OKtOBEr 2006 - Lebendige Gemeinde

lebendige.gemeinde.de

OKtOBEr 2006 - Lebendige Gemeinde

3. Quartal OKTOBER 2006

Information und Orientierung

WOHIN GEMEINDE?

Mehr Wort – mehr Wert?

Gemeinden und Gemeinschaft

Pietismus und Landeskirche

www.LG-ONLINE.de


Aus dem Inhalt

Auf dem Weg zur Gemeinde

der Zukunft 4

Johannes Zimmermann

Mehr Wort – mehr Wert? 10

Dorothea Gabler

Gemeinden und Gemeinschaften –

gemeinsam geht‘s 14

Ralf Albrecht

Was ich an meiner

Landeskirche schätze 18

Erwin Damson

Pietismus und Landeskirche 21

Volker Teich

Impressum

Herausgeber und Bezugsadresse

Ludwig-Hofacker-Vereinigung, Saalstr. 6

70825 Korntal-Münchingen

Telefon: 0711/83 46 99, Fax: 0711/8 38 80 86

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Erscheinungsweise: vierteljährlich

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Ludwig-Hofacker-Vereinigung.

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Wir danken allen, die durch ihre Spende die kostenlose

Verteilung dieses Blattes ermöglichen. Wir bitten um vollständige

und deutliche Angabe der Anschrift auf den

Überweisungsvordrucken, damit wir Spendenquittungen

übersenden können. Wir sind ganz auf die Gaben der

Freunde angewiesen.

Redaktion

Thomas Binder, Erwin Damson, Hans-Jörg Gabler,

Traugott Messner, Volker Teich

Gesamtgestaltung

Krauss Werbeagentur, 71083 Herrenberg

Druck und Postzeitungvertrieb

St.-Johannis-Druckerei,

Postfach 5, 77922 Lahr-Dinglingen

Bildnachweis

Titelbild idea, LG, privat

Internet www.LG-online.de

eMail info@LG-online.de

Termine

Termine

Oktober

08. Familien-und Freundestag, CVJM Walddorf

14. Tag diakonischer Impulse, Korntal

15. – 18.10. Leiden für Christus –

gestern – heute – morgen

8. Europäischer Bekenntniskongress,

Bad Blankenburg – Thüringen

16. Kirchweihmontagskonferenz, Hülben, AGV

22. Christustreff, Sporthalle Böblingen,

Württembergischer Brüderbund

27. – 29. Herbstmissionsfest der ÜMG, Mücke

November

01. Landeskonferenz, Böblingen, Altpietistischer

Gemeinschaftsverband

05. Jahreskonferenz, Böblingen,

Süddeutsche Vereinigung

09. – 11. Willow – Creek Leitungskongress, Bremen

12. Gebetstag für verfolgte Christen,

Deutsche Evangelische Allianz

27. – 30. Landessynode

Dezember

02. CVJM-Treffen, CVJM-Landesverband,

Walddorfhäslach

15. – 16. Tagung für Kirchengemeinderäte, Schönblick,

AGV

17. Stuttgarter Jugendgottesdienst, Stiftskirche

31. Silvesterkonferenz, Hülben, AGV

Deshalb ist die Sache dran...

»Wohin Gemeinde

Eine Frage, die viele Kirchengemeinden bewegt.

In manchen Gemeinden ist es so, dass man geradezu gezwungen wird darüber nachzudenken,

weil die Kirchenmitglieder einfach immer weniger werden. Dies kann verschiedene

Gründe haben. Bleiben die Zahlen der Kirchenmitglieder im ländlichen Bereich relativ

stabil, sieht es in den Städten ganz anders aus. Die Innenstädte haben den größten Mitgliederschwund.

Das liegt zum einen daran, dass kaum junge Familien in die Innenstädte

ziehen, - wenn dann sind es vor allem nichtchristliche Familien -, und zum andern, dass

die älteren Menschen, die ein Großteil der Gemeinden ausmachen, wegsterben. So wächst

in den Städten die Zahl der Konfessionslosen stark an, bis zu einem Drittel der Gesamtbevölkerung

macht diese Konfession inzwischen aus, Tendenz steigend. Selbst in kleineren

Gemeinden im Großraum Stuttgart kann es vorkommen, dass die Schüler in der ersten

Klasse fast zur Hälfte ohne Konfession sind.

Wenn wir in den Osten Deutschlands blicken, sieht es noch einmal ganz anders aus. Dort

kann es durchaus sein, dass ein Pfarrer über zehn Ortschaften zu betreuen hat, die

Gesamtzahl seiner Gemeindeglieder aber kaum ein paar Hundert Menschen übersteigt.

Jeden Sonntag sind von einem Pfarrer viele Gottesdienste zu halten, die

Besucherzahlen sind sehr überschaubar, oft weniger als zehn.

Die schrumpfenden Mitgliederzahlen sind aber nicht die einzige Herausforderung

für unsere Gemeinden. Auch in Gemeinden, in denen viel los ist,

bewegt sich viel und gerade sie fragen sich: Gemeinde wohin? Gemeindeaufbaukonzepte

gibt es mehr als genug!

Eine weitere Herausforderung der Zukunft liegt in dem Verhältnis

Gemeinde und Gemeinschaft. Auch hier ist vieles im Fluss. Uns als

Hofacker-Vereinigung liegt dieses Verhältnis besonders am Herzen.

Die Beobachtung, dass immer mehr Gemeinschaften sich in Richtung

Gemeinde entwickeln, fordert Gemeinden und Gemeinschaften heraus,

über sich selbst und die eigenen Ziele neu nachzudenken.

Wohin Gemeinde? Wir wissen es nicht. Aber eines wissen wir: es macht

Sinn darüber nachzudenken und die Augen vor den Entwicklungen

nicht zu verschließen. Das Thema ist dran, dass wir als Kirche überlegen,

wie wir in Zukunft Gemeindearbeit machen wollen und wohin wir

mit unseren Gemeinden wollen?

Viel Gewinn beim Lesen dieses spannenden Heftes wünscht Ihnen

Ihr


Auf dem Weg zur

Gemeinde der Zukunft.

Gemeindeaufbau vor neuen Herausforderungen

(überarbeitete und stark gekürzte Fassung

eines Vortrags beim Dies Academicus der

Kirchlichen Hochschule Bethel am 19.6.

2004, Erstveröffentlichung in: Theologische

Beiträge, 36. Jg., 2005)

»Wir stehen vor der Tatsache, dass

unsere heutige Situation die eines

Übergangs von einer Kirche, die durch

eine homogen christliche Gesellschaft

getragen und mit ihr fast identisch war,

von einer Volkskirche, zu einer Kirche,

die gebildet wird durch solche, die im

Widerspruch zu ihrer Umgebung zu

einer persönlich deutlich verantworteten

Glaubensentscheidung sich durchgerungen

haben. Eine solche Kirche wird

die Kirche der Zukunft sein, oder sie

würde nicht mehr sein«. (K. Rahner,

Von

PD Dr. Johannes

Zimmermann,

Greifswald

Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und

Chance, Freiburg u. a. 1972, 27)

Diese Sätze des katholischen Theologen

Karl Rahner aus dem Jahr 1972 sind heute

noch aktueller als damals und geben uns

die Richtung an, in die wir auf dem Weg

zur Gemeinde der Zukunft denken müssen:

Was ist Gemeinde Jesu Christi? Was

ist ihr Wesen und ihr Auftrag? Wie sieht

Gemeinde in unserer Zeit und in unserem

Umfeld aus?

Welche Einflüsse unterstützen Gemeindeaufbau

und welche erschweren sie?

1. Was ist Gemeinde?

Am Anfang steht nicht die Frage nach Konzepten

und Rezepten, sondern die grundsätzliche

Frage nach dem, was Gemeinde

ist. Gemeinde ist weder ein Verein religiös

Musikalischer noch eine Sympathiegemeinschaft

Gleichgesinnter noch ist sie gleichzusetzen

mit einem kirchlichen Verwaltungsbezirk,

versehen mit Pfarrer, Kirchenvorstand,

Kirche und Gemeindehaus. Gottes

Wort kann nicht ohne Gottes Volk sein.

Das ist einer der Kernsätze der Lehre von

der Kirche bei Martin Luther. Wo Gottes

Wort, das Evangelium, verkündigt wird, da

erweist es seine gemeindebildende Kraft,

da wird Gemeinde sichtbar. Gemeinde ist

zwar mehr als das, was wir sehen können.

Aber wo Gemeinde ist, da gibt es immer

auch etwas zu sehen: die versammelte

Gemeinde, die im Gottesdienst und darüber

hinaus zusammenkommt.

Was die Christen untereinander verbindet,

ist die Gemeinschaft mit Christus, und die

Anteilhabe an ihm. Das Herrenmahl verbindet

die Glaubenden zum Leib Christi (1Kor

10,16f). Hier hat das Bild der Gemeinde als

Leib Christi seinen Ursprung.

2. Wesen und Auftrag der Gemeinde

Die neue Gemeinschaft, die Christus

schenkt und schafft, ist verbunden mit

der Aufgabe verantwortlicher Gestaltung,

sie zielt auf eine ihr entsprechende Sozialgestalt.

Das ist Gemeindeaufbau! Es geht

darum, dem Geschenk der Gemeinschaft

mit Christus und untereinander eine

äußere Form, eine wahrnehmbare Gestalt

zu geben. Gemeindeaufbau und Gemeindeentwicklung

haben mit Säen, Wachsen,

Reifen und Ernten zu tun. So wenig jedoch

ein Gärtner Blumen wachsen lassen kann,

so wenig können wir selbst Gemeinde bauen

oder entwickeln (1Kor 3,6). Wir sind darauf

angewiesen, dass Gott Wachstum schenkt.

Unsere Aufgabe ist es, für optimale Wachstumsbedingungen

zu sorgen, im Vertrauen

darauf, dass Gott es wachsen lässt und sein

Wort nicht leer zurückkommt (Jes 55,11).

Daraus ergibt sich auch der Auftrag, dieses

Wort nach außen zu bezeugen. Die Barmer

Theologische Erklärung formuliert das in

ihrem sechsten Artikel so: »Der Auftrag der

Kirche … besteht darin …, die Botschaft von

der freien Gnade Gottes auszurichten an

alles Volk.« Mit anderen Worten: Gemeinde

ist auf Wachstum angelegt, weil sie darauf

vertrauen kann, dass der Same des Wortes

Gottes Frucht bringen wird.

3. »Kein Aufbruch droht!«

Wenn wir die derzeitige Situation in den

Blick nehmen, ist eher eine depressive Stimmung

auszumachen: »Kein Aufbruch droht.«

(P. M. Zulehner, Kirche umbauen – nicht

totsparen, Ostfildern 2004, 34). Das Geld

reicht nicht, an allen Ecken und Enden muss

gespart werden. Neues wird kaum in Angriff

genommen. Man bemüht sich, das Alte weiter

zu führen und ist schon froh, wenn man

nicht allzu sehr reduzieren muss. Personal

wird abgebaut, Einrichtungen geschlossen,

Gemeinden zusammengelegt – der Umfang

bisheriger Tätigkeiten wird heruntergefahren,

auch Downsizing genannt.

Soll man nach dem Rasenmäherprinzip

verfahren oder einzelne Bereiche ganz aufgeben?

Die betriebswirtschaftliche Vernunft breitet

ihre Herrschaft in der Kirche aus. Prioritäten


Charismen und Gaben

Ein Weg hin zum Glauben

werden gesetzt. Man nennt das Rückbesinnung

auf Kernkompetenzen. Aber allzu

oft geben andere unausgesprochene

Kriterien den Ton an: Man lässt die Stellen

wegfallen, die auslaufen und kürzt, wo die

wenigsten Widerstände zu erwarten sind.

Wäre es auch denkbar, Dinge loszulassen,

um die Kraft zu haben, Neues zu beginnen?

Stattdessen werden den Mitarbeitenden

immer neue Lasten aufgebürdet, viele sind

überfordert, ausgebrannt und frustriert.

Kaum ist eine Runde des Downsizing

durchgeführt, steht die nächste an. Das

alles trägt Züge der Resignation. Kein

Aufbruch droht!

Axel Noack, Bischof der Kirchenprovinz Sachsen:

»Wir sollten fröhlich kleiner werden und dabei

wachsen wollen!«

4. Geht die Gestalt unserer Kirche

einem Ende entgegen?

Was wir miterleben, ist nicht nur eine

momentane Krise, sondern das Zu-Ende-

Gehen der Kirchengestalt der konstantinischen

Zeit, die uns in Europa 1000 Jahre

lang geprägt hat. Es ist die Kirche, die vom

unhinterfragten Fortschreiben von Traditionen

lebt. Man lässt seine Kinder taufen

und konfirmieren, geht am Heiligabend

zum Gottesdienst und am Ende des Lebens

wird man kirchlich bestattet. Die Zugehörigkeit

zur Kirche ist der gesellschaftliche

Normalfall. Und da man von der Christlichkeit

des Volkes ausging, hielt man lange

Zeit Mission zumindest im eigenen Land

für überflüssig. Die bisherige Gestalt der

Kirche war Betreuungskirche: zuständig

für die geistliche Versorgung der Menschen,

für Gottesdienste und Kasualien, für

Unterricht und Krankenbesuche. Die obrigkeitliche

Betreuungskirche hat der Kirche

der religiösen Spezialisten Platz gemacht.

Der Pfarrer ist nicht mehr der Pfarrherr,

sondern der Spezialist in Sachen Religion,

Profi in religiösen Dienstleistungen.

Die überkommene Kirche ist pfarrerzentrierte

Kirche: Die Kasualien, das Weihnachtsfest

und der Pfarrer sind die Wahrzeichen

der »alten« Kirchengestalt. Auch

wenn sie bei vielen hoch im Kurs steht,

diese Kirchengestalt bröckelt massiv. Religion

wird zur Sache eigener Entscheidung.

Die Mitgliedschaft in der Kirche muss sich

die Frage gefallen lassen: Was bringt mir

das? Den Kirchen bläst gesellschaftlich ein

immer rauerer Wind entgegen. Weder was

Überzeugungen betrifft noch Verhaltensweisen,

geht eine prägende Kraft von den

Kirchen aus. Und selbst ihre Mitglieder zeigen

eine erschreckende Ahnungslosigkeit

und Sprachlosigkeit in Glaubensfragen.

Fast allen so genannten »Reformen« der

vergangenen Jahre ist gemeinsam, dass sie

diese Kirchengestalt retten möchten. Ein

signifikantes Beispiel dafür ist der Pfarrdienst.

Die Erwartungen und Vorgaben

für den Pfarrdienst orientieren sich nach

wie vor am volkskirchlichen Betreuungsmodell:

an der Zahl der zu »versorgenden«

Gemeindeglieder, der Gottesdienste,

Kasualien und Besuche, an Unterricht und

Verwaltung wird der Umfang des Dienstes

gemessen. Um Missverständnissen vorzubeugen:

Bei der Unterscheidung von

alter und neuer Kirchengestalt geht es

nicht um gut oder schlecht. Nur – diese

Kirchengestalt geht ihrem Ende entgegen,

– auch wenn das noch Jahrzehnte dauern

kann. Versuche, sie zu stabilisieren, können

zwar ihr Ende hinauszögern, aber kaum

abwenden.

5. Auf dem Weg zu einer neuen

Gestalt von Kirche

In dieser Situation ist es Aufgabe des

Gemeindeaufbaus, zur Entwicklung einer

neuen Kirchengestalt beizutragen. Dabei

geht es nicht um den Traum eines einzelnen

Theologen, sondern um die Entwicklung

von Visionen, die aus dem aufmerksamen

Hinhören auf Gott und sein Wort

und zugleich aus dem sorgfältigen Wahrnehmen

der Situation erwachsen.

Sechs Kennzeichen einer neuen Gestalt von

Kirche sind hier zu nennen:

a. Diasporafähiger Glaube

Die Gemeinde der Zukunft wird Diasporagemeinde

sein. Sie wird überwiegend

eine Minderheit in der säkularen Diaspora

bilden und dem gesellschaftlichen Gegenwind

ausgesetzt sein. Dazu braucht es

einen Glauben mit tiefen Wurzeln und

Menschen, die in diesem Glauben gegründet

und gefestigt sind. »Diasporafähiger

Glaube« wird in der Gemeinde verwurzelt

sein und seinen notwendigen Rückhalt

finden. Das ist ein Glaube und das sind

Gemeinden, die in einer anders geprägten

Umgebung erkennbar sind und Profil zei-

gen. Glaube, der sprachfähig ist, der in

einer Welt ohne Hoffnung Rechenschaft

gibt von der Hoffnung, aus der er lebt

(1Petr 3,15). Glaube, der nicht dem Konformitätsdruck

seiner Umgebung nachgibt

(vgl. Röm 12,2), sondern umgekehrt heilsamen

und prägenden Einfluss auf seine

Umgebung ausübt.

b. Eine Vielfalt von Glaubensnetzwerken

und Biotopen christlichen Lebens

Die Anglikanische Kirche fragte 2004 in

einer Studie danach, ob sich Menschen

stärker an der »Nachbarschaft« oder am

»Netzwerk« orientieren. Im ländlichen

Bereich und bei älteren Menschen dominiert

noch das Modell »Nachbarschaft«,

jüngere und mobilere Menschen leben

stärker nach dem Modell »Netzwerk«. Das

bedeutet für die Gemeinde der Zukunft,

dass sie vielgestaltig sein wird. Die Grundform

der Parochie mit Pfarrer und Kirche

wird ergänzt durch eine Vielzahl von

Glaubensnetzwerken und durch eine Vielgestaltigkeit

von Gemeinschaftsformen.

