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TAUSENDJAHRIGE HYMNEN


TAUSENDJAHRIGE

*

HYMNEN

KENTAUR-DRUCK


AN RUNE

UND MIT IHR AN ALLE

DIE TEUREN UND TREUEN IN DER

FERNE

Ein Gott vermag

Aus schwarzer Nacht unschuldiges Licht zu wecken

Und im grauenden Wolkendunkel

Zu verhullen des reinen Tages

Augenglanz.

Pindar


VORWORT

Feierlich entrückte Hymnen stellt dies Buch in allbedrohende

Kriegsjahre hinein. Aber die Hymnen selber stammen aus solchen

Jahren: grade die besten wurden damals gesungen, als unter den

Verheerungen der Normannen, der Sarazenen, derMagyaren das christliche

Abendland seinem Untergang nahe schien. Nicht flohen da die

hymnischen Dichter im Geiste aus der Gefahr; nein, sie versicherten

sich in geistiger Sammlung ihrer unzerstörbaren Krafte, ihrer inneren

Selbstbemeisterung. Und so wurden sie auch der ausseren Gefahren

Meister.

Ihr Werk, ihren dichterischen Bezirk zu erschliessen: das ist die

Aufgabe unsres Buches. So wendet es sich an die Freunde der Dichtung.

Moge es deren auch im Bezirke der Wissenschaft manchen finden:

wem aber das Schone in sich selber genug und reichlich ist, moge der

sich nicht daran storen, dass des Buches letzter Teil auch Fragen der

Forschung angreift. Denn mit diesen Hymnen steht es nun einmal so,

dass ihre langst gedruckten Texte nur von wenigen gelesen, von noch

wenigeren empfunden und von niemand nach ihrem dichterischen

Eigengesetz verstanden wurden. Da bleibt Raum für manches deutende

Wort; und sogar rein philologisch ist bis heute kaum die halbe Arbeit

geleistet. Wir nehmen demnach Dichtung und Forschung nicht als

durchaus geschiedene Sfaren, da doch schon Goethe das Vorbild gab,

wie die eine die andre bereichern kann.


AUSSTRAHLUNGEN

Die Ostersequenz. . • . . • . . . . 6 5

Die Pythagoras-sequenz . . . . . . . . 66

An die Musen . . . . . . . . . . 68

Marienpreis 70

SCHOLIEN

ERLAUTERUNGEN

ZU DEN GEDICHTEN

Allgemeine Angaben . . . . . . . . . 75

Nachweise zur Einleitung . . . . • • .77

Die französische Schule . . . . . . • .78

Lateinische Texte: Vorabend der Ostern . . . . 78

Zum Advent . . . . . . 78

Notker 85

Lateinischer Text: Die Ritter Gottes 86

Notkers Umkreis . . . . . . . . . 89

Lateinische Texte: Der Weg des Menschen . . . . 90

Zum Totenamt 92

Ausstrahlungen . . . . . • • • • .95

Lateinischer Text: Marienpreis . . . . . . 100


EINLEITUNG


DER WEG ZU DEN GEDICHTEN

Ich versuche es, von einer poetischen Epoche, die zu Unrecht in Ver*

gessenheit geraten ist, eine Anschauung zu vermitteln. Zwar nicht

vergessen ist der Name Notker der Dichter — Notker der Stammler

sagt man gewöhnlich, einen Spitznamen unnötig verewigend. (Notker

„der Grosslippige" wird langst gemass seinen Werken „der Deutsche"

genannt.) Von dem Balbulus ist sogar ausgesprochen worden, er sei

doch wohl der grösste Dichter, der bisher aus Schweizer Landen emporwuchs,

wenn auch lange vor den Zeiten der Eidgenossenschaft. Aber

wer kennt ihn 1 Die meisten denken bei ihm an das grossartige Media

vita-Gedicht — das hundert und fünfzig Jahre nach ihm irgendwo, doch

gewiss nicht in Sankt Gallen, geschaffen wurde. Notkers wahres Werk

aber beschaftigt mehr die engeren, historischen und antiquarischen Interessen.

Dass es künstlerisch irgendwem lebendig geworden ware —

etwa wie Minnesanger und Troubadours, wie Boetius oder Adam von

Sankt Viktor oder Johann vom Kreuz vielen etwas geoffenbart, unsrer

eignen Dichtung fernher etwas mitgegeben haben —, das wage ich nicht

zu behaupten.

Und Notker steht nicht für sich allein. Einen ganzen Kreis, eine

ganze Epoche grosser Lyrik gilt es zu erwecken.

DAS KOSMISCHE In neunten Jahrhundert entstand im Abendlande

HALLELUJA eine Gattung von Gedichten, zunachst gern als

Hymnen oder Lieder bezeichnet, gewöhnlich aber Prosen oder Sequenzen

genannt. Man sang sie im Anschluss an das Halleluja der

Messe, also an feierlichster Stelle. Halleluja, „lobet den Herrn", war ja

nach Johannis Offenbarung der Gesang der Engel an Gottes Thron;

und wenn es vor dem Sakrament ertönte, das den Gottheiland neu in

Leib und Blut verwandelte, so schloss es die irdische Schar der Beter

mit der himmlischen zusammen, und der Mensch steilte für einen Augenblick

jene Harmonie des Alls wieder her, die er durch seinen

freventlichen Fall gestort hatte.

Denn von Haus aus, so sah man es, war alle Schöpfung dazu da,

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ihrem Herrn zu jubeln und zu danken, ihn zu verehren und — jedes

Glied nach seinem Maasse — ihn zu verstehn. In diesen AU-einklang

fiigten sich mit den Engeln auch Sonne und Gestirne, Erde und Meere,

Winde und Quellen, Blume und Tier. Was für Menschenohren tausendfaltig-wirr

oder auch garnicht erklingt, das tont zum Ohre des Schöpfers

mit einer einzigen Stimme, una voce, als ein ewiges Halleluja.

Diesen AU-einklang in Gedanken zu erfühlen und in würdigen

Worten zu fassen war des Menschen Werk. Die niedern Wesen der

Erde vermogen das nicht, und die höhern Kreaturen, die Engel, bedürfen

es nicht.

Schon die frühesten christlichen Gedichte, die wir besitzen, widmen

sich dieser Aufgabe. Im zweiten Jahrhundert schrieben christliche

Mystiker Hymnen auf, die der Heiland selber, bevor er gefangen ward,

im Kreise der um ihn tanzenden Jünger gesungen habe:

Ich will floten und ihr tanzet alle,

Ich will weinen und ihr klaget alle.

Mit uns singt die Eine Acht,

Tanzt aufwarts die Zwölfzahl

Und das All, dem der Tanz geziemt:

Wer nicht tanzt kennt nicht die Wahrheit...

Die Eine Acht sind die Himmel der sieben Planeten und der Fixsterne,

die Zwölfzahl meint den Tierkreis. Ahnliches sagt eine Hymne,

die ein agyptischer Papyrus des 3. Jahrhunderts uns fragmentarisch

übermittelt — es ist das alteste Stuck, das wir mit der Melodie besitzen:

Alle herrlichen Gotteswerke zugleich sollen nicht schweigen und

die schimmernden Sterne nicht ausbleiben, alle rauschenden Flüsse

sollen hymnisch singen unsern Vater und Sohn und heiligen Geist,

alle Gewalten sollen einstimmen: amen amen amen, Macht und

Preis dem Einen Geber alles Guten, amen amen.

Indessen der stolze Gedanke, betend und preisend und gar tanzend

in den Reigen des Kosmos einzugehn, trat bald in den Schatten; nur

wenig erscheint er in der abendlandischen Kirchenhymne, die mit Hila-

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ius, Ambrosius, Prudentius im vierten Jahrhundert begann — man

dürfte wohl sagen: der Gedanke suchte kein Wort mehr und verlor sich

in Melodie. Er verlor sich in den kunstvoll blühenden schwebenden

kreisenden Jubelklangen, die man über die vier Silben des Halleluja

komponierte. Das hebraische Engelswort galt als „Tropfen von den

Wonnen des Paradieses", man mochte es durch kein heimisches Wort

mehr umranken.

FINDUNG DER Und nach einem halben Jahrtausend entdeckten ka-

SEQUENZ rolingische Dichter in der erdenflüchtigen Melodie

auf ihre Weise neu den ursprünglichen Sinn. Sie wagten, was seit den

sagenhaften Zeiten der Martyrer niemand mehr gewagt hatte: den Sang

der himmlischen Chore in Menschensprache zu übersetzen, ihn im Gedichte

greiflich zu machen. Sie nahmen das Wort Halleluja gleichsam

als Stimmgabel für dies Gedicht, und die vielen über die Hallelujasilben

gesetzten Meiismen boten ihnen den Ausgangspunkt für die Vertonung

ihrer Strofen, die ja nicht selbststandig hergesagt, sondernin derMesse

liturgisch gesungen wurden. Jene Halleluja-Kompositionen hiessen Sequentiae

(von se qui), etwa mit Nachhall zu übersetzen: der Name ging

über auf die hierher tretenden Hymnen. Deren eigentliche Aufgabe

war: dem Gottespreis des Kosmos und aller Geschöpfe an diesem Festtag,

zu dieser Messe, unter solchen Menschen das rechte Wort zu geben.

Die Gesetze der neuen Dichtung waren daher im wesentlichen aus

der gegebenen Liturgie zu schöpfen — ein Griff des Genius freilich gehorte

dazu, hier aus hundert schwanken Möglichkeiten die Eine fruchtbare

zu ergreifen, und immer wieder gehorte Meisterschaft dazu, in dem

gewahlten Gesetz die höchste Freiheit zu finden. Aber der Genius konnte

sich der Aufgabe stellen, weil man die Liturgie nicht als geschichtliche,

sondern als gottgespendete Gegebenheit empfand. Sie bestimmte zur

ziemlich alleinigen Sprache der neuen Dichtung die lateinische. Da die

Dichter priesterliche Mönche waren, besassen sie das Latein in zwar getrübter,

aber noch nicht gebrochenerUberlieferung als lebende Sprache:

gewiss nicht als Mutter sprache, aber, urn es richtig zu bezeichnen, als

Vatersprache. — Die Liturgie bestimmte weiterhin die Vortragsform

und damit das Ethos der neuen Hymnengattung: den gregorianischen

17


Gesangsstil in seiner erhabenen Schlichtheit, seiner linienklaren Entriicktheit.

Die Sequenzendichter fügten das besondere Gesetz hinzu, es

solle jeder Wortsilbe nur Eine Note entsprechen. Wie der erste Anlass

zu diesem Gesetz in dem Wunsche lag, die Melodie möglichst leicht einpragsam

zu machen, so starkte es seiner Natur gemass das Gewicht des

Wortes. Der Gesang sollte das Wort heben, aber nicht auflösen — das

Gedicht sollte die allzu flüchtigen Töne binden.

ANTISTROFIK Aus der lebendigen Liturgie schöpfte sodann der

Geist der Dichter ein Gesetz, das von jener an sich nicht befbhlen war:

das Gesetz der Antistronk. Gern sang man in den Klöstern das Halleluja

in Halbchören: der dunkleren Einstimmigkeit der Brüder respondierte

die hellere der Knaben. So gliederte sich nun die Sequenz in

Strofe und Gegenstrofe, beide von gleicher Melodie, damit auch von

gleicher Silbenzahl und gleichem innern Bau. Zeige das ein einfaches

sanktgallisches Beispiel:

STROFE

GEGENSTROFE

In laudibus aeterni regis

Haec plebs resultet

Alleluia!

Hoc denique caelestes chori

Cantant in altum

Alleluia!

Hoc beatorum

Per prata paradisiaca

Psallat concentus

Alleluia!

Quin et astrorum

Micantia luminaria

Jubilant altum

Alleluia!

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Zum Preise des ewigen Königs

Widerhalle das Volk hier

Halleluja!

Es singen die himmlischen Chöre

Auf zur Höhe auch sie dies

Halleluja!

Selige Geister

Auf Paradieses-gefilden

Tonen im Einklang

Halleluja!

Ja auch die Sterne,

Die klarauf blinkenden Leuchten,

Jubeln ein helles

Halleluja!

Man sieht, die altlateinische Metrik, die grade die Sankt Galler

recht wohl meisterten, ist kurzerhand fallen gelassen, sie wohnte eben

nicht im Innersten der Seele; und die neuen, auf Takt und Reim gegründeten

Versformen kündigen erst ganz leise sich an. Inzwischen

nannte man die neuen Gebilde ruhig Prosen, einfach weil sie nicht im

überlieferten Sinne Verse waren. Ihre Bindung lag allein in der Silbenzahlung

— die im tektonisch-strengen Latein allerdings Aufgaben von

sehr andrer Art stellt als in den gelenkig fliessenden romanischen

Sprachen. Jedes Einzelwort in der Sequenz gleicht einem wohlbehauenen

Baustein. Zwei oder drei solche Wortkörper zusammengefügt

geben den Block eines Kurzverses, einige Kurzverse aufeinandergelegt

den Altar einer Strofe — die in den Anfangszeiten selten mehr als etwa

30 Silben umfasst.

DIE THEMEN So viel für die Form. Der Text der Sequenz bestimmte

sich nach dem Fest, wie Geburt und Auferstehung des Herrn, ein Marientag,

der Tag eines Heiligen, Kirchweih. Man versteht diese Gedichte

erst ganz, wenn man sich in ihren Augenblick bineinversetzt.

Zum Beispiel zum Osterfest: Der Frühling beginnt, alles atmet neu.

Wir stehn in der festlich geschmückten Kirche, deren Glocken eben

nach drei grabesstummen Tagen hell in den Morgen gelautet haben,

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und denken, wie ein grausam getöteter Mensch nun vom Grabe auferstanden

ist, wie dies Unbegreifliche uns Allen Ende der Pein und neues

Leben verheisst. Die Lesungen der Messe erinnern uns, dass die Weissagungen

sich erfiillt haben, schon vernehmen wir das Halleluja der

obern Chore — da ertönt uns aus dem Kerzendammer süss und ernst,

geheimnisvoll und gedankenklar ein neues Lied, das alles Erleben

dieses Tages in seinen Kristallspiegeln einfangt:

Aufleuchtet der Tag,

Den der Herr gemacht hat,

Den Tod zerstörend

Und seinen Freunden

Lebendig

Als der Sieger erscheinend:

Zuerst Marien,

Darauf den Aposteln —

Die Schrift zu lehren,

Das Herz zu öffnen,

Damit sie

Sein Dunkel entriegelten.

Darum griissen jetzt

Den erstehnden

Christus alle Wesen froh.

Blume, Samenkom

Neuaufiebend

Spriessen, grünen, der Vogelschwarm

Weher Frost ist

Ja gewichen — jubelt süss.

Heller leuchten nun

Mond und Sonne,

Erst bei Christi Tode triib.

