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ten, wie die Eine klare Stimme der Allkirche in den verschiedenen Zonen

doch verschiedene Tönungen annimmt. Von bestimmten Klöstern

und von einzelnen, uns meist namenlosen Meistern her bildeten sich

Dichterschulen und -traditionen. Aber auch die verschiedenen Muttersprachen

mit ihrem Sondercharakter farben auf die Stilisierung in der

Einen Vatersprache ab.

S. GALLEN Am ehesten unterscheidet man Sankt Gallen und

UND LIMOGES Limoges, allgemeiner: die „deutsche" und die „französische"

Sequenz. Im Gebiet der althocbdeutschen Muttersprache

herrscht die klassische Linienstrenge: klares Latein mit sorgsamer

Pflege der alten Formen (auch das Althochdeutsche hatte ja noch eine

reiche Flexion); Neigung zum strofischen Takt; Ernst und Tiefe des

Gedankens, der gern in Atherreiche emporschwingt. Bilder, Klangwirkungen

springen auf, wo sie der geistigen Aufgabe dienen. — Im südfranzösischen

Gebiete herrscht die Klangfreude vor: das Latein wird

vom Romanischen her gelenkt, ist untektonisch bis zur Unverstandlichkeit,

schwebend, ganz aufs Tonen gestellt; jede Strofe, oft jeder

Kurzvers, zuweilen fast jedes Wort endet auf -a, die Grammatik mag

biegen oder brechen: ein gesuchter Nachhall des Halleluja. In dieser

Sprachmusik wogen erlesene Worte, machtige Bilder auf und verschwimmen,

eh man sie fassen kann. — Lachelnd diirfen wir auch einen

Uberlieferungsunterschied zwischen den zwei Typen bezeichnen: die

„deutschen" Sequenzen sind fast immer fehlerlos abgeschrieben, die

Sanger verstanden ihren Text und hielten sich daran; die „französischen"

— die iibrigens an Zahl ein vielfaches betragen — zeigen von

Handschrift zu Handschrift Abweichungen, oft Entstellungen bis zum

Unsinn und bis zur Zerstörung der dichterischen Form.

Indessen hat diese Typisierung ihre Grenzen. Die Zonen tauschten

mit einander, die Dichter schlossen sich nicht in ihre Heimat ein, sondern

freuten sich, ihre Kunst auch durch fernher kommende Anregungen

zu bereichern. Bei den schönsten Werken wird überhaupt erst

zuzweit nach den sondernden Merkmalen zu fragen und .zuvörderst zu

suchen sein, wo sich denn das damals im gemeinsamen Geiste Geglückte

uns Heutigen erschliesse.

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