Hans-Gert POETTERING - Group of the European People's Party ...

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Rumänien und Bulgarien auf dem Weg in die Europäische Union

Dankesrede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde

an der Babes-Bolyai-Universität, Cluj-Napoca, 5.Oktober 2006

Leben der Unionsbürger ein. So war es von Anfang an gewollt und so erleben es heute

längst viele in der EU.

Die europäische Integration führt wesentliche Elemente unserer jeweiligen nationalen

Souveränität zusammen. Weil wir alleine zu schwach sind, um unsere Interessen in der

Welt durchzusetzen. Weil wir im Kompromiss und Ausgleich viel mehr füreinander von

Nutzen sind als im ständigen Konflikt miteinander. Weil wir in einer Gemeinschaft des

Rechts, der Demokratie und der Freiheit am besten unsere Beiträge zum Frieden in der

Welt leisten können. Dass wir unsere nationale Souveränität zusammenführen, ist nicht

einfach so dahergesagt. Es ist keine Formel, sondern ein Prozess.

Dieser Prozess ist schon weit gediehen. Die Währungssouveränität liegt heute für alle EU-

Mitglieder bei der Europäischen Zentralbank, auch für diejenigen, die den Euro noch

nicht eingeführt haben. Im Bereich der inneren Sicherheit und im Bereich der Aussenund

Verteidigungspolitik wachsen der europäischen Ebene immer mehr Elemente an

Souveränität zu, die bisher in der autonomen Entscheidung der einzelnen Mitgliedstaaten

gelegen haben. Dies stärkt Europa, aber es verändert zugleich die einzelnen Mitgliedstaaten

und ihre Gesellschaften.

Sie werden rasch hineinwachsen in diese neuen europäischen Wirklichkeiten. Wir werden

miteinander zu einem neuen Europa aufbrechen. Vor allem für Sie, liebe Studierende der

Babes-Bolyai-Universität, ist dies eine große, eine einzigartige Lebenschance. Als ich so

alt war wie Sie, stand das europäische Einigungswerk ganz am Anfang. Kaum jemand

wollte damals glauben, dass wir erreichen würden, was heute vor uns steht: Vor allem,

dass der Kommunismus weitgehend gewaltfrei untergehen würde, dass Europa in Freiheit

wiedervereinigt sein würde, dass wir eine gemeinsame Währung haben und unterdessen

europäische Friedensmissionen in mehr als einem Dutzend Orten rund um den Globus

stationiert haben. Sie, die Jugend Rumäniens, wird in den nächsten Jahrzehnten das neue

Europa mitprägen. Es wird immer mehr Ihr Europa werden. Das ist doch eine wunderbare,

eine abenteuerliche Perspektive, in die Sie mit Mut, Verantwortungswillen und Leidenschaft

eintreten können.

Die Aufnahme Rumäniens in die Europäische Union ist ein historischer Tag für Ihr Volk und

für das bulgarische Volk. Es ist ein großer Tag für uns alle in der Europäischen Union.

Denn die Wiedervereinigung Europas ist ein Gewinn für alle Europäer. Es ist ein Gewinn

an Sicherheit, es ist ein Gewinn für die Freiheit, es ist ein Gewinn im gemeinsamen Markt.

Und vor allem ist es ein geistiger Gewinn, ein Zugewinn an europäischer Identität.

Ihr bedeutender Präsident des Akademischen Rates der Babes-Bolyai Universität, Prof.

Andrei Marga, hat in einer wichtigen Veröffentlichung des in Bonn ansässigen „Zentrum für

Europäische Integrationsforschung“ über “Transformationserfahrungen“ vor einigen Jahren

über die Entwicklung der politischen Kultur in den EU-Kandidatenländern geschrieben:

„Man gehört der europäischen Kultur an, wenn die Rechtskultur das Individuum als

Gegenstand der Rechtsregelungen bezeichnet und die Souveränität und Allgemeingültigkeit

der Gesetze fördert.“ Es ist übrigens bemerkenswert, dass dieses Buch, in dem Prof. Marga

publiziert hat, von einem ungarischen Historiker, Gabor Erdödy, herausgegeben wurde.

Prof. Marga hat sehr recht mit seiner These, dass für die Modernisierung Rumäniens und

aller anderen Transformationsgesellschaften das Wertesystem noch wichtiger ist als die

wirtschaftliche Erneuerung.

Im Kern des Wertesystems, das uns heute in Europa verbindet, steht die Würde des

Menschen. Die Einzigartigkeit und Gleichheit aller Menschen und ihre Würde zu achten

und zu wahren - das ist unser wichtigster Auftrag in der Europäischen Union. Wir benötigen

dazu mehr als nur eine wettbewerbsfähige Wirtschaft, so wichtig diese ist. Wir brauchen

ebenso sehr und noch mehr die Beiträge der Universitäten, die Beiträge des geistigen Lebens

in Europa. János Bolyai, der grosse ungarische Mathematiker, der einer der Namensgeber

Ihrer Universität ist, hat sich in einem Brief mit Vorschlägen für eine gerechte neue

Finanzordnung im damaligen Österreich-Ungarn an Kaiser Franz Josef gewandt. Er hat

den Elfenbeinturm seiner nichteuklidischen Geometrie verlassen und damit auch Ihnen,

den heutigen Studierenden dieser Universität, ein Beispiel gegeben. In der nächsten Zeit

geht es in der Europäischen Union auch um eine neue Finanzverfassung. Diese Debatte ist

vermutlich noch komplizierter als diejenige über die europäische Verfassung.

Sie wird leichter gelingen, wenn wir in den verantwortlichen politischen Gremien auf gute

Analysen und entscheidungsfähige Vorschläge aus der Wissenschaft zurückgreifen können.

Wir wären für einen zeitgenössischen János Bolyai mehr als dankbar, um die schwierigen

Probleme der europäischen Finanzordnung zu meistern.

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