Und die Erde blüht:

Dem erstehnden

Christus dankt sie, die eben müd,

Weil er tot war,

Bebend zu vergehn gedroht.

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Also lasset heute

Uns frohlocken,

Denn uns hat

Den Lebensweg

Erstehend aufgeschlossen Jesus!

Sterne, Erde, Meere

Mogen strahlen!

Moge all

Der Geister Chor

Im Himmel Freudengrüsse bieten

Dem Donnerer!

(NOTKER)

DIE DICHTER Gern wüssten wir Naheres über die Meister der

neuen Weise und über die Art ihres Vorgehens. Aber die Civitas Dei

kannte keinen Dichterruhm. Was einer für sich schrieb und als Buch

andern mitteilte, das mochte den Verfassernamen tragen; was aber in

den Kult einging, war damit als Stimme des heiligen Geistes anerkannt,

es war von der Kirche zu verwalten und gehorte niemandem mehr zu

eigen. Nur wenige Ausnahmen gibt es, die wichtigste besteht in Sankt

Gallen: hier hat Notker der Dichter (+ 912) einen Kreis seiner Sequenzen

in ein „Hymnenbuch" vereinigt, das freilich als Buch nicht

erhalten blieb. Wir erfahren dabei von Notker selber, er habe als Jüngling

die Idee der neuen Dichtung selbststandig gefunden, aber die Ausführung

nicht gewagt; erst als er die gleiche Idee in Frankreich, wenn

auch auf unbefriedigende Weise, verwirklicht erfuhr, begann er sein

Werk. In französischen Klöstern ware demnach der Ursprung der Sequenzendichtung

anzunehmen.

Sie hat sich dann rasch über das Gebiet der lateinischen Kirche

verbreitet. Wie im alemannischen Sankt Gallen und seinen Nachbarklöstern

(Reichenau, Rheinau) blühte sie im aquitanischen Limoges,

im englischen Winchester. An der belgischen Grenze der germanischen

und romanischen Mundarten pflegte man um 880 den kunstvollsten

Strofenbau. Italien antwortete den über die Alpen kommenden Vorbildern

mit eignem Bemühn. Es hat einen besondern Reiz zu beobach-

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ten, wie die Eine klare Stimme der Allkirche in den verschiedenen Zonen

doch verschiedene Tönungen annimmt. Von bestimmten Klöstern

und von einzelnen, uns meist namenlosen Meistern her bildeten sich

Dichterschulen und -traditionen. Aber auch die verschiedenen Muttersprachen

mit ihrem Sondercharakter farben auf die Stilisierung in der

Einen Vatersprache ab.

S. GALLEN Am ehesten unterscheidet man Sankt Gallen und

UND LIMOGES Limoges, allgemeiner: die „deutsche" und die „französische"

Sequenz. Im Gebiet der althocbdeutschen Muttersprache

herrscht die klassische Linienstrenge: klares Latein mit sorgsamer

Pflege der alten Formen (auch das Althochdeutsche hatte ja noch eine

reiche Flexion); Neigung zum strofischen Takt; Ernst und Tiefe des

Gedankens, der gern in Atherreiche emporschwingt. Bilder, Klangwirkungen

springen auf, wo sie der geistigen Aufgabe dienen. — Im südfranzösischen

Gebiete herrscht die Klangfreude vor: das Latein wird

vom Romanischen her gelenkt, ist untektonisch bis zur Unverstandlichkeit,

schwebend, ganz aufs Tonen gestellt; jede Strofe, oft jeder

Kurzvers, zuweilen fast jedes Wort endet auf -a, die Grammatik mag

biegen oder brechen: ein gesuchter Nachhall des Halleluja. In dieser

Sprachmusik wogen erlesene Worte, machtige Bilder auf und verschwimmen,

eh man sie fassen kann. — Lachelnd diirfen wir auch einen

Uberlieferungsunterschied zwischen den zwei Typen bezeichnen: die

„deutschen" Sequenzen sind fast immer fehlerlos abgeschrieben, die

Sanger verstanden ihren Text und hielten sich daran; die „französischen"

— die iibrigens an Zahl ein vielfaches betragen — zeigen von

Handschrift zu Handschrift Abweichungen, oft Entstellungen bis zum

Unsinn und bis zur Zerstörung der dichterischen Form.

Indessen hat diese Typisierung ihre Grenzen. Die Zonen tauschten

mit einander, die Dichter schlossen sich nicht in ihre Heimat ein, sondern

freuten sich, ihre Kunst auch durch fernher kommende Anregungen

zu bereichern. Bei den schönsten Werken wird überhaupt erst

zuzweit nach den sondernden Merkmalen zu fragen und .zuvörderst zu

suchen sein, wo sich denn das damals im gemeinsamen Geiste Geglückte

uns Heutigen erschliesse.

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GRENZEN UNSRES Und dies Erschliessen ist nicht ganz leicht. Kein

VERSTEHENS Zufall dass die frühen Sequenzen, trotz einzelner

Bewunderer, noch heute nur als literarhistorischer Bestand registriert,

aber als Kunstwerke, als Gedichte unbekannt sind. Wohl in

keinem Bezirk unsrer abendlandischen Poesie bleibt für unsre Bildung

noch so Wesentliches zu entdecken wie hier.

Ein Teil der Schwierigkeiten liegt in der Sprache. Gewiss, man

haftet heute nicht mehr an der ciceronischen Norm. Aber auch wenn

man weiss, dass Gratia nun nicht Dank oder Anmut, sondern Gnade

heisst... ja was ist Gnade 1 Jeder weiss es nach seiner — immer heutigen!

—Weise, und am Ende steht man vor den tausendjahrigenTexten

etwa wie einer, der in ottonischen Miniaturen zwar nicht mehr den Stil

von Pompeji, dafür aber den der Nazarener finden wollte. Solch Wort

klang in den Tagen Notkers mit ganz andern Schwingungen durch die

Seele als in den Tagen eines Thomas von Aquin oder dann in der Neuzeit.

Denkt man es in der Sprache des Wessobrunner Gebets oder des

Heliand, so berührt man immerhin die eine Seite davon.

Vor allem aber: diese Gedichte entsprechen so wenig dem, was

wir sonst als Reiz und Eindruck von Dichtern aufzunehmen uns gewöhnt

haben! Das schone Taglicht und die plastische Pragung der Antike

fehlen hier ebenso wie das Atmosfarische, die Stimmung, die Beweglichkeit

neuerer Zeiten — die Reimsequenzen des dreizehnten Jahrhunderts,

wie das Dies irae oder das Stabat mater, kommen uns darin

schon anders entgegen. Vollends versagen hier all die haptischen Ruhmworte

der modernen Alltagsasthetik: rührend, bewegend, ergreifend,

erschütternd, packend — das alles sind diese Hymnen nicht! Sie stehn

in ihrem Raume und drangen sich uns nicht auf; reissen wir sie an uns,

so verlieren sie ihr Blut. Nicht umsonst sind sie meist namenlos überliefert:

wüssten wir auch die Dichternamen alle, es sprachen doch nicht

Gestalten zu uns wie im Altertum und seit Dante. Freilich dazumal, in

den Zeiten der Karle und Ottonen, sind ja auch die Erbauer der Kirchen

und die Bildner der Heiligenschreine namenlos.

Die bildende Kunst jener Zeit haben wir dank den Bemühungen

zweier Generationen anzuerkennen und zu geniessen gelernt: mancher

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schatzt heute die Friihwerke romanischen Stiles ebenso hoch wie die

einst höchstgefeierte Gotik. Die Dichtung sollte nicht langer zurückstehn.

Nach einiger Besinnung werden wir sie nicht nur „historisch"

auslegen — das hiesse in der Tat, dass sie Dichtung nicht mehr ware.

Sondern wir suchen in uns selber den Raum freizumachen, der ihr

eigentümlich zugehört. Ihn in uns zu entdecken, das ist die Schwierigkeit

— aber damit beginnen wir dann, die Hymnen zu verstehn.

BANN-KREIS DER Es sind Feierlieder der in den Himmel ragenden

GEDICHTE Ecclesia: so umhegt die schönsten unter den

vielen hunderten ein Bannkreis feierlicher Stille. Hat man einmal den

Alltag von sich gestreift, so nehmen sie den Geist in ihre Atherreiche

mit und betauben ihn doch nicht: man sieht sich gesichert und iiberwölbt,

wie wenn man aus dem Getümmel unsrer Strassen in eine Notre

Dame- oder Liebfrauenkirche trate. Oder besser noch in das Pantheon:

denn im Binnenraum dieser Hymnen nebelt kein Weihrauchgewölk

durch gotisches Dammerlicht, hier atmet reine, einfaltige Klarheit. Die

Formen, Linien, Farben, die man gewahrt, sind von archaischer Strenge.

Die Bilder, die erscheinen, stehn in unverriickbarem Ernst. Sie wirken

wie die zeitgenössischen Miniaturen unsinnlich-übergeistigt und doch

immer wieder gross durch irgend einen höchst eindrücklichen Zug. Der

Himmelsherr gibt den Flüssen „den Lauf und das Rauschen": welch

seltsame Zusammenstellung! Aber man vergisst sie nicht, und Gottes

Gewalt über alles Irdische leuchtet in dem flüchtigen Bilde. — Am

jüngsten Tage, wenn die Himmelssaule einbricht, „wastutdadasPünktlein,

was die Schreibtafel ?" Die unfassbare Kleinheit aller Menschenarbeit,

auch der des frommen Dichters, pragt sich mit der Einen Wen»

dung in die Seele.

ADLIGES Naturgemass geht es immer um christliche Themen,

CHRISTENTUM und oft liegen sie uns nicht. Oder berührt uns das

Grauen vor dem Weltuntergang, das Schreckbild des Jüngsten Gerichts

? Kann uns Sündengefühl schön sein 11ndessen, verstimmen sollte

es uns eigentlich auch nicht. Ohnedies wandeln die Gedanken dieser

morgenfrühen Gedichte in so unabirrbarer Selbstgewissheit an uns

vorüber, dass jeder Pfeil der Kritik auf den Schützen zurücksprange.

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Ein geübteres Ohr wird es schon der zuchtvollen Haltung oder der in

sich vollendeten Kunst dieser Verse abhören, dass hier alles sein muss

wie es ist, und dass irgend eine Verwechselung vorliegen muss, wenn

uns Inhaltliches stort. Wie kommt es auch, dass von den zahllosen Gerichts-

und Sündenpredigern, die seit nun einem halben Jahrtausend

wirken, nicht ein Einziger so unbefangen und siegessicher, überhaupt

so auf der Höhe hat dichten können 1

In der Tat leben die christlichen Themen hier aus einem andern

Atem als in früherer oder spaterer Zeit. Feierlich und hoheitsvoll hat

sich das Christentum auch sonst dargestellt, etwa im Jahrhundert seines

Sieges, als Ambrosius ihm Stimme gab; in der römischen Kirche klingt

das bis heute nach. Aber nie ist es in so ruhigem Adel, nie so vornehm

erschienen wie hier. — Man denke etwa an das Evangelium vom Pharisaer

und Zöllner! Der arme Sünder, der sich reuig in die Brust

schlagt, mag dem Glaubigen als Vorbild gelten, mag menschlich den

erstarrten Hochmut weit überragen: ein armer Sünder ist er eben doch

und gibt ein typisches Beispiel für jeden, der das Christentum als Religion

der kleinen Leute — sei es preisen, sei es herabsetzen will. Und

nun lese man die Sequenz vom Zöllner! Das Evangelium wird nicht

verlassen, aber in so reine Worte gefasst und mit so schönem Lichte

überglanzt, dass nichts als die wahre schlichte Vornehmheit uns anschaut.

Dem Pharisaer gilt kein Wort, kein Seitenblick: richtiges Tun

braucht keine Folie. Auch von einem Zöllner ist nichts gesagt, der „er"

des Gedichtes könnte ebensogut ein König sein. So steht er femab, wie

ein Standbild in seinem eignen Raum. Der Gedanke an seine Fehltaten

nimmt ihm den Bliek für die hohen Himmelssterne . . . welch ein liebendes

Abwandeln des Evangeliums, das mit nicht viel andern Worten

— „er wollte auch nicht seine Augen aufheben gen Himmel" — in doch

andere Richtung weist, auf die gottesfürchtige Selbsterniedrigung.

In der Sequenz scheint es, als erfüllte ein ganzes Leben seinen Sinn in

der Einen Gebarde. Und eben damit steht ihr Zöllner vor Gott: nicht

als ein Heros, wahrhaftig, aber auch nicht als ein Kleiner und Jammernder,

sondern als ein Mensch schlechthin, der seine Unzulanglichkeit

in seiner Unbedingtheit versenkt. —

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SUMMA Darm gewinnen solche Gedichte ihren echten Glanz zurück,

wenn wir sie, alles Ja und Nein zu dem was heute christlich heisst vergessend,

rein in ihrer eignen Weise betrachten: wenn wir nicht das bekannte

Bibelwort, die bekannte Ethik, das bekannte Dogma in sie hineinsehn,

sondern unbefangen ihre Klange, Bilder und Gedanken wie

etwas Neues in uns aufnehmen. Wir wissen dann ein Stuck mehr von

dem, was Dichtung geben kann, und blieken tiefer in unsre Vergangenheit:

um ein nicht mehr zu Missendes wird die Seele reicher. Vieles an

den Sequenzen, gewiss, erschliesst sich nur, wie Dante, dem beharrlichern

Eindringen; dazu werden immer nur sehr wenige kommen.

Grade Notker sattigt oftmals seine Hymnen, deren meisterliche Höhe

auch ohne jede Erklarung ins Auge fallt, mit zarten Andeutungen und

Verknüpfungen, die heute fern liegen.

Am tiefsten unterscheidet wohl dies die heutige Welt von der vor

tausend Jahren: dass der Heutige das Geheimnis als dunkel empfindet

und meist im Stoffe danach sucht. Jene suchten nach dem Geheimnis

im Geiste und im hellsten Licht. Aber grade dieser Unterschied muss

nicht nur Trennung bedeuten: der Gegenpol bindet den Pol.

UNSRE

A U S W A H L

Unsre Auswahl ergreift vor allem eine Anzahl jener Gesange, die noch

heute unmittelbar leuchten können. Das sind nicht durchaus jene, die

vor tausend Jahren das starkste Licht gaben: unser Auge ist nun einmal

am offensten für das Persönliche und Erregende, das dazumal mehr am

Rande des Gemeinsamfeierlichen lag. Auch fassen wir leichter, was

unsern vorgeformten (leider nicht sehr gut vorgeformten) Begriffen

vom Mittelalter entspricht: etwa Gedichte vom Tod und vom Jüngsten

Tag, in denen wir Muspilli und Ragnarök kirchlich gespiegelt finden.

