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ius, Ambrosius, Prudentius im vierten Jahrhundert begann — man

dürfte wohl sagen: der Gedanke suchte kein Wort mehr und verlor sich

in Melodie. Er verlor sich in den kunstvoll blühenden schwebenden

kreisenden Jubelklangen, die man über die vier Silben des Halleluja

komponierte. Das hebraische Engelswort galt als „Tropfen von den

Wonnen des Paradieses", man mochte es durch kein heimisches Wort

mehr umranken.

FINDUNG DER Und nach einem halben Jahrtausend entdeckten ka-

SEQUENZ rolingische Dichter in der erdenflüchtigen Melodie

auf ihre Weise neu den ursprünglichen Sinn. Sie wagten, was seit den

sagenhaften Zeiten der Martyrer niemand mehr gewagt hatte: den Sang

der himmlischen Chore in Menschensprache zu übersetzen, ihn im Gedichte

greiflich zu machen. Sie nahmen das Wort Halleluja gleichsam

als Stimmgabel für dies Gedicht, und die vielen über die Hallelujasilben

gesetzten Meiismen boten ihnen den Ausgangspunkt für die Vertonung

ihrer Strofen, die ja nicht selbststandig hergesagt, sondernin derMesse

liturgisch gesungen wurden. Jene Halleluja-Kompositionen hiessen Sequentiae

(von se qui), etwa mit Nachhall zu übersetzen: der Name ging

über auf die hierher tretenden Hymnen. Deren eigentliche Aufgabe

war: dem Gottespreis des Kosmos und aller Geschöpfe an diesem Festtag,

zu dieser Messe, unter solchen Menschen das rechte Wort zu geben.

Die Gesetze der neuen Dichtung waren daher im wesentlichen aus

der gegebenen Liturgie zu schöpfen — ein Griff des Genius freilich gehorte

dazu, hier aus hundert schwanken Möglichkeiten die Eine fruchtbare

zu ergreifen, und immer wieder gehorte Meisterschaft dazu, in dem

gewahlten Gesetz die höchste Freiheit zu finden. Aber der Genius konnte

sich der Aufgabe stellen, weil man die Liturgie nicht als geschichtliche,

sondern als gottgespendete Gegebenheit empfand. Sie bestimmte zur

ziemlich alleinigen Sprache der neuen Dichtung die lateinische. Da die

Dichter priesterliche Mönche waren, besassen sie das Latein in zwar getrübter,

aber noch nicht gebrochenerUberlieferung als lebende Sprache:

gewiss nicht als Mutter sprache, aber, urn es richtig zu bezeichnen, als

Vatersprache. — Die Liturgie bestimmte weiterhin die Vortragsform

und damit das Ethos der neuen Hymnengattung: den gregorianischen

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