GESCHLECHTSSPEZIFISCHE ARBEITSTEILUNG - Verband ...

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GESCHLECHTSSPEZIFISCHE ARBEITSTEILUNG - Verband ...

Feministisches Grundstudium

Lehrgang universitären Charakters

6. Diplomlehrgang

Jänner 2008 bis Dezember 2009

„REINIGUNGSTÄTIGKEIT, DAS IST NICHT MEIN THEMA,

DAS MACHT WER ANDERER.“

Eine Analyse der komplexen Arrangements

in privaten österreichischen Haushalten im Kontext

von Geschlecht, Ethnie und Klasse

Verfasserinnen:

Mag. a Lena Rheindorf & Andrea Stoick

Erstbegutachterin: Mag. a Leila Hadj-Abdou

Zweitbegutachterin: Univ. Lektorin Dr. in Ursula Kubes-Hofmann

Abgabetermin: 30.Mai.2010

Rosa-Mayreder-College

Bundesinstitut für Erwachsenenbildung

Die Wiener Volkshochschulen GmbH


Code of Honor

Mag. a Lena Rheindorf

Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne

fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den

benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich

gemacht habe.

Wien, 30. Mai 2010

Mag. a Lena Rheindorf

Andrea Stoick

Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne

fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den

benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich

gemacht habe.

Wien, 30. Mai 2010

Andrea Stoick


Danksagung

Vorausschickend zu unser Arbeit bedanken wir uns beim Rosa-Mayreder-College,

das als Bildungseinrichtung, das einen herausragenden Stellenwert in der

feministischen wissenschaftlichen Fortbildung in Österreich einnimmt und seit über

12 Jahren ein wesentlichen Beitrag zur feministischen Bewusstseinsschaffung leistet.

Besonderen Dank gebührt Frau Univ. Lektorin Dr. in Ursula Kubes-Hofmann, als

Gründerin und Leiterin des Rosa-Mayreder-Colleges und des Feministischen

Grundstudiums, deren unermüdlicher Einsatz für den Erfolg der Institution, wie auch

des Lehrgangs und der dort studierenden Frauen maßgeblich ist.

Weiters bedanken wir uns bei Frau Dr. in Ulrike Weish als Moderatorin unseres

Lehrganges, die uns durch ihre fachlichen und organisatorischen Kompetenzen,

sowie ihr offenes Ohr in allen Angelegenheiten Stütze und Begleitung war.

Auch unserer Abschlussarbeitsbetreuerin Frau Mag. a Leila Hadj-Abdou sei an dieser

Stelle unser Dank ausgesprochen für die kritischen und anregenden Beiträge zum

Forschungsdesign und Konzept.

Speziell gilt unser Dank auch Frau Mag. a Susanna Knobloch, die für uns ihre

Netzwerkkontakte zum Finden unserer Interviewpartnerinnen nutzte, allen

Interviewpartnerinnen, die sich bereit erklärten einen durchaus sensiblen und

privaten Bereich ihres Lebens offen zu legen, den InterpretInnen der Interviews, die

uns geholfen haben unsere eigenen Interpretationen zu reflektieren, sowie Martin

Fostel, der die Interviewauszüge und Musikstücke unserer Videocollage, die wir

anlässlich unserer Abschlusspräsentation erstellten, tontechnisch bearbeitete.


Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort (Lena Rheindorf und Andrea Stoick) 9

2. Einleitung (Lena Rheindorf und Andrea Stoick) 10

2.1. Bezug auf Abschlussarbeiten des Feministischen Grundstudiums.................10

2.2. State of the Art ................................................................................................ 12

2.3. Theoretische Verortung der Arbeit................................................................... 13

2.4. Aufbau und Struktur der Arbeit.........................................................................16

3. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (Lena Rheindorf) 22

3.1. Die bürgerliche Geschlechterideologie der Romantik.....................................22

3.1.1. Familiäre Arbeitsteilung – Domestizierung der Frau................................27

3.2. Innerfamiliale Arbeitsteilung im Wandel .......................................................... 35

3.2.1. Von der bürgerlichen Kleinfamilie zur „postfamilialen Familie“.................35

3.2.2. Weiblicher Lebenszusammenhang und weibliche Identitätskonstruktion37

3.2.3. Zeitbudget und Technisierung ..................................................................42

3.3. Minderbewertung von Versorgungsarbeit ...................................................... 45

3.4. Partnerschaftliche Aufgabenteilung - „Mikro“Befunde.....................................53

4. Wohlfahrtsstaatliches Geschlechterregime (Lena Rheindorf) 59

4.1. Das österreichische Geschlechterregime........................................................ 64

4.2. Der politische Protest –Gesetzesinitiative „Ganze Männer machen

Halbe/Halbe“ .......................................................................................................... 68

4.3. Der supranationale Einfluss der EU ................................................................72

5. Häusliche Arrangements aus der Perspektive der Intersektionalität 74

5.1. Intersektionalität – Die Kategorien der Ungleichheit (Andrea Stoick)..............74

5.1.1. Intersektionalität........................................................................................74

5.1.2. Ethnizität................................................................................................... 76

5.1.3. Ethnisierung und Rassismus.................................................................... 78

5.1.4. Kulturalisierung ........................................................................................ 79

5.1.5. „Ethnische“ Identität..................................................................................81

5.2. Migration und Identitätskonstruktion (Andrea Stoick)..................................... 83

5.2.1. Die Phasen der Migration – Migrationskrise.............................................84

5.2.2. Ethnische Communities............................................................................ 86

5.2.3. Transnationalität und Remigration ...........................................................87

5.3. Abgabe von Hausarbeit seitens der Arbeitgeberinnen (Lena Rheindorf).......89


5.4. Ethnisierung feminisierter Hausarbeit (Andrea Stoick)....................................97

5.4.1. Dienstmädchen im 19. Jahrhundert (Exkurs) ........................................ 100

5.4.2. Moderne Dienstbotinnen - Migrantinnen in privaten Haushalten heute104

6. Politische Dimensionen und Strategien (Andrea Stoick) 112

6.1. StaatsbürgerInnenschaft ............................................................................... 112

6.1.1. Rassifizierung und Ethnisierung ............................................................ 113

6.1.2. Einwanderungsstatus .............................................................................114

6.1.3. Sprache und Spracherwerb.................................................................... 116

6.2. Formeller/ informeller Arbeitsmarkt und Illegalisierung..................................117

6.2.1. Illegalisierung der Arbeit und des Aufenthaltes.......................................119

7. Methodologischer Zugang (Lena Rheindorf) 123

8. Empirische Untersuchung (Lena Rheindorf und Andrea Stoick) 130

8.1. Einzelfallanalyse – Probeinterview mit Frau Müller....................................... 131

8.1.1. Chronologische Deskription ...................................................................131

8.1.2. Grobanalyse des Interviews mit Frau Müller.......................................... 132

8.1.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung ..............................132

8.1.2.2. Beschaffenheit des Arrangements..................................................133

8.1.2.3. Ressourcenverteilung......................................................................136

8.1.2.4. Ethnisierungsprozesse.................................................................... 139

8.2. Einzelfallanalyse Interview mit Frau Bauer....................................................140

8.2.1. Chronologische Deskription ...................................................................140

8.2.2. Grob- und Feinanalyse des Interviews mit Frau Bauer..........................141

8.2.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung ..............................141

8.2.2.2. Beschaffenheit der Arrangements................................................... 145

8.2.2.3. Ressourcenverteilung......................................................................148

8.2.2.4. Ethnisierungsprozesse.................................................................... 154

8.3. Einzelfallanalyse Interview mit Frau Huber....................................................160

8.3.1. Chronologische Deskription ...................................................................160

8.3.2. Fein- und Grobanalyse des Interviews mit Frau Huber..........................161

8.3.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung...............................161

8.3.2.2. Beschaffenheit des Arrangements..................................................162

8.3.2.3. Ressourcenverteilung......................................................................168

8.3.2.4. Ethnisierungsprozesse.................................................................... 171

8.4. Differenzen zwischen den Arbeitgeberinnen.................................................172


8.5. Einzelfallanalyse des Interviews mit Frau Wojcik..........................................175

8.5.1. Chronologische Deskription ...................................................................175

8.5.2. Grob- und Feinanalyse des Interviews mit Frau Wojcik.........................176

8.5.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung ..............................176

8.5.2.2. Beschaffenheit der Arrangements................................................... 178

8.5.2.3. Ressourcenverteilung......................................................................183

8.5.2.4. Ethnisierungsprozesse.................................................................... 187

8.6. Einzelfallanalyse Interview mit Frau Kowalska.............................................. 188

8.6.1. Chronologische Deskription ...................................................................188

8.6.2. Grob- und Feinanalyse des Interviews mit Frau Kowalska....................189

8.6.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung...............................189

8.6.2.2. Beschaffenheit der Arrangements .................................................. 193

8.6.2.3. Ressourcenverteilung......................................................................199

8.6.2.4. Ethnisierungsprozesse.................................................................... 200

8.7. Differenzen zwischen den Arbeitnehmerinnen..............................................204

8.8. Gegenüberstellung von Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen...............206

8.8.1. Familienmodelle......................................................................................206

8.8.2. Beschaffenheit der Arrangements.......................................................... 208

8.8.3. Ressourcenverteilung............................................................................. 210

8.8.4. Ethnisierungsprozesse........................................................................... 213

9. Resümée 215

9.1. Recommendations......................................................................................... 218

10. Abschließende Betrachtung und Ausblick 220

10.1. Nachwort...................................................................................................... 220

10.2. Reflexion...................................................................................................... 221

11. Literatur 225

11.1. Primärliteratur...............................................................................................225

11.2. Abbildungsverzeichnis..................................................................................249

12. Anhang 252

12.1. Infoblatt für mögliche Interviewpartnerinnen................................................252

12.2. Fragebogen Arbeitgeberinnen..................................................................... 253

12.3. Frau Müller................................................................................................... 255

12.3.1. Methodologische Kommentierung........................................................ 255

12.3.2. Kontrollierte Interpretation.................................................................... 256


12.4. Frau Bauer................................................................................................... 260

12.4.1. Methodologische Kommentierung........................................................ 260

12.4.2. Kontrollierte Interpretation.................................................................... 261

12.4.3. Feinanalyse Frau Bauer...................................................................... 267

12.4.3.1. „[…] man braucht ihnen nur einen Sack in die Hand drücken und es

verschwindet […]“ 412ff................................................................................267

12.4.3.2. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 271

12.4.3.3. „[…] sie sich im Regelfall auch krank an die Arbeitsstelle schleppen

[…]“ Z. 453f...................................................................................................272

12.4.3.4. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 275

12.5. Frau Huber................................................................................................... 276

12.5.1. Methodologische Kommentierung........................................................ 277

12.5.2. Kontrollierte Interpretation.................................................................... 278

12.5.3. Feinanalyse...........................................................................................283

12.5.3.1. „[…] irgendwo in Bosnien LOST IN SPACE […]“,.........................283

12.5.3.2. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 287

12.5.3.3. Ich habe mich […] mit ihr ABGEQUÄLT, weil sie […] das Geld

gebraucht hat. […]“.......................................................................................288

12.5.3.4. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 294

12.6. Fragebogen Arbeitnehmerinnen................................................................. 295

12.7. Frau Wojcik.................................................................................................. 296

12.7.1. Methodologische Kommentierung........................................................ 296

12.7.2. Kontrollierte Interpretation.................................................................... 298

12.7.2.1. Interaktion mit der Arbeitgeberin...................................................303

12.7.3. Feinanalyse...........................................................................................304

12.7.3.1. „Da WILL ICH NICHT. […] @Kann ich nicht so lange@“..............304

12.7.3.2. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 309

12.7.3.3. „[…] dann […] sagen mir die Leute auch was sie gerne möchten

[…] und wie ich das machen will […]“..........................................................310

12.7.3.4. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 317

12.8. Frau Kowalska............................................................................................. 318

12.8.1. Methodologische Kommentierung........................................................ 318

12.8.2. Kontrollierte Interpretation.................................................................... 319

12.8.3. Feinanalyse...........................................................................................325


12.8.3.1. „[…]"(sie) brauchen mich (mir) nichts sagen, was muss ich machen"

[…]“,.............................................................................................................. 325

12.8.3.2. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 329

12.8.3.3. „Ich bin jetzt wie eine Mist […]! […] Ich kriege nichts“..................330

12.8.3.4. Interpretation der Sinnzusammenhänge....................................... 335


1. Vorwort (Lena Rheindorf und Andrea Stoick)

Die reproduktive Versorgungsarbeit ist für alle Menschen, speziell aber für Frauen,

denen dieser Bereich seit Jahrhunderten zugeordnet ist, ein Thema und bleibt auch

in Zukunft noch von hoher Aktualität. Daher ist es naheliegend, diesen Bereich im

Kontext unseres feministischen Zugangs zum Forschungsfeld zu machen.

Schon anhand unserer eigenen Lebensläufe wird die weibliche „Normalbiographie“

mit ihrer Zuordnung zur Versorgungsarbeit erkenntlich. Wir beide kommen aus

bürgerlichen Familien, in denen die Beschäftigung von (zum Teil österreichischen)

Hausarbeiterinnen als Reinigungskräfte, aber auch Altenpflegerinnen Tradition hat.

Gleichzeitig wurde und wird in unserem familiären Umfeld die Versorgungsarbeit

hauptsächlich von Frauen erbracht. Das von uns gewählte Untersuchungsfeld und

die dadurch implizierten Spannungen sind uns beiden also an sich nicht fremd. Auch

wir wurden in der Vergangenheit und werden in der Gegenwart zur Erbringung

solcher „Dienste“ unbezahlt heran gezogen. Darüber hinaus sind uns jeweils

Hausarbeiterinnen sowie deren sozio-ökonomische Situation persönlich bekannt. Auf

sehr unterschiedlichen Ebenen haben wir beide bereits im Care-Bereich gearbeitet:

Andrea Stoick hat einerseits früher eng mit Personen aus dem Gesundheitswesen

zusammengearbeitet und war oft mit dem Thema der „illegalen“ Pflege konfrontiert,

andererseits hat sie im Zuge ihres Studiums als Kinderbetreuerin in privaten

Haushalten von gut situierten Familien gearbeitet. Lena Rheindorf war, ohne

berufsspezifische Vorbildung, als Betreuerin in einer Wohngemeinschaft für

Menschen mit Behinderung tätig, bei der die Haushaltsführung und auch die

Körperpflege der KlientInnen zu ihren Aufgabenbereichen zählten.

In der folgenden Arbeit haben wir uns dem Forschungsfeld von der Seite der nicht

personenbezogenen, reproduktiven Versorgungsarbeit genähert und die komplexen

Arrangements von Österreicherinnen, die Hausarbeit an Dritte delegieren und

Migrantinnen, die diese als Reinigungskräfte ausführen, untersucht. Relevant war

dabei auch die Wechselwirkung zwischen der Gemeinsamkeit des „Frau-Seins“ und

der Differenz der „Ethnie“ und deren Auswirkung auf Machtverhältnisse und

Ressourcen der jeweiligen Personen.

9


2. Einleitung (Lena Rheindorf und Andrea Stoick)

In dieser Abschlussarbeit zum Lehrgang 2008/2009 des feministischen

Grundstudiums sollen die komplexen Arrangements untersucht werden, die sich im

Kontext illegalisierter/ethnisierter Hausarbeit in privaten Haushalten in Österreich

konstituieren. In dieser Arbeit summieren sich für uns wesentliche Impressionen aus

den verschiedenen Modulen des feministischen Grundstudiums, wie etwa den

Basismodulen (Univ. Lektorin Dr. in Ursula Kubes-Hofmann), jenen zur

Geschlechterpolitik (Prof. in Dr. in Birgit Sauer und Prof. in Dr. in Susanne Schunter-

Kleemann), Neoliberalismus (Mag. a Dr. in Gabriele Michalitsch) und Migrationspolitik

(Mag. a Leila Hadj-Abdou, Dipl. Volkswirtin Nilüfer Sözer und Dr. in Ruth Kronsteiner).

Diese Diplomarbeit geht im Wesentlichen der Frage nach, welche politischen und

ökonomischen Faktoren die Umstrukturierung der Hausarbeit zu Ungunsten der

hausarbeitenden Migrantinnen bedingen und wie diese Prozesse auf

Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen einwirken.

2.1. Bezug auf Abschlussarbeiten des Feministischen Grundstudiums

Da das Untersuchungsfeld eine Schnittstelle mehrerer feministischer

Forschungsstränge darstellt, soll an dieser Stelle eine zusammenfassende

Illustration der bisherigen Abschlussarbeiten des feministischen Grundstudiums,

welche aus anderer Perspektive ebenfalls dieses Forschungsproblem behandelten,

zur Einbindung und Positionierung innerhalb der Forschung und als Ausgangspunkt

der weiteren Betrachtung dienen.

Dr in Karin König und Maria Seebauer haben etwa in ihrer Arbeit aus dem Jahr 2001

„Ungeregelt, ungeschützt, unsichtbar. Neue Dienstbotinnenarbeit am Beginn des

21sten Jahrhunderts“ aufgezeigt, dass es sich bei dem sozialen Phänomen der

Hausarbeiterinnen im Privathaushalt prinzipiell keineswegs um etwas neues handelt,

sondern um ein Spezifikum und Charakteristikum des bürgerlichen Lebensstils seit

10


der Industrialisierung. Das Neue daran sei heute allerdings das globale

wirtschaftliche Setting, in dem die internationale Arbeitsteilung zwischen Frauen in

Haushalten heute zu betrachten sei, so Seebauer und König.

Mag. a Patricia Velencsics hat sich hingegen 2007 mit dem „Auswirkungen des

Fremdenrechtpaketes 2005 auf drittstaatsangehörige Migrantinnen“ beschäftigt. Im

Rahmen ihrer Arbeit beschreibt sie nicht nur die Rahmenbedingungen der

entsprechenden Gesetzgebung, sondern weist auf die besonderen Auswirkungen

des Fremdenrechts für Migrantinnen hin, die zwar seit 2005 zusätzliche

Möglichkeiten haben, ihren Aufenthalt in Österreich zu verlängern, jedoch keinerlei

Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen und somit für ihren Lebensunterhalt nicht

sorgen können und damit in Abhängigkeit verbleiben oder in diese geraten, da ihre

Aufenthaltsgenehmigung vom Einkommen des Mannes abhängig ist und die Frau

dessen Willkür ausgesetzt ist.

Ein weiterer Orientierungspunkt im Forschungsfeld, der uns zur Verfügung stand, ist

Barbara Skalas Abschlussarbeit 2007: „Migrantinnen in Österreich oder „Von der

Notwendigkeit fremden Frauen einen guten Empfang zu bereiten“ (Flora Tristan), die

einen umfassenden Überblick über die Einwanderungsgesetze und -bedingungen in

Österreich seit der Habsburgermonarchie bis zum Jahr 2005 bot und

Migrationsgeschichten von Frauen in Form von Interviews festhielt und analysierte.

Als Zugang zum Thema der Familien- und Arbeitsmarktpolitik nutzen wir unter

andern die Abschlussarbeit von Marie Ungersbäck von 2001 mit dem Titel: „Zwischen

Markt, Staat, Haushalt – Frauenerwerbstätigkeit und Kindererziehung in Zeiten

wirtschaftlicher Globalisierung“. Ungersbäck spannt den Bogen von der

Familienpolitik der EU, wo sie die sozialdemokratisch-sozialistische Position, die die

ökonomische Unabhängigkeit der Frau vertritt, die liberale Position, die auf die

Arbeitskraft „Frau“ aus profitorientierter Sicht hinweisen und die konservative

Position, welche die Frau als Zuständige für die Familienarbeit definieren und die

bürgerliche Versorgungsehe vertreten, beschreibt, über die Frage der Arbeitsteilung

und -verteilung, bis zum Thema der Solidarität und der Polarisierung unter Frauen.

Im Zuge des Feministischen Grundstudiums entwickelte sich für uns der Eindruck,

11


dass die beiden gesellschaftlichen Entwicklungen – die Individualisierung des

reproduktiven Sektors, respektive die geschlechtsspezifische Segregation des

österreichischen Arbeitsmarktes im neoliberalen Wirtschaftssystem einerseits und

andererseits die Ethnisierung und gleichzeitige Illegalisierung eben dieses

reproduktiven Sektors – in ihrem Zusammenspiel das österreichische

Geschlechterregime weitgehend reproduzieren und restaurieren.

2.2. State of the Art

Das von uns gewählte Forschungsgebiet zeichnet sich durch eine hohe thematische

Komplexität aus. Die Bearbeitung der Literatur führte uns zu bereits intensiv

erforschten Teilbereichen. So standen uns eine Reihe von Arbeiten mit dem

Schwerpunkt Geschlechterregime im Wohlfahrtstaat zur Verfügung, sowohl in

Hinblick auf die historische Entwicklung, als auch auf die soziologische Analyse von

heterosexuellen Paarbeziehungen. Besonders hervorzuheben sind für uns die

Arbeiten von Burkart (1997), Dackweiler (2004, 2005, 2006, 2008), Esping-Andersen

(1990), Huinik (1995) und Huinik/Röhler (2005), Kubes-Hoffmann (1993), Lewis

(1997), sowie Prokop (1990).

Des Weiteren fanden wir eine doch einen umfassenden Forschungsstand zum

Thema Feminisierung der Hausarbeit und Delegation von Hausarbeit, sowie Arbeiten

zur Thematik der Beziehung zwischen Frauen, wobei anzumerken ist, dass sich die

Forschung zum guten Teil im angloamerikanischen Raum bewegt und sich vor allem

mit Reinigungskräften beschäftigt die innerhalb der der Haushalte ihrer

DienstgeberInnen leben, wie zum Beispiel bei Anderson (2003, 2006), Hochschild/

Machung (1993), Rerrich (2006), oder Stiegler (1993) .

Der dritte große Komplex der Literaturrecherche führte uns zum Thema Frau und

Migration, sowie zur Thematik der Ethnisierung. Hier fanden wir einerseits einen

ausgezeichneten Überblick über das gesamte Feld der Migrationsdebatte, von dem

wir nur sehr kleine Ausschnitte wählen konnten, sowie den soziologischen

12


konstruktivistischen Diskurs zum Thema Identität und Ethnisierung besonders

interessant. Von diesen Themengebiet ausgehend fand sich auch neuere Literatur

vor allem im angloamerikanischen Raum, jedoch auch zum zunehmend im

deutschsprachigen stattfindenden Intersektionalitätsdiskurs, indem wichtige

Kategorien sozialer Ungleichheit miteinander in Bezug gesetzt werden. Hier seien

exemplarisch die Forschungsarbeiten von Aziz (2009), Bednarz-Braun/Heß-Meining

(2004), Gutierrez Rodriguez (1999), Klinger/Knapp (2007), Kofler (2002), Kronsteiner

(2008), Kubisch (2008), Odierna (2000) und Pentisch (2003), sowie Sökefeld (2007)

erwähnt.

Wir sind in unserer Arbeit den aus unserer Sicht neuen Weg gegangen, alle oben

angeführten Forschungsstränge zu verknüpfen sie in direkten Zusammenhang mit

dem wohlfahrtsstaatlichen Geschlechterregime in Österreich zu stellen. Wir

beleuchten die damit verbundenen policies, aber auch die Frauen als aktiv

handelnde Akteurinnen, beziehen uns im Kontext des Themas Ethnisierung auf

Frauen als Protagonistinnen der Migration, auf aktive Migrantinnen und nicht passiv

reagierende Mitläuferinnen. Weiters wählten wir in der Betrachtung des

Geschlechterverhältnisses den Fokus lediglich auf die Frauen selbst, nicht aus

Paare, wie sonst in der Literatur gängig. Wir sehen Frauen also innerhalb der

Komplexität der Forschungsgebiete als Akteurinnen, die das benachteiligende

System durchaus auch nützen und schützen.

2.3. Theoretische Verortung der Arbeit

Die theoretische Verortung unserer Arbeit betreffend, streben wir auf

makroanalytischer Ebene eine Synthese verschiedener Konzepte durch

interdisziplinäre Auslegung an, um die Vielfalt der wirkenden „Policies“, deren

gemeinsames Ziel die Aufrechterhaltung des vom männlichen „Normallebenslauf“

geprägten neoliberalen Wettbewerbsstaates ist, miteinander in Bezug zu setzen. Als

Analyserahmen soll uns die Verquickung eines soziologischen und

politikwissenschaftlichen Verständnisses des Wohlfahrtsstaates, wobei auch die

13


geschlechterideologische Komponente der wohlfahrtsstaatlichen Beeinflussung

normativer Prozesse und Machtverhältnisse einbezogen wird, mit einem

strukturanalytischen Fokus auf „Gender, Ethnizität und Klasse“ dienen.

Unseren Betrachtungen liegt eine sozialkonstruktivistische Auffassung von

Geschlecht, Ethnizität und Klasse zugrunde. Damit reihen wir unsere Arbeit in jenen

Zweig der feministischen Forschung ein, welcher sich die der sozialen Konstruiertheit

dieser Kategorien beschäftigt, alltägliche Interaktionsprozesse und das Handeln von

in Institutionen involvierten Personen als konstitutiv für die Entstehung von zentralen

gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien betrachtet [Vgl. Bednarz-Braun, I., Heß-

Meining, U. (2004)]. Das Bestehen dieser Kategorien gilt im Alltagshandeln als

objektive Tatsache, die dementsprechend häufig naturalisiert wird. Einerseits ist „ist

demnach der Akt des Zuschreibens von Bedeutung, der auf der anderen Seite auch

dargestellt werden muss“ [S. Küchler, P. (2001): S. 13f.]. Situatives Handeln und

Sozialstruktur bedingen einander also ständig gegenseitig, wodurch die Veränderung

von gesellschaftlichen Normen und Strukturen auch immer Effekte auf die

Kategoriekonstruktionen hat. Geschlecht, Ethnie und Klasse sind dabei als

identitätsstiftende Kategorien zu betrachten. Durch diese Kategorien werden in der

Alltagswelt Strukturen geschaffen, die dabei helfen die Welt zu begreifen. Bei diesem

Ansatz geht es also um die „Analyse von konstitutiven gesellschaftlichen

Ordnungsprinzipien, die wesentliche Lebensbereiche von Menschen nach

kategoriespezifischen Distinktionsmerkmalen regeln und sich auf die Genese

konfligierender Interessen, Machtunterschiede, die Herausbildung von Hierarchien,

unterschiedlichen Privilegien und Teilhabechancen auswirkt“ [S. Glenn (1999): S. 5].

Geschlecht als soziale Kategorie wirkt nach Robinson (1992) auf drei verschiedenen

Ebenen- als Strukturkategorie, Klassifikationssystem und Ideologie. Als

Klassifikationssystem wird via Geschlecht- mittels Geschlechterdefinition,

Geschlechterpositionierung und Geschlechteridentifikation- einzelnen Individuen eine

bestimmte gesellschaftliche Position zugewiesen. Als Strukturkategorie dient

Geschlecht dazu, gesellschaftliche Phänomene zu deskribieren, deuten und

kategorisieren. Durchdrungen werden diese Vorgänge von Geschlechterideologien,

in denen Geschlecht normativ wirkt, da die alltagsweltlichen Phänomene dem

binären Code (weiblich: männlich) entsprechend bewertet werden und an die

14


Individuen die Anforderung gestellt wird, sich den dominanten

Geschlechterdefinitionen und Positionierungen gemäß zu verhalten.

Analog zum Konzept des „Doing Gender“ ist davon auszugehen, dass es ein „Doing

Ethnicity“ gibt. Ebenso wie beim Geschlecht handelt es sich bei Ethnizitäten um

Kategorien sozialer Attribuierungen, an deren Hervorbringung die „ethnischen

Gruppen“ ebenso wie Dritte ihrer gesellschaftlichen Dominanz und Definitionsmacht

innerhalb der Aufnahmegesellschaft entsprechend involviert sind. Im Vordergrund

steht die Frage, „in welcher Weise sich politisch-rechtliche Maßnahmen und

Regelungen des Nationalstaates segregierend auf den Status und die politischen

sowie sozio-ökonomischen Teilhabechancen von MigrantInnengruppen innerhalb

einer „Mehrheitsgesellschaft“ auswirken“ [S. Bednarz-Braun, I., Heß-Meining, U.

(2004): S. 42ff.]. Im Kontext von Ethnizität und Geschlecht bildet sich Identität im

Brennpunkt vielschichtiger Macht- und Herrschaftsachsen aus. [Vgl. Gutierrez

Rodriguez (1999) und Gümen, S. (1998)]. Wir gehen dabei von der zeitgleichen

Wirksamkeit von „Geschlecht, Ethnie und Klasse 1 “ aus 2 . Subjekte können demnach

in Bezug auf die verdienen Kategorien gleichzeitig sowohl dominant, als auch

unterdrückt sein. Dieser jeweils spezifische Schnittpunkt der verschiedenen

Kategorien wird im Allgemeinen als „Intersektionalität“ bezeichnet. Auf der

Makroebene wird Intersektionalität als „matrix of domination“ erfasst, während sie auf

der Mikroebene als „complex social location“ verstanden wird, als spezifischer

sozialer Ort, der sich durch Kongruenz der Kategorien konstituiert [Vgl. Kubisch, S.

(2008)]. Dieses Konzept der Intersektionalität soll besonders im empirischen Teil

unserer Arbeit als Basis des Analyseschemas schlagend werden.

1

Der Begriff der Klasse, welcher oft synonym mit Schicht verwendet wird – wobei der

Klassenbegriff sich in stärkerem Ausmaß an ökonomischen, und machthierarchischen

Kriterien orientiert, während „Schicht“ in der realen Forschung oft eher in Bezug auf

deskriptive, starre Bestandsaufnahmen von Soziallagen - zielt auf die Ausbildung sozialer

Kategorien entlang sozioökonomischer Faktoren ab, welche mit „ähnlichen

Lebenserfahrungen, Persönlichkeitsmerkmalen sowie ähnlichen Lebenschancen und Risiken

verbunden sind“ [S. Geißler, R. (2002): S. 110f.]. Nach Theodor Geiger lassen sich folgende

„Schichtdeterminanten“ festhalten: Der jeweilige Zugang zu Produktionsmitteln, durch

Einkommens- und Besitzverhältnisse oder durch berufliche Indikatoren [Vgl. Bachmann, S.

(1995)]. Auch bei der Verwendung dieses Begriffes gehen wir von einem konstruktivistischen

Ansatz aus.

2

„Race, gender and class are salient characteristics of each individuel that accompany the

individual into every interaction or experience“ [S. Landry, B. (2006): S. 11].

15


2.4. Aufbau und Struktur der Arbeit

Entrierend soll das Untersuchungsfeld „Arbeitsplatz Privathaushalt“ abgesteckt

werden, dass zunächst durch die geschlechtsspezifisch asymmetrische

Arbeitsteilung zwischen „PartnerInnen“ gekennzeichnet ist. Durch die Orientierung an

einer Geschlechterordnung 3 mit dem Leitbild der Arbeitsteilung der Geschlechter, in

der Frauen seit der Industrialisierung und dem damit einhergehenden rapiden und

tiefgreifenden Wandel der ökonomischen und sozialen Verhältnisse und der

Arbeitsbedingungen 4 in naturalisierender Weise die gesamte Versorgungsarbeit im

„Privaten“ und Männern die Rolle des Familienernährers zugedacht wird, sind Frauen

bis heute auch in ihrem beruflichen Werdegang in vielfältiger Weise benachteiligt,

denn trotz hoher Erwerbsquoten österreichischer Frauen bleibt ihre gleichzeitige

Zuständigkeit für die private Versorgungsarbeit weitgehend bestehen. Durch

familialisierende Geschlechterpolitik wird dieses asymmetrische

3

Auch der Soziologie Connell (1987) begreift „Geschlechterbeziehungen als Struktur

gesellschaftlicher Institutionen und gesellschaftlichen Handelns. Die durch Geschlecht

geformten Gesellschaftsstrukturen konstituieren sich auf unterschiedlichen Ebenen. Auf der

untersten Strukturebene befinden sich nach Connell Substrukturen, welche die

Geschlechterbeziehungen formen. Diese bilden die nächste Ebene. Darüber angeordnet gibt

es gesellschaftliche Institutionen, die auf Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen

basieren. Dabei nimmt er drei Substrukturen als Hauptelemente der

Geschlechterbeziehungen an: Macht, Arbeit und Kathexis. Die se Substrukturen sind zwar

autonom, aber auch eng miteinander verflochten. Sie basieren auf unterschiedlichen

Ordnungsprinzipien und werden durch das soziale Handeln der AkteurInnen spezifisch

geformt. Die verschiedenen Arten von Institutionen können auf unterschiedlichen

Vorstellungen von Geschlechterbziehungen basieren und reproduzieren diese wiederum

durch ihr soziales Handeln. Die Transformation dieser Strukturen kann nur im Handeln der

AkteurInnen stattfinden. Das Zusammenwirken von Substrukturen,

Geschlechterbeziehungen und Institutionen bezeichnet Connell als die Geschlechterordnung

der Gesellschaft“ [S. Beckmann, S. (2005): S. 44f.].

4

Mechanische Technologien breiteten sich in einem bis dahin ungeahnten Ausmaß aus,

ebenso wie die Produktionsleistungen, die einen erhöhten Aufwand an Kapital und

ArbeiterInnen erforderlich machten. Parallel entwickelte sich die „Arbeitsdisziplinierung“

zunehmend als Programm der wissenschaftlichen und herrschaftlichen Debatte, mit der

erklärten Absicht, gesellschaftlich anerkannte Verhaltensnormen, allgemeine

Zielvorstellungen und Pflichtgefühl im Volk zu verankern. Die Arbeitsdisziplinierung, durch

welche „Arbeit“ einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert erlangte, machte diese zu

einer bedeutsamen Voraussetzung für den Erfolg des Staates [Vgl. Pfeisinger, G. (2006)]. Im

Zuge der Industrialisierung kam es durch die Arbeitsteilung zum so genannten Phänomen

der „Entfremdung“ der Erwerbsarbeit: Darunter wird unter anderem verstanden, dass sich

diese als Objekt von dem/der ArbeiterIn verselbstständigt und nicht mehr im direkten

Zusammenhang mit der Lebenswelt des Subjekts steht [Vgl. Reinhold, G. (2000): S.140].

Dieser umfassende Wandel wird entscheidend vom sich etablierenden, sich gegen

aristokratische Geburtsrechte auflehnenden Bürgertum geprägt.

16


Geschlechterverhältnis vom österreichischen Wohlfahrtsstaat weiter tradiert und

individualisiert. An dieser Stelle sollen uns vor allem die Untersuchungsergebnisse

der Sozialwissenschafterin Regina-Maria Dackweiler als Grundlage zur Betrachtung

der geschlechtsspezifischen Individualisierung von Versorgungsarbeit in Österreich

dienen [Vgl. Dackweiler, R. (2003), (2004), (2005), (2006) und (2008)].

Auf Basis des beschriebenen Forschungsproblems konnten wir folgende

Arbeitsthese generieren: Die aus dem Widerspruch zwischen gelebter Realität und

dem Ideal der traditionellen Geschlechterleitbilder entwachsenen Spannungen

werden auf der Mikroebene durch vielschichtige Arrangements zwischen den

PartnerInnen oft lediglich scheinbar gelöst, denn die Entlastung der Frauen basiert

häufig auf der unangemeldeten Abgabe der Versorgungsarbeit an Migrantinnen. Auf

diese Weise wird zum einen der feministische Kampf um ein alternatives Konzept

von Arbeit- abseits der geschlechtsspezifisch-bipolaren Trennung von Privatheit und

Öffentlichkeit- unterminiert, andererseits auch der rechtsunsichere Status der

hausarbeitenden Migrantinnen determiniert.

„Durch die Ethnisierung der Hausarbeit wurde ihre Feminisierung aufrecht erhalten.

Man könnte von einer Retraditionalisierung sprechen, wird diese Arbeit doch durch

ihre Ethnisierung noch mehr abgewertet und aus der öffentlichen Sphäre

ausgeschlossen. Forderungen nach gesellschaftlicher Aufwertung, oder gar

Professionalisierung und angemessener Bezahlung treten so immer mehr in den

Hintergrund. Emanzipation wird in dem Zusammenhang zu einer Illusion, weil sie

nicht auf Umverteilungen im Geschlechterverhältnis basiert, sondern auf der

Hierarchie zwischen Frauen“ [S. Rommelspacher, B. (2006)]. Eine echte, offene

Konfrontation und Ausverhandlung um eine geschlechteregalitäre Verteilung von

Arbeit wird durch die Rekrutierung migrantischer Hausarbeiterinnen zumindest

vorübergehend ad acta gelegt, die Spannungen werden nach außen verlegt.

Um die Dimension der Ethnisierung zu erfassen, folgt unsere Betrachtung den

Kategorien der Ungleichheit aus dem Blick der Intersektionalitätsforschung. Die

Kategorien Ethnie, Geschlecht und Klasse werden in Beziehung zueinander gesetzt

und betrachtet, wobei besonderes Augenmerk auf den Aspekt von Geschlecht und

17


Ethnie gelegt wird, wobei wie Klinger und Knapp vermerken, die Voraussetzung für

die Einbeziehung und Betrachtung dieser Kategorien in den intersektionalen Diskurs

erst durch die Entnaturalisierung dieser beiden Begriffe in der Forschung in den

letzten Jahren möglich ist [Vgl. Klinger, C., Knapp, G. A. (2007)].

Des Weiteren werden die Termini Ethnizität, Kulturalisierung, Rassismus und Identität

überblicksweise dargestellt, um die feinen Abgrenzungen zwischen den Kategorien

und Definitionen genauso wie auch die sich bedingenden Bereiche sichtbar zu

machen. Von diesen Kategorien ausgehend, leitet die Arbeit zum Thema der

Migration über, wo die Formen der Migration, sowie die Migrationsphasen im

Mittelpunkt der Betrachtung stehen. In Hinblick auf die psychologische Komponente

der Migration, die sich wiederum auf die Arrangements zwischen hausarbeitenden

Migrantinnen und deren ArbeitgeberInnen wesentlich auswirkt, orientiert sich die

Arbeit an den von Kronsteiner (2008) zusammengefassten Migrationsphasen nach

Leyer (1991).

Spezielles Augenmerk wird auch auf die Thematik informeller Netzwerke in Form

ethnischer Communities gelegt, wie auch auf das Thema der zirkulären Migration, die

viele Frauen betrifft, die in zyklischen Abständen in Österreich und anderen

europäischen Ländern einreisen, um dort zu arbeiten und anschließend wieder in

ihre Herkunftsländer zurückkehren, dies oft wöchentlich oder monatlich, was Frauen

nicht nur zu bewussten Akteurinnen der Migration macht [Vgl. Jungwirth, I. (2003)],

sondern ihre subjektiven Identitätskonstruktionen maßgeblich beeinflusst: „In Bezug

auf die Identität ist davon auszugehen, dass sich Identitäten über

Differenzierungsprozesse konstruieren, [...]“ [S. Pentisch, S. (2003): S. 9f.]

Im weiteren Verlauf wendet sich die Arbeit direkt der Abgabe von Hausarbeit zu,

einerseits von Seiten der ArbeitgeberInnen, wo die Delegationsgründe und damit

verbundenen inneren wie äußeren Prozesse beleuchtet werden, andererseits von

Seiten der Migrantinnen. Der Bogen beginnt bei einem kurzen Überblick über die

Tradition der Beschäftigung von Frauen in privaten Haushalten, die bereits im Zuge

der Trennung von Privat und Öffentlich im ausgehenden 18. beginnenden 19.

Jahrhundert begann. Damals entwickelte sich der Stand der Dienstmädchen in den

18


ürgerlichen und adeligen Haushalten. Es werden die wesentlichen Bedingungen

und Lebensumstände diese Dienstmädchen dargestellt, die sehr stark auf der

Ambivalenz von Informalität und Familialität, bei gleichzeitiger Distanz zu den

Familien beruhten: […] Die neue Privatheit der bürgerlichen Familie beruhte darauf,

dass man eine solche den Dienstboten gerade nicht zugestand“ [S. Schmidt, D.

(2008) S.206f]. Überleitend wird sichtbar, welche Ähnlichkeiten die Beschäftigung

von Reinigungskräften im ausgehenden 20ten und beginnenden 21ten Jahrhundert,

mit der Dienstmädchenbeschäftigung des 19ten Jahrhunderts hat, zum Beispiel im

Bereich der Informalisierung, aber auch welche Unterschiede, vor allem rechtlicher

Natur es gibt. Die Situation der Migrantinnen in den modernen Haushalten ist eine

rechtlich unsichere, emotional und ökonomisch abhängig von den ArbeitgeberInnen.

Um dies zu verdeutlichen wird im Folgenden Augenmerk auf die politischen Aspekte

der illegalen Hausarbeit gelegt, wo die Inklusions- und Exklusionsmechanismen des

Staates beleuchtet werden. Zuerst wird die StaatsbürgerInnenschaft als wesentliches

Merkmal der Inklusion in Abgrenzung vom Fremden mit dem Status von

EinwanderInnen in Bezug gesetzt und die damit verbundene Entrechtlichung von

Migrantinnen beschrieben. „Wenn Rechte an Staatszugehörigkeit gekoppelt werden,

impliziert dies, dass es legitim ist, einer Person, die keine Staatsbürger ist, bestimmte

Rechte zu verwehrt, selbst wenn diese Rechte als fundamentale Menschenrechte

angesehen werden. […]“ [S. Anderson, B. (2006) S.233] In einem nächsten Schritt,

wird auch die Sprache beziehungsweise der Spracherwerb als wesentliches

Kriterium der Inklusion in die Betrachtung mit einbezogen und in Hinblick auf die

damit verbunden Partzipationsmöglichkeiten oder Restriktionen beleuchtet.

Schließlich wendet sich die Arbeit zuletzt dem Arbeitsmarkt zu, wobei sowohl auf

formelle, als auch auf informelle Arbeit Bezug genommen wird. Den Abschluss des

theoretischen Teils bildet der Übergang von der Informalität zur Illegalität von Arbeit

und Aufenthalt, denn diese stellt den Bezugsrahmen her, in dem die komplexen

Arrangements ethnisierter und feminisierter Hausarbeit überhaupt erst wachsen

können. Die politischen AkteurInnen tragen dieses System inoffziell mit, während die

Frauen sich oftmals instrumentalisieren lassen, die privatisierte Versorgungsarbeit im

Stillen und miteinander zu verrichten.

19


Im letzten Abschnitt unserer Arbeit wird das Forschungsdesign unserer

Untersuchung zusammenfassend dargelegt. Der Nachvollziehbarkeit wegen erörtern

wir die qualitative Methode des anzuwendenden problemzentrierten Interviews, das

sich vor allem durch ihre inhärente Methodenvielfalt auszeichnet, die eine

Betrachtung des Forschungsgegenstandes aus verschiedenen Perspektiven

ermöglicht. Dieses Verfahren erlaubt uns eine theoriegeleitete Interpretation der

Daten, durch einen Beobachtungstrichter aus den abgeleiteten Forschungsfragen

soll die Datenflut und der Forschungsgegenstand sukzessive eingeschränkt werden.

Die völlig offenen Fragestellungen des problemzentrierten Interviews sollen lediglich

dazu dienen den interessierenden Gegenstand einzugrenzen, den Befragten aber

obliegt die Strukturierung des Erzählten und der damit verbundenen

Bedeutungskonstruktion [Vgl. Lamnek, S. (2005)].

Bevor wir zur Interviewinterpretation schreiten, gilt es einen integrativen

Analyserahmen zu generieren, der das Zusammenspiel von „Ethnie, Geschlecht und

Klasse“ für unsere Forschungsfrage ausreichend erklärt und der die komplexe

Verwobenheit von Identität und Interaktion auf der Mikroebene mit sozialer

Ungleichheit auf der Makroebene hinlänglich verdeutlicht [Vgl. Kubisch, S. (2008)].

Hierbei werden wir den Lebenslaufansatz, mit dem eine dynamisch-prozessuale

Auffassung des Einflusses von Wohlfahrtsstaaten auf individuelle Biographien

verbunden ist, adaptieren [Vgl. Leisering, L., Leibfried, S. (1999)].

Die vorläufigen Forschungsfragen die sich an die zunächst zu interpretierenden

Interviewtranskripte und später zu analysierenden deskriptiven Daten richten werden

und dem jeweiligen Kontext flexibel angepasst werden können, lauten daher wie

folgt:

- Welche sozialen Rollen werden im Kontext des Arbeitsverhältnisses

eingenommen?

- Welche Auswirkungen hat das Arrangement zwischen den Frauen auf die

damit verbundene gesellschaftliche Positionierung?

- Wie gestaltet sich die Ressourcenverteilung zwischen den Frauen aus?

20


- Entsprechen die durch das Arrangement geschaffenen Ressourcen den

ursprünglichen Erwartungen der Frauen?

Schließlich werden im „Ausblick“ zunächst die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit

resümierend zusammengefasst, um ihre Bedeutung anschließend im Kontext des

momentanen wissenschaftlichen Diskurses zu betrachten.

21


3. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (Lena Rheindorf)

Die geschlechtsspezifische Teilung des Lebens, die damit in engem Zusammenhang

stehenden Geschlechterpositionierung und die Konstruktion des weiblichkonnotierten

„Privaten“ als Ort der Intimität und des Rückzugs von der Außenwelt ist

zunächst in ihrem historischen Kontext zu interpretieren. Im folgenden Kapitel wird

daher zunächst auf die im 18ten und 19ten Jahrhundert konstruierte

Geschlechterideologie, die polare Positionierung der Geschlechter sowie der

Lebensräume an sich, die daraus resultierende Rolle der Hausfrau und deren

Implikationen für die heutige weibliche Geschlechteridentität eingegangen.

3.1. Die bürgerliche Geschlechterideologie der Romantik

In der wissenschaftlichen Forschung besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass

durch den Prozess der Industrialisierung und der zunehmenden funktionellen

Arbeitsteilung zwei gesellschaftliche Sphären entstanden: der öffentliche und der

22


private Raum, beziehungsweise die familiale und die berufliche Sphäre, wobei das

Familiale/Private weiblich, und das Öffentliche/Berufliche männlich konnotiert wurde 5 .

Die gesamtgesellschaftlich geschlechtsspezifische Polarisierung der Lebenssphären

wurde meines Erachtens durch eine elaborierte Geschlechterideologie, welche durch

literarische Strömungen und wissenschaftliche Wahrheitsansprüche legitimiert

wurde, begleitet, deren Schatten bis in die Gegenwart reichen.

Das zunächst vor allem literarische Konstrukt der „romantischen Liebe“, welches

seine Entsprechung im Bürgertum des Biedermeier fand und in dessen Zentrum das

normativ-heterosexuelle Paar steht, trug besonders zur Propagierung der polaren

Geschlechterideologie erfolgreich bei.

Zu Beginn des 18ten Jahrhunderts bildeten im malthusianischen Ehemodell noch

wirtschaftliche Interessen bei der Paarbildung die Basis der Verbindung, die Ehe

wurde vor allem als rationales Arrangement auf Basis beidseitiger Loyalität begriffen.

Dieses Konstrukt der Liebe hatte seine Wurzel in der in Großbritannien vollzogenen

Verbindung altenglischer und protestantischer Traditionen. Im Vergleich zu den

meisten anderen europäisch-abendländischen Gesellschaften der Zeit war hier die

beziehungsinterne Position der Frau relativ vorteilhaft: das hohe Heiratsalter, die

Einehe, eine relative Gleichberechtigung zwischen den PartnerInnen, das nur schwer

umsetzbare Scheidungsrecht, die Heiratsordnung der Außenheirat, die Ablehnung

des gemeinsamen Lebens mit den Eltern und eine nahezu gleiche Aufteilung der

finanziellen Mittel gehörten zu den wesentlichen Merkmalen der malthusianischen

Ehe. [Vgl. Burkart, G. (1997): S. 25ff.].

Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das malthusianische Ehemodell jedoch von

einem neuen Ehe- und Familienkonstrukt verdrängt – „Liebe“ wurde zunehmend als

bedeutender Bestandteil der PartnerInnenwahl betrachtet. „„Liebe“ wurde nun im

Sinne eines affektiven Individualismus ein wesentliches Merkmal des

Familienlebens“ [S. Burkhart, G. (1997): S. 28, Vgl. Giddens, A. (1993)]. Es sprach

5

Dennoch gibt und gab es auch hier Gegenstimmen, wie etwa jene Britta Rangs, die 1986

den „epochalen Bruch im 18ten/19ten Jahrhundert bestritt und argumentierte, schon in der

Renaissance habe es in Humanistentexten die Vorstellung von der Geschlechterpolarität

gegeben, welche sich wiederum auf die Antike beriefen“. [S. Lundt, B. (2008): S. 60].

23


der feminisierten emotionalen Beziehungsarbeit in Form von Mutterliebe, Gattenliebe

und Intimität in der Partnerschaft eine bedeutungsvollere Rolle zu als bislang, aber

die heterosexuelle Leidenschaft und Erotik war ein nebensächlicher Faktor, die

platonische Kongruenz bildete die Basis einer funktionierenden Beziehung. Die

Verbindung war als Bildungsstätte konzipiert, in der sich das bürgerliche Individuum

entfalten konnte. „Die eheliche Liebe sollte also zum einen „vernünftige Liebe“, zum

anderen Gefühlsgemeinschaft, zum dritten „geistige Gemeinschaft“ sein“ [S.

Burkhart, G. (1997): S. 28]. Damit einher ging eine Neudefinition und Determination

der weiblichen Geschlechtsrolle in bis dahin ungeahntem Ausmaß - die bürgerliche

Frau wurde als Hausfrau, Mutter und Ehefrau betrachtet, wobei erheblich höhere

Ansprüche als bisher in allen drei Gebieten an sie gerichtet wurden. [Vgl. Burkart, G.

(1997): S. 25ff.].

Im Emotionsdiskurs 6 des 18. Jahrhunderts wurde die sich etablierende Literatur 7 für

die Bourgeoisie zu einem einflussreichen Sprachrohr, welches die „Liebe“ zu seinem

Mittelpunkt erklärte. Durch literarische Propagierung wurde das Konstrukt der

romantischen „Liebe“ mit der Institution der Ehe kompatibel. „Die Liebessemantik des

18. Jahrhunderts brachte nicht nur Liebe und Ehe zusammen, sondern auch Liebe

und Individualität, Liebe und Subjektivität, sowie Liebe und Selbstthematisierung. […]

Diese neue Form von Liebe […] setzt eine hoch entwickelte Individualität und eine

6

Ursula Kubes-Hofmann (1993) legt in ihrem Buch „Das unbewusste Erbe“ dar, auf welche

Weise sich namhafte Philosophen- wie Kant, Hegel oder Schopenhauer maßgeblich an

dieser Polarisierung, am Geschlechter- und Emotionsdiskurs der Romantik beteiligten,

beziehungsweise diesen gestalteten. Ebenso erläutert Ulrike Prokop (1990) anhand des

Werkes Rousseaus die Polarisierung der Geschlechter um 1760. Im Rousseauschen

Erziehungsmodell werden Züge der vermeintlichen Minderwertigkeit von Frauen erkennbar.

In seien Abhandlungen werden auch die, der romantischen Liebe innewohnenden,

Ambivalenzen deutlich: „Die Imago des Weiblich-Mütterlich-Machtvollen […], die Phantasie

von der Allmacht der Frau […] ist immer assoziiert mit Glück und Verlust von Männlichkeit.

[…] Die Gewalt gegen Frauen […] ist mit der Allmachtsphantasie über die Weiblichkeit

verknüpft. […] In seinen Phantasien vernichtet er die weibliche Macht, um sie im gleichen

Augenblick neu zu erfinden. […] Mit der Imago der allmächtigen Frau wird die Ohnmacht, die

Bewusstlosigkeit, das Schweigen, die Entmannung verbunden. […] Das unbewusste Thema

ist die ödipale Dramatik in der kulturspezifischen Form“ [S. Prokop, U. (1990): S. 26ff.].

7

Durch die Zwischenschaltung der sich etablierenden Medien wurde erstmals ein

„öffentliches“ Publikum zugänglich. Nach Habermas (1990) entstand eine Art

publikumsbezogene Privatheit, deren Publikum wiederum das Bürgertum war- somit konnten

die konstruierten Grenzen des Privaten zugleich überschritten, als auch inhaltlich- durch die

Etablierung einer LeserInnenschaft- verbreitet werden. Diese Entwicklung veränderte das

Wahrnehmungsmuster der Welt eklatant- es kam zu einem rationaleren Umgang mit der Welt

als Grundlage für einen neu aufkommenden Individualismus.

24


differenzierte Subjektivität voraus“ [S. Burkhart, G. (1997): S. 28]. Hierbei steht die

seelische und erotische Einswerdung der PartnerInnen im Vordergrund.

Romantische „Liebe“ wurde als einzigartig, monogam, weltfern und abgekapselt

konstruiert. Romantische „Liebe“ wirkt konstitutiv auf das Paar, das sich in der Folge

vom Makrokosmos absondert – durch eine „Weltentfremdung des Subjekts“ erscheint

die „Liebe“ als einziger Ausweg um die Verbindung zur Welt wieder herzustellen [Vgl.

Burkart, G. (1997): S. 25ff. und Koppetsch, C. (2001)].

Zur Zeit der Jahrhundertwende befand sich auch das „Paar“ an einem Wendepunkt:

Das reale Alltagsleben, mit seinen alten ökonomischen Zwängen, entsprach dem

Ideal der romantischen „Liebe“ nicht. Das neu „angeordnete“ Ehe- und

25


Familienmodell war zunächst nur Programm für die Bourgeoisie, die wenigsten

Familien konnten es sowohl gefühlsmäßig, als auch finanziell realisieren. In dieser

Zeit kam es auch zunehmend zur Polarisierung und Fixierung

geschlechtsspezifischer Rollen- weibliche Schönheit wurde ideologisch mit beinahe

existentieller Bedeutung überfrachtet. Die Funktionalisierung „der Frau“ als schönes

Beiwerk und Prestigeobjekt „des Mannes“, durch dessen Anerkennung sie ihren

Selbstwert generierte, wurde ein wesentliches Merkmal der Konstruktion von

Weiblichkeit [Vgl. Burkart, G. (1997): S. 25ff. und Huinik, J., Mayer, K. U. (1995)].

Die von der Romantik propagierte Parität der PartnerInnen wurde nicht verwirklicht,

anstatt dessen wurde auf Basis verwissenschaftlichter Argumentationsmuster nach

Rechtfertigungen für die „Unvollkommenheit“ der Frau gesucht [Vgl. Burkart, G.

(1997): S. 25ff.]. Die romantische „Liebe“ war- trotz der Fiktion der leidenschaftlichen

Beteiligung beider PartnerInnen- de facto völlig asymmetrisch, die Frau wurde als

Projektionsfläche männlicher Imaginationen als Mängelwesen konstituiert.

Gleichzeitig wurde eben dadurch die Frau zum diskursiven Objekt - Frauen wurden

durch genau jene Diskurse, die angeblich ihr „wahres Wesen“ erschlossen hatten,

zum vermeintlichen Rätsel [Vgl. Giddens, A. (1993): S. 70ff. und Coleman, J. S.

(1986)]. Dem Zeitgeist entsprechend, wurde – wie bereits angemerkt- auch in den

Wissenschaften die bipolare Geschlechterdichotomie Programm. Sie rückten den

Menschen gewisser Maßen auf den Leib und schrieben ihnen Geschlechter ein.

Durch den Körper versuchten sie das angeblich geschlechtsspezifische Innenleben

und das soziale Verhalten zu determinieren. Diese „Erkenntnisse“ waren keineswegs

„geschlechtsneutral“- „[…] Die vergleichenden Menschenwissenschaften […]

[beschäftigten sich etwa] mit dem Normalitätsproblem „Mensch versus Frau“, indem

sie die Definition des Männlichen zum generell Menschlichen erhoben und dem

„abweichenden“ Weiblichen kontrastierten […]“ [S. Eder, F. X. (2002): 133]. Es wurde

also vor allem der Frau zunehmend ein „Geschlechtscharakter“ zugeschrieben, der

immer deutlicher biologisch definiert und naturalisiert wurde. Es wurden

geschlechtsspezifische Tugendkataloge entwickelt, denen scheinbar allgemeingültige

Geschlechtseigenschaften zu entnehmen waren. Aus diesem „Geschlechterwahn“

der Wissenschaften und dem Ideal einer neu entdeckten Intimität und sexuellen

Leidenschaft als Basis der heterosexuellen Paarbeziehung entwickelten sich in der

26


logischen Folge die so genannten Sexualwissenschaften. Michel Foucault legte

(1977) in seinem Buch „Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit“ dar, welche

Auswirkungen die Konstruktion einer „Sexualität“ hatte, immer weitere Gebiete der

menschlichen Identität und Sinnstiftung wurden, entlang der binären

Geschlechterdichotomie, sexuell belegt.

Während Männern die Kontrolle über ihre Sexualität zugeschrieben wurde,

betrachtete man(n) die Frau und ihr Verhalten als durch ihre Sexualität und

naturalisierten Triebe bestimmt. Dennoch wurde den Frauen gleichzeitig auch ein

mangelndes, deviantes, oder „defektes“ und spezifisch weibliches Begehren

unterstellt. „Homosexualität, „perverse Sexualität“ und „jüdische Sexualität“ waren

gemeinsam mit weiblicher, „frigid-hysterisch-nymphomaner“ Sexualität jene

Konstrukte, mit denen die Sexualwissenschaften das krankhafte „Andere“ der

„gesunden“ männlichen Respektabilität bestimmten“ [S. Eder, F. X. (2002): 133f.].

Auf Basis der durch die Romantik entwickelten Geschlechterideologie wurde der

weibliche Beitrag zum öffentlichen Leben und der kulturellen Sphäre

weitgehendvernichtet. Auf die häuslich-private Sphäre beschränkt, in der die

bürgerliche Frau vom Mann (vor allem finanziell) völlig abhängig gemacht wurdesollte

sie durch die romantische „Liebe“ und die überhöhte Imagination der intimen

Paarbeziehung Erfüllung, beziehungsweise ihre Geschlechtsidentität finden [Vgl.

Burkart, G. (1997): S. 31].

3.1.1. Familiäre Arbeitsteilung – Domestizierung der Frau

„Frauen sind in unserer Gesellschaft für Liebe „zuständig“. Liebe ist das „Ressort“ der

Frauen als Mütter, Ehefrauen, Geliebte- und Ort ihrer Macht und Ohnmacht“ [S.

Brückner, M. (1984): S. 216].

Vor der Industrialisierung war die Arbeit der Frau und des Mannes in der

Familienwirtschaft noch relativ gleichwertig. Die außerhäusliche Arbeit und jene im

Haushalt waren eine örtliche und ökonomische Gesamtheit – alle Angehörigen hatten

Teil an der Beschaffung und Herstellung von Bedarfsgütern. Auch wurden noch keine

27


Geschlechtercharaktere determiniert. 8 Im Agrarbereich war die Tätigkeit der Frauen

nicht auf das Private begrenzt, aber sie war in engem Zusammenhang zum

Häuslichen [Vgl. Sichtermann, B. (1987): S.23]. Ihre Arbeitsleistung war

unentbehrlich auf allen Gebieten der Landwirtschaft. Darüber hinaus waren Frauen

unter Tage, im Verlagswesen und in den Fabrikationsstätten unabhängig, fachgerecht

und eigenständig tätig. Dennoch gab es auch im Lehnswesen ein rigoroses System

der Arbeitsteilung, dass Frauen mit hohem Arbeitsaufwand und teilweise niedrigem

Prestige belud. [Vgl. Hahn, S. (1993): S. 4ff.]

Durch die Arbeitsteilung wurden die bürgerlichen Frauen im städtischen Bereich bald

aus der Erwerbsarbeit, dem bezahlten Reproduktionsbereich gänzlich exkludiert. Es

8 „Für die Periode des Mittelalters kann in der Tat nicht von einer Einheitlichkeit, sondern

vielmehr von einer Variationsbreite weiblicher Lebensräume gesprochen werden. Heide

Wunder hat den Begriff des „Arbeitspaares“ geprägt, das eine grundsätzliche

Gleichwertigkeit der Tätigkeit beider Geschlechter bezeichnet, die PartnerInnen aber auch

als Einheit kennzeichnet. Über eine „Geburt der Hausfrau“ kann man/frau erst für die Zeit

seit der Reformation sprechen“ [S. Lundt, B. (2008): S.61f.].

28


gab zwar noch in den Agrarwirtschaften und auch in der Großstadt die Überreste der

gemeinschaftlich arbeitenden Familienwirtschaft, in deren Zentrum die Frau autonom

handelte und die diffizile Gemeinschaftsökonomie regelte, aber während der frühen

Industrialisierung wurden- trotz zunehmender Übernahme bürgerlicher

Familienideale- die weiblichen Arbeitskräfte vor allem aus dem ländlichen Bereich

rekrutiert. Staatliche Bestimmungen zur Forcierung von Frauenarbeit wurden gezielt

eingesetzt, um das Wachstum einzelner Wirtschaftssektoren zu begünstigen. Die

schlechte Bezahlung der Arbeiterinnen, ihre fortwährende Disziplinierung in den

Manufakturen und die maximale Ausbeutung ihrer physischen und psychischen

Kräfte prägten ihre berufliche Arbeitswelt. [Vgl. Pfeisinger, G. (2006): 166f. und Vgl.

Hahn, S. (1993): S. 4ff.].

Die bürgerlichen Hausfrauentugenden wurden - trotz de facto immer existenter

weiblicher Erwerbsarbeit in anderen sozialen Schichten- im Laufe der Zeit zu

weiblichen Verhaltenskodizes an sich. Das Familiäre wird in der Folge zum Bereich

des Wohlbefindens, zum Eskapismus von der harten, Konkurrenzbetonten Außenund

Arbeitswelt des Mannes – in dem die Frau diese innere Harmonie in Form von

Haus- und Beziehungsarbeit herzustellen hatte. Sie hatte sich einend, uneigennützig

zärtlich und tugendhaft um ihren Mann zu kümmern [Vgl. Kubes-Hofmann, U. (1993):

S.47ff. und Weber-Kellermann, I. (1991): S.49f.].

„Das häusliche Weib ist aber nicht bloß für sich selbst glücklich; sein ganzes Leben

ist auch eine unerschöpfliche Quelle von Zufriedenheit für andere, und besonders für

diejenigen, die am nächsten mit ihm verbunden sind“ [S. Ehrenberg, F. (1808):

S.207]. In ihrer Rolle der Gemahlin, Hausfrau und Mutter wird sie zur Bewahrerin der

bourgeoisen Sittlichkeit und Disziplin. Die Indoktrination dieses Ideals des familiären

Zusammenlebens stand aber mit den tatsächlichen Gegebenheiten in Widerspruch 9

9

Auch innerhalb der Paarbeziehungen entsprach die Realität nicht dem romantischen Ideal

von Intimität, gegenseitiger Leidenschaft und Ergebenheit. Berend Goos’ „Erinnerungen“

geben Aufschluss über die männliche Vormachtstellung im Privaten: „[…] Das

Familienoberhaupt galt als unbeschränkter Gebieter, dem wohl […] Vorschläge gemacht

wurden, dessen Beschlüsse und Erkenntnisse aber dann auch weiter keine Einreden

zuließen; seine Befehle und Wünsche forderten unbedingte Folgeleistung. Diesen fügte man

sich stillschweigend und überließ dagegen jede Verantwortlichkeit dem Oberhaupte. […] Die

Gefahr lag nahe, dass sich ein so unumstrittener Gebieter zum Haustyrannen heranbildete,

während andererseits die wahre Kindesliebe der Heuchelei den Platz räumte und

Verschweigen, Vertuschen allmählich sich einschleichen mussten“ [S. Goos, B. (1896): S.39

29


[Vgl. Kubes-Hofmann, U. (1993): S.47ff.]. Die Rhetorik der „Liebe“ konnte die

faktische „Knochenarbeit“ nicht völlig vertuschen: Zu ihren Aufgaben gehörte das

Reinigen des Hauses, oft auch mit Hilfe einer Hausangestellten, die Obhut und

Versorgung der Kinder, Kochen und Haltbar machen. Blieb ihr neben dem

Schneidern, Nähen, Stricken und Stopfen noch Zeit, so verwendete sie diese für

Häkeln, Sticken und andere feinere Techniken, manchmal auch zum Lesen von

romantischer Literatur. Oft war die Bescheidenheit oberste Devise [Vgl. Weber-

Kellermann, I. (1991): S.49f.]. Dennoch, oder vielleicht gerade wegen der

offensichtlichen Brüchigkeit des Ideals, verinnerlichten viele Frauen ihre Rolle- die in

gewisser Weise auch ihre Existenzberechtigung in der bürgerlichen Gesellschaft

darstellte- sofern dies monetär möglich war, beinahe vollständig.

Die Schriftstellerin Fanny Lewald schildert in ihren Memoiren eindrucksvoll die

Verinnerlichung der Hausfrauenrolle im Bürgertum während der Biedermeierzeit: „[…]

Indes wer es den damaligen Hausfrauen zugemutet hätte, irgendeiner ihrer

f., zitiert in Weber-Kellermann, I. (1991): S.53].

30


wirtschaftlichen Gewohnheiten zu entsagen, […] den hätten sie als einen Ketzer

angesehen, als einen Frevler, der ihre hausfraulichen Pflichten beschränken wolle,

um ihrer Würde und Bedeutung damit Abbruch zu tun und so das Glück der Ehen

und der Familien allmählich zu untergraben“ [S. Lewald, F. (1861): S.36f., zitiert in

Weber-Kellermann, I. (1991): S. 50].

Als Kulturträgerinnen werden den Frauen gesellschaftliche Obliegenheiten

aufgetragen, welche durch das Regime beäugt und fixiert werden: „Kinder werden

nicht mehr für den eigenen Gebrauch produziert, sondern für die Gesellschaft. Das

macht einen tiefgreifenden Erziehungsprozess notwendig, der sich allmählich in die

Familie verlagerte und dessen Ziel es war, äußere Verhaltenskontrollen durch

verinnerlichte moralische Prinzipien zu ersetzen“ [Honegger, C., Heintz, B. (1981),

zitiert in Kubes-Hofmann, U. (1993): S. 50]. Eltern die aus ökonomischen und

zeitlichen Gründen nicht in der Position waren, ihre Kinder den bürgerlichen Werten

entsprechend zu erziehen, wurden ihrer Erziehungsberechtigung entledigt [Vgl.

Pfeisinger, G. (2006): 171]. Bürgerliche Frauen sollten den Nachwuchs 10 und ihre

Männer auf den „rechten Weg“ der Tugendhaftigkeit führen und geleiten.

Die Frau wird auf der Mikroebene des Familiären quasi zur Agentin staatlicher

Disziplinierungsmaßnahmen, weshalb die Hausfrauenrolle zunächst in gewisser

Weise auch eine bedeutende war. Die Rolle als Beziehungs- und Hausarbeiterin

machte sie zum eigentlichen Zentrum des Mikrokosmos „Haushalt“- sie hatten

großen Einfluss auf das alltägliche familiäre Leben und gestalteten weitgehend das

Leben der Anverwandten. Die Funktionalisierung der Frau als Mutter, Gattin und

Trägerin der „Kultur“ sollte die „REPRODUKTION“ des neuen Wertesystems sichern

und von Mutter zu Tochter weiter tradieren [Vgl. Kubes-Hofmann, U. (1993): S.47ff.].

Die Frauen waren dazu angehalten, ob ihres eigenen Leidens an der eintönigen und

unbefriedigenden Haushaltstätigkeit, ihren Töchtern durch frühkindliche

Konditionierung dieses Leidens, diesen „Makel“ zu „ersparen“. Friedrich Ehrenberg,

10

Parallel zur Entstehung der polaren Lebenssphären Öffentlich und Privat wurde auch ein

neues Konzept von „Kindheit“ im Bürgertum des 18. Jahrhunderts entwickelt. Die Idee einer

ungezwungenen Entwicklung in der Kindheit als geschützte Lebensphase wird durch die

Schriften Rousseaus und Lockes auch in breitere soziale Schichten getragen.

31


einer der führenden deutschen Pädagogen der Zeit, stellte folgende Ziele der

Mädchenerziehung auf: „1. Eine Einführung in die Pflichten des häuslichen Lebens,

2. die Vermittlung nützlicher Kenntnisse und edler Gefühle, damit die Tochter sich

später immer zu beschäftigen weiß und sich mit Liebe und Hingabe den häuslichen

Geschäften widmet, 3. die Pflege der „Einfalt der Natur“, die, als solche bewahrt,

Gewähr für die Erfüllung sämtlicher weiblicher Pflichten biete, und schließlich 4. die

Sorge dafür, dass den Töchtern das häusliche Leben schon jetzt in einem

erfreulichen Lichte erscheine […]“ [S. Ehrenberg, F. (1808): S. 239f.].

Margarete Lenk beschreibt ihre Disziplinierungserlebnisse, die sie zur Hausfrau

machen sollten, folgender Maßen: “O wie viele bittere Tränen hat es mich gekostet,

dass ich nicht einen Funken Ordnungssinn in diese wohlgeordnete Welt mitgebracht

hatte! […] Entschieden, ward dieser für ein Mädchen so hässlicher Fehler von der

Mutter bekämpft. Nicht selten geschah es, dass ich […] mein ganzes Besitztum […]

am Boden liegend fand und genötigt ward, es sauber wieder einzuräumen“ [S. Lenk,

M. (1911): S.59, zitiert in Weber-Kellermann, I. (1991): S. 55].

Die Mädchenerziehung und -ausbildung war zunächst äußerst bescheiden, für junge

Frauen gab es freilich keine Schulpflicht. 11 Während es sich wohlhabende Familien

leisten konnten, ihre Töchter in private Mädchenpensionate zu stecken, oder sie von

PrivatlehrerInnen erziehen zu lassen, genoss die Mehrzahl kein solches Privileg. 12

Üblicherweise war die bürgerliche Mädchenerziehung darauf ausgerichtet, diese zu

künftigen Hausfrauen zu formen. Zu den Unterrichtsfächern zählten neben dem

Handarbeiten die pflichterfüllte Erhaltung von Ordnung und Reinlichkeit. Auf diese

11

Erst circa hundert Jahre nach der Regentschaft Maria Theresias und Joseph des zweiten

lässt sich, im ausgehenden 19ten Jahrhundert mit der „Allgemeinen Schulordnung“ des

Abtes Felbiger, von einer einsetzenden institutionalisierten Volksschulbildung für alle

männlichen Kinder sprechen [Vgl. Ecker, H. (2008): S.88].

12

Das mangelnde „Engagement“ der Eltern aus den unteren Klassen was die Sozialisierung

bürgerlicher Werte anging, vor allem in Bezug auf moralische Werte und Disziplin, rief

erzieherische Institutionen auf den Plan. Schulen und andere Erziehungseinrichtungen

sollten ihre Funktionen übernehmen. An den Kindern wurden disziplinäre Exempel statuiertso

wurden Mädchen aus dem Proletariat, welche die bürgerlichen Werte des Pflichtgefühls

nicht genügend internalisierten, oft körperlich gepeinigt. Häufig stand sogar die Androhung

einer Abschiebung zur „Besserung“ in ein „Arbeitshaus“ im Raum. Die Interventionen des

Staates in die Kindererziehung der unteren Schichten diente unter anderem zur

Rechtfertigung von Kinderarbeit – „Kinder galten als das beste Kapital für Familie,

Unternehmer und letztlich den Staat“ [S. Pfeisinger, G. (2006): 170f.].

32


Weise wurden sie zu haushalterischer „Zucht und Ordnung“ gedrillt, während bei den

Burschen diese „Tugenden“ eher als unbedeutend betrachtet wurden [Vgl. Weber-

Kellermann, I. (1991): S.52ff.]. Während die Burschen draußen wie drinnen wild

toben durften- da die berufsbezogene außerhäusliche Welt ein solches Verhalten zur

Behauptung des männlichen Selbst sogar verlangte- mussten die Mädchen lernen

ihren kindlichen Bewegungs- und Entdeckungsdrang zu unterdrücken. Mädchen

sollten sich ihrem später äußerst eingeschränkten Wirkungs- und Bewegungsbereich

entsprechend schon früh an das Stillsitzen und Warten gewöhnen. 13

Es galt für Mädchen und junge Frauen als unschicklich, ja sogar anrüchig das Haus

zu verlassen. Darüber hinaus wurden ihre künftigen Fähigkeiten zum Bemuttern

forciert, indem sie zum Spielen mit Puppen gedrängt wurden. Die

Geschlechterideologie war demnach bereits im frühen 19ten Jahrhundert fixer

Bestandteil einer geschlechtsspezifischen häuslichen Kindererziehung geworden

[Vgl. Hopfner, J. (1990): S. 90ff.]. Einerseits hatte das absolutistisch-merkantilistische

Regime 14 ein großes Interesse daran, die berufsmäßigen Fähigkeiten und die dafür

erforderliche Bildung im Sinne der Aufklärung bei seinen BürgerInnen zu fördern.

Andererseits galt es auch, diese zu gehorsamen und gottesfürchtigen Menschen

heranzubilden. Dies erklärt auch, warum die Einrichtung eines Schulsystems nach

öffentlich-bürgerlichem Begehren nur relativ dilatorisch realisiert wurde. Dies galt vor

allem für die Mädchenerziehung – „Das Mädchen […] soll der Regel nach seine

ganze Jugendzeit bis dahin, wo ein Mann es zu seiner Lebensgefährtin wählt, im

Schoße der Familie verweilen. Es braucht die Klugheit der Welt nicht, weil seine

Bestimmung die Welt nicht ist, sondern das Haus […]“ [S. Hillebrand, J. (1818), zitiert

in Hopfner, J. (1990): S. 92]. Sie sollten möglichst jung mit oft deutlich älteren

13

Es gibt auch heute eine geschlechtsspezifische Nutzung von öffentlichen Freiräumen.

Bütow (2002) fasst die Ergebnisse mehrerer empirischen Untersuchungen wie folgt

zusammen: Mädchen orientieren sich eher in Innenräumen und ihre Aktionsräume sind

prinzipiell eingegrenzter als die von Jungen. Mädchen sind im öffentlichen Raum der Straße

eher Anhängsel der Burschen und zeichnen sich entweder durch tradierte Rollen- und

Verhaltensmuster sowie weibliche Attraktivitäts- Ideale oder durch die Anpassung an,

beziehungsweise den Versuch der Übernahme männlicher Werte und Verhaltensweisen aus.

14

Merkantilismus meint die in der Zeitspanne von 1500 bis 1750 vollzogene wirtschaftliche

Ausrichtung auf die „Geldwirtschaft“ zur Stärkung der entstehenden Nationen in der, auf

Konkurrenz basierenden, Expansion des Welthandels. Der, zur Betreibung einer aktiven

Bevölkerungspolitik notwendige, massive Staatsinterventionismus sollte zur Gewährleistung

des benötigten Arbeitskräftepotentials beitragen.

33


Männern mit hohem Prestige verheiratet werden, wobei ihre Arglosigkeit oft das

ursprüngliche Objekt der Begierde war. Der fast nahtlose Übertritt von kindlicher

Abhängigkeit in die eheliche, machte deren intellektuelle Bildung beinahe abträglich.

[Vgl. Weber-Kellermann, I. (1991): S.56f.].

Diese Fixierung der Mädchenerziehung auf den häuslichen Bereich, selbst wenn den

meisten bürgerlichen Müttern de facto die Zeit dazu fehlte, begründet sich auf der

generellen Deckung des „Heimunterrichts“ mit den Endzwecken, Inhalten und der

Didaktik weiblicher Erziehung. Gleichwohl bestand aber auch die Notwendigkeit, den

Mädchen eine – zur Erfüllung ihrer Tätigkeiten im Haus erforderliche – gewisse

rudimentäre intellektuelle Bildung zu gewähren. Deshalb sollte bei der

Institutionalisierung weiblicher Ausbildung zunächst die Orientierung an katholischen

Dogmen eine gewichtige Brücke schlagen, durch welche der Wissensdrang der

Mädchen in den vorgesehenen Bahnen reguliert werden sollte. [Vgl. Hopfner, J.

(1990): S. 90ff. und S. Ecker, H. (2008): S.52ff.].

34


3.2. Innerfamiliale Arbeitsteilung im Wandel

Seit der Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie und der geschlechtsspezifischen

Trennung der gesellschaftlichen Bereiche „Privat“ und „Öffentlich“ gab es

selbstverständlich auch familienstrukturelle Wandlungsprozesse, welche die

traditionellen Familienformen in gewisser Weise ins Wanken brachten, während sich

die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb der Familienstrukturen

anscheinend einer schlichtweg sagenhaften Beständigkeit erfreuen.

In Österreich besteht trotz einer weiblichen Erwerbsquote von etwa 69 Prozent 15

nach wie vor ein starkes Ungleichgewicht in der häuslichen Arbeitsteilung zwischen

den Geschlechtern.Um die grundsätzliche politisch-aktuelle Relevanz der

geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung zu verdeutlichen ist aufschlussreich, sich

Daten über den Wandel der Aufgabenteilung im Haushalt seit der Mitte des 20ten

Jahrhunderts anzusehen - eine Zeit, in der die Technisierung zunehmend Einzug in

die „privaten“ Haushalte hielt und sich die ebenso die Versorgungsarbeit wandelte.

Zu diesem Zweck werden im folgenden Kapitel auch so genannte Zeitbudgetstudien

herangezogen, welche das geschlechtsspezifische Belastungsverhältnis in

(heterosexuellen) Paarbeziehungen quantitativ erfassen. In qualitativer Hinsicht sind

besonders die Ergebnisse jener Untersuchungen, welche geschlechtsspezifische

Verteilung der Versorgungsarbeit als diskursives Feld, als Arena

geschlechtsspezifischer Aushandlungsprozesse begreifen, von Interesse.

3.2.1. Von der bürgerlichen Kleinfamilie zur „postfamilialen Familie“

Der so genannte Trend zu „neuen“ Lebensformen abseits der bürgerlichen

Kleinfamilie, sowie die Illusion einer diesbezüglichen Wahlfreiheit bestimmen den

heutigen Diskurs um Familienformen zunehmend. Das immanente Postulat nach

scheinbar mehr Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im „Privaten“ geht dabei

einher mit dem „Bild einer pluralistisch ausgerichteten Gesellschaft“ auf der

Makroebene, so Monyk (2007). In den letzten Jahrzehnten entstanden durch höhere

gesamtgesellschaftliche Anforderungen die Mobilität des/der Einzelnen betreffend

15

Quelle: AMS Jahresbericht 2007 auf http://www.ams.or.at/_docs/001_jb07.pdf

35


zahlreiche nicht-normative Formen des Zusammenlebens, „welche die Konturen der

„postfamilialen Familie“ entstehen ließen 16 “ [S. Monyk, E. (2007): S. 1ff.].

Die familialen Lebensformen sind also im Wandel begriffen, die Zahl der so

genannten „Patchworkfamilien“, „Familienverbände, in die Elternteile ihre Kinder aus

früheren Ehen oder Lebensgemeinschaften in eine neue Beziehung einbringen“ [S.

www.statistik.at], ist auch in Österreich stark im Steigen begriffen.

„Patchworkfamilien“ kommen vor allem im städtischen Raum vor- in Wien macht ihr

Anteil zwölf Prozent aus. Auch die sinkende Geburtenrate 17 ist fortwährend ein fixer

Bestandteil der „Familiendebatte“. Etwas polemisch wird immer wieder von einer

„zweiten demographischen Transition“ gesprochen, also von einem Wandel zu einer

Gesellschaft, welche durch eine geringere Zahl von Trauungen, sinkende

Geburtenraten, Scheidungshäufigkeit, einem Anstieg von nicht-ehelichen

Lebensgemeinschaften und AlleinerzieherInnen geprägt sei. [Vgl.

www.unternehmen.allianz.at und Kreisky, E. 2009]. Auch die Bevölkerungsforschung

beschäftigt sich seit den 1960er Jahren mit dem Wandel der Bevölkerungsstruktur

„hinsichtlich des Verhältnisses von Geburten- und Sterbezahlen als Anschlags- und

Zerfallsszenarien: einerseits aufgrund des Geburtenrückgangs und andererseits

aufgrund des Trends zur Alterung. Diese Bevölkerungsprognosen bilden sowohl die

Hintergrundannahmen des zu legitimierenden Abbaus wohlfahrtsstaatlicher

Leistungen, als auch Ansatzpunkte eines geschlechterpolitischen Diskurses, der den

dramatischen Reden über die „Schrumpfung“ der Gesellschaft eingeschrieben ist“ [S.

16

Trotz des Ungleichgewichts des Forschungsstandes innerhalb der Familienforschung

zugunsten heterosexueller Paarbeziehungen hat sich die Forschungsgruppe CAVA (Care,

Values and the Future of Welfare) in ihren empirischen Untersuchungen vor allem mit

„normabweichenden“ Lebensformen beschäftigt. Die Soziologinnen Sasha Roseneil und

Shelly Budgeon (2005) etwa schrieben Prozesse der Individualisierung und

Enttraditionalisierung, ebenso wie die Erosion der Bipolarität von Homo- und

Heterosexualität in ihre Forschung mit ein. „Zentrale Ergebnisse der Studie sind, dass in den

Erzählungen der Interviewten Freundschaften im Mittelpunkt standen und die Bedeutung

sexueller Paarbeziehungen zurück tritt; dass sexuelle Liebesbeziehungen verschiedene

Formen jenseits der Heteronormativität annehmen; dass Netzwerke wechselseitiger

Unterstützung geknüpft und gepflegt werden; dass der häusliche Bereich offener und

durchlässiger gestaltet wird“ [S. Eckart, C. (2008): S. 308ff.]

17

“Wenn [in Österreich oder Deutschland] von der rise der Familie gesprochen wird, wird

meist auf den starken Rückgang der Geburten seit Mitte der 1960er Jahre verwiesen. Dabei

wird leicht übersehen, dass der wesentlichere säkulare Geburtenrückgang bereits um die

Wende zum 20sten Jahrhundert eingesetzt hat und der aktuelle Rückgang den langfristigen

Trend lediglich fortsetzt.“ [S. Peuckert, R. (2008): S. 95f].

36


Dackweiler, R. (2006): 81f.]. Trotz des Trends zu individualisierten Lebensformen

orientiert sich die Mehrheit jedoch noch immer an den traditionell-institutionalisierten

Strukturen. Obwohl die bürgerliche Kleinfamilie heute de facto nur mehr eine von

vielen Lebensformen darstellt, so besteht noch immer das gesellschaftliche Ideal der

„heterosexuellen Kernfamilie“- „nostalgisch wird [auch in der Familiendebatte] einer

Familienidylle nachgetrauert, die es in dieser Form zu keiner Zeit jemals gegeben

hat“ [S. Monyk, E. (2007): S. 1ff.].

3.2.2. Weiblicher Lebenszusammenhang und weibliche Identitätskonstruktion

Nun entgegnen familialisierende Diskurselemente dem Hausarbeitsdiskurs 18 im

Sinne einer egalitären Arbeitsteilung seit jeher, dass „Frauen“ ja „heute“ nicht mehr

„nur“ Hausfrauen seien, sondern zum Großteil auch der Erwerbsarbeit nach gingen

und heute wie zwischen polaren Lebensstilen frei wählen könnten [Vgl. Textor, M., R.

(1991)]. Abgesehen davon, dass es sich hier prinzipiell um kein Novum handelt, trifft

diese Behauptung teilweise tatsächlich zu- seit der Mitte des 20sten Jahrhunderts

konnten die Frauen sich am österreichischen Arbeitsmarkt zunehmend etablieren.

Waren 1951 erst 35 Prozent der Frauen erwerbstätig, so waren es 2006 schon 45

Prozent, die 46 Prozent der gesamten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden

Arbeitskräfte Österreichs darstellten [Vgl. Statistik Austria (2007): S. 18f.]. Nur macht

diese Tatsache den Diskurs an sich nicht obsolet, sondern erweitert ihn lediglich,

denn Hausarbeit wird noch immer vorwiegend Frauen zugeteilt. Die

„Doppelbelastung“ von Frauen, ihre charakteristische Vergesellschaftung 19 , die ihre

18

„Unter Diskurs wird das „in einem Aussagensystem enthaltene Regelsystem, das die

Formation der Diskurselemente bewirkt, [verstanden]. Es ist die diskursive Praxis, die die

Produktion von Aussagen reglementiert und so eine strukturierte Praxis und strukturierende

Praxis ist“ [S. Diaz-Bone, R. (2002): S. 129]. Die verschiedenen in der Gesellschaft

bestehenden und miteinander konkurrierenden Diskurse sind konstitutiv für die subjektive

Bedeutungsbildung und Realitätswahrnehmung.

19

„Der Begriff „doppelte Vergesellschaftung“ ist vielschichtig. Er besagt zunächst, dass

Frauen über zwei unterschiedliche und in sich widersprüchlich strukturierte Praxisbereiche in

soziale Zusammenhänge eingebunden sind“ [S. Becker-Schmidt, R. (2003): S. 14f.]. Darüber

hinaus meint „doppelte Vergesellschaftung“, dass die weibliche Sozialisation durch zwei

Kategorien sozialer Positionierung charakterisiert ist: Geschlecht und Schicht. „Und zum

dritten ist mitgesetzt, dass Eingliederung in die Gesellschaft sowohl soziale Verortung als

auch Eingriffe in die psychosoziale Entwicklung einschließt. Frauen versuchen demnach,

das zusammenzuhalten, was durch die Geschlechtertrennung und die gesellschaftliche

Dissoziation von Privatsphäre und Öffentlichkeit fragmentiert ist: weiblich und männlich

konnotierte Praxisbereiche sowie personen- und sachbezogene Interessen“ [S. Becker-

37


Arbeitskraft prinzipiell doppelt - als Haus- und als Erwerbsarbeit – verteilt, rückte

zunehmend in den Vordergrund der feministischen Debatte.

Diese scheinbar divergierenden Arbeitsformen müssen tagtäglich unter einen Hut

gebracht werden, und dass vor allem von Frauen. Die Doppelbelastung bedeutet auf

der Mikroebene also das „Managen“ von Berufstätigkeit und Familienleben, wobei

die Bereiche strukturell voneinander getrennt, ja einander sogar entgegengesetzt

sind. Beide Sphären stehen aufgrund der knappen zeitlichen Ressourcen in

Konkurrenz zueinander [Vgl. Becker-Schmidt, R. (2004) und Gottschall, K. (2000)].

Nicht dieser Umstand der Doppelbelastung per se ist dabei etwas neues, sondern

dass diese Tatsache im Zuge der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und die

entsprechenden strukturellen Antagonismen nun thematisiert werden - die

ambivalenten Anforderungen an Frauen durch die “doppelte Vergesellschaftung“

gerieten infolge der postmodernen Individualisierung verstärkt ins Blickfeld [Vgl.

Becker-Schmidt, R. (2003)]. Vor allem das grundlegende Theorem von Ulrike Prokop

(1976) zum „Weiblichen Lebenszusammenhang“ rückte die „Doppelbelastung“ der

Frauen in den Brennpunkt. Sie entwickelte die Theorie des „weiblichen

Lebenszusammenhangs“, als eine dem Alltagshandeln zugrunde liegende Struktur,

Schmidt, R. (2004): S. 65f.].

38


welche diesem erst seine Bedeutung verleiht, und die den Rahmen zum besseren

Verständnis der Anliegen und Wünsche von Frauen bildet. 20

In ihrer Analyse zeitgenössischer Studien kam Prokop zu dem Schluss, dass Frauen

im stärkeren Ausmaß auf die Familie orientiert bleiben als Männer, auch wenn sie

erwerbstätig sind. Ihre Erwerbsarbeit erleben sie laut Prokop oft als eine Art

notwendiges Surrogat zum Einkommen ihres Partners. Nach Prokop war zumindest

in den 1970er Jahren der weibliche Lebenslauf nicht auf „lebenslange“ Erwerbsarbeit

ausgerichtet, ganz im Gegensatz zum männlichen. Die Meisten der befragten

„Vollhausfrauen“ waren Mütter, und waren gleichzeitig ihrer Kinder wegen

„Vollhausfrauen“. Trotz der starken Familienorientierung konnte Prokop feststellen,

dass das „Vollhausfrauen-Dasein“ als Selbstzweck dem Gros der Frauen nicht

genügte, die meisten dachten – vor allem aufgrund ihrer starken Isolation- an einen

Wiedereinstieg ins Berufsleben - Erwartungen die oft nicht er Realität entsprachen.

20

Infolge der „doppelten Vergesellschaftung“ werden soziale Erfahrungen von Frauen

anders gestaltet und interpretiert als von Männern. Frauen müssen psychische

Anpassungsleistungen erbringen, welche es ihnen ermöglichen sich an beiden Bereichen zu

orientieren, welche es ihnen aber gleichzeitig versagen, sich in einem der beiden zu entfalten

[Vgl. Gottschall, K. (2000): S.177].

39


Weiters konnte sie zeigen, dass „die Fesselung der im weiblichen

Lebenszusammenhang vorhandenen Produktivkräfte in den

Produktionsverhältnissen und die Folgen, die die darin bestehende Produktionsweise

für die Identität und für das Bewusstsein der Frauen hat - knapp charakterisierbar als

Ambivalenz von Bedürfnisorientierung versus mangelndem Selbstbewusstsein- in

der bei allen Frauen vorhandenen diffusen Angst, den für „doppelbelastete“ Frauen

typischen vegetativen Störungen 21 – wie etwa Nervosität, Kreislaufbeschwerden,

21

Eine Schweizer Studie ergab etwa, dass solche psychosomatischen Probleme vor allem

bei Frauen mit traditionellen Normen, deren Lebenssituation auch von diesen Normen

geprägt war, auftraten. [Vgl. Prokop (1976): S. 88f.].

40


Kreuzschmerzen und Kopfschmerzen, Erschöpfungszustände, Herzbeschwerden,

Schlafstörungen, Schwindel, Magenprobleme, oder auch Angstzustände/

Panikattacken- und in den prekären Einstellungen zum Bereich von Leistung und

Konkurrenz spürbar sei“ [S. Prokop, U. (1976): S. 97].

Prokop vertrat die Ansicht, dass aus dem Bewusstwerden der widersprüchlichen

Anforderungen an Frauen exakt jenes emanzipatorische Moment entspringen

könnte, welches notwendig sei, um Gleichbehandlung zu erzielen, wobei die Art des

Protestes stark von den vorhandenen Ressourcen der Frauen abhängig sei. Die

unbefriedigende Situation der Frauen – die begrenzten Möglichkeiten zur

Persönlichkeitsentfaltung und die Fremdbestimmtheit der Tätigkeiten- begünstige die

Erkenntnis der Unmöglichkeit einer weiblichen Subjektwerdung im Nimbus des

Haushaltes, ebenso wie im Rahmen der männlich-geprägten

Erwerbsarbeitsstrukturen. Auch Beck machte in den späten 1980ern eine

Doppelbelastung der Frauen aus, die sich aus den gesellschaftlichen

Anforderungen der Arbeitsmarktindividualisierung bei zeitgleicher Fesselung an die

Versorgungsarbeit ergibt. Durch die Illusion eine Wahl zu haben, sich zwischen

Versorgungs- und Erwerbsarbeit entscheiden zu können, würden die ambivalenten

Spannungen zwischen Arbeitsmarkt-Individualisierung und althergebrachter

geschlechtsspezifischer Aufgabenteilung vielen Frauen bewusst [Vgl. Beck, U.

(1986): S. 189 ff.].

Seit den 1970ern hat es keine gesamtgesellschaftlich-getragene Befreiung aus der

zugrundeliegenden „Wert-Abspaltungsform“ gegeben, dafür haben allerdings

Segmentierungs- und Individualisierungsprozesse stattgefunden. Insofern hat sich

auch die „doppelte Vergesellschaftung“ selbst gewandelt- laut Roswitha Scholz stellt

sie heute ein gesellschaftliches Ideal dar, welches besonders für weibliche

Identitätskonstruktionen Gültigkeit besitzt - „an ihrer subalternen, minderbezahlten

Position innerhalb der öffentlichen Sphären hat sich durch ihre verstärkte

Einbeziehung in die „öffentliche Sphäre“ ebenfalls nichts geändert. Die Wert-

Abspaltungsstruktur hat sich somit gewandelt, sie ist aber dennoch existent“ [S.

Scholz, R. (1999)].

41


3.2.3. Zeitbudget und Technisierung

Zeitbudgetstudien im deutschsprachigen Raum haben gezeigt, dass das

Arbeitsvolumen für Versorgungsarbeit um etwa zehn Prozent höher ist als jenes der

gesamten Erwerbsarbeit. Der durchschnittliche Arbeitsaufwand beträgt etwa 24

Stunden pro Woche für Erwerbsarbeit, und etwa zwei Stunden mehr im Bereich der

Hausarbeit. Abgesehen vom gesamtgesellschaftlich höheren Arbeitsaufkommen wird

das Gros der Hausarbeit, etwa zwei Drittel, nach wie vor von Frauen erbracht [Vgl.

Arn, C. (2000): S. 2f.]. Bauböck macht drei wesentliche Elemente der zeitlichen

Normierung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung aus: Der „Input“, wie etwa

Konsumgüter, der „Output“, also Arbeitskräfte und „die Binneninteraktion, die interne

Struktur des Haushalts und jene kulturellen Normen, die nach Geschlecht

spezifizierte Regeln für die Arbeitsteilung der Mitglieder des Haushalts vorsehen“ [S.

Bauböck, R. (1991): S. 27].

Hinsichtlich der qualitativen Aufgabenverteilung der sachbezogenen Hausarbeit

besteht ein breiter Konsens der Untersuchungsergebnisse dahin gehend, dass

Frauen meist für das Wäschewaschen, Bügeln, Ordnung schaffen und Reinigen

verantwortlich sind, während Männer sich eher bei einzelnen „Projekten“, wie etwa

Reparaturen, oder kreativen Arbeiten, wie beim Kochen, einbringen. [Vgl.

Buchebner-Ferstl, S., Rille-Pfeiffer, C. (2008)].

Veränderungen im Feld der Hausarbeit ergaben sich zunächst durch die so genannte

„Technisierung“ der Haushalte/Hausarbeit. Diverse Maschinen, die ihren Einsatz vor

allem in der Küche und beim Reinigen fanden, erleichterten Großteils den bisherigen

zeitraubenden und beschwerlichen Körpereinsatz in der sachbezogenen Hausarbeit.

Die Ergebnisse unterschiedlicher Zeitbudgetstudien haben die Flexibilisierung des

Zeitbudgets in Bezug auf Hausarbeit durch den Einsatz von (Kommunikations-)

Techniken belegt. Während in den 1970ern „Hausfrauen“ noch etwa 60

Wochenstunden in die Hausarbeit investierten, so verringerte sich der Zeitaufwand

bis in die 1990er Jahre um etwa 20 Wochenstunden [Vgl. Brück, B. (1997)].

Dennoch frönten „Hausfrauen“, abgesehen von der ohnehin zunehmenden

Frauenerwerbsquote-, fortan nicht dem Müßiggang, sondern fanden ihren Einsatz

42


nun primär in anderen, besonders personenbezogenen Aufgabenbereichen, etwa

„der Kindererziehung, welche immer stärker reflektiert und pädagogisiert wurde. […]

[In der] Konsumarbeit, [in deren Brennpunkt zunächst Sparsamkeit stand, später

dann auch] komplexe Kenntnisse marktwirtschaftlicher und ökologischer

Zusammenhänge. […] [Darüber hinaus nahm] das Arbeitsvolumen im Bereich der

Altenpflege und -betreuung an Umfang deutlich zu.“ [S. Stiegler, B. (1993): S.8f.]“.

Der durchschnittliche familieninterne Arbeitsaufwand im Versorgungsbereich steht in

direktem Zusammenhang mit der Zahl der Kinder. Auch haben Kinder einen

„traditionalisierenden“ Effekt auf die partnerschaftliche Arbeitsteilung. Nicht nur dass

fortan die Frau beinahe selbstverständlich die Verantwortung für die Kinderbetreuung

übernimmt, sie erledigt auch deutlich mehr sachbezogene Hausarbeit als zuvor [Vgl.

Huinink, J., J., Röhler, H., K., A. (2005)]. Durch die sich ausdehnende Dauer des

Jugendalters, insbesondere durch die Verlängerung von Ausbildungszeiten,

expandierte auch die Zeitspanne der mütterlichen Betreuungsfunktionen [Vgl. Brück,

B. (1997)]. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung hat sich demnach zwar durch

„Technisierungs- und Rationalisierungsprozesse“ verschoben, verstärkte durch die

43


Ausgestaltung des Wandels aber die Neigung zur Delegation der (sachbezogenen)

Hausarbeit an familienexterne DienstleisterInnen.

Die Ergebnisse des Mikrozensus der Statistik Austria vom Jahr 2003 illustrieren die

geschlechtsspezifische Aufteilung der Versorgungsarbeit in Österreich: Bei

(heterosexuellen) Paarbeziehungen waren bei 57 Prozent der Fälle einzig die Frauen

für die Hausarbeit verantwortlich, vice versa waren in lediglich 1,3 Prozent der Fälle

die Männer zuständig. In Fragen der Kinderbetreuung und –erziehung war jede Dritte

„allein-erziehend“.

Berufstätige Männer brachten etwa sieben Stunden pro Woche für

Versorgungsarbeit- vier Stunden für Hausarbeit und drei Stunden für

Kindererziehung- auf, Frauen leisteten hingegen etwa 29 Wochenstunden in diesem

Bereich. Das wöchentliche Arbeitsaufkommen zwischen voll erwerbstätigen

PartnerInnen war 2003 wie folgt verteilt: Männer hatten durchschnittlich eine

wöchentliche Gesamtbelastung von 48 Stunden, Frauen arbeiteten im Schnitt 72

Wochenstunden“ [Vgl. Boloys, P. (2006)]. Die geschlechtsspezifische

44


Ungleichverteilung der Versorgungsarbeit wird besonders eklatant, wenn die Frau

„Vollhausfrau“, und der Mann voll erwerbstätig ist, am stärksten sind die Partner

vollerwerbstätiger Frauen an der Hausarbeit beteiligt, wenn auch in einem weit

geringerem Ausmaß. Dies mag teilweise an der Aufwertung vollberufstätiger Frauen

liegen, wodurch sie über eine bessere Aushandlungsbasis bei der Aufgabenteilung

verfügen [Vgl.: Brück, B. (1997)]. Teilzeiterwerbstätige Frauen sind jedoch häufig

trotz ihrer Berufstätigkeit alleine für die familieninterne Versorgungsarbeit zuständig–

so machte Eva Fleischer im Jahr 2002 für teilzeiterwerbstätige Mütter in Österreich

einen durchschnittlichen Arbeitsaufwand im Bereich der Versorgungsarbeit von mehr

als sechs Stunden pro Tag aus, bei ihren Partnern waren es im Schnitt zwei Stunden

täglich [Vgl. Fleischer, E. (2002)]. Leiden sie unter der „Doppelbelastung“ und fordern

zur Mitarbeit im Haushalt auf, wird ihnen im Gegenzug häufig nahe gelegt, ihre

Erwerbsarbeitszeiten zu reduzieren.

3.3. Minderbewertung von Versorgungsarbeit

In der Retrospektive auf diverse Forschungsergebnisse zum „Lebensmodell

Hausfrau“ rekapituliert Brigitte Brück (1997) aufschlussreiche Belege einer

systematischen Devaluation dieser „Lebensform“, welche die fortwährende

Anwesenheit und Disponibilität für andere perfektionierte und dafür gesellschaftlich

minder bewertet, ver- beziehungsweise missachtet wurde [Vgl. Brück, B. u.a. (1997)].

„Die Geschlechtsattributierung von Hausarbeit lässt sich als Sexuierung

beschreiben- hinsichtlich ihrer Bewertung wirkt sich die weibliche Konnotation

eindeutig negativ aus“ [S. Thiessen, B. (2003): S. 69]. Hausarbeit ist oft körperlich

anstrengend und geht stets mit einer Auseinandersetzung mit Abgewertetem einher,

denn Schmutz und Dreck sind als „relationales Kriterium innerhalb systematischen

Ordnens und Klassifizierens von Dingen die auf sozio-kulturelle Muster verweisen“

gesellschaftlich unerwünscht. [S. Ebd.]

Christoph Arn (2000) unterscheidet in seinem Befund über den „Mehrwert“ von

Hausarbeit fünf Erscheinungsformen der Minderbewertung eben dieser:

45


- Die unvorteilhafte Ausbildung von „Selbstbewusstsein“ bei Hausfrauen: Da

Hausarbeit hauptsächlich aus personenorientierter Arbeit besteht, ist der

Grad ihres Gelingens vom Zustand anderer abhängig, wodurch

Selbstpräsentation und -bestätigung durch eigene Leistungen in den

Hintergrund rückt.

- Der Ausschluss aus dem System üblicher Berufsqualifikationen: Bei der

Hausarbeit ausgebildete Fähig- und Fertigkeiten werden beinahe

vollständig aus dem Bildungssystem ausgegrenzt.

- Die Negation von Hausarbeit im Bruttoinlandsprodukt: Leistungen welche

nicht in diese Berechnung inkludiert werden, werden als erheblich weniger

bedeutend wahrgenommen.

- Die mangelnde/nicht-existente Entlohnung von Hausarbeit: Obgleich

Hausarbeit eine gesellschaftlich existenziell wichtige Funktion erfüllt, wird

sie oft unbezahlt vollbracht- ein Umstand der oft auch als „Ausbeutung“

bezeichnet wird.

- Der Ausschluss von Hausarbeit aus gängigen Vorstellungen von Arbeit:

Hausarbeit als „Nicht-Arbeit“ [Vgl. Arn, C. (2000): S. 7f.].

In der feministischen Debatte wurden, Arns Begrifflichkeit folgend, bei der

Auseinandersetzung mit Thema „Hausarbeit“ vor allem die „Ausgrenzung aus dem

Bruttoinlandsprodukt, die nicht-existente Entlohnung und die Ausgrenzung aus dem

Konzept „Arbeit““ kritisch hinterfragt. Die wesentlichen Argumente dieser Ansätze

sollen im Folgenden erläutert und in Zusammenhang mit der Frauenbewegung

kritisch dargelegt werden.

Eva Fleischer (2002) streicht in ihrer Argumentation etwa die Bedeutung des (neo-)

kapitalistischen Wirtschaftssystems heraus. Am Beispiel des Bruttoinlandsprodukts,

das alle bezahlten Güter und Dienstleistungen mit einschließt, zeigt sie die

Minderbewertung der nicht bezahlten Versorgungsarbeit auf der Makroebene auf.

Dem entsprechend „verteilt sich der Anteil an der Produktivität der Gesellschaft und

an den Einkommen ein zu zwei Drittel zwischen Frauen und Männern. […]

[Ausschlaggebend für die Bezahlung einer Arbeit ist] […] nicht die Art der Arbeit, nicht

die Verwertbarkeit, nicht die gesellschaftliche Notwendigkeit, auch nicht die

46


Belastung [, sondern einzig] wer die Arbeit leistet und die gesellschaftliche

Machtposition derer, die sie erbringen“ [S. Fleischer, E. (2002): S.9ff].

Weiters berechnet Fleischer anhand unterschiedlicher Modelle wie viel die

unbezahlte feminisierte Versorgungsarbeit tatsächlich „wert“ ist. So unterschiedlich

die Herangehensweise von Input-Bewertungen, Opportunitätsberechnungen und

Output-Bewertungen 22

sein mag, der Anteil der Frauen am erweiterten

22

Bei Input-Bewertungen werden eventuelle Mindestlöhne, Kollektivlöhne oder Löhne auf

„Spezialistinnen-Niveau“ als Orientierungspunkt heran gezogen. Die Opportunitätskosten

konstituieren sich durch den entgangenen, „möglichen“ Lohn, also durch Faktoren wie etwa

den vorangegangenen Ausbildungsgrad. Output-Modelle hingegen fragen nach dem

marktwirtschaftlichen Wert der privaten Dienstleistungen [Vgl. Fleischer. E. (2002): S. 10f.].

47


Bruttoinlandsprodukt beträgt demnach immer etwa die Hälfte (zwischen 45 und 55

Prozent). Die nicht existente Bezahlung von Versorgungsarbeit wurde/wird meist als

zentrales Merkmal der Minderbewertung von Versorgungsarbeit betrachtet. Die

Anerkennung von Arbeit wird in kapitalistischen Gesellschaften vor allem durch die

Entlohnung erkennbar, weshalb seitens der Frauenbewegung(en) oftmals im

Umkehrschluss eine Aufwertung von Versorgungsarbeit durch Bezahlung verlangt

wurde. Zur Jahrhundertwende ins zwanzigste Jahrhundert setzte sich die bürgerliche

Frauenbewegung vor allem für eine Professionalisierung sozialer Berufsfelder ein,

wobei sie erkennen mussten, dass sich keine gleichwertige gesellschaftliche

Positionierung dieser Berufe vollzog.

In der Folge forderten sie eine gesamtgesellschaftliche Aufwertung der feministierten

Versorgungsarbeit und formulierten auch die Forderung nach der Bezahlung

ebendieser. Zunächst war innerhalb der Debatte die Idee weit verbreitet, dass

Frauen eine Art Gehalt vom Ehemann erhalten sollten. Doch durch eine solche

Regelung hätte die ökonomische Abhängigkeit der meisten Frauen vom Ehemann

jedoch nicht unterbunden werden können. In den 1970ern wurde die Debatte um

Bezahlung von Versorgungsarbeit in Deutschland und Österreich neu entfacht 23 .

Dieses Mal sollte der Staat in die Pflicht genommen werden. Vor allem „marxofeministische“

24 Analysen der gesamtgesellschaftlichen Funktion der

Versorgungsarbeit für kapitalistische Gesellschaften leiteten das Postulat nach

Entlohnung ein, mit dem Ziel die Frauen aus ihrer isolierten Position als Hausfrauen

und ihrer damit eng verbundenen politischen Ohnmacht zu „befreien“ und ihre

ökonomische Souveränität vom Mann zu erreichen. Kritikerinnen erkannten jedoch,

dass dadurch Frauen weiterhin auf ihre Rolle als Hausfrauen fixiert würden. [Vgl.

Stiegler, B. (1993): S.15]. Vielmehr müsse „parallel dazu die Verantwortlichkeit der

Gemeinschaft für Versorgungsarbeit aufgezeigt werden und geeignete

Rahmenbedingungen geschaffen werden“ [S. Boloys, P. (2006)].

23

In den 1970ern beginnen sich im Kielwasser des feministischen Diskurses auch

WissenschaftlerInnen aus verschiedensten Perspektiven mit der Hausarbeit zu beschäftigen.

Sie betrachteten die Genesis der unterschiedlichen Elemente und Facetten der Hausarbeit

und unterscheiden sach- und personenbezogene Aktivitäten. Weiters machten sie

Ausprägungen der „einfachen Haushaltung“ und der „erweiterten Eigenproduktion“ aus,

analysierten die Bedeutsamkeit von Betreuungs- und Beziehungsarbeit und die Tätigkeiten

von Frauen in familieninterner Pflegearbeit. [Vgl. Brück, B. (1997)].

24

Vgl. dazu Scholz, R. (1999)

48


Besonders die marxistisch orientierten Arbeitstheorien wurden/werden jedoch wegen

des impliziten Ausschlusses von Versorgungsarbeit aus ihrem Konzept von Arbeit oft

harsch kritisiert - „[...] gäbe es keine Fabriken, hätte Marx die Frauen ganz

übersehen“, bemerkte etwa Christel Neusüß [Zitiert in Paula Boloys (2006)]. Barbara

Stiegler (1993) meint, in diesen Theorien würde „Hausarbeit als

„Reproduktionsarbeit“ herabgewürdigt- die Unterscheidung zwischen Re- und

Produktion [sei] selbst schon ideologisch, weil mit den produktiven Tätigkeiten der

mächtigere gesellschaftliche Wert verbunden [sei]- und Versorgungsarbeit auch oft

als naturhaft, überzeitlich und als geschichtlicher Festwert betrachtet [würde]“ [S.

Stiegler, B. (1993): S. 11ff.]. Dadurch werde jedoch, so Stiegler, die Tatsache

verkannt, dass Erwerbsarbeit in (neo-) kapitalistischen Gesellschaften ohne

Austausch mit der Hausarbeit gar nicht existent wäre.

Auch Rainer Bauböck (1991) begründet die Vergleichbarkeit von Haus- und

Erwerbsarbeit dadurch, dass zwischen ihnen eine enge Beziehung besteht, da sie in

eine sich gegenseitig ergänzende Arbeitsteilung integriert seien. Die Differenz sei

vielmehr darin begründet, wie sie in diesem Gefüge normiert würden [Vgl. Bauböck,

R. (1991): S. 25 f.]. Hausarbeit ist demnach im Unterschied zur Erwerbsarbeit aber

doppelt reguliert: „extern durch die Arbeitsteilung zwischen Haushalt und

Unternehmen, intern durch jene zwischen den Geschlechtern“ [S. Bauböck, R.

(1991): S. 28]. Auch heute negieren die meisten Arbeitstheorien feminisierte

Versorgungsarbeit hartnäckig in ihren Arbeitskonzepten. Rainer Bauböck (1991)

fragte hingegen in seiner Untersuchung nach den Ursachen des Ausschlusses von

Hausarbeit aus dem Arbeitsbegriff. Er thematisierte dabei die feministischmarxistischen

Argumentation der so genannten „Bielefelder Feministinnen“ 25 , welche

25

Maria Mies (1983), eine jener Bielefelder Feministinnen, beschäftigte sich insbesondere

mit der gesellschaftlichen Funktion der „Hausfrauisierung“ der Arbeit. Demnach ist die

Normierung der Hausfrauenrolle eine grundlegende strukturelle und ideologische Bedingung

dafür, dass Hausarbeit als „Freizeitbeschäftigung“ abgewertet werden konnte. Die

„Hausfrauisierung“ begreift Mies dabei als Resultat des Emporkommens des Kapitalismus

als dominante Wirtschaftsform. Weiters versteht Mies „Hausfrauisierung“ als einen historisch

gewachsenes Prozess, „der nicht nur eine Voraussetzung für die billigste Reproduktion der

Arbeitskraft, sondern auch ein Mittel zu ihrer politischen Entmachtung [darstellt]“ [Mies, M.

(1983) zitiert in Bauböck, R. (1991): S. 134]. Dem Differenzansatz entsprechend forderten

sie eine Höherbewertung der Hausarbeit, wobei sie geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im

Kapitalismus zwar als sozial konstituiert betrachteten, aber dennoch eine biologische Basis

49


die Negation der Versorgungsarbeit darin begründet sahen, dass „dieser

Arbeitsbegriff an einem Konzept orientiert sei, welches der Natur beherrschend und

aneignend gegenübertrete und nur eine instrumentelle Form der Bestätigung

gegenüber der Natur als Arbeit anerkenne“ [S. Bauböck, R. (1991): S. 134]. In

seinem Versuch die marxistische Arbeitstheorie unter Einbeziehung der Hausarbeit

zu erweitern, meinte Bauböck die Hausarbeit sei ebenso wie die Erwerbsarbeit im

kapitalistischen Wirtschaftssystem durch Entfremdung geprägt- „[...] die

Entfremdung der Hausarbeit liegt in der externen Zwecksetzung der Reproduktion

von Lohnarbeitskraft für den Arbeitsmarkt“ [S. Bauböck, R. (1991): S. 51].

Feminisierte Hausarbeit sei durch die „haushaltsexterne Zwecksetzung“ einerseits,

andererseits aber auch durch die „externe Zwecksetzung durch den Mann“ quasi

doppelt entfremdet.

unterstellten und somit eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern nicht grundsätzlich in

Frage stellten. Dennoch lässt sich aus den Schriften der Bielefelderinnen die grundlegende

These generieren, dass die Entstehung des kapitalistischen Systems einerseits aus der

Erhöhung der Produktivkraft der Erwerbsarbeit hervorgeht, andererseits aber auch auf der

Normierung der generativen Reproduktion der Gesellschaften basiert [Vgl. Bauböck, R.

(1991): S. 134].

50


Die Ausbeutung feminisierter Hausarbeit „ [...] [bestehe] darin, dass diese Arbeit

Reproduktionskosten der Lohnarbeit für das Kapital einspart.“ [S. Bauböck, R.

(1991): S. 51]. Schließlich sei Hausarbeit charakteristisch darauf ausgerichtet, dass

in den Anverwandten genau jene Dispositionen entwickelt und bewahrt werden,

welche für die Erwerbsarbeit von existentieller Bedeutung sind [Vgl. Bauböck, R.

(1991): S. 28]. „Das Private“, als Ort an dem Intimität ursprünglich durch feministierte

Hausarbeit als Ausgleich zur Entfremdung hergestellt werden soll, ist nach Bauböck

paradoxer Weise selbst mehrfach entfremdet. Er begreift Versorgungsarbeit dabei

aber lediglich als „Reproduktionsarbeit“, die durch „externe Zielsetzungen“ durch den

Nationalstaat, sowie auf Mikroebene durch „den Mann“ völlig durchdrungen wird, um

personellen Nachschub für das Wirtschaftssystem zu gewährleisten- widerständige

Bewegungen und sozialer Wandel sind aus seinem Theorem weitgehend

ausgeschlossen und wenn, dann nur in Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung

von außen initiiert denkbar.

Obgleich immer wieder wortwörtlich von „Ab- und Minderbewertung“ der

Versorgungsarbeit die Rede war, blieb in der marxo-feministischen Debatte „das

Verhältnis von Wertform der Ware und Geschlechterverhältnis auf der theoretischen

Meta-Ebene oftmals ausgeblendet. Der Wert wurde als geschlechtsneutrale

Kategorie und die geschlechtliche Hierarchie bloß als sekundäres oder paralleles

Verhältnis verstanden“ [S. Scholz, R. (1999)]. Roswitha Scholz (1999) begreift in

ihrem „Abspaltungs-Ansatz“ Wert und Geschlechterverhältnis als ein „dialektisch

vermitteltes Gesamtverhältnis“. Sie argumentiert, dass Wert, beziehungsweise

Anerkennung und Segmentierung beide als Aspekte einer geschlechtlichgesellschaftlichen

Gesamtrelation auseinander hervor gehen. Minderbewertete

Wesenszüge werden dabei „der Frau“ angehaftet und von der männlich-modernen

Individualität abgetrennt. Diese Wert-Abspaltung vollzieht sich prozessual. [Vgl.

Scholz, R. (1999)]. Jüngere Arbeitstheorien stellen teilweise die derzeitigen

Transformationen von Erwerbsgesellschaften, sowie die Brüche des fordistischen

Wohlfahrtsstaates 26 in ihr Zentrum. Sie fordern, im Gegensatz zu früheren marxo-

26

Der Begriff des Fordismus spielt auf Henry Fords Produktionsweise an, in der das Leben

der ArbeiterInnen sich rund die Fabrik organisieren sollte. „Was als erweiterte Fabrik gedacht

war, wurde auf die ganze Gesellschaft ausgebreitet. Lüscher (1988) unterscheidet in diesem

Zusammenhang zwischen dem "Fabrikfordismus" und dem "sozialen Fordismus". Die

"Integration der Konsumtion in den Zyklus der Kapitalreproduktion" (Lazzarato 1998)

51


feministischen Ansätzen, eine Reformulierung des Arbeitsbegriffes an sich. Birgit

Sauer (2006) etwa plädiert in ihren Ausführungen für einen geschlechtersensiblen

Ansatz, der mit geschlechterdemokratischen Erwägungen verquickt werden sollte.

Sauer begreift dabei Arbeit als „zentrales Medium gesellschaftlicher Teilhabe und

politischer Partizipation, […] der Zugang zur politisch-öffentlichen Sphäre und zu

politischer Beteiligung [ist demnach] ganz wesentlich an ökonomische Ressourcen

gekoppelt […]“ [S. Sauer, B. (2006): S. 54f.]. Aus einer „Geschlechterperspektive“ sei

Arbeit so zu definieren, dass nicht mehr nur am männlichen Lebenslauf orientierte

Vollzeit-Erwerbstätigkeit als gesellschaftlich wertvolle Arbeit wahrgenommen wird,

aus der einzig das Auskommen finanziert wird und auf deren Basis, als vermittelndes

Element zur „Individuierung“, Egalität gesichert wird.

Sauer fordert ein erweitertes Verständnis von Arbeit, welches die Beschränkung auf

Erwerbsarbeit hinter sich lässt, „Arbeit als ein politisches Feld 27 versteht und nach

einer Verbindung des Arbeitsbegriffs mit der „Neuerfindung“ geschlechtergerechter

politisch-demokratischer Strukturen und Institutionen [strebt]“ [S. Sauer, B. (2006): S.

56ff.]. Bedingung und Endzweck eines neuen Verständnisses von Arbeit muss nach

Notz die Enthierarchisierung von Arbeit sein. Eine sinnvolle Neukonzeption von

Arbeit beruht auf der Auseinandersetzung mit der „Lohnförmigkeit“ und den externen

Zielsetzungen der Arbeitsbedingungen der Erwerbsarbeit, so wie mit der

kommunikativen Isolation der Versorgungsarbeit. 28 Im Mittelpunkt einer

Neukonzeption von Arbeit muss dem entsprechend eine objektivere Aufteilung und

Entlohnung von Arbeit und die Wertsteigerung von personenorientierten

Erwerbstätigkeiten im tertiären Sektor stehen [Vgl.: Notz, G. (2004a): S. 140ff.]

bedeutete für die ArbeiterInnen die Zahlung hoher Löhne, aber auch die Absicherung der

Reproduktion außerhalb der Fabrik: durch die Bezahlung eines "Familienlohns" an den

Ehemann als Abgeltung für die gratis geleistete Hausarbeit und die Gewährung von

Sozialleistungen für die nicht produktiven Lebensphasen“ [S. Foltin, R. (2006)].

27

Vgl. hierzu auch Schlee, A. (2008)

28

Vgl. hierzu auch Notz, G. (2004b)

52


3.4. Partnerschaftliche Aufgabenteilung - „Mikro“Befunde

In den voran gegangenen Kapiteln wurde dargelegt, in welcher Form die traditionelle

innerfamiliäre Arbeitsteilung geschlechtsspezifisch strukturiert und ausgestaltet ist,

und auf welche Weise feminisierte Versorgungsarbeit gesellschaftlich minder

bewertet wird. Auch die möglichen psycho-sozialen Folgen wurden zumindest am

Rande erörtert. Weiters wurde ersichtlich, dass trotz verschiedenster Widerstände

und Forderungen von Seiten unterschiedlicher Frauenbewegungen seit

Jahrhunderten, eine Gleichheit der Arbeitsverteilung in heterosexuellen

Paarbeziehungen auch heute bei weitem keine von der Allgemeinheit gelebte

Realität ist. Dieser fortdauernde Umstand wirft viele Fragen nach dem „Warum“ auf,

und auch ebenso viele Hypothesen über mögliche Ursachen dieses Fortbestandes.

Zur Erhellung dieser grundlegenden Frage soll eine Zusammenfassung der

Ergebnisse jüngerer mikrosozialer Studien dienen, welche aufzeigen wie

Verteilungsdiskurse um Hausarbeit in heterosexuellen Beziehungen sinnbildlich für

das Verhandeln geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung stehen und welche

Lösungsstrategien angewandt werden [Vgl. Brück, B. (1997)].

Bereits Barbara Stiegler (1993) nahm in ihrer Analyse zur Zukunft der Hausarbeit die

Überlegung auf, dass Frauen unmittelbare und mittelbare Strategien entwickeln, mit

dem Zweck, die Belastung der alleinigen Verantwortlichkeit für unbezahlte

Versorgungsarbeit abzulehnen. [Vgl. Stiegler, B. (1993)]. Stiegler begreift dies als

bewussten Prozess, „[weshalb es] auch in den individuellen

Geschlechterbeziehungen Anzeichen für eine wachsende Spannung aufgrund der

ungerechten Verteilung der Arbeit gibt“ [S. Stiegler, B. (1993): S.5f.].

Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung ist demnach also auch in den

Paarbeziehungen ein reales Konfliktfeld geworden. Dieses Konfliktfeld wurde,

nachdem es zuvor vor allem quantitativ auf der Makroebene untersucht wurde,

allmählich auch für unterschiedliche qualitative Ansätze interessant.

Die Rhetorik des Aushandlungsprozesses der Hausarbeit scheint heute eher in

Richtung „Gleichbehandlung“ orientiert zu sein, wobei eine gerechte Aufteilung vor

allem von Frauen angestrebt wird. Bei unterschiedlichen Studien konnten Ergebnisse

53


generiert werden, welche besagen, dass bei den Untersuchten der „Glaube“ an eine

individuelle, partnerschaftsinterne Aushandlung nach persönlichen Fähigkeiten und

Prioritäten groß sei [Vgl. König, T., Maihofer, A. (2004) und Hiebinger, I. (2006)]. Doch

diese individuellen Präferenzen, nach denen die Arbeit aufgeteilt wird, sind

keineswegs geschlechtsneutral, noch sind sie individuell, sondern meist

geschlechterstereotyp.

Hochschild und Machung (1993) machten in ihrer Untersuchung geschlechtsspezifische

Strategien bei der Ausverhandlung der “häuslichen Pflichten“ aus.

Während Frauen „explizite Interaktionen“ als Strategie einsetzen, würden Männer

54


eher auf Taktiken wie Zusammenarbeit, Bedürfnisreduzierung, das Vorgeben von

angeblichen Unzulänglichkeiten, oder selektiven Beifall zur Arbeit der Frau zählen.

Frauen verfolgen nach Hochschild und Machung drei wesentliche Ziele beim

Aushandlungsprozess: Die stärkere Beteiligung des Partners, die Minimierung der

eigenen Tätigkeit und die Vereinbarkeit mit ihren anderen Aufgabenbereichen.

Um das Engagement der Männer bei der Hausarbeit zu steigern, setzen sie teils

direkt ihr Verhandlungsgeschick ein, andererseits setzen sie stereotype

Rollenzuschreibungen ein und mimen die Hilflosen. Die männlichen Strategien

bezwecken durchwegs- mit Ausnahme der Gemeinschaftsarbeit- eine Nicht-

Beteiligung an der Hausarbeit. Oft warten sie, bis ihre PartnerInnen sie in direkter

Konfrontation zur Mitarbeit „nötigen“, stellen sich unwissend/ungeschickt an, oder

beschenken ihre Frauen, um sich von der Hausarbeit loszukaufen [Vgl. Hochschild,

A., Machung, A. (1993)]. Die Milieustudie „Die Illusion der Emanzipation“ von

Koppetsch und Burkhart (1999) etwa erforschte die Effekte immanenter

Geschlechternormen auf die Aufteilung der Hausarbeit. Sie entwickelten eine

milieuspezifische Typologie unterschiedler „Paardynamiken“ bei der

geschlechtsspezifischen Aufgabenteilung: die AkteurInnen des

„hochindividualisierten Milieus“, bei welchen der Aushandlungsprozess vor allem

durch rationale Diskurse im Sinne der Gleichverteilung geprägt ist. Das

„familialistische Milieu“ orientiert sich besonders an der den emotionalen

Befindlichkeiten der AkteurInnen. Im „traditionellen Milieu“ hingegen wird die

häusliche Aufgabenteilung „in Form einer ritualisierten Praxis, die über

Körpersprache, Abgrenzung von Territorien und Austausch von Geschenken abläuft“

verhandelt [S. Huinink, J., J., Röhler, H., K., A. (2005): S. 36f.]. KritikerInnen des

Ansatzes beanstanden den a priori angenommenen engen Zusammenhang

zwischen dem Milieu und dem jeweiligen Gendercode.

Huinink und Röhler (2005) vertreten eine Konvergenz des Milieu- und

Interaktionskonzepts, bei dem sie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als

Ergebnis individueller Aushandlungsprozesse betrachten, mit denen die Basis für die

Konstruktion und Konservierung einer eigenen, mit Sinn „erfüllten“ Bezugnahme auf

den/die PartnerIn fortwährend erneuert wird [Vgl. Huinink, J., J., Röhler, H., K., A.

55


(2005): S. 109]. Ihre Forschungsergebnisse besagen, dass weibliche

„Bewältigungsstrategien“ bei der Ausverhandlung der Aufgabenteilung im Haushalt

eng mit dem „Ich-Ideal“ der Frau verbunden sind. Insgesamt betrachtet verwenden

Frauen, ihren Forschungsergebnissen folgend, eine Mischung aus primären und

sekundären Kontrollstrategien 29 , wobei sie aber stets versuchen Konflikte zu meiden.

Je nach der Stärke ihres „Autonomieideals“ differieren die Erwartungshaltungen an

die Verteilung der Hausarbeit. Die Forderung nach eigener Souveränität kann auch

dazu führen, dass seitens der Frau letztlich generell Erwartungen an andere

verweigert werden. Diese Erwartungslosigkeit kann als Voraussetzung für die

spätere Anwendung sekundärer Kontrollstrategien gelten. Die Frauen merkten

jedoch eine größere Anzahl an Unstimmigkeiten zwischen ihrem „Ich-Ideal“ und ihrer

realen Lebenssituation an als ihre Partner. Unzufrieden waren die befragten Frauen

vor allem mit den abweichenden Ansichten ihrer Partner hinsichtlich der

Haushaltsführung, der vom Mann geäußerten Kritik an der Art und dem Umfang ihrer

Beteiligung an der Hausarbeit, den eigenen Leistungen und mit der mangelnden

Erledigung der Hausarbeit durch den Partner.

Die negative Beurteilung der Leistung durch den Partner, welche ihrem oft gehegten

Ideal von Autonomie entgegen gesetzt ist, wird von den Frauen häufig als Attacke auf

ihre gesamte Persönlichkeit gewertet. Im Gegenzug versuchen viele Frauen sich

dem Wünschen des Partners anzupassen und seinem Idealbild zu entsprechen,

werden ärgerlich oder machen sich über ihn und seine Vorstellungen lustig. Konflikte

werden einhellig beigelegt, in dem sich die Frauen den Erwartungen ihres Partners

anpassen. Oft neigen sie dazu seine Haltung als persönliches Manko, welches sie

individualisiert erdulden, sich jedoch davon distanzieren, zu verharmlosen. Wehren

sich die Frauen aber gegen die Forderungen ihres Partners, „chronifizieren sich die

Auseinandersetzungen und eine latente Spannung bleibt bestehen“ [S. Huinink, J.,

J., Röhler, H., K., A. (2005): S. 217]. Ist die Frau aber mit der Beteiligung des Mannes

unzufrieden, verrichtet sie die entsprechenden Arbeiten letztlich selbst, meist kann

29

„Sekundäre Kontrollestrategien“ sind bei Huinink und Röhler als Anpassung der eigenen

Erwartungshaltung an die realen Begebenheiten beschrieben. Primäre Kontrollstrategien

hingegen „haben das Ziel, die Diskrepanz zwischen Erwartungen und Realität der häuslichen

Arbeitsteilung durch Änderung der Realität zu beseitigen“ [S. Huinink, J., J., Röhler, H., K., A.

(2005): S. 213].

56


sie den Partner nur ab und zu dazu bringen den Haushalt zu erledigen [Vgl. Huinink,

J., J., Röhler, H., K., A. (2005): S. 214ff.].

„Die Strategien der Frauen sind offenbar nicht sehr erfolgreich“, konstatiert Stiegler

[S. Stiegler, B. (1993): S.6]. Dieser „passive Widerstand“ und die konsequente

Weigerung der Männer ein Mehr an Hausarbeit zu übernehmen ziehen letztendlich

weitreichende Konsequenzen nach sich: die Hausarbeit, als die am wenigsten

emotionalisierte Form der Versorgungsarbeit, wird aufgrund der nicht vollzogenen

Arbeitsteilung im Privathaushalt oftmals privat an Dritte delegiert- nicht selten handelt

es sich bei den „LückenbüßerInnen“ um Migrantinnen. Auch die Ergebnisse jüngerer

Untersuchungen weisen auf den Umstand hin, dass durch die zunehmende

Erwerbstätigkeit von Frauen vermehrt Hausarbeit an familienexterne Dritte

abgegeben wird, was „zwar innerhalb der Paarbeziehung zu einer weniger

geschlechtstypischen Aufteilung führen kann, die Geschlechtstypik häuslicher

Arbeitsteilung gesellschaftlich aber reproduziert, da bezahlte Dienstleistungen im

Haushalt in der Regel von Frauen angeboten werden“ [S. Huinink, J., J., Röhler, H.,

K., A. (2005): S. 103].

57


Im Wesentlichen zeichnen die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen

Untersuchungen zur geschlechtsspezifischen Hausarbeitsteilung m. E. ein Bild der

Reproduktion traditioneller Normen. Um so mehr erstaunt zunächst der Umstand,

dass sich die Paare auf diskursiver Ebene, und hier besonders Frauen, häufig

gleichzeitig an egalitären Konzepten orientieren. In einem höchst individualisierten

Diskurs werden die Aufgaben letztlich aber meistens entlang traditioneller

Geschlechtsrollen aufgeteilt, oder eben an Dritte abgegeben.

58


4. Wohlfahrtsstaatliches Geschlechterregime (Lena Rheindorf)

Die relativ beharrliche Kontinuität der Geschlechterbilder und ihrer Ausprägung in der

geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Erwerbsarbeits- und Privatbereich beruht

auf ihrer Institutionalisierung im Kontext wohlfahrtsstaatlicher Geschlechter-Diskurse,

wobei Praxis und Diskurs einander wechselseitig bedingen.

Der Begriff des Wohlfahrtsstaats bezeichnet die in den Verfassungen, Gesetzen und

Verordnungen festgeschriebene Pflicht des Staates, im Bereich der

Einkommenssicherung, der Gesundheit, der Bildung und der Wohnmöglichkeiten zu

intervenieren, um der Bevölkerung weitgehend soziale Sicherheit zu gewährleisten,

sowie soziale Egalität und Fairness hinsichtlich der gesellschaftlichen Teilhabe und

der Lebenschancen der/des Einzelnen herzustellen. Dementsprechend stellt

wohlfahrtsstaatliche Politik einen „zentralen Vergesellschaftungsmodus“ dar, der

dafür Sorge zu tragen hat, dass annähernde Chancengleichheit zwischen den

StaatsbürgerInnen besteht. „Der moderne Wohlfahrtsstaat wird dabei nicht nur als

„materieller Unterbau“ formaler Demokratien und deren Institutionen verstanden, da

er die Realisierung staatsbürgerlicher Beteiligungsrechte gewährleistet, sondern

auch als Ausdruck der Humanität von Gesellschaft definiert, die den Menschen

unabhängig von ihrem „Marktwert“ Lebensqualität ermöglicht“ [Vgl. Dackweiler, R.

(2004): S. 210f.].

Die britische Sozialpolitikforscherin Jane Lewis (1997) macht drei wesentlichen

Haupteinkommensquellen von Frauen in modernen Wohlfahrtsstaaten fest: Männer,

den Arbeitsmarkt und den Staat. Während des 20sten Jahrhunderts verstärkte sich

die Unfreiheit (un-)verheirateter und kinderloser Frauen von staatlichen Bezügen, so

Lewis. Zum einen entstand eine vertikal und horizontal verlaufende

„geschlechtsspezifische Segregation“ des Arbeitsmarktes, zum anderen blieben

Frauen weiterhin hauptsächlich für die Versorgungsarbeit zuständig. „Historisch

betrachtet ist entscheidend, dass wohlfahrtsstaatliche Fürsorge für Frauen synonym

ist mit „Geben“ in Form von bezahlter und unbezahlter Fürsorgearbeit und mit

„Nehmen“ im Sinne von Empfangen von sozialstaatlichen Leistungen. Die Art, wie

Frauen gesellschaftlich positioniert sind, als Klientinnen, als bezahlte und unbezahlte

59


Fürsorgerinnen, hat viel mit der Ausprägung des einzelnen Wohlfahrtsstaates zu tun“

[S. Jane Lewis (1997): S. 67ff.].

Um verschiedene wohlfahrtsstaatliche Ausprägungen hinsichtlich der darin

enthaltenen Geschlechterregime 30

vergleichen zu können, lehnte sich die

vergleichende feministische Wohlfahrtsstaatsforschung zunächst an das

grundlegende Theorem Gosta Esping-Andersens (1990) an. Esping-Andersen

unterschied drei Wohlfahrtsstaatstypen nach ihrem jeweiligen Grad an

„Dekommodifizierung“ 31 : das liberale Regime, welches durch die Vorrangstellung des

Marktes geprägt ist, in dem die Interventionen des Staates von einer Prüfung der

Bedürftigkeit abhängig sind und es spärliche und schwer zugängliche

Transferleistungen gibt. Das konservativ-korporistische Wohlfahrtsregime- darunter

fällt unter anderem auch Österreich- welches vor allem Wert auf die Beibehaltung

von Statusunterschieden durch geringe Umverteilungseffekte legt. Soziale Rechte

und Zuwendungen werden durch den Staat reguliert, wobei die Systeme der sozialen

Sicherung mit dem Status am Arbeitsmarkt in engem Zusammenhang stehen. Dem

Subsidiaritätsprinzip entsprechend handelt der Staat vor allem dann, wenn die

familiären Unterstützungsmöglichkeiten im Privaten nicht mehr ausreichen. 32 Im

30

„Gender regime refers to a set of norms, values, policies, principles and laws that inform

and influence gender relations in a given polity. A gender regime is constructed and

supported by a wide range of policy issues and influenced by various structures and agents,

each of whom is in turn influenced by its own historical context and path“ [S. MacRae, H.

(2006): 524f.]. Es scheint bis dato keine universell-gültige Definition des Begriffs

“Geschlechterregime” zu geben. Es scheint bis dato keine universell-gültige Definition des

Begriffs “Geschlechterregime” zu geben. Der Begriff deutet zunächst, laut der

Politikwissenschaftlerin Brigitte Young (1998) auf institutionalisierte Verfahren- in Form von

Normen, Gesetzen und Maximen- des vergeschlechtlichten Herrschaftssystems hin. Weiters

beruht der Begriff auch auf den Werken des australischen Soziologen Robert Connells

(1990) und dessen Annahme, „dass Staatsapparate durch jeweils eigene hegemoniale

Geschlechterregime strukturiert sind, welche sich entlang der Arbeitsteilung der

Geschlechter, der Struktur der Macht und der Interaktionsformen der Geschlechter

verdichten“ [S. Paulus, S. (2008)].

31

Gemeint ist damit „die Verteilung nicht-marktförmiger Mittel durch den Wohlfahrtsstaat mit

dem Ziel, für den einzelnen eine Emanzipierung von der Marktabhängigkeit zu erreichen.

Diese ist dann realisiert, wenn eine Person ihren Lebensunterhalt erhalten kann, ohne auf

den Markt angewiesen zu sein“ [S. www.uni-potsdam.de].

32

„Die Trennung von privater und öffentlicher Sphäre, mit der einseitigen Zuständigkeit des

Sozialstaates für den öffentlichen Sektor, wird durch das Subsidaritätsprinzip

aufrechterhalten Das Subsidaritätsprinzip sieht vor, dass Sozialleistungen nachrangig, nach

privaten und familiaren Hilfeleistungen, beansprucht werden können. Damit bleiben Fragen

der Existenzsicherung aus Familienarbeit ein privates Problem und die Leistungen, die

Frauen in den Familien erbringen, unsichtbar“ [S. Veil, M. (1997): S. 89]. „In der Realität wirkt

60


sozialdemokratischen Regime erlangt der universelle Zugang zu den, durch Steuern

finanzierten Systemen der sozialen Sicherung seine höchste Ausprägung. Doch das

Theorem Esping-Andersens blieb gewisser Maßen blind gegenüber der latenten

„Familienerhalter-Ideologie“ der Wohlfahrtsstaaten. Geschlechterstereotype

Repräsetationssysteme bringen, so der Argumentationsgang der feministischen

Wohlfahrtsstaatsforschung, „geschlechterkulturelle Wohlfahrtsstaatsmodelle“ hervor,

die Frauen die Verpflichtung zur Versorgungsarbeit übertragen und auch die

geschlechtsspezifische Arbeitsmarktsegregation lenken. Durch diesen

Analysezugang wurden Familienmodelle erkennbar, „die im Wechselverhältnis zu

anderen gesellschaftlichen Institutionen, etwa den jeweiligen industriellen

Beziehungen und spezifischen „Geschlechter-Arrangements“ politischer Akteure und

deren Aushandlungsprozessen, stehen“ [S. Dackweiler, R. (2006): S. 94ff.]. Das

wichtigste Unterscheidungskriterium bei der Analyse der wohlfahrtsstaatlichen

Geschlechterregime wird somit der Grad der Ungebundenheit der Frauen sowohl von

einem männlichen Ernährer, als auch von „marktvermittelter“ Beschäftigung.

Unterschieden wird im wesentlichen zwischen dem male-breadwinner-Modell,

welches Frauen familialisiert und höchst traditionalisierend wirkt, von einem

gewissermaßen „idealisierten“ individual-Modell, welches zu ihrer Individualisierung

durch wirtschaftliche Emanzipation beisteuert und dadurch zu tendenziell egalitären

Geschlechterverhältnissen [Vgl. Dackweiler, R. (2006): S. 94ff.].

Für stark familialisierende Wohlfahrtsstaatsregime gilt also Familienarbeit nach wie

vor als privat und unentgeltlich, quasi als „stille Voraussetzung für einen Sozialstaat,

dessen Leistungen einseitig an Erwerbsarbeit knüpfen. Der Sozialstaat spart Kosten

bei der Kinderbetreuung und im Schulsystem, Männern wird der Rücken für ihr

berufliches Fortkommen freigehalten“ [S. Veil, M. (1997): S. 89]. Frauen die

entsprechend ihrer Geschlechterrolle vor allem für die Versorgungsarbeit zuständig

sind und auch entsprechend positioniert sind, befinden sich in großer Abhängigkeit

sich dieses Prinzip so aus, dass die Grenze zwischen öffentlicher und privater Zuständigkeit

für die Erfüllung psychischer und sozialer Bedürfnisse je nach ökonomischer Situation und

politischem Willen verschoben werden kann. Es wird umso mehr Arbeit in den privaten Raum

geschoben, je leerer die öffentlichen Kassen sind. Das Mehr an Belastungen hängt

vornehmlich weiblichen Personen an, da sich Männer in der Regel weder als Verwandte

noch als Gesellschaftsmitglieder für Kinder, Krankheiten oder alte Menschen zuständig

fühlen“ [S. Stiegler, B. (1993)].

61


von „männlichen Ernährern“. Erst wenn in einem solchen Falle hierzulande der Mann

als Ernährer ausfällt, dann zeigt sich der Staat dazu bereit zu intervenieren.

AlleinerzieherInnen gelten etwa als deviant, als Abweichung von der Norm, deren

Mängel durch monetäre Leistungen des Staates kompensiert werden sollen. „Die

Auswirkungen des Rückzugs des Staates von der Finanzierung sozialer Aufgaben

treffen insbesondere alleinerziehende Frauen und Frauen aus der Unterschicht: Bei

ihnen kumulieren Einkommensdefizite mit Netzwerkdefiziten, dass heißt sie können

teure Dienstleistungen nicht bezahlen und können gleichzeitig am wenigsten auf

private Unterstützungsleistungen zurückgreifen“ [S. Stiegler, B. (1993): S.13f.]. Auch

auf der Mikroebene beweist sich dieser Zusammenhang- je kleiner das Budget der

privaten Haushalte, desto höher das Ausmaß der unbezahlten Hausarbeit durch

Frauen, etwa in Form längerer Einkaufswege zu Billig-Läden oder der vermehrten

„Selbstversorgung“ mit Kleidung und Nahrung. [Vgl. Stiegler, B. (1993)].

Das traditionelle Familienmodell vom männlichen Ernährer scheint heute auf die realexistenten

partnerschaftlichen Lebensmodelle nicht mehr zuzutreffen, weshalb

gegenwärtig oft von einem „Adult Worker Model“, Zwei-Ernährer-, oder auch

DoppelversorgerInnenmodell die Rede ist- ein Modell, welches aber die

geschlechtsspezifischen Implikationen der Arbeitsteilung, wie etwa den

unterschiedlichen Arbeitsmarktzugang, oder den Faktor Versorgungsarbeit häufig

außer Acht lässt.

Auf Basis der Erkenntnis, dass das Handeln wohlfahrtsstaatlicher Geschlechterregime

sich im Spannungsverhältnis zwischen Familialisierung und Individualisierung

bewegt, unterscheidet Jane Lewis (2001) sechs Muster der Arbeitsteilung: Das

traditionelle Ernährermodell, in dem der Mann Vollzeit beschäftigt ist und die Frau

alleine die Versorgungsarbeit leistet. Eine Form des DoppelversorgerInnenmodells,

in welcher der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit beschäftigt ist, wobei die

Verantwortlichkeit für die Versorgungsarbeit vor allem bei der Frau liegt. Eine andere

Version des DoppelverdienerInnenmodells, bei der sowohl Frau als auch Mann in

langer Teilzeit beschäftigt sind, wobei die Versorgungsarbeit von

Familienangehörigen unter Einbeziehung von öffentlichen und privaten

Betreuungseinrichtungen geleistet wird.

62


Ein weiteres DoppelversorgerInnenmodell, in dem Mann und Frau in Teilzeit

beschäftigt sind und sich die Versorgungsarbeit aufteilen. Ein Doppelkarrieremodell,

in dem beide in Vollzeit berufstätig sind und die Versorgungsarbeit hauptsächlich

vom Markt in Verbindung mit öffentlichen Institutionen und sozialen Einrichtungen

erbracht wird. Und schließlich ein EinzelverdienerInnenmodell, in welchem eine

Alleinerziehende in Voll- oder Teilzeit berufstätig ist und die Versorgungsarbeit

hauptsächlich von Verwandten in Verbindung mit öffentlichen Institutionen verrichtet

wird [Vgl. Dackweiler, R. (2006): S. 98f.].

Gabriele Winker (2007) unterscheidet auf Grundlage empirischer Befunde auf der

Mikroebene drei Familientypen jenseits des Ernährermodells hinsichtlich ihrer

geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und ihrer arbeitsmarkttechnischen Situation:

Das „ökonomisierte Familienmodell, welches dadurch gekennzeichnet ist, dass es

zwei ErnährerInnen gibt, die mindestens über einen Durchschnittslohn verfügen. […]

Die Grenzen zwischen Beruf und Familie verschwimmen und Überstunden sind an

der Tagesordnung. Da staatliche Erziehungs- und Betreuungsangebote nur bedingt

zur Verfügung stehen, werden die Reproduktionstätigkeiten verstärkt von

haushaltsnahen Dienstleisterinnen übernommen, […] häufig wird auch auf

illegalisierte Migrantinnen zurückgegriffen“ [S. Groß, M., Winker, G. (2007): 37ff.].

Die verbleibende Hausarbeit wird von den Frauen erledigt. Im „prekären Modell“ ist

nur maximal eine Person Vollzeit-berufstätig, wobei das Gehalt nicht mehr dazu

ausreicht den durchschnittlichen Lebensstandard zu halten. Der/die PartnerIn steht

als ZuverdienerIn in einem prekären Beschäftigungsverhältnis, meistens handelt es

sich dabei um die Frau. Noch problematischer ist die Situation im

„subsistenzorientierten Familienmodell“: Hier stehen, aufgrund der mangelnden

finanziellen Mittel, temporäre Strategien zur Befriedigung der Grundbedürfnisse im

Zentrum des Alltagslebens. Die geringen finanziellen Mittel bewirken oft eine

Exklusion aus gesellschaftlichen Teilbereichen. Hier nähern sich die Geschlechter,

was die Erwerbstätigkeit angeht, einander an, wobei die Versorgungsarbeit den

Frauen obliegt. [Vgl. Groß, M., Winker, G. (2007): 39f.]. Doch wie gestaltet sich das

Geschlechterregime in Österreich aus? Welche Modelle kommen hier konkret zum

Tragen und wie beeinflusst diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf der

gesellschaftlich-ökonomischen Markoebene die Egalitätsbestrebungen von Frauen?

63


4.1. Das österreichische Geschlechterregime

Besonders Regina-Maria Dackweiler hat sich durch ihre Ausarbeitung des

„widersprüchlich modernisierten Geschlechter-Diskurses“ in Österreich verdient

gemacht, indem sie den Einfluss ideologisch-politischer Traditionslinien auf das

österreichische Geschlechterregime analysierte. Hierbei kombinierte Dackweiler die

Analyse des österreichischen Geschlechter-Diskurses mit der Betrachtung des

Zusammenspiels von Beständigkeit und Veränderung der Geschlechterpolitik und

einer politikfeldübergreifenden Analyse. Demnach handelt es sich im Falle

Österreichs um einen konservativ-korporatistischen, ehebezogen-patriarchalen

Wohlfahrtsstaat, der sich seit seiner Entstehung an „geschlechterdifferenzierender

Ordnungsvorstellungen, die ihrerseits von der geschlechtsspezifischen Trennung von

Erwerbs- und Versorgungsökonomie herrühren“, orientierte. Durch das

Sozialsicherungssystem – etwa in Form von Familien- oder Arbeitsmarktpolitik –

wurde seit dem ausgehenden 19ten Jahrhundert ein „modernes, aber

64


herrschaftsförmiges Geschlechterverhältnis“ institutionalisiert, das bis heute in den

politischen Institutionen fortwirkt. 33 „Hierüber verlieh der Wohlfahrtsstaat der

hierarchischen Geschlechterordnung in Produktion und Reproduktion ein materiales

Fundament. Zugleich waren die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen der bevorzugte

Ort der Hervorbringung eines auf Leitbildern beruhenden Diskurses zur Ordnung der

Geschlechter“ [S. Dackweiler, R. (2005): S. 79].

