Rote Sonne wilder Rhein - fleigejo

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Rote Sonne wilder Rhein - fleigejo

Rote Sonne

wilder Rhein

Herbstsonnenstrahlen

mit turblenten Konsequenzen

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Evimad

Rote Sonne wilder Rhein

Herbstsonnenstrahlen mit turblenten

Konsequenzen

Erzählung

Your hights are never scaled

Einen Mann, und auch noch ständig bei ihr im Haus?

Das erträgt Lisa nicht.

Was macht sie denn so verrückt

an diesem Klaus,

dass sie unbedingt sofort

ihr ganzes Leben ändern muss.

Altersschwachsinn oder zum ersten mal verliebt.

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Rote Sonne wilder Rhein - Inhalt

Rote Sonne wilder Rhein................................................................... 4

Prolog............................................................................................ 4

Bambinitreffen im Herbst..................................................................5

Lisa bleib cool!.................................................................................7

Mehr als nur Klaus Bio?.....................................................................8

Großer Morgenratschlag.................................................................... 9

Essen kochen, Barolo trinken …?.......................................................16

Kurze Nacht mit Frühstück...............................................................23

An der See.................................................................................... 25

Home again................................................................................... 33

Klaus du bist doch der Ältere...........................................................33

La notte delle nozze........................................................................38

Auf neuen Gleisen.......................................................................... 40

Stop Sex – Read!........................................................................... 44

La vie en rose................................................................................ 45

Carla............................................................................................ 46

Gesellschaftspläne.......................................................................... 52

Verhängnisvolle Beziehung – glückliche Entwicklung............................52

Komm an mein zärtlich Herz du schöner Kater....................................54

Epilog........................................................................................... 55

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Rote Sonne wilder Rhein

Prolog

Mein limbisches System hat allem Anschein nach bei mir auf Autopilot geschaltet,

und dirigiert mich unter Kappen aller Bahnen zu korticalen Funktionen in

wilder Jagd durch den emotionalen Alltag. Ich selber stehe oft staunend daneben,

und nehme meine neuen Einfälle verwundert zur Kenntnis. Fragen, warum

etwas so ist, warum ich mir so etwas wünsche, oder danach Verlangen habe,

stelle ich mir schon lange nicht mehr. Meine Bewusstseinsregionen erhalten

keine lesbaren oder dechiffrierbaren Informationen irgendwelcher Art. Ich kann

nur undifferenzierte Mutmaßungen und Spekulationen anstellen, doch oft nicht

einmal das. Auf meinen ersten Fotos trage ich mein fast schwarzes Haar lang

mit einem Pony vorn. Seit 64 Jahren ist diese Frisur ein Teil von mir und meiner

Persönlichkeit. Niemals hat mich jemand anders gesehen. Ich glaube, fast

hätte ich lieber einen Arm oder ein Bein geopfert, als meine Frisur ändern zu

lassen. Jetzt will ich sie ändern. Warum? Etwa weil auf einmal 64 Jahre für eine

Frisur lange genug sind? Rationale Gründe gibt es nicht, weshalb ich jetzt auf

Ideen komme, die ich mir sonst, wenn sie denn überhaupt aufgetaucht wären,

erfolgreich verbeten hätte.

Tagsüber bei der Arbeit im Institut bleibe ich weitgehend unbehelligt, obwohl

auch hier schon mal einige Empfindungs- und Gefühlsdispositionen sich in ihrer

erbarmungslos penetranten und dominanten Art breit machen. Meine Hosenanzüge

und Kostümchen, die ich hier trage, fand ich immer chic und situationsadäquat.

Auf einmal halte ich sie für widerlich, und schäme mich fast vor mir

selbst, mich so im Institut und vor den Studis sehen zu lassen. Warum? Es gibt

nicht den Anschein einer rationalen Erklärung, ich weiß nur, dass es keinen

Weg zurück gibt, und ich dringend andere Klamotten brauche, wenn ich mich

nicht permanent unwohl fühlen will. Welche Klamotten? Keine Ahnung, es wird

sich bei der Suche herausstellen. Meine unbekannten Operatoren werden mich

schon dirigieren.

Ich habe es aufgegeben, mich dagegen zu wehren. Zu Anfang habe ich es noch

manchmal versucht, weil ich immer der Ansicht war, dass meine Emotionalität

und mein Bewusstsein meist friedlich ausgeglichen miteinander harmonierten.

Das sollte sich jedoch als böser Trugschluss erweisen. Meine limbischen Katakomben

hatten plötzlich ihre Schleusentore weit geöffnet, und schienen alles

zu überfluten, was ich mir mit meinen intellektuellen Funktionen so schön konstruiert,

und über Jahrzehnte pfleglich gewartet hatte. Nichts harmonierte

mehr, nichts von den Glaubenssätzen und dem Wissen über meine emotionalen

Grundlagen schien den Rest eine Relevanz zu haben.

Es kam mir vor, als ob eine fremde Stimme mir einflüsterte, dass alles, woran

ich bislang glaubte, und wovon ich fest überzeugt war, wertlos sei, und nichts

von dem mehr stimmen würde. Einwänden und Anmerkungen aus meinen Bewusstseinsspähren

wurde keine Chance eingeräumt. Eine zweite Person entwi-

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ckelte sich, und lebte in mir, die ich bisher nicht kannte, und deren Existenz ich

geleugnet hätte. Sie hatte sich mir nie offenbart, in keinen Wünschen, Träumen,

Sehnsüchten oder Verlangen.

Bambinitreffen im Herbst

Begonnen hat alles im Herbst vorigen Jahres. Ich unterhielt mich im Flur des

Instituts mit zwei Studentinnen, die noch Fragen zu ihrer Arbeit hatten. Meine

Tasche hatte ich dabei kurz auf einen Stuhl hinter mich gestellt. Als ich gehen

wollte, griff ich nach ihr. Sie war nicht mehr da. Man hatte sie gestohlen. Mir,

die hier jeder kennen musste, und dann noch im Beisein der Studentinnen die

Tasche stehlen, das war mehr als eine unverfrorene Frechheit. Und warum

überhaupt konnte - ich vermute mal ein Student oder eine Studentin -so etwas

tun, was erwarteten sie in meiner Tasche zu finden, geheime biochemische

Formeln etwa? Oder ging's doch nur um das Übliche, Karten, Papiere, Geld?

Vielleicht hatte ja ein ausländischer Student eine Mutter, die mir ähnlich sah,

und die er mit meinem Ausweis gern hier leben lassen wollte, oder so etwas in

der Richtung. Dass jemand scharf auf mein Puderdöschen war, schien mir eher

nicht so sehr wahrscheinlich. Was hatte sich eigentlich alles genau in der Tasche

befunden?, Die Skripte hatten wir hier auf unseren Rechnern, und von der

Dissertation ließ sich sicher leicht ein anderes Exemplar besorgen. Nur alle

meine persönlichen Utensilien, dass die verschwunden waren, war schon sehr

unangenehm. Ein Etui mit meinen Papieren, mein Portemonnaie mit den Karten

und auch ein Ersatzhaustürschlüssel fehlten mir. Kartensperre, ein neues Haustürschloss

und Information der Polizei habe ich noch sofort vom Büro aus organisiert,

aber ich musste mir ja auch alles – Personalausweis, Führerschein,

Karten etc. - wieder neu beschaffen.

Heute hatte ich mir den ganzen Tag frei gehalten, und wollte so viele Ämter

und Organisationen wie möglich abtingeln. Es war ein wunderschöner Herbstsonnentag.

Die roten Strahlen der frühen Nachmittagssonne färbten die Bäckchen

und Nasen der Menschen noch roter, und alles erschien durch den leichten

rötlichen Schimmer bunter als sonst. Mich stimmte es fröhlich, und ich sah

vor mir Gaukler in ihren bunten schellenbesetzten Kostümen klimpernd durch

die Straßen tanzen. In der Stadt ist der Herbst nicht von Altweiberspinnfäden

beseelt oder von der Blätterfarbenpracht eines Indiansummer überwältigt, hier

wirken die schönen Tage im Herbst eher lustig und klappernd, wie wenn sie

sich nichts dringender als eine bunte lärmende Herbstkirmes herbei sehnten.

Im Bezirksamt, wo ich einen neuen Personalausweis beantragen wollte, hatte

ich mir eine Nummer gezogen, und saß, die Anzeigetafel beobachtend, wartend

auf einem der unbequemen Besucherstühle. Plötzlich hörte ich, wie am Schalter

vor mir jemand von der städtischen Angestellten mit den Worten verabschiedet

wurde: „Also wie gesagt, Herr Gerding, spätestens in vierzehn Tagen

ist er da.“ Gerding? Ich wäre gleich an der Reihe gewesen, aber den Typ musste

ich unbedingt sehen. Ich sprang auf, rannte ihm nach und platzte einfach

raus „Pardon, Klaus Gerding aus Coesfeld?“ Ein langezogenes „Ja-h-ah“ kam

als Antwort. Und während seine Augen mich mehrmals musternd von oben bis

unten abtasteten, verkündete er lächelnd: „dann bist du Puschi Ahlers, stimmt's?“

Ich nickte lachend. Wir strahlten uns gegenseitig an und vielen uns um

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den Hals. „Was machst du hier in Düsseldorf im Bezirksamt?“ wollte ich von

ihm wissen. „Hast du mich echt so erkannt?“ fragte er, ohne auf meine Frage

einzugehen. „Lass uns alles bei einem Kaffee besprechen, nicht hier im Amt.“

schlug ich vor. Beschwingt verließen wir untergehakt das BZA. „Übrigens,

Puschi, das ist schon ganz, ganz lange nicht mehr, seit der Grundschule schon

nicht mehr.“ bemerkte ich. „Ja aber, Entschuldigung, deinen richtigen Namen

hat mir doch nie jemand verraten.“ „Richtig heiße ich Elisabeth, aber so nennt

mich außer-offiziell keiner. Ich bin immer für alle Lisa. Manche gebrauchen

auch schon mal Abkürzungen, wie Lis oder Lizzy, aber eher selten.“

Wir wohnten im münsterländischen Coesfeld, nur durch wenige Häuser von

einander getrennt, in der selben Straße. Unsere Eltern kannten sich relativ gut,

und als kleine Kinder hatten wir öfter zusammen gespielt. Bei dem einen oder

andern zu Hause oder auf der Straße, was damals noch ohne jede Gefahr möglich

und üblich war. Wenn die Jungs Fußball spielen konnten, trennten sich die

Wege schnell. Zudem war Klaus ein Jahr älter als ich, und somit ein Jahr früher

in der Schule. Die Volksschulen waren noch getrennt geschlechtlich organisiert,

aber auch auf dem Gymnasium hatten wir so gut wie nichts miteinander zu

tun, da wir verschiedene Klassen besuchten. Wir grüßten uns zwar immer

freundlich, aber sonst ereignete sich eben nichts Gemeinsames, weil wir ja

auch gar keine gemeinsamen Berührungspunkte hatten. Wenn ich mich in der

Pubertät für Jungen interessierte, dann waren das eher Alain Delon und James

Dean, deren Filme ich zwar nicht sehen durfte, von denen ich aber Bilder gesehen

und wahnsinnig aufregende Stories gehört hatte. Auf die Idee, mich in

einen Jungen „aus dem Dorf“ zu verlieben, wäre ich niemals gekommen, denn

Sartre, Camus und Sagan hatten sich bis in das Zimmer des jungen Bürgermädchens

in Coesfeld vorgearbeitet, unter anderem dafür gesorgt, dass Rock

und Bluse, Jeans und schwarzem Rollkragenpulli weichen mussten und bewirkt,

dass unsere sogenannte Kleinstadtidylle mitsamt all ihrer Einwohner (außer

meinem Biologielehrer natürlich) auf mich schon damals den Reiz eines üblen

Gestanks von bourgeoisem Kleinstadtmief ausübte. So war Klaus eben mein eigentlicher

Name nie begegnet, er kannte nur meinen 'Babynamen'. Weil meine

Eltern mich immer Puschelchen oder Puschi nannten, wurde ich auch von den

andern Kindern so genannt. Bei Schuleintritt haben meine Eltern dann wohl beschlossen,

dass man es so nicht weiter laufen lassen sollte. Das hatte Klaus

aber gar nicht mehr mitbekommen. Da hat er 14 Jahre lang, wenn er freundlich

'Hallo' gerufen hat, wahrscheinlich immer 'Hallo Puschi' gedacht. So offen

und aufgeschlossen freundlich waren damals in den 50 Jahren die Kontakte in

den Kleinstädtchen.

Auf dem Weg zum Café hatten wir zu klären versucht, warum wir beide in Düsseldorf

gelandet waren. Claus war im Sommer pensioniert worden und gerade

von Essen nach Düsseldorf gezogen, einfach weil's ihm hier besser gefiel als in

Essen. Er erklärte das noch dezidierter, Kunst-Kultur und Rhein waren zum Beispiel

zwei bedeutende Gesichtspunkte. Ich erklärte ihm kurz, dass ich an der

HHU Professorin für Biologie sei, und merkte dass ich eigentlich keine Lust hatte,

hier weiter zu reden. Ich hätte ihn gern mit nach Hause genommen. Ich

gab zu Bedenken: „Klaus, weiß du was, hier beim Kaffee da können wir das

doch gar nicht abklären, was wir uns alles noch zu erzählen haben. Hast du

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nicht Lust mal an 'nem Abend zu uns zu kommen. Wenn du ja jetzt auch in

Düsseldorf wohnst, wirst du als Herr Pensionär doch sicher noch einen freien

Termin finden können.“ „Schlag was vor. Ich richte mich nach dir.“ war er sofort

einverstanden. Ich erklärte ihm, dass es mir gleich heute Abend eigentlich am

besten auskäme, was zwar Unsinn war, aber etwas Unbestimmtes in mir schien

mich zu drängen, ihn nicht zu lange aus den Augen zu lassen.

Lisa bleib cool!

Beschwingt, leicht tänzelnd betrat ich das Haus, wollte Musik auflegen, fand

aber nichts, was meiner augenblicklichen Stimmung entsprach, und trällerte

selber, während ich begann im Wohnraum und in der Küche unkoordiniert irgend

welche Gegenstände zu verrücken und aufzuräumen. Carla, meine Tochter

(sie ist zwar 27 Jahre alt, aber trotzdem können und wollen wir beide uns

immer noch nicht voneinander trennen) kam runter. „Was ist los Mamotschka?

Warum bist du so gut drauf?“ „Na, weil's so schön ist draußen. Ich war in der

Stadt, mir neue Papiere besorgen.“ „Was erzählst du mir Mutti? Gib's zu, du

hast dich verliebt.“ Sie wusste, dass sie mich mit derartigen Scherzen zwar

nicht ärgern, aber doch leicht ein wenig herausfordern konnte „Hast du mich

denn schon mal verliebt gesehen?“ wollte ich wissen. Carla überlegte „Hm, na

so richtig eigentlich nicht, aber so ausgeflippt wie jetzt, sieht man dich ja auch

eher selten.“ Wir scherzten noch ein wenig, dann erzählte ich ihr, wen ich in

der Stadt getroffen hatte, und dass Klaus heute Abend vorbei käme. Mit der

Bemerkung „Ich hab's ja gleich gesagt, also doch verliebt.“ zog sie sich grinsend

wieder in ihr Zimmer zurück.

Völlig orientierungslos überlegte ich, was ich als Nächstes tun sollte. Sollte ich

etwas zu essen vorbereiten? Würde er vielleicht lieber Bier trinken? Ach, alles

Quatsch. Auf jeden Fall wollte ich noch duschen und mir etwas anderes anziehen.

Nachdem ich mich immer wieder im Bad aus allen Perspektiven begutachtet,

und verschiedene Kleideranproben hinter mich gebracht hatte, betrachtete

ich intensiv das Gesicht, das aus dem Spiegel zurück schaute. Es sah mich verwirrt

fragend mit leicht irr flirrenden Augen an, und erklärte eindeutig: „Lisa,

bei dir stimmt irgendetwas nicht mehr ganz richtig. Bleib cool und komm zurück

auf den Teppich!“. Alles klar, also Jeans und Sweatshirt, wie jeden Abend.

Ich zog dann doch ein kleines Schwarzes mit umgehängter Weste und Nylons

zu Pumps mit hohen Absätzen an. Warum? Ich weiß es nicht. Ich war tatsächlich

der festen Überzeugung, dass ich mich nur auf die Unterhaltung mit einem

Freund aus frühen Kindertagen freute. Alles andere hätte ich für völlig abstrus

und undenkbar gehalten.

Immer wieder kam ich zufällig am Spiegel vorbei, und musste mich kurz kontrollieren.

Carla wollte sich etwas zu essen auf's Zimmer holen. Sie machte

große Augen, als sie mich sah, nickte mehrmals langsam staunend mit dem

Kopf, zog dabei grinsend eine breite Schnute, und verschwand wieder wortlos

vor sich hin lächelnd in ihrem Zimmer.

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Mehr als nur Klaus Bio?

Der Abend wurde für mich zum Horrorerlebnis. Ich saß neben Klaus auf der

Couch, und brachte kaum ein Wort heraus. Wann war mir so etwas schon mal

passiert? Ich kannte es von mir überhaupt nicht, und erlebt hatte ich es noch

nie. Ich war nie aus Verlegenheit sprachlos geworden, und große Anspannung

puschte mich eigentlich immer, so dass ich in Prüfungs ähnlichen Situationen

und bei neuen ungewohnten Anforderungen besonders konzentriert glänzen

konnte. Jetzt saß ich hier mit bibberndem Zwergfell auf der Couch, und mir fielen

nur alberne dämliche Bemerkungen ein, die ich keinesfalls aussprechen

konnte, zumindest nicht hier und heute Abend. Ich saß einfach blöd da, freute

mich, dass Klaus neben mir saß, und musste ihn unentwegt leicht grinsend anstarren.

Am liebsten hätte ich mal sein Gesicht angefühlt, aber wie konnte ich

nur, was sollte das. Klaus hätte mich mit Sicherheit, völlig zurecht, zumindest

für leicht durchgedreht gehalten. Ich wollte ja was sagen, aber die Terrains in

denen Komponenten für eine geistreiche, humorvolle, interessante Unterhaltung

zu finden waren, schienen völlig versperrt. Wenn ich ihn so übliche Langweiligkeiten,

wie: „Wo hast du denn studiert? Wann hast du denn geheiratet?“

gefragt hätte, ich wäre jedes mal losgeplatzt vor Lachen. Klaus hatte versucht,

die zunehmend peinlicher werdende Situation zu überbrücken, und erzählte

fleißig irgendetwas von sich, von dem ich nur soviel vernahm, wie Musik aus

Boxen eines vorbeifahrenden Autos. Er schaute mich an und meinte: „Lisa, mir

scheint, dass dich das alles überhaupt nicht interessiert. Du sitzt nur da, siehst

mich an und lächelst. Findest du mich lächerlich, oder ist das, was ich erzähle

für dich albernes Zeug?“ „Nein, nein, Klaus, nichts von dem, überhaupt nichts.“

wies ich seine Mutmaßungen entschieden zurück, „ich freue mich einfach

schlicht, dass du heute Abend hier bist, und neben mir auf der Couch sitzt. Ich

frage mich nur, ob wir früher bei uns …,“. Eine innere Eingebung stoppte mich,

weiter Unsinn zu reden. „Ich bin heute Abend gar nicht so richtig gut drauf.

Entschuldige!“ sprang auf, und rannte ins Bad. Ich hätte vor Wut laut schreien

können. Wie ein dämliches Teenygirl oder noch viel Unangenehmeres, so ähnlich

benahm ich mich. Eine erwachsene Frau, die vor Hunderten von Studenten

reden konnte, war bei einem früheren Spielkameraden nicht in der Lage, sich

zu unterhalten. Mit mir hatte das jedenfalls überhaupt nichts zu tun. Anschließend

wollten wir es doch noch einmal versuchen. Klaus sollte mich etwas fragen.

Allein die Lächerlichkeit der Situation des Frage-Antwort Spiels veranlasste

mich, zu frech-albernen Auskünften, die zumindest nicht schmeichelhaft für

Klaus waren, was ich aber keinesfalls beabsichtigte. „So macht das einfach keinen

Sinn, Klaus.“ erklärte ich. Unter vielfachen Entschuldigungen, bat ich ihn,

unser Treffen heute Abend zu beenden. „Klaus, du musst mir aber unbedingt

versprechen, dass wir das nachholen, wenn's mir wieder besser geht.“ verabschiedete

ich ihn an der Tür.

Ich rannte ins Bad, trat gegen alles, was ich treffen konnte, lief zurück, warf

mich auf die Couch, und trommelte laut brüllend mit den Fäusten auf das Leder.

Clara kam aus ihrem Zimmer gestürmt, und schrie schon von oben:

„Mami, was ist passiert? Hat er dir was getan?“ Sie rüttelte mich. „Mami, sag

jetzt endlich was los ist. Ich habe Angst. So hab ich dich noch nie erlebt. Sag

endlich!“ Wir redeten noch lange miteinander, und Carla wollte heute Nacht bei

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mir schlafen. Sie meinte, ich müsse es einfach vor mir selbst akzeptieren, dass

ich von Klaus mehr wolle, als nur seine Bio zu erfahren. Für mich blieb es inakzeptabel,

es gab einfach keinen Grund. Ich kannte ihn doch überhaupt nicht,

diesen pensionierten Sonderpädagogen, abgesehen davon, dass ich in meinem

ganzen Leben noch nie einfach so verrückt nach einem Mann gewesen war, und

dann sollte sich mit 64 plötzlich so ein Verlangen einstellen? Außerdem wollte

ich keinesfalls eine feste Beziehung zu einem Mann, das war sicher. Was sollte

ich von Klaus wollen. Ich fand ihn zwar ganz nett und sympathisch, er schien

auch gebildet und eloquent, war witzig und geistreich. Er machte den nicht

üblen Eindruck eines älteren intellektuellen Mannes auf mich. Alles ganz

angenehm, aber was sollte auf mich überwältigend, oder zumindest besonders

beeindruckend gewirkt, und mich zu außergewöhnlichen Reaktionen veranlasst

haben? Mir fiel nichts ein. Ich fand es einfach nur angenehm, und hatte mich

darauf gefreut. Eine Korrelation meines eigenen Verhaltens mit dieser Theorie

wollte sich mir allerdings auch nicht offenbaren.

Großer Morgenratschlag

Am nächsten Morgen rief ich Klaus direkt vom Institut aus an. Es war mir wichtig,

mich nochmals für mein Verhalten eindringlich zu entschuldigen, und eventuell

üble Bilder, die von mir dadurch hätten entstanden sein können, sofort zu

retuschieren. Das Gespräch endete damit, dass ich ihn gleich für heute Abend

zum gemeinsamen Essen-kochen mit Carla und mir einlud. Jegliche Art von zusätzlichen

kreativen Impulsen sei da immer hoch erwünscht. Aus dem, was unsere

Haushaltsgehilfin Sophia Donnerstags immer vom Markt mitbringe, eine

irgendwie harmonierende Mahlzeit zu komponieren, sei allein mit den üblichen

Kochkunstressourcen meist nicht zu bewerkstelligen.

Diese irrelevante kleine private Szene, sie war mir ständig präsent. Wenn ich

zum Beispiel Streit mit Carla gehabt hätte, wäre es für mich völlig plausibel gewesen,

dass mich so etwas ständig quälend beschäftigte, aber dieser marginale

Lapsus vom Vorabend, wer außer Carla hätte je davon erfahren, und wen

hätte es denn überhaupt interessiert? Und Klaus, ich hatte 60 Jahre lang nicht

mit ihm gespielt, und in meinen Erinnerungen war er auch nie aufgetaucht, da

sollte ich es die letzten, mir noch verbleibenden Jahre doch wohl auch noch

ohne ihn aushalten können, oder?

Ich hatte es immer ohne Männer ausgehalten, sogar viel besser. Eine richtige

Beziehung, so mit Liebes- und Treueschwüren und dem ständigen Bedürfnis,

übereinander her zu fallen, hatte ich nur einmal für vierzehn Tage im Studium

während eines limnologischen Praktikums. Als wir wieder zu Hause waren, kam

es sofort zurück, dieses mich seit der Oberstufe drängende Bedürfnis, mir Unbekanntes

wissen zu wollen, mich restlos in Zusammenhänge zu vertiefen, um

sie besser verstehen zu können, immer weiter zu fragen, einer rastlosen Neugier

gleich, die mich durch mein ganzes Leben gezogen hat. Es war nie unangenehm

für mich. Mein Biologielehrer hatte in mir das Bedürfnis geweckt, in

dem er für mich das biologische Universum in einem Bild zeichnete das einem

sternenübersäten Horizont glich, in dem jeder Stern für ein in ihm verborgenes

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ungelöstes Rätsel leuchtete. Biologie hatte ich nicht als heile bewundernswerte

Tier- und Pflanzenwelt kennen gelernt, das hatte mein Interesse nicht geweckt,

es war die Faszination und das Staunen bei der tiefer gehenden Klärung von

Lebensprozessen, die mich fesselten und mir neue Horizonte zu eröffnen schienen.

Ich hatte schon in der Schule versucht, mir die tieferen biochemischen

Prozesse der Abläufe von Lebensfunktionen auch privat weitgehender verständlich

zu machen, hielt dies für den zentralen und einzigen Zugang, um zu

tieferen Erkenntnissen, umfassenderen Aussagen und bessern Verständnissen

zu kommen, und war dabei auf die weiten unerforschten weißen Flächen der

biologischen Landkarte gestoßen. Dass ich auch etwas anderes als Biologie

hätte studieren können, derartige Gedanken sind mir nie gekommen. Zu Studienbeginn

war ich allerdings erstaunt und enttäuscht, mich von Tierfreunden

und Pflanzenliebhabern umzingelt zu sehen, die sich in den folgenden Semestern

meine Kenntnisse und mein Wissen mühselig und widerwillig als in ihren

Augen relativ biologieferne Randbereiche anpauken mussten. Die biologischen

Bereiche in denen ich nicht so bewandert war, öffneten sich mir nicht nur

leicht, sondern ich nahm sie gerne auf, weil ich in ihnen immer neue Felder für

tiefergehende Fragestellungen entdecken konnte. Ich sah bei mir ständig einen

weiten Vorsprung, umfänglicheres Wissen und profundere Kenntnisse als bei

meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Meine Arbeit vermittelte mir immer

Anerkennung, Bestätigung und Erfüllung durch mich selbst und andere

nicht nur im Fach. Dass ich zum Beispiel zu Studienbeginn Medizinstudenten

am Mensatisch den Zitronensäurezyklus (Citratzyklus) einfach mal so aus der

La main für sie verständlich erklären konnte, veranlasste sie nicht nur zu ungläubigem

Staunen, sondern lies sie in mir das Genie erkennen. Für mich waren

derartige Zusammenhänge aber einfach unabdingbare selbstverständliche

Grundlagen gewesen, ohne deren detaillierte Kenntnisse es kein Weiterkommen

gab, und die ich mir an vielen Nachmittagen und Abenden, mit Spannung

forschend und staunend gern erarbeitet hatte, während meine Freundinnen

und Freunde, in Kneipen und auf Partys die großen Erkenntnisgewinne suchten.