Im Unterschied zu einer zunehmenden

Beziehungslosigkeit und Vereinzelung werden

die Glaubensnetzwerke dem Einzelnen

ein Netzwerk anbieten, das ihn in seiner


Glaubensnetzwerke

Situation trägt und begleitet – ohne dass

diese in eine Vielzahl von Sympathiegemeinschaften

und Grüppchen auseinander

driften.

Im Zentrum der Glaubensnetzwerke steht

der Gottesdienst. Vom Gottesdienst aus

werden sich Formen gemeinsamen Lebens

bilden, die nahe am Einzelnen sind. Sie

werden »Biotope des Glaubens« bilden.

Manche bilden eigene Gemeinden, andere

werden Teil bestehender Gemeinden sein.

In versöhnter Verschiedenheit und in konfessioneller

Vielfalt werden Menschen, die

in der Gesellschaft nicht zueinander finden

würden und dort nur allzu oft beziehungslos

nebeneinander her leben, in Christus

untereinander verbunden.

c. Die Vielfalt der Charismen und

Gaben: Gemeinde des allgemeinen

Priestertums

Innerhalb der einzelnen Netzwerke und

Gemeinden wird jeder Christ einen Ort

finden, an dem er und sie sich mit ihren

Begabungen entfalten kann. Menschen

mit unterschiedlichen Begabungen und

Berufungen werden als Glieder am Leib

Christi untereinander verbunden sein. Die

hierarchische und monarchische Struktur

haben ausgedient. Das bedeutet nicht, dass

es keine Leitung mehr geben wird, aber es

wird nicht mehr davon ausgegangen, dass

sich alle Begabungen und Dienste im Pfarramt

vereinen. Die wesentliche Aufgabe im

Pfarramt ist die Gewinnung, Anleitung,

Förderung und Begleitung von Mitarbeitenden,

damit jeder dem andern mit der

Gabe dient, die er empfangen hat (1Petr

4,10). Christen werden in ihrer je persönlichen

Berufung begleitet und gefördert,

damit das allgemeine Priestertum nicht nur

behauptet, sondern gelebt wird.

d. Missionarische Gemeinde

Mission ist nicht ein Rezept zur Überwindung

kirchlicher Krisen, sondern der bleibende

Auftrag der Gemeinde Jesu Christi,

der unter der Verheißung des erhöhten

Christus steht (Mt 28,19f.): »Wenn Mission

und Evangelisation nicht Sache der ganzen

Kirche ist oder wieder wird, dann ist etwas

mit dem Herzschlag der Kirche nicht in

Ordnung« – so Eberhard Jüngel auf der

Synode der EKD in Leipzig 1999.

Missionarische Gemeinde begnügt sich

nicht mit dem Bewahren der 99 Schafe,

sondern sie sucht das eine verlorene Schaf

und scheut dazu keinen Einsatz. Ganz

abgesehen davon, dass heute im Stall keine

99 mehr sind, sondern allenfalls zwanzig,

wenn nicht gar nur zehn oder fünf.

Gemeinde der Zukunft muss den Menschen

einen Weg hin zum Glauben und in die

Gemeinde eröffnen und sie dabei begleiten.

e. Diakonische Gemeinde

Diakonische Gemeinde ist die Gemeinde

Jesu in der Nachfolge dessen, der nicht

gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern

zu dienen und sein Leben hinzugeben

zur Erlösung der Vielen (Mk 10,45). Die

Gemeinde der Zukunft wird Diakonie wieder

als ihre ureigenste Sache entdecken

und praktizieren ohne sie an Spezialisten

abzutreten – auch wenn Diakonie spezialisierte

Institutionen braucht, um Menschen

wirksam helfen zu können. Ob und wie das

gelingt, erweist sich im Umgang mit denen,

die am Rand der Gesellschaft stehen: mit

Behinderten und Kranken, mit Arbeitslosen,

Asylanten und Alten, im Umgang mit

Kindern und ungeborenem Leben. Sie wird

dort helfen, wo niemand anders helfen

möchte, geht mit denen barmherzig um,

die gescheitert sind, und wird für dieje-

nigen ihre Stimme erheben, die sich selbst

nicht zu Wort melden können.

f. Vielgestaltigkeit der Formen

im Pfarramt

Auf dem Land ist in Ostdeutschland die

flächendeckende pfarramtliche Versorgung

bereits heute nicht mehr finanzierbar. Um

hier nicht nach dem Downsizing zu verfahren

und einfach auszudünnen, braucht es

neue Pfarrbilder. Etwa einen »Regionalbischof«,

der »lokale Glaubensnetzwerke« initiiert

und begleitet. Pfarrerinnen und Pfarrer,

die ehrenamtliche Gemeindeleiter und

Mitarbeiter vor Ort begleiten und fördern.

Pfarrerinnen und Pfarrer werden weiter in

Gemeinden verwurzelt sein – das können

Parochien oder andere Glaubensnetzwerke

sein. Darüber hinaus werden sie in einem

größeren Gebiet Verantwortung übernehmen,

das ihrer Begabung entspricht. Da

gibt es Verantwortliche für Glaubenskurse,

Mentoren für diakonische Gruppen und

Besuchsdienste, Ausbilder für ehrenamtliche

Gemeindeleiter und Leiter von Glaubensnetzwerken

und Verantwortliche für Jugendarbeit.

Ehrenamtliche Pfarrer werden neben

solchen arbeiten, deren Stelle durch Spenden

finanziert ist.

6. Gemeindeaufbau zwischen

alt und neu

Die verantwortliche Weiterführung des

Alten in hoher Qualität und der gleichzeitige

Einsatz für das Neue wird diese Umbruchsphase

prägen. Die Herausforderung besteht

darin, beides nicht als zwei beziehungslos

nebeneinander herlaufende Aufgaben zu

sehen, sondern danach zu fragen: Wie kann

das »Alte« behutsam und liebevoll in das

»Neue« umgestaltet werden? Konkret: Das

Ziel ist es, Menschen, die sich treu zur

Gemeinde halten, so zu begleiten und zu

fördern, dass sie tiefer im Glauben verwurzelt

werden, dass sie ihre Begabungen

und Berufungen entdecken, sprachfähig

in Glaubensfragen werden und einen missionarischen

und diakonischen Lebensstil

entwickeln.

Das Ziel ist es, dass aus einer Kirchenmitgliedschaft,

die bisher eine unhinterfragte

Selbstverständlichkeit darstellte, eine

fröhliche und klare Entscheidung wird: ein

fröhliches Ja zum Glauben, zur Gemeinde

und zum Dienst, zur Mitarbeit.

Manche werden hoffentlich denken: Das

machen wir doch schon längst! An vielen

Orten ist die Zukunft bereits Gegenwart.

Mancherorts fängt bereits Neues an zu

wachsen und zu blühen. Darauf gilt es

das Augenmerk zu richten, das gilt es zu

fördern.

Zum Gemeindeaufbau bedarf es wacher

Augen, die die Realität unverstellt wahrnehmen.

Es bedarf aber auch Augen des

Glaubens, die in der Ärmlichkeit einer

versammelten Gemeinde den Reichtum

und die Herrlichkeit Gottes sehen. Und

zugleich Augen, die von Gottes Reichtum

her die Armut ihrer Gemeinde erkennen.

Beides ist wichtig: Situationen annehmen

können, so wie sie sind, aber sich

nicht zufrieden geben damit, dass eine

Gemeinde unter ihren Möglichkeiten,

Begabungen und Berufungen lebt. Beides

ist nötig: eine Gelassenheit, die geduldig

auf Gottes Wirken wartet, und eine

geistgewirkte Unruhe, die die anstehenden

Aufgaben erkennt und anpackt. Wir

brauchen das Gebet – und wir brauchen

Mitarbeiter, die bereit sind, sich von Gott

in Dienst nehmen zu lassen.


Mehr Wort – mehr Wert?

Gedanken über das Predigen und Predigt-Hören

Von

Dozentin Pfr. Dorothea Gabler,

Unterweissach

Wenn Gemeinden nicht wachsen oder

der Sonntagsgottesdienst wieder einmal

schlecht besucht ist, wird nicht selten die

Predigt als Grund angeführt. Ja, manche

Christen verlassen sogar die Gemeinde

wegen der Predigten.