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand zunächst die selektive

Armutsbekämpfung im Vordergrund wohlfahrtsstaatlicher Überlegungen, vereinzelte

Programme – etwa die Pensionsversicherung für bestimmte Berufsstände und die

Ladenschlußregelungen – prägten die sozialpolitischen Bemühungen 34 . Während des

ersten Weltkriegs waren regressive Maßnahmen für das wohlfahrtsstaatliche

Schalten und Walten kennzeichnend, in der ersten Republik wurden die staatlichen

Sozialleistungen hingegen sukzessive ausgeweitet. Die zunehmende Verbindung

sozialer Sicherheit mit der Erwerbsarbeit für den männlichen Arbeiter, die

gleichzeitige Zuteilung unbezahlter Wohlfahrtsarbeit zu Frauen und die, „auf der

wohlfahrtsstaatlichen Ver- und Zuteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit

beruhende soziale Stratifikation der Geschlechter, lenkten die fortschreitende

Institutionalisierung sozialer Staatsbürgerrechte auch in der Ersten Republik“. [S.

Dackweiler, R. (2003): S. 82f.]. Immer wieder wurde die Entwicklung eines

umverteilenden Wohlfahrtsstaats in Österreich durchbrochen, etwa durch den

Austrofaschismus oder den Nationalsozialismus. Während dieser Perioden wurden

33

Die Grundzüge des auf „Austrokeynesianismus“ und „Austrokorporatismus“ basierenden

Wohlfahrtsstaates entstanden im Kontext eines interessenspolitischen Richtungswechsels

während der Konstitutionsphase gesamtstaatlicher Wohlfahrtspolitik im ausgehenden 19ten

Jahrhundert. „Orientiert an der politisch-ideologischen Tradition des klerikalen

Konservatismus und der katholischen Gesellschafts- und Volkswirtschaftslehre stellt die

beginnende Institutionalisierung dieser Interessen zunächst in den Systemen sozialer

Sicherung und der Arbeitspolitik das Fundament des spezifischen österreichischen

Geschlechterregimes als ein Geschlechterdifferenz-Diskurse und polare

Geschlechterleitbilder konstruierender Wohlfahrtsstaat.“ [S. Dackweiler, R. (2003): S. 80f.]

34

„Ausgerichtet an dem im deutschen Reich unter Reichskanzler Bismarck zwischen 1883 bis

1889 geschaffenen Pflichtversicherungssystemen gegen die Risiken Alter, Invalidität und Tod

des „Familienernährers“ legte die Regierung Taaffe (1879-1893) mit der Kranken- und

Unfallversicherung das Grundmuster des an Erwerbsarbeit geknüpften

Sozialversicherungssystems Österreichs“ [S. Dackweiler, R. (2003): S. 80f.]. Zugleich

brachte sie im Kontext einer geschlechterdifferenzierenden Arbeitsgesetzgebung die Basis

für die Umsetzung des „Ernährermodells“ sowie der von ihm abhängigen Ehefrau in

Österreich hervor.

65


isherige sozialpolitische Leistungen und Maßnahmen vornehmlich restriktiv

gestaltet, gleichzeitig warfen die Katholisch-Konservativen Kohlen in den

Geschlechterdifferenz-Diskurs, in dem sie forderten, dass erwerbstätige Frauen

wieder „ihren Platz in der Familie“ einnehmen sollten.

Die Orientierung von sozialer Sicherheit an der Erwerbstätigkeit des Mannes, der

geschlechtsspezifische Zusammenhang von Staat und Familie bei der

Wohlfahrtsproduktion, die beruflichen Barrieren für Frauen am Arbeitsmarkt und die

damit zusammenhängende „Schichtung“/Hierarchisierung der Geschlechter, die

einen Geschlechterdifferenzdiskurs formierten und diesen bis in die Gegenwart

sicherten, blieben auch in der zweiten Republik maßgebliche „Steuerungsprinzipien“

österreichischer Wohlfahrtspolitik [Vgl. Dackweiler, R. (2003)]. In der zweiten

Republik scheint die Herausbildung der österreichischen Sozialpolitik weitaus

konsistenter zu verlaufen: „Bei allen inhaltlichen Differenzen und Konflikten zwischen

den entscheidungsrelevanten politischen und gesellschaftlichen Akteuren ist die

Sozialpolitik nach 1945 durch die Fortführung zentraler Prinzipien [aus dem] 19ten

Jahrhundert bestimmt gewesen und ist seit den 50er Jahren durch einen

beträchtlichen Ausbau gekennzeichnet, der bis in die 70er Jahre hinein reichte.“ [S.

Talos, E., Fink, M. (2002): S. 2ff.].

Seit den 1970er Jahren reformierten sich in Österreich die Institutionen hinsichtlich

der Ausformung der materiellen Ordnung des Geschlechterverhältnisses und auch

des Diskurses. Während der Kreisky-Ära gab es Besserungen im Ehe- und

Familienrecht und auch im Sozialsicherungssystem die sich positiv auf Frauen

auswirkten, an der Logik des Geschlechterregimes wurde aber nicht gerüttelt. Seit

Ende der 80er Jahre wurde in den Großkoalitionen von SPÖ und ÖVP die

„Arbeitsmarktintegration“ von Frauen im Zusammenhang mit einer

traditionalisierenden Familienpolitik, die „geschlechterhierachisierenden

Arbeitsteilung konserviert“ verquickt. Dadurch kollidieren erwerbsarbeitsvermittelnde

Strategien der Individualisierung 35 von Frauen mit familialisierenden Politiken, woraus

35

Der neoliberale Staat zieht sich immer mehr zurück und weist die Verantwortung für die

Existenzsicherung den einzelnen Individuen zu. „From welfare to workfare“ ist ein Konzept,

das soziale Leistungen bei Arbeitslosigkeit oder Bedürftigkeit zusehends an einen

„Arbeitswillen koppelt. Soziale und ökonomische Problemlagen werden individualisiert,

andererseits beschränkt sich das Arbeitsangebot auf „Gemeinwesensarbeit“, die keine

66


sich zahlreiche inhärente Widersprüche in den Diskursen um das

Geschlechterverhältnis im „Kontext von Frauen anhaltend strukturell

benachteiligenden Regelungen und Maßnahmen“ feststellen lassen [S. Dackweiler

(2005): S. 79f.]. Basis für die Fortsetzung dieser ehezentrierten Prinzipien

wohlfahrtsstaatlichen Handelns „bildet zum einen die spezifische Gestalt des Neo-

Koporatismus, zum anderen die hegemoniale politische Kultur der

„Konkordanzdemokratie“ 36 [Dackweiler, R. (2003): S. 84f.].

Der „Geschlechtermonismus“ 37 und der Männer-bündische Charakter der

essentiellen Einrichtungen des österreichischen Regimes brachten, bei sich

synchron etablierender Gleichstellungspolitik begleitet von übernationalen

Egalitätsanforderungen, die Diskrepanzen der österreichischen Geschlechterpolitik

und des in diesem Zusammenhang erschaffenen Geschlechter-Diskurses hervor. Die

Institutionen erzeugen demnach durch gesetzte Policies 38 Geschlechter-Diskurse, die

gleichzeitig geschlechterdifferenzierend und egalisierend argumentieren. Das daraus

entstandene „Wissen über die Geschlechter-Wirklichkeit“ oszilliert nach Dackweiler

(2005) zum gesellschaftlichen Deutungsmuster, an dem sich die Alltagshandlungen

der Menschen in Bezug auf die Geschlechter orientieren.

Eingliederung in den Arbeitsmark zur Folge hat“ [S. Boloys, P. (2006)]. „Entsprechend den

dominierenden neoliberalen Prinzipien soll der Wohlfahrtsstaat „postindustrieller“

Gesellschaften zukünftig weder „kompensatorische“, also Nachteil ausgleichende, noch

„emanzipatorische“, also auf die Befreiung und Ausgrenzung von sozialen Gruppen

gerichtete Ziele verfolgen, sondern verstärkt „kompetitorisch“ wirken“ [S. Dackweiler, R. M.

(2008): S. 512f.]

36

Unter Konkordanzdemokratie ist eine Art der Volksherrschaft zu verstehen, in der

möglichst viele AkteuerInnen – etwa Verbände oder Parteien- durch Konsensbildung die

politischen Beschlüsse mitbestimmen [Vgl. Meingast, S. (2007)].

37

Als Monismus wird im Allgemeinen eine philosophische Position bezeichnet, nach der sich

alle Vorkommnisse und Phänomene auf ein zentrales Prinzip zurückführen lassen. In diesem

Fall ist die Rückführung auf das Prinzip der „natürlichen Geschlechterungleichheit“ gemeint

[S. www.uni-protokolle.de].

38

„Während Gender Regime auch die soziale Praxis einschließt, bezieht sich Gender Policy

Regime nur auf die Ebene politischer Regulierung“ [S. Betzelt, S. (2007): S. 11]. Unter Policy

wird also ein Komplex an Regelungen und Maßnahmen in konkreten Politikfeldern

verstanden.

67


4.2. Der politische Protest –Gesetzesinitiative „Ganze Männer machen

Halbe/Halbe“

Die Strukturen eines Geschlechterregimes können auf individueller Ebene nur bis zu

einem gewissen Grad neutralisiert werden. Die Kämpfe einzelner Frauen sind

diesbezüglich auf die Durchsetzung gesellschaftspolitischer Strategien angewiesen,

die eine Veränderung der Geschlechterordnung in Richtung Geschlechteregalität 39

bezwecken. Bei diesen Strategien handelt es sich „ […] um Konzepte, die auf eine

Verlagerung der Arbeiten aus dem Privaten in einen wie auch immer gestalteten

öffentlichen Raum ausgerichtet sind“ [S. Stiegler, B. (1993): S.6]“.

Eine solche Strategie verfolgte auch der Novellierungsentwurf der ehemaligen

Frauenministerin Helga Konrad von der SPÖ, welcher 1995 an den Diskurs über eine

39

Geschlechteregalität und die Selbstbestimmung von Frauen waren vom 19ten Jahrhundert

an stets elementare Forderungen der abendländischen Frauenbewegungen. Diesbezüglich

war das Verhältnis von Frauenbewegungen und dem Wohlfahrtsstaat immer schon von

Spannungen und Widersprüchen geprägt. Der Wohlfahrtsstaat ist zum einen das Objekt

feministischer Kritik, denn seine Leistungen orientierten sich von Beginn an männlichen

Erwerbsbiographien, während die erwerbsarbeitende Frau und „Versorgerinnen“ aus seinem

Konzept ausgeschlossen wurden. Zum anderen beinhaltete die feministische Kritik immer

auch die Annahme „dass „frauenfreundliche“ wohlfahrtsstaatliche Politiken die

Geschlechterverhältnisse im privaten wie öffentlichen Raum demokratisieren könnten“ [S.

Kahlert, H., Kupfer, A. (2005): S. 9f.]. Seit Mitte der 1990er Jahren befassen sich

feministische Forscherinnen verstärkt mit der Beziehung von demokratischen Strukturen und

ökonomischer Differenz. Zu den bedeutendsten Vertreterinnen zählen etwa Nancy Fraser,

Iris Marion Young, Carol Pateman und Anne Phillips [Vgl. Sauer, B. (2006): 64ff.]. Frasers

(1996) Modell der „universellen Betreuungsarbeit“ fordert einen „gerechten Wohlfahrtsstaat“,

der Hunger, Ausbeutung, Unterdrückung und Androzentrismus bekämpft, sowie gleiche

Entlohnung, Freizeit und Anerkennung zu seinen zentralen Grundprinzipien macht. Weiters

sollte der Wohlfahrtsstaat weibliche Lebensmuster zum normativen Leitbild erheben um

Männer verstärkt dazu zu bringen, „die Verantwortung für Versorgungsarbeit zu tragen“ [S.

Beckmann, S. (2005): S. 43]. Pateman beschäftigte sich als Erste mit der

geschlechtsspezifischen Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit in Demokratien

und bemängelte, dass dadurch die Partizipationsbestrebungen von Frauen unterminiert

würden. Auf dieser Basis entwarf die das Konzept einer „partizipatorischen Gesellschaft“.

Young entzündete Anfang der 1990er Jahre den Diskurs um „Gruppenrepräsentation“, indem

sie argumentierte, dass abgesehen von Frauen auch viele andere gesellschaftlich nichtdominante

Gruppen von politischer Partizipation defacto ausgeschlossen seien. In der von

Young geforderten „Politik der Differenz“ sollten die Unterschiede zwischen den Menschen

bereichernd wirken. Phillips hingegen verlangt sich von der Idee einer homogenen Einheit

die repräsentiert werden soll zu lösen. In einer „Politik der Präsenz“ soll die Spannung

zwischen Identitätspolitiken und der gleichzeitigen Exklusion von Frauen zunächst

„aushalten“, um diesen Ausschluss stetig zu dekonstruieren. Die zahlenmäßige Partizipation

allein reiche nicht aus um eine defacto Beteiligung zu ermöglichen, eine fokussierte

Beschäftigung mit „Frauenthemen“ sei nötig [Vgl. Sauer, B. (2003)].

68


Novellierung des Bundes-Verfassungsgesetzes durch Johanna Dohnal anschloss.

Anhand dieser Strategie soll erkenntlich werden, wie eine direkt an der privaten

geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ansetzende staatliche Gesetzesinitiative zur

Herstellung von annähernder Geschlechteregalität in den öffentlichen Diskurs

einging. Die Diskussion um die regulative Maßnahme „Ganze Männer machen

halbe/halbe“ offenbart die Ausgestaltung der kursierenden konkurrierenden

familialisierenden und individualisierenden Diskurse um die Aufgabenteilung im

Privaten in Österreich in den 1990ern, sowie den diesbezüglichen politischen

Aushandlungsprozess der unterschiedlichen Fraktionen [Vgl. Dackweiler, R., M.

(2003)].

Konrads Ziel war es zunächst, den Gleichheitsgrundsatz zum Vorteil von weiblichen

BewerberInnen im öffentlichen Dienst zu verändern, um dadurch eine „de facto-

Gleichstellung der Geschlechter neu zu formulieren, dass heißt deren

Verfassungskonformität zu verankern“ [S. Dackweiler, R. (2003): S. 138f.]. Der

Novellierungsentwurf des Gleichbehandlungsartikels wurde in der öffentlichen

Debatte vielfach verzerrend und harsch kritisiert. Besonders von juristischer Seite,

aber auch seitens der Bundesfrauenkonferenz des ÖGB wurde der Vorstoß Konrads

angegriffen. „Im Kontext der von ÖGB-Frauen in Erinnerung gebrachten Fakten zur

geschlechterhierarchisierenden Arbeitsteilung in der Privatsphäre sowie der von

Wirtschaft und Juristen formulierten Reaktionen auf ihren Vorschlag einer

Verfassungsänderung als gleichstellungspolitische Maßnahme, die an der

Erwerbssphäre anzusetzen suchte, knüpfte Konrad an Überlegungen ihrer

Vorgängerin Dohnal zur Reformierung reproduktionsbezogener gesetzlicher

Regelungen an und brachte erneut den Entwurf einer Novellierung des Ehe- und

Familienrechts auf die Regierungsagenda“ [S. Dackweiler, R. (2003): S. 139].

Bei der öffentlichen Präsentation des Frauenberichts 1995, aus dessen Ergebnissen

die Ungleichstellung von Frauen hervorging, leitete Konrad die Dringlichkeit einer

Gesetzesänderung ab und betonte dabei die bewusstseinsverändernde Funktion der

Veränderung für eine Geschlechteregalität. Der Gesetzesentwurf sah unter anderem

vor, dass Verheiratete einander zur Leistung eines „partnerschaftlichen Beitrags zur

Erfüllung gemeinsamer Bedürfnisse“ verpflichtet seien, und somit beide an der

69


gemeinsamen Haushaltung und Versorgungsarbeit, unter Berücksichtigung der

jeweiligen beruflichen Belastung, Anteil haben müssten. Es war auch vorgesehen,

dass mangelnde partnerschaftliche Beteiligung an der gemeinsamen Lebensführung

als Scheidungsgrund Legitimität erhält. Auf Konrads Präsentation des Entwurfs folgte

eine breite mediale Diskussion, in der zum einen die wirtschaftliche und soziale

Benachteiligung der Frauen beipflichtend kommentiert, zum anderen die Strategie

durch gesetzliche Interventionen in die Arbeitsteilung im Privaten eingreifen zu

wollen, um dadurch Besserungen im Erwerbsarbeitsbereich zu erreichen, scharf

kritisiert wurde. Das Gegenargument war hier vor allem, dass das Private eine vor

politischen Eingriffen geschützte Sphäre darstelle. Diese Logik wurde vor allem von

Seiten der ÖVP, der FPÖ, den meisten SPÖ-Männern, aber auch von Teilen des LIF

kolportiert. Hier kommt das bürgerliche Staatsverständnis zum Ausdruck, in dem

benachteiligende Strukturen, die dem angeblich vor staatlichen Eingriffen zu

schützenden Privatraum zugeschrieben werden, durch die geschlechtsspezifische

Arbeitsteilung im Umkehrschluss legitimiert werden. „Erhebliches Gewicht hatte in

der politischen Debatte das Denkmuster des Familialismus, also der Argumentation,

die mittels eines ideologisierten Familienverständnisses im Namen des Gemeinwohls

auftritt, tatsächlich aber auf die Verfestigung von Geschlechterhierarchie hinausläuft“

[S. Steger- Mauerhofer, H. (2007): S. 89f.]. Frauenministerin Konrad wehrte sich

zwar wiederholt gegen derartig verkürzte Darstellungen ihres Entwurfs, stellte aber

1996 selbst in ihrer Kampagne „Ganze Männer machen Halbe/Halbe“, von der sie

sich eine durschlagende Bewusstseinsveränderung erwartete, sachbezogene

Hausarbeit ins Zentrum „einer gleichstellungspolitisch gewünschten Normierung der

partnerschaftlichen Umverteilung unbezahlter Arbeit zwischen den Geschlechtern“

[S. Dackweiler, R. (2003): S. 142].

Die diesbezüglichen TV-Spots wurden von Ende 1996 bis Anfang 1997, gestoppt

durch Konrads Nachfolgerin Prammer (SPÖ), im Vorabendprogramm des ORF

ausgestrahlt. Konrad wollte eine egalitäre Aufteilung der Versorgungsarbeit nicht als

gönnerhafte Geste einiger weniger Männer darstellen, sondern als Basis einer

gelebten Demokratie innerhalb der persönlichen Beziehungen. Die ehemalige

Frauenministerin erklärte, sie wolle „mit ihrer Kampagne demokratisches Verhalten in

Form der gemeinsamen Verantwortung für familiäre Rechte und Pflichten

70


provozieren, um die reflexhafte Zuweisung von Versorgungsarbeit an Frauen

aufzubrechen“ [S. Dackweiler, R. (2003): S. 143]. Die öffentlichen Reaktionen und

Kommentare reichten von „peinlich“, „überflüssig“ bis „sinnlos“. Auch die Kosten der

Werbespots wurden bemängelt, hauptsächlich in den gängigen österreichischen

Boulevard-Zeitungen. Die KritikerInnen zeichneten das „Schreckensbild“ eines

Zwangs zum Putzen für Männer, oder der Kontrolle im Privaten durch

„HausarbeitskontrolleurInnen“. Konrad wurde außerdem vermehrt vorgeworfen, an

den „eigentlichen Bedürfnisse“ der Mehrheit der Frauen vorbei zu agieren. Von

politischer Seite bekam Konrad nur von einigen weiblichen Mitgliedern der SPÖ, des

LIF, der Grünen und der Frauenvorsitzenden der Gewerkschaft für Privatangestellte

Unterstützung. Selbst Mitglieder ihrer eigenen Partei, aber vor allem der ÖVP

benutzten öffentliche Medien um ihrem Vorstoß eine Abfuhr zu erteilen. Kurz nach

der SPÖ-Klubklausur von 1997, auf der sie noch einmal versuchte UnterstützerInnen

zu finden, musste Konrad im Rahmen der allgemeinen Regierungsumbildung

verursacht durch den Rücktritt Vranitzkys, von ihrem Amt zurück treten. Ihre

Nachfolgerin Barbara Prammer stoppte sofort die „Ganze Männer machen

Halbe/Halbe“-TV-Spots und machte bekannt, ihre Arbeit vor allem auf die

„Arbeitswelt von Frauen“ konzentrieren zu wollen, selbst wenn dies nicht Teil des

Zuständigkeitsbereichs des Ministeriums sei, so Prammer.

Dennoch forcierte Prammer weiterhin eine Novellierung des Ehe- und

Familienrechts, wenn auch erheblich zahnloser, und präsentierte ihren Entwurf zu

Beginn des Jahres 1998. In ihrem Konzept wurde die Aufteilung der

Versorgungsarbeit ebenso ausgespart wie der Begriff „partnerschaftlich“, vielmehr

sprach Prammer „von einer einvernehmlichen Neugestaltung der ehelichen

Lebensgemeinschaft“. Im darauf folgenden Jahr kam es tatsächlich zur

Gesetzesänderung, die vor allem Besserungen im Ehe- und Scheidungsrecht

brachten. Der Entwurf konnte also erst dann durchgesetzt werden, als bestimmte

Begrifflichkeiten mit starker Signalwirkung vermieden wurden und die mediale

Debatte um ihn allmählich verstummte, wobei es denkbar ist, dass ohne die quasi

vorbereitende heftige Diskussion um Konrads Novellierungskonzept auch Prammers

Entwurf nicht durchsetzbar gewesen wäre. [Vgl. Steger- Mauerhofer, H. (2007)].

71


4.3. Der supranationale Einfluss der EU

Trotz der teilweise sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Geschlechterregimes

der EU-Mitgliedsstaaten entstand, durch das Engagement „kleiner

Politikfeldnetzwerke auf Gemeinschaftsebene“, doch auch so etwas wie eine

autonome, independente und supranationale Geschlechterpolitik der Union. Die

tradierten und oft differenten Geschlechterbilder verankern teilweise

hierarchisierende Strukturen in der Sozial- und Familienpolitik, andere Staaten

setzen sich mit der geschlechtsspezifisch segregierenden Arbeitsmarkt- und

Sozialpolitik kritisch auseinander. In diesen Mitgliedsstaaten sind „die

Geschlechterbeziehungen sowohl in der politischen Regulation als auch in der

gesellschaftlichen Praxis im Vergleich nur noch schwach hierarchisch“ [S. Fuhrmann,

N. (2005): S. 259]. So oder so steht die Entfaltung der Geschlechterpolitik auf

nationaler Ebene im historisch gewachsenen Kontext der real existenten

Institutionen, Gesetze und Handelnden und ist geprägt von „den Mechanismen

politischer Konkurrenz. Die Politik der supranationalen Ebene hingegen ist

beeinflusst vom Input einer internationalen Fachöffentlichkeit, mit einer sehr kurzen

historischen Entwicklung, mit den Verhandlungspositionen der Regierungen ihrer

Mitgliedstaaten sowie der Europäischen Frauenlobby“ [S. Fuhrmann, N. (2005): S.

260f.].

In der keynesianischen 40 Periode der europäischen Wohlfahrtsstaaten wurde

Geschlechterpolitik auf EU-Ebene nur nebensächlich behandelt. Geschlechteregalität

wurde als Nebenschauplatz der Arbeitsmarktpolitik aufgefasst, supranationale

Interventionen in die Geschlechterpolitik der Mitgliedsstaaten waren die Ausnahme.

Fortschritte wurden vor allem durch die „Richtlinienpolitik der 1970er Jahre“ und

Urteile des Europäischen Gerichtshofs erzielt. In der derzeitigen

postkeynesianischen Ära 41 hat das Modell vom männlichen Familienernährer auch

40

Dem Keynesianismus zu Folge muss der Staat in wirtschaftliche Belange eingreifen, um

die Nachfrage global zu beeinflussen, da hier das Selbstregulativ der Wirtschaft versagt [Vgl.

Reinhold (2000): S. 328f.]. „Der keynesianische Wohlfahrtsstaat war für die Stabilisierung der

Konsumnachfrage und die Erweiterung der sozialen Rechte für den Durchschnittsbürger

ausschlaggebend, dem erstmals der Zugang zu Konsumgütern ermöglicht wurde“ [S. Young,

B. F. (1999): S.3].

41

In der postkeynesianischen Phase wird der Regulierungsapparat des Wohlfahrtsstaates

sukzessive abgebaut. Ein Teil seiner Regulierungsfunktionen gibt er dabei an AkteurInnen

72


aufgrund des hohen Wunsches nach gesteigerter Erwerbsmobilisierung ausgedient.

„Daher wird nun eine Geschlechterpolitik praktiziert, die der Erwerbsmobilisierung

von Frauen dienlich ist, wozu auch der Ausbau des Dienstleistungssektors gehört“

[S. Fuhrmann, N. (2005): S.260]. Durch die Umorientierung hin zu einem

DoppelverdienerInnenmodell kam es zu einer „Regulierungslücke“, die seit Mitte der

1990er Jahre durch das Konzept des „Gender Mainstreaming“ zu schließen versucht

wird. Gender Mainstreaming bezweckt die Inklusion der Chancenegalität in allen

politischen EU-Konzepten und Maßnahmen, ebenso wie die Verpflichtung aller

Mitgliedsstaaten zu dieser Verhaltensmaxime. Doch die Schwammigkeit des

Begriffes bewirkt, dass unter „Gender Mainstreaming“ oft sehr unterschiedliche

Interpretationen in den Organisationen bestehen. Zum einen können durch „Gender

Mainstreaming“ zwar Fragen der geschlechtsspezifischen Machtverteilung und der

Arbeitsmarktsegregation neu behandelt werden, andererseits „gibt es keinerlei

Automatismus, dass das "Mainstreaming" einen neuen Schub in der

Gleichstellungspolitik fördert, weil diejenigen, die den neuen Politikansatz umsetzen

müssten noch weitgehend männlich besetzt sind und keinerlei Sanktionen drohen,

wenn die neue "strategische Priorität" schlecht oder nur unbefriedigend umgesetzt

wird“ [S. Schunter-Kleemann, S. (2003): S.22ff.].

Wöhl (2007) argumentiert, dass in der postkeynesianischen Ära die Gesetzmäßigkeit

der wirtschaftlichen Konkurrenz die Parameter für politisches Handeln in der EU

bestimmt. Durch Gender Mainstreaming, so Wöhl, würden feministische Kenntnisse,

in ihrer Realisation innerhalb der Arbeitsmarktpolitik auf so genannte

„Markterfordernisse“ abgestimmt, mangels Alternativen den neoliberalen

Erneuerungsprozess der EU fördern. Dadurch werden zum einen Restrukturierungen

der Geschlechterpolitiken marktförmig begünstigt, zu anderen aber auch

althergebrachte Geschlechterbilder reproduziert. „Die Tatsache, dass Gender

Mainstreaming in [...] als neoliberale Regierungstechnologie des Staates und

suprastaatlicher Geschlechterpolitiken wirkt, führt zu einer selektiven Modernisierung

der Geschlechterverhältnisse“ [S. Kunze, C. (2008): S.155f].

der Privatwirtschaft ab. „Hauptaufgabe des postkeynesianischen Staates ist die Herstellung

von Bedingungen, unter denen die Unternehmen im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig

sind, nicht die Umverteilung des Reichtums zugunsten sozialer Gerechtigkeit“ [S. Frers, L.

(1998)].

73


5. Häusliche Arrangements aus der Perspektive der Intersektionalität

5.1. Intersektionalität – Die Kategorien der Ungleichheit (Andrea Stoick)

Formen der gesellschaftlichen Ungleichheit vollziehen sich an unterschiedlichen,

sozial konstruierten Achsen, wobei sich die Intersektionalitätsforschung vor allem auf

die Achsen Klasse (class), Geschlecht (gender) und Ethnizität (race) fokussiert, die in

Wechselwirkung zu einander stehen. Klinger und Knapp definieren die

gesellschaftliche Ungleichheit als ein durchgängiges und prägendes Merkmal der

modernen Gesellschaft, das funktional ist, das „systemischen und systematischen

Charakter besitzt“ [S. Klinger, C.; Knapp, G.A. (2007): S.20], dessen Funktionalität

sich aber nicht ohne weiteres angeben lässt. In Ablösung der alten Hierarchien

schaffen diese Merkmale gesellschaftliche Ungleichheit, wie auch Gleichheit, sind

Ursache und Auslöser für Aus- und Abgrenzung, für Zugehörigkeitsgefühle und

Differenz.

5.1.1. Intersektionalität

Intersektionalität ist ein Begriff aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum und greift

oben genannte Trias (gender, race, class) auf und beruht auf den diversen Spezifika,

die durch die Schnittpunkte (intersection) dieser Kategorien entstehen [Vgl. Kubisch,

S. (2008)]. 42 Die Trias der Intersektionalität gewährt der Forschung einen

integrativeren Zugang innerhalb der Ungleichheitsforschung, da wie Klinger und

Knapp reflektieren, der soziologische Ungleichheitsdiskurs die Kategorie Geschlecht

immer wieder vernachlässigt, so wie im feministischen Diskurs die Klasse zu wenig

Raum findet. Die Perspektiven der Ungleichheit bewegen sich jedenfalls nicht nur

zwischen oben und unten, sondern auch zwischen drinnen und draußen.

Intersektionalitätstheorie geht auch von der Gleichzeitigkeit der Wirksamkeit von

„Geschlecht, Ethnie und Klasse“ aus, respektive deren Wechselwirkungen. Diese

Gleichzeitigkeit gilt auch für die Ebenen des Individuums und der Interaktion: „Race,

42

Zwar beruht dieser Forschungszweig stark auf den spezifischen gesellschaftlichen

Entwicklungen angloamerikanischen Raumes, kann jedoch mit entsprechender Sensibilität

auch im europäischen Raum Anwendung finden. [S. Klinger, C.; Knapp, G.A. (2007): S.21]

74


gender and class are salient characteristics of each individual that accompany the

individual into every interaction or experience“ [S. Landry, B. (2006): S. 11]. Zwar

beruht dieser Forschungszweig stark auf den spezifischen gesellschaftlichen

Entwicklungen angloamerikanischen Raumes, kann jedoch mit entsprechender

Sensibilität auch im europäischen Raum Anwendung finden [Vgl. Klinger, C.; Knapp,

G.A. (2007)].

Die Kategorien Geschlecht und Ethnie haben in ihrer wissenschaftstheoretischen

Historie in den letzten Jahren eine Entnaturalisierung erlebt, sodass sie im

intersektionalen Diskurs mit der Kategorie Klasse überhaupt erst verglichen werden

können: „Nur indem >>Rasse>Schicksal


(2007) S.105] Durch rassistisch-sexistische Praktiken wird auch eine dichotome

Hierarchie unter den Werktätigen geschaffen, wie Kronsteiner ausführlich darstellt:

Frauen bekommen weniger bezahlt als Männer, AusländerInnen weniger als

InländerInnen, Schwarze weniger als Weiße. Sozioökonomische Machtverhältnisse

zwischen Männern und Frauen oder zwischen als „Rasse“ konstruierten

Menschengruppen werden auf deren physiologische Beschaffenheit zurückgeführt,

und es kommt zu einer einseitigen Bewertung und zu einer Hierarchisierung der

etablierten Unterschiede [...]“ [S. Kronsteiner, R. (2008) S.27] Beide Ideologien,

Rassimus, wie Sexismus schließen also Menschen auf Grund von scheinbaren

physiologischen Gegebenheiten aus, diese soziale Ausgrenzung wiederum bewirkt,

dass diese Menschen leichter auszubeuten sind und trotzdem sie am Rande der

Gesellschaft stehen oder in prekären Verhältnissen leben, als Arbeitskräfte leicht

einsetzbar sind, wobei an dieser Stelle darauf hingewiesen sein soll, dass die

ausschließliche Viktimisierung von MigrantInnen als Opfer rassistischer und

sexistischer Diskurse in der Mehrheitsgesellschaft zu kurz gegriffen und zu einseitig

ist, das heißt zu paternalistischen Perspektiven auf MigrantInnen und/oder zu einer

Reproduktion einer Marginalisierung von MigrantInnen in öffentlichen Diskursen

führen kann.

5.1.2. Ethnizität

Martin Sökefeld beschreibt in seiner Arbeit zu den Begriffen von Ethnizität, Rasse,

Kultur und Minderheit, Ethnizität als eine mögliche Abbildung von Differenz, da sie

durch die Differenz von Menschen untereinander definiert wird [Vgl. Sökefeld. M.

(2007)], wobei er Differenz als von Menschen gemacht interpretiert, also die Aktivität

bei der Etablierung von Unterscheidungen betont. Rasse, Nation und Kultur sind

Kategorien, die diese Unterscheidung möglich machen und erfassen.

Sökefeld begreift Ethnizität „[...] als ein weites, generelles Konzept, das diesen

Kategorien übergeordnet ist, [...]“ [S. Sökefeld, M. (2007) S.32], des Weiteren betont

er auch die schwere Abgrenzung dieser Kategorien untereinander. Feischmidt

wiederum beschreibt „[...] Ethnizität als Erfahrung von Gemeinsamkeiten und im

Zusammenhang mit sozialen Verhältnissen und Interaktionen [...]“ [S. Feischmidt, M.

76


(2007) S.52)]. Ethnizität ist somit ein wichtiges Strukturmerkmal sozialer Ungleichheit

und nutzt der Politik in neoliberalen Staatsgefügen zunehmend als zentrales

Kriterium der Abgrenzung zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen

Dazugehörenden (Wir-Identität) und Ausgrenzten. „Ethnizität bezeichnet heute

innerhalb von Österreich das Verhältnis zwischen „unmarkierter“ (deutschsprachiger

und primär katholisch geprägter) Mehrheit, so genannten alteingesessenen

Minderheiten (slowenisch-, kroatisch-, ungarisch-, tschechischsprachigen, jüdischen

Minderheiten, Roma), und so genannten neuen Minderheiten (MigrantInnen der

ersten Generation und nachfolgender Generationen)“ [S. Gingrich, A. (1998) S.102

In: Kronsteiner, R. (2008) S.18) Die Ausgegrenzten wiederum entwickeln mit der Zeit

eine eigene Wir-Identität bzw. Gruppensolidarität, die sich in Abgrenzung von den

Zuschreibungen der Mächtigen entwickelt.

Die Gesetzgebung nützt ihrerseits ethnische Begründungen zur Definition eines

Regelwerkes der Migration – erlaubte und unerlaubte Migration [Vgl. Greve, D.

(2007)]. Der Zugang zu Ressourcen, zum Arbeitsmarkt etc. wird gesetzlich geregelt

und bestimmt damit die Partizipationsmöglichkeiten von MigrantInnen. Die

Regulierung und Illegalisierung von MigrantInnen bewirkt, wenn man/frau wiederum

die intersektionale Trias miteinbezieht, eine zusätzliche Verschiebung auf der Achse

der Klasse, es entsteht eine eigene „Schicht“ in der Gesellschaft, Menschen die

flexibel sind, unter prekärsten Bedingungen leben, über wenig Rechte und

Ressourcen verfügen und wenig Zugang zu Bildung haben. Diese können in wenig

angesehenen, schlechtest bezahlten und ungeschützten Bereichen eingesetzt

werden [Vgl. Greve, D. (2007)]. „Es kommt zu politischen Konstruktionen von

Ethnizität, die nicht bzw. nur partiell auf Herkunft sich gründen, vielmehr primär aus

der Konkurrenz um gleiche Lebenschancen entstehen“ [S. Beck-Gernsheim, E.

(1999) S.52-53 In: Kronsteiner, R. (2008) S.19] .

Nationalstaaten sind also Gebilde, sie sich durch Ausgrenzung „Anderer“ und

„Fremder“ definieren. Wer drinnen und wer draußen ist, bestimmen nationalstaatliche

Grenzen. Die Exklusion der Anderen führt im Zusammenhang mit Migration zu einem

grundlegenden Konflikt, da der Mensch, der den Fuß über die Grenze eines Landes

setzt, diese Exklusion geografisch überwindet und doch nicht Teil des Gefüges der

77


Nation sein kann und soll. Sökefeld beschreibt das Konzept der Ethnizität als in der

Reaktion auf die gescheiterte (in den USA prolongierte) Annahme, dass

EinwanderInnen sich mit der Zeit assimilieren und ihre „kulturellen“ Eigenarten

ablegen, entstanden. Ethnizität, so Sökefeld bezeichnet in diesem Zusammenhang

das Festhalten an vormodernen und nicht-rationalen (oder gar irrationalen)

Orientierungen: >>ethnische Gruppen>Tradition>noch


drückt sich andererseits aber auch in habitualisierten und institutionalisierten Formen

von Grenzmarkierungen aus, die Fremdheit und Nicht-Zugehörigkeit anzeigen.

Margarete Jäger unterscheidet zwei unterschiedliche Konzepte der Ethnisierung und

differenziert zwischen politisch-rassistischen und ethnozentrischen. Das politischrassistische

Konzept definiert sie als ‚statische’ Ethnisierung. Hier würden Menschen

oder Menschengruppen natürliche Eigenschaften zugeschrieben. Das

ethnozentristische Konzept schreibt jedoch kulturelle Eigenarten zu und wird von

Jäger als ,dynamische’ Ethnisierung bezeichnet. Kulturelle Merkmale sind solche, die

wandelbar sind. Darunter liegt wiederum die Forderung nach Integration, also nach

der Veränderung der eigenen, von außen zugeschriebenen Eigenschaften, die in

einem ethnozentristischen Konzept sehr wohl als veränderbar charakterisiert werden.

Diese dynamische, ethnozentrische Ethnisierung verbirgt sich häufig hinter dem

Mantel des Verständnisses für „andere Kulturen“. Dieses „Wissen“ über andere

impliziert bereits wieder eine Hierarchisierung und damit Abwertung und

Ausgrenzung der zu Verstehenden [Vgl. Jäger, M. (1996)]. Das politisch-rassistische

Konzept hingegen impliziert unveränderliche physischen Eigenschaften, die nicht

veränderbar und naturgegeben sind. „>>Rasse


Empfänger, als normiertes, geprägtes Wesen auffasst. 44 Sökefeld setzt sich mit dem

Kulturanthropologen Franz Boas auseinander, der zwar die Pluralität der Rassen

durch die Pluralität der Kulturen ersetzte, somit die biologische Determinante

zurückstellte, hingegen die Kultur, als etwas gewachsenes und erlernbares, jedoch

auch sehr Wirkmächtiges bezeichnete [Vgl. Sökefeld, M. (2007)]. Diese von Boas

begründeten Kulturanthropologie liegt das heute alltagsgebräuchliche Konzept zu

Grunde, dass jeder Mensch einer Kultur angehöre, diese ihn/sie determiniere, präge,

forme und von anderen unterscheide. Dadurch wird das Andere zum Fremden und

das Zusammentreffen von Fremden ist in sich bereits als problematisch zu sehen.

Wo früher „Rasse“ das bestimmende und legitimierende Instrument kolonialistischer,

nationalistischer und nationalsozialistischer Argumentation war, so ersetzt der

Kulturbegriff dieses heute weitgehend. Wesentlich dabei ist es auch anzumerken,

das der Begriff der Kultur nicht nur in nationalen, politisch rechten

Ausgrenzungsdiskursen die wesentliche Grundlage bildet, sondern auch in linken

Multikulturalismus-Positionen.

Kultur wird als kulturelles Erbe verstanden, das so stark ist, dass man ein Leben lang

davon beeinflusst und geprägt ist, es wird über die Generationen weitergegeben und

ist unvertauschbar. Sökefeld führt damit treffend zu dem Umstand, dass damit die

politisch geforderte „Intergration“ von MigrantInnen sich selbst ad absurdum führt,

denn ist Kultur primordial, also ursprünglich und gewachsen, so können sich

MigrantInnen auch aus dieser Ursprünglichkeit und Festgeschriebenheit heraus nicht

in eine andere Kultur integrieren. Somit wird nicht nur die Ausgrenzung legitimiert,

sondern auch die Festschreibung der ethnisch anderen, die zwischen den Kulturen

zerrissen dargestellt werden, etwas rückständig, auf jeden Fall prämodern und in

sich bereits problematisch [Vgl. Sökefeld, M. (2007)]. H. Lutz benennt diesen

kulturalistischen Zugang als „neuen“ Rassismus: „Der wichtigste Unterschied

zwischen dem "alten" und dem "neuen" Rassismus besteht sicherlich darin, dass

44

Kronsteiner beschreibt in diesem Zusammenhang die Geschichte des Begriffes

„Kultur“, beginnend mit dem deutschen Afrikaforscher Leo Frobenius (1873 bis

1938). Dieser prägte den Begriff vom Kulturkreis und untersuchte einzelne

Kulturelemente auf Ähnlichkeiten und Unterscheidungen mit dem Ziel Kulturen

graduell zu typologisieren und zu unterscheiden. [Vgl. Kronsteiner, R.(2008)]

80


keine höher stehenden "Menschenrassen" mehr konstruiert werden, sondern dass

man davon ausgeht, dass Menschen aus anderen Kulturen sich von uns

unterscheiden, eben "anders" sind. Dabei wird ein deutlicher Unterschied gemacht

zwischen "unserem" westlichen Lebensstil und dem Lebensstil der "Anderen". […]

die aufgeklärte Kultur des westlichen Abendlandes, zeichnet sich angeblich durch

ihre Individualität und Rationalität […] aus. Dagegen wird am Lebensstil der Fremden

vor allem deren kollektive Organisationsform betont.“ [Lutz (2006) S.7]

Kulturalisierung und Ethnisierung wirken sich demnach auf die soziale Wirklichkeit

von Migrantinnen in vielfältiger Weise aus. So bedingt die Ausgrenzung einen

beschränkten Zugang zu Ressourcen, der dadurch produzierte Randgruppenstatus

bedingt wiederum Ausgrenzung, Bildungsferne und Unterschichtszugehörigkeit, und

das bis in die zweite und dritte Generation hinein.

5.1.5. „Ethnische“ Identität

Identitätskonzepte werden von zwei wesentlichen Perspektiven her diskutiert, der

primordialen und der konstruktivistischen. Die primordiale Perspektive nimmt

nationale und ethnische Identitätsbildungsprozesse als das „Natürliche –

Ursprüngliche“ Prinzip an, etwas, das von Grund her gewachsen ist, die Basis bildet

und ist wesentlich mit dem Essentialismus verknüpft, der die Wesenheit von

ethnischen Gruppen und Nationen voraussetzt, die historische Kontinuität aufweisen

und sich kaum oder nur langsam verändern. Essentialistisch sind u.a. auch

Rassentheorien zu betrachten, die Rasse als biologisch bzw. genetisch bedingt

ansehen. Im Gegensatz dazu steht der Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass

Identitäten, Nationen, Ethnien soziale Konstrukte sind. Diese Konstrukte bewirken

jedoch sehr wohl Wirklichkeit und führen zu Abgrenzung und Polarisierung. Der

konstruktivistische Ansatz führt zur Möglichkeit der Hinterfragung, oder sogar

Dekonstruktion von sozialen Konstrukten, er bietet die Möglichkeit, gegebenes als

nicht gegeben anzunehmen und somit zu verändern. Das vorherrschende Paradigma

der politischen AkteurInnen ist jedoch ein primordialistisches, was dazu führt, dass es

auch notwendig ist, sich mit den essentialistischen Zugängen auseinanderzusetzen

und deren Wirksamkeit zu akzeptieren. „Aus konstruktivistischer Perspektive liefern

primordiale Beziehungen den Code, durch den Identitäten, Nationen usw.

81


ausgedrückt werden und sind nicht die Substanz, aus denen sie „bestehen“ (sic)“ [S.

Sökefeld, M. (2007) S. 33]. Die Macht der primordialen Konstrukte liegt in deren

Charakter selbst. Identität wie auch Rassismus implizieren in ihrer Gegebenheit

bereits das Vorhandensein von Kontinuität, von Geschichte, von Nation bzw. von

Rassen. Damit ist die Konstruktion von Identitäten bereits eine Verschleierung des

Konstruktionscharakters 45 [Vgl. Sökefeld, M. (2007); Feischmidt, M. (2007)].

Politik, die sich wesentlich auf die (Wir-)Identität der dominierenden Gruppe bezieht,

dient der Erhaltung der Rahmenbedingungen, Identitätspolitik der dominierten

Gruppe zielt auf Veränderung der Identität dieser Gruppe ab, das heißt, dass

staatliche und gesellschaftliche Normen und Regeln geschaffen werden, die der

Sicherung oder der Verbesserung der Situation eben jener dominierten Gruppe

dienen sollen. Die zunehmenden Migrationsbewegungen lassen diesen Zugang

schwieriger und auch politisch notwendiger den je erscheinen, um Ab- und

Ausgrenzungskonzepte erhalten zu können: „[...] dieses Papier, das die nationale

Identität bescheinigt, […] ist begehrt, wenn es ein europäisches oder ein u.s.

amerikanisches Papier ist. Es öffnet den Weg in die „Wertegemeinschaft“ der

Reichen, der Mächtigen dieser Welt.“ [S. Kronsteiner, R. (2007) S.29]

Die eigene Identität beziehungsweise die Summe der eigenen Identitäten stellen

demnach einen zentralen Aspekt dar, die das Verhalten und den Umgang von

Menschen mit Migration und mit der Ankunftsgesellschaft beeinflusst. Die

verschiedenen Identitäten eines Menschen existieren parallel und auf

unterschiedlichsten Ebenen, wie zum Beispiel Geschlechtsidentität, nationale

Identität, religiöse Identität oder ethnische Identität, wobei diese oft als homogen und

kollektiv verstanden werden, ungeachtet dessen wie unterschiedlich die einzelnen

Teile dieser Gruppe sind. Kofler führt an, dass dieser Umstand vor allem für

ethnische Identität gilt, wo der jeweiligen dominierten beziehungsweise

dominierenden Gesellschaft Eigenschaften zugeschrieben werden: „[…] the terms

45

Sökefeld bezieht sich in dem Zusammenhang auf Brubaker/Cooper (2000), die den

Widerspruch von Konstruktivismus mit der alltäglichen Bedeutung von Identitäten aufzeigen

und die damit verbundene Unmöglichkeit sich im unwissenschaftlichen Diskurs gegen

essentialistische/primordiale Ansätze durchzusetzen. Vgl... beschreibt auch gleichzeitig den

vorhandenen Widerspruch von Dekonstruktivismus und Anerkennung von Identitäten im

postkolonialen Diskurs [S. Sökefeld, M. (2007) S35]

82


„identity“ and „ethnic identity“ are used contain consequential normative

connotations.[…]“ [S. Kofler, A. (2002) S.9ff.] Der Schlüssel zu einem kollektiven

Identitätsbewusstsein, so Kofler weiter, ist jedoch nicht nur ein kognitiver, sondern

ebenso ein emotionaler und steuert Handlungen und Verhalten im Rahmen des

Migrationsprozesses: „[…] emotions modify and determine the patterns of

interpersonal social interaction. As emotions are partly based upon socially

determined event coding, they help to maintain this coding system and thus ensure

the transmission of common definitions oft he environment and interpretations of

events.” [S. Kofler, A. (2002) S9ff]

5.2. Migration und Identitätskonstruktion (Andrea Stoick)

Der Begriff Migration bedeutet in der wörtlichen Übersetzung „Wanderung“, also die

räumliche Bewegung von einem Ort zu einem anderen. Eine einheitliche Definition

dessen, was Migration bedeutet und wann jemand als MigrantIn zu bezeichnen ist,

wurde jedoch erst durch die United Nations 1998 festgelegt, auf die hier Bezug

genommen wird. 46 Je nachdem wie weit, oder wie lange dieser Wechsel stattfindet,

ob der Wechsel über nationale Grenzen hinweg erfolgt beziehungsweise in eine

andere Gesellschaft können unterschiedliche, ineinander übergreifende Formen der

Migration unterschieden werden. Göller gibt in ihrer Forschungsarbeit zum Thema

Einwanderung und Einwanderungspoltik einen guten Überblick über verschiedene

Migrationstypologien, die sie anhand folgender Aspekte unterscheidet [S. Göller, D.I.

(2002) S.8ff]:

- Zeit der Migration – dauerhafte oder temporäre Migration, wobei hier noch

die zirkuläre Migration zu ergänzen ist

- Nationalstaatliche/geografische Aspekte – Binnenmigration, transnationale

oder internationale Migration, Kontinentalmigration

46

Long-term migrant: „A person who moves to a country other than that of his or her usual

residence for a period of at least a year (12 months), so that the country of destination

effectively becomes his or her new country of usual residence.[...]“ und Short-term migrant:

„A person who moves to a country other than that of his or her usual residence for a period of

at least 3 months but less than a year (12 months) except in cases where the movement to

that country is for purposes of recreation, holiday, [...]“ [UN (1998) S. 18]

83


- Anzahl der wandernden Menschen - Individual-, Gruppen-, Massen- oder

Kettenwanderung

- Gründe für die Migration beziehungsweise dem Ziel der Migration -

Arbeitsmigration, Familienzusammenführung, demografische Gründe (zu

viele Menschen in einer Region), Armutsmigration, Flucht vor politschen

Repressionen, Krieg oder Naturkatastrophen

- Grad der Freiwilligkeit

- Legalität oder Illegalität 47

Unabhängig von diesen Typologien wirkt die psychische Komponente der Migration,

also das was in einem migrierenden Menschen vor sich geht, wie er/sie sein/ihr

Migrationsziel erreicht und diese in seine/ihre Ich-Identität integriert auf alle Formen

der Migration gleichermaßen, wobei die Intensität und Auswirkung der

psychologischen Folgen unterschiedliche Ausprägungen haben kann, je nach dem,

um welche Migrationsform es sich handelt..

5.2.1. Die Phasen der Migration – Migrationskrise

Kronsteiner beschreibt in ihrem Skriptum zum Thema Ethnizität und Migration, die

fünf Migrationsphasen nach Leyer (1991) [In: Kronsteiner, R. (2008) S.2]:

1. Vorbereitungsphase

2. Durchführung der Migration

3. Überkompensation

4. Dekompensation und

5. generationsüberschreitende Phänomene

Stehen in der Vorbereitungsphase die Familienmitglieder, die nicht migrieren noch

als beratende und mit entscheidende Personen zur Verfügung, so beginnt mit der

Durchführung die Phase, in der die migrierende Person allein auf sich gestellt ist,

wenn auch oft im Ankunftsland durch bekannte Menschen oder Netzwerke

Hilfestellung zu erwarten ist. Die dritte Phase, die der Überkompensation beschreibt

die schnelle Anpassung in der neuen Umgebung, die dann in der Dekompensation

47

Dieses Begrifflichkeiten wurden von Göller übernommen, wobei hier angemerkt sein soll,

dass es sich hierbei um prejorative Begriffe handelt, die meines Erachtens besser mit den

Begrifflichkeiten „dokumentiert“ und „undokumentiert“ zu beschreiben sind.

84


zu ersten Konflikten in der Integration von Gewohntem und Neuen führt. In dieser

Phase muss ein Gleichgewicht hergestellt werden, die grundsätzliche Entscheidung

darüber fallen, was bewahrt und was verändert wird. Zu generationsübergreifenden

Phänomenen kommt es nur, wenn Kinder in der neuen Gesellschaft sozialisiert

werden und die Probleme, die von der ersten Generation nicht gelöst wurden, sich

auf und in der nachfolgenden Generation auswirken [Vgl. Kronsteiner, R. (2008)]. Im

Zuge dieser Phasen laufen komplexe psychische Prozesse ab, die von

unterschiedlichsten mit der Migration verknüpften Faktoren ausgelöst werden, zum

Beispiel der Verlust der Sprache oder die Auswirkungen der Migration auf das

Identitätsgefühl.

Die Motivation, wie auch die Ziele der Migration können sehr unterschiedlich sein

und sich im Laufe der Zeit auch verändern, wie sich auch der Migrationsprozess an

sich aufgrund seiner Prozesshaftigkeit verändert. Kronsteiner beschreibt ausführlich

die Wichtigkeit der Flexibilität und Offenheit, die Bereitschaft Ziele zu verändern und

neue zu finden, Veränderungen zu akzeptieren und zuzulassen als wesentliche

Kriterien erfolgreicher Migration. Am Ende des Migrationsprozesses steht so

Kronsteiner die Klärung von Rückkehrabsichten [Vgl. Kronsteiner, R. (2008)]. Im

Rahmen des Migrationsprozesses entsteht eine sogenannten Migrationskrise, die

von Garza–Guerrero [S. Garza-Guerro, C.A. (1974) S.413 In: Kronsteiner, R. (2008)

S.6] modellhaft dargestellt wurde. Diese Krise, auch Kulturschock genannt, beinhaltet

nach Garza-Guerrero zwei wesentliche Aspekte: Die Trauer über den Verlust der

Herkunftskultur 48 und die Veränderung der eigenen Identität durch die Verbindung mit

der neuen Kultur 49 . Die Trauer um den Verlust des Vertrauten und Geliebten

durchläuft ebenfalls drei Phasen, die von dem Bedürfnis nach Wiederherstellung, von

Desorganisation und Neuorganisation getragen sind, wobei Kronsteiner darauf

hinweist, dass umfassende Verluste auch zum Verlust der Identität führen können.

Am Beginn der Migration, also bei der Ankunft in der neuen Gesellschaft werden

Ähnlichkeiten und Unterschiede, der Herkunftskultur und der Ankunftskultur

48

Wobei wahrscheinlich die Intensität der Trauer differiert.

49

An dieser Stelle sei kritisch angemerkt, dass die Theorie der Migrationskrise durchaus im

wissenschaftlichen Diskurs zu debattierende ist, die Aufgliederung der unterschiedlichen

Forschungszugänge in diesem Bereich jedoch den Rahmen der Arbeit sprengen würden.

85


abgetestet und wahrgenommen. Durch die Erkenntnis des Verlorenen wird die

Kontinuität der eigenen Identität gestört und es entstehen unter anderen Gefühle wie

Verunsicherung, Schmerz, Sehnsucht oder Abwehr. Zur Bewahrung der eigenen

Identität müssen daher Bilder und Erinnerung an das Verlorene und Vergangene

kultiviert werden, was zu einer Idealisierung der Herkunftskultur führt, begleitet von

der Tendenz zur Isolation. Die darauf folgende Phase der Desorganisation beinhaltet

einerseits die langsame Annäherung an die neue Kultur, bei gleichzeitigem

Wiedererlangen des Verlorenen mit Hilfe von Identifikation. In dieser Phase

entwickeln sich im Idealfall auch neue Identifikationsmuster und eine Integration alter,

wie neuer Aspekte der eigenen Identität, die dann zur Neuorganisation, das heißt zur

Konsolidierung und Festigung der neu gewonnenen Identität führen und dann

wiederum Sicherheit und Kontinuität entsteht. Kronsteiner verweist dabei auf die

Tatsache, dass Migrationskrisen oft sehr spät eintreten können, aber auch bei der

Rückkehr in die Herkunftsgesellschaft [Vgl. Kronsteiner, R. (2008)].

5.2.2. Ethnische Communities

Die emotionale Verbundenheit mit der Herkunftsgesellschaft, die unabhängig von der

momentanen Befindlichkeit im Migrationsprozess, vorhanden, wenn auch

unterschiedlich stark ist, veranlasst MigrantInnen, so sie dies organisatorisch

ökonomisch tun können, die sozialen Netzwerke in und mit der Herkunftsgesellschaft

zu pflegen. Martini spricht in diesem Zusammenhang von transnationalen

Sozialräumen, in denen sich die MigrantInnen einrichten [S. Martini, C. (2001)

S.111ff]. Diese transnationalen Räume existieren sowohl in der Ankunfts- als auch

der Herkunftsgesellschaft, wobei sie im Ankunftsland oft in Form einer offiziellen

Organisation (zum Beispiel Verein) strukturiert werden [Vgl. Martini, C. (2001)].

Wenn auch transnationale Netzwerke und Communities im Wesentlichen soziale

Einheiten der modernen Gesellschaft beschreiben, die unabhängig von einem real

geografischen Raum existieren, also außerhalb der herkömmlichen Raumkategorien,

so schließt dies nicht aus, dass hinter dem Begriff Communitiy von MigrantInnen

nicht nur eine reale organisierte Gruppe stehen kann, sondern auch eine konkrete

Örtlichkeit (zum Beispiel China Town). Die Bezeichnung Community bietet demnach

86


eine mögliche Schnittstelle zwischen lokal situierten und konkreten

MigrantInnencommunities und transnationalen Gemeinschaften [Vgl. Wundrak, R.

(2008)] Diese Doppelbedeutung hängt mit dem Verschmelzen der aus dem

Deutschen stammenden Definition von Community als Gemeinschaft nach Tönnies 50

mit dem amerikanischen Wort Community, das eher eine konkrete Gemeinde

bezeichnet. Unter Community ist somit sowohl die Verbindung von Menschen

untereinander durch ein kollektives Wir-Gefühl gemeint, als auch die konkrete

Gebundenheit ans soziale Milieus oder geografische Räume, in jedem Fall aber

bedeutet Community ein bewusstes und gewolltes Zusammengehören, wobei offen

bleibt wie hoch der Grad der Freiwilligkeit von MigrantInnen solchen Communities

anzugehören tatsächlich ist. [Vgl. Tönnies, F. (1887/2001) In: Wundrak, R. (2008)

S39f]

Die Vorteile der Bildung von Communities von MigrantInnen beschreibt Auernheimer

vor allem mit der Möglichkeit, vor allem in der ersten Migrationsphase Hilfe und

Unterstützung zu bekommen, aber auch Identifikationsmöglichkeiten und Solidarität,

bis hin zu politischen Gestaltungsmöglichkeiten. Der Schutz den die Community

bietet, sich von Diskriminierung abzugrenzen und die jeweilige Position der

MigrantInnengruppe zu stärken fördert darüber hinaus die Auseinandersetzung mit

den Bedingungen der Aufnahmegesellschaft und kann somit den gesamten

Migrationsprozess positiv fördern [Vgl. Auernheimer, G. (1999)]

5.2.3. Transnationalität und Remigration

„Migration ist ein Prozess, der schon vor dem Zeitpunkt der Ausreise beginnt und

mitunter nach einem Aufenthalt im Ausland die Rückkehr umfasst. Der Aufenthalt im

Zielland ist somit nicht alleiniger Inhalt der Migration.“ [S. Pentisch, R. (2003) S. 9f.]

Dieses Zitat kennzeichnet einen relativen neuen soziologischen Zugang, in dem

Migration nicht mehr nur ein endgültiges Verlassen eines Ortes darstellt, sondern

auch ständige Beziehungen zwischen Herkunftsort und Ankunftsort etabliert werden

können [Vgl. Apitzsch, U. (2003)]. Die Migration ist also nicht immer nur auf das

50

Tönnies meint mit dem Begriff der Gemeinschaft eine soziale Gruppe, die auf bestimmten

Ebenen, wie zum Beispiel einen miteinander verbunden sind und gemeinsame politische,

ökonomische oder andere Interessen teilen. [Vgl. Tönnies, F.(1887/2001)]

87


Zielland beschränkt und beinhaltet auch das Herkunftsland als Teil des Lebens der

MigrantInnen, was wiederum Auswirkungen auf deren Identitätskonstruktionen hat:

„In Bezug auf die Identität ist davon auszugehen, dass sich Identitäten über

Differenzierungsprozesse konstruieren, die Personen als zu einer „Wir“-Gruppe

zugehörig kennzeichnen beziehungsweise von ihr ausschließen. Zum anderen

werden Identitäten durch einen wechselseitigen Prozess von Selbst- und

Fremdzuschreibungen hervorgebracht“ [S. Pentisch, R. (2003): S. 9f.] Diese

transnationalen Identitätskonstruktionen prägen den gesamten Migrationsprozess

und wirken sich den Erfolg der Migration oder die Remigrationsentscheidung aus, da

die Verbindung zum Herkunftsland eine stabilere bleibt und neue

Kommunikationswege wie zum Beispiel das Internet den Kontakt mit den zurück

gebliebenen Familien erleichtern und somit die Rückkehrentscheidung leichter

machen [Vgl. Aziz, K. (2009)].

Entscheiden sich Personen in ihre Herkunftsgesellschaft zurückzukehren, so wird so

wird dies als Rückkehrmigration bezeichnet, sobald diese Personen eine signifikante

Zeit im Zielland verbracht haben. Dabei gilt sowohl die Unterscheidung zwischen

dauerhafter oder temporärer Migration, sowie zwischen freiwilliger und erzwungener

Rückkehr. Das Pendeln zwischen den jeweiligen Ländern jedoch fällt unter den

Begriff der zirkulären Migration oder auch Transmigration und zeichnet sich durch

Kurzfristigkeit und wechselnde Aufenthaltsorte aus. Gerade bei dieser Migrationsform

ist das in Bezug setzen von Erwartungen an die Aufnahmegesellschaft und den

realen Gegebenheiten in der Herkunftsgesellschaft zentral für die Entscheidung, ob

letztendlich eine Rückkehrmigraton stattfinden wird. Da Transnationalität immer die

Entkoppelung von geografischem und sozialem Raum meint, werden dadurch auch

neue soziale Räume geschaffen, [Vgl. Pries, L. (1997) In: Schönhuth, M. (2008)] die

unter anderem auch zum Transferieren von Ressourcen dienen 51 , wobei dies wohl

51

Eberl (2009) beschreibt im Zusammenhang mit dem Ressourcentransfer (Remittance) ins

Herkunftland unterschiedliche Motivgruppen: 1. Uneigennützige Fürsorglichkeit für

Familienangehörige. 2. Eigeninteresse zur Sicherstellung, dass sich die Familie um

zurückgebliebene Werte kümmert oder um soziale Kontakte zum Beispiel mit den Eltern

nicht zu schädigen. 3. Familieninterne Absicherung, die darauf basiert, dass zuerst die

Familie einem Mitglied die Migration ermöglicht und dieses Mitglied wiederum vom

Migrationsland aus, die Familie unterstützt, finanziell absichert oder in ein Projekt investiert.

4. Migration zum Erwirtschaften eines bestimmten Betrages oder Zieles, bei gleichzeitigem

Rückkehrplan, wobei die Migration selbst und die im Zielland verrichtete Arbeit rein

instrumentell gesehen werden. 5. Migration zum Erwirtschaften von Anlagekapital im

88


nicht das häufigste, jedoch ein durchaus relevantes Motiv für Migration ist. Sind

genügend Ressourcen erworben worden und die Bedingungen im Herkunftsland

akzeptabel findet gewöhnlich eine Remigration statt [Vgl. Currle, E. (2006) In:

Schönhuth, M.(2008)].

Zirkuläre Migration beziehungsweise Transnationalität betrifft besonders oft Frauen,

die zwischen zwei Ländern pendelnd, Tätigkeiten in privaten Haushalten der

Ankunftsländer ausführen, deren familiäre Bezugssysteme jedoch im Herkunftsland

verbleiben. Frauen schaffen somit durch ihre Arbeit und den Transfer von

Ressourcen an ihre Familien im Herkunftsland transnationale Migrationsräume 52 .

Jungwirth fordert aus diesem Grund in ihrem Artikel zur Illegalisierung und Arbeit die

Anerkennung von Frauen als aktive Akteurinnen von Migrationsprozessen, da für

viele Frauen Migration ein Mittel darstellt, sich neue Handlungsspielräume zu

schaffen, aber auch miteinander und mit anderen in Interaktion zu treten [ Vgl.

Jungwirth, I. (2003)]. Auch Kofler bezeichnet Migrantinnen als […] active social

agents“. [S. Kofler, A. (2002): S. 9ff.] Diese aktive Rolle von Frauen in der Migration

hat innerhalb der Migrationsforschung noch einen sehr geringen Stellenwert, wobei

es mittlerweilen einige Studien gibt, deren Ergebnisse zeigen, dass die individuellen

Geschichten und Erfahrungen von Frauen in der Migration sich von denen von

Männern unterscheiden, sie auch wesentlichen Einfluss auf die

Migrationserfahrungen der ganzen Familie haben [Vgl. Kofler, A. (2002)].

5.3. Abgabe von Hausarbeit seitens der Arbeitgeberinnen (Lena Rheindorf)

Auf mikrosoziologischer Ebene hat sich seit den 1990ern unter anderem der

französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann hervor getan, der das „Alltägliche an

Paarbeziehungen“ vornehmlich am Feld der Hausarbeit untersucht hat. Dabei lehnt

Herkunftsland. [S. Eberl, J. (2009) S.13-20]

52

Transnationale Räume sind nach Aptizsch: „[…] unsichtbare Strukturen vielfach vernetzter

staatlicher, rechtlicher und kultureller Übergänge, an denen die Individuen sich biographisch

orientieren und in die sich zugleich als Erfahrungskollektiv verstrickt sind.“ [S. Apitzsch, U.

(2003) S. 66ff.].

89


er sich teilweise an die phänomenologische Soziologie Alfred Schützs 53 an, bezieht

sich dann wieder verstärkt auf den interaktionistischen Zugang nach Erwin

Goffman 54 . Für Kaufmann sind die „Gründung einer Haushaltsgemeinschaft“ und das

Aushandeln der Aufgabenteilung konstitutive Prozesse einer Paarbeziehung.

Kaufmann zufolge werden aktuelle Aktionen durch ansozialisierte Gewohnheiten

durchdrungen, welche nicht einfach durch rationale Autonomie- und

Gleichverteilungsbestrebungen verändert werden können, da die Identitätskonzepte

der AkteurInnen durch die Gewohnheiten gekoppelt seien [Vgl. Buchebner-Ferstl, S.,

Rille-Pfeiffer, C. (2008)]. In seiner „Theorie der Haushaltstätigkeit“ (1999) erörtert

Kaufmann die Motivationslage jener Paare, beziehungsweise jener Frauen, die eine

Delegation der Hausarbeit an Dritte in Erwägung ziehen.

Den Ergebnissen Kaufmanns zufolge ist die Delegation von Hausarbeit keine

leichtfertige Entscheidung- „die Vorstellung, Hausarbeit von jemand anderem

erledigen zu lassen, stellt für jeden Haushalt ein Problem dar. Indem man[/frau] eine

Tätigkeit nach außen gibt, trennt man[/frau] sich von […] einem kleinen Stück

Familie“ [S. Kaufmann, J. C. (1999): 109]. Er stellt drei wesentliche Faktoren des

Überdenkens der Delegation von Hausarbeit fest: Der Normdruck die Hausarbeit

selbst zu erledigen, der Organisationsaufwand und der Preis. Hausarbeit an

familienexterne Personen abzugeben bedeutet „einen Blick von außen auf etwas

Intimes ertragen zu müssen. […] Dabei ist es weniger die Intimität als solche, die

verborgen wird, als vielmehr der „Dreck“ und die „Unordnung“ in der intimen Welt“ [S.

Kaufmann, J. C. (1999): 119f]. Bei jeder/m AuftraggeberIn gab es bestimme Räume

53

Die phänomenologische Soziologie besagt, dass die soziale Wirklichkeit einen für jedes

daran partizipierende Subjekt „sinnhaften Aufbau“ hat. Durch deutendes Verstehen soll

dieser Sinn in der Analyse rekonstruiert werden. Dieser Ansatz ermöglicht es, die alltäglichen

Sinndeutungs- und Sinnsetzungsprozesse der Untersuchten zu erschließen. Die Analyse der

Lebenswelt der Befragten, als ein auf Verständigung und Prozesse symbolischer

Kommunikation basierender Handlungs- und Erfahrungsraum, in dessen Rahmen handelnde

Personen die Welt interpretieren, soll dazu beitragen den darin enthaltenen intersubjektiven,

gesellschaftlich bedeutsamen Sinn zu verstehen. Die Lebenswelt ist somit Bezugs- und

Orientierungsrahmen der alltäglichen Lebenspraxis [Vgl. Schütz, A., Luckmann, T. (1979)].

54

Der Symbolische Interaktionismus geht im Wesentlichen davon aus, dass Menschen in

ihren Interaktionen einander die symbolische Bedeutung ihrer Handlungen anzeigen. Dieser

Zugang gewährleistet eine sozialisationstheoretisch fundierte Analyse des

Bedeutungsrahmens der Interviewten. „Sinn und Bedeutung sind nach Mead gleich der

Summe der vergangenen oder als zukünftig möglich gedachten Handlungen der Person, die

sich auf das Objekt beziehen. […] Wahrnehmung geschieht innerhalb von Handlung als

Interaktion“ [S. Reinhold, G. (2000): S. 665].

90


oder Dinge, welche „Tabu“ waren und die gleichzeitig bedeutende Anhaltspunkte für

die jeweilige Selbstkonstruktion darstellten.

Hausarbeit zu delegieren erfordert auch die Kompetenz, der Dritten exakte Auskünfte

über die eigene Haushaltsführung geben zu können- „Hausarbeit abzugeben setzt

paradoxer Weise voraus, dass man[/frau] selbst bereits sehr gut weiß, wie sie zu

machen ist“ [S. Kaufmann, J. C. (1999): 120f.]. Auch das Finanzielle spielt eine Rolle

bei der Erwägung Hausarbeit auszulagern. Das Kostenkalkül wird aber vor allem

dann als Vorwand vorgebracht, wenn man/frau sich bereits dagegen entschieden hat

[Vgl. Kaufmann, J. C. (1999): 125f.]. Ist die Entscheidung zur Hausarbeitsdelegation

getroffen, so liegen laut Kaufmann häufig „Krisen und Funktionsstörungen“- häufig

Zeitdruck und Stress, die Abneigung gegen bestimmte Hausarbeitsbereiche, oder

91


aber paarinterne Konflikte - zugrunde, die einen Organisationswandel erfordern. Ist

erst ein Teil der Hausarbeit erfolgreich und für die AuftraggeberInnen

zufriedenstellend abgegeben worden, so fällt die Delegation weiterer Bereiche

deutlich leichter. Die Delegation der Hausarbeit ist nach Kaufmann ebenso

„Frauensache“ wie meist zuvor auch deren Erledigung [Vgl. Kaufmann, J. C. (1999):

S. 128ff.].

Simone Odierna argumentiert ähnlich, dass es zwar schwer sei empirisch zu erheben

„wer innerhalb der Partnerschaften die Entscheidung über den Einsatz der

Hausarbeiterinnen fällt […]. Die treibende Kraft dürften aber die von der

Arbeitserleichterung am meisten profitierenden Personen innerhalb des Haushaltes

sein, dass heißt in der Regel die Frauen“ [S. Odierna, S. (2000): S. 45ff]. Es käme

aber auch vor, dass „Vollhausfrauen“ heimlich eine Hausarbeiterin als Unterstützung

engagieren, so Odierna.

In ihrer Studie zur sozialen Bedeutung der Beschäftigung von Hausarbeiterinnen in

Wien untersuchte die Soziologin Barbara Haas (2003) vor allem die Motivationslage

der ArbeitgeberInnen und deren Beziehung zu den Hausarbeiterinnen. Das Feld der

ArbeitgeberInnen konstituierte sich als homogen bildungsnahe, meistens handelte es

sich dabei um AkademikerInnen und bürgerliche Kleinfamilien, bei denen sowohl die

Frauen als auch die Männer erwerbstätig waren. Haas stellte fest, dass sich meist

zwar beide PartnerInnen einen quantitativen Zeitgewinn durch die

Hausarbeitsdelegation erhoffen, wobei durch die geringe männliche Partizipation an

der Hausarbeit an sich, die zeitbudgetären Effekte auf diese de facto sehr gering

ausfallen. Der positivste Effekt auf die männlichen Befragten war, dass das

Konfliktfeld Hausarbeit entfiel. Bei den weiblichen Befragten überwog die

Erleichterung, nun ihre Berufstätigkeit „frei“ ausüben zu können. Die Arbeitsteilung im

Haushalt stellt laut Haas ein wesentliches Motiv zur Hausarbeitsdelegation dar- „Je

einseitiger die Aufgaben im Haushalt verteilt sind, um so höher ist die Bereitschaft

diese abzugeben“ [S. Haas, B. (2003): S. 92]. Simone Odierna argumentiert ähnlich,

dass die teilweise Abgabe der Hausarbeit an Dritte „vor dem Hintergrund der

doppelten Vergesellschaftung von Frauen durch Einbindung in Erwerbsarbeitssphäre

und Reproduktionssphäre vor allem ein Zeitgewinn für Frauen [ist] und sie bedeutet

92


zudem für [Frauen] eine quantitative Arbeitserleichterung der Hausarbeit“ [S.

Odierna, S. (2000): S. 45f]. Vor allem jener Teil der Hausarbeit, der den

AuftraggeberInnen besonders unangenehm ist und das geringste gesellschaftliche

Ansehen hat, der monoton ist und wenig Abwechslung bietet wird am häufigsten

abgetreten.

Durch die Anstellung einer Hausarbeiterin dringt gleichzeitig Öffentliches in den

privaten Raum ein. Im Konzept der modernen Familie kommt das Einstellen von

Hausarbeiterinnen nicht vor, wodurch diese Arrangements das Verhältnis von

Privatheit und Öffentlichkeit verschieben. Dadurch besteht, so Barbara Thiessen

(2008) eine beidseitige Unsicherheit hinsichtlich des gegenseitigen Umgangs im

Rahmen des Arbeitsverhältnisses. Die ArbeitgeberInnen weigern sich oft, sich mit

den arbeitsrechtlichen Kontexten der Beschäftigten auseinander zu setzen, was von

Thiessen auch als Versuch gewertet wird, ihre Privatsphäre zu schützen. Die Rollen

der Arbeitgeber und -nehmerIn widersprechen in vielerlei Hinsicht den Konnotationen

des Privaten, weshalb diese oft nicht eingenommen werden, was gleichzeitig den

ArbeitgeberInnen gewisse Vorteile verschafft. Für die Arbeitgeberinnen bestehen die

Probleme in der Beschaffenheit des Arbeitsplatzes, der gleichzeitig ihr privater

Lebensbereich ist. Die Hausarbeiterinnen stoßen ebenso auf das Problem, dass ihr

Arbeitsplatz nicht den üblichen Kriterien gemäß beschaffen ist und keine

entsprechende Berufsrolle zur Verfügung steht. Schon bei dem Engagement der

Hausarbeiterinnen werden berufsfremde Kriterien angewandt. Bei Hausarbeiterinnen

wird scheinbar stillschweigend vorausgesetzt, dass durch die weibliche

Geschlechtszugehörigkeit die nötigen Fähigkeiten zur Reinigungstätigkeit

automatisch vorhanden sind. Da bei der Delegation der Hausarbeit kaum

professionelle Berufsrollen zur Verfügung stehen, handelt es sich vielmehr um

Privatpersonen. Die richtige Mischung aus Distanz und Nähe ist bei diesen

Arbeitsverhältnissen nur schwer zu halten [Vgl. Thiessen, B. (2008): S. 98f.].

Ungewöhnlich an diesen Arrangements ist auch, dass es sich hierbei um eine

Arbeitsbeziehung zwischen Frauen handelt. „Für ein hierarchisches Verhältnis

zwischen Frauen gibt es keine soziokulturellen Muster jenseits privater und familialer

Erfahrungen. Es zeigt sich, dass es zwischen Frauen wesentlich schwieriger ist,

93


Arbeitsaufträge zu übernehmen, als zwischen Frauen und Männern. [S.: Thiessen, B.

(2008): S. 100].“ Vor allem das gleichzeitige „Nichtstun“ während der Arbeitszeit der

Hausarbeiterinnen beschert vielen Frauen Schwierigkeiten. In den Interviews

schilderten die Frauen häufig, dass sie für die Hausarbeiterinnen, gewissermaßen

um kompensatorisch ihr Unbehagen zu beschwichtigen, das Radio anschalten, oder

Essen und Trinken anbieten [Vgl.: Thiessen, B. (2008): S. 100f.].

In ihrer Interviewanalyse stellte Haas (2003) für traditionalistische Paarbeziehungenin

denen die Frauen von sich aus gar keine stärkere Partizipation des Mannes

fordern- fest, dass trotz der Hausarbeitsdelegation die traditionelle Arbeitsteilung

aufrecht bleibt. Durch die stärkere Beteiligung der Männer an der Erwerbsarbeit wird

die einseitige Arbeitsteilung im Haushalt zu Ungunsten der Frauen anscheinend

legitimiert. Für „pragmatische“ Paarbeziehungen macht Haas vor allem die

Vollzeiterwerbstätigkeit der Frau als Delegationsmotiv aus. Beide PartnerInnen

gewinnen hier zumindest quantitativ Zeitraum und die Gelegenheit, sich voll um

eigenen beruflichen Werdegang zu kümmern. Dennoch kommt es aber bei diesem

Typ häufig zu Konflikten um die Arbeitsteilung, wobei seitens der Frauen zumindest

rhetorisch ein Ideal von Gleichverteilung von Hausarbeit gefordert wird. Der

„egalitäre Beziehungstypus“ proklamiert für sich zwar eine annähernde

Gleichverteilung der Hausarbeit zwischen den PartnerInnen, „dennoch wird auch hier

der Konfliktstoff „Hausarbeit“ durch die Abgabe vermindert, weil die freie Zeit

qualitativ besser und gemeinsam mit dem Rest der Familie genutzt wird- so kann an

der Illusion einer partnerschaftlichen Arbeitsteilung festgehalten werden“ [S. Haas, B.

(2003): S. 100ff.]. In allen Fällen stellten die Befragten die Hausarbeitsdelegation als

Lösungsstrategie zur „weiblichen Doppelbelastung“ dar.

Haas untersuchte auch die Beziehungen der Arbeitgeber und -nehmerInnen

zueinander. Vor allem vom traditionalistischen Typus würden die Hausarbeiterinnen

mit ihrer Leistung identifiziert und dadurch zum entpersonifizierten Objekt degradiert.

Für diesen Typ stellt bezahlte Hausarbeit eine Dienstleistung wie jede andere dar, die

konkrete Lebenssituation der Hausarbeiterinnen bleibt ausgeblendet. Wechseln die

ArbeitgeberInnen die Perspektive und übernehmen jene der Hausarbeiterinnen, so

überwiegen für sie auch hier die Vorteile, da diese Beschäftigung im Privathaushalt

94


oft die einzige Einkommensquelle darstellt. In manchen Fällen beschrieben die

ArbeitgeberInnen aber auch die prekäre Situation der Hausarbeiterinnen mit

„Migrationshintergrund“ am österreichischen Arbeitsmarkt und wiesen darauf hin,

dass den Frauen oft nichts anderes übrig blieb als Hausarbeit für andere zu leisten.

„Für die einen ist eine Hausarbeiterin eine reine Notwendigkeit, da beide

PartnerInnen berufstätig sind. Andere sprechen eher von einer Art „Luxus“, die

man/frau sich eben gönnt“ [S. Haas, B. (2003): S. 137ff.].

Auch Thiessen (2008) kommt zu dem Schluss, dass den Beschäftigten häufig keine

andere Alternative offen steht, als sich durch Reinigungsarbeiten zu erhalten.

Dennoch fassen sie ihre Tätigkeit oft selbst nicht als „Arbeit“ auf. „Auch wenn die

Beschäftigten über Jahre ihren Lebensunterhalt durch Reinigungsaufträge in privaten

Haushalten finanzieren, wird in der biografischen Selbstthematisierung auf die

zeitliche Begrenztheit dieses Arrangements verwiesen. In der biografischen

Rekonstruktion wird damit eine Selbstbeschreibung als „Putzfrau“ vermieden“ [S.

Thiessen, B. (2008): 98f.]. Anders als Haas (2003) konstatiert Thiessen, dass die

Arbeitgeberinnen aus einer Notlage heraus handeln. „Verknüpft werden mit der

Beschäftigung einer Haushaltshilfe also eher unangenehme Gefühle. Wenn sich

dahinter die positiven Affekte verbergen, wie Freude über eine gereinigte Wohnung,

die spürbare Entlastung, die ebenfalls nachzuweisen sind, ähnelt diese Begründung

einer Notlüge“ [S. Thiessen, B. (2008): S. 98f.].

Es wurde bereits erkenntlich, dass die Beschäftigung von Hausarbeiterin ein Milieuspezifisches

Phänomen zu sein scheint, ein „Luxus“, den sich vor allem

wohlhabende Familien der Mittel- und Oberschicht leisten können. Dadurch, so

Haas, „verschärft aber die Beschäftigung von Hausarbeiterinnen aus einer

gesamtgesellschaftlichen Perspektive die soziale Ungleichheit zwischen den

privilegierten ArbeitgeberInnen, die sich eine Hilfe leisten können, und den

unterprivilegierten ArbeitnehmerInnen. [...]Die Entwicklung der persönlichen

Dienstleistungen ist also nur in einem Kontext wachsender sozialer Ungleichheit

möglich, [….] sie entlastet eine privilegierte Minderheit von ihrer Eigenarbeit, und

macht daraus den Broterwerb einer neuen Klasse unterbezahlter Dienstboten.“ [S.

Haas, B. (2003): S. 66].

95


Laut Individualisierungstheorie ermöglicht die Hausarbeitsdelegation den

ArbeitgeberInnen eine „progressive Individualisierung“ 55 , das heißt Zeit und

Zeitwohlstand, sowie Entlastung auf jeder Ebene. Für die Hausarbeiterinnen stellt die

Versorgungsarbeit im Privathaushalt oft die einzige Möglichkeit um Geld zu

verdienen dar, allerdings ist das Beschäftigungsverhältnis meist zu ihren Ungunsten

strukturiert. Die häufig informell und illegal verrichtete Hausarbeit gewährleistet

keinerlei soziale Absicherung oder arbeitsrechtliche Sicherheit [Vgl. Blumberger, W.,

Dornmayer, H. (1997)]. Die persönlich getragenen Unsicherheiten im Falle von

Krankheit oder Alter der Hausarbeiterinnen sind Merkmale einer „regressiven

Individualisierung“. „Potentielle Haushaltshilfen sind Frauen, häufig Migrantinnen, der

Existenzsicherung mangels Alternative von der informellen Beschäftigung im

Haushalt abhängt“ [S. Haas, B (2003): S. 66]. Am Untersuchungsfeld der bezahlten

Hausarbeiten zeige sich, so Haas, nicht nur die soziale Ungleichheit der Herkunft

nach, sondern auch zwischen den Frauen. Unter Berufung auf Georg Simmel

argumentiert Haas, dass „eine steigende Differenzierung eine Reihe von Frauen

vom Gebären, Betreuen, von der Fesselung an Stickstrumpf und Kochtopf befreien

wird, um sie höheren und geistigeren Berufen zuzuwenden, aber nur um den Preis,

dass die übrigen viel enger und in viel spezialisierterer Weise an jene Funktionen

gefesselt werden [Simmel, G. (1989): S.88, zitiert in: Haas, B. (2003): S. 66f.].“

Aufgrund des Mangels an entsprechenden Dienstleistungsangeboten für Hausarbeit,

haben sich seit den 1990er Jahren vermehrt private Arrangements ausgebildet, die

die Entwicklung einer neuartigen und globalen Arbeitsteilung zwischen Frauen

markieren. Die Notwendigkeiten alltäglicher Lebenshaltung sind in abendländischen

Staaten zum „Pull-Faktor“ weiblicher Migrantinnen geworden. Die „Neustrukturierung

des Privaten“ macht also immer auch eine Analyse der Verknüpfungen, der

Ambivalenzen und Konvergenzen von sozialökonomischer, ethnischer und

geschlechtsspezifischer Separierung erforderlich [Vgl. Thiessen, B. (2008): 93].

Internationale Untersuchungsergebnisse haben vier elementare Voraussetzungen

an die Gesellschaft für die vermehrte Einstellungen von migrantischen

55

Individualisierung meint hier „die Freisetzung aus traditionellen Bindungen und

Abhängigkeiten sowie die Entscheidungsfreiheit bei der Gestaltung des eigenen Lebens“ [S.

Haas, B. (2003): S. 68].

96


Hausarbeiterinnen festgemacht: Ein Markt für undokumentierte Hausarbeit durch

Migrantinnen in privaten Haushalten bildet sich demnach aus, wenn sich weibliche

Lebenszusammenhänge gesamtgesellschaftlich gesehen verändern 56 . Des Weiteren

basiert er auf einem Fehlen an öffentlich organisierten Dienstleistungsangeboten.

Darüber hinaus gilt die Art der partnerschaftlichen Arbeitsteilung als

Grundbedingung: Desto mehr sich die rhetorische Egalität von der faktischen

Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern unterscheidet, „desto eher wird mit der

bezahlten privaten Lösung der häusliche Frieden aufrechterhalten“ [S. Thiessen, B.

(2008): 94f]. Helma Lutz (2000) charakterisiert diese Erscheinung als „zwielichtige

Zone“, an deren Aufdeckung auch politisch gesehen praktisch niemand interessiert

ist [Vgl. Lutz, H. (2000)].

Die meisten Hausarbeiterinnen gehen dieser Beschäftigung undokumentiert nach,

wobei laut Barbara Thiessen (2008) das „Unrechtsbewusstsein“ der ArbeitgeberInnen

bezüglich der arbeitsrechtlichen Situation der Arbeitnehmerinnen besonders gering

ausgeprägt sei, „da das Private als Raum jenseits staatlicher Kontrolle konnotiert ist.

Das Arbeitsverhältnis wird zum Arrangement zwischen Frauen. Gleichzeitig gerät die

traditionelle Separierung von Öffentlichkeit und Privatheit in Bewegung“ [S. Thiessen,

B. (2008): S. 95f.].

5.4. Ethnisierung feminisierter Hausarbeit (Andrea Stoick)

Ausgehend von diesen Überlegungen und den vorangegangen Betrachtungen der

Geschlechterregime bedingten Feminisierung der Hausarbeit, wird die intersektionale

Trinität in der Delegation von Hausarbeit an Migrantinnen in all ihren

Wechselwirkungen sichtbar. Einerseits findet sich die Kategorie gender als

wesentliches Merkmal in der Delegation von Hausarbeit von Frauen zu Frauen

wieder, andererseits sind es Frauen, die sozial und ökonomisch schlechter gestellt

sind, die diese Arbeit annehmen (>>class


Schlechterstellung resultiert aus mangelnden Partizipationsmöglichkeiten und

mangelndem Zugang zu Ressourcen. Da vor allem Migrantinnen in diese schlechter

gestellte Gruppe fallen, verbinden sich die beiden zuvor genannten Aspekte mit dem

der Ethnizität. Dies wird unter anderen dadurch sichtbar, dass gerade bei der

Delegation von Hausarbeit die formale Qualifikation wenig Bedeutung hat, die

ethnische Herkunft und das Geschlecht aber sehr wohl. Viele Frauen mit hohem

Bildungsniveau migrieren, oder pendeln zumindest vom Herkunftsland, um entweder

die ökonomischen Verhältnisse zu verbessern, oder überhaupt aufrecht zu erhalten.

Im Ankunftsland bleiben diesen Frauen nur wenige Möglichkeiten Arbeit zu finden,

meist undokumentiert, auf jeden Fall im Rahmen der ihrem Geschlecht zugeordneten

Fähigkeiten der Versorgungsarbeit. Die Qualifikation wird also durch das Geschlecht,

das Frau-sein definiert. Der geringe, illegal erworbene Lohn wiederum erklärt und

legitimiert sich für die Mitglieder der privilegierten Gruppe aus der ethnischen

Herkunft der Frauen [Vgl. Wilde, K. (2005)].

Somit konstituiert sich auch die Hierarchie zwischen Arbeitgeberin und

Arbeitnehmerin nicht mehr anhand des Kriteriums der Qualifikation, sondern anhand

ethnischer Kriterien. Ob die Haushaltskraft aus dem Ausland höher qualifiziert ist als

ihre Arbeitgeberin spielt kaum eine Rolle, nur ihre Herkunft ist für die Einstellung und

die Höhe des Lohnes von Bedeutung. Auf der Seite der Herkunftsländer kann man

somit von „brain drain“ sprechen, während in den Ankunftsländern „brain waste“

stattfindet. Dies findet zugunsten der Frauen in den Ankunftsländern statt, die die

Haushaltsarbeit delegieren und somit (weiterhin) ihrem Beruf nachgehen können. Die

weiter oben beschriebene matrix of domination, das intersektionale Gefüge, in dem

sich Frauen, wie MigrantInnen, in mehrfacher Hinsicht aber Migrantinnen bewegen,

wird im Bereich der Hausarbeit besonders sichtbar. Ist, so wie bereits in den vorigen

Kapiteln beschrieben, die Hausarbeit im Rahmen des neoliberalen

Geschlechterregimes nach wie vor den Frauen zugeschrieben, sind diese nach wie

vor verantwortlich für Ordnung, Sauberkeit, Versorgung, Organisation und

Kinderbetreuung – für die gesamte Reproduktionsarbeit, so bietet sich für Frauen,

die sich in ihrer gesellschaftlichen Position auf einem Niveau befinden, wo sie selbst

bereits mächtig sind, die bequeme Lösung der Beschäftigung einer Haushaltshilfe

an. In der Auswahl dieser Haushaltshilfen, die illegal und prekär beschäftigt werden,

98


ist vielfach, vor allem im urbanen Bereich immer mehr der kulturelle und ethnische

Aspekt ausschlaggebend.

Steht hinter dieser kulturalisierenden Annahme der Zugang selbst zu einer

privilegierten, gebildeten und emanzipatorisch weit entwickelten Gesellschaft zu

gehören, so begründet sich die Ungleichbehandlung der anderen Frau in einem

Strauß nationaler, kultureller, persönlicher, oder ähnlicher Zuordnungen, die sich aus

der Annahme einer rückständigen, hilfsbedürftigen und unterdrückten Frau aus einer

anderen Kultur speist. Greve zitiert in diesem Zusammenhang eine internationale

Studie von Malgesinie Rey und anderen aus dem Jahr 2004, wo diese Machtstruktur

speziell untersucht wurde. Die zugeordneten Attribute, die verknüpft sind mit

Herkunft, Hautpigmentierung oder Religion sind schwer definier- und beschreibbar.

Sichtbar würde dies laut Greve vor allem in der unterschiedlichen Verteilung von

Pflichten innerhalb einer Familie, die mehrere Haushaltshilfen beschäftigt. So liegt

die Kinderversorgung eher bei Frauen aus ähnlichen Kontexten wie des der

Etablierten, die Putzarbeit eher bei den anders Ethnisierten [Vgl. Greve, D. (2007)].

Wie bereits in den vorigen Kapiteln dargestellt, haben sich die Rahmenbedingungen

und Anforderungen an die Hausarbeit im Haushalt der Moderne stark verschoben

und die Lebensrealitäten der Frauen in Österreich seit den 70iger Jahren wesentlich

verändert. Frauen partizipieren zunehmend am Arbeitsmarkt, tun dies allerdings zu

einem hohen Prozentsatz nur im eingeschränkten Maße – Teilzeitarbeit – und

beschränken sich weiterhin weitestgehend auf sogenannten „weibliche“ Branchen,

beziehungsweise die „unteren“ Ebenen im Unternehmen. Schichtunabhängig bleibt

jedoch der gesamte Bereich der „Haushaltsarbeit“ 57 weiterhin den Frauen

überlassen. Da die Abgabe von Arbeit an die Männer meist nicht funktioniert, entsteht

ein ebenfalls schichtunabhängiger Bedarf an Dienstleistungen, die in Teilbereichen

der Haushalts- und Hausarbeit unterstützend und entlastend wirken, damit die Frau

ihrer Mehrfachbelastung gerecht werden kann. Hier beginnt jetzt die Kategorie

57

B. Geissler definiert den Terminus „Haushaltsarbeit“ in der Erweiterung von „Hausarbeit“

folgendermaßen: „Für die Gesamtheit aller Aufgaben verwende ich den Begriff der

Haushaltsarbeit, der die drei Bereiche ‚Hausarbeit’, ‚Pflege’, ‚Erziehungsarbeit’ enthält. Dabei

sollte der Begriff der Dienstleistung der Erwerbsarbeit vorbehalten bleiben. Die im Hauhalt

privat erledigte Arbeit als Dienstleistung zu bezeichnen, ist eien funktionalistische

Verkürzung, die ihren subjektiven Sinn ignoriert.“ [Geissler (2008) S.31]

99


Klasse zu greifen, denn in den minder qualifizierten, schlecht verdienenden

Schichten kommt es damit zu einer dreifach Belastung der Frauen, in den mittleren

bis oberen Schichten jedoch wird auf ein schon seit langem bekanntes

Lösungskonstrukt zurück gegriffen: Auf das „Dienstmädchen“, heute neutralisierend

„Reinigungskraft“, oder abwertende feminisierend „Putzfrau“ genannt. Auch wenn die

heutigen Ausformungen der Beschäftigung von dienstbaren Frauen und Mädchen

anders sind als noch vor 100 Jahren, so lassen sich doch einige Parallelen ableiten.

5.4.1. Dienstmädchen im 19. Jahrhundert (Exkurs)

In Europa hatte sich im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen der

Industrialisierung und der bereits in den vorigen Kapiteln beschriebenen Aufteilung

von Privatem und Öffentlichen auch eine Veränderung im Bereich der Arbeitsteilung

und des Gesindes 58 ergeben. Nach und nach begannen sich die Gruppen der

Arbeitskräfte in den Haushalten auszudifferenzieren, einerseits in die Gruppe derer,

die für die Mitglieder des Haushaltes tätig waren, andererseits in die Gruppe derer,

die Produkte und Dienstleistungen für die Außenwelt erstellten. Aus letzter Gruppe

entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr die Schicht der

landwirtschaftlichen und industriellen ArbeiterInnen, sowie der gewerblichen

ArbeitnehmerInnen, während sich der Schwerpunkt der immer noch vorhandenen

Gesindehaltung vom Land in die Stadt verlagerte [Vgl. Schmidt, D. (2008)].

Zeitgleich mit der mit der zunehmenden Feminisierung der Hausarbeit und dem

rapiden Rückgang männlicher Bediensteter 59 , etablierte sich erstmals neben den

adeligen, vor allem in den (groß)bürgerlichen 60 städtischen Haushalten der Stand der

58

Vgl. dazu Schmidt: „Unter Gesinde verstand man bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts all

die Personen, die im Haus ihres Dienstherren wohnten, dort gewerblich-landwirtschaftliche

oder auch häusliche Dienstleistungen verrichteten und der hausherrlichen Befehlsgewalt

unterstanden. […] dies entsprach der Einheit von Arbeiten und Wohnen, von Produktion und

Reproduktion im „ganzen Haus“ vormodernern Zeiten […]“ [S. Schmidt, D. (2008) S.204f]

59

Um 1900 waren nur mehr rund 1% der Bediensteten in Haushalten männlich. Sie stellten

vor allem die Berufsgruppen der Kutscher und Hausknechte. [S. Schmidt, D. (2008) S.205]

60

Eine Familie, die es sich leisten konnte, Dienstpersonal zu beschäftigen und sich somit ein

„Gut“ anzueignen, das früher nur den Adeligen vorbehalten war, erfuhr meines Erachtens

damit auch eine soziale Aufwertung, was wiederum eine klare Abgrenzung zu nichtbürgerlichen

Schichten mit sich brachte. Es ist somit festzuhalten, dass die Beschäftigung

von Dienstpersonal ein Klassenmerkmal der bürgerlichen bis adeligen Schichten war.

100


Dienstmädchen oder Hausmädchen, meist Mädchen und Frauen aus ländlichen

Gebieten, die in die Stadt gezogen waren, um sich dort als Dienstmädchen zu

verdingen. [Schmidt (2008)] Diese Frauen und Mädchen lebten in den Haushalten, in

denen sie tätig waren und waren dazu verpflichtet die „Hausfrau“ von möglichst

vielen Arbeiten zu entlasten und für das Wohl der gesamten Familie zu sorgen und

da zu sein, eine Rolle, die sie zum Teil des Haushaltes (mit großer räumlicher Nähe

zur Familie der „Herrschaft“), aber nicht Teil der Familie (mit emotionaler Nähe)

werden ließ: „Die neue Privatheit der bürgerlichen Familie beruhte darauf, dass man

eine solche den Dienstboten gerade nicht zugestand.“ [S. Schmidt , D. (2008) S.206f]

Die Mädchen wurden also zum Teil der Familie, mit doch deutlich abgegrenzten

Möglichkeiten, Rechten und Pflichten. Nichts desto trotz entstanden Beziehungen

und Bindungen. Eine Identifikation des Dienstpersonals mit der „Herrschaft“, die im

positiven Sinn wohl mit einem bescheidenen Wohlstand oder einer temporären

Sicherheit des Dienstmädchens einhergehen konnte, in den meisten Fällen aber

wohl eher zu einer Abhängigkeit, Ausbeutung und Reihe von, auch sexuellen,

Übergriffen führte [Vgl. Schmidt, D. (2008)].

Die Motivation und Lebensrealität der DienstbotInnen selbst ist in der Literatur lange

wenig berücksichtigt worden. Wierling (1987) oder auch Walser (1985) versuchen

dies in ihrem Buch und beleuchtet die Lebensrealitäten der Dienstmädchen. Meist

aus ärmlichen Verhältnissen stammend, oft aus dem kleinbäuerlichen,

kleinhäuslerischen und Arbeitermilieu gingen diese Frauen in die Städte, um die

Stammfamilie zu entlasten, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft und ein

besseres Einkommen. Die Zahl der jungen Frauen, die vom Land in die Stadt

strömten liegt bei mehreren 10.000. Beinahe ein Drittel aller Frauen, die außerhalb

ihrer Familien arbeiteten waren als Dienstbotinnen in privaten Haushalten tätig [Vgl.

Walser, K. (1985), Wierling D. (1985)]. Die geografische Herkunft der Dienstmädchen

spielte um die Jahrhundertwende meines Erachtens ebenso eine durchaus

auffallende Rolle, so stammten doch viele aus Teilen der Monarchie, die heute zu

jenen Ländern gehören, aus denen viele der Haushaltsarbeiterinnen nach Österreich

kommen (Polen, Tschechien, ...). Bei einer „Herrschaft“ aufgenommen, begann ein

Arbeitsalltag, der von den Mädchen eine möglichst allumfassende Verfügbarkeit

erwartete, wie es Adelheid Popp bereits 1912 anschaulich beschrieb: „Wie aber ist es

101


ei den Dienstmädchen? Ihre Arbeitszeit ist unbeschränkt und kein Gesetz bestimmt,

wie viele Stunden im Tag ihre Arbeit dauern darf. […] Von 6 Uhr früh bis 12 Uhr

nachts gehen die verschiedensten Arbeiten durch ihre Hände. Die Mädchen für alles

in Familien [...]. Frühstückkochen, Kleiderputzen, Einkaufen, Zimmerbürsten,

Geschirrwaschen, dann mit den Kindern spazieren gehen, Wäsche waschen, zum

mindesten aber bügeln, das ist das Tagwerk eines Dienstmädchens“ [S. Popp, A.

(1912) S.5] .

Die Hierarchien innerhalb des Haushaltes und die damit verbunden Tätigkeiten

waren klar geregelt und das Dienstmädchen befand sich am untersten Ende der

Rangordnung. Die Machtverhältnisse innerhalb dieser bürgerlich/adeligen Haushalte

verliefen entlang der Kategorien Klasse und Geschlecht. So stand der Hausherr

deutlich oberhalb seiner Gattin, diese wiederum oberhalb der DienstbotInnen und so

weiter.

Waren die Männer im Haushalt durch ihre Männlichkeit in ihre eigenen

Hierarchiesysteme eingebunden, so war dies bei den Frauen genauso. Schon Popp

schreibt 1912: „Es hängt sehr viel davon ab, ob die Dienstgeberinnen das

notwendige Verständnis dafür haben, dass die Dienstmädchen auch fühlende Wesen

sind, die für Kränkung, Zurücksetzung und Missachtung ein feines Empfinden

haben.“ [S. Popp, A. (1912) S 12]. Innerhalb dieses sozialen Gefüges und der

komplexen Machtverflechtungen innerhalb des bürgerlichen Haushaltes, nahm die

Beziehung zur „Herrin des Hauses“ wohl die wichtigste Rolle ein [Vgl. Schmidt, D.

(2008)].

Das Mädchen lebte also im Haushalt und hatte anfangs auch eine eher diffuse

Vorstellung davon, was auf sie zukam. Zahlreiche offizielle und inoffizielle Regeln

bestimmten das tägliche Leben. Die Klasseneinteilung innerhalb des Haushaltes

musste berücksichtigt werden, der Wille der Herrschaft zählte jedoch vorrangig.

Diese bewerteten und beurteilten oft mehr nach persönlichen Merkmalen, als nach

anderen. Äußerliche Attraktivität und damit erneut geschlechtliche Normierung zum

einen, typisch weiblich/dienende Eigenschaften wie Verlässlichkeit, Belastbarkeit,

Demut und Unterordnung, Fleiß, Sauberkeit, etc. zum anderen [Vgl. Walser, K.

102


(1985)]. Dienstbotenordnungen enthalten einen Paragraph, der davon handelt, wie

sich der Dienstbote gegen den „Dienstherren“ zu benehmen hat. §10 der

schlesischen Dienstbotenordnung lautet zum Beispiel: „Zur Treue, Ehrerbietung,

Aufmerksamkeit und Wahrhaftigkeit ist der Dienstbote verpflichtet. Er muss den

Angehörigen des Dienstherrn anständig begegnen, mit dem Nebengesinde

verträglich sein und sich aller Zänkereien, Klatschereien und übler Nachrede gegen

den Dienstherrn oder dessen Familie enthalten. Befehle, Ermahnungen und

Verweise des Dienstherrn muss er mit Ehrerbietung und Bescheidenheit annehmen“

[S. Popp, A. (1912) S.9]. In diesem Umfeld, wo die Persönlichkeit als

Beurteilungskriterium der Leistung, ebenso Jugend und Weiblichkeit als Maßstab

galten, ging die Distanz zur Arbeit schnell völlig verloren, was die Abhängigkeit

genauso förderte, wie die mangelnde Anerkennung oder die vollkommene

Naturalisierung der Tätigkeiten und ihrer ordentlichen Verrichtung, naturgegeben

durch Geschlecht und Status: „Von der Abwertung der Hausarbeit und der engeren

Verbindung von (weiblicher) Person und Arbeitskraft waren die Dienstmädchen in

besonderer Weise betroffen. Die soziale Degradierung der Hausarbeit wurde bei

ihnen nicht durch anderes kompensiert, wie dies durch die Aufwertung von

Mutterschaft und ehelicher Liebe bei der bürgerlichen Frau der Fall war. Im

Gegenteil: Die Idealisierung weiblich-affektiver Qualitäten konnte nur durch

Abwertung der materiellen Hausarbeit erreicht werden, die als niedere

Dienstmädchenarbeit aus der bürgerlichen Familie ausgrenzt wurde“ [S. Walser, K.

(1985) S.49].

Die Feminisierung der Haushaltstätigkeiten wurde auch damals bereits sprachlich

determiniert, so sind die Bezeichnungen wie Dienstmädchen, Kindermädchen,

Stubenmädchen, oder „Mädchen für alles“ klare Verweise auf das Geschlecht der

betreffenden Personen und ein unmissverständlicher Spiegel dafür, dass die Arbeit in

privaten Haushalten, die größte Einnahme- und Beschäftigungsquelle der Mädchen

darstellte. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade wegen ihres unsicheren und

widersprüchlichen Status entwickelten die unterprivilegierten und sich fern der

Heimat aufhaltenden Frauen und Mädchen ihre eigene (Wir-)Identitäten, definiert

durch das Unterwandern der privilegierten Schichten und die Identifizierung

untereinander, die selbst erhöhend und von der unterprivilegierten Herkunft

103


abgegrenzt war, und wurden zum Nährboden politischer Strömungen wie zum

Beispiel dem Sozialismus, wie Popps politischer Aufruf am Schluss ihrer Abhandlung

über „Haussklavinnen“ demonstriert: „Dienstmädchen! Bleibt nicht länger jede allein,

schließt euch zusammen, organisiert euch und kämpft gemeinsam um höhere

Menschrechte. […] Jeder Mensch hat das Recht sich zu organisieren und Vereinen

anzugehören, also auch ihr [...]“ [S. Popp, A. (1912) S.31].

5.4.2. Moderne Dienstbotinnen - Migrantinnen in privaten Haushalten heute

Damals wie heute ist der Markt der Haushaltsdienste einer der wichtigsten

Arbeitsmärkte weltweit für Frauen, durchaus organisiert, aber selten offiziell oder

legal. Dieser Umstand wird produziert, wie auch reproduziert durch die Tatsache,

dass sich die Arbeit dieser Frauen im „Privaten“ abspielt, im Haushalt. Das Private

wird zum Arbeitsraum, die Arbeit ist eng an das Verhältnis der Protagonistinnen

gekoppelt. Die Beschäftigung von Frauen als Haushaltsarbeiterinnen erlebte aber

nach eine Rückgang in der Mittes des 20. Jahrhunderts, an dessen Ende wieder eine

neue Blüte. Obwohl die Rahmenbedingungen heute andere sind, so lassen sich doch

eine Reihe Parallelen zwischen den Dienstmädchen damals und den

Reinigungskräften heute feststellen.

Lewis A. Coser bezeichnete in seinem Aufsatz von 1973 „Servants: The

Obsolescence of an Occupational Role“ den DienstbotInnenberuf als einen

vormodernen. Seine Begründung dafür waren folgende, mit dem Beruf

innewohnende Aspekte [Vgl. Coser, L. A. (1973)]:

- Die Arbeitsbeziehung begründet sich auf einem zugeschriebenen und nicht

erworbenen Status

- Das Arrangement hat partikularistische Standards und diffuse Aufgaben

- Es ist charakterisiert durch das Verhältnis zwischen Über- und Unterlegenen

- Es bewegt sich im Spannungsfeld sozialer Distanz bei gleichzeitiger Intimität

Die Situation der Hausarbeiterinnen des ausgehenden 20. und beginnenden 21.

Jahrhunderts ähnelt also jener der Dienstmädchen des späten 19. und beginnenden

104


20. Jahrhunderts in vielen Aspekten, wie aus der Charakterisierung Cosers

ersichtlich ist. Bridget Anderson vergleicht auch die arbeits- und aufenthaltsrechtliche

Situation der Dienstmädchen mit der der Hausarbeiterinnen: „Unterwarf damals die

Gesindeordnung die Dienstbotinnen der Willkür ihrer ArbeitgeberInnen und

unterstellte sie bei Konflikten direkt der Polizeigewalt, so übernimmt diese Funktion

heute das Zuwanderungsgesetz“ [S. Anderson, B. (2006) S.17].

Es stellt sich berechtigterweise die Frage, warum durch veränderten Arbeits- und

Lebensbedingungen der letzten Jahrzehnte nicht auch neue Wege zur Organisation

der Haus- und Versorgungsarbeit beschritten werden. Hier kommt es zu einem

komplexen Zusammenspiel von Politik und Privatem. Unterstützung im Haushalt wird

trotz steigender Erwerbstätigkeit von Frauen nur dort zum Teil vom Staat

übernommen, wo es um die Kinderbetreuung geht, teilweise auch im Bereich der

Pflege von Angehörigen, wo auch privatwirtschaftliche AnbieterInnen zum Zug

kommen. Die Mehrheit der Hilfsdienste in den Haushalten ist jedoch weder staatlich

noch privatwirtschaftlich, weder leistbar noch sinnvoll organisiert, die Putz- und

Organisationstätigkeiten rund um die Haushaltsführung, sowie ein Teil der Pflege und

Beaufsichtigung von Kindern. Der Staat selbst sieht keinen Handlungsbedarf, da aus

dem privaten Bereich selbst kein beziehungsweise nur marginaler Protest kommt,

diese Situation zu verändern. Die Ursachen dafür sind komplex und zweifelsfrei im

Bereich der schon in den vorigen Kapiteln beschriebenen Privatisierung der

Hausarbeit, verwebt mit den kulturellen Zuschreibungen anzusiedeln.

Birgit Geissler spricht in diesem Zusammenhang von den Handlungslogiken der

Erwerbs- und der Haushaltsarbeit, die bestimmte Zuordnungen besitzen - für die

Erwerbsarbeit die Monetarisierung und Distanzierung, für die private Arbeit Empathie

und Unentgeltlichkeit. Diese Handlungslogiken, schreibt sie ferner, hätten „komplexe

kulturelle Grundlagen. [...] Die Weitergabe kultureller Normen und Werte an die

nächste Generation (beziehungsweise unter Erwachsenen die Bestätigung

gemeinsamer Werte) materialisiert sich in der alltäglichen Lebensführung.“ [S.

Geissler, B. (2008) S. 38f]. Erwerbsarbeit wird klar definiert von Qualifikation und

Erfahrung, ist dadurch normiert und vergleichbar. Das was als „gute Hausarbeit“ zu

verstehen ist, liegt in „normativ fundierten und interaktiv anerkannten Ansprüchen.“

105


[S. Geissler, b. (2008) S. 40]. Das heißt, dass für die Bewertung von Hausarbeit die

jeweils gültigen Werte und die Erfüllung von Vorgaben ausschlaggebend sind, eine

Bewertung, die sich immer durch persönliche Zustimmung ausdrückt von Personen,

die miteinander in einer persönlichen Beziehung stehen. Diese Verquickung von

Arbeitsebene und Beziehungsebene ist, so Geissler, die „zentrale Handlungslogik

der privaten Arbeit“ [S. Geissler, B. (2008) S 40]. In diesem Sinne ist eine

Begrenzung von Arbeit und Beziehung kaum mehr möglich. Die Arbeit im Haushalt

ist qualitativ eng an Beziehungen geknüpft und bestimmt vice versa auch die Qualität

dieser Beziehungen.

Die hohe Nachfrage in Privathaushalten nach Personen, die Teile der

Versorgungsarbeit übernehmen führt, wie bereits beschrieben in erster Linie zur

Delegation dieser Versorgungsarbeit von Frauen an Frauen. Meist erfolgt diese

Delegation, vor allem in städtischen Ballungsräumen an Migrantinnen, die entweder

wegen schlechter Deutschkenntnisse und mangelnder Qualifikationen schwarz

arbeiten müssen, oder in der Mehrzahl der Fälle keine Arbeitserlaubnis bekommen

[Vgl. Odierna, S. (2002)]. 61 Für diese, wie jene Frauen stellt die Arbeit in

Privathaushalten oft die einzige Möglichkeit dar, zu überleben, beziehungsweise die

eigene Familie (mit) zu versorgen. Warum es sehr oft Migrantinnen sind, die für die

minderbewerteten Versorgungsarbeiten herangezogen werden, ist bei den

delegierenden Frauen zumindest bewusst keine ethnisch oder rassistisch motivierte

Entscheidung. Wie Anderson (2003) analysiert, ist es oft der unbewusste Wunsch

nach Differenzierung, wenn schon nicht über das Geschlecht, dann zumindest über

die Ethnie und damit eng verbunden, der sozialen Schichtung, die Motivation für die

Beschäftigung von Migrantinnen sind [Vgl. Anderson, B. (2003)].

Ein anderer Aspekt ist die Unsichtbarkeit des Arbeitsverhältnisses. Maria Rerrich

unterscheidet unter verschiedenen Gruppen von illegal arbeitenden Frauen. Alle

haben demnach Grund unsichtbar zu sein, dies können „einheimische“ oder

„zugewandert“ Frauen sein, die also einen offiziellen Status im Land haben, aber

aufgrund verschiedener Umstände illegal Geld dazu verdienen müssen, oder aber

61

Gerade in den städtischen Gebieten kommt der Informalisierungstrend des neoliberalen

Wirtschaftssystems voll zum Erblühen. Durch Deregulierung und Flexibilisierung steigt der

Bedarf an selbstorganisierter Versorgung um ein Vielfaches. [Vgl. Sassen, S. (2003)]]

106


die überaus große Gruppe der laut Rerrich „cosmomobilen“ Frauen, bei denen

Rerrich wiederum „Transmigrantinnen und Illegale“ 62 unterscheidet. [S. Rerrich, M.

(2006) S. 44F] Transmigrantinnen sind jene Frauen, deren Lebensführung sich

Länder übergreifend abspielt, die zwischen Herkunftsland und dem Land, wo sie

ihrer Arbeit nachgehen, pendeln. Oft reisen diese Frauen als Touristinnen ein und

bleiben dann über längere Zeiträume, mit dem einzigen Ziel, Geld zu verdienen.

Undokumentiert sind Frauen, die keine Aufenthaltsgenehmigung im Ankunftsland

haben. Sie sind oft nicht in der Lage in das Herkunftsland zurückzukehren, haben

aber auch keinen offiziellen Aufenthaltsstatus, sodass sie sich nicht nur im

Arbeitsbereich, sondern auch in ihrer gesamten Lebensführung in der Illegalität

befinden.

Da diese illegalen MigrantInnen und TransmigrantInnen im Verborgenen bleiben,

kann die Zahl nur geschätzt werden. Die Frauen, die diesen beiden Gruppen

angehören schaffen ihre persönlichen sozialen Bezugssysteme entweder im Kontakt

mit Frauen die denselben Status haben wie sie, oder innerhalb der privaten Räume,

in denen sie sich bewegen können und dürfen. In diesen privaten, transnationalen

sozialen Räumen 63 formen sich demnach neue sozial-kulturelle Muster und Formen

der Vergesellschaftung, wo Elemente der Herkunfts- wie der Ankunftsgesellschaft

entstehen. Es entstehen Biografien von Menschen, die sich nicht mehr eindeutig

nach nationalstaatlichem Muster zuzuordnen sind. Helma Lutz zitiert in diesem

Zusammenhang Georg Auernheimer [Vgl. Lutz, H. (2008)], der die vier Dimensionen

interkultureller Kommunikation beschreibt: die Dimension der Macht, die

Kollektiverfahrungen, gegenseitige Fremdbilder und die kulturelle Dimension.

Dominant sei die Überlegenheit hinsichtlich der Handlungsmöglichkeiten. Umgelegt

62

Im Sinne von Maria Rerrich (2006) und der Intention der Verfasserinnen dieser Arbeit, sei

darauf hingewiesen, dass es sich bei der Zuschreibung der Illegalität im

sozialkonstruktivistischen Verständnis, ebenso wie bei anderen in dieser Arbeit verwendeten

Begriffen um soziale Konstruktionen handelt, die „je nach historischem Zeitpunkt sehr

verschieden sein können, und entsprechend ist das vorherrschende Bild des illegale

MigrantInnen immer auch ein dem jeweiligen Zeitgeist konformes Klischee – allerdings ein

sehr wirkungsmächtiges und folgenreiches.“ [S. Rerrich, M. (2006) S. 107)

63

In der Globalisierungsdebatte, wie auch der Migrationsforschung hat sich der Begriff der

Transnationalität etabliert, ein Begriff, der sich wie Helma Lutz [2008) in ihrem Artikel zur

Transnationalität im Haushalt zusammenfasst, der versucht, die Folge der ökonomischen

Veränderungen die mit der Globalisierung einhergehen, auf der Ebene des Sozialen zu

beschreiben [Vgl. Lutz, H. (2008)].

107


auf die Beziehungen zwischen den Frauen, ergibt sich das Bild, dass die

Handlungsmöglichkeit und die Dominanz eindeutig auf der Seite der

Arbeitgeberinnen liegen müsste. Sie sind die Personen, die anordnen, die beurteilen,

die einer Arbeit nachgehen, die für sie Sinn stiftend ist und sich „Hilfe“ für die

niedrigen Hausarbeiten suchen, für die das Haus auch Zuhause ist. Auch die

Arbeitnehmerinnen sind durchaus in der Lage Macht aus ihrer Lage zu ziehen.

Subtile Macht über Schuldgefühle, über moralische Verhandlungsmargen können zu

materiellen Vorteilen führen, oder zur Veränderung der Machtverhältnisse.

Die Verflechtung sowohl von Arbeits- und Beziehungsebene, als auch von

ethnisierenden Zuschreibungen ergibt eine ganz spezielle Arbeitssituation von

Migrantinnen in modernen Haushalten. Anderson beschreibt die Situation treffend:

„[…] They are relationships among women, but often women of different races and

nationalities – certainly different classes. They take place in a space that can be

intimate, loving, and private but that can also be a form of social plumage, […] And

the worker […] may depend on the employer, [...],just as the employer depends on

the worker [...]“ [S. Anderson (2003) S.104]

Für die Arbeitgeberinnen steht häufig der ethnozentristisch motivierte Wunsch nach

Hilfestellung für die „armen, ausländischen Frauen“ dahinter- ein Wunsch wo sich bei

aller Differenzierung auch wieder eine Angleichung vollzieht, denn auch die

delegierende Frau empfindet sich selbst meist als überbelastet und bedürftig nach

Unterstützung, was ja oft als Legitimation für die Delegation an sich gebraucht wird

[Vgl. Anderson (2003)]. Dieser „helfende“ Zugang, von Anderson auch „maternalism“

genannt, dient im Grunde nur der Selbstbestätigung der Arbeitgeberin in ihrer

eigenen mütterlichen Großzügigkeit, wobei die Arbeiterin die kindlich untergebene

Rolle einnimmt. Ein Aspekt dieses „maternalism“ ist auch die Abgabe von

Geschenken an die Hausarbeiterinnen, oft Kleidung oder andere Dinge, die im

Haushalt der Arbeitgeberin nicht mehr benötigt werden. Sie entscheidet, wann und

wie viel sie gibt und sie ist es auch, die sich selbst die Beurteilungsmacht darüber

zuschreibt, ob die Arbeiterin dies nun braucht oder nicht [Vgl. Anderson, B. (2003)].

Weitere Gründe für die Auswahl von Migrantinnen identifiziert Anderson auf Basis

ihrer empirischen Studien in vielen Hauptstädten Europas in den ethnisierten

108


Zuschreibungen an die Flexibilität, Motivation, Leistungsfähigkeit und Abhängigkeit

von Migrantinnen, wobei auch hier ethnische Differenzierungen getroffen wurden,

zum Beispiel, dass Philippininnen besonders hart arbeiten können und sehr ruhig

seien, dunkelhäutige Frauen nicht so sauber seien, und ähnliches [Vgl. Anderson, B.

(2006)]. Für Hausarbeiterinnen, die für Kinder zuständig sind, aber auch für jene,

deren Haushaltsarbeit sich teilweise über viele Jahre erstreckt, entsteht innerhalb

dieses komplexen Arrangements die Problematik, dass sie trotz der Informalität und

Emotionalität der Verhältnisse, jederzeit und ohne Vorwarnung diese Arbeit und die

damit verbundenen Beziehungen verlieren können. Die Vorstellung, Haushaltskräfte

als „Teil der Familie“ zu sehen, so Anderson (2003), ist für viele Arbeitgeberinnen ein

Weg, dieser Problematik aus dem Weg zu gehen. Ähnliche Motivationsgründe

könnten meines Erachtens auch zur starken Identifikation mit den Familien seitens

der Haushaltskräfte führen.

Rerrich beleuchtet in ihren Studien vor allem die Bewertung und Beschreibung der

Hausarbeiterinnen. In ihren Befragungen kristallisierten sich zwei Hauptgruppen

(beliebter) ArbeitgeberInnen heraus: Diejenigen, zu denen kaum Kontakt besteht,

also die Beziehung möglichst minimalisiert sind und gleichzeitig auch die Kontrolle

relativ gering ist, und diejenigen, zu denen besonders herzliche, familiäre

Beziehungen bestehen. In beiden Fällen handelt es sich um, für die Arbeitnehmerin

subjektiv angenehme Arrangements [Vgl. Rerrich, M. (2006)]. Konflikte ergeben sich

laut Rerrich vor allem aus Missverständnissen darüber, wie die Arbeitgeberinnen ihre

Wohnung geputzt haben wollen, wo genau und wo weniger genau geputzt werden

soll und über die Einschätzung der Dauer der Arbeit, wobei die Arbeitgeberinnen

häufig dazu neigen ihre eigenen Vorstellungen, beziehungsweise Selbstbilder auf die

Haushaltshilfen zu übertragen. Erfüllt diese die Bedingungen nicht, so kommt es zu

Kritik, die von der Haushaltshilfe selbst oft als ungerecht empfunden wird. Neben den

„klassischen“ Reinigungstätigkeiten erfüllen Haushaltshilfen oft weitere, gar nicht zu

ihrem ursprünglich definierten Aufgabengebiet gehörende Tätigkeiten. Dies kann von

der Beschäftigung mit Kindern, bis hin zur Versorgung alter Menschen gehen. In

beiden Fällen geht es vor allem um Anwesenheit und grundlegende Versorgung mit

Aufmerksamkeit, Medikamenten, oder Essen. Rerrich beschreibt diese schwer

definierbare Grenze zwischen Haushaltsarbeit und erweiterter Versorgungsarbeit als

109


die heimliche Anforderung „Unausgesprochenes aufzuspüren“, sich um Bedürfnisse

zu kümmern, die nicht direkt artikuliert werden. Damit wird dieser Teilaspekt der

„Arbeit“ zu einer Art „Liebesdienst“, wie er normalerweise innerhalb der Familie, vor

allem von deren weiblichen Mitgliedern geleistet wird [Vgl. Rerrich, M. (2006)].

Ähnliches beschriebt auch Anderson, wobei sie auf eine Studie der ILO

[International Standard Classification of Occupations, Genf 1990] Bezug nimmt und

die Tätigkeiten einer Haushaltshilfe wie folgt beschreibt:

„[a] Fegen, Saugen, Bohnern und Wischen von Fußböden und Mobiliar, oder

Putzen der Fenster und des restlichen Inventars;

[b] Waschen, Bügeln und Ausbessern von Wäsche und anderen Textilien;

[c] Abwasch

[d] Zubereitung, Kochen und Auftragen von Mahlzeiten und Erfrischungen;

[e] Einkauf von Lebensmitteln und diversen anderen Dingen;

[f] Erfüllung von damit verwandten Aufgaben;

[g] Beaufsichtigung anderer Arbeitskräfte“

[S. Anderson, B. (2006) S.35], anschließend aber darauf hinweist, dass diese

Kategorisierung bei vielen Hausarbeiterinnen nicht ausreichend beschreibt, was

diese real tun. So übernehmen Haushaltshilfen viele zusätzliche, nichtsachbezogene

Tätigkeiten, wie Pflanzen versorgen, sich um Kinder oder alte Eltern

kümmern, oder ähnliches. Dabei unterscheidet Anderson zwischen Live-in und Liveout

Stellen, erstere bedeuten für eine Familie möglichst allumfassend zu arbeiten, ein

System das am stärksten in Südeuropa verbreitet ist, letztere bedeuten vorrangig die

Arbeit für und in mehreren Haushalten, weiters identifiziert Anderson starke

ethnische und rechtliche (legal oder illegal) Unterscheidungskriterien bei der Art der

Arbeit, die den Frauen zugewiesen wird [Vgl. Anderson, B. (2006)].

Abgesehen von den direkt und indirekt zugeschriebenen Arbeiten innerhalb der

Haushalte, in denen Haushaltshilfen arbeiten, bleibt noch ihre soziale und

ökonomische Situation innerhalb ihrer (häufig im Herkunftsland gebliebenen)

Familien und in ihren Herkunftsländern einzubeziehen. Auch hier sind Rerrichs

Studien sehr aufschlussreich, da sie hier differenziert unterschiedlichste Zugänge

beleuchtet. Häufig ist es so, dass die betreffenden Frauen im Ausland arbeiten

gehen, um die ökonomische Situation ihrer Familien zu verbessern, oder eine

110


gemeinsame Zukunft mit einem Partner aufzubauen, gilt doch die Arbeit in privaten

Haushalten im Vergleich zu anderen illegalen Arbeitsverhältnissen als gut bezahlt

und wenig riskant. Die Versorgungspflichten in den Kernfamilien, beziehungsweise

auch gegenüber den eigenen Eltern wird entweder von dort gebliebenen jüngeren

Familienmitgliedern, oder Ehemännern übernommen, häufig hat sich jedoch eine Art

Rotationssystem etabliert, das die Frauen gemeinsam mit verwandten, oder

bekannten Frauen entwickeln, um jeweils auch ihren eigenen

Versorgungsverpflichtungen nachkommen zu können. Weiters nennt Rerrich die

Anstellung von Haushaltshilfen aus noch stärker unterprivilegierten Gesellschaften

oder Schichten als Lösung für die Versorgungsproblematik der cosmomobilen

Hausarbeiterinnen, wobei die langen Abwesenheiten der Frauen sehr wohl häufig zu

schwerwiegenden familiären Problemen führen können [Vgl. Rerrich, M. (2006)].

111


6. Politische Dimensionen und Strategien (Andrea Stoick)

6.1. StaatsbürgerInnenschaft

Der Beginn der Formalisierung von Politik bestand laut E. Altvater und B. Mahnkopf

in der „Definition der Souveränität nach außen und nach innen“ [S. Altvater, E. ;

Mahnkopf, B. (2002) S. 273]. Dies Definition erschafft erst das Konstrukt des

Nationalstaates, der zuerst dem Herrschenden durch seine Souveränität als

Machtressource dient und erst später auch die Souveränität des Volkes ergänzt

beziehungsweise ersetzt wird [Vgl. Altvater, E. ; Mahnkopf, B. (2007)]. Die Grenzen

eines Staates konstituieren sich einerseits als territoriale, geografisch definierte,

andererseits als symbolische, die im Laufe der Zeit durch den Bezugsrahmen der

StaatsbürgerInnenschaft geschaffen werden, sichtbar gemacht durch Dokumente wie

StaatsbürgerInnenschaftsnachweis oder Reisepass. Die Personen, die die

Staatspolitik lenken, bestimmen die Rahmenbedingungen der Zugehörigkeit

beziehungsweise Inklusion und Ausgeschlossenheit beziehungsweise Exklusion von

der nationalstaatlichen Gemeinschaft.

Die Definition von StaatsbürgerInnen, also von Menschen die sich innerhalb des

Staatsgebildes befinden impliziert jedoch gleichzeitig die Definition derer, die

ausserhalb bleiben. Die Inklusion bedingt somit die Exklusion beziehungsweise wird

durch diese überhaupt erst möglich. Der Staat muss demnach Ungleichbehandlung

und Ungleichheit institutionalisieren, um eine „lebenslange Loyalitäts- und

Leistungsbeziehung“ [S. Bommes, M. (1999) S. 175] wie Bommes sie nennt in Form

der StaatsbürgerInnenschaft überhaupt erst schaffen zu können. „Der

Wohlfahrtsstaat wird zu einer Form der Institutionalisierung von Ungleichheit, indem

er seine Leistungen durch Schließung nach außen zu begrenzen und nach innen zu

steigern versucht.“ [S. Bommes, M. (1999) S. 175]

Welche Menschen, die innerhalb seiner Grenzen leben, Teil dieser staatlichen

Gemeinschaft sein dürfen oder nicht, unterliegt laut Pentisch einem fortlaufenden

112


Aushandlungsprozess durch politische AkteurInnen, ein Prozess, der in

Vergangenheit geschaffen und häufig reproduziert wird [Vgl. Pentisch, R. (2003)].

Vorausgesetzt wird dabei einerseits, dass die als zugehörig eingestuften Subjekte

sich selbst zu ihrer nationalen Identität bekennen und diese auch als wichtig

erachten, wie auch die Normen und Werte, die mit dieser Nationalstaatszugehörigkeit

verbunden sind, mittragen. Auch Anderson knüpft an das Thema

StaatsbürgerInnenschaft an, da diese nicht nur mit den Zugang zum Arbeitsmarkt,

sondern auch den zu den meisten anderen Ressourcen und Rechten eines Staates

bedeutet. StaatsbürgerInnenschaft ob nach „ius soli“ (Geburtsort) oder nach „ius

sanguinis“ (Abstammung) bedeutet Positionierung – Inklusion oder Exklusion – und

Exklusivität: „Wenn Rechte an Staatszugehörigkeit gekoppelt werden, impliziert dies,

dass es legitim ist, einer Person, die keine Staatsbürger ist, bestimmte Rechte zu

verwehrt, selbst wenn diese Rechte als fundamentale Menschenrechte angesehen

werden. […] Staatsbürgerschaft kann Rechte garantieren, sie kann aber ebenso zu

einem Mechanismus werden, durch den Forderungen an den Staat abgewehrt

werden und diese Verweigerung gilt als legitim“ [S. Anderson, B. (2006) S.233].

6.1.1. Rassifizierung und Ethnisierung

Diese Klassifizierung hat sehr oft rassifizierende Aspekte haben, wie Anderson am

Beispiel Großbritannien aufzeigt, wo schrittweise bis zum Jahr 1981 das

StaatsbürgerInnenrecht in der Weise adaptiert wurde, dass nicht mehr alle

Commonwealth Angehörigen frei nach Großbritannien einreisen durften oder dort

geborene StaatsbürgerInnen waren, sondern nur mehr solche, deren Großeltern in

Großbritannien geboren waren. Dieser Vollzug vom „ius soli“ zum „ius sanguinis“

stellte im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung 64 in Wahrheit einen rassifizierend/

ethnisierend geprägte Kategorisierung dar, denn zum Beispiel AustralierInnen,

NeusseeländerInnen und KanadierInnen, also Menschen mit heller Haut und

Vorfahren aus Großbritannien bekamen weiterhin unbeschränkte Aufenthaltsrechte in

Großbritannien, Menschen mit dunkler Haut jedoch wurde dieses Recht plötzlich

64

Das ius sanguinis wurde erstmals im Zuge der Französischen Revolution eingeführt, mit

der ursprünglichen Intention, die mit dem ius soli verbundene feudalistische Tradition des

Staates zu brechen.Erst mit dem nationalsozialistischen Regime wurde das ius sanguinis

ethnisch und rassistisch ausgeformt. [Vgl. Weil, P. (2001)]

113


gestrichen [Vgl. Anderson, B. (2006)]. Der limitierte und differenzierte Einbezug von

Menschen unterschiedlichster Herkunft in soziale Rechte und den Erhalt von

materiellen und symbolischen Gütern, macht es also einfach auch verschiedene

Gruppen von MigrantInnen zu definieren. Bommes bezeichnet dies als

Ungleichheitsschwellen, die die Zuwanderung regulieren, begünstigen oder

erschweren, je nach dem welche (ethnische) Gruppe von MigrantInnen politisch

erwünscht sind und welche nicht. „Staatliche Zuwanderungskategorien

korrespondieren mit Selbst- und Fremdzuschreibungen von ethnischen oder

nationalen Merkmalen und Eigenschaften, die die Legititmiät bzw. Illegitimität von

Aufenthalt und Leistungsansprüchen ebenso wie Erwartungen über so genannte

Integrationsfähigkeiten artikulieren“ [S. Bommes; M. (1999) S. 199]. Pentisch führt zu

diesem Thema an, dass die gesellschaftlichen Probleme und Interessen, die früher

klassen- oder milieuspezifisch definiert waren, heute zunehmend durch ethnische

Deutungsmuster überlagert werden und zwar „von oben“, seitens der politischen

AkteurInnen gesteuert, aber auch „von unten“ durch die Alltagserfahrungen und

Orientierungen der Menschen innerhalb des Staates [Vgl. Pentisch, R. (2003)].

Ethnische Fremd- aber auch Selbstzuschreibungen sind demnach wesentlicher

Bestandteil der Festschreibung von Inklusions- und Exklusionsordnungen. Personen

werden über ethnisches Zuschreibungen „sozial unterscheidbar“ und „beobachtbar“

und wie Bommes es beschreibt, leichter klassifizierbar für welche Verteilungen und

Ressourcen sie in Frage kommen [S. Bommes, M. (1999) S.200]. Diese

Klassifikationen bewirken erst die Definition des rechtlichen Status als

„AusländerInnen“, der einen politischen und juridischen Rahmen vorgibt, in dem sich

diese als „AusländerInnen“ definierten Personen bewegen und handeln dürfen und

der in alltäglichen Umgang vielfältig manifest wird, wobei davon implizit davon

ausgegangen wird, dass die konstruierten „Fremden“ von Seiten des Staates

exekutiv kontrolliert und legislativ reguliert werden müssen [Vgl. Gutierrez Rodriguez,

E. (2003)].

6.1.2. Einwanderungsstatus

Die vorhin beschriebenen Mechanismen der Exklusion werden auf staatlicher Ebene

innerhalb der Bereiche Arbeit, Kultur und Recht wirksam. Für diese Unterscheidung

114


zwischen Fremden und Nicht-Fremden, zwischen Inkludierten und Exkludierten

dienen Fremden- und Einwanderungsgesetze als Grundlage der Entscheidung.

Velencsics vermerkt in diesem Kontext trefflich, dass bereits im Gesetz die Annahme

vorweggenommen wird, MigrantInnen könnten das System ausnützen und somit folgt

über die ethnische Zuschreibung auch sofort eine moralische und persönliche [Vgl.

Velencsics, P. (2007)]. Die entsprechenden und klassifizierenden Gesetzgebungen

regeln also den Status der jeweiligen Personen, samt aller damit verbundenen

Zuschreibungen. Dieser Einwanderungsstatus definiert aber im Gegensatz zur

StaatsbürgerInnenschaft, die die Zugehörigkeit von Menschen zu einem Staat

beziehungsweise einer Nation regelt, den Grad der Ausgrenzung von MigrantInnen

innerhalb des staatlichen Gebildes, legt also mittels Verordnungen, Gesetzen und

Vorschriften die Rahmenbedingungen fest unter denen ein Aufenthalt im Land

gestattet und somit legal ist. Wer außerhalb dieses Regelwerkes steht, oder zum

Beispiel zwar zum Aufenthalt berechtig, aber keine Arbeitserlaubnis hat, bewegt sich

somit außerhalb der iuristisch definierten Legalität und wird somit illegalisiert [Vgl.

Anderson, B. (2006) ]. MigrantInnen sehen sich demnach mit einer Vielzahl von

Anforderungen konfrontiert, die ihnen viele Barrieren und wenig Möglichkeiten bieten,

wobei eine der größten Barrieren der Arbeitsmarkt ist, wo es für MigrantInnen sehr

erschwert wird, überhaupt Zugang zu bekommen, geschweige denn den jeweiligen

Qualifikationen entsprechend und Exklusion durch Zugangsbeschränkung, wie auch

durch Segregation erreicht wird. Das persönliche Wissen und die erarbeitete Bildung

werden nur zu oft abqualifiziert, der Bildungsstatus am Grad der Sprachkenntnisse

der Landessprache der Ankunftsgesellschaft gemessen [Vgl. Gutierrez Rodriguez E.

(2003)].

Für Frauen ergibt sich, ganz dem intersektionalen Dreieck entsprechend, eine

mehrfache Ausgrenzung, einerseits durch ihr Geschlecht, denn der Arbeitsmarkt ist

in den europäischen Wohlfahrtsstaaten nach wie vor geschlechtsspezifisch

segregiert, andererseits durch die Zugangsbeschränkungen für MigrantInnen im

Allgemeinen, durch die beruflich Abqualifizierung, die Sprachbarriere und durch all

diese Faktoren bedingte schichtspezifische Zuordnung. Als Auswirkung dieser

„Vorgänge der Ethnisierung und Vergeschlechtlichung“, wie es Gutierrez Rodriguez

beschreibt, erfahren MigrantInnen „eine Minorisierung und Marginalisierung [...] Denn

115


entlang der strukturellen Kategorien und ihren Verschränkungen mit anderen

sozialen Verhältnissen findet eine Distribution von ökonomischem Kapital, eine

Regulierung des Arbeitsmarktes und eine Organisierung von Wissensproduktionen

und repräsentativen Öffentlichkeitspraktiken statt. Die Vorherrschaft, dass heißt die

hegemoniale Position der Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft wird so abgesichert

und reproduziert“ [S. Gutierrez Rodriguez, E. (2003) S.81ff]. Durch die Unsicherheit

bezüglich Aufenthaltsgenehmigung, den beschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt,

oder auch die politische Machtlosigkeit werden die Lebensumstände der

MigrantInnen allgemein und von Frauen im Speziellen, sowie Identitätskonstitution im

Rahmen des Migrationsprozesses in hohem Maße beeinflusst. Gerade bei Frauen

treffen hier Zuschreibungen auf geschlechtlicher Ebene, solche auf ethnischer Ebene

[Vgl. Gutierrez Rodriguez, E. (2003)]. Der „brain waste“, also die Abqualifizierung von

MigrantInnen führt jedenfalls zur Frustration, kann aber auch zu einer früher als

geplant getroffenen Rückkehrentscheidung führen, da in der Herkunftsgesellschaft

oft doch damit zu rechnen ist, dass die eigenen Fähigkeiten und Qualifikationen mehr

anerkannt sind, als in dem Land der Migration [Vgl. Aziz, K. (2009)].

6.1.3. Sprache und Spracherwerb

Wie bereits zuvor angeführt, stellt der Erwerb beziehungsweise Nicht-Erwerb der

jeweiligen Landessprache ein wichtiges Kriterium der Zugehörigkeit zu einem neuen

gesellschaftlichen Bezugssystem dar. Die Qualität der Sprachkenntnisse 65 gehört,

laut der Forschungsarbeit zum Thema Migration, Sprache und Integration von

Hartmut Esser, genauso wie Betriebserfahrung und (Aus-) Bildungsniveau zu den

entscheidenden Kriterien einen Arbeitsplatz zu finden. Weiters verhindern mangelnde

Sprachkenntnisse die Chance auf eine qualifikationsadäquate Arbeit und führen auch

65

Das Maß und die Schnelligkeit des Spracherwerbs dieser Sprache ist laut Esser von

vielfältigen Faktoren vor allem aber von den Rahmenbedingungen im Herkunfts- und im

Ankunftsland beeinflusst. Ein zentraler Faktor ist die Einstellung der Bevölkerung, aber auch

der Politik des jeweiligen Einreiselandes. Große ethnisch oder kulturell konstruierte Distanz

zwischen den MigrantInnen und der Mehrheitsgesellschaft wirken sich erwiesener Maßen

hemmend auf den Spracherwerb aus, wie auch die ethnische Segregation im Wohnumfeld

oder der Kontakt zu einer entsprechenden ethnisch homogenen Community und die

Verfügbarkeit erstsprachlicher Medien. Ebenso beeinflusst aber auch das Einreisealter, der

Bildungsstand, die linguistische Distanz zwischen Erstsprache und zu erlernender

Zweitsprache, sowie die Dauer des Aufenthaltes die Sprachfertigkeit, bei Kindern kommt

noch die Sprachfertigkeit der Eltern hinzu [Vgl. Esser, H.(2006)].

116


zu Abschlägen beim Einkommen. Oft führt ein starker Akzent auch zu Ablehnung

seitens potenzieller Arbeitgeber, die durch die mangelnde Ausdrucksfähigkeit

Schwierigkeiten erwarten [Vgl. Esser, H. (2006)]. Birgit Behrensen und Manuela

Westphal untersuchten in ihrer Forschungsarbeit von 2009 die Erfahrungen von

Migrantinnen der ersten Generation, die die in den 60iger und 70iger Jahren nach

Deutschland eingewandert waren, unter anderem auch in Hinblick auf die Bedeutung

des Spracherwerbes. Die befragten Migrantinnen gaben an, dass sie die

Wettbewerbsnachtteile gegenüber den Deutsch sprechenden Bildungsinländerinnen

deutlich wahrnehmen konnten, und dass sie wegen ihrer mangelnden Deutsch

Kenntnisse oft abgewertet oder kritisiert wurden. Die Befragten stuften die

Wichtigkeit des Spracherwerbs als sehr hoch ein, gaben aber auch an, dass der

Erhalt der Sprachfähigkeit beziehungsweise die weitere Arbeit an der Verbesserung

der Sprachkenntnisse genauso bedeutsam sei, um Nachteile am Arbeitsmarkt zu

vermeiden [Vgl. Behrensen, B.; Westphal, M. (2009)].

Sprachkenntnis und Spracherwerb erfüllen den vorigen Erkenntnissen folgend, also

eine wichtige Funktion innerhalb des Migrationsprozesses und sind bedeutsam für

die Partizipation am Arbeitsmarkt, die wiederum für den Erfolg der Migration

unabdingbar ist. Seitens des Einwanderungslandes wird Sprache aber auch immer

wieder zum Instrument staatlicher Beurteilung der „Integrationswilligkeit“ von

MigrantInnen, wie im Falle Österreich Maria Fekters (ÖVP) Nationaler Aktionsplan zu

Einbürgerung demonstriert, wo sprachlich orientierte Anforderungsstufen zur

Exklusion von MigrantInnen führen können, die seit Jahrzehnten in Österreich leben

und arbeiten [Vgl. Maas, U. (2005)].

6.2. Formeller/ informeller Arbeitsmarkt und Illegalisierung

Die wohlfahrtsstaatliche (österreichische) Arbeitsmarktpolitik verfügt im Wesentlichen

über zwei Instrumente der Steuerung: passive und aktive [Vgl. Dackweiler, R. M.

(2003)]. Die passiven Leistungen umfassen alle Versicherungsleistungen

beziehungsweise monetären Leistungen wie Arbeitslosengeld, Karenzurlaubsgeld,

117


etc., die aktiven dienen der Steuerung respektive dem Ausgleich von Arbeitsangebot

und -nachfrage am Arbeitsmarkt selbst mit dem erklärten Ziel der Vollbeschäftigung.

Weiters steuert die Arbeitsmarktpolitik die Arbeitszeitpolitik, die die Wochenarbeitszeit

reguliert und als Werkzeug dient, Erwerbsarbeit strategisch umzuverteilen, sowie

auch das Ausmaß der Partizipationsmöglichkeiten von MigrantInnen am

Arbeitsmarkt. Die Anwerbung und Beschäftigung von MigrantInnen am

österreichischen Arbeitsmarkt erfolgte in mehreren Zyklen, die von den jeweiligen

politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten anhängig waren und sind 66 .

Auffallend ist jedoch, dass die rechtlichen, politischen und sozialen

Rahmenbedingungen eine langfristige Niederlassung von MigrantInnen verhindern

sollten, damit sie außerhalb der Sozialstruktur blieben und somit ihre Flexibilität,

sowie die Akzeptanz niedriger Bezahlung von Arbeit erhalten konnten [Vgl.

Parnreiter, C. (1994)].

Neben dem regulierten und legalen Arbeitsmarkt existiert jedoch noch ein weiterer,

ein informeller. Altvater und Mahnkopf charakterisieren informelle Arbeit in der

Abgrenzung von formeller, erstens als nicht-gemeldete und nicht-dokumentierte

ökonomische Aktivitäten, die in keiner nationalen Statistik aufscheinen und damit

politisch gesehen als nicht existent gewertet werden können, zweitens als Strategien

die Abgabe von Steuern und Sozialabgaben zu vermeiden, drittens als

Beschäftigungsverhältnisse, die Hinblick auf die Arbeitsbedingungen (wie zum

Beispiel Dauer und Örtlichkeit der Arbeit oder Einkommen) nicht den dem

Arbeitsrecht entsprechen und viertens als Möglichkeit Dienstleistungen oder Güter zu

distribuieren, die im Rahmen der geltenden Rechts als nicht legal gewertet werden

können [S. Altvater, E.; Mahnkopf, B. (2007) S. 86]. Auch in diesem Zusammenhang

gilt, dass je umfassender die Regulierung des Arbeitsmarktes und Arbeitsrechtes ist,

desto stärker wird die Existenz der nicht erfassten Arbeitsbereiche seitens der Politik

66

Dackweiler beschreibt in dem Zusammenhang, dass in Österreich, wie auch in Deutschland

im Zuge der Wirtschaftswachstumszeiten der 60iger und 70iger Jahre nicht etwa verheiratete

Frauen gezielt in den Arbeitsmarkt integriert wurden, sondern ArbeitsmigrantInnen.

Dackweiler führt in diesem Zusammenhang Kreimers These an, dass diese Strategie als

nachhaltige Ursache für die lang anhaltende niedrige Frauenerwerbsquote in Österreich zu

sehen ist, die vor allem erst seit dem EU Beitritt 1995 bewusst forciert wird, da sich die

Arbeitsmarktpolitik Österreichs nun an den Vorgaben der EU orientiert, die als eines ihrer

Ziele die Chancengleichheit für Frauen und Männer definiert, deren konkreter Ausdruck in

Österreich der NAP (Nationaler Aktionsplan für Beschäftigung von 1997) und das Konzept

des Gender Mainstreaming 1998. [Vgl. Kreimer, M. (1999) In: Dackweiler, R. M. (2003)]

118


estritten, wenn auch diese Form der Arbeit wiederum unerlässlich für das

Funktionieren des legalen Arbeitsmarktes und der Wirtschaft sind [Vgl. Altvater, E.;

Mahnkopf, B. (2007)].

6.2.1. Illegalisierung der Arbeit und des Aufenthaltes

Die Ausführung informeller Arbeit ist eng verknüpft mit Illegalisierung der Arbeit, wie

auch des Aufenthaltes. Die Migration ist in Europa insgesamt stark am Zunehmen

und alle staatlichen Kontrollmechanismen und Zugangsbeschränkungen, können

diese nicht eindämmen: „Stringente und restriktive Einwanderungsgesetze führen –

da sie der Migration nicht Einhalt gebieten können – lediglich dazu, dass die

Migrantinnen gezwungen sind, sich irreguläre Kanäle zu suchen, und dass die

staatliche Kontrolle über Muster und Richtung migrantischer Arbeit eher ab- als

zunimmt.“ [S. Anderson, B. (2006) S.215] Auch Eberhart Eichenhofer weist in seiner

Arbeit zum Thema Migration und Illegalität darauf hin, dass die Erhöhung staatlicher

Kontrollen dazu führt, das die Unsichtbaren noch unsichtbarer werden [Vgl.