Wenn wir bei Forschungsprojekten unüberwindbare Hürden überwunden, Antworten

auf unlösbare Fragen gefunden, und verborgene Rätsel entschlüsselt

hatten, blieb es nicht aus, dass wir uns selbst auch stark fühlten, und keine

Mühen zu groß sein konnten, dieses Empfinden zu wiederholen, und steigern

zu wollen. So hat mich meine unablässige Neugier und Lust daran, tiefer und

umfassender in die Zusammenhänge einzudringen und noch ungelöste Rätsel

entschlüsseln zu wollen, allerdings auch völlig, sowohl intellektuell als auch

emotional, okkupiert. Ich war der Ansicht, mich nicht teilen zu können. Wenn

ich in meine Arbeit vertieft war, und das war ich ja schließlich häufig und gern

mit brennendem Interesse, kam der Gedanke oder das Bedürfnis, mit einem

Mann zu schmusen, und Sex haben zu wollen nicht auf. Obwohl ich prinzipiell

nicht nur nichts dagegen hatte, sondern es eigentlich liebte, und als sehr angenehm

empfand. Zur passenden Zeit zwar ein schönes Surplus, auf das ich aber

auch gut verzichten konnte, mehr eben nicht. Ich habe nie die Vorstellung gehabt,

auf die Befriedigung meines Sexualtriebs verzichten zu wollen, oder zu

müssen, er hat sich nur eben selten abends im Bett gemeldet, und war immer

leicht ohne jeden Mann zu besänftigen.

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Berechtigterweise wollte Erik, mein Amor aus dem Praktikum, auch nachher

die Abende und Nächte mit mir verbringen. Ich hatte auch nicht vergessen, wie

schön auch ich es selbst empfunden hatte, dass wir fast keine freie Minute außerhalb

meines Bettes verbracht hatten, und ich das Gefühl hatte, ihn nicht

nur gern zu haben, sondern richtig zu lieben. Aber jetzt war meine Lust wieder

zu Hause, an ihrem gewohnten Ort, in meinem Kopf, meinen Gedanken und

meinen Büchern, ein Erik kam da nicht vor. Das sexuelle machte ich, wie vorher

auch, bei Bedarf ebenso mit mir selber aus, der Gedanke an einen Mann

kam darin gar nicht vor. Nach mehrfachen ehrlichen und gelogenen Vertröstungen

habe ich zweimal ohne eigenes Bedürfnis, mehr aus einem Berechtigungsund

Verpflichtungsgefühl mit ihm geschlafen. Ich meinte, dass sich die alte

Emphase und Leidenschaft dann schon im Verlauf wieder einstellen würden.

Das Gegenteil war der Fall. Mir wurde übel dabei, und ich musste mich hinterher

übergeben. Trotzdem habe ich es noch ein zweites Mal versucht, vielleicht

weil ich es selbst nicht wahrhaben wollte, dass die lustvollen Erfahrungen aus

dem Praktikum nicht in mein Alltagsleben zu implantieren sein sollten. Auf jeden

Fall wurde es jetzt zum völligen Desaster. Seitdem war Erik für mich auch

als liebevolle Erinnerung gestorben. Ich kam mir benutzt vor. Eine horrible Vorstellung,

die mein Ego nicht erträgt, und die für mich nicht nur jede Art von

gleichberechtigter Liebe und Anerkennung im Kern zerstört, sondern auch allein

schon als gedankliche Erwägung bei mir, jede weitere Beziehung zu einem

Mann unmöglich werden lässt. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, weshalb

ich nicht mit fremden Männern, die ich kurzfristig kennen lerne, ins Bett gehen

kann. Wenn ich mich mit einem Mann, den ich auf einem Kongress oder bei einer

Party treffe, unterhalte, ihn eigentlich ganz nett, amüsant und reizvoll finde,

und dann merke, wie sein steigender Testosteronspiegel Verhalten und Reden

zu dominieren beginnt, möchte ich ihm am liebsten ins Gesicht spucken.

Ein Bedürfnis, mit ihm ins Bett zu gehen, habe ich dabei jedenfalls noch nie

verspüren oder entwickeln können.

Ich saß am Schreibtisch und überdachte mein ganzes Sex- und Liebesleben

und mein Verhältnis zu Männern. Mit Carla hatte ich oft darüber geredet. Sie

blieb unverbrüchlich bei der Ansicht, dass ich eine behandlungsbedürftige Beziehungsproblematik

mit Männern habe, so intensiv und argumentationsstark

bis ich es selber glaubte. Fast schon auf dem Weg zum Psychiater, wollte ich

doch noch die Meinung meiner Theater- und Kunstfreundin Hildegard einholen.

Sie ist Psychotherapeutin, wir decken gemeinsam unseren Kunstbedarf und das

Bedürfnis nach Albernheiten alternder Mädels ab. Psychologische Themen sind

zwar zwischen uns nicht explizit tabu, nur sie interessieren an unseren gemeinsamen

Abenden einfach nicht, mich nicht und Hildegard erst recht nicht. Sie

riet mir dringend, so etwas nicht zu tun. Ich solle mich nicht krank therapieren

lassen. Wozu ich mir Bedürfnisse antherapieren lassen wolle, die ich nicht

brauche und ohne die ich bislang glücklich sei. Das akzeptierte auch Carla.

Während ich sinnierend, leicht nach oben schauend und mit den Fingerspitzen

meinen Unterkiefer streichelnd am Schreibtisch saß, kam Lilly, my Acting-Partner,

rein. Lilly heißt eigentlich Frau Sylvia Brender, und ist Leiterin des Dekanatsbüros.

Ich habe zu Beginn meiner Professur dafür gesorgt, dass sie meine

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Sekretärin wurde, und es ist mir immer gelungen, sie über kurz oder lang

weiter zu bringen. Mit Lilly verbindet mich mehr als die Uni-Beziehung, doch

das ist hier 'topsecret' höchste Stufe. Aus unserer früheren Zeit stammt auch

der Name Lilly, weil ich sie so schön fand, wie die junge Lilofee und wir uns gemeinsam

vor den wilden Wassermännern retten wollten, was ihr allerdings

nicht gelungen ist. An der Uni gilt sie immer als mein Sprachrohr und Alter-Ego.

Oft kommt es mir vor, dass wir uns näher sind als siamesische Zwillinge.

Ein Streit zwischen uns ist nicht nur undenkbar, sondern ich glaube auch zu

wissen, dass er aus prinzipiellen Erwägungen gar nicht möglich sein könnte.

Sie scheint für alles, was mir ferner liegt, große Begabungen zu haben und

Dinge, die mir lästig und quälend erscheinen, mit Links erledigen zu können.

Sie arbeitet sich in kürzester Zeit in ihr völlig fern liegende Bereiche ein und

erreicht es, allen zu vermitteln, dass sie von großer Kompetenz beseelt und

eine geöffnete Blüte der Freundlichkeit ist, von den Mathematikern bis zu den

Psychologen. Sie hat von all dem nichts gelernt, hat nur eine Ausbildung als

einfache Verwaltungsfachkraft. Ich bewundere sie, und kann sie gar nicht

überschwänglich genug loben. Ich meine, das manchmal unbedingt tun zu

müssen, denn allgemein erhält sie ja nur die Rückmeldung, dass sie ordentlich

funktioniert, doch von mir will sie's leider nicht hören. Sie würde bestimmt ein

großes Unternehmen leiten, oder etwas ähnliches und viel Geld verdienen können,

wenn sie eine angemessene Ausbildung gehabt hätte. Aber vielleicht

puscht sie ja auch ein wenig unser Teamplay, dass ihr sicher immer wieder Anerkennung,

Bestätigung und Ermutigung verschafft hat, und vor allem die Tatsache,

das wir beide Lust daran haben uns gegenseitig schamlos die allerdümmsten

Fragen zu stellen. Die Zusammenkünfte mit ihr sind für mich immer

außergewöhnlich angenehme Momente, sie ergeben sich nur leider viel zu selten,

sind zu kurz und viel zu überladen mit organisatorischen Angelegenheiten.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Männerfreundschaft in meiner vielleicht

vorurteilsbehafteten Vorstellung von burlesker Kumpanei eine derartige

Tiefe und Vertrautheit in der Beziehung entwickeln kann. Wenn ich emeritiert

bin, werde ich Lilly privat mit Sicherheit häufig besuchen.

„Wovon träumst du?“ fragte Lilly „lass mich mitträumen!“ „Von meinem ganzen

Leben außer unserem gemeinsamen Teil.“ antwortete ich verschmitzt lächelnd.

„Seit wann denkst du nicht mehr gern daran?“ schaute sie mich schelmisch

grinsend mit vorwurfsvoll strafendem Blick an. „Nein, nein, das war schön und

erfolglos, das sehe ich immer noch so. Nur jetzt denke ich ausschließlich an

Männer.“ Ich hatte mit Lilly eigentlich nie viel über Männer gesprochen, außer

damals über ihren dämlichen Verflossenen, und darüber, dass uns beiden, trotz

aller gegenteiligen Bemühungen, für's Sexuelle doch wohl eher Männer die zuträglicheren

Partner zu sein schienen. Ja, und natürlich auch bevor es zu unseren

ersten Berührungsversuchen kam. Wir waren schon länger befreundet, Lilly

hatte auch schon mal einige Wochen bei mir gewohnt, wir waren zusammen im

Urlaub und lagen abends nackt auf dem Bett. Wir machten uns über die Anbaggerversuche

vom Nachmittag lustig, und ich sinnierte sie betrachtend mehr

im Scherz, sie sei eigentlich viel zu schön für einen Mann. Es sei immer das

Gleiche. Männer würden sich bei den Frauen nur einschleimen und im Laufe

der Jahre Wracks aus ihnen machen. Sie würden sie in den Abgrund ziehen,

wie der wilde Wassermann die schöne junge Lilofee. Sylvia kannte das Gedicht

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nicht. Ich hab versucht, meine Gehirnwindungen zu aktivieren und es ihr

vorzusingen. Sie hat sich tot gelacht. Und dann sind wir einfach so

übereinander hergefallen. Anschließend haben wir vor uns hin träumend

beschlossen, niemals die arme junge Lilofee zu werden. Wir waren nicht wenig

verwundert und sprachlos über unser eigenes Verhalten. Es kam mir vor, als ob

die Lust miteinander zu balgen, einfach so automatisch in erotische

Lustdimensionen vorgedrungen sei. Wir hatten beide noch nie sexuelle

Kontakte mit einer anderen Frau gehabt, nicht mal im entferntesten daran

gedacht, aber weil's für uns beide so schön war, überlegten wir, vielleicht etwas

daraus machen zu können. Eine wundervolle, erfüllte Zukunft fern jeglicher

Probleme mit Männern schwebte uns vor, bis wir allerdings sehr schnell

erkennen mussten, dass der himmlische Moment von Korsika, sich unter

außergewöhnlichen Bedingungen ereignet hatte, und zuhause nicht einfach

reproduzierbar war. Ich war gern mit Lilly zusammen, aber unsere sexuellen

Anstrengungen empfand ich eher als lästig und wenig befriedigend. Ich

schmuste und knutschte gern mit ihr, und empfand es auch als sehr

angenehm, ihre zarte sanfte Haut zu streicheln, aber von sexueller Erregung

keine Spur. Zu meiner Erleichterung begann Lilly damit. Unter Vorausschicken

aller erdenklicher Zuneigungserklärungen, Liebesbezeugungen und

Freundsaftsversprechen erklärte sie heftig weinend, dass sie leider nichts

daran ändern könne, in Bezug auf Sex einfach mehr Lust auf einen Mann zu

haben. Wir vielen uns beide in die Arme, mussten dabei ausgiebig lange

weinen. Warum eigentlich, ich weiß es nicht genau, vielleicht weil es uns

gegenseitig aus quälendem Druck befreite, und die Spannung es nicht zu

wollen, aber sich nicht zu trauen es zu sagen, sich plötzlich und so befriedigend

gelöst hatte. Jedenfalls muss es schon etwas tief in mir berührt haben, da ich

sonst so gut wie nie heule.

„Hast du einen kennen gelernt?“ wollte Lilly wissen. Ich fragte sie, ob sie ein

wenig Zeit habe, worauf sie sich gleich für eine Stunde im Büro abmeldete. Ich

schloss die Tür zu und erzählte Lilly die ganze verrückte Story. „Was ist das?

Was soll das? Fang ich an durchzudrehen, oder beginnt so der Altersschwachsinn?“

endete ich. Auf die linke Hand hatte Lilly ihr Kinn gestützt, die rechte lag

an der Seite ihres Gesichtes. Sie schaute mich lange an und atmete tief, bevor

sie antwortete: „Lisa, hältst du es für möglich, dass man sich mit 64 zum ersten

mal so richtig verliebt? Mit 16 hält man es für normal, wenn man dann verrückte

Dinge tut, mit 64 hält man sich selbst für verrückt. Was du erzählst hört

sich sehr, sehr stark danach an, dass es dich voll erwischt hat.“ „Ach, davon ist

Carla ja auch überzeugt.“ entgegnete ich lakonisch. „Ich sehe nur nicht den

Anschein eines Grundes, warum das so sein sollte. Weder bin ich scharf auf

einen Mann, und schon erst recht nicht mehr in meinem Alter, noch hat dieser

Klaus irgendetwas Aufregendes an sich. Ich kenne ihn ja gar nicht mal.“ „Ich

kann dir auch nicht sagen, warum du vielleicht verliebt sein solltest oder nicht.

Ich weiß von mir selbst ja nicht mal, warum ich verliebt bin, es ist einfach so

da, ein umfassendes, tiefes, dominantes Empfinden, warm und aufregend. Ich

glaube niemand kann wirklich sagen, warum er verliebt ist. Alle die anfangen

aufzuzählen: 'wegen ihrer schönen …, wegen ihrer angenehmen … bla, bla,

bla', die dichten sich alle etwas zusammen, weil sie es vor sich selbst nicht zulassen

oder ertragen können, nicht alles über sich zu wissen und erklären zu

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können. Ich glaube eher, dass jemand der dich aufregt und süchtig werden

lässt, ganz alte, nicht mehr bewusste schöne Bilder in dir wieder erweckt und

verspricht, sie mit leuchtenden Gegenwartsfarben für dich neu zu kolorieren.“

Wir lächelten uns an, umarmten und küssten uns. „Und was, meinst du, soll

ich tun, Lilly?“ fragte ich noch. Und Lilly erklärte achselzuckend, „Was soll man

an Gefühlen schon machen? Da kennst du dich ja selbst viel besser aus als

ich.“. Sie würde alles einfach ruhig laufen lassen. Vielleicht stelle sich ja auch

alles nur als als ein Flush heraus, und sei morgen wieder gegessen. Ihrer

Meinung nach sei das Beste, einfach nachgeben, je mehr ich mich in die

Angelegenheit grübelnd vertiefte, umso größer seien die Probleme hinterher.

Nach außen hatte ich Lillys Aussagen immer als 'Lords own Word' bekräftigt,

aber manchmal drängte sich mir auch der Eindruck auf, dass ich ihr selber ein

wenig hörig war. Besonders in Situationen in denen ich zweifelte, kam es mir

so vor, dass ich froh war, etwas zu haben, woran ich glauben konnte, weil Lilly

es so gesehen hatte. Wissenschaftlich natürlich völlig unvorstellbares Verhalten

schien mir im sozial-kommunikativen Rahmen zu gefallen und gut zu tun.

Ich kam mir immer ziemlich selbstsicher, kaum angreifbar und - zwar immer

freundlich - aber auch ein wenig dominierend vor. Bei Kollegen und Studenten

war ich ziemlich beliebt und fachliche Erfolge hatte ich ja auch immer vorzuweisen.

Mir schien es rundherum gut zu gehen. Selbstverständlich empfand ich

das auch so und versuchte es sich auf die Arbeit im Institut und mit den Studenten

auswirken zu lassen. Von manchen wurde ich richtig bewundert für

mein aufgeschlossenes Freude ausstrahlendes Naturell, das offensichtlich von

den Mühen und Qualen der Arbeit völlig unbehelligt war. Das Bedürfnis, Überheblichkeitsempfindungen

zu entwickeln, kannte ich wahrscheinlich auf Grund

meiner eigenen beruflichen Genese nicht, bei der immer ausschließlich das Interesse

an fachlichen Aspekten dominierte. Zusätzlich schien ich auch damit

gesegnet, in meinem ganzen Leben bislang eine hervorragend funktionierende

Firewall gegen depressive oder melancholische Anwandlungen zu haben. Insgesamt

empfand ich mich als in den mir wichtigen Feldern glücklich und zufrieden,

und hielt mich für relativ stark und ausgeglichen.

Dass ich selbst ein Bedürfnis haben könnte, Schwäche zu zeigen, wurde mir

erst nach einer heftigen Auseinandersetzung mit Carla bewusst. Bei ihr haben

emotionale Kriterien einen für mich oft nicht nachvollziehbaren Stellenwert.

Wenn wir über Ansichten oder Einstellung von wem auch immer diskutierten,

und ich etwas einzuwenden hatte, war ihre erste Reaktion immer: „Du magst

den nicht, nicht war?“. Tausendmal hatten wir den Zusammenhang von argumentativem

Inhalt und emotionalen Komponenten diskutiert. Als ich zum Beitrag

bei einer Diskussion im Fernsehen mich kritisch äußerte und wieder die

bekannte Floskel kam, ist mir der Kragen geplatzt. „Bevor du entscheidest, ob

du jemandem zuhören willst, musst du wahrscheinlich erst geklärt haben, ob

du mit ihm ins Bett gehen würdest, ja!“ Warum ich das so formulierte, weiß ich

nicht. Vielleicht fiel es mir ein, weil Carla zu der Zeit eine ziemlich wechselvolle

aktive amouröse Phase hatte. Jedenfalls sprang sie wortlos auf, stürmte wutentbrannt

ins Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

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Am nächsten Morgen beim Frühstück redete sie nicht mit mir. Abgesehen davon,

dass „Nicht-miteinander-reden“ eine in den Breiten unserer kommunikativen

Auseinandersetzungsregion völlig unbekannte Landschaftsformation war,

kam es einem Sakrileg gleich am Frühstückstisch zu streiten. Das gemeinsame

Frühstück war uns heilig. Viel zu üppig und dekorativ wurde es jeden Tag aufs

Neue inszeniert. Es sollte nicht nur einen freundlich prallen Tagesbeginn symbolisieren,

sondern auch dem Rest des Tages eindringlich vermitteln, uns weiterhin,

auch im übertragenen Sinn, so freundlich und üppig zu bedienen. So

mussten sich auch graue Regenmorgende in ihrer Absicht Tristesse unter den

Menschen zu verbreiten bei Anblick unseres Frühstückstisches kampflos geschlagen

zurückziehen. Es war ein Ritual, das wir am meisten vermissten,

wenn wir außerhalb waren. Ich versuchte Carla vorsichtig anzusprechen. Sie

sprang auf, feuerte die Serviette auf den Tisch und schrie im Weglaufen: „Ich

will nicht mehr!“ Ich rannte ihr nach und wollte wissen was der Grund für ihre

Enragiertheit sei, worauf ich von ihr übelst beschimpft wurde. Ich empfinde

Vergnügen daran sie fertig zu machen, benutze sie, um meinen Frust darüber,

dass ihr der Umgang mit Männern leichter falle als mir, abzureagieren, mein

tolerantes Verhalten sei nur äußerer Schein, in Wirklichkeit setze ich mich immer

mit faschistoider Dominanz durch. Wir würden nicht gleichberechtigt miteinander

reden, sondern ich verdeutliche ihr immer, dass es mir ein Leichtes

sei, sie argumentativ zu destruieren. Und sie habe immer geglaubt, ich würde

sie lieben, in Wirklichkeit empfände ich sie als lächerlich und mache mich über

sie lustig. Diese Erkenntnis sei für sie die bisher größte Enttäuschung, die sie

je erfahren habe. Es schmerze sie noch mehr als der Tod ihres Großvaters. Sie

halte es hier nicht länger aus, und werde so schnell wie möglich ausziehen.

Mit offenem Mund und entsetzt starren Augen hatte ich ihr zugehört. Solche

Worte aus dem Munde meines Allerliebsten, meiner emotionalen Sonne und

Basis, dem Gehalt meines Lebens. Es schien, als ob alles in mir in einem kurzen

Augenblick mit wenigen Sätzen zu Fetzen zerrissen würde. Ich konnte nicht

einmal schreien, viel weniger etwas sagen. Mein Kopf schien hohl und leer von

jedem Gedanken, der zu dieser Philippika gepasst hätte. Ich warf mich auf die

Couch, und begann nach kurzer Starre schrecklich zu heulen mit weinkrampfartigem

Schluchzen. Was hatte ich getan? Was konnte sie zu solchen Ansichten

veranlassen? Ich liebte sie doch, heiß und innig, mit jedem weiteren Tag ihres

Lebens ein zusätzliches Stück mehr. Nie hätte ich auf den Gedanken kommen

können, ihr etwas Böses zu wünschen oder gar anzutun. Sie war doch mein Ein

und Alles. Wir hatten doch immer zusammen viel Freude gehabt, und gegenseitige

Liebesbezeugungen ausgetauscht. Wie konnte sie nur so über mich reden?

Jedes ihrer Worte über mich schoss mir wiederholt schmerzhaft brennend

einzeln durch meine Gedanken.

Nach einiger Zeit versuchte Carla mich zu trösten. Mir kam es endlos vor, bis

es sich bei mir löste, und ich mich hinsetzen konnte. Carla hatte mittlerweile

auch ganz verweinte Augen. Sie umarmte mich und fragte: „Entschuldigung

Mama, kannst du mich überhaupt noch ansehen?“ „Ja ich möchte dich ganz

lange ansehen, und dann musst du mir alles ganz in Ruhe einzeln erklären, nur

eins schon vorab, eine Entscheidung darüber, ob dich jemand liebt, solltest du

nie treffen, bevor du die dich liebende Person mal selbst gefragt hast.“ meinte

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ich. Carla lächelte. Ich küsste sie mit meinem verheulten Gesicht und den angeschwollenen

Lippen. Carla machte einen Tee und ich meldete mich in der Uni

krank. Nachdem wir uns frisch gemacht hatten, haben wir fast den ganzen Tag

zusammen gehockt und intensivst über unser Verhalten untereinander – und

natürlich besonders meines gegenüber Carla - diskutiert. Die Darlegung von

Carlas Ansichten und ihren Interpretationen, veranlassten mich, mir viele,

wenn auch unbeabsichtigte Fehler eingestehen zu müssen. Aber vielleicht war

das ja der größte Fehler gewesen, nicht achtsam und sensibel genug gewesen

zu sein, um solche Fehler erkennen und vermeiden zu können, sondern mich

so zu verhalten, als ob ich eingefahrene Muster glücklich und stumpfsinnig

über Jahr und Tag bedenkenlos perpetuieren könne. Seit diesem Tag hat sich

unser Verhältnis zueinander grundlegend geändert. Was sich im Laufe der Jahre

hätte entwickeln sollen, musste so durch einen 'revolutionären Akt' erwirkt

werden. Auch wenn Carla es weiterhin liebt, mich als Mutti, Mami, Mamotschka

oder alles sonst eher Unmögliche zu bezeichnen, leben wir doch erst jetzt wie

zwei Frauen auf gleicher Augenhöhe gleichberechtigt miteinander. Sie ist nicht

mehr primär mein Kind und meine liebe Tochter, sondern jemand, den ich als

andere erwachsene Frau mag, liebe und schätze. Wenn mir auch an diesem

Tag vieles klar und einsichtig geworden war, musste ich mich doch anfänglich

noch oft kontrollieren, um nicht in die alten gewohnten Rollenmuster, auf die

ich eigentlich überhaupt keine Lust mehr hatte, zurückzufallen. Wenn ich heute

meinen Kopf auf Carlas Schoß lege, hat das emotional einen völlig anderen Gehalt,

es ist nicht mehr die Tochter die liebevoll Mamas Gesicht streichelt, sondern

eher die geliebte Freundin, die Gefallen daran findet, sanft und zärtlich zu

mir zu sein. Carla und Lilly haben mir beigebracht, dass es auch angenehm

und befriedigend sein kann, Schwäche zu zeigen, eigenes Fehlverhalten und eigene

Ratlosigkeit einzugestehen, und zu akzeptieren. Gegenüber einem Mann

…? Na zumindest kann ich's mir für mich nicht vorstellen.

Essen kochen, Barolo trinken …?