Wirklich gibt es deren sehr schone: aber als seltene Ausnahme.

Typisch ist der frühen Sequenz der freudige Aufflug der Seele, das

Schweben in lichten Bildern, der hymnische, ins Gebet einmündende

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Gottespreis. Davon wahlen wir gute Proben, sehr hohe und ganz

schlichte.

Aber auch die abendlandische Reichweite dieser Hymnik soli ein

wenig zur Anschauung kommen. Und wenn in unsrer Auswahl das

Meiste dem neunten und zehnten Jahrhundert angehört, so mogen doch

auch ein paar rühmliche Beispiele die Ausstrahlungen und Übergange

bis bin zur reimbliihenden Dichtung eines neuen Zeitalters sichtbar

machen.

In den angehangten SCHOLIEN finden sich zu jedem Gedicht die

etwa wünschenswerten Daten und Erklarungen. Dass ein paar Texte hier

auch lateinisch vorliegen, wird mancher Leser begriissen: es sind vorwiegend

solche, wo ich auf Grund kritischer Durcharbeitung den Wortlaut

oder die Bauform exakter als die bisherigen Drucke bieten kann.

Bei ein paar Gedichten ist ein Hinweis auf die SCHOLIEN gleich

unter ihrer Überschrift eigens eingesetzt. Diese Gedichte waren in Gefahr,

ohne besondere Einfiihrung unverstandlich zu wirken; die dichterisch

schwacheren sind sie darum nicht.

UNSRE

UBERSETZUNG

Unsre Ubersetzung müht sich um die erreichbare Wort- und Formentreue,

hofft aber vor allem, etwas vom echten Atem der Urtexte in die

deutsche Sprache einzufangen.

Wenn sie machmal ohne unmittelbar greiflichen Grund vom Wortwörtlichen

abweicht, so waren dafür bestimmend — ausser den ungreiflichen

Griinden von Form und Klang, von dem inneren Gleichgewicht

des Gedichts und dem persönlichen Gefühl des Übersetzenden

— zwei grade hier wichtige Rücksichten.

Zum Einen galt es, die eigentümlichen Schwingungen des karolingisch-ottonischen

Lateins einzufangen, das sich nicht zwar grammatisch

und vokabular, wohl aber nach seiner Rhythmik und seinem

Ethos von dem früheren wie spateren unterscheidet. Und wohl zu mer-

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ken: darin liegt eine Frage auch an das Deutsche. Insonderheit die

christlichen Worte sind im Deutschen nicht, wie sie so lang schon urnlaufen,

als abgegriffene Münze, sondern im frischen Stempelglanz zu

geben. Unctio klang für Notker nicht wie für uns „Salbung". (Vergleiche

vorhin S. 23 über Gratia.)

Die andre Rücksicht für den Ubersetzer:tragendfürdieSequenzenstrofe

ist das, was ich denWortkörper nenne. Es kommt wohl auf die

Silbenzahl der Zeile und Strofe, aber es kommt fast noch mehr auf den

Umfang und Tonfall des einzelnen Wortes an, das hart umgrenzt neben

seinen Nachbarworten steht. Wenn ein Lied mit den Worten anhebt:

Christe, domine, laetifica

sponsam tuam

ecclesiam —

so sieht man in der Anfangszeile die gewichtige Abtrennung des Mittelwortes,

man fühlt aber auch das Anschwellen der Wortkörper von

zwei über drei zu vier Silben:

Christus, göttlicher, beselige

die Verlobte,

die Kirche dein.

Beim Horen auf solche Gedichte verfeinert sich unmerklich das Ohr

für Werte des Wortes, die heute sogar dem Dichter nur selten bewusst

werden.

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1 i

TAUSENDJAHRIGE HYMNEN

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DIE FRANZOSISCHE SCHULE

GELEIT

der Sequenzenbücher von Limoges

Herr Gott, wir flehen:

Wiirdig reinige

Bis in das Innerste

Unsre Seelen,

Dass die Herzen

Christus, wenn er nun komme,

Für sich aufgetan

Erfinde.

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AM VORABEND DER OSTERN

Schon jauchzt der himmlische

Chor in freudigem

Widerhall

Neuen Melodieensang

Ihm, der im Triumfgeprang

Die Fahne zuriickbringt,

Da er die Höllenmacht

Niederbrach.

Singe unser Chor denn,

Eins mit jenem

Über Sternen,

Glockenhell

Die Stimme tonend,

Ein ewig Halleluja!

32


ZUM

A D V E N T

Halleluja

Dir, dessen Rechte

Alle Reiche

Einzig leitet!

Zeig deinem Volke

Die grossen Krafte

Auferweckender Hochgewalt.

Leihe, bringe

Ihm die Heilsgewahrung dar.

Wie dich weissagende Sehermacht

Lang verkündet hat:

Vom Glanze

Deiner Himmelspfalz

O steige,

Jesus, zu uns, Göttlicher, niederl

33


AUF

OSTERN

Freude dem Erdreich

Und Jubel dem Weltrund!

Freude sei beiden

Menschengeschlechtern:

Dem Manne, dem Weibe

Allzugleich.

Freude dem Ather,

Frohlocken dem Meere!

Dem Triumfator

Schalie ihr Jubel

Und ihrer erhellten

Stimme Sang:

„Seht den Helden,

Der den Starken überwand!

Selber stirbt er,

Reisst des Todes Reiche auf."

Die Rauber heulen,

Die das erschaun,

Und Angst erfasst sie

Vor Gottes Macht.

Einer den andern fragt:

„Wer ist dieser Held,

Der so machtig

Alles vollziehen kann?

Trat bei uns ein, zerbrach

Die Tore von Erz;

Unsre Waffen

Hat er niedergekampft.

Ein Ewiger ist er,

Dieser Held, der Wunder wirkt.

Wie nur blieb uns

Solch ein Starker so verhehlt V*

34


Da er hinging, bebte

Die Erde auf,

Und der Tempelvorhang

Riss mitten durch.

In die Himmel drang

Grausen ein, den Mond

Verdüsterte blutige Farbe.

Phöbus ward beraubt

Seines Strahls; er rief,

Ihm wichen seine Krafte.

Doch der Chor

Aller der Engel klang

Immer fort in die Lüfte:

„Wer ist er,

Der im Rubingewand

Kommt von den falsetten Brüdern?

Er, der so schön

In seiner Stola schreitet?

Warum in Rot

Die Kleider, die er mitbringt?"

Mit tragt er

Sein eigenes Ebenbild,

Einst den Alten verloren

Durch des Erstgeschaffenen Missetat.

Auf tat er

Die Pforten zum Paradies.

Und nun bringt er die Seelen

In die immer-ewige Herrlichkeit.

35


DIE

S C H W A N E N K L A G E

Klaget, ihr Kinder! tranend enthalle alien

Der Sang des Schwanen,

der hinflog über den Ozean.

O welch ein Jammern

entsprang ihm, dass er die trockne Bahn

Verlassen mit ihrem blumigen Plan

und aufs Wasser den Flug unternahm.

Da sprach er: „Wehe, was hab ich getan,

armer Vogel! wie wend ich den Gram?

Lösen den Fittich, setzen den Fuss auf die Feuchte, die leuchtende,

kann ich niemals.

Wellen sie schlagen, Winde sie tragen den Landesverwiesenen

hier- und dahin.

Mitten in gedrangten

Wogenbergen wird mir bang.

Meine Schwingen flattern,

Todes Nahe blickt mich an,

mir erlahmt der Höhendrang.

Und ich seh in Schwarmen

Fische wimmeln zart und blank.

Kann doch nichts ergattern —

reichster Nahrung keinen Fang —

aus den Strudeln dicht und schwank.

36


Aufgang und Untergang,

Strand und Himmel:

schenket zur Steuerung

flimmernden Sternenglast !

Hauchet Entschleierung

dem Orion!

jagt in Verfliichtigung

sinkende Wolkenlast!"

Also sann ihm das Herz: da trat

still als goldene

Helferin nahe Aurora,

Überatmete ihn und gab,

dass verlorene

Kraft ihm gewaltig emporkam.

Freudetrunken

fand er den Pfad nun

zwischen Wassern

und der gewohnen

brauenden Wolkenmacht.

Gliick erahnend,

auf klaren Strahlen

hingetragen,

durchdrang der Schwan die

flutende Meeresnacht.

Süsse Weise

sang er da,

als den Flug er

an das trockne

Land getan:

Kommet eilend

allzumal,

all ihr Vogel!

lasst erschallen

Schar um Schar

Dem grossen König Gloria.

37


DAS

G O L D B L Ü T E N L I E D

Zu Marien Himmelfahrt

Erklarungen hierzu auf S. 81

la Aus der Goldblüte l b Geht die Sonne auf,

Der Urmutter Eva

So macht all die hohen

1st die Rose

Himmelsleuchten

Zur Blust entsprungen: so

Der Morgenstern erst schön.

2 a Blond werden brache Gefilde 2 b Zu neuen Düften, von Nektar

Die Orchideen spriessen und die Traufen die Wiesen und der Akanthus

Lilien auf

sprüht im Tau.

3 a

Auf der Burg des Vaters

Thront der Sohn

lm Ring der Aonen:

Der herrliche Spross

Verwaltet in Vaters

Vollmacht alle Welt

Von Uranfang her.

Aus der Höh der Bote

Gabriel,

Der oberste Herold

Des ewigen Herrn,

Verlasst nun die Veste:

In der Jungfrau Hof

Steht er strahlenhell.

4a Die hehre Jungfrau 4 b „Empfangen wirst du,

Maria vom Lichte

Königin der Erde,

Schrickt empor; Gabriel

Den der für alle Zeit

Verkündigt, sagt ihr:

König der Welt ist."

5 a Unberührt ward nun der jungfrau- 5 b Nieder kam die Mutter, die glorliche

reiche,

Schooss Mariens kindesschwer. Keusche, rein vor der Geburt

Frommer Glaube folgte dem und Wie danach, es gibt nicht ihrestraute:

gleichen;

Glaube nur ist würdig

Denn gebarend blieb sie

Solcher Vermahlung.

Unangetastet.

38


6a

Du Gesegnete! wie fruchtet

Dir die Blume deines Leibes!

Einzig du

Fandest beispiellos Gefallen.

6 b

Keine sah man, so wie du bist,

Vor dirj keine wird dir folgen:

Übers Maass

Selig bist du, o Maria!

7a

Sonnengleich

Wandernd hast du

Die Glanzbilder der Sferen

AU iiberstiegen —

Schimmernde Ampel

Mitten unter Engels-chören.

7b

Heute denn

Tritt zum Himmels-

Tempel, du heiige teure

Gottesgebarerin,

Bete zum König

Du der Könige dort oben:

8 a „Die Landleute alle, 8 b Und durch deine Bitten

Die die Ernte dein

Mög Erhörung uns

Drunten sammeln,

Herrlich werden:

Nimm sie auf im himmlischen Vater- Mogen wir zusammen in Ewigkeit

land!"

Die blumige Veste

Alle bewohnen, du Teure!

39


VOM J Ü N G S T E N TAGE

Hochgewaltig und bitter

Wird dereinst jener Tag sein,

An dem alles zugrund geht,

Was wir sehn in der Körperwelt,

Erde und was da schwimmt

Im Wasserreich.

Milde naht dann der Richter,

Der die Strafen streng bemisst,

Und Jahrtausende richtet

Er, der alle Wesen schuf.

Die Himmelssaule

Wird auf seinen Wink hin,

Die hohe, zittern.

O Tag der Fülle,

Wo so offenbar wird,

Was je gewesen!

Und was tut das Piinktlein,

Was die Tafel,

Wenn also erschaudert

Droben da die Saule ?

Und was fiihlen Menschen,

Was die Tiere,

Wenn also erzittert

Da droben der Haufe ?

40


O du, der als König

Alles uns gewahrest,

Heute so wie ewig:

Nicht uns, nicht lass sinken

Uns zur schwarzen Holle,

Zu den Teufelsraumen —

Nein, führ uns in die Engelsreiche!

41


DIE

SELIGKEIT

Im achten der Weltenalter

Erblüht in doppeltem Kranre

die verklarte Geisterschar,

Weil mit der Seele im Glanze

sich der Leib in Glorie paart.

In zwiefacher Stola wandeln

sie, denen vormals

eine nur zum Lohne ward.

Sonnengleich die Reinen strahlen

und wie die blanken

Himmelslichter in der Nacht.

Alle wissen dann

alles; Worte

horen auf:

die Herzen reden einander.

Allen Ein Gesang:

Halleluja —

tont: auf den

weist die Sequenz, mit klarem

Tone zu singen.

42


GEBET

Höchstes Licht im hehren Saai:

Dich feiern schön

Die oberen Scharen;

Dich spiegein all

Die irdischen Zonen.

Nimm es hin mit sanftem Ohr,

Wenn dir deine Gemeinde

Wegen deiner Herrlichkeit

Reines Verlangen zutragt.

Brich des Feindes arge Bande!

Weit verbanne jeden Schaden —

Dass du deine Wohnung,

Solang Leben wahret,

In unsres Herzens Tempel habest.

43


GLORIA

Die Ecclesia singt dem Gottessohn

Gloria

Von Zimbeln ertöne,

Und so breche vor

Der Kirche siisstoniger Hauch:

Sei griinender Preis

Dir, Christus, allzeit,

Und Schimmer des Schonen,

Schon ehe der Stern

Des Morgens aufgeht,

Wie Davids Rohr flotet.

Du Herrlicher, wortgezeugt:

Als du Gestalt,

Menschhafte, gnadig

Annahmest, die der Altar

Des Kreuzes trug,

Der Weihealtar,

Hast du aus reinem Stamme

Über die Wildbahnen

Der Erde hin mich,

Die Kirche, spriessen lassen

Und die irrschwanke

Synagoge verschmaht.

44


Darum bitte ich

Bei den Kreuzeswunden

Und bei den Stromen

Rosenen Bluts:

Alle die ich nun

Dir als Söhne zeuge,

Erfüll mit Gnade

Himmelentströmt,

Mit dem Glauben wehrmachtig,

Um die Übel giftmachtig

Zu besiegen und dann hoch

Im Palaste sternprachtig

Für alle Gotteszeit

Sich am Kranze zu freuen.

45


NOTKER DER DICHTER

ca. 840 — 912

ZUM

OSTERMONTAG

Der zuvor in sterbliches

Gewand sich kleidete,

Um zu kampfen,

Hat nun auferstehend

Unsterblichen,

Leidenthobenen Leib erkoren,

Um zu gebieten

Himmeln und Erden und Meeren.

Der neben seinem Vater

Zum Throne erhöht ward —

Mit der rechten Hand

Gibt er Flüssen den Lauf nun und

Das Rauschen.

