ESSKI: Frühe Intervention macht Kinder stark - Sucht Schweiz

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ESSKI: Frühe Intervention macht Kinder stark - Sucht Schweiz

PRÄVENTION

ESSKI: Frühe Intervention macht Kinder stark

Gesundheitsförderung und Prävention von Aggression, Stress und Sucht: Dies sind die primären Ziele von «Eltern und

Schule stärken Kinder» (ESSKI). Dieser Projektname ist Programm, denn Eltern, Lehrpersonen und Kinder sind gleichzeitig

einbezogen. Und zwar erfolgreich, wie die Projektverantwortlichen erfreut feststellen. Von Gerlind Martin und Janine Messerli

diese differenziert beschreiben. Oder mit den Worten

eines Kindes: «Ich finde Igorstunden toll, weil ich gelernt

habe, dass man nicht schlagen oder streiten

soll.» Wie ein Problem ohne Streit gelöst werden

kann, führt Igel Igor vor, indem er als Erstes keck ein

Stopp-Schild präsentiert, dann im Nachdenkstuhl

viele Lösungen findet, sich nach einer Weile für eine

entscheidet und strahlend ausruft: «Das mache ich

jetzt!» Der Igel Igor und seine Freundin Isabella begleiten

die 1.- bis 4.-Klässler als Identifikationsfiguren

durch die zwanzig Unterrichtsabschnitte. Zum Ritual

dieser Stunden gehören das Igor-Lied, Entspannungs-

und Atemübungen oder eine Fantasiereise.

Seit dem ESSKI-Projekt «kann ich

besser mit den Wutanfällen

meines Kindes umgehen».

Im ESSKI-Projekt sind Rituale

wichtig: Kinder während einer

Igor-Stunde mit ihrem Lehrer.

Foto: Tommy Furrer

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Man nehme drei Projekte für drei unterschiedliche

Zielgruppen, organisiere sie unter einer Projektleitung,

passe sie den aktuellen Gegebenheiten an

und führe sie praktisch zeitgleich bei allen drei Zielgruppen

durch. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang?

Nicht unbedingt. Im Falle des Gesundheitsförderungsprojektes

«Eltern und Schule stärken Kinder»

(ESSKI verhiessen bereits Resultate eines

Pilotprojektes nur Gutes. Nun zeigt der kürzlich veröffentlichte

Bericht: ESSKI ist tatsächlich ein Erfolg.

«Das Wichtigste und Überraschendste zugleich war

für mich, dass unsere Hypothese so klar bestätigt

wurde», sagt Projektleiterin Barbara Fäh von der Hochschule

für Soziale Arbeit FHNW. Nämlich? «Dass

bei früher Intervention in Elternhaus und Schule die

Kinder am stärksten für ihr Wohlbefinden profitieren.»

«Bei früher Intervention in

Elternhaus und Schule profitieren

die Kinder am stärksten.»

«…und bei Stress mache ich 5 Minuten die Augen zu»

Laut Bericht waren die Schülerinnen und Schüler

der Interventionsgruppen weniger streitsüchtig, aufbrausend

und hyperaktiv, sie fühlten sich seltener unglücklich

und niedergeschlagen und klagten weniger

über körperliche Beschwerden. Weniger Schülerinnen

und Schüler fingen mit dem Rauchen an und

es hörten mehr damit auf als in der Kontrollgruppe.

Ferner berichteten Lehrpersonen, die Kinder hätten

merklich an Selbstvertrauen gewonnen; viele seien

bereits fähig, über Konflikte nachzudenken und könnten

Mit stufengerechten handlungs-, verhaltens- und einstellungsorientierten

Übungen lernen die Kinder unter

anderem, ihre Stärken zu erkennen und ihren Fähigkeiten

zu trauen; sie nehmen wahr, wie sich ihr Körper

verändert, üben, mit Angst umzugehen und sich bei

Stress zu entspannen. «…und bei Stress setze ich mich

hin und mache fünf Minuten die Augen zu. Und dann

denke ich, dass ich nachher keinen Stress mehr haben

muss», berichtete ein Kind. Der Knabe Tim und das

Mädchen Lara sind die Identifikationsfiguren der 5.- und

6.-Klässler. Den erwähnten drei Problemlösungsschritten

fügen sie einen hinzu: Sie ermuntern die älteren

Schüler nämlich sich zu fragen, was wohl passiert, wenn

sie sich für die gewählte Lösung entscheiden.

Oft seien die Lehrpersonen in den Igorstunden von

aktuellen Vorkommnissen in den Klassen ausgegangen,

sagt Michaela Schönenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin

an der Fachhochschule Nordwestschweiz

(FHNWS).

«Triple P» als Buch und Video

«Klar und deutlich», so Barbara Fäh, habe sich auch

gezeigt, «dass Eltern hervorragend von ‚Triple P’ profitieren.

Sie arbeiten offensichtlich gerne mit diesem

positiven Erziehungsprogramm und sie brauchen es.»

Dieses Ergebnis sei umso erfreulicher, als «Triple P» –

in Zusammenarbeit mit dem australischen «Triple P»-

Center – als Buch und Video (in Albanisch, Deutsch,

Englisch, Portugiesisch, Türkisch) an die Eltern abgegeben

und nicht in Gruppen vermittelt worden sei.

Das 12-wöchige Coaching erfolgte telefonisch und in

der Muttersprache der beteiligten Mütter (85 Prozent

der Teilnehmenden) und Väter (15 Prozent).