Klaus kam pünktlich zum Kochen, und brachte einen alten Barolo 'à partir de

sa propre cave' und eine Flasche Sherry mit. „Was sollen wir denn mit Sherry?“

posaunte Carla sehr direkt. „Na als Aperitif und weil die Ladies ja heute Abend

in der Überzahl sind, dachte ich mir, das könnte eventuell wohl passen.“ erwiderte

Klaus lächelnd. „Carla bevor du weiteren Quatsch redest, hol bitte die

Sherrygläser. Ich möchte ihn probieren.“ befahl ich. Carla konnte keine Sherrygläser

finden, weil sie gar nicht wusste, wonach genau sie dabei eigentlich Ausschau

halten sollte. Ich holte sie selber. Sherry hatte ich schon lange nicht

mehr getrunken und Carla noch nie. Sie meinte das sei etwas für Old-English-

Ladies zum Five-o'clock-tea. "We don't drink tea with Ahlers Ladies but may be

some Sherry will do" kommentierte Klaus in Abwandlung eines bekannten Ausspruchs,

den er später noch näher erläuterte. Carla fand Sherry auch trotz der

Alte-Damen-Assoziationen sehr lecker und süffig. „Deine Vorbehalte gegen ältere

Damen hätte ich doch bitte mal ein wenig dezidierter erläutert, junge

Frau.“ forderte ich Carla mit gestrengem Blick lächelnd auf. Es handele sich dabei

nur um die 'tütteligen', und da sie mich bis jetzt noch nicht voll dazu zähle,

brauche ich mir keine Sorgen zu machen, bei eventuellem Entwicklungsbedarf

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iete sie aber gern ihre Hilfsdienste an. Durch Carlas süffisanten

Bemerkungen, die Klaus immer außergewöhnlich lustig zu parieren wusste,

und vielleicht ein wenig begünstigt durch den Sherry, den wir schon während

der ganzen Essensvorbereitungen fleißig probierten, wurde es beim Kochen

sehr lustig, wir mussten viel Lachen, und es herrschte eine ausgesprochen

freudige Stimmung.

Beim Essen kam mir kurz der Gedanke, dass es sich anfühle, als ob es ganz

selbstverständlich sei, dass Klaus mit am Tisch sitze, und als ob es nie anders

gewesen wäre. Es erstaunte mich zwar, aber eine Vorstellung von Gast oder

Besuch wollte sich gar nicht einstellen, schien unangebracht, fremd, und ich

wollte sie in meinem Bild über unser Zusammensein auch gar nicht vertreten

sehen.

Wir haben uns am Tisch über unsere ehemals kolumbianische Haushaltsgehilfin

Sophia unterhalten. Ihre Eltern und Verwandten sind von der Farc gekillt worden.

Sie selbst ist als kleines Kind mit einer Kinderhilfsorganisation nach

Deutschland gekommen, und hat hier die Hauptschule besucht. Trotz sehr gutem

Klasse 10 Abschluss hat sie keine Ausbildung gemacht, sondern gleich

Geld zu verdienen versucht, und bald geheiratet. Einen Kolumbianer, von dem

wir – obwohl Sophia immer sagt, dass sie ihn liebt und ein Kind von im hat –

wünschen, dass er möglichst bald abgeschoben wird. Mit ihrer Einbürgerung

war er noch einverstanden, weil er dadurch sein Aufenthaltsrecht in Deutschland

gesichert sah. Als ich aber eine Weiterbildungsmöglichkeit für Sophia ohne

irgendwelche finanziellen Einbußen organisiert hatte, hat er es ihr einfach verboten,

und Sophia hat sich dem zwar weinend aber widerspruchslos gebeugt.

„Was soll ich machen, er ist mein Mann, ich liebe ihn.“ wiederholte sie nur

mehrfach. „Also ich finde, was die da machen, hat mit unseren Vorstellungen

von Liebe nicht das Geringste zu tun. Irgendwelche mittelalterlichen Vorstellungen

von Vertragstreue und Ergebenheit gemischt mit katholischem Ehesermon

und Heilge-Familie-Wahn sind da zusammen gebraut. Ich glaube Sophia

hat noch nie mit diesem Brutalmatcho gefickt, weil sie selbst Lust darauf hatte,

sondern immer nur, weil sie es für ihre selbstverständliche Pflicht hält, die Beine

breit zu machen, wenn dem Herrn danach ist seinen Schwanz in ihrer Möse

zu entladen.“ Carla ereiferte sich immer mehr. Mein Versuch sie zu bremsen,

schien fehl zu schlagen. „Ja, mir läuft auch vor Wut der Speichel im Mund zusammen,

wenn ich sehe, wie Sophia, diese intelligente, aufgeweckte, schöne,

junge Frau, die mit Sicherheit nicht die geringsten Probleme hätte, trotz Kind

etwas wesentlich Besseres zu finden, dieses Arschloch nicht zum Teufel schickt.

Ich glaub', ich hätte ihn schon längst erschossen. Sophia ist doch hier aufgewachsen,

wie kommt sie dazu, sich so etwas gefallen zu lassen.“ „Was macht

ihr Mann denn, schlägt er sie auch?“ wollte Klaus wissen. Ich meinte, dass er

sie nicht schlage, weil er wohl wisse, dass so etwas sehr leicht gefährlich für

ihn selbst werden könne. Arbeitslos sei er, und oft für mehrere Tage einfach

verschwunden, ohne Ankündigung, und ohne Erklärung hinterher. Wenn Sophia

frage, bekomme sie zur Antwort, das ginge sie nichts an. Ihr Geld müsse sie

bis auf den letzten Cent abliefern, und bekäme dann Haushaltsgeld, was aber

so gut wie nie ausreiche. „Das grenzt ja an Sklavenhaltung. Da braucht man

doch schon masochistische Servilität, um sich so ein Verhalten bieten zu las-

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sen“ kommentierte Klaus und Carla meinte: „Ich sag ja, erschießen. Ich glaube

so ein Typ könnte in mir noch sadistische Gelüste wecken. Jeden Tag ein Stückchen

mehr abschießen, bis er, wenn das Haushaltsgeld zu Ende geht, ganz tot

ist.“ Klaus wollte wissen, was in ihr denn sonst noch sadistische Gelüste wecken

könne. „So blöde Fragesteller wie du vielleicht?“ antwortete sie fragend

und schaute Klaus dabei breit grinsend, mit großen Augen und vorgestrecktem

Kopf an.

Ich schlug vor bei weiterem Bedarf an Explikation unserer sadistischen Gelüste,

dies doch auf der Couch zu tun, darüber hinaus verspüre ich Gelüste, Claus

Barolo zu probieren. Carla grinste breit. Mir war nicht klar, was ich gesagt haben

sollte. „So kann man's auch sagen“ meinte Carla nur ergänzend. Klaus lächelte

zwar, es schien ihm aber eher unangenehm. Er meinte nur: „Lisa, du

hast 'ne versaute Tochter.“ Da ging mir auf, was sie eventuell in meine Worte

rein interpretiert haben könnte. „Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, dass

sich beim Barolo der Geist im Glase entwickelt und nicht wo du's vielleicht vermutest,

Carla.“ Nicht sehr gelungen, wie ich darauf reagiert hatte. Ich konnte

es nicht mehr, leicht Anzügliches witzig formulieren. Abgesehen davon, dass

mir jede Übung fehlte, war meine Sprache zu alt und mein Feingefühl auf dem

Terrain einer situationsadäquaten Diktion völlig orientierungslos. Obwohl ich

selbst seit Carlas Pubertät im sexuellen Bereich häufig Bezeichnungen verwendete,

von denen ich vorher dachte, dass sie über meine Lippen nie kommen

könnten. Als Carla zum Beispiel immer von ficken redete, und ich sie bat, doch

eine andere Bezeichnung dafür zu verwenden, weil ich dieses Wort für disgusting,

Suburban-Slang und Prol-Sprache hielt, belehrte sie mich im Alter von 13

Jahren, dass Sprache sich eben ändere. Das sei in meiner Jugend vielleicht

noch so gewesen, aber heute sagten das alle, nicht nur in ihrer Klasse, in Filmen

werde es ja auch selbstverständlich verwendet, auch wenn im Fernsehen

in frühen Abendstunden immer ein Piep darauf gelegt werde. Sie könne sich

nicht vorstellen, das Verliebte sich gegenseitig fragten, ob sie Geschlechtsverkehr

miteinander machen sollten. Wenn sie das ihren Freundinnen erzähle,

würden die sich darüber totlachen.

Carla hatte sich beruhigt und wollte ins Bett gehen. Sie fühle sich beschwipst,

habe zu viel Sherry getrunken und würde uns sicher nur stören. „Oder braucht

ihr jemanden, der auf euch aufpasst?“ erkundigte sie sich noch schelmisch

grinsend. Ja, für einen 'Gute-Nacht-Schluck' zusammen mit ihr sei schon dringend

eine Aufsicht erforderlich, meinte Klaus lächelnd. Carla war ganz begeistert

von dem Geschmack des Barolo. Sie habe sicher nicht wenige Rotweine

getrunken, aber eine Köstlichkeit, die so voll ihr Geschmacksempfinden bezaubern

könne, sei bislang nicht darunter gewesen. Eigentlich könne sie jetzt gar

nicht ins Bett gehen.Sie nahm Klaus das Versprechen ab, von weiteren Flaschen

keine an andere Frauen zu verschenken, sondern nur uns mit zu bringen.

Dann gab sie jedem einen Kuss und verschwand in ihrem Zimmer.

„Lisa du hast eine ganz wundervolle Tochter.“ erklärte mir Klaus „und hast zu

dem noch das Glück, sie immer bei dir zu haben. Ich habe überhaupt das Gefühl,

dass ihr beide ein sehr glückliches Leben führt. Es gefällt mir ausgesprochen

gut bei euch. Es kam mir schon nach wenigen Minuten so vor, als ob ich

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selbstverständlich dazu gehöre. Ich empfinde euch beide als sehr, sehr nett.

Aber dass eine Tochter von Puschi Ahlers nicht nett sein könnte, ist ja im

Grunde auch gar nicht vorstellbar.“ „Nenn mich bitte nicht so Klaus, ich mag

das wirklich gar nicht. Und mit der Vorstellung, schon nach wenigen Minuten

dazuzugehören, das machen wir mit allen Männern so. Erst vermitteln wir ihnen

das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, dann nehmen wir sie aus und

anschließend schmeißen wir sie wieder raus. Wie eben anderswo im Leben

auch.“ erklärte ich mit salopper Gebärde und überheblichem Gesichtsausdruck.

Klaus fragte süß-sauer grinsend, was er denn daraus verstehen solle. Das sei

einfach schlicht meiner Lust am Blödeln entsprungen, besänftigte ich seine

zweifelnde Frage, nur zu unserer Family wolle ich noch erklären, dass Carla

und ich zwar schon ein relativ glückliches Leben hätten, sie auch biologisch

meine Tochter, aber in erster Linie eine andere erwachsene Frau sei, die selbständig

ihr eigenes Leben führe. Wir liebten uns zwar sehr und fühlten uns

auch aufeinander angewiesen, aber das sei zwischen zwei erwachsenen Frauen

viel erfüllender als zwischen Mutter und Tochter. „Wie, du lebst mit deiner

Tochter so ähnlich zusammen wie ein Paar, wie gewöhnlich Mann und Frau?“

fragte Klaus erstaunt. „Ja vielleicht ein bisschen so ähnlich sehen wir das,“ antwortete

ich ihm „nur finde ich das viel angenehmer, als ich mir das mit einem

Mann je vorstellen kann, und außerdem gibt es niemals sexuelle Probleme,

weil keine auf die Idee kommt, mit der anderen Sex haben zu wollen.“ Ob ich

generell keine Männer möge und wie Carla denn entstanden sei, wollte Klaus

wissen.

„Jetzt in meinem Alter weiß ich das gar nicht aber sonst mag ich Männer generell

eigentlich schon, nur …“ und damit fing ich an von einem zum andern kommend,

nach und nach mein gesamtes Sexualleben vor Klaus auszubreiten.

Meist sah er mich nur lauschend an, manchmal stellte er kleine Verständnisfragen

und ich spürte, den Drang mich immer weiter und detaillierter zu explizieren.

Warum und wie es zu Carla gekommen war, wusste er jetzt in allen Einzelheiten,

und selbst das mit Lilly hab' ich ihm erzählt. Je ne sais pas, pourquoi.

Was drängte mich dazu, diesem grundsätzlich relativ fremden Mann Angelegenheiten

zu erläutern, von denen ich eigentlich dachte, dass sie nur mir gehören

würden, und von denen ich viele sicher selbst meinem Psychiater verschwiegen

hätte.

„Du bist also der Ansicht, dass deine Arbeit dich nur befriedigen kann, wenn du

dich völlig auch mit all deiner Emotionalität in sie vertiefen kannst, jegliche Differenzierungen

für dich ungeheuer störend wirken, wenn nicht gar völlig unmöglich

sind. Ich kann das so nicht nachvollziehen, das wäre nicht meine Erklärung.

Ich habe zwar auch keine einfachen schlüssigen Erklärungsmuster,

aber zum Beispiel Carla, die passte bei deinen Schlussfolgerungen ja überhaupt

nicht ins Bild. Die könntest du dann ja auch nicht mit voller emotionaler

Hingabe geliebt haben? Oder wie wäre das zu erklären?“ bemerkte Klaus zu

meinen Darstellungen und fuhr fort „Bei diesem Erik glaube ich eher nicht,

dass du in ihm wirklich den Menschen geliebt hast. Er war dir angenehmen,

und du hast viel Spaß mit ihm gehabt, und als du wieder zu Hause warst,

brauchtest du das nicht mehr. Das könnte ich nachvollziehen. Wenn zum Beispiel

deine Freundin Lilofee, oder Carla sowieso, deine Hilfe braucht, wird dir

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die Idee, sie vertrösten zu wollen, weil's dir gerade nicht in den Kram passt,

sicher niemals in den Sinn kommen. Euch beiden war es ja auch wichtig, dass

die andere verstehen und akzeptieren kann, warum ihr keine Lust mehr daran

habt, bei Erik war dir das völlig gleichgültig, da hast du nur dich selbst

gesehen, und jemanden, der etwas von dir wollte.“

Ich schaute ihn nachdenklich und Zustimmung nickend an. „Haben dir denn

außer dem jungen Doktoranden sonst keine Männer Avancen gemacht? Das

kann ich mir bei so einer freundlichen, schönen und klugen Frau wie dir gar

nicht vorstellen, oder haben sie alle Angst vor dir gehabt?“ wollte er wissen.

„Danke Klaus“ antwortete ich und gab ihm einen flüchtigen Kuss „aber ich bin

eine alte Frau. Früher kam das schon sehr oft vor, da wurde ich häufiger eingeladen,

zum Essen, ins Theater oder sonst wohin, aber da liegt ja gerade das

Problem. Ich fand die Männer auch ganz nett, sonst hätte ich mich ja gar nicht

einladen lassen, aber wenn der Kontakt um einige Nuancen intensiver wurde,

roch ich die Testosteronwölkchen aufsteigen, und der Mann wurde mir plötzlich

ungeheuer fremd. Er kam mir einem Alien ähnlich vor, wie ein Monster, und die

Vorstellung, dies Gebilde ständig oder häufig um mich zu haben, bereitete mir

Angst und Ekel. Das Bild von Situationen, in denen ich mich verpflichtet fühlen

könnte, diesem Menschen berechtigte Ansprüche erfüllen zu müssen, weil er

mir meine erfüllt hatte, löste fast panikartige Empfindungen in mir aus. Ich

musste dann zwangsläufig ein wenig unhöflich oder unanständig werden, um

jede weitere Hoffnung im Keim zu ersticken. Bei einigen veränderte sich danach

ihr Verhalten massiv. Nur zwei haben mich auch hinterher nochmal eingeladen,

und konnten offen darüber sprechen, dass sie sich eine Liaison mit mir

schon gewünscht hätten, für mich war das dann aber ein für alle mal gestorben.

Einem anderen Prof., der wahrscheinlich mal ein Abenteuer suchte, und sicher

eingesehen hatte, dass er bei jüngeren Mädels keine Chance bekam, habe ich

erzählt, dass ich lesbisch sei, und mit Männern nichts anfangen könne. Zwei

Tage später fragte mich Lilly aufgeregt, ob ich irgend jemandem von unseren

Experimenten berichte habe, es liefe nämlich im Institut das Gerücht, dass ich

lesbisch sei.

Wenn's so gewesen wäre, dachte ich, hätte mir das vieles vereinfacht, nur

trotz unserer intensiven Wünsche, festen Absicht und eifrigen Bemühungen,

hatte sich das entsprechende Feeling bei Lilly und mir ja nicht einstellen wollen.

Wir blieben eben beide 'schwanzfixiert', obwohl das für mich mit andauernder

Entbehrung verbunden war, die ich allerdings gar nicht als solche registrierte.

Lillys und meine Experimente hatten wir aber strickt verborgen gehalten, damit

auf keinen Fall durch irgendwelche Gerüchte über unsere Beziehung, Lillys Position

in Gefahr kommen könnte. Lilly hatte nicht einmal ihrem Mann davon erzählt,

zuerst hatte sie sich zwar einfach nur nicht getraut, aber dann war sie

der Ansicht, dass jeder, der davon wisse, einer zu viel sei. Dass und warum ich

es Carla unter großem Indianerehrenwort der Verschwiegenheit bei einem unserer

vielen Gespräche über Beziehungen zu Männern und Frauen, sexuellen

Ambitionen und Präferenzen und ähnlichem, die seit Carlas Pubertät, mehr

oder weniger häufig zustande kamen, erzählt hatte, hat Lilly schließlich akzep-

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tiert. Jetzt geriet sie in Panik, und wollte wissen, wer von uns beiden dafür verantwortlich

sei.

Nachdem ich Lilly über den Urheber des Gerüchts aufgeklärt hatte, haben wir

uns einen Spaß daraus gemacht, die Sache umzukehren. Lilly galt im Institut

als mein Sprachrohr, mein Alter-Ego, und manche wollten es auch umgekehrt

nutzen, um über Lilly Einfluss auf mich zu nehmen. Lilly konnte also die Sache

aufklären. Ich habe mich gegen die massiven Zudringlichkeiten des lüsternen

Profs. E. nicht mehr anders zu wehren gewusst, als durch die Erklärung, dass

ich lesbisch sei. Da Lilly die Wege für schnelle Verbreitung von Gerüchten

kannte, schaute Monsieur E. schon am übernächsten Tag ostentativ zur Seite,

als er mir begegnete. Ich glaube die Story hat sich sogar unter den Studenten

verbreitet, ich meinte in den schmunzelnden Blicken mancher junger Damen

und Herren anerkennende Zustimmung zu spüren, denn im Gegensatz zu E.,

der immer stark die großartige wissenschaftliche Kapazität markierte, war ich

wohl immer sehr beliebt bei den Studis.

Nachdem E. eine Zeit lang krank gewesen war, habe ich ihn angesprochen, um

die Angelegenheit zu bereinigen. Auch wenn ich ihn angelogen habe, sei damit

noch längst nicht die Permission erteilt, als Marktschreier die sexuellen Vorlieben

einer Kollegin zu verbreiten. Wenn ein Mann meine, das trotzdem praktizieren

zu können, müsse er schon damit rechnen, lächerlich gemacht zu werden.

In seiner ersten Wut habe er überlegt, mich wegen übler Nachrede anzuzeigen,

nach längerem Überdenken und massivem Streit mit seiner Frau, die

über andere Wege davon erfahren habe, sehe er aber jetzt vieles anders. Er

habe eine Art Katharsis durchlaufen, und sehe das, was ich ihm angetan habe

letztlich als große Hilfe an, die ihm gezeigt habe, dass auch er und sogar von

Frauen immer noch vieles lernen könne. Dass ich das Gespräch gesucht habe,

und wieder mit ihm reden wolle, bestätige ihn in seiner Einschätzung. Er sei

sehr froh darüber, und hoffe dass wir auch weiterhin noch viel voneinander lernen

könnten, allerdings vom Modus her doch möglichst ein wenig mehr kommod.“

Klaus amüsierte das sehr. „Toll!“ fand er: „Aber hast du dir nie die Frage gestellt,

ob es nicht einfach auch ganz nette Männer geben könnte, bei denen

nicht immer sofort der Testosteronspiegel explodiert, wenn sie 'ne Frau sehen,

sondern die dich primär einfach als Mensch bewundern und gern haben könnten,

wie deine Tochter und Lilly, und die gern deine Wünsche respektieren würden

und keine Ansprüche an dich stellten und nur zu unbeholfen wären, dies zu

vermitteln?“ „Eigentlich nicht. Aber wozu auch? Es gab ja für mich nicht den

geringsten Anlass dazu. Ich empfand nie den geringsten Mangel. Vorstellungen

über Männer waren für mich fast ausschließlich mit zusätzlicher überflüssiger

Belastung verbunden. Ich hätt' vielleicht schon ganz gern mal mit jemandem

geschlafen, wie früher in der WG auch. Irgendetwas mit Beziehung oder großer

Liebe stand da aber auch nie zur Disposition. Vielleicht auch weil die Jungs in

der WG sich gar nicht trauten. Ich hatte immer so ein wenig den Nimbus einer

Femme-fatale , ziemlich groß, relativ üppiger Busen, dicke schwarze Afrofrisur

und Gitanes rauchend, zudem noch mit dem für eine Frau unmöglich scheinenden

Interesse an Biochemie, aber in Wirklichkeit war ich ja das völlig unerfahrene

Landmädel. Das einzige, was ich seit dem ersten Mal wusste war, dass ich

dafür sorgen musste, dass sich die Jungs gefälligst um mich zu kümmern hat-

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ten, damit es mir auch Spaß machte. Vielleicht waren die Jungs ja einfach

dankbar, wenn sie mal mit so 'ner verwegenen Frau, wie mir, ins Bett durften.“

ich musste über meine eigenen Worte laut lachen „Nein, Ausschlag gebend war

glaube ich die Situation aus der sich das entwickelte. Die Absicht, gemeinsam

ins Bett zu gehen, war vorher sicher nie bei einem vorhanden. Es waren immer

Unterhaltungen, die sich zunehmend lustiger, emotionaler und vertraulicher

entwickelten, bis bei beiden wie selbstverständlich der Wunsch auftauchte sich

noch näher zu kommen, und dies durch gemeinsame Aktivitäten im Bett zu intensivieren.

Einfach so, das Bedürfnis jetzt mit einem Mann ficken zu wollen,

habe ich nie gehabt. Es hat mir nichts ausgemacht, darauf zu verzichten. Ich

empfand keinen Mangel. Ein nettes, aber nicht unbedingt erforderliches Surplus“

Klaus reagierte nachdenkend: „Ich weiß auch gar nicht, wie ich mich einer Frau

wie dir gegenüber verhalten hätte. Freche, selbstbewusste Frauen haben mir

eigentlich immer mehr imponiert, Schlummerbienen mit ihren übertrieben femininen

Attitüden waren mir immer grauselig. Meine erste Freundin, noch

während der Schulzeit, schien mir das einzige Mädchen auf der Welt, das voll

zurechnungsfähig war, im Gegensatz zu den anderen, die für mich alle Tussis

waren. Auch meine Frau, die ich sehr geliebt habe, hat eher etwas Freches,

Herbes …“ und jetzt erzählte Klaus. Er hatte viel intensiver politisch die 70er,

80er und auch noch 90er Jahre gelebt. Zu dem noch geheiratet und Kinder

nicht nur bekommen sondern auch groß gezogen. Sein Leben war sicher wesentlich

facettenreicher verlaufen als meines. Auch wenn es seine begonnene

Hochschulkarriere gekostet hatte, machte es mich ein wenig neidisch. Mir kam

es vor, als ob ich etwas Unbestimmtes im Leben verpasst hätte. Klaus hatte sicher

mit viel mehr Problemen zu kämpfen gehabt als ich, und auch viel mehr

einstecken müssen, aber selbst das schien mir zu fehlen. Zum ersten Mal

wuchs in mir eine Vorstellung, die mich auf mein eigenes Leben nicht mehr

stolz, ja sogar nicht mehr zufrieden mit ihm sein ließ. Als ob mir das Entscheidende,

etwas Buntes, Blumiges, Lebendiges versagt geblieben wäre, ich die

ganze Zeit ums Paradies gerast sei, und mir verborgen geblieben wäre, dass

ich überhaupt nicht drin war. Während mir Klaus Leben eher wie ein Roadmovie

erschien, schrumpfte meines zu einer Fachidioten-Heimatschnulze zusammen.

Eine Träne löste sich aus meinem Auge. Klaus stockte erstaunt und sah

mich fragend an. „Es macht mich traurig,“ erklärte ich knapp. „Was macht dich

traurig?“ fragte Klaus nach. „Das geht dich nix an.“ gab ich patzig zurück. Ob

er aufhören solle, fragte Klaus. „Bloß nicht, du hast mir noch viel zu wenig

über deine Amouren erzählt, und das will ich jetzt zumindest genauso detailliert

erfahren, wie ich mich vor dir entfaltet habe. Also z. B. hast du eine

Freundin und wenn ja, wie oft schläfst du mit ihr oder so.“ Ich konnte wieder

lachen und Klaus stöhnte auf: „Lisa!“ mit ganz langem I, wie ein entrüstetes

'Lisa, wie kann man nur', fing aber doch an zu erzählen. „Also ich habe keine

Freundin und will auch keine haben, weil ich mich dadurch zu sehr eingeengt

und kontrolliert fühlen würde, war lange Zeit meine feste Meinung, die mich

aber schon länger immer weniger überzeugt. …“ Ich schaute Klaus an und hörte

fasziniert zu. Er konnte geistreich und gefühlvoll erzählen, und besonders

angenehmen war es, seiner leicht sonoren samtenen Stimme zu lauschen. Ich

musste aufpassen, dass ich nicht vergaß, zu fragen, was ich unbedingt wissen

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wollte. Warum Beziehungen bei ihm zu Ende gegangen waren, und wie er sich

dabei den Frauen gegenüber verhalten hatte, das interessierte mich besonders

detailliert.

Als Klaus dabei angekommen war, vom Sexualleben mit seiner Ehefrau zu erzählen,

stockte er, und hielt sich die Hand vor die Stirn „Mein Gott, was tun wir

hier eigentlich?“ rief er fragend „für mich war das immer Gesetz, nicht über die

Intimitäten mit anderen Frauen zu tratschen, und ich habe auch niemals ein

Bedürfnis dazu verspürt, aber jetzt mache ich das einfach so. Einfach so plaudere

ich die Intimitäten anderer Menschen, die mir vertraut haben, aus, als ob

es nichts Selbstverständlicheres unter der Sonne gäbe.“ „Ich weiß es ja auch

nicht Klaus, überhaupt nicht,“ unterstrich ich sein Erstaunen über die Situation,

und strich ihm übers Haar, „mir geht es doch genauso. Vieles von dem, was ich

dir erzählt habe, weißt bis jetzt nur du. Vielleicht gibt es bei jedem ein tief liegendes,

unbewusstes Bedürfnis, sein äußerst Privates einer sehr vertrauten

Person mitzuteilen, aber warum ausgerechnet wir beide das sein sollen, obwohl

wir uns ja vor heute Abend so gut wie gar nicht kannten, will mir auch nicht

einleuchten. Vielleicht stellt sich so tiefes Vertrauen eben nur ein, wenn man

zusammen Kaufladen gespielt hat, und da schon nicht betrogen wurde.“ fügte

ich scherzend an.

