einem Unbekannten c. 1220 verfafst,

giebt Dekretalen aus den letzten Regierungsjahren Innocenz' III.

(1210—1216) und die Beschlüsse des Lateranense IV a. 1215.

Die Compilatio quinta bilden Dekretalen von Honorius III. und

eine umfassende Konstitution Friedrichs II. vom Jahre 1220. Da der

Papst sie im Jahre 1226 an die Universitäten schickte, so ist sie die

zweite authentische oder offizielle kirchliche Rechtssammlung.

§ 43.

Die päpstlichen Dekretaleiisammluugeii: die Dekretaleu Crregors IX.;

der Liber sextus; die Klemeutiiieii. Die Glossatoren.

Schulte, Gesch. d. Quell. II, 3 ff. Friedberg, Prolegomena z. Corp. i. can. t. 2,

p. X sqq. Laurin, Introd. 126 sqq. ScJmeider 134 ff.

I. Der Umstand, dafs die päpstlichen Dekretalen in einer Reihe

von Sammlungen zerstreut waren und dafs man alle für allgemein

gültig ansah, hatte viele Mifsstände im Gefolge wie : Unvollständigkeit,

Widersprüche, Verwirrung, Zweifel an Echtheit. Aus diesen Gründen

und nicht aus Herrschsucht befahl Papst Gregor IX. im Jahre 1230

seinem Kapellan und Pönitentiar, dem Dominikaner Baimund iwi Pennaforte,

das in den Compilationes antiquae aufgehäufte Material unter Beifügung

seiner eigenen Dekretalen mit Beseitigung von Widersprüchen

und Weglassung von Überflüssigem zum gemeinen Besten zusammenzufassen.

Dem Auftrag entsprechend teilte Raimund im Anschlufs an

die Compilationes antiquae seine Sammlung in fünf Bücher, diese selbst

wieder in Titel mit Überschriften oder Rubriken und die Titel in

Kapitel, d. h. in die gröfstenteils chronologisch geordneten päpstlichen

Dekretalen. Jedes Kapitel hat eine inscriptio , die die Herkunft angiebt,

und eine erst später beigefügte Inhaltsangabe (summarium).

in der gewünschten Weise abzukürzen, liefs er einzelne Dekretalen als

überflüssig ganz weg; namentlich aber liefs er weg die Species facti

oder die Pars decisa, die Erzählung des Thatbestandes, den er in der

Regel nur mit „et infra" andeutete. Dekretalen, die mehrere Gegenstände

betrafen, zerrifs er und stellte sie an den geeigneten Orten ein.

Widersprüche wurden beseitigt durch Unterdrückung oder Änderung

Um


132 II- Buch: Die Quellen des KKs. 2. Absclin. : Die form. Quellen des KR«,

von Dekretalen. Auch wurden zur Lösung von Zweifeln oder Festsetzung

von Prinzipien ganz neue von (iregor IX. beigefügt. Haimund

verfuhr im päpstliclien Auftrag dabei durchaus gesetzgeberisch und ist

so gegen jeden Vorwuif dor Fälschung in Schutz zu nehmen , wenn

auch sein Verfahren wissenschaftlich teilweise mangelhaft war. Dem

Hauptmangel, nämlich der Weglassung der Pars decisa und vielfach

daraus folgenden Unverständlichkeiten , suchten die Herausgeber des

Corpus iuris canonici seit Le Conte durch Wiederaufnahme derselben

aus den Registern abzuhelfen. In verhältnismäfsig kurzer Zeit war

das grofse Werk fertig. Schon am 5. September 12.'i4 konnte es Gregor

durch die Bulle „Kex pacificus" publizieren und an die Universitäten

Bologna und Paris überschicken mit dem Befehl, dafs man nur diese

Sammlung noch bei den Gerichten und in den Schulen gebrauche, und

mit dem Verbot, ohne päpstliche Erlaubnis eine andere Sammlung zu

veranstalten. Damit war die Sammlung zu einem offiziellen, authentischen

,

einheitlichen , universalen und gegenüber den Compilationes

antiquae, nicht aber gegenüber dem Dekret ausschlieislichen Gesetzbuch

erklärt. Alle Kapitel haben in ihrem dispositiven Teil allgemeine

Gesetzeskraft in dem Sinne, wie sie in dieser Sammlung Gregors

stehen ohne Rücksicht auf ihren sonstigen Ursprung und Wortlaut.

Gesetzeskraft haben auch die Titelrubriken, wenn sie für sich einen

Kechtssatz ausdrücken, z. B. : Ne sede vacante aliquid innovetur

(III, 9): sonst ist ihre Bedeutung nur eine deklarative. Dagegen

ermangeln der Gesetzeskraft die Inskriptionen, die Summarien und

die Partes decisae. Der Papst selbst bezeichnete das Werk als „Compilatio".

Andere bezeichneten es als ,Compilatio nova oder sexta*" im

Gegensatz zu den fünf Compilationes antiquae. Noch häufiger wurde

es als Liber extravagantium, i. e. Liber decretalium extra Decretum

Gratiani vagantium, bezeichnet. Daher die Citierart, z. B. c, 2, X

(i. e, Extra) de consuet. I, 4. .Jetzt ist die Bezeichnung Dekretalen

Gregors IX. allgemein.

II, Auch nach Gregor IX, ging die päpstliche Gesetzgebung weiter.

Da aber dieser Papst die Anfertigung von Rechtssammlungen ohne

Erlaubnis des Apostolischen Stuhles jedermann verboten hatte, so

sorgten seine Nachfolger selbst für die Sammlung ihrer Dekretalen.

Innocenz IV. , Gregor X, und Nikolaus III. schickten diese ihre

Sammlungen an die Universitäten Bologna und Paris mit dem Auftrag,

die einschlägigen Dekretalen je unter die betreffenden Titel der

Gregoriana einzustellen. Allein dieser Befehl wurde nur teilweise

befolgt. In der Regel wurden diese Sammlungen im Anhang als

„Novae oder Novellae constitutiones" oder als ,Novellae Gregorianae'


§ 43. Die päpstlichen Dekretalensammlungen. 133

als selbständige Teile beigefügt. Dazu kamen noch Sammlungen

anderer Päpste und private, so dafs wieder zahlreiche Kompilationen

vorhanden waren.

Durch diesen Mifsstand und die sich mehrenden Zweifel an der

Echtheit von einzelnen Dekretalen bewogen, beschlofs Bonifatius VIII.,

die neueren Konzilienbeschlüsse und Dekretalen mit Einschlufs seiner

eigenen in einer neuen Kollektion vereinigen zu lassen. Deshalb

beauftragte er eine aus dem Erzbischof Wilhelm de Mandagoto von

Embrun, dem Bischof Berengar FredoU von Beziers und dem Magister

Blchard Petroni von Siena, Vizekanzler der römischen Kirche, bestehende

Kommission, die seit Gregor IX. erschienenen Dekretalen auf

ihre Echtheit zu prüfen, die authentischen dann in der hergebrachten

Weise in fünf Büchern unter den entsprechenden Titeln als Kapitel

unterzubringen. Dabei sollten aber die Redaktoren die auf blofs

vorübergehende Verhältnisse bezüglichen oder unter sich im Widerspruch

stehenden oder überflüssigen Stücke ausscheiden; an den aufzunehmenden

sodann durften sie Abkürzungen, Änderungen, Verbesserungen

,

Weglassungen und Hinzufügungen vornehmen. Im

Jahre 1298 schickte Bonifaz die neue Kompilation zugleich mit der

Publikationsbulle „Sacrosanctae" vom 3. März an die Universitäten

Bologna und Paris unter der Bezeichnung „Liber sextus", weil sie

zu den Decretales Gregorianae nur einen Anhang bilden sollte. Daher

wird sie nach Art letzterer Sammlung citiert, aber mit dem

Beisatz in VP", z. B. c. 1. in VP" de elect. I, 6. Ganz wie die

Gregoriana sollte auch der Liber sextus eine offizielle, authentische,

einheitliche, universale und ausschliefsliche Sammlung mit allen Konsequenzen

hieraus sein.

Immerhin besteht bezüglich der Ausschliefslichkeit

ein Unterschied. Zwar hatten durch den Liber sextus die seit

Gregor erschienenen, aber nicht aufgenommenen Dekretalen für die

Schulen und Gerichte ihre verbindende Kraft verloren. Aber es

waren doch jene ausgenommen, für welche die gesetzliche Geltung

reserviert ist, insofern auf sie im Texte als obgleich nicht aufgenommen,

doch noch zu Recht bestehend verwiesen ist, z. B. c, 20

s. f. in VP" de haeret. V, 2. Zum Schlufs sind der Sammlung unter

der Überschrift „De regulis iuris" 88, von dem Legisten Dinus

Mngellamis dem römischen Rechte entnommene Rechtsregeln angehängt,

die, mit der Sammlung publiziert, ebenfalls Gesetzeskraft

haben.

III. Auch nach Abschlufs des Liber sextus erliefs Bonifaz VIII.

eine Reihe wichtiger Dekretalen.

Ebenso sein Nachfolger Benedikt XI.

Diese wurden in Privatsammlungen vereinigt und als „Constitutiones


134 "• B'ich: Die Quellen des KRs. 2. Abschn.: Die form. Quellen des KRa.

extravagantiuiii Libri sexti" dem letzteren angehängt. Klemens V .

aber liefs die Kanonen der allgemeinen Synode von Vienne 1311 — 1312,

sowie seine vor und nach dieser Synode erlassenen Dokretalen in

eine Sammlung bringen. Er publizierte diese am 21. März l:jl4 in

einem Konsistorium zu Monteaux bei Carpentras. Allein wohl wegen

des binnen Monatsfrist eingetretenen Todes des Papstes unterblieb die

befohlene Übersendung der Sammlung an die Universitäten. Daher

hat sie sein Nachfolger Johann XXII. durch die Bulle „Quoniam

nulla" vom 25. Oktober 1317 nach vorgenommener Revision aufs

neue an die Universitäten Bologna und Paris zum Gebrauch in

Schule und Gericht verschickt ^ Die herkömmliche Einteilung in

fünf Bücher, Titel und Kapitel ist beibehalten. Auch das herkömmliche

Verfahren, abzukürzen, auszuscheiden u. s. w., ist befolgt. Aber

darin waltet gegenüber den Dekretalen Gregors IX. und dem Liber

sextus eine wesentliche Verschiedenheit, dafs zwar auch diese Sammlung

ein offizielles, authentisches, einheitliches und universales Gesetzbuch

ist, aber ausschliefslich ist sie nicht mehr. Es behielten

nämlich auch die nicht aufgenommenen päpstlichen Dekretalen seit

dem Liber sextus ihre Geltung. Wegen dieses durchgreifenden Unterschiedes

gegenüber den beiden andern Sammlungen wurde dieser der

Titel „Liber septimus" durch die Praxis versagt und ihr der Name

„Clementinae" seil, constitutiones beigelegt. Citiert wird z. B. c. 1

in Clem. de rescr. I, 2.

IV. Wie das Dekret Gratians und die Compilationes antiquae. so

fanden besonders die päpstlichen Dekretalensammlungen eine eingehende

wissenschaftliche Bearbeitung in den verschiedensten Formen ^.

Die Glossa ordinaria zu

den Dekretalen Gregors IX. stammt von Bnnhard

von Botoiie (f 1263). .Jene zum Liber sextus und zu den

Klementinen fertigte Johannes Andrea, genannt „fons et tuba iuris'

(t 1348). Aufserdem sind als Dekretalisten und Bearbeiter der einen

oder andern dieser Sammlungen zu nennen: Goffred von Trani

(t 1245), Sinibald von Fiesro (Innoc. IV.) (f 1254), Heinrich von

Sef/usia, genannt Hostiensis (f 1271), Aecfidius de Fuscarariis (f 1289),

Wilhelm Duranfis, genannt Speculator (f 1296), Guido von Bai/sio,

genannt Archidiaconus (f 1313), Johannes Monachus (f 1313), Heinrich

Bohic (t c. 1350), Johannes de Lignano (f 1383), Baldus de

Ubaldis (f 1400), Antonius de Butrio (f 1408), Petrus de Ancharano

'

F. J-.ltrlf, Aus d. Akten d. Vienner Konzils (Arch. f. Litt- u. Kirchengschte.

d. MAs. IV [1888], 448 ff.).

« Schulte, (resch. d. Quell. II. 75 ff.


§ 44. Die Extravagantensammlungen. X35

(t 1416), Franciscus Zaharella (f 1417), Johannes ab InioJa (f 1436),

NicoUius de Tudeschis ^

genannt Abbas Siculus oder Panormitanus

(t 1453), Andreas de Barhatia (f 1479).

§ 44.

Die

Extravagaiiteiisammliingeii.

J. W. Bichell , Über d. Entstehung u. d. heutigen Gebrauch d. beiden Extravagantensammlungen

d. Corp. i. can. 1825. Schulte, Gesch. d. Quell. II, 50 ft'.

Friedheiy, Prolegomena z. Corp. inr. can. t. 2, p. lxiv sq. Luurin, Introd. 208 ff.

Schneider 161 ff.

Der Umstand, dafs die Klementinen die Geltung der Extravaganten

seit dem Liber sextus unberührt gelassen, hatte zur Folge,

dafs dieselben entweder den offiziellen Sammlungen angehängt oder

zu eigenen kleinen Sammlungen vereinigt wurden. So waren drei auf

die Reservation der Benefizien bezügliche Dekretalen Johaijns XXII. um

das Jahr 1317 als zusammengehörig von Wilhelm de Monte Lau dimo

glossiert worden. Eben diese drei und dazu noch siebenzehn andere

Extravaganten Johanns XXII. hat Zenzelinus de Cassanis als Ganzes

im Jahre 1325 chronologisch zusammengestellt und glossiert. Aufserdem

wurden den Handschriften und ersten Drucken andere Dekretalen

in gröfserer oder geringerer Zahl angehängt. Als nun gegen Ende

des 15. Jahrhunderts die beiden Pariser Buchhändler Ulrich Gering

und Berthold Rembolt eine vollständige Ausgabe des Corpus iuris canonici

veranstalteten und dabei der Professor des Rechts Vitalis de Thehes

die Korrektur der Dekretalen Gregors IX., der Licentiat der Rechte

Johann Chappuis die der übrigen Teile zu besorgen hatte, da nahm

der letztere die zwanzig genannten Extravaganten Johanns XXII. als

eigene Sammlung, die Dekretalen aber seit Bonifaz VIII. , welche

ziemhch allgemein den Ausgaben der authentischen Dekretalensammlungen

angehängt worden waren, als Extravagantes communes

auf. Die Extravaganten Johanns XXII. brachte er unter vierzehn

Titeln je mit Kapiteln unter. Daher werden sie citiert: z. B. c. 2,

Extrav. loann. XXII. de concess. praeb. IV. Die Extravagantes

communes aber, deren Zahl zuletzt vierundsiebenzig betrug und die

aus der Zeit von Bonifaz VIII. bis Sixtus IV. stammen, teilte Chappuis

in die herkömmlichen fünf Bücher, Titel und Kapitel ein. Da aber

der Stoff zum vierten Buch fehlte, hat dieses die Überschrift:

Quartus liber vacat. Citiert werden die Extravagantes communes z. B.

c. 1, Extrav. comm. de M. et 0. I, 8. Die beiden Sammlungen sind

blofse Privatarbeiten und haben nicht die Autorität offizieller Gesetzbücher.

Diese wurde ihnen weder durch Gewohnheit, noch durch


136 II- üucli: I>'e Quellen des KKs. 2. Abschn.: Die form. Quellen de» KRs.

den Gebrauch in den (Terichten und Schulen und aucli nicht durch

Aufnahme in die Ausgabe des Corpus iuris canonici unter Gregor XIII.

verliehen. Die einzelne Dekretale iiat nur Wert, wenn und soweit sie

als Gesetz von dem Papste stammt, von welchem sie stammen will.

J;

45.

Das Corpus iuris cauouici nis Ganzes und seine heutige (leltun^.

Die Bezeichnung , Corpus iuris canonici" hatte zu verschiedenen Zeiten

verschiedene Hedeutung. Ursprünglich bezeidmet , Corpus iuris" eine abgeschlossene

Kechtssanimlung. In diesem Sinne wurde der Terminus im

römischen Recht gebraucht ', bald aber auch auf das kanonische übertragen.

So wurde z. B. die Dionysiana als , Corpus canonum**, das Dekret Oratians

als , Corpus decretorum'', die Compilationes anticpiae und die .Sammlung Gregors

IX. ' als , Corpus iuris" bezeichnet. Benannten dann die Legisten (üe

Gesetzhüchor Justinians zusammen als , Corpus iuris civilis", so hielten es

die Kanonisten mit den päpstlichen Rechtssammlungen ähnlich. So war auch

auf der Synode von Basel die Rede von ,reservationibus in Corpore iuris

clausis" '. Man meinte damit die in den offiziellen Dekretalensammlungen

bezw. dem Liber sextus enthaltenen Reservationen gegenüber den Extravaganten.

Ganz falsch also war es, deswegen von einem Corpus iuris canonici

clausuni zu reden in dem Sinne, als ob eine Änderung oder Fortsetzung des

kirchlichen Gesetzbuches ausgeschlossen wäre. Gregor XIII._aber nannt e

offiziell in der Konstitution ,Cum pro munere" vom 1. Juli 1580 die Rech tssamralungen

vom Dekret Gratians bis zu den Extravaganten „Corpus iuris

canonici", und seitdem ist der Ausdruck für die Ausgaben dieser Rechts-

Sammlungen mehr und mehr stehend geworden.

Zu den sechs wesentlichen Bestandteilen des Corpus iuris canonici kamen

in den verschiedenen Ausgaben * noch verschiedene Beigaben und Anhänge,

wie Inhaltsübersichten. Verzeichnisse der Titel und Kapitelanfange, der Arbor

consanguinitatis und affinitatis samt Erklärung von Jnhdnm-.t Anilreo, 47 Pönitentialkanonen,

84 Apostolische Kanonen, die Institutiones iuris canonici des

Paul Lancehtt (f 1590) und der Liber septimus des Peirus Matthäus (t 1621).

Die auf A'eranlassung von Paul IV. entstandenen Institutionen sollten eine

Parallele sein zu denen des Corpus iuris civilis, um so die Ähnlichkeit zwischen

den beiden Corpora iuris zu vervollständigen , fanden aber ebensowenig die

kirchliche Approbation wie der Liber septimus, der in der alten Ordnung

von Büchern und Titeln Dekretalen von Innocenz IV. bis Sixtus V. enthält.

Was die Geltung des Corpus iuris canonici betrifft, so ist es

nach dem Vorausgegangenen kein einheitliches offizielles Gesetzbuch,

'

L. 1, C. de rei uxor. act. V, 13.

2 Const. Innoc. IV. ,Ad expediendos' (9. Sept. 1253).

»

Sess. XXIII. c. 6 (a. 1436).

*

über d. Ausgaben d. Corp. i. can. vgl. oben S. 129.


§ 45. Das Corpus iiu-is canonici als Ganzes und seine heutige Geltung. 137

ist aber noch heute entsprechend seinen Bestandteilen eine Hauptquelle

des gemeinen Kirchenrechts, soweit ihm nicht durch spätere

Gesetze der Konzihen und Päpste, durch Konkordate und Gewohnheitsrecht

derogiert worden ist. Für die Lösung von sich im Corpus


iuris canonici findenden Antinomien gilt die Rechtsregel :

Lex posterior

derogat priori. Doch ist zu unterscheiden zwischen Antinomien in

demselben Bestandteil oder in verschiedenen des Sammelwerks.

Besteht

eine Antinomie zwischen zwei Stellen derselben Sammlung, so ist im

Gratianischen Dekret und den Extravagantensammlungen als

privaten

Arbeiten das Alter des einzelnen Gesetzes entscheidend, in den offiziellen

Dekretalensammlungen aber giebt es zwischen den einzelnen

gleichzeitig publizierten Gesetzen kein Prius und Posterius, Hier ist

durch juristische Literpretation zu helfen. Ergiebt sich sodann eine

Antinomie zwischen zwei Stellen in verschiedenen Teilen des Corpus

iuris canonici , so findet die angegebene Rechtsregel durchweg Anwendung.

Nur ist bei den beiden Extravagantensammlungen und bei

einem Widerspruch zwischen den Extravagantes communes und den

Klementinen die spätere Sammlung als solche nicht ohne weiteres der

Beweis für die Lex posterior.

Die Geltung des Corpus iuris canonici für das weltliche Recht betreffend,

so hatte die hervorragende Stellung der Kirche im Mittelalter,

das damalige enge Bündnis zwischen Staat und Kirche, die

umfassende Regelung auch von rein bürgerlichen Verhältnissen im

Corpus iuris canonici, die eingehende Berücksichtigung des deutschen

Rechts in demselben und der Einflufs des kanonischen Prozesses auf

den civilen die Folge, dafs das glossierte Corpus iuris canonici zugleich

mit dem Corpus iuris civilis „usu" rezipiert wurde. Im Falle

Widerstreits zwischen den beiden Rechten hatte das kanonische als

das jüngere den Vorzug. Allein mit dem gemeinen römischen Recht

hat auch das kanonische seine Gültigkeit auf diesem Gebiet vielfach,

ja gröfstenteils durch die neuere staatliche Gesetzgebung verloren.

Für die protestantische Kirche war und ist die jeweilige Landesgesetzgebung

die primäre Quelle des Rechts. Daneben ist aber auch

das Corpus iuris canonici Rechtsquelle. Zwar hat Luther dasselbe zu

Wittenberg am 10. Dezember 1520 feierlich verbrannt ^ Allein damit

war die historische Kontinuität mit dem alten Kirchenrecht noch nicht

vollständig gelöst. Es blieben noch viele kirchliche Rechtsverhältnisse,

z. B. Stiftungen, Patronate u, s. w^, die sich nicht anders auffassen

^

K. Köhler, Luther u. tl. Juristen. 1873. H. Sachsse, Luther n. d. kan.

Recht. 1884.


138

JI- Buch: Die l^iullen rles KRs. 2. Abschn. : Die form. Quellen des KRs.

und gesetzlich regeln liefsen, als es das kanonische Recht gethan

hatte. Darum niufste letzteres hierin beibehalten werden. Luther selbst

hat seine ]\Ieinun^' geändert, und in den Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts

ist das Corpus iuris canonici häufig benutzt. Daher ist es

allgemeine Ansicht, dafs das Corpus iuris canonici subsidiäre Uechtsquelle

für die protestantische Kirche ist, soweit diese Geltung nicht

durch die abweichende Lehre und Gesetzgebung aufgehoben ist.

Kann man, wie bemerkt, nicht von einem Corpus iuris canonici

clausuni in dem .Sinne reden, als ob eine Fortsetzung des kirchlichen

Gesetzbuches «usgeschlossen wäre, so ist doch thatsächlich trotz der

notwendig fortdauernden gesetzgeberischen Thätigkeit

der Kirche seit

den Klementinen eine offizielle Fortsetzung des Corpus iuris canonici

unter Berücksichtigung der von den allgemeinen Synoden und den

Päpsten ausgegangenen aufserordentlich zahlreichen neueren Gesetzen

nicht eingetreten. Immerhin hat es an einem Versuch dazu nicht

gefehlt, Xoch vor dem Jahre 1580 betraute Gregor XIIL drei

Kardinäle mit Herstellung einer authentischen Dekretalensammlung

und nahm selbst an der Arbeit teil. Sixtus V. stellte an die Spitze

der Kommission den Kardinal Pinelli. Im Jahre 1592 war die

Sammlung und Gruppierung des Materials in fünf Büchern vollendet.

Nach vorläufigem Druck, erster Lesung und Neuredaktion durch

Pinelli konnte das Gesamtwerk unter dem Titel „Sanctissimi^D^N^D.

