notker

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schatzt heute die Friihwerke romanischen Stiles ebenso hoch wie die

einst höchstgefeierte Gotik. Die Dichtung sollte nicht langer zurückstehn.

Nach einiger Besinnung werden wir sie nicht nur „historisch"

auslegen — das hiesse in der Tat, dass sie Dichtung nicht mehr ware.

Sondern wir suchen in uns selber den Raum freizumachen, der ihr

eigentümlich zugehört. Ihn in uns zu entdecken, das ist die Schwierigkeit

— aber damit beginnen wir dann, die Hymnen zu verstehn.

BANN-KREIS DER Es sind Feierlieder der in den Himmel ragenden

GEDICHTE Ecclesia: so umhegt die schönsten unter den

vielen hunderten ein Bannkreis feierlicher Stille. Hat man einmal den

Alltag von sich gestreift, so nehmen sie den Geist in ihre Atherreiche

mit und betauben ihn doch nicht: man sieht sich gesichert und iiberwölbt,

wie wenn man aus dem Getümmel unsrer Strassen in eine Notre

Dame- oder Liebfrauenkirche trate. Oder besser noch in das Pantheon:

denn im Binnenraum dieser Hymnen nebelt kein Weihrauchgewölk

durch gotisches Dammerlicht, hier atmet reine, einfaltige Klarheit. Die

Formen, Linien, Farben, die man gewahrt, sind von archaischer Strenge.

Die Bilder, die erscheinen, stehn in unverriickbarem Ernst. Sie wirken

wie die zeitgenössischen Miniaturen unsinnlich-übergeistigt und doch

immer wieder gross durch irgend einen höchst eindrücklichen Zug. Der

Himmelsherr gibt den Flüssen „den Lauf und das Rauschen": welch

seltsame Zusammenstellung! Aber man vergisst sie nicht, und Gottes

Gewalt über alles Irdische leuchtet in dem flüchtigen Bilde. — Am

jüngsten Tage, wenn die Himmelssaule einbricht, „wastutdadasPünktlein,

was die Schreibtafel ?" Die unfassbare Kleinheit aller Menschenarbeit,

auch der des frommen Dichters, pragt sich mit der Einen Wen»

dung in die Seele.

ADLIGES Naturgemass geht es immer um christliche Themen,

CHRISTENTUM und oft liegen sie uns nicht. Oder berührt uns das

Grauen vor dem Weltuntergang, das Schreckbild des Jüngsten Gerichts

? Kann uns Sündengefühl schön sein 11ndessen, verstimmen sollte

es uns eigentlich auch nicht. Ohnedies wandeln die Gedanken dieser

morgenfrühen Gedichte in so unabirrbarer Selbstgewissheit an uns

vorüber, dass jeder Pfeil der Kritik auf den Schützen zurücksprange.

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