Kurze Nacht mit Frühstück

Mittlerweile war es nach 3:00 Uhr in der Früh geworden. Die Baroloflasche war

leer, aber wir spürten weder Alkohol noch Müdigkeit. „Klaus, du fährst jetzt

nicht mehr nach Hause. Wir haben für dich alles was du brauchst, sogar einen

richtigen Herrenbademantel und neue Zahnbürsten. Und vor allem will ich dich

Morgen beim Frühstück noch sehen.“ und ich erklärte ihm kurz, was es damit

auf sich hatte. Nach anfänglich skeptischem Blick war er einverstanden, und

ließ sich von mir alles kurz zeigen. Wir verabschiedeten uns mit einem leichten

Kuss, und verschwanden in unseren Zimmern.

Ich versuchte zu rekapitulieren, was sich da heute Abend eigentlich abgespielt

hatte, schlief aber nach den ersten Ansätzen sofort ein. Plötzlich wurde ich

wach, ich lag heftig atmend verschwitzt in meinem Bett. Was war passiert? Ich

hatte doch tatsächlich geträumt, mit Klaus zu ficken. Verständnislos atmete ich

tief durch, drehte mich, nicht weiter daran denken wollend zur Seite, und

schlief wieder ein. Einige Zeit später, wieder das Gleiche. Mon Dieu, Madame!

Was soll das? Ich schaute zur Uhr, kurz vor fünf. Nochmal wollte ich das nicht

mitmachen. Ich stand auf und ging ins Bad. Während das Wasser in die Wanne

lief schaute ich intensiv das faltige Gesicht im Spiegel an. Ich suchte das Gesicht

des kleinen Mädchens, das darauf brennt Unsinniges zu tun, das Abenteuer

sucht ohne die Risiken in Erwägung zu ziehen, das neues Land erforschen

will, ohne zu wissen, ob es überhaupt begehbare Wege dahin gibt. Es sollte

sich zeigen, ich wollte es verstehen, und ihm auch helfen, aber es hielt sich

hinter dem Faltenvorhang verborgen. Vielleicht weil es wusste, das ich es sowieso

nicht verstehen konnte, und meine Hilfe wertlos war. Ich legte mich in

die Wanne, und ließ den Schwamm langsam über meinen Körper gleiten. Was

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war das nur für eine Bühne auf der sich dieser Hexentanz abspielte.

Regisseurin war ich hier jedenfalls nicht. Auch in Drehbuch und Choreografie

hatte ich keine Einblicke. Die Musik zwang mich einfach nur zu tanzen. Ich war

eine Marionette, deren Verhalten über dünne Fäden von unsichtbaren Akteuren

gesteuert wurde. Musste ich das akzeptieren, sollte ich das angenehm finden,

mich darüber freuen, etwa stolz darauf sein. Eigentlich hatte ich mich schon

viel zu tief hinein ziehen lassen. Vielleicht wäre jetzt der letztmögliche

Zeitpunkt, um aus diesem Szenario noch heraus zu finden.

Nachdem ich mich im Badewasser fast aufgelöst hatte, zog ich mich an, und

begann das Frühstück vorzubereiten. Ich hatte Klaus gar nicht gesagt, wann

wir frühstückten. Freitags eigentlich zwischen neun und zehn. Um neun Uhr

ging ich ihn wecken. „Klaus das Frühstück ist schon fertig. Komm einfach im

Bademantel runter. Anziehen kannst du dich später.“ Als er am Tisch saß,

schienen mein Blues und meine Unausgeschlafenheit plötzlich weggeblasen.

Wir scherzten miteinander und er bewunderte den Frühstückstisch. „Jeden

Morgen ein Osterfrühstück nur ohne Osterdekoration, das hätte ich auch gerne.“

meinte Klaus. Er könne ja Carla fragen, vielleicht käme die mal vorbei,

und würde ihm den Tisch decken, bot ich ihm scherzhaft an. „Klaus im Ernst,

sag mal, mit gestern Abend, was war das eigentlich. Sollen wir das nicht einfach

ganz schnell wieder vergessen?“ schaute ich ihn fragend an. Klaus war der

Ansicht, dass man nicht einfach auf Befehl etwas aus seinem Gedächtnis tilgen

könne, und dass es auch nicht einfach so bald verschwinde, dafür sei es zu intensiv

und bedeutsam gewesen. Wir könnten allenfalls uns gegenseitig versprechen,

dass wir niemandem davon erzählten, aber das würde ja sowieso

nicht geschehen, wie er das sehe. Für uns selbst könnten wir ja vielleicht gut

mit der Deutung leben, dass sich alte Sandkastenfreunde gegenseitig ihr Leben

erzählt hätten, und das nur eben ein wenig intensiver, statt sich permanent mit

dem Vorwurf zu quälen, leichtfertig alle Intimitäten ausgeplaudert zu haben.

Wir hatten die Köpfe zusammen gesteckt, als wenn wir sehr Geheimes zu besprechen

hätten. Plötzlich stand Carla am Küchentisch. „Oh, das ging ja

schnell.“ war ihre erste grinsend geäußerte Bemerkung. „Klaus hat in Opas

Zimmer (so hieß unser großes Gästezimmer immer noch, obwohl der Opa

schon seit zehn Jahren tot war) geschlafen und ich in meinem. Halt dich gefälligst

ein wenig zurück.“ reagierte ich leicht gereizt. Mit vielfachen Entschuldigungen

und Selbstbezichtigungen fiel Carla mir um den Hals, und versuchte alles

zurück zu nehmen. Klaus störte es nicht, er fand's nur lustig. Ich wollte

Klaus vermitteln, dass ich es für besser hielte, wenn wir uns erst mal einige

Zeit nicht sehen würden, und dass ich das unbedingt für mich brauche. Derartige

Worte zu ihm zu schicken, schien am Tisch aber eine mir unbekannte Kraft,

die stärker war als ich, zu verhindern. Erst als er ging, brachte ich's im letzten

Moment an der Haustür heraus. Klaus machte große erstaunte Augen und sagte

nur: „Tut mir leid, dann werd' ich das wohl so akzeptieren müssen.“

„Mama, bist du verrückt? Der Typ ist Klasse, so einen kann man doch nicht

wegschicken, den muss man halten, und nicht laufen lassen. Oder ist gestern

Abend vielleicht noch etwas passiert?“ fauchte Carla mich an. „Schatz, mir

geht’s nicht um Typen halten oder laufen lassen. Ich selbst bin völlig durcheinander,

ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich will oder nicht will. Ich merke,

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wie ich mich ganz anders verhalte, als ich's beabsichtigt hatte. Ich habe oft das

Gefühl völlig neben mir zu stehen. Ich denke manchmal, ich dreh durch.“ versuchte

ich Carla meine Situation klar zu machen. Carla schlug vor, wir sollten

doch einfach mal an die See fahren, das hätte ich doch sonst auch schon öfter

gemacht, wenn ich mich entspannen, und wieder einen klaren Kopf bekommen

wollte.

Eigentlich keine schlechte Idee, nur musste ich dabei allein sein. Mit Carla zusammen

würde das nicht funktionieren. Ich rief im Büro an und sagte Lilly,

dass ich mich für eine Woche krank schreiben lassen wolle, und Hildegard das

Attest schicken würde. Lilly wollte natürlich wissen, was los sei, und ob er

nichts von mir wissen wolle. „Doch, doch Lilly, nur das mit dem einfach laufen

lassen funktioniert nicht. Ich bin manchmal nicht zurechnungsfähig. Ich mache

Sachen, die ich hinterher nie gewollt haben würde. Ich habe überhaupt keine

Kontrolle mehr über mich. Ich fühl' mich völlig derangiert. Ich erzähl dir alles

detaillierter, wenn ich zurück bin.“ Hildegard fragte auch ganz besorgt, was

denn passiert sei, und meinte: „Ich kann dir nur raten, nicht zu versuchen, das

argumentativ klären zu wollen, das spielt sich anderswo ab. Entscheide dich für

das Eine oder das Andere und steh dazu, zieh das nicht wieder in Zweifel, auch

hinterher nicht denken 'hätt' ich doch'. Dann war's eben ein Fehler, mit 'nem

Fehler kann man gut leben, mit ewigen Vorwürfen und Zweifeln nicht. Aber

wem erzähl ich das, das sind ja Kleinkinderratschläge.“ „Aber in solchen Fällen

vielleicht genau adäquat. Ich komme mir manchmal nämlich so ähnlich vor.“

antwortete ich. Sie hoffe, mich dann als erwachsene Frau wieder zu sehen, weil

es ihr mit Kindern in der Oper doch nicht soviel Spaß mache, und sie sei der

festen Überzeugung, dass wir später mal viel darüber zu lachen haben würden,

egal wie ich mich entscheide.

An der See

Ich rief im Hotel an, packte das Nötigste zusammen, besorgte mir noch schnell

ein billiges neues Handy, und war nach knapp vier Stunden im Hotel. Ich rief

Carla an, um ihr meine neue Nummer durchzugeben. So war sie die einzige,

die mich im Notfall erreichen konnte, oder aus anderen Gründen stören durfte.

Meine Sachen packte ich nicht aus, ich wollte heute noch ans Meer. Es fasziniert

mich immer wieder aufs Neue, am weiten leeren Strand die ungeheure

ruhige Kraft des Ozeans zu spüren. Es hat für mich auch bei Sturm nie bedrohliche

Züge, löst keine angstvollen Vorstellungen aus. Ich kleiner Winzling fühle

mich inmitten dieser großen Kräfte beschützt und geborgen. Wenn der Salzduft

meine Nasenhöhlen okkupiert, und die frechen Winde mein Haar zerflattern,

fühle ich mich neckisch begrüßt, und liebevoll aufgenommen in den Kreis der

übermächtigen Naturgewalten. Alles nur Imagination? Selbstverständlich, aber

es lässt für mich die überhektische Betriebsamkeit in den Städten zu winzigen

l'art pour l'art Sujets schrumpfen, und vermittelt mir das Empfinden, frei zu

sein für Wesentliches und Bedeutendes. Ein Aufenthalt an der See, erfüllt mich

immer mit Kraft, Ruhe und Zufriedenheit. Vielleicht wird die Angelegenheit mit

Klaus hier ja auch zu einer Marginalie schrumpfen, vielleicht wird er ein netter

Freund bleiben, den wir völlig unaufgeregt mal zum Essen einladen, wer weiß,

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wir werden sehen.

Zurück im Hotel packte ich meine Sachen aus, und wollte mir ein Restaurant

suchen. Es fing heftig an zu regnen, also blieb ich zum Abendbrot im Hotel. Ich

ging ins Zimmer und wollte lesen, aber alles, was ich mitgenommen hatte, weil

ich es für interessant hielt, und dringend lesen wollte, gefiel mir heute Abend

nicht. Ich drehte mich auf den Rücken, und versuchte zur Decke starrend noch

mal zu rekapitulieren, was ich Klaus gestern Abend alles erzählt hatte. Eigentlich

alles, von meinem ersten Mal bis zur detaillierten Beschreibung, wie ich

masturbiere. Ich sollte lieber überlegen, ob mir noch irgendetwas einfiele, was

ich ihm eventuell nicht erzählt haben könnte. Wie konnte ich nur so bescheuert

sein? Eine 64 jährige Frau, die sich weiß Gott nicht für intellektuell minderbemittelt

hält, breitet einem fast unbekannten Mann, ungefragt alle Intimitäten

ihres Lebens aus. Was treibt sie dazu, was erhofft sie sich davon, was gibt ihr

das Vertrauen? Warum erzählt sie ihm nicht mitreißende Geschichten von

spannenden Forschungserfolgen? Darf man sich etwa in der gealterten Sandkasten-Gang

nur streng Vertrauliches, Intimes vermitteln. Klaus hat's ja auch

getan, und erst sehr spät gemerkt, dass er fleißig dabei war, sich selbst Untersagtes

zu praktizieren. Waren 60 Jahre bei unserem erneuten Zusammentreffen

einfach ausgeblendet worden? Rational zwar präsent, aber emotional bedeutungslos?

Hatte sich trotz der fast das ganze Leben andauernden Trennung

das kindliche Vertrauen sofort wieder eingestellt, das sich wie eine unlöschbare

Matrix bei uns eingebrannt hatte, und jederzeit reaktiviert werden konnte?.

Wie Klaus den Umgang mit seinen Freundinnen und Partnerinnen schilderte,

schien mir ziemlich sympathisch. Ich würde das allerdings ja gerne mal von

den Frauen selber hören. Was denkt er wohl über mich. Ob er auch wohl im

Traum mit mir vögelt? Sicher nicht, aber ich habe ja auch nie daran gedacht,

mit ihm ins Bett zu gehen, und trotzdem hab' ich's geträumt. Wo kommt das

eigentlich her? Ich habe solange ich mich erinnern kann, nicht davon geträumt,

mit einem Mann zu schlafen. Mein Traumarchiv dürfte solche Streifen doch gar

nicht mehr vorrätig haben. Ich weiß nicht einmal, ob Klaus überhaupt Lust

dazu hätte, mit mir alter Schachtel ins Bett zu gehen. Vielleicht kann er ja

auch selbst gar nicht mehr richtig. Bei einem Mann mit 65 da klappt's doch

meistens nicht mehr einfach so. Da hat er nichts von erzählt. Im Traum war er

ja ganz gut, und ich war auch ganz fleißig.

„Hey Lisa, was überlegst du hier eigentlich für selten dämlichen Unsinn?“ rief

ich mich zur Raison. Ich beschloss Carla anzurufen, das würde mich sicher auf

andere Gedanken bringen. Nach zwei Sätzen fing Carla auch an, von Klaus zu

reden, vielmehr zu schwärmen. Er sei der einzige Mann, den sie sich bei uns

im Haus vorstellen könne, und worauf sie sich riesig freuen würde. „Carla, ich

bin hier, weil ich Abstand gewinnen möchte, und mir einen klareren Blick verschaffen

will. Im Übrigen hältst du's doch wohl auch nicht für so ganz realistisch,

dass ich mit einem Mann zusammen leben könnte, nur weil du ihn so toll

findest.“ erwiderte ich. Carla meinte, sie habe nur Angst um mich, dass ich mir

möglicherweise wegen eventuell kleinlicher Bedenken und Ängste eine einmalige

Chance entgehen ließe. Sie habe, den Eindruck, dass wir uns beide, Klaus

mich auch super-gern möchten, und unheimlich lieb und vertrauensvoll miteinander

umgingen. Sie könne sich das nicht schöner vorstellen, und sie möge

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Klaus auch sehr.

Klaus war überall. Ich schien nur noch eine Chance zu haben, dass mir die Bedrängnis

durch mich selbst und andere so auf die Nerven ging, dass ich den

Namen Klaus nicht mehr hören könnte. Ich ging in die Launch, um eventuell

andere Menschen zu sehen, oder mit ihnen zu reden. Keiner da. Der Barkeeper

stand allein hinter seiner Theke, und trocknete gelangweilt Martini Gläser. Er

meinte es sei für lange Zeit schlechtes Wetter mit viel Regen angekündigt. Ich

bat ihn, mir etwas zu mixen, wovon ich gut schlafen könne. Er überlegte und

gab die Empfehlung, dass eigentlich warmes Bier das beste Einschlafmittel sei,

das könne er mir wohl zubereiten, wenn ich es wünsche. Ich wehrte entschieden

ab. Dann hat er mir etwas sehr leckeres gemixt und erklärte, das sei extra

ein Schlaftrunk für schöne Frauen. Als ich meinte er sei ein Schleimer, und

dann würde der Drink ja eigentlich bei mir gar nicht mehr wirken, wollte er erklärt

haben, was Schleimer bedeute. Dann haben wir uns bei zwei weiteren

Schlafdrinks für schöne Frauen noch ein wenig weiter unterhalten, wobei er mir

erklärte, was wirklich die Schönheit einer Frau ausmache. Lächelnd fiel ich ins

Bett und schlief sofort ein. Es kann anscheinend auch entspannend sein, ein

wenig Nonsens zu reden.

Am nächsten Tag goss es wirklich unablässig. So würden mich die Naturgewalten

am Strand sicher gar nicht erkennen, und einladen können. Was sollte ich

nur den ganzen Tag machen. Ich hatte nur meine Bücher mitgenommen, und

meine Leseintentionen wurden ja durch limbische Störimpulse so fundamental

bekämpft, dass sie mir lesenswert scheinendem rücksichtslos den Stempel uninteressant

aufdruckten. Wenn ich dann trotzdem ein Buch aufschlug, und meine

Augen die Zeilen abtasteten, musste ich nach kurzem feststellen, wie einfach

die Interpretations- und und Verständnisfelder abgeschaltet wurden, und

meine kortikalen Zentren mit Gedanken belegt waren, von denen in den Büchern

nichts zu finden war. Die limbischen Banditen hatten hier ungefragt ihre

eigenen, dumm verwirrendes Gewäsch plaudernden Störsender implantiert,

und ließen jeden weiteren Leseversuche scheitern.

Mein süßer Schleimi-Barkeeper war auch noch nicht da, und nach dem Frühstück

gleich mit dem Schlaftrunk für schöne Frauen zu beginnen, schien mir

auch ein wenig deplatziert. Ich war ja schließlich nicht nach Holland gefahren,

um mich in einer Woche zur Saufziege ausbilden zu lassen, eigentlich sollte da

ja mehr so etwas wie ein Kopf mit klaren Gedanken im Vordergrund stehen.

Ich musste mich trotz Regens etwas bewegen. An der Rezeption gab man mir

einen großen Hotelschirm, weil man der Ansicht war, mein kleiner Taschenschirm

sei für das Wetter draußen viel zu schwach.

Also lief ich Reklame fürs Hotel. Das kleine Städtchen schien, obwohl es Samstag

war, fast ausgestorben. Hier huschten Leute gebückt unter Regenschirmen

in Geschäfte, dort öffneten Leute Türen, streckten eine Hand ins Wetter, und

zogen sich Tür schließend wieder zurück, und manchmal sah man auch Menschen

aus Haustüren zu ihren Autos rennen, oder umgekehrt. Wo man Menschen

sah, schienen sie sich von den Regenfäden wie von feinen Peitschen antreiben

zu lassen, um wieder schnell sichere beschützende Orte zu erreichen,

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wo der Regen ihnen nichts mehr anhaben konnte. Ich kam mir vor, wie der

einzige starke Vertreter unserer Art, der vermittels seines großen Hotelschirms

unbehelligt von den sirrenden Regenfäden sicher und gemächlich die Fronten

der Geschäfte des kleinen Städtchens abschreiten konnte. Ich wollte meinen

Lieben irgend etwas Kleines mitbringen. Zuerst fiel mir natürlich die Frage ein,

ob ich für Klaus auch etwas mitbringen sollte, verflixt! Erst musste ich mal entsprechende

Geschäfte finden. Warum gab's hier eigentlich keine überdachte

Einkaufspassage, bei Regenwetter braucht man so etwas doch. Ich fand einen

kleinen Schmuckdesigner. Die Auslage sprach mich sehr an, ziemlich modern

und doch überwiegend dezent. Vielleicht wahr ja auch noch für mich selbst etwas

dabei (Klaus verschwinde aus meinen Gedanken) – also ausschließlich für

Carla. Ein kleines Collier, ein Silberreif mit zwei versetzten Querstäbchen deren

Zwischenraum durch unterschiedlich große Zirkoniasteinchen in mich sehr ansprechender

frischer farblicher Kombination, überbrückt wurde. Ich versuchte

es mir an Carlas Dekolleté vorzustellen und versuchte zu überlegen, wie Carla

es empfinden könnte. Ich war mir sicher und kaufte es.

Am Abend an der Bar war ich wieder allein mit meinem Schleimi-Keeper. Er

lobte, wie angenehm es sei, sich mit mir zu unterhalten. Er habe schon den

ganzen Tag daran gedacht, ob ich heute Abend wohl wieder an der Bar sein

würde. Ich erklärte ihm, dass man eigentlich nicht ungestraft endlos schleimen

dürfe, er könne aber einer Strafe entgehen, wenn er mir einen Gefallen täte.

Ich hätte noch zwei Freundinnen, die tausendmal schöner seien als ich, auch

nach meinen eigenen Kriterien, und denen würde ich gern etwas von dem Gute-Nacht-Trunk

für schöne Frauen mitbringen. Ob er mir auch eine ganze Flasche

voll mixen könne. Selbstverständlich war er sofort bereit. Er suchte eine

besonders exquisite Flasche aus, goss den Rest in einen Behälter und begann

zu mixen.

Wunderbar! Ich merkte nur an, dass sich laut Etikett in der Flasche „Single

Malt“ befände, und ich mir nicht ganz sicher sei, ob nicht zumindest eine der

beiden schönen Frauen das doch eher mit Wisky als mit Schlaftrunk übersetzen

würde. Ich schlug vor, ein weißes Etikett darüber zu kleben, und es auf deutsch

zu beschriften. Nein, nein das sähe nicht aus, das würde ja alles verderben.

Ich solle ihm nur sagen, was darauf stehen müsse, dann könne ich morgen

Abend die Flasche in Empfang nehmen. Ich schrieb ihm auf:

„Gute-Nacht-Trunk

Nur für Schöne Frauen!“.

Jetzt müsse ich auch mal schleimen, nämlich dass ich ihn für den aller nettesten

Barkeeper, der mir je begegnet sei, hielte. Aber eigentlich sei das schlicht

die Wahrheit, und gar nicht geschleimt. Er meinte ich mache ihn ganz verlegen.

Er solle sich nicht so anstellen, was sei denn schon dabei, wenn die Mama

den Sohn lobt. Ich dürfe nicht so reden, und vor allem dürfe ich mir das nicht

selbst einreden, das tue ihm weh. Er habe mir ja schon erklärt, ich sei eine

sehr, sehr schöne Frau, am wichtigsten sei es jedoch, das ich das selber wisse,

und nicht immer abzustreiten versuche. Ob er denn von der schönen Frau

einen Kuss annehme, oder ob sie nicht dafür doch zu alt sei, wollte ich wissen.

„Hören sie auf und küssen sie mich. Ich warte darauf.“ rief er. Nach dem Kuss

strich ich ihm mit der Rückseite meiner Finger am Gesicht entlang, und ging

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verschmitzt lächelnd auf mein Zimmer.

Auch wenn ich wusste, dass es alles nur Geplänkel und Spielerei war, konnte

ich nicht abstreiten, dass es mir doch ein wenig gut tat, und meine Stimmung

aufheiterte. Ich begann zu überlegen, ob er das selber vielleicht wirklich glauben

würde. Ich versuchte mich an seine Kriterien vom Vorabend zu erinnern.

Gesichtszüge, Augen, Lächeln, Proportionen, Grazie, Klugheit waren darunter

gewesen. Beim Nachdenken darüber, wie wohl was bei mir zu bewerten sei,

schlief ich ein.

Am nächsten Morgen wieder volles Regenprogramm. Heute musste ich aber

unbedingt mit der Causa Klaus weiter kommen, egal ob Meer oder nicht. Ich

konnte nicht einfach zurück fahren, und für mich selbst nichts geklärt haben.

Ich fühlte mich auch ohne Meer schon viel entspannter und keinesfalls mehr so

durchgeknallt. Und abends fiel mir dank der Schöne-Frauen-Drinks Klaus gar

nicht mehr ein.

Ich glaubte es einfach mal platt systematisch angehen zu sollen.

Welche Möglichkeiten gab es? Da waren die zwei Extrem-Positionen:

1. der Kontakt zu Klaus wird komplett beendet, weil es mich zu sehr stört,

und ich mich selbst nicht mehr in der Gewalt habe, und

2. Klaus zieht voll in unser Haus ein, wir leben wie ein übliches Paar mit einer

zweiten Frau in einer Wohngemeinschaft.

Was könnte zwischen diesen Extremen liegen

1. mit Klaus wird nicht ganz Schluss gemacht, er bleibt ein netter Freund,

wir laden uns gegenseitig öfter ein, verstehen uns zwar gut aber no Sex.

2. ein Schritt weiter wäre, Klaus ist nicht nur ein guter Freund, er ist my official

Lover, ich nehme ihn überall hin mit, Sex nur selten, aber nicht völlig

ausgeschlossen.

3. die nächste Stufe wäre, wir wohnen zwar nicht zusammen, treffen uns

aber immer, wenn wir Lust aufeinander haben.

Was will ich denn davon, was wäre denn realistisch und praktikabel?

Ich will ihn nicht verlieren, er soll mich nur nicht verrückt machen. Die Netter

Onkel-Freundschaft ist meiner Ansicht nach nicht mehr praktikabel. Da waren

wir vielleicht beim Abendessen noch, aber jetzt sind wir längst darüber hinaus.

Zwischenstufe 2 ergibt meiner Ansicht nach keinen Sinn. Wenn man schon Sex

hat, warum soll man's nicht dann tun, wenn man Lust dazu hat. Sie ist formal

und hohl.

Bleiben Extrem 2 und Zwischenstufe 3.

Ich will ihn ja nicht nur zum Sex haben, vielleicht sogar überhaupt nicht. Ich

hab ja gar nicht daran gedacht, dass er ein Mann ist, mit dem man ins Bett gehen

kann. Ich will ihn hören, sehen, um mich wissen. Ich möchte mit im reden,

kochen, tanzen, das ist es, wonach ich ein Verlangen in mir spüre.

Aber wie verträgt sich das mit meinem Horror, permanent einen Mann im Haus

zu haben. Ist das nur meine Theorie, oder wird die Situation auch schnell dahin

umschlagen? Könnte man das verhindern?