Clementis PP. VIII. Decretales" dem Papst im Jahre 1598 zur Approbation

vorgelegt werden, die es aber nicht erhielt, und auch eine

Wiederaufnahme der Arbeit unter Paul V. in den Jahren 1607— 1608

war resultatlos. Der Grund hierfür dürfte weniger darin liegen, dafs

dieser sogenannte Liber septimus in den Schulen glossiert und

kommentiert worden wäre und damit auch die in ihm enthaltenen

tridentinischen Dekrete, was aber Pius IV. in der Konfirmationsbulle

des Tridentinums ,Benedictus Dens" verboten hatte, als einerseits

in kaum zu behebenden redaktionellen Mängeln, wie zu vielem dogmatischen

Inhalt und zu umfassender Aufserachtlassung von notwendig

aufzunehmendem Stoff, anderseits in dem damaligen Verhältnis

von Staat und Kirche, indem die Aufnahme von in manchen Staaten

proskribierten oder wenigstens nicht rezipierten päpstlichen Konstitutionen

und Synodaldekreten zu Konflikten mit der weltlichen

Gewalt geführt haben würde ^ Dafs auch heute noch ein dringendes

Bedürfnis nach Kodifikation des gegenwärtig allgemein gültigen

' F. Seilt is, dementia PP. VIII. Decretales, quae vulgo nuncupantur Liber

septimus Decretalium Clementis VIII. 1870.


§ 46. Die Rechtssammlungen nach dem Corpus iuris canonici. 139

älteren und neueren Kirchenrechts besteht, ist nicht zu bezweifeln,

und wiederholt, so auch auf dem Yaticanum, ist dessen Befriedigung

gefordert worden. Allein es ist fraglich, ob bei den heutzutage nach

Ländern so verschiedenen kirchenpolitischen Verhältnissen die Lösung

der Aufgabe möglich und entsprechend nützlich wäre i.

§ -16.

Die Rechtssammluugeu nach dem Corpus iuris canonici.

Die materiellen Rechtsquellen sind auch nach dem Corpus iuris

canonici die gleichen geblieben. Als allgemeine funktionieren die allgemeinen

Konzilien, der Papst, die Kurialbehörden und die Kardinalskongregationen

, welch letzteres Institut aber erst nach dem Tridentinum

entstanden ist. Zu den partikularen gehören die Partikularsynoden,

die Bischöfe, die Vereinbarungen zwischen Kirche und Staat

und die kirchliche Gegenstände ordnende Staatsgesetzgebung, soweit

deren Thätigkeit von der Kirche acceptiert oder toleriert wird. Für

alle diese materiellen Quellen des neueren Kirchenrechts bestehen entsprechende

formelle: die Gesetze und deren Sammlungen.

1. Die Konziliensammlungen.

a) An allgemeinen Konzilien fanden seit Klemens V. statt: das

zu Konstanz (1414— 18), zu Basel-Ferrara- Florenz (1431—45), im

Lateran (1512—17), zu Trient (1545—63) und im Vatikan (1869—70)2.

An kirchenrechtlichen Bestimmungen war das Tridentinum am fruchtbarsten

durch seine Reformdekrete. Diese sind, aufgebaut auf dem

älteren Kirchenrecht, in vielen Beziehungen die Grundlage des geltenden

gemeinen Rechts. Bestätigt wurden seine Beschlüsse durch die Bulle

Pius' IV. „Benedictus Dens" vom 26. Januar 1564. Das Vaticanum

mufste leider vertagt werden, ehe es an die Beratung und Beschlufsfassung

über seine vielen, die kirchliche Disziplin betreffenden Vorlagen

herantreten konnte 3. Immerhin kommt für das Recht in Betracht

die Konstitution „Pastor aeternus" vom 18. Juli 1870 über

den Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes.

Die Beschlüsse all dieser Konzilien sind nicht offiziell gesammelt

worden. Dagegen sind privatim vielfach Konziliensammlungen veranstaltet

worden. Sie enthalten neben den Protokollen die einschlägigen

Aktenstücke aus amtlichen und nichtamtlichen Quellen,

haben aber keinen offiziellen Charakter.

' H. Lämmer, Zur Kodifikation d. kan. Rechts. 1899. Über private Versuche

oben

S. 20, A. 1.

Oben S. 46. 49. 52. » Lämmer a. a. 0. 48 ff.


140

'I- Buch: Die Quellen des KRs. 2. Absclin. : Die form. Quellen des KRs.

Allgemeine Konziliensammlungen vgl. oben 8. 106 , A. 3. Sammlungen einzelner

allgemeinen Konzilien oben S. 46. 49. 52. Die branchbarste Ausgabe der

Beschlüsse des Tridentinums ist die von liirhter-Schuhr , Canon, et decret. Conc.

Trid. iJ^öS. Zum Vaticanum : Tli. Cramhratti , Constitut. dogmaticac s. oecum.

Conc. Vatic. 1892.

h) Das Konzil von Trient hatte eine Zeit lang auch ein entsprechendes

Aufblühen der Partikularsynoden, der Provinzial- und

r)i()zesan.synoden im Gefolge. Im 1!>. Jahrhundert wurden wieder

mein- solche Synoden abgehalten. Selten sind offizielle Ausgaben

von deren Beschlüssen erfolgt, so dafs auch diese Sammlungen nur

privater

Natur sind.

Konziliensammlungen einzelner Länder vgl. oben S. 108, A. 3. Die vom Ende

des 17. bis zum Ende des l'S. Jhdts. gehaltenen Synoden findet man in Bd. I der

Collectio Lacensis und die vom Jahre 1789— 1869 von deutschen, holländischen und

ungarischen Bischöfen gehaltenen Synoden in Bd. V. Es giebt aber auch Sammlungen

für einzelne Diözesen : J. Schott, Concilia, synodi et comitia s. Bambergensia.

Bamb. 1772. L. Schmidt, Die Bamb. Synoden. 1851. M. de Montbach , Statuta

synodalia dioecesana eccles. Wratislaviensis. 1855. Constitutiones veteres simul et

novae. Brixen 1614. P. Dreesen, De synodis Coloniensibus. Bonn. 1780. Constitut.

synod. Culm. et Pomesan. descriptio. 1804. Constitut. synod. Vanniens. descr. 1^02.

A. Wilnltwein, Concilia Moguntina in elencho. Mogunt. 1766. F. J. K. Scheppler,

Codex ecclesiast. Mogunt. 1802. Statuta dioecesis Mogunt. 1812. K. F. Krabbe,

Statuta synodalia dioecesis Monast. 1849. Acta et statuta synodi dioecesanae

Monast. a. 1897. 1899. Statut, et decr. synod. Paderborn. 1868. 1888. F. Dalham,

Conc. Salisburgensia provinc. et dioec. Aug. Vind. 1788. Collectio process. synodal,

et constit. ecclesiast. dioec. Spir. ab a. 1397 usque ad a. 1720. S. 1. 1786. J. J.

Bluttau, Statuta synodalia, ordinat. et mandata archidioec. Trevir. 1844 sqq. F. X.

Himmelstcin , Synodicon Herbipol. 1855. Act. et decr. Conc. plen. Amer. lat.

1899. 1900.

2, Die Bullarien.

Die gesetzgeberische Thätigkeit der Päpste hat sich seit dem

Tridentinum noch gesteigert.

Als hervorragend hierin sind zu nennen

Pius V., Gregor XIII., Sixtus V., Klemens VIII., Gregor XV., Urban VIII..

Innocenz X., XL, XII.. besonders aber Benedikt XIV. und neuestens

Pius IX. und Leo XIII. Authentisch gesammelt sind aber nur die

Erlasse Benedikts XIV. in dessen Bullarium, das er 1746 an die Universität

Bologna schickte mit dem Auftrag, sich desselben als Quelle

des Rechts zu bedienen.

Die andern, im Corpus iuris canonici nicht enthaltenen

päpstlichen Erlasse, die jedoch keineswegs alle Bullen sind,

wurden seit dem 16. Jahrhundert in privaten Sammlungen, sogen.

Bullarien, chronologisch zusammengestellt. Da also diesen Bullarien

keine Authentizität zukommt, so haben die darin enthaltenen Erlasse

mir soweit Geltung . als sie selber gehörig publiziert oder durch Gewohnheit

rezipiert wurden und mit dem Original übereinstimmen.


§ 46. Die Rechtssammlungen nach dem Corpus iuris canonici. 141

Aufser den allgemeinen Bullarien bestehen auch solche für kleinere

Kreise, z. B. für einzelne Orden, oder Zeiträume, z. B. für einzelne

Pontifikate,

Solche allgemeine Bullarien sind: L. Cheruhiiu, BuUarium s. collectio divers,

constitutionum multorum pontificum a Greg. VII. usque ad Sixt. V. Rom. 1586;

V. Verf. selbst, A. Cheruhini, A. a Lantmca, J. P. a Roma verbess. u. fortges. v.

Leo I. b. Klem. X. Rom. 1617 sqq. Bullarium magn. roman. a Leone M. usque ad

ßened. XIIL Luxemb. (thats. Genf) 1727 sqq.; später usque ad Bened. XIV. 1758.

C. CocqueUnes, Bullarum, privileg. ac diplom. rom. pontif. ampliss. collectio. Rom.

1739 sqq. Vom 6. Bd. ab lautet der Titel: Bullarium Romanum. A. BarMri,

A. Spetia et R. Segreti, Bullarii rom. continuatio Clem. XIIL . . . Greg. XVI. constitutiones

complect. 1825 sqq. Das neueste Bullarium: A. Tomassetti, Bullarum,

dipl. et privil. s. rom. pontif. Taurinensis editio locuplet. 1857 sqq. — Acta Pii IX.

Rom. 1854 sqq. Leonis XIIL Acta. Rom. 1881 sqq. Conventiones de reb. eccles.

inter S. Sed. et civil, potest. initae sub pontif. Leonis XIIL Rom. 1893. Leonis XIIL

Epist. encycl. Frib. Brisg. 1881 sqq. — Eine eigentümliche Sammlung päpstlicher

Verordnungen sind die Kanzleiregeln (vgl. oben § 23).

3. Sammlungen der Erlasse der Kurialbehörden und

Kardinalskongregationen.

Unter den Entscheidungen der Kurialbehörden haben für das

Kirchenrecht am meisten Bedeutung die der Rota.

Unter den Kardinalskongregationen

aber steht obenan die Congregatio cardinalium s. Concilii

Tridentini interpretum. In der Bestätigungsbulle zum Tridentinum

hat Pius IV. unter kirchlicher Strafe verboten, Kommentare und Glossen

zu dessen Dekreten zu machen, und hat sich selber die Erklärung derselben

reserviert. Dann setzte er eine eigene Kardinalskongregation ein,

um die Durchführung der Reformdekrete zu überwachen und etwaige

hierüber entstandene Zweifel oder Streitigkeiten zu entscheiden i.

Sixtus V. gab ihr 1587 das Recht, authentische Erklärungen dieser

Dekrete zu geben. So kommen von dieser Kongregation Resolutionen,

Deklarationen und Dekrete. Damit aber deren Authentizität feststeht,

ist für sie und für die Erlasse der Kardinalskongregationen überhaupt

nötig,

dafs sie mit Siegel und Unterschrift des Präfekten und Sekretärs

der Kongregation versehen seien. In jedem Fall mufs für ihre Gültigkeit

und Anwendbarkeit ihre Authentie feststehen. Daher entnimmt

man sie am besten authentischen Sammlungen, wenn solche da sind.

Die Entscheidungen der Rota romana Avurden seit Ende des 14. Jhdts. in

vielen privaten Kollektionen zusammengestellt. Die beste ist die von P. Farinachts.

Ed. noviss. Venet. 1716. Gemäfs der Bulle „Benedictus Dens" Pius' IV. kamen die

von Privaten gemachten Sammlungen der Erlasse der Congregatio concilii auf den

Index, so die von GüUemart und Barhom. Seit 1739 aber erscheint amtlich durch

'

SägmüUer, Die Gesch. d. Congr. Conc. Trid. vor d. Motuproprio „Alias nos

nonnullas" v. 2. Aug. 1564 (A. f. k. KR. LXXX [1900], 1 ff.).


;

]42 " liiali: Die /jstein.

1880. A. Ftujh , Verordnungen d. bisch, erml. Ordin. v. 1811—1891. 1892.

F. Heiner, Die kirchl. Erl. , Verordn. u. Bekanntmach, d. Erzdiöz. Freib. 1892.

TJi. DuDiont, Samml. kirchl. Erl., Verordn. u. Bekanntm. f. d. Erzdiöz. Köln. 2. Aufl.

1891. Diözesanstatuten f. d. Bist. Mainz. 1837. Generaliensammlung d. Erzdiöz.

Münch.-Freising. 1847 ff. H. Gerlach, Paderborn. Diözesanrecht. 2. Aufl. 1864.

Bottmayr, Generalien d. Diöz. Passau v. 1821—1851. 1852; fortges. v. Gefsl. 1864.

J. Lipf, Oberhirtl. Verordn. u. allg. Erl. f. d. Bist. Regensb. v. 1250—1852. 1853.

A. Voyt, Samml. kirchl. u. staatl. Verordn. f. d. Bist. Rottenb. 1876. ./. X Mennel,

Samml. v. Gesetzen, Verordn., Verfüg., Erlass. u. s. w. f. d. kath. Seelsorgsgeistlichen.

2. Aufl. 1879. P. Pfaff, Gesetzeskunde. Zusammenstell, kirchl. u. staatl.

Verordn. f. d. Geistlichkeit d. Bist. Rottenb. 1897. A. Müller, Repertoriura d.

landesh. Verordn. in Kirchensachen nebst d. bischöfl. Würzb. bis 1829 erschienenen

Diüzesanverordnungen.

1>'29.

5. Sammlungen der Konkordate und Sammlungen sowie

Darstellungen der kirchen politischen Gesetze einzelner

Länder Deutschlands und Österreichs.

Soweit materielle, sind auch formelle kirchliche Kechtsquellen die

Konkordate und Cirkumskriptionsbullen, der Religionsfriede zu Augsburg

1555, der Westfälische Friede 1648, der Keichsdeputationshauptschlufs

1803, die deutschen Bundes- und Reichsgesetze und die

zahlreichen kirchenpolitischen Landesgesetze und deren Sammlungen.

a) Allgemeine Sammlungen: //.

/•. Krcm^r-Auenrode , Aktenstücke z. Gesch.

d. Verhältn. zw. Staat u. Kirche im 19. Jhdt. 1873 ff. Ph. Zorn, Die wichtigst,

neueren Kirchenstaatsrechtsgesetze Deutschi.. Osterr. , d. Schweiz u. Ital. 1*


§ 46. Die Reclitssammlungen nach dem Corpus iuris canonici. 143

c) Einzelne Länder:

Anhalt: C. F. Andt, Handb. d. im Herzogt. Anh. -Dessau gelt, gesetzl. Vorschriften,

welche d. Kirchen- u. Schulwesen betreffen. 1837.

Baden: F. Heiner, Gesetze d. kath. K. betreff. {Rosins Handbibl. had. Ges. V).

2. Aufl. 1898. — G. Spohn, Bad. Staatskirchenrecht. 1868.

Bayern: G. Döllinger, Verordnungensamml. Bd. VIII (Rel. u. Kult.). 1838;

fortg. V. F. Straufs. Bd. XXIII. 1853. E. Stingl, Bestimmg. d. bayr. St. üb. d.

A^erwalt. d. kath. Pfarramts. 2. Aufl. 1890. L. H. Krich , Handb. d. Verwalt. d.

kath. Pfarramts m. Rucks, a. d. im Königr. B. gelt, kirchl. u. staatl. Bestimmungen.

1895. Ch. Meurer, Bayr. Kirchenvermögensr. 1899 ff. — 7t. Ä. Grundier, Das im

Königr. B. gelt. kath. u. prot. KR. 1839. J. Silbernagl, Verf. u. Verw. sämtl.

Religionsgenoss. in B. 4. Aufl. 1900.

Braunschweig: Die kath. K. in B. (A. f. k. KR. XIII, 247 ff.; XIX, 403 ff.;

XXni, 246 ff.; LXVH, 332 ff.; LXXVIII, 865 ff.).

El safs-Lothringen :

E. Diirsi/, Staatskirchenrecht in Els.-Lothr. 1876 ff.

F. Geigel , Das franz. u. reichsländ. Staatskirchenrecht. 1884. Ders., Reichs- u.

reichsländ. Kirchen- u. Stiftungsrecht. 1899 ff.

Hessen: K.J. Schumann, Samml. d. d. Kirch.- u. Schul wes. betreff, landesherrl.

u. bischöfl. Verordn. u. Erlasse. 1840. A. Schmidt, Kirchenrechtl. Quell, im

Grofsh. H. 1891.

KR. IX,

Lippe und Waldeck: Die kath. kirchl. Verhältn. in W. u. L. (A. f. k.

18 ff).

Mecklenburg-Schwerin und -Strelitz: Scharenberg u. Geuzl-en, Gesetzessamml.

f. d. M.-Strel. Lande. 1859. Vgl. A. f. k. KR. VI, 343; LXV, 349 ff.

Oldenburg: H. Bahlkamp, Die kath. Kirchenverhältn. Os. im Vergl. m. d.

preufs. Maigesetzen (A. f. k. KR. XXXI, 428 ff.).

Preufsen: J. A. L. Fürstenthal, Samml, all. noch gült., d. Kirch.- u. Schul-

Aves. betreff. Gesetze ii. Reskripte. 1838 ff. A. Hechert, Handb. d. kirchl. Gesetzgeb.

Pr. 1846. P. Hinschius, Preufs. Kirchenges. 1873 ff. K. Kleinsorgen, Die

kirchenpol. Ges. Prs. u. d. Deutsch. Rs. 1887. F. Rintelen , Die kirchenpol. Ges.

Prs. u. d. D. Rs. 1887. — H. F. Jacobson, Gesch. d. Quell, d. KRs. d. preufs. Sts.

1837 tt'. L. Gitzler, Handb. d. gem. u. preufs. Kirchen- u. Eherechts d. Kath. u.

Evang. 1840 ff. P. Vogt, Kirch.- u. Eherecht d. Kath. u. Evang. in den k. preufs.

Staaten. 1856 ff. Ders., Das kath. KR. in Pr. 1861. A. Altmann, Praxis d. preufs.

Gerichte in Kirchen-, Schul- u. Ehesachen. 1861. Th. Meier, Das preufs. gem. u.

provinz. KR. f. d. Geltungsgebiet d. allgem. Landrechts zusammengest. 1868.

W. Grattenauer, Das heut, preufs. KR. 1875. Hinschius, Das preufs, KR. im Gebiete

d. allgem. Landrechts. 1884.

Sachsen: Codex d. im Kgr. Sachsen gelt. Kirchen- u. Schulrechts. 3. Aufl.

V. P. V. Segdewitz. 1891. — C. G. Weber, System. Darstell, d. i. Kgr. S. gelt. KRs.

2. Aufl. 1893.

Sächsische Herzogtümer: F. X. Volkert , Samml. d. kirchl. Ges. u.

Verordn. im Grofsh. Sachsen -Weimar s. 1848. 1880. Herzogt. Gothaer Staatskirchenrecht

(A. f. k. KR. XXXVI, 215 ft'.). —

G. Rudioff, Gothaer Kirch.- u. Pastoralrecht.

1883.

Württemberg: Vogt, Mennel , Ifaff siehe oben Nr. 4. Vollst, hist. u.

krit. bcarb. Samml. d. württ. Gesetze, hgg. v. A. L. Regscher. 1803 fl'. X. Bd.,


4

144 ^I- Buch: Die Quellen des KRs. 2. Abschn.: Die form. Quellen des KKs.

enth. d. kath. Kirchenges. v. J. J. Lfimj. 1836. Lanthiuer, Das Ges. betr. d. Vertrat,

d. kath. Pfarrgemeinden u. d. Verwalt. ihr. Vermög. v. 14. Juni 1887. 1890.

— A'. SUingel, Das kirchenstaatsr. Verhältn. d, kath. u. prot. Ortsgemeinden in W.

1863. Michel, Die rechtl. Stell, d. Geistl. in W. n. reichs- u. landesges. Bestimmungen.

1899.

Österreich: J. B. Kufsrhker, Samml. d. Vorschriften, nach welchen sich

die Kuratgeistlichkeit bez. d. seelsorg. Geschäftsführung zu richten hat. 1847 ff.

F. Riedel; Handb. d. k. k. Ges. u. Verordn. üb. geistl. Angelegenheiten. 1848 ff.

Hurrk-hai-d , Ges. u. Verordn. in Kultussachen. 2. Aufl. 1890. — G. liechberger,

Handb. d. üsterr. KRs. 6. Aufl. 1836. J. A. GImel, Handb. d. neuest, in Österr,

gelt. KRs. 1857 tf. E. Mayrhofer, Handb. f. d. pol. Verwaltungsdienst II (4. Aufl.

18S0),

926 ff.


Lehrbuch

des

katliolisclien Kirchenreclits.

Von

Dr. J. B. Sägmüller,

Professor der Theologie an der Universität Tübingen.

Zweiter Teil.

Die Verfassung der Kirche.

Freiburg im Breisgau,

H c r d e r s c h e V e r 1 a g s h a n d 1 u n g.

1902.

Zweigniederlassungen in Wien, Strafsburg, München und St. Louis, Mo.


I

Iinj)rimatiii'.

Fribunji Brisfforüu; die 12. lauuarii 1902.

4^ Thomas, Aicliiepps.

'

Alle

Kechte vorbehalten.

Bacbdrnekerei der Herdersefapo VerlagsbandlaDg In Fralbarg.


nhaltsverzeicliiiis.

Drittes

Die Verfassung-

Buch.

der Kirche.

Erster

Abschnitt.

Der Klerus.

§ 47. Der Klerikerstand. Der Laienstand .

§ 48. Begriff der Ordination und ihre Stufen

§ 49. Der Ordinator

§ 50. Der Ordinand

§ 51. Der Ordinationstitel

§ 52. Der Akt der Ordination

§ 53. Der Diözesanverband .

§ 54. Die klerikalen Standesrechte

§ 55. Die allgemeinen klerikalen Standespflichten

§ 56. Die besondern Standespflichten der Majoristen : Cölibat und Br

gebet

Seite

145

146

150

155

174

179

183

184

194

201

Zweiter Abschnitt.

Das Kirchenamt.

Erstes

Kapitel.

Begriff, Eiiiteihiiig, Rechte und Pflichten des Kirchenaiiiles.

§ 57. Der Begriff" des Kirclicnanites

§ 58. Die Einteilung der Kirchenämter

§ 59. Die iurisdictio ordinaria, quasi-ordinaria, delegat;

§ 60. Die Präcedenz

§ 61. Die Obedienz

§ 62. Die Exemtion

§ 63. Die professio fidei

§ 64. Die Residenzpflicht

§ 65. Das Verbot der Pluralität der Kirchenämter


s

IV

InlialtaviTzcichni».

Seite

S

Z \v i- i t CS K a p i t »• 1.

Die Erriclitiin;?, Veräiidenins und AnfhebiiiiÄ der Kirihenänitcr.

6(5. Diu Knichtung der Kirclienämtor 230

S 67. Die Vorändeniny der Kirchonämter 233

§ 68. Dio Aufhebung der Kirclienämter 239

Drittes

Kapitel.

Die Verleihung der Kirtlienämter.

S 69. Mogiifr und .\iton der Verleihung der Kirchenämter . 240

§ 70. Die IJedingungen der Verleihung der Kircheiiäniter .... 242

§ 71. Die Dcsetzung der biscliüflichen .Stühle 251

§ 72. Die Wahl , Puatulation , Noniination. Die Konfirnuitiün , Adiuission,

Institution. Der Informativ- und Dcfinitivprozel's. Dio Kon.sekration 258

§ 73. Dio Besetzung der Kanonikato 265

§ 74. Die Verleihung der niedcrn Kirchenämter 267

S

75. Das Devolutionsrecht ... 270

§ 76. Das päpstliche Provisionsrecht 272

Viertes

Kapitel.

Das Patronatsrecht.

§ 77. Die Entwicklung des Patronatsrechtes 275

§ 78. Wesen und Arten des Patronatsrechtes 276

§ 7y. Objekt und Subjekt des Patronatsrechtes 279

§ 80. Die Entstehung des Patronatsrechtes . . 280

§ 81. Der Übergang des Patronatsrechtes .... 282

285

g 83. Der Inhalt des Patron atärechtes ... 287

§ 82. Das landesherrliche Patronatsrecht .....

§ 84. Die Endigting des Patronatsrechtes .

. 293

Fünftes Kapitel.

Die Erledigung der Kirchenämter.

§ 85. Die Erledigung der Kirchenämter ....... 295

Dritter A b

cli n i 1 1.

Die

Kirchenämter.

.

