teuer feHlt - Leo Houlding

leohoulding.com

teuer feHlt - Leo Houlding

Wild

Heart AT

Schlaflos, aber nimmermüde:

Leo Houlding 2008

nach seinem Enchaînement

von El Capitan und Half

Dome und der anschließend

durchgefeierten Nacht.

Wild, wilder, Leo Houlding: In der

Kletterszene ist der 28-Jährige für kühne

Begehungen harter Routen und epische

Abenteuer bekannt, in seiner Heimat ist er

ein Fernsehstar. Judith Spancken hat den

charismatischen Engländer besucht.

Text: Judith Spancken

Bizeps gegen Bleifuß: Für die beliebte britische Fernsehserie

„Top Gear“ traten Leo Houlding und Tim

Emmett 2005 in der Gorges du Verdon zu einem

besonderen Rennen an. Während Moderator Jeremy

Clark die kurvige Straße vom Schluchtgrund in einem

Audi RS4 hochraste, kletterten die beiden durch die

300 Meter hohe Wand – und erreichten als

erste das Plateau. Die erst kürzlich gesendete

Realityshow-Serie „Take me to the edge“ moderierte

Leo dann gleich selbst. Zusammen mit

fünf jungen Durchschnittsbriten unternahm er

eine ungewöhnliche Weltreise, bei der die Teilnehmer

an riskanten Bräuchen einheimischer

Völker teilnehmen mussten: Wildschweinjagd

mit den Ambrym People, abenteuerliche Seefahrten

mit Maoris in Neuseeland, Honig sammeln

hoch in den Bäumen Indiens, in Bhutan

unterzogen sie sich einem Feuerritual. Immer

wieder brachte Leo auch eigene Ideen ins Spiel, und so sieht man ihn

in einer Episode mit afrikanischen Massai slacklinen.

Genauso souverän wie Auftritte vor der Kamera meistert der

28-Jährige offizielle Anlässe, wie etwa einen Empfang in der Londoner

Downing Street Nr. 10. Allein für die Moderation einer Realityshow

wird man allerdings nicht vom britischen Premierminister

eingeladen, da braucht es schon etwas mehr. Zum Beispiel außergewöhnliche

sportliche Leistungen. Und von denen hat Leo eine ganze

Menge vorzuweisen. Mit 14 onsightete er seine erste E5, mit 15 die

ich akzeptiere

andere stile,

langweile mich

aber schnell,

wenn das abenteuer

fehlt

erste E6, mit 16 die erste E7. Kaum volljährig sorgte er auch international

für Aufsehen: Mit Patch Hammond gelang ihm 1998 die erste

Wiederholung von El Niño (5.13c, 30 SL) am El Capitan im Yosemite,

nur wenige Tage nach der ersten Rotpunktbegehung durch Alexander

und Thomas Huber. Ohne jegliche Bigwall-Erfahrung stiegen die

jungen Briten in die Route ein und schrammten nur knapp an einer

Onsightbegehung vorbei. Vier Jahre später hätte Leos Kletterkarriere

dann beinahe ein jähes Ende genommen. Beim Versuch, die Maestri-

Route am Cerro Torre frei zu klettern, stürzte er schwer und verlor

beinahe einen Fuß. Doch schon ein Jahr später war er zurück am

Fels und macht seither immer wieder mit außergewöhnlichen Begehungen

von sich reden. Zuletzt „rannte“ er im März 2009 mit Carlos

Suarez im spanischen Riglos am laufenden Seil in zwei Stunden und

37 Minuten durch die Routen Zulu demente (7a+, 5 SL) und Carnivalada

(7a+, 8 SL). Die Abstiege verkürzten sie durch BASE-Jumps.

Aber nicht nur seine spektakulären Leistungen haben dafür gesorgt,

dass auf den Britischen Inseln jeder, der auch nur ein bisschen

klettert, den Namen Leo Houlding kennt. Leo ist ein Mensch, den

man trifft und nicht vergisst, jemand, der inspiriert

und Horizonte erweitert. Ein blonder Sonnyboy

mit großem Selbstbewusstsein und einer

unglaublichen Ausstrahlung. Ein Freund Leos

charakterisierte ihn kürzlich als talentiert, weise

und unglaublich „driven“ – ein Wort, das in der

englischen Kletterszene oft fällt. Es beschreibt

jemanden, der sich fast wie besessen einer Sache

hingibt und mit eiserner Sturheit daran festhält.

Keine Frage, dies trifft auf Leo zu, und seine

Erfolge sprechen für sich. Dagegen fiel es mir

schwer, einen 28-Jährigen mit dem Begriff „weise“

in Verbindung zu bringen. Doch hatte mich diese Beschreibung

noch neugieriger gemacht. Um Leo näher kennenzulernen, besuche

ich ihn und seine Frau Jessica Anfang Mai im Lake District.

Vom Lake district ins yosemite

In dieser schönen, harmonischen Landschaft wächst Leo in den 80er-

Jahren auf und lernt später auch das Klettern. Mit Zehn nimmt ihn

ein Freund seines Vater erstmals mit an den Fels. Eine Einführung

ins Klettern auf traditionellste Art und Weise, weit weg von moder-

Foto: James Q Martin

36 klettern.de

klettern.de 37


58 Seillängen bis 5.12d plus

zwei BASE-Jumps in 20 Stunden:

Leo in Freerider während

des Enchaînements von El

Capitan und Half Dome.

Leo Houlding | kurzBiografie

1980 Am 28 Juli wird Leo

geboren und wächst im Lake

District auf. Im Alter von zehn

Jahren beginnt er zu klettern.

Mit 13 punktet er seine erste

7a, mit 14 die erste 8a.

1995 Leo klettert Trad-Testpieces

wie Gaia (E8 6c) und

End of the affair (E8 6b). 1996

onsightet er mit Mas ters wall

und Conan the librarian gleich

zwei Routen im Grad E7 6b.

1998 Mit Patch Hammond

holt sich Leo die erste Wiederholung

von El Niño (5.13c,

30 SL) am El Capitan.

1999 Leo gelingt die Erstbegehung

von Trauma (E9 7a) in

Wales, er punktet seine erste

8b und befreit die 900 Meter

hohe Kjerag-Wand in Norwegen

im Grad E6 6b.

2000 Erste freie Begehung

von Here comes the sun (E6

6b, 800 m) an der La Esphinge

in Peru mit Sam Whittaker.

2001 klettert Leo im

Yosemite die Westwand des

Leaning Towers (5.13b) bis auf

die erste Seillänge frei.

2002 In Patagonien holt er

sich die erste freie Begehung

der Cerro-Mascara-Ostwand

(E5 6b, 800 m). Dann passiert

der Unfall am Cerro Torre.

2003 Leo beginnt mit BASE-

Jumpen und hat auf BBC seinen

ersten Fernsehauftritt.

2005 Erste freie Begehung

des Casarotto-Pfeilers (5.11,

1400 m) am Fitz Roy in Patagonien

mit Kevin Thaw.

Im Yosemite klettert Leo die

North west (5.12, 24 SL) am

Half Dome onsight, in Freerider

(5.12d, 34 SL) am El Cap verhindert

ein Sturz den Onsight.

2006 Zweite Begehung der

berüchtigten Southern Belle

(5.13, 14 SL) am Half Dome mit

Dean Potter. 2007 besteigt Leo

den Mount Everest.

2008 Mit Sean Leary klettert

Leo Freerider am El Cap und

die Northwest am Half Dome

komplett frei in 20 Stunden.

Sponsoren Berghaus, DMM

Fotos: James Q Martin (li.), Archiv Houlding (re.)

nen Hallen und Plastikgriffen. Alles im Lake District ist ‚old school‘.

Keine Bohrhaken, keine eingerichteten Stände. Wer hier anfängt zu

klettern, lernt schnell, eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn man

sieht, was Leo heute alles unternimmt, wird einem klar, dass er tief

in der britischen Klettertradition und -ethik verwurzelt ist. „Ich setze

ungern Bohrhaken und habe, glaube ich, erst einen selbst gebohrt.

Aber mir macht es nichts aus, sie zu nutzen, wenn sie da sind. Ich

respektiere andere Stile, nur bedeutet es für mich halt weniger Spaß,

eine eingerichtete Mehrseillängenroute zu klettern, als Keile und

Friends selbst zu legen. Ich langweile mich schnell, wenn das Abenteuer

fehlt”, beschreibt Leo seinen Zugang zum Klettern.

Was auch der Grund ist, warum er trotz beachtlicher Erfolge das

Wettkampfklettern nicht lange betreibt. Kurz nachdem er 1996 British

Junior Champion wird, hat er die Nase voll vom Plastik und konzentriert

sich fortan ganz aufs Abenteuer. Was „Abenteuer“ für Leo

bedeutet, belegt eine

Durch den

Unfall habe ich

gelernt, dass

es auch andere

Dinge als das

klettern gibt

Anekdote: Ebenfalls

1996 beschließen er und

Tim Emmett nach einem

Abend im Pub um zwei

Uhr morgens, das berühmte

Testpiece Lord of

the Flies zu klettern. Mit

einem Schwierigkeitsgrad

von E6 6a nicht

ganz ohne, ein Sturz in

der Schlüsselstelle kann

böse Folgen haben. Da die Route nach

tagelangem Regen endlich trocken

ist, die Wettervorhersage für den

kommenden Tag jedoch erneut mies,

machen sich die beiden auf den Weg.

Dass Leos Stirnlampe dann gerade in

der Schlüsselstelle den Geist aufgibt,

ist allerdings nicht geplant.

Auf meine Frage, ob er solche Episoden

im Nachhinein nicht doch ein bisschen verrückt finde, schüttelt

er den Kopf: „Nein, das ist genau das, was mir Spaß macht. Der

einzige Unterschied zu heute ist, dass meine Kletterei eher noch ein

wenig abenteuerlicher geworden ist.“ In besagter Nacht klettert Leo

die Schlüsselstelle ohne Licht wieder ab, tauscht mit Tim die Stirnlampe

und zieht die Route anschließend durch.

Im Moment konzentrieren sich Leos Projekte eher aufs Ausland,

denn derzeit liegt für ihn die Faszination des Kletterns vor allem in

den großen Wänden. „Für mich ist das Yosemite das Ultimative. Nirgendwo

auf der Welt habe ich bisher etwas Vergleichbares wie den

El Cap gefunden.“ Die Energie und Inspiration, die Leo im Yosemite

findet, spiegelt sich in seinen dortigen Erfolgen wieder. Von der

Beinahe-Onsightbegehung von El Niño war ja bereits die Rede. Als

die britischen Jungspunde 1998 im Yosemite eintreffen, haben sie keinerlei

Bigwall-Erfahrung. „Ohne die Ermunterung von Thomas und

Alex hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht an El Niño rangewagt.

Also haben wir den beiden zu danken. Auch war die Route durch

ihre Begehung noch frisch eingechalkt, was Granitklettern schon

um einen Grad erleichtern kann. Trotzdem kam es völlig unerwartet

– wir waren an dem Tag eben in Topform.”

Trotz Leos Bescheidenheit handelt es sich um eine unglaubliche

Leistung, denn eine „Ground-up-Begehung“ ist etwas ganz anderes

als eine Rotpunktbegehung nach langen Vorarbeiten. Ohne vorheriges

Erkunden und wenn irgendwie möglich frei ist generell Leos

bevorzugter Stil. „Wer von unten anfängt, lässt sich auf ein Abenteuer

ein, denn ob man es bis oben schafft, bleibt ungewiss.”

Erfolge wie El Niño zeigen früh, welches Talent in Leo steckt, und

schnell wird ihm klar, dass er mit der richtigen Strategie seine Leidenschaft

zum Beruf machen kann. Inzwischen lebt Leo seit über zehn

Jahren ausschließlich vom Klettern, seine Auftritte in einer Reihe von

Fernsehshows als Kletterer, Abenteurer und Moderator sind eher ein

lukrativer Nebenverdienst.

Rauf in stunden, runter in sekunden

Aber nicht immer läuft bei seiner Suche nach neuen Herausforderungen

alles glatt. 2002 nimmt er sich zusammen mit Kevin Thaw

und Alan Mullin vor, die Maestri-Route am Cerro Torre in Patagonien

so weit wie möglich frei zu klettern. 300 Meter über Grund stoppt

jedoch eine von Schmelzwasser überronnene Passage ihren Freikletterelan.

Doch statt einige Meter technischer Kletterei in Kauf zu nehmen,

versucht sich Leo an einer Linie abseits der Route – zwar trocken,

aber deutlich schwieriger

und kaum absicherbar.

„Ich war 21 und dachte, ich

sei unantastbar.”

Leider nicht: Weit über

der letzten Sicherung rutscht

Leos Fuß weg, er stürzt 20

Meter und zertrümmert

sich beim Aufprall auf einen

Felsvorsprung den rechten

Fuß. Zudem reißt er sich

beim Versuch, ein altes,

herabhängendes Seil zu

greifen, die Hand bis fast

auf den Knochen auf. Es

folgen Stunden und Tage

voller Schmerz. Auf Händen

und Knien, teilweise auch

von den Freunden getragen,

erreicht Leo endlich das Basislager. Von dort geht‘s zu Pferd weiter in

den nächsten Ort und ins Krankenhaus. Nach einer Röntgenuntersuchung

wird beschlossen, dass Leo in England operiert werden muss.

Der Befund der englischen Ärzte ist nicht gut: ein zerschmetterter Talusknochen

und das Risiko einer Nekrose, was zu einer Amputation

des Fußes führen könnte. „Vor dem Unfall dachte ich immer, Klettern

sei alles. Nicht mehr klettern zu können, wäre das Schlimmste

überhaupt.“ Leos Prioritäten ändern sich. An Klettern ist gar nicht zu

denken, schon das Aufstehen am Morgen wird zur Herausforderung.

Monate nicht gehen zu können und es dann mühsam wieder lernen

zu müssen, ist eine ganz neue Erfahrung für jemanden, der sich sonst

mit Leichtigkeit am Fels bewegt.

„Ich habe gelernt, dass es auch andere Dinge im Leben gibt als das

Klettern, und ich war erstaunt, dass auch diese Dinge Spaß machen

können.“ Leo hat Glück im Unglück. Er behält seinen Fuß und beginnt

ein Jahr später wieder zu klettern. 2005 ist er zurück in Patagonien,

um sein Cerro-Torre-Projekt zum Abschluss zu bringen. Angst,

wieder in die gleiche Route einzusteigen, gibt es nicht. „Mir war klar,

ich würde nicht noch einmal die gleichen Fehler machen, daher war

es mental kein Problem, einen zweiten Versuch zu starten.” Schlechte

Bedingungen machen dem Team jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Daraufhin richtet Leo seine Energie auf ein neues Projekt. Das

Ergebnis: die erste freie Begehung des Casarotto-Pfeilers am Fitz Roy

in einem dramatischen 56-Stunden-Trip im Alpinstil.

Patagonischer Leidensweg: Leo gefolgt von Kevin Thaw während des qualvollen

Abstiegs vom Cerro Torre mit zertrümmertem rechtem Fuß.

38 klettern.de

klettern.de 39


Und tschüss: Leo verabschiedet sich an der Kjerag-Wand in Norwegen betont lässig in die Tiefe (links). Am liebsten onsight: 2001 bei einer Begehung von

Strangeness (E7 6c) in Caley im besten aller Stile (Mitte). Auf den Spuren George Mallorys: 2007 auf dem Gipfel des Mount Everest (8850 m, rechts)

2007 nimmt Leo dann an der „Altitude Everest Exedition“ teil.

Geführt von Conrad Anker, der 1999 den Körper von George Mallory

entdeckte, möchte die Expedition der Frage nachgehen, ob Mallory

und Irvine 1924 vor ihrem Tod den Gipfel des Everest erreicht hatten,

und einen Film darüber drehen. Leo und Conrad besteigen den

Everest über den Nordostgrat, nachdem die Leiter am Second Step

vorübergehend für ihren Versuch entfernt wurde. Teilweise tragen sie

Kleidung wie damals Mallory and Irvine. „Bei gutem Wetter war das

ok, aber sobald es stürmte, war ich froh, den Daunenanzug griffbereit

zu haben.“ Der Film „The wildest dream” soll im Herbst ausgestrahlt

werden. Obwohl der Everest eine gute Erfahrung ist, entfacht er bei

Leo keine Liebe zum Bergsteigen. Zudem beschließt er als Reaktion

auf den Medienrummel im Jahr 2007, weitere Filmangebote abzulehnen

und sich wieder ganz dem Klettern am

Fels zu widmen.

Am 8. Juni 2008 klettern Leo und der Amerikaner

Sean Leary Freerider am El Capitan

und die Nordwestwand des Half Dome in

nur 20 Stunden komplett frei – zusammen

58 Seillängen mit Schwierigkeiten bis 5.12d.

Nicht nur ihr Klettertempo und die gute

Zusammenarbeit, sondern auch ihr Geheimrezept,

die Abstiege mit (illegalen) BASE-Jumps

zu verbinden, machen diese Zeit möglich.