Eichenhofer, E. (1999)].

Illegale beziehungsweise durch die Gesetzgebung illegalisierte Personen leben ein

ganz spezielles Dasein am Rande der Gesellschaft, das von ganz bestimmten

Bedingungen geprägt ist, die sowohl politischer, rechtlicher, wie auch ökonomischer

Natur sind. Illegalisierte Migrantinnen sind nicht nur von allen sozialen und

wohlfahrtsstaatlichen Ressourcen und Zuwendungen ausgeschlossen, sie müssen

auch örtlich sehr mobil sein, um sich gegebenenfalls einer Entdeckung durch

Behörden zu entziehen. Viele MigrantInnen jedoch halten sich nur temporär im

Einreiseland auf, so reisen zum Beispiel oft Frauen, die in privaten Haushalten ihrer

Tätigkeit nach gehen, als Touristinnen ein [Vgl. Eichenhofer, E. (1999)]. 67 Durch das

Fehlen jeglicher Art von offizieller Unterstützung sind illegalisierte MigrantInnen auch

besonders stark von informellen, meist ethnisch der Herkunftsgesellschaft

67

Als Beispiel führt Anderson die Situation von Polinnen in Deutschland an, die zwischen

beiden Staaten pendeln, also in Deutschland illegal arbeiten (sie dürfen bis zu drei Monaten

ohne Visum im Land bleiben, aber nicht arbeiten) und in Polen wohnen. Gestützt durch eine

große polnische Community und ihr soziales Bezugssystem im Herkunftsland ist das Risiko,

das sie eingehen begrenzt und viele zeitraubende und aufwendige Aspekte wie zum Beispiel

Deutsch lernen zu müssen fallen weg. [Vgl. Anderson, B. (2006)]

119


zuzurechnenden Netzwerken abhängig, aber auch von ihren informellen

ArbeitgeberInnen 68 . Die „Illegalen“ bewegen sich also in einem Spannungsfeld voller

widersprüchlicher Notwendigkeiten: „Einerseits erfordert der ungesicherte rechtliche

Status einen gewissen Grad von Separation, andererseits wird das Überleben nur

durch Einbindung in wie immer geartete soziale Gruppen oder Netzwerke

gewährleistet“ [S. Eichenhofer, E. (1999)S.15].

Für illegal im Land befindliche Frauen stellt neben der nicht vorhandenen sozialen

und gesundheitlichen Absicherung, vor allem das Risiko „gemeldet“ zu werden ein

Problem dar. Auch haben sie keine rechtliche Handhabe, wenn ihnen zum Beispiel

verdientes Geld nicht ausbezahlt wird. Vice versa befinden sich hier aber auch die

ArbeitgeberInnen mehr in der Abhängigkeit, da auch sie durch die Beschäftigung

illegaler Arbeitskräfte gegen Gesetze verstoßen. Trotzdem ist die Arbeitnehmerin

größeren Risiken mit härteren Folgen ausgesetzt, was sehr deutlich macht, dass die

Tätigkeit als Reinigungskraft für die Mehrzahl von MigrantInnen nicht nur Job und

eine soziale Rolle ist, sondern auch sehr stark geprägt ist von rechtlicher und

monetärer Abhängigkeit, sowie hohen Risiken. Somit sind der Einwanderungsstatus,

die Legalität der Arbeit und das persönliche Verhältnis zur Arbeitgeberin

gleichermaßen entscheidend für Erfolg oder Scheitern der Migrationsziele. Die

bedeutendste Ambivalenz dieses Verhältnisses zwischen illegal arbeitender

Reinigungskraft und deren Arbeitgeberin eröffnet sich jedoch erst mit dem Blick auf

die gesamtpolitische Szenerie. Der Staat begründet die Tatsache, dass so vielen

Menschen das Recht auf Aufenthalt und/oder das Recht auf Arbeit entzogen oder gar

nicht erst gestattet wird, mit der politischen Notwendigkeit der Abgrenzung von

anderen Kulturen und Völkern, zur Bewahrung und Stützung der eigenen Identität

[Vgl. Anderson, B. (2006)].

Gendera und Haidinger thematisieren, dass illegale Hausarbeiterinnen eine höhere

Partizipation von Frauen am Arbeitsmarkt ermöglichen könnten 69 und damit

verbunden deren Partizipationsmächtigkeit und Konsumationsmöglichkeiten, was

68

Anderson weist in diesem Zusammenhang aber auch darauf hin, dass ebenso „legale“

Hausarbeiterinnen durch die Koppelung von Arbeitserlaubnis mit der Zustimmung und

Unterschrift des Arbeitgebers, in starke Abhängigkeiten schlittern können und ihre legale

Anwesenheit im Land somit stark vom Wohlwollen der ArbeitgeberInnen abhängig ist.

69

Diesbezüglich lagen uns keine empirischen Untersuchungsergebnisse vor.

120


wiederum zu einer Erhöhung der Einnahmen des Staates durch Steuern ermöglicht.

Zweitens stellen eben jene Hausarbeiterinnen, wären sie legal, ein potenzielle

„Belastung“ für den Sozialstaat dar, da dieser nur einer begrenzten und streng

reglementierten Anzahl von Personen zur Verfügung stehen kann und will, um die

Qualität und das Niveau dieser Ressource zu halten [Vgl. Gendera S.; Haidinger B.

(2007)].

Wohl um die Bedeutung der illegalen Arbeit, vor allem der illegal verrichteten

feminisierten Hausarbeit wissend, zieht sich der Staat zurück und überlässt ganz im

neoliberalen Sinne den privaten Menschen, vor allem den Frauen die Regelung der

privaten Sphäre. Die Exklusion möglichst vieler MigrantInnen vom Arbeitsmarkt zieht

also den Vorteil großer Einsparungen von sozialen Leistungen nach sich, auch wenn

dies vielleicht nicht absichtsvoll seitens der Politik so gehandhabt wird, aber auch die

Existenz einer essentiellen sozialen Ressource im Bereich der privaten

Versorgungsarbeit. Für die MirgrantInnen bedeutet der Ausschluss vom sozialen

Netzwerk, also auch vom Pensionssystem ein überdurchschnittlich hohes Risiko, im

Alter zu verarmen [Vgl. Bommes, M. (1999)]. Für die Zahl der illegal arbeitenden

Hausarbeiterinnen bedeutet dies, dass sie zwar selbst neue Ressourcen und

Möglichkeiten schaffen, aber selbst von jeglicher Partizipation an staatlichen

Leistungen und Rechten exkludiert sind. Anderson bringt dieses komplexe

Arrangement zwischen Staat, Privathaushalt und illegalisierter Migrantin auf den

Punkt: „Migrantische Hausarbeiterinnen ermöglichen es inländischen Frauen, an der

öffentlichen Sphäre teilzuhaben, wobei diese alle Rechte für sich in Anspruch

nehmen, die mit ihrem Status als Staatsbürgerinnen verbunden sind, ihnen selbst

aber werden staatsbürgerliche Rechte häufig offiziell vorenthalten.“ [S. Anderson, B.

(2006) S.228] und Jungwirth subsumiert sogar noch ein wenig pointierter:

„Illegalisierung bezeichnet genau diesen Prozess des Entzugs von Rechten aufgrund

des Unsichtbarmachens von Arbeit als Arbeit. d.h. der Naturalisierung von Arbeit als

geschlechtliche, ethnische und „rassische“/rassistische Einschreibung in die Körper

sozialer AkteurInnen.“ [S. Jungwirth, I. (2003)] Anhand dieser Beschreibung wird die

enge Verflechtung der verschiedenen policies sichtbar, die sowohl Frauen, als auch

MigrantInnen betreffen. Ob Frau oder Migrantin, beide sind von den politischen

Steuerungsmechanismen in ihren Partizipationsmöglichkeiten abhängig. Dies legt

121


meines Erachtens auch den Schluss nahe, dass gerade im Bereich der privaten

Versorgungsarbeit die policies in äußerst hohem Maße zusammenwirken. Sowohl die

Arbeitsmarktpolitik, als auch die Familienpolitik steuern die Art und den Umfang des

Zuganges zum Arbeitsmarkt für Frauen, während die Arbeitsmarktpolitik und

AusländerInnenbeschäftigungspolitik den Zugang für MigrantInnen steuern vielleicht

mit dem Ziel, jedoch zumindest mit dem Effekt reproduktive Arbeit in das Private zu

schieben und dort unsichtbar zu machen.

In der Privatheit aber gelten andere, quasi-feudale Bedingungen, anstatt einer

staatlichen Regelung zu unterliegen. Die Persönlichkeit der ArbeitgeberInnen allein

ist ausschlaggebend dafür, wie die Arbeitnehmerinnen behandelt und bezahlt

werden, der private Haushalt bietet seinen BesitzerInnen vollkommene Souveränität,

die Arbeiterinnen jedoch sind weder rechtlich noch politisch gleichgestellt [Vgl.

Rerrich, M. (2006)]. Die Versorgungsarbeit verbleibt im Privaten und in den Händen

der Frauen. Für die Situation in Österreich bedeutet dies, dass durch die Strategie

der Exklusion und Informalisierung die Staatsausgaben auf Kosten der Sozialpolitik

reduziert werden können, was wiederum unmittelbar auf die Kosten der Frauen geht,

denn sie sind es, die einspringen um dort, wo der Staat keine Leistungen erbringt,

diese Lücke aufzufüllen [Vgl. Gendera S.; Haidinger, B. (2007].

122


7. Methodologischer Zugang (Lena Rheindorf)

Der qualitativen Sozialforschung geht es nicht um eine große Zahl von Fällen,

sondern um für die Fragestellung typische Fälle- die Fälle werden nach theoretischen

Vorstellungen einbezogen und können unter dem Aspekt ausgewählt werden, eine

Theorie zu entdecken oder zu erweitern. Prinzipiell zielen qualitative Untersuchungen

zunächst auf das Verstehen eines Untersuchungsgegenstandes hin, wobei

Verstehen das Erstellen von Deutungshypothesen aus den gewonnenen Daten

meint. Dieses Verstehen bezieht sich methodisch auf die Interpretation von Texten,

beispielsweise Transkriptionen von Interviews. Ganz allgemein dienen qualitative

Methoden der Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten zwischen den Untersuchten,

die die Strukturen sozialen Handelns konstituieren. Die Analyse erfolgt explikativ,

Erklären und Verstehen sind dabei aufeinander beziehbar. Das Besondere wird dem

Allgemeinen, das Einzelne dem Allgemeinen untergeordnet [Vgl. Lamnek, S.

Qualitative Sozialforschung (1995)].

Jeweils zwei Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeberinnen sollen uns über die

Beschaffenheit und die Zweckdienlichkeit des Arbeitsverhältnisses im Privathaushalt

in Interviews Auskunft erteilen. Zusätzlich wurde zur Überprüfung der

Angemessenheit der Interviewfragen ein Probeinterview durchgeführt, dessen

Ergebnisse ebenfalls in die vergleichende Analyse einfließen sollen. 70

Alle befragten Frauen sollten unseren Auswahlkriterien entsprechend über einen

zumindest vergleichbaren (Aus-)Bildungsstand verfügen und in heterosexuellen

Partnerschaften leben, da sich auf der Mikroebene hier die asymmetrische

Arbeitsteilung im Haushalt als Charakteristikum des Geschlechterverhältnisses wohl

am deutlichsten manifestiert. Die Arbeitgeberinnen sollten berufstätige Angehörige

des bürgerlichen Milieus sein, die Arbeitnehmerinnen, sollen in der jeweiligen

Herkunftsgesellschaft dazu berechtigt gewesen sein, legal zu arbeiten. Ein weiteres

zentrales Auswahlkriterium stellt das Ausmaß der Beschäftigung/der Abgabe von

70

Die Auswahlkriterien definieren eine auf Grund der Rahmenbedingungen dieser Arbeit

eingeschränkte Gruppe. Uns ist bewusst, dass unsere Forschungsergebnisse nur für diese

spezielle Gruppe zutreffend sind.

123


Hausarbeit dar. Auf Seiten der Arbeitnehmerinnen sollte die Beschäftigung

maßgeblich zu deren Existenzsicherung beitragen, auf Seiten der Arbeitgeberinnen

die Abgabe der Hausarbeit zu deren Entlastung. Des Weiteren haben wir im Vorfeld

beschlossen, lediglich Arbeitgeberinnen aus Wien zu befragen, da es sich beim

Untersuchungsgegenstand vor allem um ein städtisches Phänomen handelt.

Der von uns verfolgte Forschungsansatz der „Einzelfallstudie“ „subsumiert das

gesamte Spektrum der sozialwissenschaftlichen Erhebungsmethoden“ [S. Witzel,

(1982): 78]. Die Einzelfallstudie stellt die Einzelne in ihrer Gesamtheit in den

Mittelpunkt der Untersuchung. Die theoriegeleitete Selektion der

Untersuchungseinheiten hat den Zweck, die Konzepte der ForscherInnen

vielschichtiger, differenzierter und umfassender zu machen [Vgl. Petermann, F., Hehl,

F., J. (1996)]. Nach der Auswahl einer ersten „Handlungsfigur“, welche bestehende

theoretische Konzepte entweder bestätigen oder erweitern kann, erfolgt die Auswahl

weiterer Interviewpartnerinnen etwa nach dem Kriterium der spezifischen

Andersartigkeit, „wenn etwa möglichst alle Handlungsfiguren erfasst werden sollen.

Ist das Hauptaugenmerk auf die detaillierte Beschreibung eines Handlungsmusters

gerichtet, werden die folgenden Untersuchungseinheiten wegen ihrer Ähnlichkeit mit

dem ersten Untersuchungsobjekt ausgewählt“ [S. Lamnek, S. (2005): 313f.].

Die Datenerhebungsmethode des problemzentrierten Interviews ist eine Kombination

verschiedener Methoden, bei denen es im wesentlichen um „qualitative

Interviewformen, Fallanalysen, biographischen Methoden 71 , Gruppendiskussionen

und Inhaltsanalysen“ handelt [S. Witzel, A. (1985): S. 230]. Dadurch soll

gewährleistet werden, einen Problembereich aus möglichst vielen (methodischen)

Perspektiven durchleuchten zu können. Ein bereits zuvor formuliertes

wissenschaftliches Konzept soll dabei durch die Erzählungen der

InterviewpartnerInnen eventuell erweitert oder verändert werden. Das aus der

theoretischen Recherchephase gewonnene Wissen, welches immer stärker auf das

71

Biographische Methoden beruhen ursprünglich auf dem Vergleich unterschiedlicher

Lebensläufe, wobei die Ergebnisse aus der Gegenüberstellung resultieren und dadurch auf

der Mikroebene verharren. Der Ansatz der theoriegeleiteten Einzelfallanalyse hingegen

ermöglicht es jedoch, durch die systematische Analyse der Informationen, die

Analyseeinheiten intersubjektiv zu betrachten und somit auf anderen Ebenen zu analysieren

[Vgl. Thomae, H, Petermann, F. (1983)].

124


estimmte Untersuchungsfeld fokussiert wird, dient als Ausgangspunkt der

empirischen Studie. Entgegen ausschließlich qualitativer Verfahren lösen einander

beim problemzentrierten Interview Induktion und Deduktion ab [Vgl. Lamnek, S.

(2005): S. 363f.].

Vor der Durchführung des eigentlichen Interviews wird den Befragten ein

standardisierter Fragebogen vorgelegt, durch den deren demographische Daten

festgehalten, und ihre themenspezifischen Gedächtnisinhalte aktiviert werden.

Dieses Vorgehen soll vor allem den Einstieg in das Gespräch, beziehungsweise in

die Interviewsituation erleichtern.

Durch die vorab formulierten offenen Fragen soll beim problemzentrierten Interview

zwar der zu untersuchende Bereich der sozialen Realität eingegrenzt werden, deren

Bedeutungsstrukturierung 72 obliegt aber allein den InterviewpartnerInnen. Wird durch

die Interviews ein Widerspruch zum theoretischen Konzept erkenntlich, so wird

dieses im Anschluss verändert, berichtigt oder sogar verworfen [Vgl. Lamnek, S.

(2005): S. 364f.].

Der Interviewprozess selbst lässt sich nach Lamnek (2005) in vier bis fünf Phasen

unterteilen: Eingangs wird die „erzählende Gesprächsstruktur“ und das zu

untersuchende Problemfeld festgelegt/sondiert. In der zweiten Phase animieren die

InterviewerInnen durch ein Erzählbeispiel den „Erzähldrang“ der Befragten. „Durch

die Aufnahme von Alltagselementen der zu Befragenden in die Erzählsituation sollen

diese zu Erzählungen angeregt und in den Zugzwang der Detaillierung gebracht

werden. Gleichzeitig wird durch die Vorgabe von Erzählbeispielen durch die

InterviewerInnen angestrebt, emotionale Vorbehalte der Befragten gegenüber

bestimmten Themen abzubauen“ [S. Lamnek, S. (2005): S. 365f.]. Im nächsten

Abschnitt wird versucht, durch „Zurückspiegelung“, wobei die InterviewerInnen den

Befragten Interpretationsangebote in Bezug auf das Erzählte dar legen,

72

Bedeutung meint hier, dass die subjektive Deutung der sozialen Realität in einer Art und

Weise kommuniziert wird, in der sie für andere verständlich wird und somit in ihr kollektives

Gedächtnis aufgenommen wird. Diese kollektiven Bedeutungsbestände haben den Zweck,

quasi als Orientierungshilfe zur Interpretation der Realität zu dienen. Gesetze, Institutionen

und Normen sind Teile und Ausdruck dieses kollektiven Bedeutungsbestandes [Vgl.

Luckmann, T. (2007)].

125


Verständnisfragen, oder Konfrontationsfragen aktiv Verständnis für einzelne

Erzählungen im Rahmen der Unterhaltung zu generieren. Abschließend können Adhoc-Fragen

zu bisher kaum oder nicht behandelten Themenbereichen gestellt

werden. Die Datenerhebung kann durch einen Kurzfragebogen, einen

Interviewleitfaden- der es ermöglicht alle interessierenden Themenbereiche

abzuhandeln- ein Tonbandgerät und ein Postskript, das Kommentare der

InterviewerInnen zur Interviewsituation sowie zu Vor- und Nachmeldungen der

Befragten festhält, erfolgen [Vgl. Lamnek, S. (2005): S. 366f.].

Die Auswertung der Interviews vollzieht sich in drei Phasen: Der „methodologischen

Kommentierung“, das heißt der Beschreibung der Textart - handelt es sich um einen

argumentativen, deskriptiven oder narrativen Text - und der spezifischen Wortwahl.

Darauf folgt die Phase der „kontrollierten Interpretation“, wobei die Texte von

möglichst vielen Personen unabhängig voneinander frei interpretiert werden. Diese

Auslegungen werden später diskutiert, um einen möglichst intersubjektiven

Sinngehalt zu generieren [Vgl. Lamnek, S. (2005): 367f.]. Zuletzt wird versucht durch

die unterschiedlichen Auslegungen eine vergleichende Systematisierung zu

erreichen, wobei es darum geht „typische Varianten herauszufiltern, mit dem Ziel,

kollektive Handlungsmuster zu entdecken“ [S. Witzel, A. (1985): S. 243].

Das Textanalyseverfahren, welches in dieser Arbeit gebraucht wird, ist zunächst

jenes der „Grobanalyse“. Durch die Grobanalyse der biographischen Strukturen

wollen wir untersuchen, inwieweit es vergleichbare Strukturpunkte gibt, nach welchen

sich die Biografien in diesem speziellen Teilsegment gestalten. Diese Methode

zeichnet sich durch einen „besonderen Zuschnitt auf die Analyse größerer

Textmengen mit dem Ziel der Erschließung prozessdynamischer Aspekte komplexer

und intern hochdifferenzierter sozialer Felder. Dabei wird die interpretierende

Recherche auf den Gesamtzusammenhang von abgrenzbaren sozialen Einheiten

zentriert. […] [Es handelt sich um] die Analyse […]einzelne[r] vollständige[r]

Interviews, oder herausgehobene[r] Ausschnitte aus Textmaterialien. […] Zur Analyse

werden Texte […] in zusammengehörige thematische Einheiten [zerlegt], die einer

gebündelten Analyse unterzogen werden. Über die Untersuchung manifester und

intentionaler Gehalte hinausgehend richtet sich die Analyse primär auf die

126


strukturierenden latenten Merkmale des fokussierten sozialen Feldes“ [S. Lueger

2000: 210f.]. Zusätzlich sollen einzelne Texteinheiten mittels „Feinanalyse“

untersucht werden. Die Feinanalyse folgt dem Prinzip systematischer

Minimalisierung, da sich bereits in kleinsten Sequenzen die Manifestationen

„Verteilungslogiken der sozialen Realität“ widerspiegeln. Bei Interviewtranskripten ist

es ratsam, besonders den Beginn des Protokolls zu beachten, denn „hier muss sich

die [Befragte] buchstäblich ins Nichts entwerfen, was oft dazu führt, dass bereits in

den ersten völlig unscheinbaren Äußerungen das Ganze eines Lebens zum

Vorschein kommt“ [S. Bude, H. (1998): S. 252ff.].

Nach Lueger (2000) lassen sich Fein– und Grobanalysen hervorragend miteinander

kombinieren. Die Feinanalyse zielt auf die Erfassung von Sinngehalten 73 , die in der

selektiven Abfolge kleinster Spracheinheiten enthalten sind. Bei der Feinanalyse

dekontextualisieren wir das Textprotokoll, das heißt wir behandeln den Text so, als

seien uns Person, Erscheinungsort und Zeit nicht bekannt.

In der folgenden Tabelle werden die verschiedenen Ebenen der Interpretation der

sequentiellen Feinanalyse verdeutlicht:

Ebene der Interpretation

Sinndimension

Paraphrase

Alltagsweltliche Bedeutung

Alltagsverständnis, Inhaltsangabe,

Antwortselektion

Intention, Funktion für die Person Subjektiver Sinn

Strategien

Latente Bedeutungen

Objektiver Sinn

Handlungs – und Denkmuster,

Bedingungen, Konsequenzen,

Strukturen

Rollenverteilung

Praktischer Sinn

Interaktionen, Zuschreibungen,

Aktionsdynamik

Die Textstelle ist eine Spur, die uns zu objektiv latenten Sinnstrukturen hinführt und

uns dadurch den Fall in seinem Kontext verständlich macht. Die Bedeutung der

Strukturierung liegt in ihrer selektiven Bearbeitung von Komplexität, indem sie selbst

73

Unter Sinn ist der spezifische Kontext zu verstehen, der den Rahmen für die Interpretation

von Aktion und Erfahrung darstellt [Vgl. Luckmann, T. (2007)].

127


Komplexität aufbaut, um die auf sie treffende Komplexität der Umwelt beobachten

und handhaben zu können [Vgl. Lueger, M. (2000): S. 27]. Dadurch sollen

Deutungsmuster, narrative Strukturen, innere Logik, kontextuelle thematische

Einbettung und Verweise auf thematische Felder außerhalb des vorliegenden

Dokuments rekonstruiert werden.

Die Erfahrungen der Befragten verstehen wir, biographischen Methoden folgend, als

das „kleinste Element“ gesellschaftlicher Lösungsstrategien. Um eine Erfahrung

sprachlich vermitteln zu können, bedarf es eines Reservoirs an Kategorien,

Typisierungen und Erfahrungsschemata seitens der Befragten. Diese „lagern sich als

„Problemlösungen“ im subjektiven Wissensvorrat ab. Die entsprechenden

Problemlösungen werden bei gegebener Motivlage wechselseitig vermittelt.

Intersubjektiv verbindliche Erfahrungsschemata, auf elementaren Typisierungen der

Wirklichkeit aufbauend und in verschiedenen Handlungsschemata eingefügt, bilden

somit eine grundlegende Schicht gesellschaftlich relevanter „Problemlösungen“ [S.

Luckmann, T. (2007): S. 138f.].

Um aufzuzeigen wie sich Ethnisierung und Vergeschlechtlichung von Hausarbeit

synchron im Rahmen nationaler Wohlfahrtsstaatlichkeit im Kontext der Delegation

von Hausarbeit an Migrantinnen vollziehen, soll das Konzept des so genannten

Lebenslaufansatzes adaptiert werden, mit dem eine dynamisch-prozessuale

Auffassung des Einflusses von Wohlfahrtsstaaten auf individuelle Biographien

verbunden ist [Vgl. Gutierrez Rodriguez, E. (1999): S. 53]. Dieser Ansatz stellt einen

geeigneten Interpretationsrahmen dar, um geschlechtsspezifische Kontinuitäten und

Diskontinuitäten des hegemonialen österreichischen Geschlechterregimes in den

Handlungs- und Erfahrungsräumen und den normativ- geschlechtsspezifischen

Modellen von Lebensläufen, die Wohlfahrtsstaaten zugrunde liegen, aufzuzeigen

[Vgl. Leisering, L., Leibfried, S. (1999)]. Die prozessuale Konstituierung und

Wandlung von „Geschlechter- und Ethnieverhältnissen“ wird in Anlehnung an diesen

Ansatz durch drei Komponenten bestimmt:

● Ressourcen: Individuell nutzbare „Mittel“, sowie die Art und Weise der Verknüpfung

von Ressourcen. Die hegemoniale Verteilung von strukturellen und funktionalen

128


Ressourcen zwischen den Frauen, damit verbundene Handlungsstrategien und der

daraus generierte Grad von sozialer Inklusion/Teilhabe.

● Soziale Rollen: Werte und Handlungen, die durch soziale Normen maßgeblich

beeinflusst werden. Die ethnisierte Dichotomie von „In- und OutsiderInnen“, wobei

der gesellschaftlich dominanten Gruppe eine gewisse Definitionsmacht und

normative Regulierungsfunktion zukommt. 74

● Machtbeziehungen: An die Ethnisierung geknüpfte Verteilung von Macht. Der

Wohlfahrtsstaat beeinflusst die Machtressourcen und deren Verteilung zwischen den

Geschlechtern und „Ethnien“, sowie eine „Ethnisierung von Geschlecht“. [Vgl. Daly,

M., Rake, K. (2003): S. 164ff.]

Daraus abgeleitet ergaben sich für uns folgende Forschungsfragen:

- Welche sozialen Rollen werden im Kontext des Arbeitsverhältnisses

eingenommen?

- Wie gestaltet sich die Ressourcenverteilung zwischen den Frauen aus?

- Welche Auswirkungen hat das Arrangement zwischen den Frauen auf die

damit verbundene gesellschaftliche Positionierung?

- Entsprechen die durch das Arrangement geschaffenen ökonomischen und

sozialen Ressourcen den ursprünglichen Erwartungen der Frauen?

74

MigrantInnen sind sowohl rechtlich als auch politisch keine BürgerInnen der Gesellschaft,

sondern lediglich zugehörig zu einzelnen Teilsystemen. Zugehörigkeit konstituiert sich aus

der Einschätzung der eigenen sozialen Stellung, die durch persönliche Erfahrungen mit

Ausgrenzungen gewonnen wird. Vorstellungen über Zugehörigkeit produzieren eine

„natürliche“ Gemeinschaft und fungieren als ausschließende Grenzen für „Andere“. Dem

entsprechend besteht Zugehörigkeit auch aus der Dimension der Mitgliedschaft in

verschiedenen sozialen Bündnissen [Vgl. Yuval-David u. a. (2005)].

129


8. Empirische Untersuchung (Lena Rheindorf und Andrea Stoick)

Einleitend waren die jeweiligen Interviews einer zumindest rudimentären

methodologischen Kommentierung zu unterziehen, welche die wesentlichen

Merkmale der Interviews und die Textfunktion erschließen soll, bevor mit der

Interpretation des Inhalts begonnen werden kann. Der biographischen Methodologie

folgend sind die biographischen Inhalte der Interviews chronologisch darzulegen, um

eine Art Übersicht über die interessierenden Ereignisse im Lebenslauf zu erhalten.

Die zu untersuchenden Texte lassen jeweils sich in mehrere Interviewphasen

einteilen: eine Beschreibung des Aufeinandertreffens der Interviewerinnen mit den

Interviewten, das Antworten auf vorgefertigte Fragen, Erläutern durch Beispiele und

nähere Erklärungen einzelner Sachverhalte durch die Interviewten, sowie das

„Postskript“, welches durch die Interviewenden nach Beendigung des eigentlichen

Interviews angefertigt wurde [Vgl. Jesse, C. (2004].

Da eines der drei Arbeitgeberinneninterviews als Probeinterview zum Abtesten des

Fragebogens durchgeführt wurde, wird dieses zwar nicht der Feinanalyse

unterzogen, aber dennoch als Material zur Grobanalyse heran gezogen. Die Auswahl

der Untersuchungseinheiten orientierte sich an deren jeweiliger Andersartigkeit,

weshalb innerhalb der Gruppen, also der Gruppe der Arbeitnehmerinnen und jener

der Arbeitgeberinnen zunächst besonders den Differenzen Aufmerksamkeit

geschenkt werden soll. Abschließend streben wir jedoch auch einen Vergleich der

Gruppen, also der Gemeinsamkeiten der Arbeitgeberinnen mit jenen der

Arbeitnehmerinnen an, um letztendlich das bestehende Spannungsverhältnis näher

zu betrachten.

Die Interpretation eines Textes ist zum Teil immer auch Selbstanalyse, in dem Sinne,

dass die interpretierende Person selbst Teil des „kollektiven Bewusstseins“ ist und

durch die Analyse latente Bedeutungen in ihr Bewusstsein bringt. Bereits die

Deskription durch Worte steuert die Wahrnehmung des Textes enorm, schon die

erstellten Interviewprotokolle sind stark von der Betrachtungsweise der Schreibenden

130


geprägt. Deshalb ist es wichtig „vorgefasste Meinungen“ der Forscherinnen zu

dokumentieren und diese selbstreflektiv in die Analyse, im Rahmen eines

Forschungstagebuchs, kritisch mit einzubeziehen. Darüber hinaus ist auf die

Vorläufigkeit und Kontextbezogenheit der Ergebnisse hinzuweisen: Andere

InterpretInnen, aus anderen gesellschaftlichen Kontexten stammend und mit anderen

Forschungsfragen ausgerüstet kommen demnach eventuell zu völlig anderen

Analyseergebnissen als wir, qualitative Analyseverfahren erheben demnach nicht

den Anspruch universell-gültiger Aussagen, sondern sind relativ zu betrachten.

8.1. Einzelfallanalyse – Probeinterview mit Frau Müller

8.1.1. Chronologische Deskription

Frau Müller berichtete im Interview, sie wohne seit sechs Jahren mit ihrem damaligen

Partner und heutigen Ehemann in einer gemeinsamen Wohnung in Wien. Ihre

damalige Arbeitsteilung beschreibt Frau Müller als egalitär, wobei sie entweder am

Wochenende gemeinsam oder jedeR für sich spontan aber gleich verteilt geputzt

hätten. Seit eineinhalb Jahren ist Frau Müller verheiratet. Durch eine schwere

Erkrankung ihrerseits und der vollen Erwerbstätigkeit ihres Mannes sei es nötig

geworden, seit sechzehn Monaten im Ausmaß von drei Stunden in zweiwöchigen

Abständen eine Reinigungskraft zu beschäftigen. Frau Müller würde das Ausmaß der

Beschäftigung ihrer Reinigungskraft gerne erhöhen, meint aber dies sei für sie nicht

„leistbar“.

Derzeit bezahlt Frau Müller die Hausarbeiterin mit ihrem Pflegegeld. Die Suche nach

einer „vertrauenswürdigen“ Kraft beschreibt Frau Müller als besonders schwer- eine

Kontaktaufnahme im Verwandten- und Bekanntenkreis war ihr nicht möglich,

weshalb letztendlich eine Arbeitskollegin ihres Mannes ihre eigene Reinigungskraft

an sie vermittelte. Während der vergangenen Zeit der Hausarbeitsdelegation hat

Frau Müller ihr Universitätsstudium abgeschlossen und war ebenso wie heute

berufstätig. Frau Müller ist derzeit in Teilzeit erwerbstätig, ihre wöchentlichen

131


Arztbesuche würden ihre eine volle Erwerbstätigkeit unmöglich machen, erklärt sie.

Die derzeitige Reinigungskraft verrichtet laut Frau Müller genau jene Tätigkeiten im

Haushalt, die ihr Krankheitsbedingt nicht möglich seien. Dazu gehören diverse

Reinigungsarbeiten, Bettwäsche überziehen und allfällige „Zusatzaufgaben“. Ihre

derzeitige innerpartnerschaftliche Arbeitsteilung schildert Frau Müller als zumindest

egalitär, da ihr Mann ebenfalls jene Hausarbeiten übernimmt, die sie aufgrund ihrer

Krankheit nicht erledigen kann- wie Einkaufen, Müll entfernen oder Wäsche

waschen.

8.1.2. Grobanalyse des Interviews mit Frau Müller

8.1.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung

Da Frau Müller Teilzeit arbeitet, Herr Müller aber Vollzeit, ist die paarinterne

Arbeitsteilung der Müllers sowohl einer Form des DoppelverdienerInnenmodells nach

Lewis (2001), als auch dem prekären Familienmodell nach Winkler (2007)

zuzuordnen. Da Frau Müller aus Krankheitsgründen nicht voll arbeiten und auch den

Haushalt nicht allein führen kann, fehlt die Möglichkeit die in diesen Modellen

beinhaltete Annahme, dass die Versorgungsarbeit vorrangig bei Frau Müller liegen

würde, zu verifizieren. Das Paar ist kinderlos, Frau Müller beschäftigt erst seit

Kurzem eine Haushaltshilfe, die 14tägig zu ihr kommt, ihrer Aussage nach wegen

ihrer Krankheit. Die Aussagen lassen den Rückschluss zu, dass die Müllers

getrennte Kassen haben, wobei Frau Müller trotz ihrer Prekarität für die Bezahlung

der Reinigungskraft zuständig ist, was sie durch ihr Pflegegeld finanziert. Für die

Müllers legitimiert sich die Delegation der Hausarbeit aus der Tatsache heraus, dass

Frau Müller krank ist und daher eine Unterstützung braucht, Herr Müller jedoch viel

arbeitet und daher oft nicht zu Hause ist.

Frau Müller selbst beschreibt die Arbeitsteilung innerhalb der Paarbeziehung als

unegalitär, wobei sie in der Vergangenheit eher egalitär gewesen zu sein scheint:

„Also, entweder wir haben gemeinsam am Wochenende halt ein paar Stunden

geputzt (Mhm) oder ich habe einmal das gemacht und er hat einmal das gemacht.“

[Z. 59ff] „ […] wir haben die Musik voll aufgedreht und haben uns unseren Spaß

dabei gemacht“ [Z.219f]. Heute erledigt Herr Müller das Gros der nicht delegierten

132


Hausarbeiten, da Frau Müller dazu körperlich nicht in der Lage ist. Frau Müller hat a

priori ein hohes Autonomieideal, das heißt sie favorisiert eine individuelle,

partnerschaftsinterne Aushandlung nach persönlichen Fähigkeiten und Prioritäten.

Zur momentanen Situation gibt Frau Müller an, dass sie wegen des hohen

Arbeitsaufwandes ihres Mannes einerseits, andererseits wegen ihrer

krankheitsbegründeten Unfähigkeit die Hausarbeit zu machen, die Organisationsrolle

bei der Delegation der Hausarbeit an eine illegal beschäftigte Migrantin

übernommen hat.

Frau Müller ist auch zuständig für die Bezahlung der Reinigungskraft, wofür Frau

Müller ihr Pflegegeld, das sie aufgrund ihrer Krankheit bekommt, verwendet. Der

geschwächte körperliche Zustand wird von Frau Müller als Legitimationsargument für

die Abgabe der Versorgungsarbeit gebraucht. Dem hoch individualisierten Milieu dem

Frau Müller zuzuordnen ist, entspricht auch der aufgeklärte Habitus des langen

Zusammenlebens vor der Hochzeit. Dem entsprechend charakterisiert sie sich als

liberal und ihren Mann in Belangen der Arbeitsteilung als untypisch, was sie damit

erklärt, dass er vor ihrer Beziehung allein gelebt habe: „Er ist da auch recht

selbstständig, Gott sei Dank und nicht wie viele andere Männer, die man da so

drängen muss, sondern - er hat vorher alleine gewohnt und er war es gewohnt selber

den Haushalt zu führen [...]“ [ Z.148fff]. Die Aussage über das, was typisch und

untypisch für Männer sei, deutet auf eine Diskrepanz zwischen Frau Müllers

Autonomieideal und der von ihr wahrgenommenen Realität von Paarbeziehungen

hin.

8.1.2.2. Beschaffenheit des Arrangements

Frau Müller hat ursprünglich versucht durch ihr soziales Umfeld den Kontakt zu einer

Reinigungskraft zu generieren. Diese Suche beschreibt Frau Müller als sehr intensiv.

Dabei ist hervorstechend, dass sie als Begründung dafür keine Firma mit der Arbeit

betraut zu haben, angibt, dass ihr dies zu wenig privat beziehungsweise persönlich

gewesen sei. Letztendlich ist es eine Kollegin von Herrn Müller, die einen Kontakt

herstellt. Dieser Wunsch nach Vertrautheit und persönlichem Verhältnis innerhalb des

Arbeitsverhältnis entspringt nach Thiessen (2008) einer Unsicherheit, die durch das

133


nicht im Konzept der modernen Familie vorgesehene Beschäftigungsverhältnissen

im privaten Bereich entsteht und die über die Herstellung eines informellen,

zumindest seitens der Arbeitgeberin vertraulichen, Arrangements kompensiert wird.

Weitere Aspekte der Informalisierung sind der Gebrauch des „Du“-Wortes gegenüber

der Reinigungskraft, der Austausch von Geschenken und die Zuordnung

feminisierter, emotionaler Begriffe wie zum Beispiel „Nettigkeit“. Gleichzeitig aber

begegnet Frau Müller Reinigungskräften grundsätzlich mit Misstrauen, was dem

Setting des Privaten entspricht. Sie möchte „[...] sich einer wildfremden Person“ nicht

„allein überlassen- weil die kommt ja dann, wenn wir in der Arbeit sind […] “ [Z.87]

Frau Müller personalisiert die Reinigungskraft und informalisiert das Arbeitsverhältnis

durch eigens gekaufte Geschenke zu Weihnachten, oder durch das Beachten eines

sehr individuellen Anlasses, dem Geburtstag der Reinigungskraft.

Zu Beginn des Arbeitsverhältnisses versucht Frau Müller sich daher so gut wie

möglich abzusichern, indem sie die Dokumente der Reinigungskraft kopiert, um sich

deren Identität und legalen Aufenthalts in Österreich sicher zu sein. Für Frau Müller

verringert der Besitz von vertrauensvollen Daten der Reinigungskraft die Diskrepanz

von Fremdheit im privaten Umfeld, gibt ihr subjektive Sicherheit und Macht über die

Reinigungskraft, die ja illegal bei ihr arbeitet. Andererseits stellt das Kopieren der

Unterlagen auch einen professionalisierenden Akt dar, der das Arrangement von

einem rein informellen, sich auf privater Ebene abspielenden, wiederum zu einem

formelleren, zu einem Beschäftigungsverhältnis passenden verändert.

Trotzdem fällt es Frau Müller weiterhin schwer den Schlüssel, als Symbol für ihren

privaten Bereich, abzugeben: „[...] ich habe mir da am Anfang schon ein bisschen

schwer getan, dass sie dann halt einen Wohnungsschlüssel von UNS kriegt und

dann wirklich in die Wohnung rein DARF [...]“ [Z.103ff]. Hier erscheint es fast als

Großzügigkeit seitens der Müllers, die jemand Fremden in ihr Privates lassen. Die

Inkongruenz zwischen Professionalisierung und Informalisierung ist laut Thiessen

(2008) auf die Schwierigkeit zurück zu führen, die richtige Mischung aus Distanz und

Nähe zu finden, die aus dem Fehlen von Konzepten für derartige Arbeitsverhältnisse

resultieren.

134


Thiessen weist außerdem darauf hin, wie schwierig es gerade für Frauen ist,

innerhalb des privaten Bereiches an andere Frauen Hausarbeit zu delegieren, die an

sich schon feminisiert ist. Dies zeigt beispielsweise die Art und Weise wie die

Kommunikation zwischen Frau Müller und ihrer Reinigungskraft abläuft, nämlich über

Zettel: „ […] Ich schreibe ihr dann oft einen Zettel, was sie zusätzlich machen soll.

[...]“, [Z.114] oder die Tatsache, dass Frau Müller am liebsten nicht anwesend ist,

wenn die Reinigungskraft ihre Arbeit verrichtet: „[...] weil ich würde mir blöd

vorkommen, wenn ich daneben sitze während sie putzt, also dass könnte ich

irgendwie überhaupt nicht.“ [Z.236ff].

Frau Müller beurteilt die Konsumation der Dienstleistung Hausarbeit zudem an sich

als illegitimen Luxus, als eine Grenze zu einer gewissen Konsumelite, welcher sie

sich nicht zugehörig fühlt [Vgl. Haupt, H. G., Torp, C. (2005)]. Hausarbeitsdelegation

wird von Frau Müller als Entbindung „natürlicher Pflichten“ empfunden, die jeder

Mensch an sich selbst zu erfüllen hätte „[…]Ich finde es ist PURER LUXUS, weil es

ja eigentlich etwas ist, was man, was ein jeder macht und machen muss […]“ [Z.38f].

Alles in allem ist die Abgabe für Frau Müller ihrer Identitätskonstruktion entsprechend

also eher von Unbehagen begleitet.

Die Leistungsbeurteilung spielt die wesentliche Rolle im Arrangement zwischen Frau

Müller und der Reinigungskraft, was sich im Schwanken zwischen Lob, Kritik und

Verwunderung über die grundsätzlichen Fähigkeiten der Hausarbeiterin nieder

schlägt. Frau Müller vergleicht ihre eigenen hausarbeiterischen Leistungen mit jenen

der Reinigungskraft und stellt informelle Kriterien auf, nach denen diese agieren

sollte, wie zum Beispiel keine persönlichen Vorlieben in die Arbeit einfließen zu

lassen. Sie impliziert somit auch Unterschiede im Zugang und in den Prioritäten von

hausarbeitenden Frauen. Dadurch entkoppelt sie einerseits Hausarbeit vom natürlich

Weiblichen an sich, was per se ein emanzipatorischer Zugang sein könnte,

andererseits nimmt sie für sich selbst als Beurteilerin der Qualität der

Reinigungsleistung und der persönlichen Vorlieben der Reinigungskraft eine

Machtposition in Anspruch: „Man merkt schon was sie, was sie lieber putzt und was

sie weniger gerne putzt. [..] Beim Kloputzen ist sie zum Beispiel immer schlampig,

[...]“ [Z.184f]. Weiters zieht sie Vergleiche zu sich selbst, die auf einen

135


Konkurrenzgedanken schließen lassen, der wiederum aus der Ambivalenz von Frau

Müller, sich als Frau für Hausarbeit nach wie vor zuständig zu fühlen und gleichzeitig

diese abgeben zu wollen/müssen, gespeist wird.:„[...] Sie ist zeitweise total gründlich

und putzt an Orten, wo ich sonst @nie putze@ 75 und andererseits ist sie bei anderen

Dingen wieder total schlampig, und dann muss man sie IMMER WIEDER aufs Neue

ermahnen [...]“ [Z.173ff]. Die Delegation der Hausarbeit, an sich schon ein illegitimer

Konsumakt für Frau Müller, setzt diese Offenbar in Konkurrenz zur Reinigungskraft.

Hier wird deutlich sichtbar, dass die Abgabe Frau Müller nicht leicht fällt, da diese sie

von einem Teil ihrer früheren Rolle frei setzt und für sie letztlich einzig durch ihre

Erkrankung legitimierbar ist.

8.1.2.3. Ressourcenverteilung

Die materiellen Ressourcen, über die Frau Müller verfügt, sind ihr eigenes

Einkommen und ihr Pflegegeld, wobei sich Frau Müller finanziell in der Prekarität

befindet. Frau Müller charakterisiert sich zwar als „nicht-wohlhabend“, vor allem im

Vergleich zur Arbeitskollegin ihres Mannes, was für sie auch ein Faktor zur

Überwindung ihrer Angst vor eventuellen Diebstählen durch die Reinigungskraft ist,

andererseits markiert ihr Besitz die Grenze zur relativ größeren „Armut“ der

Reinigungskräfte im Allgemeinen.

Frau Müllers Angst von Reinigungskräften bestohlen zu werden verweist auf ihre

Selbstkonstruktion als „Besitzende“, während die Reinigungskräfte als „Besitzlose“

konstruiert werden. Diese Zuschreibungen und die sich dadurch ergebende

Segmentierung sind keineswegs zufällig, handelt es sich bei den meisten illegal

arbeitenden Reinigungskräften doch um MigrantInnen. Die Polarität von besitzend

und nicht-besitzend entspricht jener von Inklusion und Exklusion, StaatsbürgerIn und

Nicht-StaatsbürgerIn. Von Beginn des Bürgertums an, waren die Bürgerrechte stets

an das Ausschlusskriterium des Eigentums gebunden. So gab es deshalb etwa für

Kant keine Bürgerin, da diese zum „Besitztum“ des Bürgers zählt, der „sein eigener

Herr sei, […] irgendein Eigentum habe, welches ihn ernährt, […] dass er Niemandem

[…] diene“ [S. Kant (1922) S.198]. Frauen wird in diesem Konzept nicht die

75

„@“ kennzeichnet in der Transkription ein lachend ausgesprochenes Wort

136


Möglichkeit gegeben Bürgerinnen zu werden, da die Möglichkeit auf Existenz

sicherndes „Eigentum“ per Definition ausblendet wird. Ihre Angst von

Reinigungskräften bestohlen zu werden wird nicht etwas durch Erfahrung gespeist,

sondern entspringt einem aus der bürgerlichen Rechtsordnung entspringenden

Bewusstsein des Rechtes auf Eigentum in einem modernen, liberalen und

industrialisierten Staat.

Seitens Frau Müllers werden die Reinigungskräfte als „arm“ und sich an der

Aufnahmegesellschaft bereichern wollend skizziert, da diese durch die Migration

entrechtlicht werden [Vgl. Grosewinkel (1999)]. Frau Müllers Deutungsmuster knüpft

somit an jenen politischen Diskurs an, welcher die Rechte, beziehungsweise die

Dauer des Aufenthalts der MigrantInnen an deren Besitz gebunden sehen will. Frau

Müller ist durch ihre StaatsbürgerInnenschaft eines modernen Staates eine Person

mit Besitz und dem Recht auf Besitz, welches potenziell durch nicht-besitzende, aus

„vormodernen“ Gesellschaften stammenden Menschen, bedroht werden könnte.

Durch die Delegation von Hausarbeit an eine Reinigungskraft, also eine dritte,

außenstehende Person erschließen sich für Frau Müller zeitliche Ressourcen,

einerseits erhöhen sich die Möglichkeiten Freizeit mit ihrem Mann zu genießen, Zeit

für Ausbildung, für soziales Kontakte, aber auch für kurze Reisen. Weitergehende

berufliche Möglichkeiten schließt Frau Müller aufgrund ihrer Krankheit aus. Darüber

hinaus empfindet Frau Müller die Abgabe der Hausarbeit als Luxus.

Odierna (2000) beschreibt in ihren Studien vor allem das Mehr an Zeit als

wesentlichen Ressourcengewinn für Frauen, durch die Hausarbeitsdelegation.

Weiters sei laut Odierna die rein quantitative Arbeitserleichterung, vor allem die

Abgabe von besonders schmutzigen und gesellschaftlich gering bewerteten Arbeiten,

ein Gewinn. In den Forschungsergebnissen von Haas (2003) zur Motivation der

ArbeitgeberInnen eine Haushalthilfe zu beschäftigen, wurden ebenso Zeitressourcen

als wesentlicher Grund zur Abgabe angeführt. Untypisch dafür ist jedoch, dass Frau

Müller den Grund für die Beschäftigung nicht in der Ressourcengewinnung sieht,

sondern diese nur als angenehme Nebeneffekte wahrnimmt, da ihre Krankheit das

ausschlaggebende Motiv für die Delegation ist.

137


Frau Müller beurteilt aus der, ihr nach eigener Meinung zustehenden

Beurteilungsmacht heraus, auch die soziale Teilhabe der Reinigungskraft. So

bemerkt sie die mangelnden Partizipationsmöglichkeiten in Österreich sowohl am

Arbeitsmarkt als auch im Privaten, die Frau Müller auf schlechte Sprachkenntnisse

und ein fehlendes soziales Netzwerk seitens der Reinigungskraft zurückführt. „Ich

weiß, dass sie zu Hause, dass sie zu Hause nicht Deutsch sprechen […]“ [Z.202f].

Darüber hinaus würden die Kinder und die daraus resultierende fehlende Flexibilität

den Zugang zu Ressourcen für die Reinigungskraft verhindern – „[…]Sie kommt

immer, während ihre Kinder in der Schule sind […]“ [Z.231f]. Das durch illegale

Hausarbeit verdiente Geld, das zur Familienerhaltung diene und sie selbst, als eine

Art Gatekeeperin seien zugängliche Ressourcen für die Reinigungskraft.

Durch die Bewertung, was und wie die Reinigungskraft Zugang zu Ressourcen

gewinnt beziehungsweise Frau Müllers Sichtweise, sei diesbezüglich eine relevante

„Türöffnerin“ für die Reinigungskraft wird das Machverhältnis zwischen Arbeitgeberin

und Arbeitnehmerin in der Weise determiniert, dass die Reinigungskraft als infantil

und ohnmächtig beschrieben wird, Frau Müller selbst aber adoleszent und vernünftig,

was sie verbal durch Wörter, die in Zusammenhang mit Erziehung oder Schule

gebräuchlich sind, ausdrückt: „[...] und dann muss man sie IMMER WIEDER aufs

Neue ermahnen [...].“ , „[...] Aber sie lernt BRAV, sie lernt Deutsch, wird immer

besser“ [Z.174ff].

Obwohl Frau Müller „[...] nicht so ein @Chef-Angestellten-Verhältnis@, […]“ [Z.121]

mit ihrer Haushaltskraft haben will und deshalb Strategien zur Informalisierung

anwendet, stellt sie doch ein eindeutiges hierarchisches Gebilde her, in dem die

„Angestellte“ als unvernünftig oder rückständiges Wesen und Frau Müller als

vernünftige Erwachsene Platz finden, als Unwissende und Wissende, als

Unterprivilegierte und Privilegierte. Das Machtverhältnis ist klar definiert und seitens

Frau Müller auch legitimiert. Dies Legitimation zieht sie einerseits aus der

Klassifizierung, die stark ressourcenorientiert begründet ist, andererseits aus einer

ethnisierenden wie im Weiteren näher erklärt wird.

138


8.1.2.4. Ethnisierungsprozesse

Die oben genannten Zuordnungen haben stark ethnisierenden Charakter, der nach

Jäger (1996) dem Konzept von ethnozentristischen Ethnisierungsprozessen

zugeordnet werden. Frau Müller skizziert sich selbst als Teilhabende der „zivilisierten

Kultur“ in Österreich, als verständnisvoll und hilfsbereit und impliziert damit eine

Ungleichheit der anderen „Ethnien“, sowie deren untergeordnete Positionierung.

Nach Kronsteiner (2009) stellt Kultur den funktionalen Rahmen dar, welcher als

Identität oder Eigenheit eines „Volkes“ bezeichnet wird, vom Volk selbst oder von

anderen (Selbst- und Fremdethnisierung). Das „Volk“ ist als „ethnisches Kollektiv“

Träger von Souveränitäts- und Herrschaftsrechten. Der Kulturbegriff wird als

verbindliche Beschreibung von Regeln und gewachsenen Sozialisationsformen

verstanden, die ein Wesen, das in diese Kultur hineingeboren wird, prägt und

normiert.

Frau Müller ethnisiert sich in ihren Beschreibungen selbst, indem sie sich als

Österreicherin mit den von ihr damit verbundenen Implikationen, wie zum Beispiel

gebildet, emanzipiert oder besitzend definiert. Andererseits ethnisiert sie ihre

Reinigungskraft in der Abgrenzung vom Österreichischen, in der Beschreibung ihrer

eigenen Funktion als kulturelle Repräsentantin, ihrer Hilfestellung bezüglich wichtiger

Fragen (Schulfragen) und in der Betonung der sprachlichen Defizite in Verbindung

mit dem sozialen System der Reinigungskraft: „[...] sie fragt mich immer wieder

Dinge über Österreich, und wie wir Weihnachten feiern, hat sie voriges Jahr gefragt.

[...] Sie hat gewusst dass ich studiert habe und deswegen hat sie halt gefragt, ob sie

ihren Sohn ins Gymnasium eher schicken soll, oder in die Hauptschule. Sie hat da

um Rat gefragt, [...]“ [Z.117ff]. Jedoch betont Frau Müller die aktive Rolle der

Reinigungskraft in diesem Prozess, die sie als ständig um Assimilation bemüht

charakterisiert.

Die derzeitige Reinigungskraft Frau Müllers wird einerseits durch ihre institutionelle

Teilhabe am österreichischen System charakterisiert, da sie über einen „Meldezettel“

verfügt, also über einen gültigen Aufenthaltstitel verfügt- gleichzeitig ein

Einstellungskriterium Frau Müllers, wodurch sie etwaige subversive

Einwanderungsstrategien der Reinigungskraft ausschließt [Vgl. Sinn, A. u.a. (2005)]

139


und ihre Kinder in Wien zur Schule gehen. Zudem dürfte sie zu einer in Österreich

ansässigen bosnischen Community Zugang haben. Dieser Umstand wird von Frau

Müller jedoch äußerst kritisch bewertet, da dadurch ihre Assimilationsbestrebungen

behindert würden – „[…] weil alle ihre Freunde sprechen nicht Deutsch, sie spricht

zuhause nicht Deutsch, und sie kommt einfach nie zum Deutsch-Sprechen“ [Z.204ff].

Frau Müller charakterisiert die Reinigungskraft diesbezüglich als defizitär, infantilisiert

sie und misst ihre Lernerfolge an jenen der Kinder der Reinigungskraft. Nicht

ausreichende Deutschkenntnisse werden so zum einseitigen Exklusionskriterium in

einem System, in dem „Zugehörigkeit“ an die Nationalsprache gebunden ist.

8.2. Einzelfallanalyse Interview mit Frau Bauer

8.2.1. Chronologische Deskription

Frau „Bauer“ schilderte im Interview, sie würde bereits seit ihrer Studienzeit- also seit

etwa 25 Jahren- Reinigungskräfte im Ausmaß von etwa fünf Wochenstunden

engagieren, da ihr Ehemann sich damals „kategorisch geweigert“ hätte sich an der

Hausarbeit zu beteiligen. Derzeit sind sowohl Frau Bauer als auch ihr Ehemann voll

berufstätig. Frau „Bauer“ erklärt, die ersten beiden Reinigungskräfte hätten sie und

ihr Ehemann gemeinsam ausgewählt, die folgenden hätte sie alleine bestimmt. Die

erste Reinigungskraft engagierte Frau „Bauer“ als sie ein Kind erwartete, wobei ihre

damalige Reinigungskraft sie in der Schwangerschaft emotional wie sachbezogen

unterstützte. Frau Bauer beschreibt dieses Arbeitsverhältnis als „freundschaftlich“.

Historisch rückblickend ordnet Frau Bauer diese Lebensphase der Reinigungskraft

dem „Jugoslawienkonflikt“ zu. Nach neun bis zehn Jahren der Hausarbeitsdelegation

folgte vor etwa zwei Jahren eine Periode wechselnder Reinigungskräfte, bis

schließlich die Schwester der ersten Reinigungskraft, welche die österreichische

Staatsbürgerschaft besitzt, die Arbeit als Hausarbeiterin übernahm. Zu den

Haupttätigkeiten der Reinigungskräfte gehören die Reinigung der Möbel, die Pflege

der „Nassräume“ und Böden, das Putzen der Fenster und Bügeln. Derzeit beschäftigt

Frau „Bauer“ zusätzlich eine Leihoma, welche ihren Sohn während der Arbeitszeit

am Nachmittag betreut und auch sporadisch allfällige Hausarbeiten übernimmt. Ihre

140


derzeitige innerpartnerschaftliche Arbeitsteilung beschreibt Frau „Bauer“ als ungleich

verteilt. Hausarbeit im Allgemeinen, die außerschulische Erziehungsarbeit ihres

Kindes, ebenso wie die Organisation der Hausarbeitsdelegation falle in ihren

„Kompetenzbereich“, so Frau „Bauer“.

8.2.2. Grob- und Feinanalyse des Interviews mit Frau Bauer

8.2.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung

Die Bauers lassen sich zunächst dem Familienmodell der DoppelversorgerInnen

zuteilen, da beide voll berufstätig sind. Um genau zu sein streben beide berufliche

Weiterentwicklungen an (Frau Bauer hat „neue Aufgabengebiete im Beruf“

auszufüllen, Herr Bauer „macht eine firmeninterne Ausbildung“ [Z.19 und 24f.]), was

auf das so genannte Doppelkarrieremodell hin deutet, in dem Versorgungsarbeit aus

Zeitmangel mehrheitlich an Dritte delegiert wird. Diese Delegation vollzieht sich bei

den Bauers im inoffiziellen privaten Bereich und privaten sozialen Institutionen- seit

25 Jahren werden Migrantinnen illegal für Reinigungsarbeiten im Privatraum bezahlt,

seit neun Jahren wird der gemeinsame Sohn durch eine Leihoma der Erzdiözese am

Nachmittag betreut.

Was die derzeitige paarinterne Arbeitsteilung der Bauers angeht, so wird diese von

Frau Bauer als nicht egalitär beschrieben: Frau Bauer habe vor allem die

Haushaltsorganisation inne, kümmere sich aber auch um Einkäufe, Kindererziehung

und Essenszubereitung, während Herr Bauer sich sporadisch an der

Kinderbetreuung beteilige, eine beruflich bedingte Abwesenheit seinerseits aber eher

den Normalfall darstelle. Frau Bauer ist also de facto mit der Lebensrealität einer

vollzeiterwerbstätigen Alleinerzieherin konfrontiert, da ihr Mann üblicher Weise ja gar

nicht im Lande ist. Somit liegt der gesamte Bereich der Versorgungsarbeit in der

Verantwortung von Frau Bauer, ebenso wie dessen Delegation an Dritte, was nach

Prokop (1976) auch ihre Bedeutsamkeit innerhalb der Familienstrukturen erhöht.

„[…]Themen wie sich um schulische Leistungen kümmern, […] sich um den Haushalt

kümmern, das ist im Wesentlichen meine KOMpetenz, auch wenn ich sie nicht selber

durchführen muss, aber meine Kompetenz im Sinne von daran denken […]“ [Z. 61ff.].

Dadurch entstehen aber zusätzlich zur Doppelbelastung auch von Unsicherheiten

141


Frau Bauers ihre Mutterrolle betreffend, da sie fürchtet nicht genügend Zeit mit ihrem

Sohn zu verbringen. Frau Bauers Arbeitstag dauert dem entsprechend bis in die

Abendstunden, da sie nach ihrer Erwerbsarbeit noch die schulischen Leistungen des

Sohnes überprüft und Essen zubereitet. Die Art der Arbeitsteilung der Bauers

kennzeichnet deren Zugehörigkeit zum so genannten ökonomisierten Familienmodell

nach Groß und Winker (2007), in dem lange Arbeitszeiten und ausgelagerte private

Versorgungsleistungen durch externe Dritte, sowie die prinzipielle Zuständigkeit der

Frau für Hausarbeiten die Familienstrukturen prägen.

Laut Frau Bauers Beschreibung gab es auch in der Vergangenheit kaum

Diskussionen über die häusliche Arbeitsteilung, da ihr Mann jeglichen Diskurs über

eine mögliche Partizipation seinerseits von Grund auf ablehne. Frau Bauers

Schilderungen ist dennoch zu entnehmen, dass durch die Geburt ihres Sohnes die

ohnehin schon zuvor vorhandene ungleiche Verteilung der paarinternen Hausarbeit

weiter verstärkt, beziehungsweise ihr Handlungsspielraum zunehmend auf den

Privatraum und die Versorgungsarbeit beschränkt wurde – „[...] früher auch ein viel

zu aktives Leben, jetzt mit Kind etwas eingeschränkt […]“ [Z. 332f.]. Bereits Huinink

und Röhler (2005) stellten diesbezüglich fest, dass die „Elternwerdung“ meist einen

stark traditionalisierenden Effekt auf die paarinterne Arbeitsteilung habe, der sich in

der Naturalisierung der Zuständigkeit der Frau für Versorgungsarbeiten

niederschlägt.

Als Angehörige des so genannten „familistischen Milieus“ nach Koppetsch und

Burkhart (1999), bei dem die persönlichen Empfindungen der Familienmitglieder

handlungsleitend wirken, bewirkte die totale Verweigerung ihres Mannes eine

relative Erwartungslosigkeit Frau Bauers bezüglich der Erledigung der Hausarbeit

durch ihren Ehemann. Frau Bauer bewertet Hausarbeit an sich als minderwertig, was

sich unter anderem in der emotionalen Aufladung des Bereichs („Hass“) als auch

dessen Entkoppelung vom Lebensalltag Frau Bauers ausdrückt – „[…] dass ich da

jetzt wirklich putze, würde mir nie im Traum einfallen […]“, „[…] ich bin selber keine

Hausfrau […]“ , „[…] Das ist keine Belastung für mich“ [Z. 148f., 304 und 317].

Ursachen dafür könnten zum Beispiel in den bei Arn (2000) erwähnten Faktoren der

unvorteilhaften Konnotationen des Bildes „der Hausfrau“ im Gegensatz zu einem

142


ausgeprägten Selbstwertgefühl als berufstätige Frau und der Bewertung von

Hausarbeit als „Nicht-Arbeit“ liegen.

Alleine das Sprechen über gewisse Hausarbeitstätigkeiten ruft bei Frau Bauer ein

registrierbares Unwohlsein hervor, was auf die bei Thiessen, B. (2003) erwähnten

Behaftungen des Hausarbeitsfeldes mit gesamtgesellschaftlich verdrängten Themen

die „Dreck oder Schmutz“ hin deutet – „[…] greife das Thema nicht an, bis halt […]

Entscheidungen notwendig sind“ [Z. 359]. Frau Bauers Versuche in der

Vergangenheit, sich den Vorstellungen ihres Mannes anzupassen, scheinen durch

seine Kritik an ihren hausarbeiterischen Fähigkeiten im Keim erstickt worden zu sein,

Frau Bauer wollte sich offenbar der externen Zielsetzung nach Bauböck (1991) und

der diesbezüglichen Bewertung der Hausarbeit durch den Ehemann nicht länger

aussetzen – „[…] wenn ich selber einmal bügle, sagt mein Mann, alle anderen

bügeln schöner […]“ [Z. 305].

Für Frau Bauer stellte das Einschränken der eigenen Hausarbeitstätigkeiten und die

Übernahme einer eher organisatorischen Rolle innerhalb des Familienverbandes als

sekundäre Kontrollstrategie die einzige Möglichkeit dar, ihre familieninterne Rolle als

Mutter und Ehefrau zu bewahren und dennoch die abgewerteten Arbeitsbereiche

vom ihrem „Ich-Ideal“ abzuspalten, indem sie diese an illegal arbeitende

Migrantinnen abgab und ihre Autonomie durch die verstärkte Konzentration auf ihre

Berufstätigkeit betonte, was nach Brück (1997) auch zu einer familieninternen

Statuserhöhung Frau Bauers führte. Herr Bauer hingegen wird von Frau Bauer in

Folge seiner Kontrollstrategien infantilisiert, eine Strategie die Herrn Bauer einerseits

von Eigenverantwortung befreit, andererseits seine Unbedarftheit bezüglich der

Organisation des alltäglichen Lebens ausdrückt – „[…] [da] bräuchte ich die doppelte

Energie [bei meinen Männern] […] um halt zu sagen „Bitte häng deinen Pyjama weg

und bitte häng deinen Pullover weg […]“, „[...] [Ich denke schon], dass er das alleine

kann und dass das mein Mann genauso gut kann […]“ [Z. 252f. und 275f.].

Durch die Abspaltung und Auslagerung des Hausarbeitsbereiches als sekundäre

Kontrollstrategie gelingt es Frau Bauer nach Huinink, und Röhler (2005), die

Einschränkungen ihres Autonomie-Ideals zu verdrängen, was sie bewusst als

143


ihrerseitige Beziehungsarbeit zur Aufrechterhaltung der häuslichen Harmonie

uminterpretiert – „Der ausschlaggebende Grund [war] vor allem, schlichtweg letztlich

IN der Partnerschaft ein Gleichgewicht für mich herzustellen“ [Z. 71f.]. Das egalitäre

Leitbild würde zwar auch Frau Bauers Wunschvorstellungen entsprechen, doch sie

hat sich durch ihre Strategie der „Erwartungslosigkeit“ von diesen verabschiedet und

gelernt die faktische Ungleichverteilung der Hausarbeit zwischen ihrem Mann und ihr

als unveränderliche Tatsache hinzunehmen – „[…] es ist natürlich durchaus nett und

vorstellbar, dass man gemeinsam partnerschaftlich dadurch die Wohnung wieselt,

[…] also das hab ich nie erlebt, […] es geht mir auch nicht wirklich ab [..]“ [Z. 322f.].

Frau Bauer legitimiert die unegalitäre Arbeitsteilung einerseits durch Bezugnahme

auf diesbezügliche sozio-biologistische Diskurse, andererseits individualisiert sie das

Verhalten ihres Mannes und akzeptiert die diesbezüglichen Zuschreibungen der

Hausarbeit als Teil ihrer Geschlechterrolle – „[…] habe aber unterschätzt wie stark

die Gene sind, oder wie stark die Vorbildwirkung ist […]“, „[…] wobei das vielleicht

auch Weltbilder sind […] es ist einfach meine Vorstellung […]“ [Z. 261f. und 281ff.].

Selbstreflektiv betrachtet sich Frau Bauer, und in Verallgemeinerung alle Frauen, als

Hauptursache der ungleichen Belastung mit Hausarbeit, und nimmt sich als Akteurin

bei der Reproduktion von Geschlechterpositionierungen wahr – „[…] Frauen erziehen

Machos, also ich hab zwei gute Machos zuhause […]“ [Z. 57]. Zur Legitimation der

eigenen paarinternen Hausarbeitsaufteilung rekurriert Frau Bauer also auf

verschiedene gesellschaftliche Diskursstränge die Geschlechterrollen betreffend,

wobei letztlich die Sozialisations-These eine besondere Dominanz in Frau Bauers

subjektiven Erklärungsversuchen innehat.

In pädagogischen Fragen ist Frau Bauer an externen Zielsetzungen orientiert, wobei

sie auf abstrakter Ebene versucht egalitäre Ideale die geschlechtsspezifische

Arbeitsteilung betreffend in der Erziehung ihres Sohnes umzusetzen – „[…] er soll

schon ein bisschen lernen, dass er halt auch irgendwo ein bisschen etwas tun sollte

[…]“ [Z. 257f.]. Das Ideal befindet sich im Spannungsverhältnis zu Frau Bauers- von

Huinink und Röhler (2005) erwähntem- beinahe reflexartigem Bedürfnis, bei

Unzufriedenheit mit der von Mann und Sohn erzwungenen Hausarbeit diese selbst

zu übernehmen – „[…] ich versuche tunlichst mich an der Kandare zu nehmen und

nicht den Pyjama wegzuräumen […]“ [Z.267f.].

144


8.2.2.2. Beschaffenheit der Arrangements

Was die Art und Weise der Hausarbeitsdelegation angeht, so wird im Kontext des

Arbeitsverhältnisses seitens Frau Bauers zunächst die Rolle der Arbeitgeberin

eingenommen. Ihr Mann hätte ihr zwar anfangs, also vor etwa 25 Jahren, bei der

Auswahl der ersten beiden HausarbeiterInnen zur Seite gestanden, doch sowohl die

Suche, die als auch die materielle Delegation an sich waren stets ihr zugeteilt. Seit

damals hat Frau Bauer die verschiedensten Reinigungskräfte (aus-) gesucht, bezahlt

und auch wieder entlassen.

Dies entspricht der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung hinsichtlich

der Abgabe von sachbezogener Hausarbeit nach Kaufmann (1999), wonach dies in

heterosexuellen Paarbeziehungen meist „Frauensache“ ist, da diese durch die

geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen letztlich auch häufig über die dazu

notwendige Praxis verfügen würden. Die aktive Suche fand seitens der Bauers

zunächst öffentlich einsehbar statt, was angesichts der Privatheit des Arbeitsplatzes

und der Illegalität des Beschäftigungsverhältnisses ungewöhnlich erscheint, verlief

aber bald darauf im privaten Umfeld der Bauers. Für Frau Bauer sind bei der Suche

nach einer neuen Reinigungskraft vor allem informelle, familialisierende Kriterien

relevant. Am wichtigsten scheint es für den Erfolg eines diesbezüglichen

Arrangements, dass die neue Reinigungskraft dazu fähig ist, sich den

Familienstrukturen der Bauers anzupassen. Da die ArbeitgeberInnen mit der

Beschäftigung einer Reinigungskraft nach Thiessen (2008) prinzipiell ihren

Privatraum der Öffentlichkeit preis geben, scheinen sie sichtlich bemüht andere

privatisierende Strategien zur „Reprivatisierung“ dieses Aspekts ihres Lebens an den

Tag zu legen.

Die „Familienkompatibilität“ der Reinigungskräfte stellt für Frau Bauer somit ein

zentrales Kriterium für die soziale Interaktion mit der jeweiligen Reinigungskraft dar

und entscheidet über deren soziale Ex-, oder Inklusion – „[…] Sie ist halt ein offener

Mensch […] [der] auch die Nähe gesucht hat […]“, „[…]die auch ein bisschen so

menschliche Wärme sucht“, „[…] Also die macht nicht den Unterschied, das ist jetzt

Job und ich mache jetzt was Job ist […]“ [Z. 110,121f., 215]. Besonders augenfällig

wird dieser Mechanismus seitens Frau Bauers, als diese während ihrer

145


Schwangerschaft die Fürsorglichkeit und „Mütterlichkeit“, die gleichsam mit

naturalisierenden Zuschreibungen der Mutterrolle, beziehungsweise

maternalistischen Tendenzen einhergeht, einer Reinigungskraft in Anspruch nimmt -

„[…]nachdem sie mich IN der Schwangerschaft erlebt hat, mit kleinem Kind erlebt

hat, war da einfach ein Mehr an herzlicher Bindung da auch […]“, „[…] diese so

herzliche Anteilnahme zum ganzen Thema, auch meiner Schwangerschaft und des

Babies […] da war […] die Beziehung sehr nett […]“, „[…] ich soll mir keine Sorgen

machen, das macht sie schon […]“, „[…]sie ist eben insgesamt ein fürsorglicher Typ

[…]“ [Z. 108f., 378, 388, 400].

Die Familialisierung der Reinigungskräfte bedeutet auch, dass Frau Bauer

Hausarbeit nicht als Beruf betrachtet, da sie keine berufsrelevanten Kriterien bei

deren Einstellung zur Beurteilung heran zieht, sondern offenbar der Sexuierung der

Hausarbeit entsprechend voraussetzt, dass Frauen aufgrund ihrer angeblichen

Geschlechtszugehörigkeit automatisch über die nötigen Fähigkeiten einer

Reinigungskraft verfügen, was Thiessens (2008) These der Geschlechtsattribuierung

der HausarbeiterInnen bestätigt. Dies zeigt sich auch darin, dass Frau Bauer die

professionelle Arbeitshaltung ihrer derzeitigen Reinigungskraft als deviant beurteilt-

„[…] ich sehe sie oft wochenlang gar nicht, sie hat den Schlüssel, ich leg ihr das Geld

hin, schreib ihr auf, was ich vielleicht besonderes gemacht haben möchte, ja, das ist

es […]“, „[…] man muss das auch goutieren […] das ist ein wirklicher Job“, „[…] es ist

es ein korrektes Verhältnis, aber kein herzliches […]“ [Z. 98f., 118f., 231].