325

§ 86. Der Papst 299

§ 87. Die Besetzung und Erledigung dea päpstlichen Stuhles 309

§ 88. Dio Kardinäle 319

§ 89. Die Kurie. Die Kurialbehörden. Die Kardinalskongregationoi)

§ 90. Die päpstlichen Gesandten 333

§ 91. Die Patriarchen, Exarchen und Primaten 337

§ 92. Die Metropoliten oder Erzbischöfe 340

§ 93. Die Bischöfe .... 346

§ 94. Die Praelati nullius . 350

§ 95. Die Dom- und KoUegiatkapitel .

.351

§ 96. Die Koadjutoren 362


Inhaltsverzeichnis.

§ 97. Die Chor- und Weihbischöfe ......

§ 98. Die Archidiakonen, Offiziale, Generalvikare und Ordinariate

§ 99. Die Tauf- und Pfarrkirchen

§ 100. Die Dekane und die Kammerer

§ 101. Die Pfarrer

§ 102. Die Stellvertreter und Geliilfen der Pfarrer

§ ......

lOo. Die Missionen

Seite

364

367

372

375

377

382

385

Vierter

Die

Abschnitt.

Synoden.

§ 104. Die Synoden im allgemeinen

§ 105. Die allgemeinen Konzilien

§ 106. Die Provinzial- und Plenarkonzilion

§ 107. Die Diüzesansynodeu

387

389

393

397

Berichtigungen und Zusätze.

S. 150, Z. 5 von unten lies D. LXIV statt C. LXIV.

S. 195, Z. 4 V. u. lies trugen statt tragen.

S. 252, Anni. 0. 7 lies Maassen statt Maafsten.

S. 253, Anni. 1 lies I, 276 statt I, 2, 276.

S. 257, Anm. 10 füge bei: A. f. k. KR. LXXXI (liiOl), 585 11'.

S. 307, Anm. 3 lies 1507 statt 18G7.

S. 331, Koluninentittl, lies § Sil statt 79.


Drittes

Buch.

Die Verfassung" der Kirche.

Erster

Abschnitt.

Der Klerus.

§ 47.

Der Klerikerstand.

Der Laienstand.

G. Schneemann, Die kirchl. Gewalt u. ihre Träger. 1867. W. Schenz , Das

Laien- u. d. hierarch. Priestertum nach d. ersten Briefe d. Ap. Petrus. 1873.

Die Kirche ist zwar eine societas perfecta, aber eine societas inaequalis.

Die Gewalt nämlich, welche Christus den Aposteln und

deren Nachfolgern übergab, kommt nur einzelnen zu. Diese Träger

der Kirchengewalt zusammen bezeichnet man seit den ersten Jahrhunderten

als xXyjpoQ, clerus, und den einzelnen aus ihnen als xXrjpcxoQ,

clericus^. Als Anteil und Los Gottes konnte man im Anschlufs an

das Alte Testament das ganze christliche Volk bezeichnen 2.

Besonders

aber das neutestamentliche Priestertum wurde passend so genannt.

Nach Hieronymus heifsen die Kirchendiener Kleriker, „quia de sorte

sunt Domini, vel quia ipse Dominus sors, id est pars, clericorum

est" ^: entweder weil sie vom Los des Herrn sind, ganz besonders

das Eigentum desselben sind, oder weil der Herr selbst ihr Los ist,

so wie der Stamm Levi kein Land, sondern den Herrn selbst zum

Los erhalten hatte (Num. 18, 20; Deut. 18, 2. 5). Diese Erklärung

hat auch die Kirche sich zu eigen gemacht *. Mit ihr stimmt überein

'

Origen. Homil. in lerem. XI, n. 3. Tertull. De monogam, c. 12.

"

Deut. 4, 26; 9, 26. 1 Petr. 2, 5. 9. Ignat. Ad Eph. 11, 2; Ad Trall.

12, 3; Ad Philad. 5, 1.

ä Ep. 52 ad Nepotian. 5; ist c. 5, C. XII, q. 1. " C. 16, X de praeb. III, 5.

Sägmüller, Kirchenrecht. 2. Teil. 10


146 ^'^- l^ucli : Die Verfassung der Kircho. 1. Abschnitt: Der Klerus.

die Bezeichnung „Geistlicher". Dagegen meint Augustinus, der geistliche

Stand sei wegen des über Matthias geworfenen Loses Klerus

genannt worden ^

Dem Stand der Kleriker als status ecclesiasticus specialis steht

gegenüber als status ecclesiasticus communis die Masse der Gotauften,

die Gläubigen, das christliche Volk, /.ang, Idixoi, laici, wie die Bezeichnungen

im Anschlufs an die Heilige Schrift von frühester Zeit

an lauten 2. Entbehren die Laien im wesentlichen Unterschied von

den Klerikern jeder Gewalt in der Kirche, so haben sie doch bestimmte

Rechte und Pflichten. Sie haben ein Anrecht auf religiösen

Unterricht, auf Spendung der Sakramente und kirchlichen Benediktioncn,

auf Anteilnahme an Gebet und Opfer (allgemeines Priestertum

3). Sollen sie aber weitere Rechte ausüben, z. B. in Besetzung der

Kirchenämter (Patronat), Verwaltung des Kirchenvermögens, so bedürfen

sie hierzu der Einräumung seitens der kirchlichen Obern. Laienpflichten

sind: Bekenntnis des Glaubens, Empfang der Sakramente,

Unterhalt der Kirche und des Klerus, Gehorsam gegen die rechtmäfsige

kirchliche Obrigkeit*.

„Duo sunt genera christianorum" ^, Kleriker und Laien. Die

Ordensleute bilden nicht ebenso einen kirchlichen Stand wie diese.

Der status regularis ist dem status clericalis und dem status laicalis

nicht koordiniert. Die Ordensperson als solche nämlich hat keine

Kirchengewalt und gehört daher dem Laienstande an.

§ 48.

Begriff der Ordination nnd ihre Stnfen.

Decr. Grat. C. 1, D. XXI. C. 7 sqq., D. XXIII.

F. Uallier , De sacris electionibus et ordinationibus. Lut. Par. 1635. P. II.

sect. 1. L. Thomassin , Vetus et nova ecclesiae disciplina. Par. 1668. P. I, 1. 1,

c. 1 sq.; 1. 2, c. '29 sqq. /. Morinus, Comment. de sacr. eccles. ordinat. Antverp. 1695.

P, III. P. Gasparri, Tract. can. de sacra ordinat. (1893 sq.) n. 1 sqq. L. Thiele,

Dissertatio de charactere indelebili. 1861. A. Harnack, Die Quellen d. sogen, apost.

Kirchenordnung nebst e. Untersuch, üb. d. Ursprung d. Lektorats u. d. and. nied.

Weihen. 1886. (Texte u. Untersuch. II, 5.) J. N. Seidl, Der Diakonat. 1890. H. Reuter,

Das Subdiakonat. 1890. F. Wieland, Die genet. Entwicklung d. sogen. Ordines min,

in d. drei ersten Jahrhunderten. 1897.

'

Enarr. in Ps. LXVII, n. 19. Vgl. auch c. 1, D. XXI.

»

1 Petr. 2, 10. Clem. Rom. Ad Corinth. I, c. 40. TertuU. De praescript. c. 41.

* 1 Petr. 2, 5. 9. Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 4; can. 6.

* Trid. sess. VII de bapt. can. 8. 14.

* C. 7 (Hier.?), C. XII, q. 1.


§ 48. Begriff der Ordination und ihre Stufen. 147

In den Klerus tritt man ein durch die Ordination {krüd-saic, tcü]>

•(scpwv, yeipoi^zaia, gebräuchlicher -/^zipoTO'Aa ^), Unter Ordination im

weiteren Sinne versteht man die rituelle Übertragung von Weihegewalt

(potestas ordinis). Im engeren Sinne aber ist die Ordination

jenes Sakrament 2,

in welchem durch die Handauflegung und das Gebet

des Bischofs dem zu Weihenden der Heilige Geist ^ und die unverlierbare

* Befähigung zur Vornahme heiliger und gnadenvermittelnder

Handlungen erteilt wird. Bis in das 12. Jahrhundert herein war mit

der Ordination zugleich die Einweisung in ein bestimmtes Kirchenamt,

die Erteilung von potestas iurisdictionis verbunden. So bedeutete

ordinatio auch die Anstellung {xardoraatQ, institutio, collatio

beneficii) ^. Das hat aber seit dem Aufkommen der absoluten Ordinationen

aufgehört, so dafs heute die Ordination und die Erteilung der

missio canonica getrennte Akte sind. Die Wirkung der Ordination

aber ist der Ordo {rdqiQ, gradus), d. h. die Gewalt, welche durch die

Ordination dem Geweihten mitgeteilt worden ist, und die daraus folgende

Stellung in der Kirche. Soweit die Ordination Sakrament ist,

ist es auch der Ordo ^.

Da man aber in verschiedenem Mafse an der Weihegewalt Anteil

nehmen kann, so giebt es mehrere ordines. Die Fülle des Sakramentes

des Ordo ist im Episkopat als unmittelbar aus dem Apostolat hervorgegangen

niedergelegt. Der Bischof hat als Nachfolger der Apostel

in erster Linie die Gewalt, das Opfer des Neuen Bundes darzubringen,

Sünden nachzulassen, und allein die Fähigkeit, durch Mitteilung des

Heiligen Geistes in das Priestertum aufzunehmen. So ist der Episkopat

der oberste ordo '^. Auf Grund der Weihe durch den Bischof,

welcher der Gehilfen bedurfte, hat der Presbyter ebenfalls die Fähigkeit,

zu opfern und Sünden zu vergeben. Der Presbyterat ist also

der zweite ordo. Episkopat und Presbyterat zusammen bilden das

sacerdotium ^. Andere haben als diaconi bei Darbringung des Opfers

behilflich zu sein. Sie sind das ministerium ^. Als ministri wurden

die Diakonen von den Aposteln eingesetzte^. Der Diakonat ist also


1 Tim. 4, 14. 2 Tim. 1, 6. 2 -pj-id. sess. XXIII de sacr. ord. c. 3; can. 3.

^ Ibid. c. 4; can. 4. * Ibid. c. 4; can. 4; Sess. VII de sacr. in gen. can. 9.

^ C. 1 (Syn. Sardic. a. 343, c. 15), D. LXXI. Syn. v. Arles a. 314, c. 2. 21.

C. 1 (Syn. Chalced. a. 451, c. 6), D. LXX. C. 17 in VP» de praeb. III, 4.

" Trid. sess. XXIII de sacr. ord. can. 4. Zuerst findet sich der Terminus bei

Tertullian., De exhort. castitatis c. 7.

''

Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 4; can. 7. ^ Ibid. c. 1; can. 1.

9 C. 11 (Stat. eccl. ant. c. 92), D. XXILI. Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 2.

">

Apg. 6—8. 1 Tim. 3, 8 ff.

10*


148 11^- Buch: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

der dritte ordo. Diese drei ordines, Episkopat, Presbyterat und Diakonat,

sind die ordines hicrarcliici, sacri, maiores, superiores ^

Als bei der wachsenden Zahl der Gläubigen die Geschäfte sich

mehrten, man aber doch im allgemeinen von der durch ihr Alter geheiligten

Siebenzahl der Diakonen nicht abgehen wollte 2, da entstanden

nach unten hin weitere ordines: Subdiakonat, Akoluthat,

Exorcistat , Lektorat und Ostiariat. Ihre Namen bezeichnen ihre

Funktionen 3. Zur Zeit des Papstes Kornelius (251—253) waren dieselben

bereits alle in Rom vorhanden*. Sie müssen also im Laufe

des 2. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts entstanden sein.

Auch sie werden durch einen rituellen Weiheakt übertragend Dagegen

haben sich andere kirchliche Dienstleistungen,

vde die der psalmistae

, fossores , custodes martyrum , notarii , defensores , nicht zu

ordines ausgestaltet ^, Die zuletzt entstandenen fünf ordines bezeichnet

man im Gegensatz zu den ordines maiores als ordines minores, inferiores,

non sacri. Doch wird der Subdiakonat seit Innocenz IIL

definitiv zu den ordines maiores gerechnet ^. Auch mit der Erteilung

eines niedern ordo war früher feste Anstellung verbunden, und es

galt der Grundsatz, dafs man sich zunächst auf der niedern Stufe

erprobt haben müsse, ehe man in eine höhere eintreten könne ^. Aber

seit dem Aufkommen der absoluten Ordinationen kamen diese Verrichtungen

mehr und mehr in die Hände der Laien. Das Tridentinum

hat daher die Wiederherstellung dieser niedern Kirchendienste angeordnet

^. Aber die Vorschrift kam nicht zur Ausführung. So bilden

heute die niedern Weihen blofs gesetzliche formelle Übergangs- und

Vorbereitungsstufen auf den Empfang des sacerdotium.

An das Vorstehende schliefsen sich zwei kontroverse Fragen an , einmal

inwieweit die verschiedenen ordines sakramental, näherhin ob der Subdiakonat

und die niedern Weihen auch sakramental seien, sodann ob der

Episkopat ein vom Presbyterat verschiedener ordo sei.

'

C. 4 (Syn. Benev. a. 1091, c. 1), D. LX. Trid. sess. XXIII de sacr. ord.

c. 2 ; can. 2.

»

C. 12 (Syn. Neocaes. a. 314—325, c. 15), D. XCIII.

' C. 1, § 14 sqq. (Md. HLyyal.), D. XXI. C. 1. § 1 sqq. (Isid. Hispal.?), D. XXV.

Eiiseh. Hist. eccles. 1. 6, c. 43.

* C. 15—19 (Stat. eccl. ant. c. 93 sqq.), D. XXIII.

« Funk, Lehrb. d. Kgschte. (3. Aufl. 1898) 48, 152 f. Knöpfler, Lehrb. d.

Kgschte. (2. Aufl. 1898) 72, 190.

"

C. 9, X de aet. et quäl, et ord. praefic. I, 14. C. 7, X de servis non ordinand.

I, 18. Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 2.

» Syn. Sard. a. 343, c. 10. D. LIX- .

» Trid. sess. XXIII de ref. c. 17.


§ 48. Begriff der Ordination und ihre Stufen. 149

Zur ersten. Frage ist zu sagen , clafs das Tridentinum nur erklärt hat,

dafs der Ordo oder die Ordination ein wahres und eigentliches Sakrament

sei '. Dafs sodann Episkopat, Presbyterat und Diakonat sakramental seien, ist

unzweifelhaft. Doch wird dadurch die Siebenzahl der Sakramente nicht aufgehoben,

da diese drei ordines sacramentales ein generelles Sakrament bilden.

Aber auch die Weihen vom Subdiakonat inklusive abwärts galten im Mittelalter

fast allgemein als sakramental. Heutzutage wird das fast ebenso allgemein

verneint, und zwar deswegen, weil sie nicht göttlicher, sondern

menschlicher Einsetzung sind und weil bei ihnen keine Handauflegung und

kein Gebet: Accipe Spiritum Sanctum statthat. Die Weihen vom Subdiakonat

an abwärts sind also Sakramentalien oder sakramentale Riten.

Immerhin sind auch sie unwiederholbar. Bei Zweifel, ob die Weihe gültig

gespendet oder empfangen worden sei, kann sie bedingungsweise wieder,

holt werden -.

Was die andere Frage betrifft, ob der Episkopat ein vom Presbyterat

verschiedener ordo sei, so halten nach dem Vorgang der Scholastiker ' viele

den Episkopat nur für eine höhere Würde und Macht als den Presbyterat, nur

für eine completio, extensio und perfectio des letzteren, nicht aber für einen

höheren ordo. Neben andern , weniger gewichtigen Gründen wird dafür

namentlich der geltend gemacht, dafs in Bezug auf das sacerdotium, auf die

Öpfergewalt kein Unterschied zwischen dem Bischof und dem Priester bestehe

und dafs die bischöfliche Konsekration zu ihrem gültigen Empfange

den Presbyterat voraussetze. Allein in den ersten Jahrhunderten besorgten

die Bischöfe die ganze Liturgie unter Assistenz der Presbyter und Diakonen,

so dafs die Presbyter lange Zeit nur in Gemeinschaft mit dem Bischof das

heilige Opfer darbringen durften *. Sodann mag der Presbyter noch so viel

Gewalt haben , die Priesterweihe (ordo presbyteratus) kann nur der Bischof

erteilen. Da aber die ordines sich nach dem gröfseren oder geringeren

Grad der Gewalt voneinander unterscheiden, so ist klar, dafs das auch

in diesem Fall zutrifft. Auch das Tridentinum erklärt: episcopos presbyteris

superiores esse ^ So sind acht ordines zu zählen ^

'

Sess. XXIII de sacr. ord. c. 3 ; can. 3.

2 Bened. XIV., De syn. dioeces. 1. 8, c. 8 sqq. Schanz, Die Lehre v. d. heil.

Sakramenten d. k. K. (1898) 676. Th. Specht, Sind d. nied. Weihen u. d. Subdiakonat

sakramental? (Theol.-prakt. Monatsschrift III [1893], 233 ff.)

» Thom. Aq. Sent. 1. 4, q. 3, a. 2. * Schanz a. a. 0. 678.

^ Sess. XXIII de sacr. ord. c. 4; can. 7.

® Die Überschrift z. Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 2 : De septem ordinibus,

ist später hinzugekommen. E. Furtner, Das Verhältnis d. Bischofsweihe z. heil. Sakr.

d. Ordo. 186L A. Kurz, Der Episkopat, d. höchste, v. Presbyterat verschiedene Ordo.

1877. J. Schulte-Plafsmann, Der Episkopat e. v. Presbyt. verschied, u. sakramentaler

Ordo, oder d. Bischofsweihe e. Sakrament. 1883. G. Holtum, Quaeritur, utrum episcopatus

Sit ordo (Jb. f. Philoa. u. spekul. Theol. XIV [1899], 1 ff.). St. v. Dunin-Borkowski,

Studien z. ältesten Litt. üb. d. Ursprung d. Episkopats (Hist. Jb. XXI [1900], 221 ff.).


150 ''f- I^ucli : Di« Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

Wie ein ordo auf den andern vorbereitet, so geht allen voran

die Tonsur als das den Kleriker vom Laien untersclieidcnde Standeszeichen.

Die ersten Spuren einer vollständigen Rasur des Haupthaares

(tonsura S. Pauli) finden sich nach dem Vorgang der Büfser bei den

Mönchen um die Wende des 4. zum 5. Jahrhundert, zum Zeichen der

Weltentsagung und Hingabe an Gott. Rasch ging der Brauch auch

auf die Kleriker über, wobei man im Abendland einen Kranz von

Haaren rings um das Haupt stehen liefs (corona, tonsura S. Petri).

Ursprünglich wurde die Tonsur mit der ersten Weihe erteilt als eine

sie begleitende Zeremonie. Aber seit dem 6. Jahrhundert fing man

an, sie getrennt von den niedern Weihen in einem besondem Akte

zu erteilen. Der Grund hierfür lag in der Sitte, dafs Eltern ihre noch

unmündigen Kinder dem Kirchendienste widmeten und sie dem Bischof

zur Erziehung übergaben. Diese erhielten die ordines minores noch

nicht, wohl aber die Tonsur ^. Durch sie also tritt man in den geistlichen

Stand (status, ordo clericalis) ein und erwirbt sich die Privilegien

der Kleriker, aber keine spirituelle Befugnis und daher auch

keinen ordo 2.

So unterscheidet auch das Tridentinum bestimmt Tonsur

und ordo ^. Weil jedoch viele sich die Tonsur nur um der damit verbundenen

Vorteile willen geben liefsen und hernach eine nicht entsprechende

Lebensweise führten, so bestimmte die Kirche, dafs diese

die Tonsur nicht fernerhin tragen, aber auch der Klerikal Privilegien

verlustig gehen sollten*. Das Tridentinum verlangte aufser dem früher

schon geforderten siebenten Lebensjahr, dafs der zu Tonsurierende gefirmt,

in den Anfangsgründen des Glaubens unterrichtet, des Lesens

und Schreibens kundig sei und zur begründeten Hoffnung berechtige,

dafs er später wirklich die ordines übernehmen werde ^. Der CoUator

der ordines minores kann auch die Tonsur erteilen.

§ 49.

Der Ordinator.

Decr. Grat. D. XXIII—XXV. C. LXIV-LXVII. C. 18 sqq. C. I, q. 1. C. I. q. 7.

C. IX, q. 1. Decr. Greg. IX. 1. I, t. II de temp. ordin. et quäl, ordin. ; t. 13 de

ordin. ab episc, qui renunt. Lib. sext. I, 9. lonoc. XII. ,Speculatores domus Israel*

V. 4. Nov. 1694. Bened. XIV. Jn postremo" v. 10. Okt. 1756.

Hallier P. II, sect. 5. Thomassin P. II, 1. 1, c. 1—8. Gaaparri n. 774 sqq.

> C. 5 (Syn. Tolet. II a. 527, c. 1), D. XXVIII.

• C. 7 (Hier.?), C. XII, q. 1. C. 11. X de aet. et quäl. I. 14.

» Sess. XXIII de sacr. ord. c. 2; de ref. c. 6. 10.

« C. 7, 9, 10, X de der. coniug. III, 3. C. 27, X de privil. V, 33.

' Sess. XXIII de ref. c. 4. C. 4. X de temp. ord. I, 9.


§ 49. Der Ordinator. 151

Die ordentlichen Spender der Tonsur und der ordines sind die

Nachfolger der Apostel, also der Papst und die Bischöfe i. Ob die

Weihen häretischer, schismatischer und simonistischer Bischöfe gültig

seien, darüber schwankte die Theorie und Praxis bis in das 13. Jahrhundert

2. Seitdem war man aber auf Grund des mit dem ordo episcopatus

verbundenen character indelebilis der allgemeinen Überzeugung,

dafs die Weihe von apostatischen, häretischen, schismatischen,

simonistischen, mit Zensuren behafteten, irregulären, deponierten und

degradierten Bischöfen gültig sei, falls diese nur selbst gültig geweiht,

also die apostolische Succession und die richtige Materie, Form und

Intention vorhanden gewesen sei. Daher sind gültig, wenn auch

unerlaubt, so dafs der Ordinierte suspendiert ist 3, die Weihen der

griechischen Kirche, der holländischen Jansenisten und der Altkatholiken.

Dagegen sind ungültig die Weihen der englischen*, dänischen und

schwedischen Kirche. Aufserordentlicherweise können die Tonsur und

die ordines minores spenden: die Kardinalpresbyter für ihre Titelkirchen

s, die Hegularäbte, wenn sie Priester und benediziert sind,

aber nur ihren untergebenen Regularen, nicht den Novizen 0, endlich

einfache Priester kraft päpstlichen Privilegs.

1 1 Tim. 4, 14; 5, 22. Apg. 14, 22. C. 1, § 9 (Md. Hispal.?), D. XXV. C. 24,

§1 (Hier.), D. XCIII. Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 4; can. 7.

2 So stehen sich z. B. gegenüber c. 107 (Syn. Carth. III a. 397, c. 38), D. IV

de cons.; c. 97 {Aug. Contra ep. Parm. 1. 2, c. 13), C. I, q. 1 ; c. 8 (Anastas. II,

a. 496), D. XIX einerseits, und c. 8 (ist der in das Gegenteil verkehrte c. 8 von Nicaea

a. 325), C. I, q. 7; Can. apost. n. 68 anderseits. Der entscheidende Punkt ist die

eigentliche Reordination der so Geweihten. Die Ausdrücke: Ordinationen! evacuare,

irritare (z. B. Conc. Lateran, a. 1139, c. 30) können auch, da früher Weihe und

Anstellung zusammenfielen, auf letztere gehen. J. Hergenröther, Die Reordinationen

d. alt. K. (Österr. Vierteljahrsschrift f. k. Th. I [1862], 207 flf.). Schanz, Die Lehre

y. d. heil. Sakramenten 694 f. K. Mirbf, Die Publizistik im ZA. Gregors VII. (1894)

372 ff. B. Gigalski, Die Stellung d. Papstes Urban II. z. d. Sakramentshandlungen

d. Simonisten, Schismatiker u. Häretiker (Th. Qsch. LXXIX [1897], 217 ff.). J. F.

Schulte, Die geschichtl. Entwicklung d. rechtl. „character indelebilis" als Folge der

Ordination (Rev. Internat, de theologie IX [1901], 17 ss.).

Über Reordinationen selbst

noch im grofsen Schisma Euhcl, Rom. Qsch. X (1896), 507 ff.

