teuer feHlt - Leo Houlding

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teuer feHlt - Leo Houlding

58 Seillängen bis 5.12d plus

zwei BASE-Jumps in 20 Stunden:

Leo in Freerider während

des Enchaînements von El

Capitan und Half Dome.

Leo Houlding | kurzBiografie

1980 Am 28 Juli wird Leo

geboren und wächst im Lake

District auf. Im Alter von zehn

Jahren beginnt er zu klettern.

Mit 13 punktet er seine erste

7a, mit 14 die erste 8a.

1995 Leo klettert Trad-Testpieces

wie Gaia (E8 6c) und

End of the affair (E8 6b). 1996

onsightet er mit Mas ters wall

und Conan the librarian gleich

zwei Routen im Grad E7 6b.

1998 Mit Patch Hammond

holt sich Leo die erste Wiederholung

von El Niño (5.13c,

30 SL) am El Capitan.

1999 Leo gelingt die Erstbegehung

von Trauma (E9 7a) in

Wales, er punktet seine erste

8b und befreit die 900 Meter

hohe Kjerag-Wand in Norwegen

im Grad E6 6b.

2000 Erste freie Begehung

von Here comes the sun (E6

6b, 800 m) an der La Esphinge

in Peru mit Sam Whittaker.

2001 klettert Leo im

Yosemite die Westwand des

Leaning Towers (5.13b) bis auf

die erste Seillänge frei.

2002 In Patagonien holt er

sich die erste freie Begehung

der Cerro-Mascara-Ostwand

(E5 6b, 800 m). Dann passiert

der Unfall am Cerro Torre.

2003 Leo beginnt mit BASE-

Jumpen und hat auf BBC seinen

ersten Fernsehauftritt.

2005 Erste freie Begehung

des Casarotto-Pfeilers (5.11,

1400 m) am Fitz Roy in Patagonien

mit Kevin Thaw.

Im Yosemite klettert Leo die

North west (5.12, 24 SL) am

Half Dome onsight, in Freerider

(5.12d, 34 SL) am El Cap verhindert

ein Sturz den Onsight.

2006 Zweite Begehung der

berüchtigten Southern Belle

(5.13, 14 SL) am Half Dome mit

Dean Potter. 2007 besteigt Leo

den Mount Everest.

2008 Mit Sean Leary klettert

Leo Freerider am El Cap und

die Northwest am Half Dome

komplett frei in 20 Stunden.

Sponsoren Berghaus, DMM

Fotos: James Q Martin (li.), Archiv Houlding (re.)

nen Hallen und Plastikgriffen. Alles im Lake District ist ‚old school‘.

Keine Bohrhaken, keine eingerichteten Stände. Wer hier anfängt zu

klettern, lernt schnell, eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn man

sieht, was Leo heute alles unternimmt, wird einem klar, dass er tief

in der britischen Klettertradition und -ethik verwurzelt ist. „Ich setze

ungern Bohrhaken und habe, glaube ich, erst einen selbst gebohrt.

Aber mir macht es nichts aus, sie zu nutzen, wenn sie da sind. Ich

respektiere andere Stile, nur bedeutet es für mich halt weniger Spaß,

eine eingerichtete Mehrseillängenroute zu klettern, als Keile und

Friends selbst zu legen. Ich langweile mich schnell, wenn das Abenteuer

fehlt”, beschreibt Leo seinen Zugang zum Klettern.

Was auch der Grund ist, warum er trotz beachtlicher Erfolge das

Wettkampfklettern nicht lange betreibt. Kurz nachdem er 1996 British

Junior Champion wird, hat er die Nase voll vom Plastik und konzentriert

sich fortan ganz aufs Abenteuer. Was „Abenteuer“ für Leo

bedeutet, belegt eine

Durch den

Unfall habe ich

gelernt, dass

es auch andere

Dinge als das

klettern gibt

Anekdote: Ebenfalls

1996 beschließen er und

Tim Emmett nach einem

Abend im Pub um zwei

Uhr morgens, das berühmte

Testpiece Lord of

the Flies zu klettern. Mit

einem Schwierigkeitsgrad

von E6 6a nicht

ganz ohne, ein Sturz in

der Schlüsselstelle kann

böse Folgen haben. Da die Route nach

tagelangem Regen endlich trocken

ist, die Wettervorhersage für den

kommenden Tag jedoch erneut mies,

machen sich die beiden auf den Weg.

Dass Leos Stirnlampe dann gerade in

der Schlüsselstelle den Geist aufgibt,

ist allerdings nicht geplant.

Auf meine Frage, ob er solche Episoden

im Nachhinein nicht doch ein bisschen verrückt finde, schüttelt

er den Kopf: „Nein, das ist genau das, was mir Spaß macht. Der

einzige Unterschied zu heute ist, dass meine Kletterei eher noch ein

wenig abenteuerlicher geworden ist.“ In besagter Nacht klettert Leo

die Schlüsselstelle ohne Licht wieder ab, tauscht mit Tim die Stirnlampe

und zieht die Route anschließend durch.

