Hans-Gert POETTERING - Group of the European People's Party ...

arc.eppgroup.eu

Hans-Gert POETTERING - Group of the European People's Party ...

Zur Wiedervereinigung der europäischen Geschichte

Ansprache auf der Studientagung der EVP-ED-Fraktion, Brüssel,

8. Juni 2006

eine Frau mit einer besonderen Geschichte. In der Zeit, als man die deutschen Juden in

die Vernichtungslager deportierte, war sie ein kleines Kind, und dieses kleine Mädchen

wurde von katholischen Bauern versteckt. Sie wurde als uneheliches Kind ausgegeben und

verbrachte den gesamten Zweiten Weltkrieg auf diesem Bauernhof. Dort überlebte sie,

während viele ihrer Familienmitglieder ermordet wurden.

Gestatten Sie mir den Hinweis, und das sage ich als Deutscher, dass es den Deutschen

weitgehend gelungen ist, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, für die Untaten der

Nationalsozialisten einzustehen und die damit verbundene Schuld auf sich zu nehmen.

Eine Schuld, von der wir weitgehend frei sind, die wir aber tragen müssen, weil die

Nationalsozialisten eine auf dem Rassenkonzept basierende Ideologie vertraten. Nur durch

einen geistigen und moralischen Prozess der Aufarbeitung und der Beschäftigung mit

der Vergangenheit, wie er von Deutschland geleistet wurde, kann man sich der Zukunft

zuwenden.

Was Deutschland zur Aufarbeitung seiner Geschichte geleistet hat, muss auch mit der

Geschichte des totalitären Kommunismus und seiner Untaten getan werden. Ganz

eindeutig ist herauszustellen, dass der Nationalsozialismus und der Kommunismus die

gleichen teuflischen Auswirkungen hatten und dass Hannah Arendt, die große jüdische

Politologin, fünf Kriterien genannt hat, die sich auf die diabolische Herrschaft des totalitären

Kommunismus und die diabolische Herrschaft des Nationalsozialismus anwenden lassen.

Beides sind Ideologien, und Ideologie bedeutet, dass der ganze Mensch einbezogen und ihm

kein Platz mehr für persönliche Verantwortung gelassen wird. Der Mensch, das menschliche

Wesen wird für ein angeblich höheres Ziel benutzt: Bei den Nationalsozialisten war es die

Rasse, bei den Kommunisten die Klasse. Beides ist verwerflich.

Die große Chance unserer Epoche, das Wunder unserer Epoche besteht darin, dass unsere

Eltern den Zusammenbruch des Nationalsozialismus erlebt haben und dass wir später -

1989 - den Zusammenbruch des Kommunismus erleben durften.

Seit 1979 gehöre ich dem Europäischen Parlament an und bin einer der sechs aus dieser

Zeit verbliebenen Abgeordneten. Wenn man mir 1979 gesagt hätte, dass drei Nationen,

die von der Sowjetunion besetzt worden waren - Estland, Lettland und Litauen - zur

Wertegemeinschaft der Europäischen Union gehören würden und dass die ehemaligen

Mitglieder des Warschauer Pakts - Polen, Tschechische Republik, Slowakei, Ungarn,

Slowenien - zur Wertegemeinschaft der Europäischen Gemeinschaft gehören würden, so

hätte ich es nicht geglaubt. Das ist das Wunder unserer Epoche, und deshalb dürfen wir nie

aufhören, dankbar dafür zu sein, dass diese Nationen am 1. Mai 2004 der Europäischen

Union beigetreten sind. Wir haben allen Grund dafür, uns von ganzem Herzen darüber zu

freuen.

Liebe Freunde,

ich denke, dass dies einen Applaus wert ist. Ich schätze Ihre Zurückhaltung, denke aber,

dass wir die gleiche Freude teilen.

Worum geht es heute?

Vor einigen Jahren wurde der Wunsch geäußert, dass der russische Präsident vor dem

Europäischen Parlament sprechen solle. Die EVP-ED-Fraktion war allerdings der Meinung,

dass zuerst der amerikanische Präsident eingeladen werden müsse, da wir Amerika viel

verdanken, was Freiheit, Europa und die Welt angeht. Natürlich sind auch die Amerikaner

nicht ohne Fehler. Es kam zum Irak-Krieg, und als Folge wurde Präsident Bush nicht in das

Europäische Parlament eingeladen; Präsident Putin übrigens auch nicht.

Was ich Ihnen sagen möchte, betrifft Russland. Russland hat über seine kommunistische

Vergangenheit, seine totalitäre Vergangenheit noch nicht nachgedacht. Die sterblichen

Überreste von Lenin, dem Vorgänger Stalins, sind noch immer am Roten Platz aufgebahrt

und sie sind weiterhin ein Pilgerort für die Russen. Deshalb müssen wir fordern, dass

Russland, so wie Deutschland, seine Vergangenheit aufarbeitet, dass auch Russland diese

geistige und moralische Anstrengung unternimmt. Eine Gesellschaft kann nur dann

eine tragfähige Zukunft haben, wenn sie ihre Vergangenheit kennt und die Fehler und

Verbrechen der Vergangenheit anerkennt. Erst wenn ein neues Kapitel aufgeschlagen ist

und Lehren aus der eigenen Vergangenheit gezogen sind, ist ein Voranschreiten möglich.

Dies gilt in gleicher Weise für die Volksrepublik China. Mao Tse-Tung war, wie Hitler

und Stalin, ein Massenmörder. Die Vergangenheit des kommunistischen China wurde

noch nicht aufgearbeitet. Es ist falsch zu behaupten, dass es lediglich Phasen gab, in denen

vom richtigen Weg abgewichen wurde. Der totalitäre Kommunismus muss als das gesehen

werden, was er wirklich war in der Volksrepublik China und in Russland, so wie das für den

Nationalsozialismus in Deutschland geschehen ist.

68 Ausgewählte Reden Ausgewählte Reden 69

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine