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ch Gesellschaftskritik in Heinrich von Kleists ... - Philipp B. Koch

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<strong>Philipp</strong> Ko<strong>ch</strong><br />

Gesells<strong>ch</strong>aftskritik <strong>in</strong> He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong><br />

'Erdbeben <strong>in</strong> Chili'. Die Gesells<strong>ch</strong>aft Santiagos<br />

als Ort struktureller Gewalt<br />

Quelle: http://www.philippko<strong>ch</strong>.com/phil-geist/kleiststrukturelle.pdf<br />

Datum des Aufsatzes: 06. Februar 2005<br />

Kontakt: phko<strong>ch</strong>@zedat.fu-berl<strong>in</strong>.de


Inhaltsverzei<strong>ch</strong>nis<br />

1. E<strong>in</strong>leitung S.1<br />

2. Johan Galtungs Konzept der strukturellen Gewalt S.1<br />

2.1. Def<strong>in</strong>ition S.2<br />

2.2. Reproduktionsme<strong>ch</strong>anismen struktureller Gewalt S.4<br />

3. Die Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung Santiagos als Ort<br />

struktureller Gewalt S.6<br />

3.1. Die wi<strong>ch</strong>tigsten Akteure S.7<br />

3.2. Die Gesells<strong>ch</strong>aftsstruktur S.8<br />

4. Fazit und Ausblick S.14<br />

Literaturverzei<strong>ch</strong>nis


1. E<strong>in</strong>leitung<br />

He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> Erzählung 'Das Erdbeben <strong>in</strong> Chili' 1 ist, wie sämtli<strong>ch</strong>e<br />

Werke <strong>Kleists</strong>, Gegenstand e<strong>in</strong>er immensen Anzahl <strong>von</strong> wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en<br />

Arbeiten. So weist etwa alle<strong>in</strong> die Bibliographie der deuts<strong>ch</strong>en Spra<strong>ch</strong>- und<br />

Literaturwissens<strong>ch</strong>aft (BDSL) 41 Aufsätze na<strong>ch</strong>, die 'Das Erdbeben' behandeln<br />

2 . Bei aller thematis<strong>ch</strong>en Vielfalt dieser Untersu<strong>ch</strong>ungen ist bislang e<strong>in</strong><br />

sozialwissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>er Blickw<strong>in</strong>kel auf das Werk außer A<strong>ch</strong>t gelassen worden:<br />

E<strong>in</strong>e mögli<strong>ch</strong>e Lesart ist, das gesells<strong>ch</strong>aftskritis<strong>ch</strong>e Moment der Erzählung<br />

zu betonen – anhand des Konzeptes der strukturellen Gewalt soll daher<br />

die Ungere<strong>ch</strong>tigkeit der Gesells<strong>ch</strong>aftsstrukturen <strong>in</strong>nerhalb der Erzählung aufgezeigt<br />

werden. Ziel dieser Arbeit ist die Überprüfung der Fragestellung, <strong>in</strong>wiefern<br />

'Das Erdbeben' als literaris<strong>ch</strong>es Exempel für die gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e<br />

Ausprägung <strong>von</strong> struktureller Gewalt und ihren Auswirkungen gelesen werden<br />

kann. Aus Gründen des Umfangs muss i<strong>ch</strong> mi<strong>ch</strong> hierbei allerd<strong>in</strong>gs auf<br />

e<strong>in</strong>e re<strong>in</strong> textimmanente Arbeit bes<strong>ch</strong>ränken; e<strong>in</strong> Bezug zu oder Verglei<strong>ch</strong> mit<br />

der gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Realität zu <strong>Kleists</strong> Lebzeiten kann hier ni<strong>ch</strong>t geleistet<br />

werden. Theoretis<strong>ch</strong>e Grundlage bildet Johan Galtungs Theorie der strukturellen<br />

Gewalt. Diese wird, soweit im Rahmen der vorliegenden Fragestellung<br />

notwendig, <strong>in</strong> Kapitel 2 näher erläutert.<br />

Der Untersu<strong>ch</strong>ungsansatz der strukturellen Gewalt wirft mögli<strong>ch</strong>erweise die<br />

Frage auf, wie s<strong>in</strong>nvoll es ist, auf e<strong>in</strong>en <strong>in</strong> Erstfassung 1807 ers<strong>ch</strong>ienenen<br />

literaris<strong>ch</strong>en Text e<strong>in</strong>e sozialwissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e Theorie anzuwenden, die erst<br />

mehr als e<strong>in</strong>hundertfünfzig Jahre später formuliert worden ist, und Kleist sie<br />

somit also gar ni<strong>ch</strong>t gekannt haben kann. Dem ist zu entgegnen, dass Galtungs<br />

Theorie Prozesse bes<strong>ch</strong>reibt, die s<strong>ch</strong>on immer wirksam gewesen s<strong>in</strong>d,<br />

seit es Ma<strong>ch</strong>t <strong>von</strong> Mens<strong>ch</strong>en über andere Mens<strong>ch</strong>en gibt. Es ist daher au<strong>ch</strong><br />

ni<strong>ch</strong>t die Untersu<strong>ch</strong>ung <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> s<strong>ch</strong>riftstelleris<strong>ch</strong>er Intension bei der Ers<strong>ch</strong>affung<br />

se<strong>in</strong>es Werkes (sofern dies überhaupt mögli<strong>ch</strong> ist) die Absi<strong>ch</strong>t dieser<br />

Arbeit, sondern vielmehr auf der <strong>in</strong>haltli<strong>ch</strong>en Ebene die Untersu<strong>ch</strong>ung des<br />

bes<strong>ch</strong>riebenen Gesells<strong>ch</strong>aftssystems.<br />

2. Johan Galtungs Konzept der strukturellen Gewalt<br />

In der wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Diskussion um Gewalt und Aggression haben si<strong>ch</strong><br />

im Lauf der Fors<strong>ch</strong>ungsges<strong>ch</strong>i<strong>ch</strong>te drei theoretis<strong>ch</strong>e Hauptri<strong>ch</strong>tungen etabliert:<br />

Die Frage na<strong>ch</strong> Ursprüngen und Bed<strong>in</strong>gungen <strong>von</strong> Gewalt (genetis<strong>ch</strong>e<br />

Si<strong>ch</strong>tweise), na<strong>ch</strong> phänomenologis<strong>ch</strong>en Erklärungsansätzen (def<strong>in</strong>itoris<strong>ch</strong>e<br />

Si<strong>ch</strong>tweise) und na<strong>ch</strong> Steuerungs- und Präventionsmögli<strong>ch</strong>keiten (pädagogi-<br />

1 Kleist, He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong>: Die Marquise <strong>von</strong> O…. Das Erdbeben <strong>in</strong> Chili. Erzählungen, Stuttgart<br />

1993.<br />

2 Internet: http://www.bdsl-onl<strong>in</strong>e.de/ (Abruf am 14.01.2005).<br />

1


s<strong>ch</strong>e Si<strong>ch</strong>tweise). 3 Für die vorliegende Fragestellung ist ledigli<strong>ch</strong> der def<strong>in</strong>itoris<strong>ch</strong>e<br />

Aspekt <strong>von</strong> Bedeutung; wie kann das Phänomen 'Gewalt' wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong><br />

operationalisiert werden? Übli<strong>ch</strong>erweise wird <strong>in</strong> diesem Zusammenhang<br />

e<strong>in</strong>e Unters<strong>ch</strong>eidung getroffen zwis<strong>ch</strong>en Gewalt/Aggression und<br />

Aggressivität. Gewalt wird hierbei als manifest, Aggressivität h<strong>in</strong>gegen als<br />

Gradmesser e<strong>in</strong>es etwaigen Gewaltpotentials verstanden 4 . E<strong>in</strong>e allgeme<strong>in</strong>gültige<br />

Def<strong>in</strong>ition <strong>von</strong> Gewalt konnte bislang allerd<strong>in</strong>gs ni<strong>ch</strong>t aufgestellt werden.<br />

Vielmehr existiert e<strong>in</strong>e mittlerweile be<strong>in</strong>ahe unübers<strong>ch</strong>aubare Vielzahl unters<strong>ch</strong>iedener<br />

spezifis<strong>ch</strong>er Ausprägungen. Als die wi<strong>ch</strong>tigsten können jedo<strong>ch</strong><br />

folgende Di<strong>ch</strong>otomien gelten: körperli<strong>ch</strong>e vs. psy<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>e Gewalt, personale<br />

vs. strukturelle, manifeste vs. latente und <strong>in</strong>tendierte vs. ni<strong>ch</strong>t <strong>in</strong>tendierte Gewalt.<br />

5<br />

2.1. Def<strong>in</strong>ition<br />

Während die meisten Gewaltformen e<strong>in</strong>en e<strong>in</strong>zelnen oder e<strong>in</strong>e spezifis<strong>ch</strong>e<br />

Gruppe <strong>von</strong> Akteuren benennen, etwa bei e<strong>in</strong>em handgreifli<strong>ch</strong>en Übergriff<br />

e<strong>in</strong>es S<strong>ch</strong>ülers auf e<strong>in</strong>en anderen (<strong>in</strong>tendierte personale Gewalt mit Akteur<br />

und Opfer), entwickelte Johan Galtung 1975 das Konzept der strukturellen<br />

Gewalt. 6 Grundvokabeln se<strong>in</strong>er Theorie s<strong>in</strong>d 'das Aktuelle' und 'das Potentielle'<br />

e<strong>in</strong>es Zustands, also die empiris<strong>ch</strong>e Wirkli<strong>ch</strong>keit gegenüber e<strong>in</strong>em mögli<strong>ch</strong>en<br />

besseren Zustand, der jedo<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t verwirkli<strong>ch</strong>t ist. Hierauf gründet se<strong>in</strong><br />

Gewaltbegriff:<br />

"Gewalt wird hier def<strong>in</strong>iert als die Ursa<strong>ch</strong>e für den Unters<strong>ch</strong>ied zwis<strong>ch</strong>en dem Potentiellen<br />

und dem Aktuellen, zwis<strong>ch</strong>en dem, was hätte se<strong>in</strong> können, und dem, was<br />

ist. Gewalt ist das, was den Abstand zwis<strong>ch</strong>en dem Potentiellen und dem Aktuellen<br />

vergrößert oder die Verr<strong>in</strong>gerung dieses Abstandes ers<strong>ch</strong>wert." 7<br />

Auss<strong>ch</strong>laggebend für das Vorhandense<strong>in</strong> <strong>von</strong> Gewalt ist e<strong>in</strong> aktueller Zustand,<br />

der s<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>ter als der Potentielle ist. Folgendes Beispiel illustriert das<br />

e<strong>in</strong>leu<strong>ch</strong>tend: Tägli<strong>ch</strong> verhungern 24.000 Mens<strong>ch</strong>en weltweit. 8 Angesi<strong>ch</strong>ts der<br />

3 Für e<strong>in</strong>e ausführli<strong>ch</strong>e Darstellung der vers<strong>ch</strong>iedenen Theoriezweige sowie deren wi<strong>ch</strong>tigsten<br />

Prämissen vgl.: Micus, Christiane: Friedfertige Frauen und wütende Männer?<br />

Theorien der Ergebnisse zum Umgang der Ges<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>ter mit Aggression, We<strong>in</strong>heim/Mün<strong>ch</strong>en<br />