„Die erfolgreiche El Capitan-Half Dome-Kombination

ist für mich die Definition schlechthin eines perfekten Klettertages”,

erzählt Leo enthusiastisch. Ihre Ausrüstung war minimal:

drei Keile, sechs Friends und ein paar Schlingen und Karabiner. „Wir

sind viel simultan geklettert, im Freerider zum Beispiel die ersten

23 Seillängen in nur fünf Stunden und den Offwidth nur mit einem

Friend Nummer 6 zwischen uns.”

Den El Cap in elf Stunden zu klettern, ist allein schon eine tolle Leistung.

Dann einen sicheren BASE-Jump durchzuführen, den langen

steilen Anstieg hoch zum Half Dome, weitere 24 Seillängen und noch

ein BASE-Jump ist sensationell. Und angeblich lief das alles „ganz

ohne Stress” ab. Worte wie „picnic“ und „lunch“ fallen, und wie Leo

so ganz entspannt im Sessel sitzt, kann ich mir das sogar vorstellen.

Genauso wie ich glaube, dass Leo mit seinem Talent manch harte

Sachen ohne Training reißen kann. Für ihr Yosemite-Enchaînement

haben er und Sean sich dann aber doch ein wenig vorbereitet. Sechs

Ich brauche die

karotte, die vor

meiner nase

baumelt, sonst

sehe ich den

Sinn nicht

Wochen haben sie im Yosemite trainiert, jeden Tag bis zur Erschöpfung,

dann wieder gezielt Pause. Und dazwischen viele BASE-Jumps,

also auch viel Ausdauertraining durch die langen Anstiege. Mit

einem Rucksack die Berge hochzumarschieren, nur um fit zu werden,

liegt Leo nicht. Die Aussicht, am Ende des Aufstiegs hinunter fliegen

zu können, ist da schon deutlich verlockender. „Ich brauche die

Karotte, die vor meiner Nase baumelt, sonst sehe ich den Sinn nicht.”

Und nach einer langen Route dem Tal entgegenzuspringen statt einen

langen Abstieg auf sich nehmen zu müssen, sei für ihn der perfekte

Abschluss eines erfolgreichen Klettertages. Der Wunsch fliegen zu

können, war schon immer da. Leo erinnert sich an frühe Tage des

Kletterns im Lake District. Schon damals blickte er oft sehnsüchtig ins

Tal und dachte, wie genial es sein müsse hinabzufliegen.

Auch für sein nächstes großes Projekt auf

Baffin Island ist ein Bigwall mit anschließendem

BASE-Jump geplant. Im August

wollen Leo und Sean Leary mit einem Filmteam

um Alastair Lee die erste freie Begehung

der Nordwand des Mount Asgard versuchen

(Trailer über einige Vorbereitungs-Trips – zu

denen auch die Riglos-Aktion zählte – gibt es

bereits unter www.posingproductions.com).

Kenne deine grenzen

Beim Blick auf die Uhr merken wir, dass es

spät geworden ist – wir haben uns verplaudert. Inzwischen ist mir

klar geworden, was der Freund mit „weise“ meinte. Trotz Erfolgen

und TV-Shows merkt man Leo wenig von dem Medienrummel an.

Seine ruhige und wohlüberlegte Art zu reden, vermittelt den Eindruck,

dass ihn wenig aus der Ruhe bringen kann, dass er über den

Dingen steht. Zwar glaubt man manchmal, einen Anflug von Arroganz

zu spüren, doch ist dies wohl eher Ausdruck seines unglaublich

starkes Selbstbewusstseins. Zum Abschluss frage ich ihn, was er einer

Normalkletterin wie mir mit auf den Weg geben könne. Zum Beispiel

Tipps, mit Ängsten und Gefahren besser umgehen zu können. Sein

Rat: „Kenne dich selbst, deine Grenzen und eliminiere so viel Gefahr

wie möglich. Klettern muss nicht gefährlich sein – solange du das

Wissen und die Erfahrung hast, die Sache so sicher wie möglich anzugehen,

und solange du dich innerhalb deiner Grenzen bewegst oder

weißt, wie du diese sicher pushen kannst.”

Fotos: Archiv Houlding (2), Adam Long (Mitte)

40 klettern.de

Weitere Magazine dieses Users