ä Pius IX. „ApostoHcae Sedis moderationi" v. 12. Okt. 1869. V, 6.

* Leo XIII. „Apostolicae curae" v. 13. Sept. 1896. Zur reichen hierüber vorband.

Litt, siehe A. f. k. KR. LXXVII (1897), 98. 457.

* Bened. XIV. „Ad audientiam" v. 15. Febr. 1753.

« C. 1 (2. Syn. v. Nicaea a. 787, c. 14), D. LXIX. C. 11, X de aet. et quäl,

et ord. praefic. I, 14. C. 1, X de ordin. ab episc, qui renunt. I, 13. C. 3 in Vr»

de privil. V, 7. C. 1 , X

de suppl. neglig. prael. I, 10. Trid. sess. XXIII de ref.

c. 10. Über e. sehr zweifelhafte Bulle Innoc. VIII. v. Jahre 1489, wonach Cistercienseräbte

auch d. Diakonat sollten erteilen dürfen, P. Pie de Langogne, Bulle d'Inno-


152 ^^I- riuch : Die "Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

Berechtigter Spender der Tonsur und aller Weihen in

der ganzen

Kirche ist der Papst, oder kann er auch andere dazu Geeignete damit

beauftragen ^ Wegen der dem Papste gebührenden Ehrfurcht

soll sich dann kein von ihm Ordinierter von einem andern Ordinator

eine weitere Weihe ohne dessen Erlaubnis geben lassen 2. Der

Bischof darf gemäfs seiner beschränkten Jurisdiktion nur innerhalb

seiner Diözese und hier selbst wieder nur seine Diözesanen als

episcopus proprius weihen ^ Das liegt im Interesse der Ordnung

und der Ehre des Klerus. In der alten Kirche, in welcher Erteilung

der Weihe und feste Anstellung an einer Kirche zusammenfiel, war nur

derjenige Bischof zur Erteilung einer weiteren Weihe an einen Kleriker

kompetent, der ihm bereits eine solche gegeben hatte, und es war die

Erteilung weiterer ordines durch einen andern Bischof ohne Erlaubnis

des früheren Ordinators streng verboten *. Laien aber konnten

nach einer mehr als wahrscheinlichen Meinung von jedem Bischof

sich die Weihen erteilen lassen, auch ohne Erlaubnis des Bischofs

ihres Wohn- oder Taufortes, wofern nur ihre Würdigkeit konstatiert

war^ Als aber die absoluten Ordinationen seit dem 12. Jahrhundert

aufgekommen waren, war allgemein der Bischof zur Ordination kompetent,

der die Eigenschaften des Weihekandidaten am besten kannte,

d. h. der Bischof, dem der Ordinand in irgend einer Weise zugehörte

(episcopus proprius). Im Dekretalen- und neueren Recht haben sich

näherhin für die Weihe folgende bischöfliche Kompetenzgründe ausgebildet

:

a) Der Bischof ist zur Weihe berechtigt, in dessen Diözese die

Eltern des Ordinanden zur Zeit, als dieser geboren wurde, ihr Domizil

hatten, wo also die Heimat (origo) des Ordinanden ist. Falls

aber die Eltern damals kein Domizil hatten, entscheidet deren Heimat

(origo), nicht aber der blofs zufällige Aufenthaltsort derselben und

Geburtsort des Ordinanden (competentia ratione originis)^.

Cent Vni. aux abb^s de Citeaux pour les ordinations ,in sacrb" (Ktudes franciscaines.

f(5vrier 1901, p. 129 ss.), u. A. Boudinhon , L'ordination au sous-diaconat et au diaconat

faite par un simple pretre (Le canoniste contemporain XXIV [1901], 257 ss.).

'

C. 31 (Gelas. 1. a. 492—496), C. XVI, q. 1. C. 20 (Steph. VL a. 885—891),

C. IX, q. 3. C. 1 in VI«» de temp. ord. I, 9.

« Bened. XIV. Jn postremo* v. 10. Okt. 1756.

» Trid. sess. XXIII de ref. c. 8; Sess. VI de ref. c. 5.

*

C. 1 (Syn. Sard. a. 343, c. 15), 3 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 16), 4 (Syn.

Chalced. a. 451, c. 20), D. LXXI.

» M. Hofmann, J)\e Exkardination einst u. jetzt (Z. f. k. Th. XXIV [1900], 92 ff.).

* C. 1, 3 in VI'" de temp. ord. I, 9. Innoc. XII. «Speculatores* § 4, 5.


§ 49. Der Ordinator. 153

b) Der Bischof ist zur Weihe berechtigt, in dessen Diözese der

Ordinand entweder bereits zehn Jahre gewohnt hat,

einiger Zeit übergesiedelt ist.

oder auch nur seit

In beiden Fällen aber ist der Wille, auch

fernerhin verbleiben zu wollen, eidlich zu versichern (c. r. domicilii) i.

c) Der Bischof ist zur Weihe berechtigt, in dessen Diözese der

Ordinand im ruhigen Besitz eines zum Lebensunterhalt ausreichenden

Benefiziums sich befindet (c. r. beneficii)^,

d) Seit dem 14. Jahrhundert wird ein weiterer Kompetenzgrund

erwähnt. Auch der Bischof ist zur Weihe berechtigt, bei welchem

der Ordinand drei Jahre ununterbrochen in Dienst

oder Hausgenossenschaft

gestanden ist und von dem er innerhalb eines Monats ein Benefizium

erhält (c. r. familiaritatis s. commensalitii) ^.

e) Zu diesen vier Kompetenzgründen trat neuestens als fünfter

die Inkardination. Derjenige Bischof ist zur Weihe berechtigt, der

einen Kleriker nach erfolgter Exkardination aus der bisherigen Diözese

schriftlich, bedingungslos und für immer in seine Diözese aufnimmt,

wobei der Aufzunehmende schwören mufs, immer in der neuen Diözese

zu bleiben (c. r. incardinationis) *.

Sind bei einem Weihekandidaten mehrere Bischöfe kompetent,

so kann derselbe unter den Ordinatoren beliebig wählen und nach

Empfang eines ordo bei dem einen für eine weitere Weihe einen

andern angehen , aber „sine fraude" ^. Wer gar keinen zur Weihe

kompetenten Bischof hätte, müfste sich die Fakultät, von einem Bischof

geweiht zu werden, vom Papste erbitten.

Da nicht alle Kompetenzgründe die Sicherheit geben, dafs der

Ordinand die für die Weihen notwendigen Eigenschaften hat, so

sind in bestimmten Fällen litterae testimoniales über legitime Geburt,

Alter, Fähigkeiten, Sitten, Irregularitäten, Zensuren u. s, w.

seitens des mitkompetenten Bischofs gratis an den thatsächlichen

Ordinator auszustellen , und zwar in folgenden Fällen : wenn ein

Kleriker für den folgenden ordo an einen andern Ordinator geht,

vom früheren Weihenden ; wenn auf Grund der Familiarität oder des

Benefiziums geweiht werden soll, vom episcopus originis, eventuell

auch vom e. domicilii; überhaupt wenn ein Untergebener geweiht

'

C. 3 in VF» de temp. ord. I, 9. Innoc. XII. .Speculatores" § 5.

2 C. 3 in VP» de temp. ord. I, 9. Innoc. XU. „Speculatores" § 3.

3 „Figmento" c. 2 in VP" de temp. ord. I, 9. Trid. sess. XIV de ref. c. 2;

Sess. XXIII de ref. c. 9. Innoc. XII. „Speculatores" § 6.

* S. C. Conc. 20. Juli 1898.

* S. C. Conc. 27. Febr. 1666; 26. Jan. 1732. Richter- Schulte , Conc. Trid.

p. 186, n. 6.


154 '" Hiich : Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

werden soll,

der nach Erreichung der Jahre des Vernunftgebrauches so

lange — circa ein halbes Jahr; Militärs schon nach drei Monaten — in

einer fremden Diözese sich aufliiclt, dafs er daselbst ein kanonisches

Hindernis sich zuziehen konnte, vom Bischof jener Diözese',

Der zur Weihe berechtigte Bischof soll diese selbst erteilen. Wenn

er jedoch durch Krankheit, hohes Alter oder aus einem andern gesetzlichen

Grunde hieran gehindert ist, so kann er den Weihekandidaten

an einen andern Bischof hierzu entlassen. Das kann mündlich geschehen,

geschieht aber in der Regel schriftlich mittels der gratis

auszustellenden litterae dimissoriae. In der alten Kirche, wo die

Ordination zugleich die Anstellung enthielt, war die Entlassung zur

Weihe durch einen andern Bischof zugleich die Entlassung aus der

Diözese -. Sie geschah vermittelst der litterae dimissoriae ^ oder

commendaticiae * oder formatae ^ Seit dem Aufkommen der absoluten

Ordinationen aber haben die litterae dimissoriae nur noch den Sinn

der Entlassung zur Weihe, Sie lauten entweder auf einen ordo oder

auf mehrere, auf einen bestimmten Bischof oder auf einen beliebigen

(facultas promovendi a quocunque). Sie müssen den Verhinderungsgrund

angeben und die intellektuelle und sittliche Würdigkeit des

Ordinanden bezeugen. Übrigens kann sich hiervon der ordinierende

Bischof noch selbst durch Prüfung überzeugen^. Aufser dem konsekrierten

episcopus proprius kann solche Dimissorien auch ausstellen

der nur erst konfirmierte episcopus proprius '^, der Generalvikar

auf Grund eines bischöflichen Spezialmandates oder eines Gewohnheitsrechtes

oder episcopo in remotis agente^, das Domkapitel

bezw. der Kapitularvikar nach einjähriger Sedisvakanz, innerhalb

dieser Zeit aber nur, wenn jemand wegen eines bereits erhaltenen

oder zu erlangenden Benefiziums einen bestimmten ordo erwerben

' Trid. sess. XXI de ref. c. 1; Sess. XXIII de ref. c. 8. Innoc. XII. ,Speculatores"

§ 3-7. Plus IX. ,Apost. Sed. moder." v, 12. Okt. 1869. V, 3. S. C.

Ep. et Reg. 27. Nov. 1892. S. C, Conc. 9. Sept. 1893; 26. Jan. 1895. M. LeUner,

Die litterae testimoniales f. d. Weihen nach d. neuesten KR. (A. f. k. KR. LXXVII

[1897J,

81 ff.).

» Syn. V V. Orleans a. 549, c. 5. C. 1 (Syn. Trull. a. 692, c. 17), C. XXI, q. 2.

C. 1 (Syn. Rom. a. 826, c. 18), D. LXXII.

» C. 1, C. XXI, q. 2. C. 1, D. LXXII.

* C. 7 (Syn. Chalced. a. 451, c. 13), 8 (Aug.?), D. LXXI.

* C. 9 (Syn. Antioch. a. 341, c. 7), D. LXXI.

* Trid. sess. VII de ref. c. 10, 11; Sess. XIV de ref. c. 2, 3 ; Sess. XXI de

ref. c, 1 ; Sess. XXIII de ref. c. 3, 8, 12. Das Trid. bezeichnet diese litt, auch als

»reverendae",

, commendaticiae*.

' C. 3 in VI«» de temp. ord. I, 9. » C. 3 c.


§ 50. Der Ordinand. 155

mufs^ Da zur Weihe der Regularen überhaupt der Bischof ratione

domicilii kompetent ist, in dessen Diözese das Kloster liegt, so haben

deren Obere dieselben an den Diözesanbischof und bei einem exemten

Kloster an den benachbarten Bischof mit litterae dimissoriae zu

schicken 2. Wenn aber der kompetente Bischof abwesend wäre, oder

am gesetzlichen Termin keine Weihen vornähme, oder der bischöfliche

Stuhl verwaist wäre, dann könnte der betreffende Ordensobere

die Dimissorien auch an einen andern Bischof ausstellen

unter gleichzeitigem Attest der betreffenden bischöflichen Behörde

über die Verhinderung des zuständigen Bischofs 3, Für Mitglieder

eines klösterlichen Institutes, in welchem keine feierlichen Gelübde

abgelegt werden, gelten die allgemeinen Regeln über die Weihekompetenz*.

Die Gültigkeit der litterae dimissoriae erlischt weder

durch den Tod des Bischofs, der sie ausgestellt, noch dadurch, dafs

der Kapitularvikar seine Jurisdiktion an den neuen Bischof abgiebt,

sondern nur durch Widerruf seitens des Bischofs, durch Ablauf der

Frist, oder Nichteintritt einer Bedingung,

Wie in der alten Kirche auf Übertretung der für den Ordinator

bestehenden Gesetze Strafen gesetzt waren 0, so auch heute. Bischöfe,

welche ohne die notwendigen litterae dimissoriae oder testimoniales

ordinieren, sind auf ein Jahr der dem Papste reservierten Suspension

vom Weiherecht bezw. vom Gebrauch der Pontifikalien verfallen.

Der so Geweihte ist vom unkanonisch empfangenen ordo ad arbitrium

des berechtigten Ordinators suspendiert.

Der vom eigenen Ordinarius

ohne Testimonialien Ordinierte verfällt aber der Suspension

nicht 6,

§ 50.

Der Ordinand.

Zu den Irregularitäten: Decr. Grat. D. XXVI. XXVII. XXXIII. XXXIV.

XLVIII— LI. LIII. LIV— LIX. LXXVII. LXXVIII. C. VII, q. 2 Decr. Greg. IX.

1. I, t. 11 de temp. ordin. et quäl, ordin.; t. 14 de aet. et qual. et ord. praefic;

»

Trid. sess. VII de ref. c. 10; Sess. XXIII de ref. c. 10.

2 Trid. sess. VII de ref. c. 5; Sess. XXIII de ref. c. 10, 12.

' S. C. Gonc. 15. März 1596. Bened. XIV. Jmpositi" v. 27. Febr. 1747.

* S. C. Conc. 6. Mai 1864.

* Syn. V. Nicaea a. 325, c. 16. C. 28 (Syn. III v. Orleans a. 538, c. 15),

C. VII, q. 1.

" C. 2 in VP° de temp. ord. I, 9. Trid. sess. VI de ref. c. 5; Sess. VII de

ref. c. 10; Sess. XIV de ref. c. 2; Sess. XXIII de ref. c. 8, 10. Pius IX. ,Apost.

Sed. moder." v. 12. Okt. 1869. V, 8. J. Hollweck, Die kirclil. Strafgesetze (1899)

§ 211—214; § 223—225; § 295.


:

15G ^"' Hilf li : Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

t. 17 de fil. presbyt. ordin. vel non ; t. 18 de serv. non ordin. ; t. 19 de obligat, ad

ratioc. ordin. vcl non; t. 20 de corpore vitiat. ordin. vel non; t. 21 de bigam. non

ordin.; L. III, t. 6 de cleric. aegrot.; L. V, t. 12 de homicidio ; t. 14 de der. ptign. in

duello ; t. 25 de der. percuss. ; t. 27 do der. cxcomm.; t. 28 de der. non ordin.

ministr. ; t. 29 de der. per salt. promoto ; t. 30 de eo qui furtive ord. suscepit ; t. 35

de purg. vulgari; t. 37 de poenis. Lib. sext. I, 9— 12; V, 4. 9. Const. Clem. L. I, t. 6.

Uallier P. II, sect. 4. Thomassin P. II, I. 1, c. 23 sqq.; P. II. I. 1, c. 56 sqq.

Ältere Litt, bei Scherer, KR. I, 335. E. Löning, Gesch. d. deutsch. Klis. (1878 ff.)

I, 130 ff.; II, 275 ff. E. Srilz, Von d. geistl. Stande (Z. f. KRs.- u. Pastoralwiss.

I [1842], 3, 3 ff.). E. Bünninghauscn, Tract. de irregularitatibus. 1863 sqq. (Jasparri

n. 108 sqq. //. n Sexten, Tract. de cens. ecclesiast. cum app. 1898.

I. Nach göttlichem Rechte können nur getaufte männliche Personen

tonsuriert und ordiniert werden. Völlig unfähig (incapaces,

incapacitas) dazu sind die Ungetauften ^ , die Weiber ^ und jene,

welche der Ordination absolut widerstreben. Wo letzeres nicht der

Fall ist, wird der freie Wille präsumiert. Daher empfangen Kinder,

Geistesabwesende und unter Furcht Ordinierte die Weihen gültig,

wenn auch unerlaubt^. Jedoch sind dieselben nicht an die klerikalen

Standespflichten gebunden, wenn sie nach erreichter Pubertät oder

alsbald nach der Ordination ihre Freiheit zurückfordern*.

II. Wenn nun aucli alle andern Personen fähig sind , ordiniert zu

werden, so wurden doch nach dem Vorgang des Alten Testamentes * und gemäfs

den Forderungen des Neuen Testamentes " schon frühe im Interesse von Kirche

und Klerus gewisse körperliche, geistige, sittliche und soziale Eigenschaften gesetzlich

gefordert, damit einer Kleriker werden bezw. klerikale Funktionen fernerhin

ausüben durfte Wer sie aber nicht hatte, durfte nicht geweiht werden.

''.

War er aber doch geweiht worden , so war die Weihe zwar gültig , aber

unerlaubt. Der Ordinierte sollte dieselbe daher nicht ausüben und noch weniger

'

C. 52 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 19), c. 59 (Isid. Hispal.fJ, c. 60 (Poen.

Tlieod.), C. I, q. 1. C. 1, 2, 3, X de presbyt. non bapt. III, 43.

* 1 Kor. 14, 34. 1 Tim. 2, 11 ff. Hebr. 5, 1 ff. C. 19 (Syn. Laodic. a. 343—881,

c. 11), D. XXXII. C. 29 (Stat. ecd. ant. c. 99, 100), D. XXIII. Vgl. c. 20, D. IV

de cons. C. 10, X de poenit. V, 38. Die Einsegnung d. Diakonissen {ytinnTOMia

c. 23 [Syn. Chaiced. a. 451, c. 15], C. XXVII, q. 5; Const. apost. 1. 8, c. 19) war

u. d. Benediktion d. Äbtissinnen ist keine Ordination. J. Ch. rankowski. De diaconissis.

1866. Kirchenlexikon 2. Aufl. s. v. Diakonissen. Real-Encykl. d. christl. Altert, s. h. v.

Schanz, Die Lehre v. d. heil. Sakram. 675 f. Wieland, Die genet. Entw. d. sogen,

ordin. minor. 14, 60. Funk, Kgschte. » 58, 153. Knöpficr, Kgschte.* 72, 190.

» C. 3, X de bapt. III. 42.

* C. 2. 14, X de regul. III, 31. Bened. XIV. ,Si datam" v. 4. März 1748. Richter-

Schuhe, Conc. Trid. p. 175, n. 4. 5. 6 ;

p. 201 sqq., n. 1 sqq.

» Lev. 21, 17 ff.

* 1 Tim. 3, 2 ff.; 5, 22. Tit. 1, 6.

' C. Richoi , Die Anfänge der IrregularitÄt«n bis zum ersten allg. Konzil v.

Nicaea. 1901.


§ 50. Der Ordinand. 157

eine höhere empfangen K

Anderseits durften gewisse schlimme sittliche Eigenschaften

nicht da sein. So konnten diejenigen nicht geweiht werden, welche

nach der Taufe in schwere , besonders fleischliche Sünden gefallen waren ^

Ganz besonders galt als unfähig zum geistlichen Stand, wer Kirchenbufse

geleistet hatte ^ Ja die Kleriker wurden als solche zur öffentlichen Kirchenbufse

gar nicht zugelassen *. Vielmehr wurden dieselben , wenn ein selbst

vor der Ordination begangenes Verbrechen entdeckt wurde, des Amtes und

der Würde entsetzt und nach abgelaufener Bufszeit zur Laienkommunion

verwiesen ^ Als aber die öffentliche Bufse aufgehört hatte , schlössen nur

noch öffentliche und zugleich infamierende Verbrechen wegen des Mangels

der Ehre von den Weihen aus *. Doch hat die kirchliche Gesetzgebung auf

bestimmte Verbrechen, ob sie öffentlich oder geheim begangen wurden, zur

Strafe die Verweigerung der Ordination gesetzt ''. Lange hatte man für

solche , denen aus einem dieser Gründe die Ordination oder die Weiterordination

versagt blieb , keine bestimmte Bezeichnung. Seit Ende des

12. Jahrhunderts aber fing man an, den mit einem solchen Mangel Behafteten

als „irregularis" und den Mangel selbst als „irregularitas" zu bezeichnen ^,

Ausdrücke, die bald ständig wurden ^.

Unter einer Irregularität versteht man den Mangel einer persönlichen

Eigenschaft, welcher nach der ausdrücklichen Bestimmung

eines Kirchengesetzes den Empfang und die Ausübung der Tonsur

und Weihe unerlaubt macht. Dagegen werden die Jurisdiktionsgewalt,

Amt und Pfründe durch die Irregularität nicht berührt i'^.

Immerhin darf ein Irregulärer keine Pfründe erhalten ^i. Die Irregularitäten

teilt man ein nach dem Umfang in: partiale und totale, je

nachdem sie vom Empfang und der Ausübung nur einzelner Weihen

oder nur einzelner Funktionen einer Weihe, oder aber von jeder

1 C. 56 (Siric. a. 385), D. L. C. 12 (Gelas. L a. 494), C. I, q. 7. Syn. III v.

Orleans a. 538, c. 6.

2 C. 1 (Syn. V. Nicaea a. 325, c. 2), D. XLVIII. C. 6 (Hier. Comment. in

Tit. c. 1, V. 6), D. XXV.

3 C. 55 (Stat. eccl. ant. c. 68), 56, 66 (Siric. a. 385), 59 (Gelas. I. a. 494), 60

(Innoc. I. t a. 417), D. L. C. 2 (Syn. IV v. Arles a. 524, c. 3), D. LV. C. 1, X de

bigam. non ordin. I, 21.

* C. 66 (Siric. a. 385), D. L.

^ C. 4 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 9), D. LXXXI. C. 5 (Siric. a. 385), D. LXXXIV.

C. 1 (Innoc. I. a. 404), D. LI. C. 7 (Cap. 3IarL n. 24), D. XXIV.

« C. 33 (Nicol. L?), 34 (Hi-ab. Maur. a. 853), D. L. C. 4, 17, X de temp.

ord. I, 11. C. 5, X de fürt. V, 18.

' C. 5, 6 (Nicol. L t 876), D. L. C. 17, X de temp. ord. I, 11.

8 Petrus Blesetisis (f ca. 1200), Specul. iur. can., ed. Reimarus (1837) p. 101.

9 Z. B. c. 10, X de renunt. I, 9; c. 33, X de testib. II, 20.

'0 C. 2, X de der. non ord. ministr. V, 28.

" Trid. sess. XXII de ref. c. 4.


158 '"• '^"cl': Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

Weihe und von allen Funktionen jeder Weihe ausschliefsen. Sodann

nach der Dauer in: temporales und perpetuae. Eine solche ersterer

Art fällt mit der Zeit von seihst weg. Ferner nach der Zeit der

Entstehung in: antecedentes und subsequentes. Diese Unterscheidung

ist deswegen von Bedeutung, weil einzelne Mängel, vor Empfang der

Weihe vorhanden, von dieser ausschliefsen, nicht aber, nach Empfang

der Weihe eingetreten, die Ausübung derselben hindern. Leichter als

der Empfang der Weihe wird in solchen Fällen die Ausübung der

schon empfangenen gestattet. Weiterhin unterscheiden manche: dispensable

und indispensable. Da aber alle Irregularitäten auf kirchlichem

Gesetz beruhen, so sind alle dispensabel. Die wichtigste Einteilung

jedoch ist die nach dem Entstehungsgrunde in: irregularitates

ex defectu und ex delicto ^ Eine Irregularität ex defectu ist

der ohne sittliche Verschuldung vorhandene Mangel einer zur Weihe

erforderlichen Eigenschaft. Eine Irregularität ex delicto ist ein

durch Verschuldung entstandener Mangel. Die Gesichtspunkte der

Sünde und Strafe kommen aber doch erst in zweiter Linie 2. Solche

Irregularität tritt ipso facto ein ; nicht einmal eine ignorantia invincibilis

entschuldigt von ihr und die Absolution vom Verbrechen

nach geleisteter Bufse hebt sie nicht auf 2. Die Irregularitäten sind

vom Rechte bestimmt und treten ipso iure ein, nicht erst durch

richterliches Erkenntnis. Höchstens hat der Richter im betreffenden

Fall zu erklären, dafs die Irregularität wirklich da sei. Endlich

sind die Irregularitäten strikte zu interpretieren und dürfen

nicht präsumiert, noch auch per analogiam auf ähnliche Fälle ausgedehnt

werden *.