Dass es tatsächlich einen Zusammenhang

gibt zwischen dem Gemeindeleben und der

Predigt, das zeigt nicht nur die Erfahrung,

das lehrt schon die Bibel: Die Verkündigung

des Wortes Gottes ist Voraussetzung

für das Wachsen der Gemeinde. Paulus

schreibt an die Römer: »Der Glaube kommt

aus der Predigt, das Predigen aber kommt

aus dem Wort Christi« (Römer 10,17).

Mehr Gottes Wort – mehr Wert!

Auch Martin Luther hat auf diesen Zusammenhang

hingewiesen. Die Gemeinde

ist eine creatura verbi, ein Geschöpf des

Wortes Gottes. Luther fragt: »Was kann

da geboren werden, wo gezeugt wird mit

Menschenwort, nicht mit Gotteswort! Wie

das Wort, so die Geburt; wie die Geburt, so

das Volk. ... Und da wundern wir uns noch,

dass aus solchen Predigten solch ein Volk

entsteht!« (WA 1,12,11ff)

Dass Gott in der Predigt zu Wort kommt,

ist die Voraussetzung dafür, dass die

Gemeinde wächst. Wie aber können wir

als Verkündigerinnen und Verkündiger

so reden, dass es nicht nur menschliches

Reden bleibt? Wie kommt Gott zu Wort?

Zunächst ganz einfach, indem wir von

Jesus Christus, dem Wort Gottes reden,

indem wir bezeugen, was er gesagt und

getan hat. Wir tun das, indem wir uns

auf die biblischen Texte beziehen und das

Evangelium weitersagen, das Gott uns

anvertraut hat (1.Thess 2,4).

Gott sei Dank, es gibt heute viele Predigten,

die biblische Texte auslegen und von Jesus

reden.

Allerdings wächst an manchen Orten die

Gemeinde dennoch höchstens unsichtbar.

Und es gibt Stimmen, die auch bibeltreue,

christuszentrierte Predigten kritisieren, weil

sie ihnen nichts sagen.

Viele neue Wege werden heute ausprobiert,

um die Predigt ansprechender zu gestalten.

Mehr oder weniger Worte

Da wird die Predigtlänge variiert. Wurde

früher im Gottesdienst gewöhnlich 30

Minuten gepredigt, so ist man inzwischen

bei 15 Minuten angekommen, in manchen

Zweitgottesdiensten versucht man es gar

nur mit 10 Minuten. Während in der Landeskirche

eher Predigten gekürzt werden,

so versucht man in manchen Gemeinschaften

und Freikirchen die Dauer der

Predigt zu verlängern. Doch die Gleichung

geht nicht auf, Wachstum der Gemeinde

kann weder durch eine bestimmte Kürze

noch Länge der Predigt hervorgerufen

werden.

Nicht nur Worte

Andere versuchen es mit einer Erneuerung

der Predigtform. Angesichts der unterhaltenden

und professionellen Konkurrenz der

Medien versuchen die einen die Kanzelrede

den Hörgewohnheiten der Menschen heute

anzupassen. Durch Anspiele und Tänze,

Lieder und Gemälde, Videoclips und Powerpoint

wird versucht die Predigt attraktiver

zu machen. Manche würden am liebsten

das Reden in der Predigt ganz durch erlebnispädagogische

Aktionen ersetzen. Andere

fordern dagegen, dass sich die Predigt ganz

klar gegenüber den vielen oberflächlichen

Unterhaltungsangeboten abgrenzen und

unterscheiden muss. Sie erwarten das

Reden Gottes vor allem dort, wo das Wort

allein wirkt, am besten das Bibelwort. Je

mehr Bibeltext zur Sprache kommt, umso

mehr Wert hat in ihren Augen die Predigt.

Ist aber die Schriftlesung wirklich die beste

Predigt? Oder entscheidet sich der Wert

einer Predigt vor allem an ihrem Unterhaltungswert?

Könnte es sein, dass die Qualität einer

Predigt gar nicht zuerst am gesprochenen

Wort, sondern am gehörten Wort gemessen

werden muss? Vielleicht sollten wir in

den Gemeinden und Gottesdienstreformen

nicht nach neuen Konzepten des Redens

suchen, sondern das Hören üben.

Mehr Hören auf das Wort – als

Predigerinnen und Prediger!

Das Hören üben, das ist zum einen Aufgabe

der Verkündigerinnen und Verkündiger. Wer

Gottes Wort weitersagt, der sollte selbst

auf Gottes Wort hören. Für die Vorbereitung

der Predigt ist es wichtig, dass der

Verkündiger zunächst fragt, was Gott ihm

durch sein Wort sagen möchte. Jede Predigerin

und jeder Prediger ist der erste Hörer

der Predigt. Denn Gott will nicht nur durch

die Verkündiger reden, er will auch zu ihnen

reden. Vielleicht brauchen wir es als Verkündigerinnen

und Verkündiger, nicht nur

dann auf Gottes Wort zu hören, wenn wir

anschließend darüber etwas sagen sollen.

Vielleicht brauchen wir das, damit wir Gottes

Wort wieder für uns ganz persönlich

hören können.

Wer Gottes Wort weitergibt, der sollte

selbst auf Gottes Wort hören! Dies ist eine

echte Herausforderung für alle hauptamtlichen

Verkündigerinnen und Verkündiger:

Hören wir das Wort Gottes? Hören wir

wirklich oder lesen wir es nur? Hören wir

das Wort Gottes – oder meditieren wir es

nur in unseren Amtszimmern und Studierstuben?

Wenn für die Gemeinde gilt, dass

10 11


Gottes Wort hören

Das Echo der Gemeinde

das Wort Gottes gehört werden will, dass

es uns von außen ansprechen will, dann

brauchen auch die Pfarrer und Gemeinschaftspastoren

Menschen, die ihnen das

Wort Gottes sagen! Dann ist es auch für

das geistliche Leben eines Verkündigers

wichtig, dass er Predigten und Bibelstunden

als Hörer erlebt. Denn auch Verkündigerinnen

und Verkündiger werden in

ihrem Glauben gewisser, wenn ein Bruder

oder eine Schwester ihnen das Evangelium

zusagt. Auch die Verkündiger können nur

dann wirklich unterscheiden, was Gottes

Wort und was ihre eigenen Gedanken sind,

wenn sie sich das Wort Gottes von andern

sagen lassen. Das Hören auf andere hilft,

dass sie das Evangelium nicht dem eigenen

Leben anpassen, sondern ihr Reden und

Handeln vor Gott prüfen.

Mehr das Wort hören – als

Predigthörerinnen und Predigthörer

Das Hören üben ist auch Aufgabe der

Gemeinde. Gehen wir als Gemeindeglieder

mit der Erwartung in den Gottesdienst,

dass Gott zu uns redet – egal wer predigt?

Hören wir in den Predigten auf das, was

Gott uns zu sagen hat, oder kommen wir

eher zum Abhören des Pfarrers oder der

Pfarrerin? Die Predigt will kein Vortrag

eines theologischen Experten sein, keine

unterhaltsame Präsentation eines guten

Rhetorikers, sondern sie geschieht im

Namen und Auftrag des Herrn. Hier spricht

Gott.

Einmal beschwerte sich ein Theologiestudent

bei Charles Spurgeon: Ich verstehe

das nicht – wann immer ich predige,

kommt niemand zu Christus. Aber wenn

Sie predigen, kommen immer Menschen zu

Christus! Spurgeon antwortete: Erwarten

Sie jedes Mal, wenn Sie für Ihre Predigt

beten, dass Menschen zu Christus finden?

Der junge Mann sagte: »Natürlich nicht.«

»Da liegt Ihr Problem«, sagte Spurgeon.

Ich bete oft, ‚Vater, du hast gesagt: Es

soll geschehen, wie du geglaubt hast. Ich

weiß, dass es Zeitverschwendung wäre, zu

sprechen und nicht zu erwarten, dass du es

gebrauchst, deshalb danke ich dir im Voraus,

dass Leben verändert werden’.«

Spurgeon erwartete als Prediger, dass Gott

durch seine Predigt wirkt. Gehen wir als

Predigthörer betend mit dieser Erwartung

in den Gottesdienst, dass Gott uns an

diesem Morgen etwas zu sagen hat? Vertrauen

wir darauf, dass Gott auch in einer

schwachen Predigt mächtig ist?

Mehr dem Wort antworten

Hier liegt vielleicht auch noch ein anderer

Grund, weshalb manche Predigten

so wenig Auswirkungen haben auf das

Wachstum der Gemeinde. Ob eine Predigt

wirklich tragfähig ist, ob sie etwas austrägt

und das Leben verändert, liegt nicht

nur am Predigen, sondern an der Antwort

der Hörerinnen und Hörer. Auch nach

Predigten, die Jesus gehalten hat, gingen

Menschen traurig und unverändert davon.