2002, S.17 – 63.<br />

4 Da, um den Rahmen dieser Arbeit ni<strong>ch</strong>t zu sprengen, auf vieles nur sti<strong>ch</strong>wortartig verwiesen<br />

werden kann, erlaube i<strong>ch</strong> mir den H<strong>in</strong>weis auf e<strong>in</strong>e frühere Arbeit, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>er i<strong>ch</strong><br />

die Thematik genauer ause<strong>in</strong>andersetze; vgl. Ko<strong>ch</strong>, <strong>Philipp</strong>: Zum Zusammenhang <strong>von</strong><br />

Medien und Aggression. Der wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e Diskurs der Wirkungsfors<strong>ch</strong>ung h<strong>in</strong>si<strong>ch</strong>tli<strong>ch</strong><br />

e<strong>in</strong>es Mediene<strong>in</strong>flusses auf den Rezipienten, Internet: http://www.philippko<strong>ch</strong>.com/<br />

soz-wiss/medienaggression.pdf.<br />

5 E<strong>in</strong>e prägnante Zusammenfassung dieser und weiterer Gewaltformen gibt Petra Heißenberger;<br />

vgl. Heißenberger, Petra: Strukturelle und zwis<strong>ch</strong>enmens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e Gewalt aus<br />

pädagogis<strong>ch</strong>er Si<strong>ch</strong>t, Frankfurt am Ma<strong>in</strong> u.a.1997, S.31 – 44.<br />

6 Vgl.: Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt, Re<strong>in</strong>bek 1975.<br />

7 Galtung, Johan: a.a.O., S.9.<br />

8 Vgl.: Vere<strong>in</strong>te Nationen (Hrsg.): Bullet<strong>in</strong> on the eradication of poverty, No.10/2003, S.3,<br />

Internet: http://www.un.org/esa/socdev/poverty/documents/boep_10_2003_EN.pdf (Abruf<br />

am 15.01.2005).<br />

2


Tatsa<strong>ch</strong>e, dass objektiv ausrei<strong>ch</strong>end Nahrungsmittelressourcen zur Verfügung<br />

stehen, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren, diese Nahrungsmittel<br />

jedo<strong>ch</strong> vielen Mens<strong>ch</strong>en vorenthalten bleiben, während <strong>in</strong> den<br />

ökonomis<strong>ch</strong> privilegierteren Ländern Lebensmittel im Überfluss vorhanden<br />

s<strong>in</strong>d und teilweise sogar aus ökonomis<strong>ch</strong>en Gründen massenhaft verni<strong>ch</strong>tet<br />

werden (z.B. im Rahmen der EU-Agrarsubventionen), wäre der Hungertod all<br />

dieser Mens<strong>ch</strong>en potentiell vermeidbar. Es besteht also e<strong>in</strong> immenser Unters<strong>ch</strong>ied<br />

zwis<strong>ch</strong>en der potentiellen Situation dieser Mens<strong>ch</strong>en – sie müssten<br />

ni<strong>ch</strong>t verhungern, da genügend Nahrungsmittel existieren – und der aktuellen,<br />

nämli<strong>ch</strong> dass ihnen diese Lebensmittel aus vielerlei Ursa<strong>ch</strong>en ni<strong>ch</strong>t zur Verfügung<br />

stehen. Aufgrund dieser Ursa<strong>ch</strong>en lässt si<strong>ch</strong> <strong>von</strong> e<strong>in</strong>em Vorhandense<strong>in</strong><br />

struktureller Gewalt spre<strong>ch</strong>en. Hierbei wird au<strong>ch</strong> deutli<strong>ch</strong>, dass im Gegensatz<br />

zu personalen Gewaltformen ke<strong>in</strong> e<strong>in</strong>deutiger Akteur mehr auszuma<strong>ch</strong>en<br />

ist. Zwar ließe si<strong>ch</strong> zurückverfolgen, aufgrund wel<strong>ch</strong>er Gesetze beispielsweise<br />

die Verni<strong>ch</strong>tung <strong>von</strong> 'übers<strong>ch</strong>üssigen' <strong>in</strong> der EU produzierten<br />

Lebensmitteln dur<strong>ch</strong>geführt wird, und au<strong>ch</strong>, wer diese Gesetze im E<strong>in</strong>zelnen<br />

verabs<strong>ch</strong>iedet hat; andere Me<strong>ch</strong>anismen jedo<strong>ch</strong>, etwa die e<strong>in</strong>es globalisierten<br />

Marktes, s<strong>in</strong>d ni<strong>ch</strong>t mehr auf spezifis<strong>ch</strong>e Ents<strong>ch</strong>eidungsträger zurückzuführen<br />

und teilweise aufgrund historis<strong>ch</strong>er Entwicklungen zum<strong>in</strong>dest verme<strong>in</strong>tli<strong>ch</strong><br />

irreversibel. Sie konstituieren e<strong>in</strong>e Struktur, dur<strong>ch</strong> die das Aktuelle <strong>von</strong> Individuen<br />

vor ihrem Potentiellen zurückbleibt. Diese strukturelle Gewalt wird <strong>von</strong><br />

Opfern häufig ni<strong>ch</strong>t bewusst wahrgenommen, sondern ledigli<strong>ch</strong> die mit ihr<br />

e<strong>in</strong>hergehenden Symptome.<br />

Personale Gewalt ist gekennzei<strong>ch</strong>net dur<strong>ch</strong> das Vorhandense<strong>in</strong> klarer Subjekt-/Objektrelationen:<br />

e<strong>in</strong> oder mehrere Akteur(e) wirken s<strong>ch</strong>ädigend auf<br />

andere Individuen e<strong>in</strong>. Strukturelle Gewalt h<strong>in</strong>gegen ist gemäß ihres subjektlosen<br />

Charakters, d.h. der Unmögli<strong>ch</strong>keit, e<strong>in</strong>en handelnden Akteur zu identifizieren,<br />

immer die e<strong>in</strong>em System immanente Gewalt. Sie äußert si<strong>ch</strong> <strong>in</strong> der<br />

gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Unglei<strong>ch</strong>heit <strong>von</strong> Ma<strong>ch</strong>tverhältnissen (und damit der jeweiligen<br />

Lebens<strong>ch</strong>ancen der <strong>in</strong> ihr zusammenlebenden Mens<strong>ch</strong>en). Diese Unglei<strong>ch</strong>heit<br />

der Ma<strong>ch</strong>tverhältnisse be<strong>in</strong>haltet glei<strong>ch</strong>ermaßen die Unglei<strong>ch</strong>heit<br />

<strong>von</strong> Ents<strong>ch</strong>eidungsgewalt über Ressourcen zuungunsten der weniger Mä<strong>ch</strong>tigen.<br />

Dies führt zu weiterer Ungere<strong>ch</strong>tigkeit wie unglei<strong>ch</strong>er E<strong>in</strong>kommensverteilung<br />

(man denke etwa an die heutzutage teilweise no<strong>ch</strong> immer vorhandene<br />

Diskrepanz der Höhe des E<strong>in</strong>kommens <strong>von</strong> Frauen und Männern glei<strong>ch</strong>er<br />

Qualifikation <strong>in</strong> der selben berufli<strong>ch</strong>en Position), unglei<strong>ch</strong>en Bildungs<strong>ch</strong>ancen<br />

(aufgrund fehlender horizontaler Mobilität), Unglei<strong>ch</strong>heit des Zugangs zu<br />

mediz<strong>in</strong>is<strong>ch</strong>en E<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong>tungen im Verglei<strong>ch</strong> zwis<strong>ch</strong>en ländli<strong>ch</strong>em und städtis<strong>ch</strong>em<br />

Berei<strong>ch</strong> und vielem mehr. Problematis<strong>ch</strong> ist vor allem das Phänomen,<br />

dass si<strong>ch</strong> die genannten Unglei<strong>ch</strong>heiten aufgrund gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>er 'Rangordnungen'<br />

(f<strong>in</strong>anzieller Natur ebenso wie, damit zusammenhängend, am<br />

sozialen Prestige gemessen) gegenseitig bed<strong>in</strong>gen – e<strong>in</strong>e we<strong>ch</strong>selseitige<br />

Verklammerung strukturimmanenter Bena<strong>ch</strong>teiligung ist das Ergebnis; die<br />

3


mangelhafte Bildung e<strong>in</strong>er Person beispielsweise führt häufig zu ger<strong>in</strong>gem<br />

E<strong>in</strong>kommen, was wiederum je na<strong>ch</strong> Gesells<strong>ch</strong>aftssystem meist e<strong>in</strong> ger<strong>in</strong>ge<br />

Mögli<strong>ch</strong>keit der Ma<strong>ch</strong>tausübung mit si<strong>ch</strong> br<strong>in</strong>gt usw. Galtung verweist daher<br />

darauf, dass anstatt des Begriffes der strukturellen Gewalt äquivalent au<strong>ch</strong><br />

<strong>von</strong> "sozialer Ungere<strong>ch</strong>tigkeit" gespro<strong>ch</strong>en werden kann. 9 Zwar gibt es Fälle,<br />

<strong>in</strong> denen unter bestimmten Voraussetzungen aus Phasen gehäufter personaler<br />

Gewalt (etwa <strong>in</strong> Na<strong>ch</strong>kriegszeiten) strukturelle Gewalt hervorgeht, <strong>in</strong>dem<br />

sozusagen aus 'geronnener' Gewalttätigkeit, d.h. über längere Zeiträume und<br />

mit e<strong>in</strong>er gewissen Systematik angewandter personaler Gewalt si<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e<br />

Struktur etabliert, wel<strong>ch</strong>e Unglei<strong>ch</strong>heiten dauerhaft werden lässt. 10 Der umgekehrte<br />

Fall h<strong>in</strong>gegen, dass also strukturelle Gewalt zu personaler Gewalt<br />

führt, ist jedo<strong>ch</strong> um e<strong>in</strong> Vielfa<strong>ch</strong>es e<strong>in</strong>fa<strong>ch</strong>er vorstellbar: Aufgrund strukturell<br />

erzeugter Unglei<strong>ch</strong>heiten kann es zu Ausgrenzungen gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong> weniger<br />

privilegierter Akteure kommen; und wenn die Unfreiheiten e<strong>in</strong>iger Akteure –<br />

die si<strong>ch</strong> zwar <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er sozial besseren Situation als die Ausgegrenzten, denno<strong>ch</strong><br />

aber ebenfalls <strong>in</strong>nerhalb des Wirkungskreises struktureller Gewaltme<strong>ch</strong>anismen<br />

bef<strong>in</strong>den – <strong>von</strong> diesen zu sehr empfunden werden, kann der Unmut<br />

<strong>in</strong> Hass gegen s<strong>ch</strong>wä<strong>ch</strong>ere Akteure ums<strong>ch</strong>lagen. Als wohl drastis<strong>ch</strong>stes<br />

Beispiel hierfür kann die Judenverfolgung während des 'Dritten Rei<strong>ch</strong>es' gelten.<br />

Dieser 'Sündenbock-Aspekt' (Projektion der Wut vieler Akteure auf e<strong>in</strong>e<br />

Gruppe sozial s<strong>ch</strong>wä<strong>ch</strong>erer Akteure als verme<strong>in</strong>tli<strong>ch</strong>e S<strong>ch</strong>uldige) spielt im<br />

Zusammenhang mit <strong>Kleists</strong> Erzählung e<strong>in</strong>e wi<strong>ch</strong>tige Rolle und wird im 3. Kapitel<br />

näher betra<strong>ch</strong>tet.<br />

2.2. Reproduktionsme<strong>ch</strong>anismen struktureller Gewalt<br />

Der Blickw<strong>in</strong>kel kann <strong>in</strong>nerhalb <strong>von</strong> Galtungs Theorie struktureller Gewalt<br />

häufig ni<strong>ch</strong>t auf der mikrosoziologis<strong>ch</strong>en Ebene verweilen, da hier zwar Symptome<br />

wie Unfreiheiten und Beh<strong>in</strong>derungen E<strong>in</strong>zelner si<strong>ch</strong>tbar s<strong>in</strong>d, deren<br />