111. Die irregularitates ex defectu. 1. Ex defectu

aetatis, wegen Mangels des gesetzlichen Alters, Die Bestimmungen

über das zum Erhalt der Tonsur und der ordines erforderliche

Alter waren im Altertum und im Mittelalter sehr verschieden.

Immerhin wurde bis weit in das Mittelalter herein für den Priester

das gleiche Alter gefordert wie für den Bischof, nämlich das vollendete

dreifsigste Lebensjahr ^. Heute darf die Tonsur nicht vor

vollendetem siebenten Jahre erteilt werden ^. Dasselbe Alter zum

'

C. 14, X de purg. can. V, 34.

' C. 1, E.xtrav. comm. de privil. V, 7.

» C. 18, C. I. q. 1.

* C. 5, X de corp. vitiat. ord. vel non I, 20. C. 18 in YL^ de sent. excomm. V, 11.

* Zum Altertum cf. D. LXXVII; D. LXXVIII. Zum "Mittelalter vgl. c. 7. X

de elect. I, 6; c. 3 in Clem. de aet. et quäl. I, 6.

« C. 4, X de temp. ord. I, 9. Trid. sess. XXIII de ref. c. 4.


§ 50. Der Ordinand. I59

mindesten ist nötig für die ordines minores, da das Tridentinum für

sie die Kenntnis der lateinischen Sprache verlangt ^. Ebendieses

Konzil fordert für den Subdiakonat das angetretene zweiundzwanzigste,

für den Diakonat das angetretene dreiundzwanzigste, für den Presbyterat

das angetretene fünfundzwanzigste Lebensjahr 2. Für den

Episkopat ist immer noch nötig das vollendete dreifsigste Jahr ^. Für

die Berechnung ist zu Grunde zu legen der Geburts-, nicht der Tauftag,

das natürliche oder bürgerliche, nicht das Kirchenjahr. Die römische

Rechtsregel: dies ultimus coeptus pro completo habetur, findet nur

bei der Tonsur und beim Episkopat Anwendung *.

2. Ex defectu corporis, wegen Mangels der körperlichen Tüchtigkeit.

Entsprechend der Natur der Sache und sicher auch im Anschlufs

an das Alte Testament ^ wurden von früh an ^ diejenigen

von den kirchlichen Weihen ausgeschlossen, welche die damit verknüpften

Funktionen oder wenigstens die wichtigeren derselben überhaupt

nicht ausüben konnten, oder sie nicht dem Ritus gemäfs

und mit der notwendigen Sicherheit zu vollziehen vermochten, oder

wegen körperlicher Gebrechen oder Mifsgestalt Anstofs und Ärgernis

erregten und so die Würde des Gottesdienstes und des Standes

beeinträchtigten. Unter den beiden ersteren Gesichtspunkten sind

irregulär die Blinden, Tauben, Stummen, Lahmen, Epileptischen und

für den Presbyterat jene, welche den Wein nicht ertragen können

(abstemii). Ferner jene, welchen ein Arm, eine Hand, einer der bei der

heiligen Messe nötigen Finger, ein Fufs fehlt, oder welche diese Glieder

nicht gebrauchen können. Durch künstliche Glieder wird die Irregularität

nicht beseitigt. Bei Schwachsichtigen, Übelhörenden und Stotternden

kommt es auf den Grad des Übels an. Wer der Sehkraft des

linken Auges (oculus canonis) ermangelt, ist, wenn er den Kanon mit

dem rechten Auge ohne Anstand lesen kann und sonst keine Deformität

vorliegt, nicht irregulär. Unter dem dritten Gesichtspunkt sind irregulär

alle körperlich in auffallendem Grade Mifsgestalteten , so die Aussätzigen,

Zwerge u. s. w. '^ In Fällen, wo Zweifel über das Vorhanden-

'

Sess. XXIII de ref. c. 11. 2 i^id. c. 12.

3 C. 7, X de elect. I, 6. Trid. sess. VII de ref. c. 1.

* L. 5, D. qui test. fac. possunt. XXVIII, 1. C. 10, X de despons, impub. IV, 2.

* Lev. 21, 17 ff.

* C. 1 (Gelas. I. a. 494), D. LV bezeichnet diese Gesetze als „prisca instituta".

''

Belege sehe man besonders in D. LV; C. VII, q. 2; Decr. Greg. IX. I. I,

de corpore vitiat. ordin. vel non; I. III, t. 6 de cleric. aegrot. Viele Beispiele

t. 20

bei Bichter-SchuUe,, Conc. Trid. p. 340 sqq., n. 14— 31 ; Ch. Lingen u. P. A. Beufs,

Causae selectae in S. Congr. Card. Conc. Trid. interpret. (1871) Nr. 11 sqq.


160 '''• l^nch: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

sein der Iricgularität herrschen, steht die Entscheidung beim Bischof.

Aber die etwa nötige Dispens kann nur vom Papste erteilt werden.

Diese erhalten bereits Ordinierte leichter — z. B. erblindete Priester

zur Celebration der Votivmesse de B, M. V. 2 unter Assistenz — als

diejenigen, welche erst geweiht werden wollen. Auch ist die Behandlung

eine verschiedene, wenn das priesterliche Funktionen hindernde

Gebrechen bereits vor Empfang der Weihen da war,

oder erst nachher

eintrat. Im ersteren Falle hindert der Defekt die Weihe überhaupt,

auch wenn er gewisse Funktionen versehen liefse, im letzteren

Falle nur die Funktionen, deren Vornahme das Gebrechen unmöglich

macht ^.

3. Ex defectu animi (rationis), wegen Mangels des vollen Vernunftgebrauchs,

Irregulär sind die Wahnsinnigen und die Besessenen.

Aber auch hier ist ein Unterschied, ob solche noch nicht ordiniert

oder bereits ordiniert sind. Im ersteren Falle kann nach heutiger

Praxis auch nach ärztlich bezeugter Heilung eine Ordination nicht

ohne päpstliche Dispens stattfinden. Der Ordinierte aber könnte vom

Bischof oder dem Regularobern, wenn dieser die sichere Überzeugung

von der Heilung, etwa nach einjähriger Freiheit vom Übel, gewonnen

hätte, zur Übung der bereits erhaltenen Weihen zugelassen werdien.

Zu weiterer Weihe aber ist jedenfalls päpstliche Dispens nötig*.

4. Ex defectu scientiae, wegen Mangels genügender Kenntnisse.

Ausgehend von der Forderung der Heiligen Schrift^ hat die Kirche

von Anfang an von den Klerikern die ihrem Amte entsprechenden

Kenntnisse gefordert. In der alten Kirche war verlangt die Kenntnis

der heiligen Schriften,

der Kanonen und der Funktionen des einzelnen

ordo ^. Da der Kleriker überdies eine der Kulturstufe der Gebildeten

seines Volkes genügende Bildung haben soll, so forderte die Kirche

auch entsprechende weltliche Kenntnisse, nicht um ihrer selbst willen,

sondern um sie im kirchlichen Dienst verwenden zu können ". Die

'

C. 3 (Pius I.?), D. XXXIII. C. 2, 4, X de corp. vitiat. I, 20.

' Lingen-Beti/s, Causae selectae Nr. 15. 17.

' C. 2, X de cleric. aegrot. III, 6.

*

Zum Altertum vgl. D. XXXIII. Moderne Praxis bei Richter-Schulte 1. c. p. 340,

n. 10. 11: Lingen-Rmfs 1. c. Nr. 73.

">

Os. 4, 6. Mal. 2, 7. 1 Tim. 4, 13. 1 Petr. 3, 15.

• C. 1 (Syn. Tolet. IV. a. 683 , c. 24)

, 4 (Coelest. I. a. 429) , 5 (Cap. Ahyi.

Bas. t 836, c. 5), 7 (Syn. Carth. III. a. 397, c. 3) , 9 {Hier. Prooem. comment. in

Is.), D. XXXVIII. Dict. Grat, ad c. 2, D. XXXVI.

'

C. 2 [Hin-, a. 398), 3 {hl Comm. in c. 4 ep. ad Eph.) , 5 {Id. ibid. c. 6),

7—15, D. XXXVII.

I


§ 50. Der Ordinand. 161

illiterati aber waren von den Weihen ausgeschlossen i. Erworben

wurde diese intellektuelle Ausbildung in den Kathedral-, Stifts-,

Kloster- und Pfarrschulen ^,

Gleiche Anforderungen wurden im Mittelalter

gestellt 3. Aufser den bisherigen Schulen besuchten die Kleriker

jetzt aber in erster Linie die Universitäten, wo sie zum Zweck der

klerikalen Zucht in Bursen und Kollegien wohnten *.

Ende des Mittelalters

aber und anfangs der Neuzeit konnten die zerfallenden Universitäten

dieser Aufgabe in keiner Hinsicht mehr genügen

•'•.

Das

Tridentinum verlangte vom Kandidaten der Tonsur, dafs er lesen

und schreiben

könne und in den Anfangsgründen des Glaubens unterrichtet

sei. Die Bewerber um die ordines minores müssen ein gutes

Pfarr- und Schulzeugnis, Kenntnis der lateinischen Sprache und die

Fähigkeit haben, die für die höheren Weihen nötige Wissenschaft erwerben

zu können. Der Subdiakon und Diakon bedarf guter Zeugnisse,

theologischer Bildung und Kenntnis seiner Funktionen. Der

Presbyter soll fähig sein zur Verwaltung von Lehre und Sakrament ^.

Zur Durchführung dieser Vorschriften befahl das Konzil nach dem

Vorbild der von Ignatius von Loyola namentlich errichteten Kollegien

die Einrichtung von Seminaren in allen Diözesen. In diesen tridentinischen

Seminaren sollen Knaben aus rechtmäfsiger Ehe, und zwar

besonders arme, vom zwölften Jahre an zum geistlichen Leben angeleitet,

in den zum geistlichen Stand nötigen profanen und heiligen

Wissenschaften unterrichtet und zugleich in den praktischen Kirchendienst

eingeführt werden ^. Natürlich bleibt es jedem Bischof unbenommen,

über das vom Tridentinum geforderte Minimum hinaus

1 C. 2 {Hier. Sup. Malach. c. 1, v. ,

7) D. XLIX. C. 8 (Leo I. a. 446?),

D. LXI. C. 3 (Leo L a. 450) , D. XXXVIIL C. 1 (Gelas. L a. 496), D. XXXVL

C. 10 (Greg. L a. 592), D. XXXIV.

2 Thomassin P. I, L 3, c. 2 sqq.; P. II, 1. 1, c. 92 sqq. Bened. XIV., De syn.

dioec. 1. 5, c. 11. A. Theincr, Gesch. d, geistl. Bildungsanstalten. 1835. F. J. Bufs,

Die notw. Reform d. Unterr. u. d. Erz. d. kath. Weltgeistlichkeit Deutschis. 1852.

De r^ducation cl(5ricale, Annal. iur. pontif. I (1855), 647 sqq.; Ill (1858), 281 sqq.

Th. Poilan, De seminario clericorum. 1874. F. A. Specht, Gesch. d. Unterrichtswesens

i. Deutschi. v. d. ältest. Zeiten b. z. Mitte d. 13. Jhdts, 1885.

ord. I, 9.

* C. 14, 15, X de aet. et quäl, et ord. praef. I, 14. C. 4 in VP° de temp.

^ H. Denifle, Die Universitäten d. MAs. h. 1400. 1885. G. Kaufmann, Die Gesch.

d. deutsch. Universitäten. 1888 ff.

^ Janssen-Pastor, Gesch. d. deutsch. Volkes seit d. Ausg. d. MAs. VII (1.— 12.

Aufl. 1893), 135 ff. F. Paulsen, Gesch. d. gelehrt. Unterr. auf d. deutsch. Schulen

u. Univ. V. Ausg. d. MAs. b. z. Gegenwart. 2. Aufl. 1896 ff.

« Sess. XXIII de ref. c. 4. 5. 11. 13. 14. Ibid. de

' ref. c. 18.

•Sägmiiller, Kirdienrecht. 2. Teil. 11


162 '^^- Ruch: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

höhere, der Zeit entsprechende wissenschaftliclie Anforderungen zu

stellen , für deren Befriedigung den Theologen einen bestimmten

Studienplan vorzuschreiben und sich durch Prüfung von dem wissenschaftlichen

Stand der Kandidaten des Priestertums zu überzeugen ^

Aber diese tridentinischon Seminare kamen nur in den romanischen

Ländern zu allgemeiner Einführung, nicht ebenso in Deutschland und

Österreich. Hier wurde seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

die Ausbildung des Klerus als res mixta angesehen,

und es gelten jetzt

dafür im allgemeinen folgende Grundsätze: Von den künftigen Theologen

wird die Ablegung der Maturitätsprüfung auf einem deutschen

Gymnasium verlangt. Das Theologiestudium hat an einer deutschen

staatlichen oder staatlich anerkannten Unterrichtsanstalt, an einem

Seminar, Lyceum oder Universität, zu geschehen, deren katholischtheologische

Fakultät im Einvernehmen mit dem Bischof besetzt

Der Staat

wird.

beteiligt sich etwa auch an der am Schlufs der akademischen

Studienzeit zum Zweck der Aufnahme in das Priesterseminar von den

kirchlichen Behörden oder sonstigen Organen abgehaltenen Prüfung.

Endlich fordert derselbe

die Genehmigung und Oberaufsicht über alle

Seminare, Konvikte und Alumnate, in welchen die künftigen oder wirklichen

Theologen leben, ja selbst über jene Priesterseminare, in welchen

die Kandidaten des Priestertums sich in den zwei letzten oder im

letzten Jahre zum Zweck der ascetischen und praktischen Ausbildung

befinden, und das dann um so mehr, wenn diese Anstalten aus staatlichen

Mitteln unterlialten werden.

In Württemberg sind die vorbereitenden Studien an einem Landesgyranasium

zu machen , der theologische Kursus an der Landesuniversität

zurückzulegen und das akademische Schlufsexamen vor der katholisch-theologischen

Fakultät im Beisein kirchlicher und staatlicher Vertreter abzulegen.

Die Konvikte sind der Oberaufsicht des Staates unterworfen. Der Bischof ernennt

die Vorstände derselben, hat aber die vorgängige Anzeigepflicht. Gegen

einen Lehrer an der katholisch-theologischen Fakultät kann wegen unkirclilicher

Lehre eine Verfügung nur von der Staatsregierung getroffen werden -.

1 Durch Dekret d. S. C. Ep. et Reg. v. 4. Nov. 1892 ist auch d. Priesteramtskandidaten

in Orden u. Kongregationen e. dreijähriges Theologiestudiura vorgeschrieben.

» Württ.: Ges. v. 30. Jan. 1862, Art. 3. 11. 12. 14. Vogt, Sammlung 2ö3 ff.

Statut f. d. hischöfl. Priestersem. in Rottenburg in Beil. D. z. königl. Fnndations

Instrument v. 14. Mai 1828. Reyscher, Samml. d. württ. Ges. Bd. X (Lang), S. 1077 f.

L. Golther, Der Staat u. d. kath. Kirche in Württ (^874) 280 ff. — Baden: Ges.

V. 9. Okt. 1860; 19. Febr. 1874; 5. März 1880; 11. April 1880. Bayern: Erl. v. 8. April

1852; 20. Nov. 1873. Hessen: Ges. v. 23. April 1875: 5. Juli 1S87. PreuCsen : Ge.s

V. 11. Mai 1873; 21. Mai 1874; 31. Mai 1882; 21. Mai 1886; 29. AprU 1887. Österr.:


§ 50. Der Ordinand. 163

Was die immer wieder ventilierte Frage betrifft, ob die Ausbildung der

Theologen in tridentinischen Seminaren oder auf staatlichen Universitäten zu

geschehen habe, so ist zu bemerken, dafs das Tridentinum die Universitäten

nicht beeinträchtigen wollte. Vielmehr bestätigte es ihre Privilegien \ forderte

zum Erhalt gewisser Benefizien einen akademischen Grad * und wollte die

Seminare vor allem für die armen Knaben gegründet haben. Sodann haben

die Päpste wiederholt , auch neuestens , die Gründung von theologischen

Fakultäten an katholischen Universitäten befürwortet und unterstützt '. Der

Grund liegt darin , dafs die Theologie im engsten Kontakt mit den andern

Wissenschaften bleiben mufs und daher an den Universitäten, diesen Brenn-

I)unkten der Wissenschaft, nicht fehlen darf. Ist dann noch bei Besetzung

der katholisch-theologischen Fakultäten der Kirche der nötige Einflufs vergönnt

und bei den Studierenden durch Konvikte oder Alumnate die nötige

sittliche Ausbildung gewährleistet , so ist das unter den heutigen Verhältnissen

Höchste erreicht. Dabei sollen die Vorzüge der Seminare und die

Möglichkeit , dafs auch sie ihrer Aufgabe voll entsprechen können , nicht

geleugnet sein. Daher hat die Lösung der Frage: Universität oder Seminar?

zu lauten : Universität und Seminar *.

5. Ex defectu fidei, wegen Mangels des hinlänglich gefestigten

Glaubens. Gemäfs der Weisung des Apostels Paulus ° sind nach kano-

7. Mai 1874. Schneider, Die partik. KRsquellen 337, 339, 341, 342; 220, 224; 382,

388; 243, 249, 269, 271, 274; 532. Hinschius, KR. II, 508 ff.; IV, 525 ff. 671 ff.

Scherer, KR. I, 324 ff.- II, 58.

1 Sess. VII de ref. c. 3; Sess. XIV de ref. c. 5; Sess. XXV de ref. c. 6. 9.

2 Sess. XXII de ref. c. 2; Sess. XXIII de ref. c. 18; Sess. XXIV de ref. c. 8. 12.

* ßreve Leos XIII. v. 24. Okt. 1890 a. d. Schweiz. Bischöfe üb. d. Grund, e.

theol. Fak. a. d. kath. Univ. Freiburg.

* J. F. Schulte, Das Recht d. Erteilung d. Befugnis z. Lehramt d. Theologie

(A. f. k. KR. XIX [1868], 3 ff'.; auch sep.). J. Hergenröther, Univ.- u. Seminarbildung

d. Geistl. (Ghilianeum I [1869], 438 ff".). F. H. Eeusch (Altkath.), Theol. Fakultäten

od. Seminare? 1873. Tliemistor Irenäus (Bisch. Korum v. Trier), Die Bild. u. Erzieh, d.

Geistl. 2. Aufl. 1884. Ders., Friedemanns Vorschläge in betr. d. Bild. u. Erz. d. Geistl.

1884. Friedemann Justinus (H. Brüll), Die Bild. u. Erz. d. Geistl. 1884. ir(ettinger),

Deutsche Univ. u. franz. Seminarien (Hist.-pol. Blätter C [1887], 573 ff.). Ders.,

Timotheus (2. Aufl. 1897) 147 ff. F. X. Kraus, Das Studium d. Theol. sonst u.

jetzt. 2. Aufl. 1890. K. Braun, Gesch. d. Heranbildung d. Klerus i. d. Diöz. Würzburg.

1889 ff. L. V. Hammerstein, Gedanken üb. d. Vorbildung d. Priest, in Sem.

u. auf Universitäten (St. a. M.-L. 1900. I, 256 ff.). J. B. Holzammer, Die Bildung d.

Klar, in kirchl. Sem. od. an Staatsuniversitäten. 1900. F. Heiner, Theol. Fakultäten

u. trid. Seminarien. 1900. Ders., Nochmals theol. Fakultäten u. trid. Seminarien. 1901.

Für Österr. vgl. Vering, KR. ^ 414; H. Zschok/ce , Die theol. Stud. u. Anstalten d.

k. K. i. Ost. 1894; für Frankr. : Litterarische Rundschau 1894, Nr. 1 (Schanz),

Nr. 10 (Schrörs) ; für Amerika: Schanz, Zum Stud. d. Theol. i. Am. (Th. Qsch.

LXXXI [1899], 481 ff'.). Über Vorschläge auf d. Vatic. : H. Lümmer, Zur Kodifik.

d. kan. Rs. (1899) 109 f.

^ i -pim. 3, 6.

11*


164 IJf- Jülich: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

nischem Gesetz unfähig zum Erhalt der höheren Weihen,

nach kirchliclier

Praxis aher zu allen, seihst der Tonsur: die neophyti ^ d. h. die

erwachsenen, erst vor kurzem getauften, gewesenen Ungläubigen; die

neoconversi 2, d. h. die eben erst Mönch Gewordenen; die clinici ^ d. h,

diejenigen, welche nach .schuldhaftom Aufschub der Taufe diese erst in

schwerer Krankheit empfingen : endlich die noch nicht Gefirmten *. Im

letzten Fall hört die Irregularität auf durch Empfang der Firmung.

In den drei ersten Fällen liegt die Entscheidung darüber beim Bischof.

6. Ex defectu lenitatis, wegen Mangels der Herzensmilde. Im

Hinblick auf das Beispiel des Heilandes ^ und auf die Forderung des

Apostels Paulus^ hat die Kirche von früh an alle jene, welche Blut

vergossen hatten , und zwar auch dann , wenn es ohne alle sittliche

Verschuldung geschehen war , vom Klerikalstand ausgeschlossen ^.

Nach heutigem Recht sind aus diesem Grunde irregulär alle, welche

freiwillig und unmittelbar an einer durch die öffentliche Auktorität

erfolgten Tötung oder Verstümmelung eines Menschen sich

beteiligten,

also : der Richter samt Gehilfen, die Geschworenen, die Ankläger, der

Henker s. Nicht irregulär sind: die gezwungen erschienenen Zeugen-':

der weltliche oder geistliche Landesherr, der Gesetze über die Todesstrafe

giebt, den Blutbann delegiert, die Begnadigung versagt ^^ : der

Bischof, der einen degradierten verbrecherischen Kleriker an die weltliche

Obrigkeit zur Bestrafung übergiebt mit der Bitte, seines Lebens

zu schonen ^M der Priester, der den Delinquenten zum Tode begleitet:

endlich

der Zuschauer.

Irregularitas ex defectu lenitatis kann auch eintreten durch Teilnahme

am Krieg. Zur Bestimmung, ob und wann jemand aus diesem

Grunde irregulär geworden, sind aber die alten Unterscheidungen

'

C. 1 (Syn. V. Nicaea a. 325, c. 2), D. XLVIII. C. 10 (Syn. Sardic. a. 343,

c. 13). D. LXI. C. 5 (Syn. Tolet. IV a. 633. c. 19), D. LI.

» C. 2 (Greg. I. a. 599), D. XLVIII.

» C. unic. (Syn. Neocae?. a. 314—325, c. 12), D. LVII.

* Trid. sess. XXIII de ref. c. 4. * Matth. 11, 29.

« 1 Tim. 3, 3. Tit. 1, 7.

C. 1 (Innoc. I. a. 404), c. 4 (Syn. Tolet. I a. 400. c. 8), c. 5 (Syn. Tolet. IV

'

a. 633, c. 19). D. LI. C. 29 (Syn. Tolet. IV a. 633. c. 31), c. 30 (Syn. Tolet. XI

a. 675, c. 30j, C. XXIII, q. 8.

' C. 5, 9, X ne der. vel mon. saec. negot. se immisceant III, 50. C. 3 in VI'

ne der. vel mon. III, 24. Anders, wenn d. -\nkläger gegen e. etwaige Leibesstrafe

V. vornherein sich verwahrte: c. 2 in VI'" de homic. V, 4 ; c. 21. X de homic. V. 12.

' C. 19, X de homic. V, 12. Die Irregularität aller Zeugen behauptet d. Glosse:

,Sacerdotium' c. 1, D. LI; .Nuntius* c. 19, X de homic. V, 12.

>» C. 3 in VI"» ne der. vel mon. III, 24. " C. 27, X de V. S. V, 40.