Und den christlichen Erdkreis

Festigt stets er,

Und meerhaft Gewoge

Bandigt er so,

Dass tragkraftig

Der Grundbau

Für seine Kirche

Zusammengefügt sei,

Und dass sein Haus ihm

Voll Glanz sei

Bis an das Ende der Tage.

46


ZUM

OSTERDIENSTAG

Christus, göttlicher, beselige

Die Verlobte,

Die Kirche dein

Heut am Festtag,

Zu dem damals,

Christus, du sie dir angetraut

Und Mitgift für sie gespendet hast

Reich an Wundern.

Einst hat die Heiligen, traurig

Über deinen Tod,

Dein Auferstehn getröstet.

Jetzt, da du thronst

Zu Vaters Rechten,

Halte jeden

Todesangriff,

Du Christus, uns ferne.

47


GEN N A C H DER KIRCHWEIH

Du der die Burger schufest, Gott,

Des himmlischen Reiches und heilig machst

Samt ihren Statten in der Höhe:

Hier im Tempel, der der Hoheit

Deines Namens heute geweiht ist,

Mach die Menge, die dir vereint ist,

Durch die Gnade dein so heilig rein,

Dass kraft deiner spendenden Liebe

Ein dir lieber Tempel zu werden

Uns gelinge, jetzt und immer und auf ewig:

Gott, der du niemandes Untergang willst!

48


KLAGE DER KIRCHE

Auf einen Blutzeugen

Warum weinst du,

Jungfrau Mutter,

Rahel, du schone,

Deren Mienen

Jakob stets lieb hat?

Trockne, Mutter,

die strömenden Augen!

Darf ein Gram denn

die Wangen dir furchen ?

„Weh — weh — weh — warum

scheltet ihr, es flossen

mir Tranen vergebens,

Da mein Sohn mir geraubt ist,

er, der meiner Armut

der einzige Hort war:

Er, der Feinden nie

einen Streif

preisgab der kargen Flur

die mein Herr

mir gewonnen hat:

Er, der für die Schar

törichter

Brüder, die ich zum Leid

auferzog,

Stütze sein gesollt!"

Soil man denn den beweinen,

der thront in den himmlischen Reichen ?

Ihn, der den armen Brüdern

mit seinen Fürbitten

bei Gott selber zu Hilfe kommt ?

49


DIE RITTER GOTTES

Auf die Martyrer

Die Kriegesposaune,

Die Gottes Dienern keine Furcht macht —

Sie treten zur Schlacht an, und der Feind

Steht grausig geriistet, zwiegestalt —

Sei mit der Posaune

Einstimmigen Sangs,

Freunde! uns vertauschtj

Und sie, deren Taten

Von höherer Kraft

Uns Tragen

Niemalen erreichbar sind,

Feire unser Lied.

Sie, des höchsten Gottes Streiter

Unternahm der Widersacher,

Immer findig in Schelmenkunst,

Mit Verlockungen blanken Trugs

Vom Weg der Wahrheit wegzuziehn.

Doch jene —

Ihr Herz schwang zum Herren hin

Hoch aufwarts: sie spahten,

Und rissen des drauenden

Voglers Netze durch.

50


Zorn ergriff Den im Verstecke

Und ins Offhe spie der Feind nun

Die Gewalt hinrasender Wut.

Seine Sippe waffhete er,

Um Gottes Ritter zu bestehn.

Die aber —

Die Sieger in jederlei

Misshandlung und Strafe —

Weihten ihre Stirn dem König

Christus für die Lorbeerkrone.

51


ZUM

STEFANSTAG

Eintrachtig im Jütigertume

Begehn wir diese Jahresfeier,

Wie ihres Begriinders Vorbild

Giitig uns anweist,

Der heut für seiner Verfolger

Untat gebetet.

O Stephanus,

Fahnentrager des guten Königs,

Gib Gehör uns,

Da segensreich

Dir Gehör für die Widersacher

Einst geschenkt ward.

Paulus auf dein Bitten hin,

Stephanus —

Der dich zuvor verfolgte —

Glaubt an Christus,

Und mit dir vollzieht er den

Reigentanz

Im Reich, dem ein Verfolger

Nie genaht ist.

Aber auch uns, uns Flehende,

Die zu dir rufen

Und dich mit Bitten bestürmen,

Uns moge deine heiligste

Fürsprache immer

Mit unserm Gotte versöhnen.

52


Dich setzt Sankt Peter

Zu Christi Diener ein:

Du pragst Sankt Petern

Des Glaubens Urbild ein,

Da du zur Rechten

Des Vaters Den zeigest,

Den das tolle Volk ans Kreuz schlug.

Dich hat sich Christus

Ausgesucht, Stephanus,

Um seine Treuen

Durch dich zu kraftigen,

Indem er mitten

Im Sausen der Steine

Dir zum Trost sich offenbart hat.

Jetzt bei den Martyrern

Schimmerst im Purpur du,

Erkoren fur die Krone.

53


DIE

WEIHNACHTSHYMNE

Er, geboren vor der Zeit, Gottes Sohn,

Unsichtbar und raumlos, grenzenlos —

Durch den der Bau entsteht des Himmels, der Erde

Und des Meers und was in ihnen lebt,

Durch den Tage und Stunden sinken

Und dann wiederum zum Anfang gehn,

Den im Atherpalast die Engel

Stets besingen wie aus EinemMund—

Er hat nun hinfalligen Erdenleib,

Frei vom Makel

Des Erbvergehens, aus dem Blut

Der Jungfrau Maria angetan,

Um des Erzvaters Verfehlung

Zu sühnen und der Eva lose Art.

Davon weiss der heutige kurze Tag,

Der vorleuchtend,

An Dauer schon zunehmend ist,

Weil die wahre Sonne, neugezeugt,

Das uralte Weltendunkel

Mit ihrem Strahlenpfeil vertrieben hat.

Nicht mangelt der Nacht

neuschimmernder Stern:

Er schreckte die kundigen

Augen der Weisen.

Nicht fehlte der Hut

der Hirten das Licht:

Sie streifte die Klarheit

der himmlischen Helden.

54


Freu dich, Gottes Erzeugerin:

Dich umringen an Hebammensteile

Engel, welche die Herrlichkeit

Gottes besingen.

Christus, Vaters einziges Kind,

Der du Menschenwuchs um unsertwillen

Angenommen: belebe sie,

Die vor dir knieën,

Und deren Schicksale selbst zu

Dich gut dünkte, Jesus,

Sei gut und empfang auch

Deren Gebete,

Dass gütig du sie erheben wollest,

Zu teilen, du Höchster,

Dein göttliches Schicksal,

Kind du des Höchsten.

55


NOTKERS UMKREIS

DER

Z Ö L L N E R

Fernab stand er

Der so viele

Missetaten vollbracht,

Hatte der hohen

Himmelssterne

Er nimmermehr acht.

Ach Herr, so wolle

Mir Sünder gnadig sein;

Dies Wort

Verdiente ihm, dass er

Gute Huld gewann,

Dessen geweihtem

Vorbilde zugewandt

Sagen wir denn vereint:

Und dieweil er

Seine Sünden bedacht,

Auf seinen Busen

Schlug er weinend,

Und also er sprach:

Mach du von alien

Missetaten mich rein!

Und so

Begab er sich heimwarts

Als gerechter Mann.

Herr Gott, erbarme

Dich unser gnadenvoll,

Mach uns von Flecken rein,

Milder! und lass uns Gerechte sein!

56


DER

PRASSER

Einer trat da

Die breite Strasse,

Froh prangend in der Güter Glanz,

Seine Gewande

Purpur und Linnen wunderzart.

Mittags die Mahle

Zog er ins Nachtmahl an jedem Tag;

Immer gab es da

Prunken und Prassen im Uberschwang.

Und mit einem Mal

War ihm das alles weggeschlagen:

In den Abgrund sank

Seine Seele, der Leib zum Sarge.

Wo nun Pracht

Und Geprass

Und auserlesne Gelage ?

Lust und Drang

Ohne Maass —

Wo das geblahte Geprahle ?

Schon ist die Frage

Abgetan

Für Seele ihm und Leib zumal:

Dass grössre Plage

Er hindann

Unendlich lang zu tragen hat

Gemass dem irdisch Getanen.

57


DER WEG DES MENSCHEN

Erklarungen hierzu auf Seite 89

1

Dichte, Zunge, singe du

Gott das Lied, das du ihm schuldest.

2 a

Hebe Töne dem Ather zu,

füll den Busen mit Tranen an!

2 b

Denn es hat die heilige Hand,

die uns dachte, ihr eigenes

3 a

Bild uns aufgesiegelt:

er hauchte und senkte

in Lehm die Seele.

3b

Aufwarts hob das Haupt er,

dass immer auf Gottes

Gesicht es sinne.

4 a Gab ihm freundliche Lande: 4 b Jetzt gerat in die Grube,

Sturz geschah durch Klugheit der weh, und stösst auf Schroffen der

Schlange.

Arme.

5 a O Missetat!

nimmer lasst du mehr Erinnerung

dem Leben, ach entgegenwehn,

und kein Tranenstrom, weh,

löscht dir je den argen Frevel aus.

5 b

Arme Seele,

von Natterschlingen umwundene:

musst im grausigen Schatten nun

kriechen dort, wo dich einst

wilde Geistesgier zu Boden warf.

6a Atzende Gifte saugst du,

Wunden leidest du,

die du nur grosser machst, arme du,

6 b

Beim blinden Licht der Fackel

nebelüberweht,

Seele, der Süsse fern, arme du.

58


' a Schleicht die Pest dem Herzen zu,

stirbst du Sinnengelahmter hin;

Asche kehrst du ins Grab zuriick:

wehe, dann stösst es dich zur Unterwelt.

7 b

Da empfand der starke Herr,

der dich formte, dein Fehlgeschick,

nahte, loste vom Fesselstrick

die Guten: so atme der Gnade zu.

8a Trocknet das Auge schon,

verschwinde die arge Scham auch:

halte wahrhaftigen Freuden stand!

Wende das Angesicht:

dem goldenen Urbild strebe

naher, dem herrlichen Vaterland!

8 b

O Bildner:

dass du es auf ewig

dauern lassest.

Licht sei du uns und Lohn.

9 b

Allein Du

bist der dreifach Eine:

dich, Konig, preist

die Stimme, dich das Herz

10 In Ewigkeit.

59


ZUM

TO TE NAMT

Höre, Erde, höre, Schooss des grossen Meeres —

Höre, Mensch, und höre alles was lebt in der Sonne:

Kommen wird, nahe ist

Des Zornes Tag, der verhasste Tag, der bittere Tag,

Da der Himmel fliehen wird,

Die Sonne errötet,

Der Mond verwandelt wird,

Der Tag sich schwarzet,

Sterne über die Erde fallen.

Weh, weh, und wir,

Wir Sündigen und Armen —

An jenem Tage des Schreckens,

Was werden wir tun —

Dann, wenn Himmel wanken muss und Erde ?

60


MEDIA

VITA

Mitten im Leben

Im Tode stehn wir.

Wen werben wir

Uns zum Heifer

Ausser dich,

Herr der Welt,

Der wegen unsrer Sünden

Du stark im Zorne bist ?

Heilig Höchster,

Heilig Starker,

Heilig- und barmherziger

Eriöser:

Dem bittern

Tode gib uns nicht preis!

61


AN DIE MUTTER GOTTES

Du Weltenzierde

Maria,

Zeugerin Gottes:

Uns Sünder

Die zu dir rufen

Lass, Holde, du uns

Aller Vergehungen

Ledig werden,

Dass mit deinem

Sussen Sohne

Wir freudenvoll immer

Regieren in der Höhe.

62


INVIOLATA

Unangetastet

Unschuldig

Und keusch bist du,

Maria

Die zu des Königs

Strahlentor

Ward erkoren.

O hehre Mutter

Christi, du teuerste,

Nimm unsre frommen,

Preisenden Bitten an,

Dass in der Reinheit

Uns der Leib

Sei und der Odem.

Wenn dich in Demut

Jetzt rufen

Herzen und Lippen,

So gib als süss-singende

Fürbitterin

Uns Teil an des ewigen

Lebens Freuden:

O Frau der Güte,

Die einzig

Unangetastet

Du geblieben.

63


AUSSTRAHLUNGEN

DIE

OSTERSEQUENZ

Dem Opfer von O stern

Soil der Christ den Lobgesang opfern.

Lamm war Schafen Erlöser:

Christus söhnte in Unschuld

Dem Vater wieder aus

Alle die Bösen.

Tod und Leben, sie schlugen

Wundermachtigen Zweikampf:

Der Herr des Lebens, tot,

Lebt, Allkönig.

„Maria, nun sag uns:

Auf dem Wege, was sahst du ?"

„Das Grabmal Christi, des Lebenden,

Und das Leuchten sah ich des Erstehenden;

Sah Engel dort innen,

Das Schweisstuch und das Linnen.

Erstanden ist Christus, mein Verlangen,

Und nach Galilaa vorangegangen."

Mehr muss man glauben der einen

Maria, der wahren,

Als aller Juden

trügenden Scharen.

Wir wissen, Christ ist erstanden

aus Todes Umarmung:

Zeig du uns, Sieger,

König, Erbarmung.

65


DIE

PYTHAGORAS.SEQUENZ

la

Der Lebensspender

Der Alleswirker

Gott, der Natur Bildner,

Der die schwingende

Weltenkugel

Einschliesst mit machtigem Griffe,

Leuchtet in seiner Schöpfung

In Ewigkeit erhaben.

l b

Er hat die Alten,

Weil sie der Wahrheit

Nimmer noch nachgingen,

Durch das Pfadlose

Der Sophia

Spahend zu wandeln geheissen,

Unwahrscheinlich, durch Irrtum

Den Pfad fur uns zu batmen.

2a

Unter ihnen bliihte

Durch des feinen Geistes

Scharfe Pythagoras,

Welchen Seelenwanderung,

Sagen sie, als er

Vor Troja gefallen,

Wieder zur Welt bringt —

Und dem neu Lebendigen

Gibt sie ein, der Dinge

Dunkle Bedeutungen

Recht mit dem durchschauenden

Seelensinn zu ergriinden.

Als denn dieser Kluge

Einst an einer Eisen-

Schmiede voriiberging,

Nahm er wahr, es hammerte

Ungleich an Wucht und

Verschiedenen Klanges

Dort auf den Amboss —

Und erkennend, ohne Form

Berge hier der Tone

Jegliche Macht sich,

Gab die Form er, zeugte er

Schone Kunst als der erste.

3a

3 b

Sie auszubilden schuf er

Die drei Symphonieen:

Diatesseron — diapente —

Diapason —

Gegliedert aus der Vierzahl,

Vollkommenen Einklang zu tonen.

Und festen Grund

Legte des Greisen Satzung.

