Vorwort (pdf)

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Vorwort

Das vorliegende Werk von Barbara Skala lernte ich als Abschlussarbeit des feministischen

Grundstudiums 1 des Rosa Mayreder College kennen. Ich durfte die Autorin von Beginn an in

ihrem Prozess des Forschens und Schreibens begleiten, nachdem sie unter anderem das

Seminar „Migrationspolitik und Ethnizität“, das ich gemeinsam mit Nilüfer Sözer seit vielen

Jahren abhalte, besucht hatte.

Ich freue mich sehr, dass Barbara Skala nun ihre Arbeit an dieser Stelle auch einer breiten

LeserInnenschaft zugänglich macht. Besonders möchte ich Frau Skalas Sprachstil, der mir

besonders gut gefällt, positiv hervorheben. Die Sprache ist klar, sehr gut verständlich und

wirkt emotional kohärent.

Natürlich beeindruckte mich, dass Frau Skala wiederum von meinen Ausführungen zum

Migrationsprozess so beeindruckt war, so dass sie diesen theoretischen Ansatz in der Praxis

überprüfen wollte. Überraschend war für mich, dass das Konzept von der Migrationskrise von

ihr als so bedeutungsvoll erlebt wurde, so dass ihr „die Schuppen von den Augen fielen“. Für

mich war es in den vielen Jahren der psychotherapeutischen Arbeit mit MigrantInnen so

selbstverständliches Wissen geworden, so dass ich vergessen hatte, wie wichtig und hilfreich

diese Entdeckung auch für mich gewesen war. Barbara Skala, die selbst viel Erfahrung in der

Beratung mit MigrantInnen hat, zeigte mir, dass diese Art zu denken noch immer nicht

selbstverständlich und schon gar nicht weit verbreitet ist.

Drei Frauen, die sehr unterschiedliche Migrationserfahrungen in verschiedenen

Lebensabschnitten gemacht haben, erzählten Barbara Skala ihre Lebensgeschichten. Bei allen

drei Frauen zeigten sich die Stationen des Migrationsprozesses und die der Migrationskrise

sehr deutlich. Die Migrationskrise ist ein Teil des Prozesses und wird von allen MigrantInnen

mehr oder weniger bewusst durchlebt, auch von BinnenmigrantInnen.

Zwei der drei interviewten Frauen konnten nicht selbst die Entscheidung zur Migration fällen,

da sie noch Kinder waren und ihre Eltern für sie entschieden. Dunja wollte nicht migrieren,

sondern bei ihren Eltern und ihrem Bruder leben. In ihrer Erzählung zeigt sich deutlich, wie

wichtig es ist, dass auch die Kinder in die Entscheidung eingebunden werden, auch wenn sie

sich gegen die Migration wehren. Kinder wollen meist nicht migrieren. Das Sprechen darüber,

der Austausch über die damit verbundenen Gefühle wie Angst, Trauer um die Verluste und

die Wut, weggehen zu müssen, ist für die Verarbeitung der Krise aller Betroffenen von großer

Bedeutung. Aber auch die Abendheuerlust, die Neugier auf das Neue, die Freude ein neues

Leben zu beginnen, Neues zu erfahren und zu verinnerlichen und vor allem das Wachsen der

Persönlichkeit durch die Erfahrung der Migration möchte ich an dieser Stelle besonders

hervorheben. Eine gut bearbeitete Krise stärkt die Persönlichkeit, schafft Selbstvertrauen und

Vertrauen in die Welt. Deutlich wird in der vorliegenden Arbeit auch, welche Ressourcen

MigrantInnen mitbringen und welche Kompetenzen sie durch die Migration entwickeln.

Was mich ehrlich erstaunt hat, ist, wie selbstverständlich diese drei Frauen bzw. ihre Eltern

die Hürden des österreichischen Fremdenrechts überwunden haben. Dies erlebe ich als eher

atypisch, oder vielleicht ist mein Blickwinkel ein spezifischer, da ich meist mit MigrantInnen

und Exilierten zu tun habe, die diese Hindernisse als sehr belastend erleben. Dazu kommt,

dass Österreich seit seinem Beitritt in die Europäische Union seine Mauern immer höher baut.

Barbara Skala gibt einen sehr guten Überblick über die Entwicklung von den früheren

Ausländergesetzen zum heutigen Fremdenrechtspaket sowie von der aktuellen Rechtslage.

1 Das Feministische Grundstudium des Rosa Mayreder College ist ein zweijähriger Lehrgang universitären

Charakters, der bereits fünf Mal stattgefunden hat, und Frauen die Möglichkeit gibt, sich umfassend mit

feministischer Wissenschaft interdisziplinär zu beschäftigen und diesen mit einem Diplom abzuschließen. Das

College hat seinen Sitz in Wien und wird von Ursula Kubes-Hofmann geleitet.


In dem Interview mit Natascha zeigt sich einerseits die Ausbeutbarkeit des weiblichen

Geschlechts durch Männer mit einem österreichischen Pass und andererseits, dass die Heirat

mit einer ÖsterreicherIn eine der wenigen Möglichkeiten geworden ist, legal nach Österreich

einzuwandern. Deutlich wird auch, dass die Menschen sich durch noch so hohe Mauern nicht

davon abhalten lassen, sich auf dieser Welt zu bewegen und schon gar nicht davon zu

überleben. Migration ist oft die einzige Möglichkeit das eigene Leben und das der

Angehörigen in Sicherheit zu bringen.

Barbara Skala zeigt in ihrem Buch das ganz persönliche Erleben und Verarbeiten von

Migration dreier Frauen, die sie sehr einfühlsam interviewt hat. Die Durchführung der

Interviews gestaltete sich nicht immer einfach, da eine der Frauen schon im Vorfeld des

Interviews in eine psychische Krise geriet und eine andere große Angst bekam, dass ihre

Geschichte publik werden könnte. Die Autorin kümmerte sich gut um ihre

Gesprächspartnerinnen. Sie ging einfühlsam und respektvoll mit ihnen um und achtete sehr

genau auf die Anonymisierung der Frauen bei der Niederschrift ihrer Forschungsergebnisse.

Migration ist ein psychisch und oft auch physisch aufwendiges manchmal auch gefährliches

Unterfangen, zu dem viel Mut nötig ist. Die Autorin zeigt wie drei Frauen sehr individuell

damit umgehen und wie sie sich in Österreich „integrieren“. Alle drei haben ihren

Migrationsprozess erfolgreich abgeschlossen – auch mit der Hilfe von Menschen, die schon

vor ihnen in Österreich gelebt haben. Barbara Skala beschäftigt sich in dem vorliegenden

Buch auch mit der viel diskutierten Frage der Integration. Sie zeigt, dass befriedigende

Integration maßgeblich von der Integrationsbereitschaft der Aufnehmenden abhängig ist, und

somit wird klar wie notwendig es ist, MigrantInnen einen guten Empfang zu bereiten.

Barbara Skala leistet hiermit einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären, feministischen

Migrationsforschung.

Ruth Kronsteiner

Wien, am Tag der Arbeit im Jahr 2008

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