§ 50. Der Ordinand. 165

zwischen gerechtem und ungerechtem, Angriffs- und Verteidigungskrieg

heutzutage für die Regel aus den verschiedensten Gründen ziemlich

wertlos. Bei der allgemeinen Wehrpflicht werden die Kombattanten

wohl nicht irregulär, da sie kämpfen müssen i. Irregulär aber wird der

freiwillige Söldner, der in einem wenn auch gerechten Krieg jemanden

getötet oder verstümmelt hat 2. Irregulär auch werden Kleriker,

welche in feindlicher Absicht die Waffen ergreifen, auch wenn sie

niemanden getötet oder verstümmelt haben ^. Endlich verfallen der

Irregularität Mönche und Kleriker der höheren Weihen, welche mit

Brennen und Schneiden (adustione et incisione) die ihnen verbotene

Chirurgie ausüben, wenn daraus auch ohne all ihr Verschulden der

Tod des Operierten erfolgte ; anders im Notfall *.

7. Ex defectu sacramenti sc. matrimonii, wegen Mangels der

Einheit des Sakramentes der Ehe. Im Anschlufs an 1 Tim. 3, 2. 12

und Tit. 1 , 6 verbot die morgenländische Kirche die Weihe eines

zweimal Verheirateten, aber auch die eines solchen, der eine Witwe,

eine Ehebrecherin oder eine Gefallene geheiratet hatte. In solcher Handlungsweise

sah man nämlich eine anstöfsige Inkontinenz 5. Im Abendlande

aber leitete man seit Augustinus im Anschlufs an Eph. 5, 23 ff.

die Irregularität des zweimal Verheirateten davon her, dafs die konsummierte

Ehe eine volle Darstellung der Verbindung Christi mit seiner

Kirche sei, dafs daher bei einem in zweiter konsummierter Ehe Lebenden

wegen Mangels der vollen Einheit die zweite Ehe kein volles Abbild

der Verbindung Christi mit seiner Kirche sei und daher nicht die volle

sakramentale Bedeutung, vielmehr einen Mangel im Sakrament, den

defectus sacramenti habe '^. Doch wird dieser Defekt, der vor allem

dann statthat, wenn der zu Weihende zweimal verheiratet war, also

'

Strengere Entsclieidungen d. S. C. Conc. , freilich aus früherer Zeit, lassen

es immerhin als geraten erscheinen, sich ad cautelam dispensieren z. lassen. 2%. Kohii,

Bedarf e. Kleriker . . ., der als Reservist od. Einj. -Freiwilliger e. Feldzug mitgemacht

hat, . . . e. Disp. v. d. Irregularität? (A. f. k. KR. XLIII [1880], 191 ff.)

2 C. 1 (Innoc. I. a. 404), D. LI. C. 24, X de homic. V, 12.

s

C. 5 (Syn. Tolet. IV a. 633, c. 45), C. XXIII, q. 8. Lingen-Iieiifs, Causae

selectae Nr. 114. S. C. Conc. 12. Juli 1900.

^ C. 19, X de homic. V, 12. C. 9, 10 X ne der. vel mon. III, 50.

^ C. 11 (Syn. Neocaes. a. 314—325, c. 8), D. XXXIV. C. 1 {Hier. Ep. 79 ad

Oeean.), D. XXVI. C. 1 {Hier. Sup. epist. ad Tim.), 0. XXVIII, q. 3. C. 9 (Chrys.?),

C. XXXI, q. 1.

* C. 2 {Aug. De bono coniug. c. 21), 3 (Innoc. I. a. 414), 4 {Amhr. De offic.

1, 80), 5 {Id. a. 371), D. XXVI. C. 13 (Innoc. I. a. 404), D. XXXIV. C. 1 (Gelas. I.

a. 496), D. LV. C. 4, 5, X de bigam. non ordin. I, 21. Trid. sess. XXIII de

ref. c. 17.


,

lijQ III. Uuch : Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

bei bijü;iiiiiia vora, oder riclitiger succossiva, noch in weiteren Fällen,

nämlich auch bei sogenannter biganiia interpretativa angenommen'.

Ex bigamia vera also ist irregulär derjenige, welcher nacheinander

vor oder nach der Taufe zwei oder mehrere gültige Ehen eingegangen

und konsummiert hat 2, Ex bigamia interpretativa ist irregulär derjenige,

welcher sich verheiratet mit einer Witwe, die in einer vollzogenen

Ehe lebte, oder mit einer Gefallenen^; ferner derjenige,

welcher die geschlechtliche Gemeinschaft mit seiner Frau fortsetzt,

nachdem sie sich eines Ehebruchs schuldig gemacht*; endlich derjenige,

welcher eine gültige und eine ungültige oder zwei ungültige

Ehen geschlossen und konsummiert hat^.

8. Ex defectu libertatis, wegen Mangels der Freiheit bezw. Unabhängigkeit.

Wer sich dem Dienst der Kirche weihen will , darf

nicht durch andere Verhältnisse, die ihn an der vollen Pflichterfüllung

hindern, gebunden sein^ Daher sind irregulär: die Sklaven und Leibeigenen,

solange sie nicht frei geworden sind"; ferner die im aktiven

Staats- und Militärdienst Stehenden auf die Dauer dieses Dienstverhältnisses^;

ferner alle diejenigen, welche infolge einer öffentlichen

oder privaten Verwaltung als Vormünder, Kuratoren, Prokuratoren

oder Exekutoren zur Rechnungsablage verpflichtet sind,

solange sie diese nicht abgelegt und Decharge erhalten haben ^. Eine

Ausnahme besteht hinsichtlich solcher Verwaltungen, die auch Geistliche

übernehmen dürfen, wie bei Verwaltung kirchlichen Vermögens,

Kuratel über personae miserabiles und gesetzlicher Vormundschaft ^®.

Endlich ist auch irregulär der Ehemann, aufser wenn seine Frau zur

Ordination ihre Einwilligung giebt, wobei sie aber, wenn noch jünger,

in ein Kloster gehen, wenn bereits älter, ein einfaches Gelübde der

Keuschheit ablegen mufs, oder wenn die Ehe wegen Ehebruchs der

'

A. 0. Malier, De bigamia irregularitatis fönte et causa. 1880. H. Sachsm

Die Lehre v. def. sacr., ihre bist. Entw. u. dogm. Begründung. 1881.

404), 14 {Ambr. a. 396), D. XXXIV. C. 4. « C. 13 (Innoc. J. a.

C. un. in VP h. t. I, 12.

X h. t. I, 21.

C. 9 (Hilar. a. 465), 10 (Greg. I. a. 592), 13 (Innoc. I. a. 404). D. XXXIV.

s

C. 3, 5, X h. t. I, 21.

* C. 11 (Syn. Neocaes. a. 814—325, c. 8). D. XXXIV.

» C. 4, X h. t. J, 21. « C. 1 (Leo I. a. 443), D. LIV.

' D. LIV. X de serv. non ordin. I, 18.

« D. LI. C. 1 (Greg. I. a. 59S), D. LIII. C. 1 (Gelas. I. a. 494), D. LV. Über

staatl. Gesetze i. röm. u. fränk. Reich betr. d. Eintritt d. Beamten i. d. Klerus vgl.

Funk; Kgschte. » 156 f.

* C. un. X de oblig. ad ratioc. ordin. vel non I, 19.

'» C. 26 (Syn. Chaiced. a. 451, c. 3), D. LXXXVI. Vgl. c. 1, C. XXI, q. 3.


,

§ 50. Der Ordinand. 167

Frau geschieden ist ^. Wer sich ohne Einwilligung der Frau ordinieren

läfst, darf weder den empfangenen ordo ausüben, noch in

einen höheren aufrücken, und die Frau darf einen solchen zur Fortsetzung

der Ehe zurückfordern 2.

9. Ex defectu natalium sc. legitimorum, wegen Mangels der ehelichen

Geburt. Die alte Kirche schlofs die unehelichen Kinder nicht

von den Weihen aus 2. Bei Regino von Prüm (f 915) erscheinen

die im Incest Erzeugten als irregulär*. Alexander II, (1061—1073)

und Urban II. (1088— 1099) verboten die Weihe der Priestersöhne s.

Die Synode von Poitiers im Jahre 1078 aber schlofs unter dem Vorsitz

eines päpstlichen Legaten überhaupt alle Unehelichen von den Weihen

aus, und dieser Kanon wurde zunächst durch Gewohnheit, dann aber

durch Aufnahme in die Dekretalen Gregors IX. gemeinrechtlich '^.

Galt

das zunächst nur hinsichtlich der höheren Weihen, so wurde es doch

bald auf alle ausgedehnt '^. Bewogen wurde die Kirche zu solchem

Verbot durch den Makel, der nach mittelalterlicher Anschauung auf

solcher Geburt lag,

durch die Furcht sodann, es möchte die Inkontinenz

der unehelichen Eltern auf die Söhne übergegangen sein, und durch

den daraus leicht sich ergebenden und auch grassierenden Nepotismus

s. Irregulär sind also auch heute noch die filii naturales — die

aus der Geschlechtsgemeinschaft von zwei ledigen Personen Hervorgegangenen

— ,

die manzeres — die Abkömmlinge öffentlicher Dirnen —

die nothi oder adulterini — die Söhne ehebrecherischer Personen — ,

incestuosi oder spurii — die Kinder von solchen, zwischen denen Blutverwandtschaft

oder Schwägerschaft besteht — , und endlich die sacrilegi

— die Söhne zweier Personen, von denen eine oder beide durch einen

ordo maior oder die professio religiosa an der Eingehung oder an der

Fortsetzung der Ehe gehindert waren ^. Dagegen sind nicht irregulär

die aus einer Putativehe Hervorgegangenen i^, die von griechischen

Klerikern in einer Ehe Erzeugten, welche vor Empfang des Sub-

die

1 C. 4, 5, 6 X de convers. coniug. III, 32. C. 4, X de divort. IV, 19. C. 15, X

de conv. coniug. III, 32.

^ C. 1, X de conv. coniug. III, 32.

^ C. 4 {Chrtjs. Supra Mattli. homil. 3), 5 {Hier. Ep. ad Pamm. a. 393), 6 (Aug.

Contra Faust. 1. 22, c. 64), D. LVI.

* De synodal, causis 1. 1, c. 429. ^ C. 1 (Dict. Grat.), 12, 13, D. LVI.

® C. 1, X de fil. presbyt. ordin. vel non I, 17. C. 5, X de serv. non ordin. I, 18.

^ C. 1 in VP" h. t. I, 11. 8 C. 11, 14, 15, X h. t. I, 17.

* C. 10, § 6, X de renunt. I, 9. Doch wird „spurius" auch ganz allgemein z.

Bezeichnung d.

Unehelichkeit gebraucht.

»« C. 3, X de clandest. despous. IV, 3.


1(38 III- Buch: Diu Verfassung der Kirclic. 1. Ab.schnitt: Der Klerus.

diakonatos gültig geschlossen worden war ^ und jene, welche ihren

Vätern in rechtmäfsiger Ehe vor Empfang der höheren Weihen geboren

wurden. Die Irregularität ist heute vorhanden, auch wenn di*

illegitime Geburt geheim geblieben ist. Wird die Legitimität durch

die Pfarrbücher bezeugt, so können schwere Zweifel und Anzeichen

dagegen nicht aufkommen, sondern nur der evidente Beweis des

Gegenteils 2. Findelkinder sind der unehelichen Geburt dringend verdächtig.

Aber Irregularität darf nicht präsumiert werden ^. So wird

bei ihnen ad cautelam dispensiert, wenn die eheliche Gebui-t nicht zu

beweisen ist.

10. Ex defectu famae, wegen Mangels der Ehre. Nach der

Weisung des Apostels* mufs die Kirche im Interesse einer erspriefslichen

W^irksamkeit verlangen,

dafs die Kleriker in gutem Rufe stehen,

und mufs sie die Ehrlosen (infames) aus dem Klerus ausschliefsen ^

Das hat sie auch von Anfang an so gehalten, indem sie früher namentlich

jene nicht zu den Weihen zuliefs, welche öffentliche Kirchenbufse

gethan hatten ^. Infam sind aber alle jene , welche durch die kirchlichen

und weltlichen Gesetze und Gerichte für ehrlos erklärt worden

sind (infamia iuris), oder welche rein thatsächlich in einem üblen Rufe

stehen (infamia facti) ^. Mit Infamie sind nach kirchlichem Recht eo

ipso belegt: diejenigen, welche einen Kardinal verfolgen, verletzen,

gefangen nehmen, oder dabei irgend mitwirken, samt ihren Söhnen und

Enkeln aus dem Mannesstamm 8; die über ein Jahr in der Exkommunikation

befindlichen Begünstiger der Häretiker^: die Duellanten samt

deren Sekundanten^^; die Entführer von Frauen und alle dazu Mitwirkenden

^^ Bei diesen kirchlichen Verbrechen ist es gleichgültig, ob

sie öffentlich oder geheim sind. Bei der Infamie, die aus weltlichen Gesetzen

oder Verurteilung kommt, sind die Landesgesetze entscheidend ^^

Das zu Grunde liegende Verbrechen mufs ein notorisches oder gerichtlich

erwiesenes sein. Es kann aber schon die Anklage diffa-

' C. 6, X de der. coniug. III, 3.

' S. C. Conc. 27. Juni 1857. Lingen-Reufs, Causae selectae Nr. 57.

» C. 18 in VI'» de sent. excomm. V, 11. «1 Tim. 3, 7.

* C. Reg. iur. in VI'" 87. Trid. sess. XXIII de ref. c. 13. 14.

« C. 56 (Siric. a. 385), D. L.

' C. 2 (Cap. Angür.), 17 (Pseudo-Steph.), C. VI, q. 1. C. 2, § 20, C. III, q. 7.

C. 4, 17, X de temp. ordin. I, 11. C. 11, X de ezcess. prael. V, 31.

» C. 5 in VI'° de poenis V, 9. » C. 13, § 5 X de haeret. V, 7.

'° Trid. sess. XXV de ref. c. 19. Auch d. gewöhnliche Studentenmensur macht

infam. S. C. Conc. 9. Aug. 1890.

>' Trid. sess. XXIV de ref. matr. c. 6.

" StGB. § 32—37.


§ 50. Der Ordinand. 169

mieren ^. Wäre jemand unschuldig verurteilt worden , so bliebe er

bis zum Erweis seiner Unschuld infam. Doch könnte ein solcher von

der kirchlichen Auktorität für unschuldig erklärt werden ^. Und von

gar keiner Infamie kann die Rede sein, wenn jemand wegen religiöser

oder kirchlicher Pflichterfüllung vom weltlichen Richter verurteilt

worden wäre, so beim Martyrium. Endlich kann der Ordinator überhaupt

Personen,

welche sich keines guten Leumundes erfreuen, zurückweisen.

Wegen der der Infamie in den meisten Fällen zu Grunde

liegenden Verbrechen wird sie vielfach zu den irregularitates ex delicto

gerechnet.

IV. Die irregularitates ex delicto. Die irregularitas ex

delicto tritt ein wegen folgender Vergehen, und zwar auch wenn sie

geheim geblieben

sind:

1. Ex abusu baptismi, wegen Mifsbrauch der Taufe. Irregulär

sind diejenigen, welche wissentlich wiedertaufen, oder dies thun ohne

beigefügte Bedingung bei vernünftigem Zweifel über die Thatsache

oder über die Gültigkeit der Taufe ^ ; sodann jene, welche bei solcher

Taufe öffentlich Dienste leisten^; ferner jene, welche sich wissentlich

wiedertaufen lassen S; endlich die Erwachsenen, die wissentlich und

ohne Not sich von einem Häretiker taufen lassen ß.

2. Ex abusu ordinis (non recepti), wegen Mifsbrauch der Weihegewalt.

Irregulär werden diejenigen , welche wissentlich , ernsthaft

und feierlich eine ihnen nicht zustehende Weihehandlung vollziehen'^.

3. Ex capite violatae censurae, wegen Mifsachtung der Zensur.

Wer trotz der excommunicatio maior ^ , der Suspension ^ und des

'

C. 56, X de test. II, 20.

2 S. C. Conc. 25. Jan. 1726. Richter- Schulte, Conc. Trid. p. 93, n. 4. Überhaupt

kann restitutio famae durch d. Papst erfolgen: c. 23, X de sent. et re iud. II, 27

Eine restitutio famae durch d. Landesherrn dürfte nicht in allen Fällen f. d. kirchl.

Bereich mafsgebend sein.

3 C. 97 [Aug. Contra ep. Parm. 1. 2 , c. 18), C. 1, q. l'. Can. apost. n. 47.

C. 10 (Felix III. a. 487), C. I, q. 7. C. 117 (Poen. Tlieod.), 118 (Felix III. a. 487),

D. IV de cons.

* C. 2, X de apost. et reit. hapt. V, 9. S. C. Conc. 14. Nov. 1716. Die Thätigkeit

d. Paten ist keine Dienstleistung b. d. Taufe.

5 C. 65 (Syn. Carth. V a. 401, c. 11), D. L. C. 10 (Felix III. a. 487), C. I, q. 7.

« C. 3 (Syn. Carth. III a. 397, c. 48), 4 (Syn. Carth. V a. 401 , c. 2), C. I,

q. 4. C. 18 (Innoc. I. a. 415), C. I, q. 1. C. 10 (Felix III. a. 487), C. I, q. 7.

C. 5 (Conc. Tolet. IV u. 633, c. 19), D. LI,

"

C. 1, X de cleric. non ordin. ministr. V, 28.

^ C. 10, X. de der. excomm. ministr. V, 27.

» C. 1 in VI*° de sent. et re iud. II, 14. C. 1 in VI*° de sent. excomm. V, 11.


170 "I. Buch: Die Verfassung der Kirche. 1, Abschnitt: Der Klerus.

persönlichen oder lokalen Interdiktes ^ einen Weiheakt —

freventlich -

also nicht etwa unwissentlich oder im Notfall — , feierlich und persönlich

vollzieht, verfüllt der Irregularität, die nach Aufhören der Zensur

noch durch besondere Dispens gehoben werden mufs.

4. Ex biganiia siniilitudinaria. Der Majorist und der Professe,

welche eine Ehe zu schliel'sen versuchen und diese Scheinehe konsummieren,

verfallen

der Irregularität^.

5. Ex haercsi, apostasia et schismate haeretico. In der alten

Kirche wurden im allgemeinen immerhin diejenigen,

die von den Häretikern

zur katholischen Kirche zurückkehrten,

von den Weihen zurückgehalten*.

Nach heutiger Praxis sind irregulär die Häretiker, deren

Anhänger, Verteidiger und Begünstiger, sowie deren Deszendenten,

und zwar bei häretischem Vater Söhne und Enkel, bei häretischer

Mutter nur die Söhne, wenn nicht deren Eltern sich vor dem Tode

mit der Kirche ausgesöhnt haben. Sodann sind irregulär die Apostaten

und die häretischen Schismatiker 5.

6. Ex homicidio et mutilatione. Irregulär wird, wer vorsätzlich

(dolo) jemanden tötet ^ oder einen Mord befiehlt, anrät oder unterstützt

^. Dagegen tritt die Irregularität nicht ein bei Tötung in Verteidigung

des eigenen Lebens, wenn dabei die Schranken der Notwehr

*

C. 18, 20, in VI'» de sent. excomm. V, 11.

* C. 9, X de der. excomm. ministr. V, 27. C. 1 in VI'" de sent. et re

iudic. II, 14.

» C. 1, 2, X qui der. vel. vov. IV, 6. C. 4. 7, X de big. non ordin. I, 21.

C. 24 (Conc. Ancyr. a. 314, c. 19), C. XXVII, q. 1. C. 32 (Conc. Aurel. I a. 511.

c. 22), C. XXVII, q. 1.

* Syn. V. Elvira ca. a. 300, c. 51. C. 32 (Conc. Ancyr. a. 314, c. 1. 2),

D. L. C. 8 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 8), C. I, q. 7. C. 18 (Innoc. I. a. 415),

C. I, q. 1. C. 1 {Cypr. a. 250), c. 4 (Conc. Nicaen. II a. 787), c. 21 (Leo I. a. 447).

C. I. q. 7.

» C. 18 (Innoc. I. a. 415), C. I, q. 1. C. 21 (Leo l. a. 447j, C. I, q. 7. C. 2.

§ 2, 15 in VI'° de haeret. V, 2. Dafs diese in erster Linie auf e. Delikt beruhende

Irregularität in d. Ländern, in welchen d. Häretiker d. Katholiken staatsrechtlich

gleichgestellt sind u. d. Häresie i. bürgerlichen Leben nicht mehr infamiert, aufgehoben

sei, kann nicht behauptet worden. C. 10, X h. t. V, 7. S. C. Inq. 25. Juli

1866; 5. Dez. 1890; 4. Febr. 1898. K. L. Braun, Die Bestimmungen üb. d.

Irregularität d. Häret. u. deren Deszendenten u. ihre Fortdauer in Deutschi. (A. f.

k. KR. XLV [1881], 3 ff.).

« C. 4 (Job. VIII. a. 880), 5 (Nicol. I. 858-867), 6 (Id.), 8 (Cap. Mart. n. 26).

D. L. C. 1, 6, 18, X de homic. voluntario vel casuali V, 12. Trid. sess. XIV

de ref. c. 7.

' C. 8 (Cap. Mart. n. 26), D. L. C. 6, 11, 18, X h. t. V, 12. C. 2, X de

der. pugn. V, 14. C. 3 in VI*» h. t. V, 4.


§ 50. Der Ordinand. 171

nicht Überschritten wurden (cum moderamine inculpatae tutelae) ^

Irregulär wird auch, wer in fahrlässiger Weise (culpa) den Tod eines

Menschen verursacht 2. Dagegen tritt die Irregularität nicht ein bei

rein zufälliger Tötung 3. Doch hat in allen Fällen von Tötung, auch

aus Zufall oder Notwehr, eine Untersuchung durch die kirchliche Obrigkeit

einzutreten und im Zweifelsfall eine etwa nötige Dispens ad

cautelam zu erfolgen*.

Irregulär macht auch die

absichtliche oder fahrlässige Abtreibung

der beseelten Leibesfrucht (procuratio abortus), sowie alle Beihilfe dazu^.

Irregulär endlich sind alle, welche dolos oder culpos einen andern

verstümmelt, d. h. eines Gliedes beraubt haben, das seiner Natur nach

eine eigentümliche Funktion hat, oder welche hierzu durch Befehl, Rat

oder Beihilfe mitgewirkt haben ^. Dagegen ist schon irregulär, wer sich

auch nur im geringsten vorsätzlich selbst verstümmelt oder verstümmeln

läfsf^. Nicht aber tritt die Irregularität ein, wenn die Verstümmelung

erfolgte aus sanitären Gründen oder zufällig oder gewaltsam ^.

V, Soll der in einer Irregularität Befindliche ordiniert werden,

oder seinen ordo ausüben, so mufs die Irregularität gehoben werden.

Eine Reihe von Irregularitäten nun hört mit Wegfall ihres Grundes

von selbst auf; so die irr. ex defectu aetatis, corporis, animi, scientiae,

'

C. un. in Cleni. h. t. V, 4.

2 C. 7, 8, X h. t. V, 12. C. 7, X de poenit. V, 38.

ä C. 49 (Nicpl. I.?), 50 (Conc. Wormat. a. 868, c. 29), c. 51 (Conc. Trib.

a. 895, c. 36), D. L. C. 9, 18, 14, 15, 22, 23, 25, X h. t. V, 12.

^ C. 12, 18, 24, X h. t. V, 12. Trid. sess. XIV de ref. c. 7. Richter-Schulte,

Conc. Trid. p. 92 sqq. Lingen-Reufs, Causae selectae Nr. 86 sqq. R. Scherer, Die

irregularitas ex delicto homicidii (A. f. k. KR. XLIX [1883], 37 if.).

^ C. 8 {Aug. In lib. quest. Exod. q. 80), 9 {Aug. ? In IIb. quest. V. et N. T.

c. 23), 10 {Hier. Ad Algas. c. 4), C. XXXII, q. 2. C. 20, X h. t. V, 12.

Sixtus V. .Effrenatam" v. 29. Okt. 1588. Gregor XIV. ^Sedes Apostolica" v.

31. Mai 1591. Nach letzterer Bestimmung hat d. Unfruchtbarmachung d. Irregularität

nicht i. Gefolge; anders c. 5, X h. t. V, 12. Gegen d. auf 3 Mos. 12, 2 ff.

beruhende mittelalterl. Anschauung, dafs d. männliche Fötus am 40. Tag nach d.

