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SUMMA Darm gewinnen solche Gedichte ihren echten Glanz zurück,

wenn wir sie, alles Ja und Nein zu dem was heute christlich heisst vergessend,

rein in ihrer eignen Weise betrachten: wenn wir nicht das bekannte

Bibelwort, die bekannte Ethik, das bekannte Dogma in sie hineinsehn,

sondern unbefangen ihre Klange, Bilder und Gedanken wie

etwas Neues in uns aufnehmen. Wir wissen dann ein Stuck mehr von

dem, was Dichtung geben kann, und blieken tiefer in unsre Vergangenheit:

um ein nicht mehr zu Missendes wird die Seele reicher. Vieles an

den Sequenzen, gewiss, erschliesst sich nur, wie Dante, dem beharrlichern

Eindringen; dazu werden immer nur sehr wenige kommen.

Grade Notker sattigt oftmals seine Hymnen, deren meisterliche Höhe

auch ohne jede Erklarung ins Auge fallt, mit zarten Andeutungen und

Verknüpfungen, die heute fern liegen.

Am tiefsten unterscheidet wohl dies die heutige Welt von der vor

tausend Jahren: dass der Heutige das Geheimnis als dunkel empfindet

und meist im Stoffe danach sucht. Jene suchten nach dem Geheimnis

im Geiste und im hellsten Licht. Aber grade dieser Unterschied muss

nicht nur Trennung bedeuten: der Gegenpol bindet den Pol.

UNSRE

A U S W A H L

Unsre Auswahl ergreift vor allem eine Anzahl jener Gesange, die noch

heute unmittelbar leuchten können. Das sind nicht durchaus jene, die

vor tausend Jahren das starkste Licht gaben: unser Auge ist nun einmal

am offensten für das Persönliche und Erregende, das dazumal mehr am

Rande des Gemeinsamfeierlichen lag. Auch fassen wir leichter, was

unsern vorgeformten (leider nicht sehr gut vorgeformten) Begriffen

vom Mittelalter entspricht: etwa Gedichte vom Tod und vom Jüngsten

Tag, in denen wir Muspilli und Ragnarök kirchlich gespiegelt finden.

Wirklich gibt es deren sehr schone: aber als seltene Ausnahme.

Typisch ist der frühen Sequenz der freudige Aufflug der Seele, das

Schweben in lichten Bildern, der hymnische, ins Gebet einmündende

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