Frau Bauer nimmt sich selbst aber dennoch aus dem „Regelfall“ der per Geschlecht

kompetenten Hausarbeiterin aus, was auf diesbezügliche

Individualisierungstendenzen ihrerseits hindeutet. Als Reaktion auf die Sachlichkeit

der Reinigungskraft folgt die soziale Exklusion ebendieser aus dem Familiengefüge

der Bauers. Dass die Reinigungskraft ihre Tätigkeit als professionellen Beruf

betrachtet stellt für Frau Bauer offenbar einen Bruch mit ihren Rollenerwartungen an

das Verhalten dieser, sowie mit den Konnotationen einer illegalen Beschäftigung im

Privaten dar. Frau Bauer skizziert sich selbst als äußerst tolerante Arbeitgeberin, die

auch dazu bereit ist, sich mit nicht befriedigenden Arbeitsverhältnissen abzufinden-

Entlassungen werden ebenso wie Neubeschäftigungen so lange als möglich hinaus

146


gezögert, wobei vor allem mangelnde Eigeninitiative und Identifikation mit der

Tätigkeit ein großes Manko darstellen. Dieser Umstand könnte andererseits auch

durch Frau Bauers Abneigung gegen eine Auseinandersetzung mit dem

Hausarbeitsbereich im Allgemeinen, also auch einer neuerlichen Delegation

begründet sein. Gründe für eine Beendigung der Beschäftigung ergeben sich für

Frau Bauer vor allem aus utilitaristischen Kosten-Nutzen-Abwägungen.

Frau Bauer beschreibt die ideale Arbeitnehmerin folglich als „kleine Haushälterin“,

welche zwar stets aus eigenem Antrieb, aber niemals unter Einbringung ihrer

eigenen Persönlichkeit oder ihrer Vorlieben, alles exakt so macht, wie Frau Bauer es

selbst machen würde und dadurch den Alltag der Bauers von der Last des

Alltäglichen befreien würde. Diese Entpersonalisierung findet ihren Ausdruck auch

darin, dass es für eine solche Haushälterin in der Privatsphäre der Bauers

schlichtweg keinen Platz gäben würde, sie also nicht nur kognitiver Hinsicht, sondern

auch materiell nicht existent sein kann – „[…]die Vorstellung, dass da jetzt jemand

wäre, mit dem ich mir auch in der Früh das Badezimmer teilen muss, der nicht zur

Familie gehört, also das behagt mir gar nicht […]“ [Z. 241]. Diese Wunschvorstellung,

beziehungsweise der Versuch diese aufrecht zu erhalten, findet auch ihren Ausdruck

in Frau Bauers Unvermögen, sich mit der faktischen Erledigung der Hausarbeit durch

Dritte auseinander zu setzen – „Also, wenn jemand in meiner Nähe putzt, dann kann

ich nicht ruhig sitzen und zuschauen […]“ [Z 158], laut Thiessen (2008) ein, aufgrund

der Feminisierung der Hausarbeit entstehendes, geschlechtsspezifisches Phänomen

bei der Ausgestaltung der Arrangements.

Die vermeintliche Konturlosigkeit einer solchen Person steht auch im Widerspruch zu

jenen externen Zielvorgaben, an denen sich Frau Bauer hinsichtlich der häuslichen

Versorgungsarbeit orientiert – da keine Reinigungskraft, oder Haushälterin jemals

Frau Bauer sein kann- somit Frau Bauers Bruch mit ihrer Rolle als Mutter und

Hausfrau nicht kompensieren kann- und dem entsprechend auch nicht wie sie

handeln kann, werden deren konkrete hausarbeiterischen Leistungen von Frau

äußerst distanziert betrachtet und mitunter sogar verdrängt. Was die Gestaltung der

Kommunikation mit den Reinigungskräften anbelangt, so erfolgt diese aufgrund der

regulären Abwesenheit der Arbeitgeberin, also Frau Bauers, via Kurznachrichten auf

147


kleinen Zetteln, die sich auf sachbezogene Anweisungen beschränken und somit

auch keinen dialogischen Charakter annehmen kann – „[…]schreib ich lieber einen

Zettel „Du geh bitte amal unterm Bett amal aufwaschen […]“, „[…]da hab ich […]

geschrieben „Bitte Bücher abstauben“, dann wird es auch gemacht […]“ [Z. 149f.,

134]. Die Reinigungskraft wird somit zur reinen Befehlsempfängerin, die schon durch

den bloßen Mangel an Rückmeldungsmöglichkeiten der Chance zur aktiven

Gestaltung des Arrangements beraubt wird.

8.2.2.3. Ressourcenverteilung

Vergleichen wir die materiellen Ressourcen Frau Bauers mit jenen der von ihr

beschäftigten Reinigungskräfte, so charakterisiert sich Frau Bauer als geschäftlich

erfolgreiche Karrierefrau, die es sich leisten kann jene ungeliebten, weil

abgewerteten Elemente ihres Lebens scheinbar ohne weitere Probleme auszulagern.

Die Delegation der Versorgungsarbeit macht aber ihrerseits nicht bei der

sachbezogenen Hausarbeit halt, sondern auch die Nachmittagsbetreuung ihres

Sohnes wird seit neun Jahren an eine „Leihoma“ ausgelagert. Die Reinigungskräfte

hingegen werden von Frau Bauer als Humankapital, also als Ressourcen zur

Korrektur der der paarinternen Ungleichverteilung der Hausarbeit, sowie zur

Schaffung von „Familienzeit“ genutzt. Die Fremdcharakterisierung dieser bewegt sich

je nach Grad der jeweiligen Ethnisierung durch Frau Bauer zwischen fleißigem

„Arbeitsvieh“, das sowohl in der Herkunftsgesellschaft, als auch in der

Aufnahmegesellschaft für andere –vor allem in familiären Kontexten- ununterbrochen

verfügbar und dienstbar ist, und um „zwanzig Prozent langsamer[en]“

Österreicherinnen mit so genanntem Migrationshintergrund, welche sich vor allem

durch das deutlich geringer ausgeprägte Familienzusammengehörigkeitsgefühl

auszeichnen [Z. 386f.]. Frau Bauer konstruiert sich in ihren Schilderungen als

wohlhabend, da sie sich erstens die Abgabe der Versorgungsarbeit finanziell

gesehen leistet und freiwillig auf staatliche Subventionen verzichtet, andererseits die

Reinigungskräfte für Frau Bauer vor allem durch deren akute Armut,

beziehungsweise prekäre finanzielle Situation zum Leisten der Hausarbeit in

österreichischen Privathaushalten gezwungen sind – „[…] damit […] die nächste

Stromrechnung bezahlt werden kann […]“ [Z. 459f.], weshalb diese auch auf diverse

148


Sachspenden an ausgedienten Gegenständen durch Frau Bauer angewiesen seien-

„[…]man braucht ihnen nur einen Sack in die Hand drücken und es verschwindet

[…]“, „[…] alles können sie verwenden […]“ [Z. 412f., 415f.]. Die von Frau Bauer

beschriebene akute Armut und die damit einhergehende Notwendigkeit der

Existenzsicherung durch illegalisierte Hausarbeit in österreichischen

Privathaushalten, sowie Frau Bauers Nutznießen der prekären Lebensumstände der

Reinigungskräfte wird für Frau Bauer durch diese Sachspenden ihrerseits

umgedeutet und als „herzig“ interpretiert. Die defizitären Reinigungskräfte sind

demnach auf Frau Bauers Großzügigkeit angewiesen, wodurch Frau Bauer diese

zum einen als Hilfsempfängerinnen charakterisiert, zum anderen sich selbst zur

Wohltäterin stilisiert. Das ökonomische Gefälle zwischen Frau Bauer und den

Reinigungskräften wird auch durch die jeweilige Wohnsituation ersichtlich: Die

Bauers dürften in einer größeren Wohnung in guter Lage wohnen, welche Frau

Bauer im durch die Reinigungskräfte gepflegtem Zustand auch durchaus als

Repräsentationsmöglichkeit nach außen hin wahrnimmt - „[…] ich hab kein riesiges

Haus, [aber] die Wohnung ist nicht klein […]“, „[…] ich würde nie jetzt das Gefühl

haben, dass ich mich dafür genieren muss, dass es nicht sauber wäre […]“ [Z. 239f.,

293]. Frau Bauer beschreibt die Wohnsituation einer langjährigen Reinigungskraft in

Wien hingegen als beengt, desolat und dezentral, sowie als unsicher hinsichtlich

ihres dortigen Mietrechts - „[…] sie hat[te] eine ganz kleine letztklassige Wohnung

irgendwo […]“, „[…] wenn es mit der Wohnung Probleme gegeben hat […]“ [Z. 113f.,

409]. Ihr Hauptwohnsitz in der Herkunftsgesellschaft ist für Frau Bauer eher dem

ländlichen Gebiet zuzuordnen, wobei hier eine Großfamilie auf engstem Raum in

Subsistenzwirtschaft zusammenarbeitet um sich selbst zu erhalten – „[…]nach

Hause in diese kleine Minilandwirtschaft […]“, „[…] halt nur ein Haus mit ein bisschen

Garten […]“ [Z. 444f., 445f.].

Frau Bauer verfügt über ein abgeschlossenes Hochschulstudium das ihr

offensichtlich gewisse Karrierechancen eröffnete, ihr Sohn besucht derzeit ein

Gymnasium, was auf ihre Zugehörigkeit zu einer so genannten „bildungsnahen

Schicht“, also am staatlichen Bildungssystem im hohen Maße partizipierende Gruppe

hinweist, was nach Haas (2003) der diesbezüglich eher konvergenten Gruppe der

Hausarbeit-Delegierenden entspricht. Das schulische Bildungsniveau der

149


Reinigungskräfte beschreibt Frau Bauer hingegen als divergierend, wobei das

Lehramtsstudium einer ehemaligen Reinigungskraft als außergewöhnlicher und

Zusammengehörigkeits-fördernder Faktor skizziert wird. Die mangelnde

Intellektualität anderer Reinigungskräfte wird für Frau Bauer jedoch durch deren

Fleiß und Ordnungssinn wettgemacht – „[…] aus ihrer, zwar vielleicht nicht so

wahnsinnig hochtrabend intellektuellen Sicht, aber aus ihrer Sicht wirklich versucht

die Dinge ordentlich zu machen […]“ [Z. 382ff.].

In Bezug auf ihren rechtlichen Status als Staatsbürgerinnen anderer Nationalstaaten

ist sich Frau Bauer der oft misslichen Lage der Reinigungskräfte in Österreich

bewusst, doch dürfte sie sich in der Interaktion mit den Hausarbeiterinnen eher

spärlich mit diesen Fragen befassen, meint sie doch im Falle einer, an anderer Stelle

als Freundin bezeichneten, langjährig beschäftigten Reinigungskraft, sie wisse nicht,

„ob sie sich wirklich legal in Österreich aufgehalten hat“ [Z. 112f.]. Andererseits habe

sich ebendiese in kritischen Zeiten vertrauensvoll an sie gewandt und Frau Bauer

„ihr Herz ausgeschüttet […] wenn es mit der […] Aufenthaltsbewilligung Probleme

gegeben hat […]“ [Z. 408f.]. Aus dieser Ambivalenz lässt sich ableiten, dass Frau

Bauer abgesehen von den Klagen seitens der Reinigungskraft trotz des informellen

Näheverhältnisses von sich aus weder weitere Informationen einholte, noch konkrete

Handlungen zur Beendigung dieses rechtlich unsicheren Zustandes setzte. Ohne

Aufenthaltssicherheit, welche seitens des Staates an verschiedene Kriterien- etwa

das Einkommen der MigrantInnen- gekoppelt ist und nach unterschiedlichen Titeln

zeitlich begrenzt wird, ist eine dauerhafte Niederlassung in der

„Aufnahmegesellschaft“ Österreich für viele MigrantInnen de facto ausgeschlossen.

Als „Illegale“ können sie freilich keiner regulären Beschäftigung nachgehen, sondern

werden durch ihren rechtlichen Status in bestimmte Bereiche der Schattenarbeit

gedrängt. Im privaten Bereich sind diesbezügliche Arrangements seitens der

Behörden kaum überprüfbar, was sich einerseits durch deren rechtssicheren Status

zum Vorteil der ArbeitgeberInnen nieder schlägt, andererseits die Rechtsunsicherheit

der Migrantinnen, ebenso wie die Privatisierung des Hausarbeitsbereichs zusätzlich

determiniert [Vgl. Stobbe, H. (2004)]. Frau Bauer erklärt, dass sich die Allgemeinheit

der Reinigungskräfte, „selbst wenn sie krank sind, […] sich im Regelfall […] an die

Arbeitsstelle schleppen“ würden [Z. 453f.]. Der rechtliche Status als illegale

150


Hausarbeiterin wirkt sich auch äußerst negativ auf die soziale Absicherung der

Reinigungskräfte aus, schließt er sie doch aus etwaigen Sozialleistungen im

österreichischen Wohlfahrtsstaat aus. Im Falle jener Reinigungskraft mit ebenfalls

unsicherem Aufenthaltsstatus wirkte sich dieser Umstand laut Frau Bauer besonders

negativ aus, da diese „immer die eigene Gesundheit hinten angestellt“ hat und nach

langen arbeitsreichen Jahren schließlich mehrere Herzinfarkte erlitt [Z.461].

Für Frau Bauer begründet sich dieses gesundheitsgefährdende Verhalten der

Hausarbeiterin durch deren akute Geldnot. Frau Bauers Schilderungen machen

deutlich, dass es aufgrund der Informalität der Arrangements scheinbar keinerlei

Regelungen im Krankheitsfalle einer Reinigungskraft gibt, beziehungsweise die

Abwägung zwischen deren gesundheitlicher Genesung und dem möglicher Weise

existenzgefährdendem Gehaltsausfall in deren eigener Verantwortung stehe, und

nicht in der ihren. Frau Bauer inkludiert somit neoliberale Ideologien in ihre eigene

Identitätskonstruktion, in dem sie der „Gruppe der Reinigungskräfte“ normierend die

Verantwortung für den Normbruch des „Trotz Krankheit Arbeitens“ zuschiebt,

beziehungsweise den Normbruch als durch deren Lebensbedingungen legitimiert

betrachtet, und somit die eigene Mitverantwortung und dem entsprechende

kompensatorische Handlungen für deren Existenzsicherung von sich weist, der

„Problemfall Krankheit“ wird also in mehrfacher Weise privatisiert. Jene Gruppe

hingegen, zu der Frau Bauer sich selbst zählt, ist von derartigen sozioökonomischen

Problemlagen hingegen nicht betroffen. Illegal arbeitende Hausarbeiterinnen werden

seitens des österreichischen Staates von sozialen Leistungen ausgeschlossen, was

rechtlich zum einen durch deren rechtlichen Status als „Nicht-Staatsbürgerinnen“

begründet ist, zum anderen mit dem nicht Leisten von finanziellen Beitragen an die

österreichische Solidargemeinschaft durch die Hausarbeiterinnen [Vgl. Stobbe, H.

(2004) und Cremer, H. (1998)].

In Kombination mit der Erhöhung des für die erfolgreiche Ausstellung eines

Aufenthaltstitels nötigen Einkommens seitens der Migrantinnen durch die zweite

Fremdenrechtsnovelle 2010, werden Hausarbeiterinnen in prekären finanziellen

Lebenssituationen demnach praktisch per Gesetz von einer gleichberechtigen

Teilhabe an der „Aufnahmegesellschaft“ Österreich ausgeschlossen, die Illegalität

151


des Beschäftigungsverhältnisses samt der sozialen Risiken für die Reinigungskräfte

in der Folge festgeschrieben. Die Legimitation dieser „regressiven Individualisierung“

zu Lasten der Reinigungskräfte ist für Frau Bauer, ebenso wie für den

österreichischen Rechtsstaat durch deren relative „Armut“ gekennzeichnet. An dieser

Stelle wird deutlich, dass wohlfahrtsstaatlich organisierte Leistungen, welche für

österreichische Staatsbürgerinnen meist zugänglich sind, dem Gros der

Reinigungskräfte verwehrt bleibt. Diese Diskrepanz wird besonders deutlich, als Frau

Bauer meint, das staatlich-öffentlich organisierte Angebot der Nachmittagsbetreuung

in der Schule werde von ihr bewusst ausgeschlagen, da dieses „[….] einfach nicht so

wahnsinnig witzig für Kinder […]“ sei, anstatt dessen nehme sie lieber private

Dienstleistungen in Anspruch [Z. 177].

Darüber hinaus wird ersichtlich, dass die im Arbeitsverhältnis eingenommenen Rollen

für Frau Bauer eher jenen der selbstständigen Dienstleisterin und der Kundin, als

jenen von Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin entsprechen, die Dienstleisterin also als

selbstverantwortliche, aber frei verfügbare und leicht ersetzbare Humanressource,

die ohne soziale Absicherung ihre Arbeitskraft feilbietet. Somit ist Frau Bauer von den

üblichen Pflichten einer Arbeitgeberin entbunden und nimmt sich als reine

Konsumentin der Dienstleistung „Hausarbeit“ wahr. Die Weigerung zur Annahme der

Rolle als Arbeitgeberin wirkt sich diesbezüglich nach Thiessen (2008) zum Vorteil

Frau Bauers aus, da sie sich im Umgang mit der „Privatperson Reinigungskraft“ nicht

mit deren arbeitsrechtlicher Positionierung auseinandersetzen muss. An dieser

Stelle nimmt Frau Bauer indirekt Bezug auf neoliberale Diskurse, welche den

„flexiblen Menschen“, als sich durch die reine Macht des Sachzwanges, dabei die

Rolle des Verantwortungssubjekts übernehmenden, auf einem internationalen

Arbeitsmarkt feilbietend, interpretiert.

Hinsichtlich der Ressource „soziale Kontakte“ kann Frau Bauer dank der

Beschäftigung der Hausarbeiterinnen etwa das Wochenende als „Familienzeit“

nutzen, oder ihr soziales Prestige durch die Rolle der Gastgeberin in einer gepflegten

Wohnung erhöhen, während die Reinigungskräfte, welche zum überwältigenden

Großteil Migrantinnen sind, ihre Familien und FreundInnen im Herkunftsland

verlassen und von Frau Bauer entweder als Remitterinnen, also als Personen die

152


Geld an die Verwandten/Bekannten in der Herkunftsgesellschaft zahlen, oder als von

den Familienbanden entkoppelte Personen wahrgenommen werden [Vgl. Eberl, J.

(2009)]. Letztere haben sich für Frau Bauer zur Existenzgründung in der

Aufnahmegesellschaft Österreich entschieden, was ihnen die Partizipation am

Sozialgefüge ermögliche – „[…]nachdem sie eben in Österreich wohnt und nicht

jedes Wochenende nach Bosnien fährt […]“, „[…]weil das jetzt eine Österreicherin

ist, die halt hier ihre Wohnung hat, ihre Kontakte, ihre sozialen […]“ [Z. 420, 117 f.].

Auch zumindest ein Teil der Familie ist in Österreich ansässig – „[…] [weil] ihre

Enkelkinder in Österreich in die Schule gehen […] [Z.423]. Der erste Typus hingen,

die Remitterin, wird von Frau Bauer als zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland

zerrissen beschrieben, was in ihrem ständigen Hin- und Herpendeln materiellen

Ausdruck findet, wobei von einer dauerhaften Rückkehrabsicht seitens der Migrantin

auszugehen ist. Diese mache „[…] sich natürlich über alles ständig Sorgen […]“ und

hätte „[…]dann dort eigentlich ihre Familie […]“ [Z. 400f., 115]. Die Remitterin ist auch

in sozialer Hinsicht von der Teilnahme an der Aufnahmegesellschaft exkludiert,

daraus folgt deren soziale Vereinzelung, weshalb sie bei den Bauers „ein bisschen

so menschliche Wärme sucht“ [Z. 121]. Dennoch nimmt sie ihre Chancen durch

soziale Assimilation nach Esser (2009) wahr, indem sie versucht durch Partizipation

an den Einrichtungen des Aufnahmesystems (Vereine) ihre soziale Teilhabe an

gesellschaftlichen Teilsystemen zu erhöhen, setzt diese eventuell auch bewusst als

Strategie zur Akquisition neuer Beschäftigungsmöglichkeiten ein.Die Ausgestaltung

der Arrangements deutet alles in allem auf ein stark hierarchisch geprägtes

Arbeitsverhältnis hin, das sich letztlich am deutlichsten in der Entpersonifizierung der

Hausarbeiterinnen niederschlägt. Da mit der Hausarbeitsdelegation nach Haas

(2003) seitens der delegierenden Frauen oft unangenehme Gefühle verbunden sind,

was vermutlich auf den Bruch mit ihrer traditionellen Rollenzuschreibung als

Versorgerinnen zurück zu führen ist, so schaffen sie durch die Degradierung der

Hausarbeiterinnen zu Objekten Distanz zu ebendiesen – „[…] das will ich erledigt

haben, während ich gar nicht zu Hause bin und freu mich dann am Abend wenn ich

heim komm und die Wohnung ist schön sauber […]“ [Z. 159ff.].

Diese Haltung schlägt sich auch in Frau Bauers Wunschvorstellung einer „magischen

Haushaltshilfe“ nieder, die frei von eigenen Wertvorstellungen teilweise Frau Bauers

Position als Versorgerin, beziehungsweise deren rein sachbezogene, wert-

153


abgespaltene Hausarbeitstätigkeiten erbringen soll, ohne dabei materiell oder sozial

Raum für ihre Person einzunehmen. Im Gegensatz zur Reinigungskraft handelt es

sich demnach bei Frau Bauer um ein Subjekt, als bewusst Handelnde und das Leben

der Angehörigen Regelnde, während das Leben der Hausarbeiterinnen vom

„Schicksal“ bestimmt wird, welches ihre ungünstige gesellschaftliche Positionierung

bedingt.

8.2.2.4. Ethnisierungsprozesse

Obgleich das gesamte Arbeitsverhältnis zwischen Frau Bauer und den illegal

beschäftigten Reinigungskräften durch deren Positionierung als MigrantInnen in der

Aufnahmegesellschaft Österreich, sowie Frau Bauers Positionierung als

österreichische Staatsbürgerin geprägt ist, vollzieht Frau Bauer zur Erklärung der

Ungleichheit mancher Arrangements (mehr oder weniger) bewusst ethnisierende

Zuschreibungsprozesse, welche im Folgenden näher brachtet werden sollen. Im

Zuge dieser Ethnisierungsprozesse bildet Frau Bauer drei wesentliche Kategorien

von Hausarbeiterinnen aus, denen sie jeweils andere Wesenszüge zuschreibt. Die

„echte Migrantin“, welche von der Partizipation an den meisten sozialen

Teilsegmenten durch ihren politisch-rechtlichen Status als (eventuell illegalisierte)

Migrantin weitgehend ausgeschlossen ist. Bei diesem „bildungsfernen“ Typus ist das

ökonomische Gefälle im Vergleich zu Frau Bauer am größten, sie wird als von akuter

Armut Betroffene beschrieben, welche auf Frau Bauer als Dienstgeberin, ebenso wie

auf deren Sachspenden angewiesen sei. Diese finanziell prekäre Situation ist die

Hauptursache für ihre „Arbeitsmigration“ nach Österreich, wo sie aus Frau Bauers

Sicht als „Opfer des Migrationsprozesses“ ebenfalls mit widrigen Lebensumständen

aufgrund ihres Verlusts an BürgerInnenrechten zu kämpfen hat. Dies bedeutet

letztlich der Willkür, Macht und Herrschaft der Institutionen der Aufnahmegesellschaft

ausgeliefert zu sein- was sich besonders in ihrem unsicheren Aufenthaltstitel und der

Wohnsituation nieder schlägt. Der österreichische Staat verfügt über mehrere

Kontrollmechanismen, um sich unangemeldet in Österreich aufhaltende Migrantinnen

zu erfassen und in der Folge des Landes zu verweisen. Unter anderem zählt zu

ebendiesen auch eine Meldepflicht seitens der VermieterInnen, welche dafür Sorge

154


zu tragen haben, dass MieterInnen ihren Wohnort mittels Meldeschein bei den

Behörden anmelden.

Für „illegale Migrantinnen“ ist es folglich kaum möglich, ihren Wohnort ohne die

Furcht vor rechtlichen Konsequenzen anzumelden, was sie weitgehend der Willkür

der VermieterInnen aussetzt [Vgl. Sinn, A. u.a. (2005)]. Die „echte Migrantin“

unterstützt die in der Herkunftsgesellschaft zurückgebliebenen Verwandten sowohl

finanziell, als auch physisch, in dem sie in Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft

körperlich schwere Arbeiten verrichtet, weshalb sie „von Arbeit gezeichnet“ sei. Diese

Selbstlosigkeit gepaart mit der nicht vorhandenen sozialen Absicherung bewirkt

letztlich ihren körperlichen Kollaps. Der Typus der „echten Migrantin“ ist für Frau

Bauer besonders stark von dem Problem der Vereinzelung, welches durch den

Status als „Fremde“ mit kulturell „anderem Wertesystem“ begründet wird, betroffen,

weshalb der Assimilationswilligen eine Positionierung innerhalb der

Familienstrukturen zugestanden wird. Dieser Typus ist wohl am stärksten von der

„regressiven Individualisierung“ nach Haas (2003) betroffen, dass heißt ihr legaler

Handlungsspielraum in der Aufnahmegesellschaft ist äußerst begrenzt. Die

Wahrnehmung der „echten Migrantin“ seitens Frau Bauers ist demnach durch deren

Status als Nicht-Akteurin, sowie die Viktimisierung ebendieser geprägt. Als Akteurin

wird die „echte Migrantin“ bestenfalls als vermeintlich „illegale“ Zuwandererin

konstruiert, welche die Systemregeln der Aufnahmegesellschaft bewusst übergeht.

Die „eingebürgerte Österreicherin“, welche- anders als ihre Schwester, die „echte

Migrantin“- die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, also Frau Bauer rechtlich

gleichgestellt ist, aber dem Blut- und/oder Bodenprinzip –eine Segmentierung nach

„genetischer Abstammung“ oder „geographischer Herkunft“- entsprechend stets

„eingebürgert“ bleibt [Vgl. Weil, P. (2001)]. In Österreich wird die

„Einbürgerungspraxis“ auch auf rechtlicher Ebene dem „ius sanguinis" entsprechend

gehandhabt, dass heißt auf in Österreich geborene Kinder von MigrantInnen müssen

erst bestimmte Kriterien erfüllen, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Der Begriff

„eingebürgert“ verweist zudem darauf, dass diese durch erfolgreiche Assimilation und

Akkulturation an Handlungsweisen, Orientierungen und interaktiven Verflechtungen

bereits einen Zustand der „Ähnlichkeit“ im Vergleich zu Frau Bauers

155


gesellschaftlicher Positionierung erreicht hat, eine Argumentation, die letztlich

wiederum auf Sozialisationsdiskurse hinsichtlich der gesellschaftlichen Teilhabe

rekurriert, vergleichbar Sökefelds Analyse der Theorie des Kulturanthropologen Boas

[Vgl. Sökefeld, M. (2007)] oder dem Konzept der ,dynamischen’ Ethnisierung bei

Jäger (1996).

Die „eingebürgerte Österreicherin“ wird von Frau Bauer vor allem in Differenz zur

„echten Migrantin“ konstruiert, welche gleichzeitig die einzige Bezugsquelle für

Informationen über die „eingebürgerte Österreicherin“ darstellt- die „eingebürgerte

Österreicherin“ ist Frau Bauer also vor allem über Fremdcharakterisierungen

„bekannt“. Ihr wird seitens Frau Bauers ein weitaus höherer Grad an materieller wie

sozialer Autonomie zugeschrieben als der „echten Migrantin“. Deshalb spendet Frau

Bauer dieser „[…] Viel, viel seltener und viel ausgewählter […]nachdem sie eben in

Österreich wohnt […] denk ich einfach, dass sie ihre Wohnung auch nicht zu

Müllabfuhr machen möchte […]“ [Z. 419ff.]. Die „eingebürgerte Migrantin“ wird

aufgrund ihres Status als österreichische Staatsbürgerin offenbar als weitaus weniger

„bedürftig“ als ihre Schwester, die „echte Migrantin“ betrachtet. Auch scheint sie

weitgehend von den familiären Pflichten, welche das Dasein der „echten Migrantin“

zu bestimmen scheinen, befreit zu sein – „[…]nicht jedes Wochenende nach Bosnien

fährt […]“ [Z. 420]. Für Frau Bauer ist ihre „Herkunft“ ein weitaus irrelevanteres

Beurteilungskriterien als bei der „echten Migrantin“, deren „[…]Wurzeln in Bosnien

waren […]“ [Z. 115]. Ihre größere Unabhängigkeit und höherer gesellschaftlicher

Status bewirkt für Frau Bauer einen reziproken Schwund an Identifikation mit ihrer

Tätigkeit, sowie an sozialer Abhängigkeit von den Bauers, was von Frau Bauer mit

sozialer Exklusion geahndet wird – „[…]da ist kein herzliches Verhältnis da […]“ [Z.

95].

Und letztlich konstruiert Frau Bauer die „echte Österreicherin“, welche sich vor allem

durch ihre Parallelen im Vergleich mit der Arbeitgeberin auszeichnet. Diese ist im

Gegensatz zur „eingebürgerten Österreicherin“ in Österreich geboren und

aufgewachsen- was erneut Frau Bauers Affinität zum Blut- und/oder Bodenprinzip

als Erklärungsmuster für Differenzierungen verdeutlicht- wird legal für ihre

Versorgungsarbeit entlohnt und durch eine katholische Institution (Erzdiözese)

156


öffentlich einsichtig angeheuert. Ihr kann aufgrund des „ähnlichen Weltbildes“ und

eines vergleichbaren gesellschaftlichen Status selbst „das Kostbarste“ – das eigene

Kind- anvertraut werden, nach Rey (2004) ein besonderes Merkmal der

ethnisierenden Machtstrukturen zwischen den Hausarbeiterinnen. Diese informelle

Hierarchisierung seitens der Arbeitgeberin äußert sich auch darin, dass Frau Bauer

die „echte Österreicherin“ auch „[…] wenn sie krank ist […]im Spital […]“ besucht,

während sie über die Herzinfarktserie der „echten Migrantin“ nach deren „Ruhestand“

nur noch von Hörensagen weiß [Z. 184f.]. Besonders der Hinweis auf die

moralischen Konnotationen christlich- traditioneller Werte, repräsentiert durch die

Erzdiözese und die Schichtzugehörigkeit als ehemalige Geschäftsführerin scheint in

diesem christlich-bürgerlichen Fremdethnisierungsprozess der „echten

Österreicherin“ relevant. Sie wird problemlos in die Familienstrukturen eingegliedert,

von Frau Bauer sogar als Familienmitglied betrachtet. Die „echte Österreicherin“

verfügt für Frau Bauer über ein homogenes Wertesystem, weshalb Frau Bauer sie

ihrer eigenen Ethnie zuordnet – „[…] die hat ein anderes Weltbild, versteht einfach

die Probleme die man hat […]“ [Z. 213]. Frau Bauer greift bei der Kategorisierung

also auf verschiedene, im gesellschaftlichen Diskurs vorhandene ethnisierende

Deutungsmuster zurück, wobei die Zuschreibungen je nach Nationalität stark

differieren können, am dominantesten scheint aber auch hier jener Diskursstrang zu

sein, welcher Verhaltensweisen als „kulturell“ determiniert konstituiert. Im

Allgemeinen geht die Ethnisierung der Reinigungskräfte durch Frau Bauer mit deren

Besetzung als arme, bedürftige, defizitäre Opfer auf unterschiedlichsten Ebenen mit

devianter Wirklichkeitsordnung einher, während die Bauers sich als typischösterreichische

Familie- als „[…] Fenster […] in die österreichische Welt hinein“ [Z.

377]- durch ihre „Bildungsnähe“, ihre bürgerlichen Familien- und

Erwerbsarbeitsstrukturen, ihren gesellschaftlichen Status und ihre Großzügigkeit und

„Toleranz“ – im Sinne des Ertragens von Unzulänglichkeiten der Reinigungskräftegegenüber

den von ihnen abhängigen Dienstleisterinnen auszeichnen würden, was

Greves (2007) Annahmen über die Beschaffenheit der Selbst- und

Fremdethnisierung durch die ArbeitgeberInnen weitgehend bestätigt. Besonders

deutlich werden die ethnisierten Zuschreibungen durch Frau Bauers Beschreibung

eines geselligen Abendessens deutlich. Während die Bauers in urbaner Umgebung,

sich ihrer Rolle als GastgeberInnen bewusst, über die konkrete Gestaltung der

157


Gastlichkeit diskutieren würden – „[…]dem [Ehemann] geht es mehr ums gesellige

Zusammensein und nicht um die Geste des „Ich lade hier jetzt ein und sorge dafür

dass es jetzt gemütlich wird“ […]“ [Z. 288f.], würde die Familie der „echten Migrantin“

Schweine in eigener Agrarwirtschaft schlachten – „ […] und dort wurde dann ein

Schwein geschlachtet und dort wurde bei der Obsternte geholfen […]“ [Z. 446f.].

Auf dieser Sinnebene wird der Herkunftsgesellschaft der „echten Migrantin“ die Züge

einer „primitiven“ Agrargesellschaft, quasi eines „Entwicklungslandes“

zugeschrieben, in dem es den Familien vor allem um die eigene Existenzerhaltung

gehen würde, während die „typisch-österreichische“ Familie in einer „hoch

entwickelten Dienstleistungsgesellschaft“ auf abstraktem Niveau über die jeweiligen

Präferenzen die Funktion eines Abendessens diskutieren würden. Diese

Vorstellungen über die Herkunftsgesellschaft der „echten Migrantin“- konkret geht es

hierbei um Bosnien- finden besonders in der Konstruktion materieller Abhängigkeit

Ausdruck – „was immer man über hat an Dingen, egal ob Kleidung oder Geschirr

oder ähnliches- man braucht ihnen nur einen Sack in die Hand drücken […]“ ,

„[…]also wenn man es nicht im unmittelbaren Verwandtenkreis verwenden kann[…] -

irgendjemand findet es schon und braucht es.“ [Z. 411ff., 429f.]. Die „Gruppe der

Reinigungskräfte“ konstituiert Frau Bauer durch deren scheinbare materielle

Abhängigkeit, wodurch sich Frau Bauers Machtposition ihnen gegenüber verstärkt.

Frau Bauer legitimiert ihre Vormachtstellung gegenüber den Reinigungskräften

folglich durch deren relative Armut, welche deren Ohnmacht bedinge. Macht hat die

Neigung, sich auf der Makroebene zur Herrschaft zu institutionalisieren, wenn- wie in

diesem Fall beschrieben- kein Widerstand geleistet wird. Da Frau Bauer die

ihrerseits relative Armut der Reinigungskräfte auf deren Herkunftsgesellschaften

überträgt, bedeutet dies für Frau Bauer in der Folge einen niedrigen

Entwicklungsstand der Herkunftsgesellschaften, vor allem die soziale Absicherung

betreffend, während der Wohlfahrtsstaat Österreich angeblich hohe

Versorgungsstandards setze, in und außerhalb der engen Staatsgrenzen, etwa durch

„Entwicklungshilfezahlungen“. So werden beispielsweise auch die gewalttätigen

Übergriffe des Ex-Ehemannes der nunmehr „eingebürgerten Österreicherin“ und

„damaligen Bosnierin“ zur Projektionsfläche nationaler Konflikte – „[…] das war

damals die Zeit des Jugoslawienkonfliktes, dass heißt da ging es natürlich in den

158


Familien, die ja durchaus ethnisch vermischt waren, ging es da teilweise gar nicht

angenehm zu. Also bosnische Frau mit serbischem Mann war ganz, ganz schlimm

[…]“, „[…]sie [war] mit einem Serben verheiratet war, der sie ständig geprügelt hat

[…]“ [Z. 404ff., 220f. ]. Die vom Ex-Mann ausgeübte Gewalt ist für Frau Bauer vor

allem durch den Zusammenprall zweier sich bekriegender Nationen erklärbar, wobei

dem Serben die Rolle des Aggressors und der Bosnierin die Rolle des Opfers

zugedacht wird. Zudem wird die heutige „eingebürgerte Österreicherin“ als Frau und

Bosnierin von Frau Bauer als doppelt stigmatisiert wahrgenommen, was für sie eine

gültige Erklärung der häuslichen Gewalt ist. Den AkteurInnen werden durch Frau

Bauer ihre Rollen als Eheleute weitestgehend abgesprochen, durch nationale

Identitäten bestimmt wird ein Fall häuslicher Gewalt für Frau Bauer zum Abbild eines

kriegerischen Konflikts zweier Ethnien, was der angeblichen Irrationalität ethnischer

Konflikte nach Sökefeld entspricht [Vgl. Sökefeld, M. (2007)]. Der „eingebürgerten

Österreicherin“ wird aber, im Vergleich zur „echten Migrantin“ die Chance auf

Entwicklung eingeräumt, da sich diese scheiden ließ und nach Österreich migrierte,

also durch bewusste Handlungen ihr Leben veränderte und sich emanzipierte –

sowohl von ihrem Ex-Mann, als auch von den nationalen Grenzen ihrer

Herkunftsgesellschaft. Diese Zuschreibungen bleiben stets vage Konstrukte, was

sich vor allem in Frau Bauers Schilderungen Bosniens niederschlägt – „[…]

diffundiert glaub ich in die, in die Weiten der @bosnischen Steppen@ […]“,

„[…]jeder, der eine Haushalthilfe aus dem Osten hat […]“ [Z. 414, 411]. Tatsächlich

handelt es sich im Falle Bosnien Herzegowinas um eine Nation im Süden

Österreichs, die wirtschaftlich durch den Dienstleistungssektor dominiert wird. Seit

Ende des Krieges im ehemaligen Jugoslawien ist die Republik stark von

wirtschaftlichem Auftrieb gekennzeichnet, wobei die „Subsistenzökonomie“- wozu

übrigens auch die illegale Hausarbeit bei Frau Bauer zählt- defacto die Hälfte der

Bevölkerung ernährt.

Die diesbezügliche Grenzziehung zwischen formeller und informeller Wirtschaft ist

eine äußert komplexe Angelegenheit, da die zusätzliche Aufteilung der

Volkswirtschaft in Teil-Ökonomien einen internationalen Vergleich, etwa mit

Österreich, erschweren. Allgemeine, alltagsweltliche Aussagen über „Bosnien“ aus

der Außenperspektive besitzen demnach vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht kaum

159


Gültigkeit [Vgl. www.uni-muenster.de]. Das vermeintlich Andere ist dementsprechend

ein geographisch – ebenso wie sozial – unbestimmter Ort, dem – durch

unterschiedliche gesellschaftliche Diskurse- je nach Belieben bestimmte

Konnotationen, vor allem aber negativ behaftete, angedacht werden, um sich letztlich

davon abzugrenzen. Diese Abgrenzungen verraten demnach vor allem über jene die

sich abgrenzen, beziehungsweise über deren Auffassung des Normalen und des

Abnormen- dem angeblichen „Osten“, der als Ort defizitärer Anhaftungen konstruiert

wird. Das hat einen grundlegenden Kontrolleffekt zu Gunsten der

Dominanzgesellschaft.

8.3. Einzelfallanalyse Interview mit Frau Huber

8.3.1. Chronologische Deskription

Frau Huber erzählte im Interview, dass sie seit circa fünfundzwanzig Jahren

verschiedene Reinigungskräfte beschäftigt. Als sie sich damals dafür entschieden

hat, wäre sie wie heute 40 Stunden in der Woche arbeiten gegangen und gerade

eben in eine neue Wohnung gezogen, so Frau Huber. Die erste Reinigungskraft die

Frau Huber beschäftigte lernte sie durch ihre Mutter kennen, da diese im gleichen

Büro tätig waren. In der folgenden Zeit, vor etwa zwanzig Jahren, lernte Frau Huber

ihren damaligen Lebensgefährten und heutigen Ehemann kennen. Nach einigen

Jahren der Hausarbeitsdelegation zog Frau Huber wieder um, weshalb sie auf

Wunsch der Reinigungskraft das Beschäftigungsverhältnis lösten. Es folgte eine Zeit

der „Suche“. Frau Huber berichtete von einigen Fehlschlägen bei der Suche nach

einer neuen Reinigungskraft, hauptsächlich aufgrund von „Sprachbarrieren“. Vor fünf

bis acht Jahren vermittelte ihr Bruder ihr dann ihre derzeitige Reinigungskraft, die sie

im Ausmaß von fünf Stunden pro Woche beschäftigt und mittlerweile an ebenfalls

„hoch zufriedene“ Freunde und Bekannte vermittelt. Seit fünf bis sechs Jahren ist

Frau Huber verheiratet und lebt mit ihrem Mann in einer Kleingartenanlage in Wien.

Frau Huber erzählt bezüglich ihrer innerpartnerschaftlichen Arbeitsteilung, dass die

„prozentuell mehr“ erledige, da ihr Vollzeit erwerbstätiger Mann sehr „langsam und

160


gründlich“ arbeite. Prinzipiell erfolge die Aufgabenteilung spontan und nach der

jeweiligen Neigung. In drei Monaten geht Frau Huber in Pension, an der

Beschäftigung einer Haushaltshilfe möchte sie danach nichts ändern. Die

Nachfolgerin ihrer derzeitigen Reinigungskraft wurde bereits von ebendieser

eingeschult, die Frauen wechseln sich im wöchentlichen Rotationsprinzip ab. Zu den

Haupttätigkeiten der Reinigungskräfte gehören diverse Reinigungstätigkeiten und

Bügeln.

8.3.2. Fein- und Grobanalyse des Interviews mit Frau Huber

8.3.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung

Das Ehepaar Huber lebt das Doppelkarrieremodell nach Lewis (2001), das heißt

Frau und Herr Huber gehen beide einer Vollzeitbeschäftigung nach. Sie haben beide

keine Kinder, sodass der durch gemeinsame Kinder gegebene häufig auftretende

traditionalisierende Effekt ausbleibt [Vgl. Huinink, J., Röhler, H. K. A. (2005)]. Frau

Huber führt selbst an, dass sie und ihr Mann wahrscheinlich deshalb weniger

Konflikte bezüglich der Aufteilung der Hausarbeit hätten, weil keine Kinder vorhanden

seien. Die paarinterne Arbeitsteilung wird von Frau Huber als egalitär beschrieben,

wobei Frau Huber anführt dass sie früher mehr mit ihrem Mann ausgehandelt hätte,

also wie bei König, Maihofer (2004) und Hiebinger (2006) nachzulesen ist, der

Glaube an die Sinnhaftigkeit der partnerschaftlichen Aushandlung gegeben gewesen

war, jetzt allerdings die Aufteilung, auf Wunsch von Herrn Huber, durch spontane

Absprachen erfolge, da er fixe Zuschreibungen nicht wolle [Vgl. Koppetsch, C.

(2001), Burkhart G. (1997), Huinink, J., Röhler, H. K. A. (2005)] ist.

Ihrer Selbstcharakterisierung nach skizziert sich Frau Huber als Angehörige des

hochindividualisierten Milieus, also als rational Handelnde, welche über ein hohes

Autonomie-Ideal die Arbeitsteilung betreffend verfügt. Darauf deutet sowohl das Ideal

eines „untypischen Mannes“, also eines Partners welcher nicht den traditionellen

Rollenverteilungen anhaftet, als Partner, also auch das von Frau Huber besonders

betonte lange Führung der Beziehung vor einer Hochzeit hin. In der Realität

übernimmt Frau Huber jedoch die restliche, nicht delegierte Hausarbeit fast zur

Gänze und formuliert dies als ihre freiwillige Entscheidung auf Grund der

161


unpassenden Arbeitsweise ihres Mannes, welcher die Hausarbeit langsam und

schlecht ausführe. Frau Hubers rationale Argumentation werde durch Herrn Hubers,

die Spontaneität betonende, sekundäre Kontrollstrategien entkräftet, erklärt sie.

Als Reaktion darauf wendet Frau Huber ebenfalls eine sekundäre Kontrollstrategie

nach Huinik und Röhler (2005) an, nämlich das Herab-schrauben der eigenen

Erwartungen und das Individualisieren der störenden Verhaltensweisen des Partners,

um die eigene Erwartungshaltung an die vermeintlich unveränderliche Realität

anzupassen und paarinterne Konflikte zu vermeiden.

Diese Bewältigungsstrategie steht dem entsprechend im Widerspruch zum „Ich-Ideal“

Frau Hubers in diesem Aushandlungsprozess .Die Aufteilung der Hausarbeit

zwischen Herrn und Frau Huber sieht real so aus, dass Frau Huber prozentuell mehr

Arbeit übernimmt, Herr Huber spontan gewisse Tätigkeiten ausführt, vorrangig solche

mit höherem Prestige (Einkauf von Bioprodukten, Kochen)- es erfolgt also keine

egalitäre sondern durchwegs geschlechtsstereotype Aufteilung [Vgl. König, T.,

Maihofer, A. (2004) und Hiebinger, I. (2006)]. Diese Zugangsweise findet sich auch

bei Hochschild und Machung (1993), die die Taktiken der Männer der Hausarbeit zu

entgehen, analysieren. Wie durch Huinink und Röhler (2005) beschrieben, wird auch

bei Familie Huber, der am wenigsten emotionalisierte Teil der Versorgungsarbeit an

Dritte delegiert. Frau Huber führt jedoch an, dass die Delegation der Hausarbeit an

private, illegal beschäftigte Haushaltshilfen nicht aufgrund der paarinternen

Arbeitsteilung des Ehepaares Huber erfolgt ist, sondern von Frau Huber bereits seit

25 Jahren praktiziert wird, also auch zu Zeiten, als sie allein gelebt hat.

8.3.2.2. Beschaffenheit des Arrangements

Frau Huber nimmt im Verhältnis zu ihrer Haushaltshilfe zunächst die Rolle der

Arbeitgeberin ein. Da sie seit Jahren Reinigungskräfte beschäftigt und Herr Huber

dem Anschein nach ohnehin keinen großen Anteil an der Hausarbeit nimmt, obliegt

die Auswahl, Beschäftigung und Bezahlung der Reinigungskräfte Frau Huber. Dieses

Arrangement spiegelt wiederum die geschlechtsspezifische und -stereotype

Rollenverteilung wieder, in der die Frau für die Abgabe sachbezogener

Haushaltsarbeit alleine zuständig ist [Vgl. Kaufmann, J. C.(1999)].

162


Der Bezug zur Reinigungskraft ist aus der Sicht Frau Hubers zunächst ein

informeller, sie duzt ihre Reinigungskraft und hebt diesbezügliche Eigenschaften

hervor, beziehungsweise beschreibt sie das Verhältnis mit emotionalen Begriffen wie

„vertrauensvoll“, „freundlich“ [z.B. Z.123,134], und ähnliche. Frau Hubers Verhältnis

zu Johanna, ihrer derzeitigen Haushaltshilfe, ist latent stark emotional aufgeladen,

was sich unter anderem dadurch ausdrückt, dass Frau Huber ihre Reinigungskraft

als gute Bekannte betrachtet, wobei sie hierbei keinen Perspektivenwechsel

vollzieht, also nicht aus der Perspektive Johannas reflektiert. Besonders hebt Frau

Huber auch das persönliche Engagement von Johanna gegenüber Frau Hubers

Eltern hervor: „Die Jetzige geht auch zu meinen Eltern, und dass macht sie sehr

liebevoll, weil meine Eltern sehr pflegebedürftig sind“ [Z.123ff]. Ebenso betont sie die

„Verbundenheit“ und „Dankbarkeit“ [Z.202f] ihrer ersten Reinigungskraft ihren Eltern

gegenüber, die aus diesem Grund „irrsinnig toll von selber gearbeitet“ [Z.203] hat.

Frau Huber verbindet also das Engagement der Reinigungskraft sehr stark mit deren

Bindung an die Familie, für die sie arbeitet. Hier wird sehr schön deutlich, dass die

Fähigkeiten des Reinigens selbst in der Auswahl und Bewertung der Reinigungskraft

nachrangig sind, wie Thiessen (2008) festgestellt hat, da diese ohnehin als Frauen

diese Attribuierung besitzen, sondern persönliche, informelle Attribute entscheidend

sind. Dies ist darin begründet, dass der Arbeitsort das private Umfeld der

Arbeitgeberin darstellt, somit das Private der Arbeitgeberin öffentlich wird. Durch die

Informalität des Arrangements wird zumindest scheinbar die Privatheit für die

ArbeitgeberInnen wieder hergestellt.

Ein wesentliches Beispiel für diese Informalisierung ist Frau Hubers stark emotional

gefärbte Beschreibung, welche Art von Arrangements die Reinigungskräfte zu ihren

Eltern haben/hatten: „Die Jetzige geht auch zu meinen Eltern, und dass macht sie

sehr liebevoll, weil meine Eltern sehr pflegebedürftig sind“, [Z.123f] oder „[...]die erste

Putzfrau war ganz einfach, da gab es eine Verbundenheit und eine Dankbarkeit

meinen Eltern gegenüber[...]“ [Z.202f] aber auch die enge Verknüpfung der

Zufriedenheit mit dem Arrangement mit Frau Hubers Einschätzung der Verlässlichkeit

und Anpassungsfähigkeit der Reinigungskraft, das Frau Huber immer wieder betont,

verstärkt diesen Eindruck.

163


Die erfolgreiche Vermittlung der Reinigungskräfte erfolgt vor allem innerhalb der

Familie, oder aber im näheren sozialen Umfeld, was die Informalität des

Verhältnisses wiederum unterstreicht. Die aktuelle Reinigungskraft Johanna, so gibt

Frau Huber an „[...] arbeitet [...] zu 95 Prozent in meinem Freundes- und

Bekanntenkreis“ [Z.49f]. Die Zufriedenheit mit ihrer Leistung als Vermittlerin ist für

Frau Huber ein Teil ihrer Selbstbewertung, ihrer Selbstdefinition innerhalb ihres

sozialen Bezugssystems. Sie übernimmt somit einerseits die Verantwortung für die

Qualität der Reinigungskraft: „[…] die sind alle hoch zufrieden und sie mit den Leuten

auch hoch zufrieden“ [Z.151], andererseits definiert sie damit auch ihre

Machtposition, als sozial kompetente Vermittlerin eines „guten Produktes“, einer

brauchbaren Humanressource.

Wie überzeugt Frau Huber von ihren Fähigkeiten als Vermittlerin ist, wird

offenkundig, wenn sie heraus streicht, dass sie stets beim ersten Eindruck schon

wisse, ob einer Reinigungskraft zu vertrauen sei, oder nicht: „[…] für mich ist nie wer

in Frage gekommen, wo ich nicht vom ersten Eindruck her einen Schlüssel habe

hergeben können“ [Z.213ff]. Nichts desto trotz ist sich Frau Huber aber durchaus

bewusst, dass ihr „Marktwert“ als Beschäftigung gebende und vermittelnde Person

sehr wohl auch abhängig von der Beurteilung durch die Reinigungskraft ist.

Frau Huber distanziert sich jedoch trotz anderweitiger Informalisierung durch

verschiedenste Strategien von ihren Reinigungskräften, so professionalisiert sie etwa

das Verhältnis indem sie ökonomisches Vokabular im Zusammenhang mit der

Hausarbeiterin verwendet: „Wer hat jemanden, der noch Kapazitäten frei hat?“,„[…]

eine genommen […]“ [Z80f], „[…] ich hatte auch eine […]“ [Z.126] und gleichzeitig die

Reinigungskräfte entpersonifiziert. Frau Huber beschreibt die Fähigkeit und

Kompetenz zum Hausarbeiten als nichts Natürliches (also auch nicht als natürlich

weiblich), sondern als erlernbar, dass heißt sie bezieht sich diesbezüglich auf

Sozialisationsdiskurse. Hausarbeit ist für sie ein Job, wenn auch ein minderwertiger,

also kein „Dauerjob […] für einen Menschen mit Ambitionen“ [Z.197]. Frau Huber legt

selbstverständlich die Arbeitskonditionen fest, so beschreibt sie, dass sie vor allem

auf den Output der Arbeit Wert lege („[…] mir ist das völlig wurst, wie lange sie

wirklich da ist- es sollen die SACHEN erledigt sein“ [Z.68f]. und nicht auf die

164


Stundenanzahl und sie daher mit einer Pauschale abrechne, das heißt ihr scheint die

Qualität des Arbeitsprozess an sich, und auch die damit verbundene Sachleistung

unbedeutend, dennoch beobachtet Frau Huber sehr wohl, wie die Reinigungskräfte

ihre Arbeit verrichten und kontrolliert deren Arbeitsleistungen, denn sie erwähnt

negativ, dass eine Reinigungskraft die Arbeitszeit nicht vollständig mit Arbeit

ausgefüllt hätte. Das Machtgefälle zwischen Frau Huber und Johanna wird

besonders durch deren Abhängigkeit den Kundenstamm betreffend sichtlich, da etwa

ein Konflikt mit Frau Huber Johannes existenzsicherndes Einkommen maßgeblich

gefährden kann.

Inwieweit Frau Huber ist sich bewusst ist, dass „Johanna“ den Großteil ihres

Einkommens verlieren würde, wenn sie nicht nach Wunsch arbeitet oder es einen

Konflikt gäbe und Frau Huber ihren Einfluss geltend machen würde, dass „Johanna“

ihre Arbeit im gesamten Umfeld verliert, ist nicht zu erkennen, wohl bewusst ist Frau

Huber jedoch die Tatsache an sich, dass 95% der Arbeit von „Johanna“ innerhalb

des sozialen Bezugsystems von Frau Huber von statten geht. Frau Huber ist also

nicht nur Arbeitgeberin und verantwortlich für die Bezahlung der Haushaltskraft,

sondern auch Schlüsselfigur über den Zugang Johannas wesentlichen finanziellen

Ressourcen. Johanna ist also ökonomisch abhängig von Frau Hubers Wohlwollen.

Frau Hubers scheinbare Kompetenz als Vermittlerin schafft für Johanna de facto eine

totale Abhängigkeit von deren Willkür. Dieses Ausgeliefert-Sein gegenüber der

Arbeitgeberin ist ein deutliches Zeichen der„regressiven Individualisierung“ der

Reinigungskraft nach Haas (2003).

Frau Huber betrachtet ihre Rolle im eingegangenen Arrangement andererseits eher

als jene einer Konsumentin der Dienstleistung Hausarbeit, „Die Putzfrau kommt, so

wie ich die Sachen in die Reinigung bringe und ich die Schuhe zum Schuster bringe.“

[Z322]. Dieser Zugang entspricht den von Haas (2003) untersuchten Typologien von

Arrangements zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin in privaten Haushalten.

Beim hier anwendbaren traditionalistischen Typus wird die Reinigungskraft mit der

Leistung identifiziert und zum entpersonifizierten Objekt. Dieser Zugang von Frau

Huber lässt nach Huinik und Röhler (2005) darauf schließen, dass Frau Huber sich

der Verantwortung für das Beschäftigungsverhältnis entziehen will, indem sie sich

165


nicht als Arbeitgeberin, sondern als Konsumentin bezeichnet - „[…] sie verdient mit

diesem Hin-und-Her-Pendeln wesentlich mehr […] Ich finde es fein […]“ [Z.139ff].

Diese Argumentation bezieht sich auf neoliberale Diskurse, wonach die

Reinigungskraft zur bloßen Humanressource degradiert wird und die (unmündige)

Konsumentin unreflektiert keine Verantwortung für das Arbeitsverhältnis trägt. Die die

finanziell prekäre Situation der Reinigungskräfte legitimiert demnach ein

Arbeitsverhältnis welches zu deren Ungunsten strukturiert ist, da diese als Nicht-

StaatsbürgerInnen auch kein „Recht“ auf diesbezügliche Egalität hätten und sich

demnach als flexible Arbeitskräfte ohne Absicherung anbieten müssen. Die

Inkongruenz im Arrangement mit der Reinigungskraft drückt sich auch in der

Beschreibung der Kommunikationsstruktur zwischen Frau Huber und ihrer

Haushaltshilfe aus. So schreibt Frau Huber ihrer Haushaltshilfe kleine Zettel -„Da

kommt ein Zettel, da steht, „BITTE KAUFEN“ [Z.230] - und vermeidet nach

Möglichkeit persönlich anwesend zu sein, wenn die Haushaltshilfe ihrer Arbeit nach

geht. Nach Thiessen (2008) gehört diese geschlechtsspezifische und häufig in

solchen Arrangements auftretende Kommunikationsstruktur zu einem Phänomen,

dass ursächlich mit der Feminisierung der Hausarbeit verknüpft ist. Die

Kommunikation über Zettel lässt die Hausarbeiterin zur stillen Empfängerin von

Anweisungen werden und nimmt ihr Möglichkeiten zur Diskussion oder Rücksprache,

objektisiert sie: [Die Johanna] sagt- […] sagen Sie was Sie wollen, und ich tue es“.

[Z.310] „[…] [Bei den anderen] muss [es] etwas SPEZIELLES sein […] hin und

wieder wollen sie irgendetwas @besonders Giftiges@“ [Z.232]. Frau Huber entgeht

so möglicher Weise ihrem Unbehagen, das durch die direkte Vergabe der

Arbeitsaufträge von Frau zu Frau innerhalb eines hierarchischen Verhältnisses in

privatem Rahmen entsteht [Vgl. Thiessen, B. (2008)], determiniert aber auf diese

Weise die soziale Isolation der Reinigungskraft während der Reinigungstätigkeit.

Insgesamt kann festgestellt werden, dass das Wechselspiel zwischen

Informalisierung, Professionalisierung und der Anwendung berufsfremder

Beurteilungskriterien beziehungsweise Bewertungsgrundlagen ein Spannungsfeld

ergeben, in dem sich Frau Huber permanent in der Auseinandersetzung mit ihren

Reinigungskräften bewegt. Frau Huber fällt dabei die Inkongruenz in ihren Aussagen

selbst nicht auf, denn sie schildert unmittelbar hintereinander ihre eigene

166


Beurteilungskompetenz, sowie negative Erfahrungen, wie zum Beispiel folgende:

„[...]wie ich mich von ihr getrennt habe, hat sie mir dann in etlichen hundert Euro

Höhe Telefonrechnungen nach Jugoslawien hinterlassen“ [Z.129f]. Dieser Umstand

deutet auf einen latenten Widerspruch zwischen Frau Hubers manifestem

Professionalisierungsideal und den gleichzeitig latenten informellen

Beschäftigungskriterien des Feldes hin, den Frau Huber durch sekundäre Strategien

zu bewältigen versucht.

Einerseits ist der Grad der Schulbildung ist ein wichtiger Faktor für die Auswahl, aber

vor allem auch für die Zufriedenheit Frau Hubers mit dem Arrangement: „[…] die hat

ein Matura-Niveau und hat, STUDIERT jetzt auch[…]“, „Die ist nicht irgendwie aus

einer bildungsfernen Schicht“ [Z.188ff], andererseits wird das Bildungsniveau von

Frau Huber jedoch ausschlaggebend mit der Fähigkeit Deutsch zu sprechen

gekoppelt: „[…] die kann exzellent Deutsch. Die kann auch NAHEZU FEHLERFREI

schreiben. [Z.238], „[…]Sie hat nicht gescheit Deutsch können, also es war

FURCHTBAR“ [Z.250f], beziehungsweise werden die Sprachkenntnisse noch vor der

Schulbildung oder der beruflichen Kompetenz zum Entscheidungskriterium. „Was die

war weiß ich nicht, aber PUTZFRAU war sie keine, und wenn sie eine Ärztin warsage

ich na ja“ [Z.290ff]. Dahinter steht eine implizite Bewertung der

Intergrationswilligkeit der Migrantinnen seitens Frau Hubers, aber realpolitisch auch

die Tatsache, dass der Zugang zum Spracherwerb sehr stark von bestimmten

Faktoren abhängig ist, wie etwa der Partizipation am sozialen Bezugssystem des

Einwanderungslandes, wie auch das Maß an Bildung, das bereits im Herkunftsland

konsumiert werden konnte [Vgl. Esser, H. (2006)]. Sprache wird somit in doppelter

Hinsicht zur Ressource, einerseits ermöglicht sie besseren Zugang zum legalen, wie

auch illegalen Arbeitsmarkt, andererseits ist sie ausschlaggebend für die persönliche

Beurteilung und Bewertung der Leistung der Reinigungskräfte durch Frau Huber.

Als weiteres großes Kriterium für die Auswahl, beziehungsweise die erfolgreiche

Beschäftigung einer Reinigungskraft ist der Grad des Mitgefühls, das Frau Huber für

die betreffende Reinigungskraft hegt. Dieses Mitgefühl, dass Frau Huber aufbringt,

weil Haushaltshilfen das Geld [dringend] brauchen, lässt Frau Huber durchaus auch

in für sie weniger angenehmen Situationen verharren: „Ich habe mich relativ länger

167


mit ihr ABGEQUÄLT, weil sie ganz OFFENSICHTLICH das Geld gebraucht hat, ja

[...]“ [Z.251ff], „[...] ich auch finde dass die Damen- dass ist, ich will ganz einfach

auch keine Leute kündigen“ [Z.178]. Frau Huber konstruiert sich selbst dadurch

selbst als wohlhabende und großzügig Gebende, aber auch in gewisser Weise als

„Opfer“ dass sich abquälen musste im Interesse einer anderen Person und die

Reinigungskräfte als arme, Empfängerinnen. Die Folge daraus ist, dass Frau Hubers

gesellschaftlicher Status erhöht wird, und sich jener der Reinigungskräfte verringert.

Frau Huber erlebt sich selbst generell als außenstehende Beurteilerin der

Lebenssituation von Johanna, macht diese also zum Objekt ihrer Beurteilung. Sie

meint um die finanziell prekäre Situation der Reinigungskraft zu wissen, und darum,

dass Johanna das Geld bräuchte, da sie in Polen nicht so viel verdienen könne: „[…]

sie verdient mit diesem Hin-und-Her-Pendeln wesentlich mehr als mit dem Job, also

mit irgendeinem Job in Polen. […] Ich finde es fein […]“ [Z.139] „Johanna“ muss ihre

Arbeitskraft ganz im Sinne des Neoliberalismus um „jeden“ Preis am Markt anbieten,

was wiederum Frau Huber das Recht gibt, diese zu nutzen und zu bewerten.

Weiters beurteilt Frau Huber die Beziehung Johannas zu ihrem Mann, wobei sie ihm

die Verantwortung dafür zuschreibt, dass Johanna nicht weiter in Österreich bleiben

will: „[...] sie ist auch nicht sehr gern nach Hause gegangen, aber sie ist verheiratet,

sie ist sehr- relativ jung und der Mann hat nie Deutsch gelernt und hat sich auch nie

da irgendwie wohl gefühlt“ [Z.141ff]. Diese Viktimisierung der Reinigungskraft

vollzieht Frau Huber geschlechtsspezifisch: Johanna und ihrem Mann werden dabei

antiegalitäre Beziehungsmuster unterstellt, wonach Johanna quasi willenlos der

Willkür ihres nicht-integrationswilligen Ehemannes unterliegt.

8.3.2.3. Ressourcenverteilung

Frau Huber ist Vollverdienerin, hat in ihrem Berufsleben Karriere gemacht und

beschreibt die Abgabe der Hausarbeit als Teil ihres persönlichen Lebensstils, somit

als Teil ihrer Identität: „Die Putzfrau kommt, so wie ich die Sachen in die Reinigung

bringe und ich die Schuhe zum Schuster bringe. Dass ist für mich der normale

Lebensstandard, LIFESTYLE-Geschichte“ [Z.323ff] und sie führt auch an, dass ihr

die Beschäftigung der Reinigungskraft in erster Linie ihrem „persönlichen

168


Wohlbefinden sehr gedient hat“ [Z.165]. Da Frau Huber sich selbst als der

Hausarbeit entfremdet und in dem Bereich als nicht kompetent beschreibt, koppelt

sie die von ihr abgewerteten Lebensbereiche von ihrer persönlichen

Identitätskonstruktion ab und manifestiert sprachlich ihre Teilhabe an der

Wertegemeinschaft der Reichen und Besitzenden dieser Welt [Vgl. Kronsteiner, R.

(2009)]. Frau Huber bestätigt, dass auch ihr berufliches Fortkommen schwieriger

gewesen wäre, ohne die Delegation von Hausarbeit, stellt aber selbst keinen

kausalen Zusammenhang der beiden Faktoren her. Die Delegation ist dem

entsprechend nicht nur eine wichtige Ressource der Identitätskonstruktion Frau

Hubers dar, sondern auch eine Ressource der progressiven Individualisierung, das

heißt Frau Huber kann sich von traditionellen Rollen lossagen und eigene Interessen

verwirklichen [Vgl. Haas, B. (2003)]. Diese Faktoren – Identitätskonstruktion und

progressive Individualisierung – werden durch die Aussagen von Frau Huber

unterstrichen, indem Frau Huber zum Beispiel die Beschäftigungszeiten von

Reinigungskräften in ihrem Lebenslauf als Phasen bezeichnet: „[…] Ich habe immer

so Phasen gehabt, ich habe zwei Phasen gehabt, wo ich sehr lange die Putzfrauen

gehabt habe, und dazwischen halt eine Suche, bis jemand passt“ [Z.249].

Wie wichtig ein scheinbar nicht-traditionelle Lebensstil für Frau Huber ist, zeigt ihre

Aussage: „Und wie ich mir seinerzeit die erste Putzfrau genommen habe, ist es mir

finanziell bei weitem noch nicht so gut gegangen, [...] da habe ich mich gegen etwas

anderes entschieden, und für dass, ja. [..]“ [Z.106ff], in der sie betont, dass sie bereits

Reinigungskräfte beschäftigt hat, als sie sich das noch schwer leisten konnte. Das

Nutzen dieser humanen Ressource ist genauso selbstverständlich wie das Einkaufen

im Biosupermarkt, oder wie Frau Huber meint: „Die Putzfrau kommt, so wie ich die

Sachen in die Reinigung bringe und ich die Schuhe zum Schuster bringe“ [Z.322ff].

Die Wohnung, die schön ist und ein Aushängeschild von Frau Hubers Wohlstand, soll

eine „Grundsauberkeit“ aufweisen und somit dem „Stil“ von Frau Huber gerecht

werden. Für Frau Huber ist ihr Lebensstil offenbar stark an ihre Konsumkompetenz

geknüpft, die nach eigenem Ermessen sehr hoch sei. Im Bereich der Bio-Einkäufe

demonstriert Frau Huber bewusst ihren hohen sozialen Status, die Exklusivität ihres

Konsums markiert ihre Zugehörigkeit zur Oberschicht. Ist für Frau Huber auf dieser

Ebene ihr Konsum auch Ausdruck ihrer Vorstellungen von „Rechten und Pflichten“

169


einer mündigen Konsumentin, so ist für sie die illegale Beschäftigung von

Reinigungskräften offenbar eine legitime Form des Konsums [Vgl. Haupt, H. G., Torp,

C. (2005)].

Weiters drückt sich das Machtgefälle zwischen Frau Huber und Johanna durch die

Art der Bezahlung aus. Frau Huber setzt sowohl das Gehalt, beziehungsweise die

Gehaltsanpassung im Sinne eines Inflationsausgleichs, als auch den

diesbezüglichen Zeitpunkt nach eigenem Gutdünken fest. Es gibt keinen

Verhandlungsspielraum und keine Mitsprachemöglichkeit seitens Johannas.- „AB

SOFORT gibt es so und so viel“. Weiters werden Erhöhungen der Bezahlung unter

den miteinander vernetzten ArbeitgeberInnen abgesprochen: „[...] weil wir dann

regelmäßig nach Absprache, immer ein bisschen auch erhöhen“ [Z.152f]. Kontrolle

über die ökonomischen Ressourcen übt Frau Huber zum Beispiel auch dadurch aus,

dass sie Johanna dafür bezahlen möchte, sich interviewen zu lassen, jedoch

bestimmt, dass dies in der Wohnung der Frau Huber stattfinden muss, was darauf

schließen lässt, dass das Interview direkt in Frau Hubers Machtbereich und unter

ihrer Kontrolle stattfinden soll. Entscheidend für die Auswahl einer Reinigungskraft

und somit über ihren Zugang zu materiellen Ressourcen ist auch die so genannte

„Sprachbarriere“, wobei aus den Aussagen Frau Hubers hervorgeht, dass die

„Bringschuld“ diese Barriere zu überwinden, ausschließlich bei den

Reinigungskräften selbst liegt. Die defizitären Reinigungskräfte haben sich den

Sprachkompetenzen Frau Hubers anzupassen, sprich entweder Deutsch oder

Englisch zu sprechen, Frau Huber selbst sieht ihrerseits keine Notwendigkeit dies zu

tun. Spricht eine Kandidatin nicht ausreichend Deutsch, wird sie von Frau Huber (und

somit auch von deren sozialem Bezugssystem) nicht beschäftigt. Die zurzeit von

Frau Huber beschäftigte Reinigungskraft „Johanna“ studiert selbst und gehört somit

zu Frau Hubers bevorzugtem Auswahlschema, einer gebildeten, Deutsch

sprechenden Migrantin, die aber auch das Bedürfnis in Frau Huber weckt, sie zu

bemitleiden- denn bei Frau Huber und ihrem sozialen Netzwerk kann Johanna so viel

mehr verdienen als in Polen: „eigentlich hätte Sie schon aufgehört, wenn sie- sie

findet aber in Polen keinen Job, wo sie so viel verdienen würde wie jetzt“. Frau Huber

wird in ihrer Selbstbeschreibung somit zur lebenden materiellen und sozialen

170


Ressource von „Johanna“, was deren Abhängigkeit von Frau Huber noch wesentlich

verstärkt.

8.3.2.4. Ethnisierungsprozesse

Die Ethnisierung der Reinigungskräfte erfolgt durch Frau Huber (Fremdethnisierung)

und ist nach Jäger eine ethnozentrische, vom Kulturbegriff gesteuerte Form der

Ethnisierung, die sich durch die den Ethnisierten zugeschriebene Fähigkeit der

Integration und Anpassung einerseits, als auch durch ein scheinbar liberales

Verständnis der Ethnisierenden gegenüber den Ethnisierten ausdrückt.

Die Beurteilung der Beziehung zwischen „Johanna“ und ihrem Mann seitens Frau

Huber wirkt ethnisierend: „[…] sie ist verheiratet, sie ist sehr- relativ jung und der

Mann hat nie Deutsch gelernt und hat sich auch nie da irgendwie wohl gefühlt“

[Z.142f]. Hier wird dem Ehemann von „Johanna“ der Wille zur Integration

abgesprochen, „Johanna“ aber als nicht durchsetzungsfähige, nicht emanzipierte

Frau viktimisiert. Dieser Bewertung der Integrationswilligkeit liegt ein ethnoszentrischethnisierendes

Konzept zu Grunde, das zwar vom Vorhandensein kulturell bedingter,

meist als rückständig klassifizierten Verhaltensweisen ausgeht, aber auch deren

Veränderbarkeit impliziert, womit MigrantInnen die Verantwortung für die

Veränderung und somit auch für die Integration übertragen wird [Vgl. Jäger, M.

(1996) und Greve, D. (2007)]. Auch die von Frau Huber genannten, oder durch ihre

Antworten evident gewordenen Beschäftigungskriterien, bergen ethnisierende

Zuschreibungen und legitimieren für Huber dadurch das Machtgefälle. So impliziert

Bildung, sogar ein fast fertiges Studium in der Zuschreibung von Frau Huber keine

emanzipatorische Weiterentwicklung der „Johanna“. Die Wertung von beruflichen

Qualifikationen ist insgesamt sehr von ethnozentrischen und kulturalistischen

Zuschreibungen geprägt. Das von Frau Huber mehrfach ins Spiel gebrachte

Mitgefühl bezüglich der ökonomischen Notsituation der defizitären Migrantinnen

reproduziert wiederum das Bild von der Rückständigkeit anderer Kulturen [Jäger

(1996)], von der dort vorhandenen Armut und auch Arbeitslosigkeit - „[...] sie findet

aber in Polen keinen Job, wo sie so viel verdienen würde wie jetzt [...]“ [Z.137f],

impliziert nicht nur einen ethnisierenden Zugang, sondern ebenso wiederum einen

171


entpersonifzierenden, wie Haas (2003) in ihren Analysen derartiger Arrangements

festhält. Die Assimilationswilligkeit der Reinigungskräfte steht für Frau Huber in

direkten Zusammenhang mit ihrer Zufriedenheit mit deren Leistung. Ist die

Reinigungskraft dazu bereit sich selbst als defizitär und dienstbar wahrzunehmen, so

verläuft das Arrangement zu Frau Hubers Zufriedenheit. Individuelle Vorlieben der

Reinigungskräfte werden von Frau Huber verallgemeinert und negativ konnotiert, ja

sogar in Differenz zu ihrer Selbstkonstruktion als mündige Konsumentin der

Oberschicht ethnisiert. Den Reinigungskräften wird somit im Allgemeinen eine

gewisse Unbewusstheit unterstellt, welche durch Entpersonifizierung und

Assimilation behoben werden kann. Sprachlich finden die ethnisierenden

Deutungsmuster Frau Hubers unter anderem auch Ausdruck in Anglizismen, mit

denen Frau Huber negative Erfahrungen mit ihren Reinigungskräften versieht:

„[…]irgendwo in Bosnien LOST IN SPACE […]“, „Da war ich NOT AMUSED“ [Z.285].

Bosnien gerät dabei zu einem undefinierbaren Raum, der sich in endlosen Weiten

erstreckt und vieles leicht verloren gehen kann, was Frau Huber zwar nicht freut,

aber auch nicht wesentlich berührt, denn dieser endlose Ort ist auch endlos weit

weg, wie das Weltall. Der Anglizismus beinhaltet einerseits eine Distanzierung,

andererseits eine gewisse Mehrdeutigkeit, da die Wortwahl durch unterschiedliche

Interpretationsmöglichkeiten vielschichtiger wird. Darüber hinaus betont Frau Huber

ihre eigene Modernität im Gegensatz zur Rückständigkeit der Reinigungskraft. Diese

unscharfen, verallgemeinernden, bis hin zur Lächerlichkeit mehrdeutigen

Zuschreibungen sind genauso wie der Wunsch nach einer hohen

Anpassungsfähigkeit der Reinigungskraft von einem schon fast herrschaftlich zu

nennenden, von der Dominanz der dominierenden Gesellschaft durchdrungenen

Diskurs geprägt, das die Persönlichkeit von Migrantinnen von vornherein als

dienstbar einstuft.

8.4. Differenzen zwischen den Arbeitgeberinnen

Da die Einzelfallanalyse des Interviews mit Frau Bauer erkennen ließ, dass der Fall

sich in vielerlei Hinsicht als für unsere Arbeitsthesen idealtypisch erwies- etwa was

172


die paarinterne Arbeitsteilung, das Motiv zur Hausarbeitsdelegation, oder die

Partizipation am österreichischen Arbeitsmarkt betrifft- wollen wir nun die beiden

anderen Fälle hinsichtlich ihrer Unterschiedlichkeit im Vergleich zum Fall Bauer

betrachten.

Im Gegensatz zu Frau Bauer skizzieren sich Huber und Müller ihrem

Selbstverständnis nach als Angehörige des individualisierten Milieus, was sich

deutlich in ihrer Beschreibung eines hohen Autonomie-Ideals, welches Ausdruck in

der langen Wartezeit bis zur Hochzeit und der Postulierung einer egalitären

Arbeitsteilung findet, nieder schlägt. Auch das „Untypisch-Sein“ der Ehemänner als

Ideal lässt sich diesem Milieu zuordnen. Frau Bauer hingegen ist Angehörige des

familialistischen Milieus, eventuell bedingt durch den Traditionalisierungsfaktor

„Kind“, was sich zunächst in der geschlechtsspezifischen Ungleichverteilung der

Hausarbeit und Bauers geringerem Autonomie-Ideal nieder schlägt. Die Angehörigen

des individualisierten Milieus gaben an, die Arbeitsteilung mit den jeweiligen Partnern

eher spontan zu regeln, was im Fall Huber zu einer Ungleichverteilung zu Lasten der

Frau führte. Bei den Müllers hingegen scheint vor der Erkrankung Frau Müllers die

Aufgabenteilung annähernd egalitär abgelaufen zu sein, heute übernimmt Herr

Müller das Gros der Hausarbeiten.

Sowohl Frau Müller als auch Frau Huber bewerten die Hausarbeitsdelegation,

beziehungsweise die Beschäftigung einer Reinigungskraft als Ausdruck eines

höheren Lebensstandards. Im Fall Müller steht dieser aber in Diskrepanz zu Frau

Müllers sonstiger Selbstpositionierung, weshalb sie sich mit diesem bislang nicht

vollständig identifizieren kann. Frau Huber hingegen beschreibt das Konsumieren der

Arbeitsleistung der Reinigungskräfte als Teil ihres Lebensstils, ihrer Identität, welcher

ihre Zugehörigkeit zu einer gut situierten sozialen Gruppe markiert. Für Frau Müller

ist dem entsprechend die Konsumation der illegalen Dienstleistung nach Haupt und

Torp (2005) eher dem Bereich des illegitimen Konsums zuzuordnen, während Frau

Huber die Hausarbeitsdelegation nach Geißler (2002) als Mittel zur bewussten

Selbstinszenierung nützt. In beiden Fällen wird die erfolgreiche Beschäftigung der

Reinigungskraft als Repräsentationsmöglichkeit der eigenen Konsumkompetenz

nach Hitzler und Pfadenhauer (2005) wahrgenommen, was sich in deren

173


Weitervermittlung im eigenen sozialen Umfeld nieder schlägt. Durch die Funktion als

„Gatekeeperinnen“ für die Reinigungskräfte wird der eigene soziale Status zusätzlich

erhöht.

Auf Seiten aller drei ArbeitgeberInnen kommt es zu Informalisierungstendenzen,

doch sowohl Frau Müller, als auch Frau Huber bewegen sich in einem ständigen

Spannungsverhältnis zwischen unbewusster Informalisierung, um die Privatheit der

eigenen Wohnräume trotz „Eindringens“ der Reinigungskräfte wieder her zu stellen,

und bewussten Professionalisierungstendenzen – etwa durch die Datensammlung

Frau Müllers, oder dem Sprachgebrauch Frau Hubers- welche sich aber letztlich

meist zu Ungunsten der Reinigungskräfte nieder schlagen.

In Differenz zu Frau Bauer stellen sowohl Frau Huber, als auch Frau Müller das

Kriterium guter Deutschkenntnisse für ein zufrieden stellendes Arbeitsverhältnis in

den Raum. Damit fordern sie den Reinigungskräften eine gewisse kognitive

Assimilationsbereitschaft ab, da diese als quasi defizitäre Wesen sich den

angeblichen Gegebenheiten der Aufnahmegesellschaft anpassen sollen. Implizit

nehmen Müller und Huber damit Bezug auf einen Diskursstrang, welcher den

territorialen Geltungsbereich der deutschen Sprache als Unterscheidungsmerkmal zu

anderen Gruppen und zur gesellschaftlichen Positionierung von Migrantinnen,

welche als für den Spracherwerb individuell Verantwortliche konstruiert werden,

heran zieht. Hier wird besonders deutlich erkennbar, wie sehr das Konzept von

Nationalstaaten und dementsprechend auch von „Zugehörigkeit“ an das von

Nationalsprachen gebunden konstruiert ist [Vgl. Maas, U., Mehlem, U. (2003) und

Maas, U. (2005)]. Dieser Diskurs findet derzeit im so genannten „Nationalen

Aktionsplan“ seinen realpolitischen Ausdruck, in dem die Beherrschung der

deutschen Sprache zum zentralen Einwanderungskriterium stilisiert wird, welches

demnach bereits vor der legalen Zuwanderung nach Österreich durch die

MigrantInnen privat zu erfüllen ist.Darüber hinaus ist die Möglichkeit der

Reinigungskraft Vertrauen entgegen zu bringen von zentraler Bedeutung. Dieses

Vertrauen wird durch etwaige Kompensationsstrategien hergestellt, um die

Konnotationen des Privaten in den eigenen Räumlichkeiten zu erhalten. Frau Bauer

hingegen stellt keine derartigen informellen Kriterien zur Assimilation als

174


Beschäftigungsbedingung, fordert aber implizit die Fähigkeit ein, sich an die

komplexen und oft auch unbewussten Familienstrukturen der Bauers anzupassen

und sich innerhalb dieser einzufügen, was letztlich einer

familialisierenden/identifikativen Assimilationsforderung gleich kommt. Für Frau

Huber, ebenso wie für Müller ergeben sich aus der Hausarbeitsdelegation zahlreiche

unerwartete und auch teilweise unbewusste Vorteile was ihre eigene soziale

Positionierung betrifft. Für Frau Müller bedeutet die Beschäftigung der

Reinigungskraft mehr als die faktische Entlastung von körperlich belastenden

Tätigkeiten, war es ihr doch möglich ihr Studium erfolgreich abzuschließen, was zwar

derzeit keine beruflichen Effekte zeigt, aber dennoch ihren Status als Akademikerin

legitimiert. Frau Müller nützt die Zeitersparnis auch für das Hegen und Pflegen

sozialer Kontakte und zur verstärkten Wahrnehmung ihrer Rolle als Ehefrau, was

sich im Besuch eines Tanzkurses ausdrückt. Frau Huber profitiert vor allem

hinsichtlich ihres Konsumprestiges, beziehungsweise durch den gewonnenen

Zugang zur Gruppe der Konsumelite. Auch partnerschaftsharmonisierende Elemente

werden ihrerseits angedeutet. Frau Bauer hingegen familialisiert selbst die positiven

Effekte der Hausarbeitsdelegation, in dem sie die gewonnene Zeit einzig als ein

„Mehr an Familienzeit“ beschreibt. Diesbezüglich ist auch eine familieninterne

Statuserhöhung durch das erfolgreiche Abstoßen des Hausarbeitsbereichs zu

vermuten.

8.5. Einzelfallanalyse des Interviews mit Frau Wojcik

8.5.1. Chronologische Deskription

Frau Wojcik erklärte im Interview, dass sie vor neun Jahren aus wirtschaftlichen

Gründen aus Polen, wo sie als Verkäuferin tätig war, nach Österreich migrierte.

Zunächst arbeitete sie in einem Restaurant in Wien, bis Frau Wojcik eine andere

Polin, die nach Polen zurückkehren wollte einige Kontakte zu Personen, bei denen

sie zuvor als Hausarbeiterin tätig war, verkaufte. Besonders das erste Jahr

beschreibt Frau Wojcik als schwierig, da sie sich kaum die Fahrten nach Polen

175


leisten, sich in Österreich aber auch nicht wohlfühlen konnte. Frau Wojcik bezahlte

ihr gesamtes Monatsgehalt für die Kontaktliste, wobei nicht alle Daten verwendbar

waren. Von da an arbeitete Frau Wojcik als Reinigungskraft in Privathaushalten in

Wien, ihr „KundInnenstamm“ entwickelte sich erst nach einiger Zeit. Der Job als

Hausarbeiterin ermöglichte es ihr dann häufiger nach Polen zu fahren. Während

dieser Zeit besuchte Frau Wojcik einen Deutschkurs an der Universität Wien. Frau

Wojcik unterstütze während dieser Zeit auch ihre in Polen lebende Mutter finanziell.

Frau Wojcik lernte ihren heutigen Ehemann in Wien kennen. Zunächst war dem

Paar nicht klar wo es seinen Lebensmittelpunkt in Zukunft haben würde. Als sie dann

ein passendes Grundstück in Polen fanden, beschlossen sie nach Polen zurück zu

kehren um dort ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen.

Heute lebt Frau Wojciks Ehemann in Polen, Frau Wojcik selbst verbringt seit zwei

Jahren jeweils eine Woche in Wien, in der sie sehr intensiv hausarbeitet, und eine

Woche in Polen, in der sie ihren Mann versorgt und für ihr Ökonomie-Studium lernt,

wobei sie am Wochenende die Lehrveranstaltungen besucht. Das Studium wird Frau

Wojcik noch etwa zwei Jahre lang in Anspruch nehmen. Ob sie während der

gesamten zwei Jahre weiterhin nach Wien fahren wird um als Reinigungskraft tätig

zu sein, weiß Frau Wojcik derzeit noch nicht. Danach möchte sie jedenfalls ständig in

Polen leben und falls möglich in einem Büro in der Nähe ihres Hauses arbeiten.

8.5.2. Grob- und Feinanalyse des Interviews mit Frau Wojcik

8.5.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung

Die Wojciks lassen sich zunächst dem Familienmodell der DoppelversorgerInnen, in

welchem der Mann Vollverdiener und die Frau Zuverdienerin ist, wobei aber das

Gros der Versorgungsarbeit dem Schaffensbereich der Frau zugeordnet wird, in

seiner prekären Ausprägung zuordnen. Während Herr Wojcik in Polen einem „guten“

Job nachgehe, habe Frau Wojcik seit etwa zwei Jahren mit wöchentlichen

Arbeitsausfällen durch ihr Hin- und Herpendeln zwischen Polen und Wien, sowie

dem völligen Fehlen arbeitsrechtlichen Schutzes und sozialrechtlicher Absicherung

zu kämpfen. Ihre Zukunft stellt sich Frau Wojcik jedoch anders vor- in Polen möchte

176


sie später einer geregelten Arbeit in einem Büro nachgehen – „[…]deswegen muss

[sie] das Studium machen […]“ [Z.101].

Was die paarinterne Hausarbeitsteilung angeht, so beschreibt Frau Wojcik diese als

unegalitär. Sie schreibt sich dabei die Verantwortung für diesen Arbeitsbereich selbst

zu, und orientiert sich in der Ausführung an den Bedürfnissen/Wünschen ihres

Mannes – „[…] das macht mein Mann gerne so – einmal ich, einmal er, oder

manchmal gar- @gar nicht@“ [Z.227ff] . Einzig bei der kreativen und

prestigeträchtigen Tätigkeit des Kochens scheint Herr Wojcik aus sich heraus zur

sporadischen Beteiligung bereit. Diesbezüglich sind die Wojciks dem traditionellen

Milieu nach Koppetsch und Burkhart (1999) beizuordnen, in dem es zu keiner

expliziten Ausverhandlung der Arbeitsteilung kommt, sondern die Aufteilung in Form

einer ritualisierten Praxis geschlechtsspezifisch von Statten geht.

Frau Wojciks Autonomie-Ideal scheint in keinem Konflikt mit der ungleichen

Hausarbeitsaufteilung zu stehen, für sie ist diese Teil ihrer Selbstkonstruktion, die

geschlechtsspezifische paarinterne Arbeitsteilung legitimiert Frau Wojcik durch

scheinbar individuelle Präferenzen der PartnerInnen. Im Falle der implizit geplanten

Schwangerschaft Frau Wojciks ist von der zumindest zeitweisen Einnahme der

Vollhausfrauen-Rolle ihrerseits auszugehen. Bei den Wojciks werden im Falle eines

Konflikts rund um den Themenkomplex Hausarbeit einzelne Tätigkeitsbereiche

ausgelagert, soweit leistbar. Frau Wojciks Rolle als Versorgerin kommt auch in ihrem

Verhältnis zu eigenen Mutter zum Tragen. Diese wird von Frau Wojcik finanziell

ebenso wie hausarbeiterisch unterstützt, was für Frau Wojcik allerdings zu Konflikten

mit der Mutter führte – „[…] sie konnte sich auch MEHR LEISTEN. Ich habe ihr

immer geholfen“, „Ich habe ein bisschen Probleme mit […] meiner Mama“ [Z343ff].

Die Ambivalenz, beziehungsweise der Rollenbruch, dass die Tochter nun die Mutter

versorgt, vollzieht sich für Frau Wojcik problematisch. In dieser Hinsicht kollidieren

offenbar die geschlechtsspezifischen Erwartungen der Mutter an die Tochter mit Frau

Wojciks Autonomievorstellungen.

Aus der familiären Belastung mit der Versorgungsarbeit und dem Hausbau in Polen,

der Arbeit als Reinigungskraft in Wien, dem dafür notwendigem wöchentlichen Hin-

177


und Herpendeln und dem Absolvieren eines Ökonomiestudiums entsteht für Frau

Wojcik eine sechsfache Belastung, welche sie kurz mit „stressig“ umschreibt. Frau

Wojcik stellt zwar die nahende Beendigung dieses Zustandes, vor allem was ihre

Tätigkeit als Reinigungskraft in Wien betrifft, in den Raum, hat sich dafür aber keine

konkrete Frist gesetzt. Die Charakterisierung ihrer Tätigkeit als vorübergehend

entspricht der Vermeidung der Selbstzuschreibung der gesellschaftlich

minderbewerteten Rolle der Reinigungskraft nach Thiessen (2008) – „[…]das ist aber

nur zurzeit […] das wird sich schon SICHER ändern und dann fahre ich schon ganz

nach Polen […]“ [Z.104ff].

8.5.2.2. Beschaffenheit der Arrangements

Ihre illegale Beschäftigung in privaten Wiener Haushalten ist für Frau Wojcik das

Ergebnis einer bewussten Kosten-Nutzen-Abwägung. Sie vergleicht dabei mögliche

legale Altnativen in Polen mit der Arbeit als Reinigungskraft in Wien und kommt zu

dem Schluss, dass so dazu mangels Alternativen zur Existenzsicherung per

Sachzwang quasi genötigt sei- „Aber es ist so, es ist mir schwer eine Arbeit in Polen

zu finden, [eine] gut bezahlte“ [Z.100], „ […] [mit der Reinigungstätigkeit] verdiene ich

mehr als [in Polen], sogar wenn ich da nur zwei Wochen im Monat bin […]“ [Z.103].

Ihre diesbezügliche Beschäftigung stellt also für Frau Wojcik subjektiv eine relative

Verbesserung ihrer finanziellen Situation dar - „[…] ich verdiene eigentlich gut […]“

[Z.45] - ein Umstand, der selbst das Hin- und Her-Pendeln zu legitimieren scheint.

Eventuelle legale Beschäftigungsverhältnisse in Österreich spielen für Frau Wojcik

bei diesem Vergleich keine, beziehungsweise nur eine untergeordnete Rolle.

Ihre Tätigkeit als Reinigungskraft ist für Frau Wojcik nach eigenen Angaben an sich

zwar nichts Neues gewesen, ja sogar etwas was sie gerne tut, dennoch war die

Arbeit als Reinigungskraft besonders Anfangs nichts alltägliches- „[…] am Anfang

war das schon stressig, aber dann habe ich mich schon gewöhnt […]“ [Z.159f] was

sie in Zusammenhang mit dem „Eindringen“ in Privaträume Anderer,

beziehungsweise später mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad der KundInnen

assoziiert. Für Frau Wojcik stellt die Arbeit als Reinigungskraft jedoch keine

berufliche Zukunftsoption dar, da sie eine reguläre Beschäftigung in Polen durch ihr

Ökonomie-Studium anstrebt. Frau Wojcik wertet ihre Tätigkeit demnach nicht per se

178


ab, betrachtet diese allerdings auch nicht als vollwertigen Beruf – „Vielleicht [klingt]

das ein bisschen komisch, aber ich mag das machen, und zuhause mache ich dass

auch gerne […]“ [Z.54]. Frau Wojcik bewertet ihre Aufgabengebiete differenziert, sie

favorisiert Tätigkeiten die weniger körperlich anstrengend sind, wie etwa Bügeln,

gegenüber jenen, die mehrere Arbeitsschritte erfordern, wie etwa die Innenreinigung

der Küchenmöbel.

Was die Art und Weise der Hausarbeitsübernahme durch Frau Wojcik angeht,

beschreibt sie das Arbeitsverhältnis zwischen ihr und den Hausarbeitsdelegierenden,

als eines von KundInnen zu einer freien Dienstleisterin. Anhand dieser Aspekte der

Arbeitsverhältnisse lassen sich Professionalisierungsstrategien seitens Frau Wojciks

erkennen. Dies gilt besonders für die Akquirierung neuer KundInnen, bei der Frau

Wojcik viel Wert darauf legt sich ihren KundInnenstamm in gewisser Weise selbst

aussuchen zu können, beziehungsweise nicht auf das Einkommen aus

unerfreulichen Arrangements angewiesen zu sein- „[Da] dachte ich, „Nein, ich

komme nicht mehr, @sicher nicht mehr@“. Aber ich habe ihr dass nicht gesagt, ich

bin einfach nicht mehr gekommen“ [Z.215ff]. Die Möglichkeit nichterwartungsgemäße

Arbeitsverhältnisse ohne weitere Einschränkungen beenden zu

können, beinhaltet eine grundlegende Kontrollfunktion zu Gunsten Frau Wojciks und

ist zugleich Ausdruck ihrer diesbezüglichen Autonomiebestrebungen.

Zudem ist es Frau Wojcik möglich das Ende ihres Arbeitstages selbst zu bestimmen,

sie orientiert sich dabei an regulären Arbeitszeiten, Überstunden schließt sie

kategorisch aus und schützt sich damit selbst vor Überarbeitung –„Maximal kann ich

bis 19 Uhr arbeiten, nicht länger. Da WILL ICH NICHT. (Mhm) @Kann ich nicht so

lange@“ [Z.421]. An dieser Stelle wird erkenntlich, dass Frau Wojcik selbst über die

Grenzen von Un- und Zumutbarkeit entscheidet dabei auf die Wahrung ihrer eigenen

Interessen abseits des Geldverdienens bedacht ist. Frau Wojcik verschafft ihren

Bedürfnissen und ihrem Willen dabei durch ihre angeblich mangelhaften

Ressourcen/Fähigkeiten Nachdruck und begründet somit ihre Entscheidung die

Grenzen ihrer Belastbarkeit zu wahren scheinbar rational und vor allem indiskutabel.

Die eigenen Bedürfnisse werden hier zum Handlungsantrieb Frau Wojciks.

179


Bei aller Selbstbestimmung obliegt die konkrete Ausgestaltung der Arbeitsschritte

Frau Wojciks den KundInnen. Frau Wojciks diesbezügliche Selbstcharakterisierung

entspricht jener einer Dienstleisterin im wortwörtlichen Sinn - „[…] das ist für mich

kein Problem, wenn ich etwas aufräumen soll […]“, „[…] dann […] sagen mir die

Leute auch was sie gerne möchten, was immer, was soll ich nie machen und wie ich

dass machen will […]“ [Z.82ff]. Frau Wojcik schreibt den KundInnen somit die

Definitionsgewalt über ihre eigenen Verhaltensweisen und sogar über eigenes

Streben bei der Ausführung der Hausarbeit zu. Teilweise geschieht die

Ausverhandlung der Arbeitsweise in anfänglichen Einschulungen durch diese, oder

aber es wird einfach stillschweigend das Wissen um die haushälterischen Vorlieben

der KundInnen voraus gesetzt. In einigen Fällen führt dies zu Konflikten, da Frau

Wojcik ihre Tätigkeit nicht nach eigenem Ermessen ausführen soll, aber auch nicht

über die informellen Regeln des Haushalts informiert wird – „[…]aber sie wünschen

sich nicht, dass ich das SO mache wie ICH ES finde, nein“ [Z.243ff]. Für Frau Wojcik

führen besonders die Tabu-Bereiche der KundInnen, also jene Gegenstände oder

Räume welche besonders dem Privaten zugeordneten werden, zu Spannungen im

Arbeitsverhältnis, da sie das Privatssphäreschützende Verhalten der KundInnen als

irrational und deshalb nicht nachvollziehbar auffasst [Vgl. Rerrich, M. (2006)].

Aufgrund der strukturellen Merkmale der Beschäftigungsverhältnisse scheinen die

Begriffe „Kundin“ und „freie Dienstleisterin“ bei näherer Betrachtung inadäquat,

vielmehr greifen hier die Konzepte von AuftraggeberInnen und Auftragnehmerin. Der

Beschreibung der Arrangements widerspricht die Struktur eines Arbeitsverhältnisses

von KundInnen und freier Dienstleisterin hinsichtlich der Bezahlungs- und

Versicherungsmodalitäten, ebenso wie die Vermittlung von Reinigungsaufträgen. Die

Berechnung ihres Gehalts ist individuell durch die AuftraggeberInnen reguliert, da sie

teilweise pauschal bezahlt wird, teilweise pro Stunde. In diesem Punkt passt Frau

Wojcik sich flexibel den Erwartungen der AuftraggeberInnen an. Die Akquirierung

neuer Aufträge verläuft durch Weiterempfehlung im Privaten, wobei eine

Fremdcharakterisierung als verlässliche und vertrauenswürdige Person als Teil ihrer

Reputation von zentraler Bedeutung ist. Für Frau Wojcik drückt sich ihre

Vertrauenswürdigkeit einerseits in der Anzahl der ihr anvertrauen Schlüssel, als

Symbol des „freien“ Zutritts zum Privatraum der AuftraggeberInnen, andererseits

180


durch die freie Gestaltung ihrer Arbeitsweise aus. Dieses zarte Band des Vertrauens

ist für Frau Wojcik allerdings keine verlässliche Größe, befürchtet sie doch prinzipiell

durch ihre AuftraggeberInnen dem Verdacht des Diebstahls ausgesetzt zu werden

und ist deshalb besonders achtsam bei der Wahrung der Privatsphäre der

AuftraggeberInnen.

Die Fremdcharakterisierung der AuftraggeberInnen vollzieht Frau Wojcik einerseits

anhand der Persönlichkeit ebendieser, andererseits anhand deren

Leistungsanforderungen an sie. Ihre Erwartungen an das Arbeitsverhältnis

orientieren sich an der „Nettigkeit“ der KundInnen – „[…] die Leute sind nett. Wenn

sie nicht nett sind, dann komme ich einfach nicht mehr“ [Z.160f]. Dabei zieht sie

verschiedene soziale Kategorien zur Bewertung heran, etwa den jeweiligen

Familienstand, das Geschlecht, oder den Beruf der AuftraggeberInnen. Hier

beobachtet Frau Wojcik in Selbstreflexion einen Bruch mit traditionellen

Geschlechterrollen, da die männlichen AuftraggeberInnen eher als beurteilende

Kontrollinstanzen in Erscheinung treten würden, während die weiblichen

AuftraggeberInnen explizite Beurteilungen ihrer Leistung vermeiden würden. Weiters

seien die Männer in ihrer Haushaltsführung fast schon pedantisch reinlich und

ordentlich, die Frauen hingegen eher leger. Der Faktor „Kind“ veranlasse die

AuftraggeberInnen, selbst für eine gewisse Ordnung und Reinlichkeit zu sorgen,

bevor sie ihre Arbeit aufnehme. Was die Beurteilung der Persönlichkeit der

AuftraggeberInnen angeht, wobei deren „Nettigkeit“ stille Voraussetzung für den

Fortbestands des Arrangements zu sein scheint, so orientiert sich Frau Wojcik am

Grad der Personifizierung ihrer Selbst durch ebendiese – „Ich habe mich in diesem

Haus so schlecht gefühlt, sie war GAR nicht nett. (Mhm) Sie hat nur „Hallo“ gesagt

und mich als Luft behandelt“ [Z.212ff]. Dieser Umstand deutet einerseits auf die

Identifikation Frau Wojciks mit ihrer Arbeit als Reinigungskraft hin, andererseits

verweist er auf Frau Wojciks Informalisierungsstrategien in Bezug auf ihre

AuftraggeberInnen.

Die Interruptionen des Interviews durch die Arbeitgeberin wurden zwar von den

InterpretInnen durchwegs als störend empfunden, dennoch sollen uns auch jene

Interaktionssequenzen des Interviewprotokolls zur Analyse der Beschaffenheit des

181


Arrangements dienen. So wird anhand dieser zunächst erkenntlich, dass die

Auftraggeberin die Arbeitsstätte Frau Wojciks als ihren Raum, ihren Besitz markiert

indem sie die vorangegangenen Aktivitäten in der Küche, also das Zubereiten eines

Kaffees durch Frau Wojcik sofort nach dem Betreten des Raums bemerkt und Frau

Wojcik ihr diesbezüglich offenbar eine Erklärung schuldet. Dabei nehmen sie die

Rollen einer Kontrollinstanz und einer Kontrollierten ein. Aus dem Arbeitsplatz Frau

Wojciks wird unmittelbar der Privatraum der Arbeitgeberin, die über die Vorgänge

darin die Kontrolle besitzen möchte, was ebenso für das Interview an sich zu gelten

scheint. Hier kommen besonders die von Thiessen (2008) erwähnten

Verschiebungen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, beziehungsweise die dadurch

hervorgerufenen Unsicherheiten und Spannungen zwischen den Akteurinnen zum

Ausdruck. Die Auftraggeberin koordiniert die Termine in denen Frau Wojcik ihr Haus

reinigt offenbar in Konstellation zu einer Reihe anderer Termine, aber berücksichtig

dabei nicht nur die eigenen, sondern auch jene ihrer Mutter. Sie bittet Frau Wojcik um

einen anderen Terminvorschlag, gibt dabei aber die prinzipielle Präferenz

„Vormittags“ an. Hier wird einerseits die innerfamiliäre Weitergabe des Kontakts mit

Frau Wojcik die Hausarbeitsdelegation betreffend erkenntlich, andererseits aber auch

dass sich Frau Wojcik letztendlich in der Entscheidungsrelevanten Position die

Terminvergabe betreffend befindet.

Die vielen abzugleichenden Termine der Arbeitgeberin sorgen letztlich für ein

Missverständnis wenn es um das Gießen der Blumen geht: Die Auftraggeberin hat

die Leistung Frau Wojciks schon eingeplant, obwohl ohnehin eine dritte Person

Blumen gießen kommen wird. Hier revidiert sich der Eindruck die Arbeitgeberin

orientiere sich an den Terminen Frau Wojciks, das sie ihrerseits eine ständige

Verfügbarkeit und auch Flexibilität der Reinigungskraft voraussetzt und Frau Wojcik

dies zu akzeptieren scheint. Frau Wojcik wird zur frei verfügbaren Ressource für die

Arbeitgeberin. Zudem lässt sich erahnen, dass Frau Wojciks Tätigkeiten sich, wie

Anderson (2006) argumentiert, nicht auf sachbezogene Aufgabenbereiche

beschränken, sondern relativ beliebig ausgeweitet werden. Dieser Eindruck wird

später dadurch verstärkt, dass Frau Wojcik auch kurzfristig Tätigkeiten ausführen

soll, welche die Auftraggeberin vergessen hat, die aber an sich nichts mit Frau

Wojciks Reinigungsauftrag zu tun haben.Obgleich Frau Wojciks Gehalt und

182


Weihnachtsgeschenk zuvor wohl auf einem gut einsichtigen und vermutlich dafür

üblichen Platz deponiert wurde, der Küchenablage, verweist die Auftraggeberin

darauf, vermutlich um diesbezüglich positive Rückmeldung seitens Frau Wojciks zu

erhalten. Frau Wojcik zeigt sich zwar zufrieden mit ihrer Entlohnung, aber das

Vergessen (des Gehalts) der anderen Reinigungskraft macht die Unsicherheiten

bezüglich des rechtzeitigen Erhalts des existenzsichernden Einkommens deutlich.

Wollte die Auftraggeberin künftig auf die Arbeitsleistung der zweiten Reinigungskraft

verzichten, so wäre das fehlende Gehalt nicht einklagbar, „Maria“ wäre dem

Gutdünken der Arbeitgeberin rechtlos ausgeliefert.

Als die Arbeitgeberin sich bei der Interviewerin nach ihrer Zufriedenheit mit den

Deutschkenntnissen Frau Wojciks erkundigt und dabei auch deren diesbezügliche

Unsicherheiten gegenüber dieser offenbart, kreiert sie ein sprachliches

Referenzsystem, in welches sie die Interviewerin einbezieht und fordert diese zu

einer Beurteilung auf. Die aus dem sprachlichen Bezugssystem ausgeschlossene

Frau Wojcik wird dadurch infantilisiert und zum Objekt einer beurteilenden Autorität

gemacht. Die Interviewerin weicht der Frage aus, indem sie diese Autorität relativiert

und ein Referenzsystem mit Frau Wojcik bildet. Die Arbeitgeberin rekurriert bei

diesem Zuschreibungsprozess auf einen Diskursstrang, welcher die gemeinsame

Sprache als Ex- und Inklusionskriterium beim Zugang zur Aufnahmegesellschaft

festschreibt. Alles in allem offenbart die Interaktion mit der Arbeitgeberin Frau

Wojciks Dienstbarkeit und passive Haltung gegenüber den Bedürfnissen der

Arbeitgeberin.

8.5.2.3. Ressourcenverteilung

Hinsichtlich ihres Zugangs zu legalen Beschäftigungsmöglichkeiten am

österreichischen Arbeitsmarkt beschreibt Frau Wojcik ihre Partizipationschancen als

gering, beziehungsweise unbefriedigend. Dies gilt besonders für ihren „Einstiegsjob“

in einem Restaurant, welcher- vor allem im Vergleich zu ihrer derzeitigen

Reinigungstätigkeit- sehr schlecht bezahlt gewesen sei und bei dem es von Vorzug

gewesen sei, nicht Deutsch sprechen zu können – „[…] das war so eher, je weniger

wir gesprochen haben, desto besser. Das war SEHR schlecht bezahlt […]“, „ […]

183


dort arbeiten nur die, die sehr wenig Deutsch sprechen und das ist @besser@,

eigentlich“ [Z.149ff]. Die Beschreibung seitens Frau Wojciks deutet alles im allem auf

ein illegales Beschäftigungsverhältnis hin, bei dem die ArbeitgeberInnen darauf

bedacht waren, mögliche Partizipationschancen der ArbeitnehmerInnen am

österreichischen Sozialsystem vorweg zu unterbinden. Die ungleichen

Machtverhältnisse zwischen den vorwiegend beschäftigen MigrantInnen und den

regulierenden ArbeitgeberInnen mit Zugriff auf den österreichischen Arbeitsmarkt

forcierten die Vereinzelung und Ohnmacht der MigrantInnen hinsichtlich ihrer

sozialen Positionierung.

Aus diesem „Worst Case Szenario“ konnte Frau Wojcik ausbrechen, in dem sie

einerseits zur Überwindung ihrer beruflichen Dequalifizierung in Österreich einen

Deutschkurs besuchte, andererseits erkaufte sie sich von einer Arbeitskollegin aus

dem Restaurant deren nicht mehr benötigte Arbeitskontakte, um fortan einer

Beschäftigung in österreichischen Privathaushalten nachzugehen – „Und sie hat

komplett, für ein ganzes Monat Arbeit, und ob, ob ich interessiert bin. Und ich habe

gesagt, „Naja, ich kann es versuchen“, aber ich habe fast gar nicht Deutsch

gesprochen […]“ [Z.118]. Zunächst ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass

es sich in beiden Fälle um bewusst gesetzte Partizipationsstrategien seitens Frau

Wojciks handelt. Der Spracherwerb ist als Assimilationsstrategie zu betrachten,

welche Frau Wojcik generell als Mittel zur Beschäftigungsmöglichkeit in Österreich

einsetzt. Im Falle des Ankaufs des „KundInnenstamms“ ihrer Kollegin ging Frau

Wojcik aufgrund ihrer ungünstigen Positionierung das hohe Risiko ein, einer

unseriösen Arbeitsvermittlerin aufzusitzen. Die Folgen ihrer arbeitsrechtlich

unsicheren Stellung war zum einen der Betrug durch die Vermittlerin, welche ihr

offenbar zu einem hohen Anteil unbrauchbare, oder ungültige Kontakte verkaufte,

zum anderen der Verlust eines zuvor im Restaurant unter widrigen Bedingungen

erarbeiteten Monatsgehalts „[…] das was ich in einem Monat verdiene, das habe ich

bezahlt und gleich [die] Hälfte verloren […]“, „[…] ich habe das […] gekauft [und]

gleich verloren, aber zuerst gekauft und dann erst langsam jemanden kennen gelernt

und dann immer jemanden dazu bekommen“ [Z.121ff]. Eventuelle rechtliche Schritte

hinsichtlich des Betrugs waren aufgrund der rechtlich unsicheren Position Frau

Wojciks obsolet, ein Umstand den unseriöse VermittlerInnen zur Wahrung ihrer

184


eigenen profitablen Interessen nützen können [Vgl. Sinn, A. u.a. (2005)]. Konnte die

Arbeit im Restaurant Frau Wojciks Migrationserwartungen in monetärer Hinsicht nicht

erfüllen, so scheint dies im Falle der illegalen Beschäftigung als Reinigungskraft eher

der Fall zu sein, was sich unter anderem in ihrem Verharren in diesen

Beschäftigungsverhältnissen ausdrückt. Zudem ermöglichte ihr das Hausarbeiten die

zunächst nur temporäre Remigration nach Polen, was für Frau Wojcik ein besonders

positiver Aspekt zu sein scheint, da sie durch ihre soziale Teilhabe in Polen auch ihre

anfängliche Isolation in Österreich offenbar leichter überwinden konnte – „[…] da

fahre ich auch öfter. Also am schwierigsten war [es] am Anfang, da konnte ich nicht

oft fahren, da bin ich […] alle drei Monaten nach Polen gefahren“ [Z333ff].

Für Frau Wojcik stellte in erster Linie die Verbesserung ihrer finanziellen Situation ein

Migrationsmotiv dar, eine Existenzgründung in Österreich war nicht explizites Ziel

ihrer Bewegung. Seit dieser Zeit, aber vor allem seit zwei Jahren- also seit der

explizit gefassten Rückkehrabsicht nach Polen, pendelt Frau Wojcik zwischen

Österreich und Polen, zwischen „Arbeitsort“ und „Privatort“ hin und her, weshalb die

nach Rerrich (2006) dem Typus der „cosmomobilen“ Frauen zuzuordnen,

beziehungsweise nach Currle (2006) als „zirkuläre Migrantin“ zu bezeichnen ist. Frau

Wojcik hat offenbar während der letzten acht Jahre ihres Daseins als Reinigungskraft

ihre Mutter vor allem in finanzieller Hinsicht unterstützt, wobei seit ihrer Heirat und

der geplanten Rückkehr nach Polen eine Prioritätenverschiebung stattgefunden hat,

weshalb ihre diesbezügliche Funktion als Remitterin scheinbar ins Hintertreffen

geraten ist, was zu Konflikten mit der Mutter führte [Vgl. Eberl (2009)] – „Vielleicht als

ich meinen Mann kennen gelernt habe […] schon haben wir uns entschieden […]

nach Polen [zu] fahren und da haben wir ein Grundstück gekauft und einfach

angefangen, und es war schon klar, dass wir nach Polen zurückkehren“ [Z.192ff]. Es

ist auch denkbar, dass die Versorgung der Familienmitglieder zunächst ein

maßgeblicher Faktor zugunsten Frau Wojciks Mirgationsentschluß war, wobei die

teilweise überzogenen Vorstellungen der Familienmitglieder den materiellen

Wohlstand der Zielgesellschaft, beziehungsweise der Partizipationsmöglichkeit der

„Entsandten“ daran oft zu Konflikten führen, da sie zusätzlichen Druck auf die

MigrantInnen ausüben. Durch Frau Wojciks eigene Existenzgründungspläne kommt

es zu einem Bruch mit ihrer Rolle als Familienversorgerin, ihre Eigeninteressen

185


stehen jetzt im Zentrum ihres Handelns, der Hausbau repräsentiert eine

Statuserhöhung innerhalb ihrer Heimatgemeinschaft. In der Folge ist anzunehmen,

dass sich Frau Wojciks Migration und ihre Arbeit als Reinigungskraft seit dem

paarinternen Entschluss nach Polen zu remigrieren instrumentalisiert hat, sprich

Mittel zum Zweck geworden ist, ganz im Gegensatz zum Beginn ihrer Migration, als

diese mit wenig persönlichem „Sinn“ verbunden war und sich Frau Wojcik in Wien

eher verloren fühlte – „Weil da haben wir schon alles in-, nach Polen investiert, da

GAR NICHTS“ [Z.195f]. Für Frau Wojcik ist ihre Remigrationsabsicht zudem mit der

Hoffnung verbunden, in Polen wieder einer anderen Art der Beschäftigung

nachgehen zu können, bei der ihre Fähigkeiten gefördert werden und sie nicht länger

depositioniert wird [Vgl. Aziz, K. (2009)]. Für Frau Wojcik stellen ihre

Deutschkenntnisse ein wesentliches Merkmal zu ihrer Qualifikation als

Reinigungskraft dar, sie dienen ihr zum einen als Zugangsmöglichkeit zum

Privatraum der AuftraggeberInnen, denn gut Deutsch zu können ermöglicht erst Frau

Wojciks Dienstbarkeit im Sinne des Verstehens von Anweisungen- „[…] [ich muss]

einfach verstehen was man WILL, was ich besonders, anders machen soll […]“

[Z.349f] - zum anderen bekräftigen sie nach Einschätzung Frau Wojciks ihre

Vertrauenswürdigkeit aus der Perspektive der AuftraggeberInnen. Ihre

Deutschkenntnisse sind demnach zum einen Ausdruck ihrer

Partizipationsmöglichkeiten am sozialen Bezugssystem des Einwanderungslandes,

da sie sich ihres Zugangs zu universitären Bildungseinrichtungen bedient um diese

zu erlangen, andererseits wird daran ihre kognitive Assimilationsbereitschaft für

Andere erkenntlich. Somit nutzt sie ihre Sprachkenntnisse bewusst als strategisches

Mittel um ihre Teilhabemöglichkeiten in der österreichischen Aufnahmegesellschaft

zu erhöhen. Frau Wojcik bezieht sich in ihren diesbezüglichen Deutungsmustern auf

Konzepte von Integration, welche den MigrantInnen einseitig eine kognitive

Assimilationsbereitschaft abverlangen, da diese als quasi defizitäre Wesen sich der

Nationalsprache der Aufnahmegesellschaft anpassen sollen, ohne dass ihre

Zweisprachigkeit in der Folge für sie von Nutzen wäre [Vgl. Esser, H. (2006)].

Die impliziten Machtstrukturen der Arbeitsverhältnisse Frau Wojciks sind geprägt von

ihrer sozialen Positionierung als Abhängige, als Empfängerin von Hilfsleistungen

mittels wechselseitiger Informalisierungsstrategien, was unter anderem in ihrer

186


Dankbarkeit gegenüber den AuftraggeberInnen ob der Weitervermittlung durch diese,

oder aber auch in der Annahme von „Geschenken“ zur Geltung kommt – „Viel hat mir

da die Frau X geholfen, viele neue Haushalte gefunden“ [Z.41], „[…] ab und zu

bekomme ich Gewand, oder […] die Leute schmeißen etwas weg und sie fragen

mich ob ich das haben möchte“ [Z.386ff]. Den AuftraggeberInnen wird dabei ein

schützender und versorgender Status gegenüber Frau Wojcik eingeräumt, während

diese zur infantilen Hilfsempfängerin wird [Vgl. Anderson, B. (2003)].

8.5.2.4. Ethnisierungsprozesse

Während ihres Aufenthalts in Wien knüpfte Frau Wojcik offenbar auch vermehrt

Kontakte zu einer gewissen „polnischen Community“- immer wieder erzählt sie von

teilweise lukrativen Kontakten zu anderen PolInnen, aber auch ihren Mann lernte sie

in Wien kennen. Besonders während ihrer Anfangsphase in Wien, aber auch zur

späteren Vermittlung von AuftraggeberInnen konnte Frau Wojcik auf ein stark

transnational geprägtes Netzwerk in Wien zurückgreifen. Dieser Umstand bestätigt

Martinis (2001) These der identifikatorischen Zugehörigkeitsbeziehung zur

Herkunftsgesellschaft, die zu einem guten Teil als Prozess der Selbstethnisierung zu

bezeichnen ist. Zu Angehörigen der Dominanzgesellschaft dürfte Frau Wojcik vor

allem durch ihre Reinigungstätigkeit Kontakt haben, privat organisiert sich ihr

soziales Umfeld in Wien vor allem durch den Faktor der „Transnationalität“. Ob diese

Zugehörigkeit tatsächlich seitens Frau Wojciks willentlich konstruiert wurde, aus

Zuschreibungsprozessen seitens der Dominanzgesellschaft, oder aus

zweckrationalen Abwägungen Frau Wojciks resultierte muss an dieser Stelle

mangels Informationen offen bleiben [Vgl. Wundrak, R. (2008) und Klinke, S. (2005)].

Aufgrund der von Frau Wojcik beschriebenen „Sehnsucht“ nach Polen ist jedoch

davon auszugehen, dass sie auch willentlich die Nähe zur polnischen Community in

Wien suchte. Eine gewisse Ambivalenz hinsichtlich ihrer Selbstzuschreibung lässt

sich anhand Frau Wojciks Unsicherheiten die Beschaffenheit dieser Beziehungen zu

beschreiben erkennen- sind die Gruppenangehörigen nun als FreundInnen,

Bekannte, oder schlichtweg andere PolInnen zu beschreiben? Fest steht, dass diese

Zugehörigkeit Frau Wojciks Handlungsspielraum in der österreichischen

Aufnahmegesellschaft maßgeblich erhöhte und ihr auch erst den Zugang zur

187


Tätigkeit als Reinigungskraft eröffnete. Die Entstehung einer solchen, in jüngeren

Theorien meist als „transnationale Identität“ beschriebenen Selbstkonstruktion fördert

zudem auch die Entscheidung zur endgültigen Remigration [Vgl. Easton, A. (2008)

bei Aziz, K. (2009)].

Alles im allem fällt auf, dass Frau Wojcik sowohl dynamische als auch statische

Ethnisierungsprozesse vermeidet, da sie generell keine expliziten ethnisierenden

Fremdzuschreibungen vollzieht. In ihren allgemein wenigen Aussagen über

„Österreich“ oder „Wien“ ist Frau Wojcik darauf bedacht im Sinne der ihrerseits

angenommenen Erwartungshaltung zu erklären, dass alles super ist in Wien und

dass sie sich nach anfänglichen Problemen „[…] [in Wien] auch recht GUT gefühlt

[…]“ [Z.327f] habe. Die Probleme mit welchen Frau Wojcik in Wien zu kämpfen

hat(te) individualisiert sie dabei als persönliches „Pech“ und greift zur Abschwächung

der Kritik auf den Vergleich mit ihrer Herkunftsgesellschaft zurück, welche sie dann

als in Relation defizitär beschreibt. Frau Wojciks diesbezügliche Unfreiheit offen Kritik

zu üben, beziehungsweise die Strategie die Aufnahmegesellschaft vor allem in

Abgrenzung zur Herkunftsgesellschaft positiv zu bewerten, stellt eine konkrete

Assimilationsstrategie durch Zuschreibungen dar, wodurch sie gleichzeitig danach

trachtet ihre vermeintliche Nichtanpassungsfähigkeit an den sozialen Kontext in Wien

auszuschließen.

8.6. Einzelfallanalyse Interview mit Frau Kowalska

8.6.1. Chronologische Deskription

Frau Kowalska erklärte im Interview, seitdem ihre Mutter vor etwa zehn Jahren,

welche selbst früher Jahre lang nach Wien gekommen wäre um in Privathaushalten

zu reinigen, körperlich nicht mehr in der Lage gewesen sei ihre Tätigkeit weiter

auszuführen, hätte sie ihren Platz als Reinigungskraft eigenommen. Nicht alle

KundInnen seien über den Wechsel erfreut gewesen, einige hingen sehr an der

Mutter. Nach und nach wuchs jedoch ihr KundInnenstamm durch Weiterempfehlung

188


auf heute fünfzehn Haushalte an, in denen die jeweils alle zwei bis drei Wochen

reinigt. Nach dem Tod ihrer 17jährigen Tochter verbrachte Frau Kowalska etwa sechs

Monate durchgängig in Polen, wo sie unter depressiven Zuständen litt. Ihre Mutter

ermutigte Frau Kowalska jedoch, wieder ihrer Arbeit als Reinigungskraft in Wien

nachzugehen- ein Wunsch, dem Frau Frau Kowalska gerne nachkam. Momentan

befindet sich Frau Kowalska in einem Zwiespalt, da ihr Mann in Polen die

Krankenstände der letzten Jahre nacharbeiten muss obwohl er an sich schon in

Pension ist, und sie deshalb ihre Pläne nach Wien zu ziehen verändern müssen, da

zudem Frau Kowalskas Mutter nun schwer erkrankt ist und Frau Kowalska diese in

Polen zumindest zeitweise betreut. Ihre Wohnung in Wien möchte sie nicht

aufgeben, aber ohne darin zu wohnen sind Frau Kowalska die Fixkosten zu hoch. Als

Übergangslösung hat sich Frau Kowalska ein zehn-Tage-Rotationsprinzip mit einer

Freundin überlegt, das heißt Frau Kowalska und ihre Freundin lösen sich alle zehn

Tage beim Reinigen der gleichen Haushalte in Wien ab. Frau Kowalska beschreibt

ihre Arbeitshaltung als durchwegs selbstständig und ihren KundInnenstamm als „eine

Familie“, die stets für sie da ist und auch während ihrer Abwesenheit auf sie wartet.

Generell ist Frau Kowalskas Lebensmittelpunkt in Wien situiert, wo auch ihre

Schwester lebt und sie ist in das soziale Netzwerk polnischer Migrantinnen in Wien

inkludiert, beziehungsweise nützt dieses. Auch würde Frau Kowalska ihre Tätigkeit

gerne legal mit Gewerbeschein ausüben, doch das würde zum einen davon

abhängen ob ihr Mann und sie dann hier leben würden, andererseits sei es einfach

eine Kostenfrage. Frau Kowalskas momentan unsichere Position was ihre soziale

Absicherung (etwas Kranken-, oder Pensionsversicherung) angeht, ist für die ein

klarer Verunsicherungsfaktor wenn sie über die Zukunft spricht.

8.6.2. Grob- und Feinanalyse des Interviews mit Frau Kowalska

8.6.2.1. Familienmodell und paarinterne Arbeitsteilung

Frau Kowalska ist finanziell von ihrem Mann autonom und pendelt zwischen

Österreich und Polen, während Herr Kowalski dauerhaft in Polen lebt und dort in

einem Bergwerk 5-7 Tage pro Woche arbeitet. Bezug nehmend auf die

wohlfahrtsstaatlichen Modelle der Arbeitsteilung nach Lewis (2001) entsprechen die

Kowalskis dem DoppelverdienerInnen, wobei durch die Prekarität von Frau Kowalska

189


(keine staatlich organisierte Krankenversicherung, keine Pensionsversicherung,

keine Arbeitserlaubnis oder ein Gewerbeschein) und ihr ständiges Pendeln zwischen

Wien und Polen von einer „Karriere“ nicht ausgegangen werden kann, wohl aber von

einer eventuellen Vollzeitbeschäftigung, oder aber aufgrund des Pendelns einer nahe

liegenderen Teilzeitbeschäftigung. Ebenso muss hier in Bezug gesetzt werden, dass

die Strukturen des polnischen Geschlechterregimes nicht ohne weiteres den gleichen

wohlfahrtsstaatlichen Mechanismen zugeordnet werden kann wie jene in Österreich,

und Polen durch seine politische Vergangenheit ein anderes Konzept von

Frauenerwerbstätigkeit kennt [Vgl. Steinhilber, S. und Michon, P. (2009)].

Die paarinterne Arbeitsteilung ist laut den Angaben von Frau Kowalska so

organisiert, dass Herr Kowalski sich in ihrer Abwesenheit selbst versorgt und auch

die Wohnung aufräumt und sauber macht, wobei von Frau Kowalska einerseits

dieser Umstand als „untypisch“ für einen Mann bezeichnet wird, sie aber

andererseits darauf hinweist, dass Herr Kowalski manche Dinge, wie zum Beispiel

Fenster putzen nicht „kann“ und sie selbst, wenn sie in die gemeinsame Wohnung

käme, die Grundreinigung quasi automatisiert übernehme.

Bei der Legimitation der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung greift Frau Kowalska

hinsichtlich Herrn Kowalskis Unfähigkeit manche Dinge zu verrichten auf die

Strategie der Individualisierung durch mangelnde Geschicklichkeit des Partners

zurück [Vgl. Hochschild, Machung (1993)]- „[...] und wenn ich komme, ich mache

GRÜNDLICH. […] Er [kann die] Fenster nicht putzen“ [Z.214ff]. Zudem naturalisiert

sie ihre diesbezügliche Zuständigkeit durch ihr Frausein, oder streicht ihre

Fachkompetenz heraus und infantilisiert ihren Mann als „brav“, wobei sie sich selbst

die Rolle der Wissenden, ihrem Mann die Rolle des Unwissenden zuschreibt. Für

Frau Kowalska ist ihre Zuständigkeit für die Haus- und Versorgungsarbeit demnach

fixer Bestandteil ihrer Selbstkonstruktion als (Ehe-) Frau. Dieser Umstand könnte

zudem auch als Hinweis auf die Anwendung einer sekundären Kontrollstrategie nach

Huinink und Röhler (2005) betrachtet werden, die als Anpassung der eigenen

Erwartungshaltung an die realen Begebenheiten beschrieben wird. Dahinter steht der

Versuch Konflikte durch Anpassung zu vermeiden und die Haltung des Mannes als

dessen persönliches Manko zu verharmlosen. Allerdings scheint Frau Kowalskas

190


Zugang zur Hausarbeit auch dem eigenen Autonomie-Ideal nach kein egalitärer zu

sein, im Gegenteil- sie nimmt Bezug auf naturalisierende und feminisierende

Deutungsmuster, welche der Frau die Haupt- und Alleinverantwortung für die

Versorgungsarbeit zuschreiben und ihre Funktionalisierung als Mutter, Gattin, Tochter

und Trägerin der Kultur [Kubes-Hofmann (1993)] determiniert, wie nicht nur in der

Beschreibung der eigenen paarinternen Arbeitsteilung, sondern auch in vielen

anderen Bereichen des Interviews offensichtlich wird, wo Frau Kowalska auf die

Rolle der Frauen innerhalb von Familien im Kontext der Versorgungsarbeit eingeht,

wobei sie die weibliche, innerfamiliäre und generationsübergreifende Solidarität im

reproduktiven Bereich stark positiv bewertet.

Frau Kowalska sieht sich in ihrem Alltag, wie bei Prokop (1976) beschrieben,

mehreren Belastungen gleichzeitig ausgesetzt. Einerseits pendelt sie zwischen

Arbeits- und Wohnplatz Wien und dem mit ihrem Mann gemeinsamen Wohnort, wo

die Hauptlast der familieninternen Versorgungsarbeit auf ihr liegt, andererseits rückt

auch zunehmend die Bedürftigkeit der schwer kranken Mutter in den Vordergrund,

deren Pflegebedarf anscheinend nur Frau Kowalska selbst decken kann, da die

Schwester einen „richtigen“, also legalen Arbeitsplatz in Österreich hat, sowie kleine

Kinder; der Ehemann und der Bruder in Polen, wie auch der Vater von Frau

Kowalska können diese personenbezogene Versorgungsarbeit nicht verrichten, so

legitimiert Frau Kowalska die familieninterne geschlechtsspezifische Arbeitsteilung

durch das angebliche Unvermögen der männlichen Familienangehörigen. Frau

Kowalska orientiert sich also in ihrer Berufstätigkeit in hohem Ausmaß an der

eigenen Familie und deren Bedürfnissen, was sich zum Beispiel darin zeigt, dass sie

ihre Arbeitszeit in Österreich verringert, um für die Mutter sorgen zu können, obwohl

dies ihren persönlichen Bedürfnissen widerspricht. Dieser Umstand führt neben der

Tatsache, dass Frau Kowalskas Mann noch länger auf seine Pensionierung warten

muss, als erwartet dazu, dass Frau Kowalska ihre Zukunft und Migration nach

Österreich, und somit auch ihre relative finanzielle Unabhängigkeit vom Ehemann

gefährdet sieht: „Aber jetzt ist mit meiner Mutter ist das passiert, und er muss noch

arbeiten zwei Jahre, und ich- weiß ich nicht, was soll ich machen“ [Z.59f].Frau

Kowalskas Lösungsansätze lassen sich nach Hunink und Röhlers (2005) in primäre

und sekundäre Kontrollstrategien unterteilen, mit denen sie versucht die

191


Mehrfachbelastung und die damit verbundenen Probleme subjektiv erträglich zu

machen. So arrangiert sich Frau Kowalska einerseits mit den Gegebenheiten, in dem

sie diese für sich schlüssig begründet (die Schwester hat familiäre und berufliche

Verpflichtungen, Bruder, Ehemann und Vater sind Männer) und naturalisiert, was als

sekundäre Kontrollstrategie interpretiert werden kann und versucht andererseits, als

primäre Kontrollstrategie die Situation anzupassen, in dem sie in Zukunft ihren

Arbeitsplatz in Österreich mit einer anderen Frau im Rad teilen will, um den sozialen

Anschluss und das Einkommen nicht ganz zu verlieren und somit ihre Autonomie zu

bewahren, auch wenn das bei ihren Arbeitgeberinnen anscheinend auf wenig

Gegenliebe stößt und insgesamt schwer planbar ist: „Na schauen wir einmal, wie

funktioniert. Ich probiere jetzt, wie funktioniert das, wenn nicht dann, dann keine

Ahnung“ [Z.84ff]. Auffallend dabei ist, dass Frau Kowalska die lösungszuständige

Person zu sein scheint, der als einziger Weg die Reduktion, wenn nicht sogar die

Aufgabe der Erwerbstätigkeit übrig bleibt, während die anderen AkteurInnen in ihren

Positionen verharren dürfen. Die Versorgung der Mutter, für die sich Frau Kowalska

zuständig erklärt, ist geprägt von einem traditionellen und tradierten Wertesystem,

das sich stark an der bereits oben beschriebenen Rolle der Frau als Mutter, Gattin

und Kulturträgerin und der Weitergabe dieser Werte von Mutter zur Tochter orientiert.

Dies zeigt sich zunächst darin, dass Frau Kowalska die Arbeit der Mutter in

Österreich übernahm, als diese gesundheitlich nicht mehr dazu in der Lage war,

andererseits die Verhaltensanweisungen der Mutter, wie Frau Kowalska nach dem

Tod der eigenen Tochter mit der Trauer umgehen sollte, befolgte, in dem sie

möglichst rasch wieder in ihre Alltag als Reinigungskraft in Österreich zurück kehrte

und schließlich die Verantwortlichkeit für die Pflege der Mutter zur Gänze allein zu

übernehmen bereit war, auch auf die Gefahr hin, dass die Umsetzbarkeit des

eigenen Lebensplanes nicht mehr oder nur mehr eingeschränkt gegeben ist. Frau

Kowalska maternalisiert somit nicht nur ihre familieninterne Arbeitsteilung, sondern

den gesamten Hausarbeitsbereich an sich.

Das Familienmodell der Kowalskis ist von der Grundkonzeption her vor allem im

Bereich sach- und personenbezogenener Versorgungsarbeit ein traditionalisierendes

und familiarisierendes, und durch die mangelnde soziale Absicherung Frau

Kowalskas gekennzeichnet, die eine in Zukunft mögliche finanzielle Abhängigkeit von

192


ihrem Mann impliziert, da spätestens ab dem Zeitpunkt, wo Frau Kowalska nicht

mehr arbeiten kann, keinerlei, beziehungsweise in Polen nur minimale Ansprüche auf

eine staatliche Unterstützung (Arbeitslose, Sozialhilfe, Pension, Krankengeld)

besteht. Die Versicherung ist eine private, die sie in Polen anscheinend unabhängig

von einer Beschäftigung abschließen kann- diese ist aber nach Frau Kowalskas

Schilderung äußerst unzureichend. Frau Kowalskas Plan, nach der Pensionierung

ihres Mannes zu zweit ganz in Österreich zu leben und legal, inklusive aller

Sozialleistungen zu arbeiten, ist als Versuch zu interpretieren, das eigene

Autonomie- und Unabhängigkeitsideal erreichen zu können. Die Lebensrealität Frau

Kowalskas entspricht diesem Unabhängigkeitsideal jedoch in keiner Weise. Zwar

verdient Frau Kowalska im Vergleich zu ihren finanziellen Möglichkeiten in Polen

relativ gut, sie ist allerdings vom Grad ihrer Beziehungen zu den Arbeitgeberinnen

abhängig und deren Willkür ausgeliefert, wie an dem Beispiel ihrer „Kündigung“

durch die Söhne ihres Arbeitgebers zu sehen ist: „Und ich war wirklich herzlich, mit

die Familie, und auf einmal sagen mich- „Wir brauchen dich nichts mehr?“ (Mhm)-

das ist nicht schön und nicht fair. [...] Ich habe keine Arbeitslose, wenn bin ich krank

muss ich alles zahlen, das muss ich nachdenken, wie, wie alles geht mit die Geld,

ja?“. Die Existenz in Österreich ist darüber hinaus sehr stark von den Bedürfnissen

der eigenen Familienangehörigen abhängig, zum Beispiel von der Krankheit ihrer

Mutter, eine Abhängigkeit, die stark von ihrem altruistisch naturalisierenden Zugang

zur Rolle der Frau innerhalb der Familie geprägt ist, der stark an die bürgerlichen

Hausfrauentugenden, wie sie von Kubes-Hoffmann (1993) und Weber-Kellermann

(1991) beschrieben wurden, wonach die Frau einend und uneigennützig für die

innere Harmonie der Familie durch Haus- und Beziehungsarbeit zuständig ist,

erinnert. Diese Faktoren, sowie weitere multiple Abhängigkeiten, wie zum Beispiel

die kurzfristig veränderten Pensionsbedingungen ihres Mannes, oder die Willkür der

Söhne ihrer „Nachfolgerin“, der diese ausgesetzt zu sein scheint, bewirken bei Frau

Kowalska eine ständige existenzielle Unsicherheit.

8.6.2.2. Beschaffenheit der Arrangements

Frau Kowalska arbeitet zurzeit für circa 15 Familien, jeweils wöchentlich, oder

14tägig, wobei sie ihre Arbeitszeit exklusive Fahrzeiten, auf etwa 40 Stunden pro

193


Woche festlegt. Sie erhält, beziehungsweise verlang acht Euro pro Stunde, die sie

nicht verhandelt. Die Fahrzeit wird nicht bezahlt, wobei das Pendeln von Haushalt zu

Haushalt oft sehr anstrengend ist und die Terminkoordination ein hohes

Organisationsmaß seitens der Reinigungskraft verlangt. Frau Kowalska legt auf ihre

Autonomie in der Entscheidung darüber, WAS jeweils in den Haushalten für Arbeiten

zu verrichten sind, großen Wert, wobei sich Frau Kowalska dennoch, in Rahmen der

von ihr erbrachten Dienstleistung, an den Bedürfnissen ihrer ArbeitgeberInnen und

an der Dringlichkeit der Erledigung orientiert. „[…] [Die ArbeitgeberInnen] brauchen

mich nichts sagen was muss ich machen. Ich weiß alles selber […]“ [Z180f]. Hier wird

Frau Kowalskas hohes Autonomieideal in Bezug auf ihre Arbeit offensichtlich,

vielleicht als Gegengewicht zu ihrer Abhängigkeit von den Arbeitgeberinnen, wobei

sie in ihrer Aussage ganz deutlich den Arbeitgeberinnen, in Bezug auf deren

Bedürfnis Frau Kowalska Anweisungen zu geben, eine Grenze setzt.Meist reinigt

Frau Kowalska mehrere Haushalte an einem Tag, was ihr ein hohes Maß an

Zeitmanagement abverlangt – „Also eine Mischung [im] Kopf (Lacht) aber ja, na ja,

das […] macht nichts“ [Z.259f]. Diese Art von Arrangement, das im Falle von Frau

Kowalska auch beinhaltet, dass sie selbst die Expertin für den jeweiligen Haushalt

ist, eventuell mehr über die Haushaltsführung weiß als die ArbeitgeberInnen selbst,

zeigt auch, dass Frau Kowalska als „Außenstehende“ Zugang in die Privatsphäre

ihrer ArbeitgeberInnen hat. Frau Kowalska identifiziert sich in hohem Maße mit ihrer

Tätigkeit als Reinigungskraft, betrachtet sie als zukunftsträchtigen Beruf- sie äußert

mehrmals den Wunsch nach einem Gewerbeschein als Reinigungskraft- und genießt

dem entsprechend auch den Expertinnen-Status, den ihr die zufriedenen KundInnen

verleihen. Frau Kowalska betont, dass ihr bei aller Beschwerlichkeit der Arbeit, die

Wertschätzung der Personen, für die sie arbeitet, sehr wichtig ist und sie für alle

Mühen entschädigt. Die Befragte beschreibt sich demnach als von ihrer Tätigkeit

nicht-entfremdet, da sie sich einerseits mit ihrer Tätigkeit identifizieren kann, sie in

Zusammenhang mit ihrer Lebenswelt steht, sie diese auch als Beruf betrachtet, und

zudem aus der Anerkennung ihrer Leistung durch die AuftraggeberInnen Selbstwert

schöpft. Dieser Professionalisierungsstrategie stehen jedoch Frau Kowalskas

weitaus dominantere Informalisierungstendenzen gegenüber. Diese reichen von

freundschaftlichem Austausch bis hin zur expliziten Familialisierung der gesamten

ArbeitgeberInnenschaft seitens Frau Kowalskas – sie bezeichnet ihre

194


ArbeitgeberInnen als FreundInnen - „[…] die Familien sind mit mir wie FREUNDE,

wirklich“ [Z.311f] - und fühlt sich oft als Teil der Familie: „ […] Familie wo ich gehe, die

wirklich, die akzeptieren mich SEHR, und das ist SEHR nette Leute, und wirklich fast

irgendwie Familie [...]“ [Z.42ff]. Die Arrangements mit ihren ArbeitgeberInnen

beziehungsweise KundInnen sind sehr emotional besetzt und wirken familialisierend.

Zum Teil pflegt Frau Kowalska auch über die Arbeit hinaus persönliche Kontakte. Ihr

Angebot einer Arbeitgeberin, die sich Frau Kowalska als Reinigungskraft nach dem

Tod ihres Mannes nicht mehr leisten konnte, auch unentgeltlich zu helfen, ist ein

Beispiel für die Informalität des Verhältnisses, aber auch für Frau Kowalskas

Selbstbild des eigenen Stellenwertes innerhalb der Familien, für die sie arbeitet. So

beschreibt Frau Kowalska die emotionale Anteilnahme der Familien an ihrem Leben,

ihr Gefühl des „gebraucht Werdens“, die „Treue“, die ihr die Familien auch während

einer großen emotionalen Krise gehalten hätten, sowie auch die stark psychisch

reinigende Wirkung ihrer Tätigkeit, im Gegensatz zur nicht sehr hilfreichen

psychologischen Behandlung. Diese Erzählungen sind durchsetzt von emotionalen

Bewertungen und Zuschreibungen: „[…] jede […] hat gesagt „Super, wenn […] du

wieder da [bist]“ […] das habe ich gut gemacht“ - „[...] sie, hat, hat sie gesagt- „Gott

sei Dank, das war eine Drama ohne dich, das war eine DRAMA. Große Dank, weil

bist du wieder da“ [...]“ [Z.309ff].

Frau Kowalska wendet auch hier maternalistische Deutungsmuster an, da sie sich

als Versorgerin der Familien betrachtet. Dies findet unter anderem darin Ausdruck,

dass das „Gefühl des Gebrauchtwerdens“ eines ihrer Hauptmotivationen zur Arbeit

als Reinigungskraft darstellt. Dieser Eindruck bestätigt sich auch durch Frau

Kowalskas Angebot an eine ehemalige Arbeitgeberin, ihre Dienste kostenlos zur

Verfügung zu stellen, als diese finanzielle wie emotionale Probleme bekommt. Des

Weiteren führt Thiessen (2008) an, dass es keine soziokulturellen Muster außerhalb

der familiären und privaten Räume gäbe, die hierarchische (Arbeits-)Verhältnisse

zwischen Frauen regeln würden. Dies führt dazu, dass die Arbeitgeberinnen immer

wieder kompensatorische Handlungen setzen, um mit ihrem Unbehagen fertig zu

werden. In Frau Kowalskas Fall könnte das hohe Maß an persönlicher Beratung und

Unterstützung seitens der Arbeitgeberinnen als Teil derartiger kompensatorischer

Handlungen gewertet werden. Auch hier greift wieder Thiessens Ansatz der

195


fehlenden soziokulturellen Muster. Die Vermischung aus Öffentlichem und Privatem,

die professionelle Delegation minderbewerteter Tätigkeiten von Frau zu Frau

innerhalb eines privaten Raums muss kompensiert werden. Einerseits vermeiden

nach Thiessen die Reinigungskräfte selbst abwertende Selbstzuschreibungen

(Putzfrau), andererseits wenden die Arbeitgeberinnen personenbezogene und nicht

tätigkeitsbezogenen Kriterien bei Auswahl und Bewertung der Hausarbeit an.

Kriterien, die zumindest im Fall von Frau Kowalska auch von dieser selbst

übernommen werden. Somit wird der Grad der Informalität, Emotionalität und

Loyalität zum Gradmesser der Fähigkeiten und Leistungen von Frau Kowalska.

Folgt frau/man Frau Kowalskas Erzählungen, zum Beispiel als Frau Kowalska die

Situation einer berufstätigen Frau beschreibt, die eine kranke Mutter hat: „JA, ja, ja

und sie hat auch eine Tochter, die Tochter wohnt in Krems, und natürlich sie hat, sie

arbeitet sehr viel Stunde pro Woche, hat keine Zeit für die Mutter, [...]“ [Z.143ff], so

wird die Notwendigkeit dieser Arbeitsteilung für beide Seiten, also die der

Arbeitgeberinnen, als auch die der Arbeitnehmerin deutlich, was Thiessens Theorie

der beidseitigen Alternativenlosigkeit stützt. Die Kritik jedoch, die Frau Kowalska an

anderen Frauen äußert, die ihrer Meinung nach nur aus einem Luxusgedanken

heraus eine Haushaltshilfe beschäftigen, deren Konsum also durch Frau Kowalska

als illegitim bewertet wird, oder die ihrer Rolle als Frau, Tochter oder Mutter nicht

nachkommen und denen Frau Kowalska in der Folge alles Illegitime die Haus- und

Versorgungsarbeit betreffend zuschreibt, verweist auf ihren Bezug zu naturalistischdeterministischen

Diskursen, welche die unegalitäre, geschlechtsspezifische

innerfamiliäre Arbeitsteilung der Familie Frau Kowalskas legitimieren.

Gleichzeitig deutet dieser Umstand auch darauf hin, dass sich Frau Kowalska in

diesen Kontexten als weniger „gebraucht“ und/oder entpersonifiziert empfindet. Frau

Kowalska verrichtet in den Haushalten alle traditionellen, sachbezogenen

Haushaltsarbeiten (Fenster putzen, Aufwischen, Reinigung der Böden und

Gegenstände, Bügeln, Waschen und so weiter) hat aber in der Vergangenheit immer

wieder auch personenbezogene Versorgungsarbeit geleistet, die über Einkaufen und

Kochen hinaus auch pflegerische Handlungen, wie Waschen der Personen,

Frisieren, Nägel schneiden, oder persönlichen Kontakt beinhaltete. Diese

196


Beschreibungen legen die Vermutung nahe, Frau Kowalskas Tätigkeiten sich,

ebenso wie Anderson (2006) argumentiert, nicht auf sachbezogene

Aufgabenbereiche beschränken, sondern relativ beliebig durch die ArbeitgeberInnen

ausgeweitet werden können. Frau Kowalska hat nach eigenen Angaben mehrfach

bei älteren Personen jeweils täglich, oder mehrmals pro Woche so lange diese

Tätigkeiten ausgeübt, bis die betreffenden Personen nicht mehr ohne 24-Stunden-

Pflege auskamen: „[...] Na, dann ich war auch bei einer alten Dame, das habe ich

gegangen jede Tag zu ihr, also Montag bis Sonntag, jede Tag und dass habe ich bei

ihr alles gemacht- einkaufen, Frühstück, dann später Mittag, zum Arzt gehen,

Apotheke, alles, also alles [...]“ [Z.130ff]. Die mehrfach an Frau Kowalska

herangetragenen Angebote die 24-Stunden-Pflege zu übernehmen, lehnte sie ab, da

sie sonst das Pendeln beziehungsweise die Versorgungsarbeit in ihrer eigenen

Familien in Polen nicht mehr leisten hätte können: „Sie hat, sie will mich, aber ich

habe gesagt, „Nein, ich muss fahren nach Polen, also mit mir, dass funktioniert

wirklich nicht“ [Z.140f]. An diesen Stellen wird besonders deutlich, wie sehr Frau

Kowalska, beziehungsweise ihre beruflichen Aspirationsmöglichkeiten durch die

Strukturen ihrer eigenen Familie gesteuert/gehemmt werden.

Trotz aller Informalisierung und Familialisierung wird die Machtverteilung zwischen

Frau Kowalska und ihren ArbeitgeberInnen an einem Beispiel besonders deutlich

sichtbar. Innerhalb dieser Familie wurde Frau Kowalska die 24-Stunden-Pflege eines

Familienmitgliedes angeboten, was sie, wie bereits beschrieben, aus ihren eigenen

Verpflichtungen heraus ablehnte, was schließlich zu ihrer fristlosen Entlassung

führte. Obwohl die Änderung der Anforderungen an die Versorgungsarbeit von der

Tochter des Pflegebedürftigen angekündigt waren, empfand Frau Kowalska

besonders die Fristlosigkeit ihrer Kündigung als erschütternd, willkürlich und

emotional schwer verstörend, persönlich kränkend, ja sogar demütigend. Ihr wurde

die eigene Abhängigkeit und das der Willkür der ArbeitgeberInnen ausgesetzt sein

bewusst; aber sie konfrontierte die betreffenden Personen auch mit ihrer

Existenzunsicherheit. Diese Konfrontation war stark geprägt von emotionalen

Zuschreibungen und einem stark negativ besetzten allegorischen Vergleich, der

gegenüber den Zuhörenden, die Empfindungen Frau Kowalska deutlich machen soll

und ein Hinweis auf die durch die Familialisierung stattfindende Konturlosigkeit des

197


Verhältnisses ist: „Und habe ich gesagt […]- „Weißt du was, hast du Herz? Ich bin

jetzt wie eine Mist […]! […] Ich kriege nichts, ich muss nachdenken, was soll ich

machen weiter machen, ja? Denn ich kriege nichts!“ [Z.492ff].

Aus den affektiven Aussagen Frau Kowalskas lässt sich schließen, dass jene zuvor

erwähnten Familialisierungsstrategien eigentlich präventiv gegen eine solche

Behandlung wirken sollen, in diesem Fall jedoch nicht griffen. Der Schlüssel als

Symbol des Vertrauens zwischen ArbeitgeberIn und Arbeitnehmerin spielte in diesem

Zusammenhang auch eine besonders große Rolle, was sich dadurch ausdrückt,

dass Frau Kowalska sich weigerte den Schlüssel jemand anderem zu geben, als

dem alten pflegebedürftigen Herren, welcher ihr ihn ursprünglich auch übergab.

Diese Szene ist symptomatisch für die Machtverhältnisse zwischen den

ProtagonistInnen des Konfliktes, wo existenzielle Abhängigkeit auf der einen Seite,

und die Verletzlichkeit der Privatsphäre auf der anderen Seite sichtbar werden.

Frau Kowalska begegnet dieser ambivalenten Situation nicht nur mit der indirekten

Zurschaustellung ihrer Macht über das private Umfeld der Familie, symbolisiert durch

den Besitz des Schlüssels, sondern auch mit persönlichen, vor allem die Frauen, in

diesem Fall die Tochter, betreffenden Bewertungen, die von Frau Kowalskas

traditionellem Rollenbild geprägt sind. Das heißt sie konstruiert das Bild der

„missratenen“ Tochter, welche ihren familiären Verpflichtungen nicht ausreichend

nachkommt, mehr noch- die Eltern interniert um sie von der fürsorglichen

Reinigungskraft fern zu halten. So wie in den Arbeitsverhältnissen zwischen Frauen

Konzepte für die Delegation der Arbeit fehlen, so fehlen anscheinend auch adäquate

Konfliktlösungsstrategien und Beendigungsszenarien. Für Frau Kowalska ist

einerseits nur Mangel an Geld, oder die Geburt eines Kindes ein legitimer

Kündigungsgrund, andererseits akzeptiert Frau Kowalska menschlich nur solche

Frauen als Arbeitgeberinnen, die ihrer Ansicht nach ihren

Versorgungsverpflichtungen nicht in vollem Maße nachkommen können, weil sie

berufstätig sind- also durch Sachzwänge dazu quasi gezwungen werden. Frauen, die

eine Haushaltshilfe beschäftigen, obwohl sie nach Frau Kowalskas Ansicht genug

Zeit für die Hausarbeit hätten, bewertet sie explizit negativ. Den Beschreibungen

Frau Kowalskas nach zu schließen, setzt sich ein Großteil ihrer KundInnen zurzeit

198


aus Familien zusammen, wo sowohl die Frau, als auch der Mann berufstätig sind

und diese Berufstätigkeit beider, beziehungsweise die der Frau das

Entscheidungskriterium zur Delegation von Hausarbeit darstellen, was der Theorie

von Haas (2003) entspricht, wonach viele Frauen die Hausarbeit delegieren, um sich

für ihre Berufstätigkeit „frei“ zu machen und dies als Erleichterung empfinden.

Frau Kowalska sieht sich selbst also in der Rolle der Unterstützerin, die doppelt

belasteten Frauen die Reproduktionsarbeit erleichtert, ein Selbstbild, das wie

Odierna (2000) in ihren Studien beschreiben hat, faktisch der Realität entspricht,

denn durch die doppelte Vergesellschaftung der Frauen innerhalb der

Erwerbsarbeitssphäre und der Reproduktionssphäre, stellt die Abgabe von

Hausarbeit an Dritte oft die einzige Lösungsstrategie dar, die Mehrfachbelastung

bewältigen zu können. Somit erhält Frau Kowalskas Positionierung innerhalb der

Machtstrukturen informeller Arbeitsverhältnisse eine Aufwertung, da die

Bewältigbarkeit der reproduktiven Arbeit für viele ArbeitgeberInnen von der

Delegation an eine Dritte, also Frau Kowalska, abhängig ist.

8.6.2.3. Ressourcenverteilung

Durch die Illegalität des Arbeitsverhältnisses und die Abhängigkeit von einzelnen

Familien, für die sie mehrfach wöchentlich personen- und sachbezogene Hausarbeit

durchführt, befindet sich Frau Kowalska nicht nur in einer finanziellen Prekarität, sie

geht auch ein persönlich hohes existenzielles und emotionales Risiko ein, Merkmale

einer „regressiven Individualisierung“. Dieser regressiven Individualisierung zu

entkommen, in dem sie sich sozial absichert, ist für Frau Kowalska ein wichtiges

Thema, mit dem sie sich intensiv beschäftigt, wobei sie stark zwischen dem Streben

danach Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu erhalten und der gleichzeitigen

Sorge, ihren finanziellen Verpflichtungen wegen der hohen Steuerbelastung nicht

mehr nachkommen zu können, sowie dem Wunsch nach Absicherung im

Krankheitsfall und im Alter, sowie der Angst davor, nicht mehr beschäftigt zu werden,

wenn sie als legale Reinigungskraft plötzlich mehr Geld verlangen müsse, schwankt.

Daran wird deutlich, dass die Entrechtlichung Frau Kowalskas als Folge ihrer

Migration, sowie die damit gesellschaftliche Positionierung und die Illegalität ihrer

199


Arbeit als Reinigungskraft nicht ihrer eigenen Identitätskonstruktion, ebenso wenig

ihrem diesbezüglichen Autonomie-Ideal entspricht. Im Gegenteil, Frau Kowalska lebt

gerne in Österreich und ihr Migrationsziel ist eindeutig definiert. Sie will ihren

Lebensstil, als identitätsstiftende Praxis, dem für sie „österreichischen“- im Sinne

eines vor allem ökonomischen Gefälles- angleichen und die

Partizipationsmöglichkeiten in Österreich durch (familialisierende) Assimilation für

sich erhöhen. Für Frau Kowalska stellt daher ein grundsätzliches Wissen über die

Arbeitsbedingungen in Österreich und österreichische Politik, eine wichtige

Ressource dar, um ihr Migrationsziel und den dafür notwendigen Lebensstandard zu

erreichen, wie Han in seiner Aufzählung der Ressourcen von MigrantInnen

beschreibt- „Der ökonomische Lebensstandard [in der Herkunftsgesellschaft legt]

den Preis [fest], für den sie zu arbeiten bereit sind […]. Dies bedeutet, dass je

niedriger der Lebensstandard in der Herkunftsgesellschaft war, sie um so eher bereit

sind, niedrigere Löhne zu akzeptieren“ [Vgl. Han (2005): S. 274].

Eine besonders wichtige Ressource stellt für Frau Kowalska ihre persönliche

Fähigkeit dar, ihre sozialen Kontakte zu nutzen, um ihre gesellschaftlichen

Partizipationschancen zu erhöhen. So hat sie von ihren Arbeitgeberinnen bereits

durch Sachleistungen (Möbel), aber auch durch individuelle Hilfestellung und

Beratung in rechtlichen oder organsatiorischen Dingen und Weiterempfehlung

profitiert. Im Gegenzug bietet Frau Kowalska ihre Loyalität und ihren

maternalistischen Zugang zu den Bedürfnissen ihrer ArbeitgeberInnen. Als weitere

soziale Ressource nutzt Frau Kowalska ihren eindeutig vorhandenen, und offenbar

auch guten Zugang zur polnischen Community in Wien. Obwohl der Begriff

Community in den Sozialwissenschaften mehrdeutig gebräuchlich ist, sei in diesem

Zusammenhang auf die auf die Definition nach Tönnies (2001) zurück gegriffen, der

unter Gemeinschaft eine soziale Gruppe von Menschen versteht, die gemeinsame

politische und ökonomische Interessen haben, gemeinsames Wissen oder Tätigkeit.

8.6.2.4. Ethnisierungsprozesse

Gleichzeitig ist die ethnische Community nicht nur einfache Ressource, sondern

auch ein identifikatorischer Raum, in dem sich die Zugehörigkeit und

200


Zusammengehörigkeit, also die kollektive an die eigenen Nation und Ethnie

gebundene Identität fühlen und leben lässt. [Anderson (2001)] Frau Kowalska hat an

dieser Community teil und stärkt ihre persönliche Identität an dieser Teilhabe, indem

sie immer wieder die Gruppe der PolInnen in Wien und ihre eigene polinische

Herkunft thematisiert. Außerdem verschafft sich Frau Kowalska durch ihre

Zugehörigkeit per Selbstethnisierung Zugang zu rechtlichen Ressourcen, etwa in

dem sie einen Anwalt der die Anliegen der Gruppe unterstützt um Rat bittet – „[…] er

ist richtig Anwalt, aber er, er hilft für die polnische Leute“ [Z.327]. Frau Kowalska

betont darüber hinaus die umgestaltenden Handlungspotentiale der polnischen

Community in Wien, kritisiert in diesem Zusammenhang aber auch die restriktive

Migrationspolitik Österreichs- „Nur, ich verstehe nicht die Politiker da, warum – die

alle wissen wenn hier sind sehr viele Polen, SEHR VIELE offiziell, […] aber viele ist

auch nichts offiziell, […] und viele […] will normal arbeiten, ja?“ [Z.580ff]. Durch Frau

Kowalskas Selbstethnisierungsprozess als Teil einer polnischen Community in Wien

wird sie Teil einer rechtlich benachteiligten Gruppe, welche aber auch unter

Umständen als „Preasure Group“ auftreten könnte, um die eigenen politischen Ziele

umzusetzen [Vgl. Auernheimer, G. (1999) in Klinke, S. (2005)].

Frau Kowalska identifiziert sich stark mit ihrer, der Selbstzuschreibung nach eigenen

Ethnie, vor allem mit jener der PolInnen in Wien. Diese Identifikation ist geprägt von

einem Wir-Identitätsgefühl und dem Empfinden von Gruppensolidarität, wie nach

Gingrich (1998) [In: Kronsteiner, R. (2008)] in ethnisch-kulturell homogenen

MigrantInnengruppen als Gegenpol zu den Zuschreibungen der privilegierten

Mehrheitsgesellschaft entstehen. Auffallend ist dabei, dass sich diese kollektive

Identität und Selbstethnisierung Frau Kowaskas in Abgrenzung von anderen Ethnien

und in Annäherung zur österreichischen Gesellschaft konstruiert. Andere Gruppen

von ArbeitsmigrantInnen kommen in ihrem Bezugssystem nicht vor, die Zukunft der

polnischen Gruppe in Österreich jedoch liegt Frau Kowalska generell am Herzen, so

betont sie, dass sie nicht verstehe, dass die PolInnen nicht bereits offenen Zugang

zum Arbeitsmarkt hätten, sondern erst 2012. Dieser Wunsch nach Angleichung der

eigenen Ethnie, an die Aufnahmegesellschaft verdeutlicht sehr gut die von Sökefeld

beschriebene Problematik von MigrantInnen, die als Fremde in einer Gesellschaft

trotz geografischer Anwesenheit gesellschaftlich und systemisch exkludiert sind und

201


somit Inklusion in die Gesellschaft nur durch kulturelle Assimilation möglich ist. Diese

Selbstethnisierung zeichnet sich durch einen anscheinend, zumindest innerlich

bereits abgeschlossenen Migrationsprozess, beziehungsweise der Überwindung der

damit verbundenen bewältigten Vereinzelung, wie sie bei Kronsteiner (2008)

beschrieben wird, also die Entstehung einer transnationalen Identität aus. Frau

Kowalska scheint in der Phase der Neuorientierung zu sein, die gleichzeitig den

Abschluss des Migrationsprozesses bedeutet. Sie hat ihre Identität neu formiert und

sich mit der Aufnahmegesellschaft, beziehungsweise durch Binnenintegration in die

polnische Community mit einem Leben in „Wien“ identifiziert. Daraus bezieht Frau

Kowalska Sicherheit und Kontinuität [Vgl. Kronsteiner, R. (2008)], gleichzeitig fühlt

sie sich in Polen eher fremd und bewertet ihr Herkunftsland durchwegs negativ:

„Also, die Freunde habe ich hier, die Schwester ist da und, und, ja, mir gefallt [es]

hier [...] [das] Leben viel besser [als] in Polen“ [Z.616f], „[...] muss ich sagen: Ich

habe viel mehr Freunde hier in Wien, wie in Polen. (Mhm) Das ist so (Mhm). Ja“

[Z.203ff].

Zu dieser Inklusion gehört in diesem Fall anscheinend auch die Exklusion anderer,

ebenfalls vom österreichischen Bezugssystem Ausgeschlossenen, welche Frau

Kowalska in der Gruppe der AsylwerberInnen findet, die sie als „das österreichische

Sozialsystem-ausnützende SchmarotzerInnen“ beschreibt, die für ihre bloße

Anwesenheit auch noch Geld bekommen- „Schauen Sie: so viele Neger, hat sie für

Neger die Grenze aufgemacht, ja? […] Sie [dürfen] nichts arbeiten, wenn sie wartet,

das ist die Asyl […] und die kriegen zehn Euro pro Kopf“ [Z.583ff]. Frau Kowalska

betrachtet die Gruppe der PolInnen, welcher sie sich selbst zugehörig fühlt, und jene

der AsylweberInnen in marktwirtschaftlicher Konkurrenz zu einander, was die Gunst

der österreichischen Aufnahmegesellschaft betrifft. Dabei argumentiert sie entlang

rassistischer Konnotationen- das Unzulässige, das Faulsein wird dabei den

AsylwerberInnen zugeschrieben, das sozial Erwünschte, der Fleiß, der eigenen

Gruppe- schreibt den Unterschied aber an der Hautpigmentierung fest, was

impliziert, dass die Eigenschaften, die den „Negern“ als naturgegeben zugeschrieben

werden, nicht mehr änderbar sind [Jäger (1996)]. Es schwingt dabei auch Kritik an

der österreichischen Asyl- und Migrationspolitik mit, welche den rechtlichen Status

von MigrantInnen und AsylwerberInnen nach Kriterien vergibt, die Frau Kowalska

202


offenbar nicht verständlich sind und ihrem persönlichen Klassifikationssystem

anscheinend widersprechen. Frau Kowalska definiert sich also bereits soweit als Teil

der Aufnahmegesellschaft, dass sie sich dazu aufgerufen fühlt, den Umgang der

Politik mit MigrantInnen sowohl aus der Außensicht einer Migrantin, als aus der

Innensicht einer zum System gehörenden Person zu bewerten. Im Zuge des

Konfliktes mit der bereits oben beschrieben Familie, die das Arbeitsverhältnis mit

Frau Kowalska in ihrer Wahrnehmung ungerechtfertigt und plötzlich beendet hat,

bringt Frau Kowalska ihrerseits antijudaistische Konnotationen ins Spiel. In dem

Versuch ihre positivistische Selbstdefinition ihrer Rolle als Hausarbeiterin nicht zu

verlieren, konstruiert Frau Kowalska die negative Andersartigkeit dieser Familie in

deren ethnisch-religiöser Zugehörigkeit. Sie orientiert sich dabei an Diskursen,

welche einerseits die historisch erzwungenen sozialen Sonderstellungen der

JüdInnen, welche deren enge Verbindung mit der Durchsetzung der kapitalistischen

Gesellschaft betonen, andererseits JüdInnen als unsozial und faul stilisierenantisemitische

Zuschreibungen die in der Vergangenheit in Völkervernichtung und

Deportation mündeten. So wollte sich Frau Kowalaska offenbar Geld zur Erlangung

des ersehnten Gewerbescheins von der Familie borgen, ein Versuch der fehl schlug

weshalb sie JüdInnen als geizig betrachtet, andererseits kritisiert sie eben deren

Wohlstand. Sökefeld beschreibt in seiner sozialkonstruktivistischen Kritik die

Klassifizierung von Kultur als etwas Gewachsenes, über Generationen weiter

Gegebenes, das sich auf Grund dieser Festgeschriebenheit nicht in eine andere

Kultur integrieren lässt.

Diese Klassifizierung lässt sich in den Aussagen Frau Kowalskas wieder finden,

wenn sie die Gruppe der JüdInnen, als geizig, faul, elitär, illegitim gut situiert,

irrational an Traditionen und Religion festhaltend beschreibt: „Jetzt nach der Zeit, ich

denke die JUDEN sind ganz andere Mensch[en] […]“ [Z.475f], „[…]Juden ist Juden,

ja? […]“ [Z.534]. JüdInnen werden nach ansicht Frau Kowalskas also durch ihre

irrationalen Traditionen und mystischen religiösen Bräuche determiniert, während

jene Gruppe, der sich Frau Kowalska selbst zugehörig fühlt und in die sie auch ihre

sonstigen AuftraggeberInnen in Abgrenzung zu den JüdInnen inkludiert, als rational

und aufgeklärt charakterisiert wird. Obwohl der alte Mann für den Frau Kowalska

eigentlich gearbeitet hat, selbst aus Polen stammte wiegt in der Sicht Frau

203


Kowalskas die primordial [Vgl. Sökefeld, M. (2007)] festgelegte rassische und

religiöse Zugehörigkeit zum Judentum mehr, als die Zugehörigkeit zur eigenen

polnischen Ethnie.

8.7. Differenzen zwischen den Arbeitnehmerinnen

Obwohl beide Arbeitnehmerinnen seit gut einem Jahrzehnt zumindest teilweise in

Österreich leben, haben beide unterschiedliche Migrationsziele. Frau Kowalska

möchte in Österreich bleiben, perspektivisch in den nächsten Jahren, sobald ihr

Mann in Pension ist, ganz in Österreich leben und hier eine legale berufliche

Existenz aufbauen. Frau Wojicik hingegen plant die völlige Rückkehr nach Polen und

sieht ihren Aufenthalt in Österreich als ökonomisch sinnvollste Möglichkeit an, sich in

Polen eine Existenz zu schaffen. Frau Kowalska sieht in der Reinigungstätigkeit

einen zukunftsträchtigen Job, den sie gerne selbständig und legal ausüben möchte

und wo sie gut verdienen kann. Frau Wojcik hingegen sieht in dieser Tätigkeit keine

Zukunft. Sie studiert in Polen Ökonomie und möchte im Anschluss an das Studium

eine passende Arbeit in Polen finden.

Frau Wojcik scheint keine Unsicherheiten in Bezug auf ihre soziale Absicherung zu

haben, Frau Kowalska hat diese aber sehr wohl. Sie beschreibt mehrfach

ausführlich, dass sie in Österreich nicht versichert sei, zwar in Polen privat

selbstversichert, aber nur in sehr geringem Maße, und dass sie keinen Pensionsoder

Arbeitslosengeldanspruch habe. Dieser Umstand beschäftigt Frau Kowalska

sehr und dies ist auch Teil ihrer Zukunftsängste/-pläne. Frau Wojcik hingegen

erwähnt zwar, dass sie die Wahl über ihr Studium und ihre jetzige Arbeit in Österreich

aus ökonomischen/zweckrationalen Gründen getroffen hat, aber sie äußert keine

Sorgen darüber, wie sie in Zukunft finanziell abgesichert ist.Ebenso unterschiedlich

wie die Migrationsziele, lassen sich die Anfangsgeschichten der beiden Frauen als

Reinigungskräfte in Wiener Privathaushalten beschreiben. Frau Wojcik kam gezielt,

aber ohne bereits vorhandene familiäre Kontakte nach Österreich und musste sich

204


ihren Einstieg in das Reinigungsgeschäft von einer anderen Frau, die sie aus der

polnischen Community kannte, erkaufen. Frau Kowalska hingegen trat die Nachfolge

ihrer Mutter an, die bereits jahrelang in Österreich gearbeitet hatte und übernahm

von ihr die Arbeitskontakte. Frau Wojcik erzählte, dass sie gleich zu Beginn ihres

Aufenthaltes in Österreich bewusst und gezielt einen Deutschkurs besuchte,

während Frau Kowalska dies nicht erwähnt. Entweder hat sie durch ihre Mutter oder

andere Faktoren bereits über Deutschkenntnisse verfügt und/oder das Erlernen der

Sprache als Assimilationsfaktor hat für sie nicht den gleichen Stellenwert, wie für

Frau Wojcik. Was für Frau Wojcik das Erlernen der Sprache als Investition in ihre

Assimilation ist, ist für Frau Kowalska die durch sie betriebene Familialisierung der

Arbeitsverhältnisse.

In diesem Kontext wird offensichtlich, dass beide Frauen unterschiedliche

Assimilationsstrategien in der Aufnahmegesellschaft entwickelt haben. Frau

Kowalska fühlt sich bereits soweit in Österreich integriert beziehungsweise hat die

österreichische Gesellschaft in ihre Identität soweit integriert, dass sie Kritik am

gesellschaftlichen und politischen System äußert und populistische Ideologien

politischer Meinungsmacher vertritt. Sie würde gerne das System der

österreichischen Aufnahmegesellschaft hinsichtlich der Migrationspolitik verändern,

am besten so, dass sie bei der Legalisierung ihrer Existenzgrundlage unterstützt

würde. Frau Wojcik hingegen äußert keinerlei politischer Statements und spricht

generell sehr wertneutral über Österreich. Der Kontakt zu polnischen Community ist

zwar bei beiden vorhanden, Frau Kowalska nützt diesen jedoch durchaus auch

offiziell in dem sie sich juristischen Rat von einem Spezialisten einholt, währende

Frau Wojcik im Zusammenhang mit der Community nur informelle Kontakte

beschreibt.

Die Art der Arbeitsleistung als Hausarbeiterin unterscheidet sich im Punkt

personenbezogener Dienstleistungen. Während Frau Kowalska sehr wohl auch

Pflegedienste und personenbezogene Versorgungsarbeit leistet und geleistet hat,

distanziert sich Frau Wojcik klar davon und lehnt Form dieser Tätigkeit weitgehend

ab. Frau Wojciks Bezug zu ihren ArbeitgeberInnen ist distanziert und eher

205


professionalisiert, sie versteht ihre Tätigkeit als Arbeit, die sie nach Dienstschluss

aber auch nicht weiter beschäftigt. Frau Wojcik identifiziert sich demnach nicht mit

ihrer Tätigkeit als Reinigungskraft, der Bezug von Frau Kowalska hingegen ist ein

betont freundschaftlicher informeller, zum Großteil auch familialisierend. Frau

Kowalska beurteilt die KundInnen nach deren vermeintlichen Eigenschaften und

Charakteren, ihre Aussagen sind emotional und personenbezogen. Die wenigen

Beschreibungen seitens Frau Wojciks sind jedoch in eher sehr sachlich. Dort wo sie

kategorisiert, relativiert sie ihre Meinung später als subjektiv gefärbt. Frau Kowalska

ethnisiert immer wieder sich selbst, aber auch andere „Gruppen“ (AsylwerberInnen,

JüdInnen), sie schreibt anderen angeblich naturgegebene Eigenschaften zu, die

durch deren Herkunft und Hautpigmentierung, oder Religion begründet sind. Frau

Wojcik enthält sich im Unterschied dazu aller Ethnisierungen, sie bewertet und

beschreibt viel weniger und dort wo sie es tut, relativiert sie ihre Aussagen später. Ein

weiterer Gegensatz zwischen den beiden interviewten Arbeitnehmerinnen ist der

Umgang mit Konflikten, oder Unzufriedenheiten mit ArbeitgerInnen. Frau Wojcik zieht

es vor nichts zu sagen und anschließend einfach nicht mehr zum Arbeitsplatz zu

kommen. Sie vermeidet offene Konflikte, gibt sich sehr dienstbar und beflissen,

macht, was ihr gesagt wird, auch wenn sie sich insgeheim wundert. Frau Kowalska

konfrontiert die ArbeitgeberInnen jedoch mit ihrem Ärger und ihrem Frust, stellt sich

dem Konflikt und fordert für sich auch faktische Wertschätzung im Umgang mit ihrer

Person, aber auch in Hinblick auf ihre Souveränität in der Auswahl dessen, was

jeweils in einem Haushalt zu machen ist.

8.8. Gegenüberstellung von Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen

8.8.1. Familienmodelle

Alle drei interviewten Arbeitgeberinnen sind berufstätig, Frau Bauer und Frau Huber

seit langem in Vollzeitbeschäftigung und entsprechen daher dem

DoppelverdienerInnenmodell. Alle drei sind verheiratet, leben also ein christlichtraditionelles

Modell, beziehungsweise Familienkonzept. Auch beide

206


Reinigungskräfte sind verheiratet und leben ein traditionelles heterosexuelles

Familienmodell. Sowohl im Falle Frau Kowalskas, als auch bei Frau Wojcik befinden

sich die Ehemänner dauerhaft in Polen, welche dort einer regulären/legalen

Vollzeitbeschäftigung nachgehen, die Frauen leben daher ebenso wie die

Arbeitgeberinnen ein Familienmodell, das von einer Vollzeittätigkeit des Mannes und

einer langen Teilzeittätigkeit der Frau gekennzeichnet ist. Die interviewten

Reinigungskräfte stammen beide aus Polen, und pendeln seit etwa neun bis zehn

Jahren nach Wien- sie sind somit als zirkuläre Migrantinnen zu bezeichnen. Diese

kurzfristigen Aufenthalte beschreiben beide als „Arbeitswochen“, in denen sie etwa

vierzig Stunden pro Woche mehrere Haushalte täglich reinigen. In beiden Fällen

werden die Anfahrtszeiten durch die ArbeitgeberInnen nicht berechnet.

Die Organisation und diesbezügliche Logistik findet in Abstimmung mit den

Bedürfnissen der ArbeitgeberInnen statt, obliegt aber letztendlich den

Reinigungskräften selbst, welche sie im Kontext ihrer vor allem innerfamiliären

Versorgungstätigkeiten vollbringen. Dies erfordert ein hohes Maß an Zeit- und

Selbstmanagement seitens der Reinigungskräfte. Die Arbeitnehmerinnen befinden

sich beide in einer Art Existenzgründungsphase, wobei sie stets die Bedürfnisse ihrer

Männer oder ihrer Familie zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen. Die

Familienstrukturen von Frau Kowalska und Frau Wojcik sind darüber hinaus durch

starke matrilineare Versorgungsketten gekennzeichnet, wobei sie ihre jeweiligen

Mütter in unterschiedlicher Weise versorgen. Die Arbeitnehmerinnen sind daher in

mehr als nur zweifacher Hinsicht belastet, die Arbeitgeberinnen delegieren einen Teil

ihrer zwei- bis dreifach Belastung.

Was die jeweilige geschlechtsspezifische Hausarbeitsteilung angeht, so ist diese in

allen Fällen, also sowohl bei Arbeitgeberinnen, als auch bei Arbeitnehmerinnen nicht

egalitär verteilt, wobei die drei Arbeitgeberinnen Teile der Hausarbeit delegieren, die

Arbeitgeberinnen das Gros der paarinternen Hausarbeit selbst leisten. Im Gegensatz

zu den interviewten Arbeitgeberinnen steht diese ungleiche Aufteilung jedoch nicht in

Diskrepanz zum jeweiligen Autonomie-Ideal. Frau Bauer und Frau Huber

beschäftigen schon seit langem Reinigungskräfte, wobei alle befragten Frauen, also

auch Frau Müller die Beschäftigung der Reinigungskräfte nicht mit karrierefördernden

207


Faktoren in Verbindung bringen, das heißt keine der Frauen ist der Ansicht, dass

ihnen die gewonnene Zeit ihrem beruflichen Fortkommen Vorteile bringt.

In der Gegenüberstellung der interviewten Personen wird also sichtbar, dass alle

Frauen sich innerhalb der Strukturen des traditionellen Geschlechterregimes

befinden und die Versorgungsarbeit innerhalb der Familien in der einen oder anderen

Weise ausführen oder organisieren. Die Delegation der Hausarbeit an andere Frauen

verändert die prinzipiell geschlechtsspezifische Verteilung der Hausarbeit also

genauso wenig, wie es der bessere Zugang zum Arbeitsmarkt, oder zu sozialen

Ressourcen tut. Der wesentliche Unterschied ist nur, ob eine Frau einen Teil der

Arbeit delegieren kann und ob die Hausarbeit bezahlt oder unbezahlt verrichtet wird.

8.8.2. Beschaffenheit der Arrangements

Frau Wojcik und Frau Kowalska empfinden beide ihre Tätigkeit als Reinigungskraft

als „natürlich“, da sie die Feminisierung der Hausarbeit generell zu naturalisieren

neigen, sich die Verantwortung für die Hausarbeit also selbst zuschreiben, eine

Abwertung per se findet jedoch ihrerseits nicht statt. Was die konkrete Ausgestaltung

ihrer Tätigkeiten betrifft, so ist in beiden Fällen zumindest rhetorisch von einem relativ

hohen Autonomieideal zu sprechen, wobei dies aufgrund der ungünstigen

Ressourcenverteilung im Verhältnis zu den ArbeitgeberInnen nicht immer

durchsetzbar zu sein scheint. Beide orientieren sich dabei an den Bedürfnissen der

ArbeitgeberInnen, wobei sie dieses Wissen eher durch empathische Deutungen

ihrerseits, denn durch konkrete Kommunikate seitens der AuftraggeberInnen

erhalten. Ebenso wie die ArbeitgeberInnen wenden auch sie vielfältige

Informalisierungsstrategien an, um sich dem privaten Arbeitsumfeld anzugleichen,

beziehungsweise selbst ein Teil davon zu werden. So ist es wenig verwunderlich,

dass auch etwaige Zusatzaufgaben, welche nichts mit klassischen

Reinigungstätigkeiten zu tun haben, von ihnen übernommen werden.

Alle von uns befragten Arbeitgeberinnen wenden ebenso Informalisierungsstrategien

an, um ihr Unwohlsein, dass Fremde in ihr privates Umfeld „eindringen“ zu

kompensieren. Dies Strategien reichen vom „Duzen“ bis hin zu stark emotionalen,

208


ei Frau Bauer auch familialisierenden Zuschreibungen und Bewertungen der

Persönlichkeiten der Reinigungskräfte, deren individuelle Eigenschaften zu

Beschäftigungskriterien und deren Frau-sein scheinbar naturgegeben bereits die

Fähigkeiten, die sie als Reinigungskräfte brauchen, besitzen. Gemeinsam ist allen

drei Arbeitgeberinnen auch, dass sie von ihren Reinigungskräften ein gewisses Maß

an Freundschaftlichkeit und Offenheit erwarten. Sowohl Frau Bauer als auch Frau

Huber ziehen es vor ihre Reinigungskräfte über lange Zeiträume hinweg zu

beschäftigen und betrachten sich selbst als tolerant, oder großzügig im Umgang mit

den diversen „Mängeln“ der Arbeitnehmerinnen.

Die Arbeitgeberinnen haben sehr ähnliche Strukturen der Delegation der Hausarbeit

entwickelt. So ziehen sie es alle vor, während der Anwesenheit ihrer

Reinigungskräfte möglichst selbst zu Hause zu sein. Die Kommunikation läuft über

Zettel, also nicht direkt, sondern indirekt und Zeit versetzt ab. Diese

Gemeinsamkeiten beschreiben bei allen befragten Frauen deren Strategien ihr

Unwohlsein über die Abgabe von Hausarbeit, für die sie sich alle verantwortlich

fühlen, zu kompensieren. Dabei werden die Reinigungskräfte entpersonifiziert. Alle

drei betonen die Wichtigkeit der Qualität der Leistung, wobei alle drei ihre

persönlichen Wertesysteme in Bezug auf Sauberkeit und eigene Leistung in die

Argumentation einfließen lassen. Hausarbeit ist vor allem für Frau Bauer und Frau

Huber, aber auch für Frau Müller eine ungeliebte Tätigkeit, die sie selbst minder

bewerten. Neben dem anscheinend grundsätzlich vereinbarten Tätigkeitsumfang,

haben die jeweiligen Reinigungskräfte zusätzlich speziellen Wünschen der

Arbeitgeberinnen nachzukommen. Auch hier wird einerseits die

Eigenverantwortlichkeit der Reinigungskräfte sichtbar, andererseits die

Beurteilungsmacht der Arbeitgeberinnen. Kommt es zu Konflikten mit

ArbeitgeberInnen, so verorten beide Reinigungskräfte diese in der ungerechten

Behandlung durch diese. Hauptaugenmerk dieser empfundenen Ungerechtigkeiten

sind die Entpersonifizierungstendenzen seitens der AuftraggeberInnen, also etwa die

mangelnde Interaktion mit den Reinigungskräften, oder aber die Auffassung, diese

seien als Humanressourcen frei verfüg- und auch ersetzbar. Verweigern die

ArbeitgeberInnen den beiden Frauen also durch ihre eigenen

Kompensationsstrategien die Einnahme der üblichen informalisierenden Rollen

209


innerhalb des Beschäftigungsverhältnisses, so nehmen sie den Reinigungskräften

die Chance zur Kompensation, was letztlich zu Spannungen führt.

In der Gegenüberstellung aller Interviews wird sichtbar, dass sich komplexe

Machtstrukturen und Abhängigkeitsverhältnisse in den Arrangements zwischen

Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen entwickeln. So führt die ökonomische

Notwendigkeit und der naturalisierende Zugang der Migrantinnen zur Hausarbeit

dazu, Hausarbeit in privaten Haushalten zu übernehmen, wo sie aufgrund des

spezifischen Charakters des Arbeitsplatzes sehr distanzlose, informalisierende bis

hin zu familialisierenden und emotional aufgeladene Arrangements eingehen, in

denen sie als dienstbare „Wesen“ den Anforderungen der Arbeitgeberinnen genügen,

dabei nach Auffassung der Arbeitgeberinnen familiär denkend, aber selbständig und

autonom agieren sollen. Seitens der delegierenden Arbeitgeberinnen steckt hinter

dieser Informalisierung eine Strategie um das Unwohlsein mit dem Eindringen des

Fremden in das Private zu kompensieren. Gleichzeitig führt jedoch die betriebene

Feminisierung der Hausarbeit zu unangenehmen Gefühlen bei der Delegation

derselben, wobei die Arbeitgeberinnen zwischen ihrem eigenen Autonomieideal und

ihrem Verantwortungsgefühl, was die Versorgungsarbeit betrifft, schwanken. Die

Folge daraus ist eine eigenartige Ambivalenz aus informeller Distanzlosigkeit bei

gleichzeitiger kommunikativer Distanz und Entpersonifizierung der Reinigungskräfte.

Die Machtstrukturen zwischen den Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen sind

also von den jeweils eigenen Autonomieidealen und Feminisierungstendenzen

genauso abhängig, wie vom Grad der Informalisierung des Arrangements.

8.8.3. Ressourcenverteilung

Die Arbeitnehmerinnen sind aufgrund der Informalität und der Illegalität der

Arbeitsverhältnisse in Österreich weder sozial-, noch pensionsversichert, geschweige

denn arbeitsrechtlich abgesichert. Die Partizipationschancen an staatlichen

Versorgungsleistungen und die Arbeitsmarktsituation ihrer Herkunftsgesellschaft in

Polen beschreiben die beiden Reinigungskräfte als trist bis aussichtslos, was in

beiden Fällen wohl das ursprüngliche Migrationsmotiv darstellt. Das aus der

Reinigungstätigkeit gewonnene Gehalt stellt in beiden Fällen die wesentliche

210


Ressource zur Existenzsicherung und -gründung dar, welche aber vom Wohlwollen

und der Willkür der ArbeitgeberInnen abhängig ist. Sowohl Frau Bauer, als auch Frau

Huber und Frau Müller legen selbst die Höhe des Entgeltes für die Hausarbeit fest

und entscheiden über zusätzliche Zuwendungen, seien es Geschenke oder auch

Geld, unter den Reinigungskräften fordert aber Frau Kowalska ihren selbst

festgelegten Grundlohn ein. Somit sind Frau Kowalska und Frau Wojcik in ihrer

Lebensrealität einer beständigen Existenzunsicherheit ausgesetzt, welche sich

zudem aus der mangelnden wohlfahrtsstaatlichen Absicherung durch die Illegalität

des Beschäftigungsverhältnisses und dem rechtlichen Status als Migrantinnen speist.

Die Arbeitgeberinnen haben aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit unbeschränkten

Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt und voll soziale Absicherung. Frau Huber

und Frau Bauer befinden sich beide in Führungspositionen mit entsprechenden

Gehältern und sind dadurch materiell unabhängig von ihren Männern, Frau Müller

partizipiert aufgrund ihrer Krankheit am österreichischen Sozialsystem. Alle drei

Frauen haben somit eine materielle Absicherung und eine zumindest nicht

vordergründig sichtbare materielle Abhängigkeit von anderen Personen.

In allen Fällen, also sowohl bei den Arbeitgeberinnen, als auch bei den

Arbeitnehmerinnen stammen die Arbeitskontakte aus dem privaten Umfeld und

werden innerhalb dieses Netzes auch weiter empfohlen. Da die Familien der

Arbeitgeberinnen miteinander vernetzt sind und die Reinigungskräfte sich innerhalb

dieser Netzwerke bewegen, entsteht eine potenziell große, weitere Abhängigkeit der

Arbeitnehmerinnen. Frau Kowalska und Frau Wojcik betrachten sich jedoch selbst

als in stabilen und sicheren Netzwerken von ArbeitgeberInnen, verlassen sich

großteils auf die „Loyalität“ der ArbeitgeberInnen, wo sie sich ihre Arbeitsplätze selbst

aussuchen können. Der unsichere rechtliche Status der Reinigungskräfte spiegelt

sich in der Eingangsphase ihrer Arbeit als Reinigungskräfte wieder, wobei sie aus

unterschiedlichen Gründen einen Teil des übernommenen KundInnenstamms

verloren. Dies liegt zum anderen in der Beschaffenheit der Arrangements begründet,

welche eher persönlich-informelle Beschäftigungskriterien seitens der

AuftraggeberInnen in den Vordergrund stellen, anstatt sachbezogene und

leistungsrelevante, wodurch ein starker Personenbezug entsteht. Ein Wechsel ist

211


demnach nicht immer erfolgreich und braucht in jedem Fall eine gewisse

Eingewöhnungsphase, um als Beschäftigungsverhältnis weiter Bestand zu haben.

Sowohl Frau Bauer, als auch Frau Müller und Frau Huber betrachten die Tätigkeit der

Hausarbeiterinnen als Dienstleistungen in einem informellen, ja sogar

freundschaftlichen Kontext und nicht als Arbeitsverhältnis, oder sich selbst als

Arbeitgeberinnen- viel eher sind sie deren „Kundinnen“. Die Reinigungskräfte werden

als Humanressource betrachtet, wobei jede der Befragten davon ausgeht, dass die

beschäftigten Hausarbeiterinnen keine andere Wahl haben, als die Tätigkeit einer

Reinigungskraft anzunehmen, da sie angeblich arm und besitzlos sind. In diesem

Zusammenhang begreifen sich die drei Arbeitgeberinnen als Besitzende, die Zugang

zu den Ressourcen des Staates haben, also durch ihre StaatsbürgerInnenschaft zu

den Privilegierten und Besitzenden gehören, die die unterprivilegierten und

defizitären Reinigungskräfte unterstützen, indem sie ihnen Arbeit geben. In diesem

Zusammenhang ethnisieren alle drei Befragten die von ihnen illegal beschäftigten

Reinigungskräfte und bringen sie mit schwammigen, opferorientierten Zuordnungen

in Verbindung.

In der Gegenüberstellung der Interviews wird somit sichtbar, dass vor allem der

Zugang zu sozialen Versicherungsleistungen jeglicher Art, mehr noch als die

Zusammensetzung und Ausverhandlung des Honorars, eine wesentliche Ressource

für alle beteiligten Frauen darstellt und das (Macht- und Abhängigkeits-)Verhältnis

von Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmerinnen wesentlich prägt. Weiters ist

feststellbar, dass die innerhalb des sozialen Bezugrahmens der Arbeitgeberinnen

stattfindende Weitergabe und Weiterempfehlung der Arbeitsplätze eine wesentliche

Ressource für beide Seiten darstellt, wobei dies weitere potenzielle Abhängigkeiten

für die Arbeitnehmerinnen erzeugt. Die Arbeitgeberinnen sind sich bei allem

Unwohlsein, ihrer durch Privilegien der Besitzenden (durch Staatszugehörigkeit und

sozialem Status) Machtposition wohl bewusst. Um diese Machtdiskrepanz, die unter

Frauen im privaten Kontext nicht üblich ist zu begründen, werden

Ethnisierungsstrategien angewendet, um die Ungleichheit vermeintlich sozial

erwünscht zu begründen.

212


8.8.4. Ethnisierungsprozesse

Keine der drei Arbeitgeberinnen verfügt über explizites Bewusstsein darüber, dass es

sich bei der Beschäftigung der Reinigungskräfte um einen illegalen Akt handelt. Sie

sehen sich als Hilfestellerinnen und Unterstützerinnen genauso, wie auch als

Kontaktpunkte der Reinigungskräfte in die österreichische Gesellschaft. Dabei

definieren sie sich selbst als typische Österreicherinnen mit der Fähigkeit Kultur und

Lebensart in Österreich an Nicht-Österreicherinnen weiter zu geben,

Verhaltensweisen vorzuschlagen, oder den Partizipationsstatus der Reinigungskräfte

zu beurteilen. Frau Bauer und Frau Huber treffen beide Aussagen über das

rückständig Unverständliche der Herkunftsgesellschaften ihrer Reinigungskräfte im

Zusammenhang mit dem Land „Bosnien“, dem sie verbal Symbole für Weite und

Undurchsichtigkeit zuschreiben. Des Weiteren skizzieren alle Arbeitgeberinnen sich

selbst als helfende und verständnisvolle Personen, die bedürftigen, rückständigen

und als Opfer zu verstehenden Migrantinnen unter die Arme greifen. Diese

Ethnisierungsstrategie ist geprägt von einer selbsterhöhenden Selbstethnisierung

und einer Fremdethnisierung, die vordergründig liberal und reflektiert wirkt, in

Wahrheit jedoch naturalisierend und determiniernd ist. Sowohl Frau Kowalska, als

auch Frau Wojcik erhielten/verschafften sich in Wien Zugang zur polnischen

Community, welche beide zunächst als Ressource zur Ausbildung einer

transnationalen Identität nutzten. Diese Selbstethnisierung ermöglicht ihnen eine

erhöhte Partizipation an der österreichischen Aufnahmegesellschaft, wie auch die

Akquisition neuer KundInnen. Zudem verhindert sie eine reine Assimilation an die

Aufnahmegesellschaft, da sie immer auch eine Anbindung an die

Herkunftsgesellschaft darstellt. Hier verbinden sich also zweckrationale mit

identifikatorischen Interessen der Reinigungskräfte in der Aufnahmegesellschaft zu

ihren Gunsten.

In der Gegenüberstellung der ethnisierenden Aspekte in den Selbst- und

Fremdkonstruktionen der jeweils befragten Frauen ist ersichtlich, dass alle

Selbstethnisierung anwenden um sich innerhalb des Rahmens ihrer Arrangements

selbst zu definieren und zu positionieren. Für die Arbeitnehmerinnen stellt das

Fenster in die österreichische Welt aber im Gegensatz zur Annahme der

Arbeitgeberinnen, die jeweiligen Kontakte zur eigenen Community dar, wie auch die

213


selbst gesteckten Migrationsziele und deren Umsetzung. Die Arbeitgeberinnen haben

zumindest im Rahmen der Interviews zwar ein ethnisch geprägtes Bild von ihren

Reinigungskräften, in der näheren Betrachtung verfügen sie jedoch über kein

näheres Wissen über die Identitätskonstruktionen der Arbeitnehmerinnen. Im

Gegensatz dazu vermeiden die Reinigungskräfte eine Ethnisierung ihrer aktuellen

ArbeitgeberInnen und streichen eher deren Individualität hervor.

214


9. Resümée

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Beschaffenheit der informellen

Arrangements endgültige Begriffsfestlegungen erschweren. So scheinen die meist zu

Beginn der Beschäftigungsverhältnisse ausgehandelten Konditionen zwar

größtenteils an formellen Arbeitsverhältnissen orientiert zu sein- dem Verhältnis von

freien DienstleisterInnen zu ihren KundInnen entsprechend- die konkrete Praxis der

Ausgestaltung vollzieht sich jedoch informalisierend und bringt Machtverhältnisse zu

Ungunsten der Reinigungskräfte hervor. Diese entsprechen den Merkmalen

wohlfahrtsstaatlich und rechtlich völlig unregulierter Verhältnisse von Arbeitgeberin zu

Arbeitnehmerin und erzeugen diesbezüglich existenzielle Abhängigkeit seitens der

Reinigungskräfte.

Die Arbeitsmigration der Reinigungskräfte positioniert diese in der österreichischen

Aufnahmegesellschaft, rechtlich vor allem durch deren geringes Einkommen

begründet, derart dezentral, dass sie mangels rechtlicher Alternativen zum Pendeln

(eventuell als vermeintliche TouristInnen) und der illegalen Ausübung ihrer Arbeit

förmlich gedrängt werden. Dieser Umstand begründet letztlich auch ihre

Entrechtlichung und mangelnde Existenzsicherheit in der österreichischen

Aufnahmegesellschaft. Die Arbeitgeberinnen hingegen gehören alle samt Milieus an,

in denen die Existenzgrundlage weitgehend gesichert ist. Ihre relativ hohe berufliche

Aspiration und die dem entsprechend weitgehende Unabhängigkeit vom Einkommen

der Ehemänner oder wohlfahrtsstaatlichen Leistungen sind Grundlage ihrer

gewonnenen privatisierten Individualität, welche für sie auch eine Auslagerung der

Reinigungskompetenzen zu legitimieren scheint.

Während die Arbeitgeberinnen sich selbst aufgrund ihres relativen Wohlstandes

teilweise als von innerfamiliären „Verpflichtungen“ befreit betrachten und dazu neigen

auch personenbezogene Hausarbeitsbereiche zu delegieren, skizzieren sich die

Reinigungskräfte als durch ihre familieninternen Strukturen bestimmt und

übernehmen das Gros der innerfamiliären Versorgungsleistungen. Hier lässt sich ein

deutlich höheres Autonomie-Ideal seitens der Arbeitgeberinnen feststellen, welches

215


sie jedoch nicht via ausgetragener Konflikte (scheinbar) lösen, sondern durch

Auslagerung ebendieser. Die Reinigungskräfte deuten zwar diesbezüglich mehrfach

Autonomiebestrebungen an, welche sie durch ihre Migrationsziele auf höchst

unterschiedliche Weise zu verwirklichen trachten, scheinen aber in der Realität mit

ihren Strategien wenig Erfolg zu haben.

Die Arbeitnehmerinnen bezwecken mit dem durch Reinigungstätigkeit erhaltenen

Geld durchwegs eine Aufwertung ihrer gesellschaftlichen Positionierung an. Im Falle

der Rückwanderung ist es möglich sich eine neue und vorteilhafte ökonomische

Existenzgrundlage zu schaffen, im anderen Fall wird in eine Aufwertung des eigenen

Lebensstils, verbunden mit einem verbessertem Zugang zu anderen sozialen

Gruppen, in der Aufnahmegesellschaft angestrebt. Andererseits werden die

Migrantinnen durch ihre dezentrale Positionierung und ihre mangelnde soziale

Absicherung innerhalb der Beschäftigungsverhältnisse in ihren Handlungsräumen

stark eingeschränkt. Innerfamiliär geraten die Strukturen teilweise durch die

gewonnene Unabhängigkeit und das dadurch erhöhte Autonomie-Ideal der Frauen in

Bewegung, was auch zu Spannungen/Konflikten die Verteilung der

Versorgungsarbeit betreffend führt. Die Arbeitgeberinnen erleben durch die

diesbezügliche Erhöhung ihrer Konsumkompetenzen eine Aufwertung ihres

gesellschaftlichen Prestiges. Die innerfamiliäre Positionierung wird ebenso durch die

Auslagerung der durch sie minderbewerteten Hausarbeitstätigkeit verbessert, auch

die Selbstkonstruktion der Arbeitgeberinnen erhält zusätzliche positive Aspekte der

Individualisierung. Trotz des Faktums, dass sie durch die Delegation

zeitbudgettechnisch Vorteile hinsichtlich ihrer beruflichen Aspiration erhalten,

bewerten die Arbeitgeberinnen auch hier die Bereiche Privat und Öffentlich getrennt

voneinander und registrieren keinerlei Auswirkungen auf ihr berufliches Fortkommen.

Auf Seiten der Auftraggeberinnen erfüllen sich die an die Delegation gerichteten

Erwartungen durchwegs, vor allem was die Verminderung paarinterner Konflikte

angeht und auch die zeitbudgetäre Entlastung betreffend. Die am stärksten positiv

bewertete Komponente ist, dass die Frauen sich ihren sonstigen familieninternen

Rollen als Ehefrauen oder Mütter ohne das Konfliktpotential der Mehrfachbelastung

widmen können. Die Arbeitnehmerinnen befinden sich in einer generell unsicheren

216


Lage was ihre Zukunft betrifft. Auf der einen Seite scheinen sie durch die

Migrationserfahrung eine Verstärkung ihres eigenen Autonomie-Ideal und somit ihrer

Individualisierung zu erleben, andererseits ist eine konkrete Planung aufgrund

mannigfacher externer privater, ökonomischer und rechtlicher Faktoren beinahe

unmöglich. Daher werden die Erwartungen immer wieder modifiziert und die eigene

Lebensgestaltung flexibilisiert. Im Falle der Remigrantin ist wohl noch am ehesten

von einer Erfüllung ihrer zweckrationalen Migrationsziele zu sprechen, während die

andere Reinigungskraft mit den restriktiven Migrationsgesetzen Österreichs zu

kämpfen hat. In diesem Fall birgt der Konflikt jedoch auch den Willen zum politischen

Widerstand seitens der Migrantinnen.

In Bezug auf unsere empirische Untersuchung ist anzumerken, dass sich während

des Forschungsprozesses auch andere interessante Forschungsfragen auftaten. So

zum Beispiel ein möglicher Vergleich der ArbeitgeberInnen nach anderen

Selektionskriterien, etwa in Hinblick auf unterschiedliche Formen des

Zusammenlebens, oder nach Geschlechtsdifferenzen. Auch eine Untersuchung der

Differenzen der Beschaffenheit der illegalen Arrangements nach Art der

Versorgungsleistung, also sach- und personenbezogen, wurde angedacht. Obwohl

es sicherlich zahlreiche andere berücksichtigenswerte Faktoren gäbe um dieses

Untersuchungsfeld näher zu beleuchten, so kann unsere Studie gleichsam als

Ausgangspunkt für folgende mikrosoziale Studien mit vergleichbarem

Forschungsinteresse dienen.

Wir konnten die bedeutenden Untersuchungen und Theorien von Kaufmann (1999),

Odierna (2000), Haas (2003), Huinink und Röhler (2005), Anderson (2006), Rerrich

(2006) und Thiessen (2008) zur paarinternen Hausarbeitsteilung und

Hausarbeitsdelegation weitestgehend bestätigen, zum Teil aber auch durch den

lebenslaufanalytischen Fokus auf die wohlfahrtsstaatlichen Rahmenbedingungen in

Österreich erweitern. Auch die Ausarbeitung konkreter politischer Handlungsfelder im

österreichischen Wohlfahrtsstaat und daran geknüpfte Forderungen nach

Gesetzesnovellen könnte durch die Ergebnisse dieser Untersuchung bereichert

werden.

217


9.1. Recommendations

Die politischen Aktionsfelder, in welche die vielfachen Problemfelder der

Arrangements eingebettet sind, sind zahlreich. Auf Seiten der Arbeitgeberinnen

zählen Arbeitsmarkt- und Familienpolitik des österreichischen Wohlfahrtsstaates zu

jenen zentralen Handlungsfelder,n welche eine Reform der geschlechtsspezifischen

Arbeitsteilung in Anbindung an traditionelle Geschlechterbilder, bei gleichzeitiger

Rhetorik der Egalität, reproduzieren. Dieser Widerspruch fand sich auch beinahe

durchgehend in allen Arbeitgeberinneninterviews wieder. Eine Reduktion der

gesamtgesellschaftlichen Arbeitszeit auf etwa 30 Wochenstunden, sowie die Bildung

frauenpolitisch engagierter und agierender Interessensverbände, etwa in Form einer

Frauengewerkschaft wie Sandra Ernst-Kaiser (2009) es fordert, könnte im

arbeitsrechtlichen Bereich freilich zur gerechteren Aufteilung der Hausarbeit durch

Erhöhung der Zeitkapazitäten beitragen.

Zudem könnten mutige geschlechteregalisierende policies in der österreichischen

Familienpolitik, beispielsweise in Sachen Karenz und Kinderbetreuung, aber auch

hinsichtlich neuer Gesetze, die- eventuell ähnlich der Initiative „Ganze Männer

machen halbe/halbe“- die Thematik der Aufteilung der Versorgungsarbeit endlich

auch rhetorisch aus dem Dunstkreis des Privaten befreien und somit für tatsächliche

Umverteilung zwischen den Geschlechtern sorgen. Auch bei dem Problemfeld der

informellen Hausarbeitsdelegation an Migrantinnen stellt die Privatheit, sicherlich

durch die Illegalität der Arbeitsverhältnisse noch weiter verstärkt, des Arbeitsfeldes

das zentrale Kriterium zur regessiven Individualisierung und Depositionierung der

Reinigungskräfte dar. Im Privaten verschwimmen die Grenzen zwischen

Arbeitsverhältnis und informeller Beziehung, teilweise durch mehr oder weniger

bewusste Strategien der Akteurinnen zur Reprivatisierung, was die großteils

ungünstigen Arbeitsbedingungen zu Lasten der Reinigungskräfte bedingt. Essentiell

wäre jedoch ein politisches Bekenntnis zu einer Neudefinition von Arbeit als Basis für

reale Veränderungen. Wichtige staatliche Handlungsfelder könnten bezüglich der

Legalisierung der Arbeitsverhältnisse etwa die Einrichtung formeller

Vermittlungsagenturen, fachspezifischer Schulungen für (künftige) Reinigungskräfte,

sowie finanzielle Erleichterungen/Förderungen zur Erlangung des Gewerbescheins

218


sein. Abgesehen von dringend notwendigen Reformen im österreichischen

Migrationsrecht, welche letztlich das Ziel haben sollten, diese unabhängig von deren

angeblich geringem Marktwert für das Einwanderungsland Österreich, welcher mit

der prinzipiellen, und auch ökonomischen Abwertung der Versorgungsarbeit einher

geht. zu betrachten, könnten hier freilich die vermehrte Schaffung arbeitspolitischer

Netzwerke seitens der Migrantinnen mögliche Verbesserungen bringen, eventuell als

transnationale Teilorganisationen des INWDS (International Network of Employees in

Domestic Service), ein Netzwerk das 1995 in Huairou im Rahmen der UN-

Weltfrauenkonferenz in Beijing gegründet wurde [Vgl. http://www.allwomencount.net].

Ziel dieser Interessensvertretungen muss es letztlich sein, gewisser Maßen als

„Preasure Groups“ gesetzliche Verbesserungen hinsichtlich ihrer

Beschäftigungsverhältnisse zu erzwingen, denn gezielter Staatsinterventionismus ist

Voraussetzung für die Gewährleistung der Rechte der Arbeitnehmerinnen [Vgl.

Auernheimer (1999)]. Diese Netzwerke müssten im Rahmen der angestrebten

Legalisierung ihrer Arbeit als Reinigungskräfte eine gesetzliche Festlegung eines

Mindestlohns, das Recht auf Urlaubszeiten, Arbeitslosenunterstützung, die reduzierte

Lohnfortzahlung im Falle einer Krankheit, angemessene Entlohnung von

Überstunden/Zusatzleistungen und geregelte Arbeitszeiten einfordern. Grundlage für

diesbezügliche Forderungen oder Gesetzesentwürfe sollten die ILO (Internationale

Arbeitsorganisation) -Empfehlungen zur Verbesserung von Rechts-, Arbeits- und

Sozialschutz für Arbeitsmigrantinnen darstellen [Vgl. IAO Bericht IV (1) (2010)].

Aktionsfelder der Interessensvertretungen könnten von Informations- und

Bewusstseinsbildungskampagnen bis hin zum Streik- vergleichbar dem Global

Women’s Strike 2000- reichen. Von einer Entprivatisierung der Arbeitsverhältnisse

würden alle hausarbeitenden Frauen in Österreich profitieren, da durch die

Entschleierung des Feldes Hausarbeit sich letztlich sein gesamtgesellschaftlicher

Wert offenbaren würde, was schließlich auch mit einer Aufwertung der Hausarbeit

ausführenden Frauen – egal ob Teil der Dominanzgesellschaft oder nicht- einher

gehen würde. Im Idealfall verstärkt sich das verhandlungspolitische Potential beider

Gruppen durch zeitweilige Kooperationen in Bezug auf bestimmte politische

Aktionsfelder, um der gesamtgesellschaftlichen Privatisierung und Minderbewertung

der Versorgungsleistung ein nachzeitiges Ende zu bereiten.

219


10. Abschließende Betrachtung und Ausblick

10.1. Nachwort

Unsere Diplomarbeit illustriert, wie sehr der gegenwärtige österreichische

Wohlfahrtsstaat durch die zeitgleiche Feminisierung und Familialisierung der

Versorgungsarbeit, sowie die Hinwendung zu einer rhetorischen Bekundung der

Geschlechteregalität und der hohen beruflichen Beteiligung der Frauen von der

Versorgungsleistung Dritter abhängig ist. Die Reinigungskräfte werden quasi als

transnationale Humanressourcen durch die Exklusion vom legalen österreichischen

Arbeitsmarkt zur Erbringung illegaler Reinigungsarbeit gedrängt, eine dauerhafte

Migration nach Österreich wird ihnen zusätzlich durch restriktive Gesetzgebung

erschwert. Somit betrachtet die österreichische Aufnahmegesellschaft die illegale

Versorgungsleistung durch die Migrantinnen zwar als notwendiges Übel, denn es gibt

faktisch keinerlei arbeitsrechtliche Kontrollmechanismen des Staates was die

Beschäftigungsverhältnisse oder gar die ArbeitgeberInnen selbst betrifft, behält sich

aber das Recht vor, die Reinigungskräfte von der vollwertigen Teilhabe am

österreichischen Sozialsystem weitgehend auszuschließen, letztlich da diese meist

nicht über genügend Geldmittel verfügen.

So werden die Hausarbeiterinnen zu flexibel ein- und ersetzbaren Humanressourcen,

die Aufgrund ihrer relativen Armut neoliberalen Deutungsmustern entsprechend am

illegalen Arbeitsmarkt der Willkür der Arbeitgeberinnen ausgesetzt sind, die In- und

Exklusionskriterien des österreichischen Wohlfahrtsstaates orientieren sich bei der

Positionierung der Bevölkerung an den Besitztümern der Individuen und

hierarchisiert sie innerhalb seiner Strukturen entsprechend, anstatt umverteilend zu

wirken, verschärft er in diesem Feld die soziale Ungleichheit der Akteurinnen.

Des Weiteren zeigt unsere Arbeit, dass sowohl seitens der Arbeitgeberinnen, als

auch der Arbeitnehmerinnen vielfältige und komplexe Ethnisierungsstrategien dazu

führen, soziales Ungleichgewicht argumentativ abzuschwächen oder zu legitimieren,

220


aber auch der Selbstpositionierung und Selbsterhöhung dienen. So wurden seitens

der Arbeitnehmerinnen vor allem die Wir-Identität als StaatsbürgerInnen eines

modernen Wohlfahrtsstaates hervor gestrichen, in dem sie sich selbst als kulturelle

Boschafterinnen Österreichs gegenüber den Arbeitnehmerinnen deklarierten, aber

auch zumindest zwei von drei der Arbeitgeberinnen ihren emanzipatorischen

Anspruch in Bezug auf die Arbeitsteilung mit ihren Männern im Gegensatz zu dem

angenommen unemanzipierten und ungleichen Geschlechterverhältnis der

Migrantinnen, befriedigt sahen. Die Arbeitnehmerinnen selbst erwähnten ihren

durchaus unterschiedlichen, aber in beiden Fällen vorhandenen Zugang zur

polnischen Community in Wien, der ihnen durch ihre Ethnizität überhaupt erst offen

stand, also eine Ressource mit ethnisiertem Hintergrund darstellt. Eine der beiden

Reinigungskräfte unterstrich zusätzlich selbstethnisierend, die Bedeutung der

eigenen Volksgruppe im europäischen Kontext.

Wir konnten ebenso die Fremdethnisierung der jeweiligen Interviewpartnerinnen gut

herausarbeiten. Bei den Arbeitgeberinnen fanden sich einerseits sehr plakative

Aussagen, die die Unterprivilegiertheit der Migrantinnen demonstrieren sollten, deren

Armut und Bedürftigkeit sogar in Abstufungen („echte Österreicherin“, „eingebürgerte

Österreicherin“, „Migrantin“) ergänzt durch die Beschreibung des geografischen

Herkunftsortes der Migrantinnen als weiten, undefinierbaren, wilden Raum,

andererseits wurde die Sprache als Maßstab der Integrationswilligkeit, wie auch

Fähigkeit der Migrantinnen ins Treffen geführt. Seitens der Arbeitnehmerinnen fand

die Fremdethnisierung nur in einem der Fälle statt, vor allem in Hinblick auf die

Abgrenzung zu einer noch weniger privilegierten Gruppe, den AsylwerberInnen, aber

auch, in diesem Fall antisemitisch, als Abgrenzung zu erfahrener Unmächtigkeit

gegenüber den privilegierten ArbeitgeberInnen.

10.2. Reflexion

In der gemeinsamen Reflexion unserer Forschungsarbeit haben sich folgende

Problemfelder bei der Durchführung ergeben:

221


a) Obwohl nicht als Anforderungskriterium definiert, haben wir implizit das

exkludierende Kriterium der Deutschsprachigkeit seitens der Reinigungskräfte

reproduziert. Was eigentlich eher eine zweckrationale Überlegung war, wurde durch

die Angst der Reinigungskräfte zu wenig Deutsch zu können und ihren dadurch

begründeten Interviewabsagen verstärkt, so dass es durch die Dynamik des

Forschungsprozesses zum unbeabsichtigten/impliziten Ausschlusskriterium wurde.

Außerdem beeinflusst es den Erzählfluss negativ, wenn man/frau in einer

„Fremdsprache“ interviewt wird. Generell sollte dieses Kriterium in die

methodologischen Überlegungen einbezogen werden.

b) Wir erhielten die Kontakte zu den interviewten Reinigungskräften ausschließlich

über deren Arbeitgeberinnen, wobei diese von den Arbeitgeberinnen „motiviert“

wurden, die Interviews mit uns zu machen. Die angefragten Reinigungskräfte aus

dem persönlichen Umfeld fürchteten die Befragung aufgrund ihres rechtsunsicheren

Status, weshalb sie absagten. Auch das hat die Interaktion prädeterminiert, weil wir

dadurch von den Reinigungskräften mit den Arbeitgeberinnen identifiziert wurden.

Obwohl wir in dem kurzen Zeitraum und beschränkten Umfang unserer

Forschungsarbeit keine andere Wahl hatten, so stellen wir doch kritisch fest, dass

auch wir Begünstigte des hierarchischen Arrangements zwischen Arbeitgeberinnen

und Arbeitnehmerinnen waren. Darüber hinaus war dieser Umstand wahrscheinlich

auch ein möglicher Grund, weshalb die Reinigungskräfte nicht so viel Wertendes

über die vermittelnden Arbeitgeberinnen erzählen wollten. Weiters wurde die

Interviewsituation mit den Arbeitnehmerinnen dadurch beeinflusst, dass eines der

Interviews in der Wohnung einer Arbeitgeberin stattfand,das zweite in der Wohnung

der Arbeitnehmerin, was die Offenheit und den Erzählfluss wesentlich beeinflusst hat.

c) Vor alle am Anfang der Analysetätigkeit sahen wir uns der Gefahr des Going-

Natives (Identifizierung) mit einhergehendem Objektivitätsverlust ausgesetzt, was wir

auch miteinander reflektierten. Die Analyse ist immer auch zum Teil Selbsterkenntnis,

was für uns zum Teil durchaus eine Herausforderung war. Mit zunehmenden

Forschungsfortgang steigerte sich die Routine in der Analyse und die Gefahr der

persönlichen Bewertung des Datenmaterials nahm sukzessive ab. Bei unserem

222


Abschlusspräsentationsvideo stand die Pointiertheit im Vordergrund, was, wie uns

bewusst ist, zu einer bewertenden Sichtweise der ZuschauerInnen führen kann.

d) Die Beschäftigung mit dem Thema sprengte jeden vorgegebenen Rahmen seitens

des Rosa Mayreder Collegs, was einerseits zu einem enormen Umfang der Arbeit

und überdimensionalem Arbeitsaufwand führte, andererseits zog und die Thematik

sehr in ihren Bann zog und im Laufe der Arbeit steigerte sich die Erkenntnis, dass

das Thema im Prinzip einer noch umfassenderen und intensiveren Analyse unter

anderen Aspekten bedarf, da so viele Aspekte darin zusammenlaufen. Der von uns

gewählte Fokus ist nur ein kleiner Ausschnitt des Gesamtheit des Forschungsfeldes.

Darüber hinaus haben wir im Laufe der Analyse festgestellt, dass der Bezugsrahmen

des (wohlfahrtsstaatlichen) Geschlechterregimes der jeweiligen

Herkunftsgesellschaft Reinigungskräfte einer näheren Betrachtung bedurft hätte.

e) Durch unterschiedliche Arbeitsweisen und unvorhergesehen Zusatzbelastungen

wurde die Durchführung der empirischen Studie erschwert. Wir haben unsere

diesbezüglichen Konfliktlösungskompetenzen auszuloten gelernt und letztendlich

konstruktiv zusammen gearbeitet. Weiters delegierten wir im Zuge der Arbeit in

einem überdurchschnittlichen Maße innerpartnerInnenschaftlich die

Versorgungsarbeit, was wiederum zu einem Ansteigen der Konflikte führte.

Insgesamt brachte die Arbeit für uns beide ein höheres Maß an Konfliktkompetenz.

Auch in unserem Forschungsfeld zeigte sich, dass Frauen erstens weitaus mehr

Konfliktkompetenz entwickeln müssen, aber auch Frauensolidarität eine wichtige

Ressource darstellt, um frauenspezifische und persönliche Anliegen durchzusetzen.

f) Die Abneigung gegen Hausarbeitstätigkeiten stieg während des Schreibprozesses

zunächst sukzessive an, wobei sich zeitgleich bei uns auch das Bewusstsein für den

Wert der Hausarbeit entwickelte. Dennoch befinden wir uns beide in den Systemen

des Geschlechterregimes und der Feminisierung der Hausarbeit, wogegen

anzukämpfen eine tägliche Herausforderung ist und sein muss, um sich auch im

individuellen Alltagsleben davon zu emanzipieren. Die Frage der Beschäftigung von

Reinigungskräften haben wir beide im Laufe der Arbeit reflektiert, da wir uns der

Ambivalenz bewusst sind, einerseits aus einer inneren Haltung heraus keine

223


Reinigungskraft beschäftigen zu wollen, andererseits wir beide durchaus in eine

Situation kommen könnten, wo dies notwendig ist. In diesem Fall wäre die

Beschäftigung einer legal angemeldeten und versicherten Reinigungskraft sicherlich

vorzuziehen, wobei uns dabei auch wiederum der Aspekt bewusst ist, dass der

Mangel an Alternativen die Situation nicht leichter macht, da Abgabe von Hausarbeit

an Dritte auch legal wieder vorrangig an Frauen delegiert werden würde.

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11.2. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1

„Das Stufenalter der Frau (May’scher Bilderbogen)“ Quelle: Weber-Kellermann, I.

(1991): Umschlagrücken

Abbildung 2

„Die züchtige Hausfrau“. Quelle: http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=1287

Wien, am 15.04.2009

Abbildung 3

„Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“

Quelle:http://www.goethezeitportal.de/fileadmin/Images/db/wiss/bildende_kunst/illustr

ationen/mueller_glocke/Mueller_Glocke_9__500x795_.jpg Wien, am 15.04.2009

Abbildung 4

„Mutter und Kinder am Fenster (Raabe, J. K.)“ Quelle: Weber-Kellermann, I. (1991):

S. 52

Abbildung 5

„Biedermeiner-Schönheit (Stieler, K.)“ Quelle: Weber-Kellermann, I. (1991): S. 56

Abbildung 6

„Mädchenerziehung (Fendi, P.)“ Quelle: Weber-Kellermann, I. (1991): S. 55

Abbildung 7

„Doppelbelastung“

Quelle: http://www.iconocast.com/B000000000000110_German/Y7/News1_0.jpg

Wien, am 15.04.2009

249


Abbildung 8

„Familienmanagement“ Quelle:http://www.austrianillustration.at/karikaturen/2007-07-

27_Familienmanagement-Beruf-Mutter-Hausfrau/2007-07-28_Familienmanagement-

Beruf-Mutter-Hausfrau_640.gif Wien, am 15.04.2009

Abbildung 9

„Benzedrine“ Quelle: http://alittlespark.files.wordpress.com/2009/09/housework.jpg

Wien am 22.12.2009

Abbildung 10

„Housework is a snap ….“

Quelle: http://slog.thestranger.com/files/2008/03/00119~Housework-is-a-Snap-

Posters.jpg Wien, am 15.04.2009

Abbildung 11

„Housework stinks“

Quelle: http://www.flickr.com/photos/dadadreams/collections/72157605468057454/

Wien, am 15.04.2009

Abbildung 12

„I promise“ Quelle: http://members.optusnet.com.au/~pheebee/housewife-

Pledge2.jpg Wien am 22.12. 2009

Abbildung 13

„Captive“ Quelle: http://www.flickr.com/photos/dadadreams/2075868043/in/set-

72157604358249840/ Wien am 22.12. 2009

Abbildung 14

„Allergic“

Quelle: http://farm3.static.flickr.com/2401/2043690776_6d670144ac.jpg

Wien am 22.12. 2009

250


Abbildung 15

„Arbeitsteilungsromantik“.

Quelle:

http://media.onsugar.com/files/ons2/257/2570811/43_2009/image_2.xlarge.jpg Wien,

am 22.12.2009

Abbildung 16

„Wütende Hausfrau“.

Quelle: http://mocoloco.com/art/archives/angry_housewife_jun_05.jpg Wien, am

15.04.2009

Abbildung 17

„Abgabe der Hausarbeit“.

Quelle:

http://3.bp.blogspot.com/_xxt0rPq1454/SVbdOFWSBzI/AAAAAAAABB0/xU0ZEbHl2

VM/s400/housework.jpg Wien, am 22.12.2009

251


12. Anhang

12.1. Infoblatt für mögliche Interviewpartnerinnen

Wir, Mag. a Lena Rheindorf und Andrea Stoick, sind Studentinnen des Rosa Mayreder

Collegs, einer spezialisierten Bildungseinrichtung der Wiener Volkshochschulen

GmbH. Das Rosa Mayreder College legt den Schwerpunkt auf wissenschaftlich

fundierte, feministische Bildungsarbeit. Eine der angebotenen Ausbildungen ist das

„Feministische Grundstudium“, ein Lehrgang universitären Charakters, akkreditiert

durch das Wissenschaftsministerium, der zwei Jahre dauert und berufsbegleitend

angeboten wird. Der Lehrgang beinhaltet u.a. eine vertiefte und intensive

Beschäftigung mit europäischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen

hinsichtlich emanzipatorischer Lebenschancen [www.rmc.ac.at]. Am Ende dieses

zweijährigen Studiums steht das Schreiben einer Abschlussarbeit (Diplomarbeit) zu

einem bestimmten, frauenspezifischen bzw. frauenrelevanten Thema.

Ziel unserer Arbeit ist es, jenes gesellschaftliche Phänomen, welches durch die

Abgabe der Hausarbeit an illegal arbeitende Migrantinnen entsteht, näher zu

untersuchen. Wir beschäftigen uns mit den Rahmenbedingungen und Auswirkungen

entsprechender Arrangements zwischen Frauen in Österreich auf unterschiedlichen

qualitativen Analyseebenen.

Auf theoretischer Recherchearbeit basierend konnten im Vorfeld Fragen generiert

werden, welche in Interviews beantwortet werden sollen. Insgesamt führen wir sechs

qualitative Interviews durch, um Näheres übe