Ursa<strong>ch</strong>en h<strong>in</strong>gegen im Dunkeln bleiben. Um im oben genannten Beispiel zu<br />

bleiben: Diejenigen Mens<strong>ch</strong>en, die tägli<strong>ch</strong> verhungern, wissen zwar, dass<br />

ke<strong>in</strong> Essen für sie zur Verfügung steht. Die Ursa<strong>ch</strong>en hierfür aber s<strong>in</strong>d ihnen<br />

unter Umständen gar ni<strong>ch</strong>t bewusst, da sie auf der meso- (z.B. Korruption,<br />

die e<strong>in</strong>e glei<strong>ch</strong>mäßige Verteilung vorhandenen Essens im gesamten Land<br />

verh<strong>in</strong>dert) oder makrosoziologis<strong>ch</strong>en Ebene (kapitalistis<strong>ch</strong>e Organisation der<br />

Weltwirts<strong>ch</strong>aft) zu su<strong>ch</strong>en s<strong>in</strong>d. Diese Unmögli<strong>ch</strong>keit, soziale Ungere<strong>ch</strong>tigkeit<br />

auf bestimmbare Verursa<strong>ch</strong>er zurückzuführen, bewirkt e<strong>in</strong>e hohe Stabilität<br />

struktureller Gewalt. Galtung zeigt se<strong>ch</strong>s <strong>in</strong>härente Me<strong>ch</strong>anismen, die der<br />

Forts<strong>ch</strong>reibung sozialer Unglei<strong>ch</strong>heit und damit der stetigen Selbstreproduktion<br />

struktureller Gewalt dienen. Er bedient si<strong>ch</strong> dabei e<strong>in</strong>iger Begriffe, die hier<br />

im Folgenden zunä<strong>ch</strong>st kurz erläutert werden sollen, bevor sie Anwendung<br />

f<strong>in</strong>den: Galtung stellt fest, dass Akteure e<strong>in</strong>er Gesells<strong>ch</strong>aftsstruktur – es kann<br />

9 Vgl.: Galtung, Johan: a.a.O., S.13.<br />

10 Vgl.: ebd., S.17.<br />

4


si<strong>ch</strong> hierbei um E<strong>in</strong>zelpersonen ebenso wie um Kollektive (also Gruppen oder<br />

au<strong>ch</strong> Staaten) handeln – Ziele verfolgen. Zu deren Errei<strong>ch</strong>ung stehen Akteure<br />

mite<strong>in</strong>ander <strong>in</strong> Interaktion, d.h., sie s<strong>in</strong>d <strong>in</strong> Systemen organisiert. Meistens<br />

treten Akteure <strong>in</strong> mehr als e<strong>in</strong>em System <strong>in</strong> Interaktion. E<strong>in</strong> Beispiel hierfür<br />

s<strong>in</strong>d Staaten, die Mitglied der UNO s<strong>in</strong>d (politis<strong>ch</strong>e Interaktion) und zudem<br />

aber au<strong>ch</strong> Warenaustaus<strong>ch</strong> mit anderen Staaten betreiben (wirts<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e<br />

Interaktion), auf diese Weise Spra<strong>ch</strong>gewohnheiten <strong>in</strong> Form <strong>von</strong> Lehnwörtern<br />

u.ä. übernehmen (kulturelle Interaktion) usw. Alle diese Interaktionssysteme<br />

zusammengefasst ergeben e<strong>in</strong>e Struktur. Abhängig <strong>von</strong> dem jeweiligen Maß<br />

an E<strong>in</strong>flussmögli<strong>ch</strong>keiten <strong>in</strong>nerhalb e<strong>in</strong>es Systems hat jeder Akteur e<strong>in</strong>en<br />

bestimmten Rang <strong>in</strong>ne. Die Rangfolge der Akteure kann <strong>von</strong> System zu System<br />

variieren; so kann derselbe Akteur <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em System e<strong>in</strong>en niedrigen, <strong>in</strong><br />

e<strong>in</strong>em anderen System h<strong>in</strong>gegen e<strong>in</strong>en hohen Rang besitzen. Des Weiteren<br />

besteht jeder Akteur wiederum aus e<strong>in</strong>er eigenen, unabhängigen Struktur, der<br />

die Struktur aller Akteure übergeordnet ist. Es ergibt si<strong>ch</strong> auf diese Weise der<br />

Begriff e<strong>in</strong>er Ebene der Akteure. Zur Verans<strong>ch</strong>auli<strong>ch</strong>ung führt Galtung an,<br />

e<strong>in</strong>e Nation beispielsweise könne ebenso als Summe <strong>von</strong> Bezirken (Ebene<br />

n-1) aufgefasst werden, die Bezirke au<strong>ch</strong> als Summe <strong>von</strong> Geme<strong>in</strong>den (Ebene<br />

n-2) und diese wiederum als Summe <strong>von</strong> Individuen (Ebene n-3). Mittels der<br />

bes<strong>ch</strong>riebenen Begriffe Akteur, System, Struktur, Rang und Ebene ist es<br />

mögli<strong>ch</strong>, die se<strong>ch</strong>s Reproduktionsme<strong>ch</strong>anismen aufzuzeigen, wel<strong>ch</strong>e die<br />

Stabilität <strong>von</strong> struktureller Gewalt im E<strong>in</strong>zelnen gewährleisten dur<strong>ch</strong>:<br />

1. E<strong>in</strong>e l<strong>in</strong>eare Rangordnung; es ist e<strong>in</strong>e stets feststehende Tatsa<strong>ch</strong>e, wel<strong>ch</strong>er<br />

Akteur jeweils e<strong>in</strong>e höhere Position als e<strong>in</strong> anderer Akteur <strong>in</strong> der<br />

Rangordnung e<strong>in</strong>es Systems besitzt.<br />

2. E<strong>in</strong> azyklis<strong>ch</strong>es Interaktionsmuster; alle Akteure verfügen über Verb<strong>in</strong>dungen<br />

zu den übrigen Akteuren, wobei diese Interaktionen ebenfalls den<br />

Gesetzen der Rangordnung folgen.<br />

3. E<strong>in</strong>e Korrelation zwis<strong>ch</strong>en Rang und Stellung; mit höherem Rang <strong>in</strong>nerhalb<br />

e<strong>in</strong>er Interaktion mit e<strong>in</strong>em anderen Akteur (System) steigt au<strong>ch</strong> die<br />

Stellung e<strong>in</strong>es Akteurs <strong>in</strong> der Struktur.<br />

4. E<strong>in</strong>e Kongruenz der Systeme; die Menge der vers<strong>ch</strong>iedenen <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er<br />

Struktur vorhandenen Interaktionssysteme ist kongruent, d.h. alle diese<br />

Systeme enthalten die glei<strong>ch</strong>en strukturellen Bestandteile.<br />

5. E<strong>in</strong>e Konkordanz der Ränge; hat e<strong>in</strong> Akteur <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em System e<strong>in</strong>en hohen<br />

Rang, besteht e<strong>in</strong>e große Wahrs<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>li<strong>ch</strong>keit, dass derselbe Akteur<br />

<strong>in</strong> e<strong>in</strong>em anderen System der Struktur ebenfalls e<strong>in</strong>en hohen Rang <strong>in</strong>nehat.<br />

5


6. E<strong>in</strong>e hohe Rangverknüpfung der Ebenen; dem auf dem hö<strong>ch</strong>sten Rang<br />

der Ebene n-1 rangierenden Akteur s<strong>in</strong>d auf der nä<strong>ch</strong>st höheren Ebene n<br />

diejenigen Akteure übergeordnet, die auf der Ebene n-1 e<strong>in</strong>en niedrigeren<br />

Rang besitzen als er. 11<br />

Zur Verdeutli<strong>ch</strong>ung dieser <strong>von</strong> Galtung angeführten Liste re<strong>ch</strong>t abstrakter<br />

Reproduktionsme<strong>ch</strong>anismen <strong>von</strong> struktureller Gewalt sei exemplaris<strong>ch</strong> e<strong>in</strong><br />

Beispiel für die unter Punkt 6 genannte hohe Rangverknüpfung der Ebenen<br />

angeführt: die Bedeutung der Auto<strong>in</strong>dustrie der Vere<strong>in</strong>igten Staaten <strong>von</strong> Amerika<br />

gegenüber derjenigen der Bundesrepublik Deuts<strong>ch</strong>land <strong>in</strong> zwei ökonomis<strong>ch</strong>en<br />

Interaktionssystemen. Hierbei entsprä<strong>ch</strong>e dem deuts<strong>ch</strong>en B<strong>in</strong>nenmarkt<br />

für Automobile die Ebene n-1 gegenüber dem Weltmarkt für Automobile, der<br />

Ebene n wäre. Auf dem deuts<strong>ch</strong>en B<strong>in</strong>nenmarkt werden mehr deuts<strong>ch</strong>e Autos<br />

als amerikanis<strong>ch</strong>e verkauft; der Akteur BRD hat also gegenüber dem<br />

Akteur USA e<strong>in</strong>en höheren Rang auf Ebene n-1. Dah<strong>in</strong>gegen gibt es aber auf<br />

dem Weltmarkt zahlrei<strong>ch</strong>e Absatzgebiete, <strong>in</strong> denen amerikanis<strong>ch</strong>e Autos<br />

begehrter s<strong>in</strong>d als deuts<strong>ch</strong>e, womit die USA auf der Ebene n gegenüber der<br />

BRD wiederum e<strong>in</strong>en höheren Rang e<strong>in</strong>nimmt: die deuts<strong>ch</strong>e Auto<strong>in</strong>dustrie<br />

kann also die amerikanis<strong>ch</strong>e zwar <strong>in</strong> ihrer eigenen Struktur, ni<strong>ch</strong>t aber <strong>in</strong> der<br />

nä<strong>ch</strong>st höheren Struktur (der des Weltmarktes) verna<strong>ch</strong>lässigen, womit die<br />

amerikanis<strong>ch</strong>e Auto<strong>in</strong>dustrie auf die deuts<strong>ch</strong>e au<strong>ch</strong> auf Ebene n-1 e<strong>in</strong>en <strong>in</strong>direkten<br />

E<strong>in</strong>fluss – strukturelle Gewalt – ausübt.<br />

Anhand des oben bes<strong>ch</strong>riebenen Konzeptes der strukturellen Gewalt <strong>in</strong>klusive<br />

se<strong>in</strong>er Reproduktionsme<strong>ch</strong>anismen soll im Folgenden verdeutli<strong>ch</strong>t werden,<br />

<strong>in</strong>wiefern He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> Erzählung 'Das Erdbeben <strong>in</strong> Chili' als literaris<strong>ch</strong>es<br />

Exempel hierfür lesbar ist. Es soll allerd<strong>in</strong>gs ni<strong>ch</strong>t unerwähnt bleiben,<br />

dass Galtung se<strong>in</strong>e Konzeption später erweitert hat 12 , um sie beispielsweise<br />

für die Analyse ethnis<strong>ch</strong>er Konflikte anwendbar zu ma<strong>ch</strong>en – diese Erweiterungen<br />

br<strong>in</strong>gen jedo<strong>ch</strong> im Zusammenhang der <strong>in</strong> diesem Aufsatz bearbeiteten<br />

Fragestellung ke<strong>in</strong>en Erkenntnisgew<strong>in</strong>n. Auf e<strong>in</strong>e entspre<strong>ch</strong>ende Darstellung<br />

wird daher an dieser Stelle verzi<strong>ch</strong>tet.<br />

3. Die Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung Santiagos als Ort struktureller Gewalt<br />

Wie im vorangegangenen Kapitel bes<strong>ch</strong>rieben wurde, lässt si<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e Gewalt<br />

hervorbr<strong>in</strong>gende Struktur als die Verwobenheit der Systeme <strong>von</strong> Akteur<strong>in</strong>teraktionen<br />

begreifen. Um zu zeigen, <strong>in</strong>wiefern <strong>Kleists</strong> 'Erdbeben <strong>in</strong> Chili' als e<strong>in</strong><br />

literaris<strong>ch</strong>es Exempel struktureller Gewalt gelesen werden kann, werden hier<br />

daher zunä<strong>ch</strong>st die wi<strong>ch</strong>tigsten Akteure mit ihren jeweiligen Zielen dargestellt.<br />

Ans<strong>ch</strong>ließend wird anhand ausgewählter Beispiele <strong>von</strong> Interaktionen zwi-<br />

11 Vgl.: Galtung, Johan: a.a.O., S.20 f.<br />

12 Vgl.: Galtung, Johan: Kulturelle Gewalt, <strong>in</strong>: Landeszentrale für politis<strong>ch</strong>e Bildung Baden-Württemberg<br />

(Hrsg.): Der Bürger im Staat, 43. Jg., Ausg. 2/1993, S.106 – 112.<br />

6


s<strong>ch</strong>en Akteuren (Systemen) die Gesells<strong>ch</strong>aftsstruktur Santiagos <strong>in</strong> der Erzählung<br />

bes<strong>ch</strong>rieben. 13<br />

3.1. Die wi<strong>ch</strong>tigsten Akteure<br />

Zunä<strong>ch</strong>st s<strong>in</strong>d die beiden Protagonisten, Jeronimo Rugera und Josephe Asteron,<br />

zu nennen. Jeronimo war als Hauslehrer bei der Familie Asteron angestellt,<br />

bis Josephes Vater, Henrico Asteron, ihm kündigt. Jeronimo und Josephe<br />

s<strong>in</strong>d verliebt <strong>in</strong>e<strong>in</strong>ander. Da sie allseits auf gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e Widerstände<br />

gegen ihre Beziehung stoßen, müssen sie diese im Geheimen weiterführen.<br />

Ihr Ziel ist die Verwirkli<strong>ch</strong>ung ihrer Liebe.<br />

Josephes Vater ist "e<strong>in</strong>er der rei<strong>ch</strong>sten Edelleute der Stadt" (E 51,8). Als<br />

Adliger hat er e<strong>in</strong> ausgeprägtes Standesbewusstse<strong>in</strong> sowie e<strong>in</strong> mit der 'Re<strong>in</strong>heit'<br />

se<strong>in</strong>es Familiennamens eng verbundenen Ehrbegriff. E<strong>in</strong>e Liebesbeziehung<br />

se<strong>in</strong>er adligen To<strong>ch</strong>ter zu e<strong>in</strong>em Hauslehrer, d.h. e<strong>in</strong>er Person weit<br />

unter ihrem gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Stand, ist für ihn <strong>in</strong>tolerabel. Da e<strong>in</strong>e sol<strong>ch</strong>e<br />

Beziehung <strong>in</strong>nerhalb der gegebenen Verhältnisse ni<strong>ch</strong>t <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Heirat münden<br />

kann und zudem zu befür<strong>ch</strong>ten ist, dass sie zu Gerede und sogar Spott führt,<br />

ist Henrico Asterons Ziel, diese Liebesbeziehung zu verh<strong>in</strong>dern bzw. zu beenden.<br />

E<strong>in</strong>e sehr wi<strong>ch</strong>tige Rolle <strong>in</strong> der Erzählung spielt die Kir<strong>ch</strong>e. Exemplaris<strong>ch</strong><br />

sollen hier als Akteure, die auf unters<strong>ch</strong>iedli<strong>ch</strong>en hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>en Ebenen Repräsentanten<br />

der Kir<strong>ch</strong>e s<strong>in</strong>d, der Erzbis<strong>ch</strong>of, die Äbtiss<strong>in</strong> sowie der Chorherr<br />

herausgegriffen werden.<br />

Der Erzbis<strong>ch</strong>of muss als Vorsteher des Erzbistums gemäß Kir<strong>ch</strong>enre<strong>ch</strong>t die<br />

genaue Bewahrung des Glaubens und der kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Diszipl<strong>in</strong> si<strong>ch</strong>erstellen.<br />

14 Glei<strong>ch</strong>zeitig muss er den Ma<strong>ch</strong>tanspru<strong>ch</strong> der Kir<strong>ch</strong>e dur<strong>ch</strong>setzen und<br />

dauerhaft si<strong>ch</strong>ern. Se<strong>in</strong> Ziel ist daher, e<strong>in</strong>en (auf Kir<strong>ch</strong>enre<strong>ch</strong>t beruhenden)<br />

angestrengten Prozess gegen Jeronimo und Josephe zu e<strong>in</strong>em ras<strong>ch</strong>en Ende<br />

zu führen, das e<strong>in</strong>e harte Verurteilung der beiden mit si<strong>ch</strong> br<strong>in</strong>gt, um ihre<br />

Sünden (Liebesbeziehung der beiden sowie S<strong>ch</strong>wängerung Josephes dur<strong>ch</strong><br />

Jeronimo, als diese bereits Nonne ist) zu sühnen.<br />

Die Äbtiss<strong>in</strong> ist die oberste Autorität des Karmeliter-Klosters. Sie ordnet si<strong>ch</strong><br />

den Regeln der Kir<strong>ch</strong>e unter. Der Skandal um die S<strong>ch</strong>wangers<strong>ch</strong>aft Josephes<br />

betrifft sie direkt als Klosteroberhaupt desjenigen Ordens, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>em Jose-<br />

13 I<strong>ch</strong> beziehe mi<strong>ch</strong> auf die <strong>in</strong> Fn. 1 angegebene Reclam-Ausgabe der Erzählung. Der<br />

Übersi<strong>ch</strong>t halber verwende i<strong>ch</strong> für Na<strong>ch</strong>weise die Sigle 'E', gefolgt <strong>von</strong> Seitenzahl und<br />

Zeilennummer.<br />

14 Vgl.: Wikipedia-Enzyklopädie, Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Bis<strong>ch</strong>of (Abruf am<br />

22.01.2005).<br />

7


phe Nonne war; zuglei<strong>ch</strong> empf<strong>in</strong>det sie aber Mitleid mit Josephe. Ihr Ziel ist<br />

es daher, Josephe zu helfen.<br />

"Der ältesten Chorherren e<strong>in</strong>er" (E 64, 22) hält die Predigt im Gottesdienst der<br />

e<strong>in</strong>zigen ni<strong>ch</strong>t vom Erdbeben zerstörten Kir<strong>ch</strong>e. Angesi<strong>ch</strong>ts der Katastrophe<br />

herrs<strong>ch</strong>t große Verunsi<strong>ch</strong>erung <strong>in</strong> der Bevölkerung und die bestehende Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung<br />

ist aus den Fugen geraten. Das Ziel des Chorherren ist<br />

daher, die Allma<strong>ch</strong>t der Kir<strong>ch</strong>e – und dadur<strong>ch</strong> glei<strong>ch</strong>sam se<strong>in</strong>en eigenen Anteil<br />

an der Ma<strong>ch</strong>t – wieder zu etablieren und so den gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Zustand<br />

vor dem Erdbeben wiederherzustellen.<br />

Au<strong>ch</strong> der Vizekönig als oberster Repräsentant der weltli<strong>ch</strong>en Ma<strong>ch</strong>t <strong>in</strong> der<br />

Erzählung ist e<strong>in</strong> wi<strong>ch</strong>tiger Akteur. Do<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> er muss si<strong>ch</strong> den Gesetzen der<br />

Kir<strong>ch</strong>e unterwerfen. Se<strong>in</strong> Ziel ist, Re<strong>ch</strong>t und Ordnung aufre<strong>ch</strong>t zu erhalten. Zu<br />

deren Dur<strong>ch</strong>setzung verfügt er über militäris<strong>ch</strong>e Befehlsgewalt; so versu<strong>ch</strong>en<br />

<strong>von</strong> ihm <strong>in</strong>struierte "Wa<strong>ch</strong>en" etwa, no<strong>ch</strong> im Verlauf des Erdbebens e<strong>in</strong>e Kir<strong>ch</strong>e<br />

zu räumen und stellen Galgen auf, um Plünderungen im Zuge des allgegenwärtigen<br />

Chaos E<strong>in</strong>halt zu gebieten (vgl. E 60, 8). Zur Gruppe der Repräsentanten<br />

und Exekutivorgane weltli<strong>ch</strong>er Ma<strong>ch</strong>t zählt au<strong>ch</strong> der "Mar<strong>in</strong>e-<br />

Offizier <strong>von</strong> bedeutendem Rang" (E 66, 21) Alonzo Onoreja. Er versu<strong>ch</strong>t die<br />

Lyn<strong>ch</strong>justiz des wütenden Mobs <strong>in</strong> der S<strong>ch</strong>lussszene zu verh<strong>in</strong>dern.<br />

Dieser wütende Mob kann als e<strong>in</strong> kollektiver Akteur aufgefasst werden, der<br />

denjenigen (größten) Teil der Bevölkerung vere<strong>in</strong>t, wel<strong>ch</strong>er angesi<strong>ch</strong>ts der<br />

Verletzung e<strong>in</strong>es eigentli<strong>ch</strong> allgeme<strong>in</strong>gültigen kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Moralkodexes derart<br />

<strong>in</strong> Rage gerät, dass – jenseits aller moralis<strong>ch</strong>en Ri<strong>ch</strong>tl<strong>in</strong>ien – die Protagonisten<br />

öffentli<strong>ch</strong> ermordet werden. Ziel des wütenden Mobs ist die 'Entladung'<br />

se<strong>in</strong>er Empörung und die Sühnung des ihrer Me<strong>in</strong>ung na<strong>ch</strong> gottlosen Verhaltens.<br />

Beistand f<strong>in</strong>den Jeronimo und Josephe (neben der Hilfe Alonzo Onorejas) vor<br />

allem bei Fernando und Elvire Ormez. Fernando ist der Sohn des Kommandanten<br />

der Stadt, d.h. e<strong>in</strong>er Person <strong>von</strong> hohem Sozialprestige. Er selbst gehört<br />

daher ebenfalls e<strong>in</strong>deutig der hö<strong>ch</strong>sten Gesells<strong>ch</strong>aftss<strong>ch</strong>i<strong>ch</strong>t an. Er ist<br />

daher au<strong>ch</strong> mit Josephe bekannt. Er nimmt sie na<strong>ch</strong> dem Beben mit Freundli<strong>ch</strong>keit<br />

im Kreise se<strong>in</strong>er Familie auf. Se<strong>in</strong> Ziel ist, Jeronimo und Josephe zu<br />

helfen.<br />

3.2. Die Gesells<strong>ch</strong>aftsstruktur<br />

Jeronimo und Josephe können ihr Ziel, die Realisation ihrer Liebe, ni<strong>ch</strong>t errei<strong>ch</strong>en,<br />

da diese Liebe den Regeln der hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>en Ständegesells<strong>ch</strong>aft<br />

