notker

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Ein geübteres Ohr wird es schon der zuchtvollen Haltung oder der in

sich vollendeten Kunst dieser Verse abhören, dass hier alles sein muss

wie es ist, und dass irgend eine Verwechselung vorliegen muss, wenn

uns Inhaltliches stort. Wie kommt es auch, dass von den zahllosen Gerichts-

und Sündenpredigern, die seit nun einem halben Jahrtausend

wirken, nicht ein Einziger so unbefangen und siegessicher, überhaupt

so auf der Höhe hat dichten können 1

In der Tat leben die christlichen Themen hier aus einem andern

Atem als in früherer oder spaterer Zeit. Feierlich und hoheitsvoll hat

sich das Christentum auch sonst dargestellt, etwa im Jahrhundert seines

Sieges, als Ambrosius ihm Stimme gab; in der römischen Kirche klingt

das bis heute nach. Aber nie ist es in so ruhigem Adel, nie so vornehm

erschienen wie hier. — Man denke etwa an das Evangelium vom Pharisaer

und Zöllner! Der arme Sünder, der sich reuig in die Brust

schlagt, mag dem Glaubigen als Vorbild gelten, mag menschlich den

erstarrten Hochmut weit überragen: ein armer Sünder ist er eben doch

und gibt ein typisches Beispiel für jeden, der das Christentum als Religion

der kleinen Leute — sei es preisen, sei es herabsetzen will. Und

nun lese man die Sequenz vom Zöllner! Das Evangelium wird nicht

verlassen, aber in so reine Worte gefasst und mit so schönem Lichte

überglanzt, dass nichts als die wahre schlichte Vornehmheit uns anschaut.

Dem Pharisaer gilt kein Wort, kein Seitenblick: richtiges Tun

braucht keine Folie. Auch von einem Zöllner ist nichts gesagt, der „er"

des Gedichtes könnte ebensogut ein König sein. So steht er femab, wie

ein Standbild in seinem eignen Raum. Der Gedanke an seine Fehltaten

nimmt ihm den Bliek für die hohen Himmelssterne . . . welch ein liebendes

Abwandeln des Evangeliums, das mit nicht viel andern Worten

— „er wollte auch nicht seine Augen aufheben gen Himmel" — in doch

andere Richtung weist, auf die gottesfürchtige Selbsterniedrigung.

In der Sequenz scheint es, als erfüllte ein ganzes Leben seinen Sinn in

der Einen Gebarde. Und eben damit steht ihr Zöllner vor Gott: nicht

als ein Heros, wahrhaftig, aber auch nicht als ein Kleiner und Jammernder,

sondern als ein Mensch schlechthin, der seine Unzulanglichkeit

in seiner Unbedingtheit versenkt. —

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