Im Moment konzentrieren sich Leos Projekte eher aufs Ausland,

denn derzeit liegt für ihn die Faszination des Kletterns vor allem in

den großen Wänden. „Für mich ist das Yosemite das Ultimative. Nirgendwo

auf der Welt habe ich bisher etwas Vergleichbares wie den

El Cap gefunden.“ Die Energie und Inspiration, die Leo im Yosemite

findet, spiegelt sich in seinen dortigen Erfolgen wieder. Von der

Beinahe-Onsightbegehung von El Niño war ja bereits die Rede. Als

die britischen Jungspunde 1998 im Yosemite eintreffen, haben sie keinerlei

Bigwall-Erfahrung. „Ohne die Ermunterung von Thomas und

Alex hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht an El Niño rangewagt.

Also haben wir den beiden zu danken. Auch war die Route durch

ihre Begehung noch frisch eingechalkt, was Granitklettern schon

um einen Grad erleichtern kann. Trotzdem kam es völlig unerwartet

– wir waren an dem Tag eben in Topform.”

Trotz Leos Bescheidenheit handelt es sich um eine unglaubliche

Leistung, denn eine „Ground-up-Begehung“ ist etwas ganz anderes

als eine Rotpunktbegehung nach langen Vorarbeiten. Ohne vorheriges

Erkunden und wenn irgendwie möglich frei ist generell Leos

bevorzugter Stil. „Wer von unten anfängt, lässt sich auf ein Abenteuer

ein, denn ob man es bis oben schafft, bleibt ungewiss.”

Erfolge wie El Niño zeigen früh, welches Talent in Leo steckt, und

schnell wird ihm klar, dass er mit der richtigen Strategie seine Leidenschaft

zum Beruf machen kann. Inzwischen lebt Leo seit über zehn

Jahren ausschließlich vom Klettern, seine Auftritte in einer Reihe von

Fernsehshows als Kletterer, Abenteurer und Moderator sind eher ein

lukrativer Nebenverdienst.

Rauf in stunden, runter in sekunden

Aber nicht immer läuft bei seiner Suche nach neuen Herausforderungen

alles glatt. 2002 nimmt er sich zusammen mit Kevin Thaw

und Alan Mullin vor, die Maestri-Route am Cerro Torre in Patagonien

so weit wie möglich frei zu klettern. 300 Meter über Grund stoppt

jedoch eine von Schmelzwasser überronnene Passage ihren Freikletterelan.

Doch statt einige Meter technischer Kletterei in Kauf zu nehmen,

versucht sich Leo an einer Linie abseits der Route – zwar trocken,

aber deutlich schwieriger

und kaum absicherbar.

„Ich war 21 und dachte, ich

sei unantastbar.”

Leider nicht: Weit über

der letzten Sicherung rutscht

Leos Fuß weg, er stürzt 20

Meter und zertrümmert

sich beim Aufprall auf einen

Felsvorsprung den rechten

Fuß. Zudem reißt er sich

beim Versuch, ein altes,

herabhängendes Seil zu

greifen, die Hand bis fast

auf den Knochen auf. Es

folgen Stunden und Tage

voller Schmerz. Auf Händen

und Knien, teilweise auch

von den Freunden getragen,

erreicht Leo endlich das Basislager. Von dort geht‘s zu Pferd weiter in

den nächsten Ort und ins Krankenhaus. Nach einer Röntgenuntersuchung

wird beschlossen, dass Leo in England operiert werden muss.

Der Befund der englischen Ärzte ist nicht gut: ein zerschmetterter Talusknochen

und das Risiko einer Nekrose, was zu einer Amputation

des Fußes führen könnte. „Vor dem Unfall dachte ich immer, Klettern

sei alles. Nicht mehr klettern zu können, wäre das Schlimmste

überhaupt.“ Leos Prioritäten ändern sich. An Klettern ist gar nicht zu

denken, schon das Aufstehen am Morgen wird zur Herausforderung.

Monate nicht gehen zu können und es dann mühsam wieder lernen

zu müssen, ist eine ganz neue Erfahrung für jemanden, der sich sonst

mit Leichtigkeit am Fels bewegt.

„Ich habe gelernt, dass es auch andere Dinge im Leben gibt als das

Klettern, und ich war erstaunt, dass auch diese Dinge Spaß machen

können.“ Leo hat Glück im Unglück. Er behält seinen Fuß und beginnt

ein Jahr später wieder zu klettern. 2005 ist er zurück in Patagonien,

um sein Cerro-Torre-Projekt zum Abschluss zu bringen. Angst,

wieder in die gleiche Route einzusteigen, gibt es nicht. „Mir war klar,

ich würde nicht noch einmal die gleichen Fehler machen, daher war

es mental kein Problem, einen zweiten Versuch zu starten.” Schlechte

Bedingungen machen dem Team jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Daraufhin richtet Leo seine Energie auf ein neues Projekt. Das

Ergebnis: die erste freie Begehung des Casarotto-Pfeilers am Fitz Roy

in einem dramatischen 56-Stunden-Trip im Alpinstil.

Patagonischer Leidensweg: Leo gefolgt von Kevin Thaw während des qualvollen

Abstiegs vom Cerro Torre mit zertrümmertem rechtem Fuß.

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