Bedeutung in Forschung und Medizin

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Bedeutung in Forschung und Medizin

Antagonismus von E. coli Nissle 1917 [Abb. 17] wurde auch in vivo bei

gnotobiotischen Ferkeln [Abb. 18] und Ratten nachgewiesen. Selbst bei Neugeborenen

ist der antimikrobielle Effekt nachweisbar, worauf noch einzugehen

sein wird.

Abb. 17 Antagonismus von E. coli Nissle 1917 (EcN) gegen verschiedene Mikroorganismen.

EcN hemmt in vitro signifikant das Wachstum pathogener Bakterien und Pilze

(nach SONNENBORN & GREINWALD, 1991)

KBE [lg] / g

12

10

8

6

4

2

Relative Keimzahl (%)

100

50

0

EcN

1 2 3 4 5 6

Testorganismen

Antagonismus von EcN,

Co-Kultivierung mit:

1 Salmonella enteritidis

2 Shigella dysenteriae

3 E. coli O112 ab (EPEC)

4 E. coli O6:K15:H31 (UPEC)

5 Proteus vulgaris

6 Candida albicans

0 2 4 6 8 10 12

18 Tage

E. coli 542/88

EcN

N = 4

Einmalige Applikation von

1x10 8 Keimen

2x10 8 Keimen

Abb. 18 Beispiel für die antagonistische Wirkung von E. coli Nissle 1917 (EcN) im gnotobiotischen

Ferkel. Die orale Gabe von EcN schützt vor Infektionen mit enteropathogenen E. coli

(nach SCHULZE et al., 1992).

NISSLE selbst, aber auch andere Autoren, veröffentlichten in den Folgejahren

zahlreiche Erfahrungsberichte, die wichtige Hinweise für die Bestätigung

seiner Arbeitshypothese darstellen.

Das „Auf und Ab“ der Therapie mit lebenden

Mikroorganismen

NISSLE war zu seiner Zeit nicht der alleinige Protagonist für eine Therapie

mit lebenden Mikroorganismen. Die zunehmende Kenntnis über Infektionen

des Darmes und die damit im Zusammenhang stehenden Erkrankungen sowie

die Erfahrungen über die Möglichkeit, Immunitäten dagegen zu entwickeln,

ließen auch bei anderen Forschern die Idee reifen, zur Bekämpfung von Infektionserregern

„harmlose Bakterien“ aus der körpereigenen Flora zu nutzen.

Bereits um das Jahr 1900 und später wurden vor allem Laktobazillenkulturen

gezielt zur Therapie eingesetzt (BRUDZINSKI, 1900; DISTASO & SCHILLER,

1914; RETTGER & CHEPLIN, 1921; u.a.), nicht zuletzt auch ausgelöst durch

METCHNIKOFFs Bestseller „The prolongation of life“ (METCHNIKOFF, 1907).

NISSLE war aber jahrzehntelang der Einzige, der durch den Einsatz der von ihm

isolierten lebenden Kolikeime in Form des Präparats Mutaflor ® therapeutische

Erfolge erzielte.

Dennoch ebbte das allgemeine Interesse an dieser Therapiestrategie gegen

Mitte des vergangenen Jahrhunderts ab. Hauptgrund war der Beginn des

„Antibiotika-Zeitalters“. 1928 hatte Alexander FLEMING aus dem Schimmelpilz

Penicillium notatum eine antibakteriell wirksame Substanz isoliert, die ab

1940 zur therapeutischen Anwendung kam (Penicillin) und in der Folgezeit zu

einer Fülle von Derivat- und Neusynthesen weiterer Antibiotika führte, mit

dem Ergebnis einer äußerst erfolgreichen Eliminierung von Infektionskeimen

aus Entzündungsherden. Das Ziel, alle Infektionskrankheiten mit diesen antimikrobiellen

Substanzen zu beherrschen, schien erreichbar zu sein. Je näher

man sich aber dem Ziele glaubte, umso häufiger wurden therapeutische

Misserfolge dokumentiert und umso intensiver wurde entweder nach neuen

wirksamen Antibiotika oder nach solchen mit einem noch breiteren

Wirkungsspektrum gesucht. Schätzungsweise sind es heute 50.000 Tonnen

an Antibiotika, die weltweit jährlich von Mensch und Tier aufgenommen und

z.T. unverändert in die Umwelt wieder ausgeschieden werden. Ohne diese

Antibiotika wäre in den zivilisierten Ländern der heutige Gesundheits- und

Lebensstandard nur schwer vorstellbar. Aber, Antibiotika können auch krank

machen: Übelkeit, Durchfälle, Erschöpfung, Psychosen, Leber- und Nierenschäden,

Allergien, anaphylaktischer Schock sind nur einige der vielfach

dokumentierten Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass Mikroorganismen in

der Lage sind, sich schnell und effektiv an veränderte Umweltbedingungen

anzupassen. So können sie auf verschiedenen Wegen Resistenzen ausbilden

und sich so der Wirkung der Antibiotika entziehen. In Biotopen mit hoher

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