Dass sie die Regel der Dichter,

Dass sie der Maasse

Wissenschaft und des Gestirnt

Bewegung umfasse,

War sein Geheiss —

MA TEN TETRAD A! —

Darum gab er

Ihr seinen Namen.

Das Ypsilon, dem I gleich

lm untern Teil, aber

Nach oben hin in zwei Aste

Sich verzweigend,

Hat er dem Menschendasein

Zum schicklichen Gleichnis erfunden.

Denn redlich ist

Und einfaltig die Kindheit,

Aber nicht einfach zu kennen:

Wird sie an Sünden

Wird sie an Tugend das Herz

Zu Dienst geben wollen ? —

Bis denn einmal

Die Stufe des Jünglings

Jenen Zweiweg

Für uns darbietet.

66


Da — wer den Lastern,

Tugendfeindlichen, fröhnt, der

Tritt auf jener

Breiten Bahn daher,

Die zum Schlusse

Schwerer Strafen voll

Ihren Wanderern

Entsetzenschwer

Die Höllentore offentut:

Wo nur Knirschen der Zahne

Und alle Zeit

Weinen ist der Trauernden

Geschehenen Frevels halb:

Wo stets ein rascher Tod

Ersehnt wird — vergebens,

O der Pein! — und gesucht wird.

Aber der Andre

Steigt auf Stufen der Tugend,

Zieht auf jenem

Schmalen Pfade klug

Der am Ende

Freudenüberreich

Seinen Wanderern

In Ewigkeit

Das siisse Leben auferschliesst:

Wo die Seelen der Guten

Bestendig hell

Leuchten, und der Strahl auf sie

Der bleibenden Sonne fallt:

Wo stets das Angesicht

Der Gottheit zu schauen

Sie beglückt sind, die Seligen.

' Du Lebensspender,

Du Alleswirker,

Gott, der Natur Bildner:

Dort verhindere,

Hier beschwinge

Deine Getreuen zu wandeln,

Dass sie einst nach dem Tode

Solch ein Leben teilen.

67


AN DIE MUSEN

Musen von Sikelia,

Ihr auch von Pieria,

O seid nun geschwinde da,

Freundlich jedem Wunsche nah!

Wenn verhalten sie missfallt,

Hoch hinauf die Stimme schnellt,

Die, damit sie euch nicht geilt,

Bald zum Tiefton niederfallt.

Freude machen sie euch beide:

Nun auf Saiten süss gewiegt

Der Leier Klang —

Oder, gebt ihrs zum Bescheide,

Nun den Hymnen angeschmiegt

Der Zither Sang.

Winket andre noch herbei:

In den Reigen

Eingefiigt die Laute sei.

Jedes halle klar und rein;

Nur die Trommel

Werfe dumpfes Tosen ein.

68


Jetzt der rauschende Hörnerschall

Und der schwellende Flötenhall!

Mit Getöse,

Mit Geprange

Soil den fröhlichen Kamönen

Jetzt der ganze Chor zutönen.

Es gewöhne sich an den Britenreim die Melodie,

Wie die Stimme an den daktylischen Fuss in Harmonic

69


MARIENPREIS

1

Sei gegrüsset, Lilie klar,

Jungfrau, Mutter, die den Sohn gebar!

Mutter du der Lichtgewalt,

Tempel du der Gottgestalt,

Höchstem Herrn du Nahrerin:

2 b

Aus der unser Heil entsteht,

Durch die unsre Schuld vergeht,

Neuen Bliihns Gewahrerin!

Stern der Welle,

Wortes Zelle,

Himmels Pfosten,

Die gen Osten

Sich der Sonne aufgetan:

3b

Glaubigem Streiter

Du die Leiter,

Du Geheimnis,

Der zur Keimnis

Ward der Samen eingetan,

Dessen Regen

Früchtesegen

Aussat, und ihm strömt entgegen

Unsre eigne Tüchtigkeit:

4 b

Dessen Blühen

Freudiges Glühen

Uns entfacht, und Angst und Mühen

Schwinden hin in Flüchtigkeit.

Einst war Weh, da

Durch Frau Eva

Todes Schauern in uns kam:

5b

Heute sieh, ja,

Frau Maria

Todes Trauern von uns nahm.

Stern zur Sonne,

Magd zum Sohne,

Reis zur Krone,

DU keimst auf zum Kind.

6 b

Trunk voll Moder,

Schmack vom Tode

Wird vom Brode

Deiner Bitten lind.

70


Aus dir Rebe ^ An dir Richte

Hat das Leben

1st zum Lichte

Seines Friedens Seim gezehrt: Schon der Sünder heimgekehrt.

Du entlade, 8b Die dir stöhnen,

Gottes Gaden,

Freveln fröhnen

Frau der Gnaden,

Und vor Ponen

Die den Richter Scheuenden, Beben des Zorndrauenden.

O wie sussen 9b o wie grüssen

Busens Spende

Deine Hande

Dir zur Lippe

In der Krippe

Des Lammes rinnt!

Den Gott, das Kind!

Er, er will dein Flehn, das Fromme,

Will, dass Gutes zu uns komme:

Mutter, den Geborenen

1 0 b Flehe an, dass er uns heile,

Leben, Freiheit zuerteile,

Dass wir Weltverlorenen

11

In dem Sohn den Vater sehen,

Darum stark im Vater stehen,

Und so in dem Heiligen Geist

Zu Sonnenwonnen gehen.

71


SCHOLIEN

Erlauterungen zu den Gedichten


ALLGEMEINE

ANGABEN

HYMNE UND SEQUENZ: Die Mehrzahl der hier wiedergegebenen

Hymnen sind Messgesange, Sequenzen: die eigenste und höchste Dichtungsform

des früheren Mittelalters. Erwahnt sei hierzu, dass rein technisch

der Liturgiker zwischen „Hymne" und „Sequenz" unterscheidet.

In der Hymne (des engen Wortsinns) sind alle Strofen gleich gebaut,

und man singt sie alle nach derselben Melodie. In der Sequenz sind nur

jeweils die Doppelstrofen einander gleich, und mit deren Bau wechselt

auch die Melodie; die Sequenzen sind (sozusagen) durchkomponiert.

Hymnen gehör en zu den andern kirchlichen Begehungen, Sequenzen

allein zum Halleluja der Messe. Kirchliche Hymnen gibt es seit dem 4.

Jahrhundert, und sie haben noch heute im römischen Kult einen weiten

Raum; Sequenzen gibt es erst seit dem 9. Jahrhundert, und sie wurden

in der Gegenreformation als mittelalterliche Barbarei mit Ausnahme

von vier oder fiinf abgeschafft.

Doch ist das Wort Sequenz in den lebendigen Sprachgebrauch

nicht übergegangen, und im weiteren Sinne ist auch für den Liturgiker

die Sequenz nur ein Sonderfall des Hymnus. Grade Notker hat seine

Messgesange als Hymnen bezeichnet.

FUNDSTELLEN DER URTEXTE: Analecta hymnica medii aevi. Herausgegeben

von G. M. Dreves, Cl. Blume, H. M. Bannister. 55 Bande,

Leipzig 1886—1922.

Diese wenig übersichtliche Riesenausgabe bietet für unsre Texte

den einzigen brauchbaren, vielfach überhaupt den einzigen Druck. Sie

beruht durchweg auf den Handschriften; fur unsre Texte sind es überwiegend

solche des 10.—11. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind in den

Analecta: Band 7 (frühe „französische" Sequenzen aus Limousiner

Handschriften) und Band 53 (Sequenzen des frühen Stils aus allen

Schulen, darunter besonders die sanktgallischen). Aber in zahlreichen

weiteren Banden sind frühe Sequenzen in die Masse der spateren, sind

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kostbare Dichtungen in die Masse der durchschnittlichen wahllos eingestreut.

Eine Auswahl brachten die Herausgeber Dreves und Blume unter

dem Titel: Ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung. 2 Bande,

Leipzig 1909. Die Gattung der frühen Sequenzen kommt hier sehr zu

kurz. In andern Anthologien, soweit ich sie einsah, findet sie schon gar

kein rechtes Unterkommen.

MELODIEN: Anselm Schubiger: die Sangerschule St. Gallens vom

achten bis zwölften Jahrhundert. Einsiedeln und New York 1858.

Das Buch ist zwar in zahllosen Einzelheiten überholt, bietet aber

immer noch eine liebevolle Einführung in den Kreis der sanktgallischen

Dichter und druckt im Anhang den Hauptbestand der dortigen Sequenzen

lateinisch mit ihren Melodien ab. Man kann daran von der ursprünglichen

Vortragsweise solcher Gedichte wenigstens eine Ahnung

bekommen. Es ist wirklich eine, allerdings sehr feierliche, VortragS'

weise und also nicht das, was wir uns unter Komposition zu denken

pflegen. Eine rein vokale Musik, einstimmig, auf jeder Wortsilbe grundsatzlich

nur Eine Note von sehr gleichmassiger Lange, haufige Wiederholung

derselben Tonfolgen: Es ist der Stil des gregorianischen Chorals,

seiner Substanz nach dem lateinischen Sprachgeist zugehörig. Übersetzungen

kann man zu dieser Notation nicht brauchen: es entsteht

dann ein Widerspruch zwischen Wort und Ton, der kurios klingt und

in der Tat die primare Sünde gegen Stil und Sinn der gregorianischen

Sangesweise bedeutet.

Wenn man nicht in der Lage ist, diese Hymnen auf Lateinisch in

ihrer eignen getragenen Melodik verstehend zu singen — und wahr ist

es, man entrückt sich damit sehr weit aus dem ganzen Weltalter unsres

Lebens, Dichtens, Singens hinaus — so bleibt als die gemasseste Reproduktion:

eine gleichfalls feierliche Vortragsweise, so, wie sie unserm

Sprachgeist entspricht. Zwar macht man es dann nachweislich anders,

als wie Notker es gemacht hat; aber in einer Hinsicht doch nachweislich

richtiger und treuer als mit der denkbar genauesten Nachbildung

des historischen, lateinisch-gregorianischen Vortrags. Denn warum

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schufen Notker und seine Dichtergefahrten ihr neues Lied ? Eben weil

sie nicht historisch rückgreifen, weil sie ihr eignes Lied singen wollten;

ein Lied gemass den alt-heiligen Traditionen gewiss, aber doch eben

das Lied ihres und nicht das eines andern Weltalters. Dem folgen

wir nach.

ÜBERSETZUNGEN: Friedrich Wolters: Hymnen und Sequenzen.

Übertragungen aus den lateinischen Dichtern der Kirche des 4«—15.

Jahrhunderts. Berlin 1914 (und öfter).

In der schmalen Auswahl von hundert Hymnen aus 1100 Jahren

bleibt für die frühe Sequenz naturgemass wenig Platz; auch ist ihr besonderer

Charakter zwar vorgefühlt, aber nicht fest umgriffen. Indessen

heischt das Buch Erwahnung, weil nach alteren Gelegenheitsübersetzungen

(Herder, Goethe, Romantiker) hier zum erstenmal die altkirchliche

Hymnik nicht bloss umgesetzt, sondern verantwortlich in

den Kreis der lebenden deutschen Sprache hineingerufen wird. Nur ein

geborener Dichter konnte dazu durchbrechen; und damit war auch für

uns das Tor aufgetan.

NACHWEISE ZUR EINLEITUNG:

S. 16 Das Tanzlied Christi im Kreise der Jünger: deutsch bei Fr. Wolters,

Lobgesange und Psalmen, Berlin 1923, S. 27. Griechisch bei W. Christ und

M. Paranikas: Anthologia graeca carminum christianorum, Leipzig 1871.

S. 16 Die Papyrus-hymne des 3. Jahrhunderts: Joh. Quasten, Musik und Gesang

in den Kuiten der heidnischen Antike und christlichen Frühzeit, Munster

W. 1930, S. 102.

S. 18 In laudibus aeterni regis: Analecta hymnica 53 S. 60 Nr. 34. Zehntes

Jahrhundert.

S. 20Notkers Osterhymne: Ebenda S. 66 Nr. 36 Str. 16—22.

77


DIE FRANZOSISCHE SCHULE

GELEIT: aus Limoges, 10. Jahrhundert.

Druck: Analecta hymnica Band 7 S. 27 Nr. 1.

Anfang: Precamur nostras, Deus, animas.

VOR ABEND DER OSTERN: Limoges, um 1000. Hier der lateinische

Text mit den fur die französische Gruppe typischen, oft alle Grammatik

sprengenden Endsilben auf -a:

lam turma caelica

laeta reboans

jubilat

nova melodemata

5 Regi, triumphalia

vexilla reportat

qui post tartarea

spolia.

Nostra canat turma

10 sociata

super astra,

tinnula

quis voce tonans,

perenne alleluia.

Z. 10: zu sociata erganze Mi. — Z. 13 quis (Variante quas) wird verderbt sein.

Für Text und Handschriften vergl. Analecta hymnica 7 S. 56 Nr. 42.

Dies Gedicht, wie auch das vorangehende und das folgende, sind

ohne Antistrofik, bei sorgfaltigstem Bau der Zeilen und derWortkörper

ADVENT: aus Frankreich, 10. Jahrhundert. Zugrunde liegt die Adventsstimmung:

Erwartung des Heilands, der — wie einst in Jerusalem

— angekiindigt und nahe, aber noch nicht da ist. Hier der lateinische

Text:

Alleluia,

qui regis sceptra

forti dextra

solus cuncta!

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Tu plebi tuam

ostende magnam

excitando potentiam.

Praesta, dona

illi salutaria.

Quem praedixerunt prophetica

vaticinia,

a clara

poli regia

in nostra,

Jesu, veni, Domine, arva!

Str. 3: dona kann natiirlich auch Objekt zu praesta sein. Für Text und Handschriften

vergleiche Analecta hymnica Band 53 S. 8 Nr. 3 und S. 315.

Das Lied wurde in schönem dichterischen Glanze von Friedrich

Wolters wiedergegeben (S. 89 der Ausgabe von 1914). Damit ist nicht

wettzueifern. Aber Wolters selber wurde seine Übertragung anders angesetzt

haben, wenn er die strenge Kunstform des Gedichtes gekannt

hatte. Ich weise namentlich auf die Schlussstrofe hin: erst vielsilbige,

leicht auf einander hinfliessende Worte — zuletzt jedes Wort statuarisch

vom Nachbarn durch einen Einschnitt getrennt.

AUF OSTERN: Frankreich, 10. Jahrhundert.

Gefeiert wird der Sieg des Auf er standenen über den Tod. Hieran

nimmt der ganze Kosmos teil, wie ja schon im Evangelium bei seinem

Verscheiden die Sonne sich verfinstert und die Erde erbebt — auch

Notkers Osterstrofen (oben S. 20) erinnern daran. Die Höllenfahrt

Christi, die zwischen seinen Tod am Karfreitag und die leibliche Auferstehung

in der O sternacht fallt, wird hier dramatisch aus der Sicht der

Teufel (der „Rauber") geschildert: die Tore der Holle konnte nur ein

Sündenloser aufbrechen, also einer, den die Teufel auf Erden übersehen

und nicht verführt haben.