Empfängnis, d. weibliche am 80. beseelt werde: L. Scliütz, In welch. Zeitpunkte

tritt d. Vernunft. Seele des Mensch, in ihr. Körper ein? (Compte rendu du Congres

internat. d. cath. [Fribourg 1897] sect. III, p. 567 ss.)

« C. 3 in Vr» h. t. V, 4. C. un. in Clem. h. t. V, 4.

' C. 6 (Innoc. I. a. 402—417), D. LV. G. 2 (Pseudo-Greg.), D. XXXIII. C. 4

(Can. apost. n. 22. 23), 7 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 1), 5 (Conc. Arelat. II a. 443?,

c. 12), D. LV. C. 1, § 1 (Gelas. I. a. 494), D. XXXVI. C. 4, X de corp.

vitiat. I, 20.

8 C. 7 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 1), 8 (Can. apost. n. 21), 10 (Syn. v. Tribur a. 895,

c. 33), D. LV. C. 3, 5, X de corp. vitiat. I, 20.


172 ••'• Huch: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

fidei,

libertatis, famae, und zwar auch wenn die Infamie eine infamia facti

und Besserung oder auch Wechsel des Domizils eingetreten ist^

Durch

die Taufe wird keine Irregularität beseitigt; denn etwaige vor der Taufe

begangene Delikte hatten für den Ungetauften, der den kirchlichen

Gesetzen noch nicht unterstand, keine Irregularität im Gefolge, und

anderweitige Defekte, z. B. ex bigamia, ex vitio corporis, bleiben auch

nach der Taufe und machen irregulär. Ex lege wird der defectus

natalium beseitigt durch Legitimation per subsequens matrimonium^,

oder durch Ablegung der professio religiosa^, oder durch päpsthches

Reskript*. Alle Irregularitäten aber können durch Dispens gehoben

werden. Und zwar dispensiert der Papst von allen, weil sie alle

auf dem gemeinen Recht beruhen. In öffentlichen Fällen erfolgt die

Dispens durch verschiedene päpstliche Behörden, namentlich durch die

Datarie, in geheimen und bei Regularen durch die Pönitentiarie, und

zwar in forma commissoria, wobei der Exekutor nach den für di<

Exekution von Reskripten geltenden Regeln zu verfahren und namentlich

alle etwaigen Klauseln genau zu beachten hat, so z. B. bei

Dispensation von einer irr. ex del. homicidii die: dummodo in loco

commissi delicti non celebrct^, oder beim Defectus natalium: dafs der

Dispensierte da anzustellen sei, wo man seinen Defekt nicht kenne ^.

Die Ordinarien dispensieren ihre Untergebenen kraft gemeinen Rechts

von der irr. ex defectu natalium, jedoch nur für die ordines minores

und beneficia simplicia'^ und im Falle der bigamia similitudinaria nach

eingetretener Besserung ^.

Durch das Tridentinum erhielten die Bischöfe

die ordentliche Vollmacht, ihre Untergebenen von allen auf geheimen

Vergehen beruhenden Irregularitäten zu dispensieren mit Ausnahme

'

Bened. XIV., De syn. dioec. 1. 13, c. 24, n. 22. S. C. Conc. 9. Sept. 1882.

* C. 1, 6, X qui filii sint legit. IV, 17. Incestuosi können nur durch dispensatio

in radice matrimonii legitimiert werden. Bened. XIV. ,Redditae nobis* v.

5. Dez. 1744. § 40.

» C. 1, 11 (Urb. II. a. 1089), D. LVI. C. 1, X de fil. presbyt. ordin. vel non

I, 17. Der professio stehen gleich d. vota simplicia d. Jesuiten: Gregor XIII. ,Ascendente

Domino" v. 25. Mai 1584. Infolge besonderer päpstlicher Privilegien gelten

d. in d. Häusern gewisser Orden erzogenen Findelkinder für ehelich.

* Dagegen hat d. Legitimation durch d. Landesherm für d. kircbl. Rechtsbereich

keine Bedeutung.

* Lingen-Reufs, Causae selectae Nr. 92.

« S. C. Concilii 9. Sept. 1882.

' C. 1 in VI" de fil. presbyt. ordin. vel non I, 11.

* C. 4, X de der. coniug. III, 3. C. 1, 2, X qui der. vel vov. IV, 6. Diese

Befugnisse kann d. Bischof, weil ordentliche, an den Generalvikar delegieren, u.

haben sie auch d. Kapitularvikare (S. C. Conc. 28. Jan. 1703) u. d. Ordensobem.


§ 50. Der Ordinand. 173

der aus Mord und aus bereits bei Gericht anhängigen Verbrechen^.

Nach der Bulle „Apost, Sed. moderationi" vom 12. Oktober 1869

können die Bischöfe auch nicht von der Irregularität ex haeresi

occulta dispensieren ^. Allein kraft der Quinquennalfakultäten dispensieren

sie von allen aus geheimen Vergehen entstandenen Irregularitäten,

Mord ausgenommen, und bei Priestermangel vom Defekt

eines Jahres für den Empfang der Priesterweihe ^, Kann endlich ein

vernünftiger Zweifel über das Vorhandensein einer Irregularität nicht

überwunden werden, so wird nach moderner Praxis ad cautelam

dispensiert *.

Hat der Bischof gerichtlich oder aufsergerichtlich Kenntnis von einem

Vergehen , das aber rechtlich keine Irregularität des Ordinanden begründet,

so konnte er früher die Weihe nicht versagen ^ Erst das Tridentinum räumte

ihm die den Äbten schon zustehende Befugnis ein, selbst auf Grund aufsergerichtlicher

Kenntnis , ex informata conscientia , die Ordination zu verweigern

,

ohne dabei den Grund der Versagung angeben zu müssen ". Dem

Zurückgewiesenen steht bei Verweigerung auf Grund gerichtlichen Erkenntnisses

die Appellation an die höhere Instanz, bei solcher ex informata conscientia

der Rekurs an den Apostolischen Stuhl offen. Dieser giebt dann

dem Metropoliten oder nächsten Bischof den Auftrag, den episcopus proprius

des Ordinanden , nachdem dieser noch dreimal vergeblich um die Erteilung

der Weihe gebeten hat , um den Grund seiner Weigerung zu befragen und,

wenn er nicht genügend befunden wird, zu ordinieren ''.

Der Bischof, welcher wissentlich einen Irregulären ordiniert, ist

arbiträr zu bestrafen s.

'

Sess. XXIV de ref. c. 6. Auch diese Befugnis kann als ordentliche an d.

Generalvikar delegiert werden u. geht auf den Kapitulai-vikar über. Die Ordensobern

haben hierin vielfach besondere Vollmachten. Ferraris, ßiblioth. canon. s. v.

Irregularitas art. 3, n. 17. 18. Nach gerichtlicher Freisprechung wird d. doch vorhandene

Delikt wieder geheim; d. Bischqf kann also dispensieren. Lingen-ReuJ's,

Causae selectae Nr. 78. ^1,1-

^ Walter, Fontes 512. Über Fakultät d. Bischofs bei Defectus corporis: S. C.

Conc. 25. Mai 1895.

^ Lingen-Eeufs, Causae selectae Nr. 69. 70. 78. 83. 87. 97.

* C. 4, 17, X de temp. ordin. I, 11.

« Sess. XIV de ref. c. 1. C. 5, X de temp. ordin. I, 11.

^ S. C. Conc. 21. März 1643; 21. April 1668. RicUer- Schulte , Conc. Trid.

p. 87, n. 1. 3.

8 C. 1 (Syn. v.Nicaea a. 325, c. 2), D. XLVIII. C. 3 (Coelest. I. a. 428), D. LXXXI.

C. 55 (Stat. eccl. ant. c. 84. 85), D. L. C. 43 (Pseudo-Leo) , C. I, q. 1. C. 14,

X de temp. ordin. I, 11. C. 4 in VI'" de temp. ordin. I, 9. Sixtus V. „Sanctura et

salutare" v. 5. Jan. 1589. Klemens VIII. ,Romanum Pontificem" v. 28. Febr. 1596.


171 ni. Huch: Die Verfaasung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

Anforderungen des Staates an den zu Ordinierenden werden heutzutage

meist nur mit Rücksicht auf den Tischtitel oder das Amt

gestellt ^

§ 51.

Der Ordinal ionstitel.

Decr. Grat. D. LXX. Decr. Greg. iX. 1. III, t. 5 de praeb. Lib. sext. III, 4.

Thommdn P. II, 1. 1, c. 9. 0. Mejer , De titulo missionis apud cath. 184^.

J. Meyer, Urspr. u. Entw. d. Tischtitels n. gem. u. bayr. Recht (A. f. k. KR. III

[1858], 257 ff.; auch sep.). J. Nacke, Der Tischtitel. 1869. Gasparri n. .')S4 sqq.

I. Im Interesse der Würde des Klerikalstandes und in ihrem

eigenen mufs die Kirche jedenfalls von den zu den höheren Weihen

zu Proujovierenden den Nachweis verlangen, dafs ihr künftiger Unterhalt

gesichert ist, um so den notwendig mit dem Gegenteil verbundenen

Mifsständen vorzubeugen 2. Den gesetzlichen Nachweis

dieses genügenden und sichern Unterhaltes und diesen Unterhalt

selbst bezeichnet man als Ordinationstitel.

II. Die alte Kirche kannte keine absoluten Ordinationen. Vielmehr

wurde der Ordinierte alsbald dauernd an einer bestimmten Kirche angestellt

'. Diese Kirche hiefs titulus *. Der an ihr Angestellte war daher

titulatus , intitulatus. Vom gemeinsamen Kirchenvermögen aber erhielt er

durch den Bischof den Unterhalt. So bildete diese Kirche, die Anstellung

an ihr, das Kirchenamt, und der Unterhalt aus dem gemeinsamen Vermögen

der Kirche den Ordinationstitel. Die Weihe ohne Titel war unerlaubt und

rechtlich wirkungslos ^ Nach Ausbildung des kirchlichen Benefizienwesens

in den germanischen Reichen seit dem 6. Jahrhundert' bildete das Benefizium,

d. h. die mit dem kirchlichen Amte verbundenen Einkünfte, den Ordinationstitel

'. Es sollte daher niemand ordiniert werden , der nicht bereits

ein Benefizium besafs. Vielfach aber wurde hiervon abgewichen. Gegen

die schweren Mifsstände, die damit verknüpft waren, indem viele benefizienlose

Kleriker als vagi, akephali, absoluti keinen Unterhalt hatten ", waren

'

Vgl. oben III, 4; unten § 51, II u. III, 4; § 69, II, 6. 7. Über staatl. Beschränkungen

i. röm. u. fränk. Reich: Scherer, KR. I, 357 f.; Funk, Kgschte. * 157.

« Trid. sess. XXI de ref. c. 2.

» C. 1 (Syn. Chalced. a. 451. c. 6), D. LXX.

* Vgl. d. Unterschriften auf d. Syn. v. Rom a. 499 bei Ä. Thiel, Epist. Rom.

Pontif. I (1868), 651 sqq.

» C. 1 (Syn. Chalced. a. 451, c. 6), D. LXX.

« U. Stutz, Gesch. d. kirchl. Benefizialwe.sens bis Alex. III. (1895 ff.) I, 68 ff.

^ C. 3, X de der. coniug. III, 3. C. 4, X de praeb. III, 5. C. 30, X de

iure patron. Ill, 38.

8 Syn. V. Mainz a. 813, c. 22.


§ 51. Der Ordinationstitel. 175

die Verordnungen kleinerer Synoden des 1 1 . Jahrhunderts , auf welchen in

Übereinstimmung mit der alten Praxis eine ordinatio sine titulo facta für

irrita erklärt wurde , ohne rechten Erfolg ^ Daher bestimmte die dritte

Lateransynode 1179, c. 5, dafs kein Diakon oder Presbyter ohne Titel

d. h. Benefizium geweiht werden solle. Geschehe es doch , so habe der

Bischof aus seinen Mitteln den Unterhalt des Klerikers zu bestreiten , bis

er demselben ein Benefizium anweise, es sei denn, dafs der Ordinierte selbst

ein für seinen Unterhalt hinreichendes Vermögen besitze ^. Innocenz III.

dehnte die Sustentationspflicht des Bischofs auch auf den Subdiakonat aus ^.

Eine weitere Ausdehnung aber scheiterte am Widerstand der Bischöfe *.

Aus der Bestimmung des Lateranense wurde aber bald die Folgerung gezogen

, dafs das eigene Vermögen (patrimonium) ebenso pro titulo sein

könne wie das Benefiz '. Ja es setzte sich die Auffassung fest , dafs der

Weihetitel überall da vorhanden sei , wo für den genügenden Lebensunterhalt

gesorgt sei. So war der Untergrund gegeben für den mit dem titulus

patrimonii verwandten titulus pensionis und für andere nach dem Tridentinum

bestimmter auftretende Ordinationstitel. Letztgenanntes Konzil verordnete,

zur älteren Praxis zurückkehrend , dafs jeder Kleriker für eine bestimmte

Kirche geweiht und zu

den höheren Weihen keiner promoviert werden solle,

der nicht ein Benefizium habe. Nur dann, wenn es das Bedürfnis und das

Wohl seiner Kirche fordere, könne der Bischof subsidiär auch solche promovieren,

deren Unterhalt durch eigenes Vermögen oder eine Pension gesichert

sei. Jeder Kleriker solle einer Kirche adskribiert sein ®. Seitdem aber haben

sich, zum Teil in unbestimmterer Form schon früher vorhanden, teils durch

päpstliche, teils durch staatliche Gesetzgebung, teils durch Gewohnheit bestimmter

ausgebildet : der uralte '^ t. professionis sive paupertatis, wobei der Orden oder

das Kloster für den Unterhalt des definitiv Aufgenommenen eintritt; der

durch Gregor XIII. erst geschaffene t. missionis für diejenigen, welche sich

eidlich verpflichten, lebenslänglich nach Anweisung der Propaganda in der

Mission zu dienen, und dafür aus den Mitteln der Propaganda unterhalten

werden ^; der t. servitii dioeceseos seu ecclesiae (t. obedientiae, t. administrationis)

, wobei die Bischöfe die Weihe unter ihrerseitiger Verpflichtung zum

Unterhalt erteilen an jene, welche versprechen, in ihrer Diözese dienen zu

»

C. 2 (Syn. Piacent, a 1095, c. 15), D. LXX. Syn. Melpliit. a. 1089, c. 9.

2 C. 4, X de praeb. III, 5.

'

C. 16, X de praeb. III, 5.

' Stephan v. Tournay (gest. 1203), Ep. 194. Migne, ^-Air. lat. CCXI, 476 sq.

5 C. 23, X de praeb. III, 5. Syn. v. Beziers a. 1233, c. 6.

« Sess. XXI de ref. c. 2; Sess. XXIII de ref. c. 16.

' C. 1 (Syn. Chalced. a. 451, c. 61), D. LXX.

* Der 1579 d. Collegium aiiglic. gewährte Titel wurde 1584 auf d. Colleg.

germ.-hung. u. von Urban VIII. „Ad iiberiores" v. 18. Mai 1638 auf alle Kollegien

d. Propaganda ausgedehnt. Dieser Titel findet sich auch in Köln, Trier, England,

Irland, Nordamerika.


176 ''^- Ruch: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

wollen'; endlich der mensae (t. mensae communis, t. seminarii, t. principisi.

Der Tischtitel entwickelte sich gewohnheitsrechtlich seit dorn H). Jahrhundert

hauptsilchlich in Deutschland. Bei der grofscn Ausdehnung der Pfarreien

und dem Bedürfnis nach vielen Hilfsgeistlichen war es nicht möglich, in allen

Fällen einen der kanonischen Weihetitel zu gewinnen. Da mufste die Kirche

zufrieden sein, wenn Dritte: Landesherrn, Bischöfe, Städte, Stifte, Klöster,

Private , ein rechtlich sicher gestelltes Versprechen abgaben , dem zu Ordinierenden

den nötigen Unterhalt so lange zu gewähren , bis er anderweitig

versorgt sei*. Durch die Säkularisation am Anfang des 19. Jahrhunderts

wurde der Kirche die Möglichkeit, einen gesetzmäfsigen Weihetitel vom

Ordinanden zu lordern, noch mehr benommen. Anderseits waren die Staaten

als Nachfolger im Besitze des Kirchengutes auch in die damit verbundenen

Verpflichtungen eingetreten. Überdies haben sie unter den heutigen

Verhältnissen an sich die Pflicht, für eine genügende Anzahl von Geistlichen

zu sorgen. So bekam der landesherrliche Tischtitel (t. [mensae] principis)

ganz besondere Bedeutung. Derselbe besteht dann , dafs das Ärar überhaupt,

oder ein bestimmter staatlicher Fonds verpflichtet ist, den Unterhalt

der daraufhin Ordinierten zu bestreiten, wenn letztere keinen anderweitigen

Unterhalt haben oder dienstuntauglich werden '.

III. Über die rechtliche Qualifikation der einzelnen Ordinationstitel

ist festgesetzt:

1. Das Benefizium mufs ein geistliches, bestimmtes, auf Leben.=;-

zeit verliehenes sein. Doch würde auch ein frei widerrufliches Manualbenefizium

genügen, wenn der Verleiher sich binden würde, oder

durch die kirchliche Behörde sich in seinem Amotionsrecht binden

liefse *. Sodann mufs das Benefizium den genügenden, durch Synodaltaxe

oder Ermessen des Bischofs fixierten Lebensunterhalt abwerfen.

Das Fehlende kann aus dem Patrimonium oder durch andere sicher«

Bezüge ergänzt werden 5. Endlich mufs der Ordinand im thatsäch-

'

Schon Eugen TV. gestattete für Florenz d. Weihe auf diesen Titel : Richter-

Schttlte, Conc. Trid. p. 116, n. 33. Lingen-Reufs, Causae selectae Nr. 3. Der Titel

findet sich in Ungarn, Frankreich, Mexiko. Lber Vorschläge betr. den t. s. dioeceseos

auf d. Vatic. vgl. Lämmer, Zur Kodifik. d. kan. Rs. 91. 111. 178. 205.

» Syn. V. Augsburg a. 1567. P. H. c. 9. Syn. v. Prag a. 1605, t. 22. Uartzheim,

Conc. Germ. VII, 177; VIII, 723.

' Im Jahre 1704 erklärte d. C. Conc. d. landesherrl. Tischtit. f. ungenügend.

Richter-Seh ult e

, Conc. Trid. p. 116, n. 32. Dagegen wurde er in neueren Konkordaten

anerkannt. Walter, Fontes 364. 377.

* S. C. Conc. 29. Nov. 1777: 17. Mai 1828. Lingen-Reii/s , Causae selectae

Nr. 9. 10. S. C. Conc. 12. Sept. 1739. Richter-Schulte, Conc. Trid. p. 193, n. 1>.

* Mafsgebend ist die Taxe der Diözese, in der d. Benefizium liegt. S. C. Com

27. Mai 1718. RidUer-SchuUe 1. c. p. 112. n. 1. Über Ergänzung d. Fehlenden:

S. C. Conc. Okt. 1589: 12. März 1718. Rirht er- Schulte 1. c. p. 114. n. 12. 1::.

Über etwaige Abzüge: Ricliter-SchiUie 1. c. p. 112, n. 2. 3. 4.


§ 51. Der Ordinationstitel. 177

liehen und unangefochtenen Besitz des Benefiziums sein^. Will der

auf ein Benefizium Geweihte darauf verzichten, so bedarf er dazu

der Genehmigung des Bischofs, die nur dann rechtsgültig gegeben

werden kann, wenn der Verzichtende nachweist, dafs sein Unterhalt

auf andere Weise hinlänglich gesichert ist, und im Resignationsgesuch

selbst die Weihe auf das betreffende Benefizium bemerkt

ist. Ohne diese Formalitäten wäre auch ein genehmigter Verzicht

ungültig 2.

2, Beim titulus patrimonii müssen die Einkünfte kommen aus

liegenden Gütern, nicht aber dürfen sie beruhen auf Mobilien oder

blofser Schuldforderung 3. Daher genügen auch nicht Erträgnisse aus

industrieller, künstlerischer oder litterarischer Arbeit (t. litteraturae) *.

Sodann müssen die, jährlichen Einkünfte so hoch sein, dafs der Grundstock

nicht angegriffen zu werden braucht. Die Höhe derselben ist

öfters durch Synodaltaxe ausdrücklich bestimmt. Endlich mufs das

Patrimonium bereits im sichern und unangefochtenen Besitz des Ordinanden

sein. Der auf das Patrimonium sacrum Geweihte darf dasselbe

nicht veräufsern oder irgendwie belasten ohne die Genehmigung

des Bischofs. Und wenn derselbe ein Benefizium oder sonst genügenden

Unterhalt erworben hat, erlischt der t. patrimonii erst nach Zustimmung,

näherhin Subrogation des Bischofs^.

Aufs engste damit verwandt ist der t. pensionis. Er unterscheidet

sich aber dadurch, dafs hier die Rente aus fremdem Vermögen

bezogen wird. Auch da genügt nicht ein blofs persönliches

Forderungsrecht. Vielmehr mufs die Rente pfandrechtlich gesichert

sein. Sodann mufs sie genügend und lebenslänglich sein. Endlich

darf das Vermögen, aus dem die Rente fliefst, ohne Erlaubnis des

Bischofs nicht veräufsert werden. Bei den heutigen Geldverhältnissen

und den veränderten Anschauungen über die Erlaubtheit des Zinsnehmens

begnügt man sich aber in der Praxis mit gehörig sichergestellten

verzinslichen Darlehen und namentlich mit öffentlichen

Schuldobligationen.

3. Auf den t. professionis (paupertatis bei den Mendikanten)

können in den Orden nur jene die höheren Weihen erhalten, welche

'

Trid. sess. XXI de ref. c. 2.

- Trid. 1. c. Bichter-Schulte 1. c p. 113, n. 7. 8. 9.

^ S. C. Conc. Okt. 1589; 29. Nov. 1670; 2. Okt. 1717. liichtcr-Srhulte 1. c.

p. 114. n. 16. 17.

* S. C. Conc. Okt. 1589; 3, Mai 1609. Bichter-Schulte 1. c. p. 114, n. 15;

p. 116, n. 35.

^ Trid. sess. XXI de ref. c. 2. Richtcr-Schulte 1. c. p. 114, n. 21 sqq.

Sägiuüller, Kirchenrecht. 2. Teil. 12


178 ^'^- Buch: Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

naili dreijährigen vota simplicia die professio religio-sa abgelegt haben '.

In den meisten Kongregationen können jene auf den t. niensae communis

sive congregationis geweiht werden, welche nach dreijährigen

vota simplicia durch Ablegung der vota simplicia perpetua in die Genossenschaft

auf Lebenszeit eingetreten sind. Soll vor der gesetzlichen

Zeit ordiniert werden, so wird in der Weise dispensiert, dafs

vom Apostolischen »Stuhl die Ablegung der feierlichen bezw. ewigen

Gelübde vor Ablauf des Trienniums gestattet wird. Wollte aber ein

Novize ordiniert werden, müfste er einen der andern kanonischen

Titel vorweisen -.

4, Der Tischtitel mufs erteilt werden in einem rechtsverbindlich

und urkundlich abgegebenen Versprechen, eine hinreichende, bestimmte

und hypothekarisch gesicherte Summe zu geben , soweit

nicht anderweitig für den Ordinierten gesorgt ist. Demgemäfs widerspricht

es dem Zweck des Titels, wenn der Geber sich nur für den

Fall unverschuldeter Deficienz verpflichtet^. Hier müfste der dennoch

weihende Bischof supplierend eintreten. Bei Fixierung der Summe

durch den Bischof darf in Anschlag kommen, was der Ordinierte sonstwie

zu verdienen vermag. Wo die Zahlungsfähigkeit des Gebers

hinlänglich gesichert ist, kann von der Hypothek abgesehen werden.

Der Tischtitel erlischt ipso facto bei Erhalt eines die Congrua abwerfenden

Benefiziums sowie durch die professio religiosa,

ohne wieder

aufzuleben. Erhält der so Ordinierte ein Patrimonium oder eine

Pension, so erlischt der Tischtitel nur, wenn es so ausbedungen war.

oder der Titulat und Bischof die Einwilligung dazu geben. Ein Verzicht

ohne bischöfliche Genehmigung ist nichtig.