Nach seiner Bergpredigt stellt Jesus zwei

verschiedene Predigthörer in einem Gleichnis

gegenüber. Da gibt es diejenigen, die

zwar die Predigt hören, aber das Gehörte

nicht tun. Wer so Predigten hört, der ist

wie ein Narr, der sein Haus in den Sand

setzt (Matthäus 7,24ff). Wer dem Wort

Gottes mit seinem Leben aber antwortet,

der gleicht einem Mann, der sein Haus auf

festem Grund baut.

Mehr aufeinander hören

Schließlich kommt zum Einüben des

Hörens noch ein weiterer Aspekt dazu:

Neben dem Hören auf Gott lebt eine

Predigt davon, ob der Verkündiger und

die Hörer der Predigt aufeinander hören.

Damit Gottes Wort nicht nur für die Kanzel

tauglich ist, sondern auch den Alltag der

Predigthörer betrifft, muss der Verkündiger

um ihren Lebensalltag wissen. In der

Predigtvorbereitung macht man sich oft

viele Gedanken, wo der Bibeltext wohl die

Gemeinde betrifft. Vielleicht wäre es dran,

die Hörerinnen und Hörer hier mehr selber

zu Wort kommen zu lassen. Dazu kommt,

dass Gott sein Reden nicht auf die hauptamtlichen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

einer Gemeinde begrenzt. Gott redet mit

jeder Christin und jedem Christ. Darum ist

es gut, wenn wir uns gegenseitig davon

erzählen und einander Einblick geben, wo

Gott uns angesprochen hat. Wo das Evangelium

im alltäglichen Leben der Gemeinde

Gesprächsthema ist, da werden auch die

Predigten alltagsrelevant. Predigten brauchen

das Echo der Gemeinde. Verkündiger

brauchen das Antworten und Anfragen

der Predigthörerinnen und Predigthörer.

Die Predigten prägen also nicht nur die

Gemeinde. Auch die Gemeinde prägt die

Predigt.

Vom Hören zum Wachsen

Das wird zum Wachsen der Gemeinde

beitragen, wenn wir nicht nur auf das

Reden achten, sondern das Hören üben:

hinhören auf das Wort Gottes, das Evangelium

von Jesus Christus, und das einander

weitersagen, was wir gehört haben. Das

Hören üben ist kein Erfolgsrezept, um eine

größere oder attraktivere Gemeinde zu

werden. Aber es wird uns helfen, in allen

Stücken zu dem hin zu wachsen, der das

Haupt der Gemeinde ist: Jesus Christus.«

12 13


Stuttgart, Killesberg, Halle 6, Christustag.

Und es drängen sich über 700 Leute in die

Nachmittagsveranstaltung. Sie wollen sich

informieren zum Thema »Leben wächst

in unterschiedlichen Strukturen«. Dahinter

verbirgt sich das Verhältnis zwischen

Gemeinden und Gemeinschaften, Pietismus

und Landeskirche, allgemein und vor allem

vor Ort.

Und als sich auf dem Podium Ortspfarrer,

Gemeinschaftsinspektor und Landesbischof

ausgetauscht haben, steht eines fest:

gemeinsam kommen wir weiter. Indem wir

nicht übereinander, sondern miteinander

reden.

Jeder hat Wünsche. Und jeder hofft, dass

dort, wo diese Wünsche erfüllt werden,

gemeinsam Gottes Reich vor Ort gebaut

werden kann. In unterschiedlichen Strukturen

sicher, da und dort. Und doch im

Einvernehmen.

Nehmen wir über dieses Podium hinaus

diese Frage grundsätzlicher in den Blick, so

tauchen immer wieder ähnliche Wünsche

und Anfragen auf, die sich verallgemeinernd

zusammenfassen lassen.

Gemeinden und

Gemeinschaften –

gemeinsam geht’s

Ralf Albrecht,

Pfarrer in

Rielingshausen

Hört man zum Beispiel auf den einen

oder anderen Pfarrer vor Ort, dann können

diese Wünsche und Bedenken so

aussehen:

Ich wünsche mir, dass die Gemeinschaft

vor Ort sich in der Kirchengemeinde mit

einbringt. Das Miteinander soll stark

betont werden. Das zeigt sich ganz

praktisch am Gottesdienstbesuch.

Aber auch Mitarbeit an anderer Stelle,

gerade im Kirchengemeinderat, ist

erwünscht. Mit Sorge sehe ich, wenn

Gemeinschaften ein gänzlich alternatives

Programm anbieten. Was in einer

großen Stadt vielleicht gerade noch

hinnehmbar erscheint, entwickelt sich

in den kleineren Städten und erst recht

auf dem Dorf zu nichts anderes als einer

unguten Konkurrenzsituation – erst

recht, wenn morgens – vielleicht sogar

noch parallel - Gottesdienst gefeiert

wird.

Als Grund für diese neuen Strukturen

werden missionarische Überlegungen

geltend gemacht. Aber sind diese Veranstaltungen

wirklich missionarisch?

Ziehen sie nicht viel eher die an sich in

den Kirchengemeinden mitarbeitenden

jüngeren Kern-Gemeinde-Leute ab?

Auch sehe ich, dass die Gemeinschaften

nur an ganz wenigen Stellen die Kraft

und Möglichkeit haben, solche freikirchen-ähnlichen

Strukturen aufzuziehen.

Meistens wird nur davon geträumt, in

der Praxis bleibt aber viel Stückwerk.

Und die Bezirksarbeit sowie die Arbeit in

den kleineren »Stunden« leidet darunter.

Im Extremfall kann es sogar einmal einer

Kirchengemeinde angetragen werden,

die »sterbende« Bibelstunde vor Ort zu

»übernehmen«.

Ich will nicht, dass immer neu die

Behauptung verbreitet wird, dass es gar

nicht mehr möglich ist, Doppelverantwortung

zu übernehmen – im Kirchengemeinderat

und in der Gemeinschaft

zum Beispiel. Es gibt so unendlich viele

Beispiele dafür, dass da sehr wohl und

segensreich ging und geht. Und je öfter

man diese These wiederholt, desto mehr

müssen die, welche es so handhaben,

sich wie ein Auslaufmodell vorkommen.

Stattdessen kann ich diesen Leuten nur

danken und sie bitten, dieses verbindende

Engagement weiter zu tun. Sie

haben alle meine Unterstützung!

Ich sehe, dass es nur an wenigen Orten,

wenn Gemeinschaften neue Wege

gehen, gelingt, alt und jung zu integrieren.

Oft haben die Älteren dann gerade

im Bereich der Gemeinschaftsarbeit

keine Heimat mehr.

Soweit einige Anfragen. Berechtigt oder

zu Unrecht? Sei’s drum! Geäußert werden

sie jedenfalls. Und beantwortet! Von Seiten

der Gemeinschaften werden nämlich

andererseits folgende Wünsche und Anregungen

geäußert:

Wir wollen Menschen für Jesus gewinnen

und im Glauben stärken. Alles, was

wir strukturell bedenken, ordnet sich

diesem Ziel unter. Uns geht es nicht um

Profilierung, womöglich auf Kosten einer

örtlichen Kirchengemeinde. Uns geht es

nicht um Streit – wir versuchen ihn zu

vermeiden, sachlich auszutragen und zu

lösen, wo wir können. Und wir erwarten,

dass es anderen genau um dasselbe Ziel

geht.

Wir sind und bleiben innerhalb der

Landeskirche – und wir wären froh,

wenn wir uns nicht immer neu erklären

müssten. Wir haben dieses Misstrauen

ja auch nicht gegenüber den landeskirchlichen

Gemeinden, Pfarrerinnen

und Pfarrern oder Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern. Wir sind nicht auf dem

Absprung.

Wir suchen in der gemeinsamen Landeskirche

nach alternativen Gestaltungsmöglichkeiten.

Gelingt uns das besonders

gut, werden wir eigenartigerweise

besonders schnell mit Vorwürfen konfrontiert.

Warum? Warum freuen sich

nicht alle mit, wenn Gemeinschaftsarbeit

blüht? Es gibt so viele Leute, die wir

– ob so oder anders – mit dem Evangelium

erreichen können. Freuen wir uns

also gemeinsam über Aufbrüche hüben

und drüben.

Wir brauchen das Verständnis der Kirchengemeinden

und besonders der

Ortspfarrerinnen und Ortspfarrer. Wir

wollen nicht gegen irgendjemand arbeiten.