Eigentlich kommt für mich nur das volle Zusammenleben mit Klaus in Frage,alles

andere ergäbe keinen Sinn. Nur müssen wir noch Vieles überlegen und wir-

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kungsvolle Vorkehrungen treffen, damit es auch funktionieren kann. Und natürlich

meine Unsicherheit, ob das überhaupt praktikabel ist, selbst wenn ich es

unbedingt will. Ich habe noch nie (außer mit Anfang 20 in der WG) mit einem

Mann zusammen gelebt, ja nicht mal eine feste Beziehung gehabt. Ob bei

überheblichster Einschätzung meiner Flexibilität, Lernbereitschaft und Toleranz

überhaupt eine Chance besteht, dass ich in der Lage sein werde, mich meinem

eigenen Wunsche dienlich zu verhalten. Was mich jetzt bei Klaus Anwesenheit

entzückt, wird mir in einem halben Jahr schon 182 mal begegnet sein, jeden

Tag, der Reiz des Neuen kann nicht mehr wirken. Wird es mich noch entzücken?

Es ist immer da, keine Ausnahme mehr. Wird die Sehnsucht, ihn immer

um mich zu wissen, auch nach der Erfüllung noch wirkungsvolle Kräfte

entfalten. Wird es mich immer noch reizen, ihn zu berühren, wenn ich ihn an

182 Tagen berühren konnte. Werde ich nach 182 Tagen immer noch so gerne

seiner Stimme lauschen, oder werde ich immer mehr mir unangenehme Zwischentöne

vernehmen, für die meine Wahrnehmungsorgane im anfänglichen

Rausch blockiert waren. Wird es mich noch interessieren, wenn das meiste an

Klaus zum selbstverständlichen Alltag gehört, oder wird unser Interesse aneinander

nach und nach schrumpfen, wie bei den meisten üblichen Ehepaaren?

Werde ich nicht anfangen, Unangenehmes an ihm zu entdecken, dass mich

mehr und mehr zu stören beginnt? Komisch, die sonst übliche Angst vor sexuellen

Ansprüchen und empfunden Verpflichtungen, dass es eine Situation geben

könne, in der er mit mir schlafen wollte, und ich keine Lust dazu hätte, ist

in der ganzen Zeit, seit ich ihn zum ersten mal getroffen habe, noch nie aufgetaucht.

Ob meine limbischen Vernetzungen vielleicht entschlüsseln können,

dass es bei Klaus völlig unbegründet ist? Vielleicht sollten wir unsere Beziehung

gleich von Anfang an durch eine ständige Paartherapie begleiten lassen.

Horrible! Was mich reizt, ist glaube ich eher, bei Klaus Maschine auf den Sozius

zu steigen, und mit wehenden Haaren mit ihm durch die letzten Jahre unseres

Lebens zu brausen. Wobei wir nur eben aufpassen müssten, nicht schon bald

aus der Kurve geschleudert zu werden.

Die wesentliche Voraussetzung ist natürlich die, dass der arme Klaus, über den

ich hier so umfassend verfügt habe, es auch überhaupt selber will. Und da weiß

ich im Grunde eigentlich sehr wenig zu. Außer den Aussagen, dass er uns nett

findet, und es ihm beim Abendessen, ja und natürlich beim Frühstück, gut gefällt,

und dass es nicht mehr zutrifft, dass er keine feste Beziehung will, weiß

ich dazu eigentlich nichts. Dass ich ihm völlig gleichgültig bin, auch unter femininen

Aspekten, das kann ich mir allerdings auch nicht mehr denken. Warum

genau, ich weiß es gar nicht, aber es würde nicht mehr ins Bild passen.

Hildegard, die einzig mögliche Entscheidung ist gefallen! Eine Revision ist nicht

zugelassen.

Ich fühlte mich ungeheuerlich befreit. Auch wenn ich nicht an die 'Causa Klaus'

dachte, schien sie doch immer bedrückend gegenwärtig. Jetzt musste ich unbedingt

sofort Carla anrufen. Ich sagte ihr, dass ich für mich eine Entscheidung

getroffen habe. „Ja und?“ fragte sie beängstigt. „Ich bin dafür, das Klaus bei

uns einzieht“ antwortete ich „Juh! Juh! Juh! Juh!“ jubelnd schien sie mit dem

Telefon durch's Haus zu tanzen, und sich dabei gar nicht wieder beruhigen zu

können. Ich genoss es stets, mitzuerleben, wie Carla trotz ihrer 27 Jahre ihre

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Freude immer noch mit kindlichem Überschwang zum Ausdruck bringen konnte.

Es war für mich eine Metapher für ihre gesamte Persönlichkeitsstruktur. Ich

bewunderte sie und verspürte manchmal sogar ein wenig Neid. Ihr Verhalten

und Denken vermittelte mir oft erst, wie ich trotz überzeugter Selbstsicherheit

und unerschütterlichem Unabhängigkeitsbewusstseins an fremdbestimmte Moral-

und Verhaltenskodexe gefesselt war. Carlas Persönlichkeit schien mir da

einen begehrenswerten, aber für mich unerreichbaren Freiheitsgrad aufzuweisen.

Für mich schien ihr das die Fähigkeit zu vermittelten, auf beschwingten

Wogen durchs Leben zu gleiten, im Gegensatz zu meinen Kraxeleien von einer

schroffen Felswand zur nächsten. „Mamotschka du bist wunderbar. Ich sag's ja

immer, dass man sich auf dich verlassen kann. Du triffst immer die richtigen

Entscheidungen.“ überschüttete sie mich mit Lob für meine Antwort. „Komm

schnell zurück, damit ich dich ganz fest in die Arme nehmen kann.“ bat sie

mich. „Du scheinst dich ja mehr zu freuen als ich selbst. Es gibt nur einen entscheidenden

Haken, wir haben Klaus noch gar nicht gefragt, ob er das überhaupt

will. Ich bin da aber relativ zuversichtlich.“ fügte ich noch an. „Ich glaube

Klaus hat schon öfter versucht, dich zu erreichen, er hat nämlich sogar

schon im Dekanat angerufen, sagt Lilly.“ informierte mich Carla noch. „Ich

schätze, dass ich morgen am frühen Nachmittag zurück sein werde. Hier regnet

es sowieso die ganze Zeit in Strömen. Wenn's dich nicht stört, kannst du

die Handys ja wieder einschalten.“ teilte ich Carla noch mit.

Am Nachmittag verspürte ich plötzlich Lust, in meinen mitgenommenen Büchern

zu stöbern, konnte mich kaum entscheiden, welchem ich den Vorzug geben

sollte und versenkte mich stundenlang konzentriert und ungestört in Finnegans

Wegh (Wake), das schon so lang auf meiner 'read urgently-Liste' stand.

Leider konnte auch die durch keinerlei störende Gedanken beeinflusste konzentrierte

lange Beschäftigung damit nicht verhindern, dass das 'urgently' von mir

durch 'during holiday' ersetzt wurde. War ich plötzlich wieder normal geworden,

oder waren meine limbischen Aktivisten durch meine Entscheidung bezüglich

Klaus besänftigt und befriedigt, und sahen keinen Anlass mehr, sich störend

in meine cerebralen Prozesse einzumischen? Es erleichterte und erfreute

mich so, dass ich fast die Abendbrotzeit verpasst hätte.

„Hallo, ihre schöne Frau ist wieder da“ begrüßte ich am Abend den Barkeeper

„aber heute zum letzten mal“. Ich solle ihn nicht heute schon traurig machen,

meinte er, als er sich bückte, um die Flasche für Lilly und Hildegard hervor zu

holen. „Nicht zu fassen. Wie haben sie das denn hingekriegt. Und dazu noch

am Sonntag!“ wollte ich erstaunt wissen. Die Flasche sah aus wie original frisch

aus einer Brennerei mit glänzend gedrucktem Etikett und neuer verschlossener

Manschette. „Was bekommen sie denn dafür?“ fragte ich ihn. Für schöne Frauen

sei das umsonst, meinte er. Zuerst wollte ich das überhaupt nicht akzeptieren.

Als ich merkte, dass nichts zu machen war, bedankte ich mich und versicherte

ihm: „Sie sind ein sehr, sehr netter Mensch. Nicht nur ein netter Barkeeper,

sondern ein sehr, sehr netter Mensch“ „Ich glaube, jetzt schleimen sie

aber, schöne Frau“ meinte er.

„Ach wissen sie, das mit der Schönheit der Frau das müssen sie mir noch mal

erklären, wenn ich's wirklich glauben soll. Ich hab nämlich die Kriterien, die sie

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genannt hatten, nicht mehr zusammen bekommen. Was ist denn zum Beispiel

an mir so schön?“ bat ich ihn.

„Ja sehen sie, wenn sie zur Bar kommen, da kommt nicht eine Touristin auf die

Theke zugewackelt, Ihre Körperhaltung, ihre Bewegung erweckt eher den Eindruck,

als ob eine Königin mit Grazie auf die Bar zugeschritten kommt, gleichzeitig

sind ihre Bewegungen in keiner weise schwerfällig oder ähnliches, sondern

grazil und elfenhaft leichtfüßig. Es ist ein Genuss, sie kommen zu sehen,

egal ob in Kleid oder Jeans. In nicht enden wollenden Elogen pries er die Proportionen

meines Gesichtes. Die Wirkung der Strahlkraft meiner Augen und die

Aussagen meines Blickes zeichnete er in übermenschlichen Dimensionen.“ Und

so ging das weiter mit allem was man von mir sehen und nicht sehen konnte,

selbst für das Dekolleté über meiner schlaffen Hängebrust fand er bewundernde

Bemerkungen. Am Ende blieb mir nichts anderes übrig, als mich für die

schönste Frau der Welt zu halten. „Die meisten Menschen sind dafür blind,“

meinte er,“die sehen nur die Oberfläche der Haut, mir offenbart sich das sofort

beim Anblick einer Frau. Durch gestraffte Falten kann eine Frau niemals schön

werden, wenn sie es nicht auch ohnehin schon ist.“ Ich hätte das alles aufschreiben

sollen und Klaus vor die Nase halten, wenn er mal vergessen sollte,

was für ein tolles Weib er da vor sich hat.

„Ihre ad hoc Expertisen über weibliche Ästhetik sind ja bewundernswert, aber“

wollte ich vom Barkeeper wissen „sind sie verheiratet oder haben sie eine

Freundin,und machen sie der auch so viele Komplimente und Schönheitsbezeugungen,

wie mir?“ Er grinste und sagte, dass seine Freundin das nicht wolle,

aber Gott sei Dank das Wort Schleimer nicht kenne, sonst hätte sie ihn sicher

schon oft so genannt.

„Wissen sie,“ wollte ich ihm noch vermitteln „dass ich ihnen sehr dankbar bin.

Nicht allein wegen des Cocktails für meine Freundinnen und der vielen überschwänglichen

Komplimente, mit denen sie mich überschüttet haben, sondern

primär aus einem ganz anderen Grund, den sie gar nicht kennen.“ „Ich vermute

mal,“ erwog er zögernd „es hat etwas mit einem Mann zu tun.“ „In gewisser

Weise schon.“ gestand ich zu „Mit unserem freundlichen Geplauder haben sie

dafür gesorgt, dass sich quälende und zersetzende Gedanken nicht in meinem

Kopf verbreiten konnten, und ich frei davon, entspannt und zufrieden jeden

Abend eingeschlafen bin. Damit haben sie mir unbewusst eine für mich sehr

bedeutsame Hilfe erwiesen.“ Er bedankte sich und wollte wissen, ob ich denn

der Ansicht sei, die Zukunft auch ohne unser Geplauder bewältigen zu können.

Es gab zum Abschied einen Cocktail zusätzlich für beide und die Versicherung,

dass er trotz der vielen Abwechselung in der Saison unsere gemeinsamen

Abende mit Sicherheit nie vergessen werde. Nicht nur wegen unserer amüsanten

Gespräche, sondern vordringlich, weil ich in ihm die ungekannte kreative

Potenz geweckt habe, in Minutenbruchteilen einen neuen Cocktail kreieren zu

können, den es sonst nirgendwo auf der Welt gebe. Er wisse nicht, ob ihm das

je wieder gelingen werde. Wenn er es unbedingt benötige, werde er mich bitten,

zu kommen.

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Home again

Für Klaus hatte ich noch schnell ein Kuscheltier, einen kleinen weißen Heuler,

besorgt, mit dem er sich begnügen müsse, und zusammen weinen könne,

wenn er unfreundlich zu mir gewesen sei, und die Nacht über allein bleiben

müsse. Nach kurzer überschwänglicher Begrüßung bei meiner Ankunft, erklärte

mir Carla, dass Klaus angerufen habe, ganz besorgt gewesen sei, und immer

wieder gefragt habe. Sie habe aber kein Fitzelchen verraten, sondern sei cool

dabei geblieben, dass ich an die See gefahren sei, weil ich ein wenig Erholung

gebraucht hätte, und alles andere er mich schon selber fragen müsse. Das Collier

fand Carla klasse, es gefalle ihr sehr, bewertete es aber so, dass es nur zu

besonderen Anlässen getragen werden könne, bei ihrer alltäglichen Schlampigkeit

und Wurstigkeit käme sie sich damit overdressed vor. Vielleicht könne sie

ja ihren Alltag in der Weise verändern, dass sie sich in das Collier hinein entwickele,

schlug ich vor, obwohl ich sie auch jetzt schon damit abends auf der

Couch schön, und nicht als overdressed empfinden würde.

Ich rief Klaus an. Er wollte wissen, was los gewesen sei, wie's mir ginge, und

was er am Donnerstagabend oder Freitagmorgen falsch gemacht hätte. „Klaus

ich möchte das nicht am Telefon besprechen, wenn du darüber reden willst,

musst du vorbei kommen.“ markierte ich die coole Lady. Selbstverständlich

hatte ich wieder alles wieder fest im Griff. Er fragte, wann er denn kommen

solle. Obwohl ich's ja gar nicht abwarten konnte, antwortete ich lapidar: „Na

wann du möchtest.“ „Heißt das auch sofort?“ fragte er noch. „Meinetwegen

auch sofort.“ war meine knappe Replik.

Klaus du bist doch der Ältere

Nach 20 Minuten war er da, und begann sofort wieder mit den gleichen Fragen.

Ich bat Carla, uns doch mal kurz allein zu lassen. „Klaus du hast überhaupt

nichts falsch gemacht. Ich scheine nur manchmal ein wenig meschugge zu

werden, am letzten Mittwoch zum ersten mal“ versicherte ich ihm, und er lächelte.

„Jetzt geht’s mir aber wieder gut, und ich wollte dich eigentlich etwas

fragen. Ich meine, du hast doch nach dem Essen gesagt, dass du es bei uns

ganz toll finden würdest, und dass du auch Carla gut leiden möchtest, ich meine,

wir haben uns ja auch Dinge erzählt, die sich viele Ehepartner nicht mal

untereinander erzählen würden, zum Beispiel die Lilly, die hat ihrem Mann

nichts von unserem gemeinsamen Abenteuer erzählt.“ „Lisa ich verstehe nicht,

was du mir eigentlich sagen willst,“ unterbrach mich Klaus. „Ja ich meine nur,“

fing ich wieder an, „wir sind doch eigentlich verbal sehr intim gewesen. Ich

hab' sogar nachts davon geträumt, dass wir miteinander schlafen würden. Hättest

du auch Lust mit mir zu schlafen?“

Ich glaubte mir ging's gar nicht mehr gut. Im Griff hatte ich zumindest nichts

mehr. Mein Plan, wie ich mit Klaus reden wollte schien sich in Luft aufgelöst zu

haben. Statt dessen stotterte ich unkoordiniert irgendwelche Details zusammen.

„Lisa ich hoffe, du hast doch wohl gemerkt, dass ich dich sehr gern mag,

und mich in deiner Anwesenheit sehr wohl fühle. Ich hab zwar nicht davon geträumt,

dass wir gemeinsam Sex hätten, aber ich wäre schon Donnerstagnacht

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viel lieber mit dir ins Bett gegangen, als in Opas Bett zu schlafen.“ „Warum

hast du's denn nicht gesagt, du Trottel, Pardon.“ Ich sprang auf seinen Schoß,

schlang meine Arme um seinen Hals, und hätte am liebsten gar nicht wieder

aufgehört, ihn zu drücken und zu küssen. Endlich durfte ich's. Ich kam mir vor

wie ein kleines glückliches Mädchen. Aber eigentlich hatte ich ihn ja noch gar

nicht das Entscheidende gefragt. „Klaus ich wollte dich eigentlich etwas ganz

anderes fragen.“ erklärte ich breitbeinig auf seinem Schoß vor ihm sitzend.

„Ich glaube, dass ich dich nicht nur gern mag, sondern total verliebt in dich

bin. Mit 64 zum ersten mal verliebt in einen Mann.“ „Und woher glaubst du das

zu wissen?“ fragte Klaus. „Das weiß man nicht, das fühlt man, und wenn dich

das total dominiert, kannst du nicht anders, als dem zu gehorchen, und es akzeptieren

und glauben.“ erklärte ich als erfahrene Liebesexpertin. Wir grinsten

uns an. „Nein Klaus, ich habe das ja auch nicht geglaubt, und wollte es überhaupt

nicht wahrhaben, obwohl Carla sich da von Anfang an sicher war. Schon

durch mein Verhalten als ich am Mittwochnachmittag nach Hause kam, und

Mittwochabend, so dämlich hab' ich mich in meinem gesamten Leben noch nie

verhalten. Wenn's um dich geht, scheint mein Bewusstsein eine völlig nebensächliche,

untergeordnete Rolle zu spielen. Wenn du sprichst, versenke ich

mich in den Genuss, dich dabei anzuschauen, und dem Klang deiner Stimme

zu lauschen, so dass ich den Inhalt oft gar nicht wahrnehme. Ich komme mir

selbst verrückt, kindisch vor, aber kann mich nicht dagegen wehren. So etwas

hab' ich bislang bei mir noch nie erlebt.“ Jetzt zog mich Klaus zu sich, und umarmte

mich küssend. „Aber du wolltest mich doch etwas fragen.“ erinnerte

Klaus. „Ja weißt du,“ fing ich wieder an „weil bei dir alles, was ich sonst über

Männer und Beziehungen dachte, nein felsenfest zu wissen glaubte, auf einmal

nicht mehr stimmen, sondern ganz anders sein sollte, hat mich das total verwirrt.

Ich dachte, ich würde mit einem Mann nie so eine vertrauliche Situation

entwickeln können, wie zwischen uns am Donnerstag nachdem wir uns ein

paar Stunden kannten. Einfach so passiert, ohne jeden Grund ohne jede Absicht.

Ich wusste nicht mehr, wer ich war, und was mit mir passierte. In meinem

Kopf und meinem Empfinden schien nichts mehr zueinander zu passen.

Und da bin ich erst mal ans Meer gefahren, weil mir das bei Stress und Verwirrung

immer am besten hilft.“ Klaus umarmte und küsste mich wieder, und

meinte: „Lisa es macht mir Freude, dir zuzuhören, und ich will auch gar nicht

drängeln, aber ich platze gleich vor Spannung, auf das, was du mich fragen

wolltest.“ Ich schaute ihm ernst, leicht ängstlich fragend tief in seine Augen.

„Klaus ich möchte gern, dass du immer bei mir bist, würdest du das auch wollen?“

endlich hatte ich's herausgebracht, wobei mir gleichzeitig die Tränen aus

den Augen zu quellen begannen, und ich mein Gesicht auf Klaus Schulter versteckte.

Er streichelte meinen Rücken, und fragte, ob ich gar nicht hören wolle,

was er dazu meine. „Ja natürlich“ richtete ich mich schnupfend, und die Tränen

verwischend wieder auf. Gespannt erwartete ich, die Worte die jetzt aus seinem

Mund kommen würden. Wenn er strickt „nein“ sagte, wäre alles vorbei,

alles aus, alles zerstört. Aber das konnte ich mir eigentlich nicht mehr vorstellen.

Alles andere könnte man sicherlich noch irgendwie hin biegen. „Lisa, das

wäre eine paradiesische Vorstellung für mich, nur …“ begann Klaus. „Was nur?“

unterbrach ich ihn erstaunt fragend. „Du hast mir sehr viel von dir erzählt, und

da habe ich große Angst, dass es morgen nicht mehr so sein könnte.“

antwortete er. „Das habe ich doch auch, Klaus. Aber für mich gibt es gute

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Gründe, weshalb es zwischen uns beiden nicht dazu kommen wird, und da wir

beide es ja keinesfalls wollen, können wir uns ja wohl mal gefälligst Einiges

überlegen, damit es nicht so weit kommt, oder?“ meinte ich. „Also schön, …“

weiter ließ ich ihn gar nicht kommen und überdeckte ihn mit Freudenküssen.

Aus den anfänglichen Schmatzern entwickelte sich schnell ein immer

leidenschaftlicher werdendes Küssen. Klaus zog mir Bluse und Shirt aus der

Hose, und ich spürte seine warmen großen Hände über die Haut meines

Rückens gleiten. Ich wollte mehr von ihm, aber außer an sein Gesicht und

seinen Hals konnte ich nirgendwo ran kommen. „Klaus du bist zu dick

angezogen.“ konstatierte ich kategorisch, und während ich ihm Pullover,

Oberhemd und T-Shirt nacheinander über den Kopf streifte, bemühte er sich

mir Bluse und Unterhemd auszuziehen. Als er mir den BH öffnen wollte, wehrte

ich kopfschüttelnd ab: „M, M,“ und flüsterte ihm ins Ohr „ich schäme mich.“

Alle Altersveränderungen an meinem Körper hatte ich peu à peu akzeptiert,

aber mit meinen schlaffen Hängebrüsten konnte ich mich einfach nicht abfinden.

Wie eine Urwaldmutti, die zehn Kinder groß gesäugt hat, kam ich mir vor.

Ich war mir nicht zu blöd, sie häufig im Spiegel zu beschimpfen, und sie für irgendwelche

Fauxpas verantwortlich zu machen. Chirurgische Korrekturen wollte

ich allerdings auch nicht ausprobieren. Wenn ich es mir vorzustellen versuchte,

entwickelte sich ein Bild, in dem ich gezwungen war, ständig zwei mir

fremde Kegel vor mir hertragen zu müssen, die mir nicht gehörten, nicht Teile

meines eigenen Körpers waren, mit mir fast nichts zu tun hatten, außer einigen

Hautpartikeln. Da waren mir die mir persönlich gehörenden, vertrauten,

zwar ungeliebten Hänger, doch noch lieber. Sie waren Originalteile von mir,

aber Frieden schließen konnte ich mit ihnen deswegen doch noch längst nicht.

Ich merkte, wie mich unsere Liebkosungen immer stärker zu erregen begannen,

und konnte das auch deutlich bei Klaus spüren. Unter der Bemerkung:

„Lass uns nach oben gehen.“ sprang ich von seinem Schoß, und zog ihn von

der Couch hoch. Wir schienen gar nicht schnell genug die Hosen abstreifen zu

können, blieben kurz lächelnd nackt vor einander stehen, und pressten unsere

Körper aneinander. „Und den BH, willst du den immer anbehalten?“ fragte

Klaus zweifelnd. „Nein jetzt darfst du, nur die sind so hässlich, und hängen so

weit runter, da hab' ich Angst, dass du dich erschrickst.“ versuchte ich ihn zu

warnen. Er gab mir einen Kuss auf jede Brust und einen Klaps auf den Po mit

der Bemerkung: „Lisa, was kannst du für unsinniges Zeug reden. Komm ins

Bett.“ „Ich würde mich noch gern ein bisschen frisch machen.“ wandte ich ein.

„Oh, doch nicht jetzt Lisa,“ stöhnte Klaus auf „nachher.“ und zog mich unter

Küssen aufs Bett. Es kam mir vor als ob wir 20 wären, nichts schien schwieriger

oder anders zu sein, ich stellte nur fest, dass mir das Gefühl dafür, wie gut

es tun kann, völlig abhanden gekommen war. Es überwältigte mich. Unbeabsichtigt

stöhnt ich immer: „Klaus, oh Klaus“, so das Klaus innehielt und mich

leicht verwirrt fragend ansah. „Nein, nein, alles o.k., wunderbar,“ beruhigte ich

ihn hastig. Ich war sehr schnell so weit, und dieses Orgasmusfeeling war mir

bei meinem gelegentlichen Fingerhomework völlig verborgen geblieben. Das

wollte ich öfter. Klaus war noch nicht so weit, hatte's natürlich bei mir gemerkt,

und rollte sich langsam zur Seite. „Was machen wir denn jetzt?“ fragte ich ihn

besorgt. „Macht einfach überhaupt nix. Ist alles völlig o.k..“ war seine Antwort.

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Erschlafft lagen unsere alten Gebeine völlig verschwitzt nebeneinander auf dem

Bett. „Klaus, du bist doch der Ältere von uns, nicht war?“ fing ich an „Ja und?“

fragte er. „Da müsstest du doch eigentlich auch ein wenig vernünftiger sein,

und aufpassen, dass wir alten Gestelle, wenn wir uns mal ein paar nette

Sachen sagen, nicht unbedingt gleich wie geile Teenies übereinander herfallen,

oder?“ „War's denn nicht schön?“ wollte er wissen. Meinen Oberkörper leicht

aufrichtend beugte ich mich über ihn, küsste ihn und bemerkte: „Darüber

reden schmälert den Genuss, eine seit Jahrhunderten tradierte Ahlersche

Stammesweisheit.“ Mit 64 hatte ich auf einmal festgestellt, wie gut es mir

gefiel, obwohl ich Jahrzehnte ohne gelebt hatte, und der Ansicht war auch

meine zukünftigen Jahre noch so verbringen zu wollen, weil es mir völlig

gleichgültig war und überflüssig schien. Die größten Täuschungsversuche

schien ich an mir selber auszuprobieren. Klaus wollte mich zu sich ziehen. Ich

wehrte ab, und erklärte, wir könnten Carla nicht noch länger warten lassen.

Das gemeinsame Duschen zog sich trotz wiederholter Verweise auf Carla

natürlich auch noch einige Zeit hin, wobei Klaus bemerkte, dass er mir zu

meinen Brüsten irgendwann noch mal etwas Grundsätzliches sagen müsse.