Auf die Elternwünsche angesprochen, ergänzt Michaela

Schönenberger, diese seien unterschiedlich gewesen:

Die einen wollten wissen, ob sies mit ihren Kindern


PRÄVENTION

Selbstvertrauen und ein gutes

Körpergefühl – zwei von vielen

Gefühlen, die das

ESSKI-Projekt bei Kindern

verstärken kann.

Foto: Tula Roy

gut machten, andere sorgten sich um sie und wieder

andere hatten Probleme mit ihnen. Viele Eltern hätten

konkrete Hilfestellungen gesucht: Was kann ich tun,

wenn das Kind macht, was es will? Wie gehe ich mit

den Wutanfällen der Tochter um? Wie kann ich Grenzen

setzen? Wie kann ich meinem Kind helfen, gute

Freunde zu finden? In der Auswertung gaben die

Eltern an, jetzt besser Grenzen setzen und schwierige

Situationen leichter bewältigen zu können; auch

würden sie ihr Kind häufiger loben und könnten bei

Auseinandersetzungen ruhiger und konsequenter

reagieren. «Seit ich am ESSKI-Projekt mitgemacht

habe, kann ich besser mit den Wutanfällen meines

Kindes umgehen», sagte eine Mutter. Die Zufriedenheit

der Eltern liest Barbara Fäh auch daran ab, dass

die Verbleiberate der Eltern im Projekt sehr hoch war.

Überhaupt wollten weit mehr Eltern an ESSKI teilnehmen

als ursprünglich erwartet.

«Die psychische

Widerstandsfähigkeit der

Lehrpersonen hat sich deutlich

verbessert.»

Leistungsfähiger, interessierter

«Die psychische Widerstandsfähigkeit der Lehrpersonen

hat sich durch die Interventionen gegenüber der

Kontrollgruppe deutlich verbessert», heisst es im

Bericht. Die Lehrpersonen fühlten sich leistungsfähiger

und interessierter, hatten mehr Energie als ihre

Kolleginnen und Kollegen der Kontrollgruppe. Der

Bericht vermerkt ebenfalls eine «hohe Verbleiberate»

der Lehrpersonen. In der aktuellen Schülerstudie

(HBSC-Studie 2006) gefragt, was sie von der Durchführung

von Programmen zur Förderung von Lebenskompetenzen

in der Schule halten, antwortete die

überwiegende Mehrheit der Lehrpersonen positiv.

«Viele würden an einem Projekt wie ESSKI und auch

an einer Weiterbildung teilnehmen, wobei die Lehrpersonen

in den ESSKI-Kantonen dem mehr zustimmen

als die Lehrpersonen in den Nicht-ESSKI-Kantonen»,

steht im ESSKI-Bericht.

«Es muss weitergehen»

Jetzt sind die Projektverantwortlichen laut Barbara

Fäh dabei, ein Umsetzungskonzept zu erarbeiten.

Wichtig sei, ESSKI «an bestehende Strukturen» anzubinden.

«ESSKI muss regional umgesetzt werden»,

sagt Barbara Fäh, «nun suchen wir Personen, die das

koordinieren.» Ende März findet diesbezüglich eine

Sitzung statt mit dem Regionalverband der sechs

beteiligten Kantone. «ESSKI sollte als Gesamtpaket

angeboten und finanziert werden», wünscht sich

Barbara Fäh. Für sie ist angesichts des Erfolges klar:

«Es muss weitergehen.»

ESSKI: Aus drei mach eins

Im Projekt «Eltern und Schule stärken Kinder»

(ESSKI) wurden erstmals zwei international bewährte

und auf ihre Wirksamkeit überprüfte Interventionsprogramme

kombiniert:

• «Fit und stark fürs Leben. Persönlichkeitsförderung

zur Prävention von Aggression, Stress und

Sucht» für Schülerinnen und Schüler

• «Triple P» (Positive Parenting Program) für Eltern.

Zudem erhielten die Lehrpersonen eine Weiterbildung

in ihrem persönlichen Ressourcen- und

Stressmanagement («Die eigenen Ressourcen stärken»).

Am ESSKI-Projekt nahmen teil:

• 904 Erziehungsberechtigte

• 85 Lehrpersonen

• 1466 Schülerinnen und Schüler von sechs bis

zwölf Jahren

• 78 Schulklassen der Stufen 1-6 in den Kantonen

Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Schaffhausen,

Thurgau, Zürich.

ESSKI wurde zwischen April 2004 und Dezember

2006 durchgeführt und ausgewertet von:

• Hochschule für Soziale Arbeit und Pädagogische

Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz

(FHNW)

• Institut für Familienforschung und -beratung der

Universität Fribourg

• Pädagogische Hochschule Zürich

Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere

Drogenprobleme(SFA).

Finanzierung: Bundesamt für Gesundheit, Jacobs-

Stiftung, Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz,

Hochschule für Soziale Arbeit (FHNW), Pädagogische

Hochschule Zürich. (gem)

Der Bericht (deutsch) kann heruntergeladen werden:

http://www.sfa-ispa.ch/DocUmload/rr_ESSKI.pdf

«Fit und stark fürs Leben» für 1./2, 3./4., 5./6. Klasse sind als

Kopierbücher erschienen in der Reihe «Unterrichtseinheiten»,

Ernst Klett Verlag, 2002; http://www.klett.de/sixcms/list.php?page

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