Wir brauchen aber unser eigenes

Profil. Und wir sehen, dass Gott dieses

besondere Profil der ergänzenden Ange-

14 15


Ich suche meine Brüder

bote – teils auch in größerer Stellvertretung

bis hin zu eigenen Gottesdiensten

– segnet. Außerdem sind wir da nicht

allein. Die Jugendkirchen stellen strukturell

ähnlich Weitgehendes, teils noch

sehr viel Weitgehenderes, auf die Beine.

Wir können nicht alles. Unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter identifizieren

sich so weitgehend mit der Gemeinschaftsarbeit,

dass sie nicht auch noch

im Bereich der Kirchengemeinde grundsätzlich

verantwortliche Aufgaben übernehmen

können. Sie brennen sonst aus

– und tun es leider sowieso immer mehr.

Wir sind freie Werke. Wir sind klein und

flexibel, können ganz anders und viel

schneller auf neue Herausforderungen

reagieren. Das ist nicht immer in einer

Kirchengemeinde so schnell möglich

– das muss sich doch aber nicht darin

äußern, dass unsere neuen Wege nicht

für gut geheißen werden.

Wir sind auf Spenden angewiesen.

Unsere Aufgaben tragen sich nur, wenn

die Leute geben. Und das kann also auch

nicht grundsätzlich heißen, dass wir in

und für Kirchengemeinden aktiv sind,

aber außer einem Dank keine finanzielle

Anerkennung sehen – und manchmal

vielleicht nicht einmal den Dank.

Wir können die Kraft unserer Hauptamtlichen

auf Dauer nicht einfach zufällig

in Kirchengemeinden hineininvestieren.

Wir freuen uns über alle offenen Türen

im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit

– gerade für die Gemeinschaftsdiakoninnen.

Aber es kann für uns noch

nicht allein Grund genug sein, in einer

Kirchengemeinde aktiv zu werden (und

zu bleiben), dass wir gefragt sind. Wir

brauchen auch eine geistliche Perspektive

für eine Gemeinschaftsarbeit vor

Ort und im Bezirk.

Wir haben selbst viel an Strukturveränderungen

zu knabbern. Wir

möchten nicht noch zusätzliche

Kraft an der Stelle verlieren, uns mit

unserer besonderen Platzanweisung

innerhalb der Evang. Landeskirche

immer neu rechtfertigen zu müssen.

Wir hoffen viel mehr immer wieder

auf Anerkennung und auf praktische

Hilfe der Kirche und der Kirchengemeinden,

um unsere Zukunftsaufgaben

bewältigen zu können.

So – oder so ähnlich – äußern sich beide

Seiten. Wie aber kann es dann, gerade

wenn diese Dinge offen ausgesprochen

werden, wirklich gemeinsam gehen?

Letztlich erscheinen einige Grundsätze

hilfreich, um immer mehr zu entdecken,

dass es biblisch gesehen nur gemeinsam

geht. Vielleicht in einer einander vor Ort

ergänzenden engen Zusammenarbeit.

Vielleicht auch in unterschiedlichen

Strukturen da und dort. Aber immer

wirklich gemeinsam!

1. »Ich suche meine Brüder«

(1. Mose 37,16).

Wo Gemeinden und Gemeinschaften

einander so immer wieder suchen, besuchen,

informieren, miteinander reden,

da beginnt vor Ort ein ganz anderes

Miteinander. Dabei suche ich nur, wenn

ich etwas wirklich auch finden will.

Zufällig wird dieses Miteinander nicht

besser. Aber wenn wir einander wirklich

suchen – manchmal auch mit wenig

Zeit, aber eben suchen – dann verändert

sich viel.

2. »Einer trage des anderen Last«

(Galater 6,2).

Wir brauchen einander weniger, um das

jeweils Gelungene zu begutachten und

vielleicht sogar schlechter zu machen,

als es ist. Unsere jeweilige Arbeit lebt

davon, dass der Lastenträger par excellence

Christus uns jeden Moment trägt,

hebt und rettet. Und deshalb können wir

gemeinsam genauer hinschauen, was

dem jeweils anderen fehlt. Uns erkundigen.

Nacheinander fragen. Und dann

dort tragen, wo etwas fehlt. Ertragen,

das hat ganz viel mit Tragen zu tun. Ich

kann viel ertragen, wenn ich den anderen

tragen kann. Ihm helfen. Einmal über

meinen Schatten springen und es leben:

»geht nicht gibt’s nicht!« Dann verändert

sich überraschend viel im Verhältnis von

Gemeinde und Gemeinschaft.

3. »Betet zugleich auch für uns, dass

Gott uns eine Tür für das Wort auftue«

(Kolosser 4,3).

Einander tragen, das beginnt beim

gemeinsamen Beten. Denn so informiere

ich mich, was den anderen bewegt. Wofür

kann ich im Blick auf meine Ortsgemeinde

in der Gemeinschaft danken? Wie kann ich

das Gute der Bezirksgemeinschaft in der

Gemeinde dankbar mit bedenken?

Und dann nicht nur füreinander, sondern

miteinander beten. Also einander einladen,

Zeit verbringen, einander erzählen, miteinander

Freude und Leid teilen. Und es

dann vor Jesus bringen, der Türen auftun

kann. Und will. So werden Türen aufgehen

vor Ort. Für die Gemeinschaft. Für die

Gemeinde. Zu Menschenherzen. Und ganz

sicher werden auch Türen aufgehen für

mehr Miteinander.

4. »Seid stark in dem Herrn und in der

Macht seiner Stärke« (Epheser 6,10).

Jammern können wir viel, und bei manchem

auch zu Recht. Aber in Wahrheit

leben wir, in Gemeinde und Gemeinschaft,

von der Macht dessen, der sogar die

Fesseln des Todes gesprengt hat. Diese

außerordentliche Kraft Jesu kann uns doch

immer neu inspirieren. Totgesagte, ob

Gemeinden oder Gemeinschaften, leben

dadurch ganz neu.

Damit sind wir auch bei der grundlegenden

Erkenntnis angelangt, dass es nicht neue

Strukturen machen (so wenig, wie durch

das Verharren in alten Strukturen allein

Jesu Kraft wirkt). Gott ist, der es schafft.

Seine Macht und Stärke wollen wir gemeinsam

erwarten, für unsere Gemeinschaften

und Gemeinden, und vor allen Dingen für

jeden einzelnen Menschen, den Gott so

liebend sucht. Jesus hat die Macht, in Menschen

das neue, ewige Leben zu beginnen.

Dass möglichst viele Menschen genau das

erleben, ob in der Gemeinde, der Gemeinschaft

oder innerhalb der vielen gemeinsamen

Schnittpunkte unserer Arbeit, das

ist alles Miteinander dieser Welt wert.

16 17


Ich schätze meine

württembergische

Landeskirche...

Es grenzt schon fast an Verwegenheit ein

solches Thema zu bearbeiten. Man könnte

ja so viele Schwachstellen in der Kirche finden.

Einer, dem ich mein Vorhaben nannte

meinte, dass dieser Artikel bald fertig sein

würde. Man könnte in der Tat nach 22 Jahren

Landessynode und als kirchlicher Insider

viele kritische Punkte aufzählen und damit

die Reihe der Kritiker und der mit Recht

Unzufriedenen ergänzen.

Es gibt in allen Bereichen des Lebens Negatives

und Positives, oft nah beieinander,

unter einem Dach. Niemals gibt es nur

gut oder böse. Heute möchte ich einmal

kommentieren, was ich an meiner Kirche

schätze.

... weil mich meine Kirche

herausfordert

Wer in der Landeskirche beheimat ist,

muss zur Kenntnis nehmen, dass es in

einer »Kirche des Volkes« ganz unterschiedliche

Prägungen und Frömmigkeitsstile

mit unterschiedlichen

theologischen Meinungen

gibt. Das gilt besonders

auch für unsere

Von Erwin Damson

Geschäftsführer,

Ludwig-Hofacker-

Vereinigung

Pfarrer, die häufig ihre Täuflinge erst bei

der Konfirmation wiedersehen, um sie dann

vollends in die Welt zu entlassen. Dazu

kommt noch die allgemeine Gleichgültigkeit

der eingetragenen Kirchengenossen

gegenüber dem Glauben. Das als Realität

anzunehmen und seinen geistlichen Dienst

im Gehorsam weiter zu tun, das ist eine

echte Herausforderung. Wer aber diesen

Spagat der Vielfalt, ohne diesen gut heißen

zu müssen, nicht schafft, wird sich

wund reiben. Übrigens zeigt ein Blick in die

Geschichte, dass diese Situationsbeschreibung

einer Volkskirche auch auf frühere,

angeblich bessere Zeiten passt. Es war

schon immer so. Es waren nie die großen

Scharen, die in die Gottesdienste strömten,

abgesehen von der Nachkriegszeit oder den

Erweckungszeiten vergangener Jahre. Die

Landessynode mit dem Oberkirchenrat hat

das Thema »Wachsende Kirche« in vielen

Facetten auf der Tagesordnung. Sie hat

sich herausfordern lassen. Aber wir sind

alle gefragt, ob wir diese Herausforderung

auch annehmen und umsetzen.

