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kostbare Dichtungen in die Masse der durchschnittlichen wahllos eingestreut.

Eine Auswahl brachten die Herausgeber Dreves und Blume unter

dem Titel: Ein Jahrtausend lateinischer Hymnendichtung. 2 Bande,

Leipzig 1909. Die Gattung der frühen Sequenzen kommt hier sehr zu

kurz. In andern Anthologien, soweit ich sie einsah, findet sie schon gar

kein rechtes Unterkommen.

MELODIEN: Anselm Schubiger: die Sangerschule St. Gallens vom

achten bis zwölften Jahrhundert. Einsiedeln und New York 1858.

Das Buch ist zwar in zahllosen Einzelheiten überholt, bietet aber

immer noch eine liebevolle Einführung in den Kreis der sanktgallischen

Dichter und druckt im Anhang den Hauptbestand der dortigen Sequenzen

lateinisch mit ihren Melodien ab. Man kann daran von der ursprünglichen

Vortragsweise solcher Gedichte wenigstens eine Ahnung

bekommen. Es ist wirklich eine, allerdings sehr feierliche, VortragS'

weise und also nicht das, was wir uns unter Komposition zu denken

pflegen. Eine rein vokale Musik, einstimmig, auf jeder Wortsilbe grundsatzlich

nur Eine Note von sehr gleichmassiger Lange, haufige Wiederholung

derselben Tonfolgen: Es ist der Stil des gregorianischen Chorals,

seiner Substanz nach dem lateinischen Sprachgeist zugehörig. Übersetzungen

kann man zu dieser Notation nicht brauchen: es entsteht

dann ein Widerspruch zwischen Wort und Ton, der kurios klingt und

in der Tat die primare Sünde gegen Stil und Sinn der gregorianischen

Sangesweise bedeutet.

Wenn man nicht in der Lage ist, diese Hymnen auf Lateinisch in

ihrer eignen getragenen Melodik verstehend zu singen — und wahr ist

es, man entrückt sich damit sehr weit aus dem ganzen Weltalter unsres

Lebens, Dichtens, Singens hinaus — so bleibt als die gemasseste Reproduktion:

eine gleichfalls feierliche Vortragsweise, so, wie sie unserm

Sprachgeist entspricht. Zwar macht man es dann nachweislich anders,

als wie Notker es gemacht hat; aber in einer Hinsicht doch nachweislich

richtiger und treuer als mit der denkbar genauesten Nachbildung

des historischen, lateinisch-gregorianischen Vortrags. Denn warum

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