18:00 Uhr war es mittlerweile geworden, als wir endlich nach unten kamen.

Ich rief Carla und wollte mich bei ihr entschuldigen, aber sie wehrte ab: „Ist

doch klar, überhaupt kein Problem, alles völlig paletti.“ Ich überlegte, ob wir

essen gehen sollten, oder etwas bestellen, was wir ja schon lange nicht mehr

getan hätten. Carla gefiel beides nicht. Sie wolle nicht hauptsächlich essen,

sondern wolle alles hören, und sie würde dazu unbedingt zu Hause bleiben

wollen, und wie sie es einschätze gemeinsam feiern. Wir hätten zwar leider

keinen alten Barolo, aber unter unseren Weinen seien doch auch zum Feiern

ganz passable zu finden, und verhungern werde bei unseren Vorräten sicher

keiner.

Carla stellte sich direkt vor Klaus, schaute ihm lächelnd in die Augen, fiel ihm

um den Hals, und küsste ihn ausgiebig. Dann stellte sie sich wieder grinsend

vor ihn, und rief wie erleichtert: „Willkommen Papi!“ „Was soll das denn?“ reagierte

Klaus lächelnd. Ja, so gehöre sich das doch. Vater, Mutter, Kind; ob wir

das denn früher gar nicht zusammen gespielt hätten, fragte Carla. „Ja vor 60

Jahren haben wir's gespielt, und jetzt wollen wir's – zwar etwas spät – noch

mal richtig versuchen. Nur jetzt hoffen wir, dass es noch viel, viel schöner wird,

und nicht zuletzt, weil das Kind ja auch schon richtig groß geworden ist.“ bemerkte

ich ein wenig gedankenverloren lächelnd. Ich fühlte mich sowieso

traumhaft wonnig, leicht und leer. Mir war eigentlich gar nicht nach feiern oder

anderen Aktivitäten zumute. Am liebsten hätte ich mich an Klaus gekuschelt

auf's Bett gelegt, und geträumt oder geschlafen. Klaus meinte zu Carla, dass

es da mit dem Kind aber eventuell Probleme geben könne, soweit er wisse sei

eine rückwirkende Änderung der Vaterschaft gar nicht, oder nur unter äußert

schwierigen Bedingungen praktizierbar, aber da kenne sich ihre Mutter sicher

besser aus. „Pah, ist doch kein Problem, brauchst mich ja nur zu adoptieren,

oder magst'e mich etwa nicht?“ Er sei sich da noch nicht so ganz sicher, erwiderte

Klaus, da er die Angst vor ihren sadistischen Gelüsten noch nicht ganz

überwunden habe, sie solle ihm doch mal ihre Folterwerkzeuge zeigen. Die bekämen

nur ausgewählte Kunden zu sehen, und er habe sich noch nicht umfas-

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send qualifiziert, zum Beispiel beim Schnittchen-Zubereiten. Er könne aber viel

aufholen, wenn er sofort damit beginne.

Nachdem wir alles für den Abend verwertbare zur Couch geschleppt hatten.

Meinte ich zu Carla, dass ich es ihr ja wohl nicht mehr erklären brauche, dass

Klaus damit einverstanden sei, bei uns zu wohnen. Es habe alles so furchtbar

lange gedauert, ob es so schwer gewesen sei, ihn davon zu überzeugen, wollte

Carla wissen. „Nein, nein ich habe sofort zugestimmt, als sie mich gefragt hat,“

stellte Klaus deutlich fest „nur bis ich endlich wusste, was Lisa mich fragen

wollte, hat's endlos gedauert.“ Ich habe zwar sofort gesagt, das ich ihn etwas

fragen wolle, aber nichts gefragt, sondern immer wieder etwas anderes erzählt.

Und während Klaus erzählte, ließ ich mich auf die Couch fallen, und legte

meinen Kopf auf sein Schoß. Er strich mir über Haare und Gesicht, und versuchte

mich manchmal mit meinen Haarspitzen an Hals und Ohr zu kitzeln.

Zwischendurch beugte er sich zu mir runter, um mich zu küssen und fragte, ob

er das überhaupt erzählen dürfe. Ich nickte immer nur zustimmend. Einerseits

hatte ich das Gefühl, dass mir sowieso alles gleichgültig sei, und andererseits

hatte ich meistens gar nicht genau mitbekommen, wovon die beiden gerade

redeten. Als Klaus erzählte, dass ich schrecklich geweint habe, als ich die Frage

endlich raus gebracht hätte, meinte Lisa: „Da siehst du mal, was für eine tiefe

Bedeutung das für Mutti haben muss, die weint nämlich sonst so gut wie nie,

selbst beim Tod ihres Vaters, den sie sehr, sehr mochte, kamen ihr keine Tränen.“

Plötzlich rief sie: „Mutti, du hast deinen Kopf bei einem Mann auf dem Schoß

liegen. Das hab ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen. Das müssen

wir doch festhalten. Mir war alles egal. Ich hatte das Empfinden, gar nicht darüber

nachdenken zu können, ob ich das wollte oder nicht. Carla holte ihre Kamera,

rückte den Couchtisch zur Seite, und änderte die Beleuchtung. Das Fotografieren

artete zu einer richtigen Session aus. „Und jetzt muss das Paar sich

noch küssen.“ forderte uns Carla auf. Ich reckte mich ein wenig hoch, und hielt

Klaus meinen Kussmund entgegen. „Nein, richtig hinsetzen.“ befahl Carla. Ich

wandte ein, das es doch eine schöne Pose sei, wenn sich die Frau sehnsuchtsvoll

ihrem Lover entgegen recke. „Auch gut,“ empfand Carla „aber anders

auch.“ Immer neue Positionswechsel, schafften es langsam, mich völlig aus

meiner schlafwandlerisch gelassenen Daseinsform zu wecken, und ärgerliche

Empfindungen in mir wach zu rufen. „Carla, jetzt ist's genug, ich will nicht

mehr.“ erklärte ich genervt. Alles wurde beendet, und wieder zurecht gerückt.

„Wir haben noch nicht einmal auf unser neues Trio miteinander angestoßen,

und uns umarmt, und machen hier fleißig Hochzeitsfotos,“ versuchte ich auf

einen großen Mangel hin zu weisen. Das wurde sofort nachgeholt. Wenn Carla

mich ansah, grinste sie immer. Als ich sie darauf ansprach, fragte sie zurück:

„Hat's dich geschafft?“ „Halt die Klappe!“ war meine leicht wütende aber doch

nicht ganz ernst gemeinte Reaktion „Entschuldigung, nein es war sehr schön.

Ich glaub', das will ich öfter.“ meinte ich mit einem süffisanten Zwinkern, „Nur

für 'ne alte Frau ist das einfach ein wenig anstrengender. Ich fühle mich aber

himmlisch, nur ein wenig schlaff.“ Carla musterte mich, und mit den Worten

„Schön“ und „Mutti“ fiel sie mir um den Hals und drückte mich.

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Wir scherzten noch darüber, wie sich alles entwickeln würde, und was alles auf

uns zu käme, als mir das Mitgebrachte für Klaus einfiel. Angesichts des Stofftiers

blickte Klaus mich verwirrt mit in Falten gelegter Stirnhaut an, bis ich ihm

die Funktion für ihn erklärte, und weil Carla's zum Lachen fand, war er auch

zufrieden. „Wisst ihr was,“ setzte ich an „wir können ja jetzt jeden Abend feiern.

Nur heute würde ich sehr gern ins Bett gehen. Einerseits weil ich mich

schlapp und müde fühle, und andererseits weil ich morgen gern ausgeschlafen

sein möchte.“ Carla und Klaus sahen sich an, hoben die Schultern und machten

Gesichter als ob sie sagen wollten: „O.k., warum nicht? Ich habe nichts dagegen.“

La notte delle nozze

Klaus und ich gingen zusammen ins Bad. Nach obligatorisch ausgiebigem Geknutsche

fragte Klaus: „Zusammen bei dir, oder ich bei Opa?“ „Untersteh dich,

du bleibst schön bei mir, Bürschchen.“ versuchte die Domina keine dummen

Absichten bei ihrem Zögling aufkommen zu lassen. Mit Späßen darüber, wie ich

ihn weiterhin zu züchtigen gedenke, erreichten wir das Schlafzimmer.

Wir lagen zusammen nebeneinander auf dem Bauch im Bett und Klaus begann

mit einer Hand mir den Rücken zu streicheln. „Klaus, ich kann nicht nochmal.“

wollte ich ihn vor falschen Erwartungen warnen, „Zweimal so kurz hintereinander

das wird für so ne alte Lady einfach zu viel. Das schafft die nicht. Die muss

sich nach so vielen Jahren Pause erst mal wieder daran gewöhnen. Ich würde

mich gern bei dir ankuscheln, mit dir schmusen, und dabei streicheln, bis wir

einschlafen. Wäre das für dich akzeptabel und auch schön?“ Ohne zu antworten

drehte sich Klaus auf den Rücken und zog mich zu sich. Mit dem Kopf auf

seiner Schulter liegend streichelte ich seine Brust und meinte: „Klaus, ich werd'

das, glaube ich, nie verstehen. Am letzten Donnerstag kam es mir so vor, als

ob es das Selbstverständlichste von der Welt sei, dass du bei uns am Tisch säßest,

und jetzt ist es nicht viel anders. Selbstverständlich liege ich an Klaus gekuschelt

im Bett, und lasse mich von ihm verwöhnen, als ob ich mir etwas anderes

gar nicht vorstellen könnte, wobei ich vor wenigen Stunden noch nicht

einmal wusste, ob er überhaupt mit mir ins Bett gehen würde. Müsste das einem

normalen Menschen nicht alles als absolut überstürzt, total überhastet

und völlig verrückt vorkommen, und dazu das alles noch in unserem Alter?“

fragte ich ihn. „Ich halte das auch für ein kleines, nein ein großes Wunder,

Lisa“ antwortete Klaus „aber ich denke nicht daran, wie es sogenannten normalen

Menschen vorkommen würde. Ich bin einfach erstaunt aus welchen Füllhörnern

ich plötzlich überschüttet werde, und versuche die Freude, die mir bereitet

wird, einfach nur zu genießen, und mich vom Glück, das mir widerfährt

berauschen zu lasen. Als ich heute Mittag kam, konnte ich mir nicht mal vorstellen,

das wir jemals miteinander schlafen würden. Selbst wenn ich's mir gewünscht

habe. Bei dem, was du mir von dir erzählt hast, war ich der festen

Überzeugung, dass jeder Versuch in diese Richtung und jede Art von Andeutung,

unser freundliches Verhältnis abrupt zerstört hätten. Selbst wenn ich's

dringend gewollt hätte, ich hätte gar nicht gewusst, was ich hätte tun sollen,

damit es sich in diese Richtung entwickeln könnte. Ich hab's nicht dringend ge-

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wollt, weil ich's für völlig unrealistisch hielt. So war das noch heute am frühen

Nachmittag, und jetzt, ein paar Stunden später, liegen wir schon zum zweiten

Mal gemeinsam im Bett, und halten es für völlig selbstverständlich. Ich glaube,

man muss in den Heiligenlegenden lange suchen, um Wunder vergleichbarer

Qualität zu finden.“ formulierte Klaus sein Staunen und seine Begeisterung.

Ich merkte, wie beim Zuhören sich meine zarten Handbewegungen zu einem

immer intensiveren Streicheln entwickelt hatten. Klaus Haut war weich und

sanft. Gar nicht wie ich mir Männerhaut eigentlich vorstellte, und wie sie aus

den herben Gesichtern der Männer abzulesen war. Die Haut an Klaus Körper

schien jugendlich geblieben zu sein, und ich genoss es, sie zu berühren und zu

streicheln. Ich wollte mehr, als sie nur mit meinen Fingerspitzen und Handinnenhandflächen

berühren. Ich richtete mich auf, küsste seine Brust und strich

mit meinen Wangen darüber, wobei meine linke Hand tiefer über Klaus Seite zu

seinen Lenden wanderte. Wir schauten uns an, und lächelten. Als ich merkte,

dass es ihn schon erregte, forderte ich ihn auf, sich umzudrehen. Ich wollte ihn

ja nur streicheln, und seine Haut spüren und genießen. Allerdings von meiner

anfänglichen Schlaffheit, war nichts mehr geblieben. Streichelnd und massierend

bearbeitete ich seinen Rücken und Po. „Soll ich mal etwas Massageöl holen?

Carla die hat so was im Bad.“ fragte ich Klaus. „Nicht jetzt,“ war seine Reaktion.

Ich kniete zwischen seinen Schenkeln, und legte mich manchmal mit

meinem Oberkörper streichelnd und reibend auf seinen Rücken. „Lisa, was ist

hier eigentlich los?“ schoss es mir durch den Kopf. Ich merkte, wie's mir alter

Kuh schon wieder feuchter wurde. Ich hatte gedacht, bei alten Frauen würde

das gar nicht mehr funktionieren. Die brauchten immer Gleitkreme oder so etwas,

aber heute Nachmittag war's ja auch nicht trocken gewesen. Hier war anscheinend

eben alles anders. Und dann schon wieder aufs neue, obwohl ich

mich doch so schlapp gefühlt hatte. Ich legte mich auf Klaus Rücken und flüsterte

ihm ins Ohr: „Ich glaube, du musst dich doch besser wieder umdrehen,

Liebling.“ Wir küssten uns, und Klaus drehte sich unter meinen kniend gespreizten

Schenkeln um. Ich saß aufgerichtet auf ihm, Klaus erregierter Penis

drückte gegen meine Vulva, und mich überkam ein Anflug von Unsicherheit, als

ob ich plötzlich nicht mehr wisse, wie's jetzt weiter gehen solle. Ich ließ mich

auf Klaus fallen, wir küssten uns und dann lief alles wie von selbst, nur noch

viel anstrengender als nachmittags. Ich blieb noch länger auf Klaus liegen,

während mir sein Sperma kitzelnd aus der Vagina tröpfelte.

„Klaus, ich glaube, wir sind Kinder. Wir möchten ficken, tun es, und uns geht’s

gut. Den Kindern sagt auch keiner, was sie zu spielen haben. Die suchen sich

aus den vorhandenen Ressourcen das aus, wozu sie die meiste Lust haben,

machen es, und sind zufrieden. Vielleicht ist das die kindliche Sicherheit und

Selbstverständlichkeit, die du mir vermittelst, dass ich so frei fühlend mit allem

umgehen kann. Vielleicht habe ich das in meinem ganzen bisherigen Leben gar

nicht zu finden können geglaubt, und auch gar nicht danach suchen können,

weil ich vergessen hatte, dass es so etwas geben kann. Und du hast es wieder

in mir geweckt, und sogar zu heißem Verlangen werden lassen.“ sinnierte ich.

Klaus hielt das für eine interessante Theorie, aber er fühle sich gar nicht mehr

in der Lage, dem richtig zu folgen. Ihm fielen fast die Augen zu, und ob wir uns

nicht vorher noch ein wenig säubern sollten. „Ich, auf keinen Fall,“ deklamierte

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ich energisch und fügte lächelnd hinzu, „das ist doch der Hochzeitsbeweis, und

übrigens, die erste Nacht verklebt und verschmiert mit deinem Samen, das

werde ich mir doch nicht entgehen lassen.“ „Dich versteh ich sowieso nicht

mehr,“ meinte Klaus lächelnd, gab mir einen Kuss und drehte sich zur Seite. So

richtig verstand ich mich ja selbst auch nicht. Ich hatte ins Bett gewollt, weil

ich mich schlaff und müde fühlte, was ja auch tatsächlich zutraf, Klaus erklärt,

dass ich nicht nochmal könne, und dann war ich selber wieder angefangen.

Zum zweiten Mal am ersten Tag mit 64 Jahren nach fast 28jähriger Abstinenz.

Ob ich selbst diejenige war, der ich am wenigst trauen sollte? Ich legte mich

mit meinem an Klaus Rücken und träumte noch kurze Zeit vor mich hin, bis ich

endlich wohlig einschlummerte.

Auf neuen Gleisen

Fast so ähnlich in allen möglichen Variationen verlief es fortan beinahe jeden

Abend. Es funktionierte ja auch alles so gut. Wir genossen beide die umfänglichen

Zärtlichkeitsspiele und -wonnen, die uns dann allerdings auch immer erregter

werden ließen. Und Klaus hatte auch immer Lust. Es gab nichts, was er

gern mochte, aber mir nicht lag und umgekehrt. Wir konnten uns immer sehr

leicht und gut verständigen. Wobei ich alte Ziege von 64 Jahren allerdings

schon öfter mal scharf darauf war, wieder etwas mir Unbekanntes auszuprobieren,

an mir war so etwas im bisherigen Leben ja auch alles völlig vorbei gegangen.

Ich hatte das Gefühl, wenn wir nicht miteinander schlafen wollten, durfte

ich Klaus mit nicht mehr als den Fingerspitzen berühren. Ich sah mich schon

wieder als Fall für den Psychiater. Eine Oma mit 64 Jahren, die fast jeden

Abend Sex haben will, ist das denn nicht krank. Mein Leben lang hab ich's

kaum gebraucht, und jetzt im Alter will ich's von heute auf morgen permanent.

Ist das nicht eine Form von behandlungsbedürftiger sexueller Devianz. Allerdings

trat diese Krankheit bislang nur im Zusammenhang mit Klaus auf. Vielleicht

enthielt seine Haut ja irgendwelche Kontaktgifte, die diese Verhaltensreaktionen

bei mir evozierten.

Bei jeder Beziehung (wenn es denn überhaupt mal so weit gekommen wäre)

hätte für mich die zentrale Frage am Anfang gestanden, wie oft er's denn wohl

von mir erwarten würde, und ich ihm zu wenig Lust am Sex haben könnte. Ich

war der festen Überzeugung, dass meine libidinösen Bedürfnisse für die eines

durchschnittlichen Mannes viel zu gering seien, jetzt im Alter sowieso. Zumal

ich ja auch gar kein Verlangen danach, und über viele, viele Jahre ganz ohne

gelebt hatte. Im Zusammenhang mit Klaus hatten sich bei mir derartige Fragen

und Zweifel nie gestellt. Nicht dass ich gemeint hätte, bei Klaus wäre alles

anders und problemlos, mir ist einfach nichts von all dem einfallen, ich habe

einfach überhaupt nicht daran gedacht.

Obwohl, wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich unbedingt Sex brauche,

würde ich dem nicht einfach zustimmen. Es ist die Gesamtsituation mit

Klaus, aus der sich das entwickelt, die ich nicht missen möchte. Wenn wir ins

Schlafzimmer gehen, ist mir noch nie die Vorstellung gekommen, das ich mich

darauf freuen würde, gleich einen Penis in meine Vagina gesteckt zu bekom-

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men oder so etwas Ähnliches, völlig abstrus der Gedanke, es ist auch nicht

Klaus Schwanz, den ich vermisse, wenn er mal nicht da ist, oder ich mal allein

woanders bin. Was mir körperlich fehlt, ist seine Haut, die ich mit meiner Haut

berühren kann, ist sein Duft, den ich in meine Nasenhölen einsaugen und mit

dem ich seine Nähe spüren kann, es sind seine Lippen, mit denen ich spielen

kann, und die mit meinen spielen. Das und weniges mehr verbunden mit Klaus

gesamter Person, und unserer vertraulichen gemeinsamen Situation, ist es,

was mir Lust macht gemeinsam ins Bett zu gehen. Wahrscheinlich spielt auch

noch noch die Erwartung des berauschenden Gefühls der steigenden Erregung

in die Vorfreude mit hinein. Was sich daraus entwickelt, dass es mich mit

Klaus immer sehr leicht aroused macht, und dass ich dann scharf auf etwas

anderes bin, ereignet sich zwar regelmäßig so. Ich genieße es auch und es

macht mich auch high, aber ich gehe nicht ins Bett, weil ich etwa möglichst

schnell zum Höhepunkt kommen will. Ich habe einfach auf der Treppe zum

Schlafzimmer kein Bedürfnis, zum Orgasmus zu kommen, und hege auch nicht

die geringsten Absichten, daran etwas ändern zu wollen.

Der Hauptgrund dafür, dass wir beiden Alten es so oft machen, ist meiner Ansicht

nach Alters unabhängig, und liegt meiner Einschätzung nach darin, dass

ich zusammen mit Klaus außergewöhnlich leicht erregbar bin, es ist wie ein

Kitzel, der bei guter Stimmung mit Klaus immer auslösbar ist. Wenn Carla und

ich uns gegenseitig das Gesicht streicheln und liebevoll betasten, dann ist das

wohlig entspannend und veranlasst zum Träumen, oder wenn ich im Bett meine

eigene Haut, die seit meiner Jugend für mich Kuscheltierfunktion hat, sanft

streichele und meine Hand an einer Stelle liegen lasse, dann vermittelt mir das

ein Gefühl von ruhiger zärtlicher Geborgenheit, die mich zufrieden einschlummern

lässt. Bei Klaus ist das völlig anders, wenn ich sein Haut streichele, stellt

sich fast sofort ein Kribbeln ein, das immer intensiver werden will, dass nach

immer mehr und stärkerem Kontakt verlangt, das mein Atmen intensiviert und

sich sogar zu aggressiven Wünschen steigert, dass ich krallen, kratzen und beißen

möchte. Es existiert nur das Bedürfnis diese Erregung, die meinen ganzen

Körper und vor allem my sexual parts erfasst, immer noch weiter zu steigern

und zwar zunehmend intensiver. Von wohlig sanften Empfindungen ist allenfalls

bei den ersten Handbewegungen noch etwas zu spüren und natürlich hinterher,

dann tritt beim Schmusen das Kribbeln auch nicht mehr auf. Vielleicht empfinde

ich ja auch gar nicht primär die sanfte angenehm zu streichelnde Haut, sondern

sehe in ihr die greifbare Oberfläche für den ganzen darin eingewickelten

Body inclusive Brain und Gesamtpersönlichkeit, der mir jetzt im Bett voll zugänglich

ist. Welche Muster da bei mir im Kopf ablaufen, und warum sich das

alles so abspielt, wird sich mir möglicherweise erst dann ein wenig näher erschließen,

wenn's mal nicht mehr so sein sollte.

Carla fand's zunächst total amüsant, und meinte das würde sich legen. Aber

neulich, als wir Sonntagsnachmittags auf der Couch wieder mal anfingen, uns

gegenseitig auszupellen, kommentierte sie ärgerlich: „Mama, sei nicht immer

so rattig, das nervt.“

Hildegard hat sich totgelacht, und meinte, ich hätte eben viel nachzuholen. Solange

ich genug Schlaf bekäme, und es mich nicht von anderen wichtigen Angelegenheiten

abhielte, sollten wir's doch genießen, solange es noch so gut

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funktioniere. Ansonsten könne ich ihr ja mal etwas davon vermitteln, ihrem

Mann würde das sicher gefallen. Lilly konnte's gar nicht fassen, schüttelte immer

wieder den Kopf, und meinte „Lisa, Lisa, auf was für 'nem Trip bist du

denn?“

Meine Frauenärztin meinte, solange sich das auf einen Mann beziehen würde,

und ich nicht grundsätzliche ständig scharf auf Männer allgemein wäre, sei das

zwar eine seltene, ungewöhnliche Erscheinung, aber durchaus nicht unerklärlich,

und keinesfalls behandlungsbedürftig. Wenn mich das aber störe, könne

sie mir etwas zur Libido-Dämpfung aufschreiben. Dass auch ältere Frauen gern

Sex möchten, wenn auch nicht so häufig wie ich, sei allerdings überhaupt nicht

ungewöhnlich. Dass man ab einem bestimmten Alter grundsätzlich keine Lust

mehr dazu habe, sei eine Fama, die sich viele selbst einreden würden. Wenn

das Bedürfnis einschlafe, habe es meist psycho-soziale Ursachen.

In Bezug auf Libidoprobleme habe sie es allerdings so gut wie ausschließlich

mit dem Gegenteil zu tun. Die wenigen Ausnahmen seien Fälle für den Psychotherapeuten

oder die Psychiatrie gewesen. Als ich sie bat, es mir doch zu erklären,

wenn's nicht unerklärlich sei, ergab sich daraus ein längeres Gespräch

über die weibliche Libido, in dem zwar nichts über die Ursache meines Verhaltens

zur Sprache kam, das mich aber hellhörig werden ließ für frauenfeindliche

pharmazeutische und biochemische Aktivitäten, denen ich unbedingt weiter

nachgehen wollte.

Ich kann jeder Frau, die keine Lust hat, aber haben möchte, nur empfehlen,

dafür zu sorgen, das sie sich wirklich gut drauf fühlen kann (meist gar nicht

einfach, aber unverzichtbare Grundvoraussetzung!) und sich einen Mann zu suchen,

der gut zu ihr passt, wie Klaus zu mir (meist noch schwieriger, da der

vorhandene ja nicht selten die Ursache für fehlende Lust darstellt, d. h., dass

der Mann sich ändern muss, eigentlich auch unverzichtbar!), wenn die entsprechenden

Voraussetzungen stimmen, dann kommt die Lust von selbst. Pillen

bringen das nicht, Frauen sind schließlich keine Fickmaschinen wie Männer, bei

denen man nur mal ein wenig kräftiger auf's Testosteronpedal treten muss.

Eine Frau kann eben keine Lust auf Sex entwickeln, wenn sie mies drauf ist,

sich gestresst fühlt, abgearbeitet ist, den Kopf voll quälender Gedanken hat,

und an einen Kerl denken muss, der das trotzdem noch von ihr erwartet. So

entwickelt sich eher ein Horror vor einer vermeintlichen Verpflichtungen zur

Lust, aber Lust selbst niemals. Lust braucht Freiheit, Sicherheit und Glück, um

sich entwickeln und entfalten zu können.