Santiagos widerspri<strong>ch</strong>t. Jeronimo, <strong>von</strong> weit niedrigerem Stand als Josephe<br />

und <strong>in</strong> Zusammenhang damit au<strong>ch</strong> materiell wesentli<strong>ch</strong> s<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>ter gestellt als<br />

8


sie, ist <strong>in</strong> den Augen <strong>von</strong> Josephes Vater e<strong>in</strong> <strong>in</strong>akzeptabler Partner für se<strong>in</strong>e<br />

To<strong>ch</strong>ter: E<strong>in</strong>e Beziehung der beiden hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong> so Unglei<strong>ch</strong>en könnte niemals<br />

<strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Heirat münden, da e<strong>in</strong>e Vermis<strong>ch</strong>ung zweier Stände <strong>von</strong> sol<strong>ch</strong><br />

unters<strong>ch</strong>iedli<strong>ch</strong>em Rang negative Folgen – ökonomis<strong>ch</strong> (e<strong>in</strong>e Heirat <strong>in</strong>nerhalb<br />

gehobener Stände dient au<strong>ch</strong> der Vermehrung <strong>von</strong> Rei<strong>ch</strong>tum und damit E<strong>in</strong>fluss)<br />

wie sozial (e<strong>in</strong>e Heirat 'unter Rang' würde Spott provozieren und damit<br />

die Familienehre belasten) – für Henrico Asteron bedeutete. Im patriar<strong>ch</strong>alis<strong>ch</strong><br />

geprägten Santiago der Erzählung hat er ausrei<strong>ch</strong>end Ma<strong>ch</strong>t <strong>in</strong>ne, um<br />

Josephe diese Beziehung zu verbieten und sie, na<strong>ch</strong>dem ihre Missa<strong>ch</strong>tung<br />

se<strong>in</strong>es Verbots offenkundig wird, im Karmeliter-Kloster 'unterzubr<strong>in</strong>gen' (vgl.<br />

E 51, 18) und so se<strong>in</strong> Ziel der Ehrenrettung zu verfolgen. Do<strong>ch</strong> die Liebe der<br />

beiden ist stärker als alle Regeln, die ihr entgegenstehen, und sie treffen si<strong>ch</strong><br />

au<strong>ch</strong> weiterh<strong>in</strong>, obwohl Josephe mittlerweile ja (gegen ihren Willen) Nonne<br />

ist. Jedo<strong>ch</strong> lässt Josephes S<strong>ch</strong>wangers<strong>ch</strong>aft s<strong>ch</strong>ließli<strong>ch</strong> den Verstoß der<br />

beiden gegen die klösterli<strong>ch</strong>e Ordnung offenbar werden: Zum Verstoß gegen<br />

die Regeln der ständis<strong>ch</strong>en Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung kommt nun der gegen das<br />

klösterli<strong>ch</strong>e Gesetz, d.h. die Gesetze der Kir<strong>ch</strong>e, h<strong>in</strong>zu. Auf Grundlage ebendieses<br />

"klösterli<strong>ch</strong>e[n] Gesetz[es]" (E 52, 5) – also ni<strong>ch</strong>t e<strong>in</strong>es juristis<strong>ch</strong>en<br />

Gesetzes – werden sie daher au<strong>ch</strong> angeklagt. Bemerkenswert hierbei ist,<br />

dass au<strong>ch</strong> ni<strong>ch</strong>t e<strong>in</strong>e juristis<strong>ch</strong>e Instanz, sondern e<strong>in</strong>e kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e, der Erzbis<strong>ch</strong>of,<br />

den Prozess gegen die beiden betreibt: die juristis<strong>ch</strong>e und damit weltli<strong>ch</strong>e<br />

Ma<strong>ch</strong>t ist der kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en untergeordnet. Der Vizekönig kann ledigli<strong>ch</strong> das<br />

Todesurteil Josephes <strong>von</strong> e<strong>in</strong>em Tod dur<strong>ch</strong> Verbrennen <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Enthauptung<br />

verme<strong>in</strong>tli<strong>ch</strong> abmildern. Der Erzbis<strong>ch</strong>of hat großes Interesse daran, den Prozess<br />

samt Vollstreckung des Urteils 15 ras<strong>ch</strong> voranzutreiben, um im Zuge der<br />

"großen Erbitterung" <strong>in</strong> der Bevölkerung angesi<strong>ch</strong>ts der begangenen Sünde<br />

(E 51, 33) Rückhalt für das harte Vorgehen gegen die Liebenden zu f<strong>in</strong>den.<br />

Das Übertreten kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>er Verbote stellt e<strong>in</strong>e Infragestellung kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>er Ma<strong>ch</strong>t<br />

dar, die für die Kir<strong>ch</strong>e ni<strong>ch</strong>t h<strong>in</strong>nehmbar ist, da es, ungesühnt, zur Unwirksamkeit<br />

der Verbote und damit der Unterm<strong>in</strong>ierung der Kir<strong>ch</strong>enma<strong>ch</strong>t führen<br />

könnte; dur<strong>ch</strong> Tötung der Sünder soll e<strong>in</strong>e Rekonsolidierung des kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en<br />

Ma<strong>ch</strong>tanspru<strong>ch</strong>s errei<strong>ch</strong>t werden. Der Chorherr weiß die Saiten dieser latent<br />

aggressiven Stimmung während se<strong>in</strong>er Predigt zum Kl<strong>in</strong>gen zu br<strong>in</strong>gen und<br />

so den wütenden Mob zum Instrument der eigenen Ma<strong>ch</strong>trückgew<strong>in</strong>nung zu<br />

ma<strong>ch</strong>en – als er mit martialis<strong>ch</strong>em Vokabular die Ereignisse im S<strong>in</strong>ne der<br />

Kir<strong>ch</strong>e darstellt, <strong>in</strong>dem er das Erdbeben zu e<strong>in</strong>er Strafe Gottes für die Sünde<br />

Jeronimos und Josephes erklärt, präsentiert er der verunsi<strong>ch</strong>erten und lei<strong>ch</strong>t<br />

aufzupeits<strong>ch</strong>enden Menge e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>fa<strong>ch</strong>e Lösung: Die Ermordung der beiden<br />

'Sündenböcke' ers<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>t als Vollstreckung göttli<strong>ch</strong>en Willens und damit der<br />

15 In der Erzählung wird Jeronimos Strafmaß ni<strong>ch</strong>t ges<strong>ch</strong>ildert. Er verbüßt zwar e<strong>in</strong>e<br />

Gefängnisstrafe, do<strong>ch</strong> bleibt ungewiss, ob au<strong>ch</strong> er h<strong>in</strong>geri<strong>ch</strong>tet werden soll. Angesi<strong>ch</strong>ts<br />

des patriar<strong>ch</strong>alis<strong>ch</strong>en Charakters der Gesells<strong>ch</strong>aft ist es jedo<strong>ch</strong> denkbar, dass Josephe<br />

als Frau härter bestraft wird und, als 'eigentli<strong>ch</strong>e S<strong>ch</strong>uldige' geltend, nur sie h<strong>in</strong>geri<strong>ch</strong>tet<br />

werden soll.<br />

9


Wiederherstellung e<strong>in</strong>es Glei<strong>ch</strong>gewi<strong>ch</strong>ts <strong>von</strong> sündigem Unre<strong>ch</strong>t und Bestrafung<br />

desselben. Glei<strong>ch</strong>zeitig kann so die omnipotente Stellung der Kir<strong>ch</strong>e<br />

mitsamt ihrer Moralhoheit wieder etabliert werden.<br />

Do<strong>ch</strong> die "große Erbitterung" der Bevölkerung lässt si<strong>ch</strong> auf zweierlei Arten<br />

verstehen, die beide zutreffend s<strong>in</strong>d. Zum e<strong>in</strong>en herrs<strong>ch</strong>t e<strong>in</strong>e allgeme<strong>in</strong>e<br />

Entrüstung angesi<strong>ch</strong>ts der bekannt gewordenen Sünde. Zum anderen aber<br />

rührt diese Empörung ni<strong>ch</strong>t auss<strong>ch</strong>ließli<strong>ch</strong> <strong>von</strong> dem <strong>in</strong>ternalisierten Moralverständnis<br />

her, sondern ist vielmehr als e<strong>in</strong>e Verbitterung zu verstehen: Das<br />

enge Korsett e<strong>in</strong>es Moralkodexes, wel<strong>ch</strong>er der alle<strong>in</strong>igen Def<strong>in</strong>itionshoheit der<br />

Kir<strong>ch</strong>e unterliegt, verh<strong>in</strong>dert e<strong>in</strong>e freie Entfaltung gewüns<strong>ch</strong>ter Lebensweisen<br />

der Bevölkerung. So s<strong>in</strong>d die Wut und Frustration der Bevölkerung e<strong>in</strong>e Folge<br />

der Bewusstwerdung verpasster und verwehrter Mögli<strong>ch</strong>keiten jenseits ständis<strong>ch</strong>er<br />

und kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>-moralis<strong>ch</strong>er Grenzen, die si<strong>ch</strong> zunä<strong>ch</strong>st <strong>in</strong> hämis<strong>ch</strong>er<br />

S<strong>ch</strong>aulust während Josephes Gang zur Ri<strong>ch</strong>tstätte und später <strong>in</strong> Aggression<br />

entladen. Der Me<strong>ch</strong>anismus allerd<strong>in</strong>gs, wel<strong>ch</strong>er im Falle Jeronimos und Josephes<br />

ebenso wie auf die Bevölkerung wirksam wird, ist der glei<strong>ch</strong>e: Aufgrund<br />

<strong>von</strong> Interessen bestimmter Akteure, die ausrei<strong>ch</strong>end Ma<strong>ch</strong>t zur Dur<strong>ch</strong>setzung<br />

dieser Interessen mittels Taten (delegierende Interaktionen) <strong>in</strong>nehaben,<br />

erleiden die Betroffenen e<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>s<strong>ch</strong>ränkung ihrer aktuellen Verwirkli<strong>ch</strong>ung<br />

gegenüber der potentiellen. Die Ursa<strong>ch</strong>e für diesen Unters<strong>ch</strong>ied zwis<strong>ch</strong>en<br />

dem Aktuellen und dem Potentiellen der betroffenen Personen, hier<br />

Jeronimo und Josephe bzw. die ohnmä<strong>ch</strong>tige Bevölkerung als Kollektiv, liegt<br />

also <strong>in</strong> den Systemen <strong>in</strong>teragierender Akteure unters<strong>ch</strong>iedli<strong>ch</strong>en Ranges<br />

begründet. Diese Systeme konstituieren, wie <strong>in</strong> Kapitel 2 bes<strong>ch</strong>rieben, die<br />

Struktur e<strong>in</strong>er Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung, und wenn <strong>von</strong> dieser Struktur systematis<strong>ch</strong><br />

Unglei<strong>ch</strong>heit erzeugt und konserviert wird, wie dies <strong>in</strong> der Erzählung<br />

bes<strong>ch</strong>rieben wird, ist dies, so Galtung, e<strong>in</strong> Kennzei<strong>ch</strong>en für das Vorhandense<strong>in</strong><br />

struktureller Gewalt. Paradoxerweise s<strong>in</strong>d die Mörder der Liebenden<br />

Opfer derselben strukturellen Gewalt wie diese; fatalerweise ist jedo<strong>ch</strong> sowohl<br />

den Liebenden als au<strong>ch</strong> dem wütenden Mob ni<strong>ch</strong>t nur die Ursa<strong>ch</strong>e ihrer<br />

bes<strong>ch</strong>ränkten aktuellen Verwirkli<strong>ch</strong>ung unbewusst, sondern es fehlt au<strong>ch</strong> die<br />

