18-21 Gloegglifrosch - Natürlich

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18-21 Gloegglifrosch - Natürlich

Abgenabelt: Hat der Vater alle Eier

übernommen, reissen die Laichschnüre

– letzte Verbindung zur

Mutter – und die Partner gehen fortan

getrennte Wege.

Tiere NATUR

obstetricans – so heisst der Glögglifrosch

bei den Zoologen – packen das Weibchen

vor den Hinterbeinen.

Alles andere als primitiv ist das Fortpflanzungsverhalten

der Geburtshelferkröte:

Väter als aufopfernde Babysitter sind

in der Tierwelt selten. So brütet beim Seepferdchen

das Männchen die Eier in einer

Brusttasche aus – und bringt buchstäblich

lebende Junge zur Welt. Beim Maulbrüterwels

reifen die Eier in der Mundhöhle des

Vaters zu Jungfischen heran. Eher anrüchig

denn heilig ist die Fürsorge beim Heiligen

Pillendreher: Das Käfermännchen formt aus

Kot eine Kugel, in die das Weibchen ein Ei

legt. Auch viele Vögelmänner brüten selber,

oder sie füttern das brütende Weibchen

oder die Jungen. Und in der westlichen

Welt wird eine rare, brutpflegende Unterart

des Homo sapiens immer häufiger: der

Hausmann.

Foto: Sunset/SUTTER

Weltweites

Amphibiensterben

Politiker müssen zwar hin und wieder eine

Kröte schlucken. Und Homöopathen verschreiben

das potenzierte Hautgift der Erdkröte

bei Fallsucht. Zudem haben Generationen

von Medizin- und Biologiestudenten

Frösche seziert, die nicht wie weisse Mäuse

gezüchtet, sondern in der Natur gefangen

wurden. Obendrein verwechseln uneinsichtige

Zeitgenossen Froschschenkel noch

immer mit einer Delikatesse. Doch der

starke Rückgang vieler Froschlurche in den

letzten Jahrzehnten hat andere Ursachen.

Seit 300 Millionen Jahren bevölkern

Amphibien unseren Planeten – seit 30 Jahren

sterben sie aus, die Frösche, Kröten,

Molche und Salamander. Weltweit. Auch in

unberührten Regenwäldern schrumpft ihr

Bestand beängstigend. Was als «mysteriöses

Amphibiensterben» ab und an für Schlagzeilen

sorgt, erscheint nach wie vor rätselhaft.

Neuere Forschungen lassen indes vermuten,

dass die empfindlichen Tiere zu den

Opfern des Klimawandels zählen (siehe

Natürlich 11-2002). Erderwärmung, weniger

oder mehr Niederschlag, Ozonbelastung

und erhöhte UV-Strahlung könnten

die Abwehrkraft der Amphibien schwächen.

Damit würden sie anfälliger auf Krankheitserreger

wie Pilze und Viren.

Auf die Sprünge helfen

Und der Glögglifrosch? «Ein direkter Bezug

zum globalen Amphibiensterben ist nicht

ersichtlich», sagt Jonas Barandun, Amphibien-Spezialist

am Naturmuseum St.Gallen.

«Der teilweise dramatische Rückgang

der Geburtshelferkröte in der Schweiz beruht

vornehmlich auf dem Verlust geeigneter

Lebensräume.»

Dabei ist der Glögglifrosch gleich doppelt

bedroht: Weil er wenig wanderfreudig

ist, müssen Laichgewässer an die Schlupfwinkel

im Trockenen angrenzen. Wird ein

Brutbereich zerstört, ist der gesamte Standort

für die Tiere verloren. Neue Wohnstätten

besiedelt die Geburtshelferkröte nur

ungern und selten.

Ursprünglich lebte der Glögglifrosch an

Flussauen, langsam fliessenden Bächen, in

steiniger Hügellandschaft mit Rutschgebieten.

Seit Jahrhunderten akzeptiert er

vom Menschen geschaffene Wohnräume:

Kies- und Sandgruben, Steinbrüche, Feuerlöschweiher

oder Gartenteiche. Wichtig sind

locker bewachsene, ufernahe Gebiete mit

Geröll, Steinmauern und gut grabbarem Boden,

in denen die Kröte Unterschlupf findet.

In Gartenteichen überlebt die Kaulquappe

nur, wenn Libellenlarven und Molche

nicht überhand nehmen. Dazu sollte

man das Gewässer periodisch leeren und

ausräumen: «Wer künstlich einen Lebensraum

gestaltet und damit die gefährdete

Geburtshelferkröte retten will», so Jonas

Barandun, «der muss andere Lebewesen

schädigen – eine Grundregel des Artenschutzes.»

Trägt sich Glückliches zu, sagt man

in einigen Schweizer Dialekten: «Glöggli

ghaa» – Glück gehabt. Glöggli kann er

freilich gebrauchen, unser Glockenfrosch.

Sein Bestand nahm beispielsweise in der

Innerschweiz innert 15 Jahren von 49 auf

27 Vorkommen ab. Helfen wir deshalb

dem Glögglifrosch mit Schutzmassnahmen

(siehe Info-Box) auf die Sprünge – sonst

hat er ausgehüpft, für immer.

Hilfe für den

Glögglifrosch

In der Schweiz ist die Geburtshelferkröte

im Mittelland und Jura sowie

in den Voralpen verbreitet. Projekte

zum Schutz der Kröte laufen in

verschiedenen Regionen.

Infos unter: www.pronatura.ch/sg/

projektalytes/projekt7.html (hier

kann auch der Glockenruf heruntergeladen

werden) sowie bei:

www.pronatura.ch/be/media/

framesd.htm

Wer den Glögglifrosch am Telefon

hören möchte, wählt: 031 350 73 27

So helfen Sie

der Geburtshelferkröte

Tipps für Laichgewässer:

– in Gartenteichen keine Enten und

Fische halten; alle 4–8 Jahre

Gewässer trockenlegen

– Flussauen wiederherstellen

– artgerechte Renaturierung von

Bächen

– bestehende Flachgewässer

erhalten

– Tümpel in Kiesgruben über Jahre

offen halten

– Weidbrunnen mit Wasserdurchlauf

erhalten oder neu eingraben

– neue Weiher artgerecht anlegen

Tipps für Lebensräume im Trockenen:

– Trockensteinmauern und Steinhaufen

erhalten oder neu anlegen

– unbewachsene Erd- und Sandhaufen

aufschütten

– sonnige Böschungen nicht überwachsen

lassen

– in ausgebeuteten Kiesgruben

Schuttstellen an offenen Gewässern

erhalten

– in Gärten Laub und Äste liegen

lassen; kein Schädlingsbekämpfungsmittel

einsetzen

Natürlich | 4-2003 21

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