Das besondere Mysterium ist nun, nicht dass Christus an und für

sich in den Himmel zurückkehrt, sondern dass er körperlich dorthin

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auferstanden ist und damit den Glaubigen die von Adam verscherzte

Unsterblichkeit des Leibes rückerobert hat. Hierauf deutet allegorisch

der Gesang der Engel gegen Ende des Gedichts, dessen erste Strofe

wörtlich lauten würde:

Wer ist er,

Der von Edom kommt,

Die Kleider gefarbt in Bosra ?

Der Dichter nimmt dies aus Jesajas 63, 1—2. Der Stamm Edom (Wortbedeutung:

der Rötliche), von Israels alter em Zwillingsbruder Esau

hergeleitet, war den Juden wenig freundlich; Bosra: seine Hauptstadt.

Der Sang der Engel meint also: Christus kommt von seinen falschen

Brüdern, den Juden oder den Bösen überhaupt, in den Himmel zurück;

jene haben seine Kleider, das ist seinen Leib, mit rotem Blute gefarbt

(das Bild, dass die Gottheit, Menschengestalt erwahlend, den Leib zum

Kleide nahm, ist urchristlich). Diese seine „Stola", sein „eigenes Ebenbild"

(der Menschenleib ist ja nach Gottes Ebenbilde geschaffen) bringt

Christus in den Himmel hinauf: das heisst eben, er ist leiblich auferstanden.

Handschriftlich ist die Sequenz in recht verwahrloster Form überliefert. Die

letzten Strofen haben wir fortgelassen: sie geben das Ostergesprach zwischen

den Marien und dem Engel am Grabe in Anlehnung an Evangelienworte.

Druck: Analecta hymnica 7 S. 266 Nr. 249.

Anfang: Gaudeat tellus.

SCHWANENKLAGE: Loiregebiet, neuntes Jahrhundert.

Dies bezwingende Gedicht, von strengstem Bau und erstaunlicher

Klangsicherheit, gehort in die schöpferische Frühzeit der Sequenzendichtung.

Ein verwandter lyrisch-seelischer Ton klingt um Mitte und

Ende des karolingischen Jahrhunderts ein paarmal auf, namentlich bei

dem merkwürdigen Sachsen Gottschalk von Orbais (+ 869), dessen

melodisch weiche Strofen doch nie zu so meisterlicher Gestaltung gelangten.

Die Schwanenklage für eine Messe gedichtet zu denken fallt

vom Heute aus schwer: aber jedenfalls wurde sie in einer Reihe französischer

und englischer Klöster bis etwa 1100 zur Sonntagsmesse ge-

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sungen, als ein Sinnbild der weltverlorenen und doch zuletzt nicht gottverlassenen

Seele.

Druck: Analecta hymnica Band 7 S. '253 Nr. 230; Erganzungen in Band 53

S. 155 Nr. 89.

Anfang: Plangant filii ploratione una. Das erste Wort ist auch als clangant

und besonders clangam iiberliefert. Ware letzteres richtig „Singen will ich,

ihr Kinder", so wurde durch die Ich-form der persönlich-lyrische Charakter

des Ganzen bedeutend verstarkt: das könnten andere absichtlich wegkorrigiert

haben. Aber die Variante geht sprachlich nicht (una fordert plangant:

zusammen klagen), und nt war leicht als m zu verlesen. (Str. 7a: statt cogitarem

lese ich cogitaret.)

GOLDBLÜTENLIED: Südfrankreich, 10. Jahrhundert.

Zur Einführung: Unausgesprochen liegt dem Gedicht das landschaftsbild

des Festmorgens Mariae Assumptio zugrunde: um den 15.

August blühn die Rosen (1), die Ernte wird eingebracht (17), auf dem

Brachland duften gelbe Blumen (3—4), die Wiesen sind am Morgen

(2) taufeucht (4). Diese Szenerie wird vorausgesezt, aber aufs geistigste

verstanden. Nur der Anfang gibt einen eigentlichen Vergleich zwischen

Maria und der aufgehenden Sonne oder dem Morgenstern (1—2); sonst

wird nicht verglichen — etwa zwischen der Rose und Maria oder zwischen

den Landleuten und jenen Predigern, die Gottes Seelenernte einbringen

—: sondern es sieht der Dichter das Himmlische von selbst,

vielleicht unbewusst, in den Bildern, die der aufgehende Spatsommertag

ihm bietet. Die Rose ist entsprungen, das heisst einfach — ohne dass

es gesagt wird —: Maria steht vor uns. Oder: die Brache wird goldblond

von Lilien und Orchideen — das soil etwa heissen: die Seelen,

bisher brach, blühen und duften nun Gott entgegen.

Denen, die sich ganz dem Geiste geweiht hatten, war was uns Allegorie

dunkt, zur Hieroglyphe geworden, die dem Kundigen von selber

das Gemeinte bezeichnet. Aber die Hieroglyphe muss, um dem Geistigen

zu entsprechen, auch in sich selber hoch und schön sein: auf das

Geistig-höchste kann im Wort nur Irdisch-höchstes deuten. Dies Wort

kann darum nüchtern sein. Indessen in Südfrankreich bestach der

prunkende Faltenwurf des spaten Imperiums noch lange die Augen,

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und grade das vorliegende Gedicht sucht gern den starken Glanz der

Bilder. Der Dichter setzt, Vergils 4. Ecloge nutzend, seltsam gross klingende

griechische Namen, Colocasia, Akanthus und Nektar (für die

agyptische Seelilie colocasia nahmen wir Orchideen, den fremden Duft

des Wortes zu wahren); ihm wird aus dem Evangelienwort: gesegnet

sei die Frucht deines Leibes — „die Frucht der Blume deines Leibes".

Der Dichter sucht auch gern — und das Fest gibt den Anlass — die

Schau der oberen Weiten: Christus als der vor der Zeit Geborene

thront convexo aevo, „im Ring der Aonen" oder buchstablicher vielleicht:

in der gewölbten Ewigkeit (5), und dorthin steigt dann die selige

Jungfrau empor, zu den Glanzbildern der Sfaren (globorum luminaria,

15), wo die Sonne kreist. Hier denkt er mit der antiken Astronomie die

Planeten- und Fixsternsfaren als ungeheure, durchsichtige Hohlkugeln,

die um die zentralische Erde gedreht werden. Wahrend man aber gewöhnlich

mit Ptolemaus die Sonne in der Mitte der Planetensfaren

kreisen liess — so noch Dante —, folgt der Goldblütendichter einer

Schule, die der Sonne den aussersten und obersten Platz einraumt.

Im Kern widmet sich das Gedicht nicht der Entrückung Mariens

in den Himmel, sondern ihrem eigentlichen Mysterium: der Menschwerdung

des urewigen Logos im Leibe der Jungfrau. So ist der GANG

DER SEQUENZ: Als Eingang eine bildliche Feier jener andern Eva:

Maria, deren Wundererscheinung dem Sommermorgen gleicht. Dann

ein Bliek zur höchsten Himmelsburg, wo Gottes ewiger Sohn in der

Kraft (virtus) des Vaters die Welt regiert. Von dort wird Gabriel zu

Maria entsandt: in der Mitte des Gedichtes steht seine Verkündigung,

ihr Glaube (vergl. Lukas 1, 45) und dann ihre unbefleckte Niederkunft.

Hierauf wendet sich der Sang aus der preisenden Betrachtung zur unmittelbaren

Anrede an sie, die allzeit ohnegleichen ist. Sie ist sonnengleich

zu den Lichtsfaren der Engel emporgestiegen — eine zarte Andeutung

der Assumptio — dort leuchtet sie nun, wie die ewige Ampel

im Kreise derer leuchtet, die diese Sequenz singen. Und so fügt sich

von selber der Schluss zum Gebet: moge sie ihre Fürbitte für das ewige

Heil der Diener Gottes einsetzen.

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Unsre Übersetzung übergeht die Strofen 11—12, die den stets von der

Kirche gesungenen Marienpreis des Sedulius (5. Jahrh.) umschreiben: er

klingt, verbunden mit Lukas 1, 42, noch in Str. 13—14 nach.

Druck: Analecta hymnica 53 S. 183 Nr. 106.

Anfang: Aureo flore.

JÜNGSTER TAG: Limoges um 900. Dem letzten Sonntag nach Trinitatis

zugeteilt. Auf frühe Entstehung deutet die grosse Einfachheit der

Antistronk, ebenso die archaische Formung, die Ein fassliches Kleines

neben das Grösste stellt: besonders um die Gedichtmitte Pünktlein und

Tafel, virgula und tabella, neben der „Irminsul" caeli columna (vgl.

Hiob 26 Vers 11). Damit tritt die Bedeutung des Gerichts für das Ich,

den hier Singenden und Schreibenden, gesteigert heraus. Dies wie

manches Andere erscheint eigentlich eher germanisch: wie kommt es

nach Limoges? Vermahlung deutscher Sicht mit

Klangform.

Druck: Analecta hymnica 53 S. 160 Nr. 94.

Anfang: Fortis at que amara.

südfranzösischer

SELIGKEIT: Aus dem nördlichen Frankreich. Die Zeit ist schwer zu

bestimmen, da die altest erhaltene Abschrift erst dem 13.—14. Jahrhundert

angehört. Die spatgotische Welt hat das Lied wegen seiner reinen

mystischen Töne geliebt. Sollte es nicht aus dem 10.—11. Jahrhundert

stammen, so war es eine würdige — und ungewöhnliche —

Nachbildung des frühen Stils in spaterer Zeit. Gesungen wurde es zu

Ehren heiliger Bekennet. Zur „zwiefachen Stola", namlich Leib und

Seele, vergleiche vorhin das Lied auf Ostern.

Druck: Analecta hymnica 8 S. 93 Nr. 113; zu erganzen nach U. Chevalier,

Repertorium hymnologicum Band 2 und 5 unter Nr. 11755.

Anfang: Mundi aetate octava.

GEBET: Dies und das folgende Gedicht wurden um 1000 im angelsachsischen

Winchester aufgeschrieben und wohl auch als Sonntagshymnen

gedichtet. In der Form folgen die dortigen Sequenzen der französischen

Schule, bei reinerer Latinitat.

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Druck: Analecta hymnica 40 S. 61 Nr. 46.

Anfang: Aulae celsae lux summa.

GLORIA: Winchester um 1000, wie das vorige; eins der Glanzstücke

der angelsachsischen Hymnik. Nach der Eingangsstrofe ist es die Kirche

selber, die singt. Sie feiert Christus als den vor aller Zeit Geborenen,

von dem „Davids Rohr", namlich der 109. Psalm, singt: „noch vor

dem Morgenstern habe ich dich gezeugt".

Druck: Analecta hymnica 37 S. 43 Nr. 41.

Anfang: Gloria resonante cymbalarum.

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NOTKER

Die mittelalterliche Uberlieferung lasst Notkers Hymnen in der Masse

der anonymen untergehn. Die Frage, welche Sequenzen authentisch

von ihm sind, ist bisher ungelöst. Ich bereite darüber eine Monographic

vor, die auch die hier aufgenommenen als gesichert erweisen wird.

OSTERMONTAG: Dies und die beiden folgenden Gedichte sind ohne

Gegenstrofen. — Das „sterbliche Gewand" Christi meint wieder seinen

Erdenleib, der zu Ostern aufersteht (vgl. vorhin die französische Sequenz

„auf Ostern").

Druck: Analecta hymnica Band 53 S. 86 Nr. 47.

Anfang: Is qui prius.

OSTERDIENSTAG:

Druck ebenda S. 88 Nr. 48.

Anfang: Christe domine laetifica.

SEGEN:

Druck ebenda S. 400 Nr. 248.

Anfang: Tu civium deus.

KLAGE DER KIRCHE: Das Lied wird auch als Rahelklage oder als

„die weinende Jungfrau" betitelt. Rahel gilt dabei als Symbol der Ecclesia,

die als Braut Christi (er heisst im Verfolg der Symbolik Jakob)

jungfraulich, zugleich aber die Mutter der Glaubigen und damit auch

des eben zu feiernden Martyrers ist. So fasst schon der Evangelist

Matthaus Rahel als die Mutter der allerersten Martyrer, der Kinder von

Bethlehem. — Dies Gedicht hat unter denen Notkers wohl den lebendigsten

Klang durch seine Dramatik — die denn im 11. Jahrhundert auf

die Entwicklung des kirchlichen Dramas Einfluss gehabt hat —, durch

die Auflösung des kirchlichen Gedankens im menschlichen Bild. Doch

ist das Geistige unvermindert gegeben: die Feier des Blutzeugen, der

85


den Verfolgern standhielt und seine schwacheren Briider starkte, dessen

Tod darum unmittelbarer Verlust ist, und der nun doch als Himmelsheiliger

Grösseres für die Kirche wirken kann als zuvor auf Erden.

Druck: Analecta hymnica 53 S. 379 Nr. 239. In der Übersetzung ist die

kurze 2. Doppelstrofe ausgelassen, die neben Rahel auf ihre hassliche altere

Schwester Lea anspielt, das Sinnbild der Synagoge.

Anfang: Quid tu virgo.

RITTER GOTTES: Der Kampf der Martyrer mit dem Teufel als dem

zwiegestalten Feind: er sucht sie (wie die Richter in den römischen

Martyrerprozessen) in Güte vom Christentum abzuziehn, und gelingt

das nicht, so bringt er sie durch Martern zum Tode. — In der Bauform

dieses Gedichtes sind die Hauptstrofen ihren Gegenstrofen nicht ganz

gleich, sie wurde daher „Zweidrei", Duo tres, genannt. Hier der lateinische

Text:

Tubam bellicosam,

quam dei non verentes servi

2

3

Procedunt ad bella geminis

Horrendum instructa hostibus,

4 Tuba mutemus consonae

vocis, socii,

6 Hos athletas summi dei

Est aggressus inimicus

Multiformis nequitiae

Blandimentis fallacibus

A veritate avertere.

Ast illi

Cor sursum ad dominum

librando sollerter

disrumpunt tendiculas

trucis aucupis.

5 Et quos virtutum meritis

socordes

nequimus imitari,

pangamus melo.

7 Tune iratus hostis latens

Vim furoris in apertum.

Saeviendo evomuit

Armavitque membra sua

Adversus dei milites.

Sed ipsi

vincentes omnimoda

poenarum genera

8 Sua capita dicarunt

Christo regi laureanda.

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Verzeichnis und Kollation (nicht fehlerfreie) der Handschriften in den Analecta

hymnica 53 S. 372 Nr. 230. Der dort gegebene Textabdruck schafft

eine Strofenteilung, die durch die Melodie nicht gefordert und dichterisch

unmöglich ist.

STEFANSTAG: Zum Verstandnis jeder Einzelheit ware die Darstellung

in der Apostelgeschichte Kap. 6—7 nachzulesen. Hauptmomente: Stefan

ist durch die Apostel, von denen hier als einer für alle Petrus genannt

wird, zum Diakon geweiht. Im Augenblick, wo der Hohe Rat

ihn wegen seiner Predigt verurteilen will, sieht er visionar den Heiland

zur Rechten Gottes, was für Petrus eine Bekraftigung seines Glaubens bedeutet.Wahrend

Stefan nun gesteinigt wird, betet er für seine Verfolger;

unter diesen tut sich Saulus hervor. Dessen Bekehrung zum Apostel

Paulus, die wenig spater durch unmittelbarenHimmelseingriffgeschieht,

erscheint als Erhörung von Stefans Gebet. Endlich: als der erste Martyrer

nach dem Heiland selbst wird Stefan seines Königs Fahnentrager genannt.

Druck: Analecta hymnica 53 S. 345 Nr. 215.

Anfang: Hanc concordi famulatu.

DIE WEIHNACHTSHYMNE zeigt jenen geistig-grossen Stil Notkers,

der auf sein Zeitalter am tiefsten gewirkt hat. Sie ergreift die christliche

Idee des Festes: das Wunder, dass der zeit- und raumlose Gott selber

(genauer, der dem Vater wesensgleiche Sohn in der Trinitat) zu einem

bestimmten Zeitpunkt Menschengestalt angenommen hat. Durch die

schlichte Monumentalitat seiner Worte lasst der Dichter dies Unfassbare

empfinden, und dann stellt er es in das Heute und seine Feier

hinein: Nicht umsonst wahlte Gott für seine Leibwerdung die Zeit

gleich nach der Wintersonnenwende — auch geistig nehmen mit seiner

Ankunft die Tage zu. Nicht umsonst verkündete ihn ein neuer Stern

— das neue Heil durchleuchtet die Weltennacht. Nicht umsonst erschienen

den Hirten die Engel, und auch um die Mutter Gottes sollen

Engel gesungen haben — die Geburt Christi bringt den Himmel zur

Erde nieder. Und so ergibt sich von selber das weihnachtliche Gebet:

wie hier Gott Menschenlos auf sich nahm, so moge nun auch der Mensch

87


an der Gottheit Anteil gewinnen. Vor diesem hohen Wunsch verliert

sich die Scheidung von Vater und Sohn: die Schlussstrofe ruft gleich'

laufig Gott selber und das einzige Kind Gottes an.

Neue oder eigentümliche Gedanken waren das alles nicht; Notkers

Meisterhand ist darum nicht weniger zu erkennen. Dem tiefst Geistigen

gibt er Worte, und danach lasst er doch gern wie unwillkürlich das

Geistige in Bildern sinnlich erscheinen. Was die Bilder bedeuten mogen

— der Dichter braucht es nicht jedesmal zu sagen; denn in der Schwingung,

die er vom ersten Verse an mitteilt, fühlt jeder durch das Sinnliche

ein Atherlicht durchschimmern. Der erschreckende Stern, die

himmlischen Ritter bei den Hirten: offenbar sind es nicht bloss schone

Geschichten. Aber es sind auch nicht bloss schone Allegorien, deren

Wert allein im Gedanken lage. Vielmehr ist dies das Kostbare, dass in

solch einer Hymne der Gedanke als Geschichte und die Geschichte als

geistig erscheint. Und dies ist ja das Weihnachtswunder selbst, dass in

dem heute Geborenen Göttliches und Irdisches einander begegnen.

Notker der Dichter schafft eben das nach, was er feiert. Das ist sein

Mysterium.

Der lateinische Text der Weihnachtshymne ist oft gedruckt; Hauptausgabe

Anal. hymn. 53 S. 20 Nr. 15. Die Melodie bei Schubiger, 2. Teil S. 6.

Anfang: Natus ante saecula.

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NOTKERS UMKREIS

ZÖLLNER: Neuntes Jahrhundert, vielleicht aus dem deutsch-französischen

Grenzgebiet. Im friihern Mittelalter an verschiedenen Sonntagen

überall gesungen. Das Lateinische hat die in Frankreich herrschenden,

aber auch in Deutschland zuweilen gesuchten Zeilenausklange

auf -a, die die Übersetzung ein wenig nachahmt. Für die Urngestaltung

des Evangeliums (Lukas 18) siehe weiter vorn S. 25; für

Form und Wirkung vergleiche das folgende Gedicht.

Druck: Analecta hymnica Band 53 S. 158 Nr. 93.

Anfang: Stans a longe.

PRASSER: Wohl im Italien des elften Jahrhunderts gedichtet, als der

stadtische Reichtum aufzukommen begann; zum 1. Sonntag nach Trinitatis

zu singen. Nach Form und Anlage eine Nachahmung des vorigen

Gedichts, freilich auf viel tieferer Ebene. Überhaupt ist eine so negative

Sequenz ganz ungewöhnlich.

Druck: Analecta hymnica 40 S. 56 Nr. 39.

Anfang: Quidam magna transiit via.

WEG DES MENSCHEN: Neuntes Jahrhundert; der Sprachform nach

zweifellos von einem Deutschen. — Diese an Gedankenbildern reiche,

zwar dichterisch nicht ganz ausgeglichene Hymne ist fast die einzige

der deutschen Schule, die nachweislich bis in Notkers Zeit zurückreicht

und sich doch mit ihm und seinem alemannischen Kreise nicht

berührt. Ob sie unter Kenntnis seiner Sequenzen, ob sie unabhangig

von ihm und vielleicht gar schon vor ihm gedichtet wurde, lasst sich

nicht feststellen. Von der französischen Schule hat der Autor nicht

mehr als allgemeine Anregungen empfangen.

Nach der einleitenden Aufforderung zum Singen — die gleich eine

Aufforderung zum Weinen wird! — kennzeichnet der Dichter, wie der

Mensch geschaffen wurde: von Gott, nach Gottes Bilde, um auf Gott

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zu blieken. Doch Adam fiel; und nun malt die Sequenz über drei Doppelstrofen

hin in sehr star ken Bildern die Folgen davon: die Zerstörung

der Seele, in der sogar die Erinnerung an das (paradiesische) Leben, für

das sie geschaffen wurde, verweht. Aus eigner Kraft kann sie sich nicht

heilen; sie bleibt der Sünde verfallen, bis sie der Unterwelt zufallt.

Aber „der starke Herr", der Erlöser, bringt die Wendung; die von ihm

Befreiten leben dem himmlischen Vaterland wieder entgegen.

Das Eigentümliche der Sequenz: sie konzentriert alles auf den

Menschen, von der Schöpfung bis zur Heimkehr ins Paradies. Jenseitiges

macht sie, soweit nur möglich, am Menschen sichtbar: Christus

und der Heilige Geist bleiben ungenannt; der Teufel erscheint nur wie

man ihn sah, als Schlange; selbst Gott wird meist in Verschleierung

(„die heilige Hand") oder vom Menschen her („der dich formte") bezeichnet.

Elend und Erlösung werden als Erlebnisse, mehr noch leibliche

als seelische, und nicht theologisch ausgemalt; Sakramentales

kommt nicht vor. Es ist dieselbe Grundtendenz wie beim Dichter der

SCHWANENKLAGE, der wohl auch der gleichen Generation angehört.

Nur fehlt hier dessen freier lyrischer Schwung: der deutsche

Dichter ist wie bedrangt von den Erdengesichten, in denen ihm Göttliches

begegnet. So sucht er auch sprachlich die straffe, kurze Führung;

die Satze stehen hart aneinander. (So besonders Strofe 4a, wo unsichtbar

gar das Subjekt wechselt: erst Gott, dann der Mensch.)

Die Sequenz im Urtext:

Pange deo debitum,

lingua, modulando plectrum.

2a

Tolle sonos in aera,

Imple sinus a lacrimis.

2b Sancta manus igitur nos

meditata effigiem

3a

Pressit nobis suam:

flavit et indidit

ruri animam.

3b

Sursum caput tulit,

vultum ut cogitet

semper domini.

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4a Tradit amoena loca,

corruit aspidis ingenio.

4b Mox actus in foveam

asperis, heu miser, illiditur.

O facinus, vitae,

pro dolor, memoriam

Quod aspirare non sinis

neque fletibus, heu,

expiare nefas miserum.

5b

Artis ligata

serpentis spiris, mens misera,

Umbra volveris ibi nunc

horrida, cupido

quo profudit saeva animi.

6a

Dira sorbes venena,

sentis vulnera

quae male nutricas, misera,

6b

Facis caeco lumine

fusa nebulis,

expers dulcibus, mens misera.

7a

Repit virus pectore,

sensu captus emoreris,

cinis redis ad funera:

heu, post stringeris in tartara.

7b

Tantis potens doluit

factor tui calumniis;

venit, solvit a vinculis

bonos; respires ad gratiam.

8a

Siccat iam oculus,

facescat et pudor taeter;

vera sustineas gaudia.

8b

Flecte hinc faciem;

imaginem auri primam,

dulcem repetito patriam.

9a Plasmator durare perennem

quam concedas;

lux sis nobis, meritum.

9b Tu solus exstas trinus unus,

te voce, te

corde, rex, laudamus

10 In saecula.

Codex unicus: München, lat. 14843, 9. Jahrh., wahrscheinlich aus Toul.

Hiernach auch der Druck von Blume, Analecta hymnica 42 S. 47 Nr. 36.

Eine Festbezeichnung fehlt. Lesarten: 2a, 1: in fugt Blume zu. 2b, 1: man

gekiirzt Cod. 3a, 2: et et Cod. 5a, 4—5: heu im Codex erst vor miserum;

emendiert mit Rücksicht auf die Taktresponsion, über die gleich unten.

5b, 4—5: Blume stellt die Wörter unnötig um. 6b, 1: faces Cod.; facis

Blume. 7a, 4: post (gekürzt) Cod.; per Blume. 8a, 1: oculos Blume; aber

91


intransitiver Gebrauch von siccare im Spatlatein nicht selten. — Orthogra*

phica sind nicht notiert.

Zur Interpretation: Prapositionen und Ablative werden unsicher angewandt,

wie sehr oft im Mittellateinischen (2a, 2; 7a, 1). — Str. 2b—4a: merkwiirdige

grammatische Unklarheit des sachlich jeweils klaren Subjekts.

Str. 8b imaginem auri primam: ich verstehe etwa, im Rückblick auf Str.

2b—3a: das Urbild ist Gott, der uns ja ad imaginem (= efligiem) suam

pragte; dies Urbild ist licht und vom reinsten, unzerstörbaren Metall.

Die deutsche Herkunft des Dichters — in einer Handschrift, die

sonst überwiegend Sequenzen der französischen Form aufnahm — ergibt

sich aus der Taktresponsion zwischen Strofe und Gegenstrofe, die

den Franzosen nur zufallig kommt, dagegen von den deutschen Dichtern

gemass dem Stosston ihrer Muttersprache stets instinktiv und

meist bewusst angestrebt wird (das heisst also nicht, dass sie Gesetz

ware oder bestandig erreicht wiirde). Siehe besonders Str. 3 und 8, wo

sich nicht nur die Wortbetonungen, sondern auch die Wortlangen in

Strofe und Gegenstrofe decken; aber auch sonst wiegt das vor. Starkere

Abweichung von der Taktresponsion zeigt Str. 5, wo auch der Parallelismus

nicht in Ordnung ist: Textverderbnis ? — sowie Str. 9, wo es auf

den Schluss zugeht.

TOTENAMT: Um 900 im alemannischen Gebiet gedichtet, nicht als

Sequenz (d.h. nicht zum Halleluja der Messe zu singen), sondern als

Ausschmückung des Libera, des grossartigen Gesanges bei der kirchlichen

Aussegnung der Toten, der wohl selber erst aus dem neunten

Jahrhundert stammt. Der hier nach der einzigen Handschrift folgende

Urtext wurde seit dem zehnten Jahrhundert mehrfach zu vielstrofigen

Liedern ausgeweitet.

Audi tellus, audi magni maris limbus,

Audi homo, audi omne quod vivit sub sole:

Veniet, prope est

Dies irae, dies invisa, dies amara,

5 In qua caelum fugiet,

Sol erubescet,

92


Luna mutabitur,

Dies nigrescet,

Sidera super terram cadent.

10 Heu heu quid nos

Peccatores et miseri

In die ilia tremenda

Sumus facturi,

Quando caeli movendi sunt et terra ?

Codex Karlsruhe 504 (Reichenau, 11. Jahrh.) fol. 26, in margine wohl aus

dem Gedachtnis eingetragen. Danach zuerst durch Mone bekannt gemacht.

Der Codex schreibt Z. 5, 6 und 8 das Praesens (-it); Z. 7 fugabitur. Die

Emendation ergibt sich aus der franzósischen Überarbeitung des 10. Jahrhunderts,

1. Strofe, gedruckt Analecta hymnica 49 S. 369. — In die Bilder

des Untergangs (Z. 3—9) sind frei und eigen Stellen der Profeten Joel, Sophonias,

Ezechiel sowie des Matthaus (24, 29) eingeschmolzen; so dies irae

nach Soph. 1,15. Z. 12 und 14 münden in das Libera ein, dessen Anfang

lautet:

Libera me, domine, de morte aeterna,

in die illa tremenda,

quando caeli movendi sunt et terra.

Hiernach sind die im Codex fehlenden letzten 5 Worte erganzt.

MEDIA VITA: die berühmte Antiphon (Begleitlied zum Psalmensang),

von einem unbekannten Dichter des elften Jahrhunderts. Die

seit dem 17. Jahrhundert beliebte Zuschreibung an Notker ist unberechtigt.

Die früheste Uberlieferung des Liedes findet sich, vielleicht

zufallig, in England. — Die Übersetzung erhebt gegenüber vielen andern,

unter denen die von Wolters ihren eignen Platz hat, keinen höher greifenden

Anspruch als den, etwas von der Harte des Urtextes fühlbar zu

machen: strenge Fügung, scharfe Umrisse, herbe Feierlichkeit.

Druck z.B. bei F. J. Mone, Lateinische Hymnen des Mittelalters Bd. 1, Freiburg

1853, S. 397.

AN DIE MUTTER GOTTES: elftes Jahrhundert, aus Notkers heimischer

Schule.

Druck: Analecta hymnica 53 S. 195 Nr. 111.

Anfang: O decus mundi.

93


INVIOLATA: Im elften Jahrhundert wohl in Frankreich zur Ausschmückung

der Liturgie (als sogenannter Tropus) gedichtet. Im Vergleich

mit dem vorigen, vielleicht nicht einmal alteren Marienlied empfindet

man deutlich die weicheren, süsseren, „poetischeren" Töne,

eine Bezauberung neuer Art, die schon auf ein neues Zeitalter der

Dichtung hindeutet. — Die Ubersetzung muss sich hier sehr begnügen:

sie kann die, in diesem Lied ungemein melodischen, a-Ausklange

jedes zweiten Wortes ebenso wenig nachformen wie den

französischen

Schwebeton. Genug wenn sie reines Klingen hat. Eine Einzelheit:

das Gedicht nennt antistrofisch „Herzen und Lippen", corda et ora,

und vorher pectora et corpora. Das sich da „Leib und Odem" einsetzte,

mag Widerspruch finden: doch scheint mir Odem wie pectus ein leibseeliches

Wort und darum das Gemasseste.

Druck z.B. bei Dreves und Blume, ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung,

II (1909) S. 283.

94


AUSSTRAHLUNGEN

DIE OSTERSEQUENZ: um 1025/50 von Wipo gedichtet. Der Verfasser,

wohl in der nordwestlichen Schweiz zuhause, ist bekannt als

Hofkaplan und Biograph Kaiser Konrads II., Lehrer Heinrichs III.

Seine Sequenz ist die alteste unter den fiinf, die die Kirche heute noch

singt. Der Form nach bietet sie das Schulbeispiel für den Übergang zum

spateren Stil, der seiner Poetik den klingenden Zweisilbenreimzugrunde

legt. In den ersten Strofen begnügt sich Wipo noch mit der Assonanz

(Ostern-opfern, lat.: paschali-christiani, usw.). Aber auch der innere

Stil der Sequenz zeigt einen von der früheren Epoche wegführenden

Übergang: Gedanke und Bild, bei Notker einander durchdringend,

treten hier in Spannung zu einander. Der erste Teil gibt den Gedanken:

allerdings in bildgewaltiger Sprache, aber doch auch in fast über-spannter

Gedrungenheit. Indessen mit einem Schlage springt nun die Hymne

um: dramatischer Vorgang, lebendige Anschauung, frei stromende

Satze; wie wenn der Pfeil von der Sehne abschnellte. Und im selben

Augenblick beginnt höchst wirksam, unübersetzbar, der klingende

Reim:

Die nobis, Maria,

Quid vidisti in via ?

Hier sieht man den romanischen Rundbogen ganz leise zur Brechung

der Gotik ansetzen. Dichten und Denken bleiben wie die Halften des

Spitzbogens gesetzlich verbunden und streben zur gleichen Höhe; aber

sie fliessen nicht unsichtbar ineinander.

Wissenschaftliche Ausgabe: Analecta hymnica 54 S. 12 Nr. 7.

Anfang: Victimae paschali.

PYTHAGORAS: lm ersten Drittel des elften Jahrhunderts wohl am

Mittel- oder Niederrhein gedichtet. Pythagoras war aus der lateinischen

Schulüberlieferung bekannt (Ovid, Boetius, Martianus Capella). Da-

95


nach galt er als Begründer der Musik, hier auch der Dichtung, der

Mathematik und Astronomie (Str. 5). Er entdeckte, wie es die 4. Strofe

den Alten nacherzahlt, an einer Schrniede das Zahlengesetz der Intervalle

(„Symphonien" Str. 5), das er nun innerhalb der vier ersten

Zahlen ausdrücken konnte: 4:3, 3:2, 2:1; das ist Quart, Quint,

Oktav oder Graecolateinisch Diatessaron, Diapente und Diapason. Die

Vier wurde ihm zur heiligen Grundzahl des Kosmos, und wie andre bei

Göttern, schwor er bei der Vierheit, MA TEN TETRADA. — Auch die

allegorische Deutung des „pythagoreischen Buchstabens" Y (Str. 6)

findet sich schon bei den Altlateinern.

Der Grundgedanke der Sequenz, in der 2. Strofe zusammengefasst,

lasst sich, wenn er auch angefochten wurde, doch durch alle Jahrhunderte

des Mittelalters verfolgen: die Antike entbehrt zwar der Wahrheit

im letzten Sinne, die nur der Christengott selber mitteilt, war aber

doch unsichtbar in ihrem dunkeln Drange von Gott gelenkt und kam

ihm in ihrer Weisheit nah genug, dass auch der Christ nur davon

lernen kann.

Diese Sequenz wurde nicht zur Liturgie gesungen, sondern gebildeten

Geistlichen vorgetragen. Die fromme Betrachtung greift nun über

den Kult hinaus, wahrend sie in den Anfangen der Sequenzendichtung

(Schwanenklage; Weg des Menschen) grade in ihn hineingeströmt war.

Schon die Lange der Strofen zeigt, dass die Formung einer Sequenz

jetzt zu einem Stuck bewusster, fast virtuoser Kunst geworden ist.

Druck: Die Cambridger Lieder, edidit K. Strecker, Berlin 1926, S. 36 Nr. 12

(Monumenta Germaniae historica, Oktavserie).

Anfang: Vitae dator, omnifactor.

AN DIE MUSEN: Moissac, Südfrankreich, um 1000.

Die Musen werden in den Hymnen besonders Aquitaniens nicht

selten angerufen; der Deutsche Herimann von der Reichenau (1013—

54) dichtete, auch sie beteten treu zu Christus und nur der Wahn habe

einst heidnische Göttinnen aus ihnen gemacht. Ihre Beinamen von Sikelia

— das alte Wort für Sizilien — und dem mazedonischen Pieria

stammen freilich aus der heidnisch-vergilischen Uberlieferung (dazu

96


die ovidischen sorores jocosae, mit Kamönen übersetzt): man nahm das

doch mit andern Sinnen auf als die humanistische Schule. Im vorliegenden

Gedicht sind ersichtlich die Musen als Schutzherrinnen der Musik

gemeint.

Die kurzen, reimverknüpften Halbstrofen, die hier im Gegensang

zu singen waren, stellen viermal eine hohe und eine tiefe Tonlage einander

gegeniiber: erst in der Menschenstimme, dann im Saitenspiel

(Lyra-Cithara), dann im Schlagzeug (Barbiton-Tympanum), zuletzt im

Blasinstrument. Diesen acht Klangen folgt als neunter der ganze Chor;

jedem Klang scheint je eine Muse zugedacht. Man hat vermutet, es

seien beim Vortrag des Liedes die Melodien der Halbstrofen nach dem

rein vokalen Gesang jedesmal ohne Wort wiederholt worden, und zwar

jedesmal durch die in der Strofe genannte Stimme: also erst durch den

Knaben- und Mannerhalbchor (auf dem Reimvokal), dann durch Leier

und Zither usw. Schliesslich hatten sich „mit Getöse — mit Geprange"

die Instrumente vereint und zuletzt seien als „der ganze Chor" Vokalund

Instrumentalstimmen unisono erklungen. Die Sequenz, die ohnedies

der Liturgie nicht zugehört, würde dann ein Festlied geistlicher

Musiker sein.

Die letzte Strofe gibt eine Art dichterischen Epilog. Zu ihrem

genauern Verstandnis ist zu beachten, dass das Gedicht den Reim nicht

nur sucht, sondern regelhaft gebraucht, nicht als Zier sondern als Eckstein

der Verse. Allerdings ist es überall der im Lateinischen leicht sich

einstellende, meist einsilbige Endungsreim; der klingende Zweisilbenreim

gilt noch nicht als Aufgabe (z.B. jocosis'Otnnis genügen als Reim:

vergl. dagegen das folgende Gedicht). Den Reim als Ornament hatte

man seit dem dritten Jahrhundert; jetzt findet man den Reim als dichterisches

Formgesetz. Das war etwas Neues, wenn auch seit Jahrhunderten,

besonders von den Iren, vorbereitet.

Die Schlussstrofe lateinisch (in der uns gelaufigen Orthographie):

Assolescat modus rhythmulis Britannicis

Pedibusque vox harmonica dactylicis.

97


Die Handschrift hat ridfnulus im Nominativ. Die andre mögliche Emenda

tion modis widerlegt sich aus dem Folgenden.

Beide Verse sagen etwas über das Verhaltnis des Musikalischen

(modus, vox harmonica) zum Wort. Modus ist zugleich die Sangesweise

und die Bauform des Gedichts: beides deckt sich in den Sequenzen,

da auf jede Tonsilbe eine Wortsilbe kommt. „Rhythmus" ist ganz

allgemein der Name fur einen Vers, der nicht der antiken Metrik folgt;

spater wird es zum Namen fur das sichtbarste Kennzeichen dieses Verses,

den Reim, der etymologisch über französisch rime von Rhythmus

herstammt. Ich wage die Annahme, dass diese Bedeutung hier schon

zugrunde liegt, und er klare von daher das Beiwort britannisch: man

wusste, dass grade die Kelten den Reim pflegten.

Also: der Bau der Hymne soil sich auf den Reim einstellen, und

ihr gesungener Vortrag auf die „daktylischen Füsse". Da solche metrisch

im Gedicht nur zufallig vorkommen, so wird gemeint sein der

fast regelmassige, allerdings daktylische Versausgang, der sich im lateinischen

Einsilbenreim von selber vordrangt (sogenannte steigende

Verse):

O Musae Sicélides

Seu praestat Piérides,

Nunc ad vota faciles

Advenite céleres, usw.

So zeigt die letzte strofe deutlich das Bewusstsein eines neu eingeschlagenen

Weges.

Druck: Hans Spanke in den Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften

zu Göttingen, phil.-hist. Klasse, 3. Folge Nr. 18 (Berlin 1936) S. 79.

Auch Anal. hymn. 2 S. 99 Nr. 140.

Anfang: O Musae Cicilides.

MARIENPREIS: Oesterreich, Ende des elften Jahrhunderts.

Dies Schlussstück zeigt den spateren Sequenzenstil, der die Strofe

auf dem klingenden Reim aufbaut; es ist eines der ersten in sich vollkommenen

Reimgedichte der abendlandischen Literatur — und führt

98


damit aus dem Kreise der „tausendjahrigen Hymnen" hinaus. Jede Zeile

zeigt hier die Freude des Dichters an dem neuen Kunstmittel, das vordem

nur ein Schmuckmittel oder ein Kunststiick oder ein recht matter

Klang gewesen war. Nun ist der Reiz des Zweisilbenreims entdeckt,

seine zunachst schwierige Meisterung gelungen: nun bewegt sich der

namenlose Oesterreicher wie ein Tanzer durch die neu erschlossenen

Zonen hindurch, ohne von der Klarheit der Bilder oder der Richtigkeit

des Aufbaus etwas preiszugeben. „Man fühlt die Perioden und die

Reime aus der inneren Bewegung entspringen" (Pannwitz). Diese neue

Kunst wurde im elften Jahrhundert überall gesucht (vgl. das vorige Gedicht)

: ihre ersten wirklichen Meister finden sich am Jahrhundertende

als anonyme Mönche im Limousin und in Oesterreich. Die beiden Zonen

haben, soviel sich erkennen lasst, unmittelbar miteinander ausgetauscht,

wobei der Impuls, wie bei Notker, von Westen kam.

Dem hier gebotenen deutschen Text liegt der Entwurf einer Übertragung

von Rudolf Pannwitz zugrunde: sei ihm dafür aufrichtiger

Dank gesagt! Von allein hatt ich mich an eine Nachbildung nicht herangewagt.

Zu seiner Bemühung schrieb der Dichter: „Die doppelte Not

ist, dass man sich eigentlich in einem streng begrenzten Kreise der Vorstellungen

und Empfindungen, Wörter und Bilder halten muss, dass

man ausserdem den Reimen fast ohne Ausweichung nachfolgen muss

— sonst ginge die hier erstaunlich erreichte Stufe verloren... Dies

sehen Sie sogleich, dass ich sehr schwer etwas darangab oder binzu,

fügte. Man verzweifelt aber gegenüber der nackten Einfachheit des

Textes, die man doch eben nicht geradeso abschreiben kann, und deren

Verlust, auch der geringste, empfindlich ist. Ich fühle, dass jene Epoche

garnicht 'mit sich reden lasst', bei allem Unterscbiede so unerbittlich

wie die Zeilen einer Völuspa-strofe."

In Bearbeitung dieses Entwurfes habe ich von der Wörtlichkeit

einiges preisgegeben, um der wundervollen Luziditat des Urtextes keinen

Eintrag zu tun. Den Anschauungskreis des lateinischen Sangers

denke ich damit nicht gesprengt zu haben.

Hier der wenig bekannte Text nach den Analecta hymnica Band

54 S. 362 Nr. 228.

99


Ave candens lilium,

Virgo parens enixa filium!

Ave mater luminis,

Templum veri numinis,

Nutrix summi domini:

Ex qua salus oritur,

Per quam culpa moritur,

Spes refloret homini.

Maris stella,

Verbi cella,

Porta poli,

Vero Soli

Per quam via patuit:

Tu fideli

Scala celi;

Tu secretum,

Quo quietum

Semen illud latuit,

Quod inundat

Quod fecundat

Pias mentes, quo redundat

Omnis boni copia:

Cuius fetus

Dulcis, letus,

Quo fugatur dolor, metus,

Pellitur inopia.

Heu primeva

Mater Eva

Fletum mortis intulit:

Sed Maria,

Mater pia,

Metum mortis expulit.

100


Stella solem,

Virgo prolem,

Virga florem:

Christum germinas:

Haustum fecis,

Gustum necis

Sancte precis

Vi exterminas.

Ex te vite

Botrus vite,

Pacis auctor prodiit.

Ista duce

Pulsus luce

lam peccator rediit.

Ad te rei,

Mater dei,

Scutum spei,

Suspirant sub judice:

Ad te gemunt,

Culpe premunt

Quos, qui tremunt

Irato sub vindice.

O que dulces

Mammas stillas

Labris agni

Infantuli!

O que mulces

Malas illas

Dei magni

Et parvuli!

101


Ille vult a te rogari,

Vult et bona nobis dari:

Roga, mater, filium,

Ut nos sanet a peccatis,

Donet vitam liberatis,

Solvat hoe exilium,

Det in se patrem videre

Et sic in patre vigere

Sanctoque in spiritu

Sine fine gaudere.

102


COLOPHON

,Tausendjahrige Hymnen', übertragen, eingeleitet und mit scholien

versehen von Wolfram von den Steinen, wurde als sechster, Kentaur-

Druck' von der druckerei Meijer zu Wormerveer in der letter goudy

bold gesetzt. Das schlussmonogramm wurde einem französischen

frühdruck entnommen, das kentaur-siegel nach antiker

vorlage gefertigt. — 100 nummerierte exemplare

wurden auf ,Eenhoorn'-biitten gedruckt.

Ausserdem wurden noch 500

exemplare auf holzfreiem

papier hergestellt.

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