Bewusstwerdung ihrer Unfreiheit gegenüber ihrer potentiellen Verwirkli<strong>ch</strong>ung.<br />

So ist au<strong>ch</strong> erklärbar, wie der wütende Mob willentli<strong>ch</strong> zu e<strong>in</strong>em Werkzeug<br />

se<strong>in</strong>es eigenen Unterdrückers, der Kir<strong>ch</strong>e, werden kann, um so den Fortbestand<br />

des Regimes und damit die eigene Unterdrückung zu si<strong>ch</strong>ern. Und<br />

ebenso ist diese ausbleibende Bewusstwerdung seitens Jeronimo und Josephe<br />

der Grund, weshalb sie ihre eigene Haltung der Kir<strong>ch</strong>e gegenüber ni<strong>ch</strong>t<br />

problematisieren; ihre tief empfundene Religiosität treibt sie an, den Gottesdienst<br />

na<strong>ch</strong> dem Erdbeben zu besu<strong>ch</strong>en, was ihnen dann zum Verhängnis<br />

wird. An ke<strong>in</strong>er Stelle jedo<strong>ch</strong> stellen sie zum<strong>in</strong>dest die Institution Kir<strong>ch</strong>e, losgelöst<br />

<strong>von</strong> Glaubensfragen, und die <strong>von</strong> ihr oktroyierten Sittenvorstellungen<br />

und –zwänge <strong>in</strong> Frage, aufgrund deren wenigstens Josephe be<strong>in</strong>ahe h<strong>in</strong>geri<strong>ch</strong>tet<br />

worden wäre!<br />

10


Neben der Abwesenheit e<strong>in</strong>es kritis<strong>ch</strong>en Bewusstse<strong>in</strong>s seitens der betroffenen<br />

Akteure gibt es weitere systemimmanente Gründe, die zu e<strong>in</strong>er Stabilisierung<br />

und Konservierung der bestehenden gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Verhältnisse <strong>in</strong><br />

der Erzählung beitragen. So steht etwa bei jeder Interaktion zweier Akteure<br />

fest, wel<strong>ch</strong>er <strong>von</strong> beiden der ranghöhere, also mä<strong>ch</strong>tigere dieses Systems ist<br />

(l<strong>in</strong>eare Rangordnung <strong>in</strong>nerhalb der Systeme). Beispielsweise wird <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er<br />

hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong> organisierten Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung wie Santiago e<strong>in</strong> dem<br />

Adelsstand angehöriger Akteur gegenüber e<strong>in</strong>em Akteur aus e<strong>in</strong>em niedrigeren<br />

Gesells<strong>ch</strong>aftsstand, etwa e<strong>in</strong>em Bauern, stets größere Ma<strong>ch</strong>t <strong>in</strong>nehaben.<br />

Derselbe Adlige hat aber <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Interaktionssystem mit hohen Vertretern<br />

der Kir<strong>ch</strong>e weniger Ma<strong>ch</strong>t als diese. Aus dieser l<strong>in</strong>earen Rangordnung der<br />

Akteure ergibt si<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> die Konkordanz der Akteursränge <strong>in</strong>nerhalb der<br />

Struktur: Da bestimmte Akteure <strong>in</strong>nerhalb vieler Systeme stets den höheren<br />

und nur <strong>in</strong> wenigen den niedrigeren Rang e<strong>in</strong>nehmen, während andere meist<br />

weniger Ma<strong>ch</strong>t und nur selten e<strong>in</strong>en höheren Rang <strong>in</strong>nehaben, und wenige<br />

sogar <strong>in</strong> ke<strong>in</strong>em der Systeme e<strong>in</strong>en höheren Rang haben, ergibt si<strong>ch</strong> e<strong>in</strong><br />

'Gesamtrang', also die Rangposition jedes e<strong>in</strong>zelnen Akteurs <strong>in</strong> der Summe<br />

aller Systeme, der Struktur. Die Kir<strong>ch</strong>e ist <strong>in</strong> allen Systemen stets der mä<strong>ch</strong>tigere<br />

Akteur und damit <strong>in</strong> der Struktur, d.h. der Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung <strong>in</strong>sgesamt,<br />

ebenfalls ranghö<strong>ch</strong>ster Akteur. Der Adel wiederum ist zwar weniger<br />

mä<strong>ch</strong>tig als die die Kir<strong>ch</strong>e und zudem beispielsweise der weltli<strong>ch</strong>en Ma<strong>ch</strong>t,<br />

dem Vizekönig, unterstellt. Denno<strong>ch</strong> ist er aber gegenüber der Mehrheit vorhandener<br />

Akteure <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em höheren Rang (etwa gegenüber Kaufleuten, dem<br />

Handwerk, Bauern usw.) Dur<strong>ch</strong> diesen re<strong>ch</strong>t hohen Gesamtrang könnte der<br />

Adelsstand se<strong>in</strong> aus ökonomis<strong>ch</strong>en und sozialen (und damit natürli<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong><br />

ma<strong>ch</strong>tpolitis<strong>ch</strong>en) Gründen herrührendes Interesse e<strong>in</strong>er Aufre<strong>ch</strong>terhaltung<br />

der Ständeordnung dur<strong>ch</strong>setzen, sobald diese <strong>in</strong>frage gestellt würde. Die<br />

vorhandenen gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Verhältnisse (Ständegesells<strong>ch</strong>aft, omnipräsenter<br />

Moralkodex) führen zu e<strong>in</strong>er dauerhaften, vermeidbaren Bena<strong>ch</strong>teiligung<br />

vieler Akteure <strong>in</strong> Form <strong>von</strong> E<strong>in</strong>s<strong>ch</strong>ränkung ihrer potentiellen Verwirkli<strong>ch</strong>ung<br />

zugunsten weniger mä<strong>ch</strong>tiger Akteure, die Profiteure dieses Zustandes<br />

s<strong>in</strong>d. Diese oben genannten Me<strong>ch</strong>anismen führen zu e<strong>in</strong>er hohen Stabilität,<br />

d.h. relativen Unveränderbarkeit der Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung Santiagos, da<br />

diese <strong>in</strong> der Lage ist, die Ursa<strong>ch</strong>en des Unters<strong>ch</strong>iedes zwis<strong>ch</strong>en aktueller und<br />

potentieller Verwirkli<strong>ch</strong>ung der Bena<strong>ch</strong>teiligten – also strukturelle Gewalt –<br />

permanent 'aus si<strong>ch</strong> selbst' zu reproduzieren.<br />

Gesells<strong>ch</strong>aftsordnungen mit struktureller Gewalt tendieren na<strong>ch</strong> Galtung aufgrund<br />

ihrer hohen Stabilität zur Dauerhaftigkeit. 16 E<strong>in</strong>e Veränderung e<strong>in</strong>er<br />

sol<strong>ch</strong>en Struktur mittels struktureigener Systeme (z.B. Revolution) ist eher<br />

unwahrs<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>li<strong>ch</strong>, woh<strong>in</strong>gegen e<strong>in</strong>e Interaktion mit rangglei<strong>ch</strong>en oder –hö-<br />

16 Vgl.: Galtung, Johann: Strukturelle Gewalt, S.16 f.<br />

11


heren Akteuren fremder Strukturen (z.B. Krieg zweier Staaten) dur<strong>ch</strong>aus e<strong>in</strong>e<br />

dauerhafte Veränderung herbeiführen kann. E<strong>in</strong>en Veränderungsimpuls <strong>von</strong><br />

außen erfährt au<strong>ch</strong> die Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung Santiagos <strong>in</strong> der Erzählung.<br />

Allerd<strong>in</strong>gs ges<strong>ch</strong>ieht dies ni<strong>ch</strong>t dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>en Akteur, sondern dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e Naturkatastrophe<br />

– das Erdbeben wirkt als extr<strong>in</strong>sis<strong>ch</strong>e Modifikation der Struktur:<br />

Ni<strong>ch</strong>t nur die Häuser Santiagos, sondern glei<strong>ch</strong>falls sämtli<strong>ch</strong>e Ma<strong>ch</strong>tstrukturen<br />

geraten <strong>in</strong>s Wanken. Alle Gebäude, die vor der Katastrophe Ma<strong>ch</strong>t repräsentierten,<br />

werden dur<strong>ch</strong> das Erdbeben zerstört:<br />

"Der Palast des Vizekönigs war versunken, der Geri<strong>ch</strong>tshof, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>em ihr das Urteil<br />

gespro<strong>ch</strong>en worden war, stand <strong>in</strong> Flammen, und an die Stelle, wo si<strong>ch</strong> ihr väterli<strong>ch</strong>es<br />

Haus befunden hatte, war e<strong>in</strong> See getreten, und ko<strong>ch</strong>te rötli<strong>ch</strong>e Dämpfe aus.<br />

[…] [Josephe] war s<strong>ch</strong>on dem Tore nah, als sie au<strong>ch</strong> das Gefängnis, <strong>in</strong> wel<strong>ch</strong>em<br />

Jeronimo geseufzt hatte, <strong>in</strong> Trümmern sah." (E 56, 30)<br />

Der unbed<strong>in</strong>gte Geltungsanspru<strong>ch</strong> bisheriger Ma<strong>ch</strong>tverhältnisse ist verloren<br />

gegangen, deutli<strong>ch</strong> etwa, als e<strong>in</strong>er Wa<strong>ch</strong>e, die auf Befehl des Vizekönigs e<strong>in</strong>e<br />

Kir<strong>ch</strong>e zu räumen versu<strong>ch</strong>t, entgegnet wird, dass ke<strong>in</strong> Vizekönig mehr existiere<br />

(vgl. E 60, 8). Kleist implementiert hier die Chance e<strong>in</strong>es völligen Neubeg<strong>in</strong>ns,<br />

der S<strong>ch</strong>affung e<strong>in</strong>er neuen, gere<strong>ch</strong>ten Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung und der<br />

dauerhaften Überw<strong>in</strong>dung der bisherigen Struktur. Ausführli<strong>ch</strong> bes<strong>ch</strong>reibt er<br />

die Aufhebung aller Standesunters<strong>ch</strong>iede und wie <strong>in</strong> der sozialen Glei<strong>ch</strong>heit<br />

aller Mens<strong>ch</strong>en das Mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e an si<strong>ch</strong> – Hilfsbereits<strong>ch</strong>aft, Empathie und<br />

Bereits<strong>ch</strong>aft zu Verzi<strong>ch</strong>t zugunsten anderer – wieder zum Vors<strong>ch</strong>e<strong>in</strong> kommt,<br />

das <strong>in</strong> der alten Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung strukturell unterm<strong>in</strong>iert worden war:<br />

"Auf den Feldern, so weit das Auge rei<strong>ch</strong>te, sah man Mens<strong>ch</strong>en <strong>von</strong> allen Ständen<br />

dur<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>ander liegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuer<strong>in</strong>nen, Staatsbeamte<br />

und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: e<strong>in</strong>ander bemitleiden, si<strong>ch</strong><br />

we<strong>ch</strong>selseitig Hülfe rei<strong>ch</strong>en, <strong>von</strong> dem, was sie zur Erhaltung ihres Lebens gerettet<br />

haben mo<strong>ch</strong>ten, freudig mitteilen, als ob das allgeme<strong>in</strong>e Unglück alles, was ihm<br />

entronnen war, zu e<strong>in</strong>er Familie gema<strong>ch</strong>t hätte." (E 60, 34)<br />

Au<strong>ch</strong> die Bes<strong>ch</strong>reibung der vielen Mens<strong>ch</strong>en, die todesmutig ihr Leben riskieren,<br />

um andere zu retten (vgl. E 61, 10), kontrastiert die alten Verhältnisse,<br />

die <strong>von</strong> Argwohn und Missgunst geprägt waren (deutli<strong>ch</strong> etwa an der Denunziation<br />

Josephes dur<strong>ch</strong> ihren Bruder, vgl. E 51, 13) und im Zuge derer der<br />

größte Teil der Bevölkerung anstatt Mitleid mit Josephe, auf dem Weg zu<br />

ihrer H<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong>tung, S<strong>ch</strong>adenfreude und Zerstreuung empfand, ja, diesen H<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong>tungszug<br />

sogar als S<strong>ch</strong>auspiel <strong>in</strong>szenierte, für wel<strong>ch</strong>es eigens die Hausdä<strong>ch</strong>er<br />

abgedeckt worden waren, um e<strong>in</strong>en besseren Blick zu erhas<strong>ch</strong>en (vgl.<br />

E 52, 11). Jetzt, na<strong>ch</strong> dem Erdbeben, s<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>t au<strong>ch</strong> die moralis<strong>ch</strong>e Beurteilung<br />

des Vergehens der beiden Liebenden zunä<strong>ch</strong>st stark relativiert dur<strong>ch</strong> die<br />

Ges<strong>ch</strong>ehnisse während und na<strong>ch</strong> der Katastrophe, so dass e<strong>in</strong>e (vorübergehende)<br />

gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e Re<strong>in</strong>tegration der beiden dur<strong>ch</strong> Fernando und Elvire<br />

Ormez vollzogen werden kann.<br />

12


E<strong>in</strong> vordergründiges Lesen der Erzählung legt mögli<strong>ch</strong>erweise zunä<strong>ch</strong>st die<br />

Interpretation nahe, es handle si<strong>ch</strong> hier um e<strong>in</strong>e Religionskritik <strong>Kleists</strong>. Diese<br />

Annahme greift jedo<strong>ch</strong> zu kurz; ni<strong>ch</strong>t die pervertierte Religiosität der Bevölkerung,<br />

sondern ihre Urheber<strong>in</strong>, die Institution Kir<strong>ch</strong>e selbst, wird kritisiert und<br />

implizit auf den Grund ihrer Indoktr<strong>in</strong>ation, nämli<strong>ch</strong> die Bewahrung bestehender<br />

Verhältnisse und damit Si<strong>ch</strong>erung des Ma<strong>ch</strong>terhalts, verwiesen. In Vers<strong>ch</strong>ränkung<br />

mit den Interessen des Adels und anderer Rei<strong>ch</strong>er an der Verteidigung<br />

der ständis<strong>ch</strong>en Ordnung ergibt si<strong>ch</strong>, wie oben gezeigt wurde, e<strong>in</strong>e<br />

Konstellation struktureller Gewalt. 17 Der theoretis<strong>ch</strong>e H<strong>in</strong>tergrund dieser Gesells<strong>ch</strong>aftskritik<br />

ist bei Jean-Jacques Rousseau zu f<strong>in</strong>den, den Kleist ho<strong>ch</strong><br />

ges<strong>ch</strong>ätzt hat und demzufolge die Natur des Mens<strong>ch</strong>en dur<strong>ch</strong> Vergesells<strong>ch</strong>aftung<br />

verformt und verdorben wird. 18<br />

Wennglei<strong>ch</strong> dur<strong>ch</strong> extr<strong>in</strong>sis<strong>ch</strong>e Modifikation der Struktur äußerli<strong>ch</strong> alle Ma<strong>ch</strong>tunters<strong>ch</strong>iede<br />

und gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Hierar<strong>ch</strong>ien nivelliert s<strong>in</strong>d, besteht <strong>in</strong>nerli<strong>ch</strong>,<br />

<strong>in</strong> den Köpfen der Bevölkerung, e<strong>in</strong> Symptom der alten Ordnung weiter<br />

fort: die <strong>in</strong>stitutionell gebundene Gläubigkeit, d.h. die Koppelung der Religionsausübung<br />

an die Kir<strong>ch</strong>e – sowohl topographis<strong>ch</strong> (Kir<strong>ch</strong>engebäude als Ort<br />

kollektiver religiöser Handlungen), als au<strong>ch</strong> hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong> (Verlangen na<strong>ch</strong><br />

e<strong>in</strong>em kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>en Würdenträger als Mittler zu Gott). Diese fest verankerte<br />

<strong>in</strong>stitutionell-kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e Orientierung ist das Produkt fortwährender Indoktr<strong>in</strong>ation<br />

seitens der Kir<strong>ch</strong>e zu Zeiten der alten Ordnung; e<strong>in</strong> Abrücken der Bevölkerung<br />

hier<strong>von</strong>, etwa mittels laikal-religiöser Formen wie z.B. privater Gebetszirkel<br />

anstatt des Gottesdienstes <strong>in</strong> der Kir<strong>ch</strong>e, hätte m<strong>in</strong>destens e<strong>in</strong>e<br />

S<strong>ch</strong>wä<strong>ch</strong>ung, wenn ni<strong>ch</strong>t gar Entma<strong>ch</strong>tung der Kir<strong>ch</strong>e zur Folge gehabt, bezieht<br />

diese ihre Ma<strong>ch</strong>t do<strong>ch</strong> gerade aus der <strong>von</strong> den Gläubigen angenommenen<br />

Notwendigkeit, si<strong>ch</strong> ihr unterzuordnen, um dur<strong>ch</strong> sie ihren (kir<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong> def<strong>in</strong>ierten)<br />

'religiösen Pfli<strong>ch</strong>ten' überhaupt na<strong>ch</strong>kommen zu können. Der Drang<br />

der Bevölkerung, na<strong>ch</strong> dem Erdbeben an e<strong>in</strong>em Gottesdienst zur Verhütung<br />

weiteren Unheils teilzunehmen, lässt sie zum e<strong>in</strong>zigen vom Erdbeben vers<strong>ch</strong>onten<br />

Kir<strong>ch</strong>engebäude strömen. Der Chorherr, der die Predigt hält, erkennt<br />

die Chance zur Wiedererri<strong>ch</strong>tung der alten Ordnung und Rückgew<strong>in</strong>nung<br />

der Ma<strong>ch</strong>t, wie oben bereits bes<strong>ch</strong>rieben, und hetzt die Menge gegen<br />

Jeronimo und Josephe auf. Hier s<strong>ch</strong>eitert die <strong>von</strong> Kleist bes<strong>ch</strong>riebene Utopie<br />

der herrs<strong>ch</strong>aftsfreien Gesells<strong>ch</strong>aft. Der Rückfall <strong>in</strong> die alte Ordnung vollzieht<br />

17 Analog der Religionskritik-These verfehlt au<strong>ch</strong> der gelegentli<strong>ch</strong> erhobene Rassismusvorwurf<br />

an <strong>Kleists</strong> "Die Verlobung <strong>in</strong> St. Dom<strong>in</strong>go" die eigentli<strong>ch</strong>e Thematik der Erzählung.<br />

Vielmehr ist dort ebenfalls e<strong>in</strong>e literaris<strong>ch</strong>e Gesells<strong>ch</strong>aftskritik <strong>Kleists</strong> abzulesen,<br />

deren verglei<strong>ch</strong>ende Untersu<strong>ch</strong>ung mit dem "Erdbeben <strong>in</strong> Chili" unter dem Aspekt struktureller<br />

Gewalt me<strong>in</strong>es Era<strong>ch</strong>tens na<strong>ch</strong> lohnenswert wäre. Zum Rassismusvorwurf vgl.:<br />

Gribnitz, Barbara: S<strong>ch</strong>warzes Mäd<strong>ch</strong>en, weißer Fremder. Studien zur Konstruktion <strong>von</strong><br />

'Rasse' und Ges<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>t <strong>in</strong> He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> Erzählung 'Die Verlobung <strong>in</strong> St. Dom<strong>in</strong>go',<br />

Würzburg 2002.<br />

18 Die zahlrei<strong>ch</strong>en Rousseau-Bezüge <strong>in</strong> der Erzählung sowie der theoretis<strong>ch</strong>e H<strong>in</strong>tergrund<br />

können hier aus Gründen des Umfangs der Arbeit ni<strong>ch</strong>t dargestellt werden. Vgl.<br />

hierzu aber Horn, Peter, a.a.O., S.114 und 188 ff., sowie S<strong>ch</strong>midt, Jo<strong>ch</strong>en: He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong><br />

Kleist. Die Dramen und Erzählungen <strong>in</strong> ihrer Epo<strong>ch</strong>e, Darmstadt 2003, S.27 – 37.<br />

13


si<strong>ch</strong> <strong>in</strong> dem Moment, als es der Chorherr kraft se<strong>in</strong>er Worte vermag, der 'alten<br />

Moral' wieder Gültigkeit und Akzeptanz <strong>in</strong> der Mens<strong>ch</strong>enmenge zu verleihen,<br />

<strong>in</strong>dem er e<strong>in</strong>en kausalen Zusammenhang zwis<strong>ch</strong>en dem Erdbeben und der<br />

Sünde der Liebenden herstellt. In der Folge ist plötzli<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> die Standeszugehörigkeit<br />

wieder <strong>von</strong> Bedeutung: Fernando Ormez versu<strong>ch</strong>t si<strong>ch</strong> und die<br />

Übrigen zu retten mit dem Verweis auf se<strong>in</strong>en hohen gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en Rang<br />

als Sohn des Kommandanten der Stadt (vgl. E 65, 29), den au<strong>ch</strong> Josephe<br />

ängstli<strong>ch</strong>-bes<strong>ch</strong>wörend wiederholt (vgl. E 66, 3). Do<strong>ch</strong> weder se<strong>in</strong>e no<strong>ch</strong> die<br />

Autorität des "Mar<strong>in</strong>e-Offizier[s] <strong>von</strong> bedeutendem Rang" (E 66, 21) vermag<br />

die Unglückli<strong>ch</strong>en jetzt no<strong>ch</strong> retten – zu dauerhaft und mä<strong>ch</strong>tig s<strong>in</strong>d die unsi<strong>ch</strong>tbaren<br />

Folgen der alten Ordnung <strong>in</strong> den Köpfen der Bevölkerung, und zu<br />

beste<strong>ch</strong>end die E<strong>in</strong>fa<strong>ch</strong>heit der Erklärung des Chorherrn, wer die Verursa<strong>ch</strong>er<br />

der Katastrophe seien. Manifest wird die Rückkehr zur alten Ordnung <strong>in</strong> der<br />

Ermordung Jeronimos, Josephes und des kle<strong>in</strong>en Juan. Die pervertierte Moral<br />

führt dazu, dass Jeronimos Vater se<strong>in</strong>en eigenen Sohn ers<strong>ch</strong>lägt; sie lässt<br />

die Bürger Santiagos das Gegenteil dessen tun, wona<strong>ch</strong> sie zu streben glauben:<br />

Ni<strong>ch</strong>t Gere<strong>ch</strong>tigkeit und Moral verhelfen sie zum Sieg, sondern der Wiedererri<strong>ch</strong>tung<br />

e<strong>in</strong>er sie unterdrückenden Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung <strong>von</strong> struktureller<br />

Gewalt.<br />

4. Fazit und Ausblick<br />

E<strong>in</strong>e mögli<strong>ch</strong>e Lesart <strong>von</strong> He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> Erzählung 'Das Erdbeben <strong>in</strong><br />

Chili' ist, sie als e<strong>in</strong> literaris<strong>ch</strong>es Exempel für die Ausprägung struktureller<br />

Gewalt <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung und den damit verbundenen Auswirkungen<br />

auf die Mitglieder dieser Gesells<strong>ch</strong>aft zu verstehen. Die <strong>in</strong> der Erzählung<br />

bes<strong>ch</strong>riebene Gesells<strong>ch</strong>aft ist gekennzei<strong>ch</strong>net dur<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e ausgeprägte<br />

hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>e Aufspaltung sozialer Ränge (Ständegesells<strong>ch</strong>aft), patriar<strong>ch</strong>alis<strong>ch</strong>e<br />

Organisation familialer Ma<strong>ch</strong>tstrukturen und e<strong>in</strong>e Omnipotenz der Kir<strong>ch</strong>e.<br />

Aus Gründen des Ma<strong>ch</strong>terhalts streben die daran <strong>in</strong>teressierten Akteure<br />

(Adelsstand, Kir<strong>ch</strong>e) na<strong>ch</strong> der Bewahrung dieser Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung. E<strong>in</strong><br />

Mittel hierbei ist der Moralkodex, den die Kir<strong>ch</strong>e der Bevölkerung oktroyiert.<br />

Als Folge der <strong>in</strong> der Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung angelegten Unglei<strong>ch</strong>heit erleiden<br />

große Teile der Bevölkerung das fortwährende Zurückbleiben ihrer aktuellen<br />

Verwirkli<strong>ch</strong>ung vor der potentiellen: dies ist e<strong>in</strong> Kennzei<strong>ch</strong>en struktureller<br />

Gewalt. E<strong>in</strong> <strong>in</strong> der Erzählung angelegter mögli<strong>ch</strong>er Aufbru<strong>ch</strong> zu e<strong>in</strong>er neuen,<br />

gere<strong>ch</strong>ten Gesells<strong>ch</strong>aftsordnung s<strong>ch</strong>eitert an den immanenten Reproduktionsme<strong>ch</strong>anismen<br />

struktureller Gewalt.<br />

Au<strong>ch</strong> <strong>in</strong> e<strong>in</strong>igen weiteren se<strong>in</strong>er Werke wirft Kleist implizit gesells<strong>ch</strong>aftskritis<strong>ch</strong>e<br />

Fragen auf. Besonders lohnenswert ers<strong>ch</strong>e<strong>in</strong>t mir e<strong>in</strong>e verglei<strong>ch</strong>ende<br />

Untersu<strong>ch</strong>ung <strong>von</strong> 'Das Erdbeben <strong>in</strong> Chili' und der 'Verlobung <strong>in</strong> St. Dom<strong>in</strong>go'<br />

unter dem Aspekt der strukturellen Gewalt, da neben der thematis<strong>ch</strong>en Nähe<br />

au<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e Vielzahl <strong>von</strong> Parallelen <strong>in</strong> der Metaphorik der beiden Erzählungen<br />

14


zu f<strong>in</strong>den ist. 19 Do<strong>ch</strong> wäre ebenso e<strong>in</strong> Verglei<strong>ch</strong> mit <strong>Kleists</strong> 'Penthesilea'<br />

denkbar, wobei si<strong>ch</strong> zusätzli<strong>ch</strong> die Mögli<strong>ch</strong>keit der Ausweitung auf Aspekte<br />

kultureller Gewalt eröffnen würde. Aufgrund des erforderli<strong>ch</strong>en Umfangs e<strong>in</strong>er<br />

sol<strong>ch</strong>en Untersu<strong>ch</strong>ung wäre sie e<strong>in</strong> geeignetes Thema für e<strong>in</strong>e Magisterarbeit.<br />

Auf diese Weise stünde au<strong>ch</strong> Raum für e<strong>in</strong>e hermeneutis<strong>ch</strong>e Analyse<br />

der Erzählungen zur Verfügung, die <strong>in</strong> der Kürze der vorliegenden Arbeit ni<strong>ch</strong>t<br />

geleistet werden konnte.<br />

Besonderes Augenmerk sollte hierbei beim 'Erdbeben <strong>in</strong> Chili' auf der religiösen<br />

Intertextualität liegen (Paradiesszene, Rast der Heiligen Familie), da so<br />

die gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e Stellung der Familie genauer beleu<strong>ch</strong>tet werden kann. 20<br />

In diesem Zusammenhang könnte au<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>e genauere Darstellung <strong>von</strong> und<br />

Ause<strong>in</strong>andersetzung mit Bezügen zu Rousseaus Theorie erfolgen.<br />

Im Rahmen der Analyse der 'Verlobung <strong>in</strong> St. Dom<strong>in</strong>go' bietet si<strong>ch</strong> zudem<br />

e<strong>in</strong>e kontextuelle Bes<strong>ch</strong>äftigung mit <strong>Kleists</strong> Position zu den Ereignissen der<br />

Französis<strong>ch</strong>en Revolution an.<br />

19 Thematis<strong>ch</strong>e Parallelen s<strong>in</strong>d z.B.: Gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong> <strong>in</strong>akzeptable Liebe, und Gewalt, die<br />

den Liebenden angetan wird; tragis<strong>ch</strong>er Tod der Liebenden als mittelbare Folge gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>er<br />

Verhältnisse; öffentli<strong>ch</strong>e Verleugnung e<strong>in</strong>es geliebten Mens<strong>ch</strong>en zu se<strong>in</strong>er<br />

Rettung vor dem wütenden Mob (Erdbeben: Josephe verleugnet <strong>Philipp</strong>; Verlobung:<br />

Mariane Congreve verleugnet Gustav). Metaphoris<strong>ch</strong>e Parallelen s<strong>in</strong>d z.B.: Rettung vor<br />

die Tore der Stadt [<strong>in</strong> den Raum des Außergesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>en]; Anrufung der Heiligen<br />

Maria im Zusammenhang bevorstehender fur<strong>ch</strong>tbarer Wendungen der Ereignisse; zufälliges<br />

Vorhandense<strong>in</strong>s e<strong>in</strong>es Stricks als unerwartete Hilfe.<br />

20 Familie ist im 'Erdbeben <strong>in</strong> Chili' ni<strong>ch</strong>t nur partriar<strong>ch</strong>ales Forts<strong>ch</strong>reibungswerkzeug<br />

struktureller Gewalt als mikrosoziologis<strong>ch</strong>e Entspre<strong>ch</strong>ung zur oligar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>en Gesells<strong>ch</strong>aftsorganisation;<br />

sie funktioniert zuglei<strong>ch</strong> au<strong>ch</strong> als e<strong>in</strong> S<strong>ch</strong>utzraum bzw. als Ort der<br />

Manifestation <strong>von</strong> Mens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>keit jenseits gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>-hierar<strong>ch</strong>is<strong>ch</strong>er Konventionen<br />

(deutli<strong>ch</strong> etwa anhand der positiven Mutterrolle, die beispielsweise die gesells<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e<br />

Wiedere<strong>in</strong>gliederung der Liebenden ermögli<strong>ch</strong>t und ihrer metaphoris<strong>ch</strong>en Analogie im<br />

Verweis auf die neutestamentaris<strong>ch</strong>e 'Rast der Heiligen Familie' bzw. der Bes<strong>ch</strong>reibung<br />

der Mitglieder der herrs<strong>ch</strong>aftsfreien Gesells<strong>ch</strong>aftsutopie als 'e<strong>in</strong>e Familie').<br />

15


Literaturverzei<strong>ch</strong>nis<br />

PRIMÄRLITERATUR:<br />

Kleist, He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong>: Die Marquise <strong>von</strong> O…. Das Erdbeben <strong>in</strong> Chili.<br />

Erzählungen, Stuttgart 1993.<br />

Kleist, He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong>: Die Verlobung <strong>in</strong> St. Dom<strong>in</strong>go. Das Bettelweib <strong>von</strong><br />

Locarno. Der F<strong>in</strong>dl<strong>in</strong>g. Erzählungen, Stuttgart 1993.<br />

SEKUNDÄRLITERATUR:<br />

Galtung, Johan: Kulturelle Gewalt, <strong>in</strong>: Landeszentrale für politis<strong>ch</strong>e Bildung<br />

Baden-Württemberg (Hrsg.): Der Bürger im Staat, 43. Jg.,<br />

Ausg. 2/1993, S.106 – 112.<br />

Galtung, Johan: Strukturelle Gewalt, Re<strong>in</strong>bek 1975.<br />

Gribnitz, Barbara: S<strong>ch</strong>warzes Mäd<strong>ch</strong>en, weißer Fremder. Studien zur<br />

Konstruktion <strong>von</strong> 'Rasse' und Ges<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>t <strong>in</strong> He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> Erzählung<br />

'Die Verlobung <strong>in</strong> St. Dom<strong>in</strong>go', Würzburg 2002.<br />

Heißenberger, Petra: Strukturelle und zwis<strong>ch</strong>enmens<strong>ch</strong>li<strong>ch</strong>e Gewalt aus<br />

pädagogis<strong>ch</strong>er Si<strong>ch</strong>t, Frankfurt am Ma<strong>in</strong> u.a. 1997.<br />

Horn, Peter: Anar<strong>ch</strong>ie und Mobherrs<strong>ch</strong>aft <strong>in</strong> <strong>Kleists</strong> "Erdbeben <strong>in</strong> Chili", <strong>in</strong>:<br />

ders.: He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> <strong>Kleists</strong> Erzählungen. E<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>führung, Königste<strong>in</strong> 1978,<br />

S.112 – 133.<br />

Ko<strong>ch</strong>, <strong>Philipp</strong>: Zum Zusammenhang <strong>von</strong> Medien und Aggression. Der<br />

wissens<strong>ch</strong>aftli<strong>ch</strong>e Diskurs der Wirkungsfors<strong>ch</strong>ung h<strong>in</strong>si<strong>ch</strong>tli<strong>ch</strong> e<strong>in</strong>es<br />

Mediene<strong>in</strong>flusses auf den Rezipienten, Internet: http://www.philippko<strong>ch</strong>.com/<br />

soz_wiss/medienaggression.pdf.<br />

Micus, Christiane: Friedfertige Frauen und wütende Männer? Theorien der<br />

Ergebnisse zum Umgang der Ges<strong>ch</strong>le<strong>ch</strong>ter mit Aggression,<br />

We<strong>in</strong>heim/Mün<strong>ch</strong>en 2002.<br />

S<strong>ch</strong>midt, Jo<strong>ch</strong>en: He<strong>in</strong>ri<strong>ch</strong> <strong>von</strong> Kleist. Die Dramen und Erzählungen <strong>in</strong> ihrer<br />

Epo<strong>ch</strong>e, Darmstadt 2003.<br />

Vere<strong>in</strong>te Nationen (Hrsg.): Bullet<strong>in</strong> on the eradication of poverty,<br />

No.10/2003, Internet: http://www.un.org/esa/socdev/poverty/documents/<br />

boep_10_2003_EN.pdf (Abruf am 15.01.2005).<br />

NACHSCHLAGEWERKE:<br />

Bibliographie der deuts<strong>ch</strong>en Spra<strong>ch</strong>- und Literaturwissens<strong>ch</strong>aft (BDSL),<br />

Internet: http://www.bdsl-onl<strong>in</strong>e.de.<br />

Wikipedia-Enzyklopädie, Internet: http://de.wikipedia.org.

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