Aus meiner Volleyball-Gruppe für Seniorinnen hatte ich mich schon in der zweiten

Woche abgemeldet, weil ich's für reine Zeitverschwendung hielt. Ich fühlte

mich ohne die schwerfälligen Volleyball-Damen fitter denn je. Langsam schien

ich allgemein einen Hass auf ältere Frauen zu entwickeln. Sie wollten mir nur

den Eindruck vermittelten, dass ich auch zu den Greisinnen gehöre. Ich wollte

mich aber nicht mehr so fühlen, und fühlte mich auch nicht so. Mein Outfit hatte

sich peu à peu völlig verändert. Während ich mich bislang eher dezent, gediegen

und zu Hause lässig gekleidet hatte, musste's jetzt eher frech, aufregend

und leicht verwegen sein. Meine Abendkleider mussten, trotz meiner

Hänger und meiner 64 Jahre, viel freie Haut zeigen, und Carla und Klaus mussten

aufpassen, dass es nicht all zu schlimm ausartete. Meine Langhaar-Ponnyfrisur,

die so alt war, wie ich selber, musste plötzlich einer sturmgebrausten Lo-

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ckenfrisur weichen. Im Bad brauchte ich mittlerweile mehr als doppelt so lange

wie früher. Ich konnte plötzlich nicht mehr ohne aufregende Dessous, von

sündhaft teuren Edelmarken, leben, obwohl Klaus zu meinem neuen 'Leçon de

Séduction'-Set nur meinte, dass es zwar nicht schlecht aussähe, es ihm aber

grundsätzlich egal sei, reizen könne ihn sowieso nur, was sich darunter befände.

(Aussage eines Mannes gegenüber einer Frau, die nicht ungestraft hinzunehmen

ist) Ich schleppte Klaus mit, Parfüms auszusuchen, obwohl ich der Ansicht

wahr, eine bessere Nase für betörende Düfte zu haben. Betörend mussten

sie ja jetzt sein, während früher eine dezent elegante Note wichtig gewesen

war.

Im Laufe der Zeit schien sich alles zu verändern. Was bislang passend und angemessen

gewesen war, wurde jetzt von meinen inneren Augen ausgemustert.

Wo wollte ich eigentlich hin, auf welchen Gleisen bewegte ich mich da, gab es

eine Zielrichtung, oder war es eine Fortsetzung der anfänglich vermuteten

Überdrehtheit und Exaltiertheit. Doch diese Fragen stellte ich mir selten. Vorrangig

war, dass das Kritisierte schnell geändert wurde, so dass es meinen

neuen Vorstellungen entsprach.

Hildegard meinte spöttelnd, Klaus habe bei mir bewirkt, dass aus einer 'grauen

Maus' eine 'Madame de chics et chocs' geworden sei. Lilly staunte oft über meine

neuen Attitüden, und kommentierte, solange sich in meinem Wesen und in

unserer Beziehung nichts verändere, sei letztendlich alles irrelevant. Draußen

fühlte ich mich stärker denn je und insgesamt glaubte ich, ein neuer Mensch

geworden, und noch nie so happy gewesen zu sein. Es war nicht Klaus, für den

ich mich mit neuen Kostümierungen behängte, um seinen Wünschen zu entsprechen,

und seinen Vorstellungen zu gefallen. Das hatte ich gar nicht nötig,

er hätte mich auch in Kostümchen und Hosenanzügen gemocht, es war der

neue Mensch in mir, der nach einem neuen Bild auch in der äußeren Erscheinungsform

verlangte, der freudig aufblühen, und sich dabei nicht durch faulende

Reste von Früchten aus frühen Jahren behindern lassen wollte.

Zuhause konnten wir bislang alle Probleme relativ easy zu aller Zufriedenheit

lösen und im Prinzip war alles wie am ersten Abend geblieben, außer dass

Klaus voll in das Gästezimmer eingezogen war und fast immer abends kochte.

Er hatte noch keine Nacht außerhalb meines Bettes verbracht, und sein kleiner

Heuler hatte noch nie tröstend zum Einsatz kommen müssen. Anstatt langsam

genug von Klaus zu bekommen, schien es mir eher immer wichtiger zu werden,

dass er da war, und neben mir im Bett lag, dass er mir die Haustür öffnete,

wenn ich zurückkam, und mich begrüßend umarmte, ich mich im Institut

freute, nach Hause zukommen, und auf dem Rückweg überlegte, was wir heute

Abend zusammen machen könnten. „Wer klingelt denn da?“ fragte Carla einmal

spöttelnd, „hier klingelt doch sonst nur Mutti.“ Tagsüber dachte ich oft,

„Das muss ich Klaus erzählen.“ Wenn ich Bücher oder andere Dinge sah, die

mir gefielen, und der Ansicht war, sie würden auch Klaus interessieren, musste

ich sie für ihn besorgen. Die gemeinsamen Abende mit Hildegard verloren an

Bedeutung, und meine Lust auf Albernheiten schien dem ständigen Bedürfnis,

etwas von Klaus zu erzählen, zu weichen, bis Hildegard einmal schnippisch bemerkte:

„Lisa, ich glaube, du scheinst wirklich den nettesten, schönsten, intel-

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ligentesten und im Bett am tollsten Mann der Welt zu haben, dass ich manchmal

denke, du solltest mal prüfen, ob er nicht auch für Theater- und Konzertbesuche

geeignet ist.“

Mit Klaus hatte sich in meinem Leben ein neues Feld aufgetan, das bislang

nicht existierte, und das ich mir vorher nie hatte vorstellen können. Mit einem

Mann zu leben, hatte sich mir immer nur wie ein wahrscheinlich belastendes

Attachment meines derzeitigen Lebens dargestellt. Qualitativ Anderes und

Neuartiges lag nicht in meinem Erfahrungshorizont, und existierte für mich damit

nicht.

Stop Sex – Read!

Irgendwann wurde mir das permanente Geficke zu dumm. Nicht, dass ich keine

Lust mehr dazu gehabt hätte, im Gegenteil, nur es kann doch nicht sein,

mit 64 und 65 fast jeden Abend vögeln, dass man das unbedingt braucht. Mein

ganzer Literaturkonsum mit allen Implikationen hatte sich abends im Bett abgespielt.

Diese Welt war verschwunden, seit ich Klaus kannte. Ich hatte zu

Hause kein einziges Buch mehr gelesen, ja nicht einmal mehr in die Hand genommen.

Die Sucht nach körperlichen Befriedigungsformen schien abends alle

intellektuellen Bedürfnisse einfach weggewischt zu haben. Lesen, das ich liebte,

das für mich immer eine Kombination von intellektuellen und emotionalen

Komponenten bedeutete, das mich aufwühlen oder entspannen konnte, das

mich informierte und mir Zusammenhänge verdeutlichte, und mich meist

nachdenkend und träumend in den Schlaf begleite, war platter Geilheit und einem

exzessiven Schmusebedürfnis gewichen. Als ich mit Klaus darüber sprach,

stimmte er dem sofort zu, er habe auch fast ausschließlich im Bett gelesen, er

lese jetzt häufig, wenn er tagsüber allein sei. Literatur und Lesen seien für ihn

immer kardinale Bereiche seines Lebens gewesen. Wir freuten uns schon darauf,

Wege zu finden, wie wir gemeinsam im Bett lesen könnten, anstatt immer

wild übereinander herfallen zu müssen. Wir malten uns Bilder aus, die uns beiden

reizvoll schienen, und auf deren Realisierung wir uns gemeinsam freuten.

Nur leider haperte es bei der Umsetzung an den eigentlich mit eingeplanten Erfolgen.

Es gelang uns einfach nicht, die Finger bei uns zu behalten, und selbst

wenn, mussten wir's – auch wenn's schon spät in der Nacht war – anschließend

noch miteinander machen. „Weist du was,“ schlug ich vor, „ich habe 'ne

Idee, wie wir's mal versuchen könnten. Wir lesen nicht jeder in seiner Ecke mit

Sehnsucht nach dem andern, wir lesen einfach zusammen. Einer liest vor, und

der andere darf ihn nicht durch Begrapschen dabei stören, sondern hört zu,

und kann fragen, und etwas dazu sagen.“ Und tatsächlich, beim Vorlesen entwickelte

sich ein so intensives Gespräch über das Buch und den Autor, dass

mein Kopf anschließend davon besetzt war, zu rekapitulieren, welche offen gebliebenen

Fragen ich noch klären wollte, und ich ohne jedwede Gelüste aufkommen

zu lassen, in Klaus Armen einschlafen konnte. Wir waren nicht wenig

stolz darauf, dass es funktioniert hatte. Ebenso begeistert waren wir aber auch

vom Verlauf der ganzen Aktion selbst, und meinten entdeckt zu haben, dass

gemeinsames Lesen ja wesentliche spannender, informativer und angenehmer

sei als isoliertes, bei dem man nur in seiner eigenen Gedankenwelt gefangen

bliebe, und zu dem nicht den Genuss habe, dem Vortrag des anderen lauschen

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zu können. Wir entwickelten Freude daran, uns gegenseitig ältere Werke, die

wir beide schon kannten, neu vorzulesen, und Klaus, den ich meinen

Kenntnissen gegenüber für eine Koryphäe hielt, gelang es, mir ein erweitertes

viel facettenreicheres Bild von literarischer Kunst und Schönheit zu vermitteln,

und neue Horizonte zu eröffnen, so dass ich meine, heute in literarischen

Werken wesentlich mehr erkennen,entdecken und genießen zu können, und

mir Zugänge offen stehen, die mir bislang verschlossen waren.

La vie en rose

Klaus und das Leben mit ihm okkupierten mich wie zu Beginn, nur störte und

verwirrte es mich nicht mehr, sondern es bereite mir Lust und Freude, es auskostend

zu genießen. Es schien in meiner Psyche eine Tür zu neuen Räumen

und Gemächern geöffnet zu haben, die mir bislang völlig verborgen und unbekannt

geblieben waren, und die ich jetzt mit großer Freude und kindlichem

Überschwang, zu erforschen und auszukundschaften begann. Die Vorstellung

von schroffen Felswänden, die ich sonst triumphierend bezwingen wollte, schien

sich in ein Bild von sanften Hügellandschaften zu verwandeln, über die ich

mich wie ein zarter Frühlingswind in der milden Nachmittagssonne gleiten ließ.

Ich glaube bis heute nicht, dass es trotz allem Überschwang und aller Exzessivität,

primär der Mann und die Freude über die völlige Umwandlung meiner

Einstellung zur Sexualität durch ihn waren, die mein Leben so stark beeinflusst

haben, sondern es war vielmehr das unabdingbar tiefe gegenseitige Vertrauen,

und die daraus resultierenden Gefühle von Geborgenheit und Sicherheit, die

mich frei und stark werden ließen, Verborgenes entdecken, wiederzufinden,

und zuzulassen zu können. Warum ich gerade in Klaus vom ersten Moment an

diese Sicherheit und Geborgen vermutete und fand, und meine limbischen Vernetzungen

auf den ersten Blick beschlossen, sicher zu sein, ist mir allerdings

bis heute immer noch nicht ganz schlüssig. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass

ich in ihm gar nicht den Mann mit all seinen Implikationen und meinen Zuschreibungen,

sondern primär den größer gewordenen vertrauten Spielkameraden

aus sicheren und geborgenen Kleinkindtagen sah, von dem ich wusste,

dass ich mich bei ihm sicher fühlen konnte, und nichts zu befürchten hatte.

Detaillierte Erinnerungen an Einzelsituationen aus unserer gemeinsamen Kinderzeit

fehlen mir eigentlich völlig. Ich weiß nur, dass es uns Spaß gemacht

hat, gemeinsam zu spielen, und dass ich Klaus gut leiden mochte, weil er nett

war, obwohl er ja schon ein Jahr älter war, und so vieles mehr wusste und

kannte.

Manchmal kam es mir vor, dass Klaus mir in allen Bereichen, außer in Biologie,

Chemie und Physik natürlich, ja und auch in Englisch selbstverständlich, haushoch

überlegen war. Ich hatte mich immer für rundum ziemlich gebildet gehalten,

jetzt wollte es mir aber oft so scheinen, als ob es sich dabei vielfach nur

um Lifestyle Bildung mit wenig Hintergrund und Fundament handelte. Ich liebte

die Gespräche und Diskussionen mit Klaus, sie stellten für mich immer ein

intensives, tiefes, bereicherndes und nicht selten auch lehrreiches Erlebnis dar.

Wir hatten neue Zeitschriften abonniert, in denen ich viel las, obwohl es mir

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sonst oft schon schwer fiel, am Wochenende die Zeit durchzublättern. Auch unser

Tageszeitungsspektrum hatte sich verändert und wurde wesentlich intensiver

genutzt. Das Zusammensein mit Klaus hatte mein Privatleben in kürzester

Zeit völlig verändert, und auf eine aus meiner Sicht qualitativ wesentlich höhere

und intensivere Stufe gehoben. Mir schien es, als ob ich jetzt erst wirklich

im Paradies angekommen sei.

Meine beruflichen Aktivitäten wurden durch meine neuen Lebenszusammenhänge

in keiner Weise beeinträchtigt, im Gegenteil, Vieles, was mich sonst

stärker belastet hätte, schien mir jetzt einfacher von der Hand zu gehen, und

der Stellenwert kleiner Probleme verlor für mich häufig stark an Bedeutung.

Ich hatte sogar mehr Zeit zur Verfügung, weil Klaus sich jetzt um fast alle

häuslichen Angelegenheiten kümmerte, und ich meinte manchmal, dass sich

durch meinen neuen Lebensstil auch Anerkennung und Sympathie noch gesteigert

hätten.

Carla

Was jedoch bisher gar nicht in meinem Blickfeld aufgetaucht war, bezog sich

auf meine Beziehung zu Carla. Mir kam nicht im entferntesten der Gedanke,

dass sich hier Problematisches entwickeln könnte, obwohl es eigentlich absehbar

gewesen wäre. Ich sah nur, dass Carla sich ja Klaus Einzug dringend gewünscht,

und sich selbst und auch für mich intensiv darüber gefreut hatte. Ihre

Freude an dem oft neckischen Verhältnis zu Klaus, schien sich in keiner Weise

verändert zu haben, und auch an ihrem Verhalten hatte ich keine auffällige

Veränderungen bemerkt. Ich hatte nie einen Anlass gesehen, mich mit ihrem

Befinden zu beschäftigen, da ja in meinen Augen alles wunderbar funktionierte.

Eines Morgens meinte Klaus beim Frühstück zu mir: „Weiß du, Carla mag mich

sehr.“ „Ja, das weiß ich,“ war meine lakonische Antwort „Ja ich meine noch

viel, viel mehr als sehr.“ fügte Klaus hinzu. Ein Schock durchfuhr mich. Ich hatte

verstanden. „Wie bitte?“ sprang ich auf, stützte meine Hände in die Seiten

und starrte Klaus Luft anhaltend mit entsetzt weit aufgerissen Augen und innerlich

offenem Mund an „Was sagst du mir?“ Tief atmend und mit rasendem

Puls schrie ich ihn an:“Das darf nicht sein! Was willst du mir da sagen? Willst

du von mir die Erlaubnis, dass du meine Tochter ficken darfst? Soll ich dir vielleicht

noch ein paar Tips und Tricks verraten, wie du's ihr am besten besorgen

kannst, und in welchen Positionen sie's am liebsten hätte, ja? Würde dir das

gefallen? Klaus, Klaus, ich will das nicht hören,ich kann dich nicht mehr sehen.Verschwinde!

Verschwinde aus meinen Augen, und zwar sofort,sofort!“

schrie ich wutentbrannt, rannte in mein Zimmer und warf mich auf's Bett.

Hier hatte das Schwein noch vor wenigen Stunden gelegen und ich an ihm. Ich

riss Bettlaken und Matratzenauflage, die ja vielleicht seinen Geruch enthielt,

runter und überlegte, ob ich mich nochmal duschen sollte. Ich meinte, keine

Hautschuppe von ihm an mir ertragen zu können. „Mein Klaus, mein Klaus …

auch nur ein blöder billiger Schwanzträger!“ endlich konnte ich heulen. „Bedeutet

ihm unser Gemeinsames überhaupt nichts, wenn sich ihm mal die Möglich-

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keit bietet, mit 'ner knackigen jungen Frau zu ficken. Sind dann alle Spuren

von Bildung und Charakter in einem Moment verschwunden. Bedeute ich ihm

tatsächlich so wenig, dass er keinen Anlass sieht, darüber nachdenken zu müssen,

was das mit mir macht. Möchte er's vielleicht doch öfter, statt zu lesen,

und traut sich nur nicht es zu sagen. Aber bislang war ich's ja immer, die die

Initiative ergriffen hat. Wie stellt er sich das überhaupt vor? Wenn sein

Schwanz ruft, braucht er sich nicht die geringsten Gedanken mehr über irgendwelche

Konsequenzen zu machen. Das soll mein, mein Klaus sein? Nein, nein,

nein, nein, nein! Ich will das nicht sehen! Mein Liebster, mein Traumprinz, der

Sonnenkönig meiner Tage auch nur ein dämlicher geiler Fick-Bock der alles

nimmt, was ihm vor den Schwanz kommt? Nein, nein, nein, ich will das nicht

wahr haben. Wie denkt er sich das eigentlich? Möchte er 'ne Menage à Trois

führen, Carla für's Ficken und ich für's Intellektuelle, damit er rundum befriedigt

ist? Hat er das vielleicht von Anfang an gehofft, und war nur raffiniert genug,

es geduldig abzuwarten. Gehörte das zu seinen Vorstellungen von paradisischen

Zuständen? Er hat sie mir ja nie näher erläutert. Oder trauert er doch

immer noch den Vorstellungen von freier Liebe nach, und meint es sei selbstverständlich

und konsequenzenlos, dass jede mit jedem in die Falle steigen

kann, wenn's ihnen mal gerade danach ist. Er hat mir ja selbst erklärt, warum

das damals ein Trugschluss gewesen sei. Ich kann's und kann's und kann's

nicht fassen, und werd es auch wohl nie fassen können. Aber was denk' ich

überhaupt über ihn nach? Er soll aus meinem Kopf verschwinden. Er soll aus

meinem Leben verschwinden. Er hat es zerstört. Der, dem ich mich voll anvertraut

habe, dem gegenüber ich mich vertrauensvoll geöffnet habe, wie nie einem

Menschen in meinem Leben zuvor, bei dem ich Sicherheit und Geborgenheit

gefunden hatte, er hat dieses Vertrauen gebrochen. Ich glaube, wenn er

nicht verschwindet, bring ich ihn um. Ich werde nicht weiter leben können, bis

ich nicht alles, was an ihn erinnern könnte, aus diesem Haus entfernt habe.“ so

raste mir alles durch den Kopf, während sich auf der Matratze ein großer Tränenfleck

gebildet hatte. Ich ging ins Bad, um mir Papiertücher zu holen und

mich frisch zu machen, wobei mir einfiel, dass ich mich in der Uni abmelden

musste. Lilly wollte wegen meiner erstickten Stimme wissen, was los sei. Ich

würde es ihr später erklären, vertröstete ich sie.

Ich fühlte mich wieder bestätigt in meiner alten Auffassung, dass eine Beziehung

zwischen Männern und Frauen, wobei das gegenseitige Vertrauen an erster

Stelle und über Allem stehe, einfach nicht möglich sei. Männer sind einfach

Testosteron dominiert. Wenn sich ihnen die Möglichkeit bietet, ein Weibchen zu

bespringen, können sie gar nicht anders. Wie bei Böcken und allen anderen

Tieren auch. Die Funktionen der rationalen und intellektuellen Bahnen und

Zentren sind dann abgeschaltet, oder laufen auf Sparstrom. Möglicherweise ist

so ein Verhalten ja zur Arterhaltung dringend erforderlich, besonders weil sonst

die große Anzahl der in Kriegen abgeschlachteten Artgenossen gar nicht zu

verkraften wäre. Vielleicht sollte man bei Männern generell die Testosteronentwicklung

unterdrücken, und es ihnen nur dann verabreichen, wenn's gebraucht

wird, wie etwa Viagra. Möglicherweise würden dadurch nicht nur sexuelle Probleme

gelöst, sondern sogar auch Kriege verhindert. Vergewaltigungen, Sexualdelikte,

Frauenhandel gäb's alles nicht mehr. Rosige Zeiten. Wenn man je

genetische Veränderungen am Menschen vornehmen sollte, müsste das das

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erste sein: Männchen, bei den sich nach der Pubertät die Testosteronproduktion

weitgehend einstellt. Bekommen würden sie es nur von ihren Freundinnen

und Frauen, wenn die sie mit Testosteron brauchten. Traumwelten! Vielleicht

sollten sich die Humangenetiker mal weltweit koordinieren, damit's schneller

geht. Ah, das sind ja alles Männer! So saß ich herumspinnend mit verheulten

Augen, angeschwollenen Lippen und sich heiß anfühlendem Kopf auf meinem

Bett. Mein anfänglicher großer Wutanfall hatte sich abgemildert, ich fühlte mich

leer, und wusste gar nicht, was ich denken sollte.

Carla kam rein. Mehr als ein „Mama“ konnte sie nicht hervor bringen, bis ich

sie anherrschte: „Verschwinde! Ich will nicht gestört werden!“ Eigentlich musste

sie es ja gewesen sein, die Klaus vermittelt hatte, dass man auch anders

miteinander Spaß haben könne, als durch reden und feixen. Obwohl ihr gesamtes

Erscheinungsbild eher durchschnittlich wirkte, und keine besondere Attraktivität

ausstrahlte, konnte sie mit ihrem Gesicht, ihrer Mimik und vor allem

ihrer Eloquenz und kommunikativen Kompetenz bei Männern leicht Begehrlichkeiten

wecken. Ich war immer der Ansicht, ihr wäre es ein Leichtes, in jedem

Mann den Wunsch zu wecken, mehr mit ihr tun haben zu wollen, und mit ihr

ins Bett zu gehen. Trainiert hatte sie das fast 20 Jahre lang mit ihrem Großvater,

wobei mich ihr Verhalten, ihr Umgang mit meinem Vater und ihre Eloquenz

oft erstaunten, und mir Anerkennung und Bewunderung abverlangt hatten.

Deshalb bin ich auch der Ansicht, dass sie die in ihr liegenden Kapazitäten gar

nicht nutzt. Mir gefallen ihre kreativen Aktivitäten, aber ihre umfänglichen außergewöhnlichen

kommunikativen Möglichkeiten einfach für den Privatbereich

verkümmern zu lassen, tut mir weh. Besonders bei älteren Männern hat sie's

leicht, da es ihr mühelos gelingt, deren Vertrauen zu gewinnen. Sie mag sie

auch mehr als Jüngere, und Probleme wegen der älter werdenden Körper kann

sie nicht nachvollziehen. Dass sie mit Klaus nicht ins Bett gehen würde, weil er

ihr zu alt wäre, kann für Carla nicht gelten.

Ich könnte mir schon gut vorstellen, wie Carla ihn angemacht hatte, nur

warum. Warum wollte sie mit Klaus ins Bett, hatte sie sich auch in ihn verliebt?

Dachte sie gar nicht daran, was es für mich bedeuten würde? Oder hatte ich

sie vielleicht verletzt, und sie sprach nicht darüber, sondern wollte es mir heimzahlen?

Das war nicht vorstellbar. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen,

warum sie's getan hatte. Wie konnte meine Carla, ohne an mich zu denken, so

etwas tun. Wir sind hier doch schließlich kein Bordell. Alle Damen immer bereit,

und der Herr sucht sich aus, mit welcher er's denn heute gern mal treiben

würde.

Das Telefon klingelte, kurz darauf kam Carla mit dem Telefon rein. „Mama für

dich“ sagte sie. Ich schrie nur „Raus!“. Mittlerweile war es Mittag geworden.

Ich wusste gar nicht was ich tun sollte. Ich saß nur auf dem Bett, überlegte,

was es in Zukunft nicht mehr geben werde, und welche geliebten Erfahrungen

und Vorstellungen durch wenige Worte und kleine rücksichtslose Aktivitäten

der beiden in mir zerstört worden waren, welche Welten sie in mir hatten zusammen

brechen lassen. War ich einfach blind gewesen, und naiv und gläubig

meinen blumigen Glückserwartungen hinterher gerannt. Müsste man dabei

nicht immer mit einplanen, dass es Situationen geben könnte, die allem von

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heute auf morgen ein Ende bereiten, damit man sich nicht plötzlich fassungslos

durch eine totale Katastrophe aus dem Traum gerissen sieht. Ich glaubte stark

zu sein, und einiges ertragen zu können, aber das ausgerechnet meine Liebsten

mir das Schlimmste antaten, das ertrug ich nicht, es ließ mich daran zweifeln,

ob es überhaupt noch erträglich sein könne, so weiter zu leben. Es wollte

sich gar kein Bild einer Zukunft in mir entwickeln, ich konnte es mir gar nicht

vorstellen. Ein einfaches Zurück zur Vor-Klaus-Zeit gab es nicht, und hätte ich

auch nicht gewollt, aber wie sollte es denn dann aussehen? Hielt ich das überhaupt

aus? Konnte ich das überhaupt allein durchstehen? Brauchte ich nicht

dringend fremde Hilfe, damit ich nicht durchdrehte, und vielleicht etwas

Schlimmes anstellte? Sollte ich nicht besser verschwinden, weil mich hier ja alles

permanent daran erinnerte. Hildegard und Peter hatten einen riesengroßen

Bunker, den sie zu zweit gar nicht voll nutzten, da könnte ich mit Sicherheit

erst mal unterkommen. Peter müsst ich dann erzählen, ich sei hier, damit es

meine Tochter und mein Liebster ungestört von meinen hysterischen Anwandlungen

miteinander treiben könnten, oder so ähnlich? Nein, keinesfalls ließ ich

mich hier vertreiben, eher schmiss ich beide raus. Bei Klaus war's ja schon

passiert, aber Carla? Ich Carla rausschmeißen? Wie sollte ich das denn wohl

zustande bringen? Unsinn, dass ich meine Carla auffordern würde, zu verschwinden,

dazu konnte ich mir rein gar nichts vorstellen.