Diesen Anforderungen entsprach der landesherrliche Tisclititel keineswegs

überall. Namentlich waren die lieträge vielfach zu niedrig, oder nur

für unverschuldete Deficienz garantiert. In der oberrheinischen Kirchenprovinz

verliehen nach >^§ 27 u. 28 des Ediktes der vereinigten Regierungen vom

30, .Januar 1830 und nach § 8 der gemeinsamen Verordnung derselben vom

1. März 1853 die Regierungen den Tischtitel im Betrag von 300— 400 (iulden

beim Eintritt in das Priesterseminar auf Grund einer staatlich-kirddichen

Prüfung, aber nur für den I^all unverbchuldeter Dienstunfiihigkeit und mit der

Auflage teilweiser Rückerstattung bei nachheriger besserer Vermögenslage V

»

Pius V. ,Rom. Pontifex" v. 14. Okt. 1568. Gregor XIII. ,Ex Sed. Apost."

v. 28. Febr. 1573 (für d. Jesuiten). Pius IX, v. 12. Juni 1858,

-

Pius IX. V. 12. Juni 1858. S. C. Ep. et Reg. 4. Nov. 1892. Letzteres Dekret

enthält auch Bestimmungen üb. d. Unterhalt der Ausgestofsenen.

' Der suspendierte Kleriker behält den Tischtitel.

Schneider, Die partik. KRsquellen 305. 307,


« Pius IX. „Apost. Sed. moder." v. 12. Okt. 1869. V, 4.

12*

§ 52. Der Akt der Ordination. 179

Doch wurde in Württemberg der Tisclititel auf den Interkalarfonds auch

für den Fall verschuldeter Dienstunfähigkeit gewährt '. Jetzt verleiht ihn

der Bischof im Betrag von drei Mark täglich für unverschuldet dienstunfähige

unständige Geistliche, von zwei für Demeriten. Bei letzteren besteht noch

Ersatzpflicht ^ Auch in Baden und Hessen-Darmstadt verleiht der Bischof

heute den Titel ^.

IV. Der Bischof, der ohne einen Ordinationstitel die höheren

Weihen oder Dimissorien dazu an einen bestimmten Bischof erteilt,

hat für den Ordinierten bis zum Erhalt eines Benefiziums zu sorgen.

Diese Pflicht geht eventuell auf seinen Nachfolger über, dem aber ein

Regrefsrecht an die Erben des schuldigen Ordinators zusteht *. Wenn

der Ordinator dem ohne Titel Geweihten das Versprechen, von ihm

keinen Unterhalt zu fordern (pactum de non petendo) abnimmt, so

ist er auf drei Jahre von der Spendung der ordines suspendiert 0.

Auf ein Jahr hiervon suspendiert ist der Bischof, wenn er die Vorschriften

über den Weihetitel bei denjenigen, die einem Orden oder

einer Kongregation angehören, nicht respektiert ^. Wer sich mit Verletzung

der Vorschriften über den Ordinationstitel weihen läfst, ist

zu

suspendieren.

§ 52.

Der Akt der Ordination.

Decr. Grat. D. XXIII. XXIV. LH. LIX. LX. LXI. LXXIV—LXXVII. Decr.

Greg. IX. 1. I, t. 11 de temp. ordin.; t. 12 de scrut. in ordine fac. ; L. V, t. 29 de

der. per saltum promoto. Lib. sext. I, 9.

Hullier P. I, sect. 1; P. II, sect. 6. 7. TJwmassin P. I, 1. 2, c. 35. 36.

Gasparri n. 45 sqq. 658 sqq.

1

Erl. d. k. kath. geistl. Rats v. 14. März 1816. Vogt, Sammlung 667. Verf.-

Urk. V. 25. Sept. 1819. J. Longner, Darstellung d. Rechtsverh. d. Bischöfe in d.

oberrhein. Kirchenprovinz (1840) 237 ff.

2 Ges. V. 30. Jan. 1862, Art. 19. Vogt, Samml. 258. Ord.-Erl. v. 3. Mai 1892.

Pfaff, Gesetzeskunde 70 f.

3 Für Baden: A. f. k. KR. IX (1863), 33. Für Hessen: Schmidt, Kirchenreehtl.

Quellen 61. — Auch für die beiden oberrhein. Bistümer Limburg u. Fulda

(preufs. Provinz Hessen-Nassau) besteht noch der landesherrl. Tischtitel. Ed. v.

9. Okt. 1827, § 2, Nr. 6. Weifs, A. f. KR. II (1831), 271. In Münster, Paderborn,

Breslau , Gnesen-Posen , Kulm u. Ermland wird auf den t. seminarii oder mensae

privatae, in Osnabrück u. Hildesheim auf den t. mensae privatae ordiniert. Zum

landesherrl. Tischtitel in Bayern vgl. Silbernagl, Verfass. u. Verwalt. sämtl. Religionsgenossenschaften

in B. (3. Aufl.) S. 112. 125. A. f. k. KR. LXXXI (1901),

362 «. Für Österr. vgl. Scherer, KR. I, 369.

* C. 2, 4, 16, X de praeb. IH, 5. C. 37 in VI'" h. t. HI, 4.

5 C. 45, X de simonia V, 3. Pius IX. ,Aposfc. Sed. moder." v. 12. Okt. 1869. V, 2.


180 III. Hiiili : Die Verfa88ung der Kirclic. 1. Abschnitt: Der Klerus.

T. Es ist Sache des Bischofs, zu untersuchen, ob die aufgeführten

Anforderungen beim Ordinanden vorhanden seien. Überdies »erstreckt

sich die Untersuchung auf die nioialische Würdigkeit und den Beruf.

Zu dieser Prüfung wurde in der alten Kirche auch das Zeugnis der

Gemeinde und das Gutachten des Klerus eingefordert'-. Im Mittelalter

war die Prüfung der Weihekandidaten Sache des Archidiakons^.

Um die hierin sehr zerfallene Disziplin wiederherzustrllen , ordnete

das Tridentinum an , dafs die Empfänger der minores ein Zeugnis

ihres Pfarrers und Lehrers vorzulegen hätten *. Für die Kandidaten

der maiores aber schrieb es eine dreifache Prüfung, die sogenannten

scrutinia, vor. Das erste besteht darin, dafs die Weihekandidaten

einen Monat vor der Ordination sich beim Bischof melden, und dafs

dieser dann den Pfarrer oder eine andere geeignete Person beauftragt,

das Vorhaben des Kandidaten in der Kirche bekannt zu geben, über

Geburt, Alter, Sitten und Leben bei glaubwürdigen Leuten Erkundigungen

einzuziehen und darüber zu berichten ^. Jedoch läfst

man es sich heute in den meisten Diözesen an den Studien- und

Sittenzeugnissen genügen. Im zweiten Skrutinium läfst der Bischof

die Ordinanden vier Tage vor der Weihe oder sonst wann kommen

und prüft sie selbst oder durch eine geeignete Kommission über Abkunft,

Person, Alter, Erziehung, Sitten, Wissenschaft und Glauben''.

Das dritte Skrutinium ist eine reine Formalität, indem der Archidiakon

oder dessen Stellvertreter auf die Frage des Bischofs nach der Würdigkeit

der Ordinanden diese bezeugt". Der Ordination haben noch geistliche

Exerzitien voranzugehen^.

IL Was die näheren Umstände der Weihe betrifft, so kann sie

der Ordinator nur an einem seiner Jurisdiktion unterstellten Ort vornehmen.

Andernfalls bedarf er der Erlaubnis des Ordinarius loci.

Bei Weihe ohne diese verfällt der Ordinator der Suspension von den

'

1 Tim. 5, 22. C. 4 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 9), D. LXXXI. C. 5 (Leo I.

a. 446?), D. LXI. C. 3 (Leo L a. 446), D. LXXVIII. C. 8 (Gelas. I. a. 494), D.

LXXVn. C. 5 (Syn. Tolet. IV a. 633, c. 19). D. LI.

* aetn. liom. Ad Corinth. I, c. 44. Ci/pr. Ep. 38, 1; 67. 4. C. 2. (Syn.

Carth. III a. 397, c. 22), D. XXIV. H. Gri


§ 52. Der Akt der Ordination, 181

Pontifikalien auf ein Jahr, der Ordinierte der vom ordo ^ Die Tonsur

kann an jedem anständigen Orte, die minores sollen an heiligem Orte

erteilt werden. Die höheren Weihen aber müssen stattfinden in der

Kathedrale in Anwesenheit des Domkapitels; wenn je an anderem

Orte, in der besten Kirche in Anwesenheit des Ortsklerus 2.

III. Die Tonsur kann zu jeder Zeit und zu jeder Stunde, auch

aufserhalb der Messe erteilt werden. Die niedern Weihen können auch

aufserhalb der Messe gespendet werden, aber regelmäfsig nur in der

Frühe, an einzelne an einem Sonn- oder Festtag, allgemein aber nur an

den für die ordines maiores bestehenden Terminen 3. Für letztere nämlich

bestanden schon frühe Termine. Nach Leo I. wurden sie in der Nacht

des Samstags oder in der Frühe des Sonntags erteilt*. Bei Gelasius I.

erscheinen die Quatembersamstage und der Samstag vor dem Passionssonntag

als Weihezeiten 5. Später kam der Karsamstag dazu^. So

werden heute die höheren Weihen gespendet an den Quatembersamstagen

und an den Samstagen vor dem Passionssonntag und vor

Ostern während der vom Bischof celebrierten Messe Die Kon-

'^.

sekration des Bischofs findet statt an Sonntagen oder Apostelfesten ^.

Die Nichteinhaltung dieser Termine ist arbiträr zu bestrafen ^. Die

Bischöfe sind aber vielfach von der Einhaltung der Weihetermine

befreit (sogenannte Extra tempora). So haben die deutschen Bischöfe

kraft der Quinquennalfakultäten das Indult „conferendi ordines

extra tempora et non servatis interstitiis usque ad sacerdotium inclusive"

^ö.

IV. Es sollen nämlich die Weihen in gewissen Zwischenräumen,

interstitia, empfangen werden. In der alten Kirche ergab sich das

von selbst dadurch, dafs der Ordinierte einen höheren ordo erst erhielt,

nachdem er sich auf dem vorhergehenden erprobt hatte i^. Die

1 C. 2 (Syn. Antioch. a. 341 , c. 9)

, C. IX

, q. 3. C. 8 (Syn. Const. a. 381,

c. 2) , C. IX , q. 2. Trid. sess. VI de ref. c. 5 ; Sess. XIV de ref. c. 2 ; Sess. VII

de ref. c. 11.

2 Trid. sess. XXIII de ref. c. 8.

•'

C. 8, X de temp. ordin. I, 11. "

C. 4, 5, D. LXXV.

•^

C. 7, D. LXXV.

« Joffe, Regesta n. 1015. C. 8, X h. t. I, 11.

' C. 1, 2, 3, 8, 16, X h. t. I, 11. Trid. sess. XXIII de ref. c. 8.

8 C. 5, § 1 (Syn. Tolet. IV a. 683, c. 19), D. LI.

''

,Apost. Sed. moder." v. 12. Okt. 1869 thut d. früheren Suspension keine

Erwähnung mehr.

" Walter, Fontes 512.

" D. LIX. C. 10 (Syn. v. Sard. a. 343, c. 10), D. LXI. C. 3 (Siric. a. 385),

9 (Gelas. I. a. 494), D. LXI.


182 f Hiich : Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: Der Klerus.

moderne Praxis beruht im wesentlichen auf dem Tridentinuni '. Bei

den niedern Weihen sollen Interstitien eingehalten werden. Der Bischof

kann aber davon absehen, und so werden sie kraft Gewohidieit,

wenigstens in Deutschland, samt der Tonsur an einem Tage erteilt 2.

Zwischen dem Akoluthat und dem Subdiakonat und zwischen je

zwei höheren Weihen soll ein ganzes Kirchenjahr liegen. Doch

kann der Bischof auch hiervon aus guten Gründen dispensieren.

So werden auch diese Interstitien vielfach nicht mehr genau eingehalten

und oft in einem Jahre alle ordines konferiert. Nur sollen

die niedern Weihen und der Subdiakonat nicht an einem Tage

erteilt werden ^ und noch weniger zwei höhere Weihen. Eine Strafe

aber wird durch Verfehlung hiergegen nicht mehr ipso facto inkurriert.

V. Endlich müssen die Weihen selbstverständlich in der vorgeschriebenen

Reihenfolge empfangen werden. Jede promotio per

saltum zieht die Suspension von- der unerlaubt erhaltenen Weihe nach

sich , bis die übersprungene nachgeholt ist. Von dieser Suspension

kann der Bischof nach Bufse aus Gründen dispensieren, aber nur wenn

die per saltum erhaltene Weihe nicht ausgeübt wurde, was die Irregularität

zur Folge hätte *. Die bischöfliche Konsekration ohne vorausgegangene

Priesterweihe ist geradezu nichtig 5.

Der Bischof droht bei der Weihe allen denen, die sich unberufen

unter die Ordinanden mischen würden, die Exkommunikation an. Eine

dennoch erschlichene Weihe ist gültig, kann aber erst mit Erlaubnis

des Bischofs ausgeübt werden *^.

Die erfolgte A^'eihe ist in die Matrikel der Diözese einzutragen

und dem Ordinierten darüber ein Zeugnis auszustellen (litterae formatae)

".

*

Sess. XXIII de ref. c. 11. 13. 14. Vgl. auch c. 13. 15. X. h. t. I, 11.

- S. C. Conc. 17. Mai 1593; 31. Mai 1.5H7. Uichter-SchuUe. , Conc. Trid.

p. 200, n. 4. 5.

=•

S. C. Conc. 7. Mai 1707. Richter-Schuhe 1. c. p. 200, n. 1.

* C. 10 (Syn. V. Sard. a. 343, c. 10), D. LXI. C. 29 (Siric. a. 385), C. XVI.

q. 1. C. un. (Alex. II. c. a. 1065), D. LH. C. un. X de der. per salt. promoto V.

29. Trid. sess. XXIII de ref. c. 14.

* C. 10, X de excess. prael. V. 31. Schanz, Die Lehre v. d. heil. Sakramenten

696. J. Parisot, Les ordinations ,per saltum" (Rev. de I' Orient chr^t. V [1900J,

335 SS.).

« C. 1. 2. 3, X de eo qui furtive ord. suscepit V, 30. S. C. Conc. 17. Dez. 1803.

^ Syn. V. Mileve a. 402, c. 14. C. 1. Extrav. comm. de elect. I. 3. Innoc. XII.

.Speculatores" v. 4. Nov. 1694. § 3—6.


§ 53. Der Diözesanverband. |33

§ 53.

Der Diözesauverbaud.

Decr. Greg. IX. 1. I, t. 22 de der. peregrinis; L. II, t. 29 de cleric. peregrinantibus.

Hullier P. II, sect. 5, c. 3. Tliomassin P. II, 1. 1, c. 5. M. Hofniann, Die

Exkardination einst n. jetzt (Z. f. k. Tli. XXIV [1900], 92 fF.).

In der alten Kirche war mit der Ordination die bleibende Anstellung

an einer bestinnnten Kirche verbunden. Aus der Weihe resultierte

die Verbindung mit der Diözese so unmittelbar, dafs die

Entlassung zur Weihe an einen andern Bischof zugleich die Entlassung

aus der Diözese war, Desertion aber wurde mit Exkommunikation

gestraft ^ Doch konnte mit bischöflicher Genehmigung auch ein Tausch

der Diözesen stattfinden 2. Das geschah vermittelst der litterae dimissoriae,

commendaticiae, oder formatae ^.

Nach dem Aufkommen der

absoluten Ordinationen aber löste sich der strenge Diözesanverband

und der Wechsel der Diözesen wurde leichter. Doch versprechen

auch heute noch die Ordinanden dem Bischof Gehorsam und verlangte

das Tridentinum , dafs einer in strenger Verbindung mit der

Kirche bleibe, zu deren Nutzen er geweiht worden sei, und dafs dem,

der seinen Posten ohne Wissen des Bischofs aufgebe, die Funktionen

untersagt sein sollten '^. Nach gegenwärtiger Disziplin kann, wo heute

die Ordination fast nur im Interesse der Diözese stattfindet, kein

Geistlicher seine Diözese ohne Erlaubnis des Bischofs verlassen. Dieselbe

wird gegeben durch die litterae excardinationis, excorporationis,

dimissoriales, oder das Exeat. Ein Geistlicher könnte sich aber die Exkardination

durch Rekurs an die höhere Instanz erzwingen, wenn ihm

der Bischof kein Amt übertragen und für seinen standesgemäfsen

Lebensunterhalt nicht aufkommen würde. Doch mül'ste der Bischof

die Entlassungsbriefe erst dann geben, wenn ein anderer Bischof die

Aufnahme vollständig zugesichert hätte. Und hätte ein noch unbepfründeter

Kleriker infolge von Präsentation ein mit Residenzpflicht verbundenes

Benefizium in einer fremden Diözese erhalten, so bedürfte

er keiner Dimissorialien, da er hierdurch bereits unter die Jurisdiktion

des fremden Bischofs gekommen wäre. Leistet aber der Bischof die

'

C. 23 (Syn. v. Nicaea a. 325, c. 16), C. VII, q. 1. Vgl. oben S. 147. 148.

.152. 154. 174.

2 C. 37 (Stat. eccl. ant. c. 27), C. VII, q. 1. C. 1 (Syn. Rom. a. 826, c. 18),

2 (Syn. Carth. III a. 397, c. 21), D. LXXII.

ä Vgl. oben S. 154 Anni. 3. 4. 5. *

Sess. XXIII de ref. c. 16.


:;

184 "'• Hucli : Die Verfassung der Kirche. 1. Abschnitt: D


:

§ 54. Die klerikalen Standesrechte. 185

I. Durch die Ordination wird die geistliche Fähigkeit (spiritualis

facultas) erteilt, alle mit dem betreffenden ordo verbundenen Funktionen

gültig (valide) vorzunehmen. Damit aber die betreffende Weihehandlung

auch erlaubt (licite) sei , ist nötig ein Auftrag hierzu von

Seiten dos kirchlichen Obern (missio legitima, missio canonica). Diese

durch die Weihe erhaltene innere Befähigung kann weder genommen

noch aufgegeben werden : character indelebilis ^ Daher kann der

Ordinierte nicht mehr in den Laienstand zurückversetzt werden, oder

dorthin zurückkehren. Dem widerspricht nicht die Thatsache, dafs

in frühesten Zeiten über Kleriker bisweilen die Strafe der reductio

ad communionem laicam verhängt wurde. Hierdurch, wie durch Exkommunikation

, Deposition und Degradation, wurde die innerliche

Befähigung nur gebunden, so dafs sie nicht mehr in erlaubter Weise

ausgeübt werden konnte, nicht aber vernichtet. Daher fand auch

meist, wenn je ein solcher Kleriker, was freilich selten geschah, wieder

zu Weihehandlungen zugelassen wurde, keine eigentliche Reordination,

sondern eine Rebenediktion statt 2. Auch durch Dispensation eines

Majoristen vom Cölibat erfolgt keine Laisierung desselben und sind

etwaige solche staatliche Forderungen unerfüllbar 3.

IL

Entsprechend der geistlichen Superiorität kamen den Klerikern

von frühe an gewisse Ehrenrechte vor den Laien zu. Dazu gehören

das Recht des Vortritts oder der Präcedenz vor den Laien bei allen

Versammlungen und Aufzügen kirchlichen Charakters ; sodann ein

ausgezeichneter Platz in der Kirche, nämlich im Presbyterium, welches

die Laien nur zum Empfang der Kommunion betreten dürfen ; endlich

bestimmte ehrende Titulaturen bei mündlicher und schriftlicher Anrede*.

Auch unter den Klerikern selbst besteht nach der gröfseren

oder geringeren Weihe ein

Vorrang.

IlL Besonders aber hat die kirchliche und zum Teil auch die staatliche

Gesetzgebung die Kleriker durch weitgehende Vorrechte, die

' Trid. sess. XXIII de sacr. ord. c. 4; can. 4.

2 Thiele, De charactere indelebili 26 sqq. F. Q. Kohcr , Die Deposition u.

Degradation (1867) 56 if. 90 ff. Real-Encykl. d. christl. Altert, s. v. Laisierung

d. Geistl. Kirchenlexikon 2. Aufl. s. v. Communio laica. Anders HinscMus, KR.

IV, 728 f. Vgl. auch oben S. 151.

^ Trid. sess. XXIII de sacr. ord. can. 4. J. J. Lang, Über d. Laisieren (Th.

Qsch. XIII [1831], 283 ff.). G. L. C. Kopp, Die kath. Kirche i. 19. Jhdt. (1830)

270 ff. J. Longner, Darstellung d. Rechtsverh. d. Bisch, i. d. oberrhein. Kirchenprovinz

241. 391 f.

* C. 1, X de vita et honest, der. III, 1. Trid. sess. XXV de ref. c. 17.

Bayer. Konkord. Art. 14. Österr. Konk. Art. 16.


:

I

186 III. Hiich : Die N'cirasHiinR der Kirclio. 1. Ahsrlinitt : D16; ,Nuper in sacro' v. 1. März 1518.


§ 54. Die klerikalen Sfcandesrechte.

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Damit aber die Strafe eintritt, mufs die dem Kleriker oder Mönch

zugefügte Beleidigung nach dem Wortlaut des Kanons eine Realinjurie

sein, wozu auch die unbefugte Freiheitsentziehung gehört ^ und

zwar eine dolose. Daher tritt die Exkommunikation nicht ein bei

berechtigter Züchtigung eines Klerikers durch den Obern 2, bei Notwehr

gegen einen Kleriker 3, bei Angriff auf einen solchen „turpiter

inventum cum uxore, matre, sorore vel filia"*, bei Verletzung im

Scherz 5 und endlich bei (eventuell eidlich zu erhärtender) Unkenntnis

6. Die gleiche Strafe wie den Thäter trifft alle Mitschuldigen'^.

In gewissen Fällen absolvieren auch die Bischöfe, so bei leichter

Verletzung 8, bei Unmöglichkeit der Romreise für Unmündige ^ Frauen ^^

namentlich Nonnen ^^ Sieche und Kranke ^^. Zeitlich aber nur an der

Romreise Gehinderte haben dem Bischof bei der Absolution eidlich zu

versprechen, bei Wegfall des Hindernisses sich dem Papste zu stellen ^^.

Andernfalls lebt die Strafe nachher wieder auf^*. Auf Grund des

Tridentinums absolviert der Bischof auch bei einer geheimen Verletzung

15 und kraft der Quinquennalfakultäten pro foro interno im

Falle nicht schwerer Verletzung i'^. So dürfte heutzutage die persönliche

Gestellung in Rom nur noch bei schweren öffentlichen Realinjurien

gegen den Bischof oder Pfarrer nötig sein. Die Äbte absolvieren ihre

Untergebenen in leichteren Fällen bei Verfehlungen unter sich ^''.

Eine Verstärkung erhält das Privileg aus dem Amte. Wer gegen

Kardinäle, päpstliche Legaten und Bischöfe eine Realinjurie verübt,

dessen Absolution vom Banne ist dem Papste speciali modo reserviert ^^.

Die staatlichen Gesetze von heute schützen nach Vorgang des

römischen

Rechts den kirchlichen Beamten in hervorragenderem Mafse

nur noch in Ausübung seines Berufes 1^.

>

C. 29, X h. t. V, 39.

2 C. 1, 10, 24, 54, X h. t. V, 39. Nach. c. 24 c. darf d. Berechtigte d.

Züchtigung aber nicht durch e. Laien vornehmen lassen.

3 C. 3, 10, X h. t. V, 39.

••

C. 3 c.

5 C. 1, X h. t. V, 39. « C. 4, X h. t. V, 39.

' C. 6, 47, X h. t. V, 39. C. 23 in VF» h. t. V, 11. Wenn auch d. Const.

„Ap. Sed. moder." das nicht ausdrücklich sagt, so liegt es doch in d. ganzen Tendenz

d. Privilegs.

8 C. 3, 17, 37, X h. t. V, 39. » C. 1, 58, 60, X h. t. V, 39.

'« C. 6, 13, 58, X h. t. V, 39. " C. 2, 32, 33, X h. t. V, 39.

C. 11, 13, 37, 58, X h. t. V, 39. " C. 11, 13, 26, 58, X h, t. V, 39.

'* C. 22 in VF" h. t. V, 11. '* Sess. XXIV de ref. c. 6.