Hans-Gert POETTERING - Group of the European People's Party ...

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Hans-Gert POETTERING - Group of the European People's Party ...

Die Krise als Chance begreifen: Probleme, Herausforderungen,

Grenzen und Perspektiven der Europäischen Union

Adenauer Lecture 2006 - St Antony’s College, Oxford,

25. Januar 2006

In seinen Erinnerungen bemerkte Adenauer rückblickend auf den Besuch von 1951, dass

beide Länder berufen seien, eine gemeinsame Verantwortung bei der Gestaltung der neuen

Ordnung des Westens zu übernehmen. Er erkannte und verstand eine gewisse Zurückhaltung

seitens Großbritanniens, mit Kontinentaleuropa eine Schicksalsgemeinschaft einzugehen,

was er als Enttäuschung empfunden haben muss, da sich Churchill in den Jahren der

Opposition (1945-1951) für die europäische Einigung stark gemacht hatte.

In seinen Gesprächen mit Churchill und Außenminister Anthony Eden konzedierte

Adenauer, dass ein gewisses Maß an britischer Zurückhaltung und an politischem Realismus

in jedem Falle zweckmäßig sei. Deutschland würde seinerseits den Weg der europäischen

Integration beschreiten, und zwar mit Augenmaß, „überlegt und ohne Hast, aber beständig

und wirkungsvoll“.

Adenauers Besuch in Oxford hinterließ bei ihm einen tiefen Eindruck. Er besuchte das

Balliol College und sah dort das Verzeichnis der Studenten, die im ersten und zweiten

Weltkrieg gefallen waren. Unter ihnen befand sich sein eigener Neffe, Hans Adenauer, der

Ende der 20er Jahre an diesem College studiert hatte. Die Schrecknisse des Jahrhunderts

und die Aufgabe der Neugestaltung Europas vor Augen, vertrat Adenauer die Auffassung,

dass unsere Länder eine „christlich-abendländische Kultur- und Traditionsgemeinschaft“

verbinde.

In London fragte Churchill Adenauer, ob jemals wieder gute Beziehungen zwischen

Deutschland und Polen denkbar seien. Es ist beeindruckend, ja tief bewegend, dass fünf

Jahrzehnte nach dem Besuch Adenauers Deutschland, Großbritannien und Polen der

Europäischen Union angehören und damit Teil des freiheitlichen, demokratischen und

vereinten Europas unserer Tage sind.

Erfolge, Herausforderungen und Krisen

Die politische Leistung, die wir in Europa seit den 50er Jahren mit dem Einigungswerk

und dem Interessenausgleich gemeinsam vollbracht haben, ist wahrlich staunenswert. Im

Westen prägten wir eine neue Kultur der geteilten Souveränität, die sich als sehr wirksam

erwies und „Einheit in der Vielfalt“ ermöglichte. Dann ebnete der Zusammenbruch des

Kommunismus den Weg für die Wiedervereinigung Europas, die schließlich 2004 besiegelt

wurde. Wie Milan Kundera einmal bemerkte, bestand die Geschichte Osteuropas im 20.

Jahrhundert aus einem „Tag und zwei Nächten“, denn auf ein totalitäres Regime folgte ein

zweites. Doch dieser Albtraum ist jetzt vorüber.

Der Aufbau eines friedlichen, kooperationsbereiten und vereinten Europas wird vielleicht

von allen politischen Erfolgen, die in den letzten Jahren weltweit zu verzeichnen waren,

am meisten unterschätzt. Er wird kaum gewürdigt, gerade auch (wenn ich dies sagen darf)

hierzulande. Dabei war diese Entwicklung keineswegs unvermeidlich, wie aus den ganz

anderen Erfahrungen abzulesen ist, die man seit 1945 mit Ostasien gemacht hat. Der

Ausgang sollte also nie für selbstverständlich erachtet werden.

Über diesen politischen Erfolg hinaus – zum Teil auch gerade deswegen – ist Europa heute

auch wirtschaftlich und sozial, d. h. im Sinne von persönlichem Wohlstand und Freiheit,

viel weiter fortgeschritten, als sich Adenauer und Churchill dies bei ihren Gesprächen 1951

vorstellen konnten. Es steckt schon eine gewisse Ironie darin, dass trotz der gewaltigen

Fortschritte auf so vielen Gebieten viele unserer europäischen Mitbürger zunehmend in

Pessimismus und Angst verfallen und anscheinend viele Entscheidungsträger angesichts der

wachsenden Herausforderungen von Mutlosigkeit erfasst werden. Die Zukunft scheinen

wir als schwere Bürde zu empfinden.

Anzeichen dieses Unbehagens sind allerorten zu beobachten. Dazu gehört die Furcht

vor der Globalisierung. Der Widerstand gegen Wirtschaftsreformen ebenfalls. Es

besteht eine mangelnde Bereitschaft, über die Folgen nachzudenken, die sich aus dem

Bevölkerungsrückgang für die Rentensysteme, das Gesundheitswesen, die Staatsausgaben,

die Zuwanderung oder das lebensbegleitende Lernen ergeben. Der Klimawandel erweckt in

uns bange Ahnungen, doch umso merkwürdiger erscheint unsere Weigerung, wirklich etwas

gegen die globale Erwärmung zu unternehmen. Angesichts steigender Kriminalität und

brutalen internationalen Terrors beschleicht uns im In- und Ausland, in alle Lebensbereiche,

ein durchdringendes Gefühl der Unsicherheit. Die Liste der Besorgnisse bekommen wir

Tag für Tag in den Zeitungen und Fernsehnachrichten vorgesetzt.

Oft frage ich mich, wie die großen Persönlichkeiten der Jahrhundertmitte wie Churchill

oder Adenauer, Truman oder de Gaulle mit diesen Herausforderungen umgegangen

wären. Mein Gefühl sagt mir, dass sie unsere Einstellung als zu zögerlich, ja als defätistisch

beurteilt hätten. Die heutigen Debatten wären ihnen wohl zu verengt und anspruchslos

vorgekommen. Sie hätten sich wenig beeindruckt von einer politischen Kultur gezeigt, die

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