Carla kam wieder rein. „Verschwinde!“ rief ich ihr entgegen, aber diesmal ging

sie nicht. „Mama, wir müssen miteinander reden“ beharrte sie. „Ich will nicht

mit dir reden. Ich weiß nicht mehr wer du bist.“ antwortete ich. „Mama hör

auf.“ sagte sie „wir brauchen ja nicht jetzt miteinander zu reden, wenn du noch

nicht kannst, aber ich geh nicht eher raus, bis ich weiß, wann wir miteinander

reden.“ Eigentlich wollte ich ihr zuerst sagen, dass in meinem Zimmer ja wohl

ich bestimme, wer wann raus zu gehen habe, das kam mir aber nicht nur

reichlich blöd vor, ich wollte ja auch wissen, warum Carla es getan hatte und

was sie sich dabei gedacht hatte. „Also gut,“ sagte ich und deutete ihr an, dass

sie beginnen solle. Carla setzte sich auf's Bett und begann: „Mama ich weiß,

dass das falsch war und, ich möchte mich auch ausdrücklich dafür entschuldigen.“

„Ne, so einfach geht das nicht.“ unterbrach ich sie. „Mama es ist absolut

nichts passiert, außer dass ich versucht habe Klaus ein bisschen anzuturnen,

und als es ihm zu brenzlig wurde, ist er schnell auf sein Zimmer geflüchtet.“

versicherte Carla beruhigend.

Ich hatte Klaus also völlig zu unrecht verdächtigt. Mon amour, was hatte ich dir

nur angetan? Was hatte ich nur alles über ihn gedacht? Wie hatte ich mich nur

durch die falsche Interpretation einer einzigen Äußerung zu solchen Enragiertheiten

hinreißen lassen können. Es machte mir Angst. Vor mir selber. Möglicherweise

war ich selbst mit solchen Verhaltenspotentialen die größte Bedrohung

für unsere gemeinsame Beziehung. Hoffentlich blieben von den schrecklichen

Gedanken und Meinungen über ihn keine Reste in meinem Kopf hängen.

Lass mich vergessen, dass ich so etwas denken kann!

„Ja aber warum tust du so etwas? Was kann man anders wollen, als mit dem

Mann ins Bett gehen? Und warum wolltest du das? Und was hast du dir dabei

gedacht?“ fragte ich verständnislos. „Das kann man in einem Satz gar nicht

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eantworten. Das hat 'ne längere Geschichte, und wenn man die nicht kennt,

kann man es gar nicht verstehen und beurteilen.“ antwortete Carla und setzte

weiter fort: „Ich habe mich auch super gefreut, als Klaus hier einzog, ich konnte,

das total verstehen, wie verliebt du warst, und wie ihr Spaß miteinander

hattet, ich hätte mir das für mich auch vorstellen können, doch es war für mich

immer selbstverständlich völlig tabu, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Alles war schön. Du hattest endlich doch noch einen Mann gefunden,

mit dem du nicht nur richtig glücklich sein konntest, sondern der dich rasant

hat aufblühen lassen. Prima!

Nur mit dem Trio, das hat von Anfang an nicht gestimmt. Während es für euch

beide immer nur neue Vorteile gab, hatte es für mich, außer dass es jetzt

abends meist selbstgekochtes Essen gab, und Klaus einige meiner Aufgaben

hier im Haus erledigte, ausschließlich massivste Nachteile. Ich war zum dritten

Rad am Wagen geworden, ich war da, weil ich eben so immer schon dazugehört

hatte. Was mit mir war, wie's mir ging, hatte, wenn überhaupt, nur völlig

marginale Bedeutung. Im Mittelpunkt standet immer nur ihr beide, und was ihr

miteinander anstellen wolltet. Ich hatte oft das Gefühl, zwar anwesend zu sein,

aber gar nicht gesehen zu werden. Diskussionen wurden beendeten, wenn ihr's

nicht mehr abwarten konntet, übereinander herzufallen. Es hat mich ja Anfangs

noch gefreut, zu sehen wie gern ihr euch mochtet, und wie ihr zwei alten

Mäuse ständig miteinander rumturteltet, nur es fing langsam an mich zunehmend

zu stören, weil es immer das Zentrale war, und ich kam darin nicht vor.

Es fing an mich immer mehr zu nerven. Wenn ich abends ins Bad ging, und

dein Bett knatschen, oder dich stöhnen hörte, hätte ich jedes mal unter die

Decke gehen können. Ich hab' mich nicht mehr über deine Lust gefreut, sondern

fand sie zum Kotzen. Ich konnte mich auch tagsüber nicht davon freimachen.

Die Situation zu Hause lag immer wie ein trüber Schleier über mir und

meinem Tag. An der Hochschule konnte ich mich nicht mehr richtig konzentrieren,

und bin bei Arbeiten manchmal einfach weggelaufen. Männer fingen an

mir widerlich zu erscheinen. Ich hatte zu nichts so wenig Lust, wie mich auf so

einen einzulassen. Ich dachte öfters, mir gut vorstellen zu können, wie Leute

dazu kommen, Junkies zu werden.

Aber das Allerschlimmste war für mich, dass meine Beziehung zu dir vom ersten

Tag an nicht mehr existierte, das unsere Freundschaft sich von jetzt auf

gleich in Luft aufgelöst hatte, und du von alledem nicht einmal etwas bemerkt

hast, sondern dein Interesse nur noch Klaus und dir selber galt. War das was

du über die Beziehung unter uns beiden Frauen gesagt hast, hohles Gewäsch

oder hast du es früher mal selber geglaubt?“ „Carla“ unterbrach ich sie „wir haben

sicher ganz vieles falsch gemacht, und ich weiß gar nicht, ob sich das alles

noch reparieren, und wieder hinbiegen lässt, nur dass sich meine Gefühle für

dich in irgendeiner Art geändert hätten, kann ich bei mir nicht erkennen, und

wie ich sonst unsere Beziehung gesehen habe, hat sich bis heute für mich um

kein Jota geändert. Warum siehst du das anders?“ „Es mag sein, dass du das

glaubst, nur praktisch existiere ich für dich nicht mehr. Wir haben sonst mindestens

einmal, meist häufiger, die Abende zusammen auf der Couch verbracht,

wir haben uns was erzählt, zusammen gelacht und geträumt, uns getröstet

und geschmust, haben manchmal gesüffelt und zusammen geschlafen.

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Das alles gibt es nicht mehr. Du merkst das gar nicht, für mich war das mein

Zuhause, die Nähe und Vertrautheit zu dir war meine Basis. Dir scheint das ja

nichts bedeutet zu haben, wenn du es einfach so von heute auf morgen vergessen

kannst.“

Erschrocken und erstaunt über mich selbst reagierte ich: „Ich weiß es auch

nicht, was da passiert ist.“ meine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen,

„ich fand es auch immer nicht nur sehr schön sondern auch wichtig für mich,

und ich habe manchmal unter sehr großen Schwierigkeiten dafür gesorgt, dass

es überhaupt klappten konnte. Es war auch für mich ein wichtiger Bestandteil

meines Lebens. Und dann merke ich nicht einmal, dass es nicht mehr existiert.

Ich verstehe mich selber nicht. Was du sagst macht mich unendlich traurig.

Kannst du dich einmal von mir drücken lassen?“ Wir umarmten uns, wobei Carla

schluchzend zu weinen anfing. Es dauerte bis Carla wieder zuhören und

sprechen konnte. „Mamotschka,“ hub sie an „ich glaube so ganz richtig weißt

du das doch nicht, wie lieb ich dich wirklich habe, und wie viel du mir bedeutest.“

„Du wirst es mir noch mal richtig erklären müssen, Schatz, damit ich es

auch ganz bestimmt voll erfassen kann, es wird alles anders, das garantiere ich

dir.“ versprach ich, und wollte wissen, warum sie denn nicht schon früher mal

etwas gesagt habe. „Warum denn?“ antwortet Carla, „es war doch alles paletti,

nach außen hin, ihr wart glücklich, alles funktionierte, jeder war zufriedenen,

sollte ich da stören, anfangen zu nörgeln und alles vermiesen. Sauer sein, und

zeigen das es mich nervte, das ihr so happy wart, das konnte ich auch nicht.“

Die eigentliche 'Missetat', und warum Carla es getan hatte, war allerdings immer

noch nicht aufgeklärt. Es interessierte mich aber auch mittlerweile fast

kaum noch. Carla habe sich in ihrer Situation völlig frustriert und hilflos gefühlt.

Für sie sei der Traum vom schönen Zusammenleben geplatzt, und sie

habe zusätzlich noch mich verloren, und die Vorstellung gehabt alles ertragen

zu müssen, und nichts dagegen unternehmen zu können. Sie sei sich selbst

völlig überflüssig vorgekommen, und habe oft gegenüber allem ein Scheiß-Egal-Gefühl

entwickelt. Sie habe nicht geplant, mit Klaus schlafen zu wollen, als

sie gemerkt habe, dass Klaus auf ihre Versuche anspringe, habe sie Spaß daran

gefunden, ihn weiter zu puschen. Für sie habe das rein kommunikativen

Charakter gehabt, für Klaus sei's wohl ein bisschen mehr gewesen. Ob sie mit

ihm ins Bett gegangen wäre, wenn Klaus es gewollt hätte, könne sie gar nicht

sagen, da es gar nicht soweit gekommen sei, dass sie auf die Idee gekommen

sei, sich diese Frage zu stellen. „Was hast du ihm denn gesagt?“ wollte ich

neugierig wissen. „Ach Mama, nichts als das Übliche. Haben wir doch schon

tausendmal drüber gelacht. „Wolltest ihn etwa deine Titten bewerten lassen?“

wollte ich's doch noch genauer wissen. „Mama! hör auf jetzt!“ antwortete Carla,

und wir grinsten uns an, weil uns das an etwas erinnerte, worüber wir mal

schrecklich gelacht hatten.

Im Moment waren wir wieder ein Herz und eine Seele, wie an den früheren gemeinsamen

Tagen und Abenden. Was war in mir passiert, dass ich das vergessen

haben konnte. Einfach so, von heute auf morgen, und nie mehr daran gedacht,

nie einen Wunsch danach gehabt, wie aus der Erinnerung getilgt. Das

heißt, vergessen hatte ich es ja gar nicht, nur es durfte in meiner Beziehung zu

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Klaus, im Bewusstsein nicht auftauchen. Carla hatte mir im Grunde verdeutlicht,

wie blind für große Fehler man werden kann, wenn man sich euphorisch

und bedingungslos von den unberechenbaren Sturmwinden der extatischen

Verliebtheitswonnen durch den Tag blasen lässt.

Gesellschaftspläne

Ein Gedanke an Klaus störte jetzt nur. Heute wollten wir unter uns bleiben. Ich

musste nur Klaus noch anrufen und eine große Reinwaschungs- und Büßerzeremonie

veranstalten, obwohl Carla ja der Ansicht war, der Hauptschuldige für

die Szenerie von heute Morgen sei eigentlich Klaus. Wenn er nicht so missverständlich

herumgedruckst hätte, sondern klar gesagt hätte was passiert war,

wäre keiner auf die Idee gekommen, Klaus irgendetwas anzulasten, und man

hätte ganz vernünftig darüber reden können. Ich wollte ihm aber nichts vorwerfen,

sondern wollte ihn wieder haben. Heute wollten wir ihn hier allerdings

nicht sehen. Heute war Ladies-Day. Klaus war besänftigt und hat alles akzeptiert.

Carla und ich hatten es uns am Esstisch gemütlich gemacht, und schmiedeten

Pläne, wie und warum wir was ändern müssten, wollten und könnten. Es

herrschte eine so intensiv herzlich-liebevolle und lustige Atmosphäre, dass sich

mir zwischendurch immer wieder die unbeantwortbare Frage aufdrängte, wie

es möglich sein konnte, dass mir das Fehlen solcher Situationen mit Carla

überhaupt nicht bewusst geworden war. Nachdem wir einen 'Gesellschaftsplan'

für die Wohngemeinschaft aufgestellt hatten, mit Positionen, die unverrückbar

waren und die Klaus einfach so akzeptieren musste, wie z. B. dem wöchentlichen

Ladies-Day bis zu Positionen, die völlig variabel waren, oder auch gestrichen

werden konnten, wollte ich noch Carlas Sicht ihrer Beziehung zu mir erklärt

haben.

Verhängnisvolle Beziehung – glückliche Entwicklung

Nach überschwenglichsten Laudatien gipfelte es zusammenfassend darin, dass

sie mich brauche, auf mich angewiesen sei und ohne mich nicht leben könne.

Meine freche, starke, lebenslustige Carla, die ich neidvoll bewundert hatte,

zeichnete sich selbst in einem Bild in dem die Farben der Suche nach Schutz,

Hilfe und Geborgenheit den Grundton bildeten. Mir hatte sich nicht nur noch

stärker verdeutlicht, welche Gewichtung unsere gemeinsamen Abende für ihre

Psyche hatten, und warum sie meinem Balzverhalten so hilflos gegenüber

stand, es war mir auch aufgegangen, dass die Entwicklung unseres Verhältnisses

im Hinblick auf ihr Standing, gelinde gesagt, nicht nur positive Seiten auf

zu weisen hatte.

Andererseits hatte sich ihr Abhängigkeitsgefühl und ihr starkes Bedürfnis nach

Geborgenheit sicher auch erst durch die Erfahrungen in den letzten Monaten zu

diesen Formen entwickelt. Möglicherweise hatte sie über längere Zeit zum ersten

Mal in ihrem Leben das Gefühl, mir gleichgültig zu sein und keine Bedeutung

für mich zu haben. Ein für sie unerträglicher Zustand, der in ihr das Emp-

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finden hervor rief, dass für ihre Psyche meine Anerkennung und Zuneigung die

Felder mit den zentralsten Funktionen seien. Dass sie sich immer schon so

schwach, so schutz- und hilfsbedürftig gesehen hat, und es mir nur die ganzen

Jahre über nicht bewusst geworden ist, will und kann ich nicht glauben. Auch

wenn uns beiden am Kontakt miteinander immer sehr viel lag, war Karla doch

immer sehr selbstsicher und eigenständig, und zwar so eindeutig und ausdrucksvoll,

dass es sich mit Sicherheit nicht nur um eine Fassade handeln

konnte. Sie war zum Beispiel schon im Alter von 16 für ein ganzes Jahr ohne

meine ständige Nähe und Zuwendung bis auf zwei Besuche, und natürlich häufige

Telefonate allein in den USA gewesen, und hatte es nicht nur überstanden,

und niemals den Wunsch geäußert, wieder nach hause zu wollen, sie hat es

sehr freudig genossen, und auch dort ihre Freude, Energie und Lebenslust verbreitet.

Abends im Bett grübelte ich noch lange darüber, bis ich endlich nach

diesem furiosen Tag einschlafen konnte.

Hildegard, mit der ich eher beiläufig darüber sprach, wurde hellhörig, und vertrat

die Ansicht, dass sich aus unserer vermeintlichen Idylle für Carla böse

Konsequenzen entwickeln könnten. Sie würde mir dringend raten, mal mit jemandem

darüber zu reden, und vermittelte mir einen Termin bei einer Kolle gin.

Nach anfänglicher Konfrontation mit Horrorszenarien, und der von mir und

Carla akzeptierten Einschätzung, das unsere WG-Konstellatin in der von uns

gewünschten Weise prinzipiell gar nicht praktizierbar sei, suchten wir nach Änderungsmöglichkeiten

und für Karla günstigen Entwicklungsschritten. Heute

kann ich sagen, dass nicht nur Schlimmes verhindert wurde, sondern sich in

kurzer Zeit Entwicklungen vollzogen haben, die ich nach meinem Verständnis

für schlicht unmöglich gehalten hätte.

Carla lebt heute in der Nähe von Avignon mit einem 'älteren' Schriftsteller zusammen,

wird selber Mama und ist rundum glücklich und high, auch ohne Ladies-Day

und Schmusen mit Mamotschka. Sogar mit deutlich weniger Telefonaten

und Skype-Connections als damals in den USA. Sie war zu einem Auslandssemester

an der Ecole des Beaux Arts in Perpignan, hat Jean nach einer Lesung

kennengelernt, und lebt seit diesem Abend mit ihm zusammen. Er ist fast

20 Jahre älter als sie, und sei der erste (außer ihrem Opa natürlich) Mann in

ihrem Leben, der ihr neue, für sie bedeutsame Eindrücke vermitteln könne, bei

denen sie nicht meine, sich selber besser auszukennen. Außerdem verfüge er

selbstverständlich über alle positiven Eigenschaften, die man sich bei einem

Mann wünsche, und sei sicher der beste Vater, den sie sich für ihr zukünftiges

Töchterchen vorstellen könne. Jean hingegen entdecke immer wieder neue positive

Aspekte an ihr und in ihrem Zusammenleben, und sei stets aufs Neue erstaunt,

wie vorurteilsbehaftet sein Bild über deutsche Frauen doch gewesen

sei. Ich bin sicher, dass mir Carlas Abwesenheit, und die Vorstellung, dass es

nie wieder anders sein wird, größere Probleme bereiten, als Carla die Trennung

von hier. Aufkommende wehmütige Gefühle kann ich immer nur mit der mir

selbst erteilten Anweisung zurück drängen, endlich einfach zu akzeptieren,

dass dies für Carla schließlich die bessere Lösung sei, und so meinem eigenen

Wunsche entspreche.

Wie ich Probleme in der Beziehung zu Männern durch mein ganzes Leben ge-

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schleift habe, hatte mir die Situation mit Carla verdeutlicht, dass es mir auch in

praktischer Pädagogik beim Umgang mit meiner Tochter bei aller Liebe nicht

eben gelungen war, die Kompetenzen einer Koryphäe unter Beweis zu stellen.

Komm an mein zärtlich Herz du schöner Kater.

Mittlerweile bin ich emeritiert, lebe immer noch mit Klaus zusammen, habe

ganz viele dunkle Punkte an ihm entdeckt, die mich allerdings nicht stören,

sondern eher amüsieren oder kitzeln, und streite mich nur äußerst selten mit

ihm, obwohl die Auswahl möglicher Streitpartner ja sehr gering geworden ist,

und wir beide viel mehr Zeit dazu hätten. Ich kann Gefühle von Schwäche und

Hilfsbedürftigkeit selbstverständlich auch Klaus gegenüber gut zulassen und

äußern, aber ich liebe es auch, ihm heftig zu widersprechen, und mich in intensiven

Wortgefechten mit ihm auseinander zu setzen, was mir früher schwer

fiel, aber jetzt schon mal Klaus eher Probleme zu bereiten scheint.

Obwohl sich Vieles vielleicht so entwickelt hat, dass man es als 'ganz normaler

Alltag' bezeichnen würde, kommt uns jeder Tag immer noch vor, als ob Amor

und Psyche sich gerade neu vermählt hätten, sich liebend umeinander schlängen

und der oberste Schicksalsgott sich nicht in der Lage sähe, dies zu stören,

sondern gezwungen fühle, gönnerhaft Nachsicht walten zu lasen. Über den

ganzen Tag verteilte, kleine freudige und freundliche Lappalien verstärken dieses

Bild. Wir mögen es immer noch, wie frisch verliebte Kinder, miteinander zu

spielen, unsere Gesichter dicht voreinander liegend mit Finger-und Zungenspitze

betastend zu erkunden, als wenn wir uns gerade zum ersten mal geliebt

hätten. Wir haben neben Literatur noch viele weitere Möglichkeiten entdeckt,

die Auslösung meiner Potentiale zu behindern, wobei ich allerdings der Ansicht

bin, dass sich an meiner Empfindsamkeit gegenüber Klaus grundsätzlich nicht

viel verändert hat. Zur Zeit genießt die Liebeslyrik aller Epochen unser großes

lustvoll lernend-forschendes Interesse, da wir beide hier ziemlich unbedarft

waren. Besonders an frostigen Wintertagen können die Betroffenheit vermittelnden,

kunstvoll emotional gefassten Zeilen mich mit einer Aura von Wärme

und Wohlbefinden ummanteln. Gedichten ab der Goethezeit allgemein gelingt

das bei mir allerdings leichter, als etwa frühen Liebesgedichten von Catull oder

vielleicht sogar anakreontischen Erotikons. Insgesamt empfinde ich unsere Beziehung

wesentlich profunder, tiefgründiger und wärmer gegenüber dem leicht

flatterhaften Verliebtheitsgetingel im Rausch der ersten Tage.

Mein schöner Kater konnte lernen, sein ästhetisches Bewusstsein gegenüber

den mich umhüllenden Coture Kreationen im Hinblick auf Interesse und Bedeutung

stark auszubauen, und zu differenzieren, so dass er heute in der Lage ist,

selbst filigranste Veränderungen nicht nur selbständig wahrnehmen, sondern

auch eloquent kommentieren zu können. Bei der Erarbeitung der nächsten Stufe,

Interesse daran finden, selbständig qualifizierte Änderungsvorstellungen zu

entwickeln, sie mir vorstellen, und mich davon überzeugen können, wie fashionable

sie sind, tut er sich allerdings noch ein wenig schwer. Das Grundsätzliche

zu meinen Brüsten habe ich auch erfahren, was allerdings keinerlei Umwandlung

ihrer Formgebung intendierte, und somit auch überhaupt keine Änderung

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meiner Einstellung zu ihnen bewirken konnte. Lieben werden wir uns nie mehr

können, obwohl wir uns langsam immer noch näher zu kommen scheinen.

Bei der Sammlung von Ideen, Vorschlägen und Wünschen zu dem, was wir

gern machen und unternehmen würden, können wir vor Kraft in unseren Köpfen

kaum laufen, abends kommt uns dann schon mal die Idee, dass es vielleicht

ebenso schön sein könnte, in der Geborgenheit der heimischen Räumlichkeiten

von dem Schriftsteller etwas zu lesen, als sich durch raue Wetter

ackernd in unbehausten Hallen den Schriftsteller für begrenzte Zeit kurze Sentenzen

selbst lesend anzuhören. Wir sehen unsere Fähigkeit, so kurzfristige

Umdisponierungen vornehmen zu können, ausschließlich als einen deutlichen

Beweis der uns auch bei zunehmendem Alter erhalten gebliebenen hochgradigen

Flexibilität an.

Im nächsten Monat wollen wir an der Rhône entlang nach Süden dem Frühling

entgegen bummeln. Zwar nicht mit fliegenden Haaren auf dem Sozius von

Klaus Maschine, aber den Anflug einer Assoziation dazu kann man vielleicht

schon erkennen. Klaus erstes größeres Buch „Roter Mond und heißer Sand“,

das in ihm gleich seine Lesesucht ausgelöst hat, handelte davon, wie ein Vater

und sein Sohn, die sich zum ersten Mal begegneten, zusammen die Rhône runter

bis Saintes-Maries-de-la-Mer zogen, und dabei nicht nur vieles an der Rhône

entdeckt wurde, sondern sich ein immer tieferes Freundschaftsverhältnis

zwischen den beiden sich vorher nicht Bekannten entwickelte. Van Goghs Fischerboote

am Strand hätten in seiner gesamten Kindheit und Jugend die Erinnerung

daran täglich präsent gehalten und vergoldet. Für ihn bedeute es ein

sehr tiefes Erlebnis, wenn wir beide zusammen eine derartige Tour machen

könnten, obwohl sich in der Umgebung der Schwarzen Sara, und auch an manchen

anderen Orten in der Provence seit seiner Jugend sicher vieles ungünstig

entwickelt habe. Ich fand das auch sofort toll, besonders weil wir ja Carla dabei

besuchen würden, aber mittlerweile haben wir den Winter über so viel darüber

geredet, und davon gelesen, dass sich bei mir ein Feuer entzündet hat, das

zehrend den neuen Eindrücken und Erlebnissen entgegen glüht. Ich habe weniger

Angst davor, dass der Mistral uns einiges zerblasen könnte, als dass die

Zeit nicht ausreichen möchte, all unsere vielen Pläne bis zum Saisonbeginn zu

realisieren, denn das Gedränge im Touristen- und Feriengequetsche gehört

ausdrücklich nicht zu unseren avisierten Tourerlebnissen. Wie wir uns fortbewegen

werden? Wir wissen es nicht. Es ist ein zentrales Moment unseres Plans,

dies vor Ort zu entscheiden. Vielleicht nimmt mich dann ja doch mal jemand

auf dem Sozius mit, wobei Fahrtwind und Mistral sich streiten, wer mir das

Haar am am wildesten zerzauseln darf.

Epilog

Die vergangenen 1½ Jahre empfinde ich als die intensivste Phase meines Lebens

mit dem höchsten Ausmaß an Veränderungen und Wandlungen, die mir

bewiesen hat, dass das Schlimme und Beängstigende am Prozess des Alterns,

nicht die zunehmende Einschränkung der physiologischen Funktionen und der

selbst empfundene Verfall des Gesamtkunstwerks Körper unter ästhetischen

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Aspekten sind, sondern die zunehmende Bereitschaft, mentale Schleusentore

zu öffnen, die den trüben verseuchten Fluten eigener Vergreisungsvorstellungen

Zutritt zu unserm Denken gewähren. Lass dir nichts vormachen über zunehmend

defizitärer werdende Strukturen deiner Persönlichkeit und die Notwendigkeit

sich intensiver mit dem Tod beschäftigen zu müssen. Das gilt eher

für die Jungen, die nirgendwo zu erfahren scheinen, dass es auch für ihr Leben

mal ein Ende geben wird. Spüre die in dir verborgen liegenden Möglichkeiten

auf. Die Bahnen aus frühen Kindertagen bleiben immer befahrbar. Es lohnt

sich, sie wieder zu entdecken, und neu zu erforschen, wohin sie dich führen

können, und das jeden Tag. Lass den Strauß der Blumen des kindlichen Vertrauens

und der frühen Sicherheit neu erblühen. Was dich daran hindern will,

versuch es zu vergessen, oder befiel ihm zu schweigen. Genieße das bunte

Treiben deiner Herbstkirmes und lass dich von den Gauklern und Spielmännern

verlocken zu einem Tanz auf den Rheinwiesen im freundlichen Rot der für dich

scheinenden Herbstsonnenstrahlen.

FIN

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Your hights are never

scaled

Einen Mann, und auch noch

ständig bei ihr im Haus?

Das erträgt Lisa nicht.

Was macht sie denn

so verrückt

an diesem Klaus,

dass sie unbedingt sofort

ihr ganzes Leben

ändern muss.

Altersschwachsinn oder

zum ersten mal verliebt.

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