... weil ich in meiner Kirche viele

missionarische Möglichkeiten habe

Wer wie ich in einer sogenannten Volkskirche

als evangelikaler pietistischer Christ

mitarbeiten möchte, der muss die Felder

entdecken, die sich für ihn zu beackern

lohnen. Es sind keine kleinen Flächen, auf

denen die Saat des Evangeliums ausgestreut

werden kann. Unsere Kirche unterstützt

jegliche missionarische Bemühung

wie z.B. neu anfangen, ProChrist, durch

einen Fonds für innovative missionarische

Aktionen den zentralen Christustag, die

Jugendkonferenz für Weltmission …. Wenn

es auch in manchen Gemeinden mit der

Umsetzung evangelistisch-missionarischer

Aktionen hapert, liegt das meist am Miteinander

von Pfarrer und Gemeinde, ändert

aber nichts an dieser Grundbeobachtung.

... weil meine Kirche mir im Gottesdienst

Heimat bietet

Es war in unserem ersten Gottesdienst

nach einer »Christlichen Seereise« an das

Nordkap. Wir waren durch Bibelzeiten und

Gottesdienste bestens versorgt. Nun war

ich wieder zu Hause, in meinem vertrauten

Kirchenraum, im württembergischen Pre-

digtgottesdienst. Da wurde mir bewusst,

wie viel Heimat eine Kirchengemeinde bieten

kann, geistlich und emotional. Manche

jüngere Mitchristen empfinden das aber

nicht so. Das verstehe ich. Sie wandern

in freie Gemeinden ab ohne den Willen,

sich in der eigenen Gemeinde einmal mit

Nachdruck einzubringen. Viele sind auch

wegen der Unbeweglichkeit des Pfarrers

oder Kirchengemeinderates oder auch einer

Kirchengemeinde als Ganzes enttäuscht.

Veränderung muss man wollen!

Es gehört mit zu unseren wichtigsten

Aufgaben der nächsten Jahre, unsere Gottesdienste

so zu gestalten, dass sie den

oben beschriebenen Gruppen wieder mehr

Heimat bieten. Sie sollen darin vorkommen,

sich wiederfinden. Ob es uns gelingen wird,

die Unzufriedenen wieder zu beheimaten?

Es macht ja auch Mühe, jeden Sonntag die

ganze Familie ins Auto zu setzen und in

eine freikirchliche Gemeinde weit weg zu

fahren, während wochentags die Kinder in

die örtliche Jungschar gehen und mit ihnen

auch vor Ort Gottesdienst feiern möchten.

Schließlich wäre noch anzumerken, dass es

den sogenannten lebendigen freikirchlichen

Gemeinden auch nicht leicht fällt, ein

Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln.

Dazu sind die Einzugsgebiete oft zu

groß. Auch in einer solchen Gemeinde kann

es passieren, dass Neue erst nach Wochen

wahrgenommen werden, wie eben auch bei

uns in der Kirche.

... weil meiner Kirche die religiöse

Erziehung wichtig ist

Evangelische Kindergärten sind bewusst

von der Kirche gewollt und gefördert. Dort

18 19


Pietismus und Landeskirche

entstehen außerhalb des Elternhauses erste

Kontakte mit dem Glauben.

In der Kinderkirche wurden bei mir erste

Spuren zum Glauben gelegt. Erst im Rückblick

wird mir der Wert und die Notwendigkeit

einer guten Kinderkircharbeit bewusst.

In anderen Ländern wird der Religionsunterricht

nicht selbstverständlich durch die

Schule gegeben. Es ist eine Riesenchance,

die wir in Deutschland haben und die wir

nützen sollten.

Wir haben in Württemberg ein Jugendwerk

mit vielen engagierten Mitarbeitern, das

selbständig im Auftrag der Landeskirche

arbeitet. Es sind Millionenbeträge, die jährlich

zur Finanzierung über den landeskirchlichen

Haushalt für unsere Jugendarbeit

genehmigt werden. Auf das Jugendwerk

und dessen Arbeit inklusiv der angeschlossenen

Bläserarbeit mit 18 000 Bläsern können

wir mit Recht stolz sein.

... weil meine Kirche Ergänzungen

zulässt

Seit 250 Jahren gibt es ein vertrauensvolles

Miteinander zwischen der Landeskirche

und den in ihr beheimateten pietistischen

Verbänden. Das hat zu einer gegenseitigen

Befruchtung von Gemeinschaften und

Kirche geführt. Der Pietismus hat in der

Landeskirche Heimat. Das wird auch an der

Erneuerung des »Pietistenreskripts« durch

die Landessynode am .......deutlich. Die

Landeskirche bietet bewusst dieser Frömmigkeitsrichtung

Heimat. Nicht zuletzt

wird dies durch die sogenannten Gemeinschaftsgemeinden

ermöglicht.

Dazu gehört auch die Gründung und Existenz

des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen.

Dieses Haus ist zu einem festen Bestandteil

zur Ausbildung unserer Pfarrer geworden.

... weil meine Kirche die Gemeinden

an der Kirchenleitung beteiligt

In Württemberg gehen die kirchlichen

Uhren manchmal anders wie in den Gliedkirchen

der EKD. Das zeigt sich z. B. in der

Urwahl zur Landessynode. Das ist direkte

Volksbeteiligung pur. Es ist kein Schaden,

wenn alle sieben Jahre die Karten neu

gemischt werden und sich die Gesprächskreise

um Sitze in der Synode bemühen.

So haben wir eine selbstbewusste Synode,

die dem OKR ein kompetentes Gegenüber

darstellt. Das hält eine ganze Kirche jung

und missionarisch.

... weil meiner Kirche die

Weltmission wichtig ist

Zuletzt möchte ich noch die »Württembergische

Arbeitsgemeinschaft für

Weltmission » nennen. In ihr haben sich

kirchliche und evangelikale Missionen

zusammengeschlossen, um den Gedanken

der Mission in unserer Kirche zu fördern.

Dazu gehört auch das jährliche Aufgabenheft.

In ihm stellen Missionen jährlich 100

Projekte vor, aus denen dann die Gemeinden

auswählen können. Die Ablieferung

dieses Missionsopfers ist für die Gemeinden

Pflicht. Einige Millionen Euro kommen

dabei zusammen.

Man könnte jetzt dagegen halten, dass

dieser Artikel geschönt sei und nicht der

Wirklichkeit entspricht. Das mag dann

so sein. Ich wollte in einer Zeit, in der

viel an der Landeskirche kritisiert wird,

einmal das aufzeigen, was ich für lobenswert

halte und an meiner Landeskirche

schätze.

1. Pietismus und Landeskirche haben

eine gemeinsame Grundlage:

Die Heilige Schrift Alten und Neuen

Testaments

Die reformatorischen Bekenntnisse

2. Pietismus und Landeskirche haben zu

allen Zeiten den Auftrag:

Die Verkündigung des Evangeliums an alle

Menschen, gleich welcher Konfession und

Religion und Tradition

Die Entwicklung immer neuer, kreativer,

von der Liebe Gottes zu allen Menschen

geprägter missionarischer Initiativen

Die Schaffung von geistlicher Heimat für

zum Glauben Gekommene

3. Um diesem Auftrag gerecht zu

werden, braucht die Landeskirche den

Pietismus. Der Pietismus ist ein Segen

für die Kirche, geschichtlich und aktuell.

Diese Anliegen hat er in besonderer

Weise wach gehalten:

Die Einzigartigkeit Jesu Christi – Jesus,

der Gekreuzigte, der Retter aus Sünde

und Tod

Mit Ernst Christen sein zu wollen

(ethische Vorbildlichkeit, Leidenschaft

und Hingabe statt toter Lehre)

Persönliche, praktisch gelebte Frömmigkeit

Bibelbewegung

Evangelistisches Engagement

Weltmission

Weiterführung im Glauben

Diakonisches Engagement

Missionarische Jugendarbeit

Von Dekan Volker Teich,

Vorsitzender der Ludwig-

Hofacker-Vereinigung,

Schorndorf

4. Genau so hat der Pietismus der Kirche

viel zu verdanken. Die Kirche ist ein

Segen für den Pietismus, geschichtlich

und aktuell. Diese Anliegen hat sie in

besonderer Weise wach gehalten:

Vermeidung von Individualisierung und

Zersplitterung

Eröffnung eines weiten Felds von missionarischen

Möglichkeiten

Theologische Profilierung

Akzeptanz von Andersdenkenden

Blick für die öffentliche Verantwortung

der Christen (Pädagogik, Gesellschafts-

Ethik, Politik)

5. Das Miteinander von Pietismus und

Kirche in Württemberg ist Geschenk

und Segen. Wir sagen dankbar ja zur

speziellen (württembergischen) Form

des »landeskirchlichen Pietismus«. In

diesem Miteinander sind verschiedene,

herausfordernde Entwicklungen festzustellen.

a) Vergangenheit:

Der Pietismus hat viele Ortsgemeinden

in ihrer Geschichte wesentlich geprägt.

An vielen Orten wurde ein unproblematisches

Miteinander gelebt – einander

ergänzende Angebote wurden geschaffen

Blick für die öffentliche Verantwortung

der Christen (Pädagogik, Gesellschafts-

Ethik, Politik)Darüber hinaus wurden

für den Bereich der württembergischen

Landeskirche hilfreiche Vereinbarungen

geschaffen, die den Gemeinschaftsver-

20 21


Miteinander Wir beten miteinander leben lernen …

bänden weitere Freiräume innerhalb der

Kirche ermöglichen:

Blick für die öffentliche Verantwortung

der Christen (Pädagogik, Gesellschafts-

Ethik, Politik)die Abendmahlsvereinbarung

von 1987

Blick für die öffentliche Verantwortung

der Christen (Pädagogik, Gesellschafts-

Ethik, Politik)die »Gegenseitige Erklärung«

von 1993 (Pietistenreskript 1993)

Blick für die öffentliche Verantwortung

der Christen (Pädagogik, Gesellschafts-

Ethik, Politik)die Vereinbarung über die

Bildung von Gemeinschaftsgemeinden

aus dem Jahr 2000.

Diese Vereinbarungen setzen wir dankbar

voraus. Die darin liegenden Chan-cen können

sich in Gegenwart und Zukunft noch

weiter entfalten.

b) Heute:

Bis heute besteht der Pietismus als

prägende Geisteskraft in vielen landeskirchlichen

Gemeinden. Unsere Kirche im

Ganzen ist vom Pietismus mit geprägt

Weiterhin gibt es Gemeinschaftsstrukturen,

die ergänzende Aufgaben zur Landeskirche

übernehmen.

Wir stellen fest: es gibt heutzutage

Strukturen im Pietismus, die im Ganzen

zu parochialen Kirchenstrukturen parallel

funktionieren.

Nicht nur Teile des Programms einer

Gemeinde werden ergänzt, sondern die

ganze Gemeindestruktur. Gemeinschaft

kann eine alternative Form von Kirchengemeinde

sein.

Diese Gemeindestrukturen sind grundsätzlich

überparochial.

Beide Formen sind als gleichberechtigt

und in gleicher Weise möglich anzusehen.

c) In Zukunft:

Wir streben an: Ein flächendeckendes

Netz von missionarischen Gemeinden

Wir arbeiten miteinander

und Gemeinschaften - besonders in den

Städten -, wo wir ganz neue missionarische

Chancen haben und nutzen wollen.

Gerade in den Städten wird diese Zukunft

überparochial aussehen. Jenseits der

Gemeinschaftsgemeinden soll deshalb

die Möglichkeit geschaffen werden, dass

überparochiale Strukturen selbstverständlicher

werden.

Gemeinschaften mit im Ganzen alternativen

Strukturen sind auf Dauer unabdingbar

und helfen den Gemeinschaften

und der gesamten Kirche, Menschen

langfristig verbindlich zu integrieren.

Gemeinschaften brauchen einen Freiraum,

ohne dass dieser Freiraum unbegrenzt

sein kann – er braucht Grenzen

innerhalb der Landeskirche. Diese Grenzen

sind nicht geografischer Natur, sondern

werden geistlich beschrieben: die

Bindung an Schrift und Bekenntnis sowie

die Tauffrage.

Die Gemeinschaftsarbeit braucht Möglichkeiten,

wie sie bei ihren Mitgliedern

positive Signale der Identifikation mit Kirche

setzt und zugleich einen langen Atem

und sensiblen Umgang mit Problemfeldern

(Mitgliedschaft…) haben darf.

Dort, wo Gemeinschaften ausbluten

und Kirche stark ist, wünschen sie sich

in Zukunft ganz konkrete personelle

Hilfe aus landeskirchlichen Gemeinden.

Gemeinschaften wünschen sich, dass für

sie geworben und eingeladen wird. Sie

freuen sich aber auch mit, wenn vor Ort

eine geistlich lebendige, starke landeskirchliche

Arbeit existiert.

Dort, wo Gemeinschaften stark sind, ist

der Wunsch der örtlichen landeskirchlichen

Gemeinden zu respektieren, dass

ihnen nicht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

abgeworben werden. Sie wünschen

aber auch, dass die Kirche noch unbefangener

von dem missionarischen Engagement

und der Flexibilität der Gemeinschaften

lernt. Sie wünscht sich einen

Neuaufbruch ohne Scheuklappen.

6. Das Miteinander von Kirche und

Pietismus kann in vielfältiger Gestalt

gelebt werden. Es gibt viele gelungene

Beispiele eines guten Miteinanders.

Diese sollen in den Vordergrund

gerückt werden.

Allgemein kann dies so geschehen:

Wertschätzung des Pietismus und der

Rolle der Gemeinschaften in unserer

Kirche – insbesondere durch Pfarrerinnen

und Pfarrer

Der Pietismus nimmt weiterhin (Albrecht-Bengel-Haus,

Ausbildungsstätten

für hauptamtliche Gemeinde- und

Missionsarbeit) Anteil an der Ausbildung

der zukünftigen hauptamtlichen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der

Landeskirche - und verstärkt diese

Bemühungen. …

Im Bereich der Hofacker-Vereinigung kann

dies so geschehen:

Materialangebote gemeinsam erstellen

und einander zur Verfügung stellen

(Predigthilfen, KU, …)

Möglichkeiten zur persönlichen Begegnung,

- im Bereich der Hauptamtlichen

auch schon während des Studiums (z.B.

Seminare – ABH …)

Praktika in den Bereichen Kirchengemeinde

– Gemeinschaft während der

Ausbildungsgänge anbieten.

Mitarbeit von pietistischen Pfarrern

in Schulungsangeboten der Gemeinschaften

(und umgekehrt) – dadurch

ergibt sich die Möglichkeit exemplarischer

Begegnungen

Bildung von möglichst vielen Gespannen

(Prediger/Pfarrer) im Bereich öffentlicher

Verantwortung der Hofacker-Vereinigung

(Christustage, Bezirksarbeit …)

Ganz praktisch vor Ort kann dies so

geschehen:

Wir beten miteinander: Gebetstreffen

Wir arbeiten miteinander: Gemeinsame

Projekte und Veranstaltungen verschiedenster

Art (Gottesdienste, Treffen, miss.

Aktionen …)

Wir informieren einander: Kontaktgespräche

geben gegenseitig Einblicke in

Strukturen und Notwendigkeiten von

Gemeinden und Gemeinschaften, Parochialem

und Überparochialem. So wird

Verständnis füreinander wachsen.

Wir werben füreinander: gegenseitige

Abkündigung von jeweiligen Veranstaltungen

Wir planen miteinander: Organisationsabsprachen

(Termine!, Veranstaltungen

… - nicht voraussetzen, dass immer die

Kirche Terminvorfahrt hat)

Wir reden miteinander: Durch Mentoring

von zwei Personen aus den beiden Bereichen

Landeskirche - Pietismus, wo im

Falle von Konflikten schnell vor Ort beraten

werden kann und Möglichkeiten des

Miteinanders aufgezeigt werden können

Wir schätzen einander: »Kanzeltausch«

– gegenseitige Verkündigungshilfen

Wir achten einander: Eine flexible Handhabung

der Gottesdienst- und Versammlungszeiten

vor Ort – mit gegenseitiger Toleranz

7. Wir wissen: Strukturen machen es

nicht. Deshalb soll diese Frage nicht im

Vordergrund stehen. Vielmehr erhoffen

wir – ob durch parochiale oder überparochiale

Initiativen, einen ganz neuen

Aufbruch im Blick auf den Auftrag, das

Evangelium zu verkündigen:

Eine bleibende und neue Eindeutigkeit der

Kirche in ethischen Fragen

Eine klare Profilierung evangelischer

Glaubenspositionen im missionarischen

Dialog mit anderen Religionen, speziell

dem Islam. …

22 23


Postvertriebsstück

E 7094 DPAG

Lebendige Gemeinde

Ludwig-Hofacker-Vereinigung

Saalstr. 6

70825 Korntal-Münchingen

Entgelt bezahlt

(Hg.)

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