notker

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damit aus dem Kreise der „tausendjahrigen Hymnen" hinaus. Jede Zeile

zeigt hier die Freude des Dichters an dem neuen Kunstmittel, das vordem

nur ein Schmuckmittel oder ein Kunststiick oder ein recht matter

Klang gewesen war. Nun ist der Reiz des Zweisilbenreims entdeckt,

seine zunachst schwierige Meisterung gelungen: nun bewegt sich der

namenlose Oesterreicher wie ein Tanzer durch die neu erschlossenen

Zonen hindurch, ohne von der Klarheit der Bilder oder der Richtigkeit

des Aufbaus etwas preiszugeben. „Man fühlt die Perioden und die

Reime aus der inneren Bewegung entspringen" (Pannwitz). Diese neue

Kunst wurde im elften Jahrhundert überall gesucht (vgl. das vorige Gedicht)

: ihre ersten wirklichen Meister finden sich am Jahrhundertende

als anonyme Mönche im Limousin und in Oesterreich. Die beiden Zonen

haben, soviel sich erkennen lasst, unmittelbar miteinander ausgetauscht,

wobei der Impuls, wie bei Notker, von Westen kam.

Dem hier gebotenen deutschen Text liegt der Entwurf einer Übertragung

von Rudolf Pannwitz zugrunde: sei ihm dafür aufrichtiger

Dank gesagt! Von allein hatt ich mich an eine Nachbildung nicht herangewagt.

Zu seiner Bemühung schrieb der Dichter: „Die doppelte Not

ist, dass man sich eigentlich in einem streng begrenzten Kreise der Vorstellungen

und Empfindungen, Wörter und Bilder halten muss, dass

man ausserdem den Reimen fast ohne Ausweichung nachfolgen muss

— sonst ginge die hier erstaunlich erreichte Stufe verloren... Dies

sehen Sie sogleich, dass ich sehr schwer etwas darangab oder binzu,

fügte. Man verzweifelt aber gegenüber der nackten Einfachheit des

Textes, die man doch eben nicht geradeso abschreiben kann, und deren

Verlust, auch der geringste, empfindlich ist. Ich fühle, dass jene Epoche

garnicht 'mit sich reden lasst', bei allem Unterscbiede so unerbittlich

wie die Zeilen einer Völuspa-strofe."

In Bearbeitung dieses Entwurfes habe ich von der Wörtlichkeit

einiges preisgegeben, um der wundervollen Luziditat des Urtextes keinen

Eintrag zu tun. Den Anschauungskreis des lateinischen Sangers

denke ich damit nicht gesprengt zu haben.

Hier der wenig bekannte Text nach den Analecta hymnica Band

54